Sperrfrist Von Wolfgang Mörth Aus „miromente 5“, „unartproduktion“ Dornbirn, Hatlerstraße 53 Ein paar Wochen, bevor diese Sache ins Rollen kam, habe ich wieder einmal von ihm geträumt. Wir trafen uns in einer Kellerbar. Er war etwa so alt wie ich und gut drauf. Er bot mir Drogen an. Graugrüne, schon etwas bröslige Pillen. Sie sahen aus wie Schmerztabletten. Ich war überrascht, entrüstet, auch ein wenig beleidigt, weil er mir nie etwas von seinen Neigungen erzählt hatte. Das wäre doch ein Anknüpfungspunkt gewesen, dachte ich. Später, auf dem Heimweg, es war Nacht und wir mussten vor einer geschlossenen Bahnschranke warten, forderte er mich dazu auf, etwas mehr zu riskieren. Also gut. Durch die Eintragungen im Wehrstammbuch ist erwiesen, daß Sie vom 6.3.1944 bis 11.8.1944 bei der 2. SSPi.Ausb. und Ers.Bats. 1 in Dresden und ab 12.8.1944 bei der 9. SS Pz.Division "Hohenstaufen" Militärdienst geleistet haben. Diesen Satz habe ich irgendwann Anfang der Neunzigerjahre in einem Dokument gefunden, das zur Hinterlassenschaft meines Vaters gehörte. Als ich den Satz zum ersten Mal las, fügte ich im Stillen hinzu: Herr Mörth, Sie sind hiermit der Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation überführt. Unter diesem Aspekt könnte es durchaus riskant sein, diesen Auszug zu veröffentlichen. Viele winken zwar mittlerweile gelangweilt ab, wenn ihnen solche Offenbarungen zu Ohren kommen, dennoch werfen Nachrichten dieser Art immer noch, zumindest kurzfristig, einen Schatten auf die Beteiligten und ihr Umfeld. Außerdem riskiere ich den Vorwurf, ich wollte, egal, ob als Ankläger oder Verteidiger, Kapital aus der Sache schlagen. Und zwar ausgerechnet jetzt, wo Günter Grass seine spektakuläre Beichte in dieser Sache abgelegt hat. Ein Vorwurf, der im Kern sogar berechtigt ist. Ich möchte Kapital aus der Sache schlagen, jedoch höchstens in Form eines Zuwachses an persönlicher Geschichte, zu
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mehr wird es leider nicht reichen. Und welcher Zeitpunkt wäre wohl günstiger als der jetzige, zumal es Details aus Günter Grass' Autobiografie waren, die mich veranlasst haben, ein Thema wieder aufzugreifen, an dem ich das Interesse eigentlich schon verloren hatte. Es gab eine Zeit, da stellte ich jede Menge Vermutungen darüber an, was mein Vater damals, mit siebzehn, achtzehn Jahren empfunden, gedacht, getan, erlebt haben könnte, denn erzählt hatte er nichts und gefragt habe ich nie. Ich verwendete meine Vermutungen als Grundlage für eine Erzählung, wurde aber nie damit fertig. Ich war frustriert und glaubte, dieses Versagen hänge mit einer ungetilgten Schuld zusammen, die er mir hinterlassen hatte, um eine Generationenpotenz verdünnt zwar, aber dennoch mitverantwortlich für mein Zögern und Zweifeln. Sollte es eine solche Wirkung tatsächlich je gegeben haben, dann hat sie sich inzwischen wohl verflüchtigt. Genauso wie meine Lust, mir Gedanken über die Bewusstseinslage meines Vaters im Krieg zu machen. Diese Unlust empfand ich zunächst auch, als ich die Autobiografie von Günter Grass zu lesen begann. Ich verstand, worauf er hinaus wollte, doch es war, als redete er durch eine geschlossene Türe auf mich ein. Vielleicht lag es auch daran, dass sein Buch zu denen zählte, die ich auf dem Klo las. Ja, ich gestehe, ich lese auf dem Klo und schrecke dabei auch vor Klassikern nicht zurück. Ob es bestimmte Kriterien gibt, nach denen ich meine Wahl treffe, könnte ich nicht sagen, mir scheint sie bisher eher zufällig gefallen zu sein. Oft sind es unverkäufliche Vorabexemplare von herausragenden Neuerscheinungen, die ich immer schon recht früh im Haus habe, weil meine Freundin Buchhändlerin ist. Das Lesen dieser Vorabexemplare verschafft mir den bescheidenen Genuss, anderen Lesern einen kleinen Schritt voraus zu sein. Zuletzt habe ich den neuen Roman Stille von Tim Parks, in dem ein englischer Starjournalist vor der Biografie, die sein Sohn über ihn geschrieben hat, auf eine Südtiroler Alm flüchtet, auf dem Klo gelesen, danach ein paar Essays des Neurologen Wolf Singer über den Beobachter im Gehirn und dann begann ich, noch lange vor der Sperrfrist, die vom Verlag mit 1. September
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angegeben worden war, mit der Lektüre von Grass' Buch Beim Häuten der Zwiebel. Äußerlich unterscheidet sich das Vorabexemplar übrigens dadurch, dass die Zwiebelzeichnung auf dem Umschlag fehlt und der Deckel nicht von harter, sondern von weicher Konsistenz ist. Je besser der Stuhlgang, desto schleppender die Lektüre. So ist das. Im August aß ich besonders viel Obst, weshalb die heftige Debatte über Grass' Mitgliedschaft bei der 10. Waffen-SS-Division "Frundsberg" schon eingesetzt hatte, bevor ich das Kapitel erreichte, in dem er dieses Detail enthüllt. Zu spät für einen entscheidenden Vorsprung. Ein paar Tage danach wussten es alle. Obwohl mein Vater den Tatbestand seiner Mitgliedschaft nie aktiv verheimlicht hat, wissen davon nur wenige. Ich glaube, außer für mich, hatte es für niemanden je eine entscheidende Bedeutung. Mein Vater war bei seiner Einberufung achtzehn, also ein Jahr älter als Grass, allerdings wirkt er auf dem einzigen mir bekannten Bild, das ihn ungefähr in diesem Alter zeigt, kindlich, auch ein wenig ängstlich. Grass hingegen macht auf dem Soldatenfoto, das in einer August-Nummer des Spiegel abgedruckt ist, einen vergleichsweise männlichen, mutigen Eindruck. In seinem Blick ist die Reife eines jungen Menschen zu erahnen, der viel gelesen hat, "mehr, als ich halten konnte." Darunter Bücher wie Das Bildnis des Dorian Gray und David Copperfield, auch In Stahlgewittern und Im Westen nichts Neues. Zudem ist er bereits in der Lage, ein Urteil abzugeben über die Werke von Leonardo da Vinci, Tintoretto und Caravaggio, oder die Figuren auf dem Isenheimer Altar. Ein gebildeter, tüchtiger Mensch, der sich auch schon geschickt aus brenzligen Situationen herausreden kann, und der zu diesem Zeitpunkt bereits weiß, dass er Künstler werden will. Im Unterschied dazu schaut mein Vater drein wie ein scheues, misstrauisches Landkind, steif ins Licht gestellt und sichtlich verunsichert von der Anwesenheit der Kamera, vielleicht auch von der seines Vaters, Ziegeleiarbeiter und ein brutaler Hund, der auf dem Foto direkt neben ihm steht. Die Familie lebt in Deutschlandsberg, mein Vater ist der
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älteste von vier Brüdern und als Kind oft krank. Er beginnt Werkzeugmacher zu lernen, wird aber dann zum Arbeitsdienst einzogen. Er liest Landserhefte und Indianergeschichten. Dann kommt der Krieg. Nach dem Krieg wird er nach Kanada auswandern wollen, wird es aber nur bis Vorarlberg und von dort als Gastarbeiter in die Schweiz schaffen. Er ist ein intelligenter, schweigsamer, strenger Mensch. Er bemüht sich, freundlich zu sein, aber man spürt, dass er nicht scharf ist auf die Bekanntschaft allzu vieler fremder Menschen. Er wird zwei Töchter haben und mich. Mit mir wird er nicht viel anfangen können. Ich habe irgendwann lange, fettige Haare, laufe mit offenen Schuhbändeln herum und schaue misstrauisch drein. Wir werden nie miteinander reden. Mitte der Siebziger Jahre wird er sich zu meiner Überraschung, auch zu meiner Freude aus der Ausbeutungsfalle befreien, in die ihn sein Schweizer Arbeitgeber gelockt hat, und eine schmale Variante seines Traums realisieren. Er wird als Verwalter eines landwirtschaftlichen Betriebs irgendwo in Bayern arbeiten und es einige Jahre nur mit Kühen, Feldern und Landmaschinen zu tun haben. Im Frühjahr 1983 wird er nach zwei erfolglosen Operationen an einer schmerzhaften Form von Krebs sterben. Etwa ein Jahr vorher sehe ich ihn in der Innsbrucker Uniklinik zum letzten Mal. Meine Mutter hatte mich gebeten, ihn zu besuchen. Ich war erstaunt, wie gelassen er seine Schwäche hinnahm, auch wie routiniert er war im Umgang mit dem Krankenhausalltag. Die Unterhaltung mit ihm fiel mir an diesem Tag nicht schwer. Ich sprach ihn auf seine Narben aus dem Krieg an und meinte, nun sei eben noch eine hinzugekommen. Es war mir bewusst, wie schlecht es um ihn stand, sein Tod, mit dem ich früher oft spekuliert hatte, traf mich dennoch unvorbereitet. Am Ende verweigerte er tapfer die Nahrungsaufnahme und beschleunigte so seinen Abgang. 1993 bekam ich das Vorarlberger Landesstipendium für eine Erzählung zugesprochen, die von meinem Vater und seiner Binnenwanderung aus der Steiermark nach Vorarlberg handelte. Bis vor kurzem war ich noch überzeugt davon gewesen, ich hätte in dieser Geschichte auch seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS erwähnt. Als
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ich jetzt, anlässlich der Grass-Debatte, noch einmal nachschaute, musste ich zu meinem Erstaunen feststellen, dass ich es verheimlicht oder zumindest umschrieben hatte. Warum? Weil es mir wie eine Denunziation erschienen wäre? Oder weil ich kein Kapital aus einer vermeintlich spektakulären Tatsache schlagen wollte? Warum auch immer, ich war offenbar nicht in der Lage, eine konkrete Aussage zu diesem Thema zu machen. Seit wann ich von seiner Mitgliedschaft wusste, kann ich nicht genau sagen, bewusst wurde es mir im Zuge der Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre Mitte der Siebzigerjahre. Meine Haltung zur SS war damals die eines katholischpazifistischen Betrachters von einschlägigen Fernsehdokumentationen und Kriegsfilmen, war also von erwachender politischer Neugier, permanenter moralischer Entrüstung und auch von einer Vorliebe für düstere Geschichten geprägt. An Empörung über die persönliche SS-Vergangenheit meines Vaters erinnere ich mich nicht, lediglich an einen Schauer, der mir über den Rücken lief, als ich mir vorstellte, was alles denkbar war. Ich entschloss mich, seine Waffen-SS-Mitgliedschaft als nichts wirklich Ehrenrühriges zu betrachten, und damit der Einschätzung vor allem von Bruno Kreisky, aber auch von Simon Wiesenthal zu folgen, die mich beide lehrten, zwischen sozusagen natürlichen und unnatürlichen SS-Gattungen zu unterscheiden, und die mir auf jeweils ihre Art zu verstehen gaben, dass mein Vater zu den natürlich Verführten zählte. In der Haltung eines altgedienten Experten auf diesem Gebiet, saß ich also auf dem Klo und las das Kapitel Wie ich das Fürchten lernte, in dem Grass seinen Kriegseinsatz schilderte. Von mir war kein vorschnelles Urteil zu erwarten, soviel war klar. Ich präparierte mich vielmehr mit Verständnis und mit dem festen Willen zur Vergebung, denn immerhin hätte Grass ja auch mein Vater sein können und damit ich sein Sohn. Und dann, weil er immer wieder trickreich die Erzählpositionen wechselte, einmal Ich sagte und dann wieder Er, einmal über den Siebzehnjährigen schrieb, wie er gewesen war, dann wieder wie er heute meinte, er hätte gewesen sein können, und weil während der
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Lektüre ohnehin permanent das Unterprogramm meines eigenen gescheiterten Versuchs, in die Haut eines Menschen dieser Generation zu schlüpfen, mitlief, glaubte ich für Augenblicke, mich selbst in Grass oder ihn in mir zu erkennen, was das Problem mit der Geschichte meines Vaters zu unserem gemeinsamen machte und damit seine Art der Erzählung zu einer von ihm für mich vorgeschlagenen Lösung. Wäre diese Methode auch die richtige für mich gewesen? Schilderte mir Grass hier nicht genau das in authentischer Form, was mein Vater im Krieg empfunden, gedacht, getan und erlebt haben könnte? Fragen, die sich umso dringlicher stellten, als mir klar wurde, wie synchron ihre beiden Kriegsgeschichten verlaufen waren. So wie Grass absolvierte auch mein Vater die militärische Grundausbildung in Dresden, allerdings ein halbes Jahr früher, was zumindest einen Einsatz mehr zur Folge hatte, nämlich die Schlacht um die Brücke von Arnheim und die anschließenden Kämpfe, in deren Verlauf er zum ersten Mal verwundet wurde. Von Mitte November 44 bis Mitte Februar 45 lag er mit von Granatsplittern aufgerissenem Oberschenkel in einem Lazarett in Enschede. Bei seiner Entlassung war die SS-Division "Hohenstaufen" bereits nach Ungarn weiter gezogen. Ihn dorthin nachzuschicken dürfte unmöglich, auch unsinnig gewesen sein, weshalb er einer neuen Einheit zugeteilt wurde. In seinen Papieren habe ich zwar den Eintrag Pion. Btl. 193 gefunden, das passt mir allerdings nicht in den Kram, weil er in diesem Fall, vertraut man den einschlägigen Lexika, zwei Monate später irgendwo bei Danzig im Einsatz hätte sein müssen und nicht dort, wo er sich zu diesem Zeitpunkt nachweislich befand. Logischer wäre ein Marschbefehl zur Division "Frundsberg" gewesen, also zu jener Einheit, bei der Günter Grass gerade seinen Dienst angetreten hatte. Theoretisch durchaus möglich, denn meine Recherchen ergaben, dass die "Frundsberg" und die "Hohenstaufen" ohnehin eine Art Zwillingsdasein führten. Sie waren gemeinsam in der Normandie, beim Kampf um die Rheinbrücken und im Rahmen der Ardennenoffensive aktiv gewesen, und außerdem bestanden sie beide in erster Linie aus Soldaten im Alter von siebzehn bis
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dreiundzwanzig Jahren, jener zur natürlichen Freiwilligkeit verführten Generation also, der mein Vater und Grass ja gemeinsam angehörten. Am beweiskräftigsten für meine Theorie ist allerdings die Tatsache, dass die beiden, wie aus Grass' Text und aus den Unterlagen meines Vaters hervorgeht, ab Mitte April in beinahe identische Kampfhandlungen verwickelt waren. Mitte April geraten sie gleichzeitig hinter die russischen Linien und werden beide bei Spremberg in der Lausitz verwundet. Günter Grass: Granatsplitter linke Schulter, vermutlich am 20. April, also am Geburtstag des Führers, wie er selber betont, mein Vater: I.G. Durchschuss li. Fuss. an einem weniger namhaften Tag aber präziser benennbar am 22. April, denn dieses Datum gibt er bei seiner Einlieferung für das LazarettKrankenblatt zu Protokoll. Ein Papier, das darüber hinaus folgende kurze Vorgeschichte enthält: 1.Versorgung durch Kameraden, behelfsmässiger Verband.- Weiterer Transport über Kriegslazarett Pirna (ca. 8 Tage) nach Aussig (ca. 5 Tage) alsdann nach Bärenstein von da mit Laz.Zug nach Annaberg i. Erzgebirge, wo am 9.6.45 Aufnahme im Lazarett Annaberg – Pestalozzischule – erfolgte. Aufnahmebefund: Schwächerer jüngerer Patient, leichte Anaemie der Haut- und sichtbaren Schleimhäute... Ich habe das so genau abgeschrieben, weil ich, was die Geschichte meines Vaters angeht, froh bin um jede objektivierbare Information. Grass scheinen solche Dokumente für die Erstellung seines Textes nicht zur Verfügung gestanden zu sein, zumindest erwähnt er sie nicht. Aber ein objektives Ergebnis hat er ohnehin nicht im Sinn. Grass lässt seine Erinnerung spielen. In formal stimmiger Regelmäßigkeit lässt sie ihn im Stich und öffnet damit Raum für Spekulationen über das, was wirklich wichtig ist und wahr. Der von Grass zurückgelegte Weg, die von ihm erduldeten Qualen sind naturgemäß ausführlicher, eindringlicher, kunstvoller geschildert, dennoch landet er zur selben Zeit, kaum fünf Kilometer entfernt von meinem Vater im Lazarett, allerdings im deutlich exklusiveren Kurort Marienbad, nahe der tschechischen Grenze. Beide stecken sie inzwischen nicht mehr in der riskanten SS-Uniform. Grass hat sie auf Anraten eines dieser
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Bilderbuchlandser, deren Aufgabe es in jeder Kriegsgeschichte ist, auf unerfahrene junge Spunde wie ihn aufzupassen und dann am Ende beide Beine zu verlieren, gegen eine Wehrmachtuniform ausgetauscht, und auch mein Vater zählt mittlerweile offiziell zum oben erwähnten unverdächtigen Pion.Btl. 193. In der Folge scheint mein Vater einen Vorteil gegenüber Grass gehabt zu haben, denn als beide nach ihrer Entlassung aus dem Lazarett in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, wird Grass' SS-Mitgliedschaft, wie der Spiegel heraus gefunden hat, dokumentiert, die meines Vaters, wie ich weiß, nicht. Es könnte damit zusammenhängen, dass die für Mitglieder der Waffen-SS typische Tätowierung der Blutgruppe unter der Achsel meines Vaters unentdeckt blieb. In Grass' Buch ist der Vorgang der Verhaftung zwar übersprungen, aber vermutlich hatte er dieses Glück nicht. Anders ist es schwer zu erklären, warum Grass fast ein Jahr im Lager sitzen und Hunger leiden muss, während mein Vater Ende August 45 schon wieder mit einem Passier- und Freifahrtschein für die dritte Klasse der Eisenbahn an den Herd seiner Mutter entlassen wird. Dafür trifft Grass im Lager standesgemäß auf den zukünftigen Papst, von meinem Vater sind keine nennenswerten Begegnungen überliefert. Bleibt zu erwähnen, dass auch mein Vater nicht ungeschoren davon kam. Kaum eine Woche zu Hause, klopften die Briten bei ihm an, konfrontierten ihn mit Informationen, die man ihnen zugespielt hatte, und sperrten ihn für ein halbes Jahr in ein Lager in der Nähe von Rimini, wie mir einer seiner Brüder einmal erzählte. 1974, Grass veröffentlichte gerade Der Bürger und seine Stimme. Reden Aufsätze Kommentare, fing die Oberschenkelwunde meines Vaters wieder zu eitern an. Im Zuge der notwendig gewordenen Operation kamen neben ein paar Granatsplittern erstaunlicherweise auch kleine Stoffreste seiner damals getragenen SS-Uniform zum Vorschein. Soweit der Bericht, den ich im Auftrag meines Vaters abgegeben habe. Das zumindest ist meine Interpretation seiner Aufforderung im eingangs erwähnten Traum. Eine bewusst falsche Interpretation habe ich für die anschließend aus dem Dokument meines Vaters zitierte
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Passage nahe gelegt. Ein Trick. Sie sollte so klingen, als wäre sie aus einer offiziellen Anklageschrift entnommen, stammt aber in Wahrheit aus einem Bescheid des Landesinvalidenamtes für Vorarlberg. Ich denke, mein Vater war erleichtert, als er diesen Satz las, denn der Nachweis für seinen Militäreinsatz schuf zusammen mit den ärztlichen Gutachten aus den diversen Lazaretten erst die Voraussetzungen für den rechtmäßigen Bezug einer kleinen Invalidenrente. Hätte Grass irgendwann eine solche Rente notwendig gehabt, er hätte sich seine Waffen-SS-Zugehörigkeit wahrscheinlich ebenfalls behördlich beglaubigen lassen. Als wegen der immensen Nachfrage nach Grass' Buch die Sperrfrist für Rezensionen vorzeitig aufgehoben und die Auslieferung um eine Woche vorverlegt wurde, legte ich es beiseite, denn spätestens damit war mein kleiner Zeitvorsprung aufgebraucht. Außerdem war mir schon längst klar, dass Grass' Erzählung dem Thema, mit Ausnahme seines Outings, nichts Wesentliches hinzufügen konnte. Die Nicht-Erzählung meines Vaters trifft den Kern der Katastrophe mindestens so gut wie der kunstvolle Frontbericht des Schriftstellers. Was mein Vater damals auch empfunden, erlebt, getan und gedacht haben mag, er konstruierte daraus keine spannende Geschichte, versuchte mich nicht zu begeistern mit Helden- oder Antiheldengeschichten, mit atmosphärischer Verdichtung und akrobatischen Erinnerungsübungen. Er war kein Aufschneider und kein Schwätzer, ich glaube deshalb auch nicht, dass er je ein Nazi war, zumindest kein glühender. Mit Sicherheit weiß ich es nicht. Überhaupt weiß ich kaum etwas mit Sicherheit. Natürlich auch nicht, ob mein Vater und Grass sich je über den Weg gelaufen sind. Einmal schreibt Grass, sie hätten "zwei leicht verwundete Landser aufgelesen, die als wären sie Zwillinge, linksseitig humpelten", und ein paar Zeilen weiter: "Die jeweils am Bein verwundeten Landser mußten gestützt und getragen werden. Nur langsam kamen wir voran." Einer der beiden hätte durchaus mein Vater sein können, deshalb würde es mich interessieren, ob Grass gestützt und getragen oder sich lediglich behindert gefühlt hat.
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Aus dem Geschriebenen ist es nicht mit Bestimmtheit heraus zu lesen.
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