Festrede zur Verleihung des Dr.-ToniRuss-Preises 2006 an Dr. Elmar Kramer von Michael Köhlmeier 1 „Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“ Dies, sehr verehrte Damen und Herren, ist eine Geschichte von Franz Kafka – sie trägt den Titel: „Wunsch, Indianer zu werden“. Ich möchte Ihnen von einer Gruppe von Menschen erzählen, die sich auf die Reise machte, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Einer war dabei, bei dem war man sich nicht gewiß, ob er die Reise überleben wird. Der konnte nicht mehr gehen, schon lange nicht mehr. Und er konnte nur mühsam sprechen. Wer ihn verstehen wollte, mußte gut trainiert sein. Trainiert im Umgang allein mit diesem Leben. Das sagt sich so leicht, aber es ist in keiner, in gar keiner Weise normal, darauf muss hingewiesen werden. Normal ist, dass bei allen anderen mehr oder weniger eingelöst werden kann, was an einem Menschen gelernt wird. Er aber, bei dem man nicht gewiß war, ob er die Reise überleben würde, war eine Welt für sich, und was man in dieser Welt an Erfahrungen sammelte, ließ sich zum größten Teil nur innerhalb dieser Welt, die nur einen Bewohner hatte, in Aktion und Reaktion, in Tat und Handlung umsetzen. Seine Muttersprache übrigens war Türkisch. Aber was heißt das schon, wenn sich die Wörter, die es aus dem Herzen auf die Zunge schaffen, partout nicht dem unterwerfen wollen, was dem Commonsense entspricht? Welche Sprache sprichst du? Meine eigene. Aber eine Sprache, die nur ein einziger Mensch auf dieser Welt spricht, darf die noch als Sprache bezeichnet werden, wo Sprache ja wenigstens zwei Menschen voraussetzt, einen, der spricht, und einen, der zuhört? Wer mit diesem Mann reden wollte, mußte seine Sprache erlernen. Wer ihm die Hand geben wollte, mußte seine Gestik erlernen. Und wer nichts anderes wollte, als mit ihm gemeinsam die gleiche Luft zu atmen, mußte bedenken, dass dieser Mann anders atmete als alle anderen Menschen in unserer Welt. Die Tänzerin ist eine junge Frau mit einem rätselhaften Gesicht. Der Fuchs, heißt es in einer Fabel von Archilochos, weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache. Das Lächeln, das in jedem Augenblick, auch in den schmerzhaftesten Momenten, ihr reines Gesicht verzaubert,
erzählt von dieser einen großen Sache. Wir anderen, die wir Füchse sind, dürfen darüber spekulieren wie über ein Wunder. Was ist diese große Sache, wie setzt sie sich zusammen, wovon erzählt sie, wie fühlt sie sich an? Wer hat die große Sache in dieses Herz gepflanzt? Auch die Tänzerin sitzt in dem Stuhl mit den zwei Griffen im Rücken und den vier Rädern, den zwei großen an den Seiten und den beiden kleinen, beweglichen unten bei den Füßen. Ich habe sie einmal tanzen sehen. Die Zuschauer stauten sich im Kreis um sie herum; neben ihr am Boden stand ein CD-Player. Der Assistent legte ein Stück von Ravel auf, wenn ich mich recht erinnere – vielleicht war es etwas anderes, in meiner Erinnerung höre ich den Bolero. Die Tänzerin drehte und warf sich in ihrem Rollstuhl vor und zurück und hin und her, schleuderte die Arme in die Höhe. Schließlich fand sie den Rhythmus; nein, sie baute sich einen Rhythmus, wie man sich ein Zuhause baut. Ihr Körper war voll Anmut, die schnellenden, zuckenden Bewegungen waren wie Blitze, aus ihrer Kehle grollte Donner, und Schreie stießen wie Speere in unsere Ohren, und sie trafen uns tief. Es war, als würde vor unseren Augen der Eros erfunden. Wenn wir Füchse sagen, wir geben alles, so kann das niemals stimmen; immer ist es Propaganda, wenn wir so etwas behaupten, oder ein Trick, um jemandem ein schlechtes Gewissen zu einzujagen – „Ich habe alles gegeben, nun revanchiere dich gefälligst“. Wenn der Igel alles gibt, dann breitet er seine Existenz vor uns aus; legt sein Stachelkleid ab; zeigt sich, wie er ist, nackt wie eine frisch geschlagene Wunde. Dann war da der Meister des Witzes. Um ihn brauchte man sich nicht zu sorgen. Stellt ihn in die Wüste, und er definiert das Menschsein neu. Er ist blind und seine Hände und Arme tun nicht exakt das, was er von ihnen will. Sie krampfen und drehen sich, wenn sie locker sein und sich strecken sollen. Sag etwas zu ihm, sprich mit ihm! Ich verrate dir, was er antworten wird? Er wird deine Worte nach einem Witz absuchen, und er wird den Witz finden, und du wirst sagen, ich habe doch gar keinen Witz in meinen Worten versteckt, und er wird dir mit seinen Worten beweisen, dass es Sprache ohne Witz nicht gibt. Wenn er spricht, ist das nicht jedesmal eine Neugründung der Sprache wie bei dem Mann, von dem man nicht wußte, ob er die Reise überleben wird, aber über jedem seiner Worte schwebt ein kontrollierender Gedanke, als wäre jedes Wort ein Prototyp, der erst noch getestet werden muss. Er knetet den Kardinal zum Clown. Böse Witze muß man sich leisten können. Der Meister des Witzes macht nie einen bösen Witz. Und mancher hat sich vorher als Kardinal nicht so wohl gefühlt wie hinterher als Clown. Unser Lebensfaden ist so unverantwortlich zart gesponnen. Noch ein Passagier auf dieser Reise: der Zerbrechliche. Legt den Zerbrechlichen ins Wasser, er geht nicht unter. Das Wasser umfängt ihn, empfängt ihn, greift überall hin, auch dorthin, wo sich niemand hinzugreifen traut, aus Scham vielleicht und vielleicht auch aus Respekt vor dieser unvorstellbaren Verletzlichkeit. Aber sagt dem Zerbrechlichen nicht, was er tun oder was er lassen soll. Er hat das Herz eines Cowboys, und sein Kopf ist voll mit Rock `n’ Roll. Schon ein kurzes Schlagzeugsolo würden ihn zu einer Ruine zerbomben. Trotzdem. Trotzdem! Sprechen Sie dieses Wort in Gedanken vor sich hin, meine Damen und Herren! Ein kleines Wort, in dessen Mitte eine Explosion stattfindet. Nach einer Weile wird diese Explosion die Krusten frei sprengen, die sich um den Schmerz in Ihrer Seele gelegt haben, damit sie ihre Seele schützen. Was aber, wenn sich eine Seele nicht schützen läßt? Was, wenn ein Körper
nur geschützt werden kann, indem jeder Augenblick zum Ausnahmezustand erklärt wird? Seht den Zerbrechlichen, er reitet auf dem richtigen Augenblick daher! 2 Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist eine wunderbare Geschichte, die ich Ihnen hier erzähle; ein Märchen; das schönste, das ich kenne. Eine wahre Begebenheit, aber eine ganz besondere wahre Begebenheit, nämlich eine wahre Begebenheit, die nicht von dieser Welt ist. Nur im Schulheim Mäder ist so etwas möglich. - Es ist die Geschichte einer Reise nach Amerika. Mein Freund Helmut Burtscher, Freund seit der frühen Jugend, bewundertes Mitglied verschiedener Rock-Bands, arbeitet seit etlichen Jahren im Schulheim Mäder. Er leitet dort die Kreativ-Gruppe, das sind Männer und Frauen mit schwersten körperlichen Behinderungen, deren geistige Fähigkeiten aber intakt sind. Einige Mitglieder dieser Gruppe habe ich vorgestellt. Der Heli, wie ihn alle nennen – er ist, was man hierzulande einen wilden Hund nennt, und von den wilden Hunden ist er der wildeste, das kann ich Ihnen versichern - , der Heli mag amerikanische Musik, amerikanisches Lebensgefühl – nicht immer amerikanische Politik, ich denke, er legt Wert darauf, dass ich diese Einschränkung mache - , er liebt amerikanische Landschaften, amerikanische Stiefel und amerikanische Lederhosen, die geschnitten sind wie Blue Jeans. Er wollte den Menschen, mit denen er im Schulheim Mäder bei Tag zusammenlebt und zusammenarbeitet, erklären, warum ihm das alles so am Herzen liegt. Aber besser als jedes theoretische Ausbreiten von Argumenten ist, wenn man sich die Musik an Ort und Stelle anhört, wenn man sich an Ort und Stelle mit diesem Lebensgefühl ansäuft, wenn man das Monument Valley nicht nur auf dem Videorecorder mit Vorlauf, Rücklauf und Stop betrachtet, sondern eine Hand auf den heißen roten Stein legt; also wenn man mit amerikanischen Stiefeln amerikanischen Boden betritt und in amerikanischen Lederhosen schwitzt, wenn man in Hollywood aus dem klimatisierten Auto steigt, um sich ein Filmstudio anzusehen. Im Jahr 2000 fuhren sechzehn Mitglieder dieser unvergleichlichen Bande nach Amerika, acht Betreute und acht Betreuer, darunter ein Arzt, zwei Krankenschwestern, eine Physiotherapeutin. Wenige Tage vor dem Abflug wurde Nazim krank. Nichts Schlimmes. Eine Erkältung. Fieber. Nicht Schlimmes für einen Körper, der sich kleinere und mittlere Infektionen spielend leisten kann. Nazims Körper konnte sich das nicht leisten. - Alles, was in dieser Geschichte geschieht, müssen wir aus wenigstens zwei Blickwinkeln betrachten. Aus unserem Blickwinkel und aus dem Blickwinkel dieser Gruppe von Menschen, die mit den Bremer Stadtmusikanten so viel Ähnlichkeit haben. – Also, was sollte mit Nazim geschehen? Die Reise war ein Dreiviertel Jahr lang geplant worden. Und eines war von Anfang an klar gewesen: Es sollte eine Luxusreise werden. Nicht Jugendherberge und günstige Leihwagen; nein, drei große Wohnmobile, nicht die zweitbesten, die besten, die alle Stücke spielen, in denen komfortabelst geschlafen werden kann, in denen, wenn Bedarf besteht, eine Menü für sechzehn Personen zubereitet werden kann, die ausgestattet
sind wie ein Notfallkrankenwagen und: die große Fensterscheiben haben, damit man nichts versäumt von dem, was on the road geschieht. In den Städten sollten Luxushotels angesteuert werden, zum Beispiel in Los Angeles das Radisson Plaza am Wilshire Blvd. Und fast food? Natürlich manchmal fast food, es sollte ja auch eine Kulturreise durch die Vereinigten Staaten von Amerika werden; aber die Regel sollte es nicht sein. Das Motto lautete: Das Beste vom Besten ist zu wenig, nur das Allerbeste vom Allerbesten kommt in Frage. Ein großer Teil der Reisevorbereitungen bestand darin, Geld aufzutreiben. Nur private Sponsoren sollten angesprochen werden. Warum? Nun, ich denke mir, das ist so eine Sache. Wenn die öffentliche Hand Geld gibt, dann tauchen sofort die Puritaner mit den schmalen Lippen auf und sagen: Hallo! Reise, ja, gute Sache, aber Luxus nein. Und wer meinen lieben Freund Heli Burtscher kennt, der weiß, an solchem Puritanismus ist er nie auch nur angestreift. Es gab also eine Reihe von privaten Spendern. Ihnen gegenüber bestand eine Verantwortung. Wenn die Reise abgebrochen würde, wie sollte dann das Geld zurückgegeben werden? Die Flüge waren gebucht, die teuren Wohnmobile gemietet. – Was sollte man tun? Unser Hausverstand – ebenso Freund wie Feind der Menschlichkeit, wir kennen ihn ja – unser Hausverstand rät: Laßt Nazim zurück! Es ist zu gefährlich. Gefährlich für ihn. Es wäre unverantwortlich. Was, wenn Nazim drüben stirbt? Was wenn er im Flugzeug stirbt? Er ist noch nie in seinem Leben geflogen. Es ist noch nie getestet worden, wie sich Fliegen auf jemanden wie ihn auswirkt. Weil es jemanden wie ihn nicht gibt. Er hat eine außerordentlich seltene Krankheit, die alle Aufmerksamkeit benötigt, die keinen Unsinn erträgt. Es wäre unverantwortlich, ihn mitzunehmen. Aber von allem Anfang an war auch klar – und wer je Mitglied einer Bande war, wird sich darüber nicht wundern: entweder alle oder keiner. Wenn Nazim nicht mitkommen kann, wird die Reise abgesagt. Nicht verschoben. Abgesagt. So ein Projekt läßt sich nicht verschieben. Und: Nazim wollte unbedingt mitfahren. - Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bitte Sie erneut, einen Satz in Gedanken vor sich hin zu sprechen: Und koste es das Leben. Und koste es das Leben. Es ist eine Floskel, eine Phrase, die wir schon oft unbedacht verwendet haben, wir, die Hänse im Glück. Sprengen wir die Krusten von unserer Seele, bis die frisch geschlagenen Wunden darunter zum Vorschein kommen, und dann sprechen wir diesen Satz noch einmal: Und koste es das Leben. – Nazim wollte mit seiner Gruppe nach Amerika fliegen, und koste es das Leben. Seine Eltern wußten, dass über den Argumenten des gesunden Menschenverstandes ein anderer Wert regierte. Sie stimmten zu, dass Nazim trotz der Infektion mit auf diese Reise gehe. Der Flieger landete in Los Angeles, und Nazim war gesund. Fliegen hat ihn gesund gemacht. Und allen hat der Bauch weh getan, weil so viel im Flugzeug gelacht worden war. 3 Als ich vor fast dreißig Jahren mit meiner Mutter Marburg an der Lahn besuchte, wo ich damals studierte, habe ich sie einem Freund vorgestellt, und der gab ihr die Hand und sagte: Willkommen auf der Arche der Krüppel. Er meinte damit die ganze Stadt. Meine Mutter saß im Rollstuhl, mein Freund saß in Rollstuhl. Er war in seinem früheren Leben ein
Sportler gewesen. Leichtathletik. Weitsprung und Sprint. Er war Jugendmeister von Stadt und Landkreis Hannover gewesen. Ein gutaussehender Mann, ein Kopf wie ein Rockstar. Nach der Matura hatte er einen Autounfall gebaut, er hatte die Schuld gehabt, seither war er von Gürtelhöhe abwärts taub. Ich habe mit ihm Tischtennis gespielt. Anfänglich hatte ich Hemmungen. Bei einem Schmetterball hatte er keine Chance. Er saß dicht am Tisch, die Bremsen des Rollstuhls festgezurrt. Wenn er merkte, dass ich ihn schonte, warf er mir den Schläger nach. Meine Mutter war freudig überrascht gewesen, dass die Stadt alle ihre Einrichtungen auf Blinde und Lahme eingestellt hatte. Was heute durchaus üblich, in manchen Städten sogar Vorschrift ist, war damals einmalig und nur in Marburg an der Lahn zu finden: Klacktöne bei Ampeln, Rampen neben Treppen. Der Ausdruck hatte meiner Mutter übrigens gefallen: Arche der Krüppel. Warum? Die in der Arche überleben. So einfach ist das. Eine Erinnerung, die mich bis heute tief bewegt: Ich fuhr mit meiner Mutter von Marburg nach Frankfurt. Zwei Orte wollte sie dort besuchen – den Flughafen und den Zoo. Sie wäre gern wenigstens einmal in ihrem Leben geflogen. Ich schob sie im Rollstuhl durch die Abflugshalle. Auch über die Rolltreppen schafften wir es. - Das ist gar nicht so schwer, wie ein Ungeübter vielleicht meint. Der Ungeübte denkt sich ja, es sei unhöflich, den Rollstuhl ein Stück nach hinten zu kippen, er ist immer darauf erpicht, die Sitzfläche parallel zum Erdboden zu halten. So kann man aber nicht über eine Rolltreppe hinauf- oder hinunterfahren, nämlich, weil dann Gefahr besteht, dass sich schon bei der kleinsten Unregelmäßigkeit der Stuhl nach vorne neigt; und genau davor fürchten sich Rollstuhlfahrer am meisten. Will man mit einem Rollstuhl über eine Rolltreppe hinauffahren, ist es am besten, man stellt sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und kippt den Stuhl nach hinten und zwar so weit, dass er sich etwa im Gleichgewicht hält, dann ist es gar nicht so schwer, ihn auf der Stufe zu halten, es benötigt gar nicht so viel Kraft, wie der Ungeübte glaubt. Im Zoo ging ein Wolkenbruch nieder. Meine Mutter und ich flüchteten uns ins Giraffenhaus. Es war ein Dienstagvormittag, wir waren die einzigen Besucher in dem Gebäude, das eingerichtet war wie Ricks Café in Casablanca mit kolonialen Peddigrohrsesseln. Vor uns, eingezäunt von einer mannshohen Bambusmauer, standen die Giraffen. Ihre kleinen Köpfe mit den stumpfen Hörnern schwankten weit über uns. Es war ganz still in dem Raum, nur das feine Rauschen des Regens war zu hören. Ich hatte ein schmales Fischer-Taschenbuch bei mir, eine Auswahl von Kafkas Erzählungen. Meine Mutter hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Kafka; einerseits hielt sie seine Geschichten für Quatsch – „Meine Güte, ein Mann, der sich in einen Käfer verwandelt!“ - ; andererseits war sie fasziniert von der Selbstbehauptung dieser so völlig anderen Welt. In der Autofahrt von Vorarlberg nach Frankfurt hatte sie mir vorgelesen, und nun las ich ihr vor. Wir sind darüber beide eingeschlafen. Ich schreckte auf, weil ich etwas ganz nahe an meinem Gesicht spürte. Eine Giraffe hatte sich zu uns niedergebeugt, eigentlich nur zu meiner Mutter hin. Aus Welten weit entfernten Augen blickte sie meine Mutter an. Und meine Mutter blickte die Giraffe an. Das hat mich tief gerührt, und ich er werde es nie vergessen. Ja, dachte ich, wir sind auf einer Arche, mein Freund hat recht: Willkommen auf der Arche! Meine Mutter wäre gern mit der Bande vom Schulheim Mäder nach Amerika geflogen, das weiß ich.
4 Die Reise begann am 1. Mai 2000, und sie sollte siebzehn Tage dauern. Sie startete in Los Angeles, führte nach Osten über die alte Route 66 zum Colorado River – wunderbar einsame Highways, im Autoradio Countrymusik, auf jedem Millimeter der Skala Countrymusik - ; weiter durch die Indianerreservation der Navajos nach Arizona und Utah zum Monument Valley; nach Las Vegas – ein eigenes Kapitel - ; dann durch das Death Valley, wo man in Bad Water, 86 Meter unter dem Meeresspiegel, testete, wie man sich fühlt an einem der heißesten Orte der Welt; weiter durch das Tal der Bären, der Pumas, der Wölfe und der Kojoten über die verschneiten Pässe der 4500 Meter hohe Sierra Nevada - hier wurden über 400 Western gedreht, originales Indianerland - ; weiter hinauf nach San Francisco, Übernachtung im noblen Pacific Park Hotel; und schließlich an der Küste entlang zurück nach Los Angeles. In Hunderten, zusammengerechnet Tausenden Fernseh- und Videostunden – Dokumentationen, vor allem aber Spielfilmen – hatte man reichlich Erfahrungen gesammelt. Oft war die Stoptaste auf dem Videorecorder gedrückt worden. „Hier, diese Stelle, die merkt euch! In ein paar Wochen werden wir genau an dieser Stelle stehen. Hier geht es vom Pacific Coast Highway ab in den Laurel-Canyon“ - und dann hat Heli Burtscher den entsprechenden Song vorgespielt, zum Beispiel von John Mayall – Blues From Laurel Canyon oder von Canned Heat On the Road Again oder von den Eagles Hotel California. Ein halbes Jahr lang war im Schulheim Mäder alles auf Amerika ausgerichtet gewesen. Spielfilme mit Arnold Schwarzenegger, Julia Roberts und all den anderen wurden analysiert – nicht die Handlung, pfui, nein, die Hintergründe, nicht die metaphysischen Hintergründe, Gott bewahre, schlicht und einfach die Gegend: „Wetten, an dieser Villa in Beverly Hills fahren wir auch vorbei!“ Oder ein alter Western mit John Wayne: „Diesen Blick auf den Sonnenuntergang im Monument Valley werden wir in wenigen Wochen im Original erleben!“ Oder Las Vegas, der winkende Cowboy. „In wenigen Wochen live!“ A propos Luxus: Meine Damen und Herren, sicher waren einige von Ihnen schon in Los Angeles. Frage: Wenn man wirklich fein, nein, ganz wirklich fein, also außergewöhnlich fein essen gehen möchte, in welchem Lokal läßt man sich einen Tisch reservieren? Richtig. Bei Wolfgang Puck. Im Spago am Sunset Strip. Wobei das mit dem Reservieren so eine Sache ist. Das Lokal ist auf Wochen hinaus ausgebucht. Und dann gibt es vielleicht ein Tischchen für zwei Personen. Nicht so, wenn die Mannschaft vom Schulheim Mäder anmarschiert. Denn der heilige Zufall oder wer auch immer wollte es so, dass Wolfgang Puck der Bruder von Maria ist, und Maria ist Betreuerin im Schulheim Mäder. Da wird dann Platz gemacht in der vornehmen Hütte, lässig Platz für sechzehn Personen, und es wird aufgefahren ein Menü mit so vielen Gängen, dass ich sie an meinen Fingern gar nicht aufzählen kann. Ich habe ja gesagt: eine Luxusreise. Und weil es so gemütlich war, als man dem Wolfgang die weitere Route erklärte, sagte der doch glatt: „Ihr fahrt nach Las Vegas? Und was schaut ihr euch dort an? Ihr müßt euch Siegfried und Roy ansehen!“ – „Siegfried und Roy ansehen? Die Show ist doch seit dreißig Jahren
ausverkauft! Wir haben nicht vor, dreißig Jahre hier zu bleiben.“ – Ein Anruf von Wolfgang Puck und sechzehn Plätze im Mirage sind reserviert – nicht die zweitbesten, die besten; man trifft sich beim Prominenteneingang. Ich wiederhole: eine Luxusreise. Las Vegas - ein eigenes Kapitel: Mario und das Roulett. Dem Zerbrechlichen mußte die Hand geführt werden, wenn er seine Jetons auf ein Feld des grünen Tisches setzen wollte. Ums kurz zu machen: Mario gewann 5000 Schilling, verspielte davon 3000, und Heli Burtscher sah in dieser Nacht keine andere Möglichkeit, als in Stretch-Limousinen zu dem Parkplatz zu fahren, wo die drei Super-Wohnmobile parkten. – Wie gesagt: Luxus. Und dann die Sensation: Andächtig stehen sie alle, die auf der Arche Platz gefunden haben, vor dem Sonnenuntergang im Monument Valley. Und plötzlich – plötzlich hebt Nazim die Arme. Er hebt die Arme. Nein, das hat er vorher nicht mehr gekonnt. Das hat er schon lange, lange nicht mehr gekonnt. Das ist fast so, wie wenn der große Mann übers Wasser geht. Nazim hebt die Arme, und er spricht in seiner Sprache, und die seine Sprache verstehen, übersetzen, er habe gesagt: „Fliegen. Fliegen.“ Vier Jahre nach diesem großen Abenteuer, im Jahr 2004, stirbt Nazim. Eines jeden Menschen Leben ist ein Gleichnis. Und kann als Vorbild dienen. Kafka, dieser Freak, der jüngste der alttestamentarischen Propheten, führt uns vor, dass sich nichts, was ist, verallgemeinern läßt, dass der Mensch eine Monade ist, unberührbar, unrührbar, im Letzten unverständlich, unnahbar und auf die denkbar kriegerischste Weise selbständig; dass es nur eine einzige Möglichkeit gibt, so etwas wie Verstehen herzustellen, nämlich: das Gleichnis. Und diese Reise nach Amerika ist ein Gleichnis. Kafka: „Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.“ Eine wahre Begebenheit, eine ganz besondere wahre Begebenheit, nämlich eine wahre Begebenheit, die nicht von dieser Welt ist. Im Schulheim Mäder ist so etwas möglich. 5 Wenn Ihnen, meine Damen und Herren, einer eine Geschichte erzählt – ich setze voraus, er ist ein guter Erzähler - , dann hat er es auf Ihr Herz abgesehen. Er will Ihr Herz öffnen, damit er eintreten und darin seine alchemistischen Experimente anstellen kann - wobei ich darunter um Himmelswillen nichts Negatives verstehe; Erzählen ist immer Experiment am Herzen, und wenn ich auf die Geschichte der Literatur blicke, in den allermeisten Fällen ein Experiment zum Guten des Zuhörers oder Lesers. Aristoteles spricht von Katharsis. Das bedeutet Reinigung und meint im Zusammenhang mit der Erzählkunst – der Philosoph dachte zuvorderst an die dramatische, die tragische Erzählkunst – Läuterung der Seele von ihren Leidenschaften. Warum aber sollte unsere Seele von ihren Leidenschaften geläutert werden? Was ist an Leidenschaft schlecht? Es gibt doch Leidenschaften, die den Menschen adeln – allen voran die Liebe. Soll unsere Seele von der Liebe gereinigt werden? Das kann Aristoteles
doch nicht gemeint haben. Doch, genau das hat er gemeint. Der Philosoph war davon überzeugt, dass die Erfolgsgeschichte Mensch einem roten Faden folgt und dass dieser rote Fanden vom Verstand ausgelegt wird. Gleichwohl er der Ansicht war, dass der Treibstoff der Geschichte aus Leidenschaften zusammengesetzt ist. Leidenschaften aber entfalten sich explosionsartig in alle Richtungen. Liebe, das weiß nun wirklich jeder, fragt nicht danach, ob ihr Adressat Liebe verdient oder nicht. Will ich die Leidenschaften zum Guten hinführen – das lehrt uns Aristoteles - , so muß ich sie bündeln und lenken. Ich muß sie beherrschen. Voraussetzung dafür ist: Ich muß meine Leidenschaften erst einmal kennen, muß sie im Zusammenhang aller Komponenten sehen, die mein Leben ausmachen. Das aber heißt: Ich muß von mir selbst zurücktreten und mich gleichsam von außen betrachten. Aristoteles zergliedert das nicht Zergliederbare, den Menschen. Unser Verstand soll nüchtern bleiben und unser Herz betrachten? Warum? Damit das Herz keinen Unfug anstelle. Das bedeutet Katharsis. Ein Schmerz, der uns zugefügt wurde, ganz gleich, von wem, wir legen eine Kruste über ihn; und dann wird uns eine Geschichte erzählt, und die Kruste platzt ab. Und wir erkennen wehen Herzens und kühlen Verstandes, dass auch wir Leidende sind, die der Zuwendung und des Mutes der anderen bedürfen. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke Dr. Herrn Elmar Kramer – und ich weiß, ich tue das in Ihrer aller Namen - , dass er uns durch sein Werk, dem Schulheim Mäder, bewiesen hat, dass der Mensch nicht nur in der Lage ist, Krieg zu führen, sondern auch, dieser merkwürdigen biblischen Forderung nachzukommen, nämlich, den anderen zu lieben wie sich selbst. Dafür gebührt ihm der Dr.-Toni-Russ-Preis, dieser Nobelpreis für Menschlichkeit.