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ÖSTERREICHISCHE POST AG — MZ 18Z041574 M QUO VADIS VERITAS REDAKTIONS GMBH., HALLEINER LANDESSTRASSE 24, 5061 ELSBETHEN
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Addendum DIE ZEITUNG
Opfer? Held!
Warum das Opfer die stärkste Position hat.
(S. 12)
NR. 9, € 4,20
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Zum Anfang ...
U
rsprünglich hatten wir vor, diese Schwerpunktausgabe mit dem Titel „Du Opfa“ zu versehen. Es ist eine Anrede, die in den eher nicht so verzärtelten Gegenden Wiens von Jugendlichen verwendet wird, wenn sie jemanden nicht so ganz ernst nehmen können. Opfer will in einer traditionell geprägten Gesellschaft niemand sein, Opfer sind passiv, Opfer haben keinen Gestaltungsspielraum, Opfer sind schwach. An amerikanischen Universitäten und zunehmend auch in urban-intellektuellen Zirkeln europäischer Großstädte sieht das inzwischen anders aus: Das Opfer herrscht. Anders als früher ist man als Opfer nicht das Ergebnis fremder Machtausübung oder gar ritueller Darbringung zur Besänftigung höherer Mächte, mit denen man aus Sicherheitsgründen in Kommunikation treten will oder muss. Man ist derjenige, der die meiste Aufmerksamkeit und Fürsorge erhält, man hat immer recht, weil man die Entscheidung, ob man ein Opfer ist, autonom treffen kann. Opfer ist, wer sich dazu erklärt. Und so gerät unsere Gesellschaft zunehmend in Situationen, in denen Diskussion nicht mehr möglich ist, weil sich Menschen mit anderen Ansichten zu Opfern unserer Ansichten erklären, indem sie unsere Äußerungen und Handlungen zu traumatisierenden Akten erklären, vor denen sie durch safe spaces und trigger warnings geschützt werden müssen. Der neueste Hit sind Mikroaggressionen: Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die wirklich absurde Idee, dass jemand, der unterprivilegiert ist, vor dem Kontakt mit Privilegierten geschützt werden müsse, weil das Privilegiertsein des Privilegierten, also zum Beispiel der Umstand, weiß und männlich zu sein, eine Aggression darstelle. Echt jetzt nämlich. Mit diesen Auswüchsen eines Opferverständnisses, das während der vergangenen Jahrzehnte einen wirklich atemberaubenden Wandel durchgemacht hat, beschäftigt sich unsere inzwischen bei der NZZ in Berlin für Furore sorgende Ex-Kollegin Anna Schneider in ihrem nachgelassenen Bericht über ihre Zeit als Studentin der Gender Studies an der Wiener Universität. Einer ihrer Kollegen, so viel kann ich verraten, nannte es ein „Opferstudium“, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er nicht ganz unrecht hat. Darüber hinaus haben wir versucht nachzuzeichnen, wie sich das Verhältnis unserer Gesellschaft zum Thema Opfer entwickelt hat, von den frühen Anfängen vor zwei Millionen Jahren mit der Menschenopfer-Kultur aus der Zeit des Homo erectus, ihre Verfeinerung
in den alten Hochkulturen, die Idee der Selbstopferung Gottes, die Produktion von Nationalhelden und die späte Verankerung des Opfers als zentrale Figur des Interesses im österreichischen Strafrecht. Ich konnte über die Entwicklung des Opferdenkens in Konstanz mit dem großen Kulturwissenschaftler Jan Assmann sprechen. Lucia Marjanović, unsere mildstrenge Chefin vom Dienst, hat sich mit der Opferideologie im Ersten Weltkrieg beschäftigt, Moritz Moser naturgemäß mit dem rechtlichen Nerd-Stuff. Außerhalb des Schwerpunkts haben wir diesmal eine Art zweiten Schwerpunkt: Timo Küntzle, Johannes Strobl und Dennis Meyer haben sich die interessantesten Einwände und Thesen der sogenannten Klimaskeptiker angeschaut. Wir haben versucht, unser neues Web-Format „Ja, aber …“ in die Welt des bedruckten Papiers zu übertragen, und mir scheint, es ist gar nicht schlecht gelungen. Dennis Meyer hat in diesem Zusammenhang auch mit dem bekannten Hamburger Klimaforscher Hans von Storch gesprochen. Mein Kollege Rainer Fleckl schließlich gibt anlässlich des Prozesses gegen die ehemalige kaufmännische Burgtheater-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky eine Antwort auf die viel zu selten gestellte Frage, wie das eigentlich alles passieren konnte. Spoiler: Weil sie tat, was Politik und Bundestheaterholding von ihr wollten, konnte sie tun, was sie wollte. Und schließlich zeichnen meine Politometer-Kollegen nach, wie wir einen Abstimmungsfehler im österreichischen Nationalrat aufdecken konnten. Ich wünsche Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit.
Michael Fleischhacker
Herausgeber
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Inhalt
Ausgabe 9
Opfer gehören zur Menschheitsgeschichte. Wir haben uns gefragt, warum Opfer heute so mächtig sind wie nie zuvor.
2019
Inhalt Das Pilatus-Projekt: Erika Pluhar
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Daten: ’s ist Krieg! ’s ist Krieg!
In jeder Ausgabe stellen wir die Frage: „Was ist Wahrheit?“ Diesmal: Erika Pluhar im Gespräch. Wahr ist viel mehr
Kriege forderten schon immer viele Opfer. Im letzten Jahrhundert stiegen sie durch den technologischen Fortschritt stark an. 10
Klima über alles
Drei Beispiele für scheinbar unumstößliche Wahrheiten, die dann doch nicht die ganze Wahrheit sind. Das Opfer und der Tod
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Weniger Aktivismus, mehr Ingenieure
Helden werden Opfer
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Der Mensch verändert das Klima. Ja, aber ...
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Burgtheater-Skandal: Die Wurzel allen Übels
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Politometer: Auszählungsfehler im Nationalrat
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Eine Panne, die bis zuletzt unbemerkt geblieben ist, wirft ein Schlaglicht auf den österreichischen Parlamentarismus. Story von Michael Köhlmeier
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„Jakob, der Verfolgte“ – wie in jeder Ausgabe hat der Erzähler Michael Köhlmeier eine Story beigesteuert.
Bei Studierenden der Gender Studies scheint eine gewisse Opfermentalität vorzuherrschen. Ein Selbstversuch.
2019 | Ausgabe 9
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Von gefälschten Bilanzen und Steuerhinterziehung: welche schweren Fehler im Burgtheater gemacht wurden.
Ein Gespräch mit dem bekannten Kulturwissenschaftler über das Menschenopfer im Unterbewusstsein der Menschheit. Gender Studies: „Wir sind alle Opfer hier“
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War es früher nicht viel wärmer? Macht nicht die Sonne das Klima? Die häufigsten Einwände der Skeptiker.
Das Strafrecht fokussierte lange Zeit auf den Täter. Die Situation des Opfers findet erst seit kurzer Zeit Beachtung. Jan Assmann: Ein Medium der Kommunikation
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Die Opferbereitschaft der Bevölkerung im Ersten Weltkrieg war beispiellos. Die Folgen waren fatal.
Der Staat hat bisher Entschädigungen in Millionenhöhe an Opfer von Krieg, Verbrechen und Missbrauch geleistet. Wie das Opfer ins Strafrecht kam
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Dem Klimawandel sollten wir vor allem mit Innovation begegnen, nicht mit Verzicht, sagt der Klimaforscher Hans von Storch.
Aus Opfern können schnell Täter werden. Die Psychiaterin Sigrun Roßmanith im Interview. Daten: Über Wert und Preis von Opfern
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Um den Klimawandel zu begrenzen, müssen wir Opfer bringen. Aber welche sind sinnvoll und welche nicht?
Der Mensch hat von Beginn an Menschen geopfert, um das Unverständliche zu bewältigen. Irgendwie tut er das immer noch. „In jedem Opfer steckt eine große Aggression“
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Addendum
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Highlights 18
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Täterinnen und Opfer
Von Opfern, die zu Tätern werden, vom sozialen Opferstatus der Frau und wie man aus der Opferrolle entkommt: Die Psychiaterin Sigrun Roßmanith im Gespräch.
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Märtyrer und Helden
Von Menschenopfern, Märtyrern und Wahrheiten: Opfertraditionen und Heldenbilder haben sich im Lauf der Zeit stark gewandelt. Ein Gespräch mit Jan Assmann.
Das Opferstudium Über Meinungsfreiheit, die Grenzen der Toleranz und die Selbstinszenierung als Opfer: ein Semester Gender Studies als Selbstversuch.
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Was ist Wahrheit?
Das Pilatus-Projekt In jeder Ausgabe stellen wir die Frage: „Was ist Wahrheit?“ Diesmal versucht sie die Schauspielerin und Autorin Erika Pluhar zu beantworten.
I N T E RV I EW: M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R FO TO S : N I KO L AU S O S T E R M A N N
Was ist Wahrheit, Frau Pluhar? Ich meine, dass Wahrheit ein sehr individuelles Gefühl ist und dass Wahrheit sehr viel damit zu tun hat, wie ein Mensch sie aufnehmen kann in Form seiner Bildung, seines Herangewachsenseins, seiner Übersicht und mit dem, was er weiß von der Welt, was er weiß vom Leben. Also Wahrheit hat mit Wissen zu tun, mit Erfahrung, mit Bildung. Nur ein Erdenbürger, der sich diese Erde und diese Welt schon bewusst gemacht hat und auch von ihr gelernt und erfahren hat, kann in etwa herausfinden, was Wahrheit ist. Würden Sie der Wahrheit eine zusätzliche, tiefere Qualität zumessen, oder ist es einfach das Faktische in dem Sinn, dass etwas wahr oder falsch ist? Für mich ist der Begriff „wahrhaft“ sehr wesentlich. Und ich verwende ihn auch sehr oft. Aber der geht natürlich von mir aus. Es ist ganz klar so, dass das, was ich als wahrhaft empfinde, für mich eben Wahrheit bedeutet. Aber Sie sagen nicht, dass Sie es mit den Fakten nicht so genau nehmen, oder? Indem ich vorausgeschickt habe, dass man sich auskennen muss und dass man sich informiert haben muss, nehme ich es auch mit den Fakten sehr genau. Aber trotzdem sind es wohl auch meine persönlichen Fakten. Wo ich vollkommen abschnalle, das sind religiöse, spirituelle und esoterische Wahrheiten. Da sage ich: Schauen wir halt einmal, dann werden wir schon sehen. So heißt auch eines meiner wienerischen Lieder. Meine Wahrheit, die ich suche, die ich beurteile, die mir wesentlich ist, hat mit dem Menschenleben hier auf Erden zu tun.
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Was ist das für eine Wahrheit, nach der Sie da suchen? Ich setze Wahrheit sehr oft gleich mit Aufrichtigkeit. Also mit einem klaren Zugang zu den eigenen Überzeugungen und zu den eigenen Haltungen. Und das verlange ich auch von anderen Menschen. Wenn ich bemerke, dass ein anderer Mensch sich seiner Haltung gemäß mir gegenüber
„Die Wahrheit, die ich suche, hat mit dem Menschenleben hier auf Erden zu tun.“ äußert, dann betrachte ich ihn als wahrhaft. Die Faschisten, die Rechtspopulisten sind erschreckend authentisch. Und sehr oft sind künstlerische oder ethisch beatmete Menschen viel weniger authentisch. Es gibt eben leider diese furchtbare Authentizität. Wenn einem Authentizität ein besonderes Anliegen ist, könnte man sagen: Lieber ein echter Nazi als ein falscher Antifaschist. Nein, ich sag nicht: lieber ein echter Nazi, sondern ein echter Nazi ist so gefährlich, weil er ein echter Nazi ist und auch nicht drumherum schwindelt. Und ein Antifaschist muss sehr, sehr mit Haltung und mit Wahrheit leben, dass man es ihm auch glauben kann, denn das muss man auch umsetzen und muss auch unbequem sein dürfen. Es haben immer mehr Menschen Probleme damit, die Legitimität anderer Positionen anzuerkennen. Man ist nicht mehr bereit,
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das Authentische, das Wahrhaftige an einer Position anzuerkennen, auch wenn man sie ablehnt. Damit endet dann jede Diskussion. Ich bin ein Gegner von Diskussionen. Ich gehe auch ganz selten in Fernsehdiskussionen, weil ich glaube, dass eine Diskussion stets mit Kampf zu tun hat und mit Gegensätzen. Ich bin ein Verfechter des Gesprächs. Das ist ganz was anderes. In einem Gespräch ist es möglich, auch eine andere Position wahrzunehmen. Diskussionen, wie sie medial meist passieren, wenn sich die Leute anplärren, sind sinnlos. Nur hört man ja jetzt in unseren Tagen sehr oft eben diese Meinung: Man muss auch auf das andere zugehen. Man muss das. Es gibt eine Haltung, auf die kann ich nicht zugehen. Mit der kann ich auch nicht reden. Ich sage immer Faschismus dazu. Mir sagt man immer, da mach ich es mir zu leicht. Natürlich war das einmal ein begrenzt politischer Begriff, aber für mich drückt er das aus, was ich meine. Ich kann sofort in ein Gespräch eintreten, wenn ein Hauch von Zweifel oder ein Hauch einer anderen Möglichkeit mich irgendwie anweht. Dann sofort. Also wenn ich in eine Unsicherheit gerate. Aber da, wo die blitzblanke, klare, faschistische Haltung ist ... Sie sind im Februar 80 geworden. Würden Sie sagen, dass die Wahrheit eine Tochter der Zeit ist? Ich sag darauf: Sie ist den Menschen zumutbar. Würden Sie sagen, dass die Zeit bei der Annäherung an die Wahrheit hilft? Oder stört Zeit eher? Sie gehört dazu. Ich meine, wir sind natürlich alle Kinder unserer Zeit. Ich wurde geprägt vom Krieg, bis heute. In meinen Jugenderinne-
Erika Pluhar Die 1939 geborene Wienerin war von 1959 bis 1999 Schauspielerin am Burgtheater. In den 1970er Jahren begann sie ihre Karriere als Sängerin, außerdem hat sie zahlreiche Bücher veröffentlicht.
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Was ist Wahrheit?
„Es gibt so eine Wahrheit, mit der man herumtut: Was ist, wenn ich tot bin? Ich glaube, wir kennen das alle, sogar ihr Jungen schon.“
rungen habe ich geschrieben: Das Wissen um die Katastrophe wurde mir als Kind klar. Ich glaube schon, dass einen die Zeit prägt. Aber sie kann einen divergierend prägen: so oder so. Du kannst sie bejahen, oder kannst aus ihr dein Bewusstsein, deine Wahrheit, dein Lebensgefühl in einer bejahenden Weise holen, aber du kannst auch sagen, das Ganze ist negativ. Das wäre fast die Interpretation von Zeit als Zeitgeist. Zeitgeist ist mein Feindeswort. Ich weiß. Sagen wir so: die Ansammlung von Zeit – hilft Älterwerden beim Wahrheitfinden? Einiges relativiert man im Älterwerden. Ich sage: man, eigentlich meine ich: ich. Aber das hat sehr viel damit zu tun, was man im Lauf seiner vielen Jahre erlebt oder auch überlebt hat oder überleben musste. Wenn man ein wohliges, faules, wohlbestalltes Gesellschaftsleben lebt, weiß ich nicht, ob sich dann mit 80 Jahren sehr viel getan hat, außer dass man sich operieren lässt und modisch blöd kleidet oder so. Da hätte die Zeit nicht geholfen. Aber auf der anderen Seite, wenn
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man in seiner Lebenszeit wirklich durch Schicksalsschläge durchmuss und sie auch überlebt und auch überleben muss und will, dann bringt das Älterwerden das nicht, nicht Weisheit, auf keinen Fall. Aber im Großen und Ganzen kann einem eine sehr harte Behandlung des Lebens, wenn es einem wirklich Abschiede und Verluste abfordert und man doch bereit war, das zu überleben und in sein Leben mit hineinzunehmen, doch helfen, etwas zu relativieren. Das führt uns auf ein anderes Gleis der Wahrheit, nämlich drei künstlerischen Talente. Nämlich das Darstellende ... ... ich sage oft bei meinen Konzerten Zahlen, wo das Publikum aufjault: Ich war 40 Jahre am Burgtheater, und das ist schon 20 Jahre her ... Also das Darstellende auf der Burgtheater-Bühne, wo man im Grunde andere Personen mit Wahrhaftigkeit ausfüllt; andere Texte, die andere Leute geschrieben haben. Dann Ihre Lieder, wo Sie irgendwann aufgehört haben zu interpretieren, sondern nur mehr Ihre eigenen Texte singen. Das ist noch einmal etwas ganz anderes, und dann der Roman, der
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dann überhaupt die reine Lüge ist, nicht wahr? Lüge? Der Roman ist pure Lüge. Selbstverständlich. Nein. Und darin liegt vielleicht wieder seine Wahrheit, aber ... Da widerspreche ich. Alles erstunken und erlogen. Vor allem widerspreche ich Ihnen darin, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte. Denn: Nach meinem Einstieg ins Leben mit Katastrophe und wirklicher Schrecklichkeit war für mich das erfundene Leben immer dasjenige, das mich überleben ließ, und das mir das wesentlichere war. Bei mir gehört das erfundene Leben zum Leben, wie der Traum. Als Erstes war ich im Theater und hab Filme gesehen. Mein erster Wunsch war dann das Theater, weil man dort in ein anderes Leben einsteigen kann, das mit dem eigenen nichts zu tun hat. Da kann man in sich selbst Facetten finden, die man in der Art, wie man aufgewachsen ist, nicht auslebt. Man hat noch oft in Rezensionen gesagt, ich würde immer mich selber spielen. Das hat mir gar nicht missfallen.
Also man entdeckt durch die anderen Figuren Dinge an sich ... Ja. Plötzlich merkt man, ich bin ja auch ein Chaot, obwohl ich so ordnungsliebend bin. Und ich bin ja auch bös, wenn’s drauf ankommt, obwohl ich glaube, ich bin ein gütiger Mensch. Also das war für mich der Anreiz, in dieses Rollenspiel zu gehen. Geschrieben habe ich immer. Ich habe in der Schule Schreiben und Lesen gelernt, und habe geschrieben und gelesen. Ich habe dann nur irgendwann einmal begonnen, etwas zu schreiben, was ich auch veröffentlicht habe. Relativ spät, eigentlich. Eh spät. Ja. Das hat aber auch mit meiner Frauengeneration zu tun. Meine erste Veröffentlichung war in der Taschenbuchreihe „Neue Frau“. Da haben tolle Frauen zum ersten Mal veröffentlicht. Angela Praesent, die Gründerin dieser Reihe, die auch eine Weile meine Lektorin war und eine gute Freundin, hat gesagt, da ist einmal für Frauen wirklich etwas passiert. Dort habe ich begonnen zu veröffentlichen. Und auch da ist diese Möglichkeit, diese menschliche Möglichkeit der Erfindung, mir immer so unglaublich wesentlich gewesen, aber ohne Lüge. Genau da würde ich den Begriff der Lüge überhaupt nicht hineinholen. In meiner schreibenden Arbeit war mir diese Verbindung von Erleben und Wissen und Erfindung wichtig. Dass man erfinden kann, ist eine königliche, menschliche Eigenschaft. Und die habe ich am Theater gesucht, die habe ich beim Schreiben gesucht und gefunden, und bei den Liedern und beim Musizieren sowieso. Musizieren, noch dazu mit Texten, die man selbst verfasst hat, ist ganz was Eindringliches, und das darf auf keinen Fall Lüge sein. Angenehme Wahrheiten hat jeder gern. Mit den unangenehmen Wahrheiten tun wir uns zum Teil ein bisserl schwerer. Wie gehen Sie damit um? Ich versuche ehrlich zu sein, wo’s unangenehm wird, und bin ja auch bis zu einem gewissen Grad ein politischer Mensch geworden. Man wollte mich ja schon auch ganz früh mal richtig in die Politik holen. Das fand ich ganz ehrenvoll. In einem übergeordneten Sinn bin ich ein politischer
Mensch und auch ein sehr kritischer Mensch, und da war ich immer der Meinung, ich muss nicht dort stehen, wo alle mit dem Kerzerl sind, einen ganzen großen Heldenplatz voll, sondern ich sage zu mir selbst oder ich bewege mich selbst dahin, dort bei der Wahrheit zu sein, wo es ohne Rücksicht auf Verluste geht. Man kann sich ja ein schönes Betterl machen mit auch politischem Engagiertsein, nicht? Was war das Unangenehmste, was man Ihnen an Wahrheit zugemutet hat? Was Sie vielleicht vorher nicht akzeptieren wollten, vielleicht auch über sich selbst? Sicher im Frau-Sein. Ich bin nach all meinen Ehen und Beziehungen Niemandes Feind geblieben. Das will ich auch betonen. Wer mal liebend in mein Herz kam, den werd ich da nicht auf einmal bekriegen und hassen. Aber als Frau wurde einem schon einiges zugemutet, auch in Form von Abhängigkeit. Auch die Blödheit des Optischen. Ich bin auf einmal blond geworden. Eigentlich wurde ich es, ohne es wirklich zu wollen. Das begann, als Fritz Kortner meinte, die
„Die ärgste Zumutung war, als kluger, gescheiter Mensch Frau sein zu müssen.“ Desdemona müsse blond sein. Auf einmal war ich blond. Dann blieb ich blond und wurde immer blonder. Also die ärgsten Zumutungen waren die, die ich empfunden habe als kluger, als gescheiter Mensch, der Frau sein muss. Was ist die Wahrheit, nach der Sie noch am meisten auf der Suche sind? Welche Wahrheit möchten Sie noch ergründen? Es gibt so eine Wahrheit, mit der man eher herumtut, das ist die: Was ist, wenn ich tot bin? Es wäre gelogen, wenn ich mir das nicht auch manchmal vorstellen würde. Ich versuche, dieser Überlegung nicht auszuweichen. Und ich glaube, wir alle kennen
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die Nächte, sogar ihr Jungen auch schon, wo man so liegt, und plötzlich rücken alle Gedanken sehr nahe, weil es ist Nacht, es ist dunkel, es ist still. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass ich weg bin, und diese Welt existiert weiter, ohne dass ich sie sehe, beurteile, betrachte, den Ginkgo-Baum von der Anna, die Blätter, den Himmel, den wunderbaren Herbst, und ich bin pfutsch? Also wenn diese Wahrheit ins Nichts mündet, das würde mir gar nicht so viel ausmachen. Nach dem Tod meiner Tochter habe ich mir gedacht: Nichts ist eh ganz schön. Tut einem nichts mehr weh. Als meine Tochter dort auf dem Sofa lag und entseelt war – da weiß man, da ist etwas aus diesem Körper entschwunden. Ist es im Nichts? Oder geht es in etwas über? Ob ich diese Wahrheit überhaupt erfahre, weil es eh nur das Nichts gibt oder nicht, weiß ich nicht. Es ist schon ein Gedanke, hinter dem ich ein bisserl her bin. Und haben Sie ihn schon einmal zu fassen gekriegt? Nein, den kriegt man nicht. Da muss ich sterben. Ich glaub, es gibt Leute, die sagen, einen Zipfel kriegt man schon. Nein. Ohja. Ich hab einen Zipfel vom Tod erlebt, als meine Tochter starb. Wahrscheinlich die größte Zumutung. Da war ich auch tot. Ich war am Leben, aber ich war wie tot. Ich war auch sehr gesund in der Zeit und habe alles gemacht, pflichtbewusst irgendwie. Da hab ich lange Zeit gelebt wie hinter einer Scheibe oder so. Aber dann kommt das Leben wieder, kommt zurück mit diesen Kleinigkeiten. Du trinkst einen Tee, du gehst spazieren. Ob diese Seele erlischt oder nicht. Also den einzigen Zipfel, den ich je kriege, ist der, wenn ich Menschen liebe. Ich rede jetzt nicht von der großen Liebe oder von Liebesgeschichten, sondern gerade vorhin geht eine junge Frau an mir vorbei und lächelt. Und ich lächle zurück. Das war so schön. Es gibt so Momentaufnahmen von Menschen. Oder es gibt Musik, die Menschen geschaffen haben. Es gibt überhaupt Sachen, die Menschen erschaffen. Darin erlebe ich Seele. Aber nichts Genaues weiß man nicht.
Wahr ist viel mehr
Gesagt wird Manche Darstellungen werden in der öffentlichen Wahrnehmung schnell zu unumstößlichen Wahrheiten. Es lohnt sich immer wieder zu fragen, ob denn nicht viel mehr wahr sein könnte. Drei Beispiele.
Nr. 1
„Die Pendlerpauschale entlastet vor allem geringverdienende Arbeitnehmer.“
Nr. 2
„Mit 2,3 Milliarden Euro im Jahr ist keine Armee zu machen, das Bundesheer ist chronisch unterfinanziert.“
Nr. 3
„In Österreich werden fast alle Morde aufgeklärt.“
2019 | Ausgabe 9
Addendum
Wahr ist viel mehr
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Wahr ist, dass die Pendlerpauschale, oder das Pendlerpauschale, wie es im österreichischen Beamtendeutsch korrekt heißt, vor mehr als 40 Jahren unter Bruno Kreisky eingeführt wurde, um finanziell schlechtergestellte Arbeitnehmer zu entlasten. Wahr ist aber auch, dass heute Besserverdiener stärker von dieser Förderung profitieren als Geringverdiener. Für die Förderung können nämlich nicht die tatsächlichen Fahrtkosten geltend gemacht werden, sondern die Lohnsteuer wird verringert. Wer mehr Lohnsteuer zahlt, also mehr verdient, bekommt mehr erlassen. Ein Beispiel: Für die Strecke Mödling – Wien bekommt eine Managerin mit 8.000 Euro monatlichem Einkommen rund 400 Euro an Steuergutschrift pro Jahr – eine Angestellte mit Kind, die rund 2.000 Euro verdient, bekommt 100 Euro weniger. Gegenwärtig beziehen knapp 1,3 Millionen Österreicher das Pendlerpauschale, rund ein Drittel von ihnen verdient mehr als 40.000 Euro pro Jahr. Einer Studie zufolge wird das Pendlerpauschale außerdem systematisch zur Steuerhinterziehung missbraucht. So hat zwischen 1995 und 2005 rund ein Drittel der Pendler bei der Angabe des Fahrwegs zum eigenen Vorteil geschummelt – also einen zu hohen Wert angegeben und somit Steuern hinterzogen. Das System, dass die Höhe der Pauschale in 20-Kilometer-Schritten bemessen wird, verleitet auch besonders zum Schummeln.
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Wahr ist, dass ein Jahresetat von 2,3 Milliarden Euro für die definierten Aufgaben des österreichischen Bundesheers wenig ist. Verteidigungsminister fordern daher seit Jahren eine Aufstockung des Heeresbudgets. Wahr ist aber auch, dass die 2,3 Milliarden Euro nicht die ganze Summe sind, die dem Bundesheer zur Verfügung stehen. Begleitkosten, etwa Pensionen für die vielen beamteten Soldaten, werden nämlich öffentlich nicht ausgewiesen. Rechnet man diese ein, fällt das Budget höher aus: Zuletzt waren es 2,9 Milliarden Euro, im Durchschnitt gab Österreich seit dem Jahr 2000 im Mittel 2,4 Milliarden Euro für Verteidigung aus. Wahr ist auch, dass dieses Budget nicht optimal eingesetzt ist. In Finnland, das von der Einwohnerzahl her mit Österreich vergleichbar und ebenfalls neutral ist, hat das Heer jährlich 2,6 Milliarden Euro zur Verfügung. In der finnischen Armee ist allerdings noch eine kleine Marine enthalten, die zwischen 10 und 25 Prozent des Budgets verbraucht. Bereinigt man das finnische Militärbudget um diese Ausgaben, ist es ähnlich hoch wie das österreichische oder sogar noch niedriger. Dafür erhalten Finnlands Steuerzahler 280.000 (statt wie in Österreich 55.000) Soldaten, 62 (statt 15) Kampfjets, 200 (statt 48) Kampfpanzer und 691 (statt 71) gepanzerte Truppentransporter. Finnland setzt vermehrt auf Miliz- und nicht auf Beamtensoldaten. Daher gibt es in der finnischen Armee mehr Militär für weniger Geld.
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Wahr ist, dass die offizielle Aufklärungsrate bei Morden in Österreich tatsächlich beeindruckend ist: In den vergangenen zehn Jahren fiel sie nur 2012 ganz knapp unter 90 Prozent (89,7), 2016 wurden gar 100 Prozent der Morde geklärt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Der im Vorjahr verstorbene Kriminalist Armin Mätzler schreibt in seinem Standardwerk „Todesermittlungen“: „Die Probleme liegen nicht dort, wo es darum geht, einen Mord zu bearbeiten, sondern dort, wo es gilt, ihn zu erkennen!“ Die meisten erkannten Morde sind Beziehungstaten, bei denen der Täter meist schnell feststeht – ganz anders als in Krimis. Expressive Morde heißen solche, die aus emotional aufgeladenen Situationen entstehen. Schwieriger zu klären und noch schwieriger zu erkennen sind instrumentelle Morde – solche, die von langer Hand geplant sind. Die sind in der Statistik die Ausnahme. Die Wiener Kriminologin Katharina Beclin warnt etwa, dass es offiziell kaum mehr Giftmorde gibt, und hält es für eine „plausible Hypothese“, dass diese nun einfach übersehen werden. Sinkende Obduktionsraten, grobe Missstände bei der Totenbeschau und das langsame Sterben der Gerichtsmedizin nähren den Verdacht übersehener Morde weiter. Experten schätzen, dass in Österreich mittlerweile jeder zweite Mord übersehen wird. Damit würde die Aufklärungsrate bei Mord auf unter 50 Prozent sinken – und damit weit weniger beeindruckend ausfallen.
Essay: Der Opfertod des Diskurses
2019 | Ausgabe 9
Addendum
Das Opfer und der Tod Der Mensch hat von Beginn an Menschen geopfert, um das Unverständliche zu bewältigen. Irgendwie tut er das immer noch. T E XT: M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R B I L D S T R E C K E : RO B E RT S TAU D I N G E R
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as Opfer hat den Menschen schon begleitet, als er noch gar keiner war, jedenfalls noch kein Homo sapiens. Es muss wohl ungefähr vor zwei Millionen Jahren gewesen sein, um die Zeit, als in Afrika aufgrund einer Klimaerwärmung – oh ja – die dichten Wälder sich lichteten und die Savannen entstanden, riesige, mit hohem Gras bewachsene Flächen zwischen den Waldgebieten. Sich in diese Offenheit, für die man nicht gemacht war, hinauszuwagen, war für die Waldbewohner extrem gefährlich, aber auch unvermeidlich: Platz und Nahrung waren endlich. Der Homo erectus, der dort um diese Zeit in Sippenverbänden lebte und im Unterschied zu den anderen Waldbewohnern über die Fähigkeit verfügte, auf zwei Beinen zu gehen – daher der Name, den ihm die Evolutionsbiologie später gab: „erectus“, der Aufgerichtete –, was in dieser Situation sowohl ein Vorteil als auch ein Nachteil war. Er hatte einerseits einen viel besseren Überblick als die um ihn herum lebenden Vierbeiner, weil er, aufrecht im hohen Gras stehend, Gefahren früher erkennen und auf sie reagieren konnte. Allerdings hatte er auch das Problem, dass er von
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Essay: Der Opfertod des Diskurses
den großen Räubern, die dort draußen ihr Unwesen trieben, leichter gesehen und ins Beute-Visier genommen werden konnte. Vertreibung aus dem Paradies Matthias Lohre erzählt diese Geschichte in seinem Buch „Das Opfer ist der neue Held“ nach, in dem er der Frage nachgeht, warum es heute „Macht verleiht, sich machtlos zu geben“. Ein entscheidender Punkt in dieser frühen Geschichte: Der Homo erectus konnte Feuer machen, damit sein Fleisch braten, er wurde stärker und gesünder, vor allem aber wuchs sein Gehirn, sodass er begann, darüber nachzudenken, was war und was sein würde. Er begann sich offensichtlich zu fragen, warum es, wenn das Grauen in Form stärkerer Räuber über die Gruppe hereinbrach und Sippenmitglieder zu Tode kamen, nicht ihn getroffen hatte, und wie man es in Zukunft vermeiden könne. Der Schrecken verging nicht, das Gehirn wuchs, der Mensch wurde gewissermaßen aus dem Tierreich ausgestoßen, indem er, ohne es wirklich zu verstehen, zu begreifen begann, dass das Leben endlich war, dass er sterben würde, dass es auch ihn treffen könnte. Um mit dem Unerklärlichen, das ihn am meisten schreckte, irgendwie umgehen zu können, entwickelte der frühe Mensch eine Methode, es zu bannen: Man tötete einen aus der eigenen Mitte. Damit einen nicht ständig die Angst und das Grauen im Griff hatten, versuchte man, das Grauen in den Griff zu bekommen, indem man es selbst in die Hand nahm, beherrschbar und berechenbar und vorhersehbar machte: ritualisierte. Das Menschenopfer gehörte zur Geschichte der Menschheit, seine Absurdität – Töten aus Angst vor dem Getötetwerden – wurde durch Verfeinerungen eingehegt. Mit dem Sesshaftwerden des Menschen vor etwa 12.000 Jahren entstand nach Ansicht einiger Forscher ein zusätzliches Problem: das Privateigentum. Lohre zitiert es in seiner zusammenfassenden Arbeit sehr emphatisch als den „Sündenfall“ in der Geschichte der Menschheit, als die „Vertreibung aus dem
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Paradies“: Man zog nicht mehr gemeinsam umher und teilte alles, weil die Jagd und der Verzehr großer Beutetiere anders gar nicht zu bewältigen gewesen wären, sondern wurde sesshaft, nahm sich Land, grenzte ab, „nahm“ sich auch die Frauen, die man zur Erhaltung der Art und der Sippe benötigte. Damals, so wird angedeutet, begann jenes patriarchale System, in dem die Frau zum Eigentum, ja zur Ware, wurde, weil nicht mehr allen alles gehörte. Das Privateigentum, meint Matthias Lohre, ein Jahrzehnt lang Redakteur der betont linken taz in Berlin, unter Berufung auf die Erforschung der menschlichen Frühgeschichte, sei in der menschlichen Entwicklung nicht vorgesehen und noch heute der wesentliche Treiber menschlicher Entfremdungsgefühle. Wie auch immer, das Menschenopfer war weiterhin fester Bestandteil der menschlichen Welterklärungsstrategie, auch und gerade in den aus dem Sesshaftwerden entstehenden Hochkulturen. Das blutigste Beispiel, das wir kennen, lieferten die Azteken in Mittelamerika: Man nimmt an, dass dort jährlich zwischen 10.000 und 20.000 junge Menschen durch die Hand der Priester starben. Die Väter und Mütter, um deren Kinder es sich handelte, konnten das wohl nur ertragen, indem sie ganz fest in ein Weltverständnis eingewoben waren, das eine sehr unmittelbare Erfahrung von Werden und Vergehen zum Inhalt hatte. Praxis der Menschenopfer Auch im alten Orient waren solche Rituale verbreitet, wenngleich der Ägyptologe Jan Assmann darauf hinweist, dass beispielsweise im alten Ägypten die Opferung von Menschen eher der Ausnahmefall für besonders heikle, gefährliche Situationen gewesen sei. Den Alltag der Rituale bestimmten Gaben aus der Natur, denn das sei seit jeher der Kern des Opfer-Denkens: Kommunikation mit dem Numinosen im Gestus der Dankbarkeit. Jedes ägyptische Opferritual, ausgeführt vom König, beginne damit, dass der Gott den Menschen anspricht mit Versen wie „Ich gebe dir Ge-
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sundheit und Wohlstand“, worauf der König mit seinem Dank und den Gaben – ein Napf Milch, Früchte, eine Flasche Wein – antworte. Erst dann komme die Bitte um die Aufrechterhaltung des Wohlwollens. In den Liturgien der christlichen Kirchen gilt diese Reihenfolge bis heute. Gleichwohl muss es auch im Alten Orient, bei den Vorfahren der Stämme Israels, das Menschenopfer als gängige Praxis gegeben haben. Anders wäre nicht erklärbar, dass der eine Gott, den Abraham anerkannte, verlangte, dass man den Erstgeborenen jeder Familie „auslöse“ durch die Entfernung seiner Vorhaut und andere Gaben. Es muss sich um den Ersatz für die zuvor übliche Opferung des Erstgeborenen handeln. Thomas Mann lässt zu Beginn seiner Joseph-Romane, als er die geistig-religiöse Landschaft schildert, in der sich die Vorgeschichten zur Abrahams-, Isaaks- und Jakobserzählung abspielen, die Geschichte vom Tamuz erzählen, einem schönen Jüngling, der Jahr für Jahr getötet wird, zerrissen, begraben, um im nächsten Frühjahr wiederaufzuerstehen. Auch hier also, wie bei den mittelamerikanischen Azteken, die Einbindung des Menschenopfers in das Ritual, das den zyklischen Naturcharakter gewissermaßen mit Blut untermalt. Abraham also, die Geschichte kennen wir alle. Die Erfindung des Monotheismus, die einerseits Gewalt und Krieg in die Welt gebracht hat, weil der absolute Wahrheitsanspruch einer Aufforderung zur Gewalt gegen alle gleichkommt, die sich ihr nicht beugen, die aber zugleich das Abgehen vom Menschen anzeigt. Der Urvater Abraham ist zwar noch bereit, seinen Erstgeborenen, mit dem er schon nicht mehr gerechnet hatte, zu töten, und zwar ohne jedes Zögern und auch später ohne jede Reue, der eine Gott verzichtet aber auf dieses Opfer, schickt stattdessen einen Widder und führt, wenn man so will, in die Kommunikation zwischen Menschen und Göttern einen neuen Dialekt ein, der ohne das Äußerste auskommt. Auf die Spitze treibt es der Gott der Israeliten, als er seinen eigenen Sohn, der er
Auf die Spitze treibt es der Gott der Israeliten, als er seinen eigenen Sohn, der er zugleich auch selbst ist, hingibt. zugleich auch selbst ist, hingibt, um die Menschheit, die er schon einmal bis auf wenige Exemplare ausgerottet hatte, zu retten. Die Opfer der Helden An diese Stelle gehört die Unterscheidung zwischen victima und sacrificium: Victima ist das Opfer einer Gewalttat, einer Naturgewalt, ein zufällig getötetes – später wird man auch Verletzte zu den Opfern zählen, und zwar solche jeder Art – Lebewesen, während unter sacrificium das ritualisierte Opfer im
Rahmen der menschlich-göttlichen Kommunikation verstanden wird. Im Opfer Jesu Christi fallen diese Begriffe zusammen, er ist zugleich das Lamm, das geschlachtet wird, und der Priester, der es darbringt. Hier und in einigen weiteren Beispielen der klassischen Antike – etwa die Selbstopferung der spartanischen Soldaten in der Schlacht am Thermopylenpass – finden sich die Vorbilder für jene Vorstellungen vom Selbstopfer des Menschen zur Erhaltung von etwas Größerem: die Märtyrer, die durch ihren Tod die Realität des Gottesreichs bezeugen, und die Nationalhelden, die Blut und Leben geben für das Vaterland. Die Nationalhelden hatten erst mit dem Aufkommen des nationalstaatlichen Denkens und Fühlens ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder Konjunktur, diese dauerte aber bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs an, jedenfalls in Europa, außerhalb des alten Kontinents hielt sich die Tradition über die Phase der Dekolonialisierung in den 50er, 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dass aus den meisten dieser Nationalhelden Diktatoren geworden sind, hat damit zu tun, dass sie nicht gestorben sind, aber das ist eine andere Geschichte. Die christliche Märtyrertradition florierte in den frühen Jahrhunderten des Christentums, bis zu seiner Erhebung in den Stand der Staatsreligion durch Kaiser Konstantin. Abgelöst wurde sie durch die Märtyrer-Kultur des Islam, die durch explizitere Belohnungsversprechungen und die Möglichkeit bestach, den Tod nicht nur zu erleiden, sondern auch zu suchen. Etwas, das, wie wir auch in der unmittelbaren Gegenwart erfahren können, der mentalen Prädisposition zorniger junger Männer stärker entgegenkommt als die christlichen Märtyrervorstellungen. „Opfertypen“ Um die letzte Jahrhundertwende schließlich setzten wissenschaftliche Bemühungen ein, sich mit Opfern und Tätern etwas genauer auseinanderzusetzen. Der Italiener Cesare Lombroso kümmerte sich um eine Typologie der Täter (sein Hauptwerk hörte auf den wohlklingenden Titel L’uomo delinquente, Der Verbrechermensch), um die Opfer kümmerte sich als Begründer der Viktimologie Hans von Hentig, ein deutscher Jurist. Beider Thesen und Theorien wirken auf den heutigen Leser absurd, beleidigend, vielleicht sogar niederträchtig, was aber nichts an der Tatsache änderte, dass es sich um ernsthafte Versuche handelte, das Thema Verbrechen und Opfer aus dem Reich der Mythen und der Willkür in die Sphäre der wissenschaftlichen Beschreibbarkeit herüberzuholen, zu kategorisieren und damit dem Verstehen zugänglicher zu machen. Hentigs Beschreibungen der von ihm kategorisierten „Opfertypen“ klingt vor allem dort, wo es um Frauen geht, für zeitgenössische Ohren ziemlich widerlich. Die erste Wende in der Beschäftigung mit dem Opfer setzte in den späten 1960er Jahren ein, und zwar aus zwei Gründen. In Deutschland kam es zur Auseinandersetzung zwischen der Kriegsgeneration und deren Kindern und zu Prozessen gegen SS-Aufseher in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Die noch im Ersten Weltkrieg vollkommen unbestrittene
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Essay: Der Opfertod des Diskurses
Sichtweise, dass die Soldaten sich als reine Opfer dem Vaterland hingegeben hätten, wurde hinterfragt, die Opfer der deutschen Helden wurden sichtbar. Ähnliches passierte in den Vereinigten Staaten während des Vietnamkriegs: Die Bilder, die aus Indochina kamen, kontrastierten mit der Erzählung, dass sich hunderttausende junge Amerikaner im Kampf gegen den Kommunismus und für die Demokratie aufopferten. Da gab es noch andere Opfer. Freilich waren auch die jungen Soldaten Opfer. Im Umgang mit den verstörten Vietnam-Kriegsheimkehrern schließlich setzte die zweite und entscheidende Wende ein. Der amerikanische Psychiater Arnold Cooper bot erstmals eine Definition des „Traumas“ an: Es handle sich, so Cooper (hier zitiert nach Martin Lohre, „Das Opfer ist der Held“) um ein „Ereignis, das die Fähigkeit des Ichs, für ein minimales Gefühl der Sicherheit und integrativen Vollständigkeit zu sorgen, abrupt überwältigt“. Das wiederum führe „zu einer überwältigenden Angst oder Hilflosigkeit“ und bewirke „eine dauerhafte Veränderung der psychischen Organisation“. Eine dem Knochenbruch verwandte – von dort stammt der medizinische Begriff – äußere Einwirkung also, durch die die innere Organisation des Organismus in nachhaltige Turbulenzen gerät, eine Art mentaler Hals- und Beinbruch. In der Folge wurde jenes Syndrom, das heute zu den meistdiagnostizierten weltweit gehört, in den Leitfaden der psychischen Störungen aufgenommen: Die posttraumatische Belastungsstörung war geboren, und das veränderte buchstäblich alles im gesellschaftlichen Verständnis des Opfers: Jeder konnte nun zum Opfer einer Traumatisierung werden. Während man in der Viktimologie noch weit bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts davon ausging, dass das Opfer in diese Rolle hineingeboren war und/oder zum Teil mit-
„Opfer“ als Schimpfwort Es ist kein Zufall, dass in den urbanen Jugendkulturen, die von hohen Migrantenanteilen geprägt sind, „du Opfer“ noch immer als Schimpfwort gilt, während man an den Elite-Universitäten der Vereinigten Staaten für solch eine Ansprache an einen Kommilitonen vermutlich vom Campus fliegen würde. Dort ist die Trauma-
tisierung inzwischen allgegenwärtig. Man spricht von „Mikroaggressionen“, derer man sich bereits durch die Tatsache schuldig machen kann, dass man weiß und männlich ist, es werden safe spaces gefordert, in denen Studentinnen und Studenten vor allem sicher sind, was ihnen an Meinung und Verhalten unangenehm sein könnte, Professoren versehen ihre Unterrichtsmaterialien mit trigger warnings, damit es etwa afroamerikanischen Studentinnen erspart bleibt, in einem Buch aus dem 19. Jahrhundert das Wort Nigger zu lesen und dadurch zu kollabieren. Es fällt, nicht nur an amerikanischen Universitäten, auf, dass mit der Inanspruchnahme der Opferrolle sehr oft ein erhöhtes Maß an Aggression verbunden ist. Das Opfer hat in seinem Anrecht auf Anerkennung seines Status immer recht, und aus dieser Position der Stärke werden die eigenen Anliegen sehr forciert vorgetragen. Eine Strategie, die man an allen Enden des politischen Spektrums beobachten kann. Auch die rechten Verfechter des „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ ducken sich bei Gegenwind gern und schnell in die Opferrolle, sprechen von Gesinnungsterror und Medienmanipulation. Heinz-Christian Strache ging, als er noch FPÖ-Chef und Oppositionsmonopolist war, sogar einmal so weit zu behaupten, dass die Freiheitlichen die neuen Juden seien. Die Geschwindigkeit, mit der sich der massive Bedeutungswandel des Opfer-Verständnisses vollzogen hat, ist beeindruckend. Seine gesellschaftlichen Auswirkungen sind noch nicht vollständig absehbar, die ersten Anzeichen allerdings wenig vielversprechend: Wenn es im Gutdünken jedes Einzelnen liegt, ob er einen Gedanken oder ein Verhalten, das ihm nicht behagt, zum traumatisierenden Ereignis und sich selbst damit zum von jeder Verantwortung befreiten Opfer erklärt, stirbt der öffentliche Diskurs den Opfertod.
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Addendum
Plötzlich konnte sich jeder zum Opfer erklären. Die Feststellung eines Traumas oblag nunmehr den Traumatisierten. verantwortlich war für das, was sich in einem Tatgeschehen abspielte – das österreichische Strafrecht hat sich erst 2005 zu einer Stärkung der Opferrolle in der Strafprozessordnung durchgerungen –, konnte sich plötzlich jeder zum Opfer erklären. Die Feststellung eines Traumas oblag nunmehr den Traumatisierten.
Haltungsübung Nr. 5
Grenzen überwinden.
Ärzte empfehlen tägliche Übungen. Das tun wir übrigens auch: und zwar Haltungsübungen. Reißen Sie zum Beispiel eine Mauer ein. Am besten in Ihrem Kopf. Wir tun das seit 1988 täglich. derStandard.at
Der Haltung gewidmet.
Interview Sigrun Roßmanith
„In jedem Opfer steckt eine große Aggression“ Sigrun Roßmanith ist Fachärztin für Psychiatrie, psychotherapeutische Medizin und Neurologie. Ihre langjährige Erfahrung als Gerichtsgutachterin zeigt: Aus Opfern können sehr schnell Täter werden.
I N T E RV I EW: G E R H I L D S A L C H E R FOTO S : P ET R A R AU T E N S T R AUC H
Fürchten sich Menschen mehr davor, Opfer zu bleiben, oder davor, Täter zu werden? Ich kenne kaum jemand, der sich gefürchtet hätte, zum Täter zu werden. Die meisten Täter sagen: Das hätte ich mir nie zugetraut! Das sagen auch Eltern über ihre Kinder. Man kann sich das ja auch gar nicht vorstellen. Man hält sich und seine Angehörigen ja immer für besser, als man ist. Wann werden Menschen zu Tätern? In Krisen des Lebens. Und wenn Menschen das Gefühl haben, dass sich diese Krisen endlos fortsetzen. Wenn man das Gefühl hat, nicht das umsetzen zu können, was man eigentlich möchte. Man fühlt sich nicht „ganz“, nicht erfüllt. Wenn ein Opfer Verschiedenes erlitten hat – frühe Misshandlungen, sadistische Erziehungsmaßnahmen, sexuelle Übergriffe – dann prägt das den Menschen. Man kann im Leben das eigene Potenzial viel schwerer nützen. Und man erlebt mit einer gewissen selektiven Wahrnehmung andere eher als Täter, auch wenn sie gar nichts gemacht haben. Sind Täter also vor ihren Taten oft selbst Opfer? Die Opferrolle nimmt man ja nicht nur in gerichtlichen Fällen, sondern auch im Leben ein. Es gibt Menschen, die verlagern die Auslöser für das Misslingen ihres Lebens nach außen und fühlen sich als Opfer. Früher hat man sie „Schicksalsneurotiker“ genannt. Das heißt:
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Man ist jemand, der im Leben nicht reüssiert, der Misserfolge hat. Dann hat man als Gegenbild meist jemanden, dem alles ganz leicht und meist ungerechtfertigt, wie man es selbst einschätzt, gelingt. Jemand macht
„Es gibt Menschen, die sind ein Leben lang Opfer – von ihrem Gefühl her und vielleicht auch tatsächlich.“ das alles nebenbei. Man selbst plagt sich ab, ist immer auf der dunklen Seite. Diese Opfersituation muss nicht unbedingt mit rechtlichen Belangen zusammenhängen. Und sie kann auch einen sekundären Gewinn bringen. Als Opfer kann man vor sich selbst rechtfertigen, dass man nicht imstande ist, etwas zu tun. Es gibt Menschen, die sind ein Leben lang Opfer – von ihrem eigenen Gefühl her, und vielleicht auch tatsächlich. Wenn man andere für sein Schicksal verantwortlich macht, steckt da auch einiges an Aggression drin. Kann diese Aggression Menschen über die Schwelle vom Opfer zum Täter katapultieren?
Addendum
Sigrun Roßmanith, geboren in Klagenfurt, ist seit 40 Jahren als Psychiaterin und Psychotherapeutin und seit 22 Jahren als forensische Psychiaterin tätig. Als Gutachterin mit den Schwerpunkten Gewalt- und Sexualdelikte hat sie weit mehr als dreitausend Fälle untersucht, unter anderem den der Serienmörderin Elfriede Blauensteiner. Roßmanith ist Autorin des Buches „Sind Frauen die besseren Mörder? Spektakuläre Fälle einer Gerichtspsychiaterin“ (Amalthea, 2013).
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Interview Sigrun Roßmanith
In jedem Opfer steckt, das kann man sagen, eine große Aggression. In den meisten Opfern ist sie sehr gehemmt und kommt subtil zum Ausdruck. Es ist eine Aggression, die sich gegen die Ohnmacht richtet, die man erlitten hat. Diese Wut muss irgendwo hingehen. Im späteren Leben versuchen Opfer oft, eine gewisse Entschädigung zu bekommen – sowohl im übertragenen Sinn als auch finanziell. Opfern kann dieses Gefühl bleiben: Man hat so viel Leid erlitten, es steht einem etwas zu! Im späteren Leben wissen allerdings die Wenigsten vom Leid des Opfers und haben deshalb auch nicht das Gefühl, dass ihm etwas zusteht. Es kommt also oft zur Diskrepanz, dass das Leiden das ganze Leben lang weitergeht, ohne dass Zufriedenheit eintritt. Aus der Ohnmacht der Opfer kann dann die Gewalt der Täter entstehen – zum Beispiel bei sexueller Gewalt. Man sagt, dass jeder ehemalige Opferstatus einen Täter prädestiniert. Es kann also prinzipiell jeder zum Täter werden? Die Zivilisation lebt davon, dass Menschen ihre aggressiven Triebe beherrschen lernen. Der Großteil der Menschen hat Bewältigungsstrategien für Frustrationen, die man im Leben einstecken muss. Es gibt ja immer Ungerechtigkeiten. Es kommt darauf an, welche Kompensationsmechanismen, welche Widerstandskraft jemand hat, um mit Belastungen, Verlusten, Konflikten, Benachteiligungen, Demütigungen und Scham umzugehen. Der Großteil hat gelernt, seine aggressiven Triebe anders zu kanalisieren. Gott sei Dank, sonst würden wir uns gegenseitig erschlagen! Aber es gibt einen kleinen Teil von Menschen, der das nicht schafft.
Gehen Täterinnen anders vor als Täter? Frauen verwenden seltener Schusswaffen. Das ist aber gerade im Begriff, sich zu ändern. Das häufigste Tatwerkzeug, weil überall verfügbar, ist das Messer, oder auch Haushaltsgegenstände. Frauen brauchen gewisse Umstände, damit sie die körperliche Unterlegenheit wettmachen können. Sie töten ihr Opfer beispielsweise im Schlaf oder von hinten. Früher hat man Frauen die Giftmorde zugeschrieben: Frauen als „engelsgleiche Giftmörderinnen“, die verführen und dann töten. Aber auch die Giftmorde sind mittlerweile keine weibliche Domäne mehr. Mittlerweile sind Giftmorde nachgeordnet, weil fast alles nachweisbar geworden ist. Man kann sagen: Frauen neigen viel weniger zu körperlicher Gewalt. Die Domäne der Frau ist die psychische Gewalt. Frauen sind sehr wohl auch darauf ausgerichtet, dass sie Männer dominieren wollen. Man muss sich ja vor Augen halten, dass Gewalt derjenige anwendet, der eigentlich der Schwächere in der Beziehung ist.
Zum Täter werden: Das bringt man vorrangig mit Männern in Verbindung. Die Opferrolle dagegen ist weiblich. Ist das in der Realität tatsächlich so? Die Gesellschaft hat hier eine selektive Wahrnehmung. Frauen sind sicher zu 85 Prozent Opfer. Aber sie sind nicht in der Opferrolle einzementiert. Es gibt auch Frauen, die Täter sind. Ich glaube nicht, dass Frauen die schlechteren Menschen sind, aber auch nicht die besseren. Frauen haben andere Mechanismen, um mit Stress, Belastung, Frustration, Opfertum umzugehen. Sie wenden die Aggressivität eher gegen sich als nach außen, erkranken häufiger psychosomatisch, neigen dann zu Sucht, um sich zu betäuben und das alles weniger zu spüren. Sie gehen mit ihren Antrieben weniger nach außen. Aber wenn Frauen Gewalttaten verüben, stehen sie in ihrer Brutalität Männern um nichts nach. Sie planen ihre Taten nur viel kreativer und geschickter, und man traut es ihnen nicht zu. Frauen sind Beziehungsund Konflikttäterinnen. Sie kennen ihre Opfer. In den seltensten Fällen sind es Zufallsopfer, wenn, dann meistens bei geisteskranken oder betrunkenen Frauen. Die Opfer von Frauen sind Partner, Kinder, Familienangehörige oder Bekannte. Das ist Frauentäterschaft. Oft handelt es sich um Spontansituationen, wo eine Situation entgleist. In einem Beziehungsdelikt gibt es meist eine lange Vorgeschichte und einen banalen Auslöser. Wir sagen dazu „katathyme Krise“. Nach diesem Auslöser kommt es zu einer Eskalation von Wut und Hass, zum Tötungsdelikt, meist in den eigenen vier Wänden.
Also zum Beispiel derjenige, der es nicht schafft, sich aus der Beziehung zu lösen? Frauen töten eher, wenn sie sich nicht trennen können, also in abhängigen Beziehungen. Man trennt sich also durch dieses Tötungsdelikt. Männer töten, wenn die Frau geht. Das sieht man auch an den vielen Frauenmorden heuer. Der Gedanke, dass die Frau jemand anderem gehören könnte, ist für den Mann unerträglich. Wenn eine Frau tötet, hat sie das Gefühl, dass sie den Mann los ist. Der Mann will die Frau behalten, zumindest in Gedanken. Es ist schon ab und zu vorgekommen, dass mir jemand nach einem Tötungsdelikt sagt: „Jetzt g’hört s’ für immer mir.“
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Addendum
Woran liegt es, dass die Zahl der Frauenmorde gestiegen ist? Die Blutzölle, die jetzt von Frauen gezahlt werden, sind eine Folge der Emanzipationsbewegung. Frauen werden in Beziehungen getötet, wenn sie sich auf die Füße stellen. Frauen treten aus ihrer angestammten Rolle aus. Sie vermitteln, dass sie sich nicht alles gefallen lassen. Sie sind imstande, auf eigenen Füßen zu stehen. Frauen sind nicht mehr so wie früher ausschließlich auf den Mann angewiesen. Es gibt mittlerweile viel Unterstützung. Früher hat es keine Frauenhäuser ge-
„Die Frau hat einen sozial verankerten Opferstatus. Der Mann hat das nicht.“ geben, man hat sich nirgends hinwenden können. Man war somit gewissermaßen Eigentum des anderen. Wenn jemand noch in diesem Denken, oft auch kulturell bedingt, verhaftet ist, dann ist der andere der Besitz von einem selbst. Da ist es undenkbar, dass man sich trennt. Und wenn etwas undenkbar ist, ist das immer verbunden mit großer Scham, mit Kränkung, mit Demütigung, mit Hass und Wut. Das kann sich dann kanalisieren in einem Gewaltdelikt mit tödlichem Ausgang und löscht alles Bisherige aus, damit ein Neubeginn möglich wird: lieber tot als einem anderen gehörig. Wenn Männer zu Opfern werden, werden sie dann anders wahrgenommen als weibliche Opfer? Männer haben so gut wie keinen Opferstatus. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit wurde ein Mann, der nach einer Prügelei mit der Frau in die Wachstube gegangen ist, nach Hause geschickt. Man hat gesagt: „Bitte regle das zu Hause.“ Ein Mann, der von seiner Frau geprügelt wird, ist in den Augen vieler ein Schwächling. Den verachtet man. Die Frau hat einen sozial verankerten Opferstatus. Der Mann hat das nicht. Der gilt eher als Weichei, jemand, der sich gegen seine eigene Frau nicht wehren kann. Das ist aufseiten der Männer mit Scham besetzt. Es erfolgen ja auch viele Anzeigen von Männern gar nicht, weil sie sich schämen. Männer als sexuelle Opfer haben lange im Hellfeld überhaupt nicht existiert. Männerbetreuungsinstitutionen haben schon früher Alarm geschlagen. Aber die Gesellschaft nimmt das nicht wahr. Wir sind in einem Tabu: „Frauen tun so etwas nicht.“
Frau hat nur mitgemacht. Wir wissen es aber nicht. Es gibt Frauen, die sexuell deviant sind und sich hinter Männern als Tätern verstecken. Frauen sind als ermittelte Tatverdächtige bei Sexualstraftaten noch immer eine Rarität. Im Dunkelfeld dürfte das ganz anders ausschauen. Man nimmt an, dass Frauen weltweit zu 2 bis 6 Prozent an Sexualdelikten beteiligt sind. Das sind so ungenaue Zahlen, weil die wissenschaftliche Forschung zu Frauen als Gewalt- und Sexualstraftäter erst allmählich in Schwung kommt. Das hat es zwar immer schon gegeben, es hat aber niemand ein Wort darüber verloren. Ihre These: Männer werden nicht nur als Opfer weniger ernst genommen, sie spielen die Opferrolle auch weniger überzeugend. Männer sind von früh auf gewohnt, Schwächen nicht zu zeigen. Früher hieß es: Buben weinen nicht. Man darf eine Schwäche nicht zeigen, man darf nicht zeigen, wenn etwas wehtut. Aber diese Coolness fördert auch Gewalttätigkeit, weil Gefühle gar nicht zur Sprache gebracht werden dürfen. In Ihrer Ordination behandeln Sie Menschen, die sich als Opfer fühlen. Wie helfen Sie ihnen aus dieser Rolle heraus, bevor es zu einer Gewalttat kommt? Viele dieser Taten sind nicht vorhersehbar. Im Nachhinein sagt man immer, alles wäre verhinderbar gewesen. Aber das stimmt so nicht. Im Vorfeld jeder schweren Gewalttat gibt es Drohungen und Gewalt. Das muss aber letztlich nicht zur Eskalation führen. Der Weg geht immer dorthin, dass man die Kraft und den Selbstwert stärkt, damit die Person sich dem Leben besser stellen kann und sich nicht immer aus der Vorstellung heraus, selbst nichts schaffen zu können, in abhängige Positionen begibt. Aber das ist ein mühsamer, langsamer Prozess. Bei gewalttätigen Übergriffen bleiben Täter und Opfer ihr Leben lang – wie durch ein unsichtbares Band – ideell verbunden, ob sie es wollen oder nicht. Das kann erheblich belasten, Opfer wie Täter. Unabhängig davon, was passiert ist und welche Gefühle bestehen bleiben, geht es darum, dass die Opfer das Erlebte in ihre Lebenserfahrung integrieren. Es gibt dafür viele therapeutische Möglichkeiten. Nicht jede passt für jeden, sondern das muss individuell erarbeitet werden. Es geht dabei nicht um Vergebung und Verzeihung, sondern das Ziel ist die Akzeptanz von dem, was war. Das nimmt dem Geschehenen die Schwere.
Man traut Frauen Gewaltdelikte also nicht zu. Man nimmt ja auch an, dass Frauen mildere Strafen bekommen. Nur etwa 14 Prozent der tatverdächtigen Sexualtäterinnen werden zum Beispiel im deutschsprachigen Raum nach einem ermittelten Sexualdelikt auch tatsächlich verurteilt. Bei sexuellen Delikten nimmt man immer an, der Mann war der Anführer, die
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Daten: Entschädigungszahlungen
Über Wert und Preis von Opfern Der Bund hat bisher Entschädigungen in Millionenhöhe an Opfer von Krieg und Diktatur, aber auch Verbrechen und Missbrauch bezahlt. Ein Überblick.
T E XT: S T E FA N I E B R AU N I S C H
0,5
Mio. €
Conterganhilfe Das Medikament Contergan hat in den 1950er und 60er Jahren zu Fehlbildungen von Neugeborenen geführt. Geschädigte können seit 2015 Hilfeleistungen vom Staat erhalten.
Mio. €
31,5
17,2
Mio. €
Kriegsgefangenenentschädigung
Mio. €
Verbrechensopfergesetz
Schon in der Zwischenkriegszeit wurden ehemalige Kriegsgefangene von der Republik Österreich entschädigt, in den 1950ern wurde wieder eine Ausgleichszahlung eingeführt. Auch Emigranten, die nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im Ausland interniert wurden, sind anspruchsberechtigt.
Der Staat unterstützt Opfer von Verbrechen, indem medizinische Kosten, Heilbehelfe und aTherapien bezahlt werden. Seit 2017 können Opfer auch den Verdienstentgang ersetzt bekommen.
30,0
Impfschadengesetz
Der Staat empfiehlt bei vielen Krankheiten Impfungen, selten, aber doch kommt es zu Impfschäden. Seit 1973 gibt es für Betroffene Ausgleichszahlungen.
Jahr 2012
2013
2014
5,8
4,9
2
2,2
4,1
4
4,2
11,9
11,6
11,6
18,4
14,7
15,6
124,8
124,7
20
0,5 Conterganhilfe 31,5 Kriegsgefangenenentschädigung 7,1 17,2 Verbrechensopfer 30,0 Impfschäden
1,9
4,7 Heimopferrenten 84,2 Heeresentschädigung Heeresversorgung 106,6 Opferfürsorge
150
706,4 Kriegsopferversorgung
2019 | Ausgabe 9
147,7
Addendum
Mio. €
4,7
84,2
Mio. €
Heimopferrentengesetz
Mit der beginnenden Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen in Kinderheimen und psychiatrischen Einrichtungen wurde 2017 eine staatliche Entschädigung für Opfer beschlossen. Wer zwischen 1945 und 1999 in der Obhut des Staates zum Gewaltopfer wurde, kann eine Heimopferrente beziehen.
100,6
Mio. €
Heeresentschädigungs-/ Heeresversorgungsgesetz
706,4
Mio. €
Opferfürsorgegesetz
Kriegsopferversorgungsgesetz
Nicht nur Kriegsgefangene, sondern auch Opfer des Nationalsozialismus und deren Angehörige erhalten vom Bund Entschädigungszahlungen. Bis heute ist es der zweitgrößte Posten unter den staatlichen Entschädigungszahlungen.
Da die Wehrpflicht gesetzlich vorgeschrieben ist, gibt es auch eine Entschädigung, wenn jemand dabei einen Schaden davonträgt. Diese gilt auch für Zeitsoldaten. Seit 2016 werden die Ausgleichszahlungen von der AUVA bezahlt.
Mio. €
Mitglieder der ehemaligen k. u. k. Armee, des Bundesheers der Ersten Republik oder der Wehrmacht und deren Hinterbliebene erhalten vom Staat eine Kriegsopferentschädigung für den Verlust ihrer Angehörigen und gesundheitliche Schäden.
Zahlen in Millionen Euro 2015
2016
2017
2018
0,122
0,137
0,132
4,1
3,5
3
3
2,3
3
2,8
3,1
4,3
4,4
4,8
4,3
3,6
1,1
11,8
12,6
12,2
12,5
15,7
14,8
14,1
13,4
98,3
85,9
73,8
64,3
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Opfer im Strafrecht
Beschädigt, beleidigt und entleibt: Das Opfer im Strafrecht Die rechtliche Aufarbeitung von Straftaten fand lange Zeit nur zwischen Staat und Täter statt. Die Situation des Opfers findet erst seit relativ kurzer Zeit Beachtung.
T E XT: M O R I TZ M O S E R
B
ei der Aufarbeitung von Verbrechen steht selten das Opfer im Zentrum der Aufmerksamkeit. Egal ob in der Literatur, im Film oder bei der Berichterstattung: Der Täter gilt meist als die interessantere Person. Nicht zuletzt steht er auch im Zentrum der juristischen Untersuchung. Durch das Strafrecht tritt der Staat in Dialog mit dem Täter. Die Strafgesetzbücher der Welt beschäftigen sich mit Fragen der Tatbestandsmäßigkeit und der Rechtswidrigkeit der Handlung sowie der Schuld des Täters. Es gilt, die Tat dem Urheber zuzuordnen, das Opfer spielt dabei nur am Rand eine Rolle. Das historische Strafrecht kannte zunächst gar kein Opfer. Der Begriff war zutiefst mit dem Kreuzestod Jesu Christi verknüpft. Er blieb bis ins 18. Jahrhundert fast ausschließlich religiös besetzt und fand erst im 20. Jahrhundert breiten Eingang ins österreichische Strafrecht. Die Constitutio Criminalis Theresiana, das 1768 unter Maria Theresia erlassene erste einheitliche österreichische Strafgesetz, verwendete noch spezifische Bezeichnungen wie „Beleidigte“, „Beschädigte“ oder, im Fall von Mordopfern, „Entleibte“.
Das Verhältnis von Opfer und Täter spielte damals vor allem bei der Strafbemessung eine größere Rolle. So waren Beleidigungen weniger schwer zu ahnden, wenn sich „solche zwischen schlechten gemeinen
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Addendum
Das historische Strafrecht kannte kein Opfer. Der Begriff war zutiefst mit dem Kreuzestod Jesu Christi verknüpft. Leuten“ zugetragen hatten oder wenn „der Beleidiger höheren, und der Beleidigte niederen Standes“ gewesen war. In jedem Fall überwog das Recht des Herrschers zu strafen das Recht des Opfers auf Genugtuung. Strafbare Handlungen konnten keine Privatangelegenheiten bleiben, die man wie in Stammesgesellschaften durch Verhandlungen zwischen Schädiger
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Opfer im Strafrecht
und Geschädigtem zu regeln vermochte. Joseph II. verbot den Richtern in seinem 1787 in Kraft getretenen Strafgesetz ausdrücklich, „die Bestrafung gegen eine Ausgleichung zwischen dem Verbrecher und dem Beschädigten ganz aufzuheben“. Opfer spielt keine Rolle Das josephinische Strafrecht gestand Verbrechensopfern in manchen Fällen zwar eine direkte Kompensation zu, verwies sie mit ihren übrigen Ansprüchen aber auf den Zivilrechtsweg: „Die dem gemeinen Wesen durch Vollstreckung der Strafe geleistete Genugthuung hindert die Beleidigten [...] keineswegs, die ihnen gebührende Entschädigung oder Genugthuung an dem Verbrecher, dessen Erben oder Vermögen im Wege Rechtens zu suchen.“ Explizit wurde die zivilrechtliche Haftung auf Beitragstäter einer Vergewaltigung ausgedehnt: „Die Gehülfen einer Nothzucht sind der beleidigten Weibsperson ebenfalls zur Genugthuung, Entschädigung und Versorgung verpflichtet, soweit das Vermögen des Verbrechers allein nicht zureichen sollte.“ Aus heutiger Sicht absurd gestaltete sich die Strafbemessung beim einzigen Delikt, bei dem Täter und Opfer ident waren: dem Selbstmord. Der erfolglose Selbstmörder sollte so angekettet werden, dass ihm „jede Handanlegung an sich selbst unmöglich gemacht wird“. Eine Entlassung durfte erst erfolgen, wenn der Delinquent eingesehen hatte, dass „die Selbsterhaltung gegen Gott, den Staat und ihn selbst Pflicht ist“. Die Bedürfnisse des Menschen, der vorwiegend Geschöpf Gottes und Untertan des Staates war, spielten im Strafprozess des 18. Jahrhunderts eine entsprechend untergeordnete Rolle. Dem Strafgesetz Maria Theresias war noch eine vertrauliche Einleitung vorangegangen, die „nicht zur Wissenschaft des gemeinen Volkes, sondern lediglich zum geheimen Unterricht“ der Richter bestimmt war. Josephs Nef fe und ungeliebter Nachfolger Franz II./I. erließ bereits nach 16 Jahren ein neues Strafrecht, das sich als wesentlich langlebiger erweisen sollte. Das Strafgesetz (StG) von 1803 wurde zwar mehrfach geändert sowie 1852 und 1945 neu kundgemacht, blieb aber bis 1975 und damit 172 Jahre lang in Kraft. Das zunächst verhältnismäßig moderne StG und die ein Jahr später erlassene neue Strafprozessordnung (StPO) leisteten einen Modernisierungsschub. Verwaltung und Gerichtsbarkeit wurden nach und nach getrennt, die Rechtssicherheit erhöht. Im Zentrum des Strafprozesses stand der Strafanspruch des Staates. Die Strafprozessordnung von 1853 verlangte, dass ein Verbrechensopfer „in Beziehung auf seine Aussagen über die strafbare That und die dabei in Frage kommenden Umstände wie ein Zeuge zu behandeln“ sei. Das Strafrecht diente primär der Erhaltung des gesellschaftlichen Friedens, nicht der Genugtuung des Geschädigten. Eine Durchbrechung dieses Prinzips bilden die sogenannten Antrags-, Ermächtigungs- und Privatanklagedelikte. Hier ist der staatliche Ankläger entweder an den Wunsch oder die
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Zustimmung des Geschädigten gebunden, um ermitteln zu können – oder das Opfer tritt gleich selbst als Ankläger auf. Schon das maria-theresianische Strafrecht bestimmte, dass „geringere Injurie- und Schmachhändel“ nur „auf Anlangen des beschimpftund beleidigten Theils“ zu verfolgen waren. Das josephinische Strafgesetz wiederum überließ es einer „Weibsperson von unbescholtenem Rufe“, ob sie jemanden anklagen wollte, der sie „mit Gebärden oder Reden auf eine solche Art verfolgt, welche die Verführung zur Ausgelassenheit deutlich anzeiget“. Ehebruch war nach dem StG von 1852 ein Antragsdelikt und konnte demnach nur „auf Verlangen des beleidigten Theils in Untersuchung gezogen und bestraft werden“. Delikte, die nur mit Zutun des Opfers verfolgt werden, betrafen damals wie heute vor allem Straftaten gegen Sittlichkeit und Ehre. Opfer mit Würde An diesem Prinzip hält auch das Strafgesetzbuch (StGB) fest, das nach langer Vorberatung im Rahmen der großen Strafrechtsreform unter Justizminister Christian Broda 1975 in Kraft trat. Die Rechtssprache wurde weitgehend entmoralisiert. Das Strafgesetzbuch wertet nicht mehr, es straft nur noch. Während 1803 noch „böser Vorsatz“ gefordert wird, genügt mittlerweile der Vorsatz. Gleichzeitig kennt das StGB den Begriff des Opfers. Dessen Rolle bleibt zunächst gleich, gewinnt aber ab den 90ern an Bedeutung. Vor allem öffentliche Debatten über Gewalt und Missbrauch tragen zur erhöhten Rücksichtnahme auf das Alter des Opfers, auf seinen Zustand zum Tatzeitpunkt
Die Novelle von 2005 rückte den Geschädigten ins Zentrum des Strafprozesses. und auf die Folgen der Tat bei. Mit der Einführung der Diversion ins Erwachsenenstrafrecht wird 2000 die Möglichkeit eines außergerichtlichen Tatausgleichs zwischen Opfer und Täter geschaffen. Für den Umgang der Behörden und Gerichte mit den Betroffenen einer Straftat spielt das Prozessrecht die größte Rolle. Schließlich regelt es dessen Einvernahme, die Konfrontation mit dem Täter und den Zugang der Öffentlichkeit. Während in manchen Staaten noch immer minderjährige Missbrauchsopfer öffentlich gegen ihre anwesenden Peiniger aussagen müssen, ist in Österreich der Blickwinkel des Verbrechensopfers in die Gestaltung der Befragungen und Prozessabläufe eingeflossen. Um sie nicht erneut der Gegenwart des Täters aussetzen zu müssen, wurde beispielsweise 1993 die kontradiktorische Einvernahme vor der Hauptverhandlung eingeführt. Auch die Prozessöffentlichkeit kann eingeschränkt werden, um
Addendum
den höchstpersönlichen Lebensbereich der Beteiligten zu schützen. Die größte Wende in Sachen Opferrechte brachte die Reform der Strafprozessordnung (StPO) 2005. Die Novelle rückte den Geschädigten vom Status des Zeugen und Privatbeteiligten weiter ins Zentrum des Strafprozesses. Die neue Rolle fand auch sprachlichen Niederschlag: Opfer sind bei der Strafverfolgung nunmehr „mit Achtung ihrer persönlichen Würde zu behandeln“. Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte sind außerdem „verpflichtet, auf die Rechte, Interessen und besonderen Schutzbedürfnisse der Opfer von Straftaten angemessen Bedacht zu nehmen und alle Opfer über ihre wesentlichen Rechte im Verfahren sowie über die Möglichkeit zu informieren, Entschädigungs- oder Hilfeleistungen zu erhalten“. Opferrechte Neben der Verankerung einer freundlicheren Behandlung wurden auch die konkreten Opferrechte in der Strafprozessordnung ausgebaut. Diesen ist im Gesetz nun ein eigenes Hauptstück gewidmet. Bei Entscheidungen über Verfahrenseinstellungen sind nun „stets die Wiedergutmachungsinteressen der Opfer zu prüfen und im größtmöglichen Ausmaß zu fördern“. Erstmals wurde den Opfern von Straftaten auch die Möglichkeit gegeben, das Ende von Ermittlungen gerichtlich zu bekämpfen. Das Gesetz kennt zudem besonders schutzbedürftige Opfer, die entweder minderjährig sind, Gewalt in
ihrer Wohnung ausgesetzt waren oder deren sexuelle Selbstbestimmung verletzt wurde. Diese dürfen im Prozess sogar die Beantwortung von Fragen verweigern, „deren Schilderung sie für unzumutbar halten“. Das Opfer kann außerdem beantragen, von der Freilassung und Flucht des verurteilten Täters oder Untersuchungshäftlings informiert zu werden. Die modernen Opferrechte greifen in wesentliche Prinzipien des Strafprozesses, wie jene der Öffentlichkeit und Unmittelbarkeit der Hauptverhandlung, ein. Solche Ausnahmen gab es allerdings schon früher, nur bevorzugten sie nicht immer die unmittelbar Betroffenen. Im Gegensatz zu so manchem historischem Privileg lässt sich die kontradiktorische Einvernahme von Verbrechensopfern jedoch sachlich rechtfertigen. Maria Theresia hingegen wies ihre Richter an, „besonders ansehnliche Personen [...] auch die Weibspersonen von besserem Stand in ihren Wohnungen“ zu vernehmen. Bis 1918 galt eine entsprechende Regelung der Strafprozessordnung für „Prinzen und Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses“. Aus der Zivilprozessordnung wurde eine ähnliche Bestimmung nie gestrichen, auch wenn sie durch die Errichtung der Republik gegenstandslos wurde. Mitglieder des Kaiserhauses, so steht dort heute noch, müssten „durch den Obersthofmarschall oder außer Wien durch den Präsidenten des Kreis- oder Landesgerichtes ihres Aufenthaltsortes in ihrer Wohnung vernommen“ werden. Für traumatisierte Opfer gab es keine Ausnahmen.
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Interview Jan Assmann
Ein Medium der Kommunikation Das Menschenopfer ist als tiefer Schrecken in das kulturelle Gedächtnis eingebaut: Es gehört ins Unterbewusstsein der Menschheit. Ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Jan Assmann.
I N T E RV I EW: M I C H A E L F L E I S C H H AC K E R FOTO S : M AT T H I A S W E I S S E N G RU B E R
Herr Prof. Assmann, das kulturelle Gedächtnis, über das Sie so viel gearbeitet haben, hat Muster, die uns erlauben, auch unsere Gegenwart besser zu verstehen. Eins der Muster, die ich glaube, in der Gegenwart zu erkennen, ist, dass sich eine spezifische Form des Blicks auf das Opfer entwickelt hat, nämlich: Opfer sein ist eine der mächtigsten Positionen, die man in der Gesellschaft erringen kann, weil sie besonders viel Anerkennung bringt. Als Opfer hat man immer recht, und man ist unangreifbar. Gibt es dafür Vorbilder in der menschlichen Kulturgeschichte? Gute Frage. Also zunächst einmal müssen wir unterscheiden zwischen Opfer in einem bewussten Sinne – dass jemand etwas oder sich opfert für etwas: Das ist ein kommunikativer Akt –, und Opfer im Sinne eines ungewollten Zuschadenkommens, zum Beispiel Verkehrsopfer. Das hängt mit einer Unterscheidung zusammen, die man in der Religionsgeschichte macht, zwischen sacrificium und victima. Victima ist das Opfertier, das ohne eigenes Zutun geopfert wird. Und sacrificium ist, wie der Name schon sagt, heiliges Tun, ist ein Akt der Gabe, der Hingabe. Auf einer ganz anderen Ebene, der Ebene der Politik, ist in der Tat der Opferstatus, etwa von Völkern, wie Sie sagen, die höchstbewertete Rolle, die ein Volk beanspruchen kann. Das hängt wohl mit dem Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts zusammen. Da gibt es den Helden, der sich fürs Vaterland opfert. Allerdings hat es den Tod fürs Vaterland schon in der Antike gegeben, man denke an die Schlacht am Thermopylen-Pass, wo sich die Spartaner unter ihrem Anführer Leonidas geopfert haben.
Da haben also diese 300 Spartaner den Gesetzen des Vaterlands gehorcht. Wenn man sich selbst hingibt für die Sache des Vaterlands, ist das das Höchste, was man erreichen kann. Der Held ist dann im 19. Jahrhundert mit dem erwachenden Nationalismus zu einer zentralen Kategorie geworden, es kam zu den großen Denkmälern für die, die für das Vaterland gefallen sind. Das war eine ungebrochene Tradition bis 1945, und erst mit den neuen Kategorien Vernichtungskrieg, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde klar, dass viele Kriegsopfer auch Täter waren. Etwas ganz anderes ist, wenn eine Nation Opfer wird. Das klassische Beispiel ist das Judentum: ein ganzes Volk, das Opfer einer beispiellosen Vernichtungsaktion wurde. Und dann haben sich Parallelen herausgestellt. Da wurde zum Beispiel. den Schwarzen in Amerika klar: Wir sind auch Opfer. Für die Sklaverei wurde auch der Begriff Holocaust in Anspruch genommen. Und dann hat ja der Jurist Raphael Lemkin den Begriff des Genozids gebildet, auch als völkerrechtlichen Tatbestand, und seitdem gibt es Gruppen, Nationen, die diesen Status für sich beanspruchen. Armenien natürlich und die Herero und andere. Auf einer weiteren Ebene gibt es Nationen, die in der Geschichte weiter zurückdenken. Die Polen sind die typische Opfernation, die das historische Trauma der polnischen Teilungen mit sich herumträgt, die Polen zeitweilig von der Landkarte verschwinden ließen.
„Dum sanctis patriae legibus obsequimur“ heißt es in Ciceros Übersetzung der Inschrift auf dem Leonidas-Denkmal: Während wir den heiligen Gesetzen des Vaterlands gehorchten.
Die Kurden wären wahrscheinlich auch so eine Opfernation. Ja, genau. Die Kurden sind Opfer der Staaten, die ihnen die Anerkennung als Staat vorenthalten. Und das ist eine neue Kategorie. Bisher gab es Sieger und Besiegte auf dieser Ebene, zum Beispiel die Serben, die auf dem Amselfeld von den Türken besiegt wurden. Das
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Der 1938 geborene Religionswissenschaftler, Kulturwissenschaftler und Ägyptologe Jan Assmann beschäftigt sich besonders mit Erinnerungskulturen und dem kollektiven Gedächtnis.
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Interview Jan Assmann
damit man seine Position festigt und einen moralischen Anspruch erheben kann. Das ist die Strategie der AfD, würde ich sagen. Es gibt ihn rechts und links. Greta Thunberg zum Beispiel sagt: Ihr habt meine Generation ruiniert – was ein bisschen frech ist, denen geht es so gut wie keiner Generation zuvor. Wo wollen Sie das hintun, ist das rechts oder links oder wieder was Neues?
ist der serbische Nationalmythos. Auch der Besiegte ist also eine Rolle, mit der man was anfangen kann, was Nationalbewusstsein und Stolz und Ehre angeht. Gekämpft zu haben und einem weit überlegenen Gegner unterlegen zu sein, ist keine Schande. Der spezifische Unterschied ist möglicherweise: Besiegter ist man im Moment, Opfer ist man immer. Wenn man nicht über den Besiegten spricht, sondern über das Opfer, dann hat das ein Ewigkeitsmoment. Dieser Status ist auf Dauer ausgerichtet, und damit legitimiert er auch immer Kompensationsforderungen, nicht nur im Moment. Richtig. Da gibt es die Opfer von Genoziden, die um Anerkennung und Wiedergutmachung ringen, und es gibt die Opfer des Kolonialismus, die sich nun zu Wort melden und ihre nur allzu berechtigten Ansprüche stellen – vollkommen zu Recht natürlich. Das heißt, dass man durch den Opferstatus dauerhaft auf einer moralisch höheren Ebene steht, auf der man eigentlich nicht angreifbar ist, fast egal, was man tut. Das ist die Machtausübung schlechthin. Ja, das mag vorkommen, denken wir nur an Israel und die Palästinenser. Und das ist, würde ich sagen, etwas völlig Neues.
Wieder was Neues. Ja, das ist sehr erstaunlich, dass sich da eine ganze Generation als Opfer der vorangegangenen deklariert, das ist auch eine ungeheuer erfolgreiche Strategie. Und es ist auch richtig. Wir haben jahrzehntelang auf Kosten kommender Generationen gelebt. Auf der einen Seite durch die Verpestung der Atmosphäre, auf der anderen Seite durch die Ausschöpfung der Ressourcen. Und jetzt beansprucht also eine ganze Generation den Opferstatus, weil wir auf deren Kosten wirtschaften und leben. Man muss davon ausgehen, dass immer auf Kosten anderer gelebt wird. Der Westen lebt massiv auf Kosten dessen, was man früher die Dritte Welt nannte, und die EU spielt dabei leider, muss man wirklich sagen, mit ihrer neoliberalen Wirtschaftspolitik eine unselige Rolle, und das heißt, wir schaffen ständig Opfer. Irgendwann werden sie uns mit ihren Anklagen konfrontieren. Das liegt in der Natur der Sache, man lebt immer auf Kosten anderer, aber man kann sich darüber klar werden und diese Kosten nach Möglichkeit reduzieren. Aber die Idee, man könnte anders leben als auf Kosten der anderen, ist absurd. Wenn man nüchtern drüber nachdenkt, ist das jedem klar, aber als Opfer kann man sogar fordern, dass alle aufhören zu leben. Der Opferstatus produziert rigide Haltungen. Genau. Rigorismus gehört zu Greta Thunbergs Asperger-Syndrom. Das macht unempfindlich gegenüber dem Eindruck, den man macht, man sieht nur die Sache, um die es geht, und paukt eine Agenda durch. Das könnte niemand, der die normalen Antennen für die sozialen Kontexte und Einwände hat. Aber die Politik ist natürlich darauf angewiesen zu verhandeln, Kompromisse zu machen. Man muss ihr Recht geben, dass alle bisherigen Bemühungen um Klimaschutz einigermaßen unzureichend sind. Aber eine wirklich radikale Lösung wäre unmöglich.
In der Gegenwart ist dieses Opferkonzept ein sehr erfolgversprechendes Konzept. Man hat den Opferstatus zunächst auf Minderheiten ausgeweitet, sodass man als Minderheit per se Opfer der Mehrheit ist. Immer mehr Menschen und Gruppen schauen sich um, ob nicht wo ein Opferstatus zu haben wäre,
Sacrificium und victima fallen eigentlich zusammen beim Menschenopfer. Ja, in dem Moment, wo das Opfer zustimmt. Bei Isaak, dem klassischen Fall in der Bibel, ist davon nicht die Rede. Er wird gefesselt, er wird auf den Holzstoß gelegt, und Abraham holt aus, und da fällt Gott dann ein. Da muss man sagen, Isaak ist reines victima, der stimmt da nicht zu. Das ist ein Mythos, der immer und immer wieder in der Literatur, auch in der rabbinischen, durchgespielt wurde. Es gibt wunderbare Nacherzählungen, die diese Lücke füllen: dass Isaak dann zustimmt. Eine andere berühmte Geschichte ist
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Ein Phänomen des 20. Jahrhunderts, eigentlich ein Nachkriegsphänomen. Ja, in dieser Hinsicht bedeuteten der Zweite Weltkrieg und eben der Holocaust eine Wende.
die von Idomeneo und Idamante, da ist es ja auch so, dass Idamante zustimmt und dann auch noch Ilia sagt: Nein, du nicht, ich. Ein Opferwettbewerb. Ja, das löst dann das Problem, da machen die Götter nicht mehr mit. Es geht also darum, dass sich ein Opfer im Sinne von victima in einen Märtyrer verwandelt. Der alles wendende Mythos in der Geschichte ist natürlich Jesus Christus. Das wird ja auch in der ergreifendsten Weise erzählt, wie Jesus in Gethsemane fragt, ob denn das wirklich sein muss, und dann zustimmt. Das ist also das Urbild des Martyriums. Aber auch schon in den Makkabäer-Büchern ist sehr viel davon die Rede, da gibt es zum Beispiel die Geschichte von Hanna und den sieben Söhnen. Oder Masada. Ja natürlich, wo sich die ganze Besatzung opfert in einem Kollektiv-Selbstmord. Das gibt es nur im Monotheismus, das Opfer für Gott und sein Gesetz. Natürlich kann man auch an Sokrates denken. Martyrium kommt von mártys, Zeuge, also dass der eigene Tod ein Zeugnis ablegt für die Wahrheit dessen, wofür man da einsteht, und das fängt mit dem Monotheismus an.
„Der alles wendende Mythos in der Geschichte ist natürlich Jesus Christus.“ Das ist ja das Neue und für viele auch so Spannende: Der legte Zeugnis für sich selbst ab, nicht für einen anderen. Ja, der Dialog mit Pilatus wird ja sehr explizit im Johannes-Evangelium dargestellt. Pilatus fragt: Bist du ein König? Und Jesus sagt: Das sagst du, dass ich ein König bin. Ich bin in die Welt gekommen, um die Wahrheit zu bezeugen. Und wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Und da ist natürlich Pilatus völlig konsterniert und fragt: Was ist Wahrheit? Also, da hat man dieses Problem genau benannt. Die Wahrheit bezeugt Jesus auch, indem er alle goldenen Brücken ablehnt, die Pilatus ihm baut. Nein, nein, er will am Kreuz sterben und Zeugnis ablegen, er legt Zeugnis ab für das Reich Gottes, und zwar für das Reich Gottes als etwas Wirkliches, das in ihm gegenwärtig ist. Man sieht es nicht, aber es wird in dem Moment gegenwärtig, in dem jemand dafür stirbt.
ten, die kann man nicht beweisen, die kann man nur bezeugen. Und ich meine, das gilt auch für Sokrates, wenn er sagt, nein, das Gesetz muss befolgt werden, und sich allen goldenen Brücken und Bitten seiner Schüler verweigert und den Schierlingsbecher einverleibt. Es gilt aber auch für Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und die, die im Zusammenhang des 20. Juli 1944 hingerichtet wurden, und eben für ihre Sache eintraten. Es geht um das Sterben für etwas, das nicht nur auf dem Schlachtfeld stattfindet, sondern in solchen Situationen des Martyriums. Die Opfer, über die wir heute reden, sind Menschen, die sich einen Opferstatus möglichst leicht abholen, um aus dem Schneider zu sein. Die bezeugen gar nichts, die treten für gar nichts ein, die haben es dann nur besonders bequem. Da kommt oft die political correctness ins Spiel und das sich immer breiter in der Bevölkerung festsetzende Gefühl, dass wir von einer moralischen Elite bevormundet werden, das kommt von außen und bevormundet uns in einer irgendwie oppressiven Weise, wir sind Opfer von einer Art Unterdrückung. Und da muss man sich einfach mal klarmachen, dass Anstand und Rücksichtnahme im Reden und Verhalten überhaupt zu den Ur-Regeln des Zusammenlebens gehören. Das hat
Die Wahrheit als das reale Reich Gottes zeigt sich, wenn jemand für sie stirbt, eine Art virtuelle Nation der Märtyrer. Das bezog ich jetzt auf das Reich Gottes, aber der Begriff der Wahrheit ist entscheidend, es gibt Wahrhei-
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Interview Jan Assmann
es immer gegeben, das war immer so, dass man in dem, was man sagt und was man tut, Rücksicht nehmen muss auf andere. Political correctness ist einfach ein neuer Ausdruck für eine uralte Sache. Allerdings mit einer Erweiterung, die schon interessant ist. Ich denke, dass Skepsis und die Ablehnung gegenüber dem Begriff political correctness auch einen nachvollziehbaren Grund hat: Es geht nicht an,
„Meinungsfreiheit bedeutet nicht das Recht auf Kritikfreiheit. Man muss es aushalten, wenn man kritisiert wird.“ dass sich die Leute unangenehmen Meinungen, Anschauungen und Gesprächen entziehen, indem sie sagen, das ist jetzt unanständig, ich bin in meinen Gefühlen verletzt, wenn du sagst, was du sagst. Wenn wir jetzt einfach mal die Sache beim Namen nennen und eben auch die AfD: Es gehört ja auch zu deren Strategie, dass sie sich beleidigt fühlen, wenn sie kritisiert werden. Meinungsfreiheit bedeutet ja nicht das Recht auf Kritikfreiheit. Man muss das ja aushalten, wenn man kritisiert wird. Die sind beleidigt, wenn sie kritisiert werden, und pochen auf Meinungsfreiheit: „Das wird man doch wohl sagen dürfen.“ Natürlich darf man’s sagen und muss dann hinnehmen, dass einem widersprochen wird, das gehört nun mal zum Diskurs, zum Austausch.
Veranstaltung über die Kopftuch-Frage macht, wird sie als islamophob denunziert, weil sie das Thema überhaupt bringt, und Studenten wollen die Veranstaltung verbieten und fordern ihre Entlassung. Das ist entsetzlich. An amerikanischen Unis ist das inzwischen ein riesiges Problem. Aber auch bei uns: Eine Lehrveranstaltung von Herrn Lucke zu verhindern, weil er die AfD gegründet hat, ist doch auch absurd, nicht? Das ist auch absurd, ja. Wo kommt diese Idee mit dem Opfer überhaupt her? Offensichtlich ging es immer um Asymmetrie. Es gibt jemanden, der stärker ist als ich als Mensch, von dem ich abhängig bin, der mich in wirkliche Schwierigkeiten bringen kann. Und mit dem muss ich in irgendeine Form von Kommunikation treten, um ihn mir günstig zu stimmen. Das Opfer ist das Medium einer Kommunikation, das ist die Gabe, und diese hat die Funktion, eine Verbindung herzustellen, und da geht es natürlich auch um eine gewisse verpflichtende Bindung. Wenn ich jemandem etwas gebe, was mir kostbar ist, dann verpflichte ich die Gegenseite zu einer Art von Gegengabe. Das Kostbarste, was es gibt, ist der eigene erstgeborene Sohn. In der höchsten Not versuchte man seinen Gott – und das waren eben nicht nur Naturmächte, das waren auch politische Identifikationsfiguren – auf diese Weise zu verpflichten. Aber das ist gewissermaßen ein Ausnahmezustand, und das Normale waren Tier- und Naturalopfer.
Auch das gibt es auf allen Ebenen: Wenn in Frankfurt die Extremismusforscherin Susanne Schröter eine
Eigentlich findet hier auch eine Vermenschlichung des übernatürlichen Gegenübers statt, die Gottheit tritt mit mir in einen Handel ein, den ich auch vom Menschen erwarten würde. Da ist er dann nicht mehr Gott, sondern sozusagen Vertragspartner, das vermenschlicht ihn.
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Wir dürfen das aber auch nicht vereinseitigen. Das Opfer hat – wenn wir Ägypten nehmen – den ersten Sinn des Dankes, also die Funktion einer Gegengabe. Das wurde in Ägypten mit Sprüchen und Inschriften begleitet, immer eingebettet in einen Diskurs. Wie gesagt, es ging hier wirklich um Kommunikation. Und da sagt der Gott immer: „Hiermit gebe ich dir …“; und der König nähert sich dem Gott dann eben mit einem Napf Milch oder einem Blumenstrauß. Das hat den Sinn eines Dankes und einer Bestätigung der Bindung. Das ist bis heute auch der christliche Gottesdienst, er hat zunächst einmal das Zentralthema „Lob und Dank“. Das ist also so alt wie die Welt. Die Bitte kommt erst dann: Nachdem Gott so viel gegeben hat, möge er uns auch weiterhin hilfreich beistehen. Man darf dieses Prinzip des „do ut des“ nicht zu stur sehen. Man könnte eigentlich sagen, dass das Opfer seinem Grundverständnis nach eine Art permanenter Erntedank ist. Sehr schön gesagt. „In manchen Geschichten, die besonders grausame Varianten des Menschenopfers zeigen, verbirgt sich auch eine Art politisches Abschreckungsmotiv, dem Feind gegenüber zu sagen: „Ich zeig dir, wie weit ich bereit bin zu gehen.“ Das Menschenopfer ist auf jeden Fall etwas, was als ein tiefer Schrecken in das kulturelle Gedächtnis eingebaut ist, es gehört ein bisschen ins Unterbewusstsein der Menschheit. Und deshalb gibt es die milderen Formen davon, die leichter verträglichen? Natürlich, es geht eben normalerweise um diese Kommunikation, die den zentralen Aspekt des Dankes hat, und dann gibt es eben solche Ausnahmezustände höchster Bedrängnis, höchster Not, als Ultima Ratio gegen jemanden, von dem die Gemeinde beschließt, der
macht uns kaputt, den müssen wir beseitigen. Das ist das eine. Das andere ist das Menschenopfer, das offensichtlich im uralten Israel existiert hat, wofür es viele Spuren im Alten Testament gibt wie zum Beispiel „alles Erstgeborene gehört mir“ und dass man seinen ältesten Sohn auslösen muss, „mit einem Schaf oder einem Huhn, aber du musst ihn auslösen“. Dann wird diese Sitte, von der man sich losgemacht hat, dem anderen in die Schuhe geschoben, wie zum Beispiel den Phöniziern, die ihre Söhne durchs Feuer haben gehen lassen. Deren Gott Moloch will das Erstgeborene. Davon hat sich Israel losgemacht und sagt: Wir machen das nicht mehr. Man sieht also in diesem Gedächtnis, das in tiefe Schichten hinabreicht, dass hier immer noch dieser Schrecken drinsteckt, in der Bibel ist das sehr deutlich. Wir unterhalten uns jetzt so viel über Menschenopfer – dabei ist vollkommen unsicher, ob es das überhaupt gegeben hat. Man hat in Karthago Friedhöfe entdeckt mit lauter Kindermumienleichen, und dann war klar: Jaja, das ist natürlich das phönizische Kinderopfer für den Gott Moloch. Es gab aber in dieser Zeit eine hohe Kindersterblichkeit, wer will denn entscheiden, ob das jetzt victimae sind? Vielleicht hat der zeitgenössische Opferwettbewerb damit zu tun, dass die Kommunikationsform, die das Opfer darstellt, nämlich eine Kommunikation mit dem Numinosen, mit dem Göttlichen, mit dem Übernatürlichen, in einer durchsäkularisierten Gesellschaft keinen Sinn hat. Wir leben in einer Art Immanenzverdichtung. Offensichtlich ist die Opferidee unausrottbar in uns, und wenn es keine Lücken in der Transzendenz mehr gibt, muss man das innerhalb dieser Immanenzglocke austragen. Ja genau. Und dann verwandelt sich das in Anspruch und Anklage. Und bekommt durchaus kriegerischen und aggressiven Charakter. Nicht notwendigerweise, bisher hat es ja in den
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Interview Jan Assmann
USA noch keinen Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Weißen gegeben, aber das ist ein schwelender Konflikt, der immer noch nicht wirklich diskursiv, kommunikativ aufgearbeitet ist. Mir fallen keine Beispiele dafür ein, dass Opfer gegenüber den Tätern nachträglich zu den Waffen greifen. Wozu sie greifen, sind Restitutionsansprüche. Auch die Armenier beharren auf ihrem Opferstatus, und zwar Opfer eines Genozids, natürlich mit allem Recht der Welt, aber eben auch, um die Restitutionsansprüche gegenüber der Türkei durchsetzen zu können. Das hat also ganz handgreifliche Hintergründe, es geht da nicht nur um Symbolpolitik. Dass die Opfer im Nachhinein auch militärisch gegen die Täter vorgehen, haben wir bei den Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei und den Nazi-Kollaborateuren auf dem Balkan gesehen. Ja, natürlich. Aber ich glaube nicht, dass man da eine allgemeine Regel ausmachen kann. Dass sich die Unterdrückten gegen die Unterdrücker wenden, ist ja klar. Und dass die Unterdrücker davor auch ständig Angst haben und deswegen nur noch mehr unterdrücken, ist auch klar. Also die Angst der Unterdrücker vor den Unterdrückten ist eine ganz typische Struktur. Die Frage war, was im Nachhinein passiert. Da hat man offensichtlich zwei Optionen: nämlich Rache, oder Opfer bleiben und diesen Status auf Dauer nutzen. Aber ich glaube nicht, dass sich das jemand rational überlegt, sich dann entscheidet und sagt: Ich bleibe jetzt mal lieber Opfer, ist besser so. Ja, das ist sehr interessant, das muss man wirklich unterscheiden: zwischen Racheakten, wenn die Unterdrückten sich auf brutale Weise rächen, wie eben an den Sudetendeutschen oder auch in Algerien – da gab es auf beiden Seiten die furchtbarsten Dinge –, und wenn die Unterdrückten den Opferstatus als einen politisch aussichtsreichen, wertvollen Status vorziehen. Den würde man verlieren, wenn man zur Waffe greift und sich rächt. In der Dekolonisierungsdebatte gibt es auch viele Fälle, wo erst im Nachhinein der Opferstatus beansprucht wurde. Das ist eine neue Entwicklung.
Welche Rolle spielt für aktuelle gesellschaftliche Vorgänge das kulturelle Langzeitgedächtnis von uns
Menschen? Das individuelle Gedächtnis, das Kommunikationsgedächtnis, wie Sie es nennen, beinhaltet drei Generationen, maximal 80 Jahre, das andere reicht weit zurück. Wenn Sie im Opfer-Kontext auf die heutige Welt und Gesellschaft schauen, würden Sie sagen, man erkennt hier einige dieser tiefen Schichten des kulturellen Gedächtnisses? Das sind schwierige Fragen, aber es sind interessante Fragen. Wie gesagt, die Rolle und Bedeutung des Martyriums haben eine lange Geschichte, die eigentlich in dem Begriff des Märtyrers immer irgendwie noch mitschwingt. Denken wir zum Beispiel an diese Selbstmordattentate des radikalen Islamismus. Die funktionieren nur, weil sie mit einem starken Jenseitsglauben verbunden sind, einer für uns komplett nicht nachvollziehbaren Mythologie. Das haben die frühen Muslime von den Christen und den damaligen Juden übernommen. Diese Verbindungen von Diesseits – Bewährung und Jenseits – Belohnung steckt im Alten Testament noch überhaupt nicht drinnen, das sind alles erst nachbiblische Entwicklungen. Dieser Zusammenhang entsteht mit dem Monotheismus und ist eben unglaublich geschichtswirksam, bis heute. Da hat auch Aufklärung keinen Sinn, es geht um Wahrheiten, die mit Wissen nichts zu tun haben. Ich finde es immer gut, sich klarzuwerden über die Herkunft von Ideen, die unsere gegenwärtige Welt bestimmen. Da reichen manche Dinge weit zurück, zum Beispiel bis ins alte Ägypten. Nicht dass jetzt wir immer noch im Banne altägyptischer Vorstellung leben, aber es ist gut, sich klarzumachen, wie alt manche Sachen sind, eben im Hinblick darauf: Liegen die vielleicht in der Natur des Menschen?
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„Da hat auch Aufklärung keinen Sinn, es geht um Wahrheiten, die mit Wissen nichts zu tun haben.“ Ich glaube, es war die Schriftstellerin Toni Morrison, die die Zahl 60 Millionen Sklavereiopfer ins Spiel gebracht hat, das ist eine Anspielung auf die 6 Millionen Holocaustopfer. Also Opferkonkurrenz auf dieser Ebene. Das ist etwas anderes als Rache.
Ich will kein Opfer sein. Natascha Kampusch 35
Das Opferstudium
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Wir sind alle Opfer hier Anna Schneider hat ein Semester lang Gender Studies an der Universität Wien studiert und kann der dort gelebten Opfermentalität wenig abgewinnen. Was dabei zu kurz kommt: Reflexion, um die es eigentlich gehen sollte.
T E XT: A N NA S C H N E I D E R
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or einem Jahr wurde die akademische Welt so richtig blamiert. Ein Forschertrio, bestehend aus James Lindsay, Peter Boghossian und Helen Pluckrose, spielte ihr einen äußerst gelungenen Streich: Die drei Wissenschaftler reichten eine ganze Reihe an Hoax-Artikeln bei Fachjournalen, vor allem im Bereich der kulturwissenschaftlichen Geschlechter- und Identitätsforschung, ein, um zu beweisen, dass diese sich inzwischen in ihrem eigenen Kosmos befindet, der mit Objektivierbarkeit nur mehr peripher zu tun hat. Es ginge nur mehr darum, über soziale Missstände und die Benachteiligung bestimmter Gruppen zu klagen. Einige dieser Artikel wurden tatsächlich veröffentlicht, unter anderem einer, der unter dem Titel „Our Struggle Is My Struggle“ unausgewiesene Passagen aus Hitlers „Mein Kampf “ wiedergab; unter dem Deckmantel des Feminismus – so scheint es – ist eben alles erlaubt. Seit sich die Gender Studies in den letzten Jahren als interdisziplinäre Forschungsrichtung an Universitäten immer größerer Beliebtheit erfreuen, werden auch die kritischen Stimmen lauter. Das sei alles keine Wissenschaft, sondern vielmehr feministische Ideologie, tönt es da. Was jedenfalls stimmt: Ihr Aufblühen verdanken die Gender Studies bestimmt der neuen Frauenbewegung. Diese treibt das Thema Gleichberechtigung – naturgemäß – politisch voran, Wissenschaft hingegen, wie es auch die Gender Studies sein möchten, verfolgt per se keine politische Richtung – sie ist nicht ideologisch. Wie passt das nun also zusammen, was ist dran an den Vorwürfen? Wer nicht erfährt, kann nicht urteilen, dachte ich mir, und beschloss kurzerhand, wieder Studentin zu werden. Studentin der Gender Studies. Möglich machte mir das mein abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften; dieses erlaubt
den direkten Einstieg in den Masterstudiengang Gender Studies an der Universität Wien (einen Bachelorlehrgang gibt es nicht). Die Lehrveranstaltungen waren schneller ausgewählt, als ich mich psychisch auf dieses Abenteuer vorbereiten konnte, und so begannen im März die Vorlesungen und Übungen an der Universität Wien. Ohne über die Motivation eines jeden Einzelnen fachsimpeln zu wollen, war eines augenscheinlich: Wir waren in der Überzahl. Und wenn ich „wir“ sage, meine ich: Frauen – was ich mit den in diesem Semester gesammelten Erfahrungen nicht so pauschal sagen dürfte, weil man ja nicht wissen kann, welchem Geschlecht sich jemand zugehörig fühlt. Ich war und bin eben eine schlechte Gender-Studies-Studentin. Davon handelt dieser Text. Kapitalismus, nein danke Zwei der von mir besuchten Lehrveranstaltungen waren Vorlesungen, die eine zum Thema Theorien und Methoden, die andere zum Thema Einführung in die Gender Studies. Es schien, als ob die meisten Kolleginnen (die zwei bis drei Kollegen äußerten sich erst gegen Ende des Semesters regelmäßiger) schon mit einem gewissen vorgefertigten Weltbild in den Lehrsaal gekommen wären. Das bestätigte sich in der ersten Lehrveranstaltungseinheit der Theorievorlesung, als nicht bloß eine auf die Frage der Lehrveranstaltungsleiterin, was wir denn unter dem Begriff Geschlecht verstünden, wie aus der Pistole geschossen mit: Herrschaftsstruktur! antwortete. So weit, so eigenartig, entließ uns die Lehrveranstaltungsleitende vorerst mit den Worten: „Wir haben weder eine gemeinsame Lösung noch ein gemeinsames Ziel, nichts ist falsch. Es ist schön, dass sich so viele Menschen Gedanken machen“ in unser erstes Semester. Aber ich möchte diesen Vorlesungen nicht un-
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recht tun. Im Laufe des Semesters präsentierten uns die Lehrveranstaltungsleiterinnen Theorien von Positivismus bis Postmoderne, auch die Prüfung am Ende des Semesters war entsprechend anspruchsvoll. Allerdings: Einmal wagte ich zu widersprechen. Es ging zunächst um die Theorie Marx’ und die feministische Kritik daran, er würde sich nur auf die Klassenfrage fokussieren und dabei die Reproduktionsarbeit übersehen; daran anschließend diskutierten wir über das heute dominierende System des Kapitalismus, der nach der Meinung einiger Diskussionsteilnehmerinnen dafür sorge, dass Nichterfolg im Leben ein persönliches Problem sei. Außerdem sei er schuld daran, „dass immer gearbeitet werde“. Sofort befanden wir uns mitten in einer Debatte über das Frauenvolksbegehren, das, nicht nur meiner Meinung nach, ein ausgesprochen linksgerichtetes Unterfangen ist, beispielsweise mit seiner Forderung nach einer 30-Stunden-Woche für alle. Genau diese Meinung äußerte ich und traf offenbar einen Nerv: Nicht die Lehrveranstaltungsleiterin (die allerdings auch an anderer Stelle meinte, sie sei jedenfalls Arbeitssozialistin), aber einige meiner Kolleginnen sahen mich an, als wäre ich Herbert Kickl höchstpersönlich – wie, was daran links sei? Und überhaupt, wie könne Kapitalismus jemals gut für Frauen sein? Und überhaupt außerdem, wieso heißt es eigentlich Frauenvolksbegehren und nicht nur Volksbegehren? Nun, weil Letzteres implizieren würde, jeder lebte gerne in einer eher an den Sozialismus angelehnten Gesellschaftsordnung, aber diesen Kommentar behielt ich dann doch lieber für mich. Es war ja erst Woche zwei.
letzten Jahrzehnten versäumt hatte. Natürlich waren auch „normale“ Studenten anwesend, also solche, die eben erst ein Bachelorstudium an der Universität Wien – vornehmlich Publizistik, Politikwissenschaft oder Ähnliches – absolviert hatten und sich zu einem großen Teil für Gender Studies entschieden hatten, weil ihnen der Master in ihrem ursprünglichen Fach zu wenig lohnend vorkam oder sie das Aufblühen der Studienrichtung Gender Studies für vielversprechender hielten (Gleichbehandlungsbeauftragter ist auch ein Job). Jedenfalls sollte man annehmen, durch verschiedene Persönlichkeiten, die sich in verschiedenen Lebenslagen befinden, entstehe automatisch Heterogenität – im Denken. Nun, nein. Wenn (fast) alle dieselben politischen Einstellungen teilen, kann nur konformes Kopfnicken entstehen. Kritik, diese Schmerzen Das wurde mir während des Semesters, nachdem ich meine eigene politische Meinung unter gro-
Immer mehr Studenten fordern, vor ihnen unliebsamen Meinungen geschützt zu werden, oder setzen sich selbst dagegen zur Wehr.
Konforme Nabelschau Die Behauptung, Feminismus müsse links sein, sonst sei er kein Feminismus, zog sich, mit wenigen Ausnahmen (tatsächlich habe ich nur eine Kollegin kennengelernt, die ihre politische Ausrichtung, die eben nicht links war, offen artikuliert hat – sie hat das Studium nach dem ersten Semester abgebrochen), tatsächlich durch das ganze Semester. Das überraschte mich nicht, auffällig war nur die Selbstverständlichkeit, mit der das Thema ab und zu gestreift wurde. Da saßen die pensionierte alte Dame, die es noch einmal wissen wollte, die alleinerziehende Jungmutter, die ihre Karenzzeit sinnvoll nutzen wollte, die Sozialarbeiterin, die viel mit jungen Frauen zu tun hat, sowie die Lehrerin, die in der Bildungskarenz in Sachen Gleichberechtigung nachholen wollte, was sie in den
ßer Anstrengung lange zu verbergen versucht hatte, schmerzlich bewusst. In der Übung zur Einführung in die Gender Studies war es unsere Aufgabe, in einer Gruppe ein bestimmtes Thema inklusive Literatur im Rahmen einer ganzen Lehrveranstaltungseinheit den anderen Kollegen zu präsentieren. Ich sah „Queere Theorien und Praktiken“ auf der Liste, mir fiel einiges dazu ein, ich überlegte nicht lange und fand mich also in einer Kleingruppe zu ebendiesem Thema wieder. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, dieses Studium aus Recherchezwecken als stille Teilnehmerin zu absolvieren, bestand ich bei meinem Teil des Referats auf dem Buch „Beißreflexe“. Weil: Wer Queer und Kritik daran sagt, muss auch Patsy L’Amour laLove sagen. (Für die, die nicht so sehr in die aktuelle feministische Literaturkritik eingelesen sind: L’Amour laLove, selbsternannte Polit-Tunte, und andere üben in diesem Sammelband harsche Kritik an der autoritären Blockwartmentalität,
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die die Queere Theorie ihrer Meinung nach angenommen hat.) Jedenfalls hatte ich schon meine Probleme, das Buch innerhalb meiner Referatsgruppe zu verteidigen („Aber das können wir doch nicht machen! Das ist ja furchtbar böse Kritik!“), was zum Kompromiss führte, zunächst äußerst positive Abhandlungen zum Thema und dann das von mir gewählte Buch „aber ausdrücklich als Kritik und nicht als unsere Meinung!“ auszuwählen. Mir war zu diesem Zeitpunkt schon beinahe der Kragen geplatzt, weshalb ich auch kein Problem damit gehabt hätte, dazuzusagen, dass ich das gesamte Buch in seiner Kritik als äußerst schlüssig empfinde – aber trotzdem gut, dass ich es nicht tat. Es stellte sich nämlich im Lauf des Referats heraus, dass die Lehrveranstaltungsleitende das Buch als ganz furchtbares Nestbeschmutzen empfand (einer der Autoren, Vojin Saša Vukadinović, war – oh Schreck – selbst zuvor Student der Gender Studies gewesen). Gelesen hatte sie es allerdings nicht, wie sie mir verriet. Spannend. Meinung ja, aber nur meine Apropos Meinung. Nicht mehr nur in den USA, auch in Deutschland zeichnet sich ein beunruhigender Trend ab: Immer mehr Studenten fordern, vor ihnen unliebsamen Meinungen geschützt zu werden, oder setzen sich selbst dagegen zur Wehr, wie unlängst im Fall des an die Hamburger Universität zurückgekehrten Professors Bernd Lucke. Er wurde und wird von linken Studenten davon abgehalten, seine Vorlesungen zu halten, weil sie verhindern möchten, dass der Mitgründer der AfD überhaupt zu Wort kommt. Dabei messen sie der Tatsache keinen Wert bei, dass er nicht mehr Mitglied der AfD ist und sich ausdrücklich von deren ausländerfeindlichen Parolen distanziert hat. Nun ist es nicht so, dass es im Zuge meines Ausflugs in die Welt der Gender Studies jemals zu derartigen Aktionen gekommen wäre, aber ein damit zusammenhängendes, ebenfalls an US-amerikanischen Universitäten schon lange zu beobachtendes Phänomen findet sich auch hierzulande: Studenten als Schneeflocken – volatil und schutzbedürftig. Triggerwarnungen vor Texten, die Traumata auslösen oder an solche erinnern könnten, sind ein Beispiel, das dieser Trend zeitigt; dazu kommt, wie oben ausgeführt, die Bewahrung vor anderen Meinungen. Das verhindert allerdings die wissenschaf tliche Auseinandersetzung mit einem Fachgebiet. Eine Universität ist kein safe space und Unwohlsein keine Gefahr, aber das sieht man innerhalb der Gender Studies anders. Auch in Wien.
Schneeflockensichtung Die Autorin Joanna Williams beschrieb bereits 2016 in ihrem Buch „Academic Freedom in an Age of Conformity“ die Problematik, der wir nun auch in Österreich begegnen: Akademischer Feminismus vollziehe eine Wende von objektiven zu subjektiven Zugängen. Behauptet wird dabei, dass Frauen, als Opfer des Patriarchats, eher als Männer dazu fähig sind, diese sie unterdrückenden Strukturen zu erkennen. Dadurch werden allerdings immer weitere Opferkategorien (People of Colour, Homosexuelle, um nur einige wenige Gruppen zu nennen) geschaffen, weil es nicht nur Frauen sind, die von der Gesellschaft marginalisiert werden und wurden. Das habe ich auch an der Universität Wien erlebt. Schauplatz Universitätscampus Altes AKH, an dem ich zweiwöchentlich weitere dreieinhalb Stunden mit meinen Gender-Studies-Kommilitonen verbrachte. Diese weitere Pflichtlehrveranstaltung nannte sich „Guided Reading“. Eine Übung, die je nach Lehrveranstaltungsleiter den thematischen Schwerpunkt wechselt, dieser war in meinem Semester, nachzulesen auf der universitätsinternen Lernplattform Moodle, wie folgt: „Die Lehrveranstaltung soll dazu beitragen, den Blick auf die grundlegende Verwobenheit von u. a. rassisierenden, vergeschlechtlichten, heteronormativen und klassistischen Normen, sowie jene der ablebodiedness freizulegen und Wege zu neuen Denk- und Wahrnehmungsmöglichkeiten zu eröffnen.“ Ich bekam also quasi die Lehre der Opferhierachien zugeschanzt: intersektionale Feminismen. Klingt bösartig, ist es auch, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei kurz erläutert: Kimberlé Crenshaw, die Mutter der Intersektionalität, hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Diskriminierungen oft nicht ein-, sondern mehrdimensional sind, wenn eine Person mehrere Merkmale, aufgrund derer sie Diskriminierungen erleidet, in sich trägt. Das ist alles richtig, doch: Es gibt keinen obersten Richter in diesem Nullsummenspiel der Opferolympiade, weil die Kategorien und Variationen der jeweiligen Unterdrückung subjektiv und damit endlos sind. Es mutet so an, als ob es eher darum geht, dass jeder leiden darf, weil er irgendwie Opfer von irgendwem oder irgendetwas ist. Aber zurück zu meiner Übung. Anna, she, her Dass wir in der ersten Einheit das Angebot erhielten, unseren Namen oder unser Pronomen je nach Befindlichkeit ändern zu können, irritierte mich mäßig. Ich überlegte mir kurz, auch diesen Selbstversuch zu
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Das Opferstudium
wagen, verwarf ihn aber wieder. Die Person, die diese Lehrveranstaltung leitete, bestand jedenfalls darauf, nicht mit „Liebe/Lieber“ angeschrieben zu werden, sondern geschlechtsneutral, etwa mit „Hallo“. Jeder, wie er möchte, dachte ich mir, doch dann wurde es wirklich unangenehm. Die folgenden drei Stunden waren, sagen wir: interessant. Weil die Person, die unsere Lehrveranstaltung leitete, sich selbst dabei unwohl fühlte, frontal mit uns zu sprechen (Hierarchiephobie), wie das im universitären Betrieb normalerweise üblich ist, bildeten wir einen Sesselkreis, um uns in dieser ersten Einheit zwei Stunden darüber zu unterhalten, wie wir uns fühlen, wie wir miteinander umgehen wollen, welche Worte wir verwenden wollen und welche eher nicht. Es war wie eine Mischung aus Gruppentherapie und der Möglichkeit, seine eigenen Beweggründe, weshalb man sich für Gender Studies entschieden hatte, zu präsentieren. Als ich an der Reihe war, stellte ich mich als Juristin vor, was allgemeines Wohlwollen hervorrief, könnte ich dann ja familien- oder gleichheitsrechtlichen Input geben. Die Aussage der Person, die die Lehrveranstaltung leitete, bezogen auf familienrechtliche Vorschriften, „Ich habe gelernt, den Respekt vor dem Recht zu verlieren“, ließ mich dann doch eher sprachlos zurück, aber dass ich kein Social Justice Warrior zu ihren Diensten war, musste ich leider für mich behalten. Zumindest war ich nicht alleine in meinem Empfinden. Eine meiner Kolleginnen wagte es, und zwar nicht auf unfreundliche Art, zu fragen, weshalb sie das Wort „farbig“ lieber nicht verwenden sollte (das hatte sie zu-
vor irgendwo aufgeschnappt), worauf die Person, die die Lehrveranstaltung leitete, erwiderte, sie möchte diese Frage nicht beantworten. Dafür gebe es Google. (Ergänzung: „Schwarz“ ist okay, „people of colour“ auch.) Vielleicht sollte man eher Schneeflockenmanufaktur sagen.
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I would prefer not to Aus Gründen kann ich dieses Studium nicht fortführen. Ich habe hier berichtet, was mir im Laufe eines Semesters widerfahren ist, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Bewusstsein, dass das nur eines von vier Semestern des gesamten Studiums ist. Es hat sich einiges bestätigt, was nicht nur mir, sondern dem Wissenschaftsbetrieb per se Sorgen machen sollte; vor allem scheint mir, dass den Studenten, die teilweise unbedarft in diesen Lehrveranstaltungen sitzen, ein ziemlich einseitiges Bild der Welt präsentiert wird (ein kleines Beispiel: In einem Großteil der Texte, die ich für all diese Lehrveranstaltungen zu lesen hatte, war es entweder der Kapitalismus, oder sein kleiner böser Bruder, der Neoliberalismus, der all die vielfältigen Opfer produziert). Dazu kommt der schon beschriebene Fokus auf das Selbst, das Ich, das alleine die Erfahrungen gemacht hat, die es eben gemacht hat, und die demnach nicht hinterfragbar sind in ihrer vermeintlich absoluten Wahrheit. Etwas hat mich in der letzten Einheit meiner Übung dann aber doch beruhigt. Während wir wieder einmal zur Diskussion in Gruppen eingeteilt wurden, um über mannigfaltige Unterdrückungen zu sprechen, drehte sich ein Kollege zu mir um und sagte zu mir, was ich die ganze Zeit dachte: „Anna, das ist so ein Opferstudium.“
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D E R P O L I T- TA L K M I T M I C H A E L F L E I S C H H A C K E R JEDEN DONNERSTAG | 22:15 LIVE Einfach gut fer nsehen.
Daten: Kriegsopfer
’s ist Krieg! ’s ist Krieg! Standen sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts Heere in Schlachtreihen gegenüber, ließ der technologische Fortschritt Kriege dynamischer werden. Die Opferzahlen stiegen an den Fronten wie unter der Zivilbevölkerung dramatisch an.
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Legende
Todesopfer der Kriege
Opfer gesamt Opfer Soldaten
20.000.000 19.000.000 18.000.000 17.000.000 16.000.000
18 800–18 815 Bei Napoleons Feldzügen gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in g ganz Europa nicht nur militärische Opfer. Gleichzzeitig begannen weltweit Unabhängigkeitsbestrebungen in den Kolonien, wodurch auch der Fokus der europäischen Großmächte sich veränderte.
15.000.000 14.000.000
1618–1648 Der Dreißigjährige Krieg zog eine Spur der Verwüstung durch Europa. Fast alle Länder waren in den Krieg involviert. Plünderungen, Seuchen und Hungersnöte hatten unter der Bevölkerung besonders viele Opfer zur Folge.
13.000.000 12.000.000 11.000.000 10.000.000 9.000.000 8.000.000
16 643–1763 3 Ludwig XIV. provozierte im Laufe seiner Regentschaft mehrere Erbfolgekriege und erhob Ansprüche auf weitere Gebiete. Mit dem Siebenjährigen Krieg begannen die Auseinandersetzungen über die globale Vorherrschaft in den Kolonien.
8.000.000
7.000.000 6.000.000 5.000.000 4.000.000
1.863.000
3.000.000
2.073.000 1618–48: 30-jähriger Krieg
2.000.000
998.000
800.000 1700–21: Großer Nordischer Krieg
1.205.000 1701–14: Spanischer Erbfolgekrieg
1.000.000 0
1600
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1650
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Addendum
1803: Napoleonische Kriege
1756–63: Siebenjähriger Krieg
692.000 1813–15: Befreiungskriege
1750
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40.409.000
19.630.000 19.617.000
1939–45: Zweiter Weltkrieg
Über die Daten Je nach Quelle schwanken die geschätzten Opferzahlen der jeweiligen Kriege stark, je nachdem, wie eng oder weit gefasst die Definition von „Kriegsopfer“ ist und welche Berechnungsmethode verwendet wurde. Besonders stark unterscheiden sich die Schätzungen der Opferzahlen für den Zweiten Weltkrieg.
1914–1945 In den beiden Weltkriegen gab es aufgrund der vielen Beteiligten, Fronten und neuen Technologien eine nie dagewesene Zahl von Todesopfern.
12.599.000 1914–18: Erster Weltkrieg
1950–89 Die Zeit des Kalten Krieges führte zu einer Reihe von Stellvertreterkriegen in Asien.
800.000 2.500 1947–49: Erster Kaschmirkrieg 1.800.000 1.300.000 1964–75: Vietnamkrieg 1.500.000 1950–53: Koreakrieg 500.000
600.000
1971: Bangladeschkrieg
1946–54: Indochinakrieg
264.200 1853–56: Krimkrieg
600.000 1980–88: Iran-Irak-Krieg
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Quelle: Our World in Data
Opfer fürs Klima
Klima über alles Müssen wir unsere bequemen Lebensgewohnheiten opfern, um das Klima zu retten? Oder können wir uns zurücklehnen und Vater Staat den Vortritt lassen?
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D
er Klimawandel beschert uns nicht nur wärmere Temperaturen, sondern auch kreative Wortschöpfungen wie „Flugscham“. Die Initiative „Am Boden bleiben“ kämpft gegen Flugreisen und den Bau von Flughäfen. Die Aktivisten fordern unter anderem „andere Gewohnheiten und Lebensweisen“, „ein gutes Leben für alle“ und vom reichen Westen zur Bekämpfung der Klimakrise „finanzielle Wiedergutmachung von Schäden“. Wer mit dem Flugzeug verreist, so die Aktivisten, sollte zumindest Ablass leisten. Dahinter steckt eine dieser Tage häufig anzutreffende Vorstellung: Wer seine Gewohnheiten nicht grundlegend ändert, sprich klimaschonender lebt, ist böse und sollte sich schämen. Das gilt für Flugreisende genauso wie für Autofahrer und Fleischesser. Wer etwas für den Klimaschutz tun will, der muss sich in Verzicht üben, so der gängige Tenor der derzeitigen Debatte um den Klimawandel, der in den vergangenen Monaten immer häufiger als Klimakrise beschrieben wird. In einer aktuellen Kampagne des Online-Ablegers der deutschen Wochenzeitschrift
Die Zeit sagt ein Wissenschaftler über den Klimawandel, er wolle von seinen Enkelkindern nicht die gleiche Frage gestellt bekommen wie die Mitläufer des Dritten Reichs. Müssen wir also unsere Lebensweise radikal verändern, nur noch mit der Bahn reisen, mit dem Rad zur Arbeit fahren und uns vegan oder zumindest vegetarisch ernähren? Müssen wir die untätigen Regierungen, die uns ins Klimaverderben führen, stürzen, um die Welt für unsere Kinder und Enkelkinder doch noch zu retten? Nein, glaubt der Hamburger Klimaforscher Hans von Storch, der vor einer Klimahysterie warnt und in individuellem Verzicht nicht den Ausweg aus der „Klimafalle“ sieht. „Es fühlt sich gut an, wenn ich gegenüber meinem Nachbarn, der immer noch Diesel fährt, angeben kann, weil ich ein Elektroauto fahre. Es ist auch schön und gut, wenn ich keine Plastiktüten und keine Einwegbecher mehr verwende. Aber dem Klima wird das ziemlich egal sein.“ In der Diskussion um den Klimawandel würden viel zu häufig Umweltschutz und Klimaschutz zusammengeworfen. Das trage nicht zu einer differenzierten und faktenbasierten Debatte bei, beklagt von Storch.
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Der Klimaforscher Hans von Storch sieht in individuellem Verzicht nicht den Ausweg aus der „Klimafalle“.
Vor wenigen Wochen hat der Klimaforscher eine Kreuzfahrt durchs Südchinesische Meer unternommen. Ein schlechtes Gewissen hat er deswegen nicht. Damit ließe sich das Klima genauso wenig retten wie mit Verzicht oder Klimareparationszahlungen, wie sie die Aktivisten von „Am Boden bleiben“ fordern. „Wir können aber Instrumente entwickeln, nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche und politische, mit denen der Klimawandel bekämpft werden kann. Als Einzelpersonen sind wir recht hilflos, aber nicht als Kollektiv.“ Mit genau solchen Maßnahmen beschäftigt sich Jan Steckel, Ökonom am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC. Er forscht unter anderem zu klimapolitischen Instrumenten in Entwicklungs- und Schwellenländern und hat bereits an mehreren Berichten des Weltklimarats IPCC mitgearbeitet. Der 37-Jährige versucht, möglichst klimaschonend zu leben, warnt aber davor, die eigene Lebensweise als Maßstab zu sehen. „Ich finde es sehr bewundernswert, wenn jemand freiwillig auf Fleisch, aufs Auto oder aufs Fliegen verzichtet oder Ökostrom einkauft. Ich versuche auch, meinen Lebensstil etwas klimaneutraler auszurichten.
Um den Klimawandel zu begrenzen, müssen wir Opfer bringen, nicht so sehr individuell, sondern als Gesellschaft. Aber ich möchte das nicht von Menschen verlangen, die sich das vielleicht so nicht leisten können oder wollen.“ Obwohl Steckel im Gegensatz zum Klimaforscher von Storch auch beim Einzelnen Verantwortung sieht, etwas zum Klimaschutz beizutragen, stört auch ihn die Übermoralisierung der Klimadebatte. „Das führt dazu, dass wir politisch immer mehr Leute verlieren, statt sie mitzunehmen. Wenn zum Beispiel Fleischverzehr in die Nähe des Strafrechts gerückt wird, dann geht das zu weit. Der Schritt von ‚Das ist möglich, um das Klima zu schützen‘ hin zu ‚Alle sollten genauso leben‘ ist problematisch.“
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Opfer fürs Klima
Der Anteil der Erneuerbaren an der Stromgewinnung liegt derzeit bei rund 72 Prozent, der Anteil am gesamten Energiebedarf (neben Strom also Wärme und Verkehr) liegt bei gerade einmal 20 Prozent.
„Wir als Gesellschaft müssen uns Regeln geben, die unabhängig von individuellen ethischen Maßstäben Gültigkeit haben.“ Die richtigen Preissignale zu setzen sei dafür unabdingbar; anderen Gesetzen, wie zum Beispiel einer Kennzeichnung von Lebensmitteln und Dienstleistungen steht er dagegen eher skeptisch gegenüber. „Für erfolgreichen Klimaschutz brauchen wir auch die richtigen Anreize für den Markt. Die Verbraucher müssen am Preis sehen, wie viele Emissionen in den Gütern und Dienstleistungen stecken. Implizite Subventionen für Treibhausgase – Stichwort Kerosinsubventionen – müssen wir abschaffen. Dann könnte Klimaschutz übers Preisschild vorangetrieben werden. Wenn Fliegen teurer wäre, würden weniger Menschen das Flugzeug als Verkehrsmittel nutzen. Aber Fliegen als per se unethisch zu verurteilen, halte ich für falsch. Ich kann meinem in Berlin lebenden griechischen Freund doch nicht vorschreiben, nicht zur Hochzeit seiner Schwester in die Heimat zu fliegen.“
auch die Stromnetze massiv ausgebaut werden. Je größer der Anteil der Erneuerbaren am österreichischen Strom-Mix, desto größer die Schwankungen des Stroms, den sie in das System einspeisen können. Wenn die Netze nicht erneuert und ausgebaut werden, bleibt der Ökostrom im Windrad stecken. Deshalb investiert der österreichische Netzbetreiber bis 2030 fast 3 Milliarden Euro in die Modernisierung der Netze. Man brauche Autobahnen statt Landstraßen, um die Energiewende zu schaffen, heißt es seitens des Stromversorgungsunternehmens APG. Gegen diese „Autobahn“ wurde im Salzburger Tennengau jahrelang erbittert gekämpft. Viele Ein-
„Für erfolgreichen Klimaschutz brauchen wir auch die richtigen Anreize für den Markt.“
„Gemeinwohl über Partikularinteressen“ Es geht also nicht in erster Linie um individuellen Verzicht. Doch müssen wir trotzdem Opfer bringen? Klimaforscher Hans von Storch ist sich sicher, dass dies zumindest einzelne Gruppen müssen. „Wenn wir für die Energiewende neue Stromtrassen brauchen, dann müssen die auch gebaut werden. Kleine Minderheiten dürfen solche Entwicklungen nicht behindern. Es muss im Rahmen des demokratischen Prozesses auch möglich sein, solche wichtigen Maßnahmen durchzusetzen, um das Gemeinwohl über Partikularinteressen zu stellen.“ Das sieht Rupert Reischl anders. Der 51-Jährige ist Bürgermeister von Koppl, einer 3.100-Einwohner-Gemeinde wenige Kilometer westlich von Salzburg. Durch seinen Ort wird im kommenden Frühling nach jahrelangem Kampf eine 380-Kilovolt-Leitung gebaut. Diese Höchstspannungsleitungen werden benötigt, um den überregionalen Energieaustausch zu ermöglichen, also um zum Beispiel Windenergie aus dem Burgenland in den Westen zu transportieren. Bis 2030 soll der österreichische Stromverbrauch „bilanziell“ zu 100 Prozent durch erneuerbare Energiequellen gedeckt werden. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, müssen nicht nur die erneuerbaren Energieträger, sondern
wohner von Koppl fürchten, dass die Idylle ihres Orts mit dem Bau der Höchstspannungsleitung auf einen Schlag zerstört werde. Bis zu 86 Meter hoch sollen die Masten sein, ein großer Teil der Waldfläche soll für die Leitung gerodet werden. „Wer will denn neben so einem eisernen Vorhang leben? Wir sind nicht gegen die Energieversorgung, aber gegen die Art und Weise, wie hier vorgegangen wird. Der Klimaschutz wird als Killerargument hergenommen, um mit der Brechstange vorgehen zu können.“ Der Bau der Leitung ist zwar in höchster Instanz genehmigt worden. Dagegen haben die Anrainergemeinden aber Berufung eingelegt. Mit einem endgültigen Urteil könne aber erst in frühestens zwei Jahren gerechnet werden. Die ersten Fällarbeiten sind dennoch bereits im Gang, Baulager werden errichtet, Arbeitswege gebaut. Im Frühjahr beginnen die Bauarbeiten an der Leitung. Die APG sieht das Risiko, dass der Verwaltungsgerichtshof anders als bisher entscheiden könnte, als gering an. „Eine Verzögerung können wir uns aus Gründen der Dringlichkeit der Leitung nicht leisten. Klar
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Österreichs Weg
Wind
Richtung 100 Prozent Erneuerbare hat erst begonnen.
Photovoltaik
20.000 2030 Wind: 9 GW (1) PV: 12 GW (1)
16.000 12.000 x5 2018 Wind: 3,0 GW (1) PV: 1,4 GW (1)
8.000 4.000 0 2008
ist nämlich, dass das Erreichen der österreichischen Klimaziele ohne Salzburg-Leitung nicht machbar ist“, mahnt ein Sprecher des Netzbetreibers. An der Auseinandersetzung um die Stromtrassen werden die widerstreitenden Interessen von Klimaschutz und anderen Umweltinteressen besonders gut sichtbar. Und dieser Konflikt werde sich weiter zuspitzen, ist sich Astrid Rössler sicher. Die Grünen-Politikerin war von 2013 bis 2018 Salzburgs Landeshauptmann-Stellvertreterin und mit den Agenden Raumplanung und Umweltschutz befasst. Auch sie kämpfte gegen die 380-kV-Leitung. Der APG wirft sie vor, zu keiner Form von Kompromissen bereit gewesen zu sein, zum Beispiel hätte ein Teil der Leitung auch als Erdkabel verlegt werden können. „Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Die Menschen fühlen sich von der APG an die Wand gespielt.“ Sie räumt aber ein, dass es nahezu unmöglich geworden sei, große Infrastrukturprojekte ohne massive Konflikte umzusetzen. „Jahrzehntelang wurde eine detaillierte Energieraumplanung verschlafen. Unsere Landschaftsräume sind inzwischen extrem zersiedelt. Es wird also in der Regel der Weg des geringeren Widerstands gegangen, das führt aber nicht automatisch zur besten Lösung.“ Wir haben ja nichts gegen Windkraft, aber … Das gelte auch für Anrainerkonflikte bei Windrädern. Laut aktuellen Studien wird in Deutschland derzeit jedes zweite Windparkprojekt nach der ersten Behördengenehmigung beklagt. Fast immer werden dabei artenschutzrechtliche Bedenken ins Feld geführt. Auch in Österreich nehmen Klagen gegen Windparks zu. Das Grundproblem: Windräder dürfen nicht zu nah an Siedlungen stehen, weil sie dort die Anwohner stören. Also gilt in Österreich ein Mindestabstand von 1.200 Metern zum nächsten Haus. In der Folge stehen die Windräder dort, wo sie nicht mit dem Menschen, dafür aber mit der Tierwelt in Konflikt geraten. Im Waldviertel ist der Widerstand gegen die Windkraft besonders aktiv. Die Aktivisten sehen nicht ein, warum Waldflächen gerodet und wertvolle Refugien der Tiere der erneuerbaren Energieerzeugung geopfert werden sollen. Die Argumentation folgt dem gleichen Muster wie diejenige der 380-kv-Gegner: Man sei nicht gegen Windkraft generell, aber man wolle sie eben nicht hier im Waldviertel.
2018
Strom kommt nicht aus der Steckdose, sondern aus einem Kraftwerk. Atom-, Kohle- und auch große Wasserkraftwerke sind zwar selten eine Bereicherung für die Landschaft, in der sie stehen, aber sie befinden sich eben an nur wenigen Orten. Windräder und Photovoltaikanlagen werden in wenigen Jahren fast überall im Land zu sehen sein, wenn die Energiewende
Freitags für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen und samstags gegen den Bau eines Windparks – das passt nicht zusammen. wirklich vollzogen werden soll. Bis 2030 muss laut Berechnungen der TU Wien der Ertrag aus Windkraft verdreifacht, der Ertrag aus Solarkraft sogar mehr als verachtfacht werden. Konkret heißt das, dass in den nächsten zehn Jahren jeden zweiten Tag ein Windrad gebaut werden muss. Freitags für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen und samstags gegen den Bau einer Höchstspannungsleitung oder eines Windparks demonstrieren – das passt nicht zusammen. Um den Klimawandel zu begrenzen, müssen wir Opfer bringen, nicht so sehr individuell, sondern als Gesellschaft. Das allein wird aber nicht reichen. Klimaschutz muss nicht nur ökologisch und moralisch sinnvoll sein, sondern vor allem auch ökonomisch attraktiv werden – auch für ärmere Länder. Sonst werden die Pariser Klimaziele niemals erreicht werden, ist sich Klimaforscher Hans von Storch sicher. „Bei uns gibt es die Einstellung: Wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen, dann machen die anderen Länder uns das schon nach. Diese Hoffnung ist trügerisch. Wir müssen uns überlegen, wie wir Klimaschutz weltweit wirtschaftlich attraktiv machen.“ Es müssen also nicht nur Umwelt- und Klimaschutz in Einklang gebracht werden, sondern auch Ökologie und Ökonomie. Bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis auch am Ende der Koalitionsverhandlungen herauskommt.
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Interview Hans von Storch
Mehr Ingenieure, weniger Aktivisten Der Klimaforscher Hans von Storch warnt vor Klimahysterie und Ökopopulismus. Er sieht den Klimawandel als eine der größten Herausforderungen, der wir mit Innovation begegnen müssen.
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Herr von Storch, wird in den Medien ein verzerrtes Bild vom Klimawandel gezeichnet? Wird das, was auf uns zukommt, möglicherweise übertrieben? Ja. In den letzten Monaten hat die Überzeichnung immer mehr zugenommen. Das lässt sich unter anderem daran erkennen, dass immer häufiger das Wort Klimakrise statt Klimawandel verwendet wird. Es gibt eine klare Tendenz, alles, was schlecht ist auf dieser Welt, dem Klimawandel zuzuschreiben. Das ganze Phänomen wird dabei massiv unterkomplex dargestellt. Da kann ich auch verstehen, dass jüngere Menschen auf die Idee kommen, dass es früher gar keine extremen Wetterereignisse gegeben hat. Dem ist natürlich nicht so. Nicht jeder Hurrikan, nicht jeder Sturm auf dieser Welt ist dem Klimawandel zuzuschreiben. Sie sprechen sich gegen eine Klimahysterie aus. Ist es nicht gut, dass ein bisschen mehr Schwung in die Bekämpfung des Klimawandels kommt? Es geht mir darum, dass hier viele Probleme in einen Topf geworfen und vermischt werden. Statt sich mit den einzelnen Herausforderungen unserer Gesellschaft zu beschäftigen, wird gesagt: Wenn wir das Problem mit dem Klimawandel lösen, dann wird alles gut. Das ist aber kein vernünftiger Ansatz. Wir haben eine ganze Menge Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen und um deren Lösung wir uns bemühen müssen. Dazu zählen Armutsbekämpfung, Luftverschmutzung oder auch Plastik im Meer. Aber all diese Probleme brauchen ganz unterschiedliche Lösungswege. Es ist nicht so, dass sich diese Wege aus der Bekämpfung des Klimawandels ableiten ließen. Haben Gruppierungen wie „Fridays for Future“ das Augenmaß verloren? Es ist eine verzerrte Weltsicht zu glauben, dass in allen Ländern der Klimawandel das gravierendste Umweltproblem darstellt. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern werden ganz andere Probleme als dringender erachtet. Die alleinige Fokussierung auf den Klimawandel ist nicht zielführend. Es wird aber der Eindruck vermittelt, wir hätten es hier mit der größten Krise in der Geschichte der Menschheit zu tun. Mit dieser Sicht steht aber der reiche Westen ziemlich allein da.
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Wo liegen die Ursachen für diese Dramatisierung? Es ist gerade ein großer gesellschaftlicher Trend zu beobachten: Immer mehr Menschen, darunter auch viele Wissenschaftler, haben den Wunsch, dass wir in einer guten Umwelt leben – was auch immer „gut“ bedeuten mag. Andere Themen, wie das wirtschaftliche Wohlergehen oder die soziale Balance, haben nicht mehr den Stellenwert, den sie vielleicht haben sollten. Da lässt sich auch schon eine gehörige Portion Populismus feststellen. Welche Art von Populismus? Ökopopulismus? Es gibt ja bekanntlich nicht nur Populismus von rechts, sondern auch von links. Ich will diesen Umweltpopulismus jetzt gar nicht mit dem Rechtspopulismus,
„Mit der Sicht, wir hätten es mit der größten Krise der Menschheit zu tun, steht der reiche Westen ziemlich allein da.“ der um sich greift, gleichstellen. Dieser greift auf sehr impertinente Art und Weise Personen und Gruppen an und würdigt sie herab, dies ist beim Umweltpopulismus von links nicht zu beobachten. Aber wir sehen im Bereich des Umweltengagements ganz klar, dass hier mit einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen gearbeitet wird, um Massen zu erreichen und zu bewegen. Das nenne ich Populismus. Wird die Diskussion um Energiewende und Klimaschutz zu naiv geführt? Eine gewisse Form von Einfalt ist schon wahrzunehmen. Ich glaube nicht, dass die globale Dimension des Problems verstanden wird. Wir müssen bis ca. 2050 die bisher jährlich global ausgestoßenen CO2-Emissionen von 38 Gigatonnen auf null bringen, wenn wir das Paris-Ziel (eine Erwärmung der globalen Jahresdurch-
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schnittstemperatur um 1,5 bis 2 Grad bis 2100; Anm. d. Red.) erreichen wollen. Und diese Einsparung – auf null bis 2050! – muss überall auf der Welt erreicht werden. Wenn wir in Österreich und Deutschland unsere Klimaziele erreichen, dann heißt das ja nicht, dass am Ende auch weltweit die Klimaziele erreicht werden. Das kommt in der Debatte zu kurz. Sind Zweifel an den Szenarien angebracht? Die geophysikalischen Szenarien sind recht robust. Wir können uns sicher sein, dass es global deutlich wärmer wird. Beim quantitativen Anstieg des Meeresspiegels ist das schon schwieriger. Das hängt sehr stark von der Eisschmelze in der Antarktis und auf Grönland ab und da haben wir noch nicht alle Wechselwirkungen ganz verstanden. Die andere Frage ist, welche gesellschaftlichen Folgen die Klimaveränderungen nach sich ziehen. Da stehen wir ziemlich dumm da. Das Klima ist da ja nur einer von vielen Einflussfaktoren, wahrscheinlich sogar einer der weniger wichtigen. Wenn man im Jahr 1919 zum Beispiel Prognosen für das Jahr 2000 angestellt hätte, dann wäre wohl nicht einmal der klügste Wissenschaftler darauf gekommen, dass es so etwas wie das Internet geben würde. Und genau in so einer Situation sind wir heute auch. Wenn Wissenschaftler sagen, es wird im Jahr 2100 so und so viele Flüchtlinge geben, so wird es mit der Ernährung aussehen, dann ist das vielleicht ganz interessant, aber so besonders seriös belastbar ist das nicht. Im Zusammenhang mit dem Weltklimarat wird immer mal wieder der Vorwurf laut, der IPCC sei nicht frei von politischer Einflussnahme und verfolge eine Agenda. Sie waren selbst Mitglied dieses Rats. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Politische Einflussnahme lässt sich nie ganz abstellen. Warum sollte ausgerechnet der IPCC als einzige Weltorganisation perfekt sein? Auch Wissenschaftler sind nicht frei von Interessen. Das ist ja irgendwie auch menschlich. Aber ich bin der Meinung, dass der IPCC im Großen und Ganzen gute Arbeit leistet. Die Kollegen im Weltklimarat müssen aber aufpassen mit der Qualitätssicherung der wissenschaftlichen Einschätzung und Bewertung. Das ist immer eine große Herausforderung, also die ständige Überprüfung der Studien, die berücksichtigt werden. Auch ein deutlicher personeller Durchlass wäre wünschenswert, damit ganz klar signalisiert wird: Diese Ergebnisse sind die des Weltklimarats und nicht die von einem aus Einzelpersonen bestehenden klimawissenschaftlichen Adel. Der Klimawandel ist ohne Frage eine große Herausforderung. Wie düster sind die Aussichten? Gibt es Anlass zur Hoffnung? Das ist eine Frage, die ich als Wissenschaftler nicht beantworten kann, weil ich die Zukunft nicht vorhersagen, sondern nur abschätzen kann, wie sich das Klima ändern wird. Aber als Bürger habe ich eine klare Meinung, ohne dass ich über besondere Kompetenzen verfüge, die nicht auch Sie oder mein Friseur hätten. Wir kommen da irgendwie schon durch. Mit einem gewissen
Der Klimaforscher Hans von Storch ist Professor an der Universität Hamburg. Er war Leitautor des Weltklimarats IPCC. Für seine Forschung und sein gesellschaftliches Engagement wurde er mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Klimawandel werden wir leben müssen. Wir werden nicht nur die Emissionen einschränken, sondern uns auch anpassen müssen. Wir werden das schaffen, davon bin ich überzeugt, und in ein paar Jahrzehnten werden wir andere Probleme haben, die uns beschäftigen. Dummerweise wissen wir heute noch nicht, welche das sind. Wir müssen offen bleiben, uns auch mit anderen Dingen zu beschäftigen, und nicht die komplette Aufmerksamkeit auf ein Thema, nämlich den Klimawandel, richten. Wo liegt denn Europas großer Trumpf in der Bekämpfung des Klimawandels? Wir haben in vielen Bereichen immer noch eine massive technische Kompetenz. Wir können mit Innovationen in Technik und Organisation etwas bewegen. Etwas flapsig formuliert: Der beste individuelle Beitrag zum Klimaschutz ist, wenn man seine Kinder dazu bewegt, Ingenieure zu werden.
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Opfer fürs Vaterland
Helden werden Opfer Sich heroisch für das Vaterland zu opfern, galt im Ersten Weltkrieg als höchstes Ideal. Millionen Todesopfer waren die Folge. Das Vaterland profitierte nicht davon.
T E XT: LUC I A M A R JA N OV I Ć B I L D E R : B I L DA RC H I V AU S T R I A , U N I V E R S I TÄT O S NA B RÜC K
D
ie Offensive bei Langemarck am 10. November 1914 war ein Blutbad: Ein Armeekorps, bestehend unter anderem aus jungen Kriegsfreiwilligen, stürmte eine Hügelkette und griff die erste feindliche Linie an. Die unerfahrenen deutschen Truppen wurden von Maschinengewehren niedergemäht, die Aktion forderte allein am ersten Tag 2.000 Todesopfer auf deutscher Seite. Der Gebietsgewinn von etwa 500 Metern war völlig unbedeutend. Dennoch wurde der Mythos von der opferfreudigen deutschen Jugend, die, das Deutschlandlied singend, die feindlichen Reihen gestürmt habe, nicht nur im Ersten Weltkrieg kultiviert, sondern noch über Jahrzehnte hinaus, besonders im Nationalsozialismus. Von der deutschen Propaganda wurde die verlustreiche Offensive in einen moralischen Sieg umgedeutet: Die tapferen
Soldaten haben ihr Leben für das Vaterland gegeben; das Opfer für das Vaterland selbst bedeutet den Sieg.
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Addendum
Mensch, dein Glück heißt Opfermut Wofür eigentlich die vielen Opfer, das ist die Frage, die über dem ganzen Krieg steht. Wie der Historiker Herfried Münkler schreibt, gab es für Deutschland keinen politischen Grund, gegen halb Europa Krieg zu führen, und auch keine überzeugenden Ziele, für die es sich zu kämpfen lohnte. Diesen Mangel mussten theologisch-philosophische Sinnkonstruktionen ausgleichen. „Ich vertraue auf Meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in Einigkeit und Treue um Meinen Thron geschart haben und für die Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit waren“
formulierte Kaiser Franz Joseph in seiner Kriegserklärung; „enorme Opfer an Gut und Blut wird ein Krieg vom deutschen Volk erfordern“, sagte Kaiser Wilhelm II. Die Opfer an Blut forderte der Krieg zunächst von den Soldaten, „die selbstlose Hingabe an ein Ideal bis zum Opfertode“, wie der Offizier und Schriftsteller Ernst Jünger es ausdrückt. Das Ideal, für das sich der Opfertod lohnen sollte, war ziemlich abstrakt. Neben Ehre, Macht und Größe des Vaterlandes erhofften sich die Kriegsfreiwilligen von 1914 die Möglichkeit, ihre Tapferkeit und Männlichkeit im Kampf zu beweisen. Ernst Jünger lobt den „wahre[n] Mann, der unscheinbare, echte, vom Geist getriebene Krieger, der seine Pflicht tat, am letzten Tage wie am ersten“. Etwas prosaischer bezeichnet Stefan Heymann sich und andere Kriegsfreiwillige:
„Wir sind die Harten / die Felsenerstarrten“. Andere erwarten sich vom Krieg eine moralische Erneuerung, ein „reinigendes Stahlgewitter“, und eine „Wahrheit“ zu finden, die ihnen ihr bisheriges Leben nicht geboten hat – „Wir ließen unsrer Frauen schlaffe Brüste in der Lüge / Und traten in ein andres, klingendes Gefüge“, formuliert der Dichter Rudolf Leonhard, vom „ehrlichen Krieg“ dichtet Richard Dehmel. Gläubig greifen wir zur Wehre, Für den Geist in unserm Blut; Volk, tritt ein für deine Ehre, Mensch, dein Glück heißt Opfermut – Dann kommt der Sieg, Der herrliche Sieg! (Richard Dehmel: Lied an alle, 1914)
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Opfer fürs Vaterland
Der Schriftsteller und Künstler Ernst Barlach geht noch weiter: „Opfern ist eine Lust, die größte sogar. […] Es ist eine Vergottung, Aufgehen im Ganzen, Erlösung. Und die Deutschen können es heute tun mit der inbrünstigen Seligkeit der Freiwilligkeit, die durch den inneren Willen und Beschluss zur Notwendigkeit wird.“ Das große Ereignis inspirierte nicht nur Dichter, sondern auch viele andere mehr oder weniger kreative Geister, ihrer Begeisterung in gereimter Form Ausdruck zu verleihen. Schätzungen zufolge wurden in den ersten Kriegsmonaten allein in Deutschland jeden Tag 50.000 Gedichte geschrieben. Das kollektive Erlebnis und die aktive Beteiligung der gesamten Bevölkerung ermöglichten es, dass nicht das Gefühl vorherrschte, zum Opfer zu werden, sondern heroisch Opfer zu bringen und sich so selbst zu feiern. Das deutsche Volk sollte ideologische und Standesgrenzen überwinden und gemeinsam aufbrechen – auch wenn nicht ganz klar war, wohin.
liefern sich einen Wettkampf, wer am patriotischsten und opferfreudigsten ist: wer am meisten Kupfergeschirr für die Sammlung in der Schule mitbringt; wer es schafft, zum Abendessen nur zwei Stullen zu essen, damit der „schändliche Plan der Engländer, Deutschland durch Aushungerung zu einem schmählichen Frieden zu zwingen“ nicht gelinge; wer am meisten „Liebesgaben“ für die „tapferen Feldgrauen“ stricken kann. Auch die Erwachsenen gewinnen dem Krieg viel Positives ab; erzieht er doch die Jugend zu Tatkraft und Opferfreudigkeit. Manches davon erscheint aus heutiger Sicht mehr als lächerlich, etwa wenn Nesthäkchens großer Bruder Hans sich bereit erklärt, einen Korb mit Lebensmitteln selbst zum Bahnhof zu bringen – „Es ist keine Schande, für das Vaterland einen Korb zu tragen“ –, wo er doch früher sehr besorgt war, dass dieser Vorgang seiner Männlichkeit Abbruch tun könnte.
Nur noch Deutsche „Ich kenne keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche“, sagte Kaiser Wilhelm II. in seiner Ansprache zu Beginn des Krieges, alle Stammes- und Konfessionsunterschiede sollten überwunden werden. Von dieser Ankündigung erhofften sich besonders viele Juden ein Ende der Diskriminierung. Der Verband der Deutschen Juden rief seine Glaubensgenossen dazu auf, „über das Maß der Pflicht hinaus“ ihre Kräfte dem Vaterlande zu widmen. Männer und Frauen sollten sich durch „Hergabe von Geld und Gut“ in den Dienst des Vaterlandes stellen, Männer sollten „zu den Fahnen“ eilen. Mehr als 10.000 deutsche Juden meldeten sich in den ersten Kriegstagen freiwillig. Eine, die besonders begeistert von dieser gemeinsamen Erhebung über Konfessionsgrenzen hinweg war, war Else Ury, Autorin der bekannten „NesthäkchenSerie“, die bis in die 1990er Jahre immer wieder aufgelegt wurde – allerdings ohne den ursprünglich vierten Band „Nesthäkchen und der Weltkrieg“. In diesem schildert sie sehr anschaulich, wie die ganze Bevölkerung von Kriegsbegeisterung erfasst wird und welcher unglaubliche Gruppendruck dabei herrscht. Die Kinder begreifen den Krieg als großes Abenteuer: Die Buben können es kaum erwarten, selbst Soldat zu werden, und auch die Mädchen möchten sich beweisen. Die Kinder
Das opferfreudigste Volk Was die Sinnhaftigkeit des Opferbringens betrifft, ist eine gewisse Ambivalenz feststellbar. Einerseits erklärt die Großmutter dem Nesthäkchen, der zehnjährigen Annemarie: „Nicht, was dir Spaß macht, sollst du tun, sondern das, was am nutzbringendsten für unsere Krieger ist“, andererseits betont sie, als Annemarie lieber bei der Lebensmittelverteilung als beim verhassten Stricken eingesetzt werden würde: „Gerade etwas, was uns schwer fällt, hat doppelten Wert. Unser eigenes kleines Ich und all unsere persönlichen Wünsche müssen wir jetzt hintenan setzen, nur an das Wohl unseres Vaterlandes und seiner braven Verteidiger dürfen wir denken. Sonst ist es kein richtiges Opfer.“ Dabei hätten die braven Verteidiger mehr davon, wenn diejenigen das Stricken übernehmen würden, die es gut können, und nicht diejenigen, die dabei das größte Opfer bringen. Opferbringen als Selbstzweck? In gewisser Weise schon: Wenn es darum geht, die Bevölkerung dazu zu erziehen, opferfreudig in den Kampf zu ziehen, ist kritisches Hinterfragen natürlich nicht förderlich. Und große Opferbereitschaft war gefordert, denn die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn waren den Alliierten an Truppenstärke und Material unterlegen, was durch Opferfreudigkeit kompensiert werden sollte. Kirchenvertreter predigten die Ansicht, dass Gott mit dem Volk sei, das am meisten Opfer bringe – und das sollten die Deutschen sein.
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Addendum
Der Sinn ist abhanden gekommen Als die Soldaten jubelnd und singend losgezogen waren, hatten sie keine Vorstellung davon, was sie erwarten würde. Sie waren mit dem hehren Ideal vom Kampf Mann gegen Mann in den Krieg gezogen und fanden sich als Kanonenfutter gegen Maschinengewehre anlaufend wieder, im Schützengraben darauf wartend, von den Waffen eines Feindes, den sie nicht einmal sehen konnten, zerfetzt zu werden. Der Schriftsteller und Kriegsfreiwillige Ernst Toller resümiert seine Wandlung in seiner Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“ so: „Dreizehn Monate bleibe ich an der Front, die großen Empfindungen werden stumpf, die großen Worte klein, Krieg wird zum Alltag, Frontdienst zum Tagwerk, Helden werden Opfer, Freiwillige Gekettete, das Leben ist eine Hölle, der Tod eine Bagatelle, wir alle sind Schrauben einer Maschine, die vorwärts sich wälzt, keiner weiß, wohin, die zurück sich wälzt, keiner weiß, warum, wir werden gelockert, gefeilt, angezogen, ausgewechselt, verworfen – der Sinn ist abhanden gekommen, was brannte, ist verschlackt, der Schmerz ausgelaugt, der Boden, aus dem Tat und Einsatz wuchsen, eine öde Wüste.“
„Der deutsche Soldat zeigt nicht nur im Kampfe seinen opferfreudigen Mut, sondern auch dem unerbittlichen Schicksal gegenüber.“ In der Heimat weiß man wenig von der Realität des Frontalltags. Die Nachrichten, die daheim ankommen, sind vor allem Propaganda, und viele Soldaten scheuen sich davor, den Familien zu Hause von ihren schrecklichen Erlebnissen zu berichten. In der Heimat ermuntert man sich also weiterhin mit Durchhalteparolen und ist stolz auf seine Opferbereitschaft. Im Kinderbuch „Nesthäkchen und der Weltkrieg“ finden sich Sätze, die wohl eins zu eins Propagandaschriften entnommen sind: „Das deutsche Volk hielt durch, selbst wenn die Butter ganz vom Brot verschwand, selbst wenn statt der zwei fleischlosen Tage in der Woche deren sieben eingeführt werden sollten. Wie draußen an der Front die Männer, so standen daheim die Frauen und Kinder tapfer und opferfreudig im Kampf gegen jederlei Entbehrungen, alle von demselben Willen beseelt: ,Wir müssen siegen!‘“ Auch von den verwundeten Soldaten im Lazarett wird behauptet, dass sie fürs Vaterland alle Schmerzen freudig auf sich nehmen. „Trotz der Schmerzen, die sie erdulden mussten, sahen die bleichen Gesichter zufrieden und dankbar aus. Der deutsche Soldat zeigt nicht nur im Kampfe seinen opferfreudigen Mut, sondern auch dem unerbittlichen Schicksal gegenüber.“
Feldpostkarte von 1917. Die gefallenen Soldaten hinterließen zahlreiche Witwen und Waisen, zu deren Unterstützung aufgerufen wurde.
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Opfer fürs Vaterland
Die Kriegswirtschaft brauchte Rohstoffe, unter anderem Gold. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, ihren Schmuck zu spenden. Ersatzweise bekam man Eisenschmuck. Dadurch wurde ein hoher sozialer Druck erzeugt.
Diese zunehmende Entfremdung zwischen den desillusionierten Frontsoldaten und den weiterhin von Propaganda und ihren Vorstellungen vom heldenhaften Kampf geprägten Daheimgebliebenen verarbeitet der englische Soldat und Dichter Siegfried Sassoon in seinem Gedicht „Glory of Women“. You love us when we’re heroes, home on leave, Or wounded in a mentionable place. You worship decorations; you believe That chivalry redeems the war’s disgrace. You make us shells. You listen with delight, By tales of dirt and danger fondly thrilled. You crown our distant ardours while we fight, And mourn our laurelled memories when we’re killed. You can’t believe that British troops “retire” When hell’s last horror breaks them, and they run, Trampling the terrible corpses – blind with blood. O German mother dreaming by the fire, While you are knitting socks to send your son His face is trodden deeper in the mud.
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Addendum
Sterben ohne Zweck Obwohl die Generäle eine ganze Generation geopfert hatten, mussten sie schließlich nach vier Jahren einsehen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Deutschland hatte im Krieg tatsächlich nichts gewonnen: Vom Vaterland, das verteidigt werden sollte, waren nur noch Teile übrig, zwei Millionen Soldaten waren
Die Opfer der jüdischen Autorin für das Vaterland waren nicht mehr erwünscht. Sie sollte selbst zum Opfer werden. gefallen. Einen siegreichen Frieden gab es nicht, sondern den „Schandfrieden von Versailles“, und die Jugend kam, bis auf einige wenige wie Ernst Jünger, nicht gestählt aus dem Krieg zurück, sondern traumatisiert, verwundet oder gar nicht. Das Volk war nicht geeint, sondern zutiefst gespalten. Ernst Jünger verwehrte sich gegen den Gedanken, dass die Opfer sinnlos gewesen sein sollten. 1921 schrieb er im Vorwort zu seinem Erlebnisbericht „In Stahlgewittern“: „Ihr seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel ein anderes, größeres ist, als ihr erträumtet.“ Das Ziel allerdings bleibt vage: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Der Gedanke, dass tatsächlich alles sinnlos gewesen war, kam in der breiten Öffentlichkeit erst zehn Jahre nach dem Ende des Krieges mit dem Erscheinen von Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ zur Sprache. Im selben Jahr, elf Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, schrieb Erich Kästner das Gedicht „Stimmen aus dem Massengrab“, in dem er nicht nur die Sinnlosigkeit des Massensterbens anprangert, sondern auch die Tatsache, dass daraus keine Lehren gezogen wurden. Ihr dürft die Angestellten Gottes loben. Sie sprachen schön am Massengrab von Pflicht. Wir lagen unten, und sie standen oben. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht.“ Da liegen wir, den toten Mund voll Dreck. Und es kam anders, als wir sterbend dachten. Wir starben. Doch wir starben ohne Zweck. Ihr lasst Euch morgen, wie wir gestern, schlachten.
Andere wollten aktiv dafür sorgen, dass die Opfer im Krieg nicht umsonst waren. „Es kann nicht sein, dass zwei Millionen Deutsche umsonst gefallen sind … Nein, wir verzeihen nicht, sondern fordern Vergeltung!“, sagte Adolf Hitler in einer Rede im September 1922. Den 100.000 Juden, die im Ersten Weltkrieg Seite an Seite mit ihren Kameraden für Deutschland gekämpft hatten, wurde ihr Opfer fürs Vaterland jedenfalls nicht gedankt. Dasselbe gilt für die jüdische Autorin Else Ury, 1943 in Auschwitz ermordet, die sich nicht nur mit freiwilligem Arbeitseinsatz in den Dienst des Vaterlands gestellt hatte, sondern in ihren Kinderbüchern die Jugend zur Opferbereitschaft fürs Vaterland anhielt, wie es die beste Kriegspropaganda nicht besser gekonnt hätte. 1933 war sie wiederum so begeistert von der erneuten Erhebung Deutschlands, dass sie noch ein Jugendbuch veröffentlichte, das die Aufbruchsstimmung und die neue Zeit glorifizierte. Das Buch endet mit einer äußerst pathetischen Schilderung der Maiparade mit dem Reichskanzler Adolf Hitler. Dabei ahnte sie nicht, dass sie längst kein erwünschter Teil dieser deutschen Erhebung mehr war, sondern derselben zum Opfer fallen würde. Adolf Hitlers Sekretärin Traudl Junge zufolge sprach Hitler selbst davon, dass der Völkermord an den Juden das Opfer sei, das er für die größere Sache zu bringen habe.
Literaturverzeichnis Hamann, Brigitte: Der Erste Weltkrieg. Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten. Piper 2008 Münkler, Herfried: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. rororo 2015. Buelens, Geert: Europas Dichter und der Erste Weltkrieg. Suhrkamp 2014 Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914–1918. Hg. v. Thomas Anz und Joseph Vogl. Reclam 2014 The Poems of the Great War 1914–1918. Penguin Books 1998 Jünger, Ernst: In Stahlgewittern. Klett-Cotta 2014 bzw. gutenberg.org (Version von 1922 mit Vorwort) Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Kiepenheuer & Witsch 1999 Ury, Else: Nesthäkchen und der Weltkrieg. gutenberg. spiegel.de Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin. Ein Film von André Heller und Othmar Schmiderer. 2002
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Zitat
Wir die neue 2019 | Ausgabe 9
Addendum
sind n Juden. Heinz-Christian Strache 57
Klimawandelskepsis
Der Mensch verändert das Klima Ist der Klimawandel wirklich menschengemacht? Und steht uns eine Katastrophe bevor? Die häufigsten Einwände der Skeptiker.
T E XT: T I M O KÜ N TZ L E , D E N N I S M EY E R , JO H A N N E S S T RO B L FO TO : A PA
A
uch schon vor Greta Thunberg und der „Fridays for Future“-Bewegung rief das Thema Klimawandel gleichermaßen Emotionen und Kritik hervor. Im Dezember 2017 etwa avancierte ein abgemagerter, sich durch die Weiten Nordkanadas schleppender
Der Eisbär könne auch schlicht krank und somit zu schwach zum Jagen geworden sein, reklamierten die Kritiker. Trotzdem sahen das Video viele als Aufforderung an die Weltgemeinschaft, die Bekämpfung des Klimawandels zur alles überragenden Priorität zu machen. Große Teile von Bevölkerung, Politik und Medien sind, unter Berufung auf die Wissenschaft, zu einem Grundkonsens gelangt. Er besagt: Das globale Klima erwärmt sich wegen menschlich verursachter Treibhausgase, und man muss schleunigst etwas unternehmen, um die Menschheit vor den Folgen zu bewahren.
Haben die Skeptiker vielleicht doch recht? Oder wenigstens teilweise? Eisbär per Video zum Mahnmal gegen den Klimawandel. Der verhungernde Eisbär sei Opfer des Klimawandels, weil höhere Temperaturen und schwindende Eisflächen den Raubtieren die Robbenjagd erschweren.
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Addendum
Könnte es sein, dass sich die Menschheit blindlings verrennt? Und trotzdem stellen sich einige vehement gegen den Konsens. Im Internet tauschen sie Argumente aus, die den „Mainstream“ angeblich widerlegen. Viele solcher Artikel klingen sachlich, beziehen sich ihrerseits auf wissenschaftliche Quellen und argumentieren in sich schlüssig. Haben die Skeptiker vielleicht doch recht? Oder wenigstens teilweise? Addendum hat sich intensiv mit den Hauptargumenten der Klimawandelskeptiker auseinandergesetzt: Wird die Klimawissenschaft falsch oder einseitig dargestellt? Ist die durch den Weltklimarat vertretene Einhelligkeit vielleicht doch nur ein Schein-Konsens? Fest steht: Medien und Wissenschaft verkünden nahezu einhellig, der Mensch verändert das Klima.
Ja, aber ... ... sind sich wirklich alle Forscher einig? D
arüber, dass der Mensch entscheidenden Anteil an der Erderwärmung hat, besteht wissenschaftlicher Konsens. Woher kommt die Skepsis einiger weniger? Seitdem der Klimawandel diskutiert wird, erscheinen regelmäßig Meldungen wie jene aus dem September dieses Jahres: „Es gibt keinen Klimanotfall“, hieß es darin. Etwa 500 Personen warnten in dem Aufruf vor „teuren und unnötigen Maßnahmen zur TreibhausgasReduzierung“.
Wissenschaftler ist nicht gleich Wissenschaftler Gerade einmal zehn von 506 Unterzeichnern entpuppten sich als Klimawissenschaftler, weitere vier als Meteorologen. Der Rest besteht vor allem aus Geologen und Ingenieuren, von denen viele nicht an Universitäten forschen, sondern für die Industrie im Bereich der fossilen Energien arbeiten. Inhaltlich besteht der Aufruf vor allem aus Fehlinterpretationen und schlichten Falschaussagen, wie Forscher der Internetplattform Climate Feedback analysierten.
Welche Rolle spielt der Weltklimarat IPCC? Immer wieder kursieren Behauptungen, wonach es sich beim Weltklimarat um ein rein politisches Organ handle. Er sei daher weder kompetent noch unabhängig. Wahr daran ist, dass der IPCC nicht zur Gänze unpolitisch ist und auf Initiative der Vereinten Nationen 1988 gegründet wurde. Seine Aufgabe: das Sammeln wissenschaftlicher Fakten zum Klimawandel. Für den Weltklimarat arbeiten Wissenschaftler, die regelmäßig umfassende Berichte veröffentlichen. Politische Handlungsempfehlungen gibt der Rat nicht ab. Auch außerhalb des Weltklimarats herrscht weitgehend Einig-
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keit. Eine Studie aus dem Jahr 2016 kam zu dem Ergebnis: 97 Prozent der Autoren von über 4.000 wissenschaftlichen Studien bestätigten den Klimawandel. Dabei war die Zustimmung umso größer, je größer das Fachwissen der Autoren war.
Klimawandelskepsis
...gab’s nicht früher schon heiße Sommer? ist die Durchschnittstemperatur im selben Zeitraum sogar um zwei Grad gestiegen.
E
xtreme Wetterereignisse gab es schon immer. Sie sagen aber nichts über die sehr langfristigen durchschnittlichen Entwicklungen bei Temperatur oder Niederschlag aus. Sie sagen also – für sich genommen – nichts über Klimaveränderungen aus. Globale Durchschnittstemperatur steigt Unumstößlich ist die Tatsache, dass die globale Durchschnittstemperatur schnell steigt: zwischen 1880 und 2018 um 0,9 Grad. In Österreich
Globale Durchschnittstemperatur
Quelle: NASA
Temperaturschwankung in °C
1,0
0,5
0
Jährlicher Schnitt 5-Jahre-Schnitt
– 0,5 1880
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1900
1920
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1960
1980
Addendum
2000
2020
Klimaschwankung oder -wandel? Der langfristige Temperaturanstieg wird in der Zukunft vermehrt für Extremwetter sorgen. Der Grund: Eine aufgeheizte Atmosphäre trägt mehr Energie in sich, kann mehr Wasser aufnehmen und sorgt für mehr Turbulenz. Aber sehen wir die Auswirkungen schon heute? Das Problem: Extremwetter sind extrem und damit selten zu beobachten. Entsprechend schwierig ist es, Änderungen ihrer Häufigkeit statistisch nachzuweisen. Im Gegensatz zu langfristigen Temperaturtrends gehören Extremwetter daher zu den eher unsicheren Phänomenen. Dass es einen globalen Temperaturanstieg gibt, wird heute nicht mehr bezweifelt. Er ist ebenso gut belegt wie der Anstieg des Meeresspiegels und der Rückgang des arktischen Meereises. Spürbare Folgen des Klimawandels sind mit großer Wahrscheinlichkeit auch die jüngst beobachteten Hitzewellen und Trockenperioden. Viele Forscher sehen ähnliche Trends auch bei heftigen Stürmen (allerdings nicht für Europa), Gewittern oder Starkregen. Andere sind, was das betrifft, skeptisch. Fazit: Nicht jedes extreme Wetterereignis lässt sich völlig zweifelsfrei dem Klimawandel zuordnen. Ein Trend zu heftigeren Wettern ist aber deutlich zu erkennen.
... war es im Mittelalter nicht viel wärmer? I
m Mittelalter war es zwar nicht wärmer als heute, aber zumindest ähnlich warm. Haben die Klimawandel-Skeptiker also recht, wenn sie sagen, dass es schon immer Temperaturschwankungen auf der Erde gab? Ja. In der Hochzeit des römischen Reiches gab es eine Warmzeit, das sogenannte römische Klimaoptimum (etwa 200 v. bis 135 n. Chr.). Danach folgte die Kleine Eiszeit der Spätantike (450–700). Diese Phasen werden von den Klimawissenschaftlern aber auch gar nicht bestritten. Ganz im Gegenteil: Sie waren es, die diese Daten erst erhoben haben. Mehrere Studien setzen sich mit den Ursachen der mittelalterlichen Klimaanomalie, so die wissenschaftliche Bezeichnung, auseinander. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine Kombination aus erhöhter Sonnenstrahlung, niedriger Vulkanaktivität und veränderten Ozeanzirkulationen das Klima im Nordatlantik binnen 20 bis 40 Jahren erwärmte. Es stimmt also, dass es bereits früher deutliche Temperaturanstiege gab. Allerdings waren diese Anstiege nicht global spürbar, sondern beschränkten sich auf einige Regionen. Im Nordatlantik war die Erwärmung damals am stärksten. Die vergangenen drei Jahrzehnte waren allerdings sowohl global als auch in den nordatlantischen Regionen und überall sonst auf der Nord-
halbkugel die wärmsten der letzten 1.400 Jahre, also auch wärmer als in der mittelalterlichen Warmzeit. Den deutlichsten Temperaturanstieg spüren wir seit Beginn der Industrialisierung. Dabei zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Konzentration von Kohlendioxid (CO2) und dem globalen Temperaturanstieg.
Der „Barcode“ des Klimawandels steigende Jahresdurchschnittstemperaturen bei steigender CO2-Konzentration in ppm
500 450 400 350 300 250 1881
7,4
61
1900
8,0
8,5
1920
9,0
1940
9,5
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10,0
10,5
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11,0
2000
2018
in °C
Klimawandelskepsis
... macht die Sonne nicht das Klima? D
Globale Temperatur und Sonnenaktivität im Zeitverlauf 11-Jahre-Mittelwerte
Änderung der Temperatur in °C Sonneneinstrahlung in Watt/m2 1.363
1,0
1.362
0,0
1.361
-0,5
1.360
-1,0 1880
1900
1920
1940
1960
1980
2000
2020
Qulle: Nasa, PMOD, Krivova et. al (2007)
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Addendum
ie unvorstellbare Menge an Energie, die tagtäglich von der Sonne auf die Erde gelangt, ist für so gut wie jedes Wetterphänomen verantwortlich. Sie ist die Ursache für vergangene Klimaänderungen. Ist es da nicht vernünftig anzunehmen, dass Veränderungen der Sonnenaktivität die gegenwärtige Erderwärmung verursachen? Tatsächlich war ein Rückgang der Sonnenaktivität gepaart mit Vulkanausbrüchen eine der Ursachen für die Kleine Eiszeit zwischen 1650 und 1850. Mehr noch: In den zurückliegenden 1.150 Jahren gingen Schwankungen der solaren Aktivität und Temperaturänderungen auf der Erde stets Hand in Hand. Dennoch: Für den globalen Temperaturanstieg der vergangenen 50 Jahre kann eine Veränderung der Sonnenaktivität als Ursache so gut wie ausgeschlossen werden. Die Wissenschaft geht sogar davon aus, dass ein Rückgang der Sonnenaktivität in jüngster Vergangenheit einen leicht abschwächenden Effekt auf die Klimaerwärmung ausübte. Unbestreitbar hat die Sonne einen starken Einfluss auf das Klima der Erde. Der Grund für die jüngste Erderwärmung ist aber nicht sie, sondern der Mensch.
... ist CO2 nicht total harmlos? O
hne Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre käme nicht nur die Photosynthese – Pflanzen geben Sauerstoff an die Umwelt ab, während zeitgleich Kohlendioxid aufgenommen wird – zum Erliegen, auch große Teile unseres Planeten würden sich innerhalb kurzer Zeit in eine Eiswüste verwandeln. Grund dafür ist der Treibhauseffekt. Sobald Sonnenstrahlen auf die Erdoberfläche treffen, wird deren Energie absorbiert und ein Großteil in Form von Wärmestrahlung wieder in Richtung Weltall geschickt. Treibhausgase wie Wasserdampf, Kohlendioxid und Methan reflektieren Teile der Wärmestrahlung erneut zurück zur Erdoberfläche und erwärmen dadurch unser Klima. Es stimmt, dass der CO2-Anteil in der Luft nur rund 0,04 Prozent ausmacht. Viel wichtiger als der relative Anteil ist jedoch die Gesamtmenge an CO2 in der Atmosphäre. Das Hinzufügen einer großen Anzahl von energieabsorbierenden CO2-Molekülen ändert zwar nur sehr wenig an ihrem prozentualen Anteil am Gesamtgemisch. Eine große Wirkung entfalten sie aber trotzdem. Es ist vergleichbar mit dem Konsum von Alkohol: Eine Erhöhung des Blutalkoholspiegels von 0,1 auf 0,3 Prozent mag klein erscheinen, kann aber den Unterschied zwischen einem geselligen Abend und einem Aufenthalt in der Notaufnahme bedeuten. Ergo: Für die Erderwärmung ist nicht der relative CO2-Anteil von 0,04 Prozent aussagekräftig. Wichtig ist ausschließlich die
gesamte Menge an Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen, die sich in der Atmosphäre befindet. Unbestreitbar ist, dass Treibhausgase wie Kohlendioxid die Triebkräfte der Erderwärmung darstellen. Natürliche Ursachen wie Vulkanismus und eine veränderte Sonnenaktivität können hingegen ausgeschlossen werden. Darüber ist sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten einig. Nicht nur über die Ursache des Klimawandels herrscht Konsens, sondern auch über dessen Ursprung: Die erhöhten CO2-Konzentrationen stammen nicht etwa aus natürlichen
Quellen, wie oft behauptet wird, sondern aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Wahr ist: CO2 ist für das Pflanzenwachstum unverzichtbar. Wahr ist aber auch: Der durch den Menschen verursachte zusätzliche Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen erwärmt unser Klima. Und das sorgt in vielen Weltregionen für Wassermangel oder Hitze.
Anteil unterschiedlicher Gase am Treibhauseffekt bei klarem Himmel
Quelle: Kiehl et al. (1997)
*u. a. Stickoxide, Methan
6% Sonstige*
60 % Wasser
63
8% Ozon 26 % Kohlendioxid
Klimawandelskepsis
... lagen die Prognosen bisher nicht alle daneben? D
arüber, dass es einen menschengemachten Klimawandel gibt, herrscht in der Wissenschaft große Einigkeit. Auch daran, dass wir mit einem weiteren Temperaturanstieg zu rechnen haben, besteht kaum Zweifel. Doch wie stark wird dieser Anstieg sein? Und was bedeutet das für uns Menschen? Klimaprognosen sind eine komplexe Angelegenheit. Das liegt vor
Sinkende Emissionen durch erhöhte Energieeffizienz
in kg pro Kaufkraftparität
Quelle: Weltbank
1,6 1,4 1,2 1,0 0,8 China
0,6 0,4
USA
0,2
EU
0,0 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014
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Addendum
allem daran, dass eine Vielzahl von Faktoren Klima- und Temperaturveränderungen beeinflussen. Diese Komplexität hat zu einigen ungenauen oder sogar fehlerhaften Prognosen geführt. So war im Weltklimabericht aus dem Jahr 2007 zu lesen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gletscher des Himalayas bis 2035 und vielleicht schon früher verschwinden, ist sehr hoch.“ Richtig ist allerdings, dass einige Gletscher des Himalaya sogar wachsen. In einem früheren Bericht prognostizierten die Forscher, dass bis zum Jahr 2010 weltweit mindestens 50 Millionen Menschen zu Klimaflüchtlingen würden. Das Gegenteil ist eingetreten: In vielen Ländern der sogenannten Klimagefahrenzone gab es keine massenhafte Auswanderung, vielerorts wuchs die Bevölkerung sogar. Auch der zuletzt veröffentlichte Bericht des Weltklimarats aus dem Jahr 2014 enthält Prognosen, die höchstwahrscheinlich unzutreffend sind. Konkret betrifft das die Wechselwirkung des globalen Wirtschaftswachstums und der Kohlendioxid-Emissionen. 99,5 Prozent aller Szenarien gehen für die Zeit zwischen 2010 und 2020 von einem zum Teil deutlich höheren Wachstum der Weltwirtschaft aus als jenem, das wir bis Ende 2020 aller Voraussicht nach tatsächlich erreicht haben werden. Klimamodelle sind unverzichtbar für ein besseres Verständnis der klimatischen Veränderungen, sie dürfen aber nicht als Vorhersageinstrumente missverstanden werden. Das gilt für Politik und Medien genauso wie für die Forscher selbst.
Burgtheater
Die Wurzel allen Übels Nach dem Stantejsky-Prozess: Welche schwerwiegenden Fehler im Burgtheater seit der Ausgliederung der Bundestheater vor zwanzig Jahren gemacht wurden.
T E XT: R A I N E R F L E C K L FO TO S : A PA
A
ls im Frühjahr 2014 der amtierende Kulturminister Josef Ostermayer den Direktor des Burgtheaters, Matthias Hartmann, fristlos entließ, wurde folgendes Narrativ des „Burgtheater-Skandals“ etabliert: Hartmann habe bei der Kontrolle seiner ehemaligen kaufmännischen Direktorin versagt, sei sogar teilweise in deren System eingebunden gewesen und durch hemmungslose Produktionswut wesentlich mit schuld am finanziellen Desaster, das sich im Burgtheater offenbart hatte. Erneuert und bestärkt wurde diese Erzählung dadurch, dass man den in der Bilanz 2014 ausgewiesenen Millionenverlust medial als jenen Schaden transportierte, den der entlassene Direktor angerichtet habe und den seine Nachfolgerin Karin Bergmann unter Blut, Schweiß und Tränen zu reparieren gehabt habe.
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Tatsächlich mussten in der Bilanz 2014 Rückstellungen gebildet werden, um die Mängel und Falschdarstellungen früherer Bilanzen auszugleichen. Das Burgtheater stand seit seiner Umwandlung in die GmbH im Jahr 2000 unter finanziellem Druck, weil das Bundestheatergesetz keine Valorisierung der Subventionen vor-
Dem Rechnungshof lagen nur die alten Bilanzen vor, die unberichtigt blieben. sah und damit die jährlichen Kostensteigerungen – Inflation und kollektivvertragliche Erhöhungen – in der Höhe von 2 bis 3 Prozent aufgefan-
Addendum
gen werden mussten. Wirtschaftlich verantwortlich waren damals Georg Springer als Chef der Holding und Thomas Drozda als kaufmännischer Direktor des Theaters. Die Vorgänge im Burgtheater wurden durch eine forensische Untersuchung durch die KPMG, eine Großbetriebsprüfung des Finanzamts nach zwei Selbstanzeigen der Burg und durch ein Gutachten des von der Staatsanwaltschaft beauftragten Sachverständigen Peter Wundsam zutage gefördert. Die Bilanzen waren falsch Naturgemäß erstreckten sich die behördlichen Prüfungen auf die letzten Jahre, Wundsam ging zum Teil bis zum Geschäftsjahr zurück, das mit dem 31. August 2008 endete. Das Finanzamt prüfte bis einschließlich 2004, davor war alles verjährt. Wie sich herausstellte, waren die von Wundsam geprüften Bilanzen aus
Im Winter 2013/14 wurden Unregelmäßigkeiten in der Buchführung des Burgtheaters bekannt. Diese führten zunächst zur Entlassung der früheren kaufmännischen Geschäftsführerin Silvia Stantejsky, in weiterer Folge zur Entlassung des künstlerischen Geschäftsführers Matthias Hartmann.
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Burgtheater
Am 14. November startete der Prozess gegen die frühere kaufmännische Geschäftsführerin Silvia Stantejsky. Sie soll sich am Burgtheater-Vermögen persönlich bereichert haben.
folgenden Gründen falsch: weil darin Stücke als Vermögen ausgewiesen wurden, die es nicht oder nicht mehr gab, und weil die Rückstellungen für Abfertigungs- und Jubiläumsgelder sowie für Urlaube falsch in der Bilanz gebildet wurden. Wie sich die unterschiedlichen Fehlbeträge zusammensetzten, geht aus einer internen Aufstellung der Holding hervor. Darin heißt es unter anderem: „Die umfangreiche Analyse der aktivierten Beträge ergab, dass wesentliche Bestandteile der aktivierten Kosten nicht belegmäßig nachgewiesen werden konnten. Dies betrifft die sogenannten ,Word-Sammellisten‘ und ,Excel-Sammellisten‘, die Personalkosten enthalten und zwischen 14 Prozent und 60 Prozent der gesamten aktivierten Beträge ausmachen. Die Buchhaltung ist in diesem Aspekt als nicht ordnungsgemäß zu beurteilen.“ Warum das alles im Rechnungshofbericht aus dem Jahr 2016 fehlt, auf den sich der ehemalige kaufmännische Direktor Thomas Drozda beruft, ist leicht erklärt: Dem Rechnungshof lagen nur die alten Bilanzen vor, die unberichtigt blieben. Drei grundsätzliche Fehler der Bilanzen vor Aufdeckung der Mängel reichen nach den vorliegenden Unterlagen und nach den Aussagen der Beteiligten in den Ermittlungen und vor Gericht bis in die Gründungsjahre der Burgtheater GmbH, also bis zur Ausgliederung zurück:
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1. Die Steuerhinterziehung durch Auszahlung des gesamten Bruttobetrags ohne Einbehaltung der Abzugssteuern an ausländische Künstler. 2. Die Abgabenhinterziehung (insbesondere Lohnsteuer und Sozialversicherung) durch Scheinselbstständige sowie durch Zusatzzahlungen an Dienstnehmer. 3. Die Ermittlung der Summen, mit denen Stücke aktiviert wurden. Steuerhinterziehung Eine Durchleuchtung der kaufmännischen Abteilung der Burgtheater GmbH, die nach der Entlassung von Silvia Stantejsky stattgefunden hat, führte am 24. Jänner 2014 zu einer ersten Selbstanzeige. Es geht dabei um die Abzugssteuer nach Paragraf 99 des Einkommensteuergesetzes. Diesem Paragrafen zufolge dürfen die Honorare für ausländische Künstler nur ungekürzt ausbezahlt werden, wenn die gesetzlich vorgeschriebenen Formulare und Bescheinigungen über die Besteuerung im Ausland vorliegen. Obwohl diese nicht vorlagen, zog das Burgtheater nicht die 20 Prozent Abzugssteuer ab, sondern bezahlte die Honorare zur Gänze aus. Im Zuge ihrer Einvernahme beim Finanzamt hat die ehemalige Finanzdirektorin Silvia Stantejsky
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dazu angegeben, ihr sei nicht bewusst gewesen, dass bei Nichtvorliegen der Bescheinigungen und Formulare eine Haftung für die Burgtheater GmbH begründet werden könne. Darüber hinaus erklärte sie, dass während der Zeit als Prokuristin bis zum Ende der Geschäftsführertätigkeit beim Thema „Einholung der Formulare“ keine
Wenn die Buchhaltung falsch ist, ist auch die Bilanz falsch. klare Verantwortungsregelung bestanden habe. In ihrer Einvernahme bei der Staatsanwaltschaft am 3. Mai 2016 lautete ihre Aussage folgendermaßen: „Ich war davon überzeugt, dass die Voraussetzungen für eine Entlastung für die Abzugsteuer vorlagen, weil bei all den Personen ich wusste, dass sie in Deutschland ansässig sind und auch dort Steuern zahlen. Dass dieses Formular eine Voraussetzung ist, war mir damals nicht bekannt.“ Aus einem Addendum vorliegenden Mail ergibt sich aber, dass die Formulare und die Rechtslage – die Verpflichtung zur Einbehaltung von 20 Prozent – sehr wohl bekannt
waren: In einem Mail, das mit 27. November 2007 datiert ist, schreibt Burgtheater-Managerin Stantejsky an eine Mitarbeiterin aus Berlin, dass diese spätestens bei der Premiere eine Wohnsitzbescheinigung des Finanzamts und eine Bestätigung vorzulegen habe, dass sie beim Wohnsitzfinanzamt versteuere. Stantejsky wies in diesem Mail darauf hin, dass sie, wenn sie diese Bestätigung nicht bei der Auszahlung der letzten Rate habe, 20 Prozent des Gesamthonorars einbehalten müsse. Handgeldpraxis Aus einem weiteren Mail erschließt sich auch die Existenz einer Handgeldpraxis, also von Zahlungen neben den offiziellen Beträgen. All das spielt sich in der Zeit ab, in der Thomas Drozda noch kaufmännischer Direktor der Burg war. Insgesamt wurden in die Selbstanzeige 5,4 Millionen Euro Abzugssteuern aufgenommen, davon rund 2,7 Millionen aus der Ära Drozda (2004, also nach der Verjährungsfrist, bis einschließlich 2008).
Zweite Selbstanzeige Am 1. April 2014 erfolgte eine zweite Selbstanzeige der Burgtheater GmbH. Darin geht es um Zahlungen an Dienstnehmer außerhalb der Lohnverrechnung und um die Beschäftigung von Arbeitnehmern als Scheinselbstständige, in beiden Fällen geht es um die Vermeidung und Verkürzung von Lohnsteuerund Sozialversicherungsbeiträgen, die im Rahmen eines regulären Anstellungsverhältnisses anfallen. Die beiden Selbstanzeigen reichen bis in das Jahr 2004 zurück – zehn Jahre ist die absolute abgabenrechtliche Verjährungsfrist. In beiden Selbstanzeigen ist allerdings folgender Satz zu lesen: „Aus Vorsichtsgründen wird offengelegt, dass davon auszugehen ist, dass auch vor dem Jahr 2004 Auszahlungen von Vergütungen ohne Einbehaltung und Abfuhr von Abzugssteuer vorgenommen wurden (dies für § 99 EStG).“ In Bezug auf die Scheindienstverhältnisse wird Folgendes festgehalten:
„Es wird aus Vorsichtsgründen offengelegt, dass davon auszugehen ist, dass auch vor dem Jahr 2004 Zahlungen an Assistenten und Hospitanten geleistet wurden, für die irrtümlich Lohnsteuer, Dienstgeberbeiträge und Kommunalsteuer nicht entrichtet wurden.“ Falsch oder gefälscht? Der heutige Nationalratsabgeordnete der SPÖ Thomas Drozda hatte im Jahr 2018 rechtliche Schritte gegen die von Matthias Hartmanns Anwalt getätigte Aussage angekündigt, dass es im Burgtheater um Bilanzfälschung gehe; eingeleitet wurden diese nicht. Dass die Bilanzen auch während der Zeit Drozdas als kaufmännischer Direktor falsch, also nicht korrekt waren, steht inzwischen außer Frage. Bereits aus dem Tatbestand der Steuerhinterziehung ergibt sich, dass die Buchhaltung falsch war, und wenn die Buchhaltung falsch ist, ist auch die Bilanz falsch. Es fehlen also zum Zeitpunkt der Übergabe der kaufmännischen Geschäftsführung
Im Zusammenhang mit dem Burgtheater-Skandal wurde auch heftige Kritik an Holding-Geschäftsführer Georg Springer geübt, der in der Folge pensioniert wurde.
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von Drozda auf Stantejsky (Sommer 2008) die hinterzogenen Abgaben in allen Bilanzen. Entscheidend für die Frage, ob es sich um Bilanzfälschung handelte oder um ein Versehen, ist naturgemäß die Frage, ob mit Vorsatz gehandelt wurde. Nachdem sich zeigt – das Mail von Frau Stantejsky an Frau S. belegt das recht eindeutig –, dass entgegen ersten Aussagen sehr wohl bekannt war, was eigentlich zu tun gewesen wäre, ist wohl eher davon auszugehen, dass die Steuerhinterziehung bei der Abzugssteuer vorsätzlich erfolgte. Damit wäre die Aussage, dass alle Bilanzen gefälscht waren, korrekt, aber das müsste im Zweifelsfall natürlich ein Gericht klären. Bühnenbilder, Regieassistenzen Einen wesentlichen Beitrag zum falschen Bild von der finanziellen Lage des Burgtheaters leistete die sogenannte Aktivierungspraxis: Die Kosten für eine Produktion werden in der Bilanz über mehrere Jahre verteilt, mit dem Argument, dass die Produktion im Falle von Wiederaufnahmen ja auch in den Folgejahren auf der Gegenseite für Erlöse sorgen würde. An sich ist das im Theaterbetrieb nicht weiter ungewöhnlich, ungewöhnlich waren im Fall des Wiener Burgtheaters zwei Dinge: die Ausweitung des Abschreibungszeitraums von drei auf fünf Jahre, die 2008 auf Betreiben des Bundestheater-Generals Georg Sprin-
ger erfolgen sollte, und vor allem die Tatsache, dass nicht nur tatsächlich vorhandene Werte wie das Bühnenbild aktiviert wurden, sondern auch künstlerische Leistungen wie Regieassistenzen. Diese wurden noch dazu in manchen Fällen Mitarbeitern zugewiesen, die sie nie erbracht hatten. Das bedeutet, es wurden Werte, die nicht existierten, über einen Abschreibungszeitraum von bis zu fünf Jahren in die Bilanz genommen. Nicht ordnungsgemäß Die Daten für diese Aktivierung stammten nach Ansicht des Gutachters der Staatsanwaltschaft aus einer nicht korrekten Buchhaltung. Für die Bilanzerstellung wurden Word-
Die „nicht ordnungsgemäße Praxis“ sei mit Thomas Drozda abgesprochen gewesen. und Excel-Dateien zur Verfügung gestellt, in denen der Verfasser oder die Verfasserin prinzipiell alles hätte vermerken können. Der von der Staatsanwaltschaft bestellte Gutachter Peter Wundsam wies in seiner Prüfung darauf hin, dass eine solche Praxis „nicht ordnungsgemäß“ sei. Die frühere Pro-
Im März 2014 wurde der künstlerische Geschäftsführer des Burgtheaters, Matthias Hartmann, fristlos entlassen, weil er bei der Kontrolle seiner kaufmännischen Geschäftsführerin versagt habe.
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kuristin und spätere kaufmännische Direktorin Silvia Stantejsky erklärte in ihrer Einvernahme am 3. Juni 2016 (wenige Tage, bevor ihr früherer kaufmännischer Direktor Thomas Drozda das Amt des für das Burgtheater verantwortlichen Kulturministers übernahm), dass diese Praxis mit dem kaufmännischen Direktor, also Thomas Drozda, abgesprochen gewesen sei. Der Sachverständige Wundsam fasste die in der Quartalsberichterstattung mündende Gebarung bei der Burgtheater GmbH auf eine Weise zusammen, die für den kaufmännischen Verantwortlichen wenig schmeichelhaft ist: Sie sei, schrieb Wundsam in seinem Gutachten, nicht geeignet, „ein korrektes Bild der Lage der Gesellschaft zu vermitteln“. Thomas Drozda ließ zu all dem mehrfach ausrichten, dass er keinen Grund gesehen habe, langjährigen Mitarbeitern im Burgtheater zu misstrauen. Die falsche Behauptung und Unterstellung der Bilanzfälschung sei bereits Gegenstand einer anonymen Anzeige gewesen, die Ermittlungen wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Eine Wiederholung der Behauptung in der Öffentlichkeit hätte medien- und zivilrechtliche Schritte durch Drozda zur Folge. Mehr zum Burgtheater-Skandal und Dokumente zum Download finden Sie auf addendum.org/burgtheater
Von LebenslĂźgen und Wahrheiten: Michael KĂśhlmeiers Stories aus der Addendum-Zeitung gibt es jetzt als Buch. Mit einem Nachwort von Michael Fleischhacker.
Auszählungsfehler im Nationalrat Zum Ende der vorigen Gesetzgebungsperiode kam es zu einer Abstimmungspanne im Nationalrat. Sie ist dort bis zuletzt unbemerkt geblieben und wirft ein Schlaglicht auf den österreichischen Parlamentarismus.
R E C H E RC H E : D I ET E R B E R L I Z , KO N S TA N T I N G L I N I TZ E R , M O R I TZ M O S E R
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enau zehn Sekunden nach 20.04 Uhr, so vermerkt es das Stenographische Protokoll, fand am 25. September eine Abstimmung im Nationalrat statt. Peter Pilz hatte mit anderen Abgeordneten einen Antrag eingebracht, mit dem der Innenminister aufgefordert werden sollte, die Vereine der Identitären aufzulösen. Solche Entschließungsanträge haben keine rechtliche Wirkung, sind aber politische Willensäußerungen des Parlaments. Gerade gegenüber einer Expertenregierung könnte eine so geäußerte Forderung der Nationalratsmehrheit allerdings durchaus Wirkung entfalten. Der Antrag 301/UEA wurde aber abgelehnt, so steht es zumindest im Protokoll. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Verzählt Als über den Wunsch nach Auflösung der Identitären-Vereine abgestimmt wird, sind die üblichen Regeln des österreichischen Parlamentarismus, dass Koalitionspartner gemeinsam abstimmen, außer Kraft gesetzt: Die Koalition ist geplatzt, es gilt das freie Spiel der Kräfte. So kommt es, dass SPÖ und FPÖ gegen den Antrag stimmen, während ÖVP, NEOS und Liste JETZT dafür sind. Sozialdemokraten und Freiheitliche haben eine Mehrheit im Nationalrat, und so
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kommt es wohl auch, dass die Dritte Nationalratspräsidentin Anneliese
Die zwei Parteien, die sonst eine Mehrheit bilden, haben zu wenige Abgeordnete im Saal. Kitzmüller nicht genau nachzählen lässt, als die Abstimmung ansteht. Im österreichischen Parlament ist es nämlich absolut unüblich nachzuzählen, wie viele Abgeordnete wofür gestimmt haben – das Präsidium schaut nur, ob die zustimmenden Fraktionen zusammen eine Mehrheit haben. Das genügt normalerweise auch, denn dass Abgeordnete gegen die Fraktionslinie stimmen, kommt ausgesprochen selten vor. Bei dieser Abstimmung ist jedoch die Ausgangslage verändert: Es fehlen schlichtweg zu viele Abgeordnete. Die zwei Parteien, die bei vollständiger Anwesenheit zusammen eine Mehrheit bilden, lehnen den Antrag ab – haben aber zu diesem Zeitpunkt keine Mehrheit im Saal. Bei der SPÖ sind nur 31 von 52 Mandataren anwesend, bei der FPÖ sind es immerhin 35 von 51. ÖVP, NEOS und
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JETZT, die mit der klublosen Abgeordneten Alma Zadić für den Antrag stimmen, haben also eigentlich eine Mehrheit. Auch die Nein-Stimme von Martha Bißmann kann das Ruder nicht herumreißen: Während 67 Abgeordnete gegen den Antrag stimmen, sind 70 dafür. Parlamentarischer Pfusch Die Dritte Präsidentin, die zu diesem Zeitpunkt den Vorsitz führt, bemerkt das allerdings ebenso wenig wie der Erste Präsident Wolfgang Sobotka, der im Plenum für den Antrag gestimmt hat. Kitzmüller vermerkt laut Protokoll, das auch in der Folge unbeanstandet bleibt, nur: „Das ist die Minderheit, abgelehnt.“ Es ist der neunte von 29 Tagesordnungspunkten der Sitzung. An diesem Tag finden dutzende Abstimmungen statt. Im Abstimmungsmarathon der letzten Parlamentssitzungen vor der Wahl geht der Fehler einfach unter. Hätte es sich um einen Gesetzesantrag gehandelt, wäre die Sache weniger glimpflich ausgegangen: Eine solche Abstimmungspanne würde dazu führen, dass der Bundespräsident die Beurkundung verweigern müsste. Würde auch ihm die Panne nicht auffallen, könnte das Gesetz vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben werden.
Über den Politometer Der Politometer macht politisches Handeln messbar. Das, was fehlt, ist die datenbasierte Aufbereitung politischer Arbeit und Strukturen, um eine qualifizierte politische Debatte zu ermöglichen. Es geht um Transparenz bei der Beantwortung der Frage: Wer verantwortet das? Mehr auf politometer.addendum.org
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Durch Zufall entdeckt Auch beim Politometer-Team, das für Addendum die Abstimmungsergebnisse erhebt, fällt die falsche Wertung zunächst nicht auf. Erst ein Leser macht auf Twitter darauf aufmerksam, dass beim Politometer ein Antrag als angenommen gewertet wurde, den die Parlamentsseite als abgelehnt vermerkt. Der Fehler konnte überhaupt nur entstehen, weil der Nationalrat kein elektronisches Abstimmungssystem einsetzt, das in vielen Ländern mittlerweile Standard ist. Die Rechtsgrundlage dafür wurde bereits geschaffen. Das Parlament konnte sich bisher aber noch nicht auf eine Umsetzung einigen. In Reaktion auf die
Recherchen von Addendum kündigte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka an, sich für eine elektronische Abstimmungsanlage im renovierten Parlamentsgebäude einzusetzen. Außerdem hat ein Anwalt Anzeige wegen Missbrauchs der Amtsgewalt und falscher Beurkundung und Beglaubigung im Amt gegen die ehemalige Dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller eingebracht. Da allerdings weder das Stenographische Protokoll noch die Aufzeichnungen des ORF nahelegen, dass Frau Kitzmüller mit dem Vorsatz handelte, das Abstimmungsergebnis falsch zu dokumentieren, hat die Anzeige sehr geringe Aussichten auf Erfolg.
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Methodik Das Politometer-Team fotografiert jede Abstimmung im Nationalrat und wertet das Abstimmungsverhalten und die Anwesenheit der Abgeordneten aus. Jede Abstimmung wird zweimal abgelichtet, um etwaige Unklarheiten durch Bewegungen der Abgeordneten ausschließen zu können. Im gegenständlichen Fall wurden beide Fotos nochmals überprüft und ausgewertet.
Abstimmungsverhalten der Klubs
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Diese Übersicht zeigt die Anzahl der Abgeordneten, die pro Klub für den Antrag gestimmt haben. Die Höhe der Balken zeigt den Anteil der anwesenden Abgeordneten eines Klubs.
Legende Anwesend Nicht anwesend Stimme
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Erzählung von Michael Köhlmeier
Jakob, der Verfolgte Eine Story.
T E XT: M I C H A E L KÖ H L M E I E R FO TO : WO L F H E I D E R - S AWA L L | L A I F
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akob wohnte damals in einer Dachmaisonette mit einer Terrasse in den Innenhof, sonnig, nach hinten hinaus ruhig; man sah und roch das Glück, wenn man die Wohnung betrat. Dafür bin ich ein Zeuge. Jakob lebte allein, seine Geliebte besaß eine Wohnung am anderen Ende der Stadt; ein Drittel der Woche war sie bei ihm, ein Drittel er bei ihr, zwei Tage war jeder für sich. Das hatte sich als praktisch und dem Frieden zuträglich herausgestellt. Jakob konnte gut für sich selbst sorgen, er benötigte keine Haushaltshilfe, hätte sich spielend eine leisten können, wollte aber nicht. Er kochte für sich, wusch und bügelte und putzte die Böden und staubte die Regale ab, was in dieser Wohnung nicht einfach war, wegen Überfülle. Eines Morgens kam er von seiner Geliebten nach Hause, er wollte die Wäsche auf der Terrasse aufhängen, da sah er: Die Wäscheleine, die er am Geländer entlang gespannt hatte, war zerschnitten. Nicht an einer Stelle durchgeschnitten, sodass er hätte denken können, sie sei gerissen; sondern in fünfunddreißig kleine Teile zerschnitten. Mit einer Schere war das nicht möglich, die Leine hatte einen Drahtkern, um den eine Plastikhaut gezogen war. Das ging nur mit einer Zange. Bei vernünftiger Überlegung war es auszuschließen, dass jemand von außerhalb des Hauses das getan hatte. Wie wäre er auf die Dachterrasse gekommen? Über die Fenster im Gang? Auch ein guter Kletterer hätte sein Leben riskiert. Wer spielt mit sei-
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nem Leben, um eine alte Wäscheleine durchzuschneiden! Also ein Nachbar? Einer von den neun anderen Bewohnern des Dachgeschoßes? Der hätte nur über die trennenden Geländer der Dachterrassen steigen müssen. Aber Jakob kannte seine Nachbarn – keinem traute er so etwas zu. Er stand gut mit allen. War so eine Tat, so harmlos sie auch schien, nicht die eines Verrückten? Keiner seiner Nachbarn war verrückt. Heute weiß Jakob, wer es war. Er hat mich gebeten, nicht zu sagen, ob Mann oder Frau; ich solle von der „Person“ sprechen. Die Person war tatsächlich eine seiner Nachbarn. „Es war der Mensch, dem ich es am wenigsten zugetraut hätte“, sagte Jakob. Die Sache mit der Wäscheleine ließ er auf sich beruhen. Er sprach mit niemandem darüber; verbat sich selbst, weiter darüber nachzudenken. Dann im Sommer, ein halbes Jahr später, lag er über Mittag in seinem Bett im oberen Stock, um einen Mittagschlaf zu halten – ich habe vergessen zu sagen, dass er in einem Ministerium arbeitete und zwar in einer hohen Position, er konnte sich seine Arbeitszeit selbst einteilen –, es war sehr heiß, alle Fenster hatte er geöffnet, auch die Tür zur Dachterrasse, damit der Durchzug etwas Kühle schaffe. Er schlief tief und lang, und als er erwachte, war alles anders. Alles ein wenig anders. So wenig, dass er es erst gar nicht merkte. Er meinte sich zu erinnern, dass er die Hemden übereinander auf einen Bügel gehängt hatte, das machte er immer so, bevor er sie zusammenlegte und im Kasten
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verstaute. Die Hemden aber lagen sauber zusammengefaltet auf dem Bügelbrett. Hatte er nicht die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch stehen lassen? Sie war in die Spülmaschine geräumt worden. Den Besen versorgte er nie in der Abstellkammer, er stand immer an den Kühlschrank gelehnt – er war in der Abstellkammer. Eine volle Rolle Klopapier war in der Halterung; er wusste, dass es anders gewesen war. Auf der Anrichte stand die Teedose; er trank nie Tee. Manche Veränderungen bemerkte er erst Tage später. Und dann war er sich nicht sicher, ob es nicht neue Veränderungen waren. Jemand war in seiner Wohnung gewesen, während er geschlafen hatte. Und dieser Jemand hatte sich eine Möglichkeit verschafft, in seine Wohnung zu gelangen, wann immer er wollte, auch wenn alle Fenster und Türen verschlossen waren. Jakob besaß drei Schlüssel, einen hatte er an seinem Schlüsselbund, einen hatte seine Geliebte, und einen Reserveschlüssel, der lag, wo er immer gelegen hatte, in seinem Schreibtisch – aber nicht an der Stelle, wo er immer gelegen hatte. Jakob beriet sich erst mit seiner Geliebten. Die fürchtete sich, sie wollte nicht mehr bei Jakob übernachten. Sie drängte ihn, zur Polizei zu gehen. Das tat er nicht, noch nicht. Er besuchte seine Nachbarn. Einen nach dem anderen. Fragte, ob bei ihnen Ähnliches geschehen sei. Nein. Ob etwas beobachtet worden sei. Nein. Er sagte, er verdächtige niemand, er wolle nur ihren Rat. Die Nachbarn waren verwirrt und ängstlich und entsetzt, auch
sie rieten ihm, zur Polizei zu gehen – auch die Person war verwirrt und ängstlich und entsetzt, auch sie riet ihm, zur Polizei zu gehen. Alle versprachen, die Augen offenzuhalten. Die „Besuche“ widerholten sich. Die Veränderungen, die in der Wohnung vorgenommen wurden, waren nun nicht mehr willkürlich. „Die Person tat Gutes“, erzählte mir Jakob. „Wenn ich am Abend nach Hause kam, war abgespült, gebügelt, abgestaubt, die Wäsche gewaschen, das Bad geputzt, die Papiere und Bücher auf meinem Schreibtisch waren geordnet.“ Unheimlich, ja; aber weil es tatsächlich jeden Tag geschah, empfand er es irgendwann auch als angenehm. Er legte ein Blatt Papier auf seinen Schreibtisch, darauf stand: „Wer immer Sie sind, ich würde mich gern für Ihre Bemühungen revanchieren. Geben Sie sich zu erkennen, Sie haben nichts zu befürchten.“ – Das hätte er nicht tun sollen.
Über den Autor Der Vorarlberger Michael Köhlmeier gehört zu den bekanntesten Literaten Österreichs.
Von nun an nämlich griff die Person tiefer in Jakobs Haushalt ein. Jakob ist ein Sammler, er besitzt viele Dinge, viel zu viele, würden manche sagen, zu viele Bücher, zu viele CDs, zu viel schönes Kleines, Figürchen, Erinnerungen, Fotografien überall, zu viele Bilder an den Wänden. Ihm gefällt es so. Seine Geliebte respektiert es. Das Blatt mit der Nachricht an den „guten Geist“ – so war die Anrede gewesen – war am nächsten
„Es war der Mensch, dem ich es am wenigsten zugetraut hätte“, sagte Jakob. Tag verschwunden. Und einiges andere auch – unschöner Nippes, alte abgelegte Papiere, Bücher, die noch eingeschweißt waren, was darauf hindeutete, dass sie nicht gelesen werden würden. Im Badezimmer war radikal Ordnung geschaffen worden. Tuben und Dosen, Shampoo, halbe Zahnpastatuben, ein Dutzend alte Zahnbürsten und so weiter, das meiste von Jakobs Geliebter – alles weg. Eigentlich gut. Hatte er sich immer vorgenommen. Aber er wollte entscheiden, was weggeworfen wird, er. Gut, er hätte, wenn er hätte, dasselbe weggeworfen, was die Person weggeworfen hatte. Trotzdem. Er wollte nicht anonym erzogen werden. Wieder legte er eine Botschaft auf den Schreibtisch: „Das geht zu weit! Lassen Sie das! Sonst melde ich es der Polizei.“ Noch einmal besprach er sich mit den Nachbarn. Die waren nun in hellster Aufregung. Keiner glaubte, es könnte einer von ihnen sein. Alle waren der Meinung, es müsse sich um einen Verrückten handeln, einen von draußen – ja, einen, der sein Leben riskierte, um jemanden zu schikanieren. Dringend rieten sie, die Polizei zu verständigen, sie verlangten es sogar. Sie trafen sich in Jakobs Wohnung. Einer der Nachbarn bot sich an, Wache zu halten, während er bei seiner Arbeit sei. Andere schlossen sich dem Vorschlag an. Auch die Person. Wenig später kam Jakob nach
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einem Konzert nach Hause, da meinte er, seine Wohnung nicht mehr wiederzuerkennen. Die Wände waren leer, alles Unnötige war verschwunden, die Bücherregale wiesen mehr Lücken auf als Bücher. Alles blitzsauber. Clean. Mehr als die Hälfte seiner Kleidungsstücke war entsorgt. Seine Geliebte hätte ausgerufen: Endlich! Nun ging er zur Polizei. Zwei Beamte kamen, sahen sich um, gingen wieder. Er wurde auf die Wache bestellt. Personenschutz könne man ihm nicht bieten. Man gab ihm keine Hoffnung, dass irgendetwas geschehen werde. Damit hatte er gerechnet. Auch dass er in einem Ministerium arbeitete, trieb die Ambitionen der Beamten nicht weiter auf. Als er an diesem Abend seine Wohnung betrat, saß die Person an seinem Schreibtisch. Sie habe auf ihn gewartet. Sie stellte sich ihm. Schon bei ihrem ersten Besuch in der Wohnung habe sie den Reserveschlüssel mitgenommen. Er solle sich keine Vorwürfe machen, auch die größten Geister seien fantasielos, wenn es darum gehe, einen Reserveschlüssel aufzubewahren. Schreibtisch, immer Schreibtisch. Das bestätige die Erfahrung. Den Schlüssel nachmachen zu lassen, sei nicht einfach gewesen, kein Schlüsseldienst mache Schlüssel einfach so nach, man müsse Unterlagen mitbringen, Beglaubigungen. Aber mit Charme, Überzeugungskraft und ehrlichem Aussehen ließe sich auch heute noch viel erreichen. Jakob musste der Person recht geben. „Diese Person“, sagte er zu mir, „besitzt Charme, Überzeugungskraft und sieht so ehrlich und gutmütig aus, dass du ihr ohne einen Gedanken dein Liebstes anvertrauen würdest.“ „Warum?“, fragte er nur. Es sei ein bisschen gewesen wie Lesen in einem Buch, sagte die Person. Man wolle wissen, wie es weitergeht. Wie es weitergeht, wolle man wissen, aber eigentlich nicht, wie es endet. Man weiß ja, wie es endet, wie alles endet: in der Langeweile. „Und wie war dieses Ende?“, fragte ich. „Ohne besondere Vorkommnisse. Alle Beteiligten haben einfach weitergemacht. Was tun die Personen in einem Roman, wenn du das Buch zuklappst? Irgendwie geht immer irgendetwas weiter ...“
Impressum
Impressum AUS GA B E 9 , N OV E M B E R 2 0 1 9
Herausgeber und Chefredakteur Michael Fleischhacker Geschäftsführung Niko Alm, Michael Fleischhacker Creative Direction Wien Hubertus J. Schwarz Art Direction Wien Edith Heigl Art Direction New York Sagmeister & Walsh Chefin vom Dienst Lucia Marjanović Autoren dieser Ausgabe Rainer Fleckl, Timo Küntzle, Michael Köhlmeier, Markus Loose-Einfalt, Dennis Meyer, Moritz Moser, Gerhild Salcher, Anna Schneider, Johannes Strobl Web www.addendum.org; www.addendum.org/shop
Fotografen dieser Ausgabe Nicole Heiling, Hanna Lenz, Nikolaus Ostermann, Petra Rautenstrauch, Robert Staudinger (Bildstrecke), Matthias Weissengruber Daten Dieter Berliz, Stefanie Braunisch, Konstantin Glinitzer Grafik- und Bildrecherche Carla Marquez Lektorat Lucia Marjanović, Katharina Bacher, Martina Paul Anzeigen Stergios Prapas, stergios.prapas@qvv.at Vertrieb Stephan Frank Verlagsadresse Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH Siebensterngasse 21, 1070 Wien Druck Styria GmbH
Offenlegung nach § 25 Mediengesetz Addendum – die Zeitung erscheint mindestens achtmal im Jahr im Verlag QVV. Bei Addendum finden Sie die Ergebnisse von intensiven Rechercheprojekten, die dem Leitmotiv unserer Organisation folgen: Wir suchen „das, was in der herkömmlichen medialen Berichterstattung fehlt“. Wir agieren dabei vollkommen unabhängig, unser Ziel ist, einen Beitrag zur Wiederherstellung einer gemeinsamen Faktenbasis für eine qualifizierte politische Debatte in Form eines rekonstruktiven Journalismus zu leisten.
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