Atommüll: Tönt nach Gefahr. Nach Risiko. Folglich ist auch ein Lager für Atommüll bestimmt gefährlich. Oder? Welche Risiken bringt ein solches Lager mit sich? Welche Szenarien könnten es in Zukunft bedrohen? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns bei der Nagra jeden Tag.
Doch nicht nur wir müssen mit Risiken umgehen. Als Gesellschaft sind wir ständig mit unterschiedlichsten Bedrohungen konfrontiert, müssen Gefahren einschätzen, sie einordnen, eindämmen – oder akzeptieren. In der vierten Ausgabe des Jahrhundertmagazins «500m+» beleuchten wir das Thema Risiko aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.
Wir haben mit Martin Rees, dem Gründer des Centre for the Study of Existential Risk, über die grössten Gefahren gesprochen, die die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen. Wir haben Menschen getroffen, die von Berufs wegen Risiken eingehen – ja eingehen müssen: etwa einen Bombenentschärfer oder eine lernende Forstwartin, statistisch gesehen einer der gefährlichsten Berufe der Welt.
Wir haben darüber nachgedacht, warum die meisten Menschen Risiken vermeiden wollen – manche aber regelrecht süchtig nach ihnen sind. Wir haben versucht herauszufinden, wie viel Risiko
Unternehmer:innen eingehen sollten. Und natürlich haben wir auch nachgefragt, wie die Nagra Risiken beurteilt. Spoiler: Unsere Expert:innen sind überzeugt, dass das Tiefenlager selbst extremen zukünftigen Szenarien standhält. Die grösste Herausforderung bilden vielmehr die sogenannten Schwarzen Schwäne: das Nichtvorstellbare, das absolut Unerwartete.
Diesen Aspekt – das Absurde, Unfassbare – greift auch die deutsche Illustratorin Anna Haifisch auf, die sich für diese Ausgabe kreativ mit den Risiken auseinandersetzt, die ein Tiefenlager mit sich bringen könnte. Dabei hat sie auf wissenschaftliche Tiefe verzichtet und dafür ihrer Fantasie freien Lauf gelassen – und so das ganze Heft illustriert.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre – die einzig das Risiko birgt, danach mehr zu wissen.
Patrick Studer, Leiter Kommunikation Nagra
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Risiko – eine Definition Was ist Risiko? Wie geht man gut damit um? Und wer sagt, was richtig ist? Ein Versuch, Ordnung zu schaffen.
10 Wir stellen vor: Anna Haifisch Die Leipziger Künstlerin hat diese Ausgabe von «500m+» bebildert.
16 Wir und existenzielle Risiken Risikoforscher Lord Martin Rees sorgt sich vor allem um die Abhängigkeit von globalen Netzwerken.
22 Ein Risiko nach dem anderen Die grössten Risiken für die Menschheit – und jene für die Schweiz. Eine Liste.
30 Homo periculans Was prägt unser Risikoverhalten? Eine Spurensuche bis in die Anfänge der Menschheit.
36 Das Risiko leben Was bedeutet «Berufsrisiko» im Alltag von Menschen mit riskanten Jobs? Fünf Porträts.
44 Zahlt sich Draufgängertum aus? Wirtschaftspsychologe Christian Fichter über das Verhältnis von Wirtschaft und Risiko, die Bedeutung des Bauchgefühls und KI.
46 Die Risiken sind das geringste Risiko Im Felslabor in Mont Terri forscht die Nagra für das Schweizer Tiefenlager. Es soll auf eine Million Jahre hinaus sicher sein. Was, wenn die Forscher:innen etwas übersehen haben?
56 Wie entwickle ich Risikokompetenz? Matthias Holenstein, Geschäftsführer der Stiftung RisikoDialog, gibt Tipps, wie wir trotz grosser Herausforderungen ins Handeln finden.
und informativer Website
Projektleitung Nagra: Patrick Studer (Leiter Kommunikation), Felix Glauser (Senior Specialist Communication & Public Affairs)
Gesamtverantwortung & Konzeption: Schroten, Adrian Schräder
Projektleitung: Roxana Hudson
Zeitschrift:
Redaktion: Nicola Brusa
Produktion: Michèle Roten
Autor:innen: Sebastian Sele, David Fehr, Nicola Brusa, Michèle Roten, Adrian Schräder
Korrektorat: Rea Gutzwiller
Layout & Art Direction: Hubertus Design
Illustrationen: Anna Haifisch
Druck: Druckerei Odermatt, Dallenwil
Filme: Mattogrosso Films, Benjamin Weiss (Director), Marc Bachmann (DOP), Annika Fausch (Schnitt)
Media: Speed U Up Suisse AG, Dama Halter, Miriam Gallonetto
Website: Cubera Solutions AG: Natalia Gerasimenko, Michael Fretz
Die Statistik ist eindeutig: Nie ist unser Leben so riskant wie bei unserer Geburt. Bis zum letzten Atemzug. Dazwischen spielen wir Fussball auf Quartierstrassen, auf denen uns nur ein Tempo-Schild vor dem/r nächsten Raser:in schützt. Wir geben unser Einkommen in fremde Hände, steigen in fliegende Maschinen. Wir rauchen, trinken, geniessen. Und manche von uns stürzen sich aus freien Stücken mit nichts als einem Fallschirm auf dem Rücken von Felsvorsprüngen. Ganz schön mutig. Oder übermütig?
Wir lieben das Risiko – und wir fürchten nichts mehr. Oder wie der Philosoph Blaise Pascal einst schrieb: «Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.»
Doch was ist das eigentlich, ein Risiko? Was als wie riskant gilt, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Von Land zu Land. Von Lebensphase zu Lebensphase. «Risiko ist die Auswirkung von Unsicherheit auf Ziele», heisst es in der ISO-Norm 31000, die sich mit Risiken in Organisationen beschäftigt. Wir wollen etwas – und irgendetwas anderes stellt sich dem in den Weg. Eine Gefahr. Womöglich. Womöglich aber auch nicht. Wie behält man angesichts dieser Ungewissheit den Durchblick?
Sei man mit solchen Ungewissheiten konfrontiert, müsse man rational bleiben und abwägen, sagt der ehemalige Skirennfahrer und Basejumper Marco Büchel (S. 37). Es gebe bei diesen Entscheidungen keine absolute Sicherheit, nur Wahrscheinlichkeiten, ergänzt eine Sicherheitsberaterin, die seit den 1990er-Jahren in fast allen Kriegsgebieten der Welt im Einsatz war (S. 38). Und Gerd Gigerenzer, eine Ikone der Risikopsychologie, ist wiederum ein Verfechter des Bauchgefühls.
Was die drei eint: Alle schwören auf den Wert der Erfahrung.
500m+
Wir tendieren dazu, Risiken zu quantifizieren. Wir berechnen Wahrscheinlichkeiten, erstellen Modelle und Szenarien. Wir versichern uns gegen das Wahrscheinliche (oft) und gegen das Unwahrscheinliche (weniger oft). Wir wollen finanziell abgesichert sein. Doch wie viel ist ein Weltuntergang wert?
Evolutionär wollen wir nichts mehr, als überleben. Darin scheinen wir gar nicht so schlecht zu sein. 300’000 Jahre hat die Menschheit bereits auf dem Buckel. Doch selbst dieser Erfolg ist relativ. Haie existieren schon seit geschätzt 400 Millionen Jahren, Kängurus seit 25 Millionen und Galapagos-Schildkröten seit 3 Millionen Jahren.
Vielleicht ist für uns auch nach 300’075 Jahren Schluss. Lord Martin Rees – Kosmologe, Astrophysiker und Gründer des Centre for the Study of Existential Risk der Universität Cambridge – warnte zu Beginn dieses Jahrhunderts davor, dass wir bis 2100 mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit aussterben werden. Nicht etwa durch Asteroiden, Sonnenstürme oder Angriffe Ausserirdischer, sondern weil wir uns selbst zugrunde richten.
«Wir sind die erste Spezies, die die Macht hat, den ganzen Planeten zu verändern», sagt er (S. 16) und warnt vor menschengemachten Pandemien, vor der Abhängigkeit von autonomen Technologien und vor dem Populismus.
Rees setzt fort, was einer der berühmtesten Risikoforscher angestossen hat: 1986 veröffentlichte der Soziologe Ulrich Beck sein Buch «Risikogesellschaft» – nur wenige Monate nach Tschernobyl, der grössten nuklearen Katastrophe in der Geschichte der Menschheit. Durch die Globalisierung und Individualisierung, so Beck, würden wir unsere Risi-
ken selbst erschaffen, die «Katastrophen, die wir noch nicht erfahren haben und die wir auf keinen Fall erfahren dürfen». Diese hängen wie ein Damoklesschwert über uns und leiten unser Handeln. Beck schrieb damals, dass solche menschengemachten Gefahren ein gesellschaftliches Umdenken erfordern und uns dazu treiben müssen, Verantwortung zu übernehmen.
Rund vierzig Jahre später kennt jede:r Covid-19, ChatGPT rüttelt an Gewissheiten der Arbeitswelt, autonome Waffensysteme werden einsatzfähig, die Erderwärmung hat die 1,5-Grad-Grenze überschritten und noch immer bekriegen sich Atommächte (S. 22). Das Einzige, was noch sicher scheint, ist die Unsicherheit.
«Was mich deprimiert, ist die wachsende Diskrepanz zwischen der Welt, wie sie ist, und der Welt, wie sie sein könnte», sagt Lord Martin Rees. Ganz im Sinne Ulrich Becks appelliert er an Regierungen, die existenziellen Risiken ernst zu nehmen – hält aber auch fest, dass das Leben vermutlich nie so sicher war wie im heutigen Europa. Die meisten Deutschen, Brit:innen und Schweizer:innen führen ein Leben, ohne sich extremen Gefahren aussetzen zu müssen.
«Merkwürdig, in der Tat, dass womöglich keine Epoche je ‹sicherer› war als unsere und wir dennoch alle unter einer wachsenden, unermesslichen Angst vor jedem potenziellen Ereignis leiden», schrieb die französische Philosophin und Psychoanalytikerin Anne Dufourmantelle in ihrem Buch «Lob des Risikos». Aus der Risikogesellschaft wird eine Anxiety-Gesellschaft. Wir glauben, über dem Risiko zu stehen und es kontrollieren zu können und zu müssen. «Dieses von uns angesteuerte Null-Risiko ist verhängnisvoll», warnte Dufourmantelle. «Es enthebt das Subjekt seiner Verantwortung.»
Verantwortung – sie gehört zum Risiko. In früheren Gesellschaften galt jeder Schicksalsschlag als Teil eines göttlichen Plans. Heute, in unserer individualisierten Gesellschaft und neoliberalen Ordnung, ist jeder sein eigener Gott (S. 30). Sie, liebe Leser:innen, tragen die Verantwortung. Und ich. Oder sind es doch nur unsere Versicherungen?
Die Philosophin Dufourmantelle sah sich in ihrem letzten Moment in der Verantwortung. Als sie zwei Kinder im Mittelmeer ertrinken sah, stürzte sie in die Fluten, rettete die beiden – und fand selbst den Tod. Jeder Mensch hat das Potenzial, ein:e Held:in zu werden. Doch manche Held:innen sterben nicht in den Fluten des Meeres, sondern leben einfach still vor sich hin.
In gewissem Sinne können die rund 2500 Einwohner:innen von Stadel, einem kleinen Dorf im Norden des Kantons Zürich, als Held:innen gesehen werden. Unter ihnen soll das Endlager für den Atommüll entstehen, den die Schweizer:innen seit der Eröffnung des AKW Beznau I im Juni 1969 kollektiv verursacht haben. Niemand will diesen Müll vor der eigenen Haustür – doch irgendwo muss er hin. Das Risiko einer Katastrophe, so sagen die Expert:innen der Nagra, sei nirgendwo geringer als in Stadel (S. 46). Es gehe darum, ein Konzept zu entwickeln, das robust genug ist, allen möglichen Gefahren der nächsten Jahrtausende zu trotzen – selbst sogenannten Schwarzen-Schwan-Katastrophen also, die unsere heutige Vorstellungskraft übersteigen.
Doch: Ist «wahrscheinlich sicher» sicher genug? Um diese Frage zu beantworten, sagt Matthias Holenstein, Geschäftsführer der Stiftung Risiko-Dialog, müsse sich die Gesellschaft mit zwei Punkten auseinandersetzen: Was genau sind die Risiken? Und wo ziehen wir als Kollektiv die rote Linie der Gefahr, die wir nicht überschreiten wollen? (S. 56)
Fast ein halbes Jahrhundert ist seit Tschernobyl und Ulrich Becks «Risikogesellschaft» vergangen. Das Internet hat die Regeln unseres Zusammenlebens verschoben. 9/11, Covid und Künstliche Intelligenz haben an unseren Gewissheiten gerüttelt. Konflikte und Krisen prasseln in einem medialen Dauerregen auf uns ein. Die Atomkraft wurde als Übel unserer Zeit identifiziert – und angesichts des Klimawandels wieder auf den Thron gehoben.
Weder der Atommüll noch ein AKW-Unfall landet in den Top Ten der grössten Risiken für die Schweiz, die das Bundesamt für Bevölkerungsschutz auflistet. Bezieht man die Wahrscheinlichkeit der Risiken in die Betrachtung ein, dann landen laut Bund eine Strommangellage, eine Influenza-Pandemie oder der Ausfall des Mobilfunknetzes zuoberst auf dem Podest (S. 27). Eine winterliche Strommangellage würde mehr als 180 Milliarden Franken kosten.
Die erste Dimension des Risikos, die technische, lasse sich gut berechnen, sagt Matthias Holenstein von der Stiftung Risiko-Dialog. Die eigentliche Kunst bestehe darin, auch die zweite Dimension abzubilden – die menschliche: Wie wirkt das Risiko auf mich? Wie gehe ich damit um?
«Das Risiko ist eine altmodische Romantik für Erwachsene», schreibt die Philosophin Anne Dufourmantelle in ihrem Lob des Risikos. Man müsse der Gefahr ins Auge sehen können, sich bewusst sein, dass man sich von Schmerz, Katastrophe und Trauer erholen kann. Denn: «Wir werden nicht im Voraus erlöst.»
Wir lieben das Risiko – und wir fürchten nichts mehr.
«Das Tiefenlager ist typisch Schweiz»
Anna Haifisch ist ein Star des IndependentComics –ihre Werke verbinden Abstraktion und Humor mit einem düsteren Grundton, einen fragenden Strich mit kräftigen Farben. Die gesamte Bebilderung der diesjährigen Ausgabe von «500m+» stammt von ihr. Wir haben mit der 39jährigen Leipziger Künstlerin darüber gesprochen, wie sie an die Aufgabe herangegangen ist.
Interview: Michèle Roten
Als Sie die Anfrage bekommen haben, Illustrationen zum Thema Tiefenlager zu machen – was war Ihr erster Gedanke?
«Das ist interessant!» Ich mag beim Zeichnen ja gern das Dunkle und Böse. Das Tiefenlager ist jetzt nicht unbedingt böse, aber irgendwie hat das Thema Atommüll ja schon was Düsteres. Das fand ich spannend.
Wussten Sie schon viel über das Thema?
Nicht wirklich. Hier in Deutschland gab es in den 90ern ja die CastorTransporte und die Proteste dagegen, das geisterte damals ziemlich durch die Medien. Aber jetzt weiss ich gar nicht, wo wir in Deutschland stehen bei der Frage. Ob wir das ins Meer kippen oder an irgendwen verkaufen, das ist mir ziemlich unklar, ehrlich gesagt. Eigentlich ein bisschen schwachsinnig, sich nicht damit zu beschäftigen.
Nach meiner Erfahrung machen sich sehr viele Menschen keine Gedanken darüber, was mit atomarem Abfall passiert.
Man hat ja auch keine Vorstellung, was für Mengen da anfallen. Was ist in diesen Castor-Behältern drin, ist das ein Körnchen, ist das eine Stange?
Haben Sie dann recherchiert?
Ja, ich hab Schweizer Zeitungsartikel gelesen, weil ich dachte, vielleicht ist das Thema ja auch mit Protesten und Aufschrei verbunden, was ja interessanterweise nicht so ist. Und insgesamt hat mir das alles total eingeleuchtet, im Sinne von: Bevor man das alles jetzt irgendeinem/r Schurk:in verkauft, die oder der es dann auch wieder verklappt, ist das natürlich die sauberste Lösung. Typisch Schweiz: Man kümmert sich früh, ordentlich und langfristig darum. (Lacht)
Für dieses Heft haben Sie sieben verschiedene Risikoszenarien entworfen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Ich hab mir als Erstes angeschaut, wie das Tiefenlager dereinst aussehen soll, um einen ungefähren Eindruck zu bekommen. Dann dachte ich: Eieiei, technische Dinge zu zeichnen ist so eine Sache, da hilft Humor. Ich wollte die grossen Unglücke wie Meteoriten, Fluten und Erdbeben zeichnen, aber eben auch die kleinen Missgeschicke festhalten.
Auf Ihren Bildern sind vor allen Dingen Tiere zu sehen. Eichhörnchen suchen Nüsse, Kühe tragen das Erdreich ab, Rochen schwimmen herum, Marder beissen Kabel durch. Wie kommt’s?
Ich zeichne gern Tiere, das macht einfach Spass. Und so muss ich weniger Entscheidungen treffen, etwa betreffend Geschlecht oder so. Tiere sind etwas abstrakter.
Gibt es für Sie wahrscheinlichere und weniger wahrscheinliche Szenarien – oder ist das Risiko für Sie gar nicht fassbar?
Das grösste Risiko sind meistens Banalitäten, die eine Kette von ungünstigen Ereignissen auslösen könnten. Das finde ich sehr fassbar. Dass eben ein Marder in einem Serverraum ein Kabel durchbeisst, ist bestimmt schon passiert. Sie lieben ja Kabel. Und der Server muss nicht 900 Meter unter der Erde stehen. Vielleicht steht der in Norwegen und ein:e Mitarbeiter:in lässt das Tier nach der Mittagspause versehentlich ins Büro. Bei den Eichhörnchen fand ich es lustig, darüber nachzudenken, was wohl passiert, wenn nicht nur Menschen ein Lager anlegen, sondern auch eine Horde Eichhörnchen. Könnten sich Nüsschen und Brennstäbe irgendwann in die Quere kommen?
Welche Rolle spielt Humor, wenn es doch um Risiken und Ängste geht?
Ich finde, er muss stattfinden. Gerade bei schweren Themen. Aber es ist natürlich ein schmaler Grat zwischen humorvoll zu sein und sich lustig zu machen oder das Thema zu verharmlosen.
Wie treffen Sie Ihre Farbwahl?
Es gibt eine Farbwelt, die ich gern benutze. Gelb, Rot, Schwarz nehme ich viel, auch Braun, bisschen Lila. Und viel Orange. Ein bisschen dystopisch, apokalyptisch. Das passte also sowieso gut zum Thema (lacht).
Beim Thema Endlager befasst man sich ja mit enormen Zeiträumen, denkt eine Million Jahre in die Zukunft. Was denken Sie: Wie wird die Welt dereinst aussehen?
Sagen wir es so: Ich halte nicht allzu viel von der menschlichen Natur. Ich rechne darum nicht damit, dass wir da noch auf der Erde rumkriechen. Die einzigen Zweibeiner auf der Erde, denke ich, werden dann Vögel sein. Das finde ich aber auch gar nicht so schlimm.
Sie denken also, wir Menschen löschen uns selbst aus, sind auch schon dabei?
Ja, ich glaube, wir werden an unserem Stolz, unserer Dummheit und unserer Gier zugrunde gehen. Aber eben, ich finde den Gedanken jetzt gar nicht so beunruhigend. Das kann einem doch eigentlich herrlich egal sein.
Weitere Informationen über Anna Haifisch unter hai-life.com.
«Wir sollten versuchen, gute Vorfahr:innen zu werden»
Was haben Nuklearkriege, von Menschen verursachte
Pandemien und Internetkabel mit den Erbauern der Kathedralen des Mittelalters
zu tun? Zukunftsforscher Lord
Martin
Rees von der Universität
Cambridge im Interview.
Interview: Sebastian Sele
Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann ausreichen, um die Welt ins Wanken zu bringen. So besagt es die Chaostheorie. Tatsächlich ist es so, dass die richtige Folge an scheinbar kleinen Entscheidungen enorme Auswirkungen haben kann. Existenzielle Auswirkungen. Mit solchen existenziellen Risiken, die das Potenzial haben, uns als Spezies auszulöschen, beschäftigen sich die Forschenden am Centre of the Study of Existential Risk (CSER) an der Universität Cambridge.
Martin Rees ist einer der drei Gründer des CSER. Der ehemalige Professor für Kosmologie und Astrophysik in Cambridge bekam mit, wie sich die Erfinder der Atombombe gegen den Einsatz ihrer eigenen Erfindung stemmten. Und ihm wurde klar: Auf sie muss eine neue Generation folgen, die diesen Effort für die Ethik fortführt. Rees, 83, Mitglied des House of Lords, ehemaliger Präsident der Royal Society und einer der anerkanntesten Wissenschaftler der Welt, verschrieb und verschreibt sich dem Kampf für das Gute.
Mr. Rees, Sie begründeten und betreiben das Centre for the Study of Existential Risk. Warum? Als Professor in Weltraumforschung, Astronomie und Physik erhielt ich zwei Perspektiven: Erstens ein Gefühl für den kosmischen Zeitrahmen. Wir Menschen sind nicht die Krönung des Kosmos – die Sonne ist noch nicht einmal in der Hälfte ihres Lebens, also sind wir womöglich nicht einmal auf halbem Weg in unserer Evolution von Komplexität und Bewusstsein. Zweitens die Erkenntnis, dass wir die erste Spezies sind, die die Macht hat, den ganzen Planeten zu verändern. Ich sorge mich um die Schattenseiten mächtiger Technologien. Und viele Wissenschaftler:innen teilen meine Sorge.
Wie sieht die Arbeit am CSER aus?
Wir befassen uns seit 2012 mit Extremrisiken. Von Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie bis zu Klimawandel und Ernährungssicherheit. Forschende aus diversen Disziplinen von Biologie bis Philosophie kommen zusammen, um diese existenziellen Risiken besser zu verstehen und so die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Das CSER beschränkt sich also nicht nur auf die Forschung?
Nein, wir beraten auch Regierungen und internationale Organisationen. Als wir anfingen, hielten viele unsere Arbeit für alarmistisch. Wir wurden als Schwarzmaler:innen abgeschrieben. Aber seit Covid behauptet das niemand mehr – und dabei hatte SARS-CoV-2 eine Sterblichkeit von weniger als 1 Prozent. Stellen Sie sich ein Virus mit 70 Prozent Sterblichkeit vor.
Solche Weltuntergangsszenarien haben etwas von ScienceFiction. Wie können Sie garantieren, dass Sie nicht mit Scheinwissenschaft Panik schüren?
Wir sind an der Universität Cambridge, einer der führenden Universitäten der Welt, und arbeiten nach deren Standards. Wir können natürlich nicht alle Szenarien komplett durchdeklinieren, doch wer könnte besser darin sein, die Gefahren für die Menschheit zu erkennen, als wir? Universitäten sollten keine Elfenbeintürme sein, sondern die möglichen Auswirkungen ihrer Erkenntnisse angehen.
2003 schrieben Sie, die Chancen der Menschheit, das 21. Jahrhundert zu überleben, lägen bei 50 Prozent. Heute, ein Vierteljahrhundert später –wie stehen wir da?
(Lacht) Diese Zahl war nicht wörtlich gemeint. Mein Hauptpunkt war, dass wissenschaftlicher Fortschritt neue Gefahren mit sich bringt.
Welche?
Atomwaffen waren damals die offensichtliche Sorge. Ich war einer der Ersten, der die breite Masse auf die Risiken der Biotechnologie hinwies. Natürliche Pandemien haben es heute einfacher, weil wir global vernetzt sind – die Pest im Mittelalter kam nie nach Australien. Hinzu kommt die Erschaffung tödlicherer, ansteckenderer oder resistenterer Erreger durch sogenannte «Gain-of-Function»-Experimente in Laboren.
Sorgen Sie sich inzwischen mehr um Bio als um Atomtechnologie?
Im Gegensatz zu Atomwaffen braucht es für Biowaffen keine riesigen, schwer zu verbergenden Anlagen. Die nötige Ausrüstung ist weltweit verbreitet, auch in Universitäten oder kleineren Labors. Schon ein einzelner böswilliger Akteur oder eine kleine Gruppe könnte absichtlich oder fahrlässig eine Katastrophe auslösen.
Wie lässt sich dieses Risiko minimieren?
Wissenschaftler:innen sollten die Gefahren ihrer Arbeit im Blick behalten – und gleichzeitig die Regierungen dazu bringen, sich dieser bewusst zu werden. Die Biotechnologie ist untererforscht. Und eine verbindliche Kontrollinstanz wie die IAEA für die Atomkraft gibt es nicht.
Welche weiteren Risiken bereiten Ihnen besonders grosse Sorge?
Eine wachsende Sorge ist unsere Abhängigkeit von globalen Netzwerken: Flugverkehrskontrolle, Stromnetz, Internet.
Können Sie konkrete Beispiele nennen?
99 Prozent des weltweiten Internetverkehrs laufen über Unterseekabel. Werden diese gekappt, wofür es keine Hightech braucht, bricht die globale Kommunikation zusammen. Ähnliches gilt für GPS, die Flugsicherung und generell weltweite Lieferketten.
Ein Nuklearkrieg wird von Forschenden regelmässig als existenzielles Risiko gehandelt. Der Atommüll kommt kaum zur Sprache. Wo steht dieser auf Ihrer Liste?
Er ist wie der Klimawandel eine langsam wirkende Bedrohung. Aber er wirft eine wichtige ethische Frage auf: Wie sehr kümmern wir uns um künftige Generationen? Die Planung für die Endlagerung erfordert ein Denken über Zehntausende oder gar eine Million Jahre. Es ist der einzige Bereich, in dem so langfristig gedacht wird.
Als Gesellschaft wird unser Fokus aber immer kurzfristiger.
Ja, das gilt nicht nur für den Atommüll, sondern auch für den Klimawandel: Die grössten Auswirkungen werden erst in 100 oder 200 Jahren spürbar sein. Doch es ist schwer zu vermitteln, dass das Problem schon heute wichtig ist. Wir sorgen uns lieber um die Menschen, die wir bereits kennen.
Das beeinflusst auch die Politik. Genau, Regierungen nehmen existenzielle Risiken generell nicht ernst genug. Es ist unwahrscheinlich, dass diese eintreten – und noch unwahrscheinlicher ist, dass sie während der Amtszeit eintreten. Dennoch sollten wir uns auf sie vorbereiten. Denn viele dieser Risiken werden von Jahr zu Jahr wahrscheinlicher und ihre Folgen wären verheerend.
Wie lässt sich das überwinden?
Wir sollten versuchen, gute Vorfahr:innen zu werden. Wir sollten uns bewusst werden, was frühere Generationen für uns geleistet haben. Wir wissen heute, dass die Erde noch einige Milliarden Jahre bestehen wird. Die Kathedralenbauer des Mittelalters glaubten, die Welt würde in ein paar Hundert Jahren enden. Trotzdem errichteten sie Gebäude, die erst nach ihrem Tod fertiggestellt wurden. Heute fällt es uns schwerer, langfristig zu planen. In nur fünfzig Jahren können sich unsere Technologien und unser Leben komplett verändern.
Kommen wir zurück ins Hier und Jetzt: Kurzfristig sehen Sie im Atommüll also keine Bedrohung? Kurzfristig wird Atommüll wohl keine globale Katastrophe auslösen. Die grösste Gefahr besteht in lokaler Strahlenbelastung. Doch schlecht gesicherte Anlagen könnten ein Ziel für Terroristen werden. Atommüll bleibt also ein dauerhaftes Risiko. Und es wird in den kommenden Jahrzehnten nicht abnehmen.
Aktuell diskutieren alle über Künstliche Intelligenz. Auf welcher Seite des Glaubenskriegs stehen Sie: Wird uns die Technologie retten oder zerstören? Ich glaube, der Hype darum, dass KI bald übermenschlich wird und «die Kontrolle übernimmt», ist zu gross. Aber ich sorge mich um unsere Überabhängigkeit von fragilen, global vernetzten Systemen. Wenn diese ausfallen, sei es durch Panne oder Cyberangriff, kann die Weltwirtschaft und die soziale Ordnung innert Tagen ins Straucheln geraten. Besonders heikel daran ist, dass einige wenige, sehr mächtige Unternehmen diese Entwicklungen vorantreiben. Deshalb braucht es Regierungen, die diese regulieren und überwachen.
Kann Regulierung bei KI funktionieren? Nehmen wir zum Beispiel die Entwicklung autonomer Waffensysteme: Es mag 192 Länder geben, die eine Regulierung beschliessen – doch es braucht nur ein einziges Land, das ausschert. Das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Einen internationalen Konsens, wie er beim Klimawandel angestrebt wurde, sehe ich als beste Lösung. Weicht ein Staat davon ab, braucht es internationalen Druck und drohende Sanktionen. Viel mehr können wir kaum tun.
Unbestritten ist, dass KI unseren Alltag im kommenden Jahrzehnt grundlegend verändern wird. Wie sollten wir die Technologie nutzen? Es gibt viele Vorteile: Eine KI kann 30’000 Röntgenbilder analysieren – weit mehr, als ein Arzt oder eine Ärztin in seinem oder ihrem ganzen Leben sehen würde – und Lungenkrebs genauer erkennen. In der Wettervorhersage kann KI jahrzehntelange Wolkenmuster auswerten und Stürme präziser vorhersagen als traditionelle Simulationen. Diese Vorteile sollten wir nutzen, gleichzeitig aber die Schattenseiten, wie etwa einen Zusammenbruch der Systeme, verhindern.
Sie sprechen es an: KI wird die Arbeitswelt verändern und den Arbeitsmarkt grundlegend umkrempeln.
Ja, KI wird Arbeitsplätze verdrängen. In Callcentern und Büros werden weniger Menschen benötigt werden. Das ist unvermeidlich. Statt zu versuchen, diesen Wandel aufzuhalten, sollten wir ihn sozialverträglich gestalten. Entscheidend ist, dass wir KI-Unternehmen besteuern und die Menschen, deren Jobs verschwinden, auffangen. Andernfalls drohen nicht nur wirtschaftliche Verwerfungen, sondern auch wachsende gesellschaftliche Spannungen.
Angesichts dieser Entwicklungen: Welchen Beruf sollten junge Leute heute ergreifen? Berufe, die sich nicht leicht automatisieren lassen und einen klaren Sinn haben: Medizin, Unterricht oder
Recht. Auch Berufe wie Sanitär:in oder Gärtner:in bleiben wichtig. Tätigkeiten mit direktem menschlichem Kontakt, etwa in der Betreuung älterer Menschen oder in der Sozialarbeit, werden kaum durch KI ersetzt. Und natürlich brauchen wir Menschen, die die KI selbst beaufsichtigen und hinterfragen.
Und von welchem Beruf würden Sie abraten? Von Berufen, die auf Coding aufbauen.
Eine Fähigkeit, die vor zehn Jahren noch als Zukunft galt. Ja.
Es geraten gerade viele Sicherheiten ins Wanken: Seit 2020 haben wir eine Pandemie erlebt, ein Krieg ist nach Europa gekommen, jetzt noch KI. Viele hatten früher ein besseres Leben – wir waren in kleinen Gemeinschaften und kannten unseren Arzt, unsere Lehrerin und so weiter. Doch wir müssen akzeptieren, dass der Wandel real ist. Er erleichtert vieles, bedroht aber auch den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Besonders beunruhigt mich dabei, dass durch das Internet und die sozialen Medien heute jede:r Zugang zu globaler Kommunikation und Propaganda hat. Das polarisiert unsere Gesellschaften und gibt Populismus Auftrieb. Doch gleichzeitig zeigt die Geschichte: Solche technologischen Innovationsschübe flachen oft wieder ab.
Wie meinen Sie das?
Die Luftfahrt ist ein gutes Beispiel: Vom ersten Flug über den Atlantik bis zur Boeing 747 vergingen nur fünfzig Jahre – seither gab es wenig Fortschritt. Und die Concorde, das Überschallflugzeug, verschwand sogar wieder. Dieses Muster zeigt, dass nicht alles exponentiell weiterwächst.
Sie beschäftigen sich tagein, tagaus mit Katastrophenszenarien. Trotzdem lächeln sie und wirken locker. Wie schaffen Sie es, nicht paranoid zu werden und überall den Weltuntergang zu sehen?
Ich versuche, eine Balance zu halten. Viele der Bedrohungen, über die wir sprechen, können auch ausbleiben – und wir können einiges tun, um die Risiken zu verringern. Was uns nicht paranoid, aber deprimiert machen sollte, ist die wachsende Lücke zwischen der Welt, wie sie ist, und der Welt, wie sie sein könnte. Das, was wir im Sudan, in Gaza und so weiter sehen können.
Es gibt auch Menschen, die sagen, die Welt werde beständig besser.
Ja, Steven Pinker zum Beispiel hat ein Buch darüber geschrieben, dass vieles besser geworden ist: Lebenserwartung, Alphabetisierungsgrad, weniger Gewalt. Doch er unterschätzt die neuen Risiken, die uns bedrohen und oft übersehen werden.
Die Statistik gibt Pinker recht. Ich habe selbst öffentlich mit ihm darüber diskutiert: Bis zu einem gewissen Grad hat er recht. Pinker glaubt jedoch, nicht nur die Welt werde besser, sondern auch unsere Ethik. Dem widerspreche ich deutlich. Ich sehe überhaupt keinen Fortschritt in der globalen Ethik.
Können Sie das ausführen?
Wenn wir noch einmal ins Mittelalter zurückblicken, zu den Kathedralenbauern, erkennen wir: Ihr Leben war hart und oft miserabel, aber die Lücke zwischen Realität und Möglichkeit war klein, weil es schlicht wenig Gestaltungsspielraum gab. Heute hingegen verfügen wir über die Technologie, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Dass es dennoch so viele Kriege, Ungleichheiten und Blockaden gibt, liegt nicht an unseren Möglichkeiten, sondern an Politik und Wirtschaft. Das ist ein guter Grund, depressiv zu sein.
Sind Sie persönlich risikofreudig oder risikoscheu?
Ich würde mich als eher risikoscheu bezeichnen. Ich lebe ein bequemes, entspanntes Leben, ohne den Drang nach Nervenkitzel oder Extremsportarten wie Bergsteigen.
Unsere Hypothese: Damit sind Sie in guter Gesellschaft. Die Risikobereitschaft scheint generell zu sinken. Wir versichern alles, was sich versichern lässt, und selbst Freizeitrisiken sind streng kalkuliert. Teilen Sie diesen Eindruck?
Das stimmt schon. Es gibt zwar Menschen, die sehr gefährliche Dinge tun und darin Befriedigung finden –aber für ein erfülltes Leben braucht es das nicht. Im Gegenteil: Es ist etwas Gutes, dass man heute leben kann, ohne gezwungen zu sein, extreme Risiken einzugehen. Wer in einer verzweifelten Lage ist, muss manchmal gefährliche Wege gehen. So wie die Menschen, die derzeit in wackligen Booten den Ärmelkanal überqueren.
Die grössten Risiken für die Menschheit – und jene für die Schweiz Manche Risiken drohen uns den Tag zu versauen – andere, die gesamte Menschheit zu vernichten.
Wissenschaftler:innen arbeiten daran, die dringendsten Gefahren für unsere Spezies zu erkennen und zu verstehen. Eine Übersicht.
Zusammengestellt von Sebastian Sele
Als am 6. August 1945 die Atombombe auf Hiroshima fiel, wusste J. Robert Oppenheimer: Er muss etwas tun. Wenige Wochen später gründete der Vater der Atombombe gemeinsam mit Albert Einstein und weiteren Wissenschaftlern die Organisation The Bulletin of the Atomic Scientists. Ihr Ziel: Die Welt vor den Gefahren der Atomtechnologie zu warnen.
1947 setzten die Wissenschaftler des Bulletins eine Uhr auf das Cover ihres Magazins, die Doomsday Clock, die Weltuntergangsuhr. Es sei sieben Minuten vor Weltuntergang, warnten sie – und stellten die Uhr seither 25mal vor oder zurück. Zum letzten Mal im Januar 2025.
«Im Jahr 2024 rückte die Menschheit der Katastrophe noch näher», verkündeten die Wissenschaftler:innen und konkretisierten: «So nah wie noch nie.» Sie nennen die Konflikte der Atommächte in der Ukraine und im Nahen Osten, die Klimakrise, Fake News und Verschwörungstheorien sowie die rasanten Entwicklungen in Biotechnologie und Künstlicher Intelligenz, die Militärs und Terrorist:innen nutzen könnten. Es sei 89 Sekunden vor Mitternacht.
Doch welche Gefahren sind so gross, dass sie unsere ganze Spezies auslöschen könnten? Und mit welchen Risiken sind wir in der Schweiz konfrontiert? Eine Übersicht.
500m+
Auslöschung durch Klimawandel und Umweltkollaps
Wahrscheinlichkeit bis 2100:
ca. 0,1 Prozent*
Der menschengemachte Klimawandel schreitet immer weiter voran: 2024 haben wir zum ersten Mal die im Pariser Klimaabkommen als Ziel gesetzte 1,5-Grad-Grenze überschritten und die globalen CO2-Emissionen steigen Jahr für Jahr an. Wir erleben mehr Hitzewellen und Hitzetote, Dürren und Überschwemmungen. Die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt und unsere Ökosysteme geraten aus dem Gleichgewicht.
Durch den Klimawandel, Abholzung und Überfischung sterben zudem jeden Tag circa 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Dieser Verlust an Biodiversität schwächt die Abwehrkräfte der Ökosysteme weiter.
Verstärken sich all diese Faktoren gegenseitig, drohen wir, sogenannte Kipppunkte zu überschreiten. «Das ist wie bei einer wertvollen Vase, die zunächst stehen bleibt, wenn die Tischplatte immer schiefer gestellt wird», erklären die Wissenschaftler:innen des Potsdam-Instituts für Klimaforschung. «Erst passiert nichts – dann reicht eine kleine Erschütterung, und die Vase kippt.»
Der Globale Kipppunkt-Bericht, der 2023 von mehreren Universitäten gemeinsam veröffentlicht wurde, warnt: Das Überschreiten der Kipppunkte würde die Menschheit vor Gefahren eines Ausmasses stellen, das sie noch nie erlebt hat. Die Forscher:innen sprechen vom «Zusammenbruch wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Systeme.»
Toby Ord stimmt zu, dass es sich um «Veränderungen unbekannten Ausmasses» handeln wird. Er schreibt von Wasserknappheit, geringerer landwirtschaftlicher Produktivität und der Verbreitung tropischer Krankheiten bei einer möglichen Erwärmung um 13 Grad bis 2300 – gleichzeitig hält er fest, dass keine dieser Auswirkungen die ganze Menschheit auslöschen dürfte. Ganz ausschliessen liesse es sich jedoch nicht.
Auf der Kippe:
Im Jahr 2005 lagen die Pegelstände in Teilen des Amazonas 15 Meter unter dem üblichen Niveau. Millionen von Fischen verendeten, bis zu tausend Jahre alte Bäume brannten nieder und das Jahr ging als schlimmstes Dürrejahr seit über hundert Jahren in die Geschichte ein. Zum ersten Mal stiess die sogenannte Lunge der Erde mehr Kohlendioxid aus, als sie aufnahm. Klimaforscher:innen warnten, die Region sei gefährlich nah an einem Kipppunkt: Hielte die Dürre länger an oder würde sie sich häufiger wiederholen, könnten grosse Teile des Regenwalds in eine Savanne übergehen. Eines der artenreichsten Ökosysteme ginge verloren und mit ihm ein zentraler Schutzschild gegen die Erderwärmung. 2010, 2015 und 2016 durchlebte der Amazonas die nächsten Dürren. Er stünde «am Rande seines funktionalen Zusammenbruchs», warnte der US-Biologe Thomas Lovejoy damals. «Und mit ihm auch wir.» Der Wald rückt immer näher an den Kipppunkt.
Auslöschung durch menschengemachte Pandemien
Wahrscheinlichkeit bis 2100: ca. 3,3 Prozent*
Was eine Pandemie in unseren vernetzten Gesellschaften anrichten kann, haben wir mit COVID-19 alle erlebt: Gesundheitssysteme stossen an ihre Grenzen, Lieferketten werden unterbrochen, soziale Spannungen verschärfen sich, Menschen sterben. Rund 7,1 Millionen Menschenleben kostete das Coronavirus gemäss WHO, wobei die Sterblichkeitsrate des Virus noch moderat ausfiel.
Unsere globalisierte Welt steigert nicht nur die Gefahr natürlicher, sondern auch menschengemachter Pandemien. Das Internationale Ständige Friedensbüro schätzt, dass 16 bis 20 Staaten Biowaffenprogramme haben. Die Zahl der Staaten mit der Fähigkeit, biologische Waffen herzustellen, liege bei über 100.
Das Büro bezeichnet Biowaffen als «die Atombombe des armen Mannes». Anders als Atomwaffen sind sie leicht herzustellen und einfach zu verstecken, denn trotz internationaler Vereinbarungen gibt es keine verpflichtenden Inspektionen. Das Budget der Kontrollinstanz liege, monieren Beobachter:innen, unter jenem einer Filiale von McDonald’s.
Toby Ord schätzt die existenzielle Gefahr einer natürlichen Pandemie angesichts unserer medizinischen Fortschritte und Warnsysteme als gering ein. Er warnt vielmehr vor menschengemachten Pandemien: «Es gibt Fälle, in denen pandemische Erreger gezielt so verändert wurden, dass sie sich leichter ausbreiten oder tödlicher sind als natürlich entstandene.» Immer mehr Menschen seien dazu fähig, immer schneller solche Viren zu entwickeln.
Auf der Kippe: 2011 gelang es zwei Forschungsteams in den Niederlanden und den USA, das hochansteckende Vo gelgrippevirus H5N1 so zu verändern, dass es unter Frettchen – einem etablierten Modell für den Menschen – über die Luft übertragbar wurde. Das Virus gilt als äusserst tödlich: Rund sechzig Prozent der infizierten Menschen würden sterben. Die Veröffentlichung der Methoden hätte es theoretisch ermöglicht, den Erreger ausserhalb von Hochsicherheitslaboren nachzubauen, mit potenziell verheerenden Folgen. Die US-Regierung schaltete das National Science Advisory Board for Biosecurity ein. Die beiden Teams legten ihre Arbeit für fast ein Jahr auf Eis, bevor die Studien nach hitziger Debatte vollständig publiziert wurden: Das veränderte H5N1Virus darf nur noch von ausgewählten Institutionen unter strengen Auflagen untersucht werden. Auch wenn in diesem Fall alles glimpflich verlief, gehen die «Gain of Function»-Experimente weiter.
*Die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis innerhalb eines Jahrhunderts eintritt und die Menschheit auslöscht respektive ihr langfristiges Potenzial zerstört. Nach Toby Ord, Senior Researcher an der Oxford University und Autor von «The Precipice: Existential Risk and the Future of Humanity».
Auslöschung durch Künstliche Intelligenz
Wahrscheinlichkeit bis 2100: ca. 10 Prozent*
Spätestens seit OpenAI im Jahr 2022 ChatGPT, seinen Chatbot mit generativer KI, veröffentlicht hat, kommt kaum noch jemand an Künstlicher Intelligenz vorbei. Neben hilfreichen Anwendungen etwa bei Datenanalysen blicken wir dabei auch in Abgründe: Deepfakes, automatisierte Cyberangriffe, bedrohte Jobs. Künstliche Intelligenz wird bereits eingesetzt, um militärische Ziele zu identifizieren, und ihr Energieverbrauch ist so hoch, dass Microsoft plant, ein ganzes Atomkraftwerk nur für KI-Rechenzentren zu nutzen.
Während die Horrorszenarien von Maschinen, die die Menschheit versklaven, eher nach Hollywood als in die Wissenschaft gehören, warnen auch Akademiker:innen vor den Gefahren. Geoffrey Hinton, der sogenannte «Godfather of AI», ist einer der prominentesten Warner. «Es ist aktuell nur ein niedliches Tiger-Baby», sagt er. «Doch solange man nicht sicher sein kann, dass es einen als Erwachsenen nicht töten will, sollte man sich Sorgen machen.»
Der Philosoph Nick Bostrom beschreibt die Gefahr am Beispiel der Büroklammern: Eine KI erhält die harmlose Aufgabe, so viele Büroklammern wie möglich herzustellen. Ohne Grenzen oder ein Verständnis menschlicher Werte könnte sie dafür alle Ressourcen der Erde einsetzen, sogar Menschen. Eine zu Beginn banale Aufgabe wird zur existenziellen Bedrohung.
Hunderte Wissenschaftler:innen und KI-Forscher:innen fordern, dass Künstliche Intelligenz ebenso reguliert und überwacht wird wie nukleare Entwicklungen.
Auf der Kippe: Kurz nach der Veröffentlichung von ChatGPT-4 im März 2023 fanden Forschende heraus, dass sich die Schutzmechanismen mit sogenannten «Jailbreaks» – Prompts, die die KI austricksen – leicht umgehen lassen. In einem Test stand die künstliche Intelligenz vor einem Captcha, einer Aufgabe, die so gestaltet ist, dass sie nur von Menschen gelöst werden kann. ChatGPT beauftragte über die Microjob-Plattform TaskRabbit einen Menschen, das Captcha zu lösen – und als dieser stutzig wurde, log es ihn bewusst an: Es sei keine Maschine, sondern ein Mensch. Es ist der erste bekannte Fall, in dem eine KI aktiv einen Menschen manipuliert hat.
Schweizer Risiken: Strom, Mobilfunk, Pandemie
In der Schweiz ist alles ein bisschen anders – aber irgendwie auch gleich. Seit 2013 veröffentlicht das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) eine Risikoanalyse. Darin vergleicht es inzwischen 44 Gefahrenszenarien und ordnet diese ein. Einerseits nach dem finanziellen Schaden, der aus maximal zwölf Indikatoren berechnet wird, andererseits bewertet das BABS die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den kommenden fünf bis zehn Jahren eintreten.
In der aktuellen Ausgabe, sie datiert von 2020, stehen bewaffnete Konflikte, eine Strommangellage und Erdbeben zuoberst auf der Liste. Es sind die Risiken, die den grössten Schaden anrichten könnten. Berücksichtigt man zusätzlich auch ihre Wahrscheinlichkeit, verschieben sich die Podestplätze: Die Strommangellage landet zuoberst, gefolgt von einer Influenza-Pandemie und dem Ausfall des Mobilfunks.
Bei der Strommangellage gingen die Expert:innen von einer mehrmonatigen Unterversorgung von 30 Prozent im Winter aus. Schadenssumme: über 180 Milliarden Franken. Wahrscheinlichkeit: einmal in 30 bis 50 Jahren.
Und der Atommüll? Dieser wird vom Bund seit 2020 als Szenario eines Anschlags auf einen Nukleartransport untersucht und als «teilweise plausibel» eingestuft. «Es gibt keine deutlichen Hinweise auf eine klare Absicht einer möglichen Täterschaft», heisst es im entsprechenden Gefährdungsdossier der Risikoanalyse. Auch die erwartete Schadenshöhe reicht bei weitem nicht für die Top Ten: Sie liegt im einstelligen Milliardenbereich.
Homo periculans
Was prägt unser Risikoverhalten? Das Steinzeitgehirn, unsere Gene, frühe kulturelle Einflüsse, die jüngere Geschichte? Ein Versuch, dem menschlichen RisikoCocktail auf die Spur zu kommen.
Von David Fehr
Das Leben besteht aus Atmen, Essen, Schlafen – und Entscheidungen. Täglich treffen wir Zehntausende, zum Glück meist mit überschaubaren Folgen. Diesen oder den nächsten Bus, schwarze oder blaue Jacke, Menu eins oder Menu zwei? Andere prägen das ganze Leben. Darunter jene, die im weitesten Sinne mit Wirtschaft und Finanzen zu tun haben. BWL-Studium oder Kunsthochschule? Vermögen sparen, breit gestreut anlegen oder im Casino vermehren/verspielen? Sichere Anstellung oder eigene Ideen mit einer Firmengründung umsetzen?
Ein Blick in die Welt zeigt: Der Homo periculans – der Risikomensch, frei ins Lateinische übersetzt – beantwortet diese Fragen mit enormer Unterschiedlichkeit. Aber warum eigentlich? Welche Einflüsse prägen das individuelle Risikoverhalten?
Die Spurensuche beginnt im Gehirn, dort, wo unsere Entscheidungen entstehen. Eine faszinierend leistungsfähige Maschine mit 86 Milliarden Neuronen und bis zu 100 Billionen Synapsen, die uns in den meisten Fällen gute Dienste leistet. Doch wenn es um Risikoeinschätzungen geht, versagt der Supercomputer bisweilen, so die These der evolutionären Psychologie. Sie stützt sich darauf, dass sich die physische Struktur des Gehirns in den letzten 100‘000 Jahren kaum verändert hat. Zwar kam es zu genetischen Anpassungen, doch anatomisch ähnelt es immer noch stark dem unserer Vorfahr:innen. Es ist vom Leben in der Frühzeit geprägt und tut sich schwer, alte Muster abzulegen.
Gehirn und Gene
Dass uns die evolutionäre Prägung bis heute beeinflusst, bestätigt Christian Fichter. Der Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie bewegt sich mit seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Psychologie. «Unser Gehirn ist auf schnelle intuitive Entscheidungen in unsicheren Situationen trainiert. Das war überlebenswichtig, als wir noch Jäger:innen und Sammler:innen
waren», sagt Fichter. «Diese Mechanismen wirken bis heute nach, im Privatwie im Berufsleben.» Gemeint sind Verhaltensweisen wie der OptimismusBias, das Überschätzen von Chancen, oder übermässige Verlustangst. Beides war in der Frühzeit wichtig, heute steht es den Menschen oft im Weg.
Dass es bezüglich Ausprägung angeborene Unterschiede gibt, zeigt eine Studie der Universität Zürich. Mithilfe von Scans konnte sie nachweisen, dass die Gehirne risikofreudiger Menschen anders arbeiten als jene der risikoscheuen Proband:innen. Insgesamt ist der Anteil der Gene jedoch gering: Laut Studie erklären sie nur gut zwei Prozent der Unterschiede beim Risikoverhalten
Die anatomische Beschaffenheit des Gehirns und Gene spielen also eine Rolle, erklären aber nicht die enormen weltweiten Unterschiede beim Risikoverhalten. Diese sind der zweiten Einflussebene geschuldet, den kulturellen Einflüssen. Denn in den letzten 100’000 Jahren hat sich ja nicht nur ein bisschen etwas verändert. Im Gegenteil: Alles hat sich verändert.
Kulturelles Potpourri
Aus Lauten wurden rund 7000 Sprachen, aus Nachdenken wurde Philosophie, Höhlenkritzeleien entwickelten sich zu Kunst. Primitive Werkzeuge wurden zu Technologie, Nomadentum zu Sesshaftigkeit und Ackerbau, Mythen und Geschichten zu Religion. Aus Baumstämmen wurden Schiffe, aus Tauschhandel Globalisierung, aus Holzstöcken atomare Sprengköpfe.
Welche Entwicklungen das Risikoverhalten prägen – und wie genau –, lässt sich nicht abschliessend bestimmen. Naheliegend ist, dass Religion und Spiritualität eine Rolle spielten und je nach Weltregion immer noch spielen. So wird risikoreiches Verhalten in stark religiös geprägten Gesellschaften oft durch klare Regeln eingedämmt. Ähnliches gilt für Kulturen, die an ein unausweichliches Schicksal glauben: Warum etwas wagen, wenn ja sowieso alles vorherbestimmt ist?
Unbestritten ist der Einfluss der wirtschaftlichen, gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen. Ausgeprägter Kapitalismus fördert mehr Risikobereitschaft als Planwirtschaft, die kaum Aufstiegschancen bietet. Fehlende Rechtssicherheit macht riskante Vorhaben noch riskanter und bremst die Innovationsfreude. Stabile politische Rahmenbedingungen erlauben mehr Risikobereitschaft, Instabilität führt zu Extremen: Entweder wird das Wenige, das man noch hat, geschützt – oder es brechen alle Dämme, und der Wagemut greift um sich.
Selbst die Sprache beeinflusst das Risikoverhalten, so eine Studie der Yale University. Je stärker sich Präsens und Futur sprachlich unterscheiden, desto ferner erscheint die Zukunft und desto mehr werden Risiken eingegangen, auch finanzieller Art.
Doch ein kultureller Rundumschlag reicht nicht, um der Risikoprägung einer bestimmten Region auf die Spur zu kommen. Sie entsteht kleinteiliger und muss auch so betrachtet werden. Worauf sich Risikokulturen begründen können, zeigen folgende Beispiele.
Japan – Harsche Bedingungen erfordern Gemeinschaft
Japans Wurzeln reichen 10’000 Jahre zurück bis in die Jōmon-Zeit. Was die Menschen von damals mit ihren Nachfahr:innen verbindet, sind die rauen Bedingungen: als Insel isoliert, Ressourcen und Ackerflächen knapp, geplagt von Hitze, Erdbeben und Tsunamis. Um zu überleben und den kargen Böden Erträge abzuringen, musste langfristig geplant und gemeinschaftlich gehandelt werden. Risiko in Form von Einzelgängertum war wenig zielführend, Kooperation umso wichtiger. «Natur und Kultur stehen in einem Wechselspiel», sagt Christian Fichter. «Die Natur gibt Umweltbedingungen vor, und die Kultur muss sich so entwickeln, dass sie mit diesen zurechtkommt, ansonsten sterben die Menschen.»
Japan ist zudem geprägt von konfuzianischen Werten wie Respekt, Harmonie und Gemeinschaft. Rituale, Hierarchien und Senioritätsprinzip sind bis heute zentral – und Glück wird weniger individuell, sondern kollektiv angestrebt. Ehre
ist wichtig, Scheitern bedeutet Gesichtsverlust. Alles in allem keine Voraussetzungen für eine ausgeprägte Risikobereitschaft: Risiko wird hier meist nicht als Chance gesehen, sondern als Gefahr.
Das exakte Gegenteil sind die USA, wo Risikolust den Alltag dominiert.
USA – No Risk No Fun
Fünfzehnmal scheitern? Kein Grund, es nicht ein sechzehntes Mal zu versuchen. Vermögen, selbst jenes für die Vorsorge, wird nicht auf Sparkonten geparkt, sondern in Aktien angelegt. Oder in Bitcoin, die zu vierzig Prozent in den USA gehalten werden. Selbst beim Wohnen wird riskiert: In Regionen, die regelmässig von Hurrikans oder Waldbränden betroffen sind, wird leicht und kostengünstig gebaut – und nach Zerstörung einfach wieder aufgebaut. Auch Gesundheitswesen und Bildung sind risikobehaftet: Ein medizinischer Vorfall kann lebenslange Verschuldung bedeuten, dasselbe gilt für Studienkredite ohne späteren Top-Job.
Die USA sind Land gewordenes Risiko: Es gibt viel zu gewinnen – und ebenso viel zu verlieren. Der Grund liegt, so Fichter, in der Gründungsgeschichte. «Es ist naheliegend, dass die USA historisch vom Pioniergeist geprägt sind: Auswanderung, Goldrausch, American Dream. Die Erfahrung, dass Fortschritt oft nur über Risiko möglich ist, prägt die US-Bevölkerung.»
Die frühesten Erfolgsgeschichten lieferten die Siedler:innen: Wer sich an einem fruchtbaren Ort niederliess, konnte Reichtum aufbauen, von dem die Nachkommen bis heute profitieren. Auch in jüngerer Zeit hat sich Risikobereitschaft ausbezahlt. Etwa bei Elon Musk, der mehrfach vor der Pleite stand, alles riskierte und heute der reichste Mensch der Welt ist. Oder bei Mark Zuckerberg, der 2006 ein Facebook-Übernahmeangebot über eine Milliarde Dollar ablehnte. Heute ist er 250-facher Milliardär. Oder bei Fedex-Gründer Frederick Smith, der 1971 mit den letzten 5000 Dollar Unternehmensvermögen nach Las Vegas ging und mit Black Jack 27’000 Dollar Gewinn erzielte – über 50 Jahre
später beschäftigt Fedex 500’000 Angestellte. Warum sollte man selbst nicht etwas Ähnliches erreichen?
Das Beispiel der USA zeigt zudem auf, dass eine Risikokultur nicht Tausende von Jahren benötigt, ein paar Jahrhunderte reichen. Doch die noch jüngere Geschichte könnte gemäss Fichter dafür sorgen, dass es zu einem Wandel kommt. «Mir scheint, es beginnt zu kippen. Wenn gesellschaftliche Spannungen, politische Unsicherheit und ökonomischer Druck zunehmen, wächst das Bedürfnis nach Sicherheit. Selbst Kulturen, die auf Risiko gebaut sind, können risikoavers werden.»
Risikoavers, dieses Attribut wird der Schweiz zugeschrieben. Und wie so oft, ist das Land auch bei diesem Thema ein Sonderfall.
Schweiz – Risiko fakultativ
Eigentlich bringt die Schweiz ideale Voraussetzungen mit, die Risikofreude begünstigen: stabile Demokratie, hohe Rechtssicherheit, ein vergleichsweise sozialer Kapitalismus und wenige religiöse Einschränkungen. Dennoch dominiert das Sicherheitsdenken. «Das Phänomen heisst Verlustangst», sagt Christian Fichter: «Wer viel hat, hat viel zu verlieren. Und wer viel zu verlieren hat, schützt das Erreichte.» Stabilität habe in der Schweiz einen sehr hohen Wert – historisch, kulturell und wirtschaftlich. «Banken, Versicherungen, Sozialstaat: Alles ist auf Sicherheit ausgerichtet. Diese Haltung prägt unser kollektives Verhalten.»
Die Folge davon ist für sich genommen positiv: In der Schweiz lässt es sich auch ohne Risikobereitschaft gut leben. «Das Schweizer Modell bietet mit Ausbildung, Arbeitsmarkt und sozialer Sicherheit schon sehr gute Lebensperspektiven. Der Druck, ins Ungewisse zu springen, ist gering. Das macht die Gesellschaft insgesamt risikoavers. Und es erklärt, warum der Silicon-ValleyMindset hier nur begrenzt Wurzeln schlägt», sagt Fichter. Und selbst wer etwas wagt und scheitert, fällt vergleichsweise weich.
Acht Milliarden RisikoCocktails
In Japan sind es klimatische Bedingungen und Werte, in den USA die Gründungsgeschichte, in der Schweiz der Wohlstand: Kulturelle Risikoprägung kennt verschiedene Gesichter. Doch auch sie liefert nur ein Grundrauschen, kein finales Urteil. Jede:r trägt einen eigenen Risiko-Cocktail in sich, geprägt durch Erziehung, Umfeld, persönliche Erfahrungen – und damit nicht zuletzt dem Zufall. Diese Prägung beginnt früh: «Bereits Kleinkinder haben unterschiedliches Temperament, sind unterschiedlich wagemutig. Zusammen mit Erfahrungen in der Familie und im kulturellen Kontext formen sich daraus die unterschiedlichen Arten, mit Risiken umzugehen», sagt Fichter.
Das genaue Rezept dieser über acht Milliarden Varianten bleibt ein Rätsel. Ein Rätsel, das einem zeitlebens prägt, aber nicht zwingend über das Leben bestimmen muss: «Wie alle unsere Verhaltensweisen können wir auch unsere Risikoprägung nicht einfach abstreifen», sagt Fichter. «Aber wir sind ihm auch nicht ausgeliefert. Verhalten lässt sich verändern, wenn man dazu motiviert und fähig ist. Das ist aufwändig und mühsam, kann sich aber lohnen.» Der Homo periculans mag uralte Wurzeln haben, seine Zukunft aber kann er selbst mitgestalten.
500m+
Das Risiko leben
Fünf Porträts von Menschen mit besonders risikoreichen Berufen.
Marco Büchel und Michelle Mackintosh: Sebastian Sele
Rhea Oderbolz: Michèle Roten
Korporal Damien und Albert Lamorisse: Nicola Brusa
Immer wieder wurde er gefragt, was er während einer solchen Abfahrt gedacht habe. «Gar nichts», antwortete er dann. «Du bist im Flow und vertraust voll und ganz auf deine Intuition.» Sobald der erste Meter auf dem Hang hinter ihm lag, sei eine innere Ruhe eingekehrt. Die zehn Meter vor ihm wurden zum Zentrum seines Universums. Es gab nur ihn, den Schnee und die Piste.
Die Risiken, die Büchel einging, waren punktuell und kalkuliert. «Abseits dieser Momente war ich eher risikoscheu», sagt er, der damals nicht nur beruflich Kopf und Kragen riskierte, sondern in seiner Freizeit mit einem Fallschirm aus Flugzeugen und von Felskanten sprang.
Beim Skifahren konnte er seiner Erfahrung und seinem Team vertrauen. Beim Fallschirmspringen und Basejumpen auch seiner Checkliste: Passt das Wetter, die Ausrüstung, das Können? Es sei wichtig, seine Grenzen zu kennen – und im Fall der Fälle auch Nein zu sagen. «Der Faktor Zufall lässt sich so zwar nicht komplett ausschalten», sagt er, «aber zumindest eingrenzen.»
Marco «Büxi» Büchel, Ex-Skirennfahrer
«Das Unterbewusstsein drängt zur Flucht»
Mit 140 Sachen eisige Abhänge runterbrettern: Wie überlebt man das?
Kitzbühel produziert gleich viele Patient:innen wie Legenden – so besagt es ein Bonmot. Und der 54-jährige Marco Büchel stand als Skiprofi Jahr für Jahr im Januar im Starthäuschen der Streif.
Er war überzeugt: «Ich werde Kitzbühel gewinnen. Ich werde unsterblich.» Doch die Unsterblichkeit gibt’s selten gratis. Dem Eintrag in die Geschichtsbücher stand die Gefahr für die Gesundheit gegenüber.
«Das Unterbewusstsein schreit und drängt dich zur Flucht», erinnert sich der Liechtensteiner heute an den Moment im Starthäuschen, vor sich der eisige Abgrund, den er gleich mit bis zu 140 km/h hinunterrasen sollte. «Das Bewusstsein entgegnet: Ich habe zehntausende Stunden auf Skiern gestanden, ich habe die Strecke besichtigt, ich weiss, was ich tue.» In diesem Moment müsse der Kopf das Steuer übernehmen – und das Bauchgefühl auf dem Beifahrersitz Platz nehmen.
Beim grössten Risiko seines Lebens stand jegliche Wahrscheinlichkeit gegen ihn. «Nur 0,01 Prozent aller, die versuchen, Nachfahr:innen zu werden, schaffen es», sagt Büchel. Die restlichen 99,9 Prozent würden mit einer zehnjährigen Lücke im Lebenslauf in ihre Dreissiger starten. «Niemand wartet auf dich.» Trotz seiner Vorliebe für kalkuliertes Risiko half Büchel also auch ein Fünkchen Glück. Und im Januar 2008 klappte es sogar mit seiner Unsterblichkeit: Gold im Super-G von Kitzbühel.
Inzwischen ist Skifahren nur noch ein Hobby. Mit seinem Rücktritt vom Rennsport gab er auch die Extremsportarten auf: Beim Basejumpen wurde der Faktor Zufall zu mächtig – Freunde starben. Das Fallschirmspringen wurde ihm zu langweilig. Herausforderungen findet er heute im Marathonlauf, und den Kick, sagt er, suche er erst gar nicht mehr: «Anders gesagt: Ich wurde einfach alt.»
Michelle Mackintosh, Sicherheitsberaterin
«Halt ein weiterer Krieg»
Gaza, Irak, Afghanistan: Michelle Mackintosh berät Regierungen, NGOs und Medienschaffende in Extremsituationen.
Sobald irgendwo die ersten Bomben fallen, weiss Michelle Mackintosh, wo es als Nächstes hingehen wird. Seit dem Jugoslawienkrieg reist die Schottin in Konfliktgebiete rund um die Welt. «Zu den Grossen», sagt sie: Gaza, Irak, Afghanistan. Doch ihre Liste reicht weit über diese hinaus: Kenia, Somalia, Uganda. 63-mal ging die 61-Jährige als Beauftragte für Sicherheit und Krisenmedizin auf Mission. Für Heimdal Security berät sie Regierungen, NGOs und Medienschaffende direkt im Feld, wie sie an der Front weder entführt, noch von Scharfschützen erwischt oder von Bomben verletzt werden.
Die wichtigste Frage, die sie dabei beantworten muss, bleibt rund um die Welt dieselbe: Ist es die Situation wert, sich einem Risiko auszusetzen? Kann es gerechtfertigt sein, sich selbst Bomben, Landminen und Entführungen zu stellen, um das Leben anderer zu retten?
«Natürlich bringt Gefahr auch Nervenkitzel mit sich», sagt Mackintosh. Es sei aufregend, sich in Situationen zurechtzufinden, in welche die meisten Menschen weder aus Liebe noch für Geld gehen würden. «Ich bin absolut in meinem Element, wenn Kugeln fliegen oder Bomben fallen.»
Bei ihrem ersten Einsatz in der Ukraine habe die Familie gewarnt: Das sei ihr Todesurteil. Doch die Realität vor Ort war differenzierter. Mackintosh wusste, der Krieg tobt nicht in Kiew, wo sie wohnen würde, sondern an der Ostgrenze. Sie wusste, selbst wenn es Raketen auf Kiew regnet, ist die Wahrscheinlichkeit klein, dass es genau sie trifft. Und wenn die Raketen im Haus einschlagen, wusste sie, dass das Badezimmer der sicherste Ort ist.
«Das alles ist für mich inzwischen normal», sagt Mackintosh. «Es ist halt ein weiterer Krieg.»
Eine Situation in Gaza verdeutlicht diese Grenzverschiebung. «Wir fragten unser lokales Team, was die grösste Gefahr für sie sei», erinnert sie sich. Die Palästinenser:innen diskutierten und einigten sich auf eine Antwort. Es waren nicht die Bomben und Raketen, die täglich fielen. «Sie sagten, die grösste Gefahr sei Sonnenbrand.»
Wenn Mackintosh zurück nach Schottland kommt, bleibt der Krieg in ihr. Kindergeschrei kann sie nicht ertragen. Supermärkte ebenso wenig. Sie spricht von Panikattacken und davon, dass sie seit 2007 professionelle Hilfe erhält. Wann wird es zu viel des Risikos? «Eine klare rote Linie habe ich nicht», sagt sie. «Doch ich werde älter und werde aufhören müssen, bevor ich anderen im Einsatz zur Last falle.»
Bis dahin weiss ihr Sohn, den die verschiedenen Kulturen und Sprachen begeistern, von denen seine Mutter erzählt: Sobald irgendwo die Bomben fallen, wird seine Mutter bald in ein Flugzeug steigen. «Das ist mein Job», sagt diese. Und wer würde diesen schon tun, wenn nicht sie?
Korporal Damien, Bombenentschärfer
«Überall verdächtige Pakete»
Jeder Fehler kann tödlich sein: Wie behält man beim Bombenentschärfen die Ruhe?
Von seinem Beruf haben alle ein Bild. Auf der digitalen Anzeige ticken leuchtend rot die Sekunden, da sind farbige Drähte und die Frage, die in Damiens Kopf oszilliert: den blauen, den roten, den blauen, den roten – oder doch den grünen? Korporal Damien kennt das Bild der tickenden Zeitbombe, er kennt das Gefühl von Adrenalin, das durch den Körper schiesst – aber Bild und Gefühl finden in seinem Alltag selten zusammen.
Damien, 37, arbeitet seit zehn Jahren als Bombenentschärfer bei der Kantonspolizei Genf. Genf hat einen Flughafen, Genf hat die UNO und Genf hat den Uhrenhersteller Patek Philippe, die ihn und seine Kolleg:innen auf Trab halten. Die Affäre um das Uhrenunternehmen 2024 war der spektakulärste Fall in seiner Karriere: drei Bomben, zwei Detonationen, ein verletztes Mädchen und Lösegeldforderungen in Millionenhöhe.
Wenn er aus seinem Alltag erzählt, wird schnell klar: Sein Beruf ist viel mehr als blau, rot oder doch grün, er hat mehr Facetten, als es Farben für Kabel gibt. Und er konfrontiert den Polizisten mit mehr als «nur», den richtigen Draht zu durchtrennen: Mit Blindgängern nach dem 1. August, mit verlassenen Koffern, verdächtigen Paketen und achtlos entsorgten Chemikalien. Dann rückt er im Kastenwagen aus. Sie sind immer zu dritt und niemand macht etwas, ohne dass sich die drei vorhin einig gewesen wären: Jede Intervention ist eine Lektion in Risikomanagement. Das grösste Risiko: zu denken, dass auch dieses Mal nichts passiert.
«Nehmen wir den Koffer am Flughafen», erzählt Damien. Hundert Mal hat er einen Bereich schon weiträumig abgesperrt, hundert Mal überprüft, dass sich ja niemand in der Gefahrenzone aufhält, hundert Mal den Roboter via Fernbedienung zum Objekt ruckeln lassen und dieses geröntgt, hundert Mal nur Bikini, Unterhosen und Genie Lavabo gefunden. Und doch müsse er auch beim hundertundersten Mal davon ausgehen, dass ihm der Koffer um die Ohren fliegt, wenn er einen Fehler macht. Das bedeutet auch: Wenn es keinen Zeitzünder gibt, lassen sich Damien und seine Kolleg:innen nicht unter Druck setzen. Sie arbeiten, wie Damien am Telefon spricht, nehmen sich Zeit, handeln besonnen – oder gar nicht. Sie folgen streng geregelten Abläufen und versuchen dabei, ihr «Chakra offen zu halten», wie sich Damien ausdrückt. Nicht, dass sie vor lauter Standards nicht mehr im Moment arbeiten und etwas übersehen. Da komme das Adrenalin ins Spiel, es helfe, die Konzentration hochzuhalten.
Jede Intervention kennt ihre Protokolle, jedes Protokoll haben Damien und seine Kolleg:innen x-mal im Training durchgespielt und immer wieder angepasst und präzisiert. Sowieso kenne sein Beruf keinen Stillstand, es gelte, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Dafür tauschen sich die Expert:innen weltweit aus, lernen von den Erfahrungen der anderen und schauen, dass sie «von der Gegenseite» nicht abgehängt werden. «Super spannend und interessant» sei das.
Risiko, sagt Damien, sei Teil seines Berufes. Er versuche, es klein zu halten – und in seinem Privatleben möglichst auszuschliessen. Die déformation professionelle eines Bombenentschärfers? Immer Hollywood im Kopf, «überall verdächtige Pakete, sogar in den Regalen des Bastelladens muss ich immer schauen, womit sich etwas Explosives zusammenbauen liesse». Und ja, er könne im Restaurant nur an einem Tisch essen, von dem aus er den Eingang im Blick habe.
Rhea Oderbolz, Forstwartin
«Jede Situation ist ein
Sonderfall»
Beim Holzschlag lauern die Gefahren überall. Da hilft nur Intuition und Abwägung.
Rund eine Stunde dauert es, bis Rhea Oderbolz einen umgelegt hat. Das ist momentan an der Tagesordnung: Winter ist Baumfällsaison. Einerseits, weil sich die Bäume dann in der Ruhephase befinden, andererseits wegen der Risikominimierung: Ohne Blätter sieht man, was in der Krone so läuft, etwa, ob es tote Äste gibt, die eine Gefahr darstellen könnten. Das ist der erste Schritt: Die Lageeinschätzung. Wie steht der Baum, lehnt er auf eine Seite, wie ist das umliegende Gelände, gibt es Gebäude, Wege, die gesperrt werden müssen?
Rhea Oderbolz ist Forstwartin im dritten Lehrjahr. Dass sie diesen Job machen will, wurde ihr klar, als sie im Gymi einen Tag mit einem Forstwart verbracht haben: «Was der alles wusste über den Wald, was er an den Bäumen ablesen konnte, das fand ich extrem spannend.» Spannend fand auch ihre Mutter die Berufswahl – oder anders formuliert: Begeistert war sie nicht. Inzwischen habe sich das gelegt. Forstwartin gehört zu den gefährlichsten Berufen der Welt. Die Risiken lauern überall: Von Stürzen im Gelände über
herabfallende Objekte bis zu rollenden Baumstämmen. Man hantiert mit Motorsägen, kann sich an Raupen und Seilwinden verletzen, es sind giftige Stoffe im Einsatz und manchmal erschwert einem das Wetter die Arbeit zusätzlich.
«Natürlich gibt es viele Richtlinien, Protokolle, Schutzkleidung», sagt Rhea Oderbolz. Man wird gut ausgebildet und die Begleitung ist eng. Aber eigentlich sei jede Situation ein Sonderfall, «jeder Baum und jedes Gelände sind anders, so richtig generalisieren lässt sich das einfach nicht.» Ein Beispiel: «Grundsätzlich gilt: Man muss auf die Seite weg, wo der Baum nicht rüberhängt. Wenn man aber mit einer Seilwinde arbeitet und das Seil mit einer Rolle umleitet, dann gibt es einen Seilwinkel – und wenn etwas schiefgeht, dann sollte man nicht dort sein, wo in diesem Fall das Seil zu fliegen kommt. Wenn es nun aber so ist, dass eigentlich beide Richtungen nicht ideal sind, dann geht es mehr um die Abwägung, wo die Gefahr kleiner ist», erzählt die 21-Jährige.
In einer kleinen Branche wie der Forstarbeit bekomme man alle Unfälle mit. Von denen, die sich beim Schleifen der Motorsäge verletzen, bis zum Lernenden, der bei einem Absturz tödlich verunglückt ist. «Mir ist sehr bewusst, dass jederzeit etwas passieren kann», sagt Rhea Oderbolz. Man müsse wirklich immer absolut präsent sein. «Leider neige ich dazu, auch arbeiten zu gehen, wenn ich nicht wirklich fit bin. Das sollte ich eigentlich nicht.» Sie sei grundsätzlich ein zurückhaltender, überlegter Mensch, «ich habe lange gebraucht, bis ich mich wirklich sicher gefühlt habe». Bisher gab es nur kleinere Verletzungen, Schnitte, einmal habe sie sich am Auspuff der Motorsäge verbrannt, was fast allen einmal passiere.
Ist die Lage eingeschätzt, die Umgebung gesichert, der Fallkerb berechnet und eingesägt, sind die Kolleg:innen per Funk gewarnt, setzt Rhea Oderbolz den Fällschnitt –und ein Riese stürzt. Mit jedem gefällten Baum wird sie etwas besser, wird das Risiko etwas kleiner. Auf Null werde es aber nie sein: «Selbst den erfahrensten Forstwart:innen kommt immer mal wieder ein Baum unter, bei dem es völlig anders rauskommt als geplant.» Rhea Oderbolz kann damit leben.
Albert Lamorisse, Regisseur und Spieleerfinder
Folgenschweres Risiko
«Risiko» ist eines der beliebtesten Brettspiele. Dessen Erfinder wurde Wagemut zum Verhängnis.
Wir wissen wenig über den generellen Umgang Albert Lamorisses mit Risiken. Nur so viel: Er ist eines zu viel eingegangen – und mit dem Helikopter in den Tod gestürzt. Und doch wurde der französische Regisseur weltbekannt wegen «Risiko»: Er hat in den 1950er-Jahren eines der erfolgreichsten Brettspiele überhaupt erfunden.
Albert Lamorisse wurde 1922 in Paris geboren. Ein Tagträumer, ein Schüler, den kaum etwas interessierte – bis er den Film und das Schachspiel entdeckte. Seinem Faible für Strategie und Spielideen verdankt die Welt wohl auch «Risiko». Während der Familienferien in den französischen Alpen zeichnete Lamorisse eine Weltkarte auf ein Blatt Papier, bastelte Spielfiguren und notierte Regeln. Das Spiel sollte seine drei Kinder und Freund:innen an langen Winterabenden beschäftigen. Im Kern ging es darum, Risiken einzugehen, um strategische Vorteile zu gewinnen und die Gebiete anderer Spieler zu erobern.
Aus «La conquête du monde» – der ursprünglichen, martialischen Fassung – wurde später «Risiko». Der neue Name klang harmloser und passte besser zu Lamorisses pazifistischem Wesen. 1957 meldete er das Spiel zum Patent an. Es wurde ein Welterfolg und inspirierte Generationen von Strateg:innen – von «Diplomacy» bis «Die Siedler von Catan».
Auch als Filmemacher war Lamorisse ein Visionär. Seine poetischen Kurzfilme gewannen internationale Preise, darunter goldene Palmen in Cannes und 1957 den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Für «Der rote Ballon» –angeblich erst in der 42. Drehbuchfassung von ihm selbst für gut befunden – erfand er eine zarte Parabel über Freundschaft und Freiheit. Ein kleiner Junge, gespielt von seinem Sohn Pascal, wird von einem roten Ballon begleitet, der ihn am Ende buchstäblich davonträgt – hinaus aus der grauen Pariser Realität.
Doch Lamorisse wollte höher hinaus. Unzufrieden mit den Luftaufnahmen des «Ballons», tüftelte er an einer Vorrichtung zur Bildstabilisierung. Mit seiner Erfindung «Hélivision» wurde der Helikopter zur fliegenden Kamera: Statt starr von oben zu filmen, schoss die Kamera nun dynamisch auf die Objekte zu. Diese neuartige Perspektive revolutionierte die Filmästhetik – und fand später Eingang in spektakuläre Szenen früher James-Bond-Filme.
Schliesslich wurde ihm genau diese Erfindung zum Verhängnis. Für den Schah von Persien drehte Lamorisse den Dokumentarfilm «Le vent des amoureux». Der Auftraggeber wünschte sich Bilder eines modernen Irans: Universitäten, Autofabriken, Nuklearanlagen, den mächtigen KaradschStaudamm. Lamorisse hingegen suchte die Poesie des Landes, seine Mystik, seine Geschichte. Doch wer zahlt, befiehlt – also kam «Hélivision» wieder zum Einsatz.
Beim Dreh über dem Karadsch-Staudamm kollidierte der Helikopter mit Stromleitungen und stürzte in den Stausee. Lamorisse, sein Pilot und die Crew kamen ums Leben. Er wurde nur 48 Jahre alt.
Ein Mann, der das Risiko nicht nur erfand, sondern am Ende auch selbst verkörperte.
«Wir überschätzen Chancen und unterschätzen Gefahren»
Vom Homo periculans zum Homo oeconomicus:
Wirtschaftspsychologe
Christian Fichter über das Verhältnis von Wirtschaft und Risiko, die Bedeutung des Bauchgefühls, die Gefahren von KI und berühmte Hasardeur:innen.
Interview: David Fehr & Adrian Schräder
Herr Fichter, warum gehören Wirtschaft und Risiko zusammen?
Wirtschaft ohne Risiko funktioniert nicht. Im Prinzip geht es beim Wirtschaften um das Herstellen und Tauschen von knappen Ressourcen. Nehmen wir das Beispiel Nachrichten. Wenn meine Nachrichten niemanden interessieren, riskiere ich den Konkurs. Und auf der anderen Seite: Wenn ich als Konsument:in Nachrichten konsumiere, die falsch oder irrelevant sind, riskiere ich, die Welt nicht richtig zu verstehen.
Wie definieren Sie Risiko?
Risiko ist die Erfolgswahrscheinlichkeit meines Tätigseins. Leider ist es so, dass wir mit unserem Tätigsein stets in Konkurrenz stehen mit dem unserer Mitmenschen. Wer nichts tut, wer nichts wagt, der nicht gewinnt. Allerdings gilt auch: Wer zu viel wagt, gewinnt auch nicht. Oder, um es mit Blaise Pascal auszudrücken: «Alles Unglück der Menschen kommt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.»
Wirtschaften bedeutet also Risiko und Konkurrenz. Viele behaupten, es bedeute auch stetiges Wachstum. Was denken Sie?
Der Wachstumsbegriff wird unterschiedlich verstanden, je nach politischer Ideologie, die man vertritt. Das ist schade, denn Wachstum sollte meines Erachtens als Weiterentwicklung und Anpassung verstanden werden. Wir passen uns den veränderten Umweltbedingungen an und werden damit schlauer, gesünder, zufriedener, besser. Von so verstandenem Wachstum hat die Menschheit in den letzten 200 Jahren ziemlich viel profitiert, wie ich finde. Natürlich ist nicht alles Neue gut. Aber wer wirklich das Wachstum stoppen oder gar umkehren will, der weiss nicht, unter welchen Bedingungen unsere Vorfahren lebten. Oder möchten Sie zurück in eine Zeit ohne Penicillin und zuverlässige Nahrungsversorgung?
Sie schreiben auf Ihrer Website, Wirtschaft bestehe zu fünfzig Prozent aus Psychologie. Was meinen Sie damit?
Schon unsere Grosseltern wussten, dass Psychologie in der Wirtschaft eine wichtige Rolle spielt. Das wollte ich mit dem Spruch klarstellen. Heute wird es ja immer so dargestellt, als würde man erst dank Hirnscannern verstehen, wie der Mensch funktioniert. Das ist natürlich falsch.
Wie kommen Sie auf den Wert von fünfzig Prozent?
So genau kann man das natürlich nicht sagen. Ich will damit einfach ausdrücken, dass es viel ist. Viel mehr, als wir normalerweise annehmen. Das ist ja das Faszinierende an der Psychologie: Sie ist überall, wo Men-
schen sind, aber sie ist normalerweise unsichtbar. Wäre ja auch schrecklich unpraktisch, wenn wir uns ständig beim Funktionieren beobachten und analysieren müssten.
Heisst das auch, das Bauchgefühl ist genauso wichtig wie Zahlen und Fakten?
Achtung: Psychologie ist nicht nur Bauchgefühl, das wird gern verwechselt. Im Gegenteil: Die Psychologie zeigt auch, wie wir Zahlen und Fakten verarbeiten. Wir sprechen dabei von Zwei-Prozess-Modellen oder auch von System 1 und System 2. System 1 umfasst Reflexe und das Bauchgefühl und System 2 langsames Denken und rationales Problemlösen. Aber, um Ihre Frage zu beantworten: Ja, das Bauchgefühl, oder eben System 1, ist oft genauso wichtig oder sogar noch wichtiger als Zahlen und Fakten.
Ist das im Sinne des Unternehmertums richtig und gut?
Ha, gute Frage! Ich würde sagen nein. Rechnen und sorgfältig abwägen ist besser als fühlen und schnelles Entscheiden per Handgelenk mal Pi. Aber manchmal fehlt es halt an Zeit, Motivation, Wissen oder einfach an Wichtigkeit. Dann hat das Bauchgefühl seinen Platz.
Inwiefern kann das Gehirn beziehungsweise evolutionär antrainiertes Verhalten für Risikoentscheidungen im Bereich Wirtschaft verantwortlich gemacht werden?
Weitgehend. Unser Gehirn ist auf schnelle, intuitive Entscheidungen in unsicheren Situationen trainiert –das war überlebenswichtig, als wir noch Jäger:innen und Sammler:innen waren. Diese Mechanismen wirken heute noch, im Privatleben ebenso wie im Unter-
nehmen. Deshalb überschätzen wir Chancen, unterschätzen Gefahren oder lassen uns von Verlustangst leiten.
Wie sieht das Risikoverhalten des idealtypischen Unternehmers aus?
Dazu gibt es sehr viel Forschung. Interessanterweise zeigt diese, dass es für Unternehmensgründer:innen hilfreich ist, wenn sie eher risikofreudig sind. Später aber, wenn das Unternehmen läuft, ist das eher schädlich – dann sind Typen gefragt, die eine gesunde Portion Risikovermeidung aufweisen.
Wie gehen erfolgreiche Unternehmer:innen mit Risiko und Ungewissheit um?
Sie sind in erster Linie gut darin, Risiken und Ungewissheiten zu minimieren – aber sie nicht so weit zu vermeiden, dass kein Wagnis, kein kreatives Unternehmertum mehr möglich ist.
Elon Musk gilt als Unternehmer, der das Risiko ausreizt wie kaum ein anderer. Verkörpert er die ultimative Form des Unternehmers?
Elon Musk ist wahrscheinlich ziemlich genial, aber in seiner aktuellen Lebensphase leider auch ein Hasardeur. Ich kann keinem/r Unternehmer:in empfehlen, sich so wie Musk zu verhalten, das wäre verheerend. Es gibt alleine aus Wahrscheinlichkeitsgründen immer mal jemanden, der viel Talent, Mut und Glück hat, was dann zu so viel Ruhm und Reichtum führt, dass in der Folge ein Scheitern unwahrscheinlich wird oder weniger ins Gewicht fällt. Musk ist so einer.
Wie sehen Sie als Wirtschaftspsychologe den Einsatz von Künstlicher Intelligenz? Verringert KI das Risiko für Unternehmen?
Ganz im Gegenteil, sie erhöht das Risiko sogar. KI ist die wichtigste Erfindung, die die Menschen jemals gemacht haben. Wir werden uns noch wundern, welche Folgen KI haben wird. Im Guten wie im Schlechten. Im Privaten, bei der Arbeit oder für Unternehmen.
Warum erhöht sie das Risiko?
Auf Unternehmensebene, weil damit massive Anpassungserfordernisse verbunden sind. Nicht alle werden diese gleich gut meistern. Und dann sehe ich natürlich eine ganz klare Bedrohung für die Unternehmen, die sich durch volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzungen ergeben werden, weil KI unsere Volkswirtschaft und unsere Gesellschaft umwälzen wird.
Christian Fichter ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich.
Die Risiken sind das geringste Risiko
Im Felslabor im jurassischen Mont
Terri testet die Nagra für das Schweizer Tiefenlager – dieses soll für eine Million Jahre Bestand haben.
Die grosse Frage: Gibt es ein Szenario, an das man nicht gedacht hat?
Von Nicola Brusa
Vielleicht hätte man die Vorboten der Katastrophe wahrgenommen. War da nicht ein leises Knacken? Ein dumpfes Grollen?
Vielleicht. Die Katastrophe selbst ist unübersehbar. Ein gewaltiger Riss durch das Zürcher Unterland, hunderte Meter tief, so tief, dass er quer durch das Tiefenlager der Nagra verläuft, wo die radioaktiven Abfälle der Schweiz aufbewahrt sind. Abgebrannte Brennstäbe aus Beznau, Gösgen, Leibstadt und Mühleberg, Überbleibsel aus einer Zeit, in der die Schweiz mittels Kernspaltung ihre Haushalte und ihre Industrie am Laufen und ihre Züge am Fahren hielt. Vor einigen hundert oder vor einigen hunderttausend Jahren. Folgt auf die geologische Katastrophe nun die atomare?
Nein, sagt der Geochemiker Olivier Leupin.
Nein, sagt die Hydrogeologin Irina Gaus.
Nein, sagt die Geologin Typhaine Guillemot.
Die drei arbeiten am Tiefenlager, einem Schweizer Jahrhundertprojekt, das nach der Empfehlung der Nagra in rund hundert Jahren 800 Meter tief unter der Erde im Zürcher Unterland verschlossen werden soll. Ihr gemeinsames Ziel: Ein Lager für unsere atomaren Abfälle zu konzipieren, das auf eine Million Jahre hinaus sicher ist. Dafür haben sie sich mit allen möglichen Risiken auseinandergesetzt, unzählige Szenarien durchgerechnet, naheliegende und gesuchte, wahrscheinliche und unwahrscheinliche, realistische – und unrealistische, wie der hier eingangs geschilderte Riss, der das Tiefenlager in zwei Teile reisst.
Irina Gaus steht mit ihrem weissen Skoda in der Schleuse zum Felslabor Mont Terri. Die gelben Warnleuchten an den Wänden blinken nervös, als wollten sie sagen: Wenn Sie jetzt noch kein mulmiges Gefühl verspüren, wäre nun ein guter Moment dafür. Das monströse Metalltor hinter Gaus’ Auto ist noch nicht ganz geschlossen, das vordere versperrt ihr den Weg in das Innere des Berges im jurassischen Saint-Ursanne. Irina Gaus ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Nagra und dafür verantwortlich, dass das geplante Tiefenlager nicht bereits veraltet ist, wenn in einigen Jahrzehnten mit dem Bau begonnen wird. «Head Optimisation» lautet ihr offizieller Titel. Das gelbe Geblinke lässt die Reflektoren auf Gaus’ oranger Jacke immer wieder aufleuchten.
Die Schleuse, so scheint es, schrumpft die Menschen, die in den Berg wollen. Dafür reicht dieser kurze Moment, wenn sich das Tor hinter ihnen geschlossen hat und das vordere sich noch nicht zu öffnen begonnen hat. Kleiner weisser Skoda, riesiger grauer Tunnel. Dann der Ruck, mit dem sich das Tor vor dem Auto einen Spalt breit öffnet – und man fährt als Miniatur in den Berg hinein, ganz langsam. Irina Gaus war schon so oft da, dass sie ihre Schrumpfung nicht mehr wahrnimmt. Sie möge es, «der Welt da draussen» zu entfliehen, sagt sie, während sie das Auto durch die Einbahnen des Stollenlabyrinths steuert.
Was, wenn sich die Erde jetzt aufreissen würde, plötzlich ein feiner Riss unaufhaltsam über den Spritzbeton mäandern und das Licht zu flackern beginnen würde? Den riesigen Spalt, der den Skoda kurz darauf verschluckt, würden wir in der absoluten Dunkelheit unter Tage gar nicht mehr sehen.
Das Risiko, dass dieses Szenario eintritt, tendiert gegen null. Geologisch ist dies eigentlich unmöglich. Das Risiko, dass, wenn es doch eintritt, Strahlung freigesetzt wird – gegen null: Die Wissenschaftler:innen um Irina Gaus haben die Beweisführung auf mehreren Wegen erbracht, haben aufgezeigt, dass selbst mit diesem Riss keine Gefahr für Mensch und Umwelt besteht. Das Entwickeln dieser Szenarien habe eine kreative Komponente, sagt Irina Gaus, in der man sich überlegt, was alles mit dem Lager geschehen könnte. Zeithorizont: eine Million Jahre.
«Ist das sicher?» ist eine Glaubensfrage
Man stellt sich zwanzig Apokalyptiker:innen vor, die in Wettingen an einem langen, ovalen Tisch sitzen und Szenarien präsentieren, eines wilder als das andere. Am Tischende auf dem einzigen Stuhl mit Armlehnen sitzt Olivier Leupin milde lächelnd. Seine Antwort in vertrauensbildendem Berndeutsch auf die wilden und wildesten Szenarien ist immer dieselbe: «Daran haben wir natürlich gedacht. Nein, keine Gefahr für Mensch und Umwelt.»
Geht es um die Sicherheit des geplanten Tiefenlagers, weiss niemand besser Bescheid als Olivier Leupin. Und für den Fall, dass der Leiter Forschung und Entwicklung der Nagra mal nicht zur Verfügung steht, haben er und sein Team ihr gesamtes Wissen niedergeschrieben: im Sicherheitsnachweis. Die Analysen und Berichte stapeln sich auf einem Rollwägelchen im Büro des Leiters Forschung und Entwicklung der Nagra. Er kennt die tausenden Seiten wie kein Zweiter; braucht er eine Grafik zur Illustration, zieht er den entsprechenden Teilbericht aus dem Stapel und findet die entsprechende Seite ruckzuck. «Die Risiken», sagt er, «haben wir im Griff.» Was ihn mehr beschäftige, seien «die unbekannten Unbekannten». Was, wenn etwas eintritt, an das sie trotz allem nicht gedacht haben? «Für mich wäre es schlimm, wenn jemand mit einem Szenario ankommt und ich sagen müsste: ‹Mist, daran haben wir nicht gedacht.›»
«Das Lager ist so robust ausgelegt, dass einzelne Elemente wegfallen können, ohne die Sicherheit zu gefährden.»
Im Umfeld von Risiken nennt man dies einen «Schwarzen Schwan», ein Ereignis, das nicht in Betracht gezogen worden ist. Die Schwarzen Schwäne sorgen für Konsequenzen im Konzept des Tiefenlagers: Man baut zusätzliche Barrieren ein. «Selbst wenn etwas komplett schief geht, ist das Lager immer noch sicher», sagt Leupin. Das heisst auch: Die radioaktiven Abfälle werden übersicher gelagert, um fatale Folgen von Schwarzen Schwänen auszuschliessen.
Am Ende muss es Olivier Leupin mit seinem Team gelingen, die Schweizer Bevölkerung von der Sicherheit des Tiefenlagers zu überzeugen. Es ist eine Frage des Vertrauens, ob jahrzehntelange Forschungsarbeit ausreicht, dass die Leute finden: Doch, ich glaube, die Nagra hat die Risiken im Griff. Die Leute müssen also glauben, dass das Tiefenlager sicher ist – Olivier Leupin weiss es. Im dümmsten Fall hilft ihm das nichts. In diesem spezifischen Fall hat mehr Gewicht, was die Leute glauben.
Apropos Glaube: Er hat auch unter Tage seinen Platz. In einem Stollen thront die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, auf einem kleinen Vorsprung und wacht über das Treiben.
Immer die beste Antwort: OpalinusTon
Das stärkste Argument der Nagra und der Grund, weshalb Irina Gaus immer wieder in diesen Berg im Jura fährt: der Opalinus-Ton. Um auszumachen, wo die Schichten mit dem quasi wasserundurchlässigen Gestein beginnen, muss man keine kein:e Hydrogeolog:in sein: Rollen wir zu Beginn auf nassen Strassen ins Innere des Mont Terri, ist es bald komplett trocken. Dass Wasser in Kombination mit atomaren Abfällen ungünstige Folgen hat, leuchtet ebenfalls ein. «Opalinus-Ton hat zudem selbstabdichtende Eigenschaften», sagt Gaus, «entstehen Risse, verschliessen sich diese gleich bei Wassereintritt von selbst.» Und er hat noch einen dritten herausragenden Vorteil: Strahlende Teilchen bleiben im Opalinus-Ton kleben. All diese Eigenschaften verleiten Olivier Leupin in seinem Büro zu einer eigentlich unwissenschaftlichen Verknappung:
«Die Sicherheit des Tiefenlagers auf lange Frist steht und fällt mit der Geologie.» Das Lager ist so robust ausgelegt, dass einzelne Elemente im Sicherheitskonzept wegfallen können, ohne die Sicherheit zu gefährden. Überspitzt gesagt: Keine Stahlbehälter um die Brennstäbe, kein Bentonit um die Behälter, keine Betonröhre, kein Problem. Aber: Ohne Opalinus-Ton müsste das Schweizer Tiefenlager-Konzept angepasst werden. Nur die natürliche Barriere schützt Mensch und Umwelt über diesen extrem langen Zeitraum derart gut.
Mont Terri ist in dasselbe Gestein gebaut, wie das Tiefenlager am Standort Nördlich Lägern gebaut werden soll. Typhaine Guillemot nennt das Felslabor «einen Glücksfall». Die Projektleiterin Sicherheit und Inventar bei der Nagra hat lange Tage unter Tage zugebracht, 300 Meter unter der Erde Experimente im Opalinus-Ton durchgeführt, um die Prozesse besser zu verstehen, die sich dereinst im Tiefenlager abspielen werden. Opalinus-Ton sei aus geologischer Sicht ein ausserordentlich langweiliges Material, sagt Geologin Guillemot: «Nichts passiert.» Für ein Projekt mit einem Zeithorizont von einer Million Jahren, in dem die Sicherheit über allem stehe, könne ein Material gar nicht langweilig genug sein, fügt sie an. Ihr Spezialgebiet: Aspekte im Zusammenhang mit Gas. «Korrodieren im Lauf der Zeit die Stahlbehälter, entstehen Gase, die im Tiefenlager zu einem erhöhten Druck führen können.» Wie geht man damit um? Sie hat sich auf die Suche nach Antworten auf diese Frage gemacht – und Hilfe von unerwarteter Seite erhalten: Bestimmte Bakterien, die sich im Opalinus-Ton finden, bauen die entstehenden Gase ab.
Forschen in Ruhe und Abgeschiedenheit
Typhaine Guillemot hat in Frankreich studiert, seit fünf Jahren arbeitet sie bei der Nagra. Sie mag die Tage im Felslabor, in diesem verkabelten Fels zwischen der Sicherheitsgalerie des Autobahntunnels Mont Terri und einem stillgelegten Bergwerk, in dem früher Jurakalk abgebaut wurde. Mont Terri bedeute für sie Ruhe, Abgeschiedenheit, Fokus auf die Arbeit. Ihr sei es wichtig, sagt Guillemot, ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten zu nutzen, um Antworten auf konkrete Probleme zu finden. Das sei der Grund, weshalb sie bei der Nagra arbeite. «Wir treiben alles auf die Spitze, jedes noch so kleine Risiko wird in die Überlegungen einbezogen.» Genau dieser Umstand treibe sie an: «Man kann das Problem der radioaktiven Abfälle nicht einfach den künftigen Generationen überlassen.» Auch nicht in einem «einigermassen sicheren Lager». Diese Überzeugung habe sich mit der Geburt ihres Sohnes nochmals verfestigt: «Wir müssen Lösungen finden, um diese Abfälle so sicher wie möglich zu lagern.»
Dafür habe die Nagra den «sichersten Ort der Schweiz» gefunden und parallel dazu ein «äusserst robustes Konzept» entwickelt. Natürlich: Man könne weder sagen, dass die Nagra die Risiken zu hundert Prozent kenne, noch dass sie diese zu hundert Prozent beherrsche, das wäre unwissenschaftlich. «Aber wir sind nicht weit von den hundert Prozent entfernt.»
Die Annäherung an die hundert Prozent liegt in der Verantwortung von Irina Gaus. Die Belgierin arbeitet seit 18 Jahren bei der Nagra, unzählige Male ist sie schon hier in den Berg hineingefahren, in die absolute Stille, in das Stollengewirr, in dem man schnell die Orientierung zu verlieren droht. Dass es nicht immer so still ist wie heute, verraten OhropaxSpender, die an klassische Kaugummimaschinen erinnern. Sie spucken farbige Gehörschütze aus, wenn man am Rädchen dreht. In Mont Terri forscht die halbe Welt an Themen rund um die Lagerung von radioaktiven Abfällen. Forscher:innen aus Japan nehmen dem Berg ebenso den Puls wie ihre Pendants aus Deutschland, den USA oder Kanada. Auf dem Weg zum Stollen der Nagra liegen Bohrkerne in Holzkisten verpackt
zum Abtransport bereit, überall kommen Kabel aus dem Fels heraus, es gibt Fenster in den Berg: Holzrahmen, Plexiglas, ausnahmsweise keinen Spritzbeton. Die Nagra erforscht hier konkret, wie man ein Lager in Opalinus-Ton bauen kann, welche Maschinen und Techniken dafür überhaupt infrage kommen. Parallel dazu erforscht man weiterhin die Prozesse, die in einem Tiefenlager ablaufen werden.
Die Steigerung von «am sichersten»
Bis heute stecken fünfzig Jahre Forschung im Projekt Tiefenlager. Schon seit mehr als 25 Jahren machen sich Nagra-Wissenschaftler:innen im Felslabor mit dem Opalinus-Ton vertraut. Reichen fünfzig Jahre kontinuierliche Forschung aus, um ein sicheres Tiefenlager zu bauen?
«Ja», sagt Irina Gaus. Und man arbeite kontinuierlich daran, dass es noch robuster werde. Die Wahl des Standorts komme da einem Sprung gleich: «Jetzt, wo wir wissen, wo wir das Tiefenlager bauen wollen, entwickeln wir das konkrete Projekt», sagt Gaus. Das Wissen werde auf der Basis der Erfahrung weiter verfeinert, bis zum Verschluss des Tiefenlagers in hundert Jahren, wenn alles läuft wie geplant. Eine Planung auf hundert Jahre hinaus bringe schon viele «Wenns» mit sich, sagt Gaus – und ihre eigene Pensionierung. Arbeiten an einem Projekt, das auf eine Million Jahre ausgelegt ist, «kann nur abstrakt sein», meint Gaus. Und doch: «Wir haben alles so oft durchgerechnet, alles so genau analysiert und beurteilt, dass wir schon heute eine hohe Sicherheit haben, dass das Projekt nicht an unseren Analysen scheitert.» Mont Terri habe es der Nagra ermöglicht, das Lager so robust auszulegen, dass es sogar Schwarzen Schwänen gewachsen sei.
Würde die Nagra das Tiefenlager heute bauen, «es wäre sicher». In einigen Jahrzehnten werde es aber noch sicherer sein, sagt Gaus. Hat die Nagra an alles gedacht, sämtliche Risiken evaluiert?
Ja, sagt der Geochemiker Olivier Leupin.
Ja, sagt die Hydrogeologin Irina Gaus.
Ja, sagt die Geologin Typhaine Guillemot.
Mehr als hundert Szenarien haben sie durchgespielt. Sogar die Vergletscherung von den Alpen her, das ganze Zürcher Unterland begraben unter einer meterdicken Eisschicht. Obwohl die Menschheit dann andere Probleme hat – oder gar keine mehr.
Und was ist jetzt das Risiko?
Radioaktive Abfälle – so gefährlich sie sind – haben einen Vorteil: Sie zerfallen. In einer Million Jahren nimmt die Radioaktivität 99,9 Prozent ab. Auf diese Zeitspanne ist das Tiefenlager «sicher» ausgelegt. Was «sicher» bedeutet, definieren zahlreiche nationale und internationale Vorschriften, nach denen die Nagra das Tiefenlager plant und immer wieder auf seine Sicherheit überprüft.
Die durchschnittliche Strahlenbelastung der Schweizer Bevölkerung liegt bei rund 6 Millisievert. Davon entfallen rund drei Viertel auf die natürliche Strahlung, ein Viertel sind medizinische Anwendungen wie zum Beispiel Röntgen. Angenommen, es treten gravierende Probleme beim Tiefenlager auf, zum Beispiel dieser Riss durch das Lager und bis an die Oberfläche. In diesem Fall verlangen die Vorschriften, dass die durchschnittliche Strahlenbelastung einer direkt über dem Lager lebenden Person um maximal 0,1 Millisievert zunimmt. Zum Vergleich: Bei einem Schädel-CT liegt die effektive Strahlendosis bei rund 2 Millisievert. Das Konzept der Nagra ist derart robust, dass der Grenzwert selbst bei extremen Szenarien um ein Vielfaches unterschritten wird.
Schauen Sie auch den Film zum Thema Risiko und Tiefenlager:
Wie entwickle ich Risikokompetenz?
Ein paar Gedanken und Anregungen zum Umgang mit grossen und kleinen Bedrohungen.
Protokolliert von Adrian Schräder
Sie haben es spätestens beim Lesen dieses Heftes gemerkt: Auch wenn wir uns die grösste Mühe geben und uns nach allen Seiten absichern – gegen gewisse Risiken sind wir auch in der Schweiz nicht gefeit. Wie wir damit umgehen können, sagt uns Matthias Holenstein, Geschäftsführer der Stiftung Risiko-Dialog.
● «Zuerst möchte ich festhalten: Risiken sind per se nichts Schlechtes. Sie gehören zum Leben und sind Motoren für Entwicklung, Veränderung und Innovation.
● Unsere Wahrnehmung ist verzerrt: Risiken werden oft über- oder unterschätzt. Unterschätzt werden zum Beispiel Herz-Kreislauf-Probleme. Dabei wäre diesen ja mit regelmässiger Bewegung, mit Sport, guter Ernährung und genug Schlaf recht einfach entgegenzuwirken.
● Wir überschätzen hingegen jene Risiken, die beispielsweise gerade Schlagzeilen machen. Viele Katastrophenszenarien treten mit ziemlich geringer Wahrscheinlichkeit ein, sind bei uns aber überproportional präsent. Das Risiko der schlechten Ernährung – also etwa die Maxi-Packung Chips zum Fernsehabend auf dem Sofa – ist meist realer und direkter.
● Es ist völlig normal, sich zuerst mit seinen Alltagsproblemen und -risiken zu beschäftigen und nicht mit einer drohenden Strommangellage. Hier sind erst mal Fachleute gefragt. Es darf aber nicht dazu führen, dass wir uns einfach zurücklehnen. Wir alle können etwas beitragen.
● Das führt zur wichtigsten Erkenntnis: Egal wie gross das Risiko – wir sind nicht machtlos. Wir können immer etwas tun.
● Was das heisst? Dass man auch gigantischen, globalen Themen aktiv begegnen kann. Wir können uns gegen Krisen stärken – und zwar gemeinsam. Das meint zwei Dinge. Erstens: Es braucht eine Kooperation von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Zweitens: Wir können uns in unserem Umfeld – in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, im Quartier – unterstützen, um solche Ereignisse gemeinsam zu tragen. Untersuchungen zu den Buschfeuern in Australien oder den Tornados in den USA haben gezeigt: Wenn eine Gefahr grösser wird, verhalten sich die Menschen ganz lange sozial.
● Bei der Risikokompetenz unterscheiden wir drei Aspekte: das Wissen zu Risiken und was wir tun können, die Fähigkeit, beispielsweise mit Belastungen oder Gefahren umzugehen, sowie Handlung und letztlich Handlungsbereitschaft: Ich sorge vor oder ich packe an, wenn etwas passiert.
● Im Zuge dieses Vorausschauens erlangen wir irgendwann «Agilitätskompetenz».
Heisst: Hab Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten – aber sei auch darauf eingestellt, dass manchmal etwas nicht funktioniert. Dass man eine Stelle nicht bekommt, dass eine Liebe zerbricht, dass das Leben nicht immer nur gut zu einem sein wird. Die Erfahrung zeigt: Es geht immer weiter im Leben. Das mag im Einzelnen zynisch und banal klingen, aber wer Erfahrung mit Krisen hat, kann besser damit umgehen.
● Wenn man einen Dialog zu einem komplexen gesellschaftlichen Thema wie dem Tiefenlager aufbaut, geht es zuerst einmal darum, spezifisches Wissen dort zu erweitern, wo dieses gebraucht wird. Die verantwortlichen Institutionen müssen die Perspektive der Menschen und ihre Emotionen berücksichtigen. Und dann gilt es, wirklich ins Gespräch zu kommen: Welches Wissen fehlt euch? Was sind eure Anliegen? Was kann am Projekt eventuell noch angepasst werden? Wenn man das macht, steigt das Vertrauen.
● Es braucht eine gewisse Rationalität im Umgang mit Risiken. Es gibt Fakten, und diese Fakten muss man kennen. Aber gleichzeitig ist ein emotionaler Zugang eben auch legitim.
● Zum Umgang mit Risiken gehört auch ein Abwägen: Man muss sich alle Vor- und Nachteile, alle Risiken und Chancen vor Augen halten, ehe man entscheidet. Im Privatleben ist es einfacher, Risiken aus dem Weg zu gehen. Man lehnt gewisse einfach ab: Mit Bungee-Jumping will ich nichts zu tun haben. Aber als Gesellschaft geht das nicht. Wir können uns Themen wie Atommüll oder Klimaschutz nicht verschliessen. Also wir könnten schon, aber die Folgen wären verheerend.
● In der Schweiz sind wir generell bereits sehr kompetent, mit Krisen umzugehen. Aber eben auch recht gut im Verdrängen – etwa was den Krieg, die Effekte des Klimawandels oder KI anbelangt. Wir haben vielfach immer noch die Einstellung, dass uns das alles nichts anhaben kann. Da trübt auch die stabile Entwicklung der letzten Jahrzehnte unseren Blick.
● Wo wir wirklich aufpassen müssen: Dass die junge Generation nicht in eine Art Zukunftsdepression verfällt und denkt, es sei alles nur noch schlecht. Darum wäre es wichtig, dass wir an den Schulen, in der Freizeit, in der Familie viel mehr über die Herausforderungen der Zukunft sprechen. Dass wir gemeinsam vorausschauen und Zukunftsfähigkeiten trainieren.»
Matthias Holenstein ist Geschäftsführer der Stiftung Risiko-Dialog. Die Stiftung mit Sitz in Zürich wurde vor 36 Jahren mit der Intention gegründet, die Fähigkeit auszubilden, mit Risiken und Krisen umzugehen.
Quellenverzeichnis
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