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Addendum
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DIE ZEITUNG
Schönheit „Es geht bei der Schönheit darum, etwas mit unglaublicher Sorgfalt zu tun.“ (Bjarke Ingels, ab Seite 28)
NR. 10, € 4,20
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Zum Anfang ...
M
it dieser, der zehnten, Ausgabe der Addendum-Zeitung feiern wir ein kleines Jubiläum. Im Dezember 2018 ist die erste Ausgabe erschienen, und wir haben aus diesem Anlass Stefan Sagmeister, dessen Studio (Sagmeister & Walsh) seinerzeit das Grund-Design der Addendum-Zeitung entworfen hatte, gefragt, ob er sich an der inhaltlichen Gestaltung der Jubiläums-Ausgabe beteiligen will. Er wollte. Und so haben wir einen langen, sehr dichten Tag in seinem Apartment im New Yorker Stadtteil Chelsea verbracht, um über das Thema zu sprechen, das ihn während der vergangenen Jahre am stärksten beschäftigt hat: Schönheit. Wir haben die Dinge diskutiert, die er schon in einem Buch und Stefan Sagmeister in der Ausstellung erörtert hatte, die zuletzt auch im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) zu sehen war. Und wir haben versucht, einige neue Aspekte zu streifen. Die Schönheit der Gesetze zum Beispiel, die in Österreich ein Thema ist, seit der Bundespräsident während der politischen Krise, von der das Jahr 2019 geprägt war, die „Schönheit der österreichischen BunEsther Stocker desverfassung“ gelobt hat. Van der Bellen hat damit, vielleicht eher unwissentlich, einen Gedanken anklingen lassen, dem man sich bei einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema Schönheit einfach nicht entziehen kann: dass Schönheit mehr mit der eleganten Erfüllung des Notwendigen zu tun hat als mit Schmuck und Dekor. Naturgemäß hat sich unser politjuristischer Schönheitschirurg Moritz Moser dieser Sache angenommen. Eine Frage, die den Gestalter Sagmeister schon länger beschäftigt, ist: Warum setzen die Vertreter der Nachhaltigkeit nicht stärker auf die Schönheit, warum muss Nachhaltigkeit immer so eine grindige Note haben und schlecht nach Verzicht riechen? Mit dem Ökonomen Fred Luks, der sich seinem Leibthema Nachhaltigkeit lange Zeit an der Wirtschaftsuniversität Wien gewidmet hatte, ehe er sich vor die Tore Wiens und in die Selbstständigkeit zurückgezogen hat, fanden wir dafür den perfekten Autor.
Das inhaltliche Programm, das Stefan mit vorgegeben hat, war durchaus anspruchsvoll, nicht zuletzt logistisch. Am Ende ist es gelungen, literarische Stimmen (Valerie Fritsch, Simon Strauß) genauso zu Wort kommen zu lassen wie architektonische (Bjarke Ingels); der vielleicht wichtigste Designkritiker der Welt, Steven Heller, hat einen sehr persönlichen Beitrag zum Thema Schönheit beigesteuert. Wir waren uns sehr schnell einig, dass wir uns mit der Bitte, die einzelnen Beiträge des Schwerpunktthemas künstlerisch miteinander zu verbinden, an Esther Stocker wenden wollten. Wunderbarerweise hat sie schnell zugestimmt und lässt uns mit ihren Interventionen sehr unmittelbar spüren, wie sehr Schönheit mit dem Wechselspiel zwischen klaren Strukturen und der Bereitschaft zu tun hat, sie zu brechen, willentlich, aber nicht willkürlich. All das wäre in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich gewesen ohne Hilfe zweier Frauen, die Monat für Monat die Produktion der Addendum-Zeitung stemmen: Lucia Marjanović, strenge Lektorin und Logistik-Naturtalent, und Edith Heigl, die für die Gestaltung verantwortlich ist und in der aktuellen Ausgabe in der Umsetzung von Esther Stockers Ideen zur Höchstform aufgelaufen ist. Außerhalb des Schwerpunktthemas bieten wir uns diesmal eine einzige, dafür sehr ausführliche Geschichte an. Mein Kollege Christoph Lehermayr hat im Zuge seiner Recherchen zur österreichischen Holzindustrie herausgefunden, dass ein Gutteil des Eichenparketts der österreichischen Marktführer nicht aus heimischer Produktion stammt, sondern aus der Ukraine. Und zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit aus illegalen Quellen, die von der gerne angepriesenen Nachhaltigkeits-Romantik der Hersteller sehr weit entfernt sind. Apropos Romantik: Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr.
Michael Fleischhacker
Herausgeber
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Inhalt
Ausgabe 10
Der Designer Stefan Sagmeister fragt sich seit langem, wie es sein konnte, dass die Idee der Schönheit aus den gestaltenden Berufen verschwand. Wir haben mit ihm nach Antworten gesucht.
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Inhalt Das Pilatus-Projekt
Schöner parlamentarischer Durchschnitt
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Je durchschnittlicher ein Gesicht, desto schöner finden wir es, so die Forschung. Wir haben das mit Parlamentariern ausprobiert.
In jeder Ausgabe stellen wir die Frage: „Was ist Wahrheit?“ Diesmal: Die Anwältin Helene Klaar im Gespräch. Wahr ist viel mehr
Des Schrecklichen Anfang
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Recht schön
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Die Streberstrafe
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Touristen stürmen die schönsten Orte der Welt – und zerstören sie damit. Doch es gibt kreative Lösungsansätze.
Schönheit reißt Schutzwälle nieder: Der Autor Simon Strauß über die Schönheit als zerstörerische Kraft.
Geht doch
Das Berührte
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Hamburgs Elbphilharmonie und New Yorks High Line sind gelungene Beispiele für integrierte Schönheit in Bauprojekten.
Das Beschädigte erzählt einem seine Geschichte: Die Autorin Valerie Fritsch über die Schönheit des Zerstörten.
Über die Sorgfalt
Nachhaltigkeit muss schön sein
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Die Ästhetik sozialer Netzwerke
Über Schönheitssalons, Konformität und wie einen Schönheit in den Wahnsinn treibt, schreibt der Designstar Steven Heller.
Über Schönheit und Hässlichkeit des digitalen Mainstreams und dessen Funktionalität.
Alles für die Schönheit
Steirische Eichen aus ukrainischen Wäldern
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Wahre Schönheit kommt von innen, sagt Jens Hilbert, nachdem er sich zahlreichen kosmetischen Operationen unterzogen hat.
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In der Ukraine wird Raubbau an der Natur betrieben: unter anderem für österreichisches Parkett. Story von Michael Köhlmeier „Interview mit dem kriminellen Element“ – eine Story über Schönheit und Hässlichkeit.
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Warum wollen nachhaltige Projekte nicht schön sein? Ein Plädoyer für mehr Schönheit im öffentlichen Raum.
Wie wesentlich die Sorgfalt für die Schönheit ist, erklärt der dänische Star-Architekt Bjarke Ingels im Gespräch. Schönheit zu verkaufen
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Über die Schönheit der Verfassung, der Gesetze und den Gegensatz von Ordnung und Schönheit.
Liegt Schönheit im Auge des Betrachters, oder gibt es doch so etwas wie ein metaphysisches Konzept? Ein Essay. Zu schön, um echt zu sein
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Über das Konzept der politischen Schönheit als moralische Reinheit. Ein Essay.
Drei Beispiele für scheinbar unumstößliche Wahrheiten, die dann doch nicht die ganze Wahrheit sind. Gut, wahr: Schön
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Addendum
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Highlights 18
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Zu schön
Manche Orte sind zu schön, um einsam zu bleiben.. Was tun, wenn die Schönheit, deretwegen alle kommen, von denen, die kommen, bedroht wird?
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Schrecklich
Das Zentrum für politische Schönheit, ein Kollektiv von Aktionskünstlern, setzt auf moralische Reinheit, Verstörung und Übertreibung. Jetzt hat man es übertrieben.
Sorgfältig
Der dänische Star-Architekt Bjarke Ingels im Gespräch über Loos, die Irrtümer des Modernismus und die Aufgaben der Architektur bei der Gestaltung der Lebenswelt.
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Was ist Wahrheit?
Das Pilatus-Projekt In jeder Ausgabe stellen wir die Frage: „Was ist Wahrheit?“ Diesmal versucht sie die Scheidungsanwältin Helene Klaar zu beantworten.
T E XT: M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R FO TO S : N I KO L AU S O S T E R M A N N
Die Frage, die Pilatus Jesus gestellt hat: Was ist Wahrheit? Da gibt es von meiner Berufsethik her zwei verschiedene Aspekte: Für mich ist Wahrheit das, was mir der Klient im vertraulichen Gespräch erzählt, es sei denn, es ist so unglaubwürdig, dass ich es nicht glauben kann. Auf der anderen Seite bin ich an eine neue Wahrheit gebunden, die Richter dadurch schaffen, dass sie Feststellungen treffen, die so gekonnt gemacht werden, dass man sie auch durch ein Rechtsmittel nicht aushebeln kann. Das Urteil schafft eine neue Wahrheit, an die wir alle gebunden sind, jenseits von dem, was tatsächlich passiert ist. Zwischen diesen beiden Polen der Wahrheit bewege ich mich. Besteht zwischen der richterlich festgestellten Wahrheit und dem tatsächlich Passierten oft eine große Diskrepanz? Ja, das kommt häufig vor, wobei ich allerdings die interessante Beobachtung gemacht habe, dass der unverbildete Mensch damit dennoch leben kann. Was für die Leute schwerer hinzunehmen ist, ist die Untätigkeit der Gerichte. Als ich einmal ein Scheidungsverfahren hatte, in dem meiner Klientin wirklich Unrecht geschehen ist – das war eine sogenannte einfache Frau –, habe ich mich über das Urteil und die Voreingenommenheit des Richters empört, sie aber sagte: „Der Richter war ja nicht bei uns zu Haus, woher soll er es denn wissen?“ Die rechtsbereinigende Wirkung eines Urteils wird also von Menschen
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akzeptiert, wenn es denn nun mal kommt. Man ist bereit, eine Wahrheit zu akzeptieren, auch wenn sie einem gar nicht als Wahrheit erscheint, weil sie die Situation klärt? Ja.
„Richter werden dafür bezahlt, dass sie sich bemühen, dieser Gottähnlichkeit nahezukommen.“ Sind Sie oft empört, wenn die Diskrepanz groß ist? Ja, wenn ich mich nicht mehr über Unrecht empören könnte, müsste ich, glaube ich, aufhören zu arbeiten. Aber Unrecht und Unwahrheiten müssen nicht unbedingt das Gleiche sein. Richter sagen oft: Wenn Sie auf der Suche nach Wahrheit sind, gehen Sie in die Kirche. Hier werden Sie sie nicht finden, hier kriegen Sie nur ein Urteil. Das halte ich für einen unzulässigen Zynismus. Ich sehe schon beim richterlichen Beruf das Problem, dass es für jemanden, der nicht der liebe Gott ist, schwierig sein muss, darüber zu befinden, was wahr und unwahr, Recht und Unrecht ist, aber andererseits werden sie dafür bezahlt, dass sie sich bemühen, dieser Gottähnlichkeit nahezukommen. Es wird niemand
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gezwungen, Richter zu werden. Ich gebe zu, ich hätte mir damit schwer getan, für mich war das nie eine Möglichkeit, mein sensibler Umgang mit der Gerechtigkeit wäre mir da sicherlich ein Hindernis. Ich hätte immer Angst, falsch zu entscheiden, und daher ist für mich die anwaltliche Tätigkeit wesentlich einfacher, bei der ich denjenigen vertreten soll, der sich vertrauensvoll an mich wendet. Das heißt, als Anwältin haben Sie es mit der Wahrheit leichter als der Richter. Ja, für mich gilt es, wie gesagt, die Wahrheit so zu verkaufen, dass sie bei Gericht gut ankommt und sich durchsetzt. Ich sage auch meinen Klienten, dass sie bei Gericht wahrheitsgemäß aussagen sollen, aus dem einfachen Grund, dass es den meisten Menschen leichter fällt, die Wahrheit zu sagen als zu lügen. Das sollte man nicht unterschätzen. Zum Lügen gehören ein sehr gutes Gedächtnis und eigentlich eine sehr hohe negative Intelligenz und Energie. Schon Plato sagte, dass der Lügner der Kompetentere ist, weil er auch wissen muss, was die Wahrheit ist. Ja, das liegt den meisten Menschen nicht, und ich empfehle daher allen Klienten, dass sie die Wahrheit sagen sollen – aber ich sage auch dazu: plus minus 2 Prozent. Wenn es eben darauf ankommt. An den Rändern, man muss sich nicht an alles erinnern. Man muss nicht alles sagen.
Helene Klaar Die 1948 in Wien geborene Rechtsanwältin ist spezialisiert auf Familienrecht. Ihr eilt der Ruf voraus, nicht nur Wiens feministischste, sondern auch die meistgefürchtete Scheidungsanwältin zu sein.
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Was ist Wahrheit?
„Ich hab’s mit der Wahrheit, ich hab’s mit der Gerechtigkeit. Man kann die Wahrheit nett verkaufen, aber völlig von ihr abweichen ist mir eigentlich zuwider.“
Man muss immer wissen, was man sagt, aber man muss nicht alles sagen, was man weiß. Ganz stimmt das nicht, ein Zeuge darf auch nichts wissentlich verschweigen. Bei den Parteien ist aber die Wahrheitspflicht nicht so streng geahndet. Als Partei darf man auch lügen. Dürfte man auch lügen, es kommt halt nicht gut, und ich hätte auch ein Problem damit. Ich mag das nicht. Ich hab’s mit der Wahrheit, ich hab’s mit der Gerechtigkeit. Man kann, wie gesagt, die Wahrheit nett verkaufen, aber völlig von ihr abweichen ist mir eigentlich zuwider. Die materielle Wahrheitsfindung ist eine richterliche Aufgabe. Andererseits geht es gerade im Zivilrecht nicht darum, die Wahrheit herauszufinden, sondern um die Möglichkeit, einen Prozess sinnvoll zu führen und ein Urteil zu finden, mit dem alle leben können. Ich denke, ohne die Wahrheitsfindung kann man nicht zu gerechten Lösungen kommen. Das gerechte Urteil oder das Urteil, das das Problem
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zufriedenstellend klärt, muss doch auf einer der Wahrheit nahekommenden Feststellung beruhen. Zu einfach darf man es sich nicht machen. Zu sagen: „Da entscheide ich so in der Mitte und damit können beide leben“, wäre mir zu wenig. Sie sind Spezialistin für Scheidungsverfahren. In Beziehungen gibt es immer zumindest zwei Wahrheiten. Es gibt eine amerikanische Serie, „The Affair“, wo in jeder Folge nacheinander die Sicht des einen, dann die des anderen Protagonisten gezeigt wird. Ich kenne die Serie nicht, ich schau mir grundsätzlich wenig Filme an, mein Leben ist eh viel spannender. Wenn ich am Nachmittag vier Klienten empfange, habe ich das Gefühl, ich sitze in einem Nonstop-Kino und es ziehen vier Filme an mir vorbei. Fernsehen und Kino haben mir wirklich wenig zu bieten, was nicht ohnedies von meiner Wirklichkeit getoppt wird. Aber dieser Werterelativismus, den ich manchmal vor Gericht vorfinde, der ist mir erst recht zuwider. Ich finde, in etwa kann man schon feststellen, was Recht und Unrecht ist.
Addendum
Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge: Sind das wirklich Synonyme? Recht kriegt derjernige, der die Wahrheit auf seiner Seite hat? Natürlich nicht unbedingt. Das Recht, das sind die Normen, die der Gesetzgeber beschlossen hat, und die Wahrheit kann oft schädlich sein dafür, dass man recht bekommt, das ist klar. Ich hatte einen Prozess, der mir unvergesslich ist, weil es nicht mein eigentliches Metier ist, in dem die Wahrheit sich rentiert hat. Meine Klientin hatte ein altes Auto, bei dem beinahe die Bodenplatte herausgefallen wäre. Wir haben eine Mängelrüge gegen den Verkäufer gemacht, und der hat eingewendet, dass sie selber schuld sei, weil sie das Auto im Winter nicht garagiert, sondern auf der Straße habe stehen lassen. Als technische Laiin habe ich befürchtet, der Mann könnte recht haben. Meine Klientin wurde befragt, wo sie das Auto im Winter hatte – und sie hat tapfer gesagt, auf der Straße. Ich habe gefunden, es ist die Wahrheit, da kann man halt nichts machen. Es war aber ein Sachverständiger dabei, und der hat dann erklärt: Hätte sie es in der Garage gehabt in dem
schneereichen Winter, dann hätte der Rostschaden durch den ständigen Wechsel zwischen warm und kalt entstehen können. Da sie es aber auf der kalten Straße im Schnee hatte, muss der Rostschaden schon vorher vorhanden gewesen sein. Wir haben – völlig unerwartet für mich – den Prozess dadurch gewonnen, dass meine Klientin, die genauso eine Laiin war wie ich, die Wahrheit gesagt hat. Das sind schöne Erlebnisse. Es muss aber nicht so sein. In Scheidungsverfahren geht es oft um Schuld und Unschuld, wer verantwortlich dafür ist, dass eine Ehe beendet wird. Ist es für Sie entscheidend, ob die Partei, die sich vertrauensvoll an Sie wendet, schuldig oder unschuldig ist? Na, ich bin Rechtsanwalt und nicht Moralapostel, und ich muss damit leben können, wenn eine Klientin mir erklärt, dass sie zwei verschiedene Lover gehabt hat, dann werde ich sie deswegen nicht wegschicken. Ich muss ihr halt erklären, dass die Rechtsfolgen der Scheidung für sie nicht gar so erfreulich sein werden. Und wenn Sie den Wunsch hätte, das zu verheimlichen oder die Unwahrheit zu sagen, würden Sie sie dann wegschicken? Prozessgegenstand ist im Zivilprozess immer das, was die Parteien dazu machen. Im Zivilprozess sind die Parteien ja verpflichtet, das Relevante vorzubringen, und der Richter muss sich darauf beschränken, das zu prüfen, was vom Vorbringen gedeckt ist. Wenn der Mann der Frau vorwirft, dass sie schlecht kocht und die Kinder vernachlässigt, und sie erzählt mir, dass sie einen Lover hat, dann werden wir das nicht zum Thema machen. Wenn der Mann irgendwann draufkommt und es vorbringt, werde ich ihr wahrscheinlich eher empfehlen zu sagen: Ja, na und? Ist besser als blöd herumlügen, wenn die Wahrheit an den Tag tritt. Letztlich ist es ja so, dass die Verschuldensfrage bei einer Scheidung grundsätzlich relevant ist, aber es gibt bestimmte Rechte bei einer Scheidung, die jenseits der Verschuldensfrage zustehen. Da muss man sich dann halt darauf konzentrieren, dass man das nicht aus schlechtem Gewissen verspielt.
So pragmatisch sind Sie also, dass Sie sagen, man muss nicht immer die Wahrheit aufdecken und sich damit nackt machen? Ganz im Gegenteil, ich würde schon meinen, dass die ungefragte Wahrheit oft fehl am Platz ist. Wir hatten ein Familienmitglied, die ältere Schwester meines Vaters, der so eine besondere Wahrheitsliebe nachgesagt wurde. Mein Vater hatte zu seiner
„Die Wahrheit kann oft schädlich sein dafür, dass man recht bekommt.“ älteren Schwester kein ganz unbefangenes Verhältnis, und er hat – obwohl mein Vater an sich die Aufrichtigkeit, Redlichkeit und Vertrauenswürdigkeit in Person war –, mir doch nahegebracht, dass es eine Art von Wahrheitsliebe gibt, die einfach nur taktlos ist. Wahrheiten, die niemandem nützen und die keinen interessieren, kann man ruhig bei sich behalten. Sie sind in Verfahren empörungsbereit, weil Sie die Wahrheit als Grundlage für Gerechtigkeit verstehen. Eine Ebene darüber konstituiert der Gesetzgeber einen Wahrheitsrahmen, in dem sich das abspielt. Haben Sie den Eindruck, dass wir in einer wahrheitsfreundlichen Rechtsordnung leben? Ich hatte damit eigentlich noch nie ein Problem. Ich halte letztlich auch die Einschränkung im Zivilprozess, dass die Parteien ein Vorbringen erstatten müssen und nur im Rahmen dieses Vorbringens die Wahrheit geprüft wird, für richtig. Was für die Leute relevant ist, müssen sie eben selbst angeben bzw. von ihrem Anwalt dazu angeleitet werden. Was ihnen nicht so wichtig ist und was sie vergessen, das muss das Gericht nicht prüfen. Der Kläger ist ja derjenige, der das Gericht anruft. Der Beklagte muss dann seinen Standpunkt verteidigen, der hat es sich nicht ausgesucht, dass er zu Gericht muss. Ich glaube, dass der mündige Bürger für seine Rechte und Interessen selber
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einstehen muss und sich nicht darauf verlassen kann, dass ein gütiger Richter sagen wird: Sie haben ja nur deshalb nicht gezahlt, weil das Ding nicht funktioniert hat, gell ja. Das geht halt nicht. Ist es sehr enttäuschend, wenn man jemanden vertritt, ihm empfohlen hat, die Wahrheit zu sagen, und dann lügt der oder die doch? Wenn mir jemand nicht die Wahrheit sagt, nehme ich das sehr übel, denn das stört natürlich einerseits das Vertrauensverhältnis, und außerdem ist es auch ziemlich dumm. Weil wie soll ich denn jemanden vertreten, wenn ich dann die besten Sachen erst bei Gericht vom Gegenvertreter erfahre? Unintelligenz gehört auch zu den Dingen, die mich empören können. Dass jemand den eigenen Anwalt anlügt, das macht natürlich in Wirklichkeit eine Vertretung unmöglich. Wenn Sie es vorher wissen. Was, wenn das dann erst vor Gericht passiert? Na, da sage ich dann nachher schon, dass das nicht gescheit war. Aber es stört Sie nicht moralisch, sondern pragmatisch. Wenn ich drauf und dran bin, einen Prozess zu gewinnen, und der Klient versaut es mir, habe ich schon ein Problem, mich darauf zu beschränken zu sagen, es ist ihr oder sein Prozess und nicht meiner. Das hatte ich in einem Kündigungsverfahren, bei dem wir eigentlich schon drauf und dran waren, es zu gewinnen, und dann die Klientin völlig unnötig der Gegenseite geholfen hat. Die Gegenseite hat einen Zeugen namentlich nicht gekannt, seine Adresse nicht gewusst. Meine Klientin hat das alles eilfertig dem Gericht gesagt, der Zeuge kam, und nach seiner Vernehmung haben wir den Prozess verloren. Die habe ich schon gehasst. Man sagt, es gibt nur eins, das ärger ist als unmoralisch, nämlich dumm. Es gibt auch so einen zynischen Spruch, der sagt, der ärgste Feind des Anwalts ist der Klient. Das sehe ich an sich nicht so, aber damals ist es mir eingefallen.
Wahr ist viel mehr
Gesagt wird Manche Darstellungen werden in der öffentlichen Wahrnehmung schnell zu unumstößlichen Wahrheiten. Es lohnt sich immer wieder zu fragen, ob denn nicht viel mehr wahr sein könnte. Drei Beispiele.
Nr. 1
„Teure Kosmetikprodukte machen die Haut schöner.“
Nr. 2
„Natürlich ist besser als künstlich.“
Nr. 3
„Die USA ziehen sich gemäß der Devise ,America first‘ unter Trump aus der Welt zurück.“
2019 | Ausgabe 10
Addendum
Wahr ist viel mehr
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Wahr ist, dass Beautyprodukte eine kurzfristige Wirkung haben können. So hilft eine Feuchtigkeitscreme gegen trockene Haut, unter der viele Menschen leiden, weil durch häufiges Waschen, wie es in unserer Kultur üblich ist, der Haut Feuchtigkeit entzogen wird. Ob es sich um ein teures oder ein billiges Produkt handelt, macht allerdings keinen Unterschied. Trotzdem geben die Österreicher jährlich rund 330 Millionen Euro für die Pflege von Gesicht, Händen und Körper aus und erhoffen sich davon positive Effekte. Wahr ist aber auch, dass sich eine jüngere Haut, reduzierte Falten und weniger Cellulite nicht durch im Handel erhältliche Produkte erzielen lassen – weil diese Produkte gar nicht wirken dürfen. Genauer gesagt, bleibt die Wirkung dieser Cremes und Lotions sehr oberflächlich und temporär und betrifft meist nur die oberste Hautschicht. Für einen nachhaltigen Effekt müssen sie aber bis in die zweite Hautschicht, die Lederhaut, vordringen. Produkte mit einem solchen nachhaltigen Effekt dürfen allerdings nur als Medikamente vertrieben werden: Sie unterliegen dem Arzneimittelgesetz und müssen durch klinische Studien an vielen Probanden erprobt werden. Wirksame Anwendungen, beispielsweise ein chemisches Peeling mit hochprozentigen Säuren, dürfen nur von Ärzten durchgeführt werden. Dabei werden die oberflächlichen Hautschichten verätzt und schuppen sich dann ab. Danach erscheint die Haut frischer. Eine derartige Behandlung würde ohne Einverständnis des Behandelten als Körperverletzung eingestuft werden.
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Wahr ist, dass Menschen seit vielen Jahrtausenden in der Natur leben und dass künstlich erzeugte Produkte, seien es Nahrungsmittel, Unkrautvernichtungsmittel, Kosmetikprodukte oder Medikamente, erst seit relativ kurzer Zeit verfügbar sind. Um die Langzeitfolgen auf den Menschen abzuschätzen, reichen wenige Jahre oft nicht. Das Pestizid DDT beispielsweise wurde bei seiner Einführung in den 1940er Jahren als Wundermittel gefeiert und galt zunächst als wenig toxisch für Säugetiere – bis man nach einigen Jahrzehnten feststellte, dass es sich im Gewebe von Menschen und Tieren anreicherte und hormonähnliche Wirkungen zeigte. Wahr ist aber auch: Ob ein Produkt auf natürliche Weise entstanden ist oder künstlich produziert wurde, macht für den Körper keinen Unterschied. Für die Wirkung sind nur die Eigenschaften eines Stoffs interessant. Auch Pflanzenschutzmittel aus natürlichen Stoffen können für Tiere und Menschen giftig sein. Das aus Chrysanthemenblüten hergestellte Pyrethrum etwa hat eine neurotoxische Wirkung auf Insekten, und Kupfer kann für Regenwürmer giftig sein; das Insektizid Rotenon ist für Fische sehr giftig. Alle drei Pflanzenschutzmittel sind in der Biolandwirtschaft zugelassen. Wahr ist außerdem, dass natürliche Inhaltsstoffe oft weniger gut auf ihre Wirkungen und Wechselwirkungen untersucht sind und weniger strengen Vorschriften unterliegen als künstliche. Insgesamt jedenfalls gilt: Ein Gift bleibt ein Gift, egal ob es natürlichen Ursprungs ist oder in der Chemiefabrik hergestellt wurde.
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Wahr ist, dass in der Außenpolitik, die Donald Trump verfolgt, Amerikas Interessen im Vordergrund stehen. Wahr ist auch, dass die Bereitschaft, mit militärischen Maßnahmen in fremden Staaten einzugreifen, unter Trumps Vorgängern Bill Clinton (1993–2001) und George W. Bush (2001–2009) wesentlich stärker war: Bill Clinton sah es als Aufgabe der USA an, sich für eine Welt der Freiheit, Unabhängigkeit und des Friedens zu engagieren, George Bush führte Amerika in zwei Kriege: Afghanistan und Irak. Ein zentrales Wahlversprechen Donald Trumps war es, diese „endlosen Kriege“ Amerikas zu beenden. Wahr ist aber, dass in seiner Amtszeit keine Kriege beendet wurden. Stattdessen wurden Truppen von einem Konflikt zum nächsten verlagert, insgesamt wurden mehr Truppen in den Nahen Osten verfrachtet als unter seinen Vorgängern. Nach wie vor sind in aller Welt zehntausende amerikanische Soldaten stationiert, vor allem in Kriegsgebieten wie Somalia, Afghanistan, Irak und Syrien. Wie die New York Times feststellte, sind gegenwärtig mehr amerikanische Truppen im Ausland als während der Kriege, die den Anschlägen vom 11. September 2001 folgten, nämlich etwa 200.000. Wahr ist auch, dass sich inzwischen das demokratische Lager die Forderung, Amerikas „endlose Kriege“ zu beenden, zu eigen gemacht hat. Mehrere Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur arbeiten damit, etwa Bernie Sanders und Pete Buttgieg. Auch die Senatorin Elizabeth Warren setzt sich für einen Rückzug amerikanischer Truppen ein.
Essay
Gut,wahr: Schön Eine kleine Geschichte der Produktion von Schönheit. T E XT: M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R KÜ K Ü N S T L E R I N : E S T H E R S TO C K E R
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re the Angels Pretty?“ heißt ein Song der österreichischen Band Son of the Velvet Rat, er stellt eine Reihe wichtiger Fragen über die Zeit nach dem Tod – vergossenes und nicht aufgewischtes Blut, nicht gegebene Küsse, ungesagte Worte. Eine der wichtigsten Fragen lautet naturgemäß, wie fesch denn die Engel nun wirklich sind: „Are they prettier than pretty? So pretty that it hurts and makes you close your eyes, or just good-looking?“ So hübsch, dass man vor Schmerzen die Augen schließen muss: Das kennen wir. Es ist eine menschheitsalte Idee, dass die letztendliche Verkörperung des Wahren, Guten und Schönen, des Göttlichen oder welcher kristallinen Form der Gelungenheit auch immer uns optisch und existenziell überfordert. Wer Gott sieht, stirbt, wer zu viel Schönheit abbekommt, erblindet, wem der Messias erscheint, der geht zu Boden. Alle diese Geschichten spielen lange vor dem postmetaphysischen Zeitalter. Gott lebte noch, die Natur war verzaubert, der Mensch fügte sich. Was wahr und gut und schön war, konnte objektiv gesagt werden, die Realisierung der metaphysischen Ideen war wohlorganisiert, alles war an seinem Platz. Eigentlich er
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Addendum
Gut,wahr: Schön Eine kleine Geschichte der Produktion von Schönheit. T E XT: M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R KÜ N S T L E R I N : E S T H E R S TO C K E R
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re the Angels Pretty?“ heißt ein Song der österreichischen Band Son of the Velvet Rat, er stellt eine Reihe wichtiger Fragen über die Zeit nach dem Tod – vergossenes und nicht aufgewischtes Blut, nicht gegebene Küsse, ungesagte Worte. Eine der wichtigsten Fragen lautet naturgemäß, wie fesch denn die Engel nun wirklich sind: „Are they prettier than pretty? So pretty that it hurts and makes you close your eyes, or just good-looking?“ So hübsch, dass man vor Schmerzen die Augen schließen muss: Das kennen wir. Es ist eine menschheitsalte Idee, dass die letztendliche Verkörperung des Wahren, Guten und Schönen, des Göttlichen oder welcher kristallinen Form der Gelungenheit auch immer uns optisch und existenziell überfordert. Wer Gott sieht, stirbt, wer zu viel Schönheit abbekommt, erblindet, wem der Messias erscheint, der geht zu Boden. Alle diese Geschichten spielen lange vor dem postmetaphysischen Zeitalter. Gott lebte noch, die Natur war verzaubert, der Mensch fügte sich. Was wahr und gut und schön war, konnte objektiv gesagt werden, die Realisierung der metaphysischen Ideen war wohlorganisiert, alles war an seinem Platz. Eigentlich erstaunlich, dass in der Hochzeit der klassischen Antike, in
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Essay
der Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts der Satz geprägt worden sein soll, der bis heute unser Verständnis von Schönheit dominiert: dass nämlich die Schönheit im Auge des Betrachters liege. Zugeschrieben wird der Ausspruch einer der interessantesten Figuren jener Zeit: Thukydides (ja, der, auf den sich Neo-Nobelpreisträger Peter Handke beruft). Athener, Stratege, Historiker, der Historiker vielleicht. Seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges gehört zu den Klassikern der Geschichtsschreibung. Thukydides war es, der die Historiker, die – heute ist das selbstverständlich anders – nur zu oft als Propagandisten der eigenen Seite in Erscheinung traten, auf die Wahrheitssuche verpflichtete, auch wenn er als Athener Stratege selbst in die große Rivalität zwischen seiner Stadt und Sparta verwickelt war. Der Mensch neigt zur Bockigkeit Dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegen soll und also nicht in der Annäherung an die metaphysische Idee des Schönen gesucht und gefunden werden muss, klingt mehr nach Postmoderne als nach Antike. Der Satz passt besser in ein konstruktivistisches Weltbild – es gibt nur das, was wir sehen können –, als zu den Vorstellungen der klassischen Philosophie. Wie kam Thukydides, wenn der Satz denn von ihm stammt, auf eine solche Idee? Wieso interessierte es ihn überhaupt? Weil ihn die Menschen interessierten. Er wollte wissen, warum Menschen tun, was sie tun. Und dabei muss ihm aufgefallen sein, dass der Mensch, was die Schönheit betrifft, zur Bockigkeit neigt. Vor allem, wenn es um andere Menschen geht. Man einigt sich leichter auf, wenn man so will, „objektive“ Kriterien, wenn es um Statuen, Schatullen, Haustüren und Weihrauchkessel geht: Maße, Proportionen, Materialpräferenzen und Gestaltungsprinzipien unterliegen zwar auch einer gewissen Geschmackskonjunktur, aber Kunstschulen, Handwerksgilden und der Markt bieten eine Art Infrastruktur, innerhalb derer sich der Schönheitsbegriff nachvollziehbar und vorhersehbar bewegen kann. Das Welt der Gest alist bis heute so: Was in der tung als schön gilt, wird im Wesentlichen vom individuellen Schönhei t skonzept des Produzenten, der Kauf- und Zahlbereitschaft des Kon- sumenten und von der mehr oder weniger ob- jektiven Einschätzung professioneller Beobach- ter bestimmt.
das erklärt mitnichten, warum Arthur Berta schön findet. Er findet sie schön, weil er sie liebt. Aber liebt er sie, weil er sie schön findet? Früher mögen sich menschliche Schönheitsideale – und das bedeutete bis weit ins 20. Jahrhundert hinein weibliche Schönheitsideale, Männer durften bis vor kurzem hässlich sein, solange sie mächtig waren – recht simpel etabliert haben, nämlich entlang der Geschmacksrichtungen der Mächtigen. Schön waren Frauen, die Könige, Kardinäle, Fürsten und Maler schön fanden. Diese Frauen wurden auch gemalt, und damit entstanden die Ikonen der Schönheit zu den jeweiligen Zeiten. Volatil waren diese Schönheitsideale immer, weil nicht nur die politische Macht volatil ist, sondern auch die Deutungsmacht des Kunstmarkts. Mit der Demokratisierung der we s t l i c he n Gesellschaften erlebten wir auch eine Demokratisierung der Schönheitsideale. Die Rolle der Maler übernahmen die Filmemacher, die Rolle der Fürsten die gewählten Präsidenten, die Rolle der Kardinäle konnte leider nicht nachbesetzt werden, auch im Welt endrama ist mit Ausfällen zu rechnen. M a c h t blieb zwar – angeblich – neben Geld immer noch das vorherrschende Schönheitsideal beim Mann, daneben traten aber zunehmend äußerlich-körperliche Aspekte. Einen letzten Schub an Demokratisierung erfuhr die Produktion der Schönheitsideale mit der Digitalisierung. Was man in der Nachkriegszeit höchstens bei großen Misswahlen hätte sehen können, als Groß-Event und aufwendig inszeniert, wurde mit Applikationen wie Instagram und Tinder zum Alltag. Instagram als Präsentationsplattform, Tinder als Matching-Tool. Die Auswahl-Gestik, die sich die UX-Designer f ü r Tinder haben einfallen lassen – das Wegw i schen – wirkt extrem herablassend, steht aber immerhin Männern und Frauen gleichermaßen zur Verfügung.
Die Schönheit von Menschen Was die Schönheit von Menschen betrifft, lagen die Dinge immer schon etwas komplizierter. Das war wegen der Liebe. Heute haben wir wohl Instrumente wie die Attraktivitätsforschung zur Verfügung, die im Wesentlichen auf der statistischen Auswertung von in großer Zahl abgefragten Einzelpräferenzen beruht. Durchschnittlich findet also A eine Variante von B attraktiv, die über die Merkmale C und D verfügt, aber
Messinstrumente Ein bisschen so wie mit den Menschen ist es auch mit der Natur. Wir gen herausfinden, dass können in Untersuchun40 Prozent eine Landschaft für die schönste halten und nur je 20 Prozent eine andere, und daraus schließen, dass wir Menschen irgendwelche Schönheitsmessinstrumente eingebaut hätten, die sehr oft zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen. Statistisch lässt sich das eventuell argumentieren, aber andererseits: Nein. Wir finden schön, was wir kennen, sagen manche Neurowissenschaftler, und das mag auch stimmen für Semmelknödel, Fichten und Kühe, aber auch dem obersteirischen Bergbauernbuben wird in der Serengeti das Herz aufgehen, und keiner weiß, warum, und jeder weiß, warum. Was den Schönheitsbegriff in den Künsten und in den gestaltenden Berufen für die Alltagswelt – Archi-
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tektur, Innenausstattung, Stadtplanung, öffentlicher Hoch- und Tiefbau – betrifft, so sprechen wir sehr schnell über Machtfragen, denn die Demokratisierung der Schönheitsproduktion hat diese Bereiche nicht erfasst. Wenn man die Entwicklungen über längere Zeiträume betrachtet, fällt vor allem der Selbstzerstörungsmechanismus auf, der zu den großen Produktivkräften des Genres gehört. Neues setzt sich durch, weil das zuvor Gültige sich durch Vervielfältigung und Übertreibung in die Sackgasse manövriert hat – ästhetische Dekadenzphänomene. Einfachheit Zuletzt ist es dem Modernismus und seinem internationalen Stil so ergangen. Er hat die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dominiert, nachdem seine Vorkämpfer sich bereits vor dem Krieg gegen die Spätphase des vom Ornament überwucherten Klassizismus durchgesetzt hatten. Adolf Loos’ Schrift „Ornament und Verbrechen“ wies den Weg in eine neue Richtung, in der man gest alt erisich dem Kern der schen Aufgabe widmen wollte, die von massenproduzierten Behübschungsexzessen zugekleistert worden war. Die Verlogenheit der spätbürgerlichen Moral hatte darin ihren Ausdruck und ein wenig auch ihr Ende gefunden. Ob das, was nachkam, besser war? Nein. Der Exzess des Modernismus war seine Ideologisierung, der Größenwahn, der allen Revolutionären eigen ist, die mit einer neuen Wahrheit das alte Regime hinwegfegen, um hernach ihr eigenes zu errichten, das in seiner Strenge und Brutalität in der Regel dem, was war, um nichts nachsteht, im Gegenteil. Man kennt das: Cromwell, Robespierre, Stalin, Mao, es wiederholt sich. Und die Gestalter waren immer vorne dabei. Für Platon, Thukydides’ unmittelbaren Zeitgenossen, war der innere Zusammenhang zwischen dem Guten, dem Wahren und dem Schönen vollständig klar: Wenn es wahr ist, ist es gut, und wenn es gut ist, ist es schön. Am meisten spürt man vielleicht von diesem Gemosamtbewandtniszusammenhang in den dernen Naturwissenschaften. „Wahrheit“, sagte der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman, „kann man an ihrer Schönheit und Einfachheit erkennen“. Schönheit und Klarheit Vielleicht wurzelt hierin auch die manchmal etwas verzweifelt klingende Idee, dass die wahre Schönheit nichts mit der Oberflächenästhetik der Dinge und Menschen zu tun habe, sondern mit ihren „inneren Werten“. In der Tat muss es schon dem Augenschein nach so sein, dass viele Menschen einander nicht lieben, weil sie einander so schön finden, sondern sie finden einander schön, weil sie einander lieben.
Für die Gestaltung der gestalteten Welt – und wir leben als urbane Menschen in einer vollkommen gestalteten Welt, so wie die Yanomami am Amazonas in einer vollkommen natürlichen Welt leb(t)en – gilt im Grunde Ähnliches: Oft ergeben sich Schönheit und Charakter aus dem Umstand, dass man für eine wichtige Frage, für etwas, was einem vital am Herzen liegt, eine Antwort gefunden hat, die einfach stimmt, die vollkommen folgerichtig und unabweislich ist. Wie eine Liebe, die man nicht gesucht, aber gefunden hat. Auf einmal wird den Menschen, Fragestellung involviert sind, die die in die Antwort so klar, dass sie sie auch schön finden. Oder die Kommunikationsformen, die sie zur Beantwortung der Frage geführt haben, sind so klar, dass sie auch schön sind. Oder die Strukturen der grund solcher ÜberlegunHäuser, die sie aufgen gebaut haben, sind so schlüssig und unterstützen das, was ihren Bewohnern wichtig ist, so sehr, dass dadurch, gewissermaßen von innen heraus, eine Schönheit erwächst – eine Art Emergenzphänomen –, von der man sich mehr vorstellen kann, dass sie später nicht nicht schon immer existiert hat. V i e l l e i c h t müsste man also eher sagen, dass die Schönheit sich auf den Kopf und das Herz des Betrachters verteilt und auf eine intensive Ko m m u n i k a t i o n der beiden angewiesen ist, wenn sie erkannt werden will – und sie will daran besteht kein Zweifel. erkannt werden, Denn Schönheit wird einerseits nie losgelöst sein von einem intellektuellen Kontext, der frühere, gegenwärtige und sich bereits für die Zukunft abzeichnende Kriterien bereitstellt, nach denen Einzelne, Gruppen, vielleicht sogar Gesellschaften auf Zeit vereinbaren, was sie schön finden wollen und was nicht (es äußert sich dann konkret im Paarungsverhalten und in den Kunstmarktund Möbelpreisen). Andererseits lässt sich der Schönheitsbegriff, den der Einzelne in Anschlag bringt, keinem chemischen Reinigungsprozess unterziehen, im Zuge dessen seine unintellektuellen Bedürfnisse, körperlichen Sehnsüchte und seelischen Qualen rückstandsfrei entsorgt werden, auf dass der Betrachter wieder objektiv schönheitsfähig werde. Liebe und Schönheit gehören, ob man es nun eher konkret körperlich betrachten will oder abstrakt intellektuell, ob wir über Menschen tefakte, Häuser und Betsprechen oder über Arten, sehr unmittelbar zusammen, weil es die kalte, beziehungslose, distanzierte Betrachtung der Schönheit in der wirklichen Welt nicht gibt. Was man wirklich schön findet, wird man früher oder später auch lieben, und was man liebt, wird man sehr schnell auch schön finden. Vielleicht ist darum der wichtigste und wahrste Satz, der sich über die unausweichliche Gemeinsamkeit von Liebe und Schönheit sagen lässt, dieser: „Schau, wie schön.“
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Die Idylle trügt: Venedig ist von Kreuzfahrtschiffen geplagt
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Zu schön, um echt zu sein Hallstatt, Venedig, Machu Picchu: Touristen stürmen die schönsten Orte der Welt – und zerstören sie damit. Der Schweizer Ökonom Bruno Frey schmiedet deshalb den Plan, sie einfach für Touristen nachzubauen.
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as Goldene Dachl in Innsbruck und die Getreidegasse in Salzburg trennen knapp 200 Kilometer, zum Schloss Schönbrunn sind es schon 470. Das sollte nicht so sein, findet der Schweizer Ökonom Bruno Frey. „Ich war neulich in Innsbruck, 200 Meter vom Goldenen Dachl entfernt findet man kaum mehr Touristen“, sagt er. Aber viele zieht es weiter in die Innenstadt Salzburgs. Warum also nicht jene paar Dinge, die Touristen in Österreich schön finden, zusammenführen? Frey verfolgt einen radikalen Ansatz: die meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Österreichs an einem zentralen Ort nachzubauen. Damit es vom Goldenen Dachl zum Stephansdom nur mehr ein paar Minuten zu Fuß sind. Hallstatt könnte man gleich dazu bauen. All die Schönheit Österreichs, komprimiert an einem Fleck. Frey will keinen kitschigen Erlebnispark, er will die Attraktionen so echt wie möglich kopieren. Kunst, Kultur und Tradition dieser Orte mit Hologrammen und virtueller Realität vermitteln, vielleicht sogar besser als an den echten Orten: „In Venedig gehen bis zu 70.000 Menschen pro Tag von der Rialtobrücke bis zum Markusplatz und haben sehr wenig Einblick in das wahre Venedig.“ Bedrohte Schönheit Er will damit ein wachsendes Problem in Angriff nehmen: dass Touristen die Schönheit von Orten durch ihre schiere Masse zerstören. Machu Picchu, dessen Berg durch die Besuchermassen langsam abgetragen wird. Die philippinische Insel Boracay, die 2018 ein halbes Jahr für Touristen gesperrt war, um die Strände vom Müll zu befreien. Venedig, das von Kreuzfahrtschiffen geplagt ist. In Städten wie Florenz oder Dubrovnik ziehen die Bewohner aus den Innenstädten, weil die von Touristen geflutet werden, erzählt Frey. Vor die Wahl zwischen Schönheit und Ruhe gestellt, entscheiden sie sich schließlich für Letzteres. Und die Touristenströme könnten noch viel größer werden: „Wenn sich China weiter so entwickelt, werden Hunderte von Millionen kommen“, sagt er.
In Österreich ist Hallstatt im Salzkammergut das bekannteste Beispiel für das Overtourism genannte Phänomen. Ein pittoreskes Dorf vor einer beeindruckenden Bergkulisse, die sich im Hallstätter See spiegelt. Ein Klischee von Schönheit. Mehr als fünfzig Busse kommen durchschnittlich jeden Tag hier an, zu Spitzenzeiten besuchen 14.000 Menschen an einem Tag den Ort mit seinen 770 Einwohnern. In den Achtzigern habe man neidisch nach St. Wolfgang geblickt und den Ort um die Touristen beneidet, erzählt Bürgermeister Alexander Scheutz. Jetzt fühlt man sich überrollt. „Die Leute fliegen hier mit den Drohnen, sie gehen in den Privatbesitz, sie parken überall“, sagt Siegrid Brader, sie hat die Stiegen zu ihrem Haus mit einer Kette abgeriegelt. Die Gemeinderätin und Vorsitzende des Vereins „Bürger für Hallstatt“ wirft dem Bürgermeister vor, zu wenig durchzugreifen. „Es verdienen nur sehr wenige an den Tagestouristen.“ Viel Plastik und Goldfische: Hallstatt in China Was nach Freys These Abhilfe schaffen sollte, hat in Hallstatt das Problem erst befördert: ein Nachbau des Ortes, der 2012 in der chinesischen Provinz Guangdong eröffnet wurde. „Nicht weil der Nachbau so bekannt ist in China, sondern weil damals Journalisten aus aller Welt in Hallstatt waren – da ist ein enormer Hype entstanden“, erzählt Scheutz. Er ist zur Eröffnung nach China gereist und fand es „irgendwie witzig. Der Marktplatz ist auch so schräg wie bei uns, aber spiegelverkehrt. Die Kirche ist eher ein Empfangsraum. Es ist alles sehr künstlich, die Blumen sind aus Plastik, im Teich sind Goldfische geschwommen.“ Die Besucherzahlen explodieren jedenfalls seitdem, oft sind es asiatische Reisegruppen auf der Durchreise, die nur einmal durch den Ort laufen. Die Zahl der Pkw steigerte sich von 2010 bis 2018 von 52.500 auf 194.600, jene der Reisebusse von 3.400 auf 19.300. „Die Tagestouristen nehmen dem Ort seine Schönheit“, sagt Brader. Ein paar Meter von ihrem Haus entfernt ist der sogenannte Fotopoint, auch in der bitteren Kälte des Dezembers steht dort noch ein Dutzend mehr-
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Hallstatt: schön, aber immer voll
heitlich asiatischer Touristen. „Mittlerweile haben wir den Tourismus das ganze Jahr, wir haben keine Phase mehr, in der wir durchschnaufen können“, erzählt sie. Scheutz berichtet von einer Begegnung mit einer ankommenden Touristin, die ihr Handy herausgeholt hat, ihm das bekannteste Motiv Hallstatts vom Fotopoint zeigte und sagte: „Ich mache jetzt dieses Bild.“ Wie Zigtausende andere auch. „Ich weiß nicht, wie man als Gemeinde darauf reagieren soll“, sagt Scheutz. „Ich habe schon mal zu den Anrainern gesagt, das Einzige, was wir machen können, ist eine Bretterwand.“ Die Schönheit des Ortes bewusst zu zerstören, um den Einwohnern Ruhe zu gewähren. Noch hat er es nicht getan.
Projekts sein. „Wir wollen darüber nachdenken, wie man reist. Overtourism ist ja nicht nur ein Problem von Hallstatt. Halb Europa fährt nach Bali und postet dort dieselben Yogaposen vor Tempeln“, sagt Mair. Instagram-Fotos seien mittlerweile „der Anreiz, wohin zu fahren. Das ist eine komplette Reproduktionsgesellschaft, man will auch dasselbe Bild nach Hause bringen.“
Kaiser-Kitsch und die Bollywood-Bedrohung Vielleicht ist Hallstatt einfach zu schön. „Leben produziert immer auch nicht Schönes, wenn man das ausblendet, wird es problematisch“, sagt Eva Maria Mair. „Es kippt dann etwas, das ist es wahrscheinlich, was in Hallstatt passiert.“ Mair ist Teil jener Gruppe, die Bad Ischl ein paar Kilometer weiter mit der gesamten Region Salzkammergut zur Kulturhauptstadt 2024 gemacht hat. Der Ort, der touristisch von der verkitschten Nostalgie um die Sommerfrische des Kaisers lebt, soll neu definiert werden. Es gehe unter anderem ums Aufbrechen starrer touristischer Muster, sagt sie. Dass die Ernennung zur Kulturhauptstadt den Overtourism nach Bad Ischl bringen könnte, glaubt Stefan Heinisch, Projektleiter für die Kulturhauptstadt, aber nicht. „Die Russen werden nicht wegen der Kulturhauptstadt Bad Ischl entdecken.“ Erfahrungsgemäß würden 80 Prozent der Gäste bei Veranstaltungen einer Kulturhauptstadt aus der Region kommen. Es sind andere Entwicklungen, die ihm Sorge bereiten. „Es gibt mittlerweile den ‚Gemma Overtourism schauen‘-Tourismus“, sagt er. Und manche hätten aus dem Beispiel Hallstatt nicht gelernt. Gmunden bemüht sich darum, Bollywood-Produktionen an den Traunsee zu holen, um ihn in Indien bekannter zu maindische Markt die Region chen. „Wenn der entdeckt, wird das der Tourismus nicht aushalten“, sagt Heinisch. Eine Konferenz zu Overtourism soll deshalb auch Teil des
Wegen Instagram ins Niemandsland Page kann davon ein Lied singen. Die kleine Ortschaft im US-Bundesstaat Arizona nahe der Grenze zu Utah wurde 1957 von Arbeitern gegründet, die den nahe gelegenen Glen Canyon Dam errichteten; es ist eine der jüngsten Gemeinden der USA. Page ist relativ nahe an dem, was man sich als Niemandsland vorstellt. Das öffentliche Leben beschränkt sich auf den South Lake Powell Boulevard, wo unter anderem Big John’s Texas BBQ steht. Es ist voll hier, die Gäste stehen Schlange vor dem Counter, haben sie ihre Brisket Sandwiches oder BBQ Nachos ausgefasst, sitzen sie dicht gedrängt auf langen Bänken, während eine Countryband „Sweet Home Alabama“ dröhnt. Viele dieser Menschen sind wegen Instagram hier. Die App hat zwei Sehenswürdigkeiten am Rande des Ortes berühmt gemacht, die bis vor wenigen Jahren noch nahezu unbekannt waren. Sie sind tatsächlich von einer unwirklichen Schönheit. Der Horseshoe Bend, ein aus einem Canyon ragender Felsen, der von dem Colorado River umspült wird, und der Antelope Canyon, ein unwirklich wirkender Slot Canyon aus Sandstein. Der Horseshoe Bend ist ohne Eintritt zugänglich, nicht einmal für den Parkplatz wird eine Gebühr verlangt. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Horseshoe Bend selbst, einer Strecke von etwa einem Kilometer, sind Chinesisch, Deutsch und zahlreiche andere Sprachen zu hören. Schatten, Toiletten, jegliche Infrastruktur: Fehlanzeige. Vor der Klippe zum Fluss haben einige sichtlich Respekt, andere stehen gefährlich nahe am Abgrund. Auch Absperrungen gibt es noch nicht. 450 Parkplätze, ein Visitor Center und Sicherheitsvorkehrungen sollen nun geschaffen werden – weil nicht mehr ein paar tausend, sondern 1,5 Millionen Menschen im Jahr kommen.
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„Schönheit ist billig“ Ganz anders der Antelope Canyon: Er liegt auf Navajo-Land und ist für die Öffentlichkeit nur im Rahmen bezahlter Touren zugänglich. Sie sind Wochen bis Monate im Voraus ausgebucht, und wer an einer teilnimmt, könnte irritiert sein: Es geht dabei kaum um die Geschichte des Canyons. Die Tour ist ein Tutorial für die besten Instagram-Postings. Die passendsten Filter, der schönste Lichteinfall, der richtige Winkel. Für den Fotografen Peter Lik hat sich ein Schwarz-Weiß-Foto aus dem Antelope Canyon ausgezahlt, das den Lichteinfall in den staubigen Canyon zeigt: Bei einer Auktion im Jahr 2014 erzielt es einen Kaufpreis von 6,5 Millionen Euro und ist damit das teuerste Foto der Welt. Das Bild, kommentierte der Kunstkritiker Jonathan Jones im Guardian, „ist ein Beispiel für alles, was schiefgehen kann, wenn Fotografen glauben, dass sie Künstler sind“. Natürlich sei es schön, aber: „Schönheit ist billig, wenn man seine Kamera auf ein grandioses Naturphänomen richtet.“ Die Instagramer im Canyon stört das freilich wenig, sie halten drauf, bis der Tourguide drängt: Die nächste Gruppe wartet schon. Restriktionen für den Zutritt überlegen viele Destinationen weltweit. Venedig wird für Tagestouristen ab Mitte 2020 einen Eintrittspreis von drei Euro einheben, die Insel Komodo plant 500 Dollar Eintritt für den Besuch des Nationalparks, in dem die Warane der Insel leben – bislang waren es zehn. Die richtige Preisgestaltung ist schwierig, sagt der Salzburger Tourismusforscher Kurt Luger: „Drei Euro bringt gar nix.“ Umgekehrt: „In Bhutan verlangt man 250 Dollar pro Tag, das steht im Kontrast zum demokratischen
Reisen.“ Wer darf also entscheiden, wie viel Schönheit wert ist und wer sie sehen darf? „Es gibt kein Recht, immer alles sehen zu dürfen“, sagt Luger. Er versteht es, wenn sich Orte gegen zu viele Touristen wehren: „Grundsätzlich gibt es das Recht auf Besuch, aber auch das Recht auf ordentliches Wohnen. Und ich schätze das Recht der Einwohner höher ein.“ Überschätzte Echtheit Alexander Scheutz lehnt diese Option für Hallstatt ab. „Gehen unsere Schüler dann jeden Tag durch Drehkreuze? Das wäre kein Ort mehr zum Leben.“ Ein Slotsystem für Busse soll in der kommenden Saison Abhilfe schaffen, die Ankünfte regulieren, aber es ist allen klar: Das kann erst der Anfang sein. „Sonst ist unser Ort dem Verfall preisgegeben“, sagt Siegrid Brader. Sonst wird er zu dem Museum, für das manche Touristen den Ort schon halten. Immer wieder werden die Bewohner gefragt, wo sie nach Dienstschluss hingehen – viele Touristen halten Hallstatt für eine Art Alpen-Disneyland. Es ist zu schön, um für echt gehalten zu werden. „Das Echte entzieht sich der Reproduzierbarkeit“, schreibt Walter Benjamin 1936 in „Das Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit“, und auch wenn er damals nicht damit rechnen konnte, dass ganze Ortschaften auf einem anderen Kontinent nachgebaut werden: Daran hat sich nichts geändert. Aber: Stört es die Reisenden überhaupt, statt der echten Schönheit eine Kopie zu sehen? Nein, sagt der Ökonom Frey. Echtheit sei erstens ein schwieriger Begriff und zweitens überschätzt. Schwierig, weil: Da Vincis „Das letzte Abendmahl“ in Mailand wurde mehrfach über-
Touren durch den Antelope Canyon in Arizona sind InstagramTutorials
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malt, der Markusturm in Venedig stürzte 1902 ein und wurde neu aufgebaut. Sind die noch echt? Selbst wenn die Antwort eindeutig Nein ist, scheint das die Besucher nicht zu stören. Die Höhle von Lascaux in Frankreich, die die weltberühmten Höhlenmalereien beherbergt, wurde für die Öffentlichkeit geschlossen; 1983 eröffnete eine Kopie der Höhle, deren Eingang sich nur 200 Meter von der originalen Höhle entfernt befindet. Das Erstaunliche: „Die Besucherzahlen haben nicht abgenommen“, sagt Frey. Auch wenn es er selbst nicht ganz verstehe: Offenbar sei es den Menschen wichtig, dass die Kopie nahe am Original steht: „Man hätte die Höhle ja auch in der nächstgrößeren Stadt machen können, das wäre viel einfacher gewesen.“ Einmal um die Welt am Las Vegas Strip Andere Reproduktionen verzichten von vornherein auf den Anschein des Echten: In China stehen unzählige Nachbauten europäischer Architektur, nicht nur Hallstatt. Das Hauptquartier des Handyherstellers Huawei nahe der Metropole Shenzhen ist zwölf europäischen Städten nachempfunden. Manchmal entwickeln die Replikationen ihren ganz eigenen Charme, auch wenn der nur selten mit Schönheit assoziiert wird: Am Las Vegas Strip, an dem sich die Hotels und Casinos aneinanderreihen, kann man in wenigen Stunden die halbe Welt bereisen. Vom Luxor-Hotel in Pyramidenform – plus einer Sphinx davor – geht es weiter nach New York zur Freiheitsstatue, kurz darauf folgt Paris mit seinem kleinen Eiffelturm, der Caesars Palace ist natürlich im alten Rom angesiedelt. Das Einkaufszentrum des Venetian durchschneiden Kanäle nach dem Vorbild der Lagunenstadt, auch Gondeln mit Arien schmetternden Gondolieri gibt es hier. Authentizität sei sowieso oft eine Illusion, sagt Kurt Luger: „Beim Tiroler Heimatabend wird eine Fiktion geliefert. Das ist für die Touristen auch völlig in Ordnung.“ In Österreich habe sich über die Bauernkultur in den vergangenen Jahrzehnten eine Dienstleistungskultur drübergestülpt, bei der die Vermieterin des Urlaubs am Bauernhof selbst erst einen Brotbackkurs machen muss, damit sie den Touristen zeigen kann, wie hier Brot gebacken wird. Es ist eine Illusion, die alle glücklich macht: „Der echte Bergbauer im hintersten Tal ist kein touristisches Produkt, das ist ein harter Arbeitstag. Das wollen Touristen vielleicht für fünf Minuten sehen.“ Schönheit ist für den Touristen meist wichtiger als Authentizität. Aber wie weit kann man diesen Bogen spannen?
mit Erzählstimme vor, mit weichen Blenden von Ort zu Ort. „Natürlich fehlt die Atmosphäre vor Ort, aber umgekehrt hat man kein Gedränge“, sagt Altendorfer. „Ohne etwas unterstellen zu wollen: Wenn man asiatische Touristen beobachtet, dann machen die sehr viele Destinationen sehr oberflächlich in sehr kurzer Zeit.“ Dafür, findet er, müssten sie nicht die lange Reise in
Schönheit ist für den Touristen meist wichtiger als Authentizität. Kauf nehmen. Er will zunächst einen Weg finden, die Idee in Asien zu vermarkten, und danach auf die Verantwortlichen in etwa Salzburg oder Hallstatt zugehen. Aber wollen potenzielle Touristen, die sich das virtuelle Hallstatt anschauen, dann nicht erst recht das echte sehen – wie es beim Nachbau passiert ist? „Das ist eine Frage der Vermarktung. Es besteht auch die Gefahr, dass man nur jene erreicht, die sowieso lieber zu Hause bleiben.“ Aber in Zukunft könnte die virtuelle Realität zumindest eine Chance sein, schöne Orte zu besichtigen, die für die Öffentlichkeit geschlossen oder gar zerstört sind: „Wir haben Aufnahmen von Notre-Dame, wie man sie nie wieder sehen können wird“, sagt Altendorfer.
Virtuelle Schönheit Für Michael Altendorfer ist Schönheit vor allem eine technische Frage: Er will asiatische Touristen überreden, einfach zu Hause zu bleiben und sich Orte wie Hallstatt mittels Virtual Reality anzusehen. „HD-Videos waren in Virtual Reality sehr verschwommen, aber in den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich die Technologie extrem weiterentwickelt“, erzählt der Geschäftsführer des Salzburger Startups VR Coach. Er stellt sich eine virtuelle 360°-Rundreise
Kitsch und Klischee: Das alte Rom in Las Vegas
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HaltungsĂźbung Nr. 20
Neugierig bleiben. Eine leichte, beinahe kinderleichte HaltungsĂźbung ist gleichzeitig eine der wichtigsten: neugierig bleiben. Wenn Sie das jeden Tag Ăźben, machen Sie es irgendwann automatisch. Wir sprechen da aus Erfahrung. derStandard.at
Der Haltung gewidmet.
Elbphilharmonie und High Line
Schönheit im Bau Ein trutziger Wellenbrecher diesseits, fein geästelte Struktur jenseits des großen Teichs. Hamburgs Elbphilharmonie und die zur Flaniermeile umgewandelte High Line im Herzen New Yorks stehen beispielhaft für eine Architektur, die sich den Gegebenheiten des Ortes weder unterwirft noch sie vernachlässigt.
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ange haben sie mit sich gerungen, die Bürger Hamburgs. Was soll mit dem alten Kaispeicher geschehen, der ungenutzt zwischen Hafen und Altstadt liegt und sich gegen die Gezeiten stemmt? Die trutzige Backsteinanlage mit ihren Fenstern wie Schießscharten und seinen vorgelagerten Industriekränen entstand in den 1960er Jahren auf den Ruinen eines im Krieg zerbombten wilhelminischen Vorgängerbaus. Kakao, Tee und Tabak sollten hier gelagert werden. Tatsächlich war er schon damals ein Relikt; mit der beginnenden Containerschifffahrt verloren überdachte Lagerflächen zunehmend an Bedeutung. Jahrzehntelang stand der Kaiserspeicher leer. Das Gelände im Niemandsland zwischen dem pulsierenden Industriehafen und der zur Touristenattraktion gealterten Speicherstadt lag brach. Ein beim Bau des Kaiserspeichers gefundener Schädel, mit einem Pflock gepfählt und wohl ursprünglich einem Seeräuber gehörend, stand lange Jahre symbolisch für die Perspektivlosigkeit der Anlage. Erst im neuen Jahrtausend sollte der Kaiserspeicher wiederbelebt werden. Es war der Projektentwickler Alexander Gérard, der 2001 seine Vision von einem Opernhaus vor den Hamburger Senat trug und das Architekturbüro Herzog & de Meuron, dessen Pläne schließlich 2007 bewilligt wurden. Die Nominierung des aus der Schweiz stammenden Jacques Herzog und seines Partners Pierre de Meuron kam nicht von ungefähr; hatte das Architektenduo doch schon mit dem Umbau des Londoner Ölkraftwerks Bankside Powerstation zur Tate Gallery of Modern Art eine virtuose Fusion zwischen ehemals rein funktionalem Bauwerk und einer Neuinterpretation als ästhetisch getriebenem Gebäude geschaffen. Auch dem Kaiserspeicher wollten Herzog & de Meuron in dieser Formtreue zu einer neuen Bestimmung verhelfen. Es ging hoch hinaus, oder besser: rittlings hinauf. Das Speichergebäude blieb in seiner äußeren Hülle erhalten, ergänzt durch
einen gläsernen Aufbau – einem Imitat von Wasser und Wellen, synchron zum Opernhaus in Sydney, das mit seiner muschelförmigen Gestalt ebenfalls ein maritimes Thema anspricht und dem man ein wechselwirksames Pendant geben wollte. Die inzwischen denkmalgeschützte Backsteinfassade diente als Fundament für das eigentliche Opernhaus. Dieses Zusammenspiel aus traditionsreichem Unterbau, dem Backsteinspeicher und der Glasfassade, die sich hoch über den Hamburger Hafen streckt, ergab ein Gebäude mit enormem Identifikationscharakter für die Hansestadt, trotz einer ebenso gewaltigen Kostenentwicklung von ursprünglich geplanten 77 Millionen Euro bis zu abschließend 866 Millionen Euro.
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Von der Hochbahn zur Erholungsoase Über 2,3 Kilometer zieht sich die ehemalige Gütertrasse der High Line Railroad durch Manhattan. Wie der Rest des Hochbahnnetzes liegt die Linie oberirdisch auf einem Viadukt, das sich mit seinen stählernen Füßen gleich einem Trapez in die Stadtviertel Hell’s Kitchen und Meatpacking District stemmt. Der zunehmende Verkehr auf den Straßen New Yorks in den 1920er Jahren und die damals noch auf Bodenniveau fahrenden Güterzüge hatten auf der 10th Avenue derart viele Todesopfer zur Folge, dass die Straße von den Arbeitern in M i t Death Avenue umgetauft wurde. der Inbetriebnahme der High Line im Jahr 1932 be entlang der konnten die Fabriken und BetrieStrecke nun auf Höhe des zweiten Obergeschoßes ihre Waren direkt in die Trasse einspeisen und den überbordenden Verkehr darunter entlasten. Der Bedarf an Schienenanschlüssen ging in den 1950er Jahren jedoch zurück, da der Ausbau des Highway-Netzes den Warentransport mit Lastwagen rentabler
werden ließ und sich die Industriegebiete außerhalb Manhattans ansiedelten. 1980 schließlich stellte der letzte Zug auf der High Line seinen Betrieb ein. In den Folgejahren wurden immer mehr einzelne Streckenabschnitte abgerissen, um Platz für neue Bauflächen zu schaffen. Erst 1999 konnte eine Initiative zum Erhalt der High Line den weiteren Abbau stoppen und ihre Vision einer Neuinterpretation der Anlage hin zu einem öffentlichen Park vorschlagen. 2004 gab die Stadtverwaltung ihr Einverständnis. Die Gestaltung der Streckenabschnitte übernahm das Architektenbüro von Elizabeth Diller und Ricardo Scofidio gemeinsam mit dem niederländischen Landschaftsgärtner Piet Oudolf – drei Avantgardisten, die bereits zuvor mit Projekten abseits der Norm auf s i c h aufmerksam gemacht hatten. Oudolf, der weitestgehend auf Blüt e n verzichtet, dafür in seinen Arrangement s mit Gräsern und Stauden ein ganzjähriges Wirken anpeilt und selbst mit abgestorbenen Pflanzen experimentiert, da für ihn auch diese zu einem Gartenerlebnis gehören, wählte annähernd ausschließlich Pflanzen, die sich in den Jahren seit dem Betriebsstopp auf und entlang der High Line angesiedelt hatten. Die Architekten Scofidio und Diller, in deren Wirken Medien wie Fotografie oder Video einen großen Stellenwert einnehmen – ihre Bauwerke tragen stets auch einen künstlerischen Anspruch mit sich –, gestalteten die High Line mit unterschiedlichen Ruhestellen als Freilichtmuseum, in dem sich die Murals, Graffiti und Installationen entlang der Strecke einfangen lassen. Als solches Wechselspiel aus botanischem Schaustück und Flaniermeile gaben Oudolf, Scofidio und Diller mit der neuen High Line eine klare Empfehlung an die Besucher, sich dem Getümmel der Straßen zu entziehen und entschleunigt den Spaziergang zwischen New Yorks Hochhausfassaden zu wagen.
Die Hamburger Elbphilharmonie: Dem alten Kaispeicher wurde ein gläserner Aufbau aufgesetzt, der Wasser und Wellen symbolisiert.
Die High Line im Herzen von Manhattan war einst eine Trasse für Schienengüterverkehr. Heute ist sie eine begrünte Flaniermeile.
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Esther Stocker
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Interview Bjarke Ingels
Bjarke Ingels Seit 2006 führt der 1974 geborene Däne das Architekturbüro Bjarke Ingels Group in Kopenhagen. Zu seinen bekanntesten Projekten zählen die Müllverbrennungsanlage in Kopenhagen, das Nationale Schifffahrtsmuseum in Dänemark, der Kaufhauskanal in Hamburg und das National Building Museum in Washington, D. C.
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„Was als Freiheit begonnen hat, ist zur Leere geworden“ Der dänische Star-Architekt Bjarke Ingels über die Revolution des Modernismus und die Gründe dafür, dass er genauso in Dogmen erstarrt ist wie jede Revolution.
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Wie ist es dazu gekommen, dass im 20. Jahrhundert die Idee der Schönheit aus den gestaltenden Berufen verschwunden ist? War das wirklich Loos’ Schuld? Eigentlich nicht; er hat eine Schrift namens „Ornament und Verbrechen“ verfasst, nicht „Schönheit und Verbrechen“. Bei näherer Betrachtung sind seine Werke nach mehreren Standards unglaublich schön. Er wählte Materialien mit verschiedenen Eigenschaften, wie durchscheinenden Alabaster oder ein Muster aus Marmor oder Zink und Spiegeln. Ornament und Dekoration hatten sich von der Architektur gewissermaßen
„Diese rechteckigen Kisten eignen sich immer schlechter für den Zweck, zu dem sie gebaut wurden: bewohnt zu werden.“ getrennt. Ich meine, das geflügelte Wort „die Form folgt der Funktion“ und der Skeptizismus gegenüber dem Ornament waren ein Versuch, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wo es tatsächlich zusätzlichen Wert schafft, statt immer nur diese endlosen Stilübungen über ein altes Format durchzuspielen. Statt immer nur Variationen derselben Antwort zu produzieren, sagte Loos: Versuchen wir, nach ein paar neuen Antworten zu suchen. Aber dann, meine ich, änderte sich einiges. Der Modernismus war, als er aufkam, unglaublich belebend. Er fand neue Formen, verwendete neue Materialien auf neue Arten, um neue Möglichkeiten zu schaffen. Aber andererseits beginnen Bewegungen natürlich oft mit einer Suche nach neuen Freiheiten und dem Erkunden dieser Freiheiten. Und sehr oft versteinern dann die ersten Antworten, die diese neue Freiheit ausdrücken – sie versteinern zu einem Dogma. Und dann wird dieses Dogma immer starrer.
Also ähnlich wie die französische Revolution, die mit Robespierre endet – Befreiung endet in Terror. Genau. Die persische Revolution führte dazu, dass der Shah durch den Ayatollah ersetzt wurde. Viele Revolutionen produzieren am Ende ein Regime, das noch versteinerter und starrer ist als das, das es ersetzt hat. Man kann sagen, dass das in mehrerer Hinsicht für den Modernismus gilt. Manche der neuen Dinge kamen aus dem Ingenieurswesen und dem Gebäudebetrieb. Eines davon ist das elektrische Licht, mit dem man Gebäude mit immer größeren Grundflächen beleuchten konnte. Damit wurde man unabhängig von der Nähe zur Fassade. Ein anderes ist die mechanische Ventilation, sodass es nicht mehr notwendig war, ein Fenster zu öffnen – man konnte einfach frische Luft hereinpumpen. Dazu kommen Zentralheizung und Klimatisierung, sodass man die Temperatur unabhängig von Mauerdicken oder exponierten Flächen erhöhen und senken konnte. Alle diese Dinge galten als Freiheiten, aber sie führten zu immer größeren Grundflächen. Und im Endeffekt trug die Architektur nichts mehr zu ihren bisherigen Funktionen bei, wie etwa der Versorgung mit Licht und frischer Luft, sondern wurde zur langweiligen Kiste. Ein Behälter für Raum, mit einem Keller voller spritfressender Maschinen. Würden Sie sagen, dass Architektur außer Kontrolle gerät, sobald sie die Notwendigkeit verliert, den Bedürfnissen der Leute zu entsprechen? Ich glaube, das ist einer der wichtigsten Faktoren. „Formgebung“ liefert die Qualität nicht mehr. Diese rechteckigen Kisten eignen sich immer schlechter für den Zweck, zu dem sie gebaut worden sind: bewohnt zu werden. Aber das ist kein Problem, denn wir haben eine Maschine für frische Luft, eine andere für Licht und wieder eine andere für eine angenehme Temperatur. Was als Freiheit begonnen hat, ist zur Leere geworden. Und dann hat der Modernismus das andere Ideal geschaffen, das Ideal jeder Revolution: die universel-
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Interview Bjarke Ingels
sollte, führte unter Mao dazu, dass in China 30 bis 60 Millionen Leute verhungerten. Davon hörte im Westen niemand etwas, oder? Dann gab es noch diese Idee vom Funktionalismus, der am Anfang die Analyse dessen war, wie man in einem Haus lebt oder wie man in einem Gebäude arbeitet … … was ja nicht schlecht ist. Was großartig ist. Aber dann drehte er sich immer mehr darum, wie man das Gebäude baut. Dazu kommt, dass er sich im Nachkriegs-Wiederaufbau entwickelte. Man musste sehr große Flächen sehr schnell bebauen, also hatte man natürlich die „Wohnung für Existenzminimum“, man musste nur sechzigtausend davon machen. Krangleismodernismus – denn statt darüber nachzudenken, wie man darin wohnen würde, dachte man nur noch darüber nach, wie man es bauen würde. Krangleise sind gerne gerade, also sind die Straßen gerne gerade.
le Anwendbarkeit dieses Dogmas. Deszum internationalen Stil. wegen wurde er Es gab die Idee, dass der internationale Antwort war: die Antwort Stil so eine neue auf alles. Plötzlich sah ein Gebäude in Österreich genau wie ein Gebäude in Kopenhagen, in Marokko oder in Miami aus. Denn um glaubwürdig zu sein, musste der Stil universell sein. Er war doch auch eine Ideologie der Opt imierung, oder? Im Modernismus sah man ein Ideal universeller Wahrheit, dass man einen perfekten Plan machen konnte, wo alles genau am besten Ort ist. Er ist die Idee, dass er nicht eine von vielen Lösungen ist, nein, die beste Lösung soll er sein, und wenn man hunderttausend oder eine Million produziert, warum nicht einfach die beste Lösung nehmen? Gewissermaßen besteht der Modernismus also auch darin zu vergessen, dass sich die Menschen unglaublich unterscheiden. Vielleicht gibt es eine ganze Menge richtiger Antworten, aber im Modernismus hieß es: „Das ist die beste Antwort.“ Wenn man die beste Antwort hat, dann sollten alle die beste Antwort bekommen. Dem liegt dieselbe Logik zugrunde wie dem Marxismus und dem Kommunismus. Religion und ererbte Kultur sind grundlegend fehlerhaft und repräsentieren eine ungerechte Machtstruktur, also ist hier diese neue Antwort auf alles. Das ganze Konzept des Marktes, wo alle mit ihrer eigenen Geisteskraft beitragen, war suspekt und wurde kriminalisiert. Die Planwirtschaft, also ein Zentralorgan, das die beste und gerechte Lösung für alle bringen
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Und darüber, wie schnell und wie billig man es bauen konnte. Genau. Der Aufzug konnte bis zu einer bestimmten Höhe fahren. Ab einem gewissen Punkt hätte man eine zusätzliche Stiege einbauen müssen, also hatten dann alle Häuse zwölf oder 16 Stockwerke oder was auch immer. Und Morgensonne ist gut und Abendsonne ist gut, also bekommt man ost-west-ausgerichtete Gebäude, und das nächste Gebäude ist gestaffelt, damit es keine Schatten hineinwirft. Das sind alles vernünftige Überlegungen. Aber das ist nicht alles, was schön wäre. Es ist auch schön, eine gut funktionierende Küche zu haben, aber auch das ist nicht alles. Schließlich besteht
„Dem Modernismus liegt dieselbe Logik zugrunde wie dem Kommunismus: zu vergessen, dass sich die Menschen unglaublich unterscheiden.“ nicht jede Familie aus Mann, Frau und zwei Kindern. Also war das wieder so eine Antwort auf eine Frage, die viel komplizierter ist. Schönheit hat etwas mit zumindest der Möglichkeit von Individualität zu tun, nicht wahr? Schauen Sie sich an, wie sich Schönheit in der Natur ausdrückt. Jede Lebensform wächst in ihre eigene ökologische Nische. Deswegen bin ich zum Beispiel so gerne in Island. Island ist in dem Sinn sehr interessant, dass sich die Landschaft, wenn man durchgeht, alle zehn Minuten ganz drastisch ändert. Aber jede Landschaft, egal, wie anders sie ist, besteht aus denselben drei Elementen. Erstens eine Menge Lava – entweder in Form von Vulkanasche oder als erstarrte Lava, und wenn sie erstarrt, wenn sie schnell abkühlt, wird sie zu so einer sehr zerklüfteten Formation. Wenn sie sehr
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langsam auskühlt, wird sie zu einer Art Basaltformation. Zweitens gibt es Wasser in irgendeiner Form. Entweder Dampf, der aus dem Boden kommt, Nebel, Regen, Flüsse oder Eis – Schnee, Gletscher, was auch immer. Und drittens gibt es Grün. Nur aus diesen drei Variablen, aber immer radikal anders ausgedrückt, bekommt man diese unglaublichen Formationen. Also gibt es sogar in sehr ähnlichen Bedingungen viele verschiedene Antworten, oder? Also würden wir im Wesentlichen über Diversität auf Grundlage universeller Prinzipien reden. Das könnte eine Art Definition der Möglichkeiten von Schönheit werden. Genau. Ein Grafikdesigner zum Beispiel macht schöne Typographie. Da gibt es die Helvetica, eine sehr leserliche, sehr elegante Schriftart. Und hinter den Zeichenabständen steckt sehr viel Wissenschaft, also könnte man sagen, es ist eine perfekte Schriftart. Aber innerhalb dessen gibt es so viele Ausdrucksmöglichkeiten. Nicht nur mit der Wortwahl. Es ist nicht nur der Text, sondern auch die Art, wie man den Text präsentiert, wie man verschiedene Dinge hervorhebt. Es gibt also sehr viele andere Variablen als nur die Weitergabe von Information als Text. Ich stelle mir Architektur, jedes Projekt, gerne als Einladung vor, ein Experiment durchzuführen. Man kann also über die Möglichkeit nachdenken, wenn man ein Projekt beginnt. Das dänische Wort für Design, ähnlich wie im Deutschen, ist wörtlich „Formgebung“. Man gibt also der Zukunft Form. Genau gesagt hat man als Formgeber die Macht, der Welt die Form zu geben, in der man in Zukunft leben möchte. Das ist eine unglaubliche Macht. Und dann kann man sich fragen: So viel ist schon getan worden, warum nicht mehr davon tun? Und die Antwort ist, dass sich die Welt immer so verändert, dass die einzige Konstante der Wandel ist. Also hat man jedes Mal, wenn man die Chance bekommt, ein Projekt durchzuführen, die Möglichkeit nachzudenken, sich anzuschauen und anzuhören, wie sich die Welt seit dem letzten Mal, dass jemand eine Schule oder ein Haus gebaut hat, verändert hat. Vielleicht sogar, darüber nachzudenken, wie sie sich verändern wird – was zu erwarten ist? Genau. Man beginnt herauszufinden, „wie sie sich verändert hat und wie sie sich verändern könnte“. Aber sogar ein Großteil des Wandels, der schon geschehen ist, ist noch nicht identifiziert worden, und daher ist ihm noch keine Form gegeben worden. Sagen wir, die ungebauten, die nicht physischen Aspekte des Lebens, die politischen, ideologischen, sozialen Umweltstrukturen sind noch nicht identifiziert und in die physische Welt eingebaut worden. Und weil sich das Leben verändert, findet man oft, dass der Rahmen, den wir vor zehn oder hundert Jahren geschaffen haben, plötzlich nicht mehr passt. Es gibt Risse, und diese Risse werden zu unglaublichen Gelegenheiten, neue Arten zu erkunden, unsere Welt einzubeziehen und ihr Form zu geben. Bei dieser Erkundung der Möglichkeiten kann man unglaubliche Dinge entdecken.
Das Vancouver House
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Interview Bjarke Ingels
Auf dem Dach des „saubersten Müllkraftwerks der Welt“ befindet sich eine Skipiste, auf der Seite eine Kletterwand.
Aber dabei kann auch etwas schiefgehen. Was mit dem Modernismus degeneriert ist, ist, glaube ich, dass er ursprünglich darin bestand, die Vernunft zu verwenden, um der Vorstellungskraft Flügel zu verleihen. Statt dieselben Typen von Gebäuden mit anderen Ornamenten zu wiederholen, sagten sie, vergiss die Ornamente, darauf kommt es nicht an. Der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe ist natürlich sehr streng und der Beginn einer Art von Modernismus. Aber er ist unglaublich dynamisch. Die Leerräume und Materialien sind sehr vielfältig, eine Onyxwand, Marmor, Chrom, durchscheinendes Glas. Er ist sehr reichhaltig. Aber natürlich wurde dieses Denken mehr und mehr zu einer Einheitsantwort. Im Endeffekt baute Mies interessanterweise den gleichen Wolkenkratzer mit dem gleichen I-Träger immer und immer wieder – obwohl er am Anfang so belebend war. Der Barcelona-Pavillon ist irre schön. Aber irgendwie wurde die Schönheit durch diese Wiederholung derselben Antwort auf verschiedene Fragen eliminiert. Man könnte sagen: Wenn die notwendigen Dinge erledigt oder die Funktionen erfüllt sind, dann kann man über Schönheit nachdenken? Es gibt auch die Behauptung „äußere Schönheit ist oberflächlich – wahre Schönheit kommt von innen“, und das ist wahr und falsch zugleich. Aber auf jeden Fall ist klar: Wenn die Schönheit nur eine Schicht Kosmetik ist, ist das vielleicht weniger schön. Ich glaube,
dort begann Loos: Er sah Ornamente als gedankenlose Anwendung von Schminke, und er wollte eine rohere, wesentlichere Schönheit finden. Von diesem Blickpunkt aus können wir unser Kraftwerk – es das sauberste Müllkraftwerk der Welt – betrachten. Weil die Maschinerie darin gewissermaßen einen Stapel bildet, der auf einer Seite höher und höher geworden ist, haben wir gemeint, wir könnten das Dach in eine Skipiste verwandeln. Also ist dort jetzt tatsächlich eine Skipiste. Und man sieht, dass diese Art Welle auf der Fassade eine Kletterwand ist, also innerhalb dieser Logik; und außerdem ist es keine hermetische Kiste, sondern halb durchsichtig, sodass viel Tageslicht von allen Seiten in den Maschinenraum strömt und man in der Nacht von draußen die Lichter innen sieht. Wir konnten die Maschinen nicht designen, die wurden von den Ingenieuren entworfen. Wir konnten uns aber die Farbe aussuchen, solange es nichts kostete. Also ließen wir alles, was rostfreier oder galvanisierter Stahl oder Aluminium ist, einfach silber, und alles, was angestrichen werden musste, ist silber oder im ähnlichsten Farbton gestrichen, den wir finden konnten. Dadurch wird das Innere zu einer Art Kathedrale, die die Wunder der modernen Ingenieurskunst feiert, während in einer normalen Fabrik die Ästhetik nicht in Betracht gezogen werden würde. Die Schönheit, an der ich interessiert bin, ist nicht die Anwendung von Kosmetik. Sie ist dort, wo man grundlegende Fragen stellt und sein Denken umorganisiert und die Räume, die Volumina umorga-
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nisiert, um eine Art von Schönheit zu entdecken, die mehr Charakter und mehr Persönlichkeit hat. Es geht wieder um Individualität. Ja, genau, denn das ist das Problem mit allen Idealen von Schönheit oder Politik. Idealismus ist problematisch, weil er versucht, eine Antwort auf etwas zu finden, von dem man überall im Leben sehen kann, dass es so viele Antworten gibt. Wenn man Nietzsche fragen würde, was schön ist, würde er keine Definition von Schönheit geben, sondern er würde sagen, dass es eine gute Antwort auf diese Frage ist, auf etwas Schönes zu zeigen. Das könnte also die nächste Antwort auf die Frage sein, worum es bei Schönheit geht: den Kernzweck auf elegante Weise zu erfüllen – wohingegen Ornament mit dem Kernzweck nichts zu tun hat. Ornament und Dekoration können eine wunderbare Erkundung von Möglichkeiten sein, aber auch eine gedankenlose Anwendung fertiger Muster. Im Endeffekt glaube ich, dass Ornament und Dekoration dort problematisch sein können, wo sie einfach nur so ein gedankenloser Anstrich sind, oder wenn jemand, der gerade eine dicke Schicht Schminke aufgetragen hat, sein freudloses Gesicht darunter fast versteckt. Ich bin kein Architekt, aber ich stelle mir vor, dass Sie sich als Architekt und als Designer von Umgebungen, in denen Menschen leben, zwei Fragen stellen: „Will ich, dass es funktioniert?“ und „Will ich, das es schön wird?“. Wollen Sie, dass es schön wird? Ja, ich würde sagen, im Endeffekt suche ich nach Schönheit. „Dass es funktioniert“, was heißt das? Natürlich will man keine Verkehrsunfälle, und es soll nicht hineinregnen, viele technische Dinge müssen da funktionieren, aber vielleicht muss man sich grundlegender fragen: Was für ein Leben will man, dass die Leute, die dort wohnen, leben? Welche Möglichkeiten, die sie sich vielleicht nie vorgestellt haben, will man ihnen eröffnen? Es kommt also ein gewisses Bedürfnis dazu, etwas anderes, wie Schönheit, die zur Freude wird. Was für Verbindungen will man herstellen? Was für Treffpunkte? Denn wir wissen alle, dass es im Leben mehr gibt, als von A nach B zu gelangen und seinen Lohn zu kassieren und sein Mittagessen zu essen. Es gibt all diese anderen Dinge, und irgendwie will man diese Möglichkeiten maximieren, damit sich das Leben entfalten kann. In diesem Sinn also: auf dem Dach eines Kraftwerks wandern, klettern, radfahren, weil man es kann, denn das ist eine Art Ausdruck für das Leben. Unsere Art, nach Schönheit zu suchen, ist, würde ich sagen, mehr vom Gebäude zu verlangen, als nur, dass es funktioniert. Mehr anzubieten, Erwartungen darüber zu übertreffen, was dieses Gebäude liefern soll: Ja, es soll saubere Energie produzieren, aber es soll auch ein guter Nachbar sein. Also eine Silhouette unter dem Horizont, wo es schön ist, den Sonnenaufgang anzuschauen. Für schwierigere Probleme funktioniert die Standardlösung nicht mehr. Die universelle Antwort passt nicht, weil das Gebäude mehr tun muss. Als wir
entschieden hatten, dass da ein Wanderpfad und eine Skipiste sein sollten, mussten wir uns um die Hänge kümmern, das Dach konnte keine Stufen haben, es musste durchgehend geneigt sein. Und die Form folgte wiederum. Genau. Dadurch, dass wir versucht haben, dieses schwierigere Problem einfach, elegant und eklatant zu lösen, wurde die Antwort immer interessanter. Sie war einmal nicht sehr schön – wie ein neugeborenes Baby, das nicht so schön ist, und ein Teenager, wenn
„Unsere Art, nach Schönheit zu suchen, ist, mehr vom Gebäude zu verlangen, als nur, dass es funktioniert.“ die Hormone so richtig durchschlagen. Wenn etwas beginnt zu wachsen, ist es nicht unbedingt schön. Wandel ist nicht unbedingt schön … … aber notwendig. Aber notwendig, und dann, wenn man einmal die Bedingung geschaffen hat, in der die Standardlösung nicht mehr funktioniert, muss man eine andere Antwort finden. Diese Antwort ist am Anfang nicht so schön anzuschauen, aber man sieht das Potenzial und die Persönlichkeit. Deswegen meine ich, dass die unerwartet schönsten Kunst- oder Bauwerke oder Designs oder Menschen vielleicht die sind, die ihren eigenen Weg gefunden haben und zum unverblümtesten und schönsten Ausdruck der Wahrheit werden, die sie darstellen.
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Interview Bjarke Ingels
Das Wichtigste in der Architektur müsste der soziale Wohnbau sein, denn so viele Leute sollten die Möglichkeit bekommen, ein glückliches Leben zu führen, und dazu würde Schönheit gehören. Das hat selten gut funktioniert, Le Corbusier und der soziale Wohnbau, das war ein Desaster. Das stimmt, aber gleichzeitig glaube ich, dass es auf die Sorgfalt ankommt. Sein erstes Projekt in Marseille hat natürlich diesen brutalen Aspekt, aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass es in Wirklichkeit erfolgreich ist. Es ist in Marseille, die abgerundeten Betonpfeiler, ein großer Park darunter. Grün. Erfolgreich. Die Kinder spielen dort im Schatten. Es ist sehr hoch erhoben, befreit den Boden also richtig. Es hat eine funktionierende Straße, wo ein kleines Hotel ist, wo man bleiben kann, und wenn man auf die Dachterrasse geht, ist dort ein Paddelteich, wo die Kinder spielen können; die Brüstung ist ziemlich hoch, man sieht die umgebende Stadt nicht, man sieht nur die Berge am Horizont. Im Foyer besteht der Beton aus diesem schönen Mittelmeersand, der so einen warmen Farbton hat. Im Beton hat er Muscheln versenkt, also hat man praktisch Fossilien im Beton. Es ist also voller Experiment und Freude – aber dann geht man zu dem in Berlin oder Paris, und die sind Mist, denn sie sind nicht mit der gleichen Sorgfalt und Verspieltheit gemacht worden. Sorgfalt als Form von gutem Handwerk? Man kann nach Bali fliegen und sich diese ornamentalen Holzschnitzereien anschauen, und natürlich liegt darin eine gewisse Schönheit, aber dann geht man ins Geschäft und sieht hundertmal die gleiche Giraffe, und dann wird sie vielleicht weniger interessant. In unserem oberen Badezimmer wollte meine Frau unbedingt eine japanische Badewanne. Ich erkundigte mich, niemand wusste, wie man eine hölzerne Badewanne macht. Wir fanden also schließlich in Japan einen Zimmermann, der mit Hinoki-Holz arbeitete. Das ist dieses heilige japanische Holz, das stark duftet, und es ist antibakteriell, deshalb kann es für Badewannen verwendet werden. Es ist auf jeden Fall nicht ornamental, aber es ist unglaublich schön, weil alles mit solch außergewöhnlicher Sorgfalt gemacht wird. Japan ist ein interessanter Ort, weil es dort einen unglaublichen Sinn für Schönheit gibt.
designt, dass die Geschäfte, die Büros und die Kindergärten größere Grundflächen haben als die Wohnungen. Also konnten wir eine Art Bergpfad kreieren, was bedeutet, dass man den ganzen Weg bis zum Penthouse und zurück zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren kann. Der außergewöhnliche Aufwand, diese Art von Weg zu gestalten, ist nicht unbedingt notwendig, aber wunderbar. Es bedeutet, dass man dort Mütter und Väter mit Kinderwägen sieht. Im 8. und 9. Stock kann man Kinder sehen, die hinunterlaufen und miteinander spielen. Leute kommen mit ihren Fahrrädern heim, sie sagen Hallo zu ihren Nachbarn, obwohl sie in einem zehnstöckigen Gebäude wohnen, sie gehen diese Häuser entlang hinauf. Dadurch, dass wir viel reichhaltigere soziale Interaktionen orchestriert haben, mussten wir die Volumina ganz eigenartig konzipieren, was eine erstaunliche Schönheit mit sich bringt, aber es ist die Art von Schönheit, die voller Charakter ist. Nicht diese Art von universeller Antwort auf dieselbe Frage. Die Schönheit ist in den Knochen. Also zurück zu Adolf Loos. In diesem Sinn, glaube ich, waren ein großer Teil der Revolution und der Fragen, die Adolf Loos aufwarf, kein Kampf gegen die Schönheit. Sie waren ein Kampf gegen gedankenlose Anwendung von Kosmetik auf eine traurige, langweilige, einheitliche Antwort. Aber ich glaube, dass der Funktionalismus, der internationale Stil des Modernismus, der als belebende Bewegung begonnen hatte und neue Wege fand, Architektur zu verwenden, um das Leben einzubeziehen, als Nebeneffekt schlussendlich zur Universalanwendung derselben traurigen Antwort wurde. Nur ohne Ornamente. Genau, nur jetzt ohne Ornamente.
Man könnte Sorgfalt als das Hören auf die Bedürfnisse der Menschen verstehen. Ich glaube, das ist es, wo die Schönheit wirklich zum Tragen kommt. Sie ist keine gedankenlose Anwendung von Dekor, Ornament oder derselben Antwort, wie sich Schminke aufs Gesicht zu schmieren. Es geht bei der Schönheit darum, etwas mit unglaublicher Sorgfalt zu tun. Es geht darum, Wohnungen zu designen, in denen Menschen wohnen werden; zu versuchen, ihre Bedürfnisse mit großer Sorgfalt und viel Vorstellungskraft einzubeziehen. Nicht nur die Notwendigkeiten ihres Lebens, sondern die Möglichkeiten ihres Lebens. Wir haben hier in Kopenhagen vor einem Jahr ein soziales Wohnbauprojekt durchgeführt. Es ist so
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Ornament ist vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit … Heute bedeutet es auch vergeudetes Material, und beides bedeutet vergeudetes Kapital … Der moderne Mensch, der Mensch mit den modernen Nerven, braucht das Ornament nicht, er verabscheut es. Adolf Loos, „Ornament und Verbrechen“, 1910 35
Kolumne Steven Heller
Schönheit zu verkaufen Was hat die Kosmektikindustrie mit Schönheit zu tun? Der Artdirector und Autor Steven Heller über künstlich hergestellte Schönheit.
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chönheit wird gut durch Göttinnen wie Lakshmi und Aphrodite dargestellt; durch Gemälde wie die Mona Lisa; durch Skulpturen wie die Venus von Milo; durch Gedichte und Oden von Keats und Emerson; und durch Lieder – mein Lieblingslied ist „Venus in Blue Jeans“, gesungen von Bobby Vee – so viele Lieder, dass es unmöglich ist, sie aufzuzählen. Schönheit ist ein breites Thema und ein gewaltiger Markt. Letztendlich ist Schönheit nicht nur ein idealisiertes Thema für Künstler, Musiker und Schriftsteller; sie ist ein fixes Konzept im Marketing, das auf ganz verschiedenen körperlichen Kriterien beruht, die beworben werden, um damit „kosmetische Hilfsmittel“ zu verkaufen – eine Industrie, erbaut auf kollektivem Narzissmus, befeuert durch die Medien, definiert durch die Akzeptanz gewisser unterschiedlicher Merkmale. Es gibt keinen allgemeinen Standard für Schönheit, und es hat nie einen gegeben. Jede Kultur hat ihren eigenen Geschmack, ihre eigene voreingenommene Sicht auf Schönheit, die sich mit zunehmendem Alter und durch die Zeitalter ändern. An einem Tag wird ein Muttermal im Gesicht ein „Schönheitsfleck“ genannt, am nächsten gilt es als unansehnlich. Was ist Schönheit also?
sogar eine öffentliche Schule für Schönheitspflege). Schönheit erlaubte eine begrenzte Auswahl an individuellen Optionen; sie war nicht natürlich, sondern künstlich zusammengebastelt, um dem Willen der Trendsetter und Designer zu entsprechen, die weithin akzeptierte modische Stile erschufen. Diese zynische (und zugegebenermaßen verzerrte) persönliche Sicht entstand, als ich als Kind bei mehr als einer Gelegenheit (fragen Sie nicht, wieso) mit meiner Mutter zu ihrem Schönheitssalon mit Mittelklasse-Preisen in Manhattan mitkam:
Als Kind glaubte ich, dass Schönheit in Schönheitssalons hergestellt würde.
Schule für Schönheit Als ich in den späten fünfziger Jahren ein leicht zu beeinflussender Achtjähriger war, glaubte ich, dass Schönheit in Schönheitssalons hergestellt würde. Frauen aller Formen und Größen, mehr wie auch weniger beeindruckende, saßen aufgereiht unter Haartrocknungs-Apparaten, die mehr wie Weltraumhelme aussahen (als ob sie in Raumschiffen oder aber in Fabriken säßen) und lasen Stunde um Stunde Schönheitsmagazine, während sie darauf warteten, dass ihre aufgebauschten, hochgesteckten oder zu Bienenstockfrisuren getürmten Haare trockneten und zur Perfektion gebacken wurden. Diese Frauen wurden von Kosmetikern umsorgt, die versprachen, sie schön zu machen, schön nach den konformistischen Standards, die sie in der Schönheitspflegeschule gelernt hatten (man stelle sich eine Schule für Schönheit vor; in Manhattan gab es
waschen, schneiden, färben und verschiedene kosmetische Feineinstellungen. Also eigentlich war ich fasziniert. Es war ein prägendes Erlebnis dafür, wie ich das Konzept von Schönheit als additives (und dezidiert süchtigmachendes) Designsystem wahrnahm. Mit „additiv“ meine ich, dass die Frauen dort alle eine Last aus mehreren Schichten von Grundierung, Schminke und Haarschmiere trugen. Es war allerdings eine Offenbarung zu sehen, wie sich meine Mutter von einer natürlich „hübschen“ Frau in einen Zustand transzendenter Schönheit verwandelte (was auch immer das damals hieß). Schön zu werden, war gewissermaßen ein wöchentliches Ritual. Nach einer Woche harter Arbeit war das ihre Belohnung. Also wickelte meine Mutter (damals ungefähr 38) ihren Kopf lose in einen gemusterten Seidenschal, um das zu verstecken, was sie für ungepflegtes Haar, blassen Teint und jämmerliche Gesichtszüge hielt, die sie angeblich aussehen ließen, als ob sie seit vor dem Morgengrauen Kühe gemolken hätte, und wurde jeden Samstagmorgen zur üblichen Zeit von Serge (mit bürgerlichem Namen Marty), ihrem üblichen Kosmetiker, herzlich
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Über den Autor Steven Heller, 1950 in New York City geboren, war 30 Jahre bei der New York Times als Artdirector tätig, bevor er das Designkritikprogramm D-Crit mitbegründete. Heute lehrt er an der School of Visual Arts in New York. Heller ist Autor von mehr als 130 Büchern über Design, Populärkultur, Illustration und Typographie.
begrüßt. Wie Dantes Vergil führte er sie durch die sechs Kreise der Schönheitssalonhölle – Waschbecken, Stühle, Trockner, Wasserfolter, durch ihr Haar geflochtene Metallstreifen und so weiter. Drei Stunden später entstieg sie alldem auf wundersame Weise, mit Lippen in einem üppigen, feuchten Rot, perfekt modelliertem, welligem Haar, oft mit höherer Leuchtkraft, als ihre gottgegebenen Follikel hergaben, ihr Gesicht gepudert, errötet und von einer deutlichen Aura umstrahlt; sie war ein erstaunliches Exemplar – ein erneuertes Leben. Das war Schönheit, auch wenn sie nur ein paar Tage lang hielt. Magische Schönheit Kein Wunder, dass meinen jungen, kurzsichtigen Augen Schönheit künstlich, aber nichtsdestoweniger magisch erschien. Schönheit kam von der Venus, nicht vom Mars, in der Gestalt von Bildbänden, die mit Fotos idealer Erscheinungen aus verschiedenen Blickwinkeln gefüllt waren, von Herstellern für Schönheitspflegeprodukte produziert und von Kosmetikern verwendet wurden, um ihre Kundinnen zu überzeugen, diese Looks gegen Gebühr auszuprobieren, um die Welt in Erstaunen zu versetzen – und schön zu sein. In den Fünfzigern und zweifelsohne darüber hinaus wurde allgemein angenommen, dass Schönheit Frauen Welten eröffnen würde. Aber nicht jede schaffte das auch. In Wirklichkeit gab es zwei Arten von Schönheit: die künstlich hergestellte und die angeborene Schönheit. Manchmal überlappten sie sich. Die erstere verlangte beträchtlich viel Zeit, Geld und Aufwand, um das optimale Ergebnis zu erreichen. Künstlich hergestellte Schönheit war ständig im Fluss – das, was die Automobilindustrie erzwungene Obsoleszenz nannte. Wenn man sich Schönheit als ein Auto vorstellt, wird sie einen in den Wahnsinn führen. Aber wie beim Autodesign wurden alle paar Jahre Stilmerkmale geändert, manchmal radikal verändert, um mehr Konsum anzuregen. Damit musste sich die Schönheit als Handelsware ebenfalls verändern – Haarschnitte in verschiedenen Längen, Lippenstifte und Rouges in verschiedenen Farben. Ein Grund war logischerweise, mehr Produkte an jüngere Generationen zu verkaufen, die als Kinder
anfingen, sich Gedanken über Schönheit zu machen. Der andere Grund war, Schönheit an sich zu verkaufen. Als Marketing-Werkzeug musste Schönheit mit der Zeit gehen. Sie musste sich fließend verändern. Klassische Schönheit ist schön und gut, aber moderne Schönheit ist besser. Als ich in den sechziger Jahren ein Teenager wurde, wurde angeborene Schönheit bei der Jugend populär, während künstlich hergestellte Schönheit altmodisch war. Schönheit ist nicht nur der Akt, transzendent auszusehen, sie ist ein Generationen-Code. Marilyn Monroes Schönheit ist nicht die heutige Schönheit. Oder doch? Konformität von Nonkonformisten Heute ist Schönheit retro, contempo, futuristisch, klassisch … was auch immer. Schönheit mag im Auge des Betrachters liegen, aber der Kosmetikindustrie ist Akzeptanz durch die Massen wichtiger als Individualität. Schönheit ist ein Geschäft – ein Design-Business –, das Konformität verlangt, besonders von Nonkonformisten. Was Schönheit ausmacht, ist also nicht für jeden dasselbe; nichtsdestotrotz stürzen sich verschiedene Gruppen paradoxerweise auf dieselben Produkte in ihrem Marktsegment, das auf Alter, Hautfarbe oder Kultur basiert. Oft funktioniert das, was für eine Gruppe schön ist, bei einer anderen gar nicht. Es kommt selten vor, dass sich alle jederzeit über einen Schönheitsstandard oder ein Kosmetikprodukt einig sind. Das sollten sie auch nicht. Wir leben in einer Zeit der Vielfalt, sagt man uns. Als Konformität noch eher die Norm war, war Schönheit klarer definiert, vorhersagbarer. Als ich älter wurde, blich das Schönheitsideal aus oder erweiterte sich, um Anomalien einzuschließen – Merkmale, die nicht als schön angesehen worden waren, wurden schön, und zwar durch einen eigenartigen Gewöhnungsprozess weg von der Norm. Nichts ist besser für radikalen Wandel als strikte Konformität, gegen die man rebellieren kann. Dann wird der Wandel Routine, was weiteren radikalen Wandel fördert. Schönheit verursacht und verhindert Wandel. Eins ist sicher: Schönheit, wie auch immer definiert, verkauft sich immer noch.
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Schรถnheitsoperationen
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Alles für die Schönheit Der prominente Selfmade-Millionär Jens Hilbert unterzog sich zahlreichen kosmetischen Eingriffen. Heute fühlt er sich schön – allerdings primär aus einem anderen Grund.
T E XT: J E N S H I L B E RT M I T A L I NA NA H L E R FOTO S : T H O R S T E N JA N S E N
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ens Hilbert ist aus Fernseh-Formaten wie „Promi Big Brother“ oder „Dancing on Ice“ bekannt. Der Selfmade-Millionär, der sich mit dauerhaf ter Haarentfernung ein Imperium aufbaute, gilt als bunter Vogel auf roten Teppichen. Hinter dieser offensiven und auffälligen Fassade steckten lange Zeit Unsicherheit und Selbstzweifel. Schönihm, sich schöner heitseingrif fe halfen zu fühlen und seinen Charakter weiterzuentwickeln. Heute greift er immer noch auf Botox und Hyaluron zurück. Der Grund dafür ist allerdings ein anderer als früher: die Bequemlichkeit. Wahre Schönheit Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich mich selbst als sehr hässlich empfunden habe. Ich dachte, ich bin der schwule, hässliche Außenseiter mit der mädchenhaften Attitüde. Ich habe damals viel darüber nachgedacht, mich selbst zu optimieren, auf meine Kleidung zu achten und auch Schönheitseingriffe vorzunehmen. Bis ich 27 Jahre alt wurde, hatte ich viele
Es ist leichter, sich für eine OP zu entscheiden, als an seiner Psyche zu arbeiten. Selbstzweifel. Ich habe angefangen, wie ein Kranker Botox und Hyaluron zu spritzen. Heute bedeutet wahre Schönheit für mich, ein 360-Grad-Mensch zu sein, der bei sich selbst angekommen ist. Ich habe einen langen psychischen Prozess durchlebt, bis ich zu meiner wahren Schönheit gefunden habe. Natürlich finde ich Falten, Altwerden, und wenn einem der Buckel wehtut
immer noch nicht geil. Wahre Schönheit bedeutet für mich aber nicht mehr, wie ein Supermodel auszusehen, sondern die Mitte im Leben gefunden zu haben und sein Leben überwiegend glücklich und zufrieden zu führen. Persönlichkeitsentwicklung Als ich noch stark mit mir selbst im Unreinen war, habe ich begonnen, Schönheitseingriffe vornehmen zu lassen. Bis zu meinem 28. Lebensjahr habe ich eine lebt. Ich war beim Fußballtraining, Lüge geo bwo h l ich lieber mit Puppen gespielt hätte. Ich habe an Herkulesfiguren rumgeschraubt, obwohl ich lieber gemalt hätte, und ich hatte Beziehungen mit Frauen. Viele Jahre meines Lebens habe ich also versucht, Schwiegermutters Liebling zu sein. Erst als ich 28 Jahre alt war, habe ich das geändert. Das ist ganz schön lange für einen Typen wie mich, der offensichtlich schwul ist. Ich habe Botox und Hyaluron gespritzt, später auch eine Fettabsaugung und eine Haartransplantation gemacht. Leicht war das allerdings nicht. Ich habe meine erste Fettabsaugung zwei Jahre lang immer wieder abgesagt, weil ich Angst hatte. Dennoch war es immer leichter, sich für eine OP zu entscheiden, als an einer Langzeitprägung der Psyche in Form von Selbstzweifeln zu arbeiten. Ein schickes Gucci-Jackett kauft sich allerdings noch leichter. Heute mache ich immer noch ein- bis zweimal im Jahr Hyaluron, und zwar an den Augen. Da bekomme ich Blauschatten und Furchen, weil ich so ein knochiges Gesicht habe. Wenn man ganz leichte Filler reinmacht, sieht man gleich ein bisschen ebenmäßiger und frischer aus. Ein- bis zweimal im Jahr nehme ich auch Botox; so, dass ich noch Mimik habe. Ich gefalle mir selbst besser, wenn ich ein bisschen überdurchschnittlicher und frischer als der Durchschnittsmann aussehe. Ich will aber auch kein maskenhafter, aufgespritzter Schwulettentyp sein. Ich bin noch nicht ganz frei von dem „natürlich“ Altern, aber ich bin auch nicht mehr abhängig davon. Heute gehe ich entspannter mit dem
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Schönheitsoperationen
„Ich glaube, kein Mensch ist uneitel.“
Sixpack habe, bissle Speck an der Hüfte und trotzdem glücklich.
Thema Schönheitseingriffe um. Ich merke an mir selbst die positive Entwicklung, seit ich das Thema Eigenliebe ganz oben auf die Prioritätenliste geschoben habe. Dadurch sind die Botoxspritze, die Fettabsaugung und die Haartransplantation auf der Liste einfach weiter nach unten gerutscht. Vom gesellschaftlichen Druck Ich dachte immer, wenn ich im VIP-Bereich sitze, Geld verdiene, erfolgreich bin, mir Statussymbole leisten kann, dass ich dann anerkannter, wertgeschätzter und respektierter bin. Diesem Ideal bin ich viele Jahre hinterhergelaufen, weil ich immer wieder gesagt bekommen habe: „Jens, du bist nicht richtig, wie du bist.“ Ich wollte endlich erreichen, was alle von mir erwarteten. Ich habe einfach nicht kapiert, dass ich als schwuler Mann, der sich gerne mal mit Make-up beschäftigt und im Pferdestall ist, ein viel wertvollerer Mensch bin als der, der vorgegeben hat, heterosexuell zu sein. Wenn du dir selbst treu bleibst und dich selbst im Spiegel gut sehen kannst, dann bist du auf einmal von allem unabhängig und frei, das habe ich Stück für Stück begriffen. Ich wurde oft ausgegrenzt und als anders bezeichnet, und auf dem Weg, wie die anderen werden zu wollen, also dazuzugehören, habe ich mich sehr oft selbst reflektiert und mich mit mir als Mensch beschäftigt. Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum ich immer noch nicht komplett bei mir angekommen bin und ich immer noch das Gefühl habe, hier und da mal was optimieren zu wollen. Ich habe eine Speckrolle, die ragt genau über den Gürtel hinweg. Die stört mich, die nervt mich. Ich bin aber nicht bereit, auf jede Weinschorle, auf jedes Gummibärchen und jedes Stück Schokolade zu verzichten. Ich bin auch nicht bereit, meinen Arsch viermal die Woche morgens um sechs hochzubekommen, um Konditionstraining zu machen, damit diese Speckrolle von alleine weggeht. Das ist quasi mein Mittelweg, dass ich am Ende keinen
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Bequemlichkeit Ich werde oft gefragt, warum Menschen mit Schönheitsoperationen nachhelfen. Selbst der ungepflegteste Mensch fährt sich zweimal am Tag durch die Haare. Ich glaube, kein Mensch ist uneitel, schaut sich nicht mal kritisch in den Spiegel und versucht sich selbst zu optimieren. Ich glaube allerdings, dass es im Leben viel einfacher ist, sich eine Rippe entfernen zu lassen, eine Nasen-OP oder eine Fettabsaugung zu machen, als unter den Teppich zu schauen und die wirklichen Probleme anzupacken. Es ist auch einfacher, den Partner, die Clique oder den Job zu wechseln, anstatt sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sich die Abhängigkeitsverhältnisse in seinem Leben anzusehen, welche durch die Prägung in der Kindheit und in der Erziehung aufgebaut wurden. Die Arbeit an Langzeitprägungen und an tiefgreifenden Selbstzweifeln ist in jedem Fall anstrengender als die kurzfristige Lösung, dass mit Botox alles besser sein wird. Es ist aber auch anstrengend, zwanzig Jahre lang fünfmal die Woche Sport zu machen und sich gesund zu ernähren. Ich glaube, Menschen legen sich oftmals aus Bequemlichkeit unters Messer. Wenn ich mich aber selbst nicht liebe, dann werde ich auch mit frisch operierter Nase im Spiegel keinen schönen Menschen sehen. Ich werde nur der Gejagte, der Ungeduldige und der Rastlose zur nächsten Schönheitsoperation
Ein offensichtlich operierter Mensch ist sensibel und voller Selbstzweifel. sein. Wenn ich mich verstellen muss, um etwas zu entsprechen, dann bin ich irgendwann eine gestraffte, gebastelte und aufgespritzte 60-Jährige, die am Ende abends trotzdem gefrustet Prosecco säuft. Die Grenzen der Schönheit Wo meine persönliche Grenze bei Schönheitseingriffen liegt, ist schwer zu beantworten. Ich will nicht sagen, dass ich jedem Trend folge. Ich weiß aber, was mir gefällt und was nicht. Ich möchte kein aufgespritzter, maskenhafter Paradiesvogel sein. Aber ich sag es
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mal so: Ich bin bereit, mit einem gebrochenen Arm Schlittschuh zu fahren, weil ich einen Wettbewerb gewinnen möchte. Ich kann Ihnen sagen: Wenn ich für etwas brenne und etwas unbedingt haben möchte, dann bin ich bereit, unsagbar große Schmerzen auszuhalten, also vielleicht doch, und wenn’s erst mit 60 ist, noch was machen lassen, das kann ich heute nicht exakt festlegen. Die Gesellschaft und die Schönheit Als Baby kommen wir auf die Welt und sind vollkommen und perfekt. Wir rülpsen, sind asozial und finden uns trotzdem super. Dann bekommen wir irgendwann von unserer Umwelt gesagt, dass es wertvolle und nicht so wertvolle Menschen gibt. Wir hören das erste Mal von Schönheitsidealen, und da fängt die ganze Misere an. Wenn man sich darauf einlässt, dann befindet man sich plötzlich in der Lebensspirale, in der man das Machtzepter seiner eigenen Authentizität und Persönlichkeit an die Umwelt abgibt. Ich habe 28 Jahre meines Lebens an meine Umwelt verloren. Es war eine große Herausforderung, zu meiner eigenen Schönheit zu finden. Ich denke, erst wenn man es Stück für Stück schafft, in der Pubertät, der ersten, rebellischen Phase der Abnabelung die inneren Glaubenssätze und beigebrachten Prägungen der Umwelt zu hinterfragen, findet man am Ende zu sich selbst und seiner eigenen Schönheit. Es ist hart, nicht der Norm zu entsprechen, unbeliebt zu sein und gegen den Strom zu schwimmen. Wenn man das dann nicht irgendwann als einen Teil von sich akzeptiert, bleibt man immer Opfer seiner Umwelt. Wenn man nicht bereit ist, das Risiko einzugehen, sich selbst so zu lieben, wie man ist, jagt man ewig einem Trend oder einer Vorgabe hinterher, was die Titelseite eines Magazins offeriert. Wenn ich in der Gesellschaft einem gewissen Schönheitsideal entsprechen möchte, muss ich mir aber auch immer überlegen: Wo gibt es Grenzen? Wo überschreite ich bewusst Grenzen und wo reicht es mir, einfach ich selbst zu sein? Das ist mit der Schönheit ähnlich wie mit anderen Reglements. Es muss nicht jeder, der dreimal die Woche ein Glas Wein trinkt, gleich Alkoholiker werden. Genauso muss nicht jeder, der mal eine Botoxspritze nimmt, ein abhängiger Schönheitsfanatiker werden. Wenn ich heute einen Menschen sehe, der offensichtlich operiert ist, dann ist mir sofort klar: Der ist sensibel und voller Selbstzweifel. Jemand, der offensichtlich so viel Optimierung durchführt, dass es sehr übertrieben aussieht, ist ein Mensch, der mit sich eigentlich im Unreinen sein muss. Ich denke mir nicht: „Oh Gott, was hat denn die Alte da gemacht?“ Ich würde sagen, ich empfinde Mitgefühl, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, was der Weg zur Eigenliebe bedeutet. Ich möchte diesen Menschen aber gerne kennenlernen und wissen, was hinter der Fassade steckt.
densdruck beim Thema Beauty spüren. Es heißt in der Gesellschaft auch, der Mann wird im Alter schöner und attraktiver. Die Frau muss im Alter immer noch einem Schönheitsideal entsprechen. Es gibt aber natürlich auch Männer, die sich die Wimpern und Nägel machen lassen und ohne Concealer und Lipgloss nicht aus dem Haus gehen. Ich denke aber auch, dass es ein gesellschaftlich antrainiertes Verhalten ist, dass Frauen dem Schönheitsideal entsprechen wollen. Die Gesellschaft und die Werbung sagen Männern, dass sie extrem maskulin rüberkommen müssen. Männer wollen gar nicht zugeben, dass sie sich auch mal Creme unter ihre schwarzen Augenringe schmieren. Vor zehn Jahren galt ja auch eine rasierte Männerachsel als homosexuell. Heute ist es undenkbar, dass ein gepflegter Mann sich nicht stutzt. Ein Mann, der sich mal eine Tönung in die Haare macht, ist heute kein Freak mehr. Ich denke, es wird noch etwa zehn bis 15 Jahre dauern, bis die Quote bei Schönheitseingriffen bei Männern und Frauen bei 50 zu 50 liegt. Schönheit durch Arbeit an der Psyche Heute weiß ich, dass auch ein normaler Mensch schöner und attraktiver sein kann als das schönste Supermodel, weil er einfach strahlt. Das meine ich wirklich von ganzem Herzen. Sonst hätte ich nicht die größten Schwächen meines Lebens in die größten Stärken umwandeln können. Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich einen schönen Menschen. Das war aber Arbeit an meiner Psychologie und nicht an meiner Optik. „Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich einen schönen Menschen.“
Der Geschlechterunterschied Die Quote bei Schönheitseingriffen liegt immer noch bei 70 Prozent Frauen und 30 Prozent Männern. Ich glaube, dass Männer grundsätzlich weniger Lei-
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Esther Stocker
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Über die Künstlerin Esther Stocker, 1974 in Südtirol geboren, ist Malerin und Installationskünstlerin. Sie hat zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland gestaltet und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Mit Rastern und Linien in Schwarz und Weiß schafft sie unendliche Räume, in denen sich der Betrachter verlieren kann.
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Parlamentarischer Durchschnitt
Die Gesichter des
Nationalrats
Wie attraktiv ist der durchschnittliche Nationalratsabgeordnete? Wir haben die offiziellen Porträtfotos der Abgeordneten übereinandergelegt und ein durchschnittliches Gesicht errechnet.
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b man eine Person als attraktiv empfindet oder nicht, ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Dennoch gibt es es so etwas wie objektive Schönheit. In den 1990er Jahren wird mit der Einführung bildgebender Verfahren die Attraktivit ätsforschung begründet. Wissenschaf tler waren erstmals in der Lage, in den Hirnregionen
sichtbar zu machen, wie das Äußere eines Menschen auf den jeweiligen Betrachter wirkt. Eine zentrale Erkenntnis dieses Forschungszweigs ist: Der Mensch findet den absoluten Durchschnitt am attraktivsten. Legt man die Gesichter mehrerer Individuen übereinander, wird das Erscheinungsbild in aller Regel attraktiver, bei einer Anzahl von etwa zehn
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Über die Daten Für die Berechnungen wurden die offiziellen Portraits der Abgeordneten von der Website des Parlaments verwendet. Die Abgeordnete ohne Klubzugehörigkeit, Philippa Strache, ist nicht enthalten.
Gesichtern kommt ein sehr durchschnittliches, sehr symmetrisches Gesicht heraus, das von den meisten Studienteilnehmern als anziehend empfunden wird. Wir wollten wissen, wie der durchschnittliche Nationalratsabgeordnete aussieht und ob es in den einzelnen Fraktionen Unterschiede gibt. Das Ergebnis erstaunt: Die errechneten Durchschnittsgesich-
ter unterscheiden sich kaum voneinander. Je kleiner die Fraktion, desto individueller; je größer die Zahl der übereinandergelegten Gesichter, desto weniger individuelle Merkmale bleiben bestehen. Und, wie ähnlich schauen Sie dem oder der durchschnittlichen Abgeordneten?
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Parlamentarischer Durchschnitt
ÖVP
26 (Ø 43 Jahre)
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SPÖ
19 (Ø 49 Jahre)
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21 (Ø 51 Jahre)
Addendum
FPÖ
5 (Ø 48 Jahre)
25 (Ø 48 Jahre)
NEOS
6 (Ø 42 Jahre)
9 (Ø 43 Jahre)
Grüne
15 (Ø 43 Jahre)
11 (Ø 41 Jahre)
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Politische Schönheit
Des Schrecklichen Anfang Über das Konzept der politischen Schönheit als moralische Reinheit.
T E XT: M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R FOTO S : P I CT U R E D E S K , A M E L I E L O S I E R , M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R
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chönheit geht anders: Nach einer Woche sieht die Säule, die Deutschland bewegt hat, nur noch wie ein etwas zu groß geratener, da und dort mit Karosserieblech in Kontakt gekommener Poller aus, auf den jemand ein Flugblatt geklebt hat. Eingebettet ist er in ein Kiesgeviert, das an einer
Stelle aufgescharrt ist. Mitarbeiter des Rasenamtes, erzählt die ältere Dame, die dort mehrere Stunden verbrachte, hätten nachgesehen, wie massiv das Teil verankert sei – und sich nach der Feststellung, dass es in Beton gegossen ist, wieder verzogen. Die inzwischen zum Schwurstein umgebaute Gedenksäule sieht
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verlassen und verloren aus. Im Kiesbett verwelkt ein kleiner Blumenstrauß. Eröffnet hatte das von dem schweizerisch-deutschen Philosophen Philipp Ruch angeführte „Zentrum für politische Schönheit“ am 2. Dezember eine aufwendig gestaltete Gedenkstätte, an der die Ideologen
des Zentrums Anwesende und Abwesende – recht eigentlich: die Welt – auf zwei Gedanken verpflichten wollten: erstens die Erinnerung daran, dass sich seit 1945 niemand darum geschert hat, was eigentlich mit der Asche der ermordeten Juden geschehen soll, die nach wie vor rund um die Vernichtungslager im Osten
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Politische Schönheit
in Bahn- und Straßendämmen verschüttet liegt, ohne dass irgendjemand davon Notiz nähme. Zweitens die Reflexion der Tatsache, dass gegenüber, im Bundestag, die Konservativen drauf und dran seien, den historischen Fehler ihrer Vorläuferpartei zu wiederholen und mit „den Faschisten“, also der AfD, gemeinsame Sache zu machen und so die Demokratie aufs Spiel zu setzen.
„Wir formen den politischen Widerstand des 21. Jahrhunderts und bewaffnen die Wirklichkeit mit moralischer Phantasie und der Geschichte.“ Am 7. Dezember war deshalb ein „großer Zapfenstreich“ geplant, im Rahmen dessen man den Geladenen, eher Vorgeladenen, nämlich den Abgeordneten von CDU und CSU, das Versprechen abnehmen wollte, genau das nicht zu tun. Dazu kam es aber nicht. Nachdem sich jüdische Organisationen gegen die Pietätlosigkeit der Aktion und die Instrumentalisierung der Asche von Holocaustopfern ausgesprochen hatten, wurde das bernsteinfarben glimmende Sichtfenster des Objekts zunächst verklebt. In der Nacht zum Samst ag fand dann die Metamorphose des Gedenksteins zum SchwurKern des Objekts wurde stein statt: Der entfernt , die Asche unter Mitwirkung des Berliner Oberrabbinats einer religiös angemessenen Bestimmung zugeführt, das Fundament vom SBK (Sonderbetonkommando) des Zentrums einbetoniert. Auf der Säule steht nun auf Deutsch und Englisch der Schwur, den 410 vor Christus Demophantos jedem Athener abverlangte: „Ich schwöre Tod durch Wort und Tat, Wahl und eigne Hand – wenn ich kann – jedem, der die Demokratie zerstört.“
Lehren des Holocaust durch die Wiederholung politischer Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit annulliert werden und dass Deutschland aus der Geschichte nicht nur lernen, sondern auch handeln muss.“ Deutschland, wir werden es dir zeigen. Entlang dieser inhaltlichen Linien bewegten sich die teils sehr spektakulären Aktionen des Zentrums – gestohlene Mauerkreuze an den EU-Außengrenzen, ein Raubtierkäfig im öffentlichen Raum –, deren bekannteste vermutlich der Nachbau des Berliner Holocaust-Denkmals in unmittelbarer Nachbarschaft zum Haus des thüringischen AfDChefs Bernd Höcke. Höcke hatte das Original als „Denkmal der Schande“ bezeichnet und auch sonst wenig Berührungsängste mit dem Nationalsozialismus gezeigt. Dass man mit dem Nachbau des Denkmals auch eine Überwachung des Politikers und von dessen ganzer Familie verband, löste auch bei prinzipiellen ZPS-Sympathisanten Skepsis und Ablehnung aus. Die Übertreibung ist freilich Kalkül und in die Kommunikationslogik der Aktivisten immer eingepreist. Was außer Frage steht und jedenfalls der ästhetischen Konnotation des Begriffs der „politischen Schönheit“ nahekommt, ist die Perfektion und, ja, Eleganz, mit der das ZPS seine Aktionen vorbereitet, durchführt und kommunikativ bewirtschaftet. Auch hier ist der Anspruch, den die Gruppe erhebt, nicht gerade von Bescheidenheit geprägt: „Wir formen den politischen Widerstand des 21. Jahrhunderts und bewaffnen die Wirklichkeit mit moralischer Phantasie und der Geschichte. Widerstand ist eine Kunst, die weh tun, reizen und verstören muss. Wir experimentieren mit den Gesetzen der Wirklichkeit und drängen in die Leerstelle, die jahrzehntelang von den öffentlichen Intellektuellen besetzt wurde: das moralische Gewissen.“ Will heißen: Was einst Böll, Hochhut, Grass und Habermas gewesen sind, sind heute die Mitglieder des Zentrums. Kein geringer Anspruch.
Moralisches Höchstgericht Woher bezieht das „Zentrum für politische Schönheit“, ein Kollektiv von selbstdeklarierten politischen Aktionskünstlern, die Legitimation, sich selbst in den Rang eines moralischen Höchstgerichts zu erheben, das sich sogar zur Verhängung der Todesstrafe über politische Gegner befugt sieht? Und was soll das eigentlich sein: heit? Das ZPS sieht sich, so politische Schönkann man es auf der Website der Gruppe nachlesen, als „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“. Die Großgesinntheit scheint ohne ein gewisses Maß an Großspurigkeit nicht aus zukommen: Das Zentrum sei eine „Verschmelzung der Macht der Phantasie und der Macht der Geschichte“, heißt es weiter in der Selbstbeschreibung. Und: „Die Grundüberzeugung ist, dass die
Schönheit und Demokratie Schon der Name der Gruppe ist eigentlich ein Coup. Nie zuvor war jemand auf die Idee gekommen, die Begriffe Politik und Schönheit zu kombinieren, bestätigen mehrere befragte Philosophen von Rang. Niemals zuvor? Dirk Kurbjuweit, der sein journalistisches Leben bei der Zeit und beim Spiegel verbracht hat, einige Jahre als stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Nachrichtenmagazins, heute als dessen Berliner Bürochef, erinnert sich an die späten Nullerjahre. Damals, als in Zeiten der globalen Finanzkrise und der damit verbundenen Unsicherheiten die ersten Anzeichen einer Renaissance des Autoritären zu spüren waren, habe er mit Kollegen und Freunden über die Frage diskutiert, was denn der Unterschied zwischen einem entschieden demokratischen System und den sich abzeichnenden „illiberalen“ Demokratien sei. Die Antwort: Demokratische Politik müsse auch „schön“ sein in dem Sinn, dass es eine Art Ästhetik des demokrati-
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schen Aushandlungsprozesses gebe, die durch Maß, Transparenz und Achtsamkeit geprägt sei, während die illiberalen bis autoritären Varianten ausschließlich am Ergebnis und an der Effizienz auf dem Weg dorthin seien. Es ist wohl auch ein Aspekt von Schönheit, der Menschen, die mit den Grundideen des Zentrums sympathisieren – Menschenrechte, Geschichtsbewusstsein, „Großgesinntheit“ –, zurückschrecken lässt: eine Kompromisslosigkeit, von der man sich vorstellen kann, dass es nicht viel braucht, um sie in Grausamkeit umschlagen zu lassen. Das vollkommene Fehlen von ironischer Distanz zum eigenen Tun – Reste von Humor zeigen sich allenfalls in den sarkastischen Pas-
Politische Schönheit als moralische Reinheit: So beginnt der Moralismus, und das bedeutet auch, dass er mit den besten Absichten beginnt. sagen der öffentlichen ZPS-Stellungnahmen – unterscheidet die Aktionen des Zentrums auch von jenen ihres Vorläufers Christoph Schlingensief. Der verstorbene Aktivist arbeitete mit Neonazis, seinen Nachfolgern traut man zu, sie aufs Schafott zu führen. Sprache und Haltung atmen den Geist des revolutionären Terrors, es riecht ein wenig nach Robespierre, wo das Zentrum seine kommunikativen Duftnoten setzt. Terror und Schönheit gehen seit jeher zusammen, das Unbedingte war schon immer schön, und Künstler haben mit Terroristen immer sympathisiert, oft weniger aus ideologischer Übereinstimmung denn aus Begeisterung für die Reinheit des Denkens und des daraus resultierenden Tuns. Der Komponist Karlheinz Stockhausen bezeichnete den Terrorangriff der Al-Kaida auf das World Trade Center am 11. September 2001 als „das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat“, der Dramatiker Botho Strauß prägte damals das poetische Bild, in dem die beiden Türme des WTC als „Schwurfinger des Kapitalismus“ erscheinen, die durch die Einschläge der beiden Flugzeuge und den Zusammensturz der Gebäude „abgehackt“ worden seien. Schönheit ist Reinheit, Reinheit ist grausam, und die kristalline Form der Grausamkeit kann man schön finden. Moralische Reinheit Man kann nicht anders, als dabei an Rilke zu denken: „Denn das Schöne“, lesen wir dort, „ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Jeder Engel ist schrecklich.“ Auch die Kommunikationsexperten des „Islamischen Staats“ wussten um die Schönheit des Grausamen, sie haben ihre Exekutionen auf
eine Weise inszeniert, die jedem Hollywood-Regisseur Ehre gemacht hätte. Die Verbrennung des jordanischen Kampfpiloten bei lebendigem Leib in einem Käfig wurde gefilmt, als ob es sich um die künstlerische Vorstudie zu einem Actionmovie handeln würde. Politische Schönheit als moralische Reinheit: So beginnt der Moralismus, und das bedeutet auch und vielleicht sogar vor allem, dass er immer wieder mit den besten Absichten beginnt. Und zu oft mit dem Gegenteil davon endet. Es war mit Hermann Lübbe ebenfalls ein deutsch-schweizerischer Philosoph, der den politischen Moralismus besonders beeindruckend ausbuchstabierte – sein gleichnamiges Buch trägt den Untertitel „Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ – und darauf hinwies, dass man die deutschen Soldaten, die sich an der Vernichtung der Juden im Osten beteiligten, nicht durch Abstumpfung zu ihren Taten bewegen konnte, sondern nur die Zurverfügungstellung einer höheren Moral, wie sie Heinrich Himmler in seiner berühmten Posener Rede vor der SS beschwor. Wer um die Verbrechen des Nationalsozialismus weiß, wird nicht lange überlegen müssen, wem er seine Sympathie schenkt, wenn mit dem Höcke-Flügel der AfD und dem Zentrum für politische Schönheit eine schrecklich alte und eine furchtbar neue Vorstellung von Reinheit aufeinandertreffen. Regiert möchte man aber von keiner der beiden werden. Das ist das Problematische am Reinen und Schönen: Es ist tatsächlich des Schrecklichen Anfang, und nicht immer verzichtet es gelassen darauf, uns zu zerstören.
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Schönheit der Gesetze
Recht schön? Schönheit erfüllt im Gesetz keinen Zweck, sie ist im Gegenteil sogar gefährlich. Recht schmeichelt nicht. Es soll nicht gefallen, sondern ordnen – das Schöne wie das Hässliche.
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undespräsident Alexander Van der Bellen rühmte nach dem Zerbrechen der Koalition von ÖVP und FPÖ „die Eleganz, ja die Schönheit unserer österreichischen Bundesverfassung“. Als sie 1920 beschlossen wurde, hielt man sie jedoch nicht für schön, ja nicht einmal für besonders gelungen. Der spätere Bundeskanzler Ignaz Seipel räumte ein, dass dem Entwurf „Mängel von nicht geringer Gewichtigkeit anhaften, Mängel, die über den Charakter bloßer Schönheitsfehler hinausgehen“. Man hatte sich auf das Machbare geeinigt. Ein Manko wurde nie beseitigt: Bis heute hat das zentrale Gesetz der Verfassungsordnung, das Bundes-Verfassungsgesetz (B-VG), keinen Grundrechtskatalog. Besonders poetisch ist auch sein Einstieg nicht. Es beginnt mit der trockenen Feststellung: „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“ Hans Kelsen, dem Architekten der Bundesverfassung, war sogar das zu viel. Was nützt so ein Bekenntnis, wenn es nicht umgesetzt wird? Ob Österreich eine Demokratie ist, ergibt sich nicht aus dem ersten Artikel, sondern aus den weiter hinten folgenden, wesentlich profaneren Bestimmungen, die freie Wahlen vorschreiben. Karl Renner war es, der Art. 1 B-VG vor Kelsens Rotstift verteidigte. Es solle, so der Staatskanzler, „irgend etwas Schönes ... doch auch in der Verfassung stehen“. Wenn ein Gesetz keine Anordnungen trifft, sondern als philosophischer Leitsatz daherkommt, wird die Auslegung schwierig. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es bekanntlich im deutschen Grundgesetz. Sehr schön. Doch was wäre so ein Satz ohne weitere Ausführung, ohne Folterverbot, ohne Meinungsfreiheit? Nichts. Würde man ihn streichen, das Grundgesetz und seine Rechtsordnung stünden da wie zuvor. Ließe man ihn aber stehen und entfernte das Folterverbot und die Meinungsfreiheit: Die so poetisch gesalbte Menschenwürde hätte ihren Kern verloren. Schönheit alleine trägt zum Recht nichts bei, sie ist wie das Wort ohne Tat: eine
So sind wir Die Verfassung wird zum nationalen Familienfoto. Sie ruft: Seht her, so sind wir! „Im Namen Gottes, des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone ... “, „Wir, die Bürger der Tschechischen Republik in Böhmen, in Mähren und in Schlesien ...“, „Wir, das Volk von Irland, in Demut all unsere Verpflichtungen gegenüber unserem göttlichen Herrn, Jesus Christus anerkennend ...“
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leere Hülle. Und leere Hüllen lassen sich beliebig füllen. Ein Gesetz, das wenig sagt, lässt viel Raum für aber lebt von Klarheit und Interpretation. Das Recht Verlässlichkeit. Man stelle sich vor, die Sprache der Verfassungsgesetzgeber würde ins Strafrecht Einzug halten. „Wer die Würde des Menschen antastet, ist zu bestrafen.“ Im Strafrecht findet man solche Begriffe aus guten Gründen nicht, warum aber ausgerechnet in den Verfassungen? Deren Schicksal ist es, dass sie nicht nur Gesetz, sondern auch Identifikationsobjekt sind. Der Staat, der nichts anderes ist als eine Rechtsordnung, findet
Schönheit alleine trägt zum Recht nichts bei, sie ist wie das Wort ohne Tat. in der Verfassung seine Grundlage. Daraus entsteht die Erwartung, sie müsse auch die emotionalen Grundbedürfnisse der Bürger ansprechen. Etwas Schönes, ein bisschen Prunk, und sei es nur der Abglanz einer profanen kleinen Republik, soll auch im zentralen Gesetz des Staates stehen.
Bei der รถsterreichischen Verfassung von 1861, dem sogenannten Februarpatent, wurde Wert auf Schรถnheit gelegt.
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Schönheit der Gesetze
Die allermeisten Verfassungen beginnen mit solchen Bekenntnissen, die in ihrem Pathos zwischen Kirchgang und Historienfilm schwanken. Irland und Griechenland rufen die Dreifaltigkeit an, die Deutschen wollen dem „Frieden der Welt“ dienen. Die iranische Verfassung hat ein seitenlanges Vorwort, das unter anderem die Massenmedien verpflichtet, „im Dienste der Verbreitung der islamischen Kultur“ zu arbeiten. Der Jurist Herbert Schambeck hat 2008 in weltweit 191 Verfassungen 143 Präambeln gezählt. Das Bundes-Verfassungsgesetz kennt so ein Vorwort nicht. Das ist weniger einer legistischen Askese als seinem Charakter als Provisorium geschuldet. 1920 glaubte niemand daran, dass es Österreich noch lange geben werde. Wozu also eine schöne Verfassung? Der großdeutsche Abgeordnete und Rechtsprofessor Ernst Schönbauer erklärte, es wäre eine „politische Sünde, wenn wir dem Auslande gegenüber den Glauben erzeugen wollten, als ob wir diese Verfassung als etwas Dauerndes ... auffassen würden“. Für den Sozialdemokraten Robert Danneberg war die Bundesverfassung nur ein Zwischenschritt, mit dem man „über die Demokratie zum Sozialismus“ gelangen könne. Das Vorwort wurde gestrichen, weil man die Verfassung als das ansah, was sie sein sollte: eine Zweckmäßigkeit. In einem Verfassungskommentar, den Hans Kelsen mit zwei Kollegen 1922 herausgab, hieß es, dass „eine feierliche Eingangsformel bei der Verfassung eines Staates nicht am Platze schien, von dessen Lebensfähigkeit nicht alle ... völlig überzeugt waren“.
gleich“, schmeichelte die Maiverfassung, nur um weiter unten auszuführen, dass öffentliche Ämter nur „vaterlandstreuen Bundesbürgern, die den vorgeschriebenen Erfordernissen entsprechen, gleich zugänglich“ wären. „Das nackte Gesetz wird angekleidet mit süßen Worten“, schrieb die deutsche Juristin Marie Theres Fögen. Süße Worte vermögen zu überzeugen, wo der Verstand versagt. Während es für alle anderen Gesetze genügt, sich auf die Verfassung zu berufen, steht diese einsam an der Spitze. Warum soll man sich an sie halten? „Weil Gott es will!“, sagen die einen. „Weil die Nation es beschlossen hat!“, die anderen. Hans Kelsen hat als scheinbar rationalen Ausweg die sogenannte Grundnorm ins Spiel gebracht. Die Antwort der Grundnorm auf die obige Frage lautet verkürzt: „Weil es halt so ist.“ Die Grundnorm ist eine Fiktion, eine Art Legitimitätsplacebo. „Frag nicht weiter“, sagt die Grundnorm. Sie ist wenigstens ehrlich. Woher sollten wir auch wissen, was Gott will? Aus der Thora, der Bibel, dem Koran, der Verfassung?
Das Gute, Wahre und Schöne Österreich aber blieb. Als ab 2003 erfolglos über eine neue Verfassung diskutiert wurde, kam auch das Präambelthema auf den Tisch. Gott, so wünschten es sich manche, sollte in einem künftigen Verfassungsvorwort eine prominente Rolle spielen. Als Verkörperung des Guten, Wahren und Schönen schien er ihnen aus einer Verfassung nicht wegzudenken. Gegen diese Form der Profanisierung gibt es von kirchlicher Seite in Österreich keinen Widerstand. Dabei sollte man gerade hierzulande sensibler sein, wenn die Politik versucht, dem Schöpfer ihr Handeln in die Schuhe zu schieben. Schließlich verkündete Engelbert Dollfuß 1934 seine autoritäre Maiverfassung „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht ...“. Die Schönheit, so zeigt sich hier, spielt neben der Identitätsstiftung zwei weitere Rollen im Gesetz: Sie soll Legitimität erzeugen und ablenken. Ein schönes Vorwort und ein paar hohle Phrasen machen den härtesten Text verdaulicher. „Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetze
Nation, Geschichte und Glaube sind Konstrukte, die der politischen Verantwortung vorgeschoben werden. Keine Verfassung beginnt mit den Worten: „Wir haben den Krieg verloren, und alle, die noch irgendwie übrig waren, fanden, es wäre die beste Idee ...“ Nein, da lässt man schon lieber Gott bitten. Er soll die Verantwortung übernehmen. „Ein Schild ist er für alle, die sich bei ihm bergen“, heißt es ja im Buch Samuel. Und: „Wer ist ein Fels, wenn nicht unser Gott?“ Die Grundnorm, der Fels, auf dem Verfassungen stehen, wird nicht besungen, ihr baut man keine Tempel. Sie steht nur so fest wie die Rechtsordnung. Die österreichische Bundesverfassung ist nicht schön. Sie wurde auch nicht dafür geschaffen, schön zu sein. Eine gute Verfassung betet niemanden an, sie vergießt keine Tränen und belügt sich nicht selbst. Sie schafft Klarheit und gibt Rechtssicherheit. Das war es wohl auch, was Alexander Van der Bellen meinte. Ein Gesetz soll nicht schön sein, aber man darf es schön finden.
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Die österreichische Bundesverfassung ist nicht schön. Sie wurde auch nicht dafür geschaffen, schön zu sein.
Esther Stocker
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Literatur
Die Streberstrafe Über die Schönheit als zerstörerische Kraft.
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U
nd wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund … Wer nie einen Fluss hat fließen gesehen und dabei gedacht, es gäbe nichts Schöneres, wer nie den Blick zu den Sternen hob und dabei endloses Staunen fühlte, wer nie von einem Ton getroffen, einer Zeile verstört, einer Farbe berührt wurde, wer immer nur kritische Skepsis hatte und aktuelle Meinungen, wer all seine Kraft fürs Auflösen, Trennen und Bewerten einsetzte, der weiß nicht, wovon jemand spricht, der sagt: „Es war schön.“ Der kennt nicht das Gefühl von Überwältigung im Angesicht einer Traumtatsache: dass ein Ding oder Wesen auf unerklärliche Weise die Herzen in die Höhe hebt, weil es etwas an sich hat, das tiefer stimmt. Weil es nicht funktional zu machen ist, im letzten Moment unergründlich bleibt. Rom zum Beispiel. Eine Stadt vor dem Abgrund, könnte man meinen, voller Müll, Mafia und Korruption. Wo kein Bus fährt, kein Krankenhausbett frei ist, kein Kitaplatz reservierbar. Ein lebensfremder Ort, wo es keine feste Struktur gibt, keine klare Orientierung, immer alles von Neuem entdeckt werden muss, man sich auf nichts verlassen, nichts erwarten kann und doch, und darum geht es den Glücklichen im Bund, alles schön ist, alles strahlend scheint. Auf Höheres verweist. Oder sich tiefer anfühlt. Hoch oder tief, nur nicht ausgeglichen mittel, das ist die Stimmungslage der Schönheit. Ihr eigentliches Kennzeichen. Nutzlos zu sein, sich nicht handhabbar zu machen, in einen fremden Dienst zu stellen, Fragen zu beantworten als Gast auf einem Podiumspanel – die Schönheit kommt und geht, ohne sich zu entschuldigen, kündigt sich nicht an, tritt still auf. Aber sie wirkt radikal, reißt alle Distanzbrücken ein und Schutzwälle nieder. Schön ist, was keine Funktion hat und daher nahegeht. Mit Schönheit verbringt man Zeit, die nicht zählt. Eine Auszeit sozusagen. Ist man auf einem Umweg, links und rechts jenseits der geraden Linie. So wie man durch Rom läuft, hier und dort angezogen wird, die Epochen nicken einem zu wie alte Händler am Wegesrand, laden ein zu einem Tee, so viele Türen stehen offen, so viele Treppenstufen sind noch warm, schön ist, was sich nicht einfach erzählen lässt, könnte man sagen, was Beschreibungen braucht, Bildzusammenhänge. Auf die Jagd nach Schönem kann man nicht gehen, muss
sich viel eher selbst fangen und führen lassen. Das ist der antimodernistische Effekt dabei. Nicht das sichere Selbst, das aktivistische Ich, steht im Zentrum, sondern der suchende Empfänger. Nicht der, der sich immer schon gemeint fühlte, sondern der, der lange auf eine Anrede gewartet hat. Schönheit straft die Streber, Schönheit schützt die Staunenden. In einer Zeit, die an ihren Funktionen kaputtgeht, die ihre Seelen verbraucht und ihre Blicke trüb werden lässt, in einer Zeit, wo alles auf Handhabbarkeit oder Hässlichkeit aus ist, sich die Menschen mit Wörtern beschmeißen, als wären sie schmieriger Dreck, und nebenbei immer nur wieder von neuem das Ego siegt, die alte, kalte unsichtbare Hand aus dem Dunklen an unsere Kehlen greift, in so einer Zeit kann uns nur noch das Ungefähre retten, das inwendig Strahlende – das Schöne eben. Wer sich gegen Schönheit ausspricht, der gräbt dem Humanen das Grab. Denn was ist es, das uns davon abhält zu lügen, zu huren, zu stehlen und zu morden, was ist es, das das Böse in uns bekämpft? Die Hoffnung darauf, dass sich am Ende doch noch etwas aus dem freien Nichts herausbilden, also schön werden könnte. Und, dass wir als Teil zu einem Ganzen gehören: der auf ewig unverbundenen Innenwelt.
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Über den Autor Simon Strauß, 1988 in Berlin geboren, ist Historiker, Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien 2019 bei Klett-Cotta „Römische Tage“.
Das Berührte Über die Schönheit des Zerstörten.
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Und: Dass alles verfällt, Haus und Fleisch, kann man mögen, denn wer würde nach der Endlichkeit auch noch die Unendlichkeit ertragen. Und doch ist und bleibt es ungeheuerlich, dass die Uhren auf keinen Zuruf je halten, alles alt werden muss, man nichts und niemanden vor den Jahren je beschützen kann und das Sterben unverhandelbar ist. Man kommt nicht umhin, die Zeit zu bewundern für ihre Unerbittlich-, und manches Mal für ihre Zärtlichkeit, mit der sie den Dingen zustößt. Sie ist gewaltig, mächtig, grausam und überraschend. Sie übermannt die Welt. Sie erzeugt verspurte Schönheiten, gefallene und zerfallene Harmonien, Falten, Wunden, Risse, Witkinsche Skulpturen aus Fleisch und Tod und Dunkelheit, eine üppige Vergänglichkeit, liebenswürdig oder schrecklich in den Einzelheiten, die lächelnd grabwärts zeigt. Sie mahnt immer zum Jetzt!, zum Schau, bevor es vorüber ist.
Über die Autorin Valerie Fritsch, 1989 in Graz geboren, ist Schriftstellerin und Fotokünstlerin. Kommenden Februar erscheint ihr neuer Roman „Herzklappen von Johnson & Johnson“.
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enseits der Schönheit des Gleichmaßes, der Formen der Unverletztheit – die weiten Landschaften, die apfelfrischen Wangen, die mustergültigen Stunden der Welt – gibt es die Liebe zu den unrettbar verlorenen Dingen. Neben dem Unberührten ist es das Berührte, das einen bannt. Denn das Beschädigte, das Traurige und In-Unordnung-Gebrachte ist durchlässig, erzählt einem immer leise die Geschichte, wer oder was einmal war, schwärmt und lügt vom alten Glanz, sagt, dass nichts bleiben kann, wie es ist, und steht in seiner ganzen merkwürdigen Verwandeltheit da, das Echo des Gewesenen auf den Lippen. Dem Verlorenen sieht man sein einstmaliges Gefunden-Sein an, den Ruinen ihre Feste, den leeren Kirchen ihre Götter, den leeren Menschen ihre Leben. Diese wilden, düsteren Versehrtheiten sind alles, aber nicht gleichgültig, weil sie an einen heranrücken, eine Nähe schaffen, eine höchstpersönliche Verbundenheit zur Welt, die einem das Herz heben kann. Sie sind intim, sie reißen einem die innere Zugeknöpftheit auf.
Die ästhetischen Phänomene des Verderblichen und des Schrecklichen machen es einem nicht immer leicht, sie muten einem etwas zu, man muss erst Platz schaffen in sich für sie und ein paar Gewohnheiten abschwören, neue Augen machen. Eine Begeisterung für das Nichts hilft. Dann findet man Gefallen an den seltsamen Bildern und ihrer widersprüchlichen Poesie. An verlassenen Prachthäusern mit abgebrochenen Treppen, die nirgends mehr hinführen, und an den Glasaugen der Toten, die man in der Hosentasche mit sich trägt, um seiner Großmutter in stillen Sekunden einen lieben Blick zuzuwerfen. Entdeckt Schönheiten in den Erscheinungen von Narben auf und unter der Oberfläche, den Formen der Organe, im dunklen Glanz einer Leber, der dünnen, rauen Haut der Alten, an den abgeblätterten Tapeten im Wind, der zerbröselnden Einsamkeit der ausgestopften Tiere im Museum, den organischen Strukturen des Kaputten, im Rost, im Ungewöhnlichen, im Passierten, an all den Stellen, wo die große Zerbrechlichkeit des Seins wirkt. Ist beeindruckt von den eleganten Funktionen eines Virus und berührt von jenem historischen Bild des dunklen Alls, in dem einst in sowjetischen Raumkapseln tote Hunde die Erde umkreisten. Denn was könnte schrecklicher sein als ein Hund allein in Raum und Zeit zwischen Sonden und Satelliten, der traurig auf die entfernte Welt schaut, bevor sein Herz stehenbleibt, weil er nicht ohne sie sein kann. Und doch ist es ein schönes Bild. Weil man versteht: Es geht um alles. Und vielleicht auch um einen selbst. .
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Schönheit und Nachhaltigkeit
Krachend am Schönheitsgefühl der meisten Berliner vorbeigeplant: die bunten Sitzmöbel in Kombination mit den grünen Punkten auf der Fahrbahnoberfläche.
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Addendum
Nachhaltigkeit muss schön sein Wenn Nachhaltiges schön ist, profitiert davon sowohl die Schönheit als auch die Nachhaltigkeit.
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achhaltigkeit und Schönheit scheinen nicht zueinander zu passen. Das zugrunde liegende Problem hat Niklas Maak schon vor zehn Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf den Punkt gebracht: „Die merkwürdige Unverträglichkeitsbehauptung, das Schisma zwischen Spaß und Verantwortung, Unterhaltung und Erkenntnis“ präge den Diskurs: „Das Desaster der ökologischen Produkte, vom Öko-Auto bis zum ‚Nullenergiehaus‘, liegt ja auch darin, dass sie einer dezidiert freudlosen Entsagungsästhetik frönen, dass sie Buße für die begangenen Umweltsünden fordern, statt von der Freiheit zu erzählen, die es bedeutet, Dinge wegzulassen und anders zu machen.“ Das Scheitern ökologischer Produkte liege auch am „eingebauten Depressionsfaktor“. Nachhaltigkeit ist hässlich. Freude, Schönheit, Mode – all das assoziiert der Durchschnittsmensch nicht mit Nachhaltigkeit. Diese ist zwar lange als „Modewort“ verlacht worden – mit Mode hat sie freilich wenig am Hut. „Nachhaltige Mode“ lässt dem Normalverbraucher eher die Haare zu Berge stehen. Schon im Urbild einer besseren Gesellschaft, Thomas Morus’ 1516 erschienenen Buch über die Insel Utopia, heißt es, der „Schnitt der Kleider“ sei grundsätzlich „derselbe für die ganze Insel“ – und bleibe unverändert, und zwar „für die ganze Lebenszeit“. Keine Mode auf Utopia. Schönheit als Verbündete In diesem Sinne fremdelt die Nachhaltigkeit bis heute. Wirklich modisch will sie nicht sein. Schön sein will sie auch nicht. Sie will vermutlich auch nicht hässlich sein. Der Nachhaltigkeit ist das wurscht. Sie ist ästhetisch indifferent. Diese Scheißegalhaltung ist ein Problem. Und zwar nicht nur für die ästhetische Qualität unserer Welt, sondern auch für die Nachhaltigkeit. Denn eine hinreichende Mehrheit von Menschen wird einfach nicht mitmachen, wenn Nachhaltigkeit langweilig ist, schlecht riecht und nicht gut aussieht. Dass Nachhaltigkeit „sexy“ sein muss, diese Forderung begleitet den modernen Nachhaltigkeitsdiskurs von Anfang an. Leider ist sie bisher wirkungslos verpufft. Dabei ist beispielsweise ganz offensichtlich, dass Schönheit eine Verbündete der Produktlanglebigkeit und damit auch der Nachhaltigkeit ist. Mit schönen guten Schuhen generiert man garantiert weniger Umweltverbrauch als mit schnell verbrauchten Billigtretern. Meine schöne Aktentasche werde ich sicher bis zum Ende meiner Tage nutzen. Der Porsche 911 gilt manchem als das nachhaltige Auto schlechthin. Frei-
lich wohl nur außerhalb der Nachhaltigkeitscommunity: Dort ist der Wagen eher ein Symbol automobilen Wahnsinns und Verursacher von völlig überflüssigen CO2-Emissionen. Aber wenn man genau hinschaut, erfüllt der 911er ein wichtiges Nachhaltigkeitskriterium: Der Sportwagen hält länger als die meisten Autos, auch weil er von seinem Besitzer gut gepflegt wird – nicht zuletzt, weil sie die Schönheit ihres Lieblings erhalten wollen. Kein 911er würde je einer Verschrottungsprämie zum Opfer fallen. Die Frage ist allerdings, ob das Thema nicht viel grundsätzlicher anzugehen ist. Ob Sie und ich Auto fahren, fliegen oder Fleisch essen, ist für den Zustand der Welt ziemlich irrelevant. Man sollte nicht so tun, als ob Einzelpersonen mit ihrem Verhalten diese Welt „retten“ könnten. Der Philosoph und Physiker Armin Grunwald attestiert der Debatte über nachhaltigen Konsum, sie schiebe den Konsumentinnen und Konsumenten „eine Verantwortung zu, die sie weder tragen wollen noch können. Sie blendet die politische Dimension der Nachhaltigkeit aus. Sie moralisiert und arbeitet mit dem Druck der ,political correctness‘.“ Mit Moral baut man aber unsere „imperiale Lebensweise“ (Ulrich Brand / Markus Wissen) nicht um. Dieser Umbau ist freilich erforderlich, wenn wir nachhaltig leben und wirtschaften wollen. Zurückgelassene Schönheit Auf dieser Flughöhe muss das Nachdenken über nachhaltige Schönheit ansetzen. Spätestens seit 2015 redet alle Welt von der „Nachhaltigkeitstransformation“: Da wurde in New York der UN-Aktionsplan „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ beschlossen, in dem die mittlerweile berühmten 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen enthalten sind: „Wir sind entschlossen, die Menschheit von der Tyrannei der Armut und der Not zu befreien und unseren Planeten zu heilen und zu schützen.“ Und: „Wir versprechen, auf dieser gemeinsamen Reise, die wir heute antreten, niemanden zurückzulassen.“ Nun, die Schönheit wurde zurückgelassen. Begriffe wie Wachstum und Effizienz kommen in der Agenda 030 häufig vor – Schönheit dagegen null Mal (Funfact: Das gilt auch für „Digitalisierung“.) Man könnte einwenden, dass es gut ist, wenn die Politik die Finger von der Schönheit lässt und die Vereinten Nationen sich nicht auch hier noch einmischen. Dennoch: Dass dieses ansonsten vor Allzuständigkeit strotzende Zentraldokument der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte die Schönheit außen vor lässt, hat eine gewisse Aussagekraft.
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Schönheit und Nachhaltigkeit
Oder? Stimmt es wirklich, dass Nachhaltigkeit und Schönheit zu wenig zusammengedacht werden? Sucht man diese Kombination im Netz, zeigt einem Google über 9 Millionen Treffer an – Nachhaltigkeit mit Verzicht kombiniert generiert nicht einmal eine Million. Schaut man allerdings genauer hin, ist es mit der Verbindung von Nachhaltigkeit und Schönheit nicht weit her – zumindest dann nicht, wenn man sich weniger für Kosmetik und mehr für das große Ganze interessiert. Schauen wir also auf eine Institution, bei der das große Ganze zum Kerngeschäft gehört: die katholische Kirche. Deren Chef Papst Franziskus hat 2015 eine Enzyklika mit dem Titel Laudato si’ („Gelobt seist du“) vorlegt. Dieses auch als „Öko-Enzyklika“ bezeichnete Dokument macht ausdrücklich die Schönheit zum Thema. Unter anderem spricht Franziskus von der „Schönheit der Herausforderung“ – eine Perspektive, die sich wohltuend von einer verbreiteten Katastrophenrhetorik abhebt. Und er schreibt: „Auf die Schönheit zu achten und sie zu lieben hilft uns, aus dem utilitaristischen Pragmatismus herauszukommen.“ Durch die Würdigung des Schönen die überbordende Orientierung am Nutzen in seine Schranken weisen – das ist so klug und zeitgemäß, dass man sich wundern muss, wie wirkungslos dieser Appell bisher geblieben ist. Schönheit in der Stadt Nachhaltigkeit und Schönheit ist im Kleinen des individuellen Konsums also nicht besonders wirkungsvoll und auf der Ebene des großen Ganzen nicht besonders relevant. Vielleicht hilft uns eine Ebene dazwischen: unser Lebensraum. Genauer: die St adt. Wolfgang Sonne hat 2009 einen Artikel über die ästhetische Nachhaltigkeit in der Stadt publiziert. Ihm geht es dort ganz wesentlich um eine „konsensuelle Ästhetik“. Wie bitte? Schönheit im Konsens klingt nach Durchschnittsgeschmack und Langeweile. Allerdings verweist Sonne mit einigem Recht auf „die Abhängigkeit des Einzelnen von den massenhaft auf ihn einwirkenden Schönheitsvorstellungen und -traditionen“ und einen „fast gespenstischen Konsens in Bezug auf Stadtästhetik“. Da ist was dran. Finden Sie Siena oder Wien hässlich? Oder kennen Sie jemanden, der Paris oder das Pantheon nicht schön findet? Eben! Umstritten bleibt Schönheit natürlich trotzdem. Wer in einer Planungsjury ein Projekt als „schön“ bezeichnet, ist vermutlich schnell seinen Job los … Dennoch bleibt die Frage relevant, ob man Nachhaltigkeit und Schönheit in urbanen Räumen zusammenbringen kann. Schönheit, so fordert Wolfgang Sonne, müsse – gerade im Kontext der Nachhaltigkeit – zentrales Ziel der Stadtplanung sein: „Wer die Schönheit nicht bedenkt, schafft keine schöne Stadt.“ Wie sehr das zutrifft, kann man an einem Beispiel aus Deutschland sehen, das man für paradigmatisch für unser Thema halten kann. Ohne Zweifel in allerbester Absicht wurden in der Berliner Bergmannstraße Parkplätze durch sogenannte Parklets ersetzt. Ein Parklet ist, wenn man Wikipedia glauben darf, „ein Stadtmöbel auf ehemaligen Parkplatzflächen, das den Menschen mittels Aufbauten mehr öffentlichen Raum zur Ver-
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fügung stellt. Als Baumaterial dient meist Holz, zum Beispiel Paletten.“ Das klingt nicht schön, aber nachhaltig. Und ein Beitrag zur Nachhaltigkeit sollten die Parklets in der Bergmannstraße sein. Die Ideen dahinter klingen vernünftig. Den Slogan „Parkbank statt Parkplatz“ kann man auch richtig finden, ohne Nachhaltigkeitsfanatiker zu sein. Auch „Flächengerechtigkeit“ ist im umkämpften städtischen Raum sicher ein sinnvolles Leitbild. Weniger sinnvoll ist, dass hier krachend am Schönheitsgefühl der meisten Berliner vorbeigeplant wurde. Die bunten Sitzmöbel in Kombination mit grünen Punkten auf der Fahrbahnoberfläche sorgten für Aufsehen – freilich nicht im beabsichtigten Sinn. Die Parklets sollen zum Entspannen einladen. Blöd nur, dass der Verkehrslärm dies massiv behindert und die angebrachten Sitzmöbel einfach abgrundtief hässlich sind. „Einsame Verweilinseln“ titelt denn auch der Tagesspiegel. Dramatischer bringt es n-tv.de auf den Punkt. Der dort erschienene Beitrag über Parklets ist mit Willkommen in Berlins „Todeszonen“! überschrieben. „Die Begegnungszonen“, heißt es dort, „sind hässlich, wirken völlig deplatziert und funktionieren nicht.“ Das kann man wohl sagen. Nicht das erste Mal erweist sich, dass „gut gemeint“ oft das Gegenteil von „gut gemacht“ ist. Natürlich ist Schönheit, darauf weist auch Sonne hin, bei der Stadtplanung nicht das einzige Kriterium. Funktionalität ist wichtig, technische und ökonomische Faktoren sind zu beachten. Das gilt auch für andere Bereiche. Schönheit ist nicht alles – aber mit Blick auf die Nachhaltigkeit könnte man sagen: Ohne Schönheit ist alles nichts. Das Berliner Beispiel zeigt, dass Schönheit zu oft wurscht ist, wenn es um die Nachhaltigkeit geht – und dass sich dies übel auf die Reputation dieses Leitbildes auswirkt. Wenn unsere Welt in Richtung Nachhaltigkeit transformiert werden soll, muss sich das rasch und gründlich ändern. Solange Nachhaltigkeit mit Hässlichkeit und ästhetischer
Solange Nachhaltigkeit mit Hässlichkeit gleichgesetzt wird, wird sie sich als wirkungslose Utopie erweisen. Indifferenz gleichgesetzt wird und nicht mit Schönheit und der aktiven Berücksichtigung von Ästhetik, wird sie sich irgendwann als eine wirkungslose Utopie erweisen. Und das wäre nicht schön. Über den Autor Fred Luks beschäftigt sich seit langem in Forschung, Lehre und Management mit Zukunftsthemen. Anfang 2020 erscheint sein zehntes Buch „Hoffnung. Über Wandel, Wissen und politische Wunder“.
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Digitale Schönheit
Die Ästhetik sozialer Netzwerke Die Schönheit des digitalen Raums ist nicht in der Gestaltung ihrer Interfaces angelegt, sondern in ihrer Funktionalität.
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it dem World Wide Web öffnete sich den Menschen in den 1990er Jahren eine neue visuelle Schnittstelle zur Welt: ein Interface, das in seinem Durchsatz durch die Dimensionen und Fähigkeiten eines kleinen Bildschirms limitiert war. Die Möglichkeiten zur Ausgestaltung dieser kleinen Flächen waren zwar beschränkt, aber die technischen Grundlagen machten den Gestaltern nur wenige Vorgaben über die funktionale Auslegung der Bedienelemente. Screendesigner und Web-Entwickler richteten als autodidaktische Pioniere diesen unkonditionierten Screen Estate als Zugang zum Cyberspace nach eigenem Gutdünken und ästhetischen Prinzipien – also in den meisten Fällen prinzipienlos – ein. Die Entwicklung vieler Websites ging einher mit der Neuerfindung von Interfaces, in denen der Mangel an ästhetischem Empfinden der Entwickler, die funktionelle Ignoranz der Designer und der Narzissmus der Auftraggeber ein Panoptikum an digitalen Abgründen, Schönheiten und radikalen Zugängen ergaben, die nur zu einem geringen Bruchteil auch für den Betrachter funktionierten. Mikroskopische Navigationen, zwangskreative Wordings, rotierende GIFs und blinkende Texte erschwerten die Auffindbarkeit der Inhalte, die vielfach nur durch Klicken anzusteuern sein sollten, anstatt die medienimmanenten Vorzüge von Scrollbalken zu nützen, die oft zum Hochziel der Vermeidung um jeden Preis erklärt wurden. Websites glichen informationellen Kopfbahnhöfen, die Zugang erlaubten, aber eher nicht zur Weiterreise ermutigten.
einem Web-Browser auch zu einer erhöhten Notwendigkeit, die Darstellungsformen flexibel zu halten. Für Designer elaborierter Typographie oder gar ikonographischer, gestalterisch fixierter Navigationselemente war das ein Paradigmenwechsel. Aber ihre Kreationen wurden nicht verworfen, ohne in schöpferischer Zerstörung neue Herangehensweisen hervorzubringen, die oft darin bestanden, sich mit vorhandenen Elementen zu arrangieren. Mit dem Web 2.0 bildeten sich visuelle Standards mit einer Schönheit des Mainstreams, die gerade auch deswegen in einem erhöhten Maß funktional war, weil sie breit respektiert wurde, also vertraut war und sich durch wiederholtes Kopieren verfestigte in einem survial of the fittest by cultural selection. Während erfolgreiche Ästhetiken den Spielraum für überflüssige Schönheit verengten, legte sich etwa zur gleichen Zeit, in der zweiten Hälfte der Nullerjahre, mit dem Social Web die nächste Netzhaut über das materielle, rhizomatische und das immaterielle Hyperweb. Das Zeitalter des Social Web inflationierte die Verlinkungen des Netzes über die Nutzer der Netzwerke: Inhalte konnten nun über die auch als Social Media be-
Die Oberfläche wird von jeder Möglichkeit zur Schönheit und Hässlichkeit befreit. Übrig bleibt eine Ästhetik der Schnittstelle.
Vom Rhizom zum Social Web Die Struktur des WWW glich am Ende des Millenniums phänotypisch eher einem Wurzelwerk, einem Rhizom, das sich über Knoten hin zu einzelnen Servern verästelte, als einem durch immaterielle Links verbundener Dokumente errichtetes Netz, wie es Vannevar Bush, Ted Nelson, Tim Berners-Lee und andere dachten und konzipierten. Dieses Versprechen eines Hyperwebs wurde erst mit Google eingelöst, das als Suchmaschine die Verbindungen von Dokumenten virtualisierte und die unmittelbare Beziehung zwischen codierten Datenpunkten automatisierte. Dynamisch errichtete Verbindungen führten auf der ganz banalen Ebene der Wiedergabe oder Renderings in
zeichneten neuen Infrastrukturen in die eigenen sozialen Netzwerke des persönlichen Gesellschaftsgeflechts geteilt werden. Aus den Inhalte suchenden („pullenden“) Teilnehmern wurden aber eigentlich selbst Medien, die als Verbreitungsmaschinen begannen, Nachrichten zu „pushen“. Deswegen bezeichnet Social Media genau genommen auch nicht die Infrastrukturanbieter wie Facebook oder Twitter, sondern die darauf untergebrachten Nutzerkonten. Diese Vorbemerkungen zur Struktur des Netzes wirken im Hinblick auf die Ästhetik von Interfaces in sozialen Netzwerken vielleicht irreführend. Sie sind es
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nicht. Um zu verstehen, wie diese Ästhetik einzuordnen ist, müssen wir verstehen, welche Typen von Medien das Netz für uns bereithält, wie sie sich entwickelt haben und zu welchen Normen, Möglichkeiten und Einschränkungen diese Entwicklungen geführt haben. Die Evolution von der idiosynkratisch textierten und als grafisches Schnittbild hinterlegten Navigation zum universell als solches identifizierbaren Burgermenu mit klaren Ansteuerungsdirektiven dauerte gerade einmal zwei Dekaden und reduzierte inkrementell, eigentlich exkrementell, die grafische Gestaltung zu einem unsichtbaren Skelett, das tatsächlich immer mehr den Inhalt stützt und die Opulenz von digitaler Rokokorahmung abstreift. Gefällt mir Die Nutzerkonten erlauben wenig gestalterischen Freiraum, und dieser beschränkt sich auf pixelgenaue und zeichenlimiterte Vorgaben von Profilbild, Header, Username und Biografie. MySpace erlaubte viel, Geocities alles, bei Twitter darf man gerade noch die Farbe der Links und Hashtags ändern. Aber für wen eigentlich? Den Aushandlungsprozess zu allgemeingültigen Konventionen kann man ästhetisch als Regress zur Mitte werten, oder einfach pragmatisch als Verlagerung der Kampfzone auf die Inhaltsebene sehen. Oder noch euphemistischer: Die Oberfläche wird von jeder Möglichkeit zur Schönheit und Hässlichkeit befreit, übrig bleibt eine Ästhetik der Schnittstelle, nicht auf inhaltlicher, sondern auf diskursiver bzw. affirmativer Ebene. Nicht die Inhalte sind schön, ihre Verpackung noch weniger. Schön ist, was gefällt. „Das allgemeine Verdikt der Positivgesellschaft heißt ,Gefällt mir‘“, schreibt der deutsche Philosoph Byung-Chul Han 2012. „Es ist bezeichnend, dass Facebook sich konsequent weigerte, einen Dislike-Button einzuführen. Die Positivgesellschaft meidet jede Spielart der Negativität, denn diese bringt die Kommunikation ins Stocken. [...] Negative Verdikte beeinträchtigen die Kommunikation. Auf ,Like‘ folgt schneller die Anschlusskommunikation als auf ,Dislike‘. Die Negativität der Ablehnung lässt sich vor allem ökonomisch nicht verwerten.“ Mit dem letzten Punkt irrte Han damals. Allerdings konnte er, als er das geschrieben hatte, noch nicht wissen, dass Facebook auch eine negative Reaktionsmög-
lichkeit, die statt einem Like vergeben werden kann, etablieren würde. Gerade die Negativität lässt sich ökonomisch verwerten. Widerspruch ist der Treibstoff der Debatte. Empörung heizt den Diskurs auf und bis zur Niedertracht an. Damit werden Klicks produziert. Die Diskussion wird direkt am Inhalt angeknüpft, produziert wiederkehrende Nutzer, ökonomisiert vermarktbare Aufmerksamkeit. Facebook und Twitter versuchen daher den öffentlichen Diskurs aus den traditionellen Medien auf ihre Plattformen zu holen und bei sich anzusiedeln, um diese Form der Aufmerksamkeit selbst vermarkten zu können. Han erkannte das naturgemäß: „Der Ausstellungswert macht den vollendeten Kapitalismus aus [...] Er verdankt sich alleine der Produktion der Aufmerksamkeit.“ Twitter ist Wahrheit Am radikalsten geht diesen Weg Twitter. Der Diskurs ist öffentlich, eine direkte, zweiseitige Vernetzung der Akteure ist keine Voraussetzung für verbalen Schlagabtausch. Deswegen spricht Twitter auch bewusst von „Antworten“ und nicht von „Kommentaren“, wie man sie von Facebook kennt, das unter jedem Posting einen kleinen Boxring eröffnet – analog zu traditionellen Medien mit ihren Foren. Ein direkter Angriff auf den Inhalt und die Person – wie bei Twitter durchaus üblich – wäre bei Facebook als Reaktion auf originäre Inhalte eher kontraproduktiv für die Fortsetzung der Kommunikation. In vielen Fällen würde es wohl das Ende einer „Freundschaft“ zwischen den Akteuren bedeuten, wenn das Babyfoto mit einem herzhaften Dislike bedacht wird. Der Raum für Negativität heißt Forum und schafft einen Diskursraum zweiter Ordnung, in dem sich auch zwei am ursprünglichen Inhalt Unbeteiligte aber über den Absender Hineinvernetzte austauschen können. Während Facebook diese geteilte Aufmerksamkeit abschöpft, fokussiert Instagram auf produzierte Aufmerksamkeit. Bei Instagram spielt dieser Boxring keine Rolle. Es gibt keine Debatte, die gewonnen werden könnte, wie auf Facebook oder noch konzentrierter auf Twitter, wo ausschließlich der Diskurs dazu geeignet ist, Aufmerksamkeit auf die eigene Person zu lenken. Bei Instagram dominiert das Bild, die Gedanken dazu sind sekundär. Instagram lebt durch die Expositur von
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Privatheit oder inszenierter Privatheit und verzichtet auf Öffentlichkeit, die sich über Kommunikation unbeteiligter Dritter konstituiert. Instagram ist Kunst „Der Verlust der Öffentlichkeit hinterlässt eine Leere, in die sich Initimitäten und Privatheiten ergießen. An die Stelle der Öffentlichkeit tritt die Veröffentlichung der Person. Die Öffentlichkeit wird dadurch ein Ausstellungsraum. Sie entfernt sich immer mehr vom Raum des gemeinsamen Handelns. [...] So baut sie die Öffentlichkeit, das öffentliche, ja kritische Bewusstsein ab und privatisiert die Welt. Das Netz verwandelt sich in eine Intimsphäre oder in eine Wohlfühlzone.“ Während dieser Befund von Byung-Chul Han unbeabsichtigterweise, aber ausgezeichnet auf Instagram anzuwenden ist, kann er keinesfalls auf alle Marktbegleiter im Social Web übertragen werden. Twitter entwickelte sich zum Gegenteil einer Wohlfühlzone. Die Plattform baut sich am Diskurs auf. Ihre Aufmerksamkeitsökonomie ist abhängig vom Widerspruch, der provoziert wird, aber oft nur so lange
toleriert wird, wie die Deutungsherrschaft mächtig ist, abweichende Meinung gering zu halten. Dann wandelt sich die Duldung jäh zum Löschungsbegehren – paradox, weil das Unterbinden von Widerspruch dazu führt, dass die Gesamtaufmerksamkeit abnimmt. Jede Verletzung soll vermieden werden, obwohl genau aus der Verletzung selbst die Energie geschöpft wird, Öffentlichkeit aufzubauen. Die Aufforderung an das Gegenüber, sich selbst zu löschen, entzieht der Empörung ihren Nährboden. Die Siegessehnsucht der Akteure, Twitter zu einem ideologisch reinen Ort der Wahrheit zu machen, wird sei Dank unerfüllt bleiben. Sie würde genau jene Wohlfühlzone erzeugen, die dem kritischen Bewusstsein abträglich ist. Zu viel Nähe in den sozialen Netzwerken vernichtet nämlich objektive Spielräume. Wenn Instagram also Kunst ist, dann ist Twitter Wahrheit. Sie wirken wie zwei Pole, die die Welt der sozialen Netzwerke an den Rändern vervollständigen oder wie @FriedrichNietzsche es ausdrücken würde: „Die Wahrheit ist hässlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“
Instagram-Selfie des Autors 2018
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Esther Stocker
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Steirische Eichen aus ukrainischen Wäldern In ukrainischen Wäldern wird Raubbau an der Natur betrieben – unter anderem für österreichisches Parkett, das als heimisch und nachhaltig angepriesen wird.
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er Mann aus dem Osten Europas, der den entscheidenden Hinweis gibt, kneift die Augen zusammen. Er überlegt, ob er die nächsten Sätze aussprechen soll. Sie könnten eine Recherche beenden, bevor sie überhaupt erst begonnen hat. „Eines muss klar sein“, sagt der Informant dann schließlich doch, „dort, wo das Holz für das schöne Parkett herkommt, herrscht die Mafia. Diese Leute schrecken vor nichts zurück. Für die steht viel auf dem Spiel. Es geht um ein sehr gut gehütetes Geheimnis und am Ende auch um Millionen von Euro. Ihr müsst überlegen, ob ihr euch mit denen wirklich anlegen wollt.“
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Österreich ist Parkett-Großmacht Das ist der Beginn einer langen Reise zu den Abgründen eines Produkts, das recht unspektakulär wirkt – und das eine umso erstaunlichere Geschichte in sich birgt. Sie handelt von Globalisierung, Gier und Gewalt, von rauen Mengen an illegalem Holz und von Gütesiegeln, die all das decken. Dabei ist Holzparkett ein Produkt, das beliebt ist, das Räumen eine wohlige, heimelige Atmosphäre verleiht, das einen grünen Fußabdruck hinterlässt – und mit dem sich Millionen verdienen lassen. Seit Jahren steigt die Nachfrage. Allein 2018 wuchs der Markt in Österreich um 4,6 Prozent auf 5,5 Millionen
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verkaufte Quadratmeter. Mit dieser Menge ließe sich Wiens gesamter erster Bezirk gleich zweimal komplett auslegen. Jedes Jahr, versteht sich. Von der edlen Landhausdiele bis zum feinen Fischgrät – in keinem anderen Land Europas (mit Ausnahme von Schweden) werden mehr Holzböden verlegt als in Österreich. Das nützt den heimischen Herstellern, die 2018 143 Millionen Euro Umsatz machten und sich zumeist über hohe Renditen freuen können. Auch weil sie nach Schweden und Polen der drittgrößte Exporteur Europas sind. Der Marktführer Weitzer betreibt eigene Schauräume in Deutschland – gut die Hälfte des produzierten Parketts wird beim großen Nachbarn abgesetzt. Beim Hersteller Scheucher gehen gar 75 Prozent des Parketts in den Export, und da vornehmlich auch nach Deutschland und in die Schweiz. So findet sich österreichisches Parkett selbst im Pariser Eiffelturm, wie Weitzer stolz anführt.
sche Hölzer und reduzieren Transportwege auf das Notwendigste“, verspricht in einem Werbevideo etwa die Firma Admonter, die im Eigentum des dortigen Benediktinerstifts und damit der katholischen Kirche steht. Die Botschaft klingt eindeutig: Steirische Eichen aus heimischen Wäldern ergeben edle Parkette. Der „sorgsame Umgang mit der Natur“ stehe dabei im Vordergrund, „Nachhaltigkeit ist garantiert“, wird Kunden besonders in Zeiten des Klimawandels versichert. So wirbt der Marktführer Weitzer Parkett damit, dass sein Holz von „glücklichen Bäumen“ aus „nach-
„Wir nutzen heimische Hölzer“ Blickt man in die Prospekte dieser Hersteller oder sucht deren Schauräume in größeren Städten auf, wird rasch klar, dass sie ihr „Made in Austria“-Image geschickt pflegen. Gern wird in Bildern und Videos der Waldreichtum der Steiermark gepriesen, in der die drei Großen der Branche beheimatet sind. „Wir nutzen heimi-
haltiger Forstwirtschaft aus einem Umkreis von maximal 250 Kilometer“ käme. Die Eiche, welche mit etwa 80 Prozent der Verkäufe die beliebteste Holzart für Parkett ist, stamme „vorwiegend aus Österreich, Ungarn und Kroatien“, heißt es dazu konkret im Katalog. Die Parkette kosten, je nach Ausführung, zwischen 40 und 110 Euro pro Quadratmeter.
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Obwohl Firmen nachweislich mit illegalem Holz handelten, kam es zu keiner Anklage.
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Erstes Indiz: Die Importvolumina Am Anfang dieser Geschichte steht nicht mehr als ein Hinweis. Ihm zufolge sollen große Mengen der Deckschicht des Parketts nicht aus Österreich oder besagten Nachbarländern stammen, sondern in Wirklichkeit aus der Ukraine kommen. Die 3,2 Millimeter dicke Deckschicht, auch Lamelle genannt, wird meist aus Eichenholz gefertigt und bildet den wertvollsten Teil eines Parkettbodens. Die darunter verwendete Trägerschicht ist aus weitaus billigerer Fichte und häufig ein Abfallprodukt der Holzverarbeitung. Die Lamelle ist jedoch der entscheidende Teil, der teure – der, auf dem wir stehen und gehen, der, den wir sehen. Kann das also stimmen? Auf Anfrage von Addendum stellt die Statistik Austria Daten zu Importen aus der Ukraine zur Verfügung. Unter der Codenummer 4408 sind darin Furniere und Lamellen vermerkt. Die Zahlen sind eindeutig: Zwischen 2014 und 2018 verdoppelte sich deren Einfuhr aus der Ukraine auf zuletzt 11.300 Tonnen im Jahr. Doch wie gelangen solche Mengen überhaupt nach Österreich? Ein Herbsttag im südsteirischen Ort Zehensdorf liefert eine erste mögliche Antwort. Dort hat am Rande eines Waldes die Scheucher Holzindustrie ihr Werk. Sie zählt neben Admonter, Weitzer und Parador zu den vier
Großen der Branche. Mit 200 Mitarbeitern machte Scheucher 2017 einen Umsatz von 52,7 Millionen Euro und bescherte der Eigentümerfamilie einen Gewinn von 10,7 Millionen. Eine potenzielle Erklärung für die hohe Marge bahnt sich nach Stunden des Wartens ihren Weg über eine schmale Landstraße: Es ist ein unscheinbarer fünfachsiger Lkw ohne jede Aufschrift auf den Planen. Beim Werkstor von Scheucher biegt er ab. Im letzten Morgennebel wartet er am Schranken auf Einlass. Im Inneren des Lkw ist Platz für bis zu zwanzig Tonnen Lamellen. Das Kennzeichen des Schwerfahrzeugs? Ein Rayon im Westen der Ukraine, weit über tausend Kilometer von Scheuchers Firmensitz entfernt. Das Omen: Tayfun und Zunami Weitere Addendum-Recherchen fördern erste Namen von ukrainischen Firmen zutage, die genau solche Lamellen anfertigen und die österreichische Parkettindustrie damit beliefern sollen. Zwei dieser Zulieferer heißen Tayfun und Zunami. Die Namen schienen wie ein Omen, denn
ihr Auftreten glich einem Sturm, der viele Lieferanten vom Markt fegen sollte. Preislisten der ukrainischen Firmen, über die Addendum verfügt, zeigen nämlich, dass diese den Quadratmeter Lamelle um bis zu 50 Prozent unter dem in Mitteleuropa üblichen Preis anbieten; eine Differenz, die sich mit dem geringeren Lohnniveau in der Ukraine nicht hinreichend erklären lässt. Der niedrige Preis steht somit auch für ein Rätsel – er zeigt, worin der Reiz der Ukraine liegt, verbirgt aber noch die dahinterstehende Geschichte. Flug 6736 setzt auf der Piste im ukrainischen Lwiw auf. Die Stadt gilt als Zentrum im Westen des Landes und war bis 1918 unter dem Namen Lemberg die Hauptstadt Galiziens und damit Teil der k. u. k Monarchie. 60 Kilometer östlich davon führt eine von Schlaglöchern übersäte Straße in ein kleines Dorf. Es muss derselbe Weg sein, den auch schwerbewaffnete Männer mit schwarzen Sturmhauben über ihren Gesichtern 2016 genommen haben. Es waren Fahnder des ukrainischen
Inlandsgeheimdienstes SBU, die die Produktionsstätte des Lamellenproduzenten Tayfun stürmten. Der Zugriff auf den Lieferanten der Österreicher war Teil einer Razzia gegen ein kriminelles Syndikat, das großflächig und illegal Eichen- und Eschenholz schlug. Die Ermittler hatten herausgefunden, dass mehr als tausend Menschen Teil dieses Netzwerks waren, welches Strohmänner anheuerte und dutzende Scheinfirmen gründete, die zum Weiterverkauf des Holzes dienten. Die Baumstämme wurden nachts, damit es im Dorf keinem auffallen sollte, mit Lkw auch zu Tayfun gekarrt. Dort wiederum arbeiteten hunderte Menschen in drei Schichten, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche an einem Wunder – sie schufen aus illegal gefällten Bäumen legale Lamellen. Die Fahnder wurden bei der Razzia rasch fündig und stellten auf dem Werksgelände von Tayfun 3.918 Eichenstämme ohne Papiere und Zertifikate sicher. Allein der Schwarzmarktwert dieses Holzes belief sich auf 19 Millionen Griwna, umgerechnet fast 700.000 Euro.
Illegal abgeholzte Waldflächen in der Ukraine
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Ein einflussreicher Parlamentarier Es ist ein sonniger Samstagnachmittag. In den Hallen, die Tayfun als Betriebsstätte angibt, wird gearbeitet. Menschen gehen ein und aus, ein Lkw fährt zum Tor. Ein Logo, ein Schild oder auch nur einen einzigen Hinweis, dass dies der Sitz von Tayfun ist, sucht man jedoch vergeblich. Nur im Dorf bestätigt jeder, dass es sich bei der scheinbar verdeckt tätigen Firma um den Lamellenproduzenten handelt. Aleksandra Gubytska ist zum ersten Mal hier und erstaunt darüber, dass Tayfun arbeitet, nach all dem, was sie in Gerichtsakten über die Firma gelesen hat. Sie ist Investigativjournalistin bei der Plattform Naschi Groschi (Unser Geld) und recherchierte für die britische Umwelt-NGO Earthsight und Addendum, wie es nach besagter Razzia weitergegangen war. „Obwohl Tayfun nachweislich große Mengen illegalen Holzes bezogen hatte und Teile davon beschlagnahmt wurden, kam es zu keiner Anklage gegen die Firma. Sie reichten einfach Papiere nach und bekamen später sogar ihr Holz wieder zurück“, berichtet sie. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Eine Meldung gibt jedoch einen Hinweis. Das Portal real-vin.com berichtete damals von einem ominösen Mann, der noch während der Razzia aufgetaucht war und sich als gewählter Abgeordneter des ukrainischen Parlaments zu erkennen gab. Er versuchte, die Polizeiaktion zu stoppen, schüchterte die Beamten ein und drohte ihnen mit „Schwierigkeiten“. Die Journalistin Gubytska, die seit Jahren auch für die britische NGO Earthsight zu Korruption im Forstsektor recherchiert, kennt solche Fälle zur Genüge: „Mit Geld und Einfluss lassen sich in unserem Land leider die meisten Dinge recht rasch regeln, Ermittlungen abdrehen und ganze Verfahren einstellen.“ Der korrupte Forstdirektor Gubytska ist eine, die mutig dagegenhält und doch wenig überrascht ist, dass Tayfun aktuell erneut Teil umfangreicher Ermittlungen ist. In Charkiw, weit im Osten der Ukraine, steht der dortige Forstdirektor Viktor Sisa unter Verdacht, über Jahre hinweg illegal in jenen Staatswäldern gerodet zu haben, die ihm zur Verwaltung unterstehen. Al-
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lein seit 2018 haben er und sein Clan dort Holz im Schwarzmarktwert von mehr als 3 Millionen Euro auf die Seite geschafft. Insidern zufolge sollen die Lagerdepots für das Holz gar dem aktuellen Innenminister der Ukraine, Arsen Awakow, zuzuordnen sein. Forstdirektor Sisa wurde in der Zwischenzeit jedenfalls festgenommen. Später erwischte man ihn, als er einem Sonderermittler 100.000 Dollar in bar dafür bot, sein Verfahren einzustellen. Bei den Kahlschlägen, die er zu verantworten hat, war eine Holzart besonders begehrt, weil sie am meisten Geld einbringt und im
Die Lagerdepots für das Holz sollen dem Innenminister der Ukraine zuzuordnen sein. Ausland stark nachgefragt wird: die Eiche. Einer der Abnehmer des Mafia-Holzes: eben Tayfun – der geheime Zulieferer der vier großen österreichischen Parkettproduzenten. 178 Lkw nach Österreich Addendum gelangte in den Besitz von Zolldaten, die erstmals das Ausmaß der Verbindung zwischen Tayfun und seinen österreichischen Abnehmern offenlegen. In den Papieren sind alle Lieferungen zwischen Jänner 2018 und Mai 2019 vermerkt. Demnach bezogen die vier Großen der Branche, Admonter, Parador, Scheucher und Weitzer, in diesem Zeitraum 3.346.350 Kilogramm an Lamellen von Tayfun und bezahlten dafür 14.757.881 US-Dollar. 178 Lkw fuhren die über tausend Kilometer lange Strecke zwischen dem kleinen ukrainischen Dorf und den Standorten in der Steiermark und dem Burgenland. Gerade als der Addendum-Fotograf das Tayfun-Werk mit der Kamera ins Visier nehmen will, stürmt ein schwarz gekleideter Mann vor die Firma. Er gestikuliert wild, spricht Drohungen aus und versucht, die Arbeit zu unterbinden. Später prescht eine silberfarbene Limousine vorbei, aus der Männer das Addendum-Team filmen.
Addendum
Angriff auf eine Journalistin Wer annimmt, das alles sei bereits abgründig genug, irrt – es ist erst der Anfang. Gut 200 Kilometer weiter nördlich, in der Region Wolhynien, sitzt eine Frau im Auto, die weiß, was es bedeutet, angegriffen zu werden. Sie heißt Natalia Politschuk, ist TV-Reporterin beim lokalen Sender „Avers“ und eine couragierte Frau. Illegale Abholzungen großer Flächen sind in der waldreichen Region ganz im Nordwesten der Ukraine schon länger ein brisantes Thema. „Die Menschen hier macht es traurig und zornig zugleich, wenn sie sehen, wie unsere Wälder immer kleiner werden, langsam verschwinden, und ganz wenige dadurch immer reicher“, sagt sie. Auf der Straße kommen ihr Sattelschlepper voller Baumstämme entgegen, und immer schaut Politschuk, ob sie auf ihnen schwarze Plaketten entdeckt. Diese werden von den staatlichen Forstdirektionen nach dem Fällen auf die Stämme geklammert und sollen die Legalität belegen. „So entstand voriges Jahr die Idee für einen TV-Beitrag. Mein Kameramann und ich wollten bei den Firmen der Region nachsehen, ob sie auch nur legales Holz weiterverarbeiten.“ Das ging so lange gut, bis sie bei einem weiteren Zulieferer der Österreicher eintrafen – Zunami. Politschuk entdeckte auf deren Gelände hunderte Stämme ohne Legalitätsplaketten, ihr Kameramann begann zu drehen. Wenige Minuten später war er verschwunden. Sie berichtet, dass ein Mann brüllend auf sie zustürmte, sie am Arm packte, ihr den Handknöchel verdrehte, ihr Handy zu Boden warf und sie wegzerrte. Sie fand sich in einem versperrten Raum wieder, in dem sich auch ihr Kollege bereits befand. Er war zuvor geschlagen, seine Aufnahmen gelöscht und die Kamera zertrümmert worden. Die beiden Journalisten wurden in dem Zimmer festgehalten, ein weiterer Mann bedrohte sie dort mit einer Pistole. Als die Polizei eintraf, stellte sich heraus, dass es sich bei den Beamten um die Ex-Kollegen des Zunami-Sicherheitsmannes mit der Pistole handelte. Entsprechend widerwillig nahmen sie die Anzeigen der Journalisten auf. Besonders, als sie erkannten, was Natalia Politschuk erst viel später er-
fahren sollte – nämlich, dass ihr erster Angreifer nicht etwa ein außer Kontrolle geratener Security war, sondern Ruslan D. selbst, der Eigentümer von Zunami und Geschäftspartner der Österreicher. Zunami und die mächtigen Männer „Ich habe ihn auf einem Foto wiedererkannt“, erklärt Politschuk heute, „er und sein Kompagnon sind sehr mächtige Männer hier.“ Der eine, Ruslan D., ist seit Jahrzehnten in der Forstwirtschaft aktiv, sitzt in entscheidenden Gremien und kennt alle relevanten Player in der staatlichen Forstverwaltung, welche 87 Prozent der Wälder in der Ukraine kontrolliert. Sein Partner wiederum unterstützte nach der Revolution auf dem Kiewer Maidan den ultranationalen und paramilitärisch organisierten „Rechten Sektor“, kandidierte selbst als Abgeordneter und forderte etwa die Todesstrafe für überführte Richter. So verwundert es kaum, dass auch in diesem Fall die Verfahren im Sand verliefen und eingestellt wurden. Für Politschuk ist das Fazit klar: „Wir haben entdeckt, was keiner sehen sollte, und sind jemandem gefährlich geworden, der das nicht duldet.“ Später meldet sich Zunami-Chef Ruslan D. selbst bei Addendum. Er beschreibt sich als langjähriger Kämpfer gegen die Korruption im Forstsektor.
Sein Anliegen sei es, das Monopol der Staatsforste zu überwinden. Er sendet dazu von ihm angefertigte Studien und genau deswegen würden nun gewisse „Oligarchen-Clans“ versuchen, ihn zu diskreditieren. Auch bei dem Angriff auf das TV-Team fühlt er sich missverstanden, wie seine Frau, die Deutsch spricht, in einem Telefonat erklärt. Das Holz sei sicher legal gewesen, meint sie, die Journalisten wären hingegen gar keine gewesen. Sie hätten „nicht richtig nachgesehen und ohne Lizenz auf unserem Gelände gefilmt“. Auch die Speicherkarten der Kamera seien nicht zerstört worden, um Beweismaterial zu vernichten, sagt sie und bemüht einen Vergleich: „Ich werde morgen zu Ihnen kommen, um in Ihrem Privatleben, in Ihrem Haus alles zu filmen. Ist das okay?“ Reporterin Politschuk jedenfalls steht erneut vor dem Tor von Zunami. Davor parken Lkw, deren Fahrer ihr nach einigem Zögern bestätigen, später voll beladen Firmen in Österreich anzusteuern. Seit dem Angriff auf die Journalisten hat Zunami einen Kredit über 3 Millionen Euro von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) erhalten, welche unter anderem von der EU-Kommission getragen wird. Das Geld dürfte auch in Sicherungsanlagen geflossen sein, denn Politschuk entdeckt nun überall neue Kameras und Tore. „Ist
das normal“, fragt sie, „dass Journalisten angegriffen werden, wenn sie in einer Firma illegales Holz filmen und deren Chef später noch Geld von der EU bekommt?“ Wie lukrativ das Geschäft mit den Lamellen ist, beweist auch die private Residenz von Ruslan D. Mitten in einem Wald, wo sonst jedes Gebäude illegal ist, führt die neu asphaltierte Straße nach einem Schranken zu einer modernen Villa. Sie ist mit Kameras bestückt und von einem vier Meter hohen Zaun umgeben. Waffen, Briefkästen, Banken Für die vier österreichischen Parkettunternehmen ist Zunami ein noch wichtigerer Zulieferer als Tayfun. Addendum vorliegende Unterlagen belegen, dass in besagtem Zeitraum von Jänner 2018 bis Mai 2019 insgesamt 258 Lkw aus der Ukraine zu ihnen aufbrachen. Sie ließen sich 5.020.972 Kilogramm an Lamellen liefern und bezahlten dafür 21.184.585 US-Dollar. Dieses Geld floss aber anscheinend nicht direkt in die Ukraine, sondern nahm einen Umweg über die „Geldwaschmaschine Lettland“, wie Die Presse das Bankensystem des baltischen Staates einmal unrühmlich nannte. Addendum verfügt über Belege, die zeigen, dass Zunami die dortige Rietumu Bank nutzt. Über diese
Die Reporterin Natalia Politschuk wurde auf dem ZunamiFirmengelände geschlagen und mit einer Waffe bedroht.
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wurde erst 2017 von der französischen Justiz eine Strafe von 80 Millionen Euro wegen Beihilfe zur Steuerflucht verhängt. Lettland ist noch nicht die Endstation dieses Finanzkarussells. Die liegt vielmehr in einem braunen Backsteinbau, der so aussieht, wie ihn ein Kind zeichnen würde. Eine Holztür, daneben links und rechts je ein Fenster, darüber ein Dach. Die Adresse? 44 Main Street, Douglas, South Lanarkshire, Schottland. Das Haus in dem verschlafenen Bergarbeiterstädtchen ist längst berüchtigt. Es liegt gegenüber des örtlichen Pubs und dient tausenden Scheinfirmen als Anschrift für dubiose Deals und arrivierte Steuerhinterziehung. Nach dutzenden Skandalen geriet die Adresse zuletzt wieder in die Schlagzeilen, als ukrainische Schmiergeldzahlungen für Waffenlieferungen in den Nahen Osten die Umleitung über die 44 Main Street nahmen. Den Österreichern sowie den Eigentümern
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von Zunami könnte die Adresse durchaus bekannt sein, da dort eine Briefkastenfirma der Ukrainer namens Daytime Investments L.P. registriert ist. Sie dient der Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Doch wie sagte Zunami-Chef Ruslan D. vor gut drei Jahren in einer wohlwollenden ukrainischen TV-Doku über die Abgründe im Holzgeschäft: „Lerne, das Gesetz zu respektieren. Und fang bei dir selbst an.“ Auf der Fahrt zurück nach Lemberg empfiehlt sich ein kleiner Umweg. Er führt in ein elegantes Vorstadtviertel, in dem sich prächtige Villen aneinanderreihen. Eine, die aussieht, als stünde sie nicht im Westen der Ukraine, sondern irgendwo in den Südstaaten der USA, erweckt Aufmerksamkeit. Das Anwesen ist auf die Frau des Forstdirektors des Lemberger Gebiets gemeldet. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ihr Mann offiziell maximal 700 Euro im Monat verdient. Familienangehörige werden
Addendum
von Staatsdienern gern dafür herangezogen, Eigentum zu verschleiern. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International belegt die Ukraine Platz 120 von 180 untersuchten Staaten – sie gilt damit nach Russland als das korrupteste Land in Europa. 40 Prozent illegales Holz in die EU Ein Wald in den Ausläufern der Karpaten, der zum Gebiet des feudal residierenden Forstdirektors zählt, von dem auch Zunami Holz bezieht, wird zur letzten Station der Reise. Die Fahrt dorthin führt durch Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Scharen von Gänsen watscheln an geduckten Holzhäusern vorbei, während alte Ladas zwischen Schlaglöchern einen Weg vorwärts suchen. Vom Straßenrand zweigen Wege in den Wald ab, der zumeist aus alten Eichen besteht und als Naturreservat geschützt ist.
Yehor Hrynyk, ein junger Biologe, marschiert voran. Er zeigt seltene Pilze, spricht von bedrohten Tierarten und meint damit ein ganzes Ökosystem, das in Gefahr ist. Umweltschützer wie er führen einen verzweifelten Kampf, solange der Westen wichtigster Abnehmer für illegales Holz aus der Ukraine bleibt. Die britische NGO Earthsight hat in einem Aufsehen erregenden Report dargelegt, dass das meiste in die EU importierte illegale Holz nicht etwa aus den Tropen, sondern aus der Ukraine stammt. 70 Prozent des dort gefällten Holzes im Wert von mehr als einer Milliarde Euro gehen jährlich in die EU. 40 Prozent davon dürften illegal geerntet oder gehandelt worden sein. Wie dies besonders österreichische Holzgiganten im Nachbarland Rumänien für sich zu nutzen wissen, stellte Addendum bereits ausführlich dar. „Österreich spielt in der EU eine entscheidende Rolle als Abnehmer von ukrainischem Holz“, sagt auch Tara Ganesh, die für Earthsight seit drei Jahren zu illegalen Praktiken in der Ukraine recherchiert. „Diese mächtige österreichische Holzlobby sollte ihr Gewicht nützen, um sinnvolle Reformen des Forstsektors und der Zertifikate für Nachhaltigkeit in der Ukraine anzustoßen. Stattdessen belegt der nun von Addendum aufgedeckte Fall der Parketthersteller jedoch, dass auch diese Firmen weitermachen wie bisher, um ungehindert an billiges ukrainisches Holz zu gelangen.“ Holzfäller im Naturschutzgebiet Den Recherchen über die Zulieferfirmen fügt Yehor Hrynyk das größere Bild hinzu. „Dort, hört ihr sie?“, fragt der Biologe plötzlich, hält an und legt den Zeigefinger auf die Lippen. „Sie dürften dort drüben sein“, flüstert er nun. Laub raschelt. Er deutet nach rechts, von wo leise Motorsägen zu hören sind. Er folgt dem Geräusch und stößt bald auf dicke Furchen von Lastwagen, die sich einen Weg durch die Wildnis geschlagen haben. Gefällte Baumriesen tauchen auf, zwei Männer zersägen sie, ein dritter hievt mit einem Greifarm die Stämme auf den Lastwagen. Rasch rottet sich eine Gruppe Holzfäller zusammen. Erst mustern sie Hrynyk, kommen dann aber mit ihm ins Gespräch.
„Es ist genau das, was ich zeigen wollte“, wird er später sagen, „wir sehen hier Holzeinschlag mitten in einem Naturreservat, wo wertvolle Eichen gefällt werden. Das wäre natürlich illegal, geschieht aber unter dem Vorwand, dass es sich um Sanitärhiebe handelt. Die Bäume werden aus fadenscheinigen Gründen als krank kategorisiert und umgeschnitten, dann aber auf manipulierten Auktionen als gesund und teuer verkauft, weil ja Papiere vorhanden sind.“ Da der Druck immens ist, mehr Holz aus den Wäldern zu holen, um die Nachfrage aus dem Westen zu stillen, reicht der kommerzielle Einschlag allein nicht mehr aus. Die von Korruption zerfressenen Staatsforste
Die Staatsforste fällten mehr Holz durch Sanitärhiebe als durch regulären Einschlag. fällten durch solche Sanitärhiebe zuletzt 12,4 Millionen Kubikmeter Holz, während der reguläre Einschlag nur 9,4 Millionen ausmachte – die Ausnahme ist somit zur Regel geworden, der Sanitärfall zur Normalität. „Das ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten, mit denen staatliche Forstbetriebe die Regeln umgehen und sich deren bestochene Chefs bereichern“, erklärt Hrynyk: „So gelangen Zulieferer zu Holz weit unter dem Marktpreis. Verstöße nachzuweisen fällt enorm schwer, Kontrollen sind selten, Strafen niedrig.“ Das Versagen des FSC-Gütesiegels Es gibt somit drei Arten von Holz in der Ukraine: das legale, das illegale und das legalisierte. Letzterem verhelfen ein korruptes System, massive gesetzliche Schlupflöcher und mangelnde Kontrollen zu Papieren. Auch das System mit den Legalitätsplaketten auf den Baumstämmen gibt selten hinreichende Sicherheit. Gut also, dass ein weltweit anerkanntes Gütesiegel existiert, welches auch in der Ukraine von sich behauptet, legale und nachhaltige Forstwirtschaft zu garantieren: FSC, das Forest Ste-
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wardship Council. Dieses verspricht, zertifizierte Betriebe einmal im Jahr zu kontrollieren, dabei Dokumente zu prüfen und Inspektionen in Wäldern vorzunehmen. In der Praxis jedoch scheitert dieses System in der Ukraine signifikant. Earthsight kritisiert, dass bei den im Vorhinein angekündigten FSC-Inspektionen zwar das Vorhandensein geeigneter Arbeitshosen für Holzfäller und das Ausliegen der Forstgesetze in ihrer aktuellen Fassung vorbildlich kontrolliert würden, Fälle großangelegter Korruption aber völlig übersehen blieben. Misstrauen erweckt auch, dass die Mehrzahl der regionalen Staatsforstbetriebe und somit der Großteil der ukrainischen Wälder FSC-zertifiziert ist. Diese behalten ihr Gütesiegel selbst bei Korruptionsermittlungen. Und für den Fall, dass sie es doch einmal verlieren sollten, lässt es sich binnen kurzer Zeit neu beantragen. Das FSC-System mag daher zwar im Westen ein taugliches Instrument sein, scheint aber auf die ausufernde Korruption in der Ukraine keineswegs ausgelegt, sodass es Earthsight zufolge nicht in der Lage ist, „das Risiko illegaler Holzimporte effektiv zu reduzieren“. Der Biologe Yehor Hrynyk und sein Freund, der Umweltwissenschaftler Petro Tiestov, sind gegenüber dem Gütesiegel mehr als misstrauisch. Tiestov hat ganze Ordner mit Fällen gefüllt, in denen FSC seiner Verantwortung nicht gerecht wurde. Da aber die österreichischen Parketthersteller sich ihrer FSC-Zertifikate rühmen und auch deren verdeckte Zulieferer Tayfun und Zunami über solche verfügen, hat Tiestov sich diese genauer angesehen. Rasch fand er bei jenen regionalen Staatsforstbetrieben, die Zunami beliefern, Verstöße gegen FSC-Standards. Sie reichen von Rodungen in Schutzgebieten ohne Genehmigung über illegal ausgestellte Papiere für Fällungen bis hin zu verbotenen Sanitärhieben in der Ruhezeit der Tiere. „Es ist symptomatisch, dass bei FSC-Kontrollen dann aber nur jene Zulieferer von Zunami ausgesucht wurden, bei denen es keine Probleme gab“, sagt Tiestov. Das mag auch daran liegen, dass Zunami-Boss Ruslan D. in dem Gremium sitzt, das die FSC-Standards festlegt. Massen an illegalem Holz in
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einem von Korruption zerfressenen System, welches Wälder vernichtet und Ökosysteme nachhaltig zerstört, in dem kriminelle Kartelle agieren und Drohungen und Gewalt Alltag sind – die Recherchen zu den ukrainischen Zulieferern der Österreicher zeigen ein bedrückendes Bild. Zum Vorschein kommt ein System, das wie das Gegenteil dessen wirkt, was Firmen hierzulande anpreisen. Mit kurzen Transportwegen, sorgsamem Umgang mit der Natur und Nachhaltigkeit hat all das wenig gemein. Dabei ist das Gesamtausmaß der Lieferungen enorm. Die vier Hersteller Admonter, Scheucher, Parador und Weitzer bezogen zwischen Jänner 2018 und Mai 2019 allein von Tayfun und Zunami 8.300 Tonnen an Lamellen im Gesamtwert von 35,9 Millionen US-Dollar. Insgesamt 436 Lkw brachten das Holz nach Österreich. Doch die Ukraine-Connection könnte noch weitaus umfangreicher sein. Denn die Daten der Statistik Austria zeigen, dass die importierte Gesamtmenge größer ausfällt. Und Addendum verfolgte bislang nur die Spur zu den beiden wichtigsten Lieferanten.
somit einen klaren Verstoß gegen die EUTR.
Illegaler Holzimport Das alles geschieht jedoch nicht im rechtsfreien Raum. Seit dem Jahr 2013 gilt die sogenannte Europäische Holzhandelsverordnung (EUTR), welche den Import illegalen Holzes in die EU verhindern soll und die in allen EU-Mitgliedstaaten bindend ist. In den Umsetzungsdokumenten klassifiziert die EU-Kommission die Ukraine als „Hochrisikoland“ für Holzimporte und weist gerade bei Eichen explizit auf eine „besonders hohe Gefährdung“ hin. „Die EUTR schreibt daher vor, dass Erst-Importeure, also in diesem Fall die österreichischen Parkettfirmen, alle Maßnahmen ergreifen müssen, um mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen zu können, dass sie illegales Holz beziehen“, erklärt Johannes Zahnen vom WWF, der sich seit Jahren intensiv mit dem Gesetz beschäftigt. „Die EUTR sagt eindeutig, dass in einem Hochrisikoland wie der Ukraine dazu staatliche Dokumente oder freiwillige Zertifizierungen wie FSC nicht ausreichen, sondern die Firmen darüber hinaus weitere Recherchen anstellen müssen.“ Er ortet
wegen Verstößen gegen die Sorgfaltspflicht angezeigt. Um welche es sich handelt, teilt das Bundesamt aus Datenschutzgründen nicht mit. Für den Experten Johannes Zahnen ist diese Trefferquote ein weiterer Beleg dafür, dass es „bei der Umsetzung der EUTR massiven Nachholbedarf gibt. Kontrollen finden zu selten statt, und auch die vom Gesetz eingeforderten abschreckenden Strafen sind viel zu gering“, kritisiert Zahnen, der als Gegenbeispiel die USA anführt. „Dort gilt ein ähnliches Gesetz, und erst kürzlich wurde der größte Parketthersteller Amerikas zu 13,5 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Er hatte vorgegeben, für sein Parkett Eiche aus Europa zu importieren. In Wirklichkeit war das Holz illegal und stammte aus Russlands fernem Osten.“
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Trefferquote: Sieben von acht Zuständig für die Kontrolle der Importeure ist das österreichische Bundesamt für Wald, das dem Umweltministerium untersteht. Auf Anfrage von Addendum teilt man dort die Bewertung der Ukraine als „Hochrisikoland“. Vier Mitarbeiter seien für EUTR-Kontrollen zuständig, bei denen bewusst „ein Kontrollschwerpunkt auf Holzimporte aus der Ukraine“ gesetzt werde. Seit Inkrafttreten der EUTR kam es jedoch erst zu acht solcher Ukraine-Checks bei österreichischen Parkettproduzenten und Importeuren von Rohmaterial. Von diesen acht wurden gleich sieben
Die EU-Kommission klassifiziert die Ukraine als Hochrisikoland für Holzimporte.
Die Reaktionen der Firmen Die vier österreichischen Parkett-Hersteller reagieren ganz unterschiedlich, als sie Addendum mit den Recherche-Ergebnissen konfrontiert. Weitzer Parkett Als einzige der vier Firmen
Addendum
stimmt Weitzer Parkett einem persönlichen Gespräch zu. Darin bestätigt Geschäftsführer Josef Stoppacher die Lieferung von Lamellen durch insgesamt vier Firmen aus der Ukraine. Dass das Land in den Prospekten nicht auftaucht, sei aber „sicher keine bösartige Täuschung des Kunden“, sondern man habe es weggelassen, weil „die Ukraine keines unserer Hauptlieferländer ist“ und Botschaften gerade in der Werbung „kurz und knackig“ sein müssten. Man decke „um die 15 Prozent des Eichenparketts mit der Ukraine ab“. Die von Addendum recherchierten Zahlen zeigen, dass Weitzer mit 60 Lkw-Lieferungen im Vergleich tatsächlich die kleinste Menge von Tayfun und Zunami abnimmt. In einer Branche, in der jeder jeden kennt, lassen sich so auch rasch Schlüsse ziehen. „Es gibt in Österreich einen Mitbewerber, die beziehen, schätze ich mal, 90 Prozent aus der Ukraine“, sagt daher Technik-Chef Martin Karner. Als Addendum die Weitzer-Führung mit den Vorfällen bei ihren Zulieferern Tayfun und Zunami konfrontiert, ist diese sichtlich schockiert. „Wir hatten davon keinerlei Kenntnis. Die Vorkommnisse sind absolut verwerflich, und wir werden dem nachgehen und Prüfungen einleiten“, verspricht Geschäftsführer Stoppacher. In einer späteren schriftlichen Stellungnahme bedankt sich Weitzer, von Addendum über die besagten Vorwürfe informiert worden zu sein, und legt detailliert dar, welche Konsequenzen die Firma daraus ziehen werde. Parador Gleiches gelobt auch der Hersteller Parador, der am Standort Güssing produziert und im Eigentum einer indischen Gruppe steht. Man habe „aktuell zehn bis 15 Lieferanten aus der Ukraine, die auftragsabhängig für uns tätig sind“, heißt es, auch Tayfun und Zunami würden dazu zählen. Die Gesamt-Importmenge aus der Ukraine will die Firma nicht bekannt geben. Doch sie dürfte mit dieser Zahl an Zulieferern wohl klar über jenen 77 Lkw-Ladungen liegen, die die Addendum-Recherchen für den erwähnten Zeitraum zeigen. Dass das FSC-Zertifikat laut EUTR nicht ausreiche, um den Import von illegalem Holz aus der Ukraine zu verhindern,
Der Biologe Yehor Hrynyk fand Verstöße gegen die FSC-Standards.
sei Parador nicht bekannt gewesen. Ebensowenig die Erkenntnisse zu den Hintergründen der Zulieferer. Von „derartigen Geschäftspraktiken distanziert sich Parador ausdrücklich und versichert, dass wir diese in keiner Form gutheißen oder unterstützen“, man würde Prüfungen veranlassen und gegebenenfalls auch „eine Suspendierung einleiten“, heißt es in der Stellungnahme weiter. Admonter Im Gegensatz dazu gehen die Hersteller Admonter und Scheucher in ihren Stellungnahmen auf die Vorkommnisse bei den Zulieferern Tayfun und Zunami erst gar nicht ein. Admonter vermeidet es in seinem gesamten Statement, das Wort Ukraine überhaupt zu verwenden. Stattdessen verweist man auf Zertifizierungssysteme wie FSC und PEFC. Diese würden garantieren, dass „Produkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette Holz aus aktiv, nachhaltig und klimafit bewirtschafteten
Wäldern stammen“, sodass die Firma „auf die Korrektheit der externen Zertifizierung vorgelagerter Stellen vertrauen können muss“. Angaben zur Zahl seiner ukrainischen Zulieferer und der von dort bezogenen Mengen macht die Firma Admonter keine. Daher lässt sich nicht sagen, ob und wie viel Holz aus der Ukraine Admonter noch neben den von Addendum dokumentierten 100 Lkw-Ladungen bezogen hat. Wenn das Unternehmen sagt, dass „70 Prozent seines Holzeinsatzes aus Österreich stammt“, dann dürfte in diese Kalkulation auch das weitaus günstigere Fichtenholz einfließen, welches als Trägermaterial für das Parkett verwendet wird. Denn wie viel Prozent seines Eichenholzes Admonter aus der Ukraine bezieht, sagt das Unternehmen in seiner Stellungnahme nicht. Scheucher Die Firma Scheucher behauptet in ihrer Stellungnahme wiederum, „85 Prozent des verarbeiteten Holzes aus
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der EU“ zu beziehen, „der größte Teil davon stammt aus Österreich“. Wie sich dieser hohe Prozentanteil trotz derart großer Importmengen aus dem Nicht-EU-Land Ukraine ergibt, wird nicht nachvollziehbar. Denn die Addendum vorliegenden Zahlen zeigen, dass Scheucher mit 199 Lkw-Ladungen Lamellen der mit Abstand größte Abnehmer von Tayfun und Zunami unter den vier Herstellern ist. Scheucher bestätigt, dass ihnen diese beiden Firmen bekannt sind und verweist, wie auch schon die anderen Hersteller, auf die Nachhaltigkeitszertifikate und auf kürzlich stattgefundene Überprüfungen. „Zur Situation in der ukrainischen Forstwirtschaft können wir wegen fehlendem Detailwissen leider keine seriöse Antwort geben“, heißt es abschließend. Die Statements der Firmen in voller Länge und die Anmeldung zum Newsletter finden Sie auf: addendum.org/holzmafia
Erzählung von Michael Köhlmeier
Interview mit dem kriminellen Element Eine Story.
T E XT: M I C H A E L KÖ H L M E I E R FO TO : WO L F H E I D E R - S AWA L L | L A I F
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eutzutage kommt es selten vor, dass man einen Mörder kennenlernt; in früheren Zeiten dagegen war es kaum möglich, sechzig Jahre zu leben, ohne jemals mit jemandem in einen so gearteten Konflikt zu geraten, dass daraus kein Mord wurde. Tatsächlich bin ich erst in meinem neunundfünfzigsten Jahr einem Mörder begegnet. Mein Mörder ist insofern etwas Besonderes, als er im Unterschied zu den meisten anderen Mördern, die sowohl vor Gericht als auch bei der Beichte oder im privaten Gespräch glaubhaft versichern, sie hätten bis kurz vor ihrer Tat nie geglaubt, je ein Mörder zu werden, geschweige denn, es sich gewünscht, behauptete, schon als Kind den Gedanken gefasst zu haben, eines Tages ein Menschenleben auszulöschen. Er regte an, dass ich ihn in meinem Bericht „Gernot“ nenne, nach dem am wenigsten bedeutungsvollen Bruder aus der Nibelungensage, der aber ebenso wie Gunther und Giselher selbstverständlich Menschen getötet habe und wahrscheinlich nicht nur im Kampf. Ich dürfe allerdings nicht den Schluss ziehen, sein Bedürfnis nach Mord sei Folge einer, wahrscheinlich in der Kindheit gründenden, Identifikation mit dem Rittertum, also eine Art Don-Quichotte-Syndrom. „Als ich die Nibelungensage, in einer Bearbeitung für Kinder, las“, erzählte er mir, „sah ich darin nur eine Bestätigung meiner frühen Gedanken, nämlich dass es durchaus natürlich sei zu töten, was einem im Weg steht. Recht bald übrigens nahm
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ich die Tiere davon aus; wir töten sie, weil wir sie in toter Form brauchen, zum Essen, für Leder, für Hornknöpfe, für Pelzmäntel. Aber wie soll ich mir eine Situation denken, in der mir ein Tier im Weg steht, meinen Zielen, vor allem aber meinen ästhetischen Anforderungen an die Welt? Ein Tier ist ein Tier und als solches weder für seine Instinkte noch für sein Aussehen zur Verantwortung zu ziehen. Ich erinnere mich an meine erste Unzufriedenheit mit der Welt. Ich war nicht älter als vier, höchstens fünf. Ich hatte den Sommer bei meiner Großmutter in der Stadt verbracht, einer
„Ich saß auf einer Bank am Bahnhof und sah mir die Menschen an. Die meisten fand ich hässlich.“ großen Stadt, in der es viel zum Staunen gab für ein Kind, das aus einem Dorf kam – Autos, Straßenbahnen, U-Bahnen, Hochhäuser, Denkmäler, Alleen –, so viel, dass ich gar nicht dazugekommen war, die Menschen zu beobachten. Und dann saßen wir am Bahnhof, meine Oma und ich, viel zu früh, auf einer Bank am Bahnsteig saßen wir, und ich sah mir die Menschen an. Die meisten fand ich hässlich. Ein Kind gibt sich keine Rechenschaft über seine ästhetischen Kriterien ab. Ich fand sie einfach hässlich. Einer hatte eine Haut im Gesicht,
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die mich anwiderte, weil ich mir einbildete, ich könnte sie riechen; eine Frau trug ein Cape in einer Farbe, dass ich die Augen schmal machte, weil ich verhindern wollte, dass allzu viel davon in mich eindringe; ein dritter ging zwischen seinen beiden Koffern, der Mann hatte in seiner Erschöpfung die Unterlippe heruntergezogen, seine ungepflegten Zähne waren zu sehen, in den Mundwinkeln klebten Schaumkügelchen; eine alte Frau starrte mich an, vielleicht erriet sie meine Gedanken, so griesgrämig schaute sie, die Lippen hatte sie ganz in ihren Mund eingesogen. Meine Gedanken waren: Alle sollen tot sein; sie belästigen mich mit ihrer Hässlichkeit. Zu meinen Eltern sagte meine Großmutter: Er ist ein gutes Kind, er hat eine bewundernswürdige Geduld, er kann sich mit seinen eigenen Gedanken beschäftigen, nicht ein Mal hat er gequengelt. Habe ich auch nicht. Ich beschäftigte mich mit meinen Gedanken, und die waren: den da von hinten erstechen, die da von vorne erstechen, den da mit einem Schuss in den Kopf töten, die da erschlagen. Ich rechnete mir aus, nach meiner Säuberung würden auf dem Bahnsteig, außer meiner Großmutter und mir, nur noch sieben Menschen leben. Diese sieben Menschen würden mein Leben schöner machen. Es waren Frauen.“ Warum er ausgerechnet mir das alles erzähle, fragte ich Gernot. Weil ich ihn gefragt habe. Ich bat ihn, mir weiter zu berichten. „Man ist sich seiner ersten Eindrücke ja nicht sicher“, fuhr er fort.
„Ich glaube aber, damals auf dem Bahnsteig hatte ich beschlossen, ein Mörder zu werden. Das ist falsch ausgedrückt: Ich hatte mich darauf gefreut, ich hatte mir innig gewünscht, eines Tages zu töten. Wenn ich erst groß bin. Alle wichtigen Dinge werden vollbracht, wenn man groß ist. Erwachsen. Andere Kinder dachten damals, wenn ich achtzehn bin, gehe ich als Erstes ins Kino und schaue mir einen brutalen, schweinischen Film an. Ich dachte: Wenn ich achtzehn bin, bringe ich jemanden um. Das Glück, das ich am Bahnsteig empfand, als ich in Gedanken die Welt schöner machte, indem ich die Hässlichen vernichtete, dieses Glück vergaß ich nicht. Noch heute ist es mir gegenwärtig wie kein anderes Gefühl. Nur eine Sorge hatte ich: dass ich vielleicht nicht so lange lebe, bis ich alt genug bin, jemanden zu töten. Denn bei dem großen Auslöschen am Bahnsteig waren auch
Über den Autor Der Vorarlberger Michael Köhlmeier gehört zu den bekanntesten Literaten Österreichs.
Kinder betroffen, und ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass ein anderer ähnliche Gedanken hatte wie ich und dass ich in seinen Augen hässlich war und er mich erstechen, erschießen, erschlagen würde, ehe mir gleichsam von der Natur die Lizenz zum Töten verliehen würde. Und dann war ich achtzehn. Ich hatte liebevolle Eltern, aufmerksame Eltern, gerechte Eltern; aber sie waren weder im Übermaß liebevoll und aufmerksam noch war ihnen Gerechtigkeit ein marmornes Prinzip, neben dem sie keine Schwäche hätten gelten lassen. Ich habe eine Schwester und einen Bruder, beide sind wohlgeraten, alle drei können wir einander gut leiden. Sie sehen, in unserer Familie gab es keinen Hebel für eine Neurose. Darauf kann ich mich nicht hinausreden und will es auch nicht. Ich bin kein Mörder geworden, weil irgendjemand, auch nicht die sogenannte Gesellschaft, meine Seele verhunzt hätte, sondern weil ich es wollte. Unbedingt wollte. Seit meiner Kindheit mir wünschte. – Dann war es so weit. An meinem achtzehnten Geburtstag tötete ich den Elektriker Egon Friesbach (der Name ist frei erfunden). Ich kannte ihn nicht, ich hatte ihn vorher nie gesehen, er hat mir nichts getan. Aber er war – leider wie die meisten Menschen – hässlich. Er hatte eine hässliche Haarfarbe, so unbedeutend war sie, dass sie auf keiner Farbskala zu finden wäre; außerdem hatte er einen Ansatz zu einem Buckel und Schwitzflecken auf dem Hemd unter seinen Achseln. Und noch einige unschöne Dinge waren mir aufgefallen. Ich hatte mich auf diesen Mord gut vorbereitet. Ich sagte mir, der Kandidat muss wenigstens zehn verschiedene Hässlichkeiten vorweisen. Ich wollte nicht kleinlich sein. Nach dem Mittagessen – dem Geburtstagsmittagessen – machte ich einen Spaziergang durch unseren Ort. Im Ärmel hatte ich das Fleischmesser aus unserer Küche versteckt. Ich setzte mich auf dem Marktplatz an ein Tischchen vor das Café, wo ich manchmal meine Freunde traf – ja, ich hatte Freunde und habe heute noch Freunde, es wird Ihnen nicht gelingen, mich als einen verschrobenen Außenseiter zu entschuldigen. Da saß ich und schaute mir die Leute an. Zählte ihre Hässlichkeiten. Keiner erreichte die Zahl
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zehn. Bis Egon Friesbach auftauchte. Er hatte deutlich mehr vorzuweisen. Ich folgte ihm, und in einer Seitengasse stieß ich ihm von hinten das Messer ins Herz. Er war gleich tot. Ich wischte die Klinge an seinem Hemd ab und tat das Messer zu Hause in die Spülmaschine. Mein erster Mord war absolviert.“ Wie viele es inzwischen geworden seien, fragte ich. „Vierzehn“, sagte er. Wie viele er noch plane. „Das ist eine gute Frage“, sagte er. „Zu Anfang hatte ich große Ambitionen. Ich wollte nicht nur die Hässlichkeit austreiben, ich wollte es auch auf eine schöne Art und Weise tun. Also nach Plan. Mann, Frau, Kind abwechselnd, in der Verwendung der Waffen einem Muster folgend. Das ist ein typischer Anfängerfehler, auch in der Kunst. Der junge Künstler vertraut zu wenig seiner Inspiration. Er meint, er müsse die Inspiration rational absichern, indem er sie in das Korsett eines Planes steckt. Später, ab meinen fünften Mord, übergab ich meinen Geist ganz der Inspiration. Nie allerdings habe ich ohne Waffe getötet, ich meine, wie ein Tier tötet, mit dem, was mir von der Natur gegeben ist; ich habe nie mit meinen Händen getötet. Erstens, weil ich, wie Sie sehen, ein zart gebauter Mensch bin, der über geringe Körperkraft verfügt; zweitens: Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er seine Vollkommenheit nicht von der Natur zugeteilt bekommt wie das Tier, sondern wo er sie erreicht, indem er die Welt verändert, und das tut er, wenn er sich Werkzeuge schafft. Daraus abgeleitet ist er, wieder im Unterschied zum Tier, eben auch für sein Aussehen verantwortlich, er kann es nach seinen ästhetischen Kriterien ausrichten. Wenn ich ein Kind erwürgte, wozu ich imstande wäre, käme dies einer tierischen Tat gleich. – Aber zu Ihrer Frage: Wie viele Menschen ich noch umbringen will. Eigentlich niemanden mehr. Ich habe vierzehn Morde begangen. Alle an hässlichen Menschen. Bei keinem wurde ich auch nur verdächtigt. Meine Inspiration sagt mir: Gernot, es genügt.“ Ich wagte eine kühne Frage: „Wäre ich ein Kandidat?“ Er sah mich nicht an, sagte nur und wie nebenbei: „Ja.“
Impressum
Impressum AUS GA B E 1 0 , D EZ E M B E R 2 0 1 9
Herausgeber und Chefredakteur Michael Fleischhacker Geschäftsführung Niko Alm, Michael Fleischhacker Creative Direction Wien Hubertus J. Schwarz Art Direction Wien Edith Heigl Art Direction New York Sagmeister & Walsh Chefin vom Dienst Lucia Marjanović Autoren dieser Ausgabe Niko Alm, Valerie Fritsch, Steven Heller, Michael Köhlmeier, Christoph Lehermayr, Fred Luks, Moritz Moser, Monika Müller, Alina Nahler, Hubertus J. Schwarz, Simon Strauß, Thomas Trescher Übersetzung (Heller, Ingels) David Marjanović
Fotografen dieser Ausgabe Nicole Heiling, Ricardo Herrgott, Thorsten Jansen, Amelie Losier, Jeppe Bøje Nielsen, Nikolaus Ostermann Daten Gerald Gartner, Markus Hametner Lektorat Lucia Marjanović, Martina Paul Anzeigen Stergios Prapas, stergios.prapas@qvv.at Vertrieb Stephan Frank Verlagsadresse Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH Siebensterngasse 21, 1070 Wien Druck Styria GmbH Web www.addendum.org; www.addendum.org/shop
Offenlegung nach § 25 Mediengesetz Addendum – die Zeitung erscheint mindestens achtmal im Jahr im Verlag QVV. Bei Addendum finden Sie die Ergebnisse von intensiven Rechercheprojekten, die dem Leitmotiv unserer Organisation folgen: Wir suchen „das, was in der herkömmlichen medialen Berichterstattung fehlt“. Wir agieren dabei vollkommen unabhängig, unser Ziel ist, einen Beitrag zur Wiederherstellung einer gemeinsamen Faktenbasis für eine qualifizierte politische Debatte in Form eines rekonstruktiven Journalismus zu leisten.
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