Bomben statt Weihnachtsfrieden Reinhold Bilgeris Video zur neuen Single „Silver Bell“ sorgt für Diskussionen VON CHRISTA DIETRICH E-MAIL: christa.dietrich@vn.vol.at Bregenz (VN) Tote Soldaten, weinende Kinder, blutende Engel, der Weihnachtsmann stirbt im Kugelhagel. Und Uncle Sam, jener smarte Herr mit Stars and Stripes auf Anzug und Zylinder, wähnt sich immer noch als Friedensengel. Reinhold Bilgeri hat seinen ersten Weihnachts-Song eingespielt und ein Video gedreht. Es sorgt für Diskussionen. „Ich bin alles andere als antiamerikanisch“, sagt der einstige Mittelschulprofessor, der vor Jahrzehnten ins Rockbusiness einstieg. „Silver Bell“ lautet der Titel des eingängigen Songs. Er wurde der kleinen Tochter gewidmet, soll „Sehnsucht suggerieren, Sehnsucht nach einer unbefleckten Weihnachtszeit“. Idylle Für Bilgeri sind Jugenderinnerungen dabei („die Weihnacht war der einzige positive Fixpunkt im Internat“), wenn er zu Hause versucht, ganz bewusst eine „Idylle“ abseits der „Abgeklärtheit“ und des „egomanischen Konsumwahns“ zu pflegen. „Das hat nichts Pathologisches, Weihnachten ist bei uns immer ein Atemholen gewesen, das soll so bleiben.“ Der zynischste aller War Lords Den rockigen Schmeichelsong mit entsprechenden Bildern zu unterlegen, erschien Bilgeri dann aber „zu banal“. Man habe heftig diskutiert und sei schließlich zum Schluss gekommen, dass im Video zum Song Krieg, Folter, Unmenschlichkeit und Leid gezeigt werden sollten. „Und zwar eindeutig“, denn neben den Opfern tritt Uncle Sam auf und wünscht mit Glanz und Glitter fröhliche Weihnachten. „Wir haben uns für den zynischsten aller War Lords entschieden, für den mächtigsten und für den, der sich selbst als Friedensengel sieht.“ Don Ron hat das Video produziert. Bilgeri: „Man kann uns alles vorwerfen, nur nicht, dass es unprofessionell ist.“ Einige Sender haben es bereits ausgestrahlt. Die Reaktionen waren nicht nur positiv. US-Stationen zeigten Interesse, Regisseure vom Kaliber eines Brett Leonards („Der Rasenmäher-Mann“) haben sich gemeldet. Das Video soll auch in US-TV-Shows gezeigt werden. Was Bush aufführt . . . Etwa die Hälfte der US-Amerikaner seien regierungskritisch, beurteilt Reinhold Bilgeri, der sich immer wieder in den USA aufhält, die Lage. „Die anderen sind von regierungsmanipulierten Medien ferngesteuert. Wir wissen doch, wie beeinflussbar diese Lemminge sind.“ Mit „The land of the free“ werde es bald vorbei sein, prognostiziert der Musiker, „wer nur als Verdächtiger angesehen wird, darf in Zukunft inhaftiert werden.“ Die Künstler, mit denen er
zu tun hat, seien alle skeptisch. Man weiß, was sich abspielt, „was Bush aufführt . . . Die wollen uns weismachen, dass sie die Welt schützen, dabei haben sie den Irak mit aufgerüstet . . .“ Die Freiheit „Merry Christmas“ heißt es, im Video erscheint die Leuchtschrift zum Bild des toten Weihnachtsmannes. Seinem Kind, das im Fernsehen ohnehin die Bilder vom Leid in der Welt sieht, will er zu Hause ein heimeliges Weihnachten bereiten. Die Freiheit, per Video auf Tatsachen hinzuweisen, wollte er sich nehmen. Zur Person
Der Musiker Reinhold Bilgeri Geboren: 1950 in Hohenems Ausbildung: Studium Geographie, Germanistik, Philosophie, Psychologie Laufbahn: Mittelschulprofessor, dann Rockmusiker, Drehbuchautor, Filmregisseur Wichtige Titel: u. a. „Oho Vorarlberg“ (mit Köhlmeier), „Video Life“, „Some Girls are Ladies“, „Missing you“, „Love is free“ Ich bin alles andere als antiamerikanisch, aber was da jetzt geschieht, ist einfach hochgefährlich. REINHOLD BILGERI Uncle Sam ist kein Friedensengel, er geht über Leichen. „Das ist kein plumper Antiamerikanismus.“