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kontur51 - Leseprobe

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Vorarlbergs Wirtschafts- und Lifestyle-Magazin

Feuer und Flamme für altes Handwerk

Von Influencern und Businessmodellen

Die Brüder Marte und der ultimative Auftrag

Willkommen im Wohnzimmer der Großeltern

BHM plant – in Vorarlberg und darüber hinaus

Spannende Kulturreise durch die Region

Frühling 2023 | 3 Euro Foto:
HannoMackowitz

Gesundes Wachstum, nachhaltige Ernte.

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Es geht ums Gefühl. Ein uraltes Handwerk mit unberechenbarer Technik hat es dem Team von KARAK Fliesen angetan: Raku-Brand. Die Schatzsucherinnen und Schatzsucher aus Bludenz wollen mit ihrer Arbeit keinen Trends hinterherlaufen, sondern Design schaffen, das Substanz hat und langfristig funktioniert.

Allseits bekannt. Ob regionaler Player oder Weltmarktführer: Wer zur Marke werden will, braucht gute Geschichten und eine klare Linie. Welche Unternehmen im Land punkten, zeigt das Special „Vorarlbergs ausgezeichnete Marken“.

Kulturreise. Man muss nicht immer in die Ferne schweifen, um gute Kunst erleben zu können. Davos bietet mit dem Kirchner-Museum Kunstwerke, wie man sie sonst nur in großen Städten zu sehen bekommt. Und die Rückfahrt über Chur an den Bodensee entspricht einer Zeitreise durch die bildende Kunst.

Viel Spaß wünscht Ihnen Ihr „kontur“-Redaktionsteam

Inhalt

08 Perfekt im Unperfekten Was die Menschen hinter KARAK Fliesen verbindet, ist die Freude am Handwerk und am Suchen und Finden ungeahnter Schätze.

15 Die echte Welt der Influencer Elias Schwärzler und Markus Peter über Klischees, Träume, Visionen und ihr Businessmodell.

18 Lebe wohl, starres Denken Trendforscher Tristan Horx über die Zukunft der Aus- und Weiterbildung.

21 Wie aus einer anderen Zeit Plattenspieler, Vintagemöbel, alte Uhren: zu Besuch bei Hansjörg Roshard in der Huber Vintage Lounge.

26 Von Anfang an mit dabei 1992 als Drei-Mann-Betrieb gegründet, ist die BHM INGENIEURE –Engineering & Consulting GmbH in Feldkirch heute weltweit aktiv.

31 Und auf einmal ist es dunkel Licht aus, Sinne an – bis auf einen. Ein „Dinner in the dark“.

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Von Influencern und Businessmodellen Die Brüder Marte und der ultimative Auftrag Willkommen im Wohnzimmer der Großeltern BHM plant – in Vorarlberg und darüber hinaus Spannende Kulturreise durch die Region Feuer und Flamme für altes Handwerk
Frühling 2023 3 Euro
Vorarlbergs Wirtschafts- und Lifestyle-Magazin
Editorial
Fotos: BHM Holding, Rick Walder, Klaus Vyhnalek, Bruno Klomfar

34 Elektrisch geht was weiter „kontur“ setzt die spannungsgeladene Reise durch die Welt des Elektroautomobils fort. Diesmal mit einem SUV aktuellen, sozial verträglichen Formats: dem Mercedes EQA.

38 „kontur“-Special „Vorarlbergs ausgezeichnete Marken“

Sie stehen für Tradition und Vertrauen, für Qualität und Innovation: Vorarlbergs ausgezeichnete Marken. Welche von ihnen im ganzen Land bekannt sind, verrät die Vorarlberger Markenhitparade.

55 Den Plan B gab es für ihn nicht

Der Vorarlberger Klarinettist Paul Moosbrugger hat früh gewusst, was er will. Begonnen hat alles bei der „Hatler Musig“.

58 Im Duo viel mehr als 200 Prozent Mit dem Anspruch, die „Vorarlberger Internationale“ zu gründen, haben Bernhard und Stefan Marte vor 30 Jahren ihr Architekturbüro eröffnet – und warten immer noch auf den ultimativen Auftrag.

64 Dabei sein ist alles! Rund 400 Vorarlberger(innen) aus neun Vereinen der Vorarlberger Turnerschaft stecken aktuell mitten im Training für die nächste Welt-Gymnaestrada in Amsterdam. „kontur“ hat vorbeigeschaut.

69 In Bewegung bleiben Arbeitswelten verändern sich laufend. Sofas und Wohlfühllandschaften halten Einzug. Und deren Wirkung ist nicht zu unterschätzen.

72 Zukunft der Logistik

Im Gespräch mit Alexander Fehr von MIA Systems Hohenems über innovative Lagerverwaltung, autonome Robotik in der Industrie und die sich stellenden Herausforderungen.

75 Hochwürden verschenkt Zeit

10 CDs, vier Goldene Schallplatten, eine in Platin und ein 3. Platz beim Vierländer Grand Prix der Volksmusik anno 2009 haben Kanonikus Franz Brei als „singenden Pfarrer“ etikettiert.

78 Mit wenig Aufwand zu viel guter Kunst

Von Davos über Chur in den Bodenseeraum – für Kunstfreunde lohnt sich in den kommenden Monaten eine kleine Kulturreise.

IMPRESSUM Herausgeber, Medieninhaber und Hersteller: Russmedia Verlag GmbH, A-6858 Schwarzach, Gutenbergstraße 1 • Redaktionelle Leitung: Sabine Carotta, sabine.carotta@russmedia.com • Redaktion: Christa Dietrich, Ernest F. Enzelsberger, Stephanie Herweg, Tristan Horx, Elisabeth Längle, Franz Muhr, Edith Schlocker, Yvonne Tscherner, Johanna Walser • Art Direktion: Bernadette Prassl, bernadette.prassl@russmedia.com • Anzeigenberatung: Russmedia GmbH, A-6858 Schwarzach, Gutenbergstraße 1, Patrick Fleisch, +43 5572 501-818, patrick.fleisch@russmedia.com; Thorben Eichhorn, +43 5572 501-878, thorben.eichhorn@russmedia.com; Gabriel Ramsauer +43 5572 501-785, gabriel.ramsauer@russmedia. com; Markus Wertl, +43 5572 501-852, markus.wertl@russmedia.com • Druck: Vorarlberger Verlagsanstalt GmbH, A-6850 Dornbirn, Schwefel 81 • Erscheinungstag: 17. März 2023 • Nächste Ausgabe: 9. Juni 2023

Fotos: Sedus Stoll AG, Kunstmuseum Chur, Jannik Schlageter, privat, Marc Lins, Dominik Beckmann

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Unterberger Dornbirn Stiglingen 75, 6850 Dornbirn Tel.: 05572/23286-0

www.unterberger.bmw.at

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Symbolfoto #bornelectric
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Perfekt im Unperfekten

Man nehme ein altes Handwerk, dessen Technik für seine Unberechenbarkeit bekannt ist, ein kleines Team von Quereinsteigern und das mitten in Europa ... Klingt nach einem schlechten Businessplan? Möglich.

Doch was hier mehr zählt, ist die Leidenschaft. Voilà: KARAK Fliesen.

Baue ich eine Homepage, ist sie nach fünf Jahren veraltet. Unsere Fliese aber liegt vielleicht in hundert Jahren noch in einer Küche und regt zum Dialog an“, fasst Sebastian Rauch einen der Hauptgedanken zusammen, der hinter seiner Entscheidung, KARAK von seiner Mutter zu übernehmen, steht. Das war offiziell vor acht Jahren. Inoffiziell war er rein familiär betrachtet mit dem Betrieb schon viel früher „verbandelt“.

Kontrast. Die Geschichte von KARAK begann mit dem Hausbau der Eltern im Jahr 2007. „Meine Mutter, gelernte Keramikerin, hatte die Idee, für das Lehmhaus besondere Fliesen selbst herzustellen – gebrannt in der uralten japanischen Technik, mit der sie auch ihre Skulpturen und Vasen gestaltete.“ Die Ornamente dafür lieferte der Sohn. Als studierter Grafikdesigner hat-

te er den Blick für Formen und Dimensionen. Und vielleicht war es schon damals, dass sich die Keramik unbewusst ein stückweit in sein Herz brannte. „Die Muster auf Papier gedruckt waren das eine, auf der Fliese haben sie dann aber eine ganz andere Qualität bekommen, die ich jedoch nicht klar benennen oder begreifen konnte.“

So wandte sich Sebastian Rauch wieder sehr erfolgreich seiner eigentlichen Arbeit zu, arbeitete ins Portfolio hinein, immer getrieben, das nächst größere Projekt umzusetzen. „Irgendwann habe ich dann den größten Auftrag bekommen, den ich als Grafikdesigner machen konnte: den Österreichpavillon bei der Architekturbiennale in Venedig. Danach war ich einfach nur leer.“

Die Augen öffnete ihm schließlich eine Messe, bei der er zusammen mit seiner Mutter die Fliesen präsentierte: „Ich musste niemanden überzeugen! Die Leute sind ein-

fach gekommen und man hat förmlich gesehen, wie ihnen das Herz aufgeht. Das war ein starker Kontrast zu meiner Arbeit, bei der ich ständig für mich werben musste.“

Das Herz berühren. Dass er mit seinem Anspruch auf Design auf dem Holzweg ist, wurde ihm zu dieser Zeit immer mehr bewusst. Doch es brauchte noch seine Zeit, bis Sebastian Rauch sich schließlich dazu durchrang, das Unternehmen seiner Mutter Marta Rauch-Debevec, die in Pension gehen wollte, weiterzuführen. Eine Fügung des Schicksals – und ein langer Abend an der Bar – brachte schließlich ans Licht, dass sein Jugendfreund Thomas Rösler, gelernter Werkeugbauer und ein Profi in Prozessoptimierung, sofort mit „an Bord“ wäre und Sebastian sich seit jeher sowieso nur ihn als Partner hätte vorstellen können. Somit war die Sache beschlossen.

Das Feuer gibt der Erde ihren Bestand. Der erste Brand verleiht den Fliesen ihre Festigkeit und ihre warme Haptik. Die im Anschluss im Siebdruckverfahren händisch aufgebrachte Glasur – eine Mischung aus bleifreien Fritten und Metalloxyden – schmilzt erst beim zweiten Brand und geht mit der Fliese eine einzigartige Symbiose ein.

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An der Zange. Beim Raku-Brand liegt beim Öffnen der Ofentür nach dem zweiten Brand ein Knistern in der Luft, die Fliesen glühen noch immer mit 900 Grad. Erst wenn sie tief ins Sägemehl getaucht werden, färben der abrupte Sauerstoffentzug und die zu Kohlenstoff verbrennenden Holzfasern den weißen Ton schwarz.

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Foto: Hanno Mackowitz

Schatzsucher. Besondere Talente und außergewöhnliche Geschichten. Was die Menschen hinter KARAK verbindet, ist die Freude am Handwerk und am Suchen und Finden ungeahnter Schätze.

Spuren. 2019 übersiedelte KARAK in die Fabrik Klarenbrunn in Bludenz, eine ehemalige Stickerei. Und einen besseren Ort als dieses Gebäude kann es für Menschen, die mit Überzeugung und Leidenschaft Fliesen von Hand herstellen, kaum geben. „Überall an den Wänden finden sich Spuren der vergangenen 150 Jahre, in denen hier gearbeitet wurde. Und obwohl hier keine Keramikmanufaktur vorgesehen war, scheint alles wie dafür gemacht. Es fühlt sich an, als wären wir schon immer hier gewesen.“ Wir, das ist das Team von KARAK Fliesen. Charaktere mit außergewöhnlichen Geschichten – Quereinsteiger, die in diesem alten Handwerk nicht nur Arbeit, sondern einen neuen Sinn gefunden haben. Denn gerade in der Sinnsuche sieht Sebastian Rauch – neben der demographischen – eine Ursache für den aktuellen Arbeitskräftemangel. „Vielen

Menschen fehlt der Sinn in ihrer Arbeit.“ Wenn sie dann zu KARAK kommen, den Raku-Brand und das Feuer sehen, würden ihre Augen anfangen zu leuchten. „Und ich hab da auch eine Theorie“, führt er weiter aus. „Ich glaube, wir Menschen haben uns von jeher durchs Machen definiert. Doch dann kam die Maschine, die vieles selber machen konnte. Diese Entwicklung ist immer weiter gegangen, fast alles ist heute auf Knopfdruck möglich. Doch wie das passiert, sehen wir nicht. Im Gegensatz dazu gibt uns das Pressen der Erde Sicherheit. Es ist begreifbar und verständlich.“ Handwerk sei aber noch mehr. Etwas Essenzielles, durch das Neues in die Welt komme. „Das Handwerk ist für uns eine Haltung. Voller Respekt vor dem, was wir mit unseren Händen erschaffen können. Dabei geben wir uns selbst und den Dingen ihre Zeit. Fehler sind erlaubt. Wir setzen auf eine uralte Brennmethode statt auf Brand am Fließband.“ So können pro Jahr etwa 500 bis 600 Quadratmeter Fliesen produziert werden. Jede ein Unikat. Womit wir bei der Unberechenbarkeit wären. „Raku lässt keine Kontrolle zu. Nahezu alles hat bei diesem archaischen Prozess Einfluss auf das Resultat: die Luftfeuchtigkeit, die Beschaffenheit des Sägemehls und

Kunstwerk. Der Ofen ist das Herzstück im Gasthaus des Fuchsegg. Harmonisch fügen sich die Polstermöbel und Holzarbeiten dazu. Nichts ist künstlich, die Natur gibt hier den Ton an.

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Die Umgebung und die Natur haben einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Daher war für uns wichtig, natürliche Materialien in unser Haus zu holen.
Carmen Can Gastgeberin Fuchsegg Eco Lodge
Foto: Hanno Mackowitz, www.guenterstandl.de, Beat Bühler

vielleicht sogar der Mond. Dennoch das gewünschte Ergebnis zu erzielen, erfordert Erfahrung, Ausdauer und manchmal einfach Glück. Im Gegenzug werden wir mit einzigartigen Schätzen belohnt“, erklärt Sebastian Rauch das alte Handwerk, das sein Team und er wieder aufleben lassen. Was ihn besonders freut: KARAK bildet bereits den zweiten Lehrling aus.

Farbenspiel. Gebrannt wird nur auf Bestellung, Kunden können aus einer Kollektion mit knapp 30 Farbtönen und Mustern sowie diversen Formaten und Reliefs wählen. In verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten kommen fast 4000 Varianten zustande. Oder man kommt einfach mit einer Schale Heidelbeeren vorbei und wünscht sich diese Farbe für seine Fliesen, wie es Carmen Can, Gastgeberin in der Fuchsegg Eco Lodge in Schetteregg, gemacht hat. „So war es am einfachsten, Sebastian zu erklären, was ich mir vorstelle.“ Das Team nahm die Herausforderung gerne an und

Mit Liebe. Jeder Rohling wird mit einem Rosenquarz poliert und die Kanten von Hand mit einem Rundholz geglättet.

fing an zu tüfteln, bis schließlich in der Kombination aus Kobaltblau, Schwarz und Kupfer das perfekte Ergebnis gefunden war. Heute sind die Fliesen eines der Highlights im Fuchsegg. Jeder Gast wird von ihnen begrüßt, sie zieren einen großen Ofen, der das Herzstück des Gasthauses bildet. „Mir war von Anfang an klar, für die Gestaltung unseres Hauses heimische Handwerker mit ins Boot zu holen. Sie kennen und lieben die Region“, so Carmen Can. Und dass diese der Hausherrin wichtig ist, erkennt man schon auf den ersten Blick. Die sechs Gebäude des Fuchsegg lassen nämlich eher an ein für den Bregenzerwald typisches Vorsäß erinnern, als an ein modernes Hotel. Holz ist das dominierende Material, auch im Inneren. Und hier finden, wie im Wald, verschiedene Arten nebeneinander Platz. Unter anderem schaffen Weißtanne, Esche und Ahorn eine angenehme Atmosphäre. In der Lounge des Gasthauses sowie im Saunahaus sind die Wände mit Kalkglätte beschichtet,

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Die Freiheiten, die wir in unserer Arbeit haben, haben wir auch aus dem Produkt gewonnen, das eigentlich aus einer Unvernunft heraus entstanden ist.

die aus der Kanisfluh gewonnen wurde. Kork findet sich als Möbeloberfläche ebenso wie als Teppich in verschiedenen Variationen. „Großen Wert haben wir auf natürliche und wohngesunde Materialien gelegt – von den Zimmern bis in den Spielbereich für die Kinder“, so die Gastgeberin, die mit dem Fuchsegg ein Kleinod inmitten von Wald und Wiesen geschaffen hat. Der Bezug zur Natur zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche – und den Betrachter förmlich an. „Es freut mich besonders, dass die Gäste spüren, welche Bedeutung das Handwerk für uns hat. Viele berühren beispielsweise die Fliesen und sind beeindruckt von der Haptik und dem Design, bei dem es immer Neues zu entdecken gibt.“

Es geht ums Gefühl. Und vielleicht ist es genau diese Perfektion im Unperfekten, die fasziniert. „Die Entscheidung für unsere Fliesen liegt schon außerhalb der Komfort-

zone. Denn eigentlich sind wir in unserer Gesellschaft durch das Funktionieren geprägt. Produkte verkaufen sich durch Kennzeichen. Wenn es rein darum geht, kommt man nicht zu uns“, so Sebastian Rauch. Termine mit Bauherren, die meist aus dem privaten Bereich stammen, könnten daher auch mal länger dauern. „Wir müssen manche erst abholen. Weil schlussendlich ist die Entscheidung, welche unserer Fliesen man nimmt, eine reine Gefühls- und keine Kopfsache.“ Nur leider sei das Gespür für Ästhetik durch Trends oftmals aus dem Herzen raus in den Kopf gewandert. Dabei gehe es im Leben doch um mehr als um glatte Oberflächen und Funktionalität. „Denken wir nur an alte Städte in der Toskana. Hier und dort sind Häuser zusammengeflickt, die Patina lässt Geschichte erahnen, nichts ist perfekt. Aber dennoch überkommt uns das Gefühl von Wärme und Heimat im universalen

Sinn.“ Es könnte sich lohnen, das Optimierungsdenken einfach etwas beiseite zu stellen und das Leben zuzulassen. Wie bei einem Holztisch, der eine Schramme bekommt. Vielleicht eine Erinnerung an einen lustigen Abend mit Freunden. „Ist das nicht ein sinnlicherer Bezug zur Nachhaltigkeit? Und es hat doch etwas extrem Schönes, dass wir unsere Spuren hinterlassen. Spuren, die nicht lästig sind, sondern die die Welt schöner machen.“ Sabine Carotta

Unikate. Hochwertige Tonund Lehmerden sowie Schamotte bilden die Basis der Fliesen. In der Manufaktur wird jeder Fliesen-Rohling einzeln in Form gepresst.

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„Für mich ist es leider wie eine moderne Krankheit, dass Design versucht, immer ganz vorne mit dabei zu sein, im Trend zu liegen und deshalb aber nicht die Substanz hat, die es braucht, um langfristig zu funktionieren“, ist Sebastian Rauch überzeugt.
Foto: Hanno Mackowitz

Und auf einmal ist es dunkel

Licht aus, Sinne an – bis auf einen. Wie fühlt es sich wohl an, wenn das Auge nicht mit isst? „kontur“-Chefredakteurin Sabine Carotta hat sich einen Abend lang ins Dunkel begeben. Beim „Dinner in the dark“.

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Ich muss sagen, ein bisschen Nervosität ist schon mit dabei, als ich mir meinen Weg von Schwarzach aus emporbahne in Richtung Haus Ingrüne. Ein Abend lang in vollkommener Dunkelheit. Wird mein Körper – oder vermutlich wohl eher mein Kopf – das mitmachen und durchhalten? Doch Elias Milz, Leiter des Erholungszentrums und Ferienhotels für Blinde, Sehbehinderte und deren Angehörige, beruhigt mich und auch meine elf Mitstreiter für diesen Abend sofort. „Es kommt sehr selten vor, dass Gäste den Abend frühzeitig beenden und zurück ans Licht wollen. Natürlich kann das passieren, aber meist handelt es sich dabei um Menschen, die mit Platzangst zu kämpfen haben.“ Okay, das muss ich in meinem Alltag zum Glück nicht, Entspannung macht sich breit. Erst recht, als Eventkoordinatorin Katharina Matt uns Herta Gächter vorstellt. Unseren „Fels in der Brandung“ für den nun folgenden Abend. Und damit übertreibe ich nicht. Denn ohne Herta wären wir verloren. Die gebürtige Lochauerin und Wahl-Lustenauerin ist seit ihrer frühesten Kindheit blind und navigiert uns durch das Dinner – mit einer unvergleich sympathischen Art und vor allem mit viel Humor.

Greif zu. Und dann geht es auch schon los: Uhren, und alles was irgendwie leuchten könnte, ab, Handys aus und rein in die Schleuse. In diesem Gang vor dem eigentlichen Dinnerraum stellt Herta uns in Reih und Glied auf. Hand in Hand stehen wir da, das Licht ist bereits aus. Und so folgen wir unserer Lotsin blind – im Entenmarsch.

Nach und nach findet jeder seinen Platz. Jetzt gilt es, sich erstmal mit dem Setting des Abends vertraut zu machen. Tasten und Fühlen werden die Sinne der Stunde, auf dem Tisch ebenso wie im Teller.

Zwei Gabeln und zwei Messer liegen da, Dessertbesteck ebenso. Mein erster Gedanke: Puh, zum Glück keine Suppe! Wie man sich doch täuschen kann ... Wasser steht auf dem Tisch, das dürfen wir uns nämlich selber einschenken. Wichtigster Tipp: Finger ins Glas! So spürt man gleich,

wann man mit dem Eingießen aufhören sollte. Der Gruß aus der Küche eröffnet den Abend. Irgendwas mit Käse, Rucola rieche und schmecke ich. Dazu Aromen, die ich nicht zuordnen kann. Und genau so geht es beim zweiten Gang weiter. Gebeizter Fisch, Blumenkohl und ein spannendes Spiel aus Säure, Süße und Salzigem – was die Analyse nicht einfacher macht. Darum denk ich mir: Genieß es und lass dich am Ende überraschen. Die Suppe kommt dann doch – ein Karotten-Ingwer-Shot, zum Glück zum Trinken –, gefolgt von einem

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Wir freuen uns, dass wir mit dem Dinner die Menschen in unser Haus holen und sensibilisieren können.
In der Küche. Michael Kohler (l.) und Thomas Willi Wieländner sorgen für die Geschmacksexplosionen.
Fotos: Frederick Sams

Es ist schon eine spannende Erfahrung, wenn Hör-, Fühl- und Geschmackssinn im Mittelpunkt stehen. Neben dem „Dinner in the dark“ gibt es im Haus Ingrüne in Schwarzach auch eine „Jause in the dark“, bei dem unter der Woche vor allem Schulklassen Einblicke in die Welt von Sehbehinderten und Blinden bekommen.

herrlich duftenden Schmorgericht, Shortribs vom Kalb mit Polenta und Gemüse. Den Abschluss bildet eine Buchtel mit eingelegten Holunderbeeren. Zugegeben, so konkret finden wir das erst nach dem Dinner heraus, als Koch Thomas Willi Wieländner uns zeigt, was wir so gegessen haben. Er sorgt ebenso wie Michael Kohler für das leibliche Wohl der Gäste. Und die Qualität der Küche spricht sich rum. „Das ‚Dinner in the dark‘ haben bis vergangenes Jahr eher

sporadisch angeboten. Mittlerweile findet das beliebte Event jede Woche statt“, erzählt Katharina Matt.

Orientierungslos. Bei diesem Angebot des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Vorarlberg (BSVV), der das Haus Ingrüne betreibt, geht es aber nicht nur um den kulinarischen Genuss. Vielmehr kann der Abend auch als ein „Hineinschnuppern“ in die Welt der Blinden betrachtet

Die „gute Seele“. Herta Gächter führt die Gäste durch den Abend, serviert das Menü und liefert dazu viele Geschichten aus ihrem Leben, die einen zum Lachen ebenso wie zum Nachdenken bringen.

werden. Wie wäre es, wenn ich selber nichts mehr sehen würde? Und ich muss sagen, das Dinner wird zu einem kleinen Wechselbad der Gefühle. Ab dem ersten Moment in Dunkelheit fühle ich mich orientierungslos. Doch dafür ist ja Herta da, die mit einer Sicherheit und Souveränität im Raum unterwegs ist. Klar, das ist ihr Leben, seit mehr als 70 Jahren. Dennoch bewundere ich sie dafür – auch für ihre Leichtigkeit und ihren Humor. „Ich habe in meinem Leben eigentlich nie das Gefühl gehabt, benachteiligt zu sein“, sagt mir die zweifache Mutter nach dem Dinner. Und das nehme ich ihr ab. Herta ist die „gute Seele“ des Abends. Ihr zuzuhören, bringt einen zum Lachen und gibt Sicherheit in dieser so völlig unbekannten Situation.

Schwarz. Nichts anderes nimmt man wahr, man sieht die sprichwörtliche Hand vor Augen nicht. Und das meine ich ernst. Umso mehr bin ich überrascht, wie schnell die Orientierung am Tisch klappt. Der Griff zum Glas sitzt. Dennoch, zwischendurch muss ich immer wieder die Augen schließen. Denn nichts zu sehen, ist anstrengend. Es kommt mir vor, als würde der Sinn, der eigentlich auf Standby ist, ständig arbeiten, Umrisse fokussieren, die einfach nicht da sind. Ebenso nicht mehr vorhanden ist mein Zeitgefühl. Nie hätte ich gedacht, dass wir drei Stunden im Dunkeln verbracht haben, auf einer Sinnesreise, die schön, aber auch herausfordernd war – emotional wie sensorisch. Und ich muss gestehen, am Ende bin ich doch froh, als langsam das Licht wieder angeht. Sabine Carotta

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Mit wenig Aufwand zu viel guter Kunst

Davos bietet mit dem KirchnerMuseum Kunstwerke, wie man sie sonst nur in großen Städten zu sehen bekommt. Die Rückfahrt

über Chur an den Bodensee

entspricht einer Zeitreise mit bildender Kunst vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Foto: Matthias Gegner/Kirchner Museum Davos

Der Himmel ist sattblau und die Sonne sorgt für einen goldenen Schimmer auf dem weißen Schnee. Trotzdem brauchen wir keinen Schlechtwettereinbruch, um in Davos nicht einen jener Lifte anzusteuern, die uns auf die Pisten bringen, sondern das Kirchner Museum. Um 11 Uhr wird geöffnet, wir sind die ersten Besucher, aber in wenigen Minuten schon nicht mehr allein. Das Werk des deutschen Malers und Grafikers Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) ist derart anziehend und komplex, dass der Bau eines eigenen Hauses für jene Bilder und Objekte, die Schweizer Kunstsammler gesichert hatten, nur eine Frage der Zeit war.

Die Zürcher Architekten Annette Gigon und Mike Guyer bündelten in ihrem mehrteiligen Glaskubus-Entwurf die Idee von einer funktionalen Museumsarchitektur, die die ungestörte Auseinandersetzung der Betrachter mit einem Kunstwerk gewährleistet, diese von der Außenwelt aber nicht abschottet. Das heißt, dass in den verbindenden Gängen oder in Bereichen für die Museumspädagogik ein Blick auf die Landschaft möglich ist. Mag Davos mit seinen zahlreichen Veranstaltungen mittlerweile noch so dicht

verbaut sein, so sorgte die Natur dafür, dass die vielen Berggipfel den auf rund 1500 Metern liegenden Ort nicht einengen.

Die Möglichkeit, hier durchzuatmen, hat auch Ernst Ludwig Kirchner nach Davos verschlagen. Das traumatisierende Grauen im Ersten Weltkrieg, die Konflikte mit Kollegen der Künstlervereinigung „Die Brücke“ und daraus resultierende gesundheitliche Probleme führten dazu, dass er sich ab 1917 immer wieder im Luftkurort aufhielt. Dass die Nationalsozialisten dann seine Werke aus den Museen entfernten und seine Kunst als „entartet“ diffamierten, gilt als ein zentrales Motiv für seinen Selbstmord am 15. Juni 1938 in der Nähe seines Wohnhauses im Davoser Ortsteil Frauenkirch-Wildboden. Engagierte Nachlassverwalter, Sammler und die Kirchner-Stiftung sorgten dafür, dass die farbintensiv abstrahierten Arbeiten eines der wichtigsten Vertreter des Expressionismus erhalten und zugänglich sind.

Beginn der Moderne im „Zauberberg“-Ort. Es lohnt sich, das Museum in Davos noch vor September dieses Jahres anzusteuern. Abgesehen davon, dass man es hier nicht versäumt,

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Die Redewendung ‚Abwarten und Tee trinken‘ stammt aus dem in Davos spielenden Roman ‚Der Zauberberg‘.
Gute Architektur. Das KirchnerMuseum wurde von Annette Gigon und Mike Guyer geplant. Beeindruckend. Arbeiten von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Sonderausstellung. Das Kirchner-Museum zeigt heuer Werke der Sammlung Horn.
Fotos: Christa Dietrich
„Sertigtal im Herbst“. Ernst Ludwig Kirchner hielt sich viele Jahre in Davos auf.

Kirchner-Werke wie „Sertigtal im Herbst“ zu zeigen, dieses Bild mit den blauen Bergen und bunten Bäumen oder das Triptychon „Alpleben“ sowie die „Mandolinistin“, ein Porträt, in dessen Hintergrund eine Schneelandschaft zu erkennen ist, sind erstmals die Werke aus der deutschen Sammlung Horn in der Schweiz. Die Auswahl umfasst rund 100 Exponate und führt Arbeiten von Kirchner mit jenen von Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Otto Mueller sowie von Käthe Kollwitz, Alexej Jawlensky und Ernst Barlach zusammen. Der Beginn der Moderne in der europäischen Kunst am Ort des „Zauberberg“ – das hat etwas. Davos ist auch untrennbar mit dem 1924 erschienenen Roman von Thomas Mann verbunden, in dem sich in den handelnden Figuren gesellschaftspolitische Themen im Europa vor dem Ersten Weltkrieg widerspiegeln.

Was die Gestaltung und die Beschriftung der ExpressionismusAusstellung in Davos im Besonderen auszeichnet, ist eine eingehende, kritische Auseinandersetzung mit den Perspektiven und der Haltung, die die Künstlerinnen und Künstler einnahmen. Die Idyllisierung der Natur oder die Darstellung der Menschen in Ländern, in denen die Deutschen als Kolonialherren wüteten wie auch

Gut

der Antisemitismus des allgemein als Landschafts- und Blumenmaler wahrgenommenen Emil Nolde (1867–1956) finden deutliche Erwähnung. Käthe Kollwitz (1867–1945) zählt zu jenen Künstlerinnen, die sich mit Zeichnungen und als Bildhauerin am eindrücklichsten gegen Diskriminierung und soziale Missstände wandte sowie ihrer pazifistischen Gesinnung mit ihrer Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ ergreifend Ausdruck verlieh. Der Bildhauer Ernst Barlach (1870–1938) hatte selbst durch Ausstellungsverbote erfahren, zu welchen Auswirkungen die faschistische Gesinnung führt, für die er zuvor unreflektiert eintrat. Die Arbeiten beider werden hier in einem eigenen, gut gestalteten Raum in aufrüttelnder Weise einander gegenübergestellt.

Ein Zeitsprung. Es ist nur ein kurzer Weg von Davos, aber ein großer Zeitsprung, denn das Kunstmuseum Chur wird gerne wegen der Sammlung mit Werken der Malerin Angelika Kauffmann (1741–1807) aufgesucht. Dass zeitgenössische Kunst bzw. jene des späten 20. Jahrhunderts hier genauso vertreten ist, dokumentiert etwa die Sonderausstellung mit Arbeiten der Schweizerin Ilse Weber (1908-1984). Ihre Biografie ist nahezu exemplarisch für die Position von Künstlerinnen in der männlich dominierten

Sammlungen

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von Würth. Arbeit von Not Vital im Forum Würth in Chur, „Venedig, auf der Riva Schiavoni“ von Carl Moll in Rorschach. gestaltet. Die Expressionismus-Ausstellung ist hier eindrücklich aufbereitet. Geschnitzt. Für seine Lebensgefährtin Erna Schilling fertigte Ernst Ludwig Kirchner ein Bett.
Die Ausstellungen im Forum Würth in Chur und Rorschach sind frei zugänglich. An beiden Orten wurden Skulpturenparks errichtet.
Fotos: Christa Dietrich, Kunstmuseum Chur

Nach Chur locken Angelika Kauffmann, aber auch Malerinnen des 20. Jahrhunderts wie Ilse Weber.

Szene, ihre Bildsprache fasziniert ob der Verschiebung der Wirklichkeit in den Landschaften und Objektdarstellungen.

Eine bleibende Attraktion. Das vor rund 20 Jahren eröffnete Forum Würth in Chur ist ob seines Skulpturenparks, den es in der Graubündner Stadt ebenso wie in Rorschach am Bodensee gibt, auch für Spaziergänger eine bleibende Attraktion. Während die bis Oktober zu sehenden Arbeiten der deutschen Malerin Lotte Copi (1924–2019) unter Dach eine aufschlussreiche Europareise nachvollziehen lassen, aber doch eher von regionaler Bedeutung sind, lockt unter freiem Himmel die Konfrontation mit Arbeiten der international renommierten Performancekünstlerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle (1930–2002). Die fantasie- und farbenreichen Großskulpturen, die weiblichen Wesen, die so viel Selbstbewusstsein ausstrahlen mit den kinetischen Kunstwerken von Jean Tinguely (1925–1991) in Verbindung zu bringen, erinnert an die gemeinschaftliche Arbeit des Künstlerpaares für den Strawinsky-Brunnen beim Centre Pompidou in Paris. Mit „Tongue“ eine fast acht Meter hohe, einer Rinderzunge nachempfundene Skulptur von Not Vital

(geb. 1948) hier zu postieren, ist fast schon Verpflichtung. Die Lotusblüten auf dem Alexanderplatz konnten schließlich nicht das einzige Zeugnis der Auseinandersetzung mit der Natur dieses in-

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