mosaik
Grakughch
Ausgabe 27 • Winter 2018 • Salzburg
Zeitschrift für Literatur und Kultur
EINSENDESCHLUSS AUSGABE 28: 12.01.2019
Ausgabe 27 – Winter 2018 mosaik - Verein zur Förderung neuer Literatur und Kultur (ZVR: 036974145) Herausgeber*in: Josef Kirchner, Sarah Oswald Textauswahl: Felicitas Biller, Marko Dinić, Manuel Riemelmoser Layout/Satz/Grafik/Illustration: Sarah Oswald Korrektorat: Manuel Riemelmoser, Marko Dinić mosaikzeitschrift.at schreib@mosaikzeitschrift.at fb.com/mosaik.zeitschrift Auflage: 1500 Stück Erscheinungsweise: 3 Ausgaben pro Jahr Erscheinungsort: Salzburg ISSN 2409-0220
mosaik ist eine Plattform zur Vermittlung und Vernetzung gegenwärtiger Literaturen. Print- und Onlinepublikationen sowie Veranstaltungen treten in Synergie mit anderen Kunstformen und zielen auf die Förderung aktueller Stimmen und deren Vielfalt. Hierbei steht das Werk im Zentrum. mosaik will Räume schaffen, um den Literatur- und Kunstdiskurs zu hinterfragen und neue Zugänge zu ermöglichen. Aus der Gesamtheit dieser Aktivitäten entsteht das namensgebende Bild. Du willst ein Steinchen des mosaik werden? schreib@mosaikzeitschrift.at Details zu den Einsenderichtlinien findest du auf: mosaikzeitschrift.at Formale Anforderungen: • Fließtext: maximal 5 Texte mit insgesamt maximal 1500 Wörtern • Versform: maximal 5 Texte mit insgesamt maximal 100 Versen • Anonyme Veröffentlichungen sind möglich, der Autor/die Autorin muss uns jedoch bekannt sein • Einsendungen sind jederzeit möglich – die Texte werden für die jeweils nächste Ausgabe berücksichtigt
INHALT 4
INTRO
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LICHTWELLENLEITER Katharina Körber – Menschen Markus Grundtner – Da sucht einer sein Glück Natalia Breininger – Entropie
37 BABEL
Babet Mader – Suppengrün
Gatuduvan – Det blixtrar till ibland /
Jörg Kleemann – Aus dem Stand
Es blitzt manchmal auf
15 BODENTREPPEN
– En stilla eftermiddag i
september / Ein stiller
Mariusz Lata – nicht mehr sein
Nachmittag im September
Sigune Schnabel – Mein Leben trägt
Jelena Anðelevski – Panter zna da ste
Bürokleidung
ga otrovali / Panther weiß,
Ann-Christin Kumm – Wird grün, wird gelb
dass ihr ihn vergiftet habt
Marcel Pollex – Die Baustelle Johanna Müller – Das Leuchten der Hemdkrägen bei Nacht. Andreas Hippert – Graureiher
25 FERNSEHBILDER
45 MOLLY MAY LEWIS 53 KULTURSZENE Peter.W. – Hanuschplatz #15:
Hüte aus Fischhaut
Peter Paul Wiplinger – du böses kind
Samer Schaat – Fragilität der Welt
Bastian Kresser – Fältchen, aber keine
Marko Dinić – „Das muss man mal so
Falten
knallhart sagen.“
Wolfgang Wurm – Beschämt.
Thomas Ballhausen – Obdach für
– Drei, zwei, eins.
Gespenster
Roman Markus – Keine Zugfahrt
Catrin M. Hassa – Rendez-Vous mit dem
Marlene Gölz – Schattenschlucker
Realitätsprinzip Niklas L. Niskate – Entwicklung der Knoten
68 KREATIVRAUM Niklas L. Niskate
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INTRO
Über das Gefallen zu schreiben ist ein schwieriges Unterfangen. Über das Gefallen in der Kunst
4
zu schreiben ist ein unmögliches Unterfangen.
„Ab und zu mag ich es auch mal, Dinge nicht
276 Wörter haben auf dieser Seite noch Platz –
zu verstehen!“
das geht sich aus!
– Peter.W., S. 54
„Sie betrachtet sich selbst, ihr Gesicht, das
Und gleichzeitig fühlt man sich ständig in ei-
ihr irgendwie fremd vorkommt. Die Arme
ner Rechtfertigungsschuld: Warum dieser Text,
wirken künstlich platziert. Das muss sie das
aber nicht jener? Auf diese und ähnliche Fragen
nächste Mal anders machen.“
antworten wir mit für richtig empfundenen Ar-
– Bastian Kresser, S. 28
gumenten. Doch manchmal wissen wir selbst nicht, warum wir Entscheidungen auf bestimmte
Wir sehen uns schon mit Fragen nach der Schön-
Weisen treffen – in der Retrospektive wird das
heit des Covers dieser Ausgabe konfrontiert.
erschreckend deutlich. Vielleicht muss man sich
Warum habt ihr so ein ekelerregendes Cover
eingestehen, dass die Kunst den Argumenten
gewählt? Manchen wird es (trotzdem?) gefallen,
manchmal voraus ist: Was man mit Logik (noch)
andere werden sich ... zufriedengeben müssen:
nicht in Worte fassen kann, das geht durch Kunst
Weil.
oft besser.
Jetzt diskutieren wir aber vor jeder Ausgabe über
„Wonach Schatten schmecken?
hunderte literarische Kunstwerke und entschei-
Er lacht.
den uns für eine Handvoll davon. Persönliche
Nach Staub natürlich.
Geschmäcker sollten bei dieser Auswahl außen
Man müsse ihn verwandeln, darin liege die
vor gelassen werden, brechen selbstverständlich
Kunst.“
ständig durch. Es ist allerdings eine schwierige
– Marlene Gölz, S. 35
Gratwanderung zwischen gefallen und gefällig. Letzteres geht anscheinend in der Kunst gar
Warum hier dieser Text steht und kein anderer?
nicht. Und so wählt man Texte aus, die nicht ge-
Weil.
fallen – und andere nicht, die es tun. Und zack! sind wir in der Diskussion, was Kunst leisten soll/ kann/darf/muss.
Euer mosaik
LICHTWELLENLEITER
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6
Katharina Kรถrber
Da sucht einer sein Glück „Anwalt sollst du werden“, sagt mein Vater.
Die Kollegen rufen mich an, zitieren ihre Lieb-
„Oder Arzt.“
lingsstellen und loben meinen Einfallsreichtum.
„Das sind gute Berufe“, sagt er. „Über diese
Ich sage: „Danke, das bedeutet mir sehr viel.“
Berufe gibt es die meisten Filme und Fernseh-
Eine Kopie der Klage liegt vor mir auf dem
serien.“
Schreibtisch. Ich nehme Seite um Seite und zer-
„Was ist, wenn ich einer von denen werden will,
reiße jede einzelne in kleine Fetzen. Die Fetzen
die Drehbücher für solche Filme und Fernseh-
werfe ich in meinen Papierkorb.
serien schreiben?“, frage ich.
Ich greife nach meinem Diktiergerät und diktiere
„Sei nicht lächerlich.“
den nächsten Schriftsatz. –
–
„Auf Erden gibt es keine Gerechtigkeit“ ist das
„Das Zeitalter der Bullshitjobs“ lautet die Über-
Erste, das wir in der Einführungsvorlesung an
schrift des Zeitungsausschnitts, den ich aus
der juristischen Fakultät hören. „Gerechtigkeit
meinem Büropostfach hole.
gibt es nur im Jenseits“ ist das Zweite.
Die Sekretärin hat Kopien des Artikels an alle
Vielleicht ist es noch nicht zu spät, Arzt zu wer-
Kollegen verteilt. Sie meint damit die Jobs in an-
den. Aber wahrscheinlich sagen sie an der
deren Büros. Sie ist neu bei uns.
medizinischen Universität in der Einführungsvor-
–
lesung: „Auf Erden gibt es keine Gesundheit.
„Ich hatte wieder eine Erstbesprechung mit ei-
Gesundheit gibt es erst im Jenseits.“
nem komplett Verrückten“, sagt die Kollegin.
Also bleibe ich hier und schreibe mit.
„Der Typ hatte drei Aktenordner dabei.“
–
„Das ist die Visitenkarte der komplett Verrück-
Der Kanzleipartner schickt eine E-Mail an die ge-
ten“, sagt der Kollege. „Wenn sie mit Aktenord-
samte Belegschaft, einer meiner Klageentwürfe
nern auftauchen.“
ist angehängt. Er schreibt: „Meines Erachtens
„Was wollte er denn?“, frage ich.
sollte die Klage des neuen Konzipienten als Vor-
„Ach, alles Mögliche“, sagt die Kollegin,
lage für zahlreiche künftige dienen.“
„Am Ende habe ich ihm gesagt, dass wir nur
7
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Anwälte sind. Und selbst wir Anwälte können
Ich sage: „Stadtamseln schlafen also viel weniger
nicht das Leben verklagen.“
als solche im Wald. Die Lichtverhältnisse passen
„Erstes Kapitel“, sage ich. „Der neue Mandant
sich zwischen den Jahreszeiten nicht mehr natür-
wollte das Leben verklagen.“
lich an. Die Vögel glauben, es ist Frühling.“
„Oh, da will wohl einer ein Buch schreiben“, sagt
Ich will meinen Vortrag über die Folgen von Licht-
der Kollege.
verschmutzung fortsetzen. Da sehe ich, wie die
Die Kollegin lacht. Der Kollege lacht. Ich sage:
Augen des Taxifahrers im Rückspiegel strahlen.
„Der war gut.“
„Es hat schon was für sich, was unser Kollege –
dort oben macht“, sagt der Fahrer. „Die Welt
Nach einem langen Arbeitstag nehme ich ein
einfach so zu nehmen, als wäre es immer Früh-
Taxi nachhause.
ling.“
Das Taxi bleibt an einer roten Ampel stehen. Der
Ich spüre etwas in meinem Sakko, mein Telefon
Taxifahrer öffnet sein Fenster, durch die sonst
vibriert. Um diese Zeit kann es nur eine sein, die
stille Straße dringt wildes Zwitschern. Der Fahrer
mir schreibt.
und ich blicken nach oben: Auf dem Drahtseil,
Klaudia.
an dem die Ampel hängt, sitzt eine Amsel. Der
Klaudia, die schon lange nichts mehr von sich
Vogel balzt, trotz der Kälte und der Dunkelheit.
hat hören lassen.
Der Taxifahrer sagt: „Da sucht einer sein Glück.“
Klaudia, mit der ich meinen einzigen Urlaub der
Ich sage: „Ich habe irgendwo gelesen, dass das
letzten Jahre verbracht habe. Ein langes Wo-
Licht der Ampeln, der Straßenlaternen und der
chenende in Triest.
Bürobeleuchtungen, weil sie die ganze Nacht
Ich denke daran, wie wir neben dem Canal Grande
leuchten, die Wintermorgen heller machen, als
in einem Café gesessen sind – dort, wo sich der
sie eigentlich wären.“
Himmel, die Kirchen und die Paläste im Wasser
Die Ampel ist immer noch rot. Ich überprüfe, ob
spiegeln.
ich alles bei mir habe, um sofort aussteigen zu
Ich spüre es in der Sakkotasche über meiner lin-
können, sobald wir ankommen. Ich taste nach
ken Brust: nochmal und nochmal, ein Rhythmus.
meinem Telefon, es steckt in der Innentasche
Ich bekomme eine Serie an freudigen Nachrich-
meines Sakkos.
ten. Es muss so sein.
Auch die Ampel schaltet auf Grün, das Taxi
Momentan ist mir entfallen, was ich gerade
fährt weiter. Ich ziehe mein Telefon hervor: Ich
diktiere.
habe keine einzige Nachricht von Klaudia erhal-
Ich spule zurück. Ich zögere, die Abspieltaste zu
ten. Aber es sind fünf E-Mails einer wichtigen
drücken. Sicher stecke ich wieder mitten im Dik-
Mandantin gekommen, die mir Zusatzfragen zu
tat einer Klage oder eines anderen Schriftsatzes.
jenen Zusatzfragen stellt, die ich ihr vor einer
Ich seufze und drücke die Abspieltaste.
Stunde beantwortet habe.
„Erstes Kapitel“, sagt meine Stimme. „Der neue
– „Ich habe ein persönliches Anliegen“, sage ich
Mandant wollte das Leben verklagen.“ „Sehr gut“, sage ich. „Also, weiter im Text.“
dem Kanzleipartner. „Wollen Sie kündigen? Wollen Sie eine Gehaltserhöhung?“, fragt er. „Ganz im Gegenteil“, sage ich. „Ich möchte Stunden reduzieren.“ „Wir schätzen Ihre Arbeit sehr. Sie bekommen also mehr Geld. Das ist kein Problem. Wie viel wollen Sie?“, fragt er. „Es muss Ihnen aber bewusst sein, dass wir Ihnen neue Verantwortung und somit mehr Aufgaben übertragen.“ „Nein“, sage ich. „Ich will nicht mehr Geld. Ich will mehr Zeit!“ „Seien Sie nicht lächerlich.“ – Ich sitze an meinem Schreibtisch, mein Diktiergerät in der Hand. Auf dem Briefpapier der Kanzlei steht mittlerweile mein Name. Die Jahre sind so schnell vergangen, es kommt mir vor, als hätte ich auf Vorspulen gedrückt.
Markus Grundtner
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Wird grün, wird gelb Kellertreppen,
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Bodentreppen,
Vortreppen,
Und ich kann nicht umhin, mir das vorzustellen,
Schrankkanten, all das, all das. Ich könnte mir
ich tanze im Kopf brav die vorgeschlagene Cho-
Fall für Fall eine Statistik basteln, die auch nichts
reografie nach, wie sie stolpert – ein Spielzeug-
Neues brächte. Die Kleidung bringt Autorität.
auto, ein Legostein, eine Teppichkante – und
Gefällt mir das?
sich das Messer durch die Hautschichten jagt.
Die Wissenschaft, sagte mal ein Kommilitone,
Glauben sie, dass ich ihnen glaube? Ist das wich-
weist die Magie weit von sich, aber sie wird wie
tig? Was ist wichtig?
Magie behandelt.
Als ich noch hospitierte, kam eine Frau zu uns,
Warum Kellertreppen an erster Stelle? Warum
die einen Abgrund mit sich herumtrug, wo ihr
immer wieder dasselbe, warum durchschauen
Mund sein sollte. Sie nahm das Handtuch herun-
sie das nicht? Vielleicht ist es das Dämmerlicht.
ter, das sie sich vors Gesicht gepresst hatte: ihr
Strom ausgefallen oder Glühbirne defekt, aus
Blut auf dem Boden, auf meinen Schuhen, auf
dem Tritt gekommen bei schlechter Sicht – ich bin
ihrem Kleid. Sie war allein, sie nuschelte etwas
nicht seltsam, ich laufe nicht in meiner eigenen
von einem Unfall.
Wohnung gegen Möbel, ich bin normal, sehen
Ich weiß nicht, warum ich geblieben bin, man
Sie her.
behauptete, aus mir hätte „Großes“ werden
Als wäre die Wahrheit weniger normal. Das ist
können. Niemand drückte sich genauer aus. Ich
meine Meinung.
blieb hier.
Und dabei haben Sie sich den Kopf angeschla-
Gibt es Männer? Männer, deren Geschichten von
gen? Ich höre meinen gelangweilten Tonfall, ich
Schlägereien, Überfällen oder Leiterstürzen nicht
höre mich selbst leiern und das gefällt mir nicht,
der Wahrheit entsprechen? Es muss sie geben.
aber ich bin müde, sage ich mir, ich bin müde.
Ob ich ihnen begegne, kann ich nicht sagen.
Zuletzt drei Verbrennungen und ein Blinddarm.
Kellertreppen, Bodentreppen, Vortreppen…
Drei, dabei ist weder Weihnachten noch Silvester.
Es sind nicht die Besoffenen, die Kinder und die
Und dabei haben Sie sich den Kopf…
Sterbenden, wenn ich mich im Schlaf herumwer-
Ja, sagt sie, da stand… Das Bobbycar unseres
fe. Schweiß ist, wie Blut, eine Körperflüssigkeit.
Sohnes stand im Weg.
Eine sagte, sie sei ausgerutscht und habe sich
Ich bemerke, dass sie „unser“ sagt, korrekt im
das blaue Auge am Handtuchhalter geholt.
Genitiv, ich lege diese Information irgendwo ab,
Wissenschaft ist keine Magie, aber naiv bin ich
für ein nie eintretendes Später.
nicht. Das nicht mehr. Was trieb mich in die Not-
Werden Bobbycars noch verkauft? Kellertreppen,
aufnahme?
Bodentreppen, Vortreppen.
Der Anfang war schlimm. Ein Tagebucheintrag
Ich habe Fleisch geschnitten fürs Abendessen,
aus der Zeit:
dabei bin ich gestolpert und habe mir das Messer
„Sie lassen uns entscheiden, lassen Assistenz-
in die Seite…
ärzte über Leben und Tod wachen, aber Z.
erzählte mir, sie sei allein im Aufwachraum gewesen und ein Patient sei fast verreckt, es ist, sagte sie, eigentlich egal.“ Es bleibt, vielleicht, egal. Unterbesetzt sowieso,
Fickt euch alle.
wie überall. Aber besser hier als zuhause. Besser:
Ich weiß nicht, welcher Teil.
etwas tun.
Ich habe allen erzählt, dass ich Kampfsport
Eine sagte, ihr Pferd habe ihr beim Schmusen die
mache. Ich habe wenig Zeit, aber ich verbringe
Nase gebrochen. Ich sagte, das sei die originell-
sie ungern zuhause. Manchmal stelle ich mir vor
ste Lüge, die ich bisher gehört hätte.
zuzuschlagen. Richtig zuzuschlagen, ich höre in
Es stimmt aber, sagte sie fest, sie ruckte mit dem
meinem Kopf das Nasenbein brechen. Manch-
Kopf nach oben, als sei sie das Pferd, so hat er
mal trete ich auch die Schneidezähne raus. Man
gemacht, sagte sie, genau so.
hat mir gesagt, dass ich in solchen Momenten
Sie verfehlte mich nur knapp.
abwesend lächeln würde.
In meiner Freizeit mache ich Karate. Das habe ich
Kellertreppen,
als Kind schon gemacht, ich habe nur während
Schrankkanten, Teppichecken, Rollschuhe, Haus-
des Studiums pausiert.
tiere.
Ich sage ihnen, dass es Hilfe gibt, und sie sagen,
Ich bin über die Schwelle der Terrassentür
dass sie keine Hilfe brauchen, oder sie sagen:
gestolpert.
Danke. Was dasselbe ist.
Ich habe mich zu heftig umgedreht.
Nicht schlafen. Doch schlafen. Alpträume.
Ich bin aus dem Bett gefallen.
Etwas tun.
Eine fragte: Wird eine Narbe bleiben? Es wird
Eine sagte: Ich bin über die Katze gefallen.
doch keine Narbe bleiben, oder?
Niemand darf mir beim Umziehen zuschauen.
Oder, oder, oder.
Aber ins Unvermeidbare fügen müssen, immer
Was ist denn das, fragt die Kollegin.
wieder.
Niemand soll mir beim Umziehen zuschauen,
Eine sagte, ihr Kofferraumdeckel habe sich ge-
aber es lässt sich kaum vermeiden.
löst und ihr Gesicht getroffen. Die Abdrücke an
Was denn, frage ich.
ihrem Arm hätten von mir sein können. Meine
Dein Arm.
Hände sind relativ groß.
Blau wird grün wird gelb werden.
Eine sagte: Fick dich doch, ihr Scheißärzte, fickt
Vom Training, sage ich.
euch alle!
Wir lächeln uns an.
Sie war keine der Kellerfrauen. Sie war kaum zu
Ich falle nie die Kellertreppe herunter.
Bodentreppen,
Vortreppen,
verstehen, sie hatte irgendwas geschluckt und sich dann im letzten Moment anders entschieden. Ein Teil von mir war ihr dankbar.
Ann-Christin Kumm
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Du böses Kind schreit auf du böses kind schreit auf ich schlage dich noch windelweich und schlag auf schlag brennt dann die wange brennt das gesicht schreit auf das wirst du mir noch büßen du bengel du du taugenichts du tunichtgut du ärgerst mich nicht noch einmal und klatsch da hast du eine das wirst du dir noch merken ein leben lang das
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sag ich dir das tust du mir nie wieder kehr jetzt
de in dein zimmer und lass so schnell dich nicht
die scherben auf und wisch das wasser weg dann
mehr blicken erst musst du lernen zu gehorchen
kommst du in den keller und das auf niemehrwie-
dann kannst du eine eigene meinung haben erst
dersehen erst wenn ich dich am abend rufe und
musst du etwas leisten dann kannst du reden vor-
ab ins bett dann ohne abendbrot nur mit dem
her nicht und überhaupt mir sagst du gar nichts
nachtgebet und dass du alle um verzeihung bit-
ich höre dir nicht zu und überhaupt scher dich
test den lieben gott die heilige maria und deinen
zum teufel du bist wie deine mutter und über-
schutzengel und auch noch mich dann liegst du
haupt wer glaubst du wer dich füttert hier an
regungslos im dunkeln die gitterstäbe trennen
diesem tisch und wer dich aufgezogen hat und
dich vom raum und durch das fenster kommt die
alles zahlt und wer sich täglich schindet nur für
kälte die decke hat sie dir noch weggenommen
dich dass du es besser hast als ich denn ich hab
damit du frierst und nicht vergisst was du getan
nichts gehabt zu meiner zeit und keinen mucks
jahrzehnte später meidest du den keller fürch-
durfte ich machen als ich so alt war wie du jetzt
test du das dunkel du hasst fast alle frauen und
und komm mir nicht mit andern zeiten und dem
kannst nicht lachen wie die andern du schüttest
gewäsch von einer andern welt ihr seid doch alle
wein in dich hinein du gehst zu bett auch ohne
gleich schmarotzer seid ihr alle nervensägen und
abendbrot und fernsehbilder flimmern grell bis
frech noch obendrein du kannst gleich eine ha-
in die tiefe nacht du schlägst dein kind genauso
ben da bist du mir noch nicht zu alt und klatsch
wie sie dich geschlagen und schreist es an das
sitzt eine auf der wange und klatsch brennt das
tust du mir nie wieder und schreist es an das wirst
gesicht und dazu schreit er noch in einem fort du
du dir noch merken bis an dein lebensende und
böser bengel du und taugenichts du böses kind
bringe keinen deiner freunde mit ins haus und
du böses kind
komm nie später als die fünf minuten die wir ausgemacht und lümmle nicht bei tisch und rede nur wenn du gefragt und sei nicht frech verschwin-
Peter Paul Wiplinger
MOLLY May LEWIS Originally from Pembrokeshire, I graduated from Cardiff School of Art and Design at Cardiff Metropolitan University, with a BA in Fine Art in 2016 specialising in Printmaking. As a printmaker, I really enjoy process because I am continuously exploring and learning. Printmaking, for me, is a perfect mix of being allowed to be both chaotically messy and immaculately precise. I create my prints in reference to a certain object and how that object can encourage stories, sustain relationships and provoke new ideas. Information and freelance projects: www.mollymaylewis.com
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Hüte aus fischhaut Hanuschplatz #15 Ab und zu mag ich es auch mal, Dinge nicht zu verstehen! Dann ist es wie früher in meiner Kind-
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heit. Als alles noch neu, aufregend und mysteriös
kreatives Potential drin, das bloße Erfahrung und
war. Bevor man sich mit Wissen vollgesogen hat-
Wissen nicht ausgleichen können... Die Sitznach-
te wie ein Schwamm und jede Magie verflogen
barn sind mittlerweile ausgestiegen und die Stra-
war wie der Geruch wilder Beeren nach einem
ßenbahn rattert ohne sie weiter. Hätte ich nicht
Waldbrand. Als die eigentümlichen Satzbauten
auch aussteigen sollen? Ach egal, fahr ich halt
der Erwachsenen noch alles und nichts bedeu-
weiter und sehe mir noch ein bisschen was von
ten konnten. Heute empfinde ich es gelegent-
meiner neuen Wahlheimat an. Wien ist im inter-
lich sogar als entspannend, in der Straßenbahn
nationalen Vergleich zwar nur ein Dorf, aber für
zu sitzen, während meine Sitznachbarn in einer
mich gefühlt immer noch eine Großstadt. Fragt
mir fremden Sprache aufeinander einreden. Da
sich, wie lange das anhält! Ich bin in einem der
kann ich mir einbilden, sie hätten sich noch was
äußeren Bezirke Salzburgs aufgewachsen und
zu erzählen. Nicht die üblichen Trivialitäten, mit
habe dort die meiste Zeit meiner Kindheit ver-
denen mich schon jene langweilen, die dersel-
bracht. Dass wir in die Altstadt fuhren, kam selten
ben Zunge mächtig sind wie ich! Nein, wirklich
bis gar nicht vor, weshalb jeder Ausflug dorthin
Interessantes: Geschichten über die Heimat, die
einem Abenteuer gleichkam: Der lebendige Ver-
Eigentümlichkeiten ihrer Kultur, kuriose Rezepte,
kehr, die Menschenmassen, all die fremden Spra-
philosophische Erwägungen, originelle Scherze.
chen, Gerüche und Eindrücke; die gut beleuch-
Ich will mich keineswegs der Öffnung fremder
teten Schaufenster, die barocken Fassaden; der
Kulturen verweigern; ich könnte sehr wohl nach-
Mirabellgarten, die Festung, der McDonalds in
fragen! Aber zum einen handelt es sich hier um
der Getreidegasse... Salzburg war für mich lange
eine private Unterhaltung, die mich nicht das Ge-
Zeit eine Metropole, ehe Erfahrung und Wissen
ringste angeht. Zum anderen ist es durchaus kein
auch aus diesem Elefanten eine Mücke machten.
Verbrechen, seiner Fantasie freien Lauf zu las-
Nichtsdestotrotz, es war mein erster Blick über
sen, sofern man den Zustand der Laborsituation
den Tellerrand der suburbanen Fadesse hinaus!
wahrt. Ich werde nicht behaupten, es sei in den
Wir stiegen immer an derselben Haltestelle aus
Vereinigten Arabischen Emiraten Brauch, Hüte
und oft freute ich mich schon, wenn wir im Bus
aus Fischhaut zu tragen, nur weil ich mir ein-
saßen und die Ansage kam: „Nächste Haltestelle:
gebildet habe, das in einem Satz herausgehört
Ferdinand-Hanusch-Platz.“
zu haben, der vermutlich nicht einmal arabisch war! Gerade als Künstler darf man den Wert der Fantasie nicht schmälern! Da steckt noch so viel
Peter.W.
Rendez-vous mit dem Realitätsprinzip Lyrik von Catrin M. Hassa, gelesen von der Autorin Den Hörer*innen des Radio du Grand Mot ist die Wienerin Catrin M. Hassa (*1983) bereits als sprachgewandte Lyrikerin und eloquente Gesprächspartnerin an der Seite der Übersetzerin Birgit Weilguny bekannt, die sich für einen stärker „kannibalistischen“ Ansatz in der Übersetzung guter Literatur aussprach. Nun veröffentlicht die ehemalige Hydrazine-Autorin und Gewinnerin des Sonderpreises zum Wiener Werkstattpreis 2015 ihr erstes Lyrik-Hörbuch in der Edition Petrichor. Untermalt werden die von ihr verfassten und gesprochenen Texte mit ausgesuchten O-Tönen und experimentellen Klangflächen des Glitch-Musikers Wolfwetz.
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Catrin M. Hassa – Rendez-vous mit dem Realitätsprinzip. Edition Petrichor, 2018. Ab sofort kostenlos auf laborlart.at und liberladen.org
Niklas L. Niskate – Entwicklung der Knoten Was bedeuten Grenzen in einer entgrenzten Sprache? Und wie lässt sich ein Knoten lösen, wenn dieser ein Gedicht ist und sein Tauwerk der Satz, das Wort – der Bruch? Niklas L. Niskate vollzieht Gratwanderungen entlang der Begriffe, Bedeutungen und Bilder: Indem er deren Begrifflichkeit und Bildlichkeit sprachlich filigran in- und miteinander verwebt, setzt er das Knüpfen und Lösen von Knoten sprachlich um. Dabei entstehen einzigartige poetische Kompositionen und erzeugen
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einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.
Kreuzschlag hungrige wanderer. gestanzt in orientierung am tag. aber nachts fetzen. sezierte zensuren überreste. sanft abgeschlagen synonyme der zeitdiktatur. in fenstern sitzende leere. blinde auf immerfort wachsenden gipfeln tanzende kinder die gesichter grimassen optionssinne ausgefahren zugänglich. ausgerechnete bäume drehst du diesen körper zu mir wird es abend. fast bodenlos ich seh dich verschwommen dreimal die dämmerungen schlagen die hände die köpfe zum
Niklas L. Niskate, geboren 1981 in Halle (Saale), wuchs in Bern, Nordrhein-Westfalen und Berlin auf. Lebt durch Zufall im Moment als
HINTERSTICH
Lyrik schreibendes Kaninchen in Oberösterreich. Studium der Untergrundarchitektur, Projektionsfelderwirtschaft und des Tunnelbaus.
tasten. das sture verlangen wie
Seit 2010 diverse Lesungen und multimediale
hinter sich. wie justiz oder verstecken
Live-Auftritte, sowohl solo als auch in Soundpoetry-Kooperationen mit dem Synthesizer-
ah. honigversprechen. klopft an
Artist Philipp Rabelsberger und im Duo fux &
das große verbrechen
has. Startstipendien für Literatur des österreichischen Bundeskanzleramts 2014 und 2016,
ah. aufschwung. neu ausgelegt von hinten
Arbeitsstipendien ebd. 2017 und 2018.
sieht alles vergeblich aus
Sein Lyrik-Debüt legte er mit dem Band Privatnachrichten an Lem (parasitenpresse) vor.
Niklas L. Niskate – Entwicklung der Knoten. Edition mosaik, 2018. 80 S., offene Fadenbindung, 8,00€. Erhältlich ab sofort im Buchhandel und auf liberladen.org
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KREATIVRAUM Niklas L. Niskate Mein Schreibprozess ist meistens projektabhängig. Bei Entwicklung der Knoten wollte ich mich vom Duktus des ersten Buches lösen und einen neuen Stil, eine neue technische Form des Schreibens ent-
Kreativraum ist eine Reihe mit Fokus auf Orte, an denen Kunst geschaffen wird – und Personen, die ebendiese Räume nutzen.
wickeln. Ich wollte diesmal einem sehr puristischen Zugang zum Schreiben folgen. Zunächst habe ich einfach das Internetkabel am Laptop ausgesteckt
ge wie Knoten gelöst und neu verbunden. Es ist
und so die potenzielle Ablenkung reduziert. Das
wichtig für mich, dass ich beim Schreiben in einem
Werkzeug zum Schreiben war aber immer noch
Raum bin, in dem ich wenig Aufmerksamkeitsreize
dasselbe und ließ mich merken, wie sich der Raum,
habe – das kann auch ein Café oder eine Bar sein,
in dem ich schreiben kann, dadurch trotzdem ver-
denn in der zusammenfließenden Lautstärke dort
kleinert. So kam ich zum konsequenten Skizzieren
liegt auch eine gewisse Stille. Schließlich war und
aller Texte des neuen Buches auf meiner Schreib-
ist Schreiben immer auch ein Freiraum für mich, in
maschine oder in meinem Notizbuch.
dem ich mich selber spüren kann.
Damit habe ich mich an den Fluss oder auf die Wiese gesetzt, habe beim Schreiben kaum eingegrif-
Text: Josef Kirchner, Foto: Alain Barbero
fen und versucht, mich auf einen wilden Textfluss einzulassen. Dadurch bleibt in den Texten mehr
Niklas L. Niskate lebt im Moment als Lyrik schrei-
vom Ursprungsimpuls erhalten, es entsteht aber
bendes Kaninchen in Oberösterreich. Im Herbst
auch wahnsinnig viel Textmaterial. Nach und nach
2018 erscheint sein zweiter Band Entwicklung der
wurden die geschaffenen Textstrukturen in der Fol-
Knoten in der edition mosaik (siehe S. 66).