Michaela Maria Müller Mitterndorf
Michaela Maria Müller
Mitterndorf Roman
Handlung und Personen des Romans sind Fiktion. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten und realen Personen sind daher zufällig.
Textauszug auf Seite 5 aus: Christa Wolf, Nachdenken über Christa T. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2007. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. 1. Auflage 2022 © Quintus-Verlag Binzstraße 19, 13189 Berlin www.quintus-verlag.de Lektorat: Clara Zehrbach, Berlin Umschlaggestaltung: Oda Ruthe, Braunschweig Satz und Gestaltung: Ralph Gabriel, Berlin Druck und Bindung: Finidr, s.r.o., Český Těšín ISBN 978-3-96982-040-7
„Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art. [...] Einmal im Leben, zur rechten Zeit, sollte man an Unmögliches geglaubt haben.“ Christa Wolf, Nachdenken über Christa T.
1 „Fünf Meter Langholz“ stand blauverschmiert auf dem Papier. Resa hatte die Tinte des Kugelschreibers mit ihren Jackenärmeln verwischt. Sie faltete den Zettel zweimal, zielte und traf in den Forsthelm. Zusammen mit Georg, ihrem Vater, bereitete sie ein Fest vor, das nächsten Samstag stattfand. Der Höhepunkt war eine Holzverlosung, bei der Glück und Pech nah beieinander lagen, und es war eine der Gelegenheiten, bei denen man über beides lachen konnte. Alle kamen zusammen, redeten, aßen, tranken und feierten, das erste richtige Fest des Frühjahrs. Es war eine Abwechslung des immer gleichen Alltags, und Resa hatte es früher genossen, Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Sie schob den Forsthelm beiseite, stand auf und ging in die Küche, um Tee zu kochen. An den Schultern schlackerte ihr die blaue Arbeitsjacke die Arme herunter. Um dem Stoff Einhalt zu gebieten, hatte sie die Ärmel am Ende zweimal umgekrempelt. Alles war zu groß und stammte aus dem Fundus ihres Vaters. Er hatte sich im Laufe der letzten Jahre so viel angeschafft, dass er inzwischen mehr Arbeits- als Alltagskleidung besaß, weil Arbeit eben Alltag war. Resa sah ihm in manchem ähnlich. Die hohen Wangenknochen streckten die Gesichtszüge, was sie älter wirken ließ. Ihre Augen waren braun und auch auf der hellen Haut um die Iris lag noch ein Schimmer des dunklen Pigments. Ihre halblangen Haare waren kastanienbraun und jeden Morgen fasste sie sie vor dem Spiegel zu einem schräg vom Hinterkopf abstehenden Stummel zusammen. Danach begann die Arbeit. 7
Resa lebte mit ihrem Vater auf einem Bauernhof mit zwanzig Milchkühen. Sie bewirtschafteten fünfundzwanzig Hektar Land, das sie mit Gerste, Weizen, Mais und Zuckerrüben bestellten. Sie konnten davon leben, fügte ihr Vater bei jedem Gespräch mit Fremden hinzu, um der Frage nach der Lage der Landwirte und dem Hofsterben zuvorzukommen, und ihr war aufgefallen, dass sie das jetzt auch schon wiederholte. Seit ihrem Schulabschluss im letzten Sommer war sie auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ihr Zeugnis war nicht gut, und im vergangenen Jahr war sie mit ihrer Suche nicht erfolgreich gewesen. Sie hatte sich in der Apotheke zwei Dörfer weiter beworben, weil es die nächstgelegene zu ihrem Hof war. Der Apotheker hatte sich aber während des Vorstellungsgesprächs unvermittelt über die aufgeschlagene Bewerbungsmappe auf dem Schreibtisch gebeugt und gefragt, ob sie wisse, dass sie schöne Rehaugen habe. Ihr war ganz schlecht geworden, als sein schweißglänzendes Gesicht plötzlich so nah vor dem ihren war, und sie hatte den Atem angehalten. Dann war sie mit einem Ruck aufgestanden, hatte tief Luft geholt und ihn gefragt, ob er wisse, was ihr Vorname bedeutete. Als er nichts antwortete, hatte sie ihm „Theresa bedeutet Jägerin“ entgegengeschleudert, woraufhin er sich mit versteinerter Miene in den Bürostuhl zurückfallen ließ, sie ihm die Bewerbungsmappe unter seinen Händen wegzog und sein Büro verließ. Nun suchte sie weiter. Mit ihrem Entschluss, eine Ausbildung zu beginnen, lastete aber eine Entscheidung auf ihr. Wenn sie ging, war ihr Vater allein. Jemanden einzustellen, konnten sie sich nicht leisten. 8
Georg sprach nicht über die Zukunft, weder über ihre noch die des Hofes. Er schwieg beharrlich, als könnte er das, was unausweichlich war, hinauszögern, und so wusste Resa, dass sie es sein würde, die mit ihrer Entscheidung das Ende der Landwirtschaft auf dem Fischerhof besiegeln würde. Mit dem Schweigen war es überhaupt so eine Sache zwischen ihnen. Ihr Vater war nach dem Tod seiner Frau Katharina vor sechs Jahren in ein fast undurchdringliches Schweigen verfallen. Resa bewahrte die inzwischen abgelaufenen Medikamente immer noch in einem Schuhkarton auf dem Küchenschrank auf, den sie manchmal herunterholte und dessen Inhalt auf dem Tisch ausbreitete. Zerdrückte Verpackungen und Beipackzettel, knisternde Blisterpackungen, in denen die Tabletten beim Schütteln ein rasselndes Geräusch erzeugten. Wenn Resa nach der Arbeit auf dem Hof noch Zeit blieb, war sie am Fluss unterwegs. Sie sammelte am Abhang und in den angrenzenden Auenwäldern Pflanzen. Je nach Jahreszeit kam sie mit einem Strauß aus Schafgarbe, Taubnessel, Pfefferminze oder Schlangenknöterich nach Hause, der ihr schwer in der Armbeuge lag. Aus ihren Jackentaschen quollen erdverklumpte Rhizome von Brennnesseln. Ihr Großvater hatte ihr die Pflanzen erklärt, hatte sich Zeit für sie genommen, Zeit, die sonst niemand für sie gehabt hatte. Die Aussicht auf das anstehende Fest machte Resa schon seit Tagen gute Laune, sie griff in den umgedrehten Forsthelm und ließ die gefalteten Papierschnitzel wie große Schneeflocken herunterrieseln. 9
„Jedes Los ein Gewinn, wo gibt es das schon?“, rief sie, hob das Teesieb heraus, legte es auf einen angestoßenen Kuchenteller und öffnete eine Flasche Bier. Es zischte, das Bier schäumte über den Flaschenhals. Resa schob es ihrem Vater über den Tisch zu. Er hatte seine Brille abgenommen und auf das aufgeschlagene Holzbuch gelegt. Georg war Anfang vierzig, sah aber älter aus, war hager und schmal geworden. Er hatte auch hohe Wangenknochen, aber sehr kantige Züge. Die zwei scharfen Linien, die am Nasenflügel begannen und sich bis zum Mundwinkel zogen, hatten sich erst nach dem Tod seiner Frau ausgeprägt. Aus Gewohnheit wischte Georg mit der Handinnenfläche über den Flaschenhals, trank den ersten Schluck und sagte: „Der Borkenkäfer ist wieder im Bestand.“ Er trank den zweiten Schluck. „Es ist wahrscheinlich der Buchdrucker“, fuhr Georg fort. „Wir haben im Herbst jeden Baum kontrolliert.“ „Keine Ahnung. Vielleicht von unserem Nachbarn.“ „Aus Oskars Wald?“ Sie umfasste die Tasse mit beiden Händen und blies in den aufsteigenden Dampf. „Dem ist der Windwurf jedenfalls wurscht“, seufzte Georg. Neben ihnen lebte im Austragshaus, das früher zu ihrem Hof gehört hatte, Oskar Wolf. Obwohl sie Nachbarn waren, blieb ihr Vater auf Distanz und erwartete das auch von Resa, und hinterfragt hatte sie das eigentlich nie. Oskar Wolf besaß ein eigenes kleines Stück Wald, das er allein, außerhalb der Genossenschaft bewirtschaftete. Nur ein knapper Hektar, hundert auf hundert 10
Meter, wobei Georg und die anderen bezweifelt hätten, dass bewirtschaften das richtige Wort dafür war. Die Sturmschäden der letzten fünfzehn Jahre ließen sich an seinem Bestand ablesen. Oskar holte sich Brennholz, wenn er welches brauchte. Resa hatte eine Brotzeit vorbereitet. Belegte Wurstsemmeln und eine Thermoskanne mit Tee. Georg griff schon jetzt zu, wickelte eine Wurstsemmel aus, knüllte die Alufolie zusammen und biss in die Semmel. Sie warteten auf Huberfranz. Resa deutete auf den silberglänzenden Ball in Georgs halbgeöffneter Hand: „Alufolie kommt aus der Weltraumforschung. Jetzt wickeln wir Wurstsemmeln damit ein. Vielleicht sollten wir die Bäume damit einwickeln. Da bohrt sich wenigstens kein Borkenkäfer durch.“ Georg antwortete mit vollem Mund: „Und je mehr Borkenkäfer, umso mehr Wurstsemmeln brauchen wir.“ Er schaute auf die Uhr. „Wo bleibt Huberfranz?“ Alles drehte sich bei ihnen um die Melkzeiten. Der ganze Tag musste um sie herum organisiert werden. Wenn Georg und Resa sich eine Viertelstunde nach der Zeit nicht im Stall sehen ließen und die gewohnte Geschäftigkeit einsetzte, wurden die Tiere unruhig. Je länger es dauerte, umso mehr Rinder stimmten in das Rufen ein, langanhaltend, röhrend und unerbittlich, sodass man es im ganzen Dorf hören konnte. Draußen knirschte Kies unter den Reifen und ein Auto fuhr auf den Hof. „Da ist er“, sagte Resa. Letzte Nacht hatte es einen Wintereinbruch gegeben, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. Obwohl Büsche und Obstbäume bereits in der Blüte standen, 11
war noch einmal Schnee gefallen. Nun lag wieder eine dichte Decke wie ein weißer Firnis über dem Dorf, auf seinen Dächern und Gräbern, über den Büschen und Bäumen, als ob er gekommen wäre, um es vor etwas zu schützen. Heute Morgen hatte Resa noch einmal den Hof geräumt. Huberfranz und Georg kannten sich seit ihrer Kindheit und waren seitdem beste Freunde. Dafür war vielleicht auch das Steuerrecht mitverantwortlich, das lang die Ordnung im Dorf bestimmt hatte. Die Steuern hatten sich nach der Größe des Hofes berechnet. Wer einen ganzen oder halben Hof besaß, konnte gut davon leben. Mit einem Viertelhof oder einem Achtelhof jedoch kam man ohne zusätzliche Einkünfte nicht über die Runden. Und arm war, wem ein sogenanntes Leerhaus im Moor gehörte, der musste von der Tagelöhnerei leben. Gleich war, wer Gleiches besaß. Das Steuerrecht wies Brautpaare einander zu und begründete Familien und schuf für Ärmere Arbeit und Auskommen auf den Höfen der anderen. Huberfranz’ und Georgs Familien waren Gleiche unter Gleichen gewesen. Sie hatten beide einen halben Hof besessen, bei Huberfranz steckte das sogar noch im Namen, denn Huber kam von Hube und bedeutet halb. Entfernt verwandt waren sie auch, aber wie, konnte keiner von beiden mehr genau sagen. Sie waren zusammen zur Landwirtschaftsschule gegangen und hatten im gleichen Jahr geheiratet. In letzter Zeit hatte sich jedoch auf Huberfranz’ Hof viel verändert, mehr als in manchen Generationen zuvor. Er hatte die Milchviehwirtschaft aufgegeben und bewirtschaftete seinen Hof nun als Gemüsebauer. 12
Huberfranz kam über den schneebedeckten Hof aufs Haus zu. Seine Ohren waren wegen der Kälte rot angelaufen. Je älter er wurde, umso mehr stellte sich eine Ähnlichkeit mit dem englischen Thronfolger ein, der auch eine Leidenschaft für die Landwirtschaft hatte. Huberfranz hatte entschieden, sich diese Ähnlichkeit zunutze zu machen. Er hatte ein Werbeplakat anfertigen lassen, auf dem er einen Korb voller Kartoffeln umarmte. Das Plakat hing unter dem Giebel seiner Scheune. Wenn man auf der Bundesstraße vorbeifuhr, konnte man ihn schon von Weitem darauf sehen und in fetten Lettern „Der Kartoffelkönig“ darunter lesen. Huberfranz hatte anfangs Zweifel gehabt, sich so an der Scheunenwand zu sehen. Außerdem hatte das Plakat einen Rotstich, sodass seine großen Ohren auf unvorteilhafte Weise noch mehr zur Geltung kamen. Der Werbemittelhersteller versprach ihm, dass die Sonneneinstrahlung den Rotstich mindern würde, und Huberfranz, der keine Erfahrung damit hatte, aber doch Geschäftsmann genug war, handelte einen Nachlass heraus und machte daraufhin seinen Frieden mit dem Plakat. Er war der Huberbauer, er gab die Richtung vor. Huberfranz stapfte über den schneebedeckten Hof. Er ging, als ob er bei jedem Schritt kiloweise nasses Erdreich an seinen Stiefeln bewegen müsste. Er verkaufte Kartoffeln und anderes Gemüse ab Hof, und seit letztem Herbst bot er seine Waren zweimal in der Woche auf dem neugegründeten Bauernmarkt in der nächsten Kreisstadt an. Die erste Ernte hatte er sorgfältig sortiert in Mieten 13
überwintert und Markt für Markt abverkauft. Er lagerte sie in alten Waschmaschinentrommeln, die ihm der Schrotthändler im Nachbarort günstig überlassen hatte. Sie waren rostfrei, staunässesicher und feldmausfest. In jede Trommel hatte Huberfranz noch zusätzliche Löcher gebohrt, damit Regen und Feuchtigkeit restlos im Boden versickern konnten. Die Mieten hatte er an der Scheune am Hang angelegt, ein seit jeher trockener Platz. Dort hatte er Mulden ausgehoben und in jede eine mit seinem Gemüse befüllte Waschmaschinentrommel gebettet, die er mit alten Straßenschildern vom Bauhof zudeckte. Im Frühjahr stapelten sich die leeren Trommeln an der Scheunenwand, die bei Sonnenschein vom Abhang herunter glänzten und die Aufmerksamkeit der Autofahrer auf sich zogen. Huberfranz wusste, dass andere Bauern skeptisch auf ihn schauten. Er wusste nicht, ob sein Weg der richtige war, aber an der Veränderung, das wusste er bereits besser als andere, kam keiner vorbei. Überall schossen Discounter wie Pilze aus dem Boden. Sie waren ihm ein Dorn im Auge, denn sie boten zwar ein sicheres Einkommen, nach dem viele griffen, aber auch Verträge, von denen Huberfranz nichts hielt. Sie verdarben mit ihren Preisen, Vorschriften und Konditionen das Geschäft. „Ich bin da“, rief er ins Haus. Huberfranz hatte vergessen, sich beim Eintreten ins Haus der Thurners die Schuhe abzustreifen. Sofort begann der Schneematsch von seinen Stiefeln zu schmelzen. Huberfranz machte kehrt. Auf dem Lumpen, der als Fußabtreter vor der Türschwelle lag, streifte er sich die Stiefel so gründlich ab, dass er sich auf dem Stofffetzen um sich selbst drehte. 14