— Nationale Genossenschaft für die Das Jahrhundertmagazin | Ausgabe #5/2026 | NAGRA Lagerung radioaktiver Abfälle
Trash 001 002 003 004 005
006 007 008 009 010
011 012 013 014 015
016 017 018 019 020
021 022 023 024 025
026 027 028 029 030
031 032 033 034 035
036 037 038 039 040
041 042 043 044 045
046 047 048 049 050
051 052 053 054 055
056 057 058 059 060
061 062 063 064 065
066 067 068 069 070
071 072 073 074 075
076 077 078 079 080
081 082 083 084 085
086 087 088 089 090
091 092 093 094 095
096 097 098 099 100
Editorial Am liebsten würden wir ihn verdrängen, so wie negative Gefühle und unliebsame Erinnerungen: Den Müll, den jede und jeder von uns produziert, jeden Tag, ein Leben lang. Wir werfen den Sack in den Container, geben das alte Handy zum Recycling, lassen Dinge abholen, verbrennen, verschiffen oder vergraben. Doch wie in der Psychologie gilt auch hier: Das Verdrängte verschwindet nicht. Es kehrt zurück. Als Mikroplastik in unseren Körpern. Als Elektroschrott in Ghana. Als Munition, die Jahrzehnte später an die Ostseeküste gespült wird. Oder als gewaltiger Müllberg in einer Verbrennungsanlage, der sichtbar macht, was wir im Alltag erfolgreich ausblenden: die schiere Masse unserer Hinterlassenschaften. In dieser Ausgabe spüren wir den Wegen des Mülls nach. Wir wollen wissen, was geschieht, nachdem etwas für uns seinen Wert verloren hat. Wohin verschwindet unser Abfall? Wer lebt von ihm? Wer trägt die Risiken, die der Müll mit sich bringt? Und lässt sich aus ihm vielleicht doch noch etwas Wertvolles herausholen? Vieles, was gestern noch als Abfall betrachtet wurde, gilt heute als Ressource. Sei es Elektroschrott oder Atommüll: Die Idee des Recyclings ist ebenso bestechend wie naheliegend. Rohstoffe sollen möglichst lange im Kreislauf bleiben und immer wieder genutzt werden. Die Geschichten in diesem Magazin zeigen jedoch: Wunder gibt es nicht. Recycling kann die Lebensdauer von Materialien verlängern, Rohstoffe können zurückgewonnen und Abfallmengen reduziert werden. Aber: Jeder Stoffkreislauf hat seine eigenen Herausforderungen und jeder hinterlässt einen Rest. Das gilt ganz besonders für Atommüll. Neue Reaktorkonzepte und Verfahren zur Wiederaufarbeitung sind faszinierend und verdienen eine ernsthafte Diskussion. Sie könnten künftig einen wichtigen Beitrag leisten. Doch selbst wenn die kühnsten technologischen Versprechen Realität werden, bleibt hochradioaktiver Abfall zurück. Ein Tiefenlager ist deshalb keine Alternative zum Recycling, sondern seine notwendige Absicherung. Müll ist nicht einfach das, was wir wegwerfen. Müll ist das, was übrig bleibt. Und von unserer Verantwortung für das Übriggebliebene erzählt dieses Heft. Patrick Studer, Leiter Kommunikation Nagra
INHALT 3 Ostsee
La Hague Villigen (PSI) und Stadel (Standortvorschlag Tiefenlager)
Ghana
5 – 9 Unseren täglichen Schrott gib uns heute Es gibt die physischen Müllberge – und es gibt Berge von Müll. Unsere Autorin hat sich einen Tag lang schlechtem Essen, schlechten Gewohnheiten und dem Trash aus TV und Internet hingegeben.
10 – 11 So viel Abfall! Facts & Figures 12 – 23 Mein Leben, meine Müllspur
Kaum irgendwo ist die Müllentsorgung so sauber organisiert wie in Zürich: Müll in den Sack, Sack in den Unterflurcontainer, neuen Sack füllen. Was, wenn man den Abfall etwas genauer seziert?
24 – 25 So viele Windeln! Facts & Figures 26 – 47 Accra am Apparat
An der Küste Ghanas floriert der Handel mit gebrauchten Elektronikgeräten. Hier werden Smartphones geflickt, Fernseher repariert, Klimaanlagen und Kühlschränke ausgeschlachtet, Mensch und Umwelt vergiftet.
48 – 49 So viel Datenmüll! Facts & Figures 50 – 57 Was tickt da in der Ostsee?
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden tonnenweise Waffen und Munition in der Ostsee versenkt. Was bisher eine unsichtbare Gefahr auf dem Meeresgrund war, gelangt langsam, aber sicher an die Oberfläche.
& Figures 58 – 59 So viel Schrott im All! Facts 60 – 77 Die zweite Chance Wenn alles wie geplant läuft, dann verschliesst die Schweiz mit der 100. Ausgabe dieses Hefts ihr Endlager für atomare Abfälle. Da stellt sich die Frage: Weshalb vergraben, statt recyceln?
78 So viel Atommüll! Facts & Figures 79 Impressum
500m+
4
EIN TAG NUR TRASH
5
Unseren täglichen Schrott gib uns heute Zum Aufstehen ein Red Bull, zum Aufwachen eine Reality-Soap, zum Zmittag McDonald’s und zwischendurch Instagram und Temu. Was passiert, wenn man sich einen Tag lang einfach gehen lässt. Text: Michèle Roten Fotos: Jordi Ruiz Cirera
500m+
6
Ich habe mich lange geweigert. Seit Jahren raten mir Menschen in meinem Umfeld, «Love is Blind» zu schauen. Zwei Zimmer, zwei Menschen, eine Hochzeit, ohne dass sich die beiden je gesehen haben. «Es ist natürlich totaler Trash», sagen sie dann jeweils, «aber irgendwie geil. Irgendwie gut.» Ich habe mich geweigert, weil ich mein Gehirn nicht vermüllen will. Weil ich befürchte, dass ich anfällig für diese Dating-Serie bin. Nein: Ich weiss, dass ich anfällig bin dafür. Es war dasselbe bei «Keeping up with the Kardashians» – auch dort habe ich mich lange dagegen gewehrt. Weil es mich nicht interessierte, weil ich nicht wollte, dass ich mich dafür zu interessieren beginne. Ein unglücklicher Umstand führte dazu, dass ich eine Folge schaute. Sie bestätigte alles, was ich befürchtet hatte: Durchgescripteter Scheiss, der sich als echt ausgibt. Künstliche Emotionen, die zeigen sollen, wie normal diese künstlichen Menschen sind. Komplett durchschaubar alles, und doch entscheidet sich irgendwas im Gehirn dazu, es zu glauben. Ich schaute alle verfügbaren Folgen. Den Ausstieg schaffte ich nur durch die erzwungene Pause nach einer Staffel. Ich kam wieder zu mir und stieg nicht mehr ein, als es weiterging. Einen Tag lang Zucker für mein Gehirn Grundsätzlich bin ich recht bewusst, wenn es darum geht, was ich mir zuführe. Ich esse gesund – und das nicht mal, weil ich vernünftig bin, sondern weil mir gesundes Essen schmeckt. Ich lese Bücher, von denen ich etwas lerne, schlechte Literatur macht mich depressiv. Dasselbe mit Filmen und Musik: Ich mag es, herausgefordert, überrascht, mit Neuem konfrontiert zu werden. Und doch bin ich nicht gefeit vor dem Sirenengesang des Einfachen, Schlechten, Dummen, Leichtverdaulichen. Siehe meine Kardashians-Phase. Siehe meine jederzeit übervolle Süssigkeiten-Kiste. Und ich liebe Bier. Mein Belohnungszentrum ist, im Gegensatz zu meinem präfrontalen Kortex, kein Snob. So sehe ich diesem Selbstversuch eigentlich recht freudig entgegen: Ich werde einen Tag lang nichts anderes tun, als dem Trash zu frönen. Immer die unvernünftige Variante wählen, das, was sich gerade jetzt gut anfühlt, Instant Gratification All Day Long. Gleich nach dem Aufstehen geht’s los: Statt einer Tasse Kaffee mit Milch und ohne Zucker gibt’s einen Energy Drink. Ein Guilty Pleasure, das ich mir etwa einmal in der Woche gönne, am liebsten, wenn es niemand sieht. Und weil das Aufwachen nun eh schon zu einer gänzlich unromantischen Angelegenheit verkommen ist, gehe ich direkt auf Instagram, anstatt noch ein bisschen aus dem Fenster zu schauen, die Nachrichten zu hören und langsam die Falten der Nacht loszuwerden. Instagram ist magisch. Ich sehe innert kürzester Zeit, wie sich Trockeneis in Honig verhält, wie man eine Kondomverpackung dazu nutzen kann, einen Faden in eine Nadel zu fädeln, oder wie man Zahnpasta in einen Trinkhalm abfüllt für Reisen. Ich sehe einen Beitrag
Bei den Kardashians wollte ich nicht, dass sie mich zu interessieren beginnen. Taten sie dann doch.
EIN TAG NUR TRASH
darüber, wie jemand ein Schildkrötenei ausbrütet, schaue einer dabei zu, wie sie perfekte Übergänge macht beim Malen einer Wand, und lerne, wie man eine süsse Wassermelone erkennt. Eigentlich ist das gar nicht mal so trashig. Klar, das meiste ist absolut obsolet, aber vieles ist tatsächlich interessant – ich habe meinen Algorithmus gut trainiert. Zu gut. Die obengenannte «kürzeste Zeit» ist eine ganze Stunde. Sechzig Minuten lang habe ich mir einfach reingezogen, was es so reinzuziehen gibt. Und nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht. Als ich merke, dass ich jetzt schon eine Stunde am Küchentisch gesessen und gescrollt habe, entscheide ich, auf dem Sofa weiterzuscrollen. Ein Hofnarr, allein zu meiner Erquickung Instagram funktioniert wie ein Spielautomat. Beim Runterziehen des Feeds wissen wir nie, ob als Nächstes ein langweiliges Bild, ein lustiges Reel oder etwas kommt, das das Leben verändert. Diese Unvorhersehbarkeit triggert im Gehirn den Botenstoff Dopamin. Das Gehirn liebt diese Überraschungen und will immer weiter scrollen, um die nächste «Belohnung» zu finden. Doch zum Glück flacht die DopaminAusschüttung irgendwann ab – das Gehirn ist ja nicht blöd und merkt irgendwann, dass sich die Inhalte doch irgendwie alle ähneln. Bei mir ist das nach etwa zwei Stunden der Fall: Ich werde unruhig, mir ist langweilig, obwohl auf diesem kleinen Gerät die Welt Faxen macht, wie ein Hofnarr, allein zu meiner Erquickung. An einem normalen Tag hätte ich jetzt das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun. Die Wohnung zu putzen, die Abstimmungsunterlagen auszufüllen, etwas zu erledigen, das ich lange aufgeschoben habe. In solchen Momenten spürt auch die Atheistin die religiösen Prägungen unserer Gesellschaft: Tue Busse (Katholizismus), arbeite (Protestantismus). Aber es ist kein normaler Tag. Also: «Love is Blind». Also: 15 Frauen und 15 Männer lernen sich zuerst «blind» und nur durch Gespräche kennen. Wenn’s passt, macht man sich einen Heiratsantrag, sieht sich zum ersten Mal, geht zusammen in die Ferien und heiratet dann. Es gibt Adaptionen der Show in allen möglichen Ländern, aber ich schaue natürlich das Original aus der TrashCapital of the World: USA. Und merke schnell: Die für mich schlimmste Art von Trash ist der, der versucht, deep zu sein. Menschen, die zeigen wollen, wie gut sie sind. Sie adoptieren Hunde. Sie geben Tanzkurse für Senioren. «Es kommt nicht auf das Äussere an», sagt der Mann, der definitiv mehr Zeit investiert in die Hülle um seinen Schädel als in das, was drin ist. «Das Wichtigste ist, dass man individuell ist», sagt die Frau, die ich nicht von all den anderen unterscheiden kann. Gefakte Tränen bei der Erinnerung an Mobbing in der Kindheit («Alle nannten mich Bohnenstange, weil ich so lange Beine habe.»)
Instagram ist wie Glücksspiel: Vielleicht kommt als Nächstes etwas, das mein Leben verändert.
7
500m+
8
Gefaktes Entsetzen, gefaktes Berührtsein, gefakte Freude. Aber ich bin drin. Auf eine seltsame Art. Über weite Strecken sitze ich zu einem kleinen Ball zusammengecringed auf dem Sofa und frage mich, warum man sich das antut. Menschen, die keine professionellen Schauspieler:innen sind, dabei zuzusehen, wie sie so tun, als würden sie Liebe suchen, als würden sie sich öffnen, verletzlich zeigen, als würde etwas in ihnen berührt. Natürlich sind sie nicht da, um eine Ehefrau oder einen Ehemann zu finden. Sie wollen berühmt werden, eine Marke aufbauen oder zumindest ihre 15 Minuten Ruhm abholen. Und vielleicht ist genau das ein Teil des Reizes – Menschen dabei zuzuschauen, wie sie sich verkaufen. Trash ist ehrlich in seiner Unehrlichkeit. Besser betrogen als gelangweilt Und doch: Selbst mit der zynischsten Brille holt mich das romantische Narrativ manchmal ein. Dann hoffe ich doch, dass irgendeine der Frauen checkt, wie lustig der Typ ist, den alle komisch finden. Oder dass die mit dem durch Operationen verunstalteten Arm am Schluss einem gegenübersteht, dem das komplett egal ist. In der Medienwissenschaft nennt man das «The Suspension of Disbelief»: Ich schalte meinen rationalen Verstand bewusst aus, um mich emotional hinzugeben. Ich gehe einen Pakt mit den Macher:innen der Show ein: Ich tue so, als wäre das echt, und ihr unterhaltet mich dafür. Ich will betrogen werden, um mich nicht zu langweilen. Das funktioniert gar nicht so schlecht. Ich lasse mich berieseln, lackiere meine Fussnägel und bestelle mir, logisch: Fast Food. Cheeseburger, Pommes frites, Cola. Zirka 900 Kalorien, maximale Verzehrfreude (Fett, Salz, Zucker, mein dopaminerges System jubelt), und gar nicht mal so ein Müll: Das Fleisch und der Käse liefern immerhin etwa 15 Gramm Proteine, dazu noch etwas Vitamin B12, Zink, Eisen und Kalzium. Bloss aus der Cola ist wirklich gar nichts zu holen. Ausser etwa 60 Gramm Zucker, was die von der WHO empfohlene Tagesmenge bereits überschreitet. (Aber: Cola soll ein hervorragendes Mittel gegen Nagelpilz und stinkende Füsse sein. Hab ich auf Instagram gelernt.) Und dann stumpfe ich mich wissentlich ab Nach dem Burger zu «Love is Blind» verlangt mein Belohnungszentrum nach mehr. Second Screening, here I come. Eine Verhaltensweise, der ich mich relativ oft hingebe – und immer mit einem schlechten Gewissen. Es ist einerseits ganz offensichtlich abartig, sich von zwei Screens bespassen zu lassen, andererseits ist es tatsächlich schlecht. Eine strukturelle MRT-Studie der University of Sussex zeigte, dass Menschen, die oft Multimedia multitasken, eine geringere Dichte der grauen Substanz im anterioren cingulären Kortex (ACC) aufweisen. Das ACC ist die Gehirnregion, die für Emotionsregulation, Empathie und kognitive Kontrolle (wie das Ausblenden von Ablenkungen) zuständig ist. Ausserdem gewöhnt sich das Gehirn ganz einfach
Zwei Bildschirme gleichzeitig sind offensichtlich abartig und wissenschaftlich erwiesen schlecht.
EIN TAG NUR TRASH
9
an das konstante Novelty Seeking und stumpft gegenüber normalem Input ab, braucht immer mehr und extremere Stimulation. Instagram wäre eine Möglichkeit, aber ich will jetzt eine härtere Dröhnung: Temu. Der ultimative Trash, wörtlich genauso wie im übertragenen Sinne. Die App begrüsst mein mesolimbisches Belohnungssystem mit Glücksrädern, Countdowns, fallenden Preisen und virtuellen Gutscheinen. Ich scrolle mich durch einen gigantischen Müllberg brandneuer Produkte. Eine Bürste für Katzen mit eingebautem Staubsauger («Low Noise Doesn’t Scare Your Baby Fur Kids»). Eine Mini-Waschmaschine für Unterwäsche («On the Strong Attraction On Beauty Appearance»). Ein Ultra-HD visueller Ohrenreiniger («Dig while looking ear cleaning is safer»). Zigarettenhalter mit Fingergelenk-Clip «für bequemes Rauchen». Ein Sonnenschirm für das Handy. Washable Underarm Sweat Pads. Eine Brille, mit der man auf dem Rücken liegend fernsehen kann. Mein Stinkefinger an die Ratio Ich bin nun auf dem Gipfel des Trashs angekommen. Temu ist das Denkmal, das wir unserer Faszination für Schrott gebaut haben. Unsere gesellschaftliche Liebäugelei mit dem Schlechten, Billigen, Banalen, Unnützen fungierte immer als Ventil, als bewusster, ironisierter Bruch mit der Vernunft. Die Welt ist anstrengend und fordernd. Die Lust auf kognitive Entlastung durch den Konsum zugänglicher, leicht verdaulicher, sofort belohnender Inhalte – von Instagram, TV-Shows, Fast Food bis zu Temu-Shopping – liegt auf der Hand. Es ist eine Art Stinkefinger an die Ratio: Ich weiss das, aber es ist mir egal. In der Psychologie spricht man auch von Hedonic Reversal: Dinge, die objektiv als minderwertig gelten, können subjektiv gerade durch diese Minderwertigkeit Genuss erzeugen. Und das wollen wir. Genuss, Spass, uns gut fühlen. Und dafür nehmen wir in Kauf, beschissen zu werden. Uns selbst zu bescheissen. Mit gefakter Liebe, Essen, das nicht wirklich nährt, und Produkten, die ihren einzigen Wert darin haben, erwartet und ausgepackt zu werden. Danach sind sie auch für die Person, die dafür gezahlt hat, das, was sie von Anfang an waren: Müll. Ich habe inzwischen schon so lange «Love is Blind» geschaut, dass mich Netflix fragt, ob ich noch da bin. Die Antwort lautet: nein. Ich gebe auf. Inzwischen fühle ich mich so leer und verschmutzt, dass mir kein Dopamin-Kick mehr hilft. Jetzt hilft nur noch nachhaltigeres Serotonin. Ich wende mich der aristotelischen Annäherung an die Glücksfrage zu: eudämonische Befriedigung durch Nützlichsein. Ich reinige die Abflüsse und bringe den Müll runter. (Aber die Katzenbürste hab ich mir bestellt.)
Temu ist das Denkmal, das wir unserer Faszination für Schrott gebaut haben.
500m+
10
Abfall pro Person/Jahr USA Schweiz EU Subsahara
900 kg 670 kg 500 kg 200 kg
So viel Abfall! Nebst metaphorischem Müll produzieren wir ganz realen – in der Schweiz rund 670 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Doch um die Umweltbelastung zu beurteilen, gibt es wichtigere Werte als die schiere Menge.
670 kg pro Kopf/Jahr Schweiz 52 % Recycling ≈100 % Einsammelrate
Mit jährlich 670 Kilogramm Siedlungsabfällen (davon 148 Kilogramm im Kehrichtsack) liegt die Schweiz weltweit im oberen Mittelfeld. An der Spitze stehen die USA mit rund 900 Kilogramm, der EU-Durchschnitt liegt bei etwas über 500 Kilogramm, in der Subsahara-Region bei ungefähr 200 Kilogramm. Was das für die Umwelt bedeutet? Dafür sind jedoch weniger die absoluten Mengen entscheidend als vielmehr der Umgang mit dem Abfall. In der Schweiz wird knapp die Hälfte verbrannt, 52 Prozent werden recycelt. In der EU beträgt die Recycling-Quote 48 Prozent, allerdings mit grossen Unterschieden: von 12,4 Prozent in Rumänien bis 62,8 Prozent in Österreich. Die USA erreichen rund 37 Prozent, Länder der Subsahara-Region lediglich etwa 4 Prozent.
ABFALLMENGEN IM LÄNDERVERGLEICH
11
Recycling
Prognose weltweit
Österreich 62,8 % Schweiz 52 % EU 48 % USA 37 % Rumänien 12,4 % Subsahara 4%
2026 → 2,5 Mrd. t 2050 → 3,7 Mrd. t
Wie gut das Schweizer Abfallsystem funktioniert, zeigt sich einerseits an der Einsammelrate, andererseits an der Deponierung. Die Einsammelrate beträgt beinahe 100 Prozent. Auch andere entwickelte Regionen erreichen über 90 Prozent, während die Rate in Westasien und Nord afrika (75 Prozent), Ozeanien (45 Prozent), Zentral- und Südasien (37 Prozent) sowie SubsaharaAfrika (36 Prozent) deutlich tiefer ausfällt.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Deponierung. In der Schweiz dürfen brennbare Abfälle nicht gelagert werden, Deponien sind auf Sonderabfälle beschränkt. Ähnliche Regelungen gelten in Japan, Schweden und Österreich. Im europäischen Durchschnitt hingegen werden 30 bis 40 Prozent der Abfälle deponiert, in den USA mehr als die Hälfte. In Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas fehlen Kehrichtverbrennungs anlagen ganz – der gesamte Abfall landet auf Deponien. Global zeigt sich ein klarer Trend: Die Abfallmengen steigen. Prognosen zufolge werden die Siedlungsabfälle von derzeit knapp 2,5 Milliarden Tonnen bis ins Jahr 2050 auf über 3,7 Milliarden Tonnen anwachsen.
Quelle Schweiz: Quelle EU-Länder: Quelle Welt: Quelle USA:
https://www.admin.ch/de/newnsb/EcpWws7Ra2HcYI1J88uP4 https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Municipal_waste_statistics Global Waste Management Outlook https://www.euwid-recycling.de/news/international/global-waste-index-2025-abfallaufkommen-pro-kopf-steigt-inden-usa-weiter-stark-an-130625/
500m+
12
Mein Leben, meine Müllspur 1,9 Kilogramm Abfall hinterlasse ich jeden Tag. Wie setzt er sich zusammen und was geschieht damit, heute und in aller Ewigkeit? Text: Florian Leu Fotos: Jordi Ruiz Cirera
WAS AN ABFALL ZURÜCKBLEIBT
13
40 Tonnen Müll. So viel produziert jede Schweizerin und jeder Schweizer durchschnittlich im Leben.
Im Jenseits trete ich in eine grosse weisse Halle, ins Museum meines Mülls. Ich bin der einzige Besucher. Ich gehe über einen schwarzen Teppich. Der Abrieb meiner Veloreifen, jedes Jahr neunzig Gramm Mikroplastik, die ich auf Zürcher Strassen schrubbte, jedes Jahr so viel wie eine Tafel Schokolade. Eingewoben auch der Abrieb meiner Sneakers, jeder Schritt setzte kleinste Partikel frei. Wäre ich Auto gefahren statt Velo, wäre der Teppich fünfzig Mal länger. Ich folge einer Reihe aus fünfhundert Zahnpastatuben, nach Farben sortiert. Zwölf Kilometer Zahnseide, zu einem Knäuel arrangiert. Sieben Hektoliter Duschgel in einem Becken, in einem Aquarium daneben die Kunststoffkügelchen und Bindemittel aus Polymer, die ungefiltert ins Abwasser kamen. Zehntausend Rollen Klopapier, aufgetürmt in der Form weisser Bäume. Etwa fünfzehn Fichten sind dafür gefällt worden. Im Innenhof des Museums sitze ich eine Weile in diesem Wäldchen. Hätte ich zwei Kinder gehabt, wäre es doppelt so gross, entspräche etwa einem Tennisplatz. Drinnen sähe ich dann einen Berg aus zwölftausend Windeln, die erst in fünfhundert Jahren zersetzt wären, und der Mikroplastik darin nie. Ich gehe weiter. Über mir hängen Hunderte CO₂-Wölkchen, jedes zweihundert Gramm schwer, die Überbleibsel meiner wöchentlichen Zugfahrten von Zürich nach Baden und zurück. Darunter ragt ein Kleiderhaufen in die Höhe: meine zweihundert T-Shirts, ein unzertrennliches Gemisch aus Baumwolle und Elastan, das nicht recycelt werden kann.
Wir haben die Erdkruste chemisch und physisch verändert. Wir erschaffen gerade eine neue Erdschicht. Eigentlich ist das eine olympische Leistung.
Momente des Staunens in der Abteilung für Ewigkeitschemikalien. Ich sehe mikroskopische Aufnahmen der PFAS aus Regenjacken, Teflonpfannen, Backpapier, Pizzakartons, Pappteller, Einweggeschirr. Polyfluorierte Alkylverbindungen – schon der Begriff ist schwer verdaulich. Nichts in der Natur kann diese Verbindungen aufbrechen, weder Bakterien noch ultraviolettes Licht noch Hitze noch Wasser. Es gibt über zehntausend davon. Sie sind wasserlöslich und flugtauglich. Wenn man eine Jacke wäscht oder eine Pfanne entsorgt, gelangen PFAS ins Abwasser. Kläranlagen können sie nicht filtern, so kommen sie in Flüsse und Meere. Man findet sie im Regenwasser der Antarktis, im Blut von Eisbären, in jedem menschlichen Körper. Ihr Endlager sind die Sedimente der Tiefsee. Sie sind die Signatur, die wir ins Gedächtnis des Planeten schreiben. In Millionen Jahren könnten Geolog:innen anhand dieser Schicht bestimmen, wann die Zeit der Fluor-Chemie begann. Wir haben die Erdkruste chemisch und physisch verändert, eigentlich ist das eine olympische Leistung. Wir erschaffen gerade eine neue Erdschicht. Wenn man das Alter des Planeten, viereinhalb Milliarden Jahre, als einen Tag sieht, brauchten wir dafür die Millisekunde vor Mitternacht. Als Projektion auf einer Leinwand sehe ich, wie die Partikel aus Fluor und Kohlenstoff zeitlupenhaft durch die Tiefsee schweben. Man nennt es Meerschnee.
500m+
14 Ich komme vorbei an einem Hügel Zigarettenstummel aus den zehn Jahren, als ich Selbstgedrehte rauchte. Bei den Kaugummis kann ich als Museumsbesucher mitgestalten, selber aktiv werden. Etwa sieben Kaugummis habe ich pro Tag gekaut, Stimorol Peppermint. Jetzt habe ich die Wahl: Entweder könnte ich mit all den Kaugummis einen Nachbau meiner Wohnung tapezieren oder draussen einen Turm stapeln, so hoch wie der Burj Khalifa. In einer Ecke lagern Erinnerungen, die ich vergessen hatte: mein ungebrauchtes Schlauchboot. Die ausgebleichte Luftmatratze, auf der ich durch Kindheits sommer driftete. Die Taucherbrille, durch die ich nach Fischen Ausschau hielt. Wird der ganze Plastik nicht recycelt? Plastikmüll wird in Europa oft getrennt, dann auf Frachtschiffe geladen und in den globalen Süden gebracht. Dort landet er auf offenen Deponien oder im Meer, und dann wieder in den Fischen und auf unseren Tellern. Wie in anderen Museen auch, gibt es hier Keramikscherben. Sie sind bedruckt mit: Ikea. Archäolog:innen der Zukunft werden den Namen für den einer weltweit verehrten Göttin halten. Keramik und Glas bleiben im Boden mehr als eine Million Jahre bestehen. Daneben liegt haufenweise das Wegwerfbesteck, mit dem ich die eine oder andere Tonne Essen on the go zu mir nahm. Hunderte von Küchenschwämmen, Lappen, Schrubber, Klobürsten, mit denen ich meinen Dreck in Schach hielt und dabei Dreck der anderen Art verursachte. Meine zweihundert Zahnbürsten: ein Leitfossil der Zukunft. Ich lese die Infotafeln über den Urknall in Sachen Plastik. Wir lösten ihn in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts aus. Der Zeitraum bis heute wird als die grosse Beschleunigung bezeichnet. Fast jedes Stück Plastik, das seit 1950 hergestellt wurde, besteht heute noch, als Fragment oder Mikroplastik. Seit den Sechzigerjahren gibt es Einwegwindeln, PET-Flaschen, eingeschweisstes Gemüse. Meine Zahnbürsten, Kaugummis, mein Reifenabrieb, die Gehäuse meiner Elektrogeräte werden als Partikel in Gesteinsschichten eingebacken. Dieses neue Gestein heisst Plastiglomerat und wird an einigen Stellen Tausende, an anderen Millionen von Jahren bestehen. Wir waren keine flüchtigen Gäste auf Erden. Wir waren ein Erdzeitalter.
Die tiefsten digitalen Spuren hinterlassen nicht Selfies vor unberührten Berglandschaften, klaren Seen und wilden Flüssen, sondern haufenweise Metadaten. Für künftige KI ist dieser Datenmüll der Rohstoff, aus dem sie lernen, was das eigentlich hiess: Menschsein.
In einem dunklen Raum lebt mein digitaler Zwilling. Ein Untoter, zusammengesetzt aus einem Terabyte einsamer Daten, die immer noch in der Cloud hängen. Die Leuchtdioden des Servers gleichen dem ewigen Licht in einer Kirche. Eine Datenwolke, die in zehn Jahren zwei Tonnen CO₂ verursacht. Um zu überdauern, brauchen meine Daten Strom, Kühlung und Hardware. Die tiefsten digitalen Spuren hinterlassen nicht meine Selfies, die Momente vor unberührten Berglandschaften, klaren Seen, wilden Flüssen, und ich daneben mit meinem grünen PatagoniaFaserpelz. Die tiefsten Spuren sind meine Metadaten: Bewegungsprofile, Konsumverhalten, Kontakte. Für künftige KI ist dieser Datenmüll der Rohstoff, aus dem sie lernen, was das eigentlich hiess: Menschsein. Ich komme an ein paar letzten Ausstellungsstücken vorbei. Der Abrieb meiner Rollatorreifen, mehr Fussabtreter als Teppich. Ein paar hundert Seniorenwindeln, ein überschaubarer Haufen. Mein gerontologischer Elektroschrott ist so arrangiert, dass er aussieht wie die Organe eines durchsichtigen Menschen. Ich sehe meine Hörgeräte und andere Apparate, die mich gegen Ende meines Lebens mehr und mehr zum Cyborg machten: Hirnschrittmacher, Augenimplantate, bionische Hüftgelenke, Magensonden.
WAS AN ABFALL ZURÜCKBLEIBT
15
Schliesslich stehe ich vor einer grossen, gläsernen Flasche. Darin schwappen vierzig Liter Leichenwasser, so heisst die Flüssigkeit, die während Verwesung und Fäulnis aus dem Körper tritt. Die Mischung aus Ammoniak, Antibiotika, Hormonen, Schmerzmitteln und den sogenannten Leichengiften Putrescin und Cadaverin ist so toxisch, dass europäische Leichen als Sondermüll eingestuft werden. Ich sehe in kleinen Fläschchen die Flammschutzmittel aus meinen Kleidern, die sich in meinem Fettgewebe angereichert haben. Hätte man mich feuerbestattet, hätten die Krematorien Filter gebraucht, um das Quecksilber meiner Zahn füllungen aus der Luft zu fangen.
In unserem Hirn sammelt sich im Lauf eines Lebens genug Mikroplastik an, um damit den Deckel einer PETFlasche zu füllen. Am Ende komme ich an einer Statue von Tlazolteotl vorbei. Sie war die aztekische Göttin des Mülls, die Fresserin der Sünden. Sie soll meinen Abfall in neues Leben verwandeln. Aus dem Museumsshop nehme ich eine Holzfigur der Göttin in einem gut kompostierbaren Leinensäcklein mit. Im Bistro bestelle ich dann noch ein Filet Alaska-Lachs. Mit ihm schlucke ich auch jene forever chemicals, die ich vor einem halben Jahrhundert selbst freigesetzt habe. Ich kaue und denke nach. Mittlerweile soll genug Mikroplastik in unserem Hirn sein, dass man damit die Verschlusskappe einer PET-Flasche füllen könnte. Spüre ich die Partikel in meinem Kopf? Während ich im Museumscafé sitze, stelle ich mir etwas vor, das meinem Leben auf Erden gleicht, und der Gedanke macht mich glücklich. Ein Leben, in dem physischer und digitaler Müll unsichtbar bleiben und ich unbesorgt von einem Moment zum nächsten gehe. Ohne zu wissen, dass jeder Schritt für eine Million Jahre im Gedächtnis der Erde gespeichert bleibt. Ein Leben, in dem ich eine Plastikverpackung in einen Züri-Sack stecke, den Züri-Sack in einen UnterflurContainer werfe, aus dem er am nächsten Morgen schon verschwunden ist. Weggebracht von Entsorgung & Recycling, scheinbar für immer.
500m+
16
750 Tonnen Müll. So viel landet jeden Tag im Hagenholz, der grössten Verbrennungsanlage der Schweiz.
Der Weg des Mülls beginnt auf der Strasse, bei Männern wie Mauricio. Er stammt aus Porto und arbeitet seit zwanzig Jahren für die Zürcher Müllabfuhr, die irgendwann sauber in Entsorgung & Recycling umbenannt wurde. Er dürfte bis heute etwa hunderttausend Tonnen Müll weggeschafft haben. Entsorgung ist Knochenarbeit. Wie hart es im Winter ist, wenn die Kälte durch die Handschuhe beisst, während er und seine Kollegen auf dem Trittbrett durch Minustemperaturen surfen. Dagegen die Sommermomente: Wenn sie mit dem Müllwagen angebraust kommen und Kinder winken. Und zu Weihnachten schenken ältere Leute manchmal Weihnachtsgeld oder handgeschriebene Karten, Schokolade und Wein. Heute ist Mauricio mit einem Hybridfahrzeug unterwegs. Der Wagen steuert das Hagenholz im Norden von Zürich an und passiert die Waage. Zehn Tonnen Müll, wie immer. Hier wird gescannt, ob sich radioaktiver Abfall darin verbirgt. Schlägt der Detektor an, werden die Säcke aufgeschlitzt, wird mit Geigerzählern der Herd gesucht. Meist handelt es sich um Windeln aus dem Spital: Ein:e Krebspatient:in wurde mit einem Kontrastmittel untersucht und entlassen. Daheim machte er/sie in die Windel und warf sie in den Müll. Wenn die Detektoren schweigen, rollt Mauricios Wagen weiter zu den Einfüllschächten. Der Ofen zieht viel Luft an, das nennt sich Saugzug. Deshalb riecht es vor den Verbrennungslinien erstaunlich frisch. Manchmal rollt einem ein einsamer Avocadostein zwischen die Schuhe. Der Wind wirbelt Plastikfetzen herum. Alles andere rutscht in die Tiefe. Vom Kontrollraum aus überblicke ich eine kathedralengrosse Halle. Sie ist nicht weiss, sondern grau. Beat Schweingruber, Betriebsingenieur, auch «Mister KVA» genannt, führt mich durchs Innenleben der Anlage. Der Kontrollraum könnte ein Grossraumbüro in einem beliebigen Konzern sein. Hinter den Panoramafenstern erstreckt sich die Halle mit dem Müll, ein schwarzgraues Gebirge. Darin herrscht ein eigenes, postapokalyptisches Klima. Staub wirbelt durch die Luft, an den Wänden wachsen Pilze, bedeckt von Russ und Asche. Im peinlich sauberen Kontrollraum sitzen drei Männer reglos vor Bildschirmen voller Zahlen und Kurven. Die Stimmung ist andächtig. Im Hintergrund läuft der süsse Pop von Coldplay. Von seiner Kanzel über den Abfallbergen blickt der Operator in die Tiefe, zwanzig Meter Müll bis zur Bunkersohle. Schweingruber nennt das «de ganz Grümpel». Die stählerne Greifzange langt ins Chaos und lockert es auf. Das Material unserer Welt liegt dem Operator zu Füssen. Tennisbälle, Cola-Büchsen, Star-Wars-Legoverpackungen, Sneakers, Windeln, ein zerfetzter Plüschpanda, ein toter Staubsauger, das staubige Gespenst einer Geburtstagsparty: leere Ballone an einer glitzernden Girlande. Schweingruber sagt: «Hier ist das ganze Periodensystem drin.» In den Ofen damit. Das Feuer brennt permanent. Es knistert, lodert und faucht rund um die Uhr. Nur einmal im Jahr erlischt es, zur Revision. Wenn sie die Kammern danach wieder hochfahren, fackeln die Angestellten nicht lange. Sie entzünden das Feuer manchmal auch mit einem Molotowcocktail. Wenn es einmal brennt, wird es nur von der Zugluft genährt. Bald herrschen wieder tausend Grad da drin, eine moderne Hölle. Der Rückschubrost bugsiert den etwas eigenwilligen Müll immer wieder zurück ins Feuer, so geht auch das letzte Stück Abfall in Flammen auf.
WAS AN ABFALL ZURÜCKBLEIBT
17
Hier wird die Energie unseres Wohlstands verbrannt und zumindest teilweise zurückgewonnen. Ein Tunnel pumpt die Energie aus dem Müll in die zentralen Quartiere. 45’000 Haushalte erhalten so ihren Strom, 109’000 ihre Wärme. Schweingruber blickt durch das Fensterchen, hinter dem das Feuer tobt. Er kennt sich aus mit Feuer. Müll mit hohem Heizwert wie Plastik sollte man langsam erhitzen, damit die Feuchtigkeit weicht. Gelegentlich kommt es zum Schneidbrenneffekt. Wenn etwa Strohballen in den Ofen gelangen, brennen sie lichterloh, ziehen massenhaft Luft, und die Temperatur schnellt hoch. Neuerdings gefährdet eine Partydroge die Anlage: Lachgas. Die Leute werfen die Metallflaschen oft noch halb voll weg. Im Ofen explodieren sie und schlagen Krater in die Wände. «Macht scho chli Bumm», sagt Schweingruber. Die Anlage könnte der Darm eines Riesen sein. In den Rohren ein einziges Knallen, Scheppern, Rumpeln, Dröhnen, später dann nur noch ein Rieseln. Der Müll, anfangs gross und sperrig, wird immer kleiner. Wer nicht Chemie studiert hat, hört zwei neue Begriffe pro Satz: Die ätzende Brühe der Flugaschenwaschanlage löst das Ganze in der Sauerwäsche auf. Chloride und Halogene werden abgeschieden, wandern durch den Tropfenfänger. Rütteltische fraktionieren die Metalle. Was nach dem Inferno übrig bleibt, ist eine glühende Mine. Aus einer Tonne Abfall ergeben sich am Ende 150 Kilo Schlacke, 22 Kilo Flugasche, 7 Kilo giftiger Hydroxidschlamm. 3’900 Tonnen Rückstände pro Jahr. Über die Eisenabscheidung werden jährlich 550 Tonnen Metall zurückgewonnen. Kugellager, Ketten, Schrauben, der geschmolzene Aludeckel eines Joghurts – alles wird hier sortiert. Die restliche Schlacke wandert am Ende in die Reaktordeponie Kehlhof im Thurgau: asbesthaltige Materialien, nicht brennbarer Industriemüll, reaktions fähige Abfälle.
In der grossen Halle des Mülls steuert der Operator mit der stählernen Greifzange den nächsten Haufen an. Im Hintergrund läuft leise Musik.
Früher wurde der Müll in Senken geworfen. Bis heute hat das Bundesamt für Umwelt fast 40’000 belastete Standorte erfasst: Deponien, Industrieareale, Unfallorte. Viele dieser Altlasten stammen aus einer Zeit, als es keine Umweltgesetze gab und man den Müll vergrub. Ein Tiefpunkt der Schweizer Umweltgeschichte ist die Sonderabfalldeponie in Kölliken, Aargau. Einst eine Grube für Haushalts- und Industrieabfälle, sickerte eine Giftbrühe ins Grundwasser und machte Kölliken zu einem der teuersten Sanierungsfälle des Landes. Die Kosten für Untersuchungen, Rückbau, Entsorgung und Nachsorge beliefen sich auf rund 900 Millionen Franken. Heute vergraben wir unsere Hinterlassenschaften nicht mehr. Wir verbrennen sie bei tausend Grad. Zurück im Kontrollraum blickt Schweingruber auf die Kurven der Ofentemperaturen. Alles in Ordnung. Draussen in der grossen Halle des Mülls steuert der Operator mit der stählernen Greifzange den nächsten Haufen an. Im Hintergrund läuft leise Musik, während seine Zange das Periodensystem auflockert. Das Summen der Öfen klingt in meinem Ohr lange nach, verstummt erst nach einer Weile. Wie eine Vorschau auf die Stille, die mich erwartet, wenn ich im Jenseits auf den schwarzen Teppich trete.
500m+
Das Feuer lodert und faucht im Hagenholz rund um die Uhr, aus unserem Hausmüll wird Fernwärme für unsere Häuser.
18
WAS AN ABFALL ZURÜCKBLEIBT
Nicht die Welt, aber der Müll unserer Welt liegt dem Operator zu Füssen. Er schaufelt per Joystick Girlanden, Cola-Dosen, Windeln ihrem Ende zu.
19
500m+
20
WAS AN ABFALL ZURÜCKBLEIBT
Eins ums andere Mal greift der Kran in den Müllberg, füttert das Feuer Tonne um Tonne. Und doch wird die Grube im Hagenholz nie leer.
21
500m+
22
WAS AN ABFALL ZURÜCKBLEIBT
Ein bisschen Müll bleibt auch vom Müll übrig: Bei einer Tonne Abfall sind das 150 Kilo Schlacke, 22 Kilo Flugasche, 7 Kilo giftiger Hydroxidschlamm.
23
500m+
24
1 Mio. Windeln pro Tag (Schweiz)
7% des Hausmülls sind Windeln 500 Jahre bis zur Zersetzung einer Einwegwindel
So viele Windeln!
In der Schweiz werden jeden Tag etwa eine Million Windeln entsorgt, sie machen über 7 Prozent des Hausmülls aus. Das ist beträchtlich, dank 29 Kehrichtverbrennungsan lagen im ganzen Land aber bewältigbar. Weltweit landet der Grossteil auf Deponien, wo es bis zu 500 Jahre dauert, bis sich Windeln zersetzen. Hauptgrund dafür ist der Saugkern aus Kunststoffen wie Polyethylen, Polypropylen und Superabsorber‑ Polymeren.
In den ersten Lebensjahren prägen Einwegwindeln die persönliche Müllspur stark. Wo die Kehrichtverbrennung nicht funktioniert, entsteht daraus ein Problem für Jahrhunderte.
DER WELTWEITE WINDELBERG
25
29 Kehrichtver brennungsanlagen (Schweiz)
80 Mrd. USD Weltmarkt für Windeln 40 % davon entfallen auf Erwachsenen produkte
Der Windelberg wächst weiter. Zwar sinken die Geburtenzahlen in vielen Industrieländern, dafür steigt die Windel-Nachfrage in Schwellen- und Entwicklungsländern. Gleichzeitig verändert die Demografie den Markt: In Japan werden schon lange mehr Inkontinenzprodukte für Erwachsene verkauft als Babywindeln – eine Entwicklung, die sich auch anderswo abzeichnet. Bereits jetzt entfallen rund 40 Prozent des 80 Milliarden Dollar schweren Marktes auf Erwachsenenprodukte.
Lösungen für das Problem sind bekannt, jedoch nur begrenzt praktikabel. Die Abfallverbrennung scheitert an den Kosten, Stoffwindeln scheitern an der Bequemlichkeit. Vielversprechender scheinen biologisch abbaubare Windeln, an denen Unternehmen, Start-ups und Forschungsprojekte arbeiten; ein Produkt, das den weltweiten Windelbergen ernsthaft etwas entgegensetzen mag, ist bislang nicht in Sicht.
Anteil im Hausmüll: https://www.bafu.admin.ch/dam/de/sd-web/HaAvGLEqJ26Z/erhebung_der_kehrichtzusammensetzung_2022.pdf Anzahl KVA: https://vbsa.ch/artikel/kennzahlen-kva-2024 Marktgrösse Babys vs. Adults: https://www.fortunebusinessinsights.com/de/windelmarkt-106137 Japan: https://www.bbc.com/news/business-68672186 https://www.fortunebusinessinsights.com/de/windelmarkt-106137
500m+
26
Accra am Apparat: Was mit unseren alten Handys passiert Der Weg von Europas Elektroschrott führt nach Ghana. Hier verwandelt er eine einst blühende Lagune in eine giftige, stinkende Müllhalde, auf der Zehntausende leben und arbeiten. Text und Fotos: Sebastian Sele
Gut möglich, dass unser Elektroschrott irgendwann an der Küste Ghanas landet. Hier beginnt das zweite Leben von tonnenweise gebrauchter Geräte. Offiziell sind es jährlich 150'000 Tonnen, inoffiziell viel mehr.
ELEKTROSCHROTT IN GHANA Die Fahrt aus Accras Stadtzentrum nach Agbogbloshie dauert 15 Minuten. Mike Akane nutzt die Zeit im Taxi, um seine Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte einer rasanten Entwicklung: von einem Naturidyll im Westen der ghanaischen Hauptstadt in eine gigantische Müllhalde. Früher fuhr Akane hinaus zur Lagune von Korle, um die Vögel zu sehen. Heute mischt sich dichter Rauch von verbranntem Plastik mit dem Gestank einer Müllhalde, als wir in der drückenden Tropenhitze aus dem Taxi steigen. «Das also ist Agbogbloshie», sagt Akane. Geschrei dringt vom Zwiebelmarkt herüber, unterlegt von einem Teppich von Tuktuk- und LKW-Gehupe. In den nationalen und internationalen Medien gilt Agbogbloshie als Slum. Hier leben mehr als 15’000 Menschen, bis zu 30'000 Bewohner:innen von Accra sollen von den Arbeitsplätzen hier abhängig sein. Von den Jobs auf dem Basar, in den Barbershops, in den Bars – vor allem aber von jenen am westlichen Ufer der Lagune: Dort, wo sich vor vier Jahrzehnten noch Zwergstrandläufer, Seeschwalben und Mangrovenreiher in einem Feuchtgebiet tummelten, liegt heute ein Schrottplatz. «Alle Elektrogeräte, die ins Land gelangen, landen früher oder später hier», sagt Mike Akane. «Auch jene aus der Schweiz.» Doch wie kommen die Schweizer Computer, Fernseher, Smartphones auf den Schrottplatz eines Slums in Westafrika? Der Weg ist verschlungen und führt durch zahlreiche Länder. Es gibt ungefähr so viele Vorstellungen davon, was zirkuläre Wirtschaft bedeutet, wie Händler in das Geschäft mit den gebrauchten Geräten involviert sind. Von Agbogbloshie aus versucht dieser Text nachzuzeichnen, was mit Elektrogeräten passiert, die bei uns in Europa als Müll entsorgt werden – und hier in Ghana ein zweites Leben erhalten. TIP TOE LANE Alte Smartphones, grosse Träume Das zweite Leben der Geräte beginnt zum Beispiel an der Tip Toe Lane, dem Elektronikmarkt an Accras Ringstrasse. Schulter an Schulter sitzen die Männer hier nebeneinander, unter einem Meer aus Sonnenschirmen haben sie ihre Auslagen, darauf stapeln sich iPhones, Samsungs und Xiaomis. Alles aus dem Ausland, alles Secondhand. Auch in den Gebäudezeilen in den Strassen hinter den Männern: Dort reiht sich ein Schaufenster voller MacBooks, Tablets und Smart-TVs ans nächste. «Hier findest du alles», sagt Shardey, der einen kleinen Verkaufsstand betreibt. Er meint das nicht nur auf die Ware bezogen und fügt an: «Sogar Menschen mit Doktortiteln.» Die Lane war auch für ihn bloss Plan B, vielleicht sogar nur Plan C. Um seine Familie nach dem Tod seines Vaters aus der Misere zu holen, wollte er, wie so viele hier, Profifussballer werden. Doch ihm fehlte das Geld. Ein Freund riet ihm, es mit Telefonen zu versuchen. Seither sitzt Shardey montags bis
27 samstags hier und wartet, bis jemand kommt und fragt: «Wie viel willst du für dieses hier?» Shardeys Kund:innen stammen aus der Mitte der ghanaischen Gesellschaft, es sind Student:innen, Familienväter, Arbeiter:innen. 1650 ghanaische Cedis, umgerechnet 112 Franken, sind es zum Beispiel für das iPhone XR, das Shardey verkauft. Gekauft hatte er es ein paar Wochen zuvor für 1500 Cedis, rund sieben Franken Gewinn verspricht er sich vom Gerät. Das jährliche Medianeinkommen in Ghana liegt unter 1500 Franken. «Es ist ein gutes Business», meint Shardey. Er kenne Menschen, die sich hier hochgearbeitet hätten, mit einem kleinen Stand begonnen hätten und heute in Häusern wohnten, schicke Autos führen, eine ganze Armada an Elektronik-Shops besässen. Shardey gehört nicht zu ihnen. Noch nicht, hofft er. Er verkauft aber genug, um die Miete seiner Wohnung, die Schulgebühren seiner beiden Kinder und das Essen für die Familie zu bezahlen. «Dieser Job hat mehr für meine Familie getan als die Regierung», sagt Shardey und spielt auf den chronischen Mangel an Arbeitsplätzen an. Egal, mit wem man in Ghana spricht, alle meinen: Es gibt zu wenig Jobs. Und die Jobs, die es gibt, werden nur an Leute mit den richtigen Connections vergeben: Tatsächlich ist jede:r dritte Ghanaer:in zwischen 15 und 24 arbeitslos. Korruption ist weit verbreitet, formelle Bildung weniger. Die Tip Toe Lane gibt jedem eine Chance. Was Shardey ausblendet: Es war ebendiese Regierung, die den Grundstein dafür gelegt hatte, dass er selbst heute hier sitzt und von einer grossen Zukunft träumen kann. Der USAutor Alexander Clapp beschreibt es in seinem Buch «Waste Wars» so: Als das Internet um die Jahrtausendwende zum Siegeszug ansetzt, sieht das verarmte Ghana seine Chance zum wirtschaftlichen Aufschwung. Es wird zum zweiten Land des Kontinents mit vollständiger Internetanbindung, internationale Konzerne verlegen ihre Call-Center von Südostasien ins englischsprachige Land. Clapp schreibt: «Das Internet nach Ghana zu bringen, war eine Sache. Millionen von Ghanaern ans Internet zu bringen, eine andere.» Infrastruktur allein reicht nicht. Es braucht auch die Geräte, um sie zu nutzen. Eine scheinbar unüberwindbare Herausforderung für einen Staat, in dem ein Grossteil der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar pro Tag lebt. Während Länder wie Uganda Importe von Secondhand-Elektronik verbieten, schafft Ghana als einziges Land Afrikas alle Importzölle auf gebrauchte Computer, Monitore und Drucker ab. Shardeys Freunde bringen ihm kofferweise Geräte nach Ghana, «aus Europa, den USA, China und Dubai», sagt er. Die Händler sind oft Ghanaer, die im Ausland leben, aber auch Nigerianer, Chinesen und Libanesen. Die Fotos der Geräte kursieren teilweise schon vor der Ankunft in WhatsApp-Gruppen, TikTok-Videos, auf Facebook. «Ich kaufe meistens von einem
500m+
28
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
29
Student:innen, Arbeiter:innen, Familienväter: Am Elektronikmarkt an der Tip Toe Lane deckt sich die Mitte von Ghanas Gesellschaft mit gebrauchten Smartphones und Laptops ein.
500m+
30
Es herrscht hohe Arbeitslosigkeit und zum Fussballprofi reicht es den wenigsten: Der Handel mit gebrauchten Handys ist für viele in Accra der Plan B, vielleicht sogar bloss Plan C.
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
31
In den Auslagen und Vitrinen stapeln sich Laptops und Telefone: Die meiste Ware gelangt über Ausland-Ghanaer, Libanesen und Chinesen ins Land. Ein Sticker soll belegen, dass die Geräte getestet wurden und funktionieren.
Auch Steve Jobs musste Rückschläge hinnehmen: Die Händler an der Tip Toe Lane träumen von Häusern, Autos und Reisen – und sind froh, wenn das Geld für Miete, Schulgebühren und das Essen für die Familie reicht.
500m+
32 Libanesen auf WhatsApp», sagt Shardey, «oder drüben in der American Mall.» Auf den meisten Handys und Laptops in seiner Auslage klebt ein Sticker: getestet, hundert Prozent funktionstüchtig. Dieser Sticker muss da sein – eigentlich.
Aus Europa gelangt immer wieder illegal Elektroschrott nach Ghana. Das haben Untersuchungen und Recherchen gezeigt, bei denen defekte Geräte mit Peilsendern versehen wurden.
Handys und Laptops, die noch ver wendet werden können, passieren die Grenzen ohne Bewilligung – sei es als Spenden oder als Handelsware. Aber auch diese haben oft nur noch eine kurze Lebensdauer.
Der Weg nach Ghana führt über illegale Netzwerke – und legale Spenden Gemäss der Basler Konvention, die fast alle UN-Mitgliedsstaaten ausser den USA ratifiziert haben, dürfen nur Geräte nach Ghana eingeführt werden, die von den Exporteur:innen erfolgreich getestet wurden. Offiziell kommen jährlich rund 150’000 Tonnen gebrauchte Geräte nach Ghana, darunter viele unbrauchbare. Illegale Lieferungen werden selten entdeckt: Der Zoll in Europa kümmert sich mehr darum, was reinkommt, für den Zoll in West afrika ist es «bekanntermassen schwierig», Elektroschrott zu identifizieren. Ermittlungserfolge der Behörden sind selten. Doch immer mal wieder gewähren sie Einblick in eine versteckte Unterwelt: 2023 nahmen die spanischen Behörden 43 vermutliche Mitglieder eines Netzwerks fest, das mithilfe offizieller Recycling-Firmen rund 5000 Tonnen Elektroschrott – das entspricht 200 LKW-Ladungen – über die Kanaren nach Westafrika geschmuggelt haben soll. Solche Netzwerke sind nicht nur in Spanien aktiv. Untersuchungen, bei denen Elektroschrott mit Peilsendern versehen wurde, zeigten: auch aus Deutschland und Frankreich gelangt Elektroschrott illegal nach Ghana – und damit aus den beiden Ländern, in die Schweizer Elektro- und Elektronikabfälle grossmehrheitlich exportiert werden. 2024 überquerten rund 1100 Tonnen unbrauchbare Gebrauchtelektronik die Schweizer Grenze ins Ausland. 31’100 Tonnen waren es, wenn nicht nur ganze Geräte, sondern auch Einzelteile wie Kabel und Platinen berücksichtigt werden. Der Grossteil davon dürfte ordnungsgemäss weiterverarbeitet werden. Doch ein Teil landet auch in den illegalen Exportströmen. Sechs Prozent der mit GPS getrackten Lieferungen verliessen Europa illegal in Richtung Afrika und Asien. Kommt hinzu: Die Behörden erfassen nur den Export von Geräten, die nicht mehr funktionieren. Solche, die noch verwendet werden können, können die Grenzen ohne Bewilligung als Spende oder Handelsware überqueren, obwohl auch diese oft nur noch eine Lebensdauer von wenigen Jahren haben. Auch Schweizer Organisationen schicken LaptopSpenden nach Ghana.
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
33
In seiner Höhle wechselt der Reparateur Enoch (l.) Bildschirme, Kameras und Handy-Akkus in Serie. Um die Geräte wieder zum Laufen zu bringen, umgeht er auch das eine oder andere Sicherheitsfeature der Hersteller.
Rund 8 Millionen Handys sollen unbenutzt in Schweizer Schubladen verstauben. In Ghana unvorstellbar: Hier werden gebrauchte Geräte repariert und weiterverkauft.
500m+
34
Was bedeutet eigentlich TV-Recycling? In vielen Fällen, dass Schrotthändler Fernseher gleich containerweise von Europa nach Ghana verschiffen. Dort landen sie zum Beispiel in der TV-Hochburg Lapaz.
In Lapaz nennen sie ihn einfach «Doktor», seine Patienten sind defekte TVs. An einer «Operation» verdient er ungefähr 100 Franken, seine Patienten kommen aus Europa und gehen ihm nie aus.
ELEKTROSCHROTT IN GHANA Ein paar Schritte tiefer im Gewimmel der Tip Toe Lane tastet Enoch nach seinem Feinmechanik-Schraubenzieher, um den Bildschirm eines Smartphones auszuwechseln. Der Reparateur durchwühlt mit seinem linken Zeigefinger die Halterungen, Kamerateile und Platinen vor ihm. Zehn Minuten braucht er für diesen Auftrag. Kosten: 50 Cedis, 3.50 Franken. Auch wenn er an manchen Tagen gar keine Arbeit habe, komme er auf etwa 500 Cedis pro Woche, 35 Franken. «Damit kommt man durch», sagt Enoch lässig. Er schraubt flink weiter, blickt prüfend, schraubt. «Komm», sagt er nach der erfolgreichen Reparatur und führt mich zum hinteren Treppenhaus einer Mall. Enoch muss sich bücken, um hinter eine versteckte Schwingtüre zu gelangen. Dahinter befindet sich eine Werkstatt, mehr Höhle als Raum: Zwei Kollegen, ein Mac auf dem einen Schreibtisch, ein Laptop und ein Mikroskop auf einem anderen. Die Luft hier unten ist angenehm kühl, irgendwo muss eine Klimaanlage laufen. Was Enoch zeigen möchte: Während draussen in der Hitze die «einfachen» Reparaturen für die Massen geschehen, wird hier im Labor gezaubert. Einer seiner Kollegen führt vor, wozu die Reparateure fähig sind: Mit einem Spezial gerät prüft er, ob das gebrauchte iPhone in seiner Hand erkennt, dass sein Akku soeben gewechselt wurde. «No repair cable detected», kein Reparaturkabel gefunden, steht auf dem Display. Daneben das Piktogramm einer Batterie: «100 Prozent». Niemand scheint sich gross zu freuen, der Vorgang ist Routine. Enoch ist mit der Elektronik aufgewachsen. Auch weil der Plan der ghanaischen Regierung in den frühen 2000ern aufzugehen schien: Secondhand-Elektronik strömte massenweise aus aller Welt ins Land. Hatte Ghana im Jahr 2000 noch kein einziges Internetcafé, zählte es zwei Jahre später bereits mehr als 600. Accra wurde zur Heimat eines der ersten Supercomputer Afrikas. Doch mit den Geräten kam auch der Müll. Defekte Computer, Drucker und Kühlschränke, die als Spenden oder funktionierende Gebrauchtware deklariert wurden. Die Basler Konvention verbot solche Exporte zwar und war bereits in Kraft, doch an lokalen Kontrollen und Regularien fehlte es fast vollständig. LAPAZ Operationen unter freiem Himmel Der Mann, den alle nur «Doktor» nennen, arbeitet 30 Minuten nördlich der Tip Toe Lane im Viertel Lapaz. «Die kommen frisch aus Grossbritannien», sagt er vor dem Verschlag, in dem er Flachbildfernseher lagert. Hier reiht sich Lager an Lager. Ist seines beinahe leer, bestellt der Doktor neue Ware in Europa. Er greift sich einen neu angelieferten TV, legt ihn unter einem Vordach mit dem Display nach unten auf einen Plastiktisch, dem man gerade noch ansieht, dass er einmal weiss war.
35 Der Doktor greift zu seinen Instrumenten, schraubt die kantige Plastikverschalung ab, steckt ein Kabel ein, hebt den Patienten an, um seine Funktion zu überprüfen: Nichts. Das Display bleibt schwarz. Er schraubt am Mainboard herum, dem Gehirn des Smart-TV, an der Platine zur Bildverarbeitung, dem Nervensystem. Diagnose: Das Gehirn funktioniert, doch seine Informationen werden nicht richtig übermittelt. Eingriff: Transplantation der Bildverarbeitungsplatine. Wenige Minuten Schraubenzieherarbeit später funktioniert der Fernseher wieder tadel los. «Die Geräte sind bedeutend einfacher zu reparieren als früher», sagt der Doktor, der seit 25 Jahren im Geschäft ist und mit umständlichen Röhrenfernsehern angefangen hatte. Heute wollen alle einen Smart-TV. Etwa 1500 Cedis, 100 Franken, kostet ihn das Stück. Für rund 2500 bis 3000 Cedis kann er es verkaufen – sofern es funktioniert. Das heisst auch: Der Doktor kauft Ware, die nur ins Land kommen dürfte, wenn sie formell recycelt wird: Die Fernseher in seinem Lager sind ungetestet. «Von 20 Geräten funktionieren etwa sieben», sagt er. Die anderen 13 versucht er zu reparieren, bei mindestens einem lautet die Diagnose jedoch: Nicht zu retten. Für 100 Cedis, 7 Franken, kann er diesen noch verscheppern. Der Doktor bringt den reparierten TV zurück ins Lager. Beiläufig zeigt er auf einen Mann mit grünem T-Shirt, der vor dem Lager nebenan auf sein Smartphone starrt. «Aus Grossbritannien», flüstert er. «Meine neue Lieferung kommt von ihm.» Handelsware gibt es auf Facebook Marketplace und bei offiziellen Recyclingstellen Der Mann im grünen T-Shirt heisst Kingsley, ist Ghanaer und führt zwei Leben: Nachts arbeitet er Schicht in einer Fabrik in Oxfordshire, tagsüber handelt er mit Müll. Seine Ware: Alles, was sich günstig in grossen Mengen kaufen lässt, wie gebrauchte TVs, Laptops, Stühle. «Selbst wenn ich hier in Ghana bin, schaue ich, was in Oxfordshire auf dem Markt ist», sagt er, während er durch den Facebook Marketplace scrollt. Kingsley lebt einerseits davon, dass es in Europa oft günstiger ist, Geräte zu ersetzen, als sie zu reparieren. Und andererseits, dass mehr Fernseher, Laptops und Smartphones in immer kürzeren Abständen gekauft werden. Wer wie er die Geräte in Massen nach Ghana bringt, kann verhältnismässig gutes Geld machen. Seine Handelsware findet er dabei nicht nur auf dem Facebook Marketplace, sondern auch bei offiziellen Recyclingstellen. Beide Seiten profitieren: Die Recyclingstellen sparen sich die teure Verarbeitung, bekommen vielleicht sogar noch etwas Geld, Kingsley kommt an seine Ressourcen. «Ich sage den Kund:innen immer, dass die Ware nach Ghana geht. Die interessiert das meistens nicht, solange sie bezahlt werden.» Viermal pro Jahr füllt Kingsley einen Überseecontainer. Anders als die
500m+
36
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
37
Früher spazierten hier Silberreiher, Kormorane und Strandläufer. Heute ist die Lagune von Korle eine Müllhalde, eine Entsorgungshölle, einer der am meisten verseuchten Orte der Welt.
500m+
38 Händler wissen die Menschen, die ihre Fernseher zum Recycling abgegeben haben, nicht, dass ihre recycelte Ware bald um die halbe Welt reisen wird. Drei Wochen ist der Container unterwegs, bevor er den Hafen von Tema, eine Autostunde östlich von Accra, erreicht. Etwa 4000 britische Pfund, rund 4300 Franken, koste ihn der Transport, sagt Kingsley, hinzu kommen 8000 Pfund Einfuhrzoll. Der Gesamtpreis ist in den letzten Jahren angestiegen, wegen der Corona pandemie, den geopolitischen Spannungen und der verschärften Importpraxis Ghanas. Manche sagen, dass die höheren Preise die Menge Elektroschrott reduzieren, die nach Ghana kommt. Kingsley beeinflusst das nicht: «Ich weiss beim Kauf der Ware genau, wie viel ich dafür in Ghana bekomme.» Den anderen Tradern dürfte es ähnlich ergehen.
Der Deutsch-Ghanaer Nana Yaw Konadu arbeitet an seinem Traum: Ein echter Kreislauf von Geräten und Materialien, der allen zugutekommt. Den Ghanaer:innen, den Europäer:innen, der Umwelt.
In der Recyclingbranche gibt es keinen Müll – nur Ressourcen. Wirklich? Auch Nana Yaw Konadu importiert im grossen Stil gebrauchte Geräte nach Ghana, ausschliesslich solche, die noch funktionieren. Der Deutsch-Ghanaer ist der Gründer und CEO von Electro Recycling Ghana, einem der grössten Recycler des Landes. Sein Traum: Ein echter Kreislauf, der allen zugutekommt. Den Ghanaern, den Europäern, der Umwelt. Das Prinzip ist simpel: Recycelte Mate rialien werden im Globalen Norden immer gefragter – auch weil sie immer mehr vorgeschrieben werden. Derzeit würden europäische Firmen diese Materialien grösstenteils aus Asien importieren, sagt Konadu, «eine verpasste Chance». Hört man Konadu erzählen, dann sind es eigentlich zwei verpasste Chancen. Die erste: Europäische Firmen können ihre Altgeräte nach Ghana verkaufen, wo auch noch iPhone 7 oder 8 gekauft werden. Die zweite: Was irgendwann nicht mehr verkauft werden kann, wird recycelt und die recycelten Materialien wie Kupfer und Plastik gehen wieder zurück nach Europa. «Dieser Markt hat riesiges Potenzial», ist Konadu überzeugt. Fast 40’000 gebrauchte Fernseher, Laptops und Smartphones importiert er bereits pro Jahr. Jährlich 15’000 Tonnen Elektroschrott recycelt er in einer Anlage eine Autostunde nördlich von Accra. Unterstützung erhält er dabei nicht nur aus Ghanas höchsten Kreisen, sondern auch von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Der Besuch in der Recyclinganlage fällt kurzfristig aus: Regenzeit, ein verstopfter Abfluss beim Nachbarn, das Gelände steht knietief unter Wasser. Konadu lässt sich von solchen Rückschlägen nicht abhalten. Im Gespräch reiht er einen Superlativ an den nächsten: Die grössten Secondhand-Plattformen, die grössten Elektrorecycling-Initiativen würden sich für seine Pläne interessieren. Aus Deutschland, aus Österreich, aus der Schweiz.
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
An jeder Ecke dieses riesigen Schrottplatzes wird mit Hämmern so lange auf Kühlschränke, Mikrowellen und Klimaanlagen eingeschlagen, bis das wertvolle Kupfer zum Vorschein kommt.
Das in Agbogbloshie gewonnene Kupfer wird ins Ausland verkauft und dort als recyceltes Material in neue Geräte verbaut. Gut möglich, dass es einige Jahre später bereits wieder hier landet.
39
500m+
40
Die Narben zeugen von seinem gefährlichen Job: Burner Boys wie Mohammed Awal schaffen Kabel ans Ufer der Lagune, zünden den Plastik an und halten das Feuer so lange am Laufen, bis nur noch Metall übrig ist.
Während für Kupfer, Eisen und Silber ein Markt besteht, interessiert sich kaum jemand für die Plastikverschalungen. Das soll sich ändern: Inzwischen gibt es Unternehmer:innen, die auch diese Teile recyceln wollen.
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
41 Für ihn ist klar: Das Verschiffen nach Westafrika lohnt sich doppelt. Es verlängert nicht nur die Lebensdauer eines Geräts, sondern steigert auch den Profit. «Fürs Verschrotten in Europa bekommst du vielleicht zwei USDollar pro Gerät, in Ghana bezahlen Menschen für dasselbe Gerät noch 100 Dollar.» Trotzdem würden europäische Firmen zögern, zu gross sei das Stigma rund um Afrika.
Sein Geschäftsmodell beschreibt der Unternehmer Nana Yaw Konadu so: «Fürs Verschrotten in Europa bekommst du zwei US-Dollar pro Gerät, für dasselbe Gerät bezahlen Menschen hier noch 100 Dollar.»
Auch in der Schweiz werden immer mehr Elektronikgeräte verkauft. Und entsprechend immer mehr entsorgt: Die Swico sammelt jedes Jahr rund 130’000 Tonnen ausrangierte Geräte ein.
AGBOGBLOSHIE Hier sieht man die Folgen des Black Friday Mike Akane wäre es am liebsten, wenn gar keine Geräte ins Land kämen. Agbogbloshie ist für ihn die Veranschaulichung davon, was beim Handel mit gebrauchten Elektrogeräten alles falsch läuft. Der Umweltaktivist sieht zwei grundlegende Probleme. Erstens ist es dem ghanaischen Zoll unmöglich, alle Geräte aus einem Überseecontainer zu kontrollieren. Und zweitens überprüft niemand die Geräte, die mit einem Sticker versehen sind, auf dem «getestet» steht. Kommt hinzu: «Absolut jeder kann einfach einen solchen Sticker anbringen.» Rund 20 Prozent der nach Ghana verschifften Elektrogeräte müssen vor dem Verkauf repariert werden, weitere 15 Prozent landen direkt auf einem formellen oder informellen Schrottplatz. Die Situation hat sich derweil verbessert. Gemäss einer Untersuchung waren 2009 rund 70 Prozent der 215’000 Tonnen eingeführter Elektrogeräte kaputt. Akane geht über den Zwiebelmarkt an der Hauptstrasse von Agbogbloshie, biegt vor der Lagune links ab und bleibt auf einer Müllhalde stehen. Neben ihm türmen sich die Plastikverschalungen von grauen Monitoren, weissen Klimaanlagen und schwarzen Fernsehern. Unter seinen Schritten knirscht Glas von zerbrochenen Displays. Akane spricht von westlichem Überkonsum, von der künstlich verkürzten Lebensdauer von Elektrogeräten, von der Wegwerfgesellschaft rund um den Black Friday. Auch in der Schweiz werden immer mehr Elektronikgeräte verkauft. Und immer mehr entsorgt. Alle zwei bis drei Jahre wollen Konsument:innen in der Schweiz ein neues Smartphone, Unternehmen tauschen ihre IT in ähnlichen Abständen aus; ökologisch macht das wenig Sinn. Die Swico hat in den letzten 30 Jahren rund eine Million Tonnen Elektronikgeräte eingesammelt. Rund 130’000 Tonnen kommen jährlich hinzu. Jacob lebt mit drei Geschwistern in einem Zimmerchen irgendwo im Labyrinth der informellen Siedlung von Agbogbloshie. Wenn es regnet, was es während der Regenzeit oft und kräftig tut, tropft das Wasser von der Decke. Der Trampelpfad vor dem Zimmer wird mit Regenwasser und Schlamm geflutet. Jacob findet Agbogbloshie «wirklich schrecklich», es ist einer der meistverseuchten Orte der Welt. Die erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, erhalten die Babys hier schon mit der Muttermilch; drei von vier Bewohner:innen haben krankhaft hohe Bleiwerte im Blut.
500m+
42
Was bedeutet Karriere in Agbogbloshie? Burner Boy Mohammed Awal zum Beispiel träumt davon, sich eine Industriewaage zu kaufen und den ungesündesten Job auf dem Schrottplatz hinter sich zu lassen.
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
Das Arbeitsgerät der Zwischenhändler: eine Industriewaage. Eisen und Kupfer werden nach Gewicht angekauft und dann als recyceltes Material vor allem an Chinesen und Inder, aber auch an Europäer weiterverkauft.
43
500m+
Mike Akane mustert einen Sticker auf einem ausrangierten Monitor. Immer wieder findet der Umweltaktivist auf Geräten die Namen von europäischen Universitäten, Bibliotheken und IT-Firmen.
44 Jacob möchte vor allem eines: weg hier. Dazu ist er auf den gebrauchten HP-Laptop ebenso angewiesen, der in der Ecke des Zimmers steht, wie auf den Schrottplatz auf der anderen Seite der Lagune. Ohne den Laptop, den ihm seine Mutter vor vier Jahren für 2000 Cedis, 135 Franken, gekauft hatte, könnte er nicht an der Universität studieren. Ohne die Arbeit auf dem Schrottplatz, bei der er den Magneten eines ausgemusterten Lautsprechers hinter sich herzieht, um Eisenstückchen vom Boden zu sammeln, könnte er finanziell nichts zu seinem Studium beitragen. Der Laptop ist langsam, die Arbeit gefährlich, «doch ich habe keine Wahl», sagt Jacob. Auf dem Schrottplatz bückt sich der Umweltaktivist Akane und mustert einen Sticker auf einem Monitor. Immer wieder finde er auf Geräten die Namen von europäischen Unis, Bibliotheken und IT-Firmen. Hin und wieder schickt er diesen eine E-Mail: «Wussten Sie, dass Ihre Drucker, Ihre Monitore, Ihre Computer auf einem Schrottplatz in Ghana gelandet sind?» Zum Beispiel an eine Universität in den Niederlanden. «Sie konnten es nicht glauben. Sie sagten, sie hätten die Geräte an eine Recyclingfirma gegeben.» Sie glaubten, alles richtig gemacht zu haben. Endstation war jedoch kein Recyclinghof in Amsterdam, sondern ein Schrottplatz in Accra. Obwohl: Das stimmt nicht ganz. Die Bestandteile der Geräte leben weiter. An jeder Ecke wird hier so lange mit Hämmern auf Kühlschränke, Mikrowellen und Klimaanlagen eingeschlagen, bis das begehrteste Material des Schrottplatzes zum Vorschein kommt: Kupfer in Form von Kupferspiralen, Kupferdrähten, Kupferwicklungen. Verbrannter Plastik, schwarzer Rauch, vernarbte Körper Der Burner Boy Mohammed Awal trägt eine rituelle Narbe unter seinem rechten Auge, sie erzählt von seiner Herkunft aus dem verarmten Norden. Unzählige weitere Narben, verstreut über Beine, Arme und Hände, erzählen von einem Leben harter Arbeit. Sein Job besteht darin, Kabel ans Ufer der Lagune zu bringen, den Plastik anzuzünden und das bläuliche Feuer so lange zu hüten, bis nur noch das Metall übrig ist. In der brütenden Mittagssonne steht er keinen Meter von den Flammen entfernt und versucht, so wenig wie möglich vom dichten schwarzen Rauch abzubekommen. Es ist einer der ungesündesten Jobs auf dem ganzen Schrottplatz. Schneidet sich Awal, riskiert er, an Tetanus zu erkranken, bei jedem Feuer setzen sich die Partikel des verbrannten Plastiks in seinen Atemwegen fest. Schon ein paar Minuten neben den Flammen und es beginnt, im Hals zu kratzen. Sind die Flammen erloschen, kühlt Awal das Kupfer mit Wasser und schmeisst es auf einen Haufen: ab zu einer der zahlreichen Wägestationen. 55 Cedis zahlt der verantwortliche Nigerianer pro Pfund Kupfer, 3.50 Fran-
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
45
Agbogbloshie wird auch Sodom und Gomorra genannt. Und doch ist der Schrottplatz Zufluchtsort: Im Slum rundherum leben rund 15'000 Menschen, die grösstenteils aus dem verarmten Norden Ghanas gekommen sind.
500m+
46
Früher kam er als Vogelbeobachter in die Lagune von Korle, heute engagiert er sich für die Umwelt: «Alle Elektrogeräte, die ins Land gelangen, landen früher oder später hier», sagt Mike Akane, «auch jene aus der Schweiz.»
ELEKTROSCHROTT IN GHANA
2021 räumte die Armee den Schrottplatz. Das Recycling und damit das Problem verlagerte sich zuerst in das Wohngebiet nebenan. Und kehrte kurz darauf zurück auf das geräumte Gelände.
47 ken. Der grösste Teil des Geldes gehört nicht Awal, sondern seinem Auftraggeber, der den Elektroschrott gekauft hat. Für einen Cedi mehr pro Pfund kann der Nigerianer das Kupfer an seine Kunden, Chinesen, Inder, Europäer, weiterverkaufen. Das in Agbogbloshie gewonnene Kupfer wird dort wieder in Geräten verbaut, die irgendwann vielleicht wieder hier landen, auf dem Schrottplatz an der Lagune von Korle. Awal verdient als Burner Boy genug, um seiner fünfköpfigen Familie eines der winzigen Zimmer in der Siedlung mieten zu können – doch nie genug, um aufzusteigen oder wegzukommen. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter? Selbst Kupfer, Aluminium oder Eisen wiegen zu können. Doch: «Dafür brauchst du eine dieser Industriewaagen», sagt Awal. «Und dafür brauchst du Kapital.» Awal lebt für die Zukunft seiner Kinder. «Ich möchte auf keinen Fall, dass sie hier bleiben müssen.» Nicht nur für Mike Akane, den Umweltaktivisten, ist klar: Einen Ort wie Agbogbloshie, den selbst die Bewohner:innen schon mal mit Sodom und Gomorra vergleichen, sollte es nicht geben. Die Regierung hat den Schrottplatz 2021 von der Armee räumen lassen. Das Recycling und damit das Problem verlagerte sich zuerst in das Wohngebiet nebenan und kehrte wenig später wieder zurück auf das geräumte Gelände. Die Menschen hier sind auf die Arbeit angewiesen. Wie Jacob, der Student, wie Awal, der Burner Boy, sind sie gefangen in einem Widerspruch. Sie wollen nicht hier sein, weil sie wissen, dass es gefährlich ist. Doch sie müssen hier sein, um zumindest ein kleines bisschen Geld zu verdienen. Mike Akane setzt sich in ein Taxi und fährt zurück in Richtung Stadtzentrum. Lange schweigt er, bevor er schliesslich sagt: «So funktioniert unsere globale Wirtschaft.» Er klingt resigniert. Ändern, davon scheint er immer mehr überzeugt, wird sich daran so schnell nichts.
500m+
48
180 → 400 ZB Daten pro Jahr (heute → in zwei Jahren)
945 TWh Stromverbrauch von Rechenzentren pro Jahr
So viel Datenmüll!
Social-Media-Beiträge, Werbemails, minutenlange Konzertmitschnitte, Katzenvideos oder Schminktutorials. Vieles, was mal aus mehr oder weniger gutem Grund erzeugt wurde, bleibt gespeichert, obwohl es längst nicht mehr gebraucht wird. Dieser Datenmüll liegt auf Servern, verbraucht Strom und produziert CO2. Insgesamt entfallen ungefähr 1,5 Prozent des weltweit verbrauchten Stroms auf Rechenzentren, bis 2030 soll der Anteil auf 3 Prozent steigen. Geschätzter Energieverbrauch: 945 Terawattstunden.
Das Wachstum der weltweiten Datenmenge – und damit der Stromverbrauch – ist ungebrochen. Doch bei weitem nicht alles, was gespeichert wird, ist sinnvoll.
DATENMÜLL
49
1,5 → 3 % Anteil am weltweiten Stromverbrauch (bis 2030)
50 % aller Unternehmens daten bleiben ungenutzt
Künstliche Intelligenz ist bezüglich Datenmüll Hoffnung und Gefahr zugleich. Gefahr, weil sie es ermöglicht, massenhaft neue Inhalte zu erzeugen – und damit neuen Datenmüll. Heute entstehen pro Jahr etwa 180 Zettabyte an Daten, in zwei Jahren sollen es gemäss Schätzungen fast 400 Zettabyte pro Jahr sein. Ein Zettabyte entspricht 1 Billion Gigabyte, also 1’000’000’000’000 Gigabyte.
Die Hoffnung wiederum besteht darin, dass KI Unternehmen helfen kann, ihre Daten besser zu struk turieren. Bisher klappt das bei vielen eher schlecht als recht: Etwa die Hälfte der Daten bleibt ungenutzt, 90 Prozent der Unternehmen bekunden Mühe, sie sinnvoll auszuwerten – und manchmal ist die Existenz der Daten nicht mal bekannt. Weil sie potenziell nützlich sind, spricht man bei Unternehmen übrigens nicht von Datenmüll, sondern von «Dark Data». Der nüchterne Ausblick: Private werden sich in ihrem Datenverbrauch kaum zügeln. Grösser ist die Hoffnung bei den Unternehmen, für die der Umgang mit Daten zunehmend zu einem relevanten Kostenfaktor wird.
Dark Data: Anteil Rechenzentren:
https://zipdo.co/dark-data-statistics/ https://www.heise.de/news/KI-laesst-Strombedarf-steigen-Rechenzentren-verbrauchen-2030-doppeltso-viel-10347139.html
500m+
50
Was tickt da in der Ostsee? Nach dem Zweiten Weltkrieg versenkten die Alliierten tausende Tonnen Munition und Waffen vor den Küsten der Ostsee. Dort, wo sich Menschen erholen und Tiere leben, tickt eine Zeitbombe. Text: Elisabeth Krainer Fotos: Kaja Grope
Wenn das Wort Ostsee fällt, erscheint vor dem geistigen Auge ungefähr dieses Postkartenidyll: Strandabschnitt Kalifornien, östlich der Kieler Förde.
MUNITION IN DER OSTSEE In diesem Kalifornien ist die Welt noch in Ordnung. Statt Santa Monica gibt es spröde Ostseeidylle, im Blick nichts als Meer, vielleicht noch das ein oder andere Containerschiff, so klein am Horizont, als könnte man es mit dem Zeigefinger wegschnipsen. Der Strand, un gefähr eine Stunde Busfahrt östlich von Kiel, hat nichts mit seinem Namenspatron zu tun. Angeblich stammt der Name von einem angeschwemmten Schiffsteil. Das norddeutsche Kalifornien liefert diese Art von Postkartenmotiv, das einem sofort die Synapsen streichelt, wenn das Wort Ostsee fällt. Familien, Rentner:innen, Sportler:innen zwischen Strandkörben, während der Wind durchs Dünengras fegt, alles ist gut, nichts tut weh. Etwa drei Kilometer westlich von Kalifornien liegt das Seegebiet Kolberger Heide, eine sogenannte Verklappungszone. Als Nazideutschland im Mai 1945 kapitulierte, mussten die Alliierten Lösungen für die Millionen Tonnen an intakter Munition finden. Die Briten hatten Sorge vor einem Partisanenkrieg, würden die Waffen nicht entsorgt. Die einfachste Lösung: Munition ins Meer. Das war günstig und ging schnell. Dass die Kampfmittel der Umwelt schaden könnten, war in den Nachkriegsjahren zweitrangig, ausserdem war es weltweite Praxis, Waffen und Müll im Meer zu versenken. Küstenländer, die im 20. Jahrhundert in Kriege verwickelt waren, sind damit bis heute belastet. Der Gedanke dahinter: Schädliche Stoffe wie TNT, Senfgas oder Phosphor würden sich durch die gigantischen Wassermassen verdünnen und irgendwann auflösen. Das sollte auch für Atommüll gelten. Ab 1946 versenkten die USA, Grossbritannien, die Schweiz und die Sowjetunion Fässer mit radioaktivem Material in den Weltmeeren. Verboten wurde die Praxis erst 1994 durch die Londoner Konvention zum Schutz der Meere. Das Versenken von Kriegsmunition wurde schon 1975 untersagt. Die grosse Frage: britisch oder sowjetisch deponiert? Torpedos, Granaten, Seeminen, Panzerfäuste: Insgesamt wurden in Nord- und Ostsee rund 1,6 Millionen Tonnen Munition abgeladen. Auch V1-Flugkörper liegen seit etwa 80 Jahren unter Wasser. Jeder Einzelne dieser Marschflugkörper fasst etwa 850 Kilo des Sprengstoffs TNT. In der Ostsee liegen insgesamt rund 300’000 Tonnen verschiedenster Kampfmittel. Das meiste davon ist deutsche Munition, die zwar intakt ist, deren Zünder die Alliierten vor der Versenkung zum Teil aber entfernten. Im Wasser liegen auch Blindgänger der Alliierten, die abgeschossen oder für sichere Landungen abgeworfen wurden, aber nicht explodierten. Im Küstenland Mecklenburg-Vorpommern, der ehemals sowjetischen Besatzungszone, wurden die Waffen nach dem Krieg ohne Aufzeichnungen und Pläne ins Meer gekippt. In Schleswig-Holstein lief das anders: In ordentlich britischer Manier, sortiert nach Marineoder Landwaffen, Kleinmunition in Holzkisten und Grosskaliber. Allein in der Kolberger Heide
51 vor der Kieler Förde sind es etwa 30’000 Tonnen. Nicht einmal zwei Kilometer vom nächsten Strand entfernt, zum Teil in nur zehn Metern Tiefe. Sie rosten. In der Kieler Förde erinnert nichts an Bomben und Zerstörung. Die Seewege in der schmalen Bucht, die ins Herz der Küstenstadt ragt, sind stark befahren, Fähren, Segelboote, wolkenkratzerhohe Kreuzfahrtschiffe teilen sich das Wasser. Im Juni zeigte sich in Heikendorf an der Förde, was unter der Wasserober fläche schlummert. «Es sah aus wie ein Stück altes Brötchen», sagt Sylvia Soggia. Sie ist die erste Vorsitzende der Heikendorfer See badeanstalt: ein kleiner Schwimmverein mit Badestelle. Ein u-förmiger, betonierter Steg mit Holzbänken, weissen Plastikstühlen und einer Metallrutsche ragt dort ein paar Meter ins Wasser. Sylvia Soggia, selbst Schwimmerin, liebt diesen Ort, die kleine Hütte mit Garderoben, einem Kiosk, der beachtlichen Sammlung quietschbunter Schwimmtierchen. Einer der Rettungsschwimmer wollte das Brötchen-Ding wieder ins Wasser kicken, als es über den Beton des Stegs rollte, wurde es zum Feuerball. Da war klar: Das ist weisser Phosphor. Verwendet in chemischen Kriegswaffen, vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg. Unter Wasser ist Phosphor über Jahrzehnte beständig, es bleibt hochgiftig. In sauerstoffarmen Gewässern
Entschärftes Anschauungsmaterial: Weltkriegsbomben, die vom Meeresgrund geborgen wurden.
500m+
52 kann es Phosphin freisetzen, tödlich für Fische und andere Meereslebewesen. Trocknet weisser Phosphor, genügt Körpertemperatur, damit er sich entzündet. Für die Seebadeanstalt war es das erste Mal, dass Kampfmittel auf ihrem Steg landeten, der sonst zum Schwimmen, Spielen, Entspannen genutzt wird. «Wir hatten keine Gäste, wir steckten in den Vorbereitungen für die Saison. Unsere Rettungsschwimmer:innen haben mit dem Kick ins Wasser instinktiv richtig gehandelt», sagt Soggia. Als der Phosphorklumpen Richtung Strand trieb, sammelten sie ihn in einem Eimer mit Wasser ein und riefen die Polizei, dann den Kampfmittelräumdienst. Ohne die Feuershow hätten sie den Phosphor nicht erkannt. Der Verein schickte Fotos per E-Mail herum, damit alle Bescheid wissen, was im Zweifelsfall zu tun ist. Der Klumpen in der Badeanstalt war eher gross und unförmig, nichts, was man aufheben und einstecken würde. Schwieriger sind kleinere Funde: Viele Strandbesucher:innen verwechseln sie mit Bernstein, sammeln die Klümpchen, stecken sie in Taschen. «Und plötzlich brennt deine Hose», sagt Soggia.
Von Anstalt ist hier keine Spur: Sylvia Soggia im Badehäuschen der Seebadeanstalt Heikendorf.
Konrad Fischer auf der «Maria», mit der er schon Seeminen aus der Ostsee gezogen hat.
Zonen, in denen nichts mehr wächst und nichts mehr lebt Die Bedrohung durch die Munitionsaltlasten ist subtil. Noch sind die Bomben nicht vollständig durchgerostet, noch tritt wenig Sprengstoff ins Meerwasser aus. «Für mich als Schwimmerin fühlt sich das Wasser immer gleich an», sagt Soggia. Deshalb würden sich Badegäste bisher nicht so sehr um die Munition sorgen, das Bewusstsein sei da, habe aber keinen Einfluss auf ihren Alltag, sagt sie. Was der Mensch nicht sieht, das kümmert ihn nicht – auch wenn es sich um tonnenschwere Kriegsbomben handelt, die dafür gemacht wurden, ganze Landstriche auszulöschen. Tier- und Umweltschutzvereine warnen seit Jahren vor den Folgen, die die Korrosion der Munition nach sich ziehen könnte. TNT ist krebserregend für Mensch und Tier. Plattfische aus Sperrgebieten mit Munition weisen zum Teil heute schon vermehrt Lebertumore auf, auch Muscheln aus kritischen Zonen nehmen die Schadstoffe auf. Neben den Sprengstoffen landen durch die Munition auch Schwermetalle wie Quecksilber, Arsen oder Blei im Wasser. Die Messwerte sind in den Versenkungsgebieten zum Teil erhöht, gefährlich für die Nahrungskette ist das heute noch nicht. Das kann sich mit fortschreitender Korrosion ändern. Sind die Schadstoffe einmal im Meer, lässt sich das nicht mehr rückgängig machen. Als hätte die Ostsee nicht schon genug Probleme: Durch die langsame Umwälzung des Binnenmeers findet wenig Wasseraustausch statt, das Gewässer ist sensibel. Lange wurden Düngemittel und andere Abfälle im Meer entsorgt, die Schifffahrt und die industrielle Fischerei destabilisieren sie zusätzlich. In der Ostsee gibt es Todeszonen. Dort wächst und lebt: nichts. Warum holt man nicht zumindest die Bomben da raus, bevor Sprengstoff im Wasser und
MUNITION IN DER OSTSEE unserer Nahrungskette landet? Die kurze Antwort: Es ist kompliziert. Im Meer treffen viele Interessensgruppen aufeinander, die alle von der See leben. Die Schifffahrt, der Tourismus, Wassersportler:innen, Fischer:innen, Politiker:innen, die in den letzten Jahren Transportwege übers Wasser immer häufiger als poli tisches Werkzeug eingesetzt haben, oder Menschen, die einfach ungestört auf den Horizont starren wollen, ohne dabei an Weltkrieg und Bombenhagel zu denken. Das macht es schwierig, sich nicht in Einzelinteressen zu verlieren. Dazu kommt das Recht: Grundsätzlich ist kein Küstenland dazu verpflichtet, Munition aus dem Meer zu bergen. Sind die Bomben erst mal durchgerostet, wird die Katastrophe eine reale Möglichkeit. «Wir können nicht sicher sein, dass die Messwerte von TNT so hoch werden, dass sie wirklich Probleme machen», sagt Dr. Aaron Beck vom Kieler Forschungsinstitut GEOMAR. «Aber ausschliessen können wir es auch nicht.» Das rostrote Gebäude aus Cortenstahl, in dem Beck arbeitet, ähnelt dem Bruchstück einer See mine, die er in der Lagerhalle gegen die Mittagssonne hält. Gemeinsam mit weiteren Forschungsgruppen arbeitet der Chemiker daran, das geplante Bergungsprojekt voranzutreiben. Wichtig war aus seiner Sicht vor allem der Schritt des Kartografierens und Sichtbarmachens in den letzten Jahren: Wer sieht, wie die Bomben am Meeresboden langsam zum künstlichen Riff werden, Seesterne, Algen und Fische um die Sprengköpfe wachsen und kreisen, dem wird das Paradox erst klar. Waffen, die maximal zerstören sollen, eingebettet in das Stück Natur, das Menschen sehnsüchtige Seufzer entlockt und Smartphone-Screens schmückt. Beck hat die letzten drei Jahre ein mobiles Wasseranalysegerät entwickelt, um TNT und andere Sprengstoffe im Meer zu messen. Mit dem Erforschen, Dokumentieren und Analysieren seien sie schon recht weit. «Jetzt geht es ums Machen.» Überraschungen an Stellen, die als sauber gelten Also rausholen, wegbringen, weiterbaden? Vor allem Fischer haben seit Jahrzehnten immer wieder Munition im Netz, von Unfällen ist wenig bekannt. Einer dieser Fischer ist der 78-jährige Konrad Fischer aus Heikendorf. Er fährt heute noch mit seinem 90 Jahre alten Kutter «Maria» raus auf die See. Fischer kennt das Zeug am Meeresgrund, das grosse und das kleine. «Damit hat man nichts als Ärger», erzählt er, während er Klarschiff auf seinem Fischbratkutter «Elke» macht, von dem er samstags und sonntags Fischbrötchen verkauft, Bier und Schwarze Sau, einen Lakritz-Schnaps. Die bekannten Verklappungszonen sind eigentlich Sperrgebiet für Fischer. Da früher aber nicht nur in den dafür bestimmten Gebieten Munition von den Briten abgelassen wurde, sondern zum Teil schon auf dem Weg dorthin, gibt es immer wieder Überraschungen an Stellen, die eigentlich sauber sein sollten. Das macht es
53
Explosives Fundstück: Meeresforscher Aaron Beck hält Bruchstücke einer Seemine in den Händen.
In solchen Wasserfiltern bleiben selbst kleinste Spuren von hochexplosivem TNT hängen.
500m+
54
schwer, genau zu benennen, wo wirklich Munition liegt. «Man gewöhnt sich daran», findet Fischer und blättert in einem Fotoalbum, er sucht Fotos von der letzten Seemine auf seinem Kutter, mit über einem Meter Durchmesser. Er erinnert sich, dass es vor Jahrzehnten die Idee gab, Berufsfischer für die Bergung von Munition zu bezahlen. So wie sie in den Nachkriegsjahren bezahlt wurden, um die Munition dort zu verklappen, wo sie jetzt wieder raus muss. Der Vorschlag wurde abgelehnt, zu gefährlich. Ausserdem ist die Bergung von militärischem Sondermüll gesetzlich streng geregelt. Fischer erzählt, dass er mal eine Bombe aus Aluminium an Bord hatte. Er wusste, das Material ist wertvoll, deswegen hat er die Bombe bis zur Hälfte aufgeflext. «Vielleicht wars mutig, vielleicht auch dumm.» Dann hat er doch den Kampfmittelräumdienst gerufen, die «Sprengfuzzis», wie er sie nennt, hätten Augen gemacht. Sprengungen unter Wasser sind extrem schädlich Heute entscheidet vor allem der Kampfmittelräumdienst, was mit einem Bombenfund passiert. Früher habe man Seeminen und Wasserbomben zum Teil unter Wasser gesprengt, erzählt Oliver Kinast, Entschärfer und stellvertretender Leiter des Kampfmittelräumdienstes Schleswig-Holstein im provisorischen Lehr mittellager des Dienstes, einem Raum voller entschärfter, glänzender Bomben. Erst mit den Jahren und durch viel Aufklärungsarbeit von Vereinen wie dem Naturschutzbund NABU wurde klar, dass Sprengungen unter Wasser extrem schädlich für die Tierwelt sind: Ein Schweinswal kann selbst in 30 Kilometern Entfernung an den Folgen einer Explosion sterben, weil sie sein Echolot nachhaltig schädigt. Dass die Munition raus muss, ist für Kinast nicht bloss eine Frage des Umweltschutzes: In der aktuellen geopolitischen Situation sieht er Tonnen von Sprengstoff am Meeresboden als ernste Gefahr. «Ein möglicher Missbrauch von Munition im Meer könnte das subjektive Sicherheitsgefühl der Öffentlichkeit stark negativ beeinflussen und bereits in dieser Weise Schaden verursachen», sagt er. Oliver Kinast ist stark in das aktuelle Bergungsprojekt eingebunden. Die Idee: eine autarke Bergungsplattform auf dem Meer, die selbstständig Munition bergen und in einem sprengsicheren Ofen verbrennen kann. Aktuell werden Kriegswaffen, sofern sie entschärft oder unbezündert sind, nach Munster gebracht, in eine der wenigen Kampfmittelentsorgungsstellen in Deutschland. Gibt es dort Kapazitäten, um 1,6 Millionen Tonnen versenkte Munition zu verbrennen? «Auf keinen Fall», sagt Kinast. Munster sei heute schon mit Funden an Land komplett ausgelastet. In Kinasts Vorstellung funktioniert die Bergung aus dem Wasser irgendwann ohne Munster, und ohne Taucher auch. Bis dahin bleiben viele Fragen offen, das hat die Pilot-Bergung in der Lübecker Bucht 2024 gezeigt: Das Zentrum MUNIMAR wurde ins Leben gerufen, dazu
Von seinem Kutter «Elke» aus verkauft Konrad Fischer jeweils am Wochenende Fischbrötchen.
Fischkutter zur Bombenräumung? Viel zu gefährlich, sagen Fachleute. Blick in den Hafen von Heikendorf.
MUNITION IN DER OSTSEE
55
500m+
56 gehört das GEOMAR, das Landesministerium für Umwelt Schleswig-Holstein und die Industrieund Handelskammer Schleswig-Holstein. Nachdem die Ampelkoalition 100 Millionen Euro Sonderbudget für die Bergung bereitgestellt hatte, wurden daraus Pilotmassnahmen in der Lübecker Bucht finanziert. Warum jetzt, warum nicht schon vor 20, 30 Jahren? Laut Tobias Goldschmidt, Umweltminister von Schleswig-Holstein, liegt der Landesregierung das Thema schon lange am Herzen. Als erstes Bundesland habe Schleswig-Holstein signalisiert, faire finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Jährlich sind das etwa 1,19 Millionen Euro. Land, Bund und Wirtschaft wittern ausserdem ein Geschäft: Verklappte Munition in Meeren ist kein deutsches Phänomen. In Europa sind viele Küstenländer betroffen, und solange es Kriege gibt, wird das Problem global immer wieder auftauchen. Bisher gibt es keine vergleichbare Lösung für Munitionslast in den Weltmeeren.
Oliver Kinast lehrt mit Hilfe von leergeräumten Bomben den korrekten Umgang mit den Sprengkörpern.
Fast täglich auf dem Wasser und dennoch unwissend: Kitesurfer Malte Drauschke an der Ostsee.
Zehntausende Bomben bergen dauert Jahre Ob das Projekt vom wirtschaftlichen Druck profitiert? Da ist Oliver Kinast vom Kampfmittel räumdienst vorsichtig. «Wirtschaftlichkeit bringt natürlich Innovation», sagt er. «Ich halte es für wichtig, dass trotzdem staatliche Stellen ein Auge darauf haben. Unternehmen wollen in erster Linie Gewinn erwirtschaften, das Beseitigen von Gefahren ist allenfalls Nebeneffekt.» Ausserdem sei noch nicht klar, wann das Projekt wirklich startet, wie lange es dauert und wie viel es schliesslich kosten wird. Das Landesministerium verweist bei allen Fragen auf den Bund. «Allein für die Lübecker Bucht, in der 30’000 bis 50’000 Tonnen Waffen liegen, wird das Jahre dauern», schätzt Kinast. Trotzdem ist er optimistisch, dass sich jetzt etwas tut. In den letzten Jahren wurde viel bewegt, um Politik und Gesellschaft klarzumachen, wie gefährlich die Situation ist. Jetzt plötzlich auf die Bremse zu treten, weil es kompliziert wird, ist keine Option. Im norddeutschen Kalifornien kommt Malte gerade vom Kitesurfen, der Wind ist leider ein bisschen zu schwach, er wird von seinem Kiteschirm Richtung Strand gezogen. Malte kommt aus Kiel, arbeitet als Sport- und Spanischlehrer. Er ist an der Ostsee aufgewachsen. Von der Kriegsmunition unter Wasser hat er noch nie gehört. Auch Pauli nicht, seine Freundin, die am Strand auf ihn wartet, während er in kleinen Kunststücken über die Wasseroberfläche fegt. Sie unterrichtet Biologie und Geographie und sagt dennoch: In den Schulen sei das kein Thema. Eben, in diesem Kalifornien ist die Welt noch in Ordnung.
MUNITION IN DER OSTSEE
57
500m+
58
9000 t Weltraumschrott im Erdorbit
100'000'000 Trümmerteile über 1 mm
So viel Schrott im All!
Der Weltraum ist unendlich, und trotzdem wird es in Teilen eng: Es fliegt zu viel Müll umher. In einer Höhe zwischen 200 und 2000 km kreisen über 100 Millionen Objekte grösser als 1 Millimeter um die Erde, 500’000 Teile bis 10 Zentimeter und 25’000 grössere Objekte – Letztere werden getrackt. Insgesamt wird die Masse des fliegenden Weltraumschrotts auf rund 9000 Tonnen geschätzt.
Tonnenweise Weltraumschrott landet jährlich im Meer. Der grösste Teil bleibt jedoch im Orbit, wo er zunehmend zum Problem wird.
WELTRAUMSCHROTT
59
7 km/s Geschwindigkeit kleiner Trümmer
2029 Start der ersten aktiven Aufräummission
Dass die Menge weiter zunimmt, liegt am Boom der Raumfahrt, an Tausenden neuen Satelliten pro Jahr – und am sogenannten Kessler-Effekt: Kollisionen erzeugen zusätzliche Trümmer, die weitere Kollisionen auslösen können. Selbst Kleinteile sind wegen ihrer Geschwindigkeit von bis zu 7 Kilometern pro Sekunde gefährlich. Auf der ISS lässt man darum nichts anbrennen: Sobald die Kollisionsgefahr 1:10’000 übersteigt, weicht die Raumstation aus.
Immerhin: Ein Teil des Weltraummülls verschwindet fortlaufend. Mehrere Hundert Tonnen treten jedes Jahr in die Erdatmosphäre ein, wo sie grösstenteils verglühen, der Rest landet meist im Meer. Nicht alles wird der Zeit überlassen: Grössere Teile werden regelmässig in die Atmosphäre über dem Südpazifik abgesenkt, wo sie verglühen – oder in eine höher gelegene Friedhofsbahn überführt, damit von ihnen weniger Kollisionsgefahr ausgeht. Um den Weltraum langfristig nutzbar zu halten, hilft nur eines: aufräumen. Worüber seit langem geredet wird, soll 2029 endlich beginnen. Das von der europäischen Weltraumorganisation ESA finanzierte Schweizer Start-up ClearSpace hat dafür einen autonomen Greifarm entwickelt, der den Weltraummüll Stück für Stück einsammeln soll.
Weltraumschrott, Anzahl Teile: https://orbitaldebris.jsc.nasa.gov/faq/# (Frage 3) ISS-Ausweichmanöver: https://orbitaldebris.jsc.nasa.gov/faq/# (Frage 8) Eintritt in Atmosphäre: https://www.tagesschau.de/wissen/weltraum/weltraumschrott-ozonschicht-100.html Friedhofsbahn: https://orbitaldebris.jsc.nasa.gov/faq/# (Frage 14) ClearSpace: https://www.esa.int/Space_Safety/ClearSpace-1
500m+
60
Die zweite Chance Selbst in ausgedienten Brennstäben stecken Unmengen von Energie. Warum gelingt es uns nicht, diese zu nutzen, statt sie als Atommüll unter der Erde zu vergraben? Text: Michèle Roten Fotos: Jordi Ruiz Cirera
Auf den ersten Blick wird klar: Die Sache mit der Wiederaufbereitung ist kompliziert. In diesem Raum wird das strahlende Material ferngesteuert aus den Schutzbehältern entfernt.
RECYCLING VON ATOMMÜLL Atomenergie zu nutzen, ist wie mit einem Flugzeug loszufliegen, ohne zu wissen, ob es am Ziel eine Landebahn gibt. Diesen Vergleich zog der deutsche SPDPolitiker Jo Leinen in den Achtzigerjahren. Nun gut, könnte man denken, eine Landebahn lässt sich bauen. Der internationale Konsens – und die Vorstellung der Schweiz – im Moment lautet: Die sicherste und einfachste Variante ist das geologische Tiefenlager. Das Flugzeug landet und bleibt für immer parkiert. Sackgasse. Doch wäre es nicht viel besser, wenn das Flugzeug einfach zwischenlandet? Recycling ist eine Idee, die absolut einleuchtet. Wir trinken aus Glasflaschen, nehmen die alten Flaschen, schmelzen sie ein und machen neue daraus. So wird aus einem Abfall- ein Wertstoff. Die Frage ist naheliegend: Warum machen wir das mit nuklearen Abfällen nicht auch so? Immerhin besteht ein ausgedienter Brennstab immer noch aus rund 95 Prozent Uran. Wie kann es sein, dass wir 2026 zwar das gesamte Wissen der Menschheit in unserer Hosentasche herumtragen, uns aber nichts Besseres einfällt, als nukleare Abfälle in einem grossen, tiefen, teuren Loch zu vergraben? 235 oder 238, Partybeast oder Partykiller Um das zu verstehen, müssen wir nochmal kurz die Schulbank drücken. Um Atomenergie zu erzeugen, braucht es Uran. Uran ist ein recht häufig vorkommendes Erz, silbrig-weiss wie Eisen und sehr schwer, schwerer als Blei. Es heisst Uran, weil es 1789 kurz nach dem Planeten Uranus entdeckt wurde, und auch sonst ist es eine kosmische Angelegenheit: ein Produkt der Verschmelzung von Neutronensternen oder den Supernova- Explosionen sterbender Riesensterne lange vor der Entstehung unseres Sonnensystems. Die Erde wurde also mit einer festen Menge Uran geboren. Für Atomenergie brauchen wir Uran-235 und das kommt nie rein vor, sondern ist immer in Uran-238 eingeschlossen – und macht gerade mal 0,7 Prozent des natürlich vorkommenden Urans aus. Uran-235 ist sehr leicht spaltbar, sprich, wenn ein Neutron auf ein Uran-235-Atom trifft, zerspringt es. Nennen wir es der leichteren Verständlichkeit halber «Party-Uran». Wichtige Kleinigkeit: Das PartyUran mag vor allem langsame Neutronen, die ganz gemütlich angeflogen kommen. Um in der Party-Analogie zu bleiben: Uran-235 steht auf langsame Beats. TechnoTracks, sprich schnelle Neutronen, flitzen einfach durch es hindurch, es zerspringt nicht, kommt praktisch nie in Tanzstimmung. Uran-238 hingegen verleibt sich einige der Neutronen einfach ein, egal ob schnell oder langsam – das Partypooper-Uran, die absolute Spassbremse. In einem Kernreaktor nun wird ein Brennstab, gefüllt mit 95 Prozent Uran-238 und 5 Prozent Uran-235, mit Neutronen beschossen. Das Party-Uran zerspringt, gibt dabei extreme Hitze ab (durch die via Dampfturbine unser Strom entsteht), gleichzeitig fliegen Teilchen weg, die auf andere Party-Atome treffen, welche wiederum zerspringen und so weiter und so fort – stellen Sie sich eine richtig gute Feier vor, bei der die Euphorie ansteckend ist. Der grosse Kater Nach drei bis fünf Jahren ist etwas weniger als die Hälfte aller Party-Atome gespalten, diese liegen müde in der Ecke des Clubs. Was sie hinterlassen haben durch ihren Exzess, ist eine extrem toxische Atmosphäre – im wahrsten Sinne des Wortes: Entstanden sind sogenannte Spaltprodukte, die extrem radioaktiv und sehr heiss sind, allerdings mehrheitlich relativ schnell zerfallen. Bei der Party haben sie irgendwann nur noch gestört und die Stimmung ruiniert. Ihretwegen mochten auch die
61
500m+
62
RECYCLING VON ATOMMÜLL
63
Alleine die Farben sind apokalyptisch: Das gelbe Glas vor der Heissen Zelle in La Hague schützt vor Strahlung. In La Hague wurde früher auch Schweizer Atommüll aufbereitet.
500m+
64 restlichen Party-Urane irgendwann nicht mehr weiter feiern. Dazu gibt es noch sehr viel vom unbeeindruckbaren Partypooper-Uran: Einige von diesen wurden von den herumfliegenden Neutronen getroffen, sie haben sie geschluckt und sind zu Plutonium geworden. Plutonium ist durch seine Alphastrahlung hochtoxisch, ausserdem extrem langlebig und reagiert viel schneller als Uran-235 – es ist der Kokser im Club, der, der einfach nicht will, dass die Party vorbeigeht, und bei jedem Track viel wilder tanzt als alle anderen. Ist doch eigentlich toll: Beim Herstellen von Energie ist also ein Stoff entstanden, der ebenfalls sehr, sehr, sehr viel Energie abgeben kann. Können wir nicht einfach das Plutonium nehmen und damit Kernreaktoren betreiben? Die Antwort lautet: Jein. Nein, weil ein reiner plutonium-betriebener Reaktor durch die extrem hohe Reaktivität kaum zu kontrollieren wäre, denn an der Uran-235-Party gibt es immer ein paar, die etwas länger brauchen, bis sie den Track fühlen, die nicht sofort durchdrehen und damit die Stimmung auf einem kontrollierbaren Niveau halten. Bei Plutonium rasten ziemlich alle pronto aus. Genau deswegen, weil es viel kompakter und «nervöser» ist als Uran-235, eignet sich Plutonium auch prima für Atomwaffen.
Am Ursprung der Schnellen Brüter Jetzt zum Ja im Jein: Dafür reisen wir nach La Hague in der französischen Normandie. Es ist eine traumhafte Gegend: Wilde, unberührte Natur, Steinhäuser, ein Meer, das bei Ebbe eine riesige Wattfläche freigibt und mit gewaltigen Wellen zurückkehrt. In diesem ursprünglichen Idyll steht die weltweit grösste industrielle Anlage für das Recycling von abgebrannten Brennstäben. Betrieben wird der riesige, rund 300 Hektar grosse Komplex vom staatlich dominierten französischen Atomkonzern Orano. In Betrieb genommen 1966, war sein ursprüngliches Ziel ein ganz anderes als das nachhaltig anmutende Atommüll-Recycling: Charles de Gaulle wollte nach dem Zweiten Weltkrieg die französische Atombombe bauen. Für die Force de frappe, das Atomwaffenprogramm, diente La Hague zunächst dazu, Plutonium aus den Brennelementen eigens dafür gebauter Reaktoren zu gewinnen. Diese erzeugten keinen Strom – sondern waffenfähiges Plutonium. Anfang der 1970er-Jahre dann erhielt La Hague eine neue Aufgabe: Ab da wurden hier Brennstäbe aus zivilen
RECYCLING VON ATOMMÜLL Kraftwerken aufbereitet. Allerdings nicht aus Gründen der Nachhaltigkeit, sondern weil man befürchtete, dass mit der Ölkrise und dem Atomkraft-Boom der Siebziger schnell das Uran ausgehen würde. Aber man hatte ja Plutonium!
Die Idee war ziemlich genial: Man nehme den Kokser, packe ihn mit dem im Abfall üppig vorhandenen Partypooper-Uran zusammen, das zerspringende Plutonium liefert Energie und macht aus dem Uran-238 gleichzeitig neues Plutonium. Das geht allerdings nicht mit den herkömmlichen Kernreaktoren, denn die sind wasser gekühlt – aus dem Grund, dass Wasser, neben dem Kühleffekt, die Neutronen abbremst (wir erinnern uns: Uran-235 mag gemütliche Beats). Damit aus dem Partypooper-Uran-238 allerdings Plutonium wird, braucht es einen Techno-Rave. Also wurden sogenannte Schnelle Brüter entwickelt (auf das Konzept werden wir ironischerweise später, bei einem Blick in die Zukunft, nochmals zurückkommen). Schnelle Brüter funktionieren wie ein normales Kernkraftwerk, werden allerdings mit
65
500m+
Im Abklingbecken werden die Brennelemente zwischengelagert und während rund fünf Jahren abgekühlt. Das blaue Licht entsteht, wenn sich geladene Teilchen im Wasser schneller als Licht ausbreiten.
66
RECYCLING VON ATOMMÜLL anderen, weniger abbremsenden Mitteln als Wasser gekühlt, damit das Uran-238 die Neutronen einfängt, um neues Plutonium zu generieren. Erdacht, gebaut: 1973 ging Phénix in Betrieb, 1986 dann Superphénix, damals das absolute Prestigeobjekt der weltweiten Atomindustrie, gekühlt mit flüssigem Natrium. Doch die Ernüchterung kam stante pede: Die Reaktoren hatten chronisch mit Lecks in den Kühlsystemen zu kämpfen. Superphénix erreichte während seiner gesamten zwölfjährigen Laufzeit wegen Natrium-Lecks und technischer Pannen gerade mal an 278 Tagen seine volle Leistung. Ein unkontrollierbares Milliardengrab.
Atommüll aus der ganzen Welt Und so wurde das Zentrum in La Hague zu dem, was es heute ist: eine Mülltrennungsanlage. Dass Recycling hier ernst genommen wird, merkt man schon am Eingang des Bürogebäudes: Da steht ein Karton, wo Brillen, die man nicht mehr braucht, gespendet werden können. Es ist acht Uhr morgens, Menschenmassen strömen in die riesige Anlage des grössten Arbeitgebers der Region. Man steht geduldig an bei den diversen Sicherheitschecks, plaudert fröhlich von Schlange zu Schlange, mit dem Security-Personal oder den Männern von der Feuerwehr – übrigens, wie unser Guide nicht ohne Stolz erwähnt, die einzige in Frankreich, die Waffen tragen dürfe. Nachdem wir uns umgezogen haben, führt er uns durch die Anlage. Vorbei an riesigen, Sci-Fi-Filmanmutenden Steuerungszentren, vorbei an der Cellule de Déchargement, wo die Brennstäbe hinter 1,2 Meter dicken Wänden mit Roboterarmen ausgepackt werden, zum riesigen, türkisblauen Pool, wo sie, mit vier Metern Wasser bedeckt, gekühlt werden. Nach ein paar Jahren werden die Brennstäbe in kleine Stücke zersägt, in kochende Salpetersäure gelegt und dann chemisch in ihre Bestandteile getrennt. Übrig bleiben: Plutonium, Uran, Spaltprodukte. Die Spaltprodukte werden in Glas gegossen und in Behälter verpackt, die kontaminierten Brennstabhüllen gepresst und ebenso in Behälter gefüllt. Das ist der eigentliche Abfall – und da Frankreich nicht den Atommüll anderer Länder behalten darf (oder will), werden diese wieder zurückgeschifft, teils um die halbe Welt, etwa nach Japan. Der französische Teil bleibt in La Hague, bis er ins Endlager Cigéo im Nordosten des Landes kommt, das ungefähr 2050 mit der Einlagerung beginnen soll. Der Schatz, um den es in diesem ganzen Prozess eigentlich geht, bleibt allerdings in Frankreich. Das Plutonium wird im Süden in der Schwesterfabrik Melox zu sogenanntem MOX-Brennstoff verarbeitet. Das ist im Prinzip dasselbe wie das, was in den Schnellen Brütern
67
500m+
68 verwendet wird, allerdings in einem weniger explosiven Mischverhältnis, weshalb es in normalen Reaktoren verwendet werden kann – allerdings immer mit rund 70 Prozent normalen Brennstäben als «Dämpfer».
Die Schweiz und drei grosse Probleme Auch die Schweiz war bis 2006 Kundin dieses Services. Nach einem zehnjährigen Moratorium folgte 2018 mit der Energiestrategie 2050 der endgültige Ausstieg. Die drei Hauptgründe dafür fassen im Wesentlichen die grossen Probleme des Atommüll-Recyclings zusammen. Erstens: Protest von Umweltschutzbewegungen. Beim Recycling entstehen grosse Mengen neuen radioaktiven Abfalls – vor allem aus dem Säurebad, das am Ende des Prozesses zur übelsten, giftigsten Suppe geworden ist, die man sich vorstellen kann, mit einer Einlage hochradioaktiver Spaltprodukte. Natürlich wird sie verdampft, gereinigt, gefiltert, aber am Schluss bleibt trotzdem radioaktives Abwasser übrig. Und das wird aus der Anlage La Hague ins Meer geleitet – nicht direkt an der Küste, sondern via eine Pipeline ein paar Kilometer weiter draussen. Wie schlimm das ist, lässt sich nicht so einfach sagen. Orano betont strenge Grenz werte und permanente Messungen. Die zusätzliche Strahlenbelastung in der Umgebung bleibe nach eigenen Angaben im Bereich von unter zwanzig Mikrosievert pro Jahr – also weniger, als man bei einem Flug von Zürich nach New York abbekommt. Umweltschützer:innen sehen das anders und warnen vor der langfristigen Akkumulation. Hochgefährliche Stoffe wie Cäsium-137, Strontium-90, Iod-129 oder Americium werden von Plankton aufgenommen, das Plankton wird von einem kleinen Fisch gefressen, der kleine Fisch wird von einem grossen Fisch gefressen und der grosse Fisch liegt irgendwann auf einem Teller. Das Problem hierbei ist die schrittweise sich erhöhende Konzentration: Natürlich stecken sehr wenig der gefährlichen Stoffe in einem Plankton. Aber der kleine Fisch frisst viel Plankton. Der grosse Fisch frisst viele kleine Fische. Und der Mensch, nun, der hat einfach Lust auf Fisch, wenn er schon am Meer ist. Unser Seafood-Teller im kleinen und unglaublich malerischen Ort Vauville am Strand gleich neben dem etwas erhöhten La Hague hat prima geschmeckt. Bis uns irgendwann aufgefallen ist, dass wir die einzigen im ausschliesslich von Locals besuchten Restaurant sind, die Fisch essen. Aber das mag natürlich Zufall gewesen sein.
RECYCLING VON ATOMMÜLL
69
Jedes Jahr werden in La Hague mehr als 1200 Tonnen Brennstäbe zerlegt, mehr als 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen sich mit der Wiederaufarbeitung von Atommüll.
500m+
70
RECYCLING VON ATOMMÜLL
71
Markiert das Ende jeder Schicht: Die Kontrolle, dass kein radioaktives Material verschleppt wird. Nach einigen Sekunden gibt die Maschine grünes Licht – wenn sowohl Handflächen als auch Schuhsohlen sauber sind.
500m+
Garderobe in La Hague: Die Schutzanzüge werden nach jeder Schicht aufbereitet, um Kontamination zu verhindern.
72
Harmlose Farben, gefährliches Material: Jede der Kapseln steht für eine Phase im Recycling von radioaktivem Müll.
Immer und überall warnen, kontrollieren, messen und hoffen, dass alles im grünen Bereich bleibt. Ein Handdosimeter und ein Wanddosimeter überprüfen die Strahlenwerte und sollen verhindern, dass radioaktive Kontamination verschleppt wird.
RECYCLING VON ATOMMÜLL
73
Jede Person, die den kontrollierten Bereich der Aufbereitungsanlage betritt, erhält ein persönliches Dosimeter, das über ein codiertes System eindeutig zugeordnet wird. Ein Mitarbeiter überprüft mit einem tragbaren Strahlungsdetektor das Notizbuch unserer Autorin auf radioaktive Kontamination.
500m+
74
«Eine gewisse Skepsis ist bei nuklearen Start-ups auf jeden Fall angebracht», sagt Andreas Pautz. Der Nuklearingenieur ist Leiter des Zentrums für Nukleare Technologien und Wissenschaften (NES) am Paul Scherrer Institut (PSI).
RECYCLING VON ATOMMÜLL Zweitens: Geld. Die Wiederaufarbeitung ist extrem teuer. Viel, viel teurer als das auf dem Weltmarkt billige Uran. Die kurze Panik in den Siebzigern, als man dachte, das Uran sei gleich aufgebraucht, hat sich nach grossen Funden in Kanada gelegt, die Preise sanken. Drittens: Das Problem bleibt dasselbe. Der Restmüll kommt zurück und auch er muss sicher verwahrt werden. Alte Bekannte mit frischem Logo Das ist also der Status quo des Atommüll-Recyclings 2026. Die Realität, das Jetzt. Die Zukunft aber, an der wird gearbeitet. Start-ups, die versprechen, den Kreislauf endgültig zu schliessen und nebenbei unseren extremen Hunger nach Strom für die Digitalisierung zu stillen, schiessen wie Pilze aus dem Boden. Sie heissen zum Beispiel Newcleo, Moltex, Project Omega, Thorizon. Am lautesten ist wohl das US-amerikanische Startup Oklo, mitgegründet von OpenAI-Chef Sam Altman. Oklo plant nichts Geringeres als eine Revolution der Kernenergie. Kleine, kompakte Reaktoren, die dereinst direkt neben KI-Datenzentren stehen und diese mit Strom versorgen sollen. Das Versprechen klingt beinahe biblisch: Aus Atommüll werde Strom. «Turning waste into gigawatts», wirbt Oklo. Gekühlt werden die Reaktoren mit flüssigem Natrium. Genau. Phénix. Superphénix. Und überhaupt kommt einem einiges seltsam bekannt vor. Denn obwohl sich die Start-ups gerne als Disruptoren inszenieren, wirken viele ihrer Ideen wie alte Bekannte mit frischem Logo. Auch Professor Andreas Pautz vom Paul Scherrer Institut sieht den Neuigkeitswert einiger Konzepte eher nüchtern. «Es steckt natürlich viel Marketing dahinter», sagt er. «Eine gewisse Skepsis ist bei einigen nuklearen Start-ups auf jeden Fall angebracht.» Der Nuklearingenieur ist Leiter des Zentrums für Nukleare Technologien und Wissenschaften (NES) am Paul Scherrer Institut (PSI) im Aargau. Das PSI ist das grösste Forschungs institut für Natur- und Ingenieurwissenschaften in der Schweiz. Es gehört zum ETH-Bereich und betreibt mit rund 2300 Mitarbeitenden Spitzenforschung in den Bereichen Zukunftstechnologien, Energie und Klima, Health Innovation sowie Grundlagen der Natur. Als nationales Kompetenzzentrum der Schweiz für Kernenergieforschung und nukleare Sicherheit liefert es die wissenschaftliche Basis für deren Sicherheit und die zukünftige Kerntechnik – in Zusammenarbeit mit der Nagra erforscht es das chemische und physikalische Verhalten von nuklearem Material im tiefen Untergrund, damit das Endlager sicher ist. Andreas Pautz ist genau der Richtige, um zum Schluss noch einmal den Überblick über die Recycling-Frage zu gewinnen. Nicht alle Start-ups, die behaupten, Atommüll recyceln zu können, überzeugen ihn also so richtig. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Idee zwangsläufig scheitern muss. Schliesslich sind in Russland schon seit Jahrzehnten natriumgekühlte Reaktoren in Betrieb. Gibt es denn Start-ups, die mit wirklich neuen, revolutionären Ideen aufwarten? Er zögert. Viele dieser Ideen gingen zurück bis in die 60er-Jahre. Aber: «Zu behaupten, deswegen sei das alles kalter Kaffee, wird den Technologien nicht gerecht.» Die Ideen hätten damals nur nicht umgesetzt werden können, weil etwa die Materialien fehlten oder die Rechenkapazitäten nicht ausreichten. «Wir verfügen heute über bessere Werkstoffe, bessere Simulationen und ein viel tieferes Verständnis.»
75
500m+
76
Die eine Technologie? Eher nicht Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass es einen Reaktor geben wird, der alles kann, rät er. Also maximal viel Strom erzeugen und gleichzeitig langlebige radioaktive Stoffe vernichten und dann noch hohe Temperaturen für industrielle Prozesswärme erzeugen. Wenn es darum geht, die vorhandenen Plutoniumvorräte möglichst vollständig zu vernichten, würde er auf Salzschmelzereaktoren (Molten Salt Reactor, MSR) setzen – auch am PSI werden entsprechende Experimente betrieben. Die Idee in aller Kürze: Man nimmt den abgebrannten Brennstoff aus alten, herkömmlichen Kraftwerken und löst ihn in heissem Salz auf. Während diese Flüssigkeit im Kreis fliesst, kann man die störenden Abfallstoffe im laufenden Betrieb chemisch herausfiltern. Das Uran und Plutonium bleiben dieserart so lange im Reaktor, bis sie fast vollständig abgebrannt sind. Restmüll bleibt vorhanden, strahlt allerdings nur noch Hunderte bis Tausende statt Hunderttausende von Jahren. «Von allen Konzepten für neue Reaktoren verfügen wir hier allerdings über die geringste Betriebserfahrung», schränkt Pautz ein. «Im Wesentlichen gab es bisher nur ein einziges, allerdings sehr erfolgreiches Experiment mit einem Molten-Salt-Reaktor, das vor fast sechzig Jahren in den USA durchgeführt wurde. Erst jetzt ist es in China gelungen, einen neuen Molten-Salt-Testreaktor in Betrieb zu nehmen. Trotzdem halte ich die Technologie für eine der vielversprechendsten, wenn es darum geht, Atommüll tatsächlich als Ressource zu nutzen.» Und wie realistisch ist eine tatsächliche, gross angelegte Umsetzung? Hier wird Professor Pautz so deutlich, wie ein Wissenschaftler halt zu werden bereit ist, wenn es um Prognosen geht: «Wir sind davon nicht mehr unendlich weit entfernt. Das sind Dinge, die in den nächsten zwanzig Jahren auf grosser Skala Realität werden können. Aber natürlich gehört dazu immer ein politischer Wille, die technische Umsetzung und erhebliche Investitionen.» Zurück zur Landebahn vom Anfang. Wenn es nach Andreas Pautz geht, wird es also nicht die eine, perfekte Lande- und Startbahn geben. Aber Zwischenlandungen könnten möglich sein, damit das Flugzeug wieder abhebt und nicht nur einmal verwendet wird. Doch kein Flugzeug bleibt ewig in der Luft. Irgendwann hat es ausgedient und muss parkiert werden. Anders gesagt: Um ein Endlager wird man nicht herumkommen. Zumindest so viel ist sicher.
RECYCLING VON ATOMMÜLL
77
Riesige Anlage für riesige Mengen Atommüll, eine Landmarke weitherum sichtbar: Die Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague erstreckt sich über 300 Hektar, eine Fläche so gross wie der Pfäffikersee.
ATOMMÜLL
78
93’000 Kubikmeter für den Schweizer Atommüll
10 % der Abfälle → 99,8 % der Radioaktivität
So viel Atommüll!
Der Grossteil des Mülls, der dereinst im Schweizer Tiefenlager endet, entfällt auf schwach- und mittelradioaktive Abfälle (SMA): Rund 44’000 Kubikmeter Abfall benötigen inklusive Verpackung etwa 77’900 Kubikmeter Lagerraum. Hochradioaktive Abfälle (HAA) erfordern deutlich mehr Verpackung. Von insgesamt rund 8200 Kubik metern entfallen lediglich 1500 Kubikmeter auf den eigentlichen Abfall – ein Volumen von etwa 10 × 10 × 15 Metern. Obwohl HAA nur rund ein Zehntel des Gesamtvolumens ausmachen, enthalten sie 99,8 Prozent der gesamten Radioaktivität. Doch was geschieht damit nach dem Verschluss des Tiefenlagers?
Insgesamt werden die radioaktiven Abfälle im Schweizer Tiefenlager 93’000 Kubikmeter beanspruchen. Doch entscheidender als das Volumen ist die Frage: Wie entwickelt sich die Radioaktivität über die Zeit?
Nach 100’000 Jahren ist der grösste Teil der Radioaktivität zerfallen. Die Nagra betrachtet in ihren Sicherheitsanalysen sogar einen Zeitraum von einer Million Jahren.
500m+ – das Jahrhundertmagazin
PROJEKTLEITUNG NAGRA Patrick Studer (Leiter Kommunikation)
Content-Plattform der Nagra, bestehend aus einer monothematischen Zeitschrift, Podcast, Kurzdokus und informativer Webseite.
GESAMTVERANTWORTUNG & KONZEPTION Schroten, Adrian Schräder PROJEKTLEITUNG Roxana Hudson, Adrian Schräder
ZEITSCHRIFT Textredaktion & Produktion: Nicola Brusa Autoren: David Fehr, Elisabeth Krainer, Florian Leu, Michèle Roten, Sebastian Sele Fotos: Jordi Ruiz Cirera, Sebastian Sele, Kaja Grope Korrektorat: Rea Gutzwiller Layout & Art Direction: Hubertus Design Sprachadaptionen: Angela Paulsen Druck: Druckerei Odermatt, Dallenwil
FILM Mattogrosso Films, Benjamin Weiss (Director), Marc Bachmann (DOP), Michèle Roten (Redaktion & VO), Annika Fausch (Schnitt) DIGITAL- UND BEWERBUNGSKONZEPT Adrian Huwyler WEBSITE Cubera Solutions AG: Natalia Gerasimenko, Michael Fretz
jahrhundertmagazin.swiss © 2026 Nagra
Die Doku zum Atommüll-Recycling jetzt unter jahrhundertmagazin.swiss