Sommer 2020 | 3 Euro
Vorarlbergs Wirtschafts- und Lifestyle-Magazin
Die Zukunft wird nachhaltig verpackt Wo Kreativität in der Nachbarschaft liegt Gastgeber mit Herz und groĂ&#x;en Plänen Wenn Freud und Isegrim sich treffen Unvergessliche Zeiten im Kunsthaus
Foto: Fotowerk Lampelmayer GmbH
Frischer Wind in der Welt der Juwelen
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Editorial Neustart. Lockdown, Masken tragen, Abstand halten, zu Hause bleiben ... in den vergangenen Monaten haben wir eine völlig neue Welt erlebt. Langsam liegt die Zeit des Stillstands aber hinter uns. In Vorarlbergs Unternehmen stehen die Zeichen auf Neustart. Und viele nehmen aus der Krise nicht nur Negatives mit. Unvergesslich. Zum Glück müssen wir in diesem außergewöhnlichen Sommer nicht gänzlich auf Kultur verzichten. Im Kunsthaus Bregenz rückt nicht nur die momentane Zeit, sondern auch die Geschichte des Hauses in den Mittelpunkt. Auf gute Nachbarschaft. In der Bregenzerwälder Gemeinde Langenegg geben sich kreative Köpfe quasi die Türklinke in die Hand. Und sie zeigen, dass gemeinsam viel erreicht werden kann. Eine Geschichte von scharfer Leidenschaft und archaischer Kreativität, bei der so manches Licht aufgeht. Viel Spaß wünscht Ihnen Ihr „kontur“-Redaktionsteam
Inhalt 06 Bestens verpackt Eine intelligente Kreislaufwirtschaft ermöglichen – darum dreht sich derzeit alles in der Kunststoffbranche. Verpackungsspezialist Alpla gestaltet dieses Vorhaben aktiv mit. 12 Café der besonderen Art Die Schauspieler des Ensembles Café Fuerte machen Erzähltheater. Überall dort, wo sie wollen. 17 Auf der Garfrenga Von der Ziegenwiese zu einem der exklusivsten Campingplätze Österreichs. Die Geschichte der Familie Morik ist untrennbar mit ihrem Alpencamping Nenzing verbunden. 22 In zartem Grün Das Cayenne Coupé E-Hybrid als Paradebeispiel für die sich wandelnde Porsche-Denkweise. 25 Mit Mut und Weitblick Designerin, Visionärin, Geschäftsführerin von Präg Dornbirn. AnnaLena Hollfelder bringt frischen Wind in die Schmuck- und Uhrenbranche.
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30 Starke Wirkung garantiert Im Kunsthaus Bregenz dreht sich in diesem unvergesslichen Sommer alles um die Geschichte der Einrichtung und die aktuelle Zeit. Und eines steht fest: Ein einziger Besuch ist definitiv zu wenig. 36 kontur-Special Vorarlbergs „Top 100“-Unternehmen setzen neue Impulse für die heimische Wirtschaft. Und zeigen, dass mit Zuversicht und Überlegtheit auch in Krisenzeiten Großes hervorgebracht werden kann. 52 Regional verankert Investitionen in Digitalisierung und Klimaschutz prägen auch beim Hohenemser Sanitär- und Heizungsgroßhändler Inhaus die Zukunft. 54 Leichtigkeit im Ernsthaften Die Norwegerin Solveig Furu Almo und der Vorarlberger Lukas Pankraz Mähr sind die Architekten hinter Studio SAAL. Gearbeitet wird an Bauprojekten, räumlichen Interventionen und Filmen. 59 Kochen aus der Konserve Dem Ideenreichtum österreichischer Spitzenköche ist zu verdanken, dass lukullischer Genuss trotz untersagter Restaurantbesuche gesichert war. 64 Der Tüftler 2000 Patente in 20 Jahren. Anton Pfanner liegt das Erfinden im Blut – ebenso eine Leidenschaft für Oldtimer. 10 Fragen an den Gründer von Pfanner Schutzbekleidung. 67 Gute Nachbarn Die Liebe zur Region und zum Handwerk verbindet Petra Raid, die Brüder Bernhard und Karl-Heinz Domig sowie Georg Bechter. Die kreativen Köpfe erschaffen Einzigartiges und Exklusives.
75 Gnadenlos aufregend Daniela Larcher schreibt unter dem Synonym Alex Beer. Ihre „Spezialität“: Kriminalromane mit historischem Kontext. 78 Willkommen im Alsergrund Keine Bobos, dafür Krankenhäuser, Studenten und ganz viel Beschaulichkeit. Im 9. Bezirk zeigt sich Wien von seiner herrlich unaufgeregten Seite – und mit einer großen Portion Gelassenheit.
IMPRESSUM Herausgeber, Medieninhaber und Hersteller: Russmedia GmbH, A-6858 Schwarzach, Gutenbergstraße 1 • Redaktionelle Leitung: Sabine Carotta, sabine.carotta@russmedia.com • Redaktion: Angelika Böhler, Christa Dietrich, Ernest F. Enzelsberger, Marion Hofer, Verena Konrad, Elisabeth Längle, Franz Muhr, Andreas Scalet, Christiane Schöhl von Norman • Art Direktion: Bernadette Prassl, bernadette.prassl@russmedia.com • Anzeigenberatung: Russmedia GmbH, A-6858 Schwarzach, Gutenberg straße 1, Patrick Fleisch, +43 5572 501-818, patrick.fleisch@russmedia.com; Gerard Hann, +43 5572 501-277, gerard. hann@russmedia.com; P etra Kremmel, +43 5572 501-356, petra.kremmel@russmedia.com; Nadja Mauser, +43 5572 501-280, nadja.mauser@ russmedia.com; Gabriel Ramsauer +43 5572 501-785, g abriel.ramsauer@russmedia.com; Markus Wertl, +43 5572 501 852, markus.wertl@ r ussmedia. com • Druck: Buchdruckerei Lustenau GmbH, A-6890 Lustenau, Millennium Park 10 • Erscheinungstag: 19. Juni 2020 • Nächste Ausgabe: 30. Oktober 2020
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Auf der Ziegenwiese
Foto: Alpencamping Nenzing
Ob nebelverhangen oder in strahlendem Sonnenschein – auf der Garfrenga hoch ßber Nenzing spielt jede Wetterlage ihren besonderen Charme aus. Zwischen Wäldern und Bergen verborgen liegt der Lebensmittelpunkt von Familie Morik. Das Alpencamping Nenzing.
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Teamwork. Mit den Chalets konnten sich Michelle und Gertie verwirklichen. Die Tochter architekonisch, die Mutter in Einrichtung und Details.
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wei Jugendliche gründen einen Campingplatz. Der eine Landwirt, der andere Tischler. Von Tourismuskenntnissen keine Spur. Klingt nach einer verrückten Idee? War es damals vielleicht auch. Aber eine von Erfolg gekrönte. Wir schreiben das Jahr 1970. Eigentlich möchte Anton, der Bruder von Josef Morik, eine Landwirtschaft aufbauen. Die Genehmigung scheitert, also wird nach einer Alternative gesucht. Die zündende Idee hat der damalige Bürgermeister von Nenzing. Da der Campingplatz im Ort aufgelassen wird, schlägt er der Familie vor, auf ihrem Grundstück oberhalb der Gemeinde einen neuen zu gründen. Vater Sepp aber arbeitet in Liechtenstein. Somit liegt die Verantwortung von Anfang an bei Josef und seinem Bruder, damals 15 und 19 Jahre alt. Und die beiden haben Großes vor. Von Rückschlägen und Kampfgeist. „Wir wussten von Anfang an, dass wir hohe Qualität bieten wollen“, erinnert sich Josef Morik zurück. Mit 180 Plätzen und beheiztem Schwimmbad wird schließlich eröffnet. 1973 kommen die ersten Gäste – und 1974 leider auch
gleich der erste herbe Rückschlag. Der mit viel Herzblut umgebaute, historische Stadel aus dem 14. Jahrhundert brennt nach einer Veranstaltung im Winter ab. „Das hat uns damals enorm zurückgeworfen.“ Doch die beiden Brüder beißen sich durch und machen unbeirrt weiter. Nach erfolgreicher Werbung kommen bald die ers ten Holländer ins Alpencamping Nenzing und mit ihnen zum Fa milienurlaub im Jahr 1979 auch die junge Gertie. Schon im Jahr darauf bleibt sie für immer und wird die starke Frau an Josefs Seite. Die beiden ergänzen sich ideal. Während Josef als Handwerker der Mann „fürs Grobe“ ist, hat Gertie den Blick fürs Detail. Die stimmige Dekoration und Inneneinrichtung in und um die Restaurants, in den Chalets und Appartements trägt ihre Handschrift. Auch Büro und Rezeption sind ihr Reich. Bis im Jahr 1990 Tochter Michelle geboren wird. Sie wächst auf dem Campingplatz auf, verbringt die Sommerferien und jede freie Minute zwischen Wohnmobilen und
Familienbande. Gertie und Josef Morik mit Tochter Michelle und ihrem Lebensgefährten Hubert.
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Wir sind froh, schon viele Jahre ein so tolles Team zu haben. Im Tourismus keine Selbstverständlichkeit.
Fotos: Alpencamping Nenzing, Dietmar Stiplovsek
Neue Dimension. Die Gäste – ob mit Zelt oder im Chalet – schätzen das Angebot von Wellness und Badevergnügen.
Zelten. Ein Paradies. „Darum habe ich auch nie daran gezweifelt, dass Michelle mal den Betrieb übernehmen wird. Sie war hier so glücklich, der Campingplatz war ihre Welt“, so Gertie Morik. Dennoch führt der Weg Michelle erst in eine andere Richtung: in den Spitzensport. Als Skirennläuferin ist sie erfolgreich im ÖSV aktiv. Doch zahlreiche Verletzungen lassen Zweifel aufkommen. „Ich konnte einfach nicht mehr die nötigen 110 Prozent geben. Und ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr für den Sport lebe“, lässt Michelle das damalige Gefühlschaos Revue passieren. „Ich habe dafür gelebt, hier im Alpencamping meine Vision umzusetzen.“ Für sie steht fest: Sie kehrt dem Rennsport den Rücken zu, konzentriert sich auf das Familienunternehmen. Für Vater Josef zunächst nicht begreifbar, einige Monate herrscht Funkstille zwischen den beiden. „Ich kann meinem Vater deswegen nicht mal böse sein. Er war bei jedem Rennen dabei, stand stundenlang im Skikeller. Mein Aus im Sport war für ihn wie das Ende eines wichtigen Lebensabschnitts.“ Für Michelle aber zugleich der Beginn eines neuen. Schule fürs Leben. Mit voller Leidenschaft stürzt sich die damals 25-Jährige in den Tourismus. Erste Station: die Ausbildung zur Weinsommeliere. Es folgt das Studium Tourismusmanagement und Leadership. Den Master hängt sie im Frühjahr 2020 gleich noch dran. Neben der Arbeit mit 12- bis 14-Stunden-Tagen. „Die Disziplin dafür habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Und natürlich hätte ich auch keine bessere Schule fürs Leben bekommen
können als den Profisport. Nicht nur Durchhaltevermögen, auch mentale Stärke und den Umgang mit Menschen habe ich in dieser Zeit gelernt. Jede Verletzung hat mich im Nachhinhein weitergebracht“, ist sie überzeugt. Doch da gibt es noch jemanden, der ihr Disziplin und Lebensfreude quasi vorgelebt hat: ihr Großvater Sepp, der fast 97 Jahre alt wurde. „Mein großes Vorbild. Ich habe in meinem Leben noch nie eine charismatischere Person kennengelernt“, schwärmt die Enkelin. „Bergtouren, bei denen er so manchen Jungen abgehängt hat, waren noch im hohen Alter seine Leidenschaften. Mit 90 fing er an, Theater zu spielen. Er war stets gut aufgelegt, redete über niemanden schlecht, unterhielt die G äste – immer mit einem Gläschen Rotwein in der Hand.“ Sepp und die Söhne Josef und Anton, der leider auch bereits verstorben ist, sind es, die mit den Gästen in den 80er- und 90erJahren stundenlange Bergtouren unternehmen. Eine Idee, die Josef von seiner Zeit als Skilehrer in Zürs mit nach Nenzing bringt. „Das waren richtige Ereignisse. Wir haben jede Tour gefilmt, am Abend wurden die Videos zusammen im Restaurant angeschaut“, erzählt Josef nicht ohne Stolz. Und heute? „Ja wenn man für eine angebotene Tour noch acht Teilnehmer bekommt, ist das schon viel.“ Ein Sinnbild für den Camper von heute? „Könnte man schon so sagen. Wer heute auf den Campingplatz kommt, möchte seine Ruhe, Wellness, vielleicht ein bisschen wandern. Aber keine Tour auf die Schesaplana“, ist der Seniorchef überzeugt. Campen hat
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Mein Opa ist mein Vorbild. Er hat nie schlecht über andere geredet, war immer gut gelaunt.
Erinnerungen. Michelle mit ihrem Opa Sepp. Das Unterhalten der Gäste war seine Leidenschaft.
sich verändert – und damit auch das Publikum. „Natürlich gibt es noch die Stammgäste, die jedes Jahr für mehrere Wochen kommen. Das freut mich besonders, denn die haben teilweise schon auf mich aufgepasst, als ich noch ein kleines Kind war“, schmunzelt Michelle. Und dann gibt es da die neue Zielgruppe. Manager, Banker, ... „Gerade Menschen, die beruflich viel unterwegs sind, wollen in ihrer Freizeit kein Hotel sehen. Sie wollen sich frei fühlen, aber dabei nicht auf Service und hohe Qualität verzichten. Und dafür ist Camping oder Glamping die ideale Alternative.“ Große Pläne. Im Alpencamping Nenzing haben Gäste die Qual der Wahl: Nächte im Zwei-Mann-Zelt? Im Wohnmobil? Oder doch in einem der Himmelchalets? Abendessen in einem der Restaurants oder Grillen vorm Wohnwagen? „Eine Freiheit, die eigentlich nur Campen bieten kann.“ Die Himmelchalets sind übrigens ein gutes Beispiel für die Vision von Michelle Morik: Gastfreundlichkeit und Innovation. Immer mit Blick auf Qualität und Regionalität. „Wir zählen seit Jahren zu den Leading Campings in Europa. Und das
Wertschöpfung. Die Himmelchalets wurden in den Region produziert. Für Michelle Morik war das Voraussetzung.
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Fotos: Alpencamping Nenzing
wollen wir auch bleiben. Darum gilt es, Investitionen zu tätigen und innovativ zu sein.“ Und es gibt große Pläne. „Aktuell haben wir vor, die Küche zu vergrößern. Darüber wird ein fünfstöckiger Hotelkomplex entstehen. Inmitten der Anlage wird zudem eine große Wiese als Ruhebereich errichtet. Letztendlich wollen wir zu einem Resort werden, in dem jeder Gast zufrieden urlauben kann“, blickt Michelle in die Zukunft, von der sie klare Vorstellungen hat. „Eines meiner Ziele ist es, ein mittleres Management einzuführen, das es bisher nicht gab. Geschäftsführung, Technik, Restaurantleitung – meine Eltern stemmten das alles zu zweit, das kann ich alleine nicht leisten. Mein Lebensgefährte Hubert steht voll und ganz hinter mir und dem Betrieb. Doch er kommt aus der Industrie, hat ein eigenes Unternehmen. Unsere unterschiedlichen Berufswelten zukünftig unter einen Hut zu bringen, wird sicher Herausforderung genug“, lacht die junge Unternehmerin. Und was sagen die Eltern? Sie unterstützen ihre Tochter in ihrer Vision. „Ich sage immer: Ich hab’ meinen Job gut gemacht, jetzt kommt die neue Generation dran. Und die soll es so machen, wie es für sie passt. Schließlich ist es ihre Zukunft“, sagt Gertie Morik. „Ich freue mich darauf, in der Pension endlich all das machen zu können, was in den vergangenen Jahren kaum möglich war. Freunde treffen zum Beispiel.“ Und am Ende das Tages kommen sie alle wieder zusammen – auf ihrer Garfrenga (rätoromanisch), der Ziegenwiese hoch über Nenzing. Sabine Carotta
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Es gibt zahlreiche Gründe, das Kunsthaus Bregenz in diesem in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Sommer mehrmals zu besuchen. Künstlerinnen und Künstler reagieren auf die momentane Zeit, umfassen aber auch die Geschichte dieser besonderen Einrichtung.
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Foto: Annette Messager
Mit starker Wirkung
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ilder von Otto Dix oder Georg Grosz sind es, die er vor Augen hat, wenn vom Ersten Weltkrieg die Rede ist. Auch der Schriftsteller Erich Maria Remarque eröffne ihm heute den Blick auf diese Zeit, meint Thomas D. Trummer: „Es sind die Künstlerinnen und Künstler, die uns die Erinnerung an solche Zeiten bewahren und nicht so sehr die Fakten.“ Seit fünf Jahren leitet Trummer (geb. 1967) das Kunsthaus Bregenz. Heuer ist alles anders als bisher. Nachdem das markante Gebäude am Seeufer seit Mitte März geschlossen bleiben musste, erfolgte die Wiederöffnung nicht mit der Fortsetzung des geplanten Programms. „Unvergessliche Zeit“ betitelt Trummer eine Ausstellung, zu der er sich
Fotos: Sebastiano Luciano, Rhett Hamerton
Turner-Prize-Trägerin. Helen Cammock konfrontiert mit philo sophischen Fragen.
Tierisch gut. Marianna Simnett bringt Politisches auf den Punkt.
nach zahlreichen Kontakten mit Künstlerinnen und Künstlern entschloss und die auf ihre Art einzigartig ist, zeigt sie doch Arbeiten, die zum Großteil gerade erst entstanden sind und einen Fragenkomplex behandeln: Wie leben Menschen in einer Zeit, in der unser Wohlstandsgefüge ins Wanken gerät, in der sich Grenzen für Menschen, die das noch nie erlebt haben, komplett schließen, in der Regierungen Quarantänen und Ausgangssperren verordnen, in der für viele die Einnahmequellen plötzlich wegbrechen und in der über einige Wochen niemand sagen konnte, wie lange das alles noch anhält? Dass trotz der stufenweisen Öffnungen von Kultureinrichtungen in Europa noch
nichts überwunden ist, dass das CoronaVirus noch da ist, wird allein durch ein banales Bild offensichtlich, denn wer das Kunsthaus betreten will, hat vorerst noch einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Geschichte des Hauses. Einzig die Arbeiten des Österreichers Markus Schinwald sind älteren Datums. Sie wirken dennoch trefflich oder wie eine Vorahnung und ermöglichen es Besuchern auch über die Geschichte des Hauses zu reflektieren. Im Frühjahr 2009 war der Österreicher mit einer großen Einzelausstellung im Gebäude von Peter Zumthor vertreten. Damals vollzog sich gerade ein Wechsel. Eckhard Schneider, der nach den Aufbauarbeiten durch Edelbert Köb die internationale
Fotos: Philipp Steurer, Olaf Pascheit
Isolation. Die jüngst entstandenen Arbeiten von Rabih Mroué und Annette Messager gehen unter die Haut.
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Es gibt niemanden auf der Welt, der jetzt eine solche Ausstellung macht. Sie ist ein unmittelbarer Abdruck der Gegenwart.
Foto: Miro Kuzmanovic, Jason Wyche
Peter Fischli. Dem großen Schweizer Künstler, gehört im Herbst das gesamte Kunsthaus.
Alltägliche Verhaltensweisen sollten durchschaut werden und die Betrachter konnten wahrnehmen, was kleine Veränderungen im Raum bewirken. Die Bearbeitung von alten Kunstwerken, deren ursprünglicher Wert eher bescheiden ist, hatte ebenso
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ereits beschäftigt. Der große Auftritt mit b solchen Arbeiten erfolgte dann 2011 auf der Biennale von Venedig. Die Anordnung der Gemälde im obersten Stockwerk des Kunsthauses erinnert ein wenig daran, die Irritationen, mit denen Schinwald nun präsent ist, erhalten jedoch eine weitere Bedeutung. Dabei ist es völlig unerheblich, dass das gar nicht intendiert war. Blickt man
Foto: Philipp Steurer
ekanntheit des Unternehmens mit eigens B geschaffenen Arbeiten namhafter Vertreter der Gegenwartskunst bestärkte, hatte sich aus der Leitung zurückgezogen, Yilmaz Dziewior, der mittlerweile Direktor des Museums Ludwig in Köln ist und nach seiner Kuratorenschaft für den ÖsterreichPavillon bei der Biennale Venedig nun als Verantwortlicher für den Deutschland-Pavillon bei der nächsten dieser Weltausstellungen der Kunst bestellt wurde, kündigte sich erst an. Er hat die Ausstellungskonzepte in Bregenz wiederum erweitert. Abgesehen davon, dass es wohl der Kunsthistoriker und Kurator Rudolf Sagmeister ist, der mit entsprechendem Wissen die Konstante im Haus bildet, für das er schon tätig war, bevor das Gebäude im Sommer 1997 eröffnet worden ist, erinnern sich viele Besucher noch an die durchinszenierte Schinwald-Schau, in der eigens eine Sitcom gedreht wurde.
Seismographisch? Markus Schinwald verpasste alten Porträts Masken und Prothesen.
auf die meist biedermeierlichen Porträts, denen der Künstler merkwürdige Prothesen und Masken verpasste, die zum Teil das gesamte Gesicht verdecken oder die gar mit der Haut verbunden sind, wird klar, dass sie mehr behindern als unterstützen. Berührend. Vor einigen Wochen haben wir alle, das heißt, auch jene Menschen,
Annette Messager lässt das auch zu. Wurde da nicht Charlie Chaplin neben einem Totenkopf gezeichnet? Die Französin hatte sich noch vor Ausbruch der Pandemie einer Operation am Kopf unterziehen müssen. Schädel hat sie seitdem gezeichnet, luftig aquarelliert, dann wieder doch bedrohlich oder sich nach einem Partner sehnend, der auftaucht und ein Herz mit der dargestellten Figur bildet. Die Zeichnungen der französischen Künstlerin, die so selbstverständlich wie bei der documenta in Kassel auch bei der Biennale in Venedig vertreten war und dort mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, bedecken die gesamte Wand neben dem Eingang. Mit dem Blick darauf verlässt man das Haus und die gegebene Nachwirkung wird nicht davon beeinträchtigt, dass es wohl nicht die Originale sind, die dort ungerahmt angebracht wurden.
Laufend ergänzt. Ania Soliman wird ihr Corona-Tagebuch in Bregenz weiterschreiben und dabei auch in die USA blicken.
Fotos: Markus Tretter
die nicht im medizinischen Bereich tätig sind, erfahren müssen, dass das Atmen unter unseren Schutzmasken mitunter schwer fällt. Schinwald gönnt uns beim Gang durch das Kunsthaus nun ein Gegenüber, das nicht nur berührt, sondern uns endlich auch wieder schmunzeln lässt.
Kraftvolles Potenzial. Der Südafrikaner William Kentridge ist nicht nur Besuchern internationaler Großausstellungen, sondern auch Opernfreunden ein Begriff. Im Rahmen der Salzburger Festspiele inszenierte er Alban Bergs Oper „Wozzeck“. Dabei erhielten seine Bilder vom Krieg unangefochtene Berechtigung, obwohl sie das Stück nicht vorsieht. Mit Unterdrückung und Unrecht hat sich Kentridge stets beschäftigt. Das sind auch in seinem Centre for the Less Good Idea die Themen. 29 Videos wurden geschaffen, die mit der jeweiligen Länge von einer Minute dem Format sozialer Medien entsprechen und daher dort Verbreitung finden. Den Blick auf den großen Bildschirm sollte man sich dennoch unbedingt gönnen,
auch wenn es nicht sehr viel aus dem zeichnerischen und performativen Œuvre von Kentridge zu sehen gibt, so dokumentiert das W enige trotz aller Einschränkungen das kraftvolle Potenzial menschlicher Kreativität. Die Welt erklären. Peter Fischli (geb. 1947) war bereits einmal in Bregenz. Mit David Weiss (1946–2012) bildete er ein Künstlerduo, das jedem ein Begriff ist, schufen sie doch etwa den Film „Lauf der Dinge“, in dem man Kettenreaktionen aneinandergereihter alltäglicher Gegenstände verfolgen kann. Ihrer Art, die Welt zu erklären, fehlte es nicht an Humor. In Rahmen der Kunstsammlerreihe, die der ehemalige KUB-Direktor Yilmaz Dziewior vor
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William Kentridge schuf in seinem Atelier poetisch- surreale Miniaturen.
Manchmal können Besucher mit den Exponaten nichts anfangen. Sie sind ihnen fremd. Hier geht es um Gefühle, die wir alle haben.
Zu den besonderen Umständen im Jahr 2020 zählt, dass zahlreiche der Arbeiten von Peter Fischli bereits in Vorarlberg sind, die Ausstellung selbst aber auf den Herbst verschoben wurde. Figuren, die auf den Umgang des Künstlers mit der Popkultur schließen lassen, sind dabei. Einige der Transporte sind auch irgendwo hängengeblieben, erklärt Thomas D. Trummer die
Situation aufgrund geschlossener Grenzen, mit denen Kunsthäuser konfrontiert waren. Fischli hat sich für neue filmische Arbeiten auch mit Aspekten des Freizeitverhaltens von Menschen beschäftigt, die mitunter schwer nachzuvollziehen sind. Animiert von Werbeformaten von Sportartikelherstellern gehen sie mitunter ziemliche Risiken ein, um waghalsige Unternehmungen mit der eigenen Kamera zu dokumentieren. Politisch aufgeladen. Derzeit ist auch solchem Treiben ein Riegel vorgeschoben. Ob es zu einem Überdenken kommt,
sei dahingestellt. Für die Schau im Kunsthaus Bregenz hat Trummer eine längere Dauer vorgesehen. Von September bis zum Ende des Jahres wird sie stattfinden. Sie bezieht sich in einigen Aspekten wohl auch auf jene „unvergessliche Zeit“, die nun thematisiert wird. Unter anderem auch mit politisch aufgeladenen Arbeiten von Ania Soliman, die im Laufe der Ausstellung mit jenen ergänzt werden, mit denen die Künstlerin auf das aktuelle politische Geschehen in den USA reagiert. Ein einziger Besuch einer KUB-Ausstellung ist somit auch dieses Mal definitiv zu wenig. Christa Dietrich
Das Kunsthaus Bregenz wurde nach Plänen des Schweizer Architekten Peter Zumthor errichtet und im Sommer 1997 eröffnet. Vier Etagen stehen Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung, die hierher eingeladen werden. Für die Administration existiert ein eigenes Gebäude. „Eine einmalige Situation“, sagt Direktor Thomas D. Trummer. 14 kontur
Fotos: Stella Olivier, William Kentridge
einigen Jahren in Kooperation mit den Vorarlberger Nachrichten realisierte, signierten sie für die Leserinnen und Leser ein Bild mit höchst komplexen Gewächsen, nämlich mit Pilzen.
Große Oper. Der südafrikanische Künstler William Kentridge hat sich auch als Musiktheaterregisseur einen Namen gemacht.
Eine eiserne Reserve Die Corona-Krise ist auch an Feinschmeckern nicht vorbeigegangen. Doch Rettung boten und bieten ausgezeichnete Basisprodukte und Angebote von Spitzenköchen.
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er Lockdown war für die Restaurants im Land der größte anzunehmende Unfall, der Super-GAU. Keine Gäste, keine Arbeit, leere Lokale. Klar, dass viele die verordnete Auszeit genutzt haben, um ihre Konzepte zu überdenken und zu schärfen, die Lokale noch freundlicher zu gestalten, die Küche auf neuesten Stand zu b ringen. Und im besten Fall mit neuen Angeboten die Versorgung der feinschmeckenden Kundschaft zu sichern. Die Basics daheim. Doch aller Anfang ist eine gute Basis-Ausstattung, die auch bei absolutem Ausgehverbot für Gaumenfreuden sorgt. Ja, das gibt es wirklich. Dazu gehören natürlich die verschiedenen Pastasorten, die man im Vorratsschrank haben sollte. Die Italiener bevorzugen die Teigwaren kleiner Hersteller, etwa die Pasta von Martelli aus dem kleinen toskanischen Dorf Lari. Sie wird aus bestem italienischen Durum-Weizen hergestellt. Der Hartweizengrieß wird mit kaltem Wasser gemischt und zu einem perfekten Teig geknetet. Danach wird der Teig langsam durch Bronzeformen „gezogen“, wodurch die Nudeln ihre
Viele nutzten die verordnete Auszeit, um Konzepte zu schärfen und neue Ideen umzusetzen. kontur 15
Haubenkoch Max Stiegl rät zur Abkürzung beim Kochen mit guten Produkten. „Pasta selber machen ist ja sehr nett, aber mit drei Kindern zu Hause wird das halt oft nix“, stellt er fest. In diesem Sinne: Mahlzeit zu Hause. Und nicht auf den Besuch in den Restaurants verzichten, denn die freuen sich nicht nur jetzt über jeden Gast. typisch raue Oberfläche erhalten, die dem Sugo die richtige Unterlage bietet. In Vorarlberg ist sie z. B. bei Buongustaio erhältlich. Ebenfalls eine Offenbarung: die Nudeln der Pastificio Benedetto Cavalieri in Lecce, die ebenfalls im ausgesuchten Feinkosthandel oder per Post bei Manufactum zu erwerben sind. Auch diverse Fischkonserven sollten Eingang in den Vorratsschrank finden. Etwa Thunfisch sämtlicher Varietäten des baskischen Herstellers Ortiz, die Wein und Co. im Sortiment hat. Selbstverständlich braucht der gehobene Gourmethaushalt auch Sardinen und Anchovis, etwa von José Gourmet, die nicht nur den Gourmet im Namen führt, sondern regelrecht Kultstatus genießt. In Lissabon gibt es sogar „Dosenrestaurants“, in denen es nur Jahr-
gangsdosen – auch von der von Österreichern bevorzugten Marke Nuri – gibt. Weiters im Küchenschrank: verschiedene Olivenöle, die ebenfalls im Feinkosthandel zu verkosten und zu erwerben sind, natürlich Tomaten und Salz, das in den vergangenen Jahren einen Hype erlebte und in reicher Auswahl auch in Vorarlberg angeboten wird. Ausgelöst wurde der Run aufs Salz von der englischen Manufaktur Maldon, besonders begehrt ist das Salz aus Mallorca, aber auch die österreichische Firma Bad Ischler Salz bietet eine Reihe von Spezialsalzen. Einfach zum Mitnehmen. Neben diesen hauptsächlich mediterranen Basics braucht es natürlich auch österreichische Produkte, etwa das Kürbiskernöl des kleinen Herstellers Hartlieb aus Heimschuh,
der übrigens auch ein Ausflugstipp für Steiermark-Urlauber ist, Speck, den eine Reihe von Vorarlberger und österreichischen Metzgern in Vollendung reifen lassen, Vorarlberger Bergkäse von einer der vielen ausgezeichneten Alpen im Land. Und zur Ergänzung die Produkte, die Spitzenköche inzwischen auch zum Mitnehmen oder im Versand anbieten. Das Lochauer Restaurant Mangold hat schon vor Corona einige Produkte offeriert, nun hat Haubenkoch Michael Schwarzenbacher das Sortiment erweitert und sorgt für Jubel am Esstisch. Die Tomatensuppe ist ein Starter, wie man ihn sich wünscht, oder der Bodenseespargel im Glas, genossen mit Schwarzbrotbrösel und Kartoffeln. Gnocchi mit Lammsugo, ebenfalls ein Highlight auf Sterneniveau,
Neuausrichtung. Auch Max Stiegl führt die „Haubenküche to go“ weiter.
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Fotox: Gerhard Wasserbauer, Gut Purbach, Roland Paulitsch
Der Vermittler. In seinem spontanen Popup zu Coronazeiten führte Robert Stark die besten Köche im Sortiment.
Varietäten. Thunfisch von Ortiz zählt zu den Basics im Küchenschrank.
das auch die schnelle Küche zum Genuss macht. Schwarzenbacher greift dabei auf regionale Produkte zurück und bereitet die Köstlichkeiten im Restaurant zu – deshalb ist nicht immer alles erhältlich, erklärt er im Gespräch mit „kontur“. Dafür stehen aber immer wieder neue Gerichte auf der Bestellkarte. Ein Klassiker ist das Tomatenketchup, das er aus vollreifen Tomaten des Ökopioniers Wegwarte zubereitet. Ideal sind die Gerichte – oft sind es Schmorgerichte – nicht nur für zu Hause, auch in Bootskajüten eignen sie sich für ein besonderes Mahl auf dem See. Praktischerweise bietet das Mangold auch den passenden Wein zu den Genüssen at home. Kochen mit Abkürzung. Wie Schwarzenbacher nutzt auch der beste Koch des Burgenlandes, der mit drei Hauben
ausgezeichnete Max Stiegl vom Gut Purbach in der gleichnamigen NeusiedlerseeGemeinde, das in den vergangenen Wochen aufgebaute „Haubenküche to go“Geschäft weiterhin. Stiegl bietet ebenfalls diverse Schmorgerichte wie Paprikahendl oder Krautfleisch im Rexglas an und greift dabei auf regionale Produkte zurück. Stiegls Haubenküche im Glas hat sich schon in der Hochzeit von Corona bestens bewährt, erzählt auch der Vorarlberger Sommelier Robert Stark, der für „seine Wirte“ einen Corona-Popupshop in Wien führte und die Versorgung der Feinschmeckergemeinde organisiert hat. Stark offerierte Haubenküche für zu Hause von so renommierten Köchen wie Lukas Mraz, Philip Rachinger oder Jürgen Csencsits aus dem Südburgenland, die
nun wieder in Restaurants aufkochen. „Die Kunden waren echt begeistert“, schildert er die Reaktionen, die auch bei den Köchen dafür sorgten, dass sich etliche von ihnen zur weiteren Produktion entschlossen oder zumindest darüber nachdenken, ein Sortiment für den Versand oder einen Lieferservice weiterhin ins Programm zu nehmen. Einen wichtigen Tipp hat Max Stiegl für zweifelnde Esser aber auf jeden Fall parat: Er rät zur Abkürzung beim Kochen zu Hause mit guten fertigen Produkten, wie den eingangs geschilderten Basics. „Pasta selber machen ist ja sehr nett, aber mit drei Kindern zu Hause wird das halt oft nix“, stellt er fest. In diesem Sinne: Mahlzeit zu Hause. Und nicht auf den Besuch in den Restaurants verzichten, denn die freuen sich nicht nur jetzt über jeden Gast. Andreas Scalet
Nur das Beste. Für seine Gläser greift Mike Schwarzenbacher auf regionale Produkte zurück.
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