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Bregenzer Festspiele 2018 18. Juli 2018

Befreit von Klischees Der See ermöglicht Opulenz und Psychologie.

Erstaufführung „Beatrice Cenci“ führt nach Rom

Bis zum Leberschnaps Die Ausstellungen sind überraschend


„Oper muss sich öffnen, hier tut sie es und das finde ich super“ Es mag der Titel sein, es mag das Bühnenbild sein, es mögen die Produktionen der letzten Jahrzehnte sein, die den Ruf der Bregenzer Festspiele festigten, Musiktheater für alle in einem einzigartigen Rahmen zu bieten, jedenfalls war „Carmen“, die Produktion auf dem See in der Pre­ mierensaison im vergangenen Jahr schon vor dem Start ausverkauft. Zum wirtschaftlichen Erfolg kam der künstlerische, die Umsetzung stieß allgemein auf Anerkennung. Die in die Höhe geworfenen Spielkarten, mit denen Bühnenbildnerin Es Devlin einen entscheidenden Moment der Handlung von Bizets Oper „Carmen“ festhält und auf denen Motive sichtbar wurden, die die Geschichte verdeutlichen, hat nicht von den eigentlichen Figuren, von den Sängern abgelenkt. Im Gegenteil, am Ende richtet sich der Fokus auf zwei Menschen, die nicht weit weg scheinen, sondern als Täter und Opfer durchaus präsent sind. Die Spielkarten haben wir hier auf dieser Seite verwendet, um an vergangene Seebühnenproduktionen zu erinnern. Rund 200.000 Zuschauer vereinen die Aufführungen Sommer für Sommer in Bregenz. In der Musiktheaterszene sprechen Verantwortliche davon, dass die Oper für alle da sein soll, dass sie sich öffnen müsse, erklärte Kasper Holten, der „Carmen“ auf dem See inszeniert hat: „Hier tut sie es und das finde ich super.“ Der vielzitierte Ort der Auseinandersetzung, auch der Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen, der das Theater sein soll, gilt auch für das Musiktheater. „Beatrice Cenci“ von Berthold Goldschmidt wird erstmals in Österreich aufgeführt. Die Brisanz dieses Werkes erfährt durch das Schauspiel „Böhm“ von Hochgatterer und Habjan eine weitere Betonung, thematisiert es doch ein überdenkenswertes, fatales Verhalten von Menschen.

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Bregenzer Festspiele 2018

Impressum | Konzept, Redaktion: Christa Dietrich | Layout: Claudia Gölz | Umsetzung: Johanna Zaremba | Autoren: Christa Dietrich, Miriam Sorko, Veronika Fehle, Peter Natter, Ariane Grabher, Fritz Jurmann | Compositing: Christian Stuppner | Fotos: Bregenzer Festspiele, Anja Köhler, Dietmar Mathis, Dietmar Stiplovsek, Lupi Spuma/Schauspielhaus Graz, Karl Forster, Roland Paulitsch, Philipp Steurer, Klaus Hartinger, Frederick Sams, Kunsthaus Bregenz/Markus Tretter, Kunstmuseum Liechtenstein/Ines Agostinelli, Shutterstock | Erscheinungstermin: 18. Juli 2018

Bregenzer Festspiele 2018

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Bei "Beatrice Cenci" handelt es sich um eine spannende Geschichte, die mit reizvoller, abwechslungsreicher Musik verknüpft ist.

04.07.2018 13:04:49

„Er trifft denTon, den er sucht“

„Beatrice Cenci“ wird erstmals in Österreich aufgeführt. „Ich finde es großartig, dass er das Werk nicht an einen anderen Ort versetzt hat, sondern, dass es durch den Zeitsprung nach hinten eine Erhöhung erfährt“, verdeutlicht Regisseur Johannes Erath die Tatsache, dass der in einer jüdischen Kaufmannsfa­ milie in Hamburg aufgewach­ sene Komponist Berthold Gold­ schmidt die Geschehnisse im 20. Jahrhundert, ein Gewaltregime, Verfolgung und Flucht, in der Geschichte von Beatrice Cenci berührt. „Auf Deutsch rückt sie uns zudem näher und trifft uns mehr. Wir können uns nicht einfach zurücklehnen, natürlich hat das alles mit uns zu tun.“ Komponiert hatte Berthold Goldschmidt (1903–1996) das Werk in den Jahren 1949/50 im Rahmen eines Wettbewerbes in England. Martin Esslin, der ebenfalls wegen der Verfolgun­ gen durch die Nazis emigrierte, verfasste das Libretto nach dem Werk von Percy Bysshe Shelley. Erst im Jahr 1988 wurde es konzertant aufgeführt, im Jahr 1994 erfolgte die erste szeni­ sche Umsetzung in Magdeburg.

Die Wiener Städtische fördert künstlerische Vielfalt und den kulturellen Dialog mit KünstlerInnen, KundInnen und Unternehmen.

Für die österreichische Erstauf­ führung haben Johannes Erath und der Dirigent Johannes De­ bus die deutsche Textversion,

die Goldschmidt erstellt hatte, auf die Klangwirkung hin etwas adaptiert. Gerade den Klang hebt Debus hervor: „Es ist ein Stück, das sehr wirkungsvoll ist. Es ist gut zu besetzen, es klingt toll, Goldschmidt war ein The­ aterpraktiker, er wusste sehr ge­ nau, wie weit er bei den Schwie­ rigkeitsgraden gehen kann oder vielleicht auch gehen möchte. Er war ein Komponist, der sich dafür entschieden hat, die Din­ ge nicht zu abstrakt zu formu­ lieren." Was Kritiker nach der Uraufführung mit Naivität be­ schrieben haben, will Debus als Ehrlichkeit verstanden wissen: „Es macht das Stück aus, dass er den Ton trifft, den er sucht, um eine bestimmte Situation zu charakterisieren.“

Ein Machtkonstrukt Der Handlung liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. Beatrice Cenci fand im Rom des späten 16. Jahrhunderts keine Möglichkeit, sich gegen die Misshandlungen ihres Vaters zur Wehr zu setzen. Francesco Cenci kaufte sich in einem korrupten System, in dem die Kirche die Rolle des Protago­ nisten einnahm, immer wieder von jeglicher Schuld, die bis zu Morden und der Vergewaltigung der Tochter reichte, frei. Beatrice übte Selbstjustiz und wurde zum

Tod verurteilt. Ein Machtkons­ trukt darzulegen, ist Johannes Erath wichtig. „Zum einen geht es darum, visuell spürbar zu ma­ chen, was Beatrices Verletzun­

„Wir können uns nicht einfach zurücklehnen, natürlich hat das alles mit uns zu tun.“ Johannes Erath Regisseur

gen sind, ohne sie zu zeigen.“ Er wolle Assoziationsketten ansto­ ßen, erklärt Erath, der schon in Graz, als Festspiel-Intendantin Elisabeth Sobotka die dortige Oper leitete, Wagners „Lohen­ grin“ oder Korngolds „Die tote Stadt“ umsetzte. Goldschmidt hat der Haupt­ figur große Aufmerksamkeit geschenkt. „Sie scheint zu zer­ brechen, aber in ihr ist eine unglaubliche Kraft. In dem Moment, in dem sie sich ent­ schieden hat, ist alles glasklar.“ CHRISTA DIETRICH

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WIR UNTERSTÜTZEN DAS 4

Bregenzer Festspiele 2018

Bregenzer Festspiele 2018

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„Carmen

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Kasper Holten: „Don José liebt Carmen, alle anderen Männer sehen in ihr nur eine erotische Frau.“

Befreit von den vielen Klischees Der See macht die Darstellung psychologischer Vorgänge in „Carmen“ möglich.

Jetzt wissen wir es, Kasper Holten kam nicht erst als Regie-Assistent nach Bregenz, als Harry Kupfer im Sommer 1995 „Die Legende der unsichtbaren Stadt Kitesch“ von Rimsky-Korsakow umsetzte, er war schon zehn Jahre früher da. Als Kind durfte er die legendä­ re Savary-Inszenierung von Mo­ zarts „Zauberflöte“ auf dem See sehen. Das Erlebte wirkte nach, wurde ausbildungs- und berufs­ entscheidend. Erst neun Jahre alt war er, als er erstmals die Oper „Carmen“ sah. Er war infiziert, inszenieren wollte er das Werk jedoch lange nicht. „Zu viele Kli­ schees haften daran“, meint er. Als eine Aufgabe in Bregenz sah er es auch, diese auszumerzen und das in einem Bühnenbild, das bekanntermaßen anders ist als alle anderen, enorme Aus­ maße hat und gelegentlich ein großflächiges Malen bedingt. Holten ging davon aus, dass es auch möglich ist, mit kleinen, feinen Pinselstrichen die Dinge zurechtzurücken und die Bezie­ hung zwischen Don José, Car­ men und Escamillo zu verdeut­ lichen und behielt Recht. Die Reaktionen nach der Premi­ ere der „Carmen“-Produktion auf dem See im Vorjahr lassen den Schluss zu, dass es dem Publikum gelang, ihm in die Karten zu schauen. Und das ist angesichts der jeweils spekta­ kulären Bühnenaufbauten, auf die sich der Fokus richtet, eine ziemliche Herausforderung.

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Bregenzer Festspiele 2018

Inmitten der Spielkarten, mit der Bühnenbildnerin Es Devlin auf eine zentrale Szene in der Handlung verweist und die zu­ dem ein Projektionsmapping er­ möglichen, das sie scheinbar in Bewegung hält und das den Ver­ lauf der Geschichte verdeutlicht, wirken die Personen selbst sehr klein. Spannung durch die Bewe­ gungen und die Abstände zuein­ ander aufzubauen und kleinste Regungen mit filmischen Mit­ teln zu verdeutlichen, das ist be­ reits im ersten Jahr gelungen.

Nichts romantisieren Heuer wurden lediglich Kleinig­ keiten angepasst, „das Timing betreffend“, erklärt Holten, für den auch im Vergleich zu an­ deren Inszenierungen der 1875 uraufgeführten Oper von Bizet, deren Inhalt allgemein bekannt sein dürfte, feststeht, dass es sich zwischen Carmen und José um Liebe handelt. „Sie sind beide Außenseiter, alle ande­ ren Männer sehen in Carmen vor allem eine erotische Frau. Wenn sie ihn nicht haben will, dann wird das bei ihm allerdings zur Besessenheit, wir versuchen zu zeigen, dass dieser Mann auch sehr gewaltbereit ist, was letztlich zum Ausdruck kommt, wenn er sie tötet. In meiner Welt verliebt sich auch Carmen in ihn, verliebt zu sein, heißt aber auch, sich verletzbar zu machen, was sie nicht tut.“ Neben der Freiheit, für die Carmen steht, verdeutlicht Holten damit eine interessante psychologische

Komponente, schon in der har­ ten Kindheit hat sie sich diesbe­ züglich Prinzipien angeeignet, die ihr jetzt im Wege stehen. Dass Escamillo für sie als Ge­ liebter in Frage kommt, schließt Holten aus, da mag ihr Bizet eine noch so schöne Arie geschrieben haben, dem „Sugardaddy“, der die Frauen kauft, schließt sie sich nur an, um José zu provo­ zieren. Das geht, wie wir wissen, nicht gut aus. Das Ende sollte im vergangenen Jahr bis zur Premi­ ere eine Überraschung sein, der See bietet die Möglichkeit an, Carmen wird von José ertränkt. Ein Tauchkurs, dem sich alle drei Carmen-Darstellerinnen unterzogen haben, macht diese Schlussszene möglich.

„Ich wollte, dass es brutal ist, es muss erschreckend für die Zuschauer sein.“ Kasper Holten Regisseur

Vom herkömmlichen Freiheitund Sevilla-Feeling, von der Erotik, mit der eine „Carmen“Inszenierung einhergeht, ist beim Finale endlich einmal nichts mehr da. „Wir dürfen die Tatsache, dass ein Mann

eine Frau tötet, nicht roman­ tisieren“, erklärt sich Holten. „Ich wollte, dass es brutal ist, es muss erschreckend und unbe­ haglich sein für die Zuschauer.“ Ein wenig Open-air-Erfahrung hat der Regisseur nach Bregenz mitgebracht, in seiner Heimat Dänemark hat er einmal einen „Ivanhoe“ unter freiem Himmel umgesetzt. Würde er die „Carmen“ bei einer weiteren Inszenierung nach ein paar Jahren etwas an­ ders interpretieren können als in Bregenz? „Regisseur zu sein, heißt, jemand bittet mich, eine Perspektive zu wählen“, erklärt er den Vorgang, „wenn man sich im Leben verändert, dann ver­ ändert sich selbstverständlich auch der Blick.“ Kasper Holten war künstle­ rischer Leiter an der Covent Garden Opera in London, dann eine Weile freischaffend tätig und übernimmt im Herbst die Funktion des Generalintendan­ ten an der Oper in Kopenha­ gen. Demnächst wird er einige Wagner-Opern inszenieren, etwa „Lohengrin“ in Berlin, zuvor kommt aber noch die „West Side Story“ in Malmö. Bernsteins Werk sieht er gerade jetzt wieder als so wichtige an­ tirassistische Geschichte, denn: siehst du nicht, er ist einer von denen, sage Anita in etwa zu Maria, nein, ich sehe ihn, den Menschen, entgegne diese.

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CHRISTA DIETRICH

Bregenzer Festspiele 2018

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RADIO ÖSTERREICH 1 Mittwoch, 18. Juli, 19.30 Uhr (Premiere, live) Berthold Goldschmidt: „Beatrice Cenci“ Wiener Symphoniker, Dirigent: Johannes Debus Freitag, 20. Juli, 10.00 Uhr INTRADA Festivalmagazin Samstag, 4. August, 10.00 Uhr Klassik-Treffpunkt Sonntag, 5. August, 11.00 Uhr Konzert Wiener Symphoniker Dirigent: Andrés Orozco-Estrada

Mittwoch, 18. Juli, 9.00–20.00 Uhr (live) ORF Radio Vorarlberg berichtet am Eröffnungstag live aus dem gläsernen Studio am Platz der Wiener Symphoniker in Bregenz in zahlreichen Sondersendungen. Montag bis Sonntag, 12.30 Uhr Kultur in den Mittagsnachrichten Montag bis Sonntag Sonderberichte im gesamten Tagesprogramm

BREGENZER FESTSPIELE 2018 IM ORF

FESTSPIELFRÜHSTÜCK DES ORF VORARLBERG

Montag, 27. August, 23.00 Uhr Thomas Larcher: „Das Jagdgewehr“ (Uraufführung) Ensemble Modern, Dirigent: Michael Boder, Regie: Karl Markovics

FERNSEHEN Eröffnung der Bregenzer Festspiele Mittwoch, 18. Juli, 10.15 Uhr (live) auf ORF 2, 3sat und vorarlberg.ORF.at Mittwoch, 18. Juli, 16.50 Uhr, ORF III Sonntag, 22. Juli, 21.20 Uhr, ARD alpha

Sonntag, 22. Juli, 9.30 Uhr, Seefoyer Festspielhaus Bregenz Sängerin Christiane Boesiger und Regisseur Olivier Tambosi Sendetermin: Montag, 23. Juli, 20.00–21.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg

„Vorarlberg heute“ live aus Bregenz Mittwoch, 18. Juli, 19.00 Uhr, ORF 2

Sonntag, 29. Juli, 9.30 Uhr, Seefoyer Festspielhaus Bregenz Regisseurin Brigitte Fassbaender Sendetermin: Montag, 30. Juli, 20.00–21.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg

„Best of Bregenzer Festspiele“ Sonntag, 19. August, 20.15 Uhr, ORF III

Sonntag, 12. August, 9.30 Uhr, Seefoyer Festspielhaus Bregenz Regisseur Karl Markovics Sendetermin: Montag, 13. August, 20.00–21.00 Uhr, ORF Radio Vorarlberg

„Das Jagdgewehr“ (Uraufführung) Sonntag, 19. August, 22.30 Uhr, ORF III

„Kultur heute Spezial“ Donnerstag, 16. August, 19.50 Uhr, ORF III

„Beatrice Cenci“ Sonntag, 19. August, 21.15 Uhr, ORF III © Foto: Lisa Mathis / Montage: Atelier Pi

ORF RADIO VORARLBERG

Donnerstag, 23. August, 19.30 Uhr Konzert Symphonieorchester Vorarlberg Dirigent: Gérard Korsten, Tenor: Mark Padmore

Ausführliche Berichte in der „Zeit im Bild“ und in „Vorarlberg heute“ während der gesamten Festspielzeit

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Jungen Sängern stellen sich in Bregenz Herausforderungen.

Unbescholten und hoch motiviert

Karl Markovics inszeniert die Uraufführung der Oper „Das Jagdgewehr“.

Sag beim Abschied leise nichts Ein Jagdgewehr und divergente Stimmen sorgen gewiss für pack­ ende Effekte. Schon aus der Konstellation von „Das Jagdgewehr“ (1949) von Yasushi Inoue, nämlich Ehe­ mann, Ehefrau, Geliebte ergibt sich das konfliktbeladene grund­ legende Thema des schmalen Buches: Es ist nicht mehr und nicht weniger als die Liebe. Aber aufgepasst: Nicht nur, dass sich bei Inoue (1907–1991) nicht die geringste Spur von Sentimenta­ lität findet; Vielmehr scheint die Ausmerzung aller Sentimenta­ lität auch aus der Liebe Satz für Satz das Ziel des Autors zu sein. Das beginnt mit dem Titel, der so gar nichts Romantisches üb­ rig lässt, und setzt sich fort mit einem kompromisslosen Fokus auf die Einsamkeit der Schuldi­ gen, als die sich die Beteiligten der Dreiecksgeschichte unwei­ gerlich erfahren. Das ist auch philosophisch höchst stringent. Man darf sehr gespannt sein, wie sich das in Musik umgesetzt anhört, wenn „Das Jagdgewehr“ nunmehr bei den Festspielen zur Uraufführung kommt. Für das Libretto ist Friedrike Gösweiner (geb. 1980 in Rum, Tirol) verantwortlich. Dass sie

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einst über Einsamkeit als li­ terarischen Topos dissertiert hat, verspricht einen direkten Zugang zu Inoues Sicht auf die Liebenden. Die Musik des Drei­ akters hat der Tiroler Thomas Larcher (geb. 1963) komponiert. Zu ihm ist mir eine Fotografie aufgefallen, die ihn, einen Stift in der Hand haltend, tief über ein zu beschreibendes Blatt Pa­ pier gebeugt zeigt. Die immense Konzentration, die dabei zum Ausdruck kommt, entspricht exakt Inoues Stil bzw. der un­ geschminkten Direktheit seiner Protagonisten. Dass schließlich mit Karl Markovics ein mit allen Wassern gewaschener Mime und preisgekrönter Regisseur für die Umsetzung von Literatur in Oper verantwortlich ist, kündigt sich als großer Glücksfall an.

Urschuld oder freier Wille Die Frage der Schuld nämlich, der sich jede einzelne der Ge­ stalten des „Jagdgewehrs“ auf ihre Art zu stellen hat, ist nicht einfach eine Angelegenheit von richtig oder falsch, gut oder böse; sie ist nichts, was durch ethische oder moralische Spielchen und Reflexionen zu lösen wäre. Die Schuld ist ein menschliches Ur­ dilemma. Liebe, so heißt es in ei­ nem der Abschiedsbriefe, aus de­ nen das Buch besteht, kann nicht existieren, ohne Schuld auf sich zu laden. Weil Menschen nicht leben können, ohne zu lieben, entgeht niemand der Schuld.

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Brigitte Fassbaen­ der leitet die Meis­ terklasse und insze­ niert den „Barbier“.

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Dass es die Festspiele schon vor der offiziellen Eröffnung gibt, hat sich das Publikum längst in den Kalender eingetragen. Ob Ein­ blicke oder Meisterklassen – die Abende sind bestens besucht. Nach den drei Da-Ponte-Opern von Mozart, nämlich „Cosi fan tutte“, „Don Giovanni“ und „Le nozze di Figaro“, wurde Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ im Opern­ studio angesetzt. Abgesehen von der Herausforderung, die sich den jungen Sängern stellt, erzählt das 1816 uraufgeführte Werk die Geschichte, die sich vor der

Alle Personen des Werks: Der Jäger, seine Ehefrau, seine Ge­ liebte und deren Tochter werden schuldig sich selbst und anderen gegenüber. Schuld aber macht einsam. Vier Schicksale prallen aufeinander, mithin vier Stim­ men plus Erzähler: Was für eine Vorlage für einen Tonsetzer!

Was die Liebe vermag Wie gesagt, die Grundstruk­ tur, in die alle Schuld, alle Lei­ denschaft und Liebe verwoben sind, ist die des Dilemmas. Lie­ ben oder geliebt werden? Das ist hier die Frage. „Lieben, um geliebt zu werden“, so hat es der Altmeister Marcel Proust dia­ lektisch raffiniert auf den Punkt gebracht. Yasushi Inoue vari­ iert dieses Muster mit kräftigen Pinselstrichen aus der „unge­ wöhnlich tiefen Einsicht eines Dichters“: „Was für schmerzli­ che Geschäfte der Mensch doch fertigbringt!“, heißt es. So ist es nur logisch, dass das Sym­ bol aller Schuld auftaucht: die Schlange, „die jeder Mensch in sich hat“. Es sind Schlangen wie jene, mit denen schon Laokoon bzw. seine Söhne vergeblich ge­ rungen haben. Als Opernstoff kann es „Das Jagdgewehr“ so­ mit an Plausibilität und Drama­ tik spielend mit liebestollen Zi­ geunerinnen, schwindsüchtigen Halbweltdamen oder pfiffigen Vogelhändlern aufnehmen. Das weckt immense Erwartungen. PETER NATTER

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„Hochzeit des Figaro“ aus dem Jahr 1786 abspielt, dem Werk, in dem Graf Almaviva seine Rosina bereits betrügen will, die er im „Barbier“ zu erobern trachtet. Figaro, der das eine vereitelt und das andere unterstützt, kommt also ordentlich ins Schwitzen. In Bregenz schon vor den Proben­ arbeiten. Brigitte Fassbaender, die den Sängern in Meisterklas­ sen wertvolle Tipps gibt, wird heuer auch inszenieren. „Sin­ gen ist Schwerarbeit“, erläutert sie ihre Forderungen nach der bestmöglichen Vermittlung der Vokale. Grundsätzlich ist ihr aber der Ausdruck das Wichtigs­ te. Um ihn zu erreichen, braucht es Bilder: „Sie sind noch unbe­ scholten, das wird sich ändern“, heißt es da. CHRISTA DIETRICH

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älder w r e z n Brege er Moos­ d Alexan schafft r brugge er. eine Op

Bregenzer Festspiele 2018

Bregenzer Festspiele 2018 Die filmischen Elemente bei „Carmen“ auf dem See wurden ausgeweitet.

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Die Festspiele im ORF Das größte Vorarlberger Kulturfestival wird heute eröffnet. Der ORF berichtet vom fulminanten Auftakt und begleitet in den kommenden Wochen die zahlreichen Produktionen umfassend in seinen Medien.

Kirchner, Léger, Scully & mehr Werke aus der Hilti Art Foundation

Thomas Lehnerer Freies Spiel

bis 2. September 2018

Foto: Archiv Thomas Lehnerer

bis 7. Oktober 2018

Der ORF überträgt die offizielle Eröffnung der Bregenzer Festspiele heute live um 10.15 Uhr auf ORF 2, 3sat und vorarlberg.ORF.at (nachzusehen um 16.50 Uhr auf ORF III und am 22. Juli um 21.20 Uhr auf ARD alpha). Die feierliche Eröffnung gibt mit zahlreichen musikalischen Darbietungen und Filmausschnitten einen Ausblick auf das Programm. Moderatorin Martina Köberle interviewt prominente Künstler aus den aktuellen Produktionen. Die erfolgreichste Fernsehsendung des Landes, „Vorarlberg heute“ (Montag bis Sonntag, 19 Uhr, ORF 2), berichtet am Eröffnungstag um 19 Uhr live vom Festspielgelände. Das Onlineteam von vorarlberg.ORF.at liefert Schnappschüsse vom Eröffnungstag und spannende Hintergrundstorys zu den aktuellen Produktionen. Während des Festspielsommers sind sämtliche Neuigkeiten von den Bregenzer Festspielen jederzeit auf einen Klick abrufbar. Ein ganzer Tag Radio live vom Festspielplatz Zur Festspieleröffnung begibt sich auch ORF Radio Vorarlberg mitten ins Ge-

ORF Radio Vorarlberg berichtet am Eröffnungstag von 9 bis 20 Uhr live aus dem gläsernen Radiostudio in Bregenz. schehen und berichtet von 9 bis 20 Uhr aus Bregenz – live aus dem gläsernen RadioSendestudio vom Platz der Wiener Symphoniker. Künstlerinnen und Künstler sowie Prominente werden zu Gast sein, interessante Reportagen und brandaktuelle Neuigkeiten bringen Festspielflair ins gesamte Vierländereck. Die ganze Festspielzeit gibt es Sonderberichte im gesamten Tagesprogramm und täglich in den ausführlichen Mittagsnachrichten um 12.30 Uhr. Künstler zum Kennenlernen Bei den „Festspielfrühstück“Gesprächen – moderiert von Bettina Barnay und Jasmin Ölz – erzählen Mitwirkende der aktuellen Produktionen von ihrem Beruf und aus ihrem Privatleben: Sängerin Christiane Boesiger und Regisseur Olivier Tambosi sind am 22. Juli zu Gast, Regisseurin Brigitte Fassbaender am 29. Juli und Regisseur Karl

Markovics am 12. August. Alle sind herzlich eingeladen, an den Sonntagen jeweils um 9.30 Uhr im Seefoyer Festspielhaus Bregenz am „Festspielfrühstück“ teilzunehmen. Die Gespräche sind jeweils am darauffolgenden Tag um 20 Uhr auf ORF Radio Vorarlberg zu hören. Kulturprogramm vom See Am 16. August widmet sich ein „Kultur heute Spezial“ um 19.50 Uhr auf ORF III ganz den Bregenzer Festspielen. Am 19. August präsentiert ORF III einen großen TV-Schwerpunktabend – mit einem „Best of Bregenzer Festspiele“, „Beatrice Cenci“ und „Das Jagdgewehr“. Auch Radio Ö1 überträgt mehrere Produktionen direkt aus Bregenz – u. a. auch die Wiener Symphoniker (5. August) und das Symphonieorchester Vorarlberg (23. August). Selbstverständlich berichten auch die „Zeit im Bild“ sowie „Vorarlberg heute“ laufend. ANZEIGE

Die Oper „Carmen“ steht mittlerweile ganz oben auf der Hitliste, bei der Uraufführung war sie ein Reinfall.

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Echte Überfliegerinnen, das sind Carmen und Rosina trotz der wackligen Starts.

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Bregenzer Festspiele 2018

Telefonische und persönliche Beratung in den Bereichen Arbeits- und Sozialrecht | Konsumentenberatung | Beratung in Steuerrechtsfragen | AK-Büro für Familienund Frauenfragen | Lehrlings- und Jugendabteilung

Man stelle sich das vor: Gerade eben sind die letzten Takte von George Bizets Oper „Carmen“ in der Pariser Opéra-Comique verklungen. Es ist der 3. März 1875 und die Uraufführung ist geschafft. Und dann? Totenstil­ le, zaghafter Applaus. Dass so­ wohl Publikum als auch Kritik Bizets Oper „Carmen“ eher un­ terkühlt aufgenommen hatten, ist noch wohlwollend formu­ liert. Aber was hätte man auch anderes erwarten sollen, wenn selbst Bizet mit einem „endgül­ tigen und hoffnungslosen Rein­ fall“ rechnete. Ganz so schlimm war es dann aber auch wieder nicht. Die Nasen rümpften sich zwar schon – schließlich wurde Carmen ja von ihrem Liebhaber ermordet – und dann auch noch in diesem Milieu von Dieben, Zigeunerinnen und Tabakar­ beitern. Aber das war es dann auch wieder mit dem „Skan­ dälchen“. Obwohl, dass Bizet sich für die Opernbühne dieses „Superweib“ Carmen aussuch­ te, das mit den Männerherzen zu jonglieren wusste und die Farbschattierungen der mora­ lischen Graubereiche bestens kannte, war für die feine Pariser Gesellschaft wohl einfach ein bisschen zu viel des Guten.

In Wien war alles anders Überhaupt, derartige „hässliche Entlein“ wie „Carmen“ wohl eines war, gibt es in der Ge­ schichte gar nicht so selten. Bei der Uraufführung ein Reinfall,

im Laufe der Zeit ein „schöner Schwan“. So kam es nämlich auch für „Carmen“. War dem Pariser Premierenpublikum teils die Musik zu verstiegen und intellektuell, konnten an­ dere George Bizet einfach nicht verzeihen, dass er ein Stück, das in der „Opéra-Comique“ aufge­ führt wurde, mit einem Mord enden ließ. „So etwas hat es nie zuvor gegeben“, notierte sich auch Operndirektor Camille du Locle. Kurz und gut: „Carmen“ überzeugte nicht, vorerst nicht. Denn nur sieben Monate spä­ ter brach das „Carmen“-Fieber doch noch aus und hält bis heu­ te an. Allerdings in Wien und nicht in Paris. Und Bizet selbst hatte mittlerweile auch schon das Zeitliche gesegnet. Dass er an gebrochenem Herzen über seine „Carmen“ gestorben sei, gehört allerdings ins Reich der Mythen und Märchen. Was aber stimmt, ist, dass die Probenar­ beiten zu „Carmen“ an seinen Kräften und seinem bereits ge­ schwächten Herzen zehrten.

Kapitale Katastrophe Ein anderer Schauplatz, eine andere Uraufführung, die zwar auch zehrte – an den Nerven und nicht am Herzen – und dadurch zum Glück nicht tödlich endete. Die Rede ist von Gioachino Ros­ sinis „Barbier von Sevilla“, und die Uraufführung war das, was man eine kapitale Katastrophe nennen darf. Es ist der 20. Febru­

ar 1816 und man hat sich soeben in den Sesselreihen des Teatro Argentina in Rom bequem ein­ gerichtet. Am Pult steht Rossini selbst und gegeben wird sein neuestes Werk, eine amüsante Geschichte um ein Liebespär­ chen, einen alten Raffzahn und einen schlauen Barbier, der die Sache schon richtet – kurz und gut: eine Opera buffa, wie sie im Buche steht. Wobei eigentlich ist es ja die Dame, also Rosina, die ganz Herrin der Lage ist und die Zügel und damit die Handlung fest im Griff hat. Kein dummes, kleines Mäuschen ist sie, son­ dern vielmehr die Puppenspie­ lerin, die die Marionetten tanzen lässt, bis sie hat, was sie will.

abend doch etwas ramponiert und blutverschmiert. Dann kam die Katze. Dann kam tatsäch­ lich eine Katze auf die Bühne. Die sprang fröhlich zwischen den Sängern hin und her, spielte mit den Rocksäumen, strich um sämtliche Beine und rollte sich genüsslich auf den Rücken. Auf Versuche, sie von der Bühne zu verjagen, antwortete das Tier­ chen mit erneutem Erscheinen – dieses Mal auf der anderen Seite des Bühnenrandes. Zum großen Finale sprang sie dann übrigens einfach dem Bartolo in die Arme. Und das Publikum? Das begann lautstark zu miau­ en, jedes Mal, wenn die Katze sich blicken ließ.

Und die Damen und Herren im Publikum? Die pfiffen, buhten und führten sich auf, als gäbe es kein Morgen. Der Grund war wohl weniger Rossinis Werk, als eine interne Intrige. Denn Rossinis Oper gab es näm­ lich eigentlich schon. Die bis dato erfolgreichste Umsetzung stammte von Giovanni Paisiel­ lo, und dessen Fans waren über Rossinis Ansinnen einfach nur empört. Pfiffe, Schreie, höhni­ sches Gelächter waren da noch das Harmloseste, was Rossini in stoischer Ruhe am Abend der Uraufführung über sich erge­ hen ließ. Denn zuerst stolperte einmal der Basilio auf seinem Weg über die Bühne, stürzte großflächig auf sein Gesicht und absolvierte den Premieren­

Rossini aber dirigierte weiter, verbeugte sich, ohne auch nur die geringste Gemütsregung durch­ blicken zu lassen, und ging nach Hause. Am nächsten Tag soll er allerdings einem Kollegen den Vortritt am Pult gelassen haben. Was also wacklig startet, kann sich doch noch zu einem Über­ flieger der Musikgeschichte entwickeln. „Carmen“ und der „Barbier“ sind die besten Bei­ spiele dafür. Man erzählt sich in Rom nämlich auch, dass sich das begeisterte Publikum nur wenige Tage nach der Urauf­ führung vor Rossini Wohnstatt versammelt und applaudiert haben soll. Qualität setzt sich eben durch – früher oder später. VERONIKA FEHLE

AK Vorarlberg, Widnau 2-4, 6800 Feldkirch, Tel. 050/258-0 kontakt@ak-vorarlberg.at, www.ak-vorarlberg.at

Bregenzer Festspiele 2018

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seum präsen Das Vorarlberg Mu

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die prägenden dem Fokus auf das Vorarlberg t Jahre unternimm näherung, zeigt Museum eine An hnungen und zahlreiche Zeic Wackers Aus­ Dokumente, die mit Literatur, einandersetzung ik dokumentie­ Kunst und Polit ­ Ru er al M r de n rte Lagerleben Im Kalender, de ren, die ihn das ha o­ N s al ) s über­ 39 19 3– ehen ließen. Au st dolf Wacker (189 er üb in se , mlungen, Jahr 1939 nd privaten Sam ge tizbuch für das ie w ch no r n oder aus b, sind nu eigenen Bestände Todesjahr, erwar s au n. de fin ngen zu Bregenz stam­ wenige Eintragu jenen der Stadt h­ Ja n de , ihm de, die Wacker Wichtig war es men die Gemäl n de in s ed schi obachter politi­ restag seines Ab als besorgten Be n de d un 14 19 st gen in Öster­ Krieg am 1. Augu scher Entwicklun r he isc ss ru s au als einen, der seiner Rückkehr reich ausweisen, ­ em pt Se . 14 am t der Geistlosen“ Gefangenschaf die „Herrschaft Wa­ r Fü n. e Ausstel­ ke er um as men sah. D s di ber 1920 vorz m ko t, de en g“ heißt, ieg nie ge „Wacker im Krie cker habe der Kr ng lu n de r de aler, beiten, die vor­ erklärt Jürgen Th obwohl diese Ar s de s as hl ac n N en Sachlichkeit handschriftliche wiegend der Neu r de , ut tre be rs ab den 1920erBregenzer Künstle zuzuordnen sind, n er et rtr Ve en st en sind, sollte zu den wichtig Jahren entstand r de t CH ns Ku n he CHRISTA DIETRI der österreichisc nicht irritieren. Mit t. hl zä it ze gs Zwischenkrie

er Wie Rudolf Wack n zum bedeutende Künstler wurde.

Der Bildhauer Herbert Meusburger hat eine Installation im Vorarlberg Museum geschaffen.

Rasen, Leberschnaps und sinnliche Systeme Der Bregenzer Festspielchor wirkt bei „Carmen“ mit

Skulpturen bereichern den Kunstsommer.

Kunst am KUB: David Claerbout hat das Dschungelbuch bearbeitet.

Wenn es dunkel wird, kommt Tiger Shir Khan

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David Claerbout bietet philoso­ phische Spiele im Kunsthaus.

der Bär, aber auch Baghira, der Panther, und Shir Khan, der Ti­ ger, menschliche Züge. Einzel­ bild für Einzelbild wurde nachge­ zeichnet, Bär, Tiger und Panther dürfen dabei wieder Tier sein.

Zeit, Wahrnehmung und Wahr­ heit sind die Begriffe, die für die Arbeiten des Belgiers David Cla­ erbout (49) stehen. Im Kunsthaus erhalten sie Raum und gewinnen damit an Schärfe. Grund genug, um einen Künstler, der sich in der virtuellen Welt sicher und zu­ gleich das Gesamte analysierend bewegt, nach Bregenz zu holen. Dass er den Vorplatz zudem souverän nutzt, spricht für die Wahl. „Die reine Notwendigkeit“ heißt das Werk, das allabendlich auf der Fassade des KUB sicht­ bar wird. Im Filmklassiker „Das Dschungelbuch“, tragen Balu,

Wie sich die Natur Terrain zu­ rückerobert, das Erfassen von Abläufen und die Frage, was überhaupt wahr ist, wird in der hochpolitisch aufgeladenen, zentralen Arbeit „Olympia 2016– 3016“ vielschichtig komprimiert. Wie in einem Video-Game be­ findet sich der Betrachter vor und im Berliner Olympia-Stadi­ on. Der wissenschaftlich errech­ nete Zerfall des Nazi-Gebäudes soll tausend Jahre dauern. Die Witterungsverhältnisse Tag für Tag exakt impliziert, lässt sich bereits nachverfolgen, dass er begonnen hat. CHRISTA DIETRICH

Bregenzer Festspiele 2018 Walter Kölbl präsentiert eine Werkschau im Künstlerhaus.

Den Bregenzerwälder Künstler Herbert Meusburger kennt man als Bildhauer, seit einigen Jahren auch als Maler. In archaischem Granit arbeitet er sich konse­ quent und ernsthaft an den Para­ metern der Bildhauerei, wie Stüt­ zen und Lasten, Verbinden und Trennen, ab. Techniken aus dem traditionellen Holzbau überträgt der 1953 in Bizau geborene Meus­ burger in den Stein. Glatte und raue Oberflächen, ineinander „verstrickte“ und gesteckte Ele­ mente, akzentuieren die vielteili­ gen Granitformationen.

Seltene Pflanzen Zuletzt hat sich mit der Natur ein besonders aktuelles und dem Künstler besonders nahes Thema immer stärker in sein Denken und vor allem ma­ lerisches Schaffen gedrängt. In einer eigens entwickelten Technik spachtelt Meusburger Farb- und Gipsschichten auf Grobspanplatten auf, um sie im Anschluss wieder teilweise abzukratzen. Die Herbstfarben des Mischwaldes, der sein Ateli­ er umgibt, eine Föhnlage im Tal oder das Bild einer blühenden Feuchtwiese – es sind Stimmun­ gen, die der Künstler in Struktur und Material freilegt. Und eine existenzielle Dimension, wenn er sich in der zentralen Arbeit

seiner Werkschau „Zeichenset­ zungen in Stein, Form und Far­ be“ im Vorarlberg Museum mit rar gewordenen Pflänzchen be­ fasst. Meusburger kommentiert damit unseren Umgang mit der Natur und die abnehmende Bio­ diversität. Steinelemente, zaun­ artig verflochten, umfangen in seiner Installation ein Stück Natur, das es so vielleicht bald wirklich nur noch im Museum geben wird.

Versuchsanordnung Wo sich Herbert Meusburger dem Verschwinden von Arten­ vielfalt widmet, da erzählt der 1968 geborene, aus Innsbruck stammende Thomas Feuerstein im Kunstraum Dornbirn mit der monumentalen Installati­ on „Clubcannibal“ eine Schöp­ fungsgeschichte der ganz ande­ ren Art. In einer gigantischen Laborsituation befasst sich der Konzeptkünstler, Medienkünst­ ler, Theoretiker und Autor mit dem Ursprung des Lebens, mit Stoffwechselprozessen und me­ tabolischer Kunst, die in eine wahrhaft paradiesische Zu­ kunftsvision mündet. An der Schnittstelle von Kunst, Philoso­ phie und Wissenschaft entzieht sich diese erstaunliche Arbeit nicht nur jeglicher Kategorisie­ rung in der zeitgenössischen

Kunst. In einer faszinierenden Versuchsanordnung, die als Skulptur begehbar ist, werden in biotechnologischen Prozes­ sen mit Bakterien Leberzellen gespeist und am Ende gar in Le­ berschnaps verwandelt.

Mit System sinnlich Präzision und Präsenz im Raum kennzeichnen auch das Werk von Walter Kölbl. In der Som­ merausstellung der Stadt Bre­ genz zeigt der 1948 in Hard geborene Bildhauer unter dem Titel „Sinnliche Suche nach Systemen“ rund 60 Arbeiten aus fast 50 Schaffensjahren. Struktur, Systeme und der Ver­ such, Ordnung ins Chaos zu bringen, Konzept, Proportion und Farbe, sind die Konstan­ ten, die Skulpturen, Objekte und architektonisch-räumliche Lösungen prägen. Kölbls Spekt­ rum reicht von Arbeiten für den öffentlichen Raum bis hin zu Wandarbeiten. „Wandparallele Arbeiten“ nennt der Künstler die scheinbare „Flachware“, bei der die Farbe zwar eine wesentliche Rolle spielt, die sich aber dreidi­ mensional aus der Materialität heraus formieren. Spätestens an diesem Punkt kommt – häufig verführerisch lackglänzend – Sinnlichkeit ins Spiel, sprich ins Konzept. ARIANE GRABHER

Bregenzer Festspiele 2018 Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt Arbeiten von Thomas Lehnerer.

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Nikolaus Habjan im Stück „Böhm“, das er auch selbst inszeniert hat.

Philippe Jordan, dessen Nachfolger Andrés Orozco-Estrada wird, hat die Wiener Symphoniker auf beachtliche Weise weiterentwickelt.

„Den Künstler Böhm greife ich nicht an“

Nikolaus Habjan beschäftigt sich mit dem berühmten Maestro. Der Dirigent Karl Böhm hatte mehrmals Konzerte im Rahmen der Bregenzer Festspiele diri­ giert. „Böhm“ heißt das Stück von Paulus Hochgatterer, das Nikolaus Habjan mit seinen Puppen umsetzte. Eine davon, die zentrale Figur, gleicht der Physiognomie nach dem alternden Dirigenten. „Für mich ist er es nicht“, sagt Nikolaus Habjan, der eine weitere Ebene einbaute, wobei selbstverständ­ lich außer Zweifel steht, dass das Stück von Karl Böhm (1894–1981) handelt, von seiner Mitläufer­ rolle in der Zeit der Nationalso­ zialisten, den Anbiederungen, dem konkreten, schriftlich do­ kumentierten Befürworten des Anschlusses Österreichs an NaziDeutschland. Die künstlerischen Leistungen des Maestro, dessen musikalische Arbeit als stilbil­ dend gilt, stellen Hochgatterer und Habjan dabei nicht in Frage, wiewohl das menschliche Bild, das der Theatermacher und Re­ gisseur von Böhm hat, „nicht so gut aussieht“. Habjan verweist dabei auf den Briefverkehr zwi­ schen Böhm und dem Reichsdra­ maturgen Rainer Schlösser, nach dessen Lektüre man ausschlie­ ßen könne, dass Böhm unter Zwang gestanden sei, in einigen Aspekten – genannt sei etwa das Völkische – teilte er vielmehr die Ideologie des Nationalsozialis­

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mus. Mittlerweile bekunden auch die Salzburger Festspiele Geschichtsbewusstsein. Das zentrale, nach dem Dirigenten benannte Festspielhaus-Foyer ist mit dem Vermerk versehen, dass Böhm ein „politisch fatal Irren­ der“ gewesen ist. Erschüttert hatte Nikolaus Hab­ jan, der in letzter Zeit Opern wie „Oberon“ oder Schauspielklas­ siker wie „Nathan der Weise“ inszenierte, und mit dem auf­ rüttelnden Stück „F. Zawrel“, das von Euthanasie-Morden in der Nazi-Zeit handelt, weithin bekannt wurde, vor allem auch der Briefwechsel zwischen Karl Böhm und dem Komponisten Richard Strauss, der Ignoranz gegenüber dem Leid der Men­ schen in den Kriegsjahren zum Ausdruck bringt.

Biografie genau ansehen Habjan (geb. 1987) ist Grazer. Die Gründe für die intensive Be­ schäftigung mit dem aus Graz stammenden Dirigenten liegen auf der Hand. Nach wie vor ist die Straße auf dem Schlossberg nach dem Künstler benannt und das werde, wie Habjan mutmaßt, wohl so bleiben, auch wenn sich eine Kommission gerade mit Straßennamen in der Stadt be­ schäftigt hat, die im Sinne einer Vergangenheitsaufarbeitung zu hinterfragen sind. Eine Aus­

zeichnung der Stadt sei immer­ hin still und leise umbenannt worden, sie heißt nun nur noch Interpretations-Preis, der Name Karl Böhm wurde gestrichen. „Den Künstler greife ich nicht an und ich will ihn auch nicht an­ greifen, ich appelliere aber dafür, sich die Biografie genau anzuse­ hen“, erklärt Habjan, der selbst als Schauspieler auf der Bühne stehend und alle Puppen füh­ rend, auch die Eitelkeit des Diri­ genten thematisiert, die sich zu­ weilen zu Egozentrik auswuchs. Angesichts der Tatsache, dass die Bregenzer Festspiele, die das Stück heuer aus Graz überneh­ men, die österreichische Erstauf­ führung der Oper „Beatrice Cen­ ci“ von Berthold Goldschmidt (1903–1996) realisieren, ist es interessant zu erfahren, dass die beiden Künstler einander getrof­ fen hatten. Goldschmidt, der als Jude aus Deutschland fliehen musste und dem Böhm äußerst herablassend begegnete, be­ zeichnete den Österreicher spä­ ter nicht als Nazi, aber als Mit­ läufer. Verbriefte Erinnerungen weisen Böhm, so Habjan, auch als Frauenverachter aus. Dieser rechnete es den Nationalsozia­ listen hoch an, dass sie der Mei­ nung waren, dass Frauen in der Politik nichts zu suchen haben. CHRISTA DIETRICH

Frischer Wind aus Südamerika Die Symphoniker starten unter ihrem neuen Chef in die drei Orchesterkonzerte.

„Ich hab‘ mich wahnsinnig gefreut, dass Andrés OrozcoEstrada zum neuen Chefdiri­ genten der Wiener Symphoni­ ker ernannt wurde. Ich kenne ihn, und er macht heuer gleich unser erstes Orchesterkonzert – schöner kann das gar nicht sein!“ Mit solcher Wertschät­ zung durch Festspiel-Intendan­ tin Elisabeth Sobotka tritt der kolumbianische Pultstar (40) heuer zu seinem Debüt in Bre­ genz an – im Moment noch als „designierter“ Chefdirigent, da seine Position erst mit der Sai­ son 2021/22 beginnt. Sein Vor­ gänger Philippe Jordan hält der­ weil die Stellung. Ab 2020 hat ihn der vom früheren Kulturmi­ nister Thomas Drozda bestellte neue Staatsoperndirektor Bog­ dan Roscic zum Musikchef die­ ses Hauses berufen.

gleich zum Start mit Brittens un­ vergessenem „War Requiem“, mit maßstäblichen SchubertInterpretationen oder mit dem konzertanten ersten Aufzug von Wagners „Walküre“.

Selbstbewusstsein

Andrés Orozco-Estrada wurde 1977 in der kolumbianischen Provinz Antioquia geboren, kam 1997 nach Wien und wurde 2004 als Einspringer bei einem Konzert des Niederösterreichi­ schen Tonkünstlerorchesters von der Presse als „Wunder von Wien“ gefeiert. Inzwischen stand er bereits am Pult der Wiener und der Berliner Phil­ harmoniker und bekleidet seit 2014/15 parallel Chefpositionen beim Houston Symphony und beim hr-Sinfonieorchester.

Ungeachtet dieser künftigen Neubesetzung lassen die Sym­ phoniker Philippe Jordan nur un­ gern ziehen. Er hat seit 2014 das Orchester auf ganz beachtliche Weise weiterentwickelt, etwa mit einem Beethoven-Zyklus, der bis China Aufsehen erregte, hat die Musiker auf fabelhaf­ te künstlerische Kondition ge­ bracht und mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein vom Makel des ewigen Zweiten hin­ ter den Philharmonikern befreit. Jordan hat diese neue Qualität seines Orchesters mehrfach auch in Konzerten bei unseren Festspielen demonstriert, etwa

„Ich hab‘ mich wahnsinnig gefreut, dass Andrés OrozcoEstrada zum Chefdirigenten ernannt wurde.“ Elisabeth Sobotka Intendantin

Die Orchesterkonzerte gehören seit dem Gründungsjahr 1946, stets mit den Wiener Sympho­

nikern quasi zur Grundausstat­ tung der Bregenzer Festspiele und spannen heute gern Verbin­ dungslinien zu anderen Projek­ ten. Das Programm des ersten Konzertes, unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada, wird als Klammer durch die Herkunft der beiden tschechischen Kom­ ponisten zusammengehalten. Einem bisher hier nie gespielten Doppelkonzert für Klavier und Pauken von Bohuslav Martinu stehen zwei populäre Werke von Antonin Dvorák gegenüber. Der seit 2011 in Bregenz auf ex­ zellentem Niveau tätige Prager Philharmonische Chor feiert mit dessen „Te Deum“ die 100-jäh­ rige Unabhängigkeit seines Lan­ des, die Symphonie „Aus der Neuen Welt“ gehört längst zu den Unsterblichkeiten unserer Konzertsäle.

Brücke zur „Carmen“ Im zweiten Orchesterkonzert unter dem deutschen Dirigenten David Afkham (35) werden zwei große symphonische Meister des 20. Jahrhunderts einander gegenübergestellt. Den Bayern Richard Strauss und den Franzo­ sen Maurice Ravel, der eine geis­ tige Brücke zur „Carmen“ auf dem See seines Landsmannes Georges Bizet herstellt, verbin­ det die opulente Farbigkeit und Üppigkeit ihrer Musik. Strauss‘ klanglich auftrumpfende Ton­ dichtung „Till Eulenspiegels lus­ tige Streiche“ wird konterkariert durch Ravels komplexes Klavier­ konzert für die linke Hand. Da­

mit debütiert der den Sympho­ nikern besonders verbundene französische Starpianist PierreLaurent Aimard in Bregenz. Im zweiten Teil kommt es dann anhand des Begriffs Walzer zum direkten Showdown zwischen beiden Komponisten: Sowohl die „Rosenkavalier“-Suite von Strauss wie „La Valse“ von Ravel sind packende Beispiele einer versuchten Annäherung an den Wiener Walzer, im Ergebnis lie­ gen beide meilenweit daneben. Die Besetzung beim dritten Or­ chesterkonzert mit der erstmals bei den Symphonikern tätigen US-amerikanischen Dirigentin Karina Canellakis (37) wird auch der Programmlinie der Festspie­ le mit starken, selbstbewuss­ ten Frauen gerecht. Am Beginn steht die österreichische Erst­ aufführung des Werkes „Alle Tage“, einer Symphonie für Ba­ riton und Orchester von Thomas Larcher (Solist Christoph Pohl) als Verweis auf die Uraufführung seiner Oper „Das Jagdgewehr“. Mit Beethovens „Fünfter“ erin­ nert man an jenes Werk, das Karl Böhm 1955 bei den Festspielen geleitet hat. Die NS-Vergan­ genheit des großen Dirigenten wird gesondert im Theatertext „Böhm“ von Paulus Hochgat­ terer durch den Puppenspieler Nikolaus Habjan thematisiert. Elisabeth Sobotka: „Es geht da­ rum, das korrekt einzuordnen und nicht bloß zu sagen: Schaut her, welche Bösartigkeiten der gemacht hat.“ FRITZ JURMANN

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OPER IM FESTSPIELHAUS

B E ATR I CE CEN CI BERTHOLD GOLDSCHMIDT

Foto: Karl Forster

18. JULI (PREMIERE) & 30. JULI 2018 | 19.30 UHR 22. JULI 2018 | 11.00 UHR

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Freude am Fahren


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