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Kontur_März2020_Leseprobe

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FrĂźhling 2020 | 3 Euro

Vorarlbergs Wirtschafts- und Lifestyle-Magazin

Bei den Spezialisten fĂźr Schwingungen Warum Beethoven die Champions League ist Zwei BrĂźder und ihr GespĂźr fĂźr Metall GreiĂ&#x;ler, Gummistiefel und Genuss in Wien Wie Christine Andorfer Bilder komponiert

Foto: Erste Group

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Editorial

Frühling 2020 | 3 Euro

Vorarlbergs Wirtschafts- und Lifestyle-Magazin

Mit Passion. Von wegen „trockener Zahlenmensch“ oder „unauffälliger Analytiker“. Bernhard Spalt ist empathischer Weltmann, risikobereiter Pionier – und seit 1. Jänner 2020 Vorstandsvorsitzender der Erste Group Bank AG. Ein viel beschäftigter Mann mit einer Leidenschaft für Schach, Film, Literatur und Kochen. Auf leisen Sohlen. Die Getzner Werkstoffe GmbH in Bürs ist der führende Spezialist für Schwingungs- und Erschütterungsschutz. Ob unter Gleisen oder Gebäuden – mit seinen einzigartigen Produkten leistet das Unternehmen weltweit einen wertvollen Beitrag für eine höhere Lebens- und Arbeitsqualität.

Empathischer Pionier mit Leidenschaften

Viel Spaß wünscht Ihnen Ihr „kontur“-Redaktionsteam

Foto: Erste Group

Ort für Geschichten. Im neuen Vorarlberger Literaturhaus in der Hohenemser Villa Rosenthal werden nicht nur klassische Textformen gepflegt. Auch das Genre der Graphic Novel findet hier seinen Platz und lässt Literatur in Bildern erleben.

Bei den Spezialisten für Schwingungen Warum Beethoven die Champions League ist Zwei Brüder und ihr Gespür für Metall Greißler, Gummistiefel und Genuss in Wien Wie Christine Andorfer Bilder komponiert

Inhalt 06 Gute Schwingungen Die Experten von Getzner Werkstoffe sorgen weltweit für weniger Lärm und Erschütterungen. 13 Willkommen Zukunft Überbetriebliche und betriebliche ­ Initiativen in Vorarlberg zeigen, wie Digitalisierung funktionieren kann. 16 Champions League Ludwig van Beethovens Geburtstag prägt in diesem Jahr die KlassikSzene. Und Dirigent Manfred Honeck mischt prominent mit. 20 E-Power mit Stern Erste Eindrücke von der brandneuen Mercedes Businessclass. 25 Selbstbewusst Wie die NONA Architektinnen die von ­Männern beherrschte ­Branche auf den Kopf stellen. 30 Sturmerprobter Stratege Bernhard Spalt, Vorstandsvorsitzender der Erste Group Bank AG, über Risiko, Schach und Gulasch.


35 Unser täglich Brot Gutes Brot und coole Bäckereien erleben eine Renaissance. Laibe im Klein- und Großformat avancieren zum Genussmittel. Dabei war Brot doch schon immer das Lebensmittel des Herzens. 38 Mit ruhiger Hand und guten Augen Vor genau 135 Jahren legte Uhrmachermeister Eduard Weirather den Grundstein für ein erfolgreiches Familienunternehmen. 43 Die Kunst der Inszenierung Fotografin Christine Andorfer kreiert Bilder, wie sie d ­ iese sehen will. Gestochen scharf, authentisch, unverwechselbar, ästhetisch und klar. So werden aus Fotos komponierte Bilder. 49 Zwei Brüder und ihr Gespür für Metall Wenn die Andelsbucher Konrad und Jodok Felder Hand anlegen, entstehen meisterliche Werke. Gilt es noch dazu, spezielle Lösungen zu finden, sind die Metallbauer voll in ihrem Element. 56 10 Fragen an ... Karin Seyfried. Die Geschäftsführerin der Schneider Automobil GmbH über Traumautos, Frauenpower und abendliche Perspektivenwechsel. 59 Man trifft sich Wie Unternehmen in ihrer Arbeitswelt für spontane Begegnungen und wertvolle Gespräche sorgen können. 62 Klein aber fein Wiens kleinster Bezirk, der Achte, hat einiges zu bieten. Auf Entdeckungstour im „Dorf der Wiener“. 69 In letzter Minute Warum die Geschichte des Schaufelraddampfers Hohentwiel vor 30 Jahren fast zu Ende gegangen wäre.

72 Vom Suchen und Finden Stelleninserat schalten und auf die Flut von Bewerbungen warten? Diese Zeiten sind vorbei. Die Personalsuche ist von einer administrativen ­Aufgabe zur hohen Kunst geworden. 74 Große Werke mal anders Die Graphic Novel hat Dynamik in die Literaturlandschaft ­gebracht – und findet auch im Vorarlberger Literaturhaus Platz.

IMPRESSUM Herausgeber, Medieninhaber und Hersteller: Russmedia GmbH, A-6858 Schwarzach, Gutenbergstraße 1 • Redaktionelle Leitung: Sabine Carotta,­ sabine.carotta@russmedia.com • Redaktion: Christa Dietrich, Ernest F. Enzelsberger, Marion Hofer, Elisabeth Längle, Franz Muhr, Jasmin Quast, Andreas Scalet, Christiane Schöhl von Norman • Art Direktion: Bernadette Prassl, bernadette.prassl@russmedia.com • Anzeigenberatung: Russmedia GmbH, A-6858 Schwarzach, Gutenberg­ straße 1, Patrick Fleisch, +43 5572 501-818, patrick.fleisch@russmedia.com; Gerard Hann, +43 5572 501-277, gerard. hann@russmedia.com; P ­etra Kremmel, +43 5572 501-356, petra.kremmel@russmedia.com; Nadja Mauser, +43 5572 501-280, nadja.mauser@­ russmedia.com; Gabriel Ramsauer +43 5572 501-785, g ­ abriel.ramsauer@russmedia.com; Markus Wertl, +43 5572 501 852, markus.wertl@russmedia. com • Druck: Buchdruckerei Lustenau GmbH, A-6890 Lustenau, Millennium Park 10 • Erscheinungstag: 27. März 2020 • Nächste Ausgabe: 12. Juni 2020

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Foto: Maurus Huwyler

Auf leisen Sohlen Der führende Spezialist für Schwingungs- und Erschütterungsschutz, Getzner Werkstoffe in Bürs, leistet weltweit einen wertvollen Beitrag für eine höhere Lebens- und Arbeitsqualität.

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Daten & Fakten Gründung: 1969 als Tochter der Firma Getzner, Mutter und Cie. Beschäftigte: 490 (davon 360 am Standort Bürs), 15 Lehrlinge Umsatz 2019: 114,1 Mill. Euro Geschäftsbereiche: Bahn, Bau, Industrie Headquarter: Bürs Standorte: Peking, Kunshan (China); München, Berlin, Stuttgart (Deutschland); Lyon (Frankreich); Pune (Indien); Amman (Jordanien); Tokio (Japan); Charlotte, Decatur (USA) Exportquote: 93 Prozent Investitionen 2019: 21,1 Mill. Euro

Mehr Lebens- und Arbeitsqualität. Die Lösungen basieren auf den selbst entwickelten und hergestellten Produkten Sylomer, Sylodyn, Sylodamp sowie Isotop und kommen in den Bereichen Bahn, Bau und Industrie zum Einsatz. Sie reduzieren Vibrationen und Lärm, verlängern die Lebensdauer der gelagerten Komponenten und senken so den Wartungs- und Instandhaltungsaufwand für Fahrwege, Fahrzeuge, Bauwerke und Maschinen. Durch die Reduktion von Lärm und Vibrationen leistet das Bürser Unternehmen einen wertvollen Beitrag zur Steigerung der Lebens- und Arbeitsqualität. Laut Geschäftsführer Ing. Jürgen Rainalter werden die Schwingungsschutzlösungen weltweit vertrieben. Neben den Standorten in Bürs und Deutschland hat das Unternehmen auch Niederlassungen in China, Frankreich, Indien, Japan, Jordanien und in den USA. Ein engmaschiges Vertriebsnetz in Europa wird

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durch Vertriebspartner in den USA, in Südamerika und Fernost ergänzt. Partner in insgesamt 40 Ländern der Welt vertreiben Produkte von Getzner flächendeckend. „Ein großer Wettbewerbsvorteil gegenüber der wachsenden Zahl von Nachahmern liegt darin, dass wir alles selbst machen, wir kaufen nur die Rohstoffe und sind so hoch spezialisiert“, erläutert Ing. Rainalter weiter. Dazu kommt die einzigartige Produktionstechnologie, die es erlaubt, große Mengen in kurzer Zeit herzustellen und die Stellung als Gesamtlösungsanbieter. Und weiter: „Der größte Erfolgsfaktor weltweit sind aber unsere sehr guten Mitarbeiter, die in kleinen Einheiten arbeiten und über ausgezeichnete Erfahrungen verfügen. Damit sind wir Vorreiter in den Märkten. Diese Sicherung des Vorsprungs ist besonders wichtig, denn vom Markteintritt bis zur Realisierung der ersten großen Projekte dauert es rund zehn Jahre.“ Die Mitarbeiter sind vorwiegend Chemiker, Physiker sowie Bau- und Wirtschaftsingenieure, aber auch Akustiker und Verfahrenstechniker. Geboten werden auch Lehrlings- und Traineeprogramme. Aktuell werden 15 Lehrlinge ausgebildet. Das ist besonders wichtig, denn ein professioneller und funktionierender Schwingungsschutz muss einerseits auf einem hoch qualitativen Produkt basieren, andererseits müssen aber auch die diversen Maßnahmen professionell berechnet sowie fachmännisch verbaut werden und insgesamt perfekt zusammenspielen. Kundenspezifisch. Rainalter: „Wir haben nicht nur mit der Herstellung und Verwendung elastischer Werkstoffe die langjährigste und breiteste Erfahrung am Markt, sondern vor allem auch mit

Fotos: Bruno Klomfar Vienna Austria, SHOCHIKU, studio22.at - marcel hagen

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ie 1969 als Tochter der Firma Getzner, Mutter & Cie gegründete, weltweit tätige Getzner Werkstoffe GmbH mit dem Headquarter in Bürs ist der führende Spezialist für Schwingungs- und Erschütterungsschutz. Vibrationen und Lärm durch störende Schwingungen sind ein zentrales Problem unserer industrialisierten Welt. Vor allem durch die rasante Zunahme des Verkehrs haben Erschütterungen und damit auch die Lärmbelastungen ein immer größeres Ausmaß angenommen. Als Technologieführer im Bereich Schwingungsisolierungen leistet Getzner durch Vibrations- und Lärmreduktion täglich einen Beitrag zur Lebensqualität aller. Dank der Systeme und Produkte von Getzner fahren Züge leiser, arbeiten Maschinen effizienter und leben Menschen in ihren Häusern ruhiger.


Von Bürs in die Welt. Beim Umbau des Kabukiza Theaters in Tokio (Foto rechts) wurde unter anderem Japans größte Drehbühne elastisch gelagert.

Serviceleistungen rund um die Schwingungsschutzlösungen.“ Eine weitere Stärke des Unternehmens ist es, schwingungstechnische Herausforderungen individuell zu lösen. „Wir sind zudem in der Lage, Werkstoffe und Produkte kundenspezifisch zu entwickeln“, unterstreicht Rainalter. In Zusammenarbeit mit einem weltweiten Partnernetzwerk aus Ingenieurbüros, Bauunternehmen, Prüfinstituten und Unternehmen bietet das Bürser Unternehmen eine breite Palette an Leistungen an. Dazu gehören die Grundlagenerhebung, die Lösungsentwicklung, Berechnungen und Simulationen, Wirksamkeitsprognosen und -nachweise, schwingungstechnische Messungen sowie Materialprüfungen und Tests auf einem eigenen Großprüfstand. Auch vor Ort auf der Baustelle bei Planungs- und Baubesprechungen, bei der Einweisung, Verlegung und Abnahme ist das Unternehmen maßgeblich beteiligt. Die Werkstoffe. Getzner entwickelt und produziert zur Isolierung von Schwingungen und Vibrationen kontinuierlich (am Stück) gegossene Polyurethan-Matten. Die Lösungen aus diesen Werkstoffen sorgen für eine hohe Arbeits- und Lebensqualität, indem sie Fahrwege, aber auch ganze Gebäude, Gebäudeteile oder auch Maschinen schwingungstechnisch entkoppeln. Ein Schwingungsschutz ist sowohl an der Quelle als auch beim Empfänger sinnvoll. Eine elastische Lagerung des Schwingungserregers, also beispielsweise eines Motors, Klimageräts oder einer Bahnstrecke reduziert effizient die Ausbreitung von Körperschall. Eine elastische Entkoppelung beim Empfänger – beispielsweise eines Gebäudes – verhindert, dass Vibrationen die Lebensqualität bzw. die Funktionalität beeinträchtigen. Hergestellt werden auch unterschiedliche Formteile.

Innovativ. Die Mitarbeiter bilden die Basis des Erfolges.

Unser großer Vorteil ist, dass wir alles selbst machen. Wir kaufen nur die Rohstoffe. kontur 9


Sylomer. Dabei handelt es sich um einen der führenden Werkstoffe für Schwingungsisolierung am Markt. Bei Bahnstrecken können damit Erschütterungen und Lärm sowie die Instandhaltungskosten nachhaltig und deutlich reduziert werden. In schwingungsbelasteten Räumen ermöglicht Sylomer einen angenehmen Aufenthalt. Als Standard sind zehn unterschiedliche Typen verfügbar, außerdem gibt es eine brandhemmende Sondertype. Die Werkstoffeigenschaften lassen sich für spezielle Anforderungen modifizieren. Sylodyn. Dieser Werkstoff wird als Schwingungsschutz im Nahund Fernverkehr der Bahn eingesetzt, aber auch zur Isolierung von Trittschall in Fußböden und Treppen, zur Lagerung von Gebäuden, Maschinen oder zur Isolierung von Schall zwischen Wänden, Fußböden und Decken. Es handelt sich dabei um ein geschlossenzelliges Elastomer, das kein Wasser aufnimmt. Im Vergleich zu Sylomer bietet dieser Werkstoff ausgeprägtere dynamische Eigenschaften. Sylodamp. Mit der hochwirksamen Materialdämpfung sorgt ­Sylodamp für eine effektive Stoßisolierung. Entsprechend den unterschiedlichsten Anforderungen in Form von stoßförmigen Belastungen wurden sechs fein abgestufte Typen entwickelt. Als Dämpfer sind sie nicht nur für Maschinen, sondern auch für den ­Menschen und dessen Umfeld sinnvoll. Isotop. Dieser Werkstoff wird für die elastische Lagerung der ­technischen Gebäudeausrüstung, wie beispielsweise von raumlufttechnischen Anlagen, Wärmepumpen, Blockheizkraftwerken, ­Kältemaschinen, Ventilatoren, Kompressoren, Pumpen oder Aufzugsanlagen eingesetzt und minimiert entscheidend die Schwingungen. Isotop kombiniert die Materialeigenschaften von Sylomer, Sylodyn und Sylodamp mit den Vorteilen einer Stahlfeder bzw. von Metallelementen.

Endspurt. Aktuell wird der Hauptstandort in Bürs erweitert. Die Fertigstellung des Ausbaus ist für Ende 2020 geplant.

Produkte geachtet. Deshalb hat sich das Unternehmen selbst Richtlinien auferlegt, mit denen es die ambitionierten Umweltschutzziele im Alltag konsequent umsetzen kann. In allen Bereichen wird darum großer Wert darauf gelegt, dass nachhaltige Logistikkonzepte erarbeitet werden und Ausschuss sowie Abfall durch effizientes ­Produktdesign reduziert werden. Zudem werden recycelbare Materialien verwendet und V ­ erpackungen optimiert sowie alternative und klimaschonende Energieformen eingesetzt. Die Entwicklung und Herstellung der Produkte erfolgt umweltschonend und unter Einhaltung höchster Qualitätsstandards. Ernest F. Enzelsberger

Dynamisch. Geschäftsführer Ing. Jürgen Rainalter.

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Unsere ambitionierten Umweltschutzziele setzen wir im Alltag konsequent um.

Foto: Philipp Steurer, studio22.at - marcel hagen, Getzner Werkstoffe GmbH

Umweltschutz als Unternehmensziel. Bereits seit über zehn Jahren ist der Umweltschutz bei der Getzner Werkstoffe GmbH als bedeutendes Unternehmensziel in allen Unternehmensbereichen verankert. Dabei wird vor allem auf einen ressourcenschonenden Umgang mit den Rohstoffen und auch nachhaltig funktionierende


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Ein Mann mit Leidenschaften Seit 1. Jänner 2020 ist Bernhard Spalt (52) aus Nüziders Vorstandsvorsitzender der Erste Group Bank AG. Der als „trockener Zahlenmensch“, „unauffälliger Analytiker“ und „introvertierter Tüftler“ etikettierte Banker ist vielmehr empathischer Weltmann, sturmerprobter Stratege, risikobereiter Pionier mit Leidenschaft für Schach, Kochen, Film, Literatur. „Mehr geht sich nicht aus.“

Von der Uni in die Erste. Bernhard Spalt inskribiert Jus, spezialisiert sich auf Europäisches Recht und schließt das Studium der Rechtswissenschaften 1992 mit dem Magister ab. 1991, vor Ende des Studiums, befolgt er den Tipp eines Freundes, mit dem er in Währing Schach spielt, und bewirbt sich bei der Erste Bank. „Eine zufällige und großartige Entscheidung.“ Sie erfolgt in der Ausgangsposition „Kein Geld“ in zwei Zügen: 1. Zug Finanzielle Unabhängigkeit, 2. Zug Internationale Aufgabe. „Die Chefin war eine exzellente Juristin, ihr Büro ein einziges Chaos. Bei ihr habe ich viel gelernt. Mein Wirtschaftsenglisch war passabel und ich konnte international arbeiten.“ Der Zivildienst in Jerusalem am österreichischen Hospiz machte sich ebenso bezahlt. Die Lehre daraus: internationale Erfahrungen sammeln und Sprachen lernen. Risikomanagement in der Erste Group. Von 1999 bis 2002 ist die tschechische Tochter in Prag die erste riesige Transformationsherausforderung der Erste Group. Ihr droht im Vorfeld der Privatisierung auf Grund notleidender Kredite ein Schachmatt. Bernhard Spalt trägt zum erfolgreichen Turnaround bei. Danach entwickelt und installiert er für die Erste Gruppe in Wien ein strategisches Risikomanagement. Von 2006 bis 2012 fungiert er am Hauptsitz als Chief Risk Officer (CRO) des Konzerns. Seine Aufgabe fällt in die Zeit der Finanzkrise. Was hat der Krisenmanager daraus gelernt? „1. Konzentration auf das Kerngeschäft, auf das,

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was man wirklich kann. 2. Auch wenn sich Risken aus externen Gründen materialisieren, gilt die Ausrede nicht, das kann eben passieren, darauf hat man keinen Einfluss. 3. Man muss gleichsam im Auge des Hurrikans, vor Ort versuchen, den Schaden zu reparieren.“ So geschehen von 2012 bis 2015 in Ungarn, danach in Bratislava, 2017 in Rumänien. 2018 wird Bernhard Spalt als CRO in den Vorstand der Erste Bank Österreich berufen. Im September 2018 beschließt der Aufsichtsrat der Erste Group Bank AG seine Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden der Bankengruppe per 1.1.2020. Bereits ab Juli 2019 ist Bernhard Spalt stellvertretender Vorsitzender an der Seite von Andreas Treichl. Spalts CEO-Vertrag endet am 30.6.2023. Was macht der „Erste in der Ersten“ dann? „Es gibt keine Karriere, die immer linear nach oben geht. Oft ist es spannender, eine Stufe hinunterzusteigen, um aus einer anderen Perspektive mögliche Probleme zu sehen und sie zu reparieren. Meine beruflichen Schritte sind von dem Wunsch getrieben, immer Neues zu lernen. Bestimmte Positionen hatte ich nie und habe ich nicht im Fokus.“ Die Zukunft des Bankgeschäfts. 2019 wurde die Erste Bank 200 Jahre alt und der Gründungsauftrag gilt auch für die Zukunft: „Unserer Region und unseren Kunden Wohlstand zu bringen.“ Wie soll das gehen, wenn die Banken mit dem Einlagengeschäft kein Geld mehr verdienen, das Kreditgeschäft von immer noch größeren Auflagen erschwert wird, FinTechs sich wie Pilze vermehren und Apple Pay wie Google Pay im Bankgeschäft mitmischen? „Wir sehen die Erste Group weiterhin in der Verantwortung, die Finanzdienstleistungen zu demokratisieren. Das Negativzinsmodell macht unseren Kunden die finanzielle Vorsorge durch Sparen schwer. Es ist daher unser Kernauftrag, andere Möglichkeiten zu

„Die Chefin war eine exzellente Juristin, bei ihr habe ich viel gelernt. Der Zivildienst in Jerusalem am österreichischen Hospiz machte sich ebenso bezahlt. Die Lehre daraus: internationale Erfahrungen sammeln und Sprachen lernen.“

Foto: Erste Group

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evor Bernhard Spalt in der Volksschule Nüziders die Schulbank drückt, hat er bereits eine Freundin. Die damals vierjährige Karoline sollte viel später seine Frau werden. An s’Moatle denkt der Schüler am Neusprachlichen Gymnasium in Bludenz vorerst nicht. In der Familie von Langzeitbürgermeister Armin Spalt gibt es drei Buben. Den elf Monate älteren Martin, heute ein „wahnsinnig“ guter Lehrer für Mathematik und Physik in Liechtenstein und den zehn Jahre jüngeren Michael, aktuell erfolgreicher Geschäftsführer im grenzübergreifenden Sanitärbereich. Die schulfreie Zeit gilt der Erschließung von Einnahmequellen. Bernhard jobbt in der Textilfabrik Lorünser. „Eine fürchterliche Arbeit.“ Er macht sie trotzdem drei Sommerferien lang. Ausgleich bietet das Schachspiel im Schachklub Sonnenberg. Zum Studium geht’s nach Wien. „Wir sind immer gerne zu unserer Tante nach Wien gefahren. Die Stadt hatte eine große Anziehungskraft und war so extrem anders als Vorarlberg.“


Es gibt keine Karriere, die immer linear nach oben geht. Oft ist es spannender, eine Stufe hinunterzusteigen, um aus einer anderen Perspektive mรถgliche Probleme zu sehen und zu reparieren.

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Den Aufwand, drei Stunden lang ein Gericht zu kochen, das in zehn Minuten gegessen wird, kompensieren Freude und Genuss. entwickeln und anzubieten, die in einer Kombination aus Ansparen und Investieren Risiko und Chance so in Balance halten, dass ein Vermögensaufbau für Altersvorsorge oder die Ausbildung der Kinder gelingt. Ein gänzlich risikofreies Investment gibt es nicht. Regional möchten wir unsere Rolle als aktiver Mitspieler der Green Industries ausbauen und stärken. Das überregionale Engagement wird organisch wachsen, Zukäufe sind eventuell in Polen sowie in der Tschechischen Republik denkbar. FinTechs sind keine Konkurrenz, aber mögliche Kooperationspartner. Google und Apple werden im internationalen Zahlungsverkehr eine Rolle spielen, aber sich nicht mit den vielfältigen Regulativen kleiner Märkte herumschlagen. Diese IT-Giganten zielen auf das Massengeschäft.“

Die Passionen des Bernhard Spalt. Schachspieler ist er seit Jugendjahren. Sein Rating ist zwar zuletzt von über 2.000 Elos auf unter 2.000 Elos gesunken, was noch immer dem Status eines Amateurs der A-Klasse entspricht. „Heute spiele ich weniger Schach als ich das gerne möchte. Manchmal spiele ich am Ende des Tages als Trainingseinheit für Konzentration und Geduld noch eine Partie im Büro, aber ein aktives Schachspiel geht sich leider nur einmal im Monat aus.“ Gattin Karoline hat ihm zuliebe mit dem Schachspiel begonnen und den bisher einzigen weiblichen Schachclub Österreichs, „Frau Schach“, gegründet. Ehefrau wie Tochter sind „liebevolle wie unnachsichtige Genießer“ seiner seit zehn Jahren praktizierten Kochkünste. „Kochen ist eine sinnliche, kreative Beschäftigung. Den Aufwand, drei Stunden lang ein Gericht zu kochen, das in zehn Minuten gegessen wird, kompensieren Freude und Genuss. Allerdings sieht dann die Küche wie ein Strafgericht aus.“ Vom Herd ins Kino. Bernhard Spalt zählt an die 2.000 DVDs sein eigen. Er ist Stammgast bei der Viennale. Ihrer Direktorin Eva Sangiorgi streut er Rosen. „Sie macht einen tollen Job und bringt kom-

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promisslos gute Filme.“ Die Frage nach seinen Lieblingsfilmen kommt wie aus der Pistole der Westernhelden im Film „The Ballad of Cable Hogue“ geschossen. „Die Nacht des Leguan“ in der Regie von John Huston ist ebenso ein Lieblingsfilm wie „In America“, der das Schicksal einer irischen Familie thematisiert, die illegal über Kanada in die USA einreist. Aktueller Lesestoff ist Umberto Ecos Roman „Der Friedhof in Prag“. Bernhard Spalt bekennt, eine „vertikale Leseratte“ zu sein – das heißt, er liest soviel wie möglich von einem Autor, bevor er sich den Werken eines anderen zuwendet. „In Israel habe ich alle Bücher von Charles Dickens gelesen.“ John Steinbecks Werkliste hat Bernhard Spalt zwar schon durch, aber zum Thema Ökologie und Nachhaltigkeit bietet sein Buch „Die Straße der Ölsardinen“ bemerkenswert aktuelle Gedanken. Zum Nachlesen empfohlen. Meisterliches Gulaschrezept. Als Käsknöpfle-Koch stuft Bernhard Spalt seine Qualitäten durchschnittlich ein, jedoch als Gulaschkoch erreichen sie meisterliches Niveau. Beweis dafür liefert nicht zuletzt ein ungarischer Gulasch-Wettbewerb anno 2014 in Budapest, an dem 100 Gulaschköche teilnahmen. Das Gulasch von Bernhard Spalt schaffte es deshalb nicht in die Wertung, weil es vorher „aufgefressen“ wurde. Hier sein Meisterrezept zum Nachkochen. Zeitaufwand 3,5 bis 4 Stunden! 1 Kilo weiße Zwiebeln fein und klein schneiden, Butterschmalz in einem Kupfertopf schmelzen und darin auf kleiner Flamme die Zwiebel unter ständigem Rühren langsam goldgelb rösten. 1 Kilo gut abgelegenen Wadschinken grobwürfelig schneiden, in Butterschmalz scharf anbraten und die gerösteten Zwiebeln mit dem Fleisch gut vermischen. Für die Würze werden 2 Esslöffel Paprikapulver aus Szeged, Kümmel, Majoran sowie Salz und Pfeffer benötigt. Nach jeder Gewürzzugabe wird alles gründlich gemischt, bevor das Gulasch mit Mehl leicht angestaubt, mit einem Schuss Apfelessig abgelöscht und mit selbst gemachter kräftiger Rindssuppe aufgegossen wird. Nun darf das Gulasch 3,5 Stunden auf kleiner Flamme vor sich hin köcheln. Guten Appetit! Elisabeth Längle

Foto: Andreas Jakwerth

Der Klimawandel als Chance. Ökologisches Chancenmanagement sieht der Risikomanager Bernhard Spalt als Zukunftsaufgabe schlechthin: „Als Bank werden wir darauf achten, unseren eigenen ökologischen Fußabdruck zu verbessern.“ Der Handlungsbedarf in eigener Sache richtet sich an die mehr als 16 Millionen Bankkunden und 47.000 MitarbeiterInnen in etwa 2.350 Filialen, die 2019 zu einer Bilanzsumme von über 200 Mrd. Euro bei einem Betriebsergebnis von 2,97 Mrd. Euro (+8,7%) beigetragen haben. „Unsere Kunden werden wir gezielt bei der Finanzierung nachhaltiger Investitionen unterstützen und dafür innovative Anreize schaffen. Wir sind überzeugt, dass diese zu neuen Produkten und Dienstleistungen und damit auf längere Sicht zu neuen Chancen in neuen Märkten führen. Allerdings rechnen sich Investitionen in grüne Innovationen nicht in ein bis zwei Jahren. Wir gehen jedoch davon aus, dass Europas grünes Chancenmanagement effizienter ist als das der USA.“


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Josef im Paradies Im „Dorf der Wiener“ findet James Bond seine Mini-Bar, es gibt einen Zugang zum Meer und sogar das WC steht unter Denkmalschutz. Ein Bericht über Greißler, Gummistiefel und Genuss – oder warum es sich im achten Wiener Gemeindebezirk wunderbar leben lässt.

Klein, aber fein: schon der Lyriker und Schriftsteller Hans Carl Artmann soll einst geschrieben haben, die Josefstadt sei DAS Dorf der Wiener. 62 kontur

denn schon der Lyriker und Schriftsteller Hans Carl Artmann soll einst geschrieben haben, die Josefstadt sei DAS Dorf der Wiener. Soll heißen: Die Josefstädter lieben ihren Bezirk und kaum einer möchte von dort weg, um in einem anderen Stadtteil zu leben. Einmal Josefstädter, immer Josefstädter – wobei so manche Alteingesessene behaupten, dass man erst ab der 3. Generation ein echter Josefstädter wird. Eigener Charme. Bereits im 18. Jahr­ hundert ließen sich hier gerne die Adligen nieder. Später wurde die Josefstadt zum Sitz des Bürgertums mit vielen Beamten und die Heimat der meisten Wiener ­Bürgermeister. Heute gilt der 8. Bezirk mit ­seinen altehrwürdigen kulturellen Institutionen auch als Ort von Künstlern, Schauspielern und Kreativen. 75 Prozent der Gebäude im Bezirk wurden vor 1919 erbaut – das Flair der K&K-Monarchie trifft auf hippe Szene-Lokale und entfaltet so seinen ganz eigenen Charme. Zahlreiche kleine Handwerksbetriebe und Greißler prägen das Bild und sorgen dafür, dass die Josefstadt viel Einzigartiges zu bieten hat – so wie die Werkstatt in der Piaristen­

gasse 54, in der Verena Magrutsch mit einer erlesenen Auswahl an alten Bilder- und Spiegelrahmen aufwartet. Mit kunstvollen Handgriffen werden neue Rahmen gefertigt und alte, mit Bedacht auf die Erhaltung der Originalsubstanz, restauriert. Wer auf die andere Straßenseite geht, erreicht einen der schönsten Plätze im ganzen Grätzel: den Jodok-Fink-Platz mit seiner pittoresken Piaristenkirche Maria Treu. Die barocke, römisch-katholische Pfarrkirche, nach Entwürfen von Johann Lucas von Hildebrandt und mit Fresken von Franz Anton Maulbertsch, gehört – neben dem Palais Schönborn, in dem das Öster­ reichische Museum für Volkskunde untergebracht ist, dem Palais Auersperg, dem Landesgericht und dem Palais Strozzi – zu den Kulturdenkmälern der Josefstadt. In lauschig warmen Sommernächten ist der Platz vor der Doppelturm-Kirche einer der zauberhaftesten von ganz Wien. Ein Gefühl wie auf einer Piazza in Italien. James Bond lässt grüßen. Ein paar Meter weiter Richtung Neubau erreicht ­ man die Lebensader des Bezirks: die

Fotos: Theater in der Josefstadt, shutterstock

D

ie Josefstadt, Wiens kleinster Bezirk, ist gerade einmal 109 Hektar groß und erstreckt sich stadtauswärts von der Ringstraße, hinter Parlament und Rathaus, hoch bis zum Gürtel. Seitlich bilden die Lerchenfelder Straße und die Alser Straße die Grenze zum 7. (Neubau) und 9. Bezirk (Alsergrund). Etwa 25.000 Einwohner ­residieren hier im „Grätzel“, damit ist die Josefstadt, nach der Inneren Stadt, der Bezirk mit der zweitgeringsten Bewohnerzahl. Klein, aber fein, könnte man sagen,


Juwel. Im Jahr 1924 ließ Max Reinhardt das Theater in der Josefstadt zu einem mit rotem Damast, prächtigem Goldschmuck und venezianischem Lüster-Prunk ausgestatteten Raum für eine gelungene Gegenwartsflucht umbauen.

Jugendstil. Otto Wagners Stadtbahn-Station.

Das Theater in der Josefstadt wurde 1788 gegründet und beschäftigte gewichtige Persönlichkeiten wie Beethoven, Nestroy und Schnitzler. Aber auch das älteste englischsprachige Theater außerhalb Großbritanniens hat seinen Sitz im 8. Bezirk. kontur 63


Paradiesisch. Eschi Fiege und Michi Klein.

Verpackungsfrei. Der Greißler reduziert Müll.

Altehrwürdig und zugleich lässig und jung, eine Mixtur aus Spezialgeschäften, Kaffee-Häusern und Bars. Das ist Wiens kleinster Bezirk. 64 kontur

J­ osefstädter Straße. Weltberühmt ist hier das Theater in der Josefstadt, die zweit­ älteste bestehende Sprechbühne Wiens, im Volksmund kurz „Die Josefstadt“. Sie wurde 1788 gegründet und beschäftigte gewichtige Persönlichkeiten wie Beethoven, Nestroy und Schnitzler.

in der Josefstädter Straße 15. „Wir sind ständig in Dänemark, Schweden, Italien, England und Frankreich unterwegs, um die neusten Einrichtungstrends aufzu­ spüren und direkt in unsere Läden zu bringen“, so Kurt Spet, der mittlerweile ­ mehrere Lifestyle-Stores in Wien betreibt.

Aber auch andere Kreative, Kunstgewerbe, Hotels und Geschäfte haben hier ihren Lebensraum gefunden wie das Fleming’s Selection Hotel (Josefstädter Straße 10– 12). Fleming’s, hat das was mit James Bond zu tun? Absolut. So soll der Taxi­ fahrer Ignaz B. in den 60er-Jahren in New York den James Bond-Schriftsteller Ian Fleming chauffiert haben. Während der Fahrt haben sich beide darüber ausgetauscht, wie das ideale Hotel auszusehen hätte. Als Hommage an dieses geheime Zusammentreffen soll später der Name für die Hotels entstanden sein, denn aus einer „Herberge“ wurde mittlerweile eine ganze Kette. Fest steht: James Bond hätte nicht nur an der Mini-Bar des Fleming’s seine Freude, sondern auch am stylishen Interieur. Um geschmackvolle Einrichtungsgegenstände dreht es sich auch im Hannibal

Einfach ein Kinderspiel. Bunt wie ein Papagei? Nein, wie ein Pagabei! Das gleichnamige Wiener Kindermode-Label (Josefstädter Straße 20) hält, was der Name verspricht: bunte, freche Designs aus ökologischen Materialien und ethischen Grundsätzen. Designerin Eszter Szabolcs setzt auf Schnitte die mitwachsen, unverkennbare weiche Stoffe sowie eine sorgfältige Verarbeitung made in Europe. Ein paar Hausnummern weiter in der 50 residiert das Café Restaurant Hold. Eine Art italienische Bar, die auf den ersten Blick vielleicht etwas unscheinbar anmuten mag, auf den zweiten aber ihren liebenswürdigen Charakter versprüht: So klein wie das Lokal ist auch die Speisekarte – doch die hat es in sich, was die Qualität anbelangt: Liebevoll frisch zube-

Fotos: Roland Unger, Der Greißler, shutterstock, Michael Malina, Gregor Kuntscher

Piaristenkirche. Maria Treu am Jodok-Fink-Platz.


Nachbarschaft. Das Albert von Mario Bernatovic.

Meer. Im Goldfisch geht es um Wassertiere.

Mit seinen 109 Hektar würde der 8. Bezirk 94-mal in den größten Bezirk, die Donaustadt, passen. reitete Speisen machen Lust auf mehr, egal ob Bruschetta, Goldbrasse oder die Panna Cotta. Molto bene! Ab ins Paradies. Abseits der Josef­ städter Straße, die vom Ring zwischen Parlament und Rathaus stadtauswärts zur gleichnamigen früheren Stadtbahn und heutigen U-Bahnstation U6 führt – eine der bekannten Wiener Jugendstilbauten von Otto Wagner –, finden sich stille Gässchen und kleine Plätze mit sorgsam renovierten Biedermeierhäuschen, prachtvollen Jugendstilpalais, begrünten Innenhöfen und kleinen Lokalen, denn zur Kultur gehört bekanntlich auch das Essen und Trinken. Kaum ein anderer Bezirk hat eine so hohe Dichte an Restaurants und Labungs­ stätten wie die Josefstadt. Unweit der U6 Station hat im letzten Jahr Das kleine Paradies seine Pforten geöffnet und sich in kurzer Zeit zu einem echten Geheimtipp gemausert. Das neue Lokal von Eschi Fiege und Michi Klein in der Blindengasse 3 beindruckt nicht nur wegen seines prachtvollen Ambientes in einem ehemaligen Büromaschinengeschäft aus

der Kaiserzeit, das mit viel Liebe renoviert wurde, sondern auch wegen der Köstlichkeiten, die hier aufgetischt werden. Kein Wunder, denn am Herd steht Tomaž Fink, einst Souschef im Skopik & Lohn. Echte Bereicherung. Zwei Querstraßen unterhalb der Blindengasse, stadteinwärts, hat Alexander Obsieger seinen verpackungsfreien Laden Der Greißler in der Albertgasse 19. Müll vermeiden und regionale Anbieter stärken lautet das Credo des ehemaligen Binnenschiffers, der mit seinem Konzept nicht nur dem aktuellen Zeitgeist entspricht, sondern auch noch aktiv einen Beitrag zur Lebensmittelverschwendung und Mikroplastik-Reduzierung im Essen leistet: Egal ob Käse, Öl, Nudeln oder Nüsse – bei Obsieger wird die gewünschte Menge in selbst mitgebrachte oder ausleihbare Glas-, Papier- oder Stoffbehälter abgefüllt. Die Bezugsquellen sind regionale Bauern und Jungunternehmer. Eine Bereicherung ist auch das Albert ein paar Häuser weiter (Albertgasse Nr. 39). Das Nachbarschaftslokal von Mario Bernatovic bietet vom Frühstück bis zum

Abend richtig gutes Essen und ein eindrucksvolles Weinangebot. Die Gerichte sind allesamt frisch gekocht und eine gute Mischung aus klassischen und innovativen Elementen. Kein Wunder, war Bernatovic vor rund 20 Jahren einer der „jungen ­Wilden“ in der Wiener Szene und kochte in Restaurants wie dem Motto am Fluss, Kussmaul am Spittelberg und seit 2017 dem Kussmaul in der Bäckerstraße. Das Albert ist nun sein erstes eigenes Lokal, denn ein gutes Lokal ums Eck sollte jeder haben, oder? Benannt ist die Straße übrigens nach ­Herzog Albert von Sachsen-Teschen, anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Albertinischen Wasserleitung. Unter Denkmalschutz. Apropos Wasser: Viel Grün ist in der Josefstadt nicht zu finden. Nur zwei Hektar, also 1,8 Prozent, der Gesamtfläche sind grün. Die größte Parkanlage ist der Schönbornpark, dessen Ummauerung, Brunnen und selbst der WC-Pavillon unter Denkmalschutz stehen, da sie ein historisches Zeugnis des Wiener Jugendstils darstellen.

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Böser Wolf. Märchenhafte Prints von Esca.

In direkter Nachbarschaft zum Park befindet sich das Urban Stay Hotel Columbia (Kochgasse 9). Hinter der Fassade eines Wiener Stilhauses aus dem 19. Jahrhundert verbirgt sich ein lässiges BoutiqueHotel mit zehn Zimmern im Romantic-­ Vintage-Style. Das Einrichtungs-Konzept stammt vom Designer Werner Pramel, der bereits seine Handschrift in vielen inter­ nationalen Hotels von Warschau bis Paris hinterlassen hat. Etwas besonders ist auch die Kräuter­ drogerie ein paar Häuser weiter (Koch­ gasse 34). Was an dem Reformhaus-­ Konzept wirklich beeindruckt, ist das ­unglaublich große Sortiment an Kräutern und Gewürzen, das auch Seltenheiten wie Asa Fötida oder Ajowan umfasst. Die ­Anlaufstelle für alle, die ganz besondere „Pflänzchen“ aus der Natur suchen.

Rotkäppchen und der Wolf. Unterhalb der Kochgasse bahnt sich die Lange Gasse ihren Weg quer durch die Josefstadt. Selbstredend, dass hier einige coole Shops zu finden sind wie das Esca: Christina ­Esca und ihr Bruder bedrucken T-Shirts, Jacken, Pullis und Geschirr mit märchenhaft-­ kreativen Prints. So treffen Rotkäppchen und der böse Wolf auf Drachen und Seepferdchen. Natürlich auf ökologisch fair gehandelten Textilien und direkt im Shop handbedruckt (Lange Gasse 19/1). Ein paar Meter weiter erreicht man schließlich die Lerchenfelder Straße, die nicht nur den Zugang zum boboesken 7. Bezirk ­bildet, sondern auch zum Meer – zumindest was die Hausnummer 16 anbelangt. Der Goldfisch ist der Hafen für alle, die ­gerne Fisch & Co. essen. Verkauft werden nicht nur Produkte aus dem Meer, sondern

auch aus heimischen Gewässern. Dabei hat man die Wahl, ob man die Wasserbewohner zu Hause kochen oder frisch zubereitet im kleinen Lokal verkosten möchte. Neben einer großen Auswahl an Fisch und Meeresfrüchten liegt der Fokus auf bester Qualität, Bio-Produkten und nachhaltigem Fischfang. Und weil der Fisch schwimmen muss, findet sich zudem eine feine Auswahl an Weinen. Fisch ahoi! Der Richtige zum Passenden. Weil zum Thema Wasser, Angeln und Regen auch die passenden Schuhe dazugehören, führt der Spaziergang zum Schluss noch einen Häuserblock weiter in die Lerchenfelder Straße, Ecke Strozzigasse. Auf zwei Ebenen findet sich im Gummistiefelhaus auf unglaublichen 250 Quadrat­ metern wasserabweisendes Schuhwerk für alle Lebenslagen, Launen, Farben und

Fotos: David Sailer, Julia Wesely, Hubert Rinnhofer, die Werkstatt

Bunt. Nachhaltige Kindermode im Pagabei.

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Top. Das Gummistiefelhaus für Gatschhupfer.

Foto: xxxxxx

­ üße. Gatschhüpfer und Pfützenliebhaber F bekommen zudem Regenmäntel und -schirme. Im Torberg (Strozzigasse 47) lässt sich der Tag ausklingen, um sich durch die beeindruckende Auswahl von über 600 verschiedenen Sorten Gin und 23 Tonics zu probieren. Es ist die Leidenschaft der Betreiber, den richtigen Gin mit dem passenden Tonic zu verbinden – aber auch das Angebot an qualitativ hochwertigen Whiskys und Champagnern kann sich sehen lassen. Ein authentisches, gemütliches Ambiente – wie die gesamte Josefstadt: altehrwürdig und zugleich lässig und jung, eine Mixtur aus Spezialgeschäften, Kaffee-Häusern und Bars. Zusammengewürfelt und doch in sich stimmig – alles immer im josefstädtischen Flow. Das macht „Das Dorf der Wiener“ zur Heimat, mit der sich die Bewohner ein Leben lang verbunden fühlen. Christiane Schöhl von Norman

Hotspots im 8. Bezirk, die auch einen ­Besuch wert sind. Knöpfe. In diesem kleinen Spezialgeschäft findet sich selbst Nähzubehör, nach dem man schon lange gesucht und nicht mehr zu finden geglaubt hat. Große Auswahl an, wie der Name schon sagt, Knöpfen! Lederergasse 2 Materia. Stefano Patelli und Francesca De Rossi bringen eine junge, moderne Küche aus Italien nach Wien. Traditionelle Rezepte werden neu interpretiert. Die Gerichte leben von wenigen ausgesuchten Komponenten. Der Einfluss von Stefanos Nonna ist genauso spürbar wie der seiner Reisen in Europa und Japan. Tigergasse 31 Tati. Ein fabelhafter Vintageladen unter der Führung von Bühnenbildnerin Katharina Polheim. Hier treffen antike Möbel auf ausgesuchte Retro-Gegenstände und Greißler-Produkte wie Olivenöl, Sardinen und Honig aus einem kleinen ligurischen Dorf in der Nähe von Ventimiglia auf naturbelassene Seife aus Marseille. Lange Gasse 26 Fuhrmann. Das Konzept des Restaurants ist schnell erklärt: Gästen gutes ­Essen und erlesene Weine in einer gemütlichen und gepflegten Atmosphäre zu

Im Bilde. Rahmen aller Art in der Werkstatt.

v­ernünftigen Preisen zu bieten. Dabei konzentriert sich Küchenchef Sascha ­ Hoffmann, der bereits im Steirereck, Tian oder Fabio’s Erfahrungen sammelte, auf einen unprätentiösen österreichischen Stil mit modernen Akzenten. Drei Gault&Millau-Hauben geben ihm Recht. Gastlichkeit auf höchstem Niveau. Fuhrmanngasse 9 Kommod. Eine Bäckerei aus den 20erJahren bildet den Rahmen für das kleine Restaurant mit den rund 15 Sitzplätzen. Knapp ist auch die Speisekarte: ein Menü mit vier Gerichten (Vorspeise, Zwischengericht, Hauptspeise, Dessert). Reduk­ tion auf das Wesentliche lautet das ­Credo, das bedeutet, ausgewählte Produzenten und Zutaten mit Bedacht und Raffinesse zubereitet. Ein kulinarisches Kleinod. Strozzigasse 40 Tür 7. Willkommen im Wohnzimmer. In der kleinen Bar hinter dem Rathaus wird ein individuelles Verwöhnprogramm geboten – inklusive Klingel, Hausschuhen und herausragenden Cocktails sowie anderer süffiger, alkoholischer Mixturen. Buchfeldgasse 7 Dolls. Einer der stimmungsvollsten Blumenläden der Stadt, denn die verschie­ denen Gewächse und Pflanzen werden von kundigen Händen sehr geschmackvoll gebunden. Immer etwas dramatisch und nie langweilig sind die Blumen im Arrangement eine künstlerische Entdeckung. ­Lange Gasse 62

Authentisch und gemütlich, zusammengewürfelt und doch in sich stimmig – alles im josefstädtischen Flow. kontur 67


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