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NACHHALTIGE GELDANLAGEN MIT IMPACT: DIE ZUKUNFT DES INVESTIERENS TIMO BUSCH
BERNISCHES HISTORISCHES MUSEUM
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Turbo-Kapitalismus, einseitige Profit-Orientierung, ShareholderValue-Maximierung – all das sehen kritische Geister als Auswüchse des entfesselten Geldes. Die Wirtschaft und der Finanzsektor mit ihrem ureigenen Interesse, immer grösser zu werden und immer mehr zu verdienen, werden als die wesentlichen Ursachen für globale Probleme wie Klimaschutz, Verlust der Artenvielfalt oder soziale Missstände und Unruhen gesehen. Wie soll man hier gegensteuern? Wer soll gegensteuern? Viele Kritiker:innen zeigen auf die Politik und bemängeln die Unfähigkeit der Politiker:innen, durch effektive Gesetzgebung das notwendige Umsteuern und die entsprechende Neuausrichtung der Wirtschaft zu initiieren; andere wiederum verweisen auf uns alle als Verbraucher:innen und fordern mehr Verantwortung als Endkonsument:innen. Ein weiterer wichtiger Player ist der Finanzmarkt selbst. Die wesentliche Funktion des Finanzsektors ist die effiziente Kapitalbereitstellung und -allokation in der Realwirtschaft. Dabei zeichnet sich ein klarer Trend ab: Neben der traditionell eher eindimensionalen Orientierung an Risiko-adjustierten Renditen spielt ein weiterer Faktor eine zunehmend wichtige Rolle: die Nachhaltigkeit. DIE EVOLUTION DES NACHHALTIGEN FINANZMARKTES Nachhaltige Geldanlagen sind ein wichtiges, wenn nicht das zentrale Thema auf Finanzmärkten. Die damit einhergehende Hoffnung ist, dass nachhaltige Investitionen und Anlagen durch die Berücksichtigung sogenannter Nachhaltigkeitskriterien verstärkt zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen. Bei diesen Kriterien wird gerne auch auf das Akronym ESG verwiesen, welches sich aus dem Englischen aus Environmental, Social und Governance ableitet. Die zentrale Annahme dabei ist, dass Finanzprodukte mit einer entsprechenden nachhaltigen Ausrichtung eine positive Wirkung – aus dem Englischen hergeleitet, spricht man auch von Impact – auf Gesellschaft und Umwelt haben. Diese Ansicht ist inzwischen Mainstream – wie ist es dazu gekommen?
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Sustainable Finance 1.0 kann als die Phase bezeichnet werden, in der Finanzakteur:innen anfingen, Finanzmärkte und Investitionen in Verbindung mit sozialen Herausforderungen und ökologischen Problemen zu sehen. Die Ursprünge können in der Apartheid in Südafrika oder im Vietnamkrieg gesehen werden. Hier haben Investor:innen zuerst bewusst von Investitionen in einzelne Unternehmen bzw. Unternehmen aus bestimmten Regionen abgesehen. Die Ontologie trifft quasi auf etablierte Logiken der Finanzwelt – nicht-finanzielle Aspekte aus den Bereichen Verantwortung, Gerechtigkeit und Ethik erobern die finanzmathematische Modellwelt. Alle Bemühungen hatten ein gemeinsames Ziel: Investor:innen wollten nicht in unternehmerische Aktivitäten investieren, die den Grundsätzen von Nachhaltigkeit widersprechen. In diesem Sinne rücken Investor:innen ihre Verantwortung in den Fokus, indem sie von der finanziellen Unterstützung unerwünschter Geschäftsaktivitäten absehen. Die Veränderung der betreffenden Geschäftsaktivitäten ist nicht das primäre Ziel dieses Ansatzes, obwohl dies eine Folge sein kann, wenn eine signifikante Anzahl von Investor:innen diesem Beispiel folgt. In der nächsten Phase, Sustainable Finance 2.0, wurde der Begriff ESG geprägt. Nun wurde versucht, Nachhaltigkeit zu quantifizieren, indem man Kennzahlen für Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken (und -Chancen) von Unternehmen misst und vergleichbar macht. Die daraus resultierenden RatingScores werden dann bei Investitionsentscheidungen berücksichtigt. ESG-Scores sind eine Aggregation vieler, meist kleiner, qualitativer und quantitativer Datenpunkte, die zwar keine direkte Wirkung nachweisen können, aber eine Annäherung repräsentieren, viele Nachhaltigkeitselemente in einer Zahl zu fassen, und damit ein relatives Ranking ermöglichen. Die Erkenntnis, dass ESG-Daten nicht nur aus ethischer, sondern auch aus finanzieller Sicht relevant sind, sorgte für eine steigende Relevanz des Themas Nachhaltigkeit in den MainstreamFinanzmärkten. So gehen immer mehr Akteur:innen auf den Finanzmärkten davon aus, dass neue ökologische und soziale Risiken auf dem Vormarsch sind und dass nachhaltige Anlagen den Anleger:innen helfen könnten, diese Risiken zu mindern. In der Schweiz war die Lancierung des Dow Jones Sustainability
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Index im Jahr 1999 durch die in Zürich ansässige Sustainable Asset Management (SAM, heute Teil der internationalen Investmentgesellschaft Robeco) eine sehr prägnante Entwicklung in dieser zweiten Phase. Parallel hierzu begann in der akademischen Welt die sogenannte «Doing well by doing good»Debatte. Die überwiegende Mehrheit der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur, die zu dieser Debatte beiträgt, kommt zum Schluss, dass nachhaltige Investitionen im Durchschnitt nicht mit negativen finanziellen Auswirkungen verbunden sind.1 In dieser zweiten Phase der nachhaltigen Finanzwirtschaft gab es fast keine Veranstaltung zum Thema, auf der nicht die Forderung laut wurde, dass nachhaltiges Investieren sein Nischendasein hinter sich lassen und zur Mainstream-Praxis auf den Finanzmärkten werden muss. Genau dies ist nun erfolgt – mehr dazu weiter unten. Sustainable Finance 3.0 beschreibt schliesslich die dritte Phase, die mehr oder weniger in der jetzigen Dekade begonnen hat. Charakteristisch für diese Phase: Wir können eine substanzielle Neuausrichtung der Finanzmärkte in Richtung Impact Investments beobachten. Während sich Sustainable Finance 1.0 vor allem auf die Verantwortungsperspektive der einzelnen Anleger:innen bezog und das Thema gegen Ende von Sustainable Finance 2.0 erfolgreich im Mainstream des Finanzmarktes verankert wurde, wurde in diesen Phasen ein wesentlicher Aspekt meist vernachlässigt: Inwiefern tragen nachhaltige Investments nun tatsächlich zu einer besseren Welt bei? Denn dies würde bedeuten, dass Investor:innen durch ihre Investition eine wesentliche Veränderung in der ökologischen und sozialen Performance eines Unternehmens herbeiführen und somit auf Umwelt und Gesellschaft einwirken. Der hierfür verwendete Fachterminus ist Investor Impact. Der entscheidende Unterschied ist, dass Impact Investments neben finanziellen Performancezielen auch explizite ökologische und soziale Performanceziele haben. Beim Übergang von Sustainable Finance 2.0 zu Sustainable Finance 3.0 kommt es vor allem darauf an, echte Auswirkungen – d. h. die Lösung ökologischer Probleme – sowie die Bewältigung sozialer Herausforderungen und (unternehmens)ethischer Fragestellungen in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen. Als Investor:in
NACHHALTIGE GELDANLAGEN – EIN GLOBALER MEGATREND Der Markt für nachhaltige Geldanlagen boomt. Laut der Global Sustainable Investing Alliance flossen global zwischen 2016 und 2020 pro Jahr im Durchschnitt schätzungsweise 3,1 Billionen US-Dollar zusätzlich in nachhaltige Finanzprodukte.2 Stand der letzten Erhebung auf diesem globalen Massstab ist das Jahr 2020, hier waren insgesamt ca. 35,3 Billionen US-Dollar nachhaltig investiert. Diese Zahl kann noch von den Vereinten Nationen getoppt werden. Im Jahre 2006 wurde die sogenannte UN PRI gegründet.3 PRI steht dabei für Principles for Responsible Investment. Dieser Initiative können Investor:innen beitreten und damit ihre Verpflichtung untermauern, verantwortungsvoll zu investieren. Im Gründungsjahr waren 63 Investor:innen mit einem Anlagevermögen von insgesamt 6,5 Billionen US-Dollar beteiligt. Ende 2021 waren 3’826 Investor:innen mit einer Summe von 121,3 Billionen US-Dollar der Initiative beigetreten – 121’300’000’000’000 US-Dollar! Damit ist eines klar: Nachhaltige Geldanlagen sind ein globaler Megatrend. Dies gilt auch für die Schweiz. In den letzten fünf Jahren war ich als Mitautor in Zusammenarbeit mit dem in Zürich ansässigen Schweizer Dachverband für nachhaltige Geldanlagen, Swiss
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möchte man aktiv einen Beitrag hierzu leisten. Es ist klar, dass sich in der Realwirtschaft erst einmal nichts verändert, wenn man einfach die Aktien von Ölfirmen verkauft und stattdessen in einen Fonds mit erneuerbaren Energien investiert: Die Aktien der Ölfirmen kauft dann ein anderer. Die einzelnen Unternehmen in dem Fonds mit den erneuerbaren Energien erfahren mit grosser Sicherheit gar nicht, dass sie neue Eigentümer:innen haben. Auf jeden Fall ändert sich nichts Grundsätzliches an ihrer finanziellen Ausstattung; sie machen mit «business as usual» weiter. Und dies ist auch gut so. Der Punkt ist: Als Anteilseigner:in hat man zu keinerlei Veränderung in der Realwirtschaft beigetragen. Wie man dennoch einen genauso aktiven Beitrag zu Veränderungen als Investor:in leisten kann, soll weiter hinten ausführlich thematisiert werden.
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Sustainable Finance, an der Erstellung des Schweizer Marktberichts für eben diese nachhaltigen Geldanlagen substanziell beteiligt. Auch hier zeigt sich ein rasantes Wachstum: Für das Jahr 2017 ermittelten wir 390 Milliarden CHF, für das Jahr 2021 lag der Wert schon bei 1’982 Milliarden CHF. Diese Zahlen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Das entspricht einem Anstieg um mehr als den Faktor fünf innerhalb von nur fünf Jahren! Damit hatte im Jahr 2020 erstmals mehr als die Hälfte aller in Publikumsfonds investierten Gelder in der Schweiz eine ESG-Strategie. In Anbetracht dieser Summen stellt sich berechtigterweise die Frage, was das Ganze bringt. Hierzu möchte ich im Folgenden drei Gedanken skizzieren: die definitorische Problematik, die akademische Sicht und die (ungerechtfertigte) Kritik an der gängigen Praxis. Mit Blick auf die definitorische Problematik verwenden die oben erwähnten Marktberichte den Terminus nachhaltige Investments als Oberbegriff für jegliche Investments, die Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte in Anlageentscheidungen einbeziehen. Für die Wahl dieses Oberbegriffs sprechen mindestens drei Gründe: Erstens ist dieser Begriff in der Praxis weit verbreitet und etabliert und steht dort für jede Art von Investition, die diese Aspekte über reine Risiko-Rendite-Überlegungen hinaus einbezieht – unabhängig vom Umfang und von der Tiefe dieser Einbindung. Zweitens bezieht sich der Begriff auf das Konzept der nachhaltigen Entwicklung, wie es von den Vereinten Nationen im BrundtlandBericht vertreten wird.4 Auch hier findet sich ein sehr breites Nachhaltigkeitsverständnis wieder, das unterschiedliche Akteur:innen unterschiedlich interpretieren. Dennoch verstehen die meisten Beteiligten, was der Grundkonsens und der gemeinsame (inhaltliche) Nenner ist. Drittens werden nachhaltige Investments sowohl in der Theorie als auch in der Praxis oft als soziale, ethische, verantwortungsvolle oder sozial verantwortliche Investments bezeichnet. Diese Begriffe überschneiden und ergänzen sich teilweise und werden unterschiedlich interpretiert. Mit dem gewählten Oberbegriff «nachhaltige Investments» werden alle möglichen Nuancen und Interpretationen abgedeckt – genau das, was das Ziel bei einer Gesamtstatistik sein sollte, die Einzeldaten aggregiert. Die Wahl eines solch
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breit gefassten Oberbegriffs birgt aber auch klare Nachteile. So werden sämtliche Aktivitäten und ESG-Elemente erfasst – egal wie ausgeprägt, sinnvoll oder reliabel sie sind. Ketzerisch könnte man sagen: Hauptsache, man kann eine Box anklicken, die irgendetwas mit Umwelt, Social oder Governance zu tun hat. Wohlgemerkt, die allermeisten Anbieter:innen von nachhaltigen Investmentprodukten verfolgen ernsthafte Absichten und versuchen, Nachhaltigkeit bestmöglich zu integrieren. Allerdings ist auch klar, dass ein Anbieter, der lediglich eine Industrie – sei es Tabak, Atom, Waffen oder Pornografie – ausschliesst, bereits eine Ausschlussstrategie anwendet. Das gesamte investierte Kapital würde in die obigen Gesamtstatistiken einfliessen. Ob dadurch ein signifikanter Beitrag zur Bewältigung sozialer und ökologischer Herausforderungen geleistet wird, erscheint gelinde gesagt fragwürdig. Im Licht dieser Problematik erscheint es sinnvoll, einen Blick auf die akademische Sicht der Dinge zu werfen. Mit einem Forschungsteam von der Universität Zürich sind wir in einem kürzlich veröffentlichten Fachartikel der Frage nachgegangen, ob nachhaltige Investments denn nun tatsächlich eine positive Wirkung entfalten.5 Die Untersuchung kommt zu dem Fazit, dass nachhaltige Investments einerseits ein beträchtliches Potenzial haben, zur Lösung von globalen Problemen beizutragen. Andererseits muss aber auch attestiert werden, dass die derzeitige Wirkung nachhaltiger Investments nur als eher moderat bezeichnet werden kann. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass viele Investor:innen und Finanzdienstleister:innen Impact mit ESG gleichsetzen. Allerdings wird durch die Berücksichtigung von ESG-Kriterien nicht automatisch eine Wirkung erzielt. Um besser zu verstehen, woran dies liegt, und wie die Wirkung von nachhaltigen Investments verbessert werden kann, bedarf es einer Klärung, wie Investor:innen Impact generieren können. Somit steht die Frage im Raum, wie Investor:innen grundsätzlich einen Einfluss auf die Realwirtschaft ausüben können. Es gibt zwei wesentliche Mechanismen, wie Investor:innen zu Veränderungen in Unternehmen beitragen können: einerseits durch Engagement, andererseits durch das Bereitstellen von frischem (d. h. zusätzlichem) Kapital. Mit Engagement sind Aktionärsaktivitäten gemeint, die darauf abzielen, die Nachhal-
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tigkeitspraktiken von Unternehmen zu verbessern. Zu diesen Aktivitäten gehören das Wahrnehmen von Stimmrechten bei Aktionärsanträgen auf Jahreshauptversammlungen als auch weitere Kommunikationsmassnahmen wie zum Beispiel informelle Treffen und Dialoge mit der Geschäftsführung. Zwei effektive Formen, wie Investor:innen gezielt frisches Kapital für innovative Nachhaltigkeitstransformationen bereitstellen können, sind Gründungsfinanzierungen (Venture Capital) oder Investitionen in klassische Mikrofinanzprodukte (die z. B. gezielt Kleinbäuer:innen in Entwicklungsländern unterstützen). Sowohl bei erfolgreichem Engagement als auch durch das Bereitstellen von zusätzlichem Kapital werden Investor:innen aktiv. Sie initiieren den Wandel in der Realwirtschaft – daher spricht man dann von Investor Impact. Bei vielen Anlageprodukten werden lediglich Einzeltitel ausgewählt und in ein Portfolio aufgenommen, die bereits eine gute ESG-Performance aufweisen. Investiert man in ein solches Produkt, kann man als Investor:in ein gutes Gewissen haben – man investiert ja verantwortungsvoll. Aktiv trägt man zu direkten Veränderungen nicht bei. Somit wird klar, dass nicht von jeder nachhaltigen Geldanlage ein konkreter, zusätzlicher Beitrag zur Bewältigung sozialer und ökologischer Herausforderungen erwartet werden kann. ODER DOCH ALLES EINE GROSSE MOGELPACKUNG? Im Licht dieses skizzierten Spannungsfeldes – zwischen einer breiten Definition und den damit einhergehenden hohen Volumina an nachhaltigen Geldanlagen sowie der empirischen Erkenntnis, dass nachhaltige Produkte nicht zwangsläufig einen aktiven Beitrag zur Lösung von Problemen leisten – ertönt nun oft Kritik an der gängigen Praxis. Allerdings ist die Kritik in vielerlei Hinsicht ungerechtfertigt. Der Gegenwind hat prominente Stimmen wie die von Tariq Fancy vom Vermögensverwalter BlackRock oder von Desiree Fixler von der DWS. Beide hinterfragen nachhaltige Geldanlagen sehr grundsätzlich bzw. tun diese als esoterische oder grüne Spinnerei ab. Auch
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Vorwürfe von Placebo-Effekten machen die Runde. Dementsprechend häufig finden sich medial ausgeschlachtete Greenwashing-Vorwürfe in der Presse. Investor:innen, die in einen Nachhaltigkeitsfonds investieren, würden genau die Unternehmen und Sektoren finanzieren, die sie für nicht nachhaltig erachten. Meines Erachtens liegen hier grundlegende Missverständnisse vor, die ich anhand von vier Mythen diskutieren möchte.
Diese Aussage ist grundsätzlich irreführend, da von jeglicher Form des Investierens eine Wirkung ausgehen kann – sei es positiv oder negativ. Was unsere Forschungsarbeiten zeigen, ist, dass ein zusätzlicher Impact bzw. direkte Wirkungen nur sehr schwierig eindeutig kausal nachweisbar sind. Hierzu muss man zunächst sagen, dass dies auch nicht der Ursprungsgedanke von nachhaltigen Geldanlagen war. Ausschlusskriterien wie beispielsweise Kohle dienen in erster Linie dem Zweck, dass man aus Verantwortungsgründen und Wertvorstellungen nicht in entsprechende Unternehmen investiert. Ein «Best in Class»-Ansatz hat das Ziel, relative ESG-Risiken zu minimieren und in Vorreiterunternehmen zu investieren. Mit Blick nach vorne fordere ich, dass wir die Frage nach der Impact-Messung und nach Wirkungsmechanismen bei allen Kapitalanlagen stellen. Das Wirkungspotenzial und die Möglichkeit der Einflussnahme im Rahmen einer Investition kann sich hingegen bei unterschiedlichen Anlageklassen erheblich voneinander unterscheiden. Massgeblich ist zum Beispiel, ob es sich um eine Eigenkapital- oder Fremdkapitalfinanzierung und Primäroder Sekundärmarkttransaktion handelt.
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Mythos 1 «Von nachhaltigen Geldanlagen geht keine Wirkung aus.»
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Mythos 2 «Durch nachhaltige Geldanlagen werden keine Probleme gelöst.» Klar ist, dass durch einen reinen Eigentümerwechsel bei Aktionär:innen keine Probleme gelöst werden. Daher fordert die Impact-Forschung, dass sich Anleger:innen als aktive Aktionär:innen einbringen. So können sie auf Probleme hinweisen und zu Lösungen beitragen. Allerdings muss klar gesagt werden, dass nachhaltige Investments in der Regel auf ESG-Ratings basieren. Während gute ESG-Ratings soziale bzw. ökologische Verbesserungen reflektieren, baut das Rating-Ergebnis auf dem zugrundeliegenden Nachhaltigkeitsverständnis des Raters und dessen Erhebungsverfahren auf. Sicherlich kann es zu Differenzen kommen. Der Grundtenor bleibt: Die ESG-Ratings zeigen, was Vorreiterunternehmen sind. Unabhängig dieser Überlegungen, die primär Aktieninvestments betreffen, existieren weitere Möglichkeiten, wie man als Investor:in wirkungsvoll agieren kann. So kann man zum Beispiel gleich in Projekte und Start-ups investieren, um so einen direkten Beitrag zu Problemlösungen zu leisten. Gerade hier sollten Investor:innen mit Blick nach vorne noch stärker aktiv werden. Mythos 3 «Nachhaltige Geldanlagen retten die Welt nicht.» Man sollte sich grundsätzlich von der Vorstellung lösen, dass der Finanzmarkt die Lösung für alle Probleme ist bzw. sein kann oder soll. Vielmehr können Investor:innen die notwendigen finanziellen Ressourcen für den Umbau bzw. die Neuausrichtung der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit bereitstellen. Nachhaltige Geldanlagen können daher eine wichtige Lenkungsfunktion einnehmen und so – im Sinne dieser Veröffentlichungsreihe – das entfesselte Geld ein Stück weit wieder bändigen. Diese Lenkungsfunktion gilt es zu nutzen und durch geeignete Rahmenbedingungen zu stärken. Viele Regierungen haben dies erkannt und erarbeiten derzeit entsprechende Pläne und Strategien. Was insbesondere für Neueinsteiger:innen
Mythos 4 «Wenn Nachhaltigkeit sich auszahlen würde, würden es ja alle machen.» Dies würde ich als das Totschlag-Argument schlechthin bezeichnen. Das Problem ist, dass, wenn man die Logik konsequent zu Ende denkt, dies bedeutet, dass jegliches aktive Management eines Fonds nichts bringt. Alle Banken und Asset Manager in den Schweizer Finanzzentren sind also quasi nutzlos. Was ist die Basis für diese Argumentation? Die Finanzmarkttheorie sagt, dass in effizienten Märkten keine systematische und dauerhafte Out-Performance stattfinden kann. Entspricht das der Realität? Nein. Aus der Forschung ist hinlänglich bekannt, dass sich Investor:innen eher selten vollkommen rational verhalten. Dies kann zumindest eine temporäre Out-Performance erklären. Damit macht auch das aktive Management Sinn – unabhängig davon, ob man nun nachhaltig investieren möchte oder nicht. Und dass dies der Realität entspricht, wird
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wichtig ist: Man muss sich die Produkte genau anschauen, in die man investieren möchte. Es gibt per se nicht nur die eine Möglichkeit, wie man Nachhaltigkeit bei einem Finanzprodukt berücksichtigen kann. Für manche spielen soziale Aspekte die wichtigste Rolle, andere fokussieren auf das Thema Klimawandel. Einige schliessen Sektoren aus, andere investieren gezielt in Vorreiterunternehmen in allen Sektoren. Bei Ausschlüssen müssen mitunter Kompromisse gemacht werden: Ist der Autobauer, der auch Motoren für Militärfahrzeuge liefert, ein Unternehmen der Rüstungsindustrie? Bis zu welchem Umsatzanteil ist Kohle quasi als notwendiges Übel noch vertretbar? All dies sind wichtige Fragen, die von Anbieter:in zu Anbieter:in unterschiedlich gehandhabt werden. Wenn man sich hiermit nicht auseinandersetzt, kann es tatsächlich passieren, dass man in Titel investiert, die man gar nicht für gut erachtet. Daher ist Transparenz das wichtigste Mittel, um Greenwashing zu verhindern. Die Finanzindustrie hat zu diesem Zweck Labels entwickelt, die einem unabhängigen Zertifizierungsprozess unterliegen.
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durch die akademische Forschung bestätigt. So kommen MetaAnalysen regelmässig zum Schluss, dass die Mehrheit der wissenschaftlichen Studien bestätigt, dass sich nachhaltige Geldanlagen in der Tat auszahlen. Mein persönliches Fazit hierzu ist: Im Durchschnitt sind nachhaltige Geldanlagen nicht schlechter als der Gesamtmarkt. Es tut also nicht weh, nachhaltig zu investieren.
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DER BLICK NACH VORN: NACHHALTIGE GELDANLAGEN MIT EFFEKTIVER WIRKUNG In der Nachhaltigkeitsdebatte wird oft ins Feld geführt, dass einzig allein ein Konsum- bzw. Investitionsverzicht längerfristig helfen kann. Für gewisse Produkte und Sektoren ist dies sicherlich die einzig richtige Antwort. Die Verwendung von Pestiziden, die nachweislich zu beschleunigtem Biodiversitätsverlust beitragen, muss gestoppt werden. Der Bau von neuen Kohlekraftwerken sollte schon deshalb nicht mehr möglich sein, da die notwendigen Finanzierungen nicht mehr bereitgestellt werden. Neben diesen Beispielen existieren aber auch unzählige Felder, wo gezielt zusätzliches Kapital und Investitionen benötigt werden. Nachhaltige Geldanlagen werden zu Recht als wichtiger Hebel zur Erreichung gesellschaftlicher Ziele wie den nachhaltigen Entwicklungszielen der UNO (Sustainable Development Goals – SDGs) betrachtet. Verschiedene Analysen haben berechnet, dass wir derzeit eine riesige Finanzierungslücke haben. Gemeint ist hiermit, dass wir, wenn wir die SDGs im Zieljahr 2030 tatsächlich erreichen wollen, deutlich mehr Gelder zur Finanzierung entsprechender Massnahmen bereitstellen müssen – nicht im Jahr 2030, nein heute. Und in diesem Kontext ist das Thema Investor Impact von elementarer Bedeutung. Nur so kann man sicherstellen, dass wirklich zusätzlich etwas bewirkt wird. Soweit die Erkenntnis. Fairerweise muss man sagen, dass sowohl die Forschung als auch die Praxis noch relativ am Anfang stehen. Sustainable Finance 3.0 hat begonnen – wie zu Beginn einer jeden Entwicklung stecken wir noch in den Kinderschuhen. Diese Entwicklung gilt es zu
1) Stellen Sie Kapital für junge, wachstumsorientierte Unternehmen zur Verfügung. Investitionen im Primärmarkt haben das höchste Potenzial, eine direkte Wirkung zu erzeugen. Junge Unternehmen setzen typischerweise auf starkes Wachstum, haben aber nur begrenzten Zugang zu externen Finanzierungsmöglichkeiten. Beispielswiese etwa ein Startup, das eine konkrete Herausforderung in puncto Nachhaltigkeit angeht und Finanzmittel benötigt. Hier können Impact-orientierte Investor:innen in Form von Risikokapital oder privatem Beteiligungskapital extrem wichtig sein, um das Geschäft am Leben zu erhalten bzw. auszubauen. 2) Nehmen Sie Ihre Stimmrechte wahr und stellen Sie sicher, dass Ihr:e Vermögensverwalter:in Fragen der Nachhaltigkeit aktiv in Unternehmen einbringt. So können Investor:innen auf der Managementebene Einfluss nehmen, indem sie Veränderungen in gut etablierten Unternehmen fördern. Auf der Grundlage von Engagement-Strategien können Sie individuell Ihre Stimme als Anteilseigner:in nutzen, um Unternehmen davon zu überzeugen, einen anderen Gang einzulegen und ihre Produktionsprozesse oder Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. In dem Kontext ist wichtig, dass individuelle Investor:innen auch Koalitionen beitreten können und mit anderen Investor:innen bei prominenten Themen wie Menschenrechtsverletzungen oder Klimawandel zusammenarbeiten. Durch grosse Koalitionen können Investor:innen Initiativen starten, die Unternehmen dazu bewegen können, ihre Strategien zu ändern. Der Vorteil solcher Koalitionen ist, dass der kausale Mechanismus der Engagement-Bemühungen deutlich wird.
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beschleunigen. Eine wichtige Forderung hierfür ist, dass Investor:innen und Finanzdienstleister:innen Impact nicht mit ESG gleichsetzen sollten. Vielmehr muss auf die Frage fokussiert werden, wie durch gezielte Finanzierungen zusätzliche Veränderungen und Investitionen in die SDGs angestossen werden können. Für Investor:innen – private wie institutionelle – mit klarem Bekenntnis für Impact lassen sich zwei wesentliche Empfehlungen ableiten.
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Darüber hinaus ergeben sich sicherlich noch zahlreiche weitere Optionen, wie Investor:innen Nachhaltigkeit bei Anlageentscheidungen berücksichtigen können. Beispielweise können sie Unternehmen aus ihrem Portfolio ausschliessen, die gegen grundlegende Normen verstossen. Wichtig ist hier zu realisieren, dass man verantwortungsvoll investiert. Für einen aktiven Beitrag müssen aber weitere Aktivitäten folgen. Ob diese auch erfolgreich sind, ist nicht immer gegeben. Angenommen ein grosser Investor schliesst neuerdings gewisse Unternehmen aus und er tut dies anschliessend öffentlichkeitswirksam kund. Kann dies auch eine Wirkung entfalten? Mitunter: Denkbar ist zum Beispiel, dass durch diese Bekanntmachung und ein entsprechendes Medienecho die Reputation der ausgeschlossenen Unternehmen sinkt und das Management sich veranlasst sieht, diesem gegenzusteuern. In dem Fall würde man auch hier von einer Wirkung sprechen. Allerdings bewegt man sich schnell im eher spekulativen Bereich. Die beiden oben skizzierten Empfehlungen sind daher sicherlich die effektivsten Impact-Strategien. Daher würde ich von einer sehr wirkungsvollen Möglichkeit der modernen Zügelung des entfesselten Geldes sprechen.
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ENDNOTEN
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Friede, G., Busch, T., Bassen, A. (2015): ESG and Financial Performance: Aggregated Evidence from more than 2,000 Empirical Studies. Journal of Sustainable Finance & Investment 5 (4), 210–233. Global Sustainable Investment Review 2020, http://www.gsi-alliance.org https://www.unpri.org WCED (1987) Our Common Future. World Commission on Environment and Development, Oxford University Press, Oxford. Kölbel, J.F., Heeb, F., Paetzold, F., Busch, T. (2020): Can Sustainable Investing Save the World? Reviewing the Mechanisms of Investor Impact. Organization & Environment, https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1086026 620919202
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Text: Timo Busch Herausgeber: Bernisches Historisches Museum (BHM) Gesamtverantwortung: Thomas Pauli-Gabi (Direktor BHM) Inhaltliche Verantwortung der Reihe: David Iselin (BHM) Korrektorat: Claudia Scherrer Gestaltung: Ronnie Fueglister mit Yves Graber Druck: Ast & Fischer AG ©2022
Bernisches Historisches Museum Helvetiaplatz 5 3005 Bern www.bhm.ch
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€$$@¥ ist eine vom BHM herausgegebene Publikationsreihe zum Thema Geld. Sie ist Teil der Kooperation des BHM mit der Schweizerischen Nationalbank. Gemeinsam eröffnen die Partner:innen 2024 einen neuen Erlebnisort zum Thema Geld in Bern.
Text: Busch GreenTimo Finance oder nachhaltige Geldanlagen werden als ein Herausgeber: Bernisches Historisches Museum (BHM) Immer wichtiger Beitrag zur Lösung der Klimakrise gesehen. Gesamtverantwortung: Thomas (Direktor BHM)der mehr Investor:innen richten ihrePauli-Gabi Geldanlagen in Richtung Inhaltliche Verantwortung der liesse Reihe:sich David Iselin (BHM) Nachhaltigkeit neu aus. Zynisch behaupten, der Markt Korrektorat: Claudia folgt hier langsam derScherrer Wissenschaft und dem Druck der KlimaGestaltung: Fueglister mit Yves Graber jugend. FaktRonnie ist aber, dass erst die Hebelwirkung der FinanzDruck: & Fischer AG märkte Ast genügend in Bewegung setzen kann, um die Welt nachhaltiger zu machen. Ein Plädoyer für nachhaltiges Investieren ©2022 mit Impact. Timo Busch ist Professor an der Universität Hamburg und Senior Fellow am Center for Sustainable Finance and Private Wealth an der Universität Zürich.
Bernisches Historisches Museum Helvetiaplatz 5 3005 Bern www.bhm.ch
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