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Musée National d'Histoire et d'Art (MNHA)
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Labor der Zivilisation Die Corona-Pandemie hat zur Folge, dass die Rolle der kulturellen Institutionen in der Gesellschaft verstärkt hinterfragt wird. Eine Studie über Museumsbesuche hierzulande bietet zusätzlich den Anlass, um über das Museum der Zukunft zu diskutieren. Die revue lässt Experten und Expertinnen zu Wort kommen. „Über die Zukunft der Museen wird schon diskutiert, seit es sie gibt; und die Kritik an ihnen ist so alt wie sie selbst“, sagt Michel Polfer, Direktor des Musée National d’Histoire et d’Art (MNHA). Um mit ihm über dieses Thema zu sprechen, habe ich ihn in seinem Büro besucht. Es ist garantiert nichts Neues, mit dem sich die Museumsleiter der Welt auseinandersetzen, wenn sie über die Entwicklung ihre Institutionen diskutieren. Doch die Standpunkte und Sichtweisen haben sich im Laufe der Zeit ebenso geändert wie die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die eine kritische Neureflexion erfordern. „Das Museum des 19. Jahrhunderts ist tot“, schrieb der deutsche Architekt, Journalist und Universitätsdozent Paulgerd Jesberg, als er vor gut 50 Jahren einen visionären Entwurf von „Aufgabe, Bau, Einrichtung und Betrieb“ eines Museums formulierte. Ein Museum sollte transdisziplinär sein, sich an eine „neue Gesellschaft“ wenden und möglichst „im Bereich der Freiheit angesiedelt“ sein. Die 68er-Bewegung hatte damals eine Aufbruchstimmung entfacht und ein Nachdenken über die Institutionen provoziert, die lange Zeit „im Verdacht des Konservativen und Altmodischen“ standen, wie es der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich formuliert. Zwar war bereits vorher darüber nachgedacht worden, wie sich Museen zu verändern hatten. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Kuratoren zuerst und vor allem damit beschäftigt, Museumsbestände zu inventarisieren und kunsthistorisch zu bearbeiten. Gegen Ende der 60er Jahre ging es dann, so Ullrich, verstärkt „um Kunstvermittlung oder Angebote
Über die Zukunft der Museen wird schon diskutiert, seit es sie gibt; und die Kritik an ihnen ist so alt wie sie selbst. Michel Polfer, Direktor des MNHA
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für museumsferne Milieus“ sowie „um die Einbeziehung neuer Medien oder darum, den Besuchern zusätzlich zur Sammlung Wechselausstellungen und besondere Events“ anzubieten. Die Leitmetapher hieß „Öffnung“ – und zwar in vielerlei Form: Öffnung für neue Besuchergruppen, Öffnung disziplinärer Grenzen im Umgang mit Kunst und Öffnung der „angestammten Funktionen hin zu gesamtgesellschaftlichen Anliegen“. Dem Verständnis von einem Museum als Elfenbeinturm der Wissenschaft wurde eine deutliche Absage erteilt. Bezeichnend war zu jener Zeit der Wunsch des Künstlers Günther Uecker, den dieser in einem im April 1970 erschienenen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußerte: Das Museum solle zu einem „Ort größerer Variabilität“ werden, der den Menschen „den größten Spielraum“ lasse. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit wurden verstaubte Kategorisierungen und
versteinerte Wahrheitsansprüche zunehmend in Frage gestellt und Museen gar als „Friedhöfe“ bezeichnet, wie es der US-Konzeptkünstler Robert Smithson tat. Im selben Jahr wie Ueckers Artikel erschien das Buch „Das Museum der Zukunft“, ein Band mit 43 Beiträgen verschiedener Autoren, herausgegeben von dem Kunsthistoriker und Museumsdirektor Gerhard Bott, in dem die stärkere Verschränkung zwischen Kunst und Gesellschaft als dringend betrachtet wurde. Doch was hat sich seither verändert? Ziemlich genau 50 Jahre nach Bott gab der freie Kurator Joachim Baur zusammen mit dem transnationalen Netzwerk „schnittpunkt“ unter demselben Titel „43 neue Beiträge über die Zukunft des Museums“ heraus. 1970 hätten Optimismus und Utopie vorgeherrscht, so die Autoren, 2020 seien es hingegen Neoliberalismus, Klimawandel und Corona. Wie kann man sich unter diesen Bedingungen, unter den Eindrücken der Pandemie und ihrer Folgen für die Museen,
Zu bezweifeln ist, ob das Publikum jemals die gesamte Gesellschaft widerspiegeln kann. Musée National d'Histoire et d'Art (MNHA)
unter den ökonomischen und politischen Voraussetzungen unserer Zeit die Zukunft der Museen vorstellen? Unter anderem dieser Frage wollte ich nachgehen – also wie das Museum der Zukunft aussehen soll. Dabei bot mir die unlängst veröffentlichte und vom Kulturministerium in Auftrag gegebene Untersuchung über „Le public des musées en 2020“ des Forschungsinstituts Liser (siehe Seite 13) einen Anlass. Das Ergebnis der Untersuchung habe ihn kaum überrascht, sagt Michel Polfer. „Gefreut hat mich der sehr hohe Zuspruch, den die Museen in Luxemburg genießen: So sagen 84 Prozent, dass die Arbeit der Museen hierzulande sehr gut bis gut sei.“ Der Zusammenhang des Museumsbesuchs mit dem Bildungsgrad der Besucher und dem ihrer Eltern hingegen sei eher eine Binsenweisheit, meint der Museumsleiter. Eine Rolle spielten aber auch sozioökonomische Unterschiede, ob jemand ein Museum frequentiert oder nicht. „Da macht Luxemburg keine Ausnahme“, sagt Polfer. Das deckt sich etwa mit den Worten des Vizepräsidenten des International Council of Museums (Icom) Luxembourg, Guy Thewes. Dieser sagte unlängst gegenüber der Wochenzeitung woxx: „Es gibt soziale Barrieren.“ Die Liser-Studie vermittle, so Thewes in dem Interview: „Eure Zahlen sind gut, aber ihr erreicht große Teile
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Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (MUDAM)
der Bevölkerung nicht. Hinterfragt euch. Strengt euch an. Findet Wege, um ein anderes Publikum anzusprechen.“ Zu bezweifeln ist, ob das Publikum jemals die gesamte Gesellschaft widerspiegeln kann. Vielmehr kann ein Museum das „Spiegelbild der Geschichtskultur“ sein, wie die Historikerin Marie-Paule Jungblut im Juni 2020 im Lëtzebuerger Land schrieb. Dass die Bandbreite der Museumsbesucher in Museumsnächten größer ist, weiß MNHA-Direktor Polfer aus eigener Erfahrung. „Dann ist die Zusammensetzung eine andere. Zwar kommen auch dann nicht alle, aber zumindest geht die Tür weiter auf also sonst.“ Eine „Nuit des Musées“ habe den Charakter eines Tages der offenen Tür und sei niedrigschwellig, erklärt der Museumsdirektor. Vor allem sei die Hemmschwelle dann niedriger, auch mal ins Museum zu gehen. Polfer fügt hinzu: „Ich bin mir aber durchaus bewusst, dass diese Hemmschwelle nie ganz verschwinden wird.“
Teilnehmer:innen die Wichtigkeit von Museen anerkennen“, negativ sei hingegen, „dass es relevante Bevölkerungsgruppen gibt, die Museum nicht als einen Ort definieren, an dem sie willkommen sind oder sich aufhalten sollten“. Das müsse zu denken geben. Es gebe keine vorgegebene Art und Weise, wie Museen Geschichten, Bilder und Erzählmuster vermitteln und reflektieren, so Bettina Steinbrügge. „Sie agieren nicht im luftleeren Raum, sondern immer zeitbedingt und sind Spiegel einer Gesellschaft, die sich fortwährend im Wandel befindet. Wir verstehen es daher als unsere Aufgabe, Geschichten und Bilder aus der gegenwärtigen Perspektive und gleichzeitig mit Blick auf eine andere mögliche Zukunft zu betrachten. Erzählmuster, Ästhetiken und Blickregime verhandeln wir entsprechend unter fluiden sozialen Bedingungen immer wieder neu. Wir müssen verstehen, dass es gerade in einem Land wie Luxemburg, in dem so viele Nationalitäten ihre Heimat gefunden haben, wir unsere Geschichten vielfältig erzählen müssen.“
Positiv findet Bettina Steinbrügge, seit April Direktorin des Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (MUDAM), „dass viele
Die Museumsperspektive in Europa sei häufig noch sehr eindimensional, stellt die MUDAM-Leiterin fest. Dabei bilde
Luxemburg keine Ausnahme. So stelle sich die Frage: „Wie schaffen wir einen Ort, in der sich eine plurale Gesellschaft angesprochen fühlt?“ Oder anders formuliert: Wie kann ein Museum möglichst viele Menschen der oft beschworenen Vielfalt ansprechen? Ob jemand als Erwachsener ins Museum geht, hänge nicht zuletzt auch davon ab, ob man schon als Kind oder Jugendlicher dort war, hat die Liser-Studie ergeben. Das kann Michel Polfer bestätigen. Dies gelte aber auch für andere Milieus, etwa für Fußball, ergänzt der MNHA-Direktor: „Wer schon mit seinem Vater im Stadion war, geht auch als Erwachsener eher dorthin.“ Polfer verweist auf die zahlreichen Angebote für Schüler und Schulklassen, unter Hilfe des museumspädagogischen Dienstes, ein Museum zu besuchen: „Wir sind da an unserer Kapazitätsgrenze. Im internationalen Vergleich sind wir hierbei relativ gut aufgestellt. Vor Covid hatten wir zwischen 25.000 und 30.000 Schüler pro Jahr.“ Neben den Angeboten für Kinder und Jugendliche verfügen die Museen hierzulande zunehmend auch über familienspezifische Angebote, gemeinsam mit den städtischen Museen der Hauptstadt und dem Museumsverband Icom.
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Um die Museen noch attraktiver für ein breiteres Publikum zu machen, „sollten wir viel mehr auf Augenhöhe mit den Besucher:innen agieren und ihnen zuhören, als es derzeit der Fall ist“, fordert Bettina Steinbrügge. „Ich glaube, dass ein Museum eng mit der Realität verbunden sein und sich selbst als Raum für Reflexion und Debatte zeigen sollte, in dem es ermöglicht wird, dass soziale
und strukturelle Themen die Wände der Institution durchdringen und einen permanenten Wandel in vielen Sichtweisen generieren. Kunst eröffnet neue Perspektiven auf das Bekannte. Unsere Rolle besteht darin, der Öffentlichkeit diese Perspektiven näherzubringen.“ Die MUDAM-Leiterin wirft die Frage auf, ob etablierte Handlungsanweisungen
Wir verstehen es als unsere Aufgabe, Geschichten und Bilder aus der gegenwärtigen Perspektive und gleichzeitig mit Blick auf eine andere mögliche Zukunft zu betrachten.
für das Museum, wie etwa die andächtige Kontemplation, noch zeitgemäß seien. „Oder brauchen wir einen anderen Umgang? Wie erzählen wir unsere Geschichten und für wen?“, so Steinbrügge. „Wir können Schutzräume für die kontroversen Diskurse der Gegenwart bieten und unsere Institutionen als dritte Orte anbieten, an denen etwas ausprobiert wird, wo man auch mal über die Stränge schlagen kann, ohne dass gleich eine ganze Gesellschaft in Revolution ausbricht.“ Die erfahrene Kuratorin, Dozentin und Kunstkritikerin hat beobachtet, dass „unsere Gesellschaft ein Stück weit weniger tolerant und weniger respektvoll geworden ist“ und dass „unterschiedliche Positionen zu haben und aushalten zu können, schwieriger geworden zu sein“ scheint. Ein Museum als Schutzraum in einer Gesellschaft, in denen die ethischen Normen einer demokratischen Gesellschaft unter Druck geraten sind?
Bettina Steinbrügge, Direktorin des MUDAM
Die Demokratie und ihre Institutionen wurden in den vergangenen zweieinhalb Jahren der Coronavirus-Pandemie einer großen Belastung ausgesetzt und auf den Prüfstein gestellt. Kulturelle Einrichtungen wie Kinos, Theater und Konzertsäle mussten schließen, aber auch Museen und Galerien. Die Pandemie sei der „größte anzunehmende Einschnitt“ gewesen, sagt Michel Polfer, „obwohl wir in Luxemburg noch relativ verschont blieben, weil unsere Kulturministerin darauf achtete, dass die Museen nicht pauschal schlossen. Das führte zu dem positiven Effekt, dass sie von März bis Mai 2020 nur zwei Monate geschlossen waren, dann noch mal eine Woche vor und eine Woche nach Weihnachten 2020/21.“ Die Pandemie habe zu einem Verlust an Visibilität und zu finanziellen Einbußen geführt. „Doch das MNHA war durch einen Zufall gut aufgestellt“, sagt Polfer. „In den Jahren zuvor hatten wir einen Scan unseres gesamten Museums gemacht. So hatten wir bereits Erfahrung mit diesem Instrument. Wir dokumentierten schon vor Covid Sonderausstellungen dreidimensional. Das erwies sich als guter Weg.“ So konnte etwa die Ausstellung „Beyond the Medici“ über florentinische Malerei 2020 nicht wie üblich gezeigt werden. „Wir scannten auch sie und stellten sie ins Netz und fanden dadurch Aufmerksamkeit in der internationalen Presse – was uns wiederum viele virtuelle Besucher brachte. Die Form der virtuellen Kulturvermittlung war für
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viele neu.“ Dass diese auch in Zukunft eine Rolle spielt, davon ist Polfer überzeugt: „Wir machen damit weiter.“ Ähnliche Wege gingen in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie, viele Museen. Während der Lockdowns versuchten viele Museen und Galerien, ihre Ausstellungsräume virtuell nachzugestalten. Dabei ist eine „höchst kreative digitale Museumslandschaft entstanden, die den Kontakt in die Gesellschaft aufrechterhalten hat“, sagt Bettina Steinbrügge. „Mit zahlreichen digitalen Angeboten wie virtuellen Ausstellungsrundgängen, digitalen Sammlungen, Podcasts, Online-Spielen und vielem mehr haben die Museen der Öffentlichkeit den Zugang zu musealen Inhalten bewahrt.“ Auch das MUDAM werde in den nächsten Jahren an einer digitalen Infrastruktur arbeiten, die der Zeit entspreche. Steinbrügge erwartet, dass die virtuellen Aktivitäten Chancen auf ein Publikum eröffnen, das vorher keinen Zugang zu musealem Wissen hatte, entweder aufgrund der physischen Distanz oder aufgrund eines Mangels an Information. Die Pandemie hat zur Folge, dass verstärkt über die künftige Rolle der Museen diskutiert werden muss und dass sie nach den Worten von Bettina Steinbrügge „als gesellschaftliche Orte neu definiert“ werden. „Die Corona-Pandemie führte uns schlagartig vor Augen, dass das Museum in der rein lokalen Form nicht mehr existieren kann“, heißt es auch seitens des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. „Das große soziale Experiment, in dem wir uns seit dem Ausbruch der Pandemie befinden, zwingt uns, unsere Kulturpraxis zu überdenken.“ Covid fungierte wie ein Entwicklungsbeschleuniger und katapultierte die Museumswelt ins digitale Zeitalter. Das ZKM verlegte beispielsweise die Ausstellung zur Klimakrise, „Critical Zones. Horizonte einer neuen Erdpolitik“ in den digitalen Raum. Aus der Eröffnung wurde ein Live-Streaming-Festival, das von mehr als 30.000 Interessierten von zu Hause aus verfolgt wurde. „Im analogen Museum kommen die Besucher:innen ins Museum, um zu schauen“, so die ZKM-Redaktion. „Im digitalen, intelligenten Museum der Zukunft kommt das Museum zu den Besucher:innen nach Hause, um gemeinsam zu erleben und zu denken.“ Doch ist dieses „Home Museum“ das Museum der Zukunft?
Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (MUDAM)
Studie über Museumsbesucher Auf die Online-Befragung hatten 1.995 Personen geantwortet. Die Ergebnisse besagen zum Beispiel, dass 74 Prozent der EU-Bürger ohne luxemburgische oder portugiesische Nationalität ein Museum besuchen, während es unter den Luxemburgern nur 58 Prozent und unter Portugiesen 43 Prozent sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um Personen, die selbst oder deren Eltern ein Hochschulstudium absolviert hatten. Außerdem zeigt sich insbesondere in den hauptstädtischen Museen eine soziale Kluft zwischen den Besuchern. Der relativ geringe Anteil von Museumsbesuchern unter den Portugiesen könnte darauf zurückzuführen sein, dass diese Bevölkerungsgruppe von den Museen zu wenig angesprochen wird. Oder sind vor allem die hauptstädtischen Museen zu elitär? Zumindest gehören sie zu den meistbesuchten Häusern. Allgemein kann die Entwicklung positiv bewertet werden. Besuchten 2009 etwa 50 Prozent der Befragten Ausstellungen, waren es 2020 sogar 60 Prozent. Zudem schneiden die luxemburgischen Museen im internationalen Vergleich gut ab. Der europäische Durchschnitt belief sich 2017 auf 50 Prozent. Das Großherzogtum hatte in diesem Jahr die siebthöchste Frequentierung von Museen in der gesamten Europäischen Union. Spitzenreiter war das Vereinigte Königreich mit (61 Prozent). Deutschland verzeichnete einen Anteil von 56 Prozent an Museumsbesuchern, Belgien 51 Prozent und Frankreich 49 Prozent. Interessant ist übrigens, dass 35 Prozent der Befragten angaben, eine bessere Kommunikation der Ausstellungshäuser könnte sie zu einem Besuch ermuntern.
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Vielleicht gilt dies für ein Museum wie das ZKM, das 1989 als „digitales Bauhaus“ gegründet wurde. Nicht aber für jedes Museum. Michel Polfer meint: „Man muss stark relativieren. Es war anfangs ein Hype, ein hilfreiches Instrument, ein ‚nice to have‘, und erlaubt Leuten, die das Museum nicht besuchen können, eine Ausstellung zu sehen.“ Man sollte die digitalen Ausstellungen nicht überbewerten. Vielleicht werde es, mutmaßt Polfer, in den nächsten Jahren einen Ermüdungseffekt geben. Die Zukunft der Museen werde sicherlich nicht nur im Digitalen zu finden sein. „Der Kernpunkt ist“, so Polfer, „dass ein Museum originale Objekte zeigt: das Ding an sich.“ Dagegen hat sich das ZKM lange vor der Pandemie der Digitalität des Museums gewidmet, etwa mit der Ausstellung „Open Codes. Leben in digitalen Welten“. Die Ausstellung war keine Sammlung von Objekten mehr, sondern eine
Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM)
„Versammlung von Menschen, die den Austausch suchten, miteinander und voneinander lernten und zugleich den ursprünglichen Museumsraum in einem gemeinsamen Wissens- und Erlebnisraum verwandelten.“ Im Interview mit der Zeitschrift Monopol behauptet ZKM-Direktor Peter Weibel: „Das virtuelle Ereignis dominiert das reale schon lange. Wir sind seit Jahrzehnten alle gewohnt, nicht-reale Konzerte zu erleben. Die meisten Leute hören Orchesterkonzerte heute online über Apps. Ich persönlich habe zum Beispiel nie das Verlangen gehabt, die Beatles live zu hören. Mir hat die Musik genügt – damals auf Schallplatte, heute online.“ Das mag für Peter Weibel gelten, aber ein großer Teil der Konzert- und Festivalbesucher wird ihm widersprechen. Selbst ein Live-Konzert der Düsseldorfer Avantgarde-Musiker Kraftwerk hat einen besonderen Reiz, der digital nicht annähernd gegeben ist. Dass die Nähe
zum Objekt im Museum nur eine fiktive sei, „von der Massenindustrie erlogene“, wie Weibel behauptet, und nur dem Zweck diene, möglichst viele Besucher ins Museum zu locken, hat sich nicht bestätigt. Und dass nach den Lockdowns wieder Menschenmassen zu Kulturevents strömten, erklärt Weibel mit „klassischen Entzugserscheinungen“: Die Menschen stünden unterm Einfluss der Droge „Nähe“. Durch die virtuelle Präsentation der Kunst kann man „sich so nah an Kunstwerke heranzoomen, wie es mit bloßem Auge nie möglich wäre“, erklärt Hans-Ulrich Obrist. „Aber ein Kunsterlebnis, also ein Eindruck, der bleibt, der einen bewegt und verändert, ist das deswegen noch nicht unbedingt.“ Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, so der Schweizer Kurator, „fällt es uns schwer, Kunst, die nicht in der oder für die digitale Welt hergestellt worden ist, auf nicht-körperliche Weise erfahrbar zu machen“. Dagegen ist der unschätzbare Vorteil traditioneller Museen, dass sie oft über weitreichende Bestände verfügen – nicht zuletzt eines „Mehrspartenhauses“ (Archäologie, Geschichte sowie angewandte und bildende Kunst vom Mittelalter bis heute) wie dem MNHA mit mehreren Schaufenstern – neben dem MNHA das Musée Dräi Eechelen und die Römervilla in Echternach. An der Ausstellung über „Luxemburgs koloniale Vergangenheit“ wurde seit fast fünf Jahren gearbeitet. Mit Régis Moes wurde ein neuer Konservator engagiert, der sich in seinem Studium mit dem Thema befasst hatte. Die Themen Rassismus und Kolonialismus erfuhren brisante Aktualität durch die antirassistischen Proteste der BlackLives-Matter-Bewegung weltweit sowie über die Restitution von Kunstobjekten aus ehemaligen Kolonien in Zusammenhang mit der Diskussion über den Bericht der französischen Kunsthistorikerin Bénedicte Savoy. Dass die Zeitläufte sich mit der Agenda des MNHA trafen, sei ein „glücklicher Zufall“ gewesen, so MNHA-Direktor Polfer. Einen besseren Kontext hätte man sich nicht erträumen können. „Man arbeitet an etwas, was unter den Nägeln brennt. Und plötzlich ist es aktuell.“ Bei der Ausstellung „The Rape of Europe“ im MNHA über das Werk des russischen Künstlers Maxim Kantor, hatte das Museum nach dem russischen Angriff auf die Ukraine vor, schnell
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Musée National d'Histoire et d'Art (MNHA)
zu reagieren. „Als Museum kommt man nicht daran vorbei, sich zu positionieren“, weiß Polfer. „Dabei ist ein Museum wie ein behäbiger Öltanker. In unseren Beständen hatten wir nichts. Und die Museen in der Ukraine hatten genug damit zu tun, ihre Bestände in Sicherheit zu bringen. Wie es der Zufall wollte, waren wir dabei, mit Kantor eine Retrospektive zu planen. Allerdings erst für 2023. Außerdem hatten wir Räume frei, die noch nicht renoviert waren. Zudem verfügte der Künstler in seiner persönlichen Sammlung über genügend Werke.“ Die Kantor-Ausstellung kann als Beispiel dienen, dass sich Museen mit aktuellen Konflikten und Fragen der Welt und der Gesellschaft auseinandersetzen, wie Catherine Grenier, frühere Co-Direktorin des Centre Pompidou, in ihrem Buch „La Fin des Musées“ schreibt. Ist es gar eine Kampfzone, wie die deutsche Filmemacherin Hito Steyerl einmal sagte? Zumindest sollte das Museum Stellung zu wichtigen gesellschaftlichen, aber auch politischen Grundfragen beziehen. Ein Museum muss solch relevante Fragen behandeln, allerdings müssen diese eine ausreichende historische Tiefe haben, betont Polfer. „Und es muss Objekte geben. Dafür legen wir Sammlungen an. Das Museum ist aber kein Ort, um ad hoc auf aktuelle Themen zu antworten. Wir versuchen bei Ausstellungen ebenfalls den sozialhistorischen Aspekt miteinzubeziehen. Ein Museum darf sehr politisch sein, aber nicht im Sinne einer parteipolitischen Positionierung.“
Ist das Museum gar eine Kampfzone, wie die deutsche Filmemacherin Hito Steyerl einmal sagte? „Wir sind eine öffentliche Kultureinrichtung mit sozialer Verantwortung“, sagt Bettina Steinbrügge. „Museen sind Räume des Staunens und des Einfühlungsvermögens, Orte des Experimentierens, der Begegnung und der Gestaltung von morgen. Objekte sind Anknüpfungspunkte für Gespräche, Geschichten und Ideen.“ Die Geschichte der zeitgenössischen Kunst muss als eine Reihe von oft turbulenten Krisen, Konflikten und Auseinandersetzungen darüber erzählt werden, was Kunst und die Gesellschaft sind oder sein sollten, wobei viele dieser Auseinandersetzungen bis heute ungelöst und wirksam sind. Ein Museum für zeitgenössische Kunst sei ein lebendiger Ort, offen und transparent für alle. „Das ist meine Vision“, sagt Steinbrügge. „Ich verstehe unser Museum als eine vielfältige und weltoffene Plattform des miteinander und voneinander Lernens; es lädt zu Begegnungen ein, die inspirieren, begeistern, aber auch irritieren und Fragen hinterlassen können.“ Dass Museen immer stärker als Orte gesellschaftspolitischer Debatten begriffen werden, heiße nicht, dass unbedingt politisch Stellung bezogen werden müsse,
es heiße aber, dass man zumindest die Debatten zeigen sollte, sagt Steinbrügge. Das sind etwa Diskussion über die Herausforderungen unserer Zeit, von denen die größte der Klimawandel ist. Der Blick auf Kunst, darin sind sich viele Museumsmacher heute einig, muss um historische, soziale und politische Aspekte erweitert werden. Die MUDAM-Direktorin spricht von einer „spannungsreichen Praxis zwischen affektiver Verführung und kritischer Analyse“. Museen sollten offene Räume für Recherche, Präsentation, Historisierung und Aufwertung künstlerischer Praktiken im Kontext von sich wandelnden sozialen Trends darstellen. Sie sind darüber hinaus längst nicht mehr nur Orte der Repräsentation, sondern der Reflexion, des Erlebnisses und der Herausforderung, sollten der Stärkung des kritischen Bewusstseins, dem Dialog und dem Meinungspluralismus dienen. In diesem Sinne werden sie als Laboratorien für den Prozess der Zivilisation verstanden. Text: Stefan Kunzmann Fotos: Georges Noesen (2), Alain Rischard, Julien Garroy (beide Editpress), MUDAM, MNHA, Anne-Sophie Stolz, ARTIS (ZKM)