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Vivai 2018 01 d

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Das Wohlfühl- und Nachhaltigkeitsmagazin der

01/2018

NACHHALTIG Aufwerten statt wegwerfen: Offcut rettet Werkstoffe vor dem Abfall. Ein Glücksfall für Kreative.

ENTSPANNEN Wir präsentieren die ultimative Entspannungsmethode: Schlafen. Wenn es denn nur so einfach wäre.

Zeit ist relativ Über die Wiederentdeckung der Langsamkeit


FLUSSKREUZFAHRTEN

Faszinierende Rhein-Kreuzfahrten mit Luxusschiff MS Antonio Belluccibbbbb

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9 Tage ab Fr. 890.–

12 Tage ab Fr. 1690.–

1. Tag Basel Individuelle Anreise und Einschiffung . 2. Tag Strasbourg Rundfahrt/-gang*, Weiterfahrt. 3. Tag Bonn Passage der Loreley-Strecke. Ankunft nach

1. Tag Basel Individuelle Anreise und Einschiffung. 2. Tag Flusstag Passage «Romantischer Rhein». 3. Tag Arnheim Ausflug* zum Freilichtmuseum. Freie Zeit am Abend. 4.Tag Schoonhoven–Gouda Rundgang*

(Rabatt Fr. 600.– abgezogen, 20.03., HD hinten, VP)

dem Mittag. Rundfahrt* mit Besuch des Beethovenhauses

4. Tag Dordrecht–Rotterdam Ausflug* zu den berühm-

ten Windmühlen von Kinderdijk. Rundfahrt* Rotterdam. 5. Tag Amsterdam Ausflug* zum Keukenhof mit weltweit einmaliger Blütenpracht. Romantische Grachtenfahrt.+ 6. Tag Duisburg–Düsseldorf Ausflug* zum Zollverein ab Duisburg. Für Gäste, die lieber freie Zeit in Düsseldorf verbringen, wird ein Transfer+ organisiert.Wiedereinschiffung. 7. Tag Rüdesheim Gemütliche Schifffahrt entlang dem «Romantischen Rhein». Fahrt mit dem Winzerexpress*. Erkundung des idyllischen Weinstädtchens auf eigene Faust. 8. Tag Baden-Baden Ankunft in Gambsheim. Busausflug* nach Baden-Baden. Rundgang durch die Bäder- und Kunststadt mit ihren Herrenhäusern. Rückfahrt nach Kehl, wo das Schiff die Ausflugsteilnehmer bereits erwartet. 9. Tag Basel Ausschiffung nach dem Frühstück und individuelle Heimreise. Reisedaten 2018 Es het solangs het Rabatt 20.03.–28.03. 600 21.04.–29.04. 200 28.03.–05.04. 500 29.04.–07.05. 200 05.04.–13.04. 400 07.05.–15.05. 200 13.04.–21.04. 300 Keukenhof

Schoonhoven mit Besuch Silbermuseum. Weiterfahrt nach Gouda. Rundgang* und Besichtigung der St. Johanneskirche. 5. Tag Gouda–Dordrecht–Willemstad Rundgang* durch Dordrecht. In Willemstad freie Zeit für eigene Erkundungen. 6. Tag Willemstad–Bruinisse– Zierikzee Freie Zeit für individuelle Erkundungen wie Besuch des Museums über Fischerei und Muschelzucht. In Zierikzee Ausflug* durch die Provinz Zeeland. 7. Tag Zierikzee–Neeltje Jans–Veere Morgens Schifffahrt über den Meeresarm Oosterschelde. Besuch* der Delta-Werke. Am Mittag Weiterfahrt zum Hafenstädtchen Veere. Individuelle Erkundungen. 8. Tag Veere–Vlissingen–Antwerpen Rundfahrt+ mit dem Sonnenzug oder individuelle Besichtigung der Hafenstadt. Weiterfahrt nach Antwerpen. Freie Zeit am Abend. 9. Tag Antwerpen Ausflug+ nach Brüssel. Rundfahrt/-gang* durch Antwerpen, der grössten Hafenstadt Belgiens und heute wichtigster Diamanthandelsplatz der Welt. 10. Tag Maastricht Fahrt auf dem Albert-Kanal. Passage des eindrucksvollen Durchbruchs zur Maas. Ausflug* zu den Grotten des Sint Pietersbergs. 11. Tag Maastricht–Namur Flussfahrt nach Namur. Freie Zeit am Abend. 12. Tag Namur– Basel Ausschiffung und Busfahrt. Individuelle Heimreise. Namur–Basel

Gleiche Reise in umgekehrter Reihenfolge mit kl. Anpassungen, ohne Halt in Vlissingen und ohne fakultative Ausflüge. Reisedaten 2018 Es het solangs het Rabatt Basel–Namur Namur–Basel 23.05.–03.06. 300 03.06.–14.06. 300 05.10.–16.10. 300 16.10.–27.10. 400

* Im Ausflugspaket enthalten, vorab buchbar |

+ Fak. Ausflug nur an Bord buchbar

15 Tage ab Fr. 1990.–

1. Tag Basel Anreise, Einschiffung und «Leinen los!». 2. Tag Flusstag Gemütliche Schifffahrt. Am Abend passiert Ihr Schiff den «Romantischen Rhein». 3. Tag Nijmegen-Cuijk Stadtrundgang* durch Nijmegen. Abendrundgang+ durch das Dorf Cuijk. 4. Maastricht Rundgang.* Fahrt durch den Altert-Kanal. 5. Tag Antwerpen

Rundfahrt/-gang* durch die wichtigste Hafenstadt Belgiens. 6. Tag Gent-Terneuzen Transfer* nach Gent. Rundgang durch die Hauptstadt der Provinz Ostflandern. Busausflug+ nach Brügge mit interessantem Stadtrundgang. 7. Tag Middelburg Ausflug* zu den Delta-Werken. Rundgang+ durch Middelburg, der Hauptstadt der Provinz Zeeland. 8. Tag Amsterdam Panoramarundfahrt* mit Besuch Rembrandtmühle. Transfer nach Haarlem und Rundgang+ oder individuelle Zeit in Amsterdam. Romantische Grachtenfahrt.+ 9. Tag Kampen Ausflug+ nach Giethoorn, auch bekannt als «Venedig des Nordens». Rundgang* durch die Hansestadt Kampen. Weiterfahrt über das IJsselmeer Richtung Insel Texel. 10. Tag Oudeschild-Hoorn Rundfahrt* Insel Texel mit Besuch der ältesten Seehundeauffangstation. Fahrt über IJsselmeer nach Hoorn und Stadtrundgang.+ 11. Tag Flusstag Erholung an Bord während der gemütlichen Schifffahrt auf der IJssel und dem Rhein. 12. Tag Bonn-Linz am Rhein Nach kurzer Rundfahrt* Besuch des Beethovenhauses in der Bonner Fussgängerzone. Vortrag und kurzes Piano-Konzert. Weiterfahrt nach Linz. Zeit zur freien Verfügung. 13. Tag Braubach Ausflug+ zur Marksburg, der einzigen unzerstörten Höhenburg am Mittelrhein. 14. Tag Gambsheim–Kehl Ausflug* in den Schwarzwald ab Gambsheim. Die Rückkehr an Bord erfolgt in Kehl. 15. Tag Basel Ausschiffung und individuelle Heimreise. Reisedaten 2018 Es het solangs het Rabatt 07.07.–21.07. 400 04.08.–18.08. 400 21.07.–04.08. 400

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Unsere Leistungen • Kreuzfahrt in gebuchter Kategorie • Vollpension an Bord • Bustransfer Namur–Basel oder v.v. (Reise 2) • Alle Schleusen- und Hafengebühren • Thurgau Travel Bordreiseleitung • Audio-Set bei allen Ausflügen Nicht inbegriffen: An-/Rückreise zum/vom Schiff, Versicherungen, Ausflüge, Getränke, Trinkgelder (Empfehlung € 5–7 p.P./Tag), Treibstoffzuschläge vorbehalten, Auftragspauschale Fr. 35.– pro Rechnung (entfällt bei Buchung über www.thurgautravel.ch)

Preise p.P. in Fr. (vor Rabattabzug) 1 2-Bettkabine Hauptdeck hinten 1490 2-Bettkabine Hauptdeck 1590 2-Bettkabine MD hinten, franz. Balkon 1890 2-Bettkabine Mitteldeck, franz. Balkon 1990 2-Bettkabine OD hinten, franz. Balkon 2090 2-Bettkabine Oberdeck, franz. Balkon 2190 Suite OD (ca. 32 m2), franz. Balkon 2790 Zuschlag Alleinbenutzung Ausflugspaket (8/8/10 Ausflüge) 280 Annullations-/Extrarückreisevers. 59

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MS Antonio Belluccibbbbb – by Thurgau Travel Dieses 2012 erbaute Luxusschiff bietet Platz für 141 Gäste in 69 Kabinen und einer Suite (ca. 32 m²). Die komfortablen Kabinen sind mit Dusche/WC, Föhn, Safe,Telefon,TV/Radio und individuell regulierbarer Klimaanlage ausgestattet. Die Kabinen auf dem Mittel- und Oberdeck (ca. 15 m²) verfügen zusätzlich über einenTisch und zwei Sessel sowie über einen französischen Balkon. Die Kabinen der Kategorie Mitteldeck hinten sind etwas kleiner, ohne Stühle undTisch ausgestattet. Zudem sind die Betten durch einen Nachttisch getrennt. Auf dem Hauptdeck (ca. 13 m²) haben die Kabinen kleinere, nicht zu öffnende Fenster. Zur Bordausstattung gehören Foyer mit Réception, Shop, grosszügiges Restaurant, grosser Panorama-Salon mit Tanzfläche und Bar, Captains Corner sowie Sauna- und Fitnessbereich. Das Sonnendeck mitWhirlpool, Liegestühlen und Sonnenschirmen lädt zumVerweilen ein. GratisWLAN nachVerfügbarkeit. Lift zwischen Mittel- und Oberdeck. Nichtraucherschiff (Rauchen auf dem Sonnendeck erlaubt). Reederei/Partnerfirma: feenstra

2-Bettkabine Hauptdeck (ca. 13 m²)

Suite Oberdeck (ca. 32 m²) mit franz. Balkon

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Weitere Reisen mit MS Antonio Belluccibbbbb Basel–Miltenberg–Regensburg–Passau 9 Tage ab Fr. 1290.– (Rabatt Fr. 200.– abgezogen, HD hinten, VP) Passau–Wien–Budapest–Bratislava–Passau 8 Tage ab Fr. 1290.– (Rabatt Fr. 200.– abgezogen, HD hinten, VP) Weitere Details im Internet oder Prospekt verlangen.

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EDITORIAL

Kennen Sie «Nose to tail»? Hinter dem Begriff steckt die Philosophie, von einem Tier nicht nur die Filetstücke zu essen, sondern alles. Na ja, fast alles. Als feurige Verfechterin dieser Philosophie wurde ich von einem Freund zu einem Essen der besonderen Art eingeladen. Das Menü bestand aus Kalbsherz-Ceviche, gefolgt von einem Eintopf aus Rinderkutteln, Schweinszunge und Kartoffeln. Geschmeckt hats ausgezeichnet! Probieren Sie ein «Nose to tail»Gericht. Es müssen ja nicht gleich Schweinsöhrchen sein.

Menschen, die ein Leben lang ein Projekt verfolgen, faszinieren mich. Ich denke an den Fotografen, der immer wieder an denselben Ort zurückkehrt und so Veränderungen einfängt, die sonst verborgen blieben. Oder an die Tagebuchschreiberin, die mit sechzig nachlesen kann, wie sie in jungen Jahren auf die Welt geblickt hat. Warum es diesen Menschen nicht gleichtun? Finden Sie Ihr persönliches Langzeitprojekt!

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Liebe Leserin, lieber Leser Zug fahren galt einst als Gesundheitsrisiko. Mediziner warnten im 19. Jahrhundert vor Nervenschäden und geistiger Unruhe, weil die Landschaft in horrendem Tempo an den Passagieren vorbeizieht. Abgesehen davon, dass die dampfbetriebenen Eisenbahnen nicht annähernd heutige Geschwindigkeiten erreichten: Wir können ob solcher Annahmen nur lachen. Aber hätten wir es manchmal nicht alle gern etwas gemächlicher? Längst haben wir den Temporausch verinnerlicht. Nicht die Geschwindigkeit der Fortbewegung ist das Problem, sondern eine noch nie dagewesene Verdichtung von Raum und Zeit. Um sich ihr zu entziehen, nehmen viele organisierte Entspannung wie Wellness in Anspruch. Zurück im Alltag, werden aber jene, die eben noch auf dem Massagetisch lagen, erneut zu Getriebenen. Wir fangen an, zu stampfen, wenn an der Kasse jemand sein Kleingeld zusammenkramt. Wir schnaufen laut auf, wenn der Zug Verspätung hat. Wir zücken das Handy, wenn wir gelangweilt sind. Als ich mich einmal in Social Media weiterbilden liess, meinte der Kursleiter, die beste Zeit zum Twittern sei, wenn man warten müsse, zum Beispiel auf den Bus. Das sei tote Zeit, die so sinnvoll genutzt werde. Tote Zeit. Ich möchte Ihnen eine andere Perspektive auf die Zeit schmackhaft machen. Eine, in der es weder um Nutzen noch um Effizienz geht. Sondern um die Qualität der Langsamkeit. Die Gefahr im Zeitalter der Digitalisierung besteht nicht so sehr darin, dass die Maschinen immer intelligenter werden, sondern dass wir immer mehr wie Maschinen funktionieren. Höchste Zeit für eine Gegenbewegung! In diesem Heft finden Sie viele Anregungen dafür. Und wie immer freuen wir uns, wenn Sie sich für die Vivai-Lektüre viel Zeit nehmen.

Manuela Specker

© Titelfoto: Getty Images, Sabine Braun, iStock

Lust auf Neues


INTERN

Impressum

Kämpferische Ansage und kluge Gedanken: Die Autorin Ruth Hoffmann reflektiert unseren absurden Tempowahn und fragt: «Sind wir alle verrückt geworden?»

Herausgeber: Migros-Genossenschafts-Bund Leiter Migros-Medien: Lorenz Bruegger Verlagsleiter: Rolf Hauser Publizistische Leitung: Monica Glisenti Leiter Redaktionen Migros-Medien: Franz Ermel Redaktion: Manuela Specker Art Direction: Dora Siegenthaler Bildredaktion: Cornelia Thalmann Workflow: Imelda Stalder (Leitung), Anna Francesca Steinmann Bildbearbeitung: Reto Mainetti Produktion: Sylvie Castagné (F), Cora Gianolla, Claudia Wagner (I) Korrektorat: Patrizia Villiger Redaktion und Verlag: Vivai, Limmatstrasse 152, Postfach 1766, 8031 Zürich vivai@migrosmedien.ch migros.ch/vivai Druck: Vogt-Schild Druck AG, CH-4552 Derendingen Papier: holzfrei, FSC-Mix Zur CO2-Kompensation wird ein FSCProjekt in Brasilien unterstützt. ISSN: 1663-716X Gesamtauflage Vivai: 250 060 Exemplare D: 173 127 Ex., F: 61 557 Ex., I: 15 376 Ex.

9 Olaf Hajek trifft mit seinen Illustrationen den Nerv der Zeit. Er war darum unser Wunschkandidat, als es darum ging, das Thema Langsamkeit visuell umzusetzen. In seinen detailreichen und märchenhaften Werken kann man sich leicht verlieren.

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«Wir möchten der Gesellschaft etwas weitergeben.» Die Experten

© John Patrick Walder

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01-18-190925 myclimate.org

Bestellen Sie Vivai kostenlos: abo.vivai@migrosmedien.ch oder Telefon 0800 180 180

Das beste Vorbild für Langsamkeit ist die Natur. Das zeigt Atlant Bieri eindrücklich anhand sechs konkreter Beispiele. Seite 24.

Die Ernährungsspezialistin Annina Erb sagt, weshalb die Migros den Salzgehalt in gewissen Produkten schrittweise reduziert. Seite 38.

Stefan Schöbi, Leiter von Engagement Migros, dem Förderfonds der Migros-Gruppe, hilft nachhaltigen Pionierprojekten zum Durchbruch. Seite 30. Vivai 2018

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DAS FREUT UNS

Sonnige Aussichten Wussten Sie, dass die Migros in der Schweiz der grösste Erzeuger von Strom aus Sonnenenergie ist? Kein anderes Unternehmen hat so viele PhotovoltaikAnlagen auf seinen Dächern installiert – mittlerweile sind es über 220 Solaranagen, die Strom liefern. Die Migros nimmt damit ihre Verantwortung in der Energiewende wahr. Das ist Teil des Generation-M-Versprechens, erneuerbare Energien zu fördern.

Die Kunst des Reisens Viele Menschen laden sich in den Ferien zusätzlichen Stress auf – weil sie möglichst viele Sehenswürdigkeiten abklappern wollen oder weil alles genau nach Plan verlaufen muss. Auf iMpuls, der Gesundheitsplattform der Migros, machen wir Sie mit den Vorzügen von Slow Travel vertraut. Dazu gehört, sich einfach mal treiben zu lassen und mehr dem Zufall zu überlassen, anstatt sich an vorgegebene Reiserouten zu halten. migros-impuls.ch/de/slowtravel

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MEINE MIGROS ! Wem gehört eigentlich die Migros? Genau – den über zwei Millionen Menschen in der Schweiz, die einen Anteilsschein besitzen. Der Genossenschaftsgedanke ist stärker denn je. Ausdruck davon ist unter anderem die Gesundheitsinitiative iMpuls, welche die Menschen zu mehr Bewegung und einer gesünderen Ernährung animiert. Die Migros wird die Bedürfnisse ihrer Kunden in Zukunft noch mehr ins Zentrum aller Anstrengungen stellen. Schliesslich gehört die Migros den Leuten. Und das soll man merken.

YOU KOMMT AN Die Migros-Eigenmarke für Ernährungs- und Trendbewusste sorgt für Wohlgefühl und macht eine gute Figur: Das Sortiment von You ist seit der Lancierung im Mai 2017 auf 45 Produkte angewachsen, weitere werden folgen. Ob Superfood-Snack für zwischendurch oder zuckerreduziertes Yoghurt, ob möglichst natürlich oder besonders proteinreich: alle You-Produkte sind entsprechend gekennzeichnet.


DAS GEFÄLLT UNS

Wo sich alles ums Tanzen dreht Ab dem 12. April 2018 ist es wieder so weit: Das Tanzfestival Steps des Migros-Kulturprozents zieht schweizweit die Zuschauerinnen und Zuschauer in seinen Bann. Während knapp eines Monats zeigen rund ein Dutzend Tanzkompanien aus der ganzen Welt, wie vielfältig die Stilrichtungen im zeitgenössischen Tanz sind. Die Eröffnung des Tanzfestivals wird im Theater Winterthur durch GöteborgsOperans Danskompani/Eastman bestritten. Bis am 5. Mai 2018 finden in der ganzen Schweiz auf 36 Bühnen insgesamt 83 Vorführungen statt, darunter zahlreiche Premieren.

© Illustration: Christopher Corr, Fotos: Joris-Jan Bos, Matthias Luggen

Das gesamte Programm sowie Informationen zum Ticketing finden Sie unter steps.ch.

REPARIER MICH

Funktioniert der Staubsauger nicht mehr richtig? Kommt das Velo nicht in die Gänge? Braucht das Möbel eine Auffrischung? So mancher würde gern selber zum Werkzeug greifen. Aber oft fehlt es nicht nur am Platz und am Equipment, sondern auch am Wissen. Das möchten die 68 Repair Cafés in der Schweiz ändern: Freiwillige Helfer stehen dort den Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite, und die Cafés sind bestens ausgerüstet mit dem dafür notwendigen Werkzeug. Die Idee ist bestechend: Sie verringert die Abfallmenge und schont das Portemonnaie. Hier gibt es eine Übersicht über die verschiedenen Repair Cafés in der Schweiz: repair-cafe.ch.

Grosse Chance für Jazzbands Der Schritt vom Gig in Klubs zum Auftritt auf grossen Bühnen ist ein grosser. Genau hier setzt das Migros-Kulturprozent an: In seiner Reihe «Migros-Kulturprozent-Jazz» lässt es Schweizer Jazzbands mit international renommierten Jazzmusikern auftreten. Dazu gehören zum Beispiel der Westschweizer Trompeter Matthieu Michel und der Kontrabassist Heiri Känzig. Die Konzerte finden statt am 6. 3. (Bern), 7. 3. (Genf), 9. 3. (Basel) und 10. 3. (Zürich). Vivai 2018

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Wer sich Zeit nimmt, entdeckt Wege, die sonst verborgen blieben.

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LANGSAMKEIT

DOSSIER

Aufstand gegen das Diktat der Eile Langsamkeit gilt als rückständig, uncool und hinderlich. Dabei brauchen wir kaum etwas nötiger. Ein Aufruf zum zivilen Ungehorsam: Holen Sie sich die Zeit zurück! Text: Ruth Hoffmann Illustrationen: Olaf Hajek

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DOSSIER

LANGSAMKEIT

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einahe scheint es, als hätten die Mahnungen der alten Meister und Mystiker endlich Gehör gefunden: Achtsamkeit ist fast schon ein Trend, Entschleunigung längst kein Fremdwort mehr. Trotzdem ist in unserer Gesellschaft nichts so verpönt wie Langsamkeit. Kein Bereich, in dem sie nicht als Handicap oder zumindest als unerhörte Zeitverschwendung gilt: Alles muss möglichst schnell erledigt, jede Nachricht sofort beantwortet werden. Unsere Kinder sollen schneller lernen, damit sie schneller studieren und schneller Geld verdienen können. Schnelle Autos gelten als erstrebenswert, jedes Tempolimit als Zumutung. Selbst mit der Entspannung muss es, bitte schön, schnell gehen: der Kurztrip in die Sonne; Meditation, ganz einfach und nebenbei; das Power-Work-out während der Mittagspause. Und der morgendliche Kaffee lässt sich dank To-goBecher zum Glück auch im Laufschritt trinken. Die Macht der Uhren

Wie konnte es so weit kommen? Den grössten Teil seiner Geschichte ist der Mensch ganz gut ohne einen präzisen Begriff von Zeit klargekommen – bis er Uhren erfand und begann, seine Lebenszeit in Stückchen zu teilen, die zuvor jahrtausendelang im Rhythmus des kommenden und schwindenden Tageslichts pulsiert hatte, im Takt des Atems, eines Lidschlags, im Wechsel der Jahreszeiten. Mit dem Siegeszug der Industrialisierung gewannen Uhren dann nicht nur an Bedeutung, sondern auch an Macht: Die Zeit gehörte einem nicht mehr allein. Fabrikbesitzer kontrollierten ihre Arbeiterinnen und Arbeiter mit Stechuhren und bestraften jede Unpünktlichkeit mit Lohnabzug. 10 Vivai 2018

Geschuftet hatten die Menschen auch vorher schon – das Leben als Bauer oder Handwerker war alles andere als leicht. Doch immerhin war es ein Leben im eigenen Rhythmus, diktiert von der jeweiligen Tätigkeit und der Natur. Von nun an wurde aber bestimmt, wann und wie man zu arbeiten hatte und vor allem: wie schnell. Ein Prozess, der umso rasanter und unbarmherziger um sich griff, je mehr menschliche Arbeitskraft von Maschinen übernommen und je mehr der Einzelne Teil einer austauschbaren Masse wurde. Heute spricht man von Human Resources und meint im Grunde dasselbe – Hauptsache, die Arbeit wird kostengünstig erledigt, also in kurzer Zeit und mit so wenig Personal wie möglich. Ökonomisch eben, aber ganz bestimmt nicht langsam. Alles um uns herum hat sich beschleunigt, und auch wir selbst haben uns der unerbittlichen Taktung angepasst, so gut es eben geht. Glauben allen Ernstes, Multitasking sei eine Tugend, und schämen uns, wenn wir ausser Atem kommen. Wenn vor uns in der Kassenschlange jemand etwas länger braucht, um sein Geld hervorzukramen, macht sich augenblicklich Ungeduld breit: Kann der sich nicht ein bisschen beeilen? Selbst im Privatleben haben wir uns daran gewöhnt, Langsamkeit als Makel zu sehen und Schnelligkeit als Mass aller Dinge. Wie könnte es anders sein in einer Welt, in der Sekunden über Hopp oder Top entscheiden? In der schon ob der schieren Menge an To-do-Listen und zu verarbeitenden Informationen Eile geboten ist, will man den Anschluss nicht verlieren. Im vergangenen Jahr wurden so viele Daten produziert wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Alle zwei Jahre verdoppelt sich die Menge neuer

Daten, die uns im Übrigen immer schneller zur Verfügung stehen. Der Mensch hat sich längst selbst überholt und wird der Geister, die er rief, nur mit Hilfe neuer Geister Herr: Mit gigantischen Rechenmaschinen, die 250 Terabyte auf einmal verarbeiten – als läse man mit einem Wimpernschlag mehrere Millionen Bücher. Wollten wir das eigentlich so haben? Die Frage stellt sich gar nicht erst, es fehlt die Zeit, darüber nachzudenken, geschweige denn nach Alternativen zu suchen. Also weiter so, es geht ja nicht anders. Und mit ein bisschen Anstrengung und Time-Management kriegen wir das schon irgendwie hin. Sind wir alle verrückt geworden? Wieso nehmen wir hin, worunter wir leiden? Hoher Preis für Atemlosigkeit

Ein Viertel aller Arbeitnehmer, das ergab eine Studie der Universität Bern, fühlt sich «ziemlich oder stark» erschöpft, sechs Prozent stehen kurz vor einem Burn-out. Das ist guter Durchschnitt im europäischen Vergleich. Tendenz steigend, denn auch die knappe Freizeit ist oft angefüllt bis obenhin: Immer mehr in immer weniger Zeit – das ist mit Gemächlichkeit nicht zu machen. Der Preis, den wir für unsere atemlose Lebensweise zahlen, ist hoch: Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer, das Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Dingen macht uns fahrig und dünnhäutig. Eigentlich spricht also alles für einen beherzten Tritt auf die Bremse. Doch das ist gar nicht so leicht, wenn man in der Achterbahn sitzt. Selbst wenn wir uns nichts sehnlicher wünschen als Ruhe: Wenn sie endlich da ist, fällt es uns schwer, sie zu geniessen. Der Fahrtwind fehlt, die Stille klingt ungewohnt


laut. Körper und Geist sind noch immer im Eilmodus und reagieren irritiert, wenn das Tempo sich verlangsamt, zumal das Leben um uns herum ja weitertost. Zugegeben: Wir werden die Raserei der Welt nicht aufhalten. Doch es gibt immer wieder Situationen, in denen wir sehr wohl die Wahl haben, ob wir uns ihr anpassen oder nicht. Denn oft genug beeilen wir uns nur aus Gewohnheit oder weil wir glauben, es müsse so sein. Das sind genau die Momente, in denen sich die verkannte Ressource Langsamkeit bergen und zum Funkeln bringen lässt, zum Beispiel mit Fragen wie diesen: Ist das, was ich gerade tue, tatsächlich eilig oder hat es in Wirklichkeit Zeit? Wie viel Geschwindigkeit tut mir gut?

© Getty Images

Wie lassen wir Langsamkeit zu?

Oft genug beeilen wir uns nur aus Gewohnheit oder weil wir glauben, es müsse so sein.

Ziemlich sicher wird sich dabei sofort auch der Zweifel dazwischenschieben: «Kann ich es mir überhaupt leisten, langsamer zu werden?» «Nein», schreit die Gewohnheit. «Und ob», flüstert die Seele. Es wird dauern, bis wir uns nicht mehr seltsam vorkommen, wenn wir einen Fuss vor den anderen setzen, während um uns herum alles hastet und eilt. Wenn wir in acht Stunden nur eine Sache erledigen anstatt acht Sachen in einer. Es wird sich unbehaglich anfühlen, aber das ist es wert. Denn aus den kleinen Momenten des Widerstands gegen das vermeintlich alternativlose Diktat der Eile können mit der Zeit Inseln werden im grossen Strom der Effizienz und der bis zum Rand gefüllten Zeit. Inseln der Bedächtigkeit, des eigenen Tempos im eigenen Rhythmus. Und eines Tages vielleicht ein Stück Festland. Was für ein Geschenk! Ein Geschenk an uns, langfristig aber an alle. l Vivai 2018

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”Der Weg ist das Ziel„ Christian Affolter (52) aus Jegenstorf BE besitzt kein Land zum Beackern, aber einen John-Deere-Traktor. Er liebt die Langsamkeit der Fortbewegung.

Seit ich einen Traktor besitze, habe ich den Reiz des langsamen Reisens für mich entdeckt. Letzten Sommer war ich mit dem Gefährt samt Campinganhänger eine Woche lang unterwegs, über den Bölchen ins Baselbiet, weiter zum Hallwilersee und über den Napf zurück ins bernische Jegenstorf. Bei Vollgas erreiche ich maximal zwanzig Stundenkilometer. Das verändert die Wahrnehmung der Landschaft komplett. Ich mache Entdeckungen, die mir in einem Auto verborgen blieben, begegne Wildtieren und fahre auf Feldwegen, ohne das Ziel genau zu kennen. Klar, andere steigen dafür aufs Velo oder wandern – aber ich kann mit dieser Art, zu reisen, sowohl meine Leidenschaft für Motoren wie auch für grosse und gewaltige Maschinen ausleben. Es gibt immer etwas zum Schräubeln, Auswechseln und Schmieren an diesem vier Tonnen schweren Traktor. Kein Ausflug ohne Werkzeugkoffer! Oft mache ich nach der Arbeit ein Ausfährtli – ich verantworte bei einer Krankenversicherung den Bereich Public Affairs Gesundheitspolitik – , das bringt mich schnell auf andere Gedanken. Es ist einfach schön, überall dort anzuhalten und zu verweilen, wo es einem gefällt. Als Reisender mit einem Traktor habe ich einen grossen Sympathiebonus bei den Bauern. Sie nehmen mich überall mit offenen Armen auf, versorgen mich mit allerlei Köstlichkeiten, und ich kann spontan an den schönsten Orten übernachten. Der Traktor verbindet. Und die Langsamkeit entschleunigt. Wer mit dem Flugzeug oder dem Auto reist, setzt sich oft nur mit dem Ziel auseinander. Bei mir ist der Weg das Ziel. 12 Vivai 2018


LANGSAMKEIT

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Immer mit der Ruhe Sie haben alle in irgendeiner Form mit Langsamkeit zu tun: fünf Menschen, die bewusst auf die Bremse treten und den Eiligen die Augen öffnen. Protokolle: Manuela Specker, Ueli Bischof Fotos: Fabian Unternährer

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”Langsam komme ich schneller ans Ziel„ Für Martin Spöring (55) ist Langsamkeit allgegenwärtig. Der Luzerner Uhrmacher braucht fürs Gelingen seines Handwerks vor allem eines: Zeit.

Langsam komme ich schneller ans Ziel. Baue ich ein mechanisches Uhrwerk auseinander, lohnt es sich, genau zu

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überlegen, wo welches Teil beim Zusammenbauen hingehören wird. Früher glaubte ich manchmal, eine Arbeit liesse sich schneller erledigen, doch am Ende dauerte alles länger. Wir leben in einer ungeduldigen Zeit, alles ist auf die Minute verplant. Dabei ist Zeit relativ,

das spürte man bis zum Aufkommen der Quarzuhr in den Achtzigerjahren. Die mechanische Armbanduhr lief nach einem Tag unpräzis. Also stellte man sie mittags nach dem Pieps vor den Radionachrichten, um der Zeit nicht nachzuhinken. Für wenigstens einen Tag.


LANGSAMKEIT

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”Was wesentlich im Leben ist ? Soziale Beziehungen und sinnstiftende Tätigkeiten.„ ”Zeit fürs Wesentliche„ Barbara Hochstrasser (63), Psychiaterin und Psychotherapeutin, hilft Patienten mit Burnout. Die Chefärztin der Privatklinik Meiringen BE steht täglich früh auf, um sich viel Zeit für sich selbst, Qigong, ihren Hund und ihre Pferde zu nehmen.

Langsamkeit bedeutet, sich Zeit zu nehmen für das Wesentliche und dieses mit Achtsamkeit zu tun. Das lege ich unseren Patientinnen und Patienten ans Herz. Wir sind spezialisiert auf Burnout und Stressfolgestörungen. Menschen, die krank werden, sind dermassen getrieben von etwas, dass sie an dem vorbeileben, was sie bereichern würde. Dabei ist für fast alle Menschen wesentlich, ihre persönlichen sozialen Beziehungen zu pflegen und sinnstiftenden Tätigkeiten nachzugehen. Doch in unserer materialistischen westlichen Welt mit all ihren Möglichkeiten müssen wir so viel in unser Leben packen, dass es eine Herausforderung ist, achtsam zu leben. Die Kommunikationsflut und der Reichtum an Ablenkung erzeugen Stress. Darum ist es nötig, bewusst Grenzen zu setzen, um gesund zu bleiben. Und meine ganze Aufmerksamkeit der Situation zu schenken, in der ich gerade bin. Nur so kann ich das Wesentliche und für mich Sinnstiftende erfahren.

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LANGSAMKEIT

”Wie ein Wimpernschlag„

”Der Mensch verpulvert über Jahrmillionen gebildete Ressourcen innert Kürze.„ 16 Vivai 2018

Julia Gottschalk (31), Geologin an der Universität Bern, analysiert jahrtausendealten Ozeanschlamm, um rasche Klimaveränderungen zu verstehen und mögliche Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Unseren Planeten gibt es seit rund 4,5 Milliarden Jahren, den Menschen seit etwa 300 000 Jahren – ein erdgeschichtlicher Wimpernschlag. Die Erde und das Leben haben sich in einer Langsamkeit entwickelt, die sich jeglicher Vorstellung entzieht. Der Mensch hat es jedoch verstanden, die über Jahrmillionen gebildeten und gespeicherten Ressourcen der Erde wie Erdöl und Kohle in kürzester Zeit für sich zu vereinnahmen und egoistisch zu verpulvern. Die Forschung ist sich einig: Durch das CO2 in der Atmosphäre erwärmt sich die Erde, und der Meeresspiegel steigt. Wir Forscher versuchen, möglichst genau vorauszusagen, wie schnell und auf welche Weise diese Veränderungen vor sich gehen. Dazu schaue ich zurück. Denn vor etwa 120 000 Jahren war die Situation auf der Erde ähnlich, wie sie für das Jahr 2100 erwartet wird: Die globale Temperatur war um einige Grad Celsius wärmer und der Meeresspiegel war höher als heute. Als Paläozeanografin untersuche ich Ozeanschlamm. Die Sedimente lesen sich wie ein Buch. Sie erzählen mir zum Beispiel, warum und wie viel CO2 der Ozean zu jener Zeit speichern konnte oder wie sich die Ozeanzirkulation unter wärmeren Bedingungen verändert hat. So verstehen wir vielleicht besser, wie das Klima in hundert Jahren sein wird. Abrupte Veränderungen kannte die Erde schon immer. Zum Beispiel durch Vulkanausbrüche oder den Meteoriten, den die Dinosaurier nicht überlebt haben. Die Epoche «Mensch» geht vielleicht einmal als ein geologisch kurzes Ereignis in die Erdgeschichte ein.


”Schnecken beobachten entspannt„ Der Schneckenforscher Jörg Rüetschi (59) aus Hinterkappelen BE findet: Langsamkeit ist eine Frage der Perspektive.

Schnecken üben eine grosse Faszination auf mich aus. Ich untersuche die Artenvielfalt und wie es um ihre Verbreitung steht. Damit gehöre ich zu den wenigen Schneckenforschern in der Schweiz, sie lassen sich an einer Hand abzählen. Auf Exkursionen stelle ich fest: Vor allem Kinder sprechen sehr auf Schnecken an. Den Erwachsenen sind die Tiere wohl

zu langsam; Schnecken zu beobachten, braucht Zeit. Manche sind zudem kaum sichtbar. Das Haus der kleinsten Schnecke, der Punktschnecke, hat einen Durchmesser von nur einem Millimeter. Leider haben es viele Menschen verlernt, sich auf etwas einzulassen, bei dem nicht viel passiert. Dabei ist Schnecken beobachten sehr entspannend. Mich fasziniert das Paarungsspiel der Weinbergschnecken: Sie stellen sich auf, heften sich aneinander und schiessen sich zur gegenseitigen Stimulation

Kalkpfeile in den Fuss. Schnecken sind zudem sehr anpassungsfähig, es gibt sie in der Wüste genauso wie auch auf 3000 Metern Höhe. Langsamkeit ist eine Frage der Perspektive: Eine Nacktschnecke kommt in einer Nacht immerhin 100 Meter weit, eine Weinbergschnecke schafft es auf etwa 10 Meter, aber sie hat ja auch ein Haus zu tragen. Schnecken können sich übrigens auch an Vögel heften und so über 10 000 Kilometer zurücklegen. Wir sollten diese kleinen Wesen nicht unterschätzen. l Vivai 2018

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DOSSIER

LANGSAMKEIT

Mit allen Sinnen Essen wäre eigentlich ein Genuss. Dennoch schlingen viele ihre Mahlzeiten im Eiltempo runter. Warum wir uns wieder mehr Zeit fürs Mahl nehmen sollten. Text: Vera Sohmer

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en Teller vollpacken und alles im Nullkommanichts verputzen – so essen viele Menschen. Egal, ob mittags in der Kantine, abends im Restaurant oder daheim bei der Familie. «Weil in jedem von uns noch ein bisschen Urmensch steckt», sagt Ernährungscoach Yolanda Zaugg aus Kirchberg BE. Damals musste Nahrung schnell in Sicherheit gebracht werden – vor hungrigen Konkurrenten und drohendem Verderb. Also nichts wie hinein in den eigenen Magen. «Der Schnellesser ist aber auch typisch für unsere Zeit», so Yolanda Zaugg. Im hektischen Alltag darf die Nahrungsaufnahme nicht zu viel Zeit kosten. Wer hat da schon die Musse zum Geniessen? 18 Vivai 2018

Und oft isst man eilig nebenher und zwischendurch: im Stehen und Gehen, im Zug oder im Auto, vor dem Computer oder dem Fernseher. Schlechte Angewohnheit, sagen Ernährungsfachleute. Sie weisen darauf hin, wie trefflich es der Begriff Mahlzeit ausdrückt: Man soll das Essen nicht verschlingen, sondern zermahlen. Die Botschaft ist wichtig für Turboesser, denn sie schlucken die Happen praktisch unzerkaut. Wer Ruhe ins eigene Essverhalten bringen will, kommt deshalb ums gründliche Kauen nicht herum. Das ist gewöhnungsbedürftig und braucht ein bisschen Disziplin. Hilfreich kann sein, die Zahl der Kaubewegungen festzulegen, etwa fünfzehn oder zwan-

zig pro Bissen. Und sich als Übungsobjekt zum Beispiel ein rohes Rüebli oder einen Apfel vorzunehmen. Gut gekaut ist halb verdaut

Durchhalten lohnt sich in mehrfacher Hinsicht. «Gut gekaut ist halb verdaut», ermahnten schon unsere Grossmütter – und sie hatten recht. «Was bereits im Mund passiert, muss später nicht mehr erledigt werden», bekräftigt Pia Martin, Ernährungswissenschaftlerin bei der Migros-Gesundheitsplattform iMpuls. Beim Kauen wird die Nahrung mechanisch zerkleinert. Dabei vermischt sich der Speisebrei mit Speichel, dessen Enzyme schon die ersten Kohlenhydrate spalten. Hastig zu essen, bedeutet, diesen


Langsam essen ist ein Fest fĂźr die Sinne.

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LANGSAMKEIT

Schritt zu überspringen. Der Körper hat es dann schwerer, die Nahrungsmittel zu verarbeiten. Aufstossen, Blähungen und Völlegefühl können die Folge sein. In Ruhe essen ist nicht nur bekömmlich, sondern kann der Figur zugutekommen. Der Grund dafür: Das Sättigungsgefühl setzt erst nach zwanzig Minuten oder später ein. Langsamesser nehmen besser wahr, wann sie genug haben und zufrieden sind. Wer zu diesem Zeitpunkt wirklich aufhört, zu essen, nimmt keine überflüssigen Kalorien mehr zu sich. Schnellesser hingegen, die oft keine zehn Minuten für einen Teller aufwenden, haben kaum eine Chance, diese Signale des Körpers zu erkennen. Kleiner Tipp: Wenn man vor lauter Kohldampf zum Schlingen neigt und sich kaum zurückhalten kann, hilft ein Glas Wasser oder ein Vorspeisensalat mit kalorienarmer Sauce vor dem Essen. Tipps fürs langsame Essen

«Essen ist Genuss und Lebensfreude», sagt Yolanda Zaugg. Und plädiert dafür, Mahlzeiten wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Auch und gerade wenn man glaubt, keine Zeit dafür zu haben, oder wenn man alleine isst. Dies gelingt unter der Woche vielleicht am besten nach Feierabend. Dazu den Tisch schön decken, Kerze anzünden, sich zwanzig bis dreissig Minuten hinsetzen. Und dann nichts anderes tun als – essen. Also nebenher keine Zeitung lesen, keine Nachrichten hören, kein Handy benutzen. Es empfiehlt sich, kleine Bissen in den Mund zu schieben und das Besteck immer mal wieder hinzulegen. «Dabei auf Beschaffenheit, Geschmack und Temperatur der Lebensmittel achten», rät Pia Martin. Welche einzelnen Zutaten lassen sich herausschmecken? Wie verändern sich Aroma und Konsistenz während des Kauens? Das nimmt automatisch Tempo aus der Sache. Und macht uns zu Geniessern, sogar im oft atemlosen Alltag. l 20 Vivai 2018

Wer langsam isst, nimmt besser wahr, wann er satt ist. In Ruhe essen kann deshalb auch der Figur zugutekommen.


Die Philosophie hinter Slow Food Als 1986 auf der von prächtigen alten Gebäuden eingerahmten Piazza Navona in Rom eine McDonald’s-Filiale eröffnet wurde, hatte es Carlo Petrini endgültig satt. Der aus dem Piemont stammende Publizist und Soziologe gründete die Slow-FoodBewegung – als Gegengewicht zum omnipräsenten Fast Food.

© Getty Images

Der internationalen Organisation gehören mittlerweile rund 100 000 Mitglieder in 160 Ländern an. Auch in der Schweiz gibt es einen Ableger. Die Slow-Food-Ziele ähneln jenen von Bio- und Fair-Trade-Organisationen: Lebensmittel sollen geschmacklich und gesundheitlich tadellos sein. Sie sollen auf «saubere» Weise produziert werden, also ohne einen Schaden an Natur und Tier in Kauf zu nehmen. Zudem fordert Slow Food eine angemessene Entlöhnung für Lebensmittelhersteller. Die Organisation trifft den Nerv der Zeit und spricht vor allem Locavoren, Nahesser, an. Diese wollen wissen, wo ihre Nahrungsmittel herkommen, was alles drin ist, und sie legen Wert auf kurze Transportwege. Eben dies sind weitere Slow-FoodZiele: das charakteristische einer Region spiegeln und altes Handwerk repräsentieren – wider die industrialisierte Standardware, die es rund um den Globus gibt. Das Slow-Food-Prinzip ist also nicht einfach mit der Idee, langsam zu essen, gleichzusetzen.

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DOSSIER

LANGSAMKEIT

Sehnsuchtsschmaus Ein Schmorbraten braucht Geduld. Doch das langsame Kochen ist nicht nur geschmacklich ein grosser Gewinn. Text: Vera Sohmer

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ushi und Sashimi aus Japan. Currys aus Indien. Oder lieber orientalisch mit Falafel und Hummus? Gerichte aus fernen Ländern und Kontinenten schmecken ausgezeichnet und sind beliebt. Aber weil sie heute praktisch immer und überall zur Verfügung stehen, haben sie auch eine Gegenentwicklung ausgelöst. «Wir wünschen uns Traditionelles zurück», sagt Trendund Konsumforscherin Mirjam Hauser. Gleichzeitig suchen Konsumenten und Konsumentinnen wieder nach dem Ursprünglichen und Typischen ihres unmittelbaren Umfeldes. Lieber selten, dafür ordentlich

Der gute alte Schmorbraten verkörpert diese Sehnsucht. Weil er uns daran erinnert, wie Mama oder Grossmama früher kochte. Das Geschmorte duftet nach Daheim und bringt ein bisschen heile Welt zurück. Deshalb macht ein solches «Sehnsuchtsessen» nicht nur satt, sondern balsamiert auch die Seele. Erst recht, wenn ein Kreis lieber Menschen beisammensitzt. In Ruhe kochen und geniessen, genau dies kommt unter der Woche oft zu kurz (siehe Seite 18). Das weckt den Wunsch, wenigstens am Wo22 Vivai 2018

chenende ein ausgiebiges gemeinsames Mahl zu zelebrieren. Der Braten war früher in vielen Familien ein Sonntags- und ein Festtagsessen. Jeden Tag Fleisch – das konnten sich die wenigsten leisten. Wer heute seinen Fleischkonsum reduziert, macht es oft freiwillig und aus Überzeugung. Lieber selten, dann aber ordentlich, lautet die Devise. Ordentlich heisst: Es darf ein grosses Stück sein, denn bleibt etwas übrig, lässt sich die Woche über davon zehren. «Ein Braten trägt darüber hinaus dem Nose-to-Tail-Prinzip Rechnung», sagt Roland Pfister, Sprecher des MigrosFleischproduzenten Micarna. Von den Tieren soll möglichst wieder alles verwertet werden. Auch jene Teile, die nicht so beliebt und aus der Mode gekommen sind, sich aber gerade für einen Schmorbraten hervorragend eignen. Vom Rind sind dies beispielsweise Schulterstücke oder solche vom Stotzen – etwa Unterspälte oder Runder Mocken, auch «falsches Filet» genannt. Grundsätzlich lässt sich für einen Braten auch Fleisch von anderen Tieren verwenden – Kalb, Lamm, Schwein. «Wichtig ist, dass die Tiere artgerecht gehalten wurden und die Lagerung des

Fleisches perfekt war», betont Sternekoch Tobias Funke aus der «Fernsicht» in Heiden AR. Er tischt seinen Gästen öfter Braten auf. Gut zubereitet, sei dieser nämlich «schmackhafter und vielfältiger» als die sogenannten Edelstücke. Und mit Kräutern, Zitrone oder einem Schuss edlem Essig bekommt das Gericht Frische, Leichtigkeit und einen zeitgemässen Touch. Worauf es beim Schmoren ankommt

Das Grundprinzip beim Schmoren: Das Fleisch wird zuerst angebraten und dann in einem Sud, Fond oder einer Sauce langsam gegart. Geduld ist gefragt und Freude an dieser Art der Zubereitung. «Ein Filet anbraten kann jeder. Schmoren aber ist Handwerk», sagt Funke. Mit Pauschaltipps ist er vorsichtig. Wann der Braten gar ist, hängt von vielen Faktoren ab – um welches Fleisch es sich handelt, wie gross das Stück ist, wie es um die Temperatur steht. Eine Richtgrösse: Schmort der Braten bei 140 Grad im Ofen, kann man ihn nach 90 Minuten mit einer Fleischgabel aufspiessen. Fällt er wieder ab, ist er gar. Tut er es nicht, braucht er noch Zeit. l Infos und Rezepte: migusto.ch/bratenvarianten


Š Getty Images

Der Braten animiert zu einem gemĂźtlichen Beisammensein. Vivai 2018

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LANGSAMKEIT

Das liegt in der Natur der Sache Bei zahlreichen Tieren und Pflanzen ist die Langsamkeit eine wichtige Strategie zum Überleben. Es gibt wohl keinen natürlicheren Beweis: Geduld zahlt sich langfristig aus. Text: Atlant Bieri

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Pflanzen Pflanzen schöpfen aus ihrer Langsamkeit unglaubliche Kräfte. Ihre Wurzeln und unterirdischen Ausläufer arbeiten sich wie Tunnelbohrmaschinen selbst durch das kompakteste Erdreich. «Die äusserste Spitze der Wurzeln besteht aus einem harten Gewebe. In ihm sind die Zellen kleiner und dickwandiger. Das ist wie ein Pfahl mit einer Metallspitze. Wenn die Pflanze von hinten Druck ausübt, gleitet diese Spitze wie von selbst durch den Boden», sagt Peter Enz, Leiter des Botanischen Gartens der Universität Zürich. Ab und zu wachsen die Ausläufer nach oben, um einen neuen Spross auszutreiben. Wenn sie sich dabei zufälligerweise unter einer Strasse befinden, mobilisieren sie mit ihrer Langsamkeit wahre Superkräfte. Da Teer im Grunde eine sehr zähe Flüssigkeit ist, kann die Pflanze mit genügend Druck und Geduld die Teerschicht von unten her verformen. Irgendwann bricht der Teer auf, und die Pflanze steht mitten auf der Strasse. Mit ihrer Geduld können Pflanzen selbst durch Beton wachsen. Beton ist zwar viel härter als Teer und für Pflanzen in der Regel undurchdringbar. Doch sobald es kleine Risse gibt, haben sie eine Chance. «Die Wurzeln dringen in den Riss ein. Dort scheiden sie Stoffe ab, die Gestein und Beton auflösen», sagt Enz. In der Folge weitet sich der Riss. Dazu kommt, dass sich nun Wasser in ihm sammelt. Im Winter gefriert es und dehnt sich dabei aus, was den Riss noch grösser macht. Nach Jahren durchbricht die Pflanze schliesslich auch die härteste Betonplatte.


Aus ihrer Langsamkeit schöpfen Pflanzen wahre Superkräfte. Vivai 2018

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LANGSAMKEIT

Schnecken Den Schnecken gelingt dank der Langsamkeit ein physikalischer Zaubertrick. Für ihre Fortbewegung sondert ihr Körper kontinuierlich Schleim ab, auf dem Sie voranrutschen. Das ist etwa so, als müsste ein Auto die ganze Zeit die Strasse teeren, auf der es fährt. Es ist also kein Wunder, sind Schnecken nicht allzu schnell. Doch das macht nichts. Denn der Schleim ist gerade wegen der Langsamkeit auch ein Schutzschild für ihren Körper. Dank ihm können sie sogar unversehrt über eine Rasierklinge kriechen. «Das funktioniert, weil eine Flüssigkeit keine Kräfte weitergibt», sagt Christof Aegerter, Physiker von der Universität Zürich. «Aus diesem Grund kann eine Rasierklinge auch kein Wasser zerschneiden.» Schleim besteht allerdings nicht vollständig aus Wasser, sondern auch aus Proteinen, die ihm seine zähe Konsistenz verleihen. «Bei ruckartigen und schnellen Einwirkungen verhält sich der Schleim wie ein Festkörper. Doch bei einer langsamen Änderung ist er mehr wie eine Flüssigkeit», sagt Aegerter. Das heisst: Würde eine Schnecke zu schnell über die Rasierklinge kriechen, wäre der Schleim hart und seine Schutzwirkung ginge verloren: Die Schnecke würde sich schneiden.

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Landschaftsbildung Evolution Die Evolution hat immer wieder neue Lebewesen hervorgebracht, die perfekt an ihre Umwelt angepasst waren. Doch bis eine neue Art entsteht, dauert es unter Umständen Millionen von Jahren. «Evolutionäre Veränderungen verlaufen in der Regel relativ langsam und schrittweise und nicht von heute auf morgen, wie beim Umlegen eines Schalters», sagt Stefan Lüpold, Biologe an der Universität Zürich. «Bis die Vorfahren der Fledermaus ihre Flugfähigkeit erlangt haben oder bis sich so etwas Komplexes wie ein Auge entwickeln konnte, brauchte es sehr viel Zeit.» Damit ist Evolution einer der langsamsten biologischen Prozesse überhaupt. Und das ist auch gut so. «Never change a running system», heisst es in der Computerbranche. Also nie etwas ändern, was gut und fehlerfrei läuft. Dieses Prinzip macht sich auch die Natur zu eigen. Denn die Tiere und Pflanzen, die es heute gibt, sind am besten an ihre Umwelt angepasst. Etwas allzu schnell an ihren Genen zu verändern, könnte fatal für die Existenz einer ganzen Spezies sein. Trotzdem: Eine fortlaufende Veränderung der Gene ist nötig, um sich beispielsweise an neue Umweltbedingungen wie ein wärmeres Klima anzupassen. Damit vereint die Langsamkeit der Evolution das Beste aus zwei Welten: Sie bewahrt das Alte und verändert es zugleich.

Unsere Landschaft besteht aus Gebirgen, Tälern, Ebenen, Deltas und Senken. Diese Vielfalt verdanken wir zwei natürlichen Prozessen, die beide scheinbar unendlich langsam vonstattengehen. Der erste ist die Plattentektonik. Das ist die Verschiebung der Kontinentalplatten. In der Schweiz beispielsweise schiebt sich die afrikanische Platte über die europäische. Dabei kommt sie bloss ein paar Millimeter pro Jahr voran. In der Folge wölbt sich das Gestein wie ein Teppich, der von der Seite zusammengestossen wird. Auf diese Weise sind die Alpen und der Jura entstanden. Damit starres Gestein biegsam wird, braucht es die Langsamkeit. «Sie macht Gestein formbar, ohne es zu zerbrechen», sagt der Geologe Jean-Pierre Burg von der ETH Zürich. «Das ist wie mit einem Kaugummi. Wenn man ihn schnell auseinanderzieht, bricht er. Zieht man jedoch langsam an ihm, verformt er sich.» Der zweite Prozess ist die Erosion. Wasser, Wind, Schnee und Eis tragen das Gestein ab und modellieren dabei unsere Landschaft. Allerdings richtet das Wasser in einem Tag, einer Woche oder einem Monat nicht allzu viel aus. Doch über Zehntausende von Jahren «schmelzen» selbst die härtesten Gesteine unter der steten, langsamen Arbeit des Wassers und des Wetters dahin. © Getty Images

DOSSIER


Faultiere kommen mit wenig Energie aus.

Flechten Noch extremer als die Faultiere sind die Flechten. Auch sie haben sich dem Prinzip der Langsamkeit verschrieben, um damit an Orten leben zu können, wo Energie Mangelware ist. Flechten bestehen aus mehreren Lebewesen, die ineinander verschachtelt sind. Meistens sind es ein oder mehrere Arten von Pilzen, die in Symbiose mit einer Alge leben. Diese produziert mithilfe des Sonnenlichts Zucker. Die Pilze steuern Mineralstoffe und Wasser aus der Umgebung bei. Sie sind ein so gut eingespieltes Team, dass sie selbst an Extremstandorten überleben können. So findet man sie etwa in der Antarktis, wo sie auf schneefreien Felsen wachsen. Dort herrschen Temperaturen von bis zu minus 80 Grad Celsius. Zudem gibt es im Winter monatelang keinen einzigen Sonnenstrahl. Die Flechten stört das wenig. Denn sie haben ihr Wachstum auf ein absolutes Minimum gedrosselt. Manche von ihnen wachsen bloss einen Zentimeter pro tausend Jahre. Forscher schätzen das Alter von manchen Flechten auf bis zu 5000 Jahren.

Faultiere Das Faultier ist der Inbegriff der Langsamkeit. Der französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon hat im 18. Jahrhundert zum ersten Mal ein Faultier für die Wissenschaft beschrieben. Er hatte eine sehr abschätzige Meinung von ihm. Seine Langsamkeit sah er als Zeichen grosser Dummheit und schrieb: «Nur ein einziger weiterer Makel würde ihre Existenz ganz und gar verunmöglichen.» Heutige Biologen sehen das ganz anders. Sie sind begeistert vom Faultier, und zwar gerade wegen seiner Langsamkeit. Diese ist nämlich eine extreme Anpassung an ihre Nahrung, die vorwiegend aus den Blättern einer

Handvoll Baumarten besteht. Blätter sind schwer verdaulich, und sie besitzen nur wenig Energie. Um trotzdem von ihnen leben zu können, haben Faultiere einfach ihren eigenen Energieverbrauch runtergeschraubt. Verglichen mit anderen Säugetieren ist er nur halb so gross. Ihre langsamen Bewegungen sind Teil dieser Strategie. Um trotzdem vom Fleck zu kommen, haben sich im Laufe der Evolution die Arme der Faultiere verlängert, und die Schulterblätter haben sich zurückgebildet. Dadurch erreichen sie eine sehr hohe Beweglichkeit und können sich mit wenig Energieaufwand von einem Ast zum nächsten hangeln. l Vivai 2018

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MIGROSKIND

Die Rolle seines Lebens Seit Ralf Freund (72) vom Zürichsee nach Lenzerheide umgezogen ist, vermisst er dort die Migros und besonders sein Lieblingsprodukt, die Meilener Rollen. Nicht nur dafür nimmt er nun Umwege in Kauf. Text: Petra Koci Fotos: Michael Sieber (Montage: Vivai)

Seit wann sind Sie ein Migroskind, Herr Freund?

Von klein auf. Ich bin in Küsnacht aufgewachsen. Der Migros-Verkaufswagen hatte bei uns im Quartier eine Haltestelle. Ich erinnere mich noch gut: Der Chauffeur hat die eine Seite heruntergeklappt und als Verkaufstheke genutzt. Hinter sich hatte er eine Menge Schubladen voller Waren. Wir mochten damals die Joghurts so gern, die waren im Glas. Die ausgewaschenen Gläser haben wir jeweils zurückgebracht. Später sind Sie dann in den Migros-Laden gegangen?

In Zürich, ja. Ich bin ab dem siebten Schuljahr in der Stadt zur Schule. Meine Eltern waren froh, wenn ich mich auf dem Rückweg um den Einkauf gekümmert habe. Die Qualität bei der Migros hat uns immer überzeugt. Und ich bin einfach immer sehr gern einkaufen gegangen – als Junge und auch später. Dann sind Sie heute der Einkaufschef in der Familie?

Ja, meine Ehefrau – jetzt Exfrau – musste ich aber zuerst von der Migros überzeugen. Sie stammt aus einer Kleingewerblerfamilie, und da ging man in die Quartierlädeli. Der Migroseinkauf war so gut wie verboten. Allerdings mochte

die Schwiegermutter zwei Migrosprodukte besonders gern: den Exquisito-Kaffee und eine Sorte Guetzli. Damit habe ich Mutter und Tochter bekehrt. Ich habe mich trotz der Ehefrau nicht von der Migros gelöst (lacht). Verraten Sie uns Ihre aktuellen Lieblingsprodukte?

Auf die Fasnachtschüechli freue ich mich jeweils wie ein Kind. Die sind legendär. Ich esse mich auch querbeet durch die Joghurtpalette. Mein liebstes ist das Excellence-Joghurt mit Walderdbeerenaroma. Mein Favorit sind aber die Meilener Rollen. Auf der Lenzerheide, wo ich seit vier Jahren wohne, gibt es keine Migros. Aber ich besuche in Küsnacht wöchentlich eine über neunzigjährige Frau, die quasi zur Familie gehört, und kaufe für sie ein. Da hole ich manchmal die Meilener Rollen. Nun haben wir zum Glück eine kleine Migros in Churwalden. Sie sind tatsächlich ein treuer Migros-Fan …

Oh ja, mir passt die Qualität, der Genossenschaftsgedanke. Zudem ist mir als studiertem Geografen Nachhaltigkeit wichtig. Deshalb schätze ich es, dass ein Grosskonzern Versprechen an die nächste Generation formuliert – und diese auch umsetzt!

Sind auch Sie ein Migroskind? Melden Sie sich! vivai@migrosmedien.ch

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”Als Geograf ist mir Nachhaltigkeit sehr wichtig.„ Süsses Zvieri: Ralf Freund liebt die Meilener Rollen, grosse Sablés mit gerösteten Haselnüssen. Vielleicht weil diese vom rechten Zürichseeufer stammen, genau wie er.

Facts

& Figures

Eine lange Tradition: Schon seit 1952 werden die Meilener Rollen von der Midor am Produktionsstandort Meilen hergestellt. Der Name ist eine Hommage an die Gemeinde Meilen. Früher wurde sogar das Meilener Wappen auf der Verpackung abgebildet. Die Rezeptur der feinen Sablés ist seit 1975 unverändert.


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NACHHALTIG

ENGAGEMENT MIGROS

Die Schatzkammer Der Offcut-Materialmarkt in Basel rettet Werkstoffe vor dem Abfall und gibt sie gĂźnstig weiter. Mithilfe von Engagement Migros mausert sich das Projekt nun zur nationalen Bewegung. Text: Regula Burkhardt-Lehmann Fotos: John Patrick Walder

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Wiederverwerten statt wegwerfen: Bei Offcut gibt es keinen Abfall.

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Der Förderfonds Mit dem Förderfonds Engagement Migros unterstützt die Migros-Gruppe Pionierprojekte im gesellschaftlichen Wandel während drei bis fünf Jahren. 2012 gegründet, ist es ein freiwilliges Engagement der Unternehmen der Migros-Gruppe wie Denner, Migros-Bank, Migrol oder Migrolino. Aktuell unterstützt Engagement Migros über sechzig Projekte in den Bereichen Mobilität, Ernährung & Produktion, Kreation & Markt, Museen & Publikum sowie kollaborative Innovation und greift ihnen finanziell und beratend unter die Arme. Pro Jahr stehen dafür zehn Millionen Franken zur Verfügung. engagement-migros.ch

Die beiden Gründerinnen Tanja Gantner (links) und Simone Schelker in ihrer Lagerhalle im Basler Dreispitz-Areal.

ochwertige Leder- und Textilstücke, Massivholz, Plexiglas, Karton, Knöpfe oder sogar nachgebildete Schokoladenwände – im Basler Offcut-Materialmarkt liegen wahrlich Schätze bereit. Es sind Materialien, die für den Abfall bestimmt waren oder überschüssig produziert wurden, nun aber günstig an Kreativschaffende weiterverkauft werden. Künstler, Studenten und Bühnenbauer gehören mitunter zur dankbaren Kundschaft, die daraus grossartige Gemälde, Bühnenbilder, Lampenschirme oder Prototypen kreieren. Upcycling heisst dieser Vorgang. Die Taschen aus ausgedienten Lastwagenplanen sind wohl das bekannteste Beispiel dafür. Hauptsache, unverarbeitet

Das Material erhält Offcut aus der Warenindustrie und von Privaten, die ihre Ateliers oder Keller ausmisten. Sehr gern gesehen sind grosse Materialabschnitte, aber auch Kleinigkeiten, die in grosser Zahl gesammelt wurden. «Wir nehmen alle Arten von hochwertigen Materialien an, sofern sie unverarbeitet sind», sagt Mitbegründerin Simone Schelker. Die Baslerin hat die Idee aus Australien importiert, wo sie als Kunststudentin im Austauschjahr weilte und Rohstoffe für ihre Projekte in einem Gebrauchtmaterial-Center günstig einkaufte. 2013 eröffnete sie mit einer Gruppe Gleichgesinnter den ersten Materialmarkt in der Schweiz. Offcut, übersetzt Abschnitt oder Rest, stiess auf grosse Begeisterung. Ein Jahr später konnte der Markt ins Basler Dreispitz-Areal auf den Campus der Künste ziehen, wo auch die Hochschule für Gestaltung und Kunst untergebracht ist. In der kreativen Szene

ist der Bedarf an günstigen Materialien gross. Deshalb wurden Simone Schelker und Mitbegründerin Tanja Gantner immer wieder aufgefordert, auch in anderen Städten Offcut-Märkte zu eröffnen. Erst zögerten sie. Als jedoch der Förderfonds Engagement Migros Unterstützung anbot, stand der Expansion nichts mehr im Weg. So engagierten die beiden den neuen Projektleiter Dominik Seitz und bauen mit dessen Unterstützung nun die neue Dachorganisation Offcut Schweiz auf. «Diese Struktur ermöglicht es uns, neuen Offcut-Materialmärkten auf die Beine zu helfen, Kontakte zu vermitteln und ein grosses Netzwerk aufzubauen», sagt Schelker. Vorgesehen ist, dass neue Standorte unter der Dachorganisation gegründet, aber möglichst eigenständig geführt werden. Konkrete Pläne sind schon spruchreif: In diesem Jahr wird Offcut Zürich eröffnet. Gesellschaft zum Umdenken bewegen

Die Zusammenarbeit mit Engagement Migros ist auf drei Jahre ausgelegt. Danach soll die Dachorganisation Offcut Schweiz so gut organisiert sein, dass sie auf eigenen Beinen stehen und die einzelnen Standorte optimal unterstützen kann. Oberstes Ziel ist allerdings nicht etwa eine möglichst grosse Zahl neuer Standorte, sondern der gesellschaftliche Wandel: «Uns geht es darum, die Warenwirtschaft und die Gesellschaft zu einem Umdenken zu bewegen, sodass Material nicht vernichtet, sondern zum Upcycling bereitgestellt wird», so Gründerin Schelker. Diesbezüglich gebe es noch einiges zu tun. Ab Mai 2018 wird sie sich deshalb aus der operativen Tätigkeit zurückziehen und sich im Vorstand der Dachorganisation Offcut Schweiz für nachhaltige Materialkreisläufe engagieren. l Vivai 2018

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NACHHALTIG

ENGAGEMENT MIGROS

”Ökologisch und gesellschaftlich etwas bewegen „ Sein Auftrag ist es, die Welt ein bisschen besser zu machen: Stefan Schöbi, Leiter von Engagement Migros, über Projekte mit Pioniercharakter. Der Förderfonds Engagement Migros unterstützt Pionierprojekte. Warum ist gerade der Pioniercharakter so wichtig?

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Mit Engagement Migros greift die MigrosGruppe auf die Tradition des Kulturprozents zurück und möchte der Gesellschaft etwas weitergeben. Inhaltlich sind unsere Programme von den Anfangszeiten der Migros inspiriert. Ihr Gründer Gottlieb Duttweiler hatte einen grossen Pioniergeist und trieb mit seinem Schaffen den gesellschaftlichen Wandel voran. Bei uns schliesst sich dieser Kreis, indem wir wiederum Pionierprojekte unterstützen, die im gesellschaftlichen und ökologischen Kontext etwas bewegen wollen. Solche Projekte sind heute von grosser Bedeutung. Sie nehmen keine Gesuche entgegen, sondern scouten die Pionierprojekte. Wie gehen Sie vor?

Wir haben Themen festgelegt, die für die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung grundsätzlich relevant sind, beispielsweise Mobilität oder Ernährung. Innerhalb dieser Themen suchen wir nach den weissen Feldern, also nach Bereichen, in denen man noch wenig Projekterfahrung hat, in denen aber noch sehr viel Potenzial liegt. Hier sind Pionierleistungen wichtig. Ein typisches Pionierprojekt startet deshalb immer mit den Worten: «Das sollte man doch endlich einmal versuchen.» Nach welchen Kriterien beurteilt Engagement Migros, ob eine Idee unterstützt wird?

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Wir greifen nicht auf starre Kriterien zurück, sondern prüfen sorgfältig, in welchen Themenfeldern Pionierprojekte gesellschaftlich nützlich und wirkungsvoll sind. Zudem müssen die Menschen dahinter eine klare Vorstellung davon haben, welche Wirkung sie mit ihrem Projekt erzielen wollen, und viel Herzblut für ihre Ideen mitbringen. Wie finden Sie diese Menschen?

In unseren Themenfeldern sind wir gut vernetzt und kennen die möglichen Protagonisten. Die Pioniere stehen allerdings nicht bei uns Schlange, im Gegenteil, denn die Pionierprojekte sind ziemlich anstrengend und verlaufen nur selten gradlinig und nach Plan. Deshalb müssen die Leute dahinter ihre Arbeit laufend überdenken und aus ihren Erfahrungen lernen. Im Gegenzug gewährt Engagement Migros eine kräftige finanzielle Unterstützung, damit die Pionierprojekte schnell in Gang kommen. Sie unterstützen nicht nur finanziell, sondern sind auch Sparringspartner.

Ja, das beginnt schon vor dem Start. Wir helfen, die Ideen voranzutreiben und sie wenn nötig zu überdenken. Später bieten wir Unterstützung in spezifischen Themen, etwa in Betriebswirtschaft oder Kommunikation. Unser Ziel ist, die Projekte so aufzustellen, dass sie nach Abschluss unserer Förderung weiterhin bestehen können. Gibt es überhaupt noch Potenzial für neue Ideen?

Aber sicher! Gerade in der heutigen Zeit stehen wir vor zahlreichen brennenden gesellschaftlichen und ökologischen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Hier gilt es, mit Pionierprojekten neue Wege zu beschreiten, um schliesslich auf tragfähige Lösungen zu kommen. Deshalb bin ich mir sicher, dass uns die Arbeit noch lange nicht ausgehen wird.

Stefan Schöbi (40) leitet den Förderfonds Engagement Migros, der in der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes angesiedelt ist. Er hat Literatur und Wirtschaft studiert und ist Vater von zwei kleinen Kindern.


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WER KAUFT HIER EIN ?

DER PSYCHOLOGE RÄTSELT . . .

Eingekauft wurde in der Migros Schaffhausen.

Das Kochen ist Nebensache Schnellesser, die aber auf eine ausgewogene Ernährung achten? Unser Ernährungspsychologe ist diesmal ob des aussergewöhnlichen Einkaufsmusters besonders herausgefordert. Fotos: Nik Hunger

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in höchst interessanter Wocheneinkauf, der mein ernährungspsychologisches Analysieren auf die Probe stellt. Lassen sich aus nur elf unterschiedlichen Produkten genügend Ernährungsmuster herausarbeiten, um Rückschlüsse zu ziehen, wer hier eingekauft hat? Sicher ein kühnes Unterfangen, aber nicht ganz aussichtslos. Mein erster Gedanke ist, dass der Einkauf kaum jemanden eine Woche 34 Vivai 2018

lang sättigen dürfte. Ansonsten müsste die Person mit weniger als 1600 Kilokalorien pro Tag auskommen und würde sich ziemlich einseitig ernähren. Die Analyse mit einer Ernährungssoftware zeigt mir rasch, dass mit Ausnahme von Eiweiss alle übrigen essenziellen Nährstoffe nicht ausreichend abgedeckt wären. Ich schliesse daraus, dass die Person öfter auswärts isst und nicht regelmässig kocht. Genau genommen lässt sich ei-

gentlich nur der Pak Choi kochen. Es wird also nur sporadisch gekocht, und mindestens eine Mahlzeit pro Tag wird ausser Haus eingenommen. Oft reicht die Zeit nur für ein schnelles Essen, zum Beispiel eine Nudelsuppe, ein paar Brote mit Kiri-Käseaufstrich oder ein Thonsandwich. Auch wenn das Kochen nicht im Vordergrund steht, achtet die Person auf eine ausgewogene Ernährung. Sie legt Wert auf den Konsum von Gemüse


und Früchten und verzichtet auf Süssigkeiten. Präziser gesagt, sie nimmt Süsses lieber in flüssiger Form auf. Die PepsiDosen werden vermutlich zur Arbeit oder zum Studium mitgenommen, und das Rivella wird zu Hause getrunken. Erwähnenswert ist, dass das Brot regelmässig selber gebacken wird. Für zwei Kilogramm Mehl ist die Backhefe zwar zu knapp bemessen. Vielleicht befindet sich jedoch noch ein Würfel Hefe zu Hause im Kühlschrank, oder das Mehl wird auch für andere Zwecke verwendet. Das Prädikat «Kimchi» auf den beiden Nudelsuppen und der Pak Choi teilen eine Gemeinsamkeit: Beide haben ihren Ursprung in Asien. Kimchi stammt aus der koreanischen Küche und bezieht sich auf mit Milchsäure haltbar gemachtes Gemüse. Pak Choi, auch asiatischer Senfkohl genannt, hat seit einigen Jahren bei uns Einzug gehalten. Er ist mit dem Chinakohl verwandt, gilt als beson-

”

Süsses wird vor allem in flüssiger Form aufgenommen.

”

Der Ernährungspsychologe Dr. Robert Sempach ist Projektleiter Gesundheit beim Migros-Kulturprozent. Sein aktuelles Projekt: «Tavolata» – Tischrunden für ältere Menschen. Infos: tavolata.net

ders gesundes Gemüse und dürfte eher von jüngeren Menschen gekocht werden. Somit lässt sich nun doch einiges über die Person aussagen, welche diese nicht ganz alltägliche Auswahl getroffen hat. Sie stammt aus Schaffhausen oder Umgebung, was sich mit guten Augen auf der Etikette der Clementinen ablesen lässt. Sie hat vermutlich asiatische Wurzeln oder zumindest ein Flair für die koreanische oder thailändische Küche und dürfte zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt sein. Sie treibt ziemlich sicher mehrmals pro Woche Sport und befindet sich noch in der Ausbildung oder im Studium. Bleibt noch die Frage nach dem Geschlecht offen. Ich entscheide mich für einen Brot backenden Mann, weil regelmässig Thunfisch essende Frauen noch seltener vorkommen. Wer wars? Zur Auflösung umblättern. Vivai 2018

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WER KAUFT HIER EIN ?

Die Auflösung Eingekauft haben Wangmo Latsang (23) und ihre Mitbewohnerin Nyidön Riwochenbu (20). Die beiden Tibeterinnen wohnen in Schaffhausen.

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rot backende Männer sind wir nicht, sondern gehören tatsächlich der seltenen Spezies der Thunfisch essenden Frauen an. Ansonsten hat Herr Sempach unser Ess- und Kochverhalten ziemlich treffend analysiert. Mittags essen wir stets auswärts. Ich ein Sandwich und meine Mitbewohnerin Nyidön in der Mensa vom Kantonsspital, wo sie arbeitet. Manchmal besuche ich mittags auch mein sri-lankisches Lieblingsrestaurant in Schaffhausen. Am Abend kochen wir oft Fertignudeln, die auch in unserer Heimat Tibet gegessen werden, wo viele Nahrungsmittel aus China und Indien stammen. Nyidön und ich sind keine Meisterköchinnen. Deshalb steht meist Einfaches auf unserem Speiseplan. Wenn wir kochen möchten, gehen wir gezielt dafür einkaufen. Grosseinkäufe für eine ganze Woche machen wir nie. Als Alternative zur Suppe kochen wir abends häufig Reis mit Fleisch oder Thunfisch. Auch Gemüse wie Broccoli und Chinakohl kombinieren wir mit Reis. Unseren Gästen servieren wir gern Momos, mit Hackfleisch gefüllte tibetische Teigtaschen. Das viele Mehl benötigen wir also nicht, um uns beim Brotbacken auszutoben, sondern fürs Zubereiten dieses Teigs. Auf eine gesunde Ernährung achten wir nicht im Besonderen. Wichtig ist, dass es uns schmeckt und einfach ist. l Aufgezeichnet von Anna Meyer.


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Die schönen Seiten des Salzes Ohne Salz wäre unser Essen ganz schön fad. Es ist aber nicht nur ein Geschmacksgeber, sondern überlebensnotwendig.

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as Wort «Salär» zeugt noch immer von der Bedeutung, die das Salz einst hatte: Im Römischen Reich erhielten höhere Offiziere und Verwaltungsbeamte einen Teil des Lohns in Form von Salz. Im Mittelalter entwickelte es sich zum begehrten Handelsgut – die Redewendung «gesalzene Preise» hat dort ihren Ursprung. Heute gibt es Salz an allen Ecken und Enden, und wir essen davon tendenziell eher zu viel als zu wenig (siehe Kasten). In diesem Überfluss geht gern vergessen, wie wichtig das Salz für das Funktionieren unseres Organismus ist – und wie unglaublich vielfältig es eingesetzt wird. 1. Zur Jod-Versorgung

In der Schweiz wird Kochsalz mit Jod angereichert. Es ist somit die wichtigste Quelle für dieses Spurenelement, das sich ansonsten vor allem in Meeresfischen und Meeresfrüchten findet. Ein Mangel hätte schwerwiegende Folgen: Die Schilddrüse produzierte nicht mehr genügend Hormone, sodass sie sich vergrössern würde – diese Wucherung am Hals ist gemeinhin als Kropf bekannt. Vorsicht: Spezialitätensalze wie Himalajasalz sind nicht jodiert. «Sie eignen sich deshalb vor allem zum Verfeinern von Speisen», sagt Pia Martin, Ernährungsexpertin bei der Migros-Gesundheitsinitiative iMpuls. Streuwürze wie Mirador oder Aromat hingegen enthalten jodiertes Salz. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen 38 Vivai 2018

Foto: Roth und Schmid

Verstecktes Salz Der menschliche Körper braucht rund zwei Gramm Salz pro Tag. Die meisten essen salzhaltiger. Und das nicht etwa, weil der Salzstreuer grosszügig eingesetzt wird, sondern weil rund drei Viertel des Salzes über verarbeitete Nahrungsmittel wie Brot, Wurst, Käse oder Fertiggerichte aufgenommen werden. Ein zu hoher Salzkonsum kann im Zusammenhang mit Bluthochdruck problematisch sein. Es wirken aber auch andere Faktoren wie zu wenig Bewegung, Übergewicht oder Rauchen auf den Blutdruck ein. Zudem reagieren nicht alle Menschen gleich empfindlich auf Salz. Die Migros ist seit einigen Jahren daran, den Salzgehalt in ihren Produkten zu reduzieren. Dazu gehören etwa Brotwaren, Suppen, Saucen oder Fertiggerichte. «Die Salzreduktion erfolgt in kleinen Schritten und über einen längeren Zeitraum, damit sich für die Konsumentinnen und Konsumenten geschmacklich nichts verändert», sagt die Ernährungsspezialistin Annina Erb.

(BLV) überwacht, wie es um die Jodversorgung der Bevölkerung steht, und passt bei Bedarf die Jodierung des Kochsalzes an. 2. Zum Leben

Wenn wir schwitzen oder weinen, ist das eine salzige Sache: Unser Organismus könnte ohne Natrium und Chlorid, die beiden Bestandteile des Salzes, nicht funktionieren. Salz reguliert den Wasserhaushalt, ist an Stoffwechselvorgängen beteiligt und spielt auch bei der Verdauung sowie für die Muskelfunktionen eine zentrale Rolle. 3. Zum Backen

Salz bringt nicht nur die Aromen erst richtig zur Geltung, es hält auch den Teig fürs Brot oder den Kuchen in Form und verbessert die Backeigenschaften. 4. Zum Konservieren

Schon im Wort «Salami» ist der Begriff «Salz» enthalten – mit Salzen beziehungsweise Pökeln wird vor allem Fleisch haltbar gemacht. Salz entzieht Lebensmitteln Wasser und hemmt somit die Entwicklung von Keimen und Bakterien. 5. Zum Enteisen

Salz landet nicht nur auf Tellern, sondern auch auf Strassen: Dank seiner Eigenschaft, den Gefrierpunkt von Wasser zu senken, ist es im Winterdienst ein unverzichtbares Mittel, um die Strassen eisfrei zu halten. l

© Getty Images

Text: Manuela Specker


Streit ums Salz: Seinetwegen wurden einst Kriege gef체hrt und Revolutionen losgetreten.

14 000: Auf so viele verschiedene Arten findet Salz heute in der Industrie Verwendung. Zum Beispiel f체r Farben, Medikamente oder Kunststoffe.

Kochsalz ist der wichtigste Mineralstoff im menschlichen Organismus.

Das weisse Gold: Salz war bis ins 19. Jahrhundert ein Luxusprodukt und verhalf St채dten mit Salzmonopol zu Reichtum.

In der Antike galt Salz als Aphrodisiakum. Etwa drei Viertel unserer t채glichen Salzzufuhr stammt von verarbeiteten Lebensmitteln. Die Hauptquelle: Brot.


ERNÄHREN

GRANATAPFEL

Eine wahre Bombe Der verführerische Granatapfel hat es in sich: Seine kantigen roten Kerne können tatsächlich einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben. Text: David Fäh

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r verlieh einer spanischen Stadt, einem Schmuckstein und einer Waffe den Namen. Symbolisch steht er für Sinnlichkeit und Fruchtbarkeit, aber auch für Verführung, Macht und Blut. Die alten Ägypter gaben ihn Gräbern bei. Sogar die Bibel, der Koran und die griechische Mythologie erwähnen ihn: Am Granatapfel muss also etwas dran sein. Tatsächlich ist diese Frucht in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Die harte Schale gibt eine Myriade intensivroter, kantiger Kerne preis. Dabei erscheint die Frucht als Mischung aus Apfel, Beere und – wegen ihrer ledrigen Haut – Zitrusfrucht. Geschmacklich ist der Granatapfel mit keiner anderen Frucht vergleichbar, farblich am ehesten mit Beeren. Mit ihnen hat der Granatapfel auch die Hartnäckigkeit der Flecken gemein, die beim Zubereiten entstehen können (siehe Box auf Seite 41). Vor allem im Orient machten sich Woll- und Textilfärber diese Eigenschaft zunutze. Gut für den Blutdruck

Bei Früchten und Gemüse ist eine intensive Farbe oft ein Hinweis auf gesundheitsrelevante Inhaltsstoffe. Der Granatapfel wurde über Jahrhunderte als Heilmittel für Krankheiten wie Durchfall, Geschwüre, Zuckerkrankheit oder gegen Wurminfektionen eingesetzt. Allerdings gibt es erst seit wenigen Jahren Studien, die einem möglichen Gesundheitseffekt systematisch nachgegangen sind. Gesichert ist, dass der Saft der Frucht Blut40 Vivai 2018

druck und Gefässeigenschaften positiv beeinflusst. Uneinheitlich sind Ergebnisse von Untersuchungen, die den Effekt auf Entzündungen im Körper und auf die Blutfettwerte angeschaut haben. Extrakte aus der Schale und den Kernen können bei Pilzerkrankungen, Ekzemen und Zahnfleischentzündung den Heilungsprozess begünstigen, wenn sie direkt auf der Haut angewandt werden. Manche Inhaltsstoffe des Granatapfels beeinflussen unsere Geschlechtshormone und somit davon abhängige Tumoren wie Brust- oder Prostatakrebs.

Süsse Früchtchen Wenn die Sehnsucht nach der Ferne auf dem Teller landet: Exotische Früchte bringen viel Farbe und Geschmack in die Gerichte. Was hat es mit der ausgezeichneten Vitaminlieferantin Physalis auf sich? Isst man Kaki besser mit oder ohne Schale? Was sind die Vorzüge der Papaya? Auf iMpuls, der Onlineplattform der MigrosGesundheitsinitiative, erfahren Sie mehr. migros-impuls.ch/exoten

Obwohl sich gewisse Tumorparameter bei Patienten verbessert haben, ist der klinische Nutzen einer therapiebegleitenden Intervention noch unklar. Antioxidativer als Rotwein

Die verschiedenen Inhaltsstoffe des Granatapfels entwickeln eine antioxidative Kapazität, die jene von Rotwein, schwarzer Schokolade und Grüntee um das Vielfache übertrifft. Verantwortlich dafür sind vor allem Gerbstoffe, sogenannte Ellagitannine. Erstaunlich: Laut neueren Studien hatten diese Antioxidantien selber praktisch keinen direkt schützenden Effekt. Wirksam sind vielmehr Stoffe, die beim bakteriellen Abbau der Gerbstoffe in unserem Dickdarm entstehen. Wir wissen nicht genau, welche Stoffe unsere Darmbakterien umwandeln. Um die gesamte Bandbreite an Inhaltsstoffen abzudecken, macht es mehr Sinn, alle essbaren Bestandteile der Frucht zu konsumieren, anstatt zu Extrakten in Tablettenform zu greifen. Granatig gut machen sich die edelsteinartigen Kerne aber auch in der Küche. Als kulinarische Farb- und Geschmacksklecks passen sie in grüne, gemischte oder Fruchtsalate und ins Birchermüesli. Als Zugabe zu Desserts wie Wähen oder Panna cotta sorgen sie für das gewisse Etwas. Der Saft schmeckt pur oder als Fruchtsaftgemisch, kann aber auch als Zutat zu Suppen, Saucen oder Sorbets verwendet werden. l


Harte Schale, weiche Kerne: Diese bringen Farbe in die Küche und sind gut für den Blutdruck.

Fleckenfrei zum Genuss

• Spitze und Boden kreisrund entfernen. • Die Kerne sitzen in Segmenten, die durch eine dicke weisse Haut getrennt sind.

© Levi Brown / Trunk Archive

• Trennen Sie die Schale (nur die) entlang diesen vier

bis sechs Segmenten, ohne Kerne zu erwischen (Spritzgefahr!). • Lösen Sie mit den Händen die Segmente voneinander. • Klopfen Sie mit einem Löffel auf die Schalenseite der Segmente und so die Kerne «von hinten» in eine Schüssel. • Wem das immer noch zu sehr spritzt, kann die Kerne auch in einer mit Wasser gefüllten Schüssel herauslösen. • Das Migusto-Video dazu: migusto.ch/granatapfel

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ENTSPANNEN

SCHLAFEN

Revolte im Liegen Die ultimative Entspannungsmethode lautet: Schlafen. Jenseits von Schlaftipps setzt das eine bestimmte Geisteshaltung voraus. Friederike Gräff über den Schlaf als letzte Zone des Widerstands in einer überreizten Gesellschaft. Interview: Manuela Specker

Frau Gräff, Sie interpretieren den Schlaf als subversive Handlung in einer kapitalistischen Gesellschaft. Wie kommt das?

Mal abgesehen davon, dass es ohne Schlaf nicht geht: Er ist mittlerweile eine der letzten Möglichkeiten in unserem Leben, in eine werbefreie Zone einzutauchen. Wir sind ganz alleine mit uns und dem, was wir träumen. In unserem übrigen Alltag werden wir nicht einmal in Wartesituationen in Ruhe gelassen. Stattdessen sorgen an allen Ecken Monitore für Unterhaltung. Sie haben ein Buch über den ungeliebten Zustand des Wartens verfasst. In unserer schnelllebigen Zeit erscheint der, der wartet – auf was auch immer – als ein Kuriosum. Ist Schlafen genauso ein notwendiges Übel geworden wie Warten?

Sowohl den Wartenden als auch den Schlafenden schlägt Verachtung entgegen: Sie befinden sich in einem passiven Zustand und werden deshalb als Bedürf-

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tige wahrgenommen. Schlafende und Wartende widersprechen dem Ideal des Machers. Das sieht man auch daran, dass es verpönt ist, in der Öffentlichkeit zu schlafen. Das wird nur älteren Menschen und Kindern zugestanden, von denen keine Arbeitsleistung verlangt wird. In Japan ist es anders. Dort wird in der U-Bahn hemmungslos gedöst.

Ja, aber das ist mehr Ausdruck chronischen Schlafmangels. Der Power-Nap kann die Bettruhe mit Tiefschlafphasen nicht ersetzen. Und schon der Begriff Power-Nap ist entlarvend: Da geht es letztlich um einen sogenannt nützlichen Schlaf: um für die Arbeit besser in Form zu sein. Nur unter dieser Prämisse ist es sozial akzeptiert, ein Nickerchen abzuhalten. Ich plädiere für einen Schlaf, der nicht immer Absichten unterworfen ist. Der Selbstoptimierungswahn hat mittlerweile aber auch den Schlaf erfasst.

Technische Gadgets ermöglichen es heute, die Phasen des eigenen Schlafs zu er-

fassen. Wer will, kann seinen ganzen Körper vermessen. Aber wofür soll das gut sein? Wer unter ernsten Schlafproblemen leidet, sollte sich sowieso in die Hände eines Schlafmediziners begeben, anstatt selber herumzudoktern. Das führt nur zu einer Angespanntheit, die nicht gerade förderlich ist für einen erholsamen Schlaf. Denn ein geruhsamer Schlaf bedeutet, Kontrolle abzugeben. Aber vor allem können wir unser Schlafbedürfnis nicht manipulieren. Schlafforscher werden oft gefragt, wie man mit weniger Schlaf auskommen kann. Das ist absurd. Manche wollen schlafen, können aber nicht. Wo sehen Sie die Ursachen für Schlafprobleme?

Neben persönlichen Gründen hat das auch damit zu tun, dass der biologische Rhythmus mit dem Lebenswandel nicht mehr übereinstimmt. Wir wollen noch dieses und jenes in den Tag packen, dauerhaft verfügbar sein und halten vieles für wichtiger, als zu schlafen.


Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie zu wenig schlafen?

Das schlägt mir auf die Stimmung. Zu wenig Schlaf macht mich nicht nur müde, sondern auch gereizt. Meine Mutter hat mich deshalb schon immer dazu ermahnt, genug zu schlafen. Mein Bruder hingegen behauptet, mit nur sechs Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen. Ich dachte, wenn ich mich anstrenge, schaffe ich das auch. Aber es ist vergebene Müh. Nur schon deshalb ist für mich klar: Wir sollten viel mehr auf unser Schlafbedürfnis hören, anstatt dem Ideal des Wenigschläfers zu entsprechen.

© Travis Rathbone / Trunk Archive

Leben wir in einer schlaffeindlichen Zeit?

Es findet ein Wettbewerb statt, wer mit wie wenig Schlaf auskommt. Noch immer brüsten sich Politiker damit, dass ihr geringes Schlafbedürfnis für einen Verhandlungsmarathon hilfreich ist. Solche Menschen gelten als tatkräftig und zielgerichtet. Aber mit wenig Schlaf auszukommen, ist nichts, worauf man stolz

”Schlafende widersprechen dem Ideal des Machers. „

Abwarten und schlafen Friederike Gräff hat sich intensiv mit dem Thema Warten befasst.

Die Autorin des Buches «Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands» ist fasziniert von der eigensinnigen Haltung, die von wartenden Menschen ausgeht. Denn nie wissen sie, ob es sich lohnt. Mit ihrer Expertise zieht sie Parallelen zum Thema Schlaf, ist doch der Vielschläfer ein Kuriosium wie der Wartende. Beide gestehen sich eine Passivität zu, die in der hyperaktiven Gesellschaft verpönt ist.

sein kann. Manche Menschen brauchen mehr, andere weniger – das ist keine Tugend. Kann notorischer Schlafmangel so gesehen auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Verfassung sein?

Ja, das ist Ausdruck einer grossen Unruhe, die in unserer Gesellschaft herrscht. Zum einen durch den Zwang, ständig abrufbereit zu sein, zum anderen aber auch durch die Unmöglichkeit, vom Zustand der Anspannung sofort in den Entspannungsmodus zu wechseln. Wie sollte sich unsere Haltung zum Thema Schlaf verändern?

Mir scheint es wichtig, dass er nicht ausschliesslich dazu dienen muss, die eigene Leistungsfähigkeit weiter zu optimieren. Vielmehr kann er eine Übung in Absichtslosigkeit sein: Schlafen als Erfahrung, etwas um seiner selbst willen zu tun. Eine Gesellschaft, die der Absichtslosigkeit einen Platz einräumt, wäre eine bessere. l Vivai 2018

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Powern im 44 Vivai 2018


AQUAFIT

BEWEGEN

Mit Aquafit erleben Sie ihr blaues Wunder: Das Training im Wasser verbraucht viel Energie,stärkt die Muskeln — und schont die Gelenke. Text: Petra Koci

© Jorg Badura / Trunk Archive

Pool

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as Wasser steht einem wortwörtlich bis zum Hals. Na ja, idealerweise bis zur Brust, nur sinkt man schon mal tiefer, wenn der Körper ohne Bodenkontakt schwebt und instabil im kühlen Nass wackelt. Auch die Schaumstoffhantel unter Wasser zu drücken und zu stossen, ist ganz schön anstrengend. Von wegen Seniorenturnen. Aquafitness hat zu Unrecht das Image eines bequemen Plansch-Work-outs. Es ist ein effizientes Training, und das ist den physikalischen Eigenschaften des Elements Wasser zu verdanken: Dank Auftrieb fühlt man sich zwar leichter, für Bewegung muss man aber deutlich mehr Kraft aufwenden als an Land, weil Wasser rund 800-mal dichter ist als Luft. Auch hat Wasser eine hohe Wärmeleitfähigkeit. Den raschen Verlust an Körperwärme müssen wir mit ständiger Bewegung kompensieren. Bewegung im Wasser verbraucht also viel Energie. Bei hoher Vivai 2018

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Trainingsintensität können wir durchaus bis zu 300 Kilokalorien pro 30 Minuten verbrennen. Mit Aquafitness mobilisieren und stärken wir unsere Muskeln, denn wir arbeiten kraftvoll gegen den Wasserwiderstand, der uns bremst. Gleichzeitig schonen wir dabei die Gelenke. Das macht das Fitnessprogramm im Pool zur idealen sportlichen Aktivität für alle, auch für Leute mit mehr Gewicht. Und es eignet sich als Regenerations- und Alternativtraining für Sportler, die auf Schläge am Boden verzichten müssen. Cristiano Ronaldo, Viktor Röthlin und andere Spitzenathleten haben es längst erkannt: Die Leichtigkeit im Wasser, die eher Wellness vermuten lässt, bietet sich durchaus als Power-Training an. «Die besten Trainingseffekte erzielt man mit der richtigen Technik sowie mit der Steigerung der Intensität», sagt Esther Zysset, Aquafitness-Instruktorin an der Klubschule Migros. Wie es richtig geht? «Man soll das Wasser nicht mit der Handkante schneiden, sondern die Handgelenke fixieren und das kühle Nass stattdessen mit der Handfläche schieben. Das vergrössert den Widerstand.»

Kein Planschen, sondern effizientes Training: mit viel Kraft gegen den Wasserwiderstand.

Das Wasser als Partner

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Schwerelos trainieren Gelenkschonendes Training empfiehlt sich nicht nur als Alternative bei Sportverletzungen. Wie wärs mit Trampolinspringen? Das ist gut für die Balance und für die Muskeln. iMpuls, die Online-Gesundheitsplattform der Migros, bringt Ihnen die Vorzüge der Hüpfburg für Erwachsene näher. migros-impuls.ch/trampolin

© Jorg Badura / Trunk Archive

Zentral ist die Grundspannung im Körper. Gerade im tiefen Wasser verhilft die Rumpfspannung zu mehr Stabilität. Wer zudem die Gliedmassen ausstreckt, verlängert damit den Hebel, und die Übungen werden automatisch strenger. «Betrachte das Wasser bewusst als deinen Trainingspartner», rät Esther Zysset, «und arbeite gegen den Widerstand.» Dann wird Aquafitness ein gesundes Kraft-, Ausdauer- und Fat-Burning-Training – mit positiven Nebeneffekten. So wirkt der Wasserdruck wie eine Massage, dank einer besseren Durchblutung wird das Gewebe gestrafft. Das Herz-Kreislauf-System kommt auf Touren, das Herz muss mehr pumpen, die Atmungsorgane bringen mehr Leistung. Aquafit ist ein Work-out ohne Schwerkraft – aber schwerer, als es aussieht. l


AQUAFIT

BEWEGEN

Welche Methode darf es sein ? Verschiedene Programme im Bereich Aquafitness trainieren je nach Komponenten Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Koordination.

dert die Ausdauer und kräftigt zudem vor allem Rumpf- und Beinmuskeln.

Aqua Zumba: Die Moves zu lateinamerikani-

und Ausdauereinheiten – mit oder ohne Auftriebsmittel – ist ein Ganzkörpertraining, ideal für die Stärkung von Bauch, Rumpf und Bewegungsapparat.

schen Rhythmen gelingen im Becken nur halb so schnell wie im Studio. Wer Mühe mit komplexen Choreografien hat, soll ruhig mittanzen – im Wasser sieht man die Bewegungen ja nicht so genau.

Aqua Jump / Aqua Bouncing: Gegen den Widerstand auf einem Unterwassertrampolin auf- und abfedern und den Körper richtig ausbalancieren ist ein Kraft- und Stabilitätstraining mit hohem Spassfaktor. Aqua Bike / Aqua Cycling: Das Strampeln

auf einem speziellen Fahrradergometer för-

Aqua Gym: Der Mix aus Kräftigungsübungen

Aqua Jogging / Deep Water Running:

Ein Schaumstoffgürtel sorgt für Auftrieb, während man im tiefen Schwimmbecken ohne Bodenkontakt vorwärtsläuft. Die Kunst ist es, Kopf, Brust und Hüfte stabil aufrecht zu halten. Wer ambitioniert läuft, wird seine Beine innert kürzester Zeit spüren. klubschule.ch

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BEWEGEN

BAUCHTRAINING

Bauch in Bewegung Es muss ja nicht gleich ein Sixpack sein: Wer den Bauch traininert, geht aufrechter durchs Leben. Sechs Methoden, wie er sich in Form bringen lässt. Text: Petra Koci Illustrationen: Grobi White

i

n unserer Körpermitte wirken verschiedene Muskeln, die wir trainieren können. «Die tiefen inneren Bauchmuskeln stabilisieren den Rumpf und wirken wie ein Korsett für unsere Organe. Sind sie aktiviert, geben sie uns eine gute Haltung und einen schönen Bauch», sagt Rebecca Steinemann, Sportphysiotherapeutin bei Medbase Zürich. Optisch im Vordergrund stehen die äusseren Bauchmuskeln. Die seitlichen Muskeln modellieren die Taille, vorne formt der gerade Bauchmuskel das Sixpack. Allerdings sind diese nur sichtbar, wenn keine Pölsterchen darüberliegen. «Wer Bauchmuskeln kräftigen und Fett loswerden möchte, kombiniert Bauchfitness mit Ausdauertraining», so die MedbaseExpertin. «Körperfett wird vor allem im Ausdauerbereich verbrannt, während Bauchübungen die Körpermitte stärken und straffen. Das wirkt sich gut auf die Haltung aus – und dient zudem als Prävention für Rückenprobleme.» Wie man die Mitte in Bestform bringt? Hier einige effektive Ideen.

Tanzen Salsa, Zumba, Flamenco, Ballett. Je nach Intensität ist das Tanzen auch ein Konditionstraining. Und das wiederum begünstigt die Fettverbrennung. Zudem fördert das Tanzen, insbesondere Ballett, eine gute Körperspannung und eine aufrechte Haltung. So wird die stabilisierende Innenmuskulatur in der Körpermitte quasi als positiver Nebeneffekt mittrainiert. Um die Balance in den Griff zu kriegen, eignen sich spezielle Übungen und Slacklinen. Wer schon mal versucht hat, auf einer instabilen Unterlage wie einem Balancekissen auf einem Bein zu stehen oder gar auf einer Slackline zu balancieren, weiss: Hier muss man in der Mitte stabil sein, um Schwankungen auszugleichen. Balanceübungen sind anspruchsvoll für den ganzen Körper, wobei vor allem auch die stabilisierenden tiefen Bauchmuskeln eine wichtige Rolle spielen.

TRX Suspension Training Mit den Beinen oder Armen in der Schlinge hängen und dabei Ausfallschritte, Liegestützen und mehr machen – so funktioniert moderne Körperformung. Beim TRX wird mithilfe von Bandschlingen und dem eigenen Körpergewicht der ganze Körper gestärkt. Damit das Schlingentraining nicht zur Zitterpartie wird, ist die Tiefenmuskulatur in der Körpermitte in ihrer Funktion als Stütze und Stabilisator besonders gefordert. 48 Vivai 2018


Die schnelle Büroübung Keine Ausrede mehr, die Bauchmuskeln lassen sich sogar im Sitzen vor dem Computer in Form bringen: In aufrechter Haltung mit geradem Rücken die Beine im Sitzen ein paar Zentimeter vom Boden heben, ohne sich mit den Armen am Pult abzustützen. Einige Sekunden halten und mehrmals wiederholen. Wenn man bei dieser Übung die Fussspitzen nach aussen dreht, werden die seitlichen Bauchmuskeln auch gespannt.

Pilates Pilates legt den Fokus auf das Körperzentrum, das sogenannte «Powerhouse». Das sind die tiefen seitlichen und queren Bauch- sowie die Beckenbodenmuskeln. Diese stabilisieren den Rumpf. Das verbessert unsere Körperspannung, richtet uns auf, und unsere Bauchdecke bleibt flach. Die Atmung unterstützt das Training des Powerhouse: Wenn wir beim Ausatmen den Bauchnabel Richtung Wirbelsäule ziehen und die Bauchmuskeln anspannen – ein Gefühl, wie wenn sich das Korsett schliesst –, gehen wir in die Tiefe. Diese Atemübung kann man überall im Alltag anwenden. Oder am besten gleich zu Hause mit einer Pilates-Basisübung ausprobieren: Wichtig beim «Luftvelo» auf dem Rücken ist, dass das Kreuz auf dem Boden bleibt und der Bauch angespannt ist.

BauchWork-out Yoga Yoga betrachtet den Bauch nicht etwa als Problemzone, sondern als eines unserer Energiezentren. Die bewusste Atmung und die Asanas sollen unsere emotionale und körperliche Mitte stärken. So zielen sehr viele Stellungen, verbunden mit einer tiefen Bauchatmung, auf die Kräftigung der tiefer liegenden Muskeln in der Körpermitte. Eine Atemübung aus dem Yoga steht übrigens zurzeit beim Bauch-Work-out in den Fitnessstudios hoch im Kurs: Beim Uddiyana Bandha, dem Baucheinzieher, wird vollständig ausgeatmet und dann im Atemstillstand der Bauch weit hinein- und hochgezogen, sodass der Bauchraum fast wie ausgehöhlt aussieht. Nach wenigen Sekunden dann den Bauch loslassen und einatmen. Wer das am Morgen mehrmals wiederholt, kurbelt seinen Stoffwechsel an und festigt die inneren Bauchmuskeln.

Ob im Fitnessstudio oder zu Hause: Crunches (Bauchpresse) und Sit-ups sind die Klassiker des Bauchmuskeltrainings. Während bei Sit-ups der ganze Rumpf aufgerichtet wird, heben sich bei den Crunches nur die Schulterblätter vom Boden. Dies trainiert vor allem den geraden Bauchmuskel. Bei seitlichen Sit-ups bekommen auch die Bauchmuskeln auf der Seite etwas zu tun. Die Übungen sollten mit der Kraft der Muskulatur langsam und kontrolliert ausgeführt werden. Es brennt? Gut, das ist ein Zeichen, dass sich der Muskel anstrengt. Wer noch zwei, drei Wiederholungen bis zur Ermüdung anhängt, trainiert nachhaltig.

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LJUBLJANA

basjfkgsf jaksf gasjfkagsfjaksfgasjfkgasfjkasgfjaksfgajskfgasfjka basjfkgsf jaksf gasjfkagsfjaksfgasjfkgasfjkasgfjaksfgajskfgasfjkasgfask basjfkgsf j Typische Strassenszene in Ljubljana: Die Menschen sitzen auch bei kälteren Temperaturen gern draussen.

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Tolle Ausblicke und historische Einblicke: die Burg auf dem 376 Meter hohen Stadthügel.

© visitljubljana.com, Dagmar Schwelle / Laif / Keystone

Grüne Geliebte Die slowenische Hauptstadt Ljubljana ist unaufgeregt schön und hat viel Charme. Aber vor allem lebt sie vor, wie lustvoll ein nachhaltiger Lebensstil sein kann.

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Theater, Musik und Architektur

Diese Ruhe geht nicht etwa mit Provinzialität einher. Publikumsmagnet ist zweifellos das slowenische Nationaltheater, das nicht nur auf klassische und zeitgenössische Werke setzt, sondern auch dem Experimentellen Raum gibt. Zudem stammt eine der ältesten Philharmonien aus Ljubljana, wo Gustav Mahlers Karriere ihren Anfang nahm. Ljubljana. Wer das Unaufgeregte und Authentische mag, wird diese Stadt lieben. Das slowenische Wort «ljubljen» heisst «geliebt», darum wird die Hauptstadt Sloweniens gern als «Geliebte» bezeichnet. Die semantische Ähnlichkeit ist kein Zufall. Ljubljana ist unglaublich schön und charmant. Das hat die Stadt 52 Vivai 2018

Blick auf den Hauptplatz (Prešerenplatz), von dem die Strassen sternenförmig in alle Richtungen abgehen.

unter anderem Jože Plečnik (1872–1957) zu verdanken. Es gibt selten Architekten, die so viele Freiheiten kriegen, einer Stadt ihren Stempel aufzudrücken und die Bauwerke auf verspielte Art und Weise zueinander in Beziehung zu setzen, wie das bei Plečnik in Ljubljana der Fall war. Immer im Dialog mit dem Ort und seinem Charakter, geleitet vom Bestreben, Bestehendes zu erhalten. Die berühmten drei Brücken über den Fluss Ljubljanica, die National- und Universitätsbibliothek, die Markthallen am Flussufer: Das ist alles sein Werk. Plečniks Intentionen sind offensichtlich: Er wollte in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine mediterran angehauchte Metropole schaffen. Viele Akzente setzte er mittels Säulen, Ausdruck seiner Vision eines «neuen Athens». Dass Ljubljana heute als Stadt erscheint, die für ihre Bewohner da ist und nichts Pompöses repräsentieren muss, hat also nicht nur mit der Stadtplanung der Gegenwart zu tun, sondern auch mit dem

humanistischen Weltbild eines Jože Plečnik, der als Architekt den Menschen und seine Bedürfnisse im Blick hatte. Kein Wunder, dass er mit seinem Stadtumbau noch heute eine wichtige Funktion als Identitätsstifter einnimmt und wie ein Stadtheiliger verehrt wird. Ein Vorbild in Nachhaltigkeit

Ljubljana ist aber nicht nur schön, sondern auch nachhaltig. Die Stadt verkörpert mit jedem Pflasterstein, mit jeder Parkanlage und mit ihrem unterirdisch angelegten Abfalltrennsystem einen Lebensstil, der die begrenzten Ressourcen vor Augen hat. 2016 wurde sie von der EU-Kommission mit dem Prädikat «Grüne Hauptstadt Europas» geschmückt. Hier lassen sich viele Einwohner (zugegeben: vor allem ältere) die Milch in selbst mitgebrachte Behälter abfüllen (auf dem Markt gibt es dafür extra Milchautomaten), in Restaurants wie dem «Monstera bistro» wird auf PET verzichtet und behalten die

© Illustration: Anais Makhoul, Foto: Getty Images

anche Städte scheinen vor allem für die Reichen und die Touristen da zu sein. Ljubljana mit seinen knapp 300 000 Einwohnern verkörpert so ziemlich das Gegenteil. Das ist nicht einfach seiner Kleinheit geschuldet, dank der noch die Vernunft regiert und nicht nur das Profitdenken. Nein, es liegt daran, wie umsichtig der Lebensraum für die Bewohnerinnen und Bewohner gestaltet worden ist. Vor zehn Jahren zum Beispiel wurde die ganze Innenstadt zur Fussgängerzone erklärt. Die Bedenken seitens der Ladeninhaber waren gross. Kommt überhaupt noch jemand, wenn nicht mit dem Auto vorgefahren werden kann? Heute laufen nicht nur die Geschäfte besser. Niemand will diese Gelassenheit und Unaufgeregtheit mehr hergeben, welche die Stadt unter anderem dank geschickter Verkehrsplanung ausstrahlt. Überall stehen Velos zum Ausleihen (die erste Stunde gratis), geräuschlose Elektrofahrzeuge kurven durch die Gassen und können kostenlos genutzt werden, kleine Geschäfte anstatt Shoppingmeilen prägen das Strassenbild. «Das verleiht der Stadt eine besondere Ruhe. Ihre Einwohner sollen sich hier wohlfühlen», sagt die Stadtführerin Tatjana Krulc Logar.


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Ljubljana kann gut zu Fuss erkundet werden. Andere Sehenswürdigkeiten in Slowenien sind mit dem Auto in maximal zwei Stunden erreichbar. 1 Frische lokale Erzeugnisse gibt

es auf dem zentralen Marktplatz. Zum frohen Markttreiben gehören auch die Markthalle sowie der säulengeschmückte Laubengang. 2 Sie sind das Wahrzeichen von Ljubljana: die drei Brücken, direkt am zentralsten Punkt der Stadt gelegen, dem Prešerenplatz.

3 Die Slowenische Philharmonie gehört zu den ältesten Musikanstalten der Welt. 4 Die National- und Universitätsbibliothek ist eines der wichtigsten Werke des Architekten Jože Plecnik. 5 Die Burganlage bietet neben historischen Einblicken einen wunderbaren Panoramablick. Sie beherbergt mit dem «Strelec» eines der besten Restaurants in Slowenien. 6 Am Ufer des Flusses Ljubljanca laden zahlreiche Restaurants und Bars zum Verweilen ein.

A Bled (50 Kilometer von Ljubljana ent-

fernt) ist bekannt für seine Insel mitten im See. Von Bled aus führen Wanderwege zum Nationalpark Triglav. B Die Tropfsteinhöhlen von Postojna (50 Kilometer von Ljubljana entfernt): Zuerst gehts mit dem Zug durch die faszinierende Höhlenwelt, dann zu Fuss durch die unterirdischen Gänge. C Meeranschluss: Die Küstenstädte an der Adria wie Piran, Koper und Portorož (120 Kilometer von Ljubljana entfernt) verzaubern mit venezianischem Flair.

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Gäste über alle Gänge hinweg dasselbe Besteck. Kulinarisch wartet Slowenien mit einer ungeheuren Vielfalt und Innovationskraft auf: Jede der 24 Gastronomieregionen hat ihre eigenen Spezialitäten, die liebevoll und stolz gepflegt werden, je nach geografischer Lage geprägt von Einflüssen der Nachbarländer Italien, Kroatien, Österreich und Ungarn. In der Region Dolenjska zum Beispiel landen oft gefüllte Teigtaschen, sogenannte Struklji, auf den Tellern. Allgemein beliebt ist die Krainer Wurst, die nach einem Rezept aus dem Jahr 1896 hergestellt wird. Grundsätzlich herrscht die Devise: möglichst frisch, möglichst kurze Transportwege uns möglichst direkt aus dem Garten. Auch der Tourismus soll sich in nachhaltigen Bahnen entwickeln. Qualität ist wichtiger als Masse. Wo andere Länder den Ökotourismus pushen, kann Slowenien mit Ljubljana als Zugpferd in nachhaltiger Entwicklung auf eine lange Tradition zurückblicken. Man kennt das gar nicht anders in diesem Land. Der nachhaltige Lebensstil ist wie ein nationales Hobby. Die Weitläufigkeit und viel unberührte Natur sind die besten Voraussetzungen dafür. Auf 20 273 Quadratkilometer kommen nur knapp zwei Millionen Einwohner. Wo auch immer man sich befindet: Ein Naturschutzgebiet ist garantiert in der Nähe. Zwischen Karst, Alpen und Pannonischer Tiefebene verteilen sich ein Nationalpark (Triglav), drei Regionalparks und vierzig Landschaftsparks. Bescheiden und unprätentiös

Aber wie so oft wird das Kleine, Unprätentiöse gern unterschätzt, obwohl es dieser Umstand vereinfacht, sich ganz auf ein Land einzulassen. Dass die Slowenen kein grosses Brimborium um sich und die Schönheit ihres Landes machen, ist offensichtlich. Sie neigen sogar dazu, ihr Land zu unterschätzen. «Wir sind noch nicht wie die Schweiz», ist immer wieder aus den Mündern von Einheimi54 Vivai 2018

Die drei Brücken (rechts) sind das Markenzeichen von Ljubljana. Die Philmarmonie (oben) ist eine der weltweit ältesten Musikanstalten.

schen zu hören. Als ob sie sich die Schweiz als Vorbild nehmen müssten. Aber in der Tat hat die Schweiz in Slowenien ihre Spuren hinterlassen: Sie diente Ende des 19. Jahrhunderts als Vorbild bei der Entwicklung des alpinen Tourismus. Und mit dem Berner Naturheiler Arnold Rikli war es ein Schweizer, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Bled, einem Dorf im Norden Sloweniens, als Erster die Thermalquellen dem Tourismus erschloss. Vielseitigkeit ein grosses Plus

Ob Wellness, Baden im Meer, Wandern oder Skifahren in den Bergen: Slowenien ist ein unglaublich vielseitiges Land. Aufgrund der geringen Distanzen ist es möglich, am Morgen Bergluft zu schnuppern und am Nachmittag eine Meeresbrise an der slowenischen Riviera einzuatmen. Ljubljana ist der ideale Ausgangspunkt, um das Land in allen Himmelsrichtungen zu erkunden – auch im Winter. Diese Vielseitigkeit ist ein grosser Pluspunkt von Slowenien, das nicht auf dem Radar der grossen Touristenströme steht und gern verwechselt (Slowenien ist nicht die Slowakei) oder verkannt wird. Wussten Sie, dass die zweithäu-

figste Biene auf der Welt, die krainische Biene, slowenischer Herkunft ist? Wussten Sie, dass einer der bekanntesten Philosophen und linken Vordenker, Slavoj Žižek, Slowene ist? Wussten Sie, dass das Original Oberkrainer Quintett, das mehr als 36 Millionen Tonträger verkauft hat, aus Slowenien stammt? Sein «Trompetenecho» hat es sogar ins auditive Gedächtnis von schlagerkritischen Menschen geschafft. Aber der Laie verortet die Oberkrainer automatisch in Österreich. Das ist kreuzfalsch, aber immerhin: Der österreichische Einfluss ist in Slowenien unverkennbar. Die Region stand mehr als sechs Jahrhunderte lang, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918, unter dem Einfluss der Habsburger. Klar fühlen sich die Slowenen dem Westen und nicht dem Osten zugehörig. Im Vergleich dazu war die Zeit als Provinz des Königreichs Jugoslawiens und als Teilrepublik unter Tito eine kurze Episode, die 1991 mit der Unabhängigkeit endete. Die Slowenen hatten übrigens innerhalb Jugoslawiens den Ruf, besonders pünktlich und ordentlich zu sein. Ein bisschen Schweiz steckt eben doch in Slowenien. l

© Christian Kerber / Laif / Keystone, Dagmar Schwelle / Laif / Keystone

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REISEN

Gut zu wissen Anreise: Adria Airways fliegt täglich von Zürich und Genf nach Ljubljana, das knapp eine Flugstunde entfernt ist. Slowenien entdecken: Ljubljana ist ein

idealer Ausgangspunkt, um andere Teile des Landes zu erkunden. Zum Beispiel die Region Dolenjska mit der historischen Landschaft Bela krajina im Süden des Landes. Nirgendwo in Slowenien scheint die Sonne so oft wie in dieser Region. Die Gegend ist ideal für Weindegustationen, Velotouren, aber auch für Kanufahrten auf dem Fluss Kolpa oder um das rege gepflegte kulturelle Erbe des manuellen Herstellens von Leinen und Stickereien zu bestaunen. Ebenfalls zur Dolenjska gehört das Städtchen Novo mesto mit sei-

ner malerischen Altstadt am Fluss Krka – ein beliebtes Fotomotiv. Ganz in der Nähe befinden sich der beliebte Kurort Dolenjske Toplice sowie das auf einer Insel gelegene Schlosshotel Otocec (terme-krka.com). Wintersport: Die nächste Skipiste ist

nicht einmal 50 Kilometer von Ljubljana entfernt, zu finden in Krvavec. Die grössten Skigebiete liegen bei Kranjska Gora, nahe an der Grenze zu Italien und Österreich. Für den Wintersport eignet sich unter anderem auch das Pohorje-Gebirge bei Maribor, der zweitgrössten Stadt in Slowenien. Weitere Infos: slovenia.info

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MARTINA CLAVADETSCHER

MEIN ORT

«Der Ort hat etwas Majestätisches und Bedrohliches zugleich.»

Martina Clavadetscher (38) ist Schriftstellerin und Theaterautorin. Sie mag die Stille im Wald, die ihr den Kopf klärt fürs Geschichtenerzählen, und sie verabscheut Laubbläser. Ihr aktuelles Buch «Knochenlieder» (Verlag Edition Bücherlese) war für den Schweizer Buchpreis 2017 nominiert.

Ingenbohler Wald, Brunnen SZ

© Foto: Philipp Schmidli

e

s gibt eine Stelle im Ingenbohler Wald, die mich magisch anzieht: Einmal aus dem Dickicht heraus, offenbart sich plötzlich diese wunderbare Aussicht auf den Vierwaldstättersee und die Berge. Zugleich geht es schroff die Klippe des Axensteins hinunter, da macht man lieber keinen Schritt zu weit. Ich habe immer das Gefühl, gleich ins Panoramabild zu fallen, in dieses Bühnenbild. Der Ort hat etwas Majestätisch und Bedrohliches zugleich, das finde ich sehr interessant. Das Wechselspiel aus geheimnisvollem Dickicht und lichten Stellen ist cha-

rakteristisch für den Ingenbohler Wald. Er ist für mich ein idealer Rückzugsort. Oft habe ich mehrere Gedankengänge gleichzeitig und bin in vielem zu schnell. Ruhe und Abgeschiedenheit helfen mir, meine Figuren besser zu verstehen, die erdachten Geschichten zu kanalisieren und in eine Richtung zu lenken, um in den berühmten Flow zu kommen. Schon eine halbe Stunde im Wald reicht oft aus. Er lüftet meinen Kopf und klärt diese Flut an Worten und Sätzen. In den kalten Monaten braucht es zwar etwas Überwindung, rauszugehen, obwohl ich den Wald vor der Haustüre

habe. Aber es lohnt sich bei jedem Wetter, bei jeder Jahreszeit. Besonders angetan bin ich vom Moos. Dieses Filigrane, dieses helle Grün ist unfassbar schön. Wenn ich einen bemoosten Baumstrunk sehe, stelle ich mir manchmal vor, wie er von kleinen Männchen bewohnt und belebt wird. Vermutlich fühle ich mich im Wald auch deshalb so wohl, weil die Natur wertfrei scheint. Ihr ist es egal, wer ich bin, und ich wiederum muss ihr gegenüber keine Haltung einnehmen. Das hat etwas Befreiendes. l Aufgezeichnet von Manuela Specker. Vivai 2018

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