100 Jahre Vorarlberg Eine Sonderpublikation der VN anlässlich des Jubiläums
Föderalismus: Die Schiffstaufe als Symbol gegen den Zentralismus Mitbestimmung: Seit 100 Jahren dürfen Vorarlbergerinnen wählen Kreativität: „Architekturland Vorarlberg“ – ein Markenbegriff
Marke Vorarlberg
07.11.2018 Feldkirch, Montforthaus 08.11.2018 Vandans, IZM 14.11.2018 Bludenz, Fabrik Klarenbrunn 15.11.2018 Bezau, Kloster jeweils von 17.30-20.30 Uhr
Entgeltliche Einschaltung des Landes Vorarlberg | Foto: Emanuel Sutterlüty
Treffen wir uns bei der Zukunftswerkstatt
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Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
Das Land des „Sowohl-als-auch“ Wenn’s Vorarlberg nicht gäbe, man müsste es erfinden. Ich sollte einmal in Saalbach-Hinterglemm für meine damaligen Münchner Arbeitskollegen Apfelstrudel beim Kellner bestellen, „weil ich doch eh Österreicher sei“. Woher man komme, fragte mich der Kellner. Seine Reaktion bringt das ganze Vorarlberger Identitätsdilemma auf den Punkt: „A Vurarlberger – du bist doch gor koa richtiga Österreicher!“ Richtig, wir sind in erster Linie Vorarlberger, dann begeisterte Europäer. Richtig, in Wien ist auch noch was.
Aber Wien ist 700 Kilometer entfernt – exakt wie Paris! So gehört es auch zum Standardrepertoire jedes Vorarlberger Landeshauptmanns, „auf die in Wien zu schimpfen“. Die Politik tut das, um sich abzugrenzen, aufzuplustern – aber auch, weil die Bande zwischen den Vorarlbergern so stark sind, dass „die aus Wien uns sicher nix sagen müssen“. Eine Gallier-Situation, wie aus Asterix und Obelix, auch sprachlich. Unser Hochdeutsch ist mindestens so berüchtigt wie unser Dialekt.
Etwas „B’sundriges“ halt. Der Vorarlberger umgibt sich nur mit Dingen, die ein ganz beosnderes Prädikat erfüllen: sie müssen vor allem „K‘hörig“ sein. A k’hörigs Auto, an k’höriga Fernseher. Wenn wir etwas machen, machen wir es vor allem „k’hörig“. Vorarlberg ist zu Recht stolz auf seine wirtschaftliche Weltmarktführer in lukrativen Nischen. Vorarlberg gibt sich touristisch nicht dem Alpenkitsch hin. Und muss trotz herausragender und mutiger Holz-Architektur zwischen all den E-Bikes und RoboterRasenmähern halt auch brutal aufpassen, nicht ins langweilig Biedere zurückzufallen. Es ist gar nicht so einfach, Nichtvorarlbergern zu verdeutlichen, wie sich
Vorarlberg besticht durch viele Besonderheiten und Höchstleistungen. Diese Vorarlberger Art soll zu einer Marke Vorarlberg werden. Einerseits um unsere Werte und Identität festzuhalten, andererseits um eine Positionierung des Landes für die Zukunft zu erreichen. Die Vorarlberger Bevölkerung ist eingeladen, diesen zukunftsgerichteten Prozess mitzugestalten. Aus organisatorischen Gründen bitten wir um Anmeldung unter www.marke-vorarlberg.at/anmeldung oder telefonisch unter 05572 55252-0.
Gerold Riedmann, VN-Chefredakteur
INHALT
Die Fußach-Affäre 1964: Die Ereignisse rund um die Taufe eines neuen Bodenseeschiffs wurden zum Sinnbild des Vorarlberger Widerstands gegen den Wiener Zentralismus.
com:bau 08. bis 10. März 2019
100 Jahre selbstständiges Vorarlberg 1918 – Wegmarke bei der Vorarlberger Selbst(er)findung Der erste „Landespräsident“ Otto Ender Nationalsozialismus in Vorarlberg Der zähe Kampf der Frauen um Mitbestimmung Vorarlberger Politiker in Wien Moderner Föderalismus 100 Jahre Wirtschaft: Krisen, Erfolge, Umbrüche Eine Hundertjährige erzählt Meilensteine Architekturvorzeigeland Als die Jugend revoltierte Die Erfolgsgeschichte des Vorarlberger Tourismus Prägende Persönlichkeiten „Wir waren früher Selbstversorger“
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SCHAU! 04. bis 07. April 2019 Vier-Länder Lieferantenbörse 06. Juni 2019 Dienstleistungsbörse 06. Juni 2019
nicht demokratisch gewählt
Märkte. Live! Erleben.
Vorarlberg für einen Vorarlberger anfühlt. In unserer Welt ist Vorarlberg nämlich nicht Land, sondern mindestens Fast-Großstadt. Die Wahrheit liegt freilich irgendwo dazwischen. Zwischen Feldkirch und Bregenz sind die Gemeindegrenzen kaum mehr sichtbar. Alles wächst zusammen – bis auf ’s Ried, den geschätzten Central Park der Vorarlberger. Klar, Herausforderungen gibt’s immer. Anlässlich des Jubiläums darf man milde feststellen: Wenn’s Vorarlberg nicht gäbe, man müsste es erfinden. Dass Vorarlberg vor 100 Jahren in dieser Form erfunden wurde, soll uns jetzt Ansporn sein, Entscheidungen zu treffen, um die nächsten 100 Jahre voller Tatendrang zu ermöglichen.
Art Bodensee 29. und 30. Juni 2019 Herbstmesse 04. bis 08. September 2019
Otto Ender, 1918–1930; 1931–1934
Ferdinand Redler, 1930 und 1931
Ernst Winsauer, 1934–1938
Anton Plankensteiner, 1938–1939
Ulrich Ilg, 1945–1964
Herbert Kessler, 1964–1987
Martin Purtscher, 1987–1997
Herbert Sausgruber, 1997–2011
Die Vorarlberger Landeshauptmänner von 1918 bis heute im Überblick.
Gustav 19. und 20. Oktober 2019 Hochzeit & Event 16. und 17. November 2019 www.messedornbirn.at
Markus Wallner, seit 2011
IMPRESSUM | Herausgeber, Medieninhaber, Hersteller und Anzeigenberatung: Russmedia Verlag GmbH, 6858 Schwarzach | Redaktion: Patrizia Gunz, Mirijam Haller | Umsetzung: Claudia Gölz, Nicol Metzler | Fotos: Klaus Hartinger, Philipp Steurer, Helge Kirchberger, Studio Fasching, Rudolf Zündel, Ignacio Martinez, VN-Archiv, Hermann-Gmeiner-Fonds/SOS-Archiv, Helmut Klapper/Vorarlberger Landesbibliothek, Obs/SOS-Kinderdörfer weltweit, Sammlung Karl Schweizer, Stadtarchiv Bregenz, Stadtarchiv Dornbirn, Vorarlberger Landesarchiv, Vorarlberger Landesbibliothek, Wirtschaftsarchiv Vorarlberg
100 Jahre Vorarlberg 5
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
1918 – Eine Wegmarke bei der Vorarlberger Selbst(er)findung Die politische Geburt von 1918 ist erwachsen geworden.
Nachdem die Wirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg am Boden lag, galt es die hungernde und frierende Bevölkerung mit dem Nötigsten, wie beispielsweise Lebensmitteln, zu versorgen.
100 Jahre selbstständiges Land Am 3. November 2018 erlangte Vorarlberg seine vollständige Selbstständigkeit. Am 3. November 1918 beendete der in der Villa Giusti bei Padua geschlossene Waffenstillstand für ÖsterreichUngarn den Ersten Weltkrieg. Mit dem militärischen Zusammenbruch nach 52 Monaten Krieg ging der Untergang der Habsburgermonarchie Hand in Hand. Bereits am 21. Oktober 1918 waren die deutschsprachigen Reichsratsabgeordneten im niederösterreichischen Landhaus zusammengetreten und hatten sich zur konstituierenden Nationalversammlung Deutschösterreichs erklärt. Wenige Tage später gaben sie dem neuen Staat, von dem noch nicht einmal sein genauer Umfang bekannt war, eine provisorische Verfassung.
Grundstein für moderne Demokratie
tung im Land – und zwar die gesamte Zivil- und Militärgewalt – unterstehen sollte. Damit wurde nicht nur die ungeliebte Verwaltungseinheit mit Tirol aufgelöst, sondern auch der Grundstein für eine moderne Demokratie gelegt. An die Spitze des Landesrates wurde als sogenannter „Landespräsident“ (später Landeshauptmann) Otto Ender von den Christlichsozialen gewählt. Zuvorderst aber galt es, der Auflösung jeglicher Ordnung entgegenzuwirken und die ärgste Not zu lindern, denn die Wirtschaft lag am Boden, ein großer Teil der Bevölkerung hungerte und fror. Allein in Dornbirn musste eine sogenannte „Volksküche“ (oder auch „Kriegsküche“) täglich über 2500 Portionen Sup-
Auch in Vorarlberg bot sich nun die Chance für einen grundlegenden Neubeginn. Ebenfalls am 3. November bildeten Vertreter der Christlichsozialen, der Deutsch-Freisinnigen und der Sozialdemokraten eine provisorische Landesversammlung in Bregenz. Als Erstes begründeten sie – durchaus kühn – ein selbstständiges Land Vorarlberg, erklärten sodann aber dessen Beitritt zu Deutschösterreich und bestellten schließlich einen „Landesrat“, dem auch die bisher staatliche Verwal-
pe ausgeben, um gerade Kinder und Jugendliche mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Die Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln barg auch ein hohes Gefahrenpotenzial in sich. Gerüchte um Revolution und Umsturz machten die Runde. Abschreckende Beispiele einer ausgerufenen Räterepublik gab es in unmittelbarer Nachbarschaft wie in Lindau oder München.
Verbleib bei Österreich Die Zukunft des neuen österreichischen Staates indes war ungewiss. Während man jenseits des Arlbergs einem Anschluss an Deutschland zuneigte und in Wien die Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen die politischen Weichen dafür stellten, sprachen sich in Vorarlberg im Mai 1919 bei einer Volksbefragung rund 80 Prozent für die Aufnahme entsprechender Verhandlungen mit der Schweiz aus. Die Entscheidung, was aus Österreich werden und wie es aussehen sollte, behielten sich allerdings die Siegermächte vor. Der Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye verbot letztendlich alle Anschluss- oder Separationsbestrebungen. Vorarlberg verblieb als Bundesland bei Österreich.
Seit der Selbstständigkeitserklärung Vorarlbergs sind nun 100 Jahre vergangen. Dieses Jubiläum lädt ein, den Blick der historischen Forschung wiederum auf die Ereignisse von 1918/19 zu lenken, den Weg, der zu ihnen führte, zu skizzieren und der interessierten Öffentlichkeit einen aktuellen Forschungsstand in Buchform an die Hand zu geben. Weiter beauftragte der Vorarlberger Landtag das Vorarlberger Landesarchiv mit der Konzeption einer Ausstellung. Die Ausstellung ist vom 3. November bis 22. Dezember 2018 im Foyer des Vorarlberger Landtags im Landhaus in Bregenz zu sehen. Führungen werden immer mittwochs ab 17 Uhr oder nach Vereinbarung angeboten. Der Eintritt ist frei. EIN GASTBEITRAG VON MARKUS SCHMIDGALL Vorarlberger Landesarchiv Weitere Informationen: Vorarlberger Landesarchiv Kirchstraße 28, 6900 Bregenz http://www.vorarlberg.at/landesarchiv
Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Stimmen für mehr Unabhängigkeit Vorarlbergs im Rahmen der k. u. k. Monarchie immer häufiger und lauter. Die Bregenzer Bürgerschaft sei, – und Ähnliches galt auch für die übrigen Landesteile – so rapportierte ein Polizeikommissar nach Innsbruck, mit dem Staat unzufrieden, dem Kaiserhaus gegenüber aber loyal. Deshalb wurde das sogenannten Februarpatent von 1861, durch welches der Vorarlberger Wunsch nach einem eigenen Landtag erfüllt wurde, gerne als kaiserliches Geschenk gesehen. Allerdings war die Freude über die imperiale Huld getrübt durch einen bitteren Wermutstropfen: Die gesamte Hoheitsverwaltung blieb bei der Innsbrucker Statthalterei. Die „Los von Tirol“-Rufe kamen deshalb bis zum Jahr 1914 nicht mehr zum Verstummen. Landtag, Wirtschaft und maßgebliche Teile der Bevölkerung versuchten durch Eingaben und aufwendige Inszenierungen, wie einer Landesausstellung und einer pompösen Jahrhundertfeier 1909, den Kaiser und die Wiener Regierung von der Leistungsfähigkeit und dem daraus abgeleiteten Recht auf Selbstständigkeit des kleinen Landes vor dem Arlberg zu überzeugen. Die Innsbrucker Verwaltung allerdings wusste die Vorarlberger Bestrebungen bis zum Ende der Monarchie erfolgreich abzuwehren.
sonders tüchtig, fleißig, sparsam und mit besonderem „Erwerbssinn“ ausgestattet gewesen seien. Der Zusammenbruch der Monarchie befreite nun im November 1918 von den bisherigen Loyalitäten. Und die führenden Persönlichkeiten, die während des Krieges in unterschiedlichen Funktionen aufgestiegen waren, nutzten das Zeitfenster und nahmen das Gesetz des Handelns in ihre Hände. Mit der Erklärung des Selbstständigkeit Vorarlbergs im Rahmen eines zukünftigen Nachfolgestaates der Monarchie schufen sie einen politischen Tatbestand, der von den Organen der neuen Republik anerkannt und in den folgenden Jahren unbestritten war. Erstmals war Vorarlberg nun eine den anderen acht Ländern gleichgestellte politische Einheit mit eigener Verfassung, eigenen politischen
Körperschaften und eigener Hoheitsverwaltung, soweit diese nicht vom Gesamtstaat wahrgenommen wurde. Es waren die wirtschaftlichen, politischen und religiösen Eliten, die diesen reserviert österreichischen Kurs steuerten, teils aus traditioneller Verbundenheit und teils, weil die politischen Realitäten und die Vorgaben der Siegermächte diesen Weg diktierten. Innerhalb weiter Teile der Bevölkerung war die Option eines Anschlusses an die Schweiz allerdings wesentlich populärer. Eine Öffnung hin zur reichen Schweiz war für die kriegsverarmte Bevölkerung attraktiv. Die Propagandisten dieses Anschlusses mussten aber gegenüber der Schweiz eine Argumentation entwickeln, die Vorarlberg nicht als Wirtschaftsflüchtling erscheinen ließ. Deshalb wurden gemeinsame
Beschrieben als fernes, rotes und jüdischgroßstädtisches Machtzentrum, wurde Wien zum wesensfremden Gegner Vorarlbergs aufgebaut.
Loyalität versus politische Freiheit Neben der wirtschaftlichen Dynamik wurden zunehmend auch die ethnische Andersartigkeit der alemannischen Vorarlberger(innen) und ihre angeblichen Tugenden ins Treffen um politische Rechte geführt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich so jene Erzählung zu verfestigen, wonach Vorarlberg immer schon seine politischen Freiheiten erkämpft und gehabt habe, und seine Menschen immer schon be-
Sichtbarster Ausdruck der antizentralistischen Stimmung war die Schiffstaufe in Fußach.
Herkunft und Geschichte bemüht und erstmals der demokratische Geist der Vorarlberger(innen) beschworen.
Feindbild Wien
Bis in die 1980er-Jahre wurde das aufgebaute Wien-Feindbild in unterschiedlicher Intensität gepflegt: von konservativen und nationalen Politikern je nach Bedarf, von der Presse je nach Anlass und von einigen Vorarlberg-Ideologen bei jeder Gelegenheit. Mit Benedikt Bilgeri wurde ein namhafter Historiker beauftragt, die Legende vom jeher unabhängigen, demokratischen und in seinen Rechten von außen bedrohten alemannischen Vorarlberg geschichtlich zu grundieren. Die Landesregierungen, damals wie heute, machten den Grad ihrer föderalistischen Wachsamkeit aber stets von der Farbe der Bundesregierung abhängig. Die verhinderte Schiffstaufe in Fußach im November 1964 bildete den sichtbarsten Ausdruck und wurde zum bleibenden Symbol einer antizentralistischen Stimmung, die die Vorarlberger Interessen und Eigenständigkeit bedroht sieht. 15 Jahre danach versuchte die Initiative „Pro Vorarlberg“ mit dem Anti-Wien-Ressentiment politisches Kapital einzufahren, in Wirklichkeit war sie aber der Abgesang auf den geforderten Vorarlberger Sonderweg. Mit der Integration ins vereinte Europa muss nun Brüssel als politische Beschneidungsmacht regionaler Ansprüche herhalten. Wer sich seines Selbstwerts bewusst ist – dies scheint im Fall der Vorarlberger(innen) zunehmend der Fall zu sein – braucht keine externen Feindbilder. Die politische Geburt von 1918 ist erwachsen geworden. EIN GASTBEITRAG VON MEINRAD PICHLER Historiker und Autor
Buchtipp: Alois Niederstätter (Hg.), Epochengrenze 1918? Beiträge zum Jubiläum „100 Jahre selbstständiges Land Vorarlberg“, Innsbruck 2018, 224 S. ISBN 978-37030-0989-1. 29,90 EUR
Die Entscheidung, was aus Österreich werden sollte, behielten sich die Siegermächte vor.
In der Kriegsküche in Dornbirn Oberdorf wurden täglich 2500 Portionen Suppe gekocht.
Die Kriegsküche war hauptsächlich dazu da, um Kinder und Jugendliche zu versorgen.
1964 wollte Verkehrsminister Otto Probst (SPÖ) das Schiff „Karl Renner“ nennen. Vorarlberger verhinderten die Taufe. 1919 befürworteten 82 Prozent der Vorarlberger den Schweiz-Anschluss.
Wer war Otto Ender?
Erbe der bedeutendsten politischen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts noch heute umstritten. Wer in Vorarlberg über die Zeit zwischen 1918 und 1938 schreiben möchte, kann dies in vielen Varianten tun. Man könnte zum Beispiel über Otto Ender berichten, Landeshauptmann, Minister, erster und bisher einziger Vorarlberger Bundeskanzler, Autor der österreichischen Ständestaat-Verfassung. Peter Melichar hat über ihn geschrieben. Die biografischen Daten sind schnell erzählt: Ender kam an Weihnachten 1875 zur Welt und wuchs in Altach auf. Er besuchte das Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch, studierte Rechtswissenschaften und trat dem CV bei. 1908 ließ er sich als Anwalt in Bregenz nieder, 1913 wurde er Direktor der Landeshypothekenbank, leitete ab 1916 die Kriegsgetreideverkehrsanstalt und übernahm im November 1918 das Amt des Vorarlberger Landeshauptmannes. Dies war er von 1918 bis 1930 und 1931 bis 1934. Von Dezember 1930 bis Juni 1931 war Otto Ender österreichischer Bundeskanzler, in der Regierung von Engelbert Dollfuß von 1933 bis 1934 Minister, anschließend bis 1938 Präsident des österreichischen Rechnungshofs. Am 27. März 1938 wurde Ender in Innsbruck festgenommen, am 15. September in Wien wieder freigelassen, wo er als Privatmann blieb – eine Rückkehr nach Vorarlberg war ihm verboten. Nach 1945 kehrte er nicht in die Politik zurück, am 25. Juni 1960 starb Otto Ender in Vorarlberg. In seinem Buch für das Vorarlberg Museum geht der Historiker Peter Melichar der Frage nach: Wer war Otto Ender? Melichar betont: „Ender ist unbestritten der einflussreichste Politiker, den Vorarlberg im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.“ Und fügt an: „Es ist Tatsache, dass sich Otto Ender an der Zerschlagung der Demokratie beteiligt hat.“
Autorität und Ständen zugewandt Dass sich Ender dem Autoritären zugewandt hat, habe mit mehreren Enttäuschungen zu tun, sagt Melichar: Er war enttäuscht darüber, wie mit den Bundesländern im Zuge der Verfassungsnovelle umgegangen wurde. Als Bundeskanzler in einer extremen Finanzkrise habe er zudem die Erfahrung gemacht, wie schwierig es ist, schnell zu handeln, wenn Parlament und Partei alles absegnen müssen. Das Resultat: Am Ende seiner Kanzlerzeit
stolperte Ender über den Zusammenbruch der Credit-Anstalt, der über eine Milliarde Schilling kostete. Otto Ender habe für einen Christlichsozialen gute Beziehungen zu einigen Sozialdemokraten geführt. Im Wiener Landtagswahlkampf sei er dennoch direkt angegriffen worden, was ihn ebenfalls enttäuscht habe. Vorarlberg ging es in Zeiten der Weltwirtschaftskrise außerdem vergleichsweise gut, dennoch seien die jungen Leute reihenweise den Nazis zugelaufen. Zudem sind nach der Wirtschaftskrise Verteilungskämpfe ausgebrochen. Manche sahen die Lösung darin, den Staat in Berufen – also Ständen – zu organisieren. „Ender hat die ständische Utopie zunächst lächerlich gefunden“, erläutert Historiker Melichar. Dass der Papst in seiner Enzyklika von 1931 als Lösung der sozialen Frage die Berufsstände angepriesen hat, provozierte bei Ender ein Umdenken. Zudem habe er gemerkt, dass die Frage, wie ein Staat konstruiert ist, belanglos sei, solange Dinge wie die Verwaltung funktionieren. Am Ende hat Ender eine ständestaatliche Verfassung geschrieben, die nie in Kraft getreten ist. Groß angerechnet wird Otto Ender, die Wasserkraft in Vorarlberg zwischen 1923 und 1928 verstaatlicht zu haben. Das Land gründete und beteiligte sich an drei Gesellschaften und erwarb den bis dahin größten privaten Stromerzeuger, die Vorarlberger Kraftwerke (VKW).
Umstrittene Persönlichkeit Was bleibt also von Otto Ender? Dem Mann, der Juden als Gastvolk bezeichnete und Österreich von einer „gastvölkischen Infektion“ bedroht sah? Otto Ender, dem Föderalist, der die VKW gekauft hat, die Vorarlberger durch eine Wirtschaftskrise gelenkt und das Bundesland gegen Einflussnahme aus Wien verteidigt hat?
Was bleibt von Otto Ender, der 1925 über das faschistische Italien unter Benito Mussolini schrieb: „Dieses Gesetz hat in Italien das Große zustande gebracht, was bei uns unmöglich erscheint: Es gibt keinen Streik mehr.“ Was bleibt von einem Mann, der 1933 feststellte: „Was gesund ist am Hitlertum, wollen wir aufgreifen und soweit auch verwirklichen, als es für unsere Vorarlberger und für unsere österreichischen Verhältnisse passt.“ „War Enders Begriff von Demokratie das Problem?“, fragt Peter Melichar in
seinem Buch. „Was hatte es zu bedeuten, dass gerade jene in besonderem Maße zur Zerstörung der Demokratie beitrugen, die sich zu einer Religion bekannten und sich auf sie beriefen, zu deren fundamentalen Prinzipien die Feindesliebe zählt?“ MICHAEL PROCK Michael.prock@vn.at 05572 501-633 Buchempfehlung: Peter Melichar – Otto Ender 1875 – 1960. Vorarlberg Museum Schriften 39
1929
1921
Geschichte der AK Vorarlberg
1918
Vorarlberg die Arbeiterkammer ihre Tätigkeit auf. Die AK zieht ins Feldkircher Haus Dogana – mit einem Schreibtisch, einigen Sesseln und einer geliehenen Schreibmaschine.
Das Volk hungert Der Krieg geht zuende: Als die Brotkarte um die Hälfte gekürzt wird, kommt es vor dem Dornbirner Rathaus zu erregten Demonstrationen der Arbeiterschaft. Die noch nicht stillgelegten Fabriken streiken im ganzen Land.
1921
Erste Arbeiterkammerwahl in Vorarlberg 23. und 24.4.1921: Die erste Wahl für Vorarlberg wird im Feldkircher Rathaussaal durchgeführt, bei der die Mandate von 40 Kammerräten zu vergeben sind. 18.6.1921: Konstituierende Vollversammlung unter Alterspräsident Alois Straßer. 28.6.1921: AK Vorarlberg beginnt ihre Tätigkeit in Feldkirch. Noch im Dezember 1921 richtet die AK Vorarlberg eine eigene Lehrlings-
1920
Arbeiterkammergesetz Nachdem am 26. Februar 1920 das „Gesetz über die Errichtung von Kammern für Arbeiter und Angestellte (Arbeiterkammern)“ von der konstituierenden Nationalversammlung beschlossen wurde, nimmt am 28. Juni 1921 auch in
1933
schutzstelle ein. Sie erarbeitet u. a. Musterverträge, um die Jugendlichen vor Übergriffen zu schützen. Bäcker-Gesellen etwa müssen zu der Zeit bis zu 17 Stunden täglich arbeiten.
1924
Erste Kurse der Kammer für Arbeiter und Angestellte Die AK vermittelt Elementarunterricht in Rechnen, Lesen, Schreiben und grundlegendes Wissen über Verfassung und Sozialwesen.
1929
Bibliothek wird eröffnet Die erste AK-Bibliothek umfasst 2000 Bände „erstklassiger Autoren“.
1938–45
Verwaltungskommissionen 1933/34 bringen das Ende für die von den Arbeitnehmern frei gewählten Organe der Kammer. An ihre Stelle treten durch Verordnung der Bundesregierung Verwaltungskommissionen. Im autoritären Ständestaat werden die Kammern vollkommen ausgeschaltet.
Arbeiterkammern werden aufgelöst: Nach dem Anschluss Österreichs werden die Arbeiterkammern und der Gewerkschaftsbund auf Anordnung des „Stillhaltekommissars für Vereine, Organisationen und Verbände“ am 10. Juni 1938 aufgelöst, ihr Besitz wird konfisziert und der „Deutschen Arbeitsfront“ übertragen. Die Mitarbeiter werden ohne
1946
Anspruch auf Pension entlassen. Das Kammergebäude geht in den Besitz der NSDAP über. Nach Ende des zweiten Weltkriegs 1945 wird Feldkirch abermals Sitz der Arbeiterkammer, die wieder Räumlichkeiten in der Gilmstraße bezieht. Schon 1946 hat das Kammerbüro die Anliegen von rund 38.000 Dienstnehmern zu vertreten.
1954
1996
1945
1950
13.8.1945: Mit dem Arbeiterkammergesetz wird die Grundlage für die Wiedererrichtung der Kammern geschaffen. Das Gesetz gilt vorerst nur für die Sowjetzone. Daher gibt es im August nur konstituierende Vollversammlungen in Wien, Niederösterreich und im Burgenland. Außerhalb der Sowjetzone kann nur in Tirol die AK bereits 1945 mit ihrer Tätigkeit beginnen. Ab 31.12.1945 gilt das AK-Gesetz nach Zustimmung des Alliierten Rates für alle Bundesländer. Am 22. Juni 1946 findet die konstituierende Vollversammlung der AK Vorarlberg statt. Der erste Dienstwagen der AK (1947) ist ein Fiat 1100 aus französischen Militärbeständen um 4100 Schilling. Reifen müssen separat beschafft werden. Ende 1945: Als erster Vorbote einer wieder erstandenen AK wird eine Rechtsauskunftsstelle eröffnet.
Weil die alten Räumlichkeiten zu klein werden, errichtet die AK in Feldkirch/Widnau von 1950 bis 1952 ein eigenes Gebäude. 1954 entsteht die erste Außenstelle in Bregenz, 1958 eine in Dornbirn, 1959 die in Bludenz.
2015
Ender als erster Vater der Verfassung. Karikatur der Tageszeitung „Der Morgen“, 13. 1. 1934
100 Jahre Vorarlberg 7
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten / Anzeige
Foto: Superikonsokop
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
Foto: Stadtarchiv Dornbirn / Orig. Karl Waibel
6 100 Jahre Vorarlberg
2015
AK und ÖGB erzwingen mit rund 880.000 Unterschriften ein Umdenken bei der Regierung. Das Volumen der Steuerreform beträgt insgesamt fünf Milliarden Euro. Die Initiative nahm im Westen Österreichs – in der AK Vorarlberg – ihren Anfang.
1954
1982
Arbeiterkammergesetz 1954 Ministerien und Ämter müssen nun Gesetzesentwürfe und Verordnungen an die Arbeiterkammern übermitteln. Der „amtliche“ Charakter der AK wird betont. Den Arbeiterkammern gehören alle Dienstnehmer an. Neue Services: Wohnungsdarlehen und Konsumentenberatung.
2017
2016
In einer Berndt-Umfrage geben 80 Prozent der Befragten der AK die Note „Sehr gut“ oder „gut“.
2017
Die Österreicher wählen eine türkis-blaue Koalition.
Zu den gesetzlich festgelegten Aufgaben der AK kommt der Konsumentenschutz neu dazu.
1992
Neu: Rechtsberatung und kostenloser Rechtsschutz in Arbeits- und Sozialrechtsangelegenheiten.
1996
Die AK-Mitgliederbefragung bringt ein eindeutiges Ergebnis: Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten sprechen sich für den Weiterbestand der AK aus.
?
2018 Kampf gegen Arbeitnehmer Es brechen harte Zeiten an. Der 12-Stunden-Arbeitstag wird unter dem Titel Arbeitszeitflexibilisierung beschlossen. Im Zuge der Sozialversicherungsreform wird die Selbstverwaltung völlig entmachtet. Vorarlberg wird zu einem Bittsteller in Wien degradiert. Die AK wehrt sich nach Kräften. Aber wohin die Reise geht, weiß niemand.
100 Jahre später zurück an den Start? 100 Jahre Vorarlberg, das ist auch beinahe ein Jahrhundert Geschichte der Arbeiterkammer im Land. Der vorläufige Schlusspunkt sieht freilich alles andere als fröhlich aus. 1918, als die Monarchie am Boden lag und sich das kleine Österreich der ersten Republik aus den Trümmern erhob, rief auch die Arbeitnehmerschaft nach Rechten und Vertretung. 1921 war es dann soweit: Die Arbeiterkammer nahm ihre Arbeit auf. Heute, 100 jahre später, vertreten wir die Interessen von 146.000 Vorarlbergern. 2017 haben wir unsere Mitglieder 130.000 mal beraten und fast zehn Millionen Euro für die Arbeitnehmer erfochten. Allein in Arbeitsrechtsfragen haben unsere Spezialisten fast 1300 Mal Klienten gegenüber Arbeitgebern vertreten. Unsere Juristen gingen rund 2000 Mal für unsere
Mitglieder vor Gericht. Das Angebotsspektrum reicht von der Abendberatung über den Steuersparmonat bis hin zu Kinderbetreuungsatlas und den Bildungsexperten von wieweiter.at. Und doch herrscht dieser Tage nur mäßige Freude. Obwohl selbst der Rechnungshof die Reform der Sozialversicherung in der Luft zerrissen hat, hält Türkis-Blau daran fest. Es hätte eine echte Reform werden können, mit einer Krankenversicherung für alle, wie sie die AK Vorarlberg schon vor zwei Jahren vorschlug. Aber geworden ist es nur Umverteilung, die ausschließlich Wirtschaft und Industrie zugutekommt. So trugen AK und Gewerkschaft die VGKK gemeinsam mit 3000 Versicherten symbolisch zu Grabe. Und nahmen den Kampf auf, weil es um das Prinzip der Selbstverwaltung geht.
8 100 Jahre Vorarlberg
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
Vorarlberg im Nationalsozialismus Das NS-Regime griff tief in das Leben der Menschen ein. Das autoritäre Regime des Ständestaats hatte aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage, der Massenarbeitslosigkeit und des Verbots einer politischen Opposition nach dem Februar 1934 nicht den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung, um dem Nationalsozialismus erfolgreich widerstehen zu können. Die in Vorarlberg illegale NSDAP wurde hier von finanzkräftigen einheimischen Unternehmern unterstützt und entwickelte sich zur wirkungsvollsten Opposition, die auch das laizistische Lager (immerhin ein Viertel der Vorarlberger Wählerschaft) anzog. Vor 1938 wurden allein im Bezirk Feldkirch und im „braunen“ Dornbirn fast 1400 Personen wegen illegaler Betätigung für die NSDAP verhaftet oder abgestraft. In der Nacht zum 12. März 1938 übernahmen dann die Nationalsozialisten auch in Vorarlberg die Macht. Bei der „Anschluss-Volksabstimmung“ am 10. April 1938 gab es in Vorarlberg den österreichweit höchsten Anteil an NeinStimmen. 1938/39 wurde der Dornbirner Anton Plankensteiner Vorarlberger Landeshauptmann. Im Dezember 1939 wurde die Landeshauptmannschaft aufgehoben und Vorarlberg wurde mit Tirol zum Reichsgau Tirol-Vorarlberg zusammengelegt. Plankensteiner blieb Kreisleiter von Dornbirn.
Zum Tode verurteilt In den folgenden Jahren bestimmte das totalitäre NS-Regime die Politik diktatorisch, ordnete das Wirtschaftsleben
nach Kriegserfordernissen und griff auch tief und gewaltsam in das soziale und private Leben der Bürger ein. Dieses Regime erzeugte aber auch Widerstand, der aber mit staatlichem Terror unterdrückt werden sollte. Der Widerstand reichte von Desertionen bis zur Verweigerung des Eintritts in den Militärdienst. Etwa 120 Vorarlberger wurden für ihren Widerstand, ihre Menschlichkeit oder ihr Anderssein in Konzentrationslagern gequält. Eine davon war Karoline Redler (1883–1944). Am 24. August 1943 wartete die Bregenzerin gemeinsam mit drei weiteren Patienten im Warteraum eines Arztes. Dort kam sie mit zwei Frauen aus Lustenau ins Gespräch. Als sich diese über die ihrer Meinung nach barbarischen Luftangriffe der Alliierten empörten, soll Frau Redler festgestellt haben, dass das nur die Antwort auf die deutsche Kriegstreiberei sei. Zwei der Patienten erstatteten volkstreu Anzeige, weil sich Frau Redler „wehrkraftzersetzend und landesverräterisch“ geäußert habe. Am 5. Oktober wurde die Mutter von drei Kindern, die politisch und sozial sehr engagiert war, festgenommen. Bereits 60 Jahre alt, erkrankte sie und kam
Etwa 120 Vorarlberger wurden für ihren Widerstand, ihre Menschlichkeit oder ihr Anderssein im KZ gequält.
anschließend in das Sanatorium Mehrerau. Dort erfuhr sie, dass ihr Sohn auf der Krim gefallen war, und erlitt einen Nervenzusammenbruch. Redler war haftunfähig. Ein knappes Jahr nach ihrer Äußerung, am 25. August 1944, wurde Karoline Redler neuerlich verhaftet und dem Volksgerichtshof beim Wiener Landesgericht überstellt. Dort wurde sie wegen „Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“ zum Tode und zu „Ehrenrechtsverlust“ auf Lebenszeit verurteilt. Am 8. November 1944 wurde sie mit dem Fallbeil hingerichtet. In Bregenz erinnert heute ein kleines Wegstück zwischen Wolfeggstraße und dem Thurn & Taxispark an Karoline Redler.
Am 8. November 1944 wurde Karoline Redler mit dem Fallbeil hingerichtet.
Aber nicht nur für Regimegegner hatte eine Zeit der Diskriminierung und Verfolgung begonnen. Auch Minderheiten und gesellschaftliche Außenseiter wurden verfolgt. Schon im Sommer 1938 wurde der erste Vorarlberger Jude im KZ getötet.
Bombenangriff auf Feldkirch 1943 kam dann der Krieg erstmals ins Land. Bis dorthin beeinflussten indirekte Kriegsauswirkungen wie das Senken von Lebensmittelrationen oder die Einquartierung von Bombenflüchtlingen das Leben an der „Heimatfront“. Am 1. Oktober 1943 waren dann in Feldkirch rund 200 Opfer zu beklagen. Bei einem US-Angriff hatte die Luftwaffe die Messerschmitt-Werke in Augsburg nicht gefunden und ließ ihre Bomben über Feldkirch fallen. Insgesamt sind in Vorarlberg die Namen von 800 Opfern von Verfolgung bekannt. Mindestens 80 Personen wurden aus politischen oder rassistischen Gründen hingerichtet, und über 300 fielen der „Euthanasie“– eine zynische Entfremdung des Wortes der Nationalsozialisten – zum Opfer. Tausende Vorarlberger waren an Kriegsschauplätzen im Einsatz. Rund 7800 Vorarlberger kehrten nicht mehr aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, andere waren jahrelang in Kriegsgefangenschaft. PATRIZIA GUNZ & MIRIJAM HALLER patrizia.gunz@vn.at / 05572 501-314 mirijam.haller@vn.at / 05572 501-238
Viele waren vom Einmarsch begeistert.
Einmarsch deutscher Truppen in Dornbirn im Jahr 1938.
1945 staute sich der Wehrmachtsrückzug.
Bei der „Anschluss-Volksabstimmung“ am 10. April 1938 gab es in Vorarlberg österreichweit den höchsten Anteil an Nein-Stimmen. Am 12. März 1938 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Vorarlberg.
Mit Elfriede Blaickner wurde 1959 erstmals eine Frau in das Vorarlberger Landesparlament gewählt.
Der zähe Kampf um Mitbestimmung
Seit 100 Jahren dürfen die Vorarlbergerinnen wählen und gewählt werden. Elfriede Blaickner und Anna Mayr haben Geschichte geschrieben. Sie waren Ende der 1950er-Jahre die ersten Frauen, die in den Vorarlberger Landtag einzogen. Vor der ÖVP-Politikerin Blaickner und Mayr von der SPÖ gab es in Bregenz keine Mandatarinnen. Damals war es schon knapp vierzig Jahre her, dass die Österreicherinnen das aktive und passive Wahlrecht bekommen hatten. Es war seit dem 12. November 1918, jenem Tag, als die Erste Republik ausgerufen wurde, Realität. Bei der Wahl zur konstituierenden Nationalversammlung 1919 konnten Frauen erstmals wählen und gewählt werden. In Vorarlberg, wo eine Wahlpflicht galt, dauerte es noch, bis die Frauen in der Landespolitik mitbestimmen konnten, selbst nachdem die demokratischen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren. Erst bei der Wahl am 18. Oktober 1959 kamen Blaickner und Mayr zum Zug. Eine erste Landesrätin sollte es erst gut 30 Jahre später mit Elisabeth Gehrer (ÖVP) geben.
Erste Bürgermeisterin 1998 Das Bürgermeisteramt blieb noch länger eine reine Männerdomäne. Erst 1998 wurde eine Frau Gemeindechefin, nämlich Anna Franz (ÖVP) in Bezau. Es sei damals schon ein Dammbruch gewesen, erinnert sich Franz. Sie hatte sich seit jeher besonders politisch engagiert, war etwa Obfrau der ÖVP-
Frauenbewegung im Bregenzerwald. 1990 wurde sie als einzige Frau in der Bezauer Gemeindevertretung gewählt. „Ich war immer dahinter, dass Frauen in die Politik gehen. Und ich war immer diejenige, die gesagt hat: Wenn es die Möglichkeit gibt, ein Amt anzunehmen, soll man nicht Nein sagen“, erzählt Franz, die von 2002 bis 2013 dem Nationalrat angehören sollte. Von den 96 Vorarlberger Gemeinden haben heute gerade einmal sieben eine Bürgermeisterin, nämlich Alberschwende, Bildstein, Dornbirn, Lingenau, Reuthe, Schlins und Sonntag. Wie der Gleichstellungsbericht des Landes 2017 zeigt, ist der Anteil der Gemeindevertreterinnen auch deutlich niedriger als der Anteil der Frauen im Landtag. Zwar stieg er seit den 1990er-Jahren beständig an, lag aber nach den Gemeindewahlen 2015 nur bei 23,6 Prozent. Im Landtag waren 2016 36 Prozent der Abgeordneten Frauen. Der derzeitigen siebenköpfigen Landesregierung gehören zwei Landesrätinnen an: Katharina Wiesflecker (Grüne), die für Soziales, Frauen, Pflege, Kinder- und Jugendhilfe und Kleinkindbetreuung zuständig ist, sowie Barbara Schöbi-Fink (ÖVP), deren Agenden Gesetzgebung, Bildung, Wissenschaft und Sport umfassen. Dass sich Frauen in der Politik mitunter schwerer tun als Männer, liegt auch an konservativen Rollenerwartungen, sagt die Vorarlberger Politikwissenschaft-
lerin Kathrin Stainer-Hämmerle. Die Expertin, die an der Fachhochschule Kärnten lehrt, erinnert an die Vorgänge rund um Carmen Willi vor zwei Jahren in Egg. Willi sollte Bürgermeisterin werden, machte aber nach bösartigen Anrufen und Beschimpfungen einen Rückzieher. Sie sei von einigen Bürgern als Mutter von drei kleinen Kindern für ungeeignet befunden worden, gab Willi an. Stainer-Hämmerle betont: „Wenn ein Politiker kleine Kinder hat, ist das kein Thema.“ Wo eine konservative Rollenerwartung vorherrscht, tut man sich auch mit dem Angebot an Kinderbetreuungsplätzen schwer. „Es herrscht die Meinung vor, dass eine Mutter zu Hause bleiben soll.“
Keine gleichberechtigte Teilhabe In Vorarlberg zeigen sich die unterschiedlichen Voraussetzungen schon an der Einkommenskluft, erläutert die Politologin. So verdienen ganzjährig vollbeschäftigte Frauen 27,6 Prozent weniger als Männer, das ist der höchste Wert im Bundesländervergleich. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine größeren Städte und keine Universität gibt. Denn Städte bieten Frauen mehr Möglichkeiten, etwa im Bereich der Kinderbetreuung, erläutert StainerHämmerle. „Gerade Frauen mit höherer Bildung ziehen für ein Studium in die Universitätsstädte. Dort bleiben sie eher hängen als Männer. Auch
Von den 96 Vorarlberger Gemeinden haben heute gerade einmal sieben eine Bürgermeisterin, nämlich Alberschwende, Bildstein, Dornbirn, Lingenau, Reuthe, Schlins und Sonntag. Die erste Gemeindechefin in Vorarlberg war Anna Franz im Jahr 1998 in Bezau. Französische Einheiten kommen in Vorarlberg an.
viele Spitzenpolitikerinnen sind nicht mehr zurückgekehrt.“ Knapp 100 Jahre, nachdem die Vorarlbergerinnen erstmals wählen durften, 59 Jahre, nachdem Elfriede Blaickner und Anna Mayr ihr Amt als Landtagsabgeordnete antraten, bleibt für die tatsächliche gleichberechtigte Teilhabe der Frauen in der Politik also noch genug zu tun. MAGDALENA RAOS magdalena.raos@vn.at 05572 501-187 CHRONOLOGIE FRAUEN IN DER POLITIK 1 9 07 In Österreich wird das direkte, allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht für Männer eingeführt. 1 2 . N ovem b er 1 91 8 Die Erste Republik wird ausgerufen. Das Wahlrecht gilt unabhängig des Geschlechts. 1 933 b i s 1 9 45 Im autoritären Ständestaat bis 1938 und der nationalsozialistischen Diktatur bis 1945 gibt es keine freien Wahlen mehr. 1 9 59 Elfriede Blaickner (ÖVP) und Anna Mayr (SPÖ) sind die ersten Vorarlbergerinnen, die in den Landtag gewählt werden. 1 9 8 3 Maria Hosp (ÖVP) zieht als erste Vorarlbergerin in den Nationalrat ein. 1 9 8 5 Das Frauenreferat der Vorarlberger Landesregierung wird eingerichtet. 1 9 9 0 Elisabeth Gehrer (ÖVP) wird die erste Landesrätin. Sie ist u. a. für die Bereiche Schule, Wissenschaft, Frauen, Jugend, Familie und Gemeindeentwicklung zuständig. 1 9 9 0 Johanna Dohnal (SPÖ) wird zur ersten Bundesministerin für Frauen-Angelegenheiten. 1 9 9 8 Anna Franz (ÖVP) übernimmt das Amt der Bezauer Gemeindechefin. Sie ist die erste Vorarlberger Bürgermeisterin. 2 0 0 6 Barbara Prammer (SPÖ) wird die erste Nationalratspräsidentin Österreichs. Das ist das höchste politische Amt, das eine Frau bisher in der Zweiten Republik bekleidet hat. 2 0 0 9 Zum ersten Mal gibt es mit Bernadette Mennel (ÖVP) eine Vorarlberger Landtagspräsidentin.
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Sie vertraten Vorarlberger Interessen im Parlament In der Ersten und Zweiten Republik hatten zahlreiche Vorarlberger wichtige Funktionen. Zahlreiche Vorarlberger Politikerinnen und Politiker haben sich auf Bundesebene in Wien für Vorarlberger Interessen eingesetzt. Schon während der sezessionistischen Bewegung in Vorarlberg war der in Andelsbuch geborene christlichsoziale Landwirt Jodok Fink von März 1919 bis Juli 1920 als Vizekanzler der großkoalitionären Staatsregierung Renner in Wien. Im Jahre 1918 war der ebenfalls Christlichsoziale Otto Ender, der in Altach geboren wurde, zum Landeshauptmann gewählt worden und blieb dies vorerst bis 1930. Danach wurde er Bundesminister für Verfassung und Reform. In den Jahren 1930/31 hatte er etwa ein halbes Jahr lang das Amt des Bundeskanzlers inne. Er war der bisher einzige aus Vorarlberg stammende Bundeskanzler. 1923 bis 1926 war der in Höchst geborene Realschulprofessor Emil Schneider erster Unterrichtsminister der Republik. Als Finanzminister wurde 1929 Johann Mittelberger berufen, ein gebürtiger Götzner. Der erste Bundesminister aus Vorarlberg in der Zweiten Republik war der in Lauterach geborene Ernst Kolb (ÖVP). Er war von 1948 bis 1952 Minister für Handel und Wiederaufbau und von 1952 bis 1954 Unterrichtsminister. Kolb war maßgeblich am Wiederaufbau der Wiener Staatsoper beteiligt.
Minister und Bundesratspräsident Bundesrat Jürgen Weiss (ÖVP) war in den Jahren 1991 bis 1994 Bundesminister für Föderalismus und Verwaltungsreform. Vom 17. November 1994 bis 29.
November 1994 war er auch Landwirtschaftsminister – mit der bisher kürzesten Amtszeit. Weiss kehrte 1994 in die Länderkammer zurück und wurde deren Ständiger Vizepräsident. Er hatte auch – wie andere Vorarlberger – mehrfach das Amt des Präsidenten inne. Elisabeth Gehrer (ÖVP) war zwischen 1995 und 2007 Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur. U. a. setzte sie sich besonders für den Ausbau der Fachhochschulen ein. Der Frastanzer Hubert Gorbach (FPÖ, später BZÖ) fungierte von 2003 bis 2007 als Vizekanzler der Republik Österreich und Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie. In Hohenems wurde der Unternehmer Hans Jörg Schelling (eigentlich Johann Georg Schelling) geboren. Er war von 2014 bis 2017 ÖVP-Bundesminister für Finanzen.
Mehrere Staatssekretäre Vorarlberg war in Wien auch durch einige Staatssekretäre vertreten. So durch Guido Schmidt aus Bludenz (1936 bis 1938) im Außenministerium. Weiters Ernst Winsauer (ÖVP, 1945 Unterstaatssekretär für Volksernährung), Franz Grubhofer (ÖVP, 1956 bis 1961 Staatssekretär im Innenministerium), Carl Bobleter (ÖVP, 1964 bis 1968 Staatssekretär im Außenministerium) und Hans Bürkle (ÖVP, 1968 bis 1970 Staatssekretär im Sozialministerium). Obmann eines Parlamentsklubs war von 1920 bis 1929 Jodok Fink, von 2008 bis 2013 war es Karlheinz Kopf (ÖVP),
der dann bis 2017 Zweiter Präsident des Nationalrates wurde. Die Funktion als Stellvertretender Klubobmann bekleideten Gottfried Feurstein, Pius Fink und Ewald Stadler. Im Folgenden sind die Vorarlberger Abgeordneten zum Nationalrat und die Mitglieder des Bundesrates jeweils auszugsweise angeführt.
2002, Erich Schwärzler (ÖVP) 1988 bis 1993, Ewald Stadler (FPÖ, BZÖ) 1999 bis 2011, Herbert Stohs (ÖVP) 1962 bis 1975, Bernhard Themessl (FPÖ) 2006 bis 2017, Leonhard Treichl (SPÖ) 1971 bis 1983), Anton Türtscher (ÖVP) 1983 bis 1986, Harald Walser (Grüne) 2008 bis 2017, Werner Winsauer (ÖVP) 1986 bis 1988.
Die Nationalräte Wolfgang Blenk (ÖVP) 1970 bis 1990, Herbert Bösch (SPÖ) 1994 bis 1995, Reinhard Eugen Bösch (FPÖ), 1999 bis 2008 und seit 2013, Günter Dietrich (SPÖ) 1983 bis 1994, Reinhold Einwallner (SPÖ) seit 2017, Gottfried Feurstein (ÖVP) 1975 bis 2002, Jodok Fink (Christlichsoziale) 1920 bis 1929, Pius Fink (ÖVP) 1945 bis 1970, Anna Franz (ÖVP) 2002 bis 2013, Franz Grubhofer (ÖVP) 1945 bis 1962, Christoph Hagen (FPÖ, BZÖ, Team Stronach) 2008 bis 2017, Ludwig Hagspiel (ÖVP) 1970 bis 1983, Rudolf Hämmerle (ÖVP) 1962 bis 1970, Ernst Haselwanter (SPÖ) 1959 bis 1965, Roman Heinz (SPÖ) 1965 bis 1983, Maria Hosp (ÖVP) 1983 bis 1986, Franz Katzengruber (SPÖ) 1953 bis 1966, Ernst Kolb (ÖVP) 1945 bis 1949, Karlheinz Kopf (ÖVP) seit 1994, Manfred Lackner (SPÖ) 1996 bis 2006, Herbert Lins (ÖVP) 1953 bis 1962, Gerald Loacker (NEOS) seit 2013, Sabine Mandak (Grüne) 2002 bis 2008, Elisabeth Märk (SPÖ) 1995 bis 1996, Elmar Mayer (SPÖ) 2006 bis 2017, Johann Georg Schelling (ÖVP) 2007 bis 2008, Irinia Schoettel-Delacher (FPÖ) 1999 bis
Die Bundesräte Herbert Bösch (SPÖ) 1989 bis 1994, Reinhard Eugen Bösch (FPÖ) 1994 bis 1999, Walter Bösch (SPÖ) 1974 bis 1989, Magnus Brunner (ÖVP) seit 2009, Hans Bürkle (ÖVP) 1959 bis 1979, Reinhold Einwallner (SPÖ) 2004 bis 2009, Otto Ender (Christlichsoziale) 1920 bis 1934, Martina Ess (ÖVP) seit 2018, Wilhelm Gantner (ÖVP) 1992 bis 1994, Ilse Giesinger (ÖVP) 1991 bis 2004, Christoph Hagen (FPÖ) 1999 bis 2004, Ulrich Ilg (Christlichsoziale) 1934, Ernst Kolb (ÖVP) 1949 bis 1959, Eugen Leissing (ÖVP) 1945 bis 1949, Georg Ludescher (ÖVP) 1982 bis 1992, Edgar Mayer (ÖVP) 2004 bis 2018, Anton Mayrhauser (SPÖ) 1954 bis 1969, Cornelia Michalke (FPÖ) 2009 bis 2014, Hans Pitschmann (ÖVP) 1962 bis 1981, Ferdinand Ulmer (Wahlpartei der Unabhängigen) 1949 bis 1954, Adolf Vögel (ÖVP) 1947 bis 1962, Jürgen Weiss (ÖVP) 1979 bis 1991 und 1994 bis 2009, Ernst Winsauer (ÖVP) 1945 bis 1946. ERNEST ENZELSBERGER ernest.enzelsberger@vn.at 05572 501-219
Vorarlberg hat sich zu einem attraktiven und lebenswerten Standort entwickelt. Blick auf das Rheintal im Jahr 1976.
Moderner Föderalismus Dieser bedeutet Eigenständigkeit und Bürgernähe.
Vorarlberg ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder einen stark eigenständigen Weg gegangen. Das 100-Jahr-Jubiläum Vorarlbergs ist daher ein guter Anlass, Chancen und Zukunft eines föderalen Staatsaufbaus neu zu erörtern. Rückblickend: Ohne die Länder war 1918 ebenso wenig ein Staat zu gründen wie im Jahr 1945. Nicht die Republik Österreich hat das Land Vorarlberg begründet, sondern das Land Vorarlberg hat durch seinen Beitritt die Republik zwei Mal mitbegründet. Die junge Republik schöpfte ihre Kraft weitestgehend aus den Ländern, die sich ihrer tragenden Rolle vollends bewusst waren.
Starke Länder, starkes Österreich
Emil Schneider
Ernst Kolb Jodok Fink
Johann Mittelberger
Jürgen Weiss
Am 3. November 1918 bildete sich in Bregenz die Provisorische Landesversammlung und beschloss: Vorarlberg ist ein eigenes selbstständiges Land im Rahmen des deutschösterreichischen Staates. Elisabeth Gehrer
Hubert Gorbach
Hans Jörg Schelling
In den Wiederaufbaujahren nach 1945 war die föderalistische Struktur ein wesentlicher Bestandteil der österreichischen Erfolgsstory. Daran sieht man: Starke Länder sind eine notwendige Voraussetzung für ein starkes Österreich. Erinnert sei hier auch an den Juni 1980, als die Bevölkerung Vorarlbergs ihrer politischen Vertretung in einer Volksabstimmung den Auftrag erteilte, mit dem Bund über mehr Eigenständigkeit der Länder und eine stärkere Stellung der Gemeinden zu verhandeln. Richtig verstandener und gelebter Föderalismus hat zentralistisch organisierten Systemen viel voraus. So ermöglichen überschaubare Strukturen rasche und effiziente Entscheidungen bei regionalen Problemen. Die Politik findet näher an den Bedürfnissen der Menschen statt. Zahlreiche Studien belegen, dass Regionen, die eine gewisse Eigenständigkeit aufweisen, wirtschaftlich erfolgreicher sind als solche, die zentralistischen Systemen untergeordnet sind. Ihre Eigenständigkeit macht es ihnen möglich, den regionalen Gege-
Richtig verstandener und gelebter Föderalismus hat zentralistisch organisierten Systemen viel voraus.
benheiten die Rahmenbedingungen zu geben, die sie im globalen Wettbewerb besser bestehen lassen. In Vorarlberg werden durch rasche Entscheidungen und überschaubare Strukturen etwa 84 Prozent der Betriebsanlagenverfahren innerhalb von nur 13 Wochen erledigt. Unser Ziel ist ein schlanker und bürgernaher Staat, der den Bürgern Mitbestimmungsmöglichkeit und Lebensqualität bietet. Dazu gehört auch, dass es Entscheidungsinstanzen vor Ort oder in der Nähe gibt und dass regionale Besonderheiten berücksichtigt
werden. Gerade die eigenständige Regionalpolitik der Länder und der Wettbewerb der besten Ideen und der effizientesten Umsetzung haben dazu geführt, dass in Österreich im Gegensatz zu zentralistisch regierten Regionen Europas auch abgelegene Randgebiete lebenswert geblieben und als Wirtschaftsstandort attraktiv sind.
Föderalismus auf Europaebene Auch auf europäischer Ebene spielt der föderale Gedanke eine immer
wichtigere Rolle. Damit Europa bei den Menschen Zustimmung findet, ist es entscheidend, dass Aufgaben, die besser vor Ort erledigt und umgesetzt werden können, auch vor Ort gelöst werden. Dabei geht es aber nicht um eine Renationalisierung Europas, sondern vielmehr um ein starkes Europa der grenzüberschreitenden Regionen. Es geht um ein vernünftiges Gleichgewicht von einheitlichen Standards und notwendigen Spielräumen für die Länder und Regionen. Länder und Gemeinden sind näher an den Bürgerinnen und Bürgern und wissen daher in vielen Bereichen besser Bescheid, welche Maßnahmen den größten Erfolg bringen. Der Föderalismus muss auch in Österreich stets weiterentwickelt werden. Wir sind bereit, neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Wir treten für eine moderne Aufgabenverteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ein. Wir sind bereit, Steuerhoheit zu übernehmen, und begrüßen die Bestrebungen der Bundesregierung nach einer Entflechtung der Kompetenzen. Allerdings müssen bei jeder Kompetenzreform die regionalen Interessen berücksichtigt werden: Die Verantwortung des Landes für seine Infrastrukturen wie Schulen, Spitäler den Pflegeeinrichtungen, für leistbares Wohnen und die Schaffung der Rahmenbedingungen für einen dynamischen Wirtschaftsstandort soll grundsätzlich ausgebaut werden. Das sind die Voraussetzungen, damit wir auch in Zukunft eigenverantwortlich über uns bestimmen können. Denn in Vorarlberg kann man immer noch am besten beurteilen, was für Vorarlberg am besten ist. EIN GASTBEITRAG VON MARKUS WALLNER Landeshauptmann Vorarlberg
12 100 Jahre Vorarlberg
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
100 Jahre Wirtschaft: Krisen, Erfolge, Umbrüche Der Strukturwandel vom Textilland zu einer vielseitigen Industrie gilt als Erfolgsgeschichte. Der Zerfall der Habsburgermonarchie bedeutete für die heimische Wirtschaft eine enorme Umstellung. Die Industrie war auf den großen Binnenmarkt der Monarchie ausgerichtet. Nun fand man sich in einem Kleinstaat wieder. Viele stellten die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der jungen Republik infrage. 1919 wurde in Vorarlberg über einen Anschluss an die Schweiz abgestimmt. Das Ergebnis: Rund 80 Prozent Zustimmung, allerdings bei geringer Beteiligung. Unternehmerkreise sprachen sich aus wirtschaftlichen Gründen überwiegend gegen einen Anschluss aus. In Vorarlberg hatte sich bereits im vorangegangenen Jahrhundert die Industrie als stärkster Wirtschaftssektor etabliert, wobei die Textilerzeugung dominierte. Große Baumwollfabriken waren vor allem im Rheintal und Walgau entstanden. In den Gemeinden nahe der Schweizer Grenze hatte die kleingewerblich organisierte Stickerei große Bedeutung.
Gießerei der Rüsch-Werke in Dornbirn um 1940.
Warum man zum Industrieland wurde Eine wesentliche Rolle spielten die geografische Lage und die verkehrstechnische Erschließung, die Nähe zur Textilnation Schweiz, traditionelles Know-how, ebenso die vielerorts vorhandene Wasserkraft. Außerdem lebten seit Jahrhunderten mehr Menschen im Land, als ernährt werden konnten. Manche wanderten daher aus, andere waren bereit, für einen geringen Lohn in den Fabriken zu arbeiten. Billige Arbeitskräfte sind bis heute ein Wettbewerbsfaktor für die Industrie. Notfalls wurden sie von auswärts angeworben. Mit der Industrialisierung wandelte sich Vorarlberg vom Auswanderungszum Einwanderungsland. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs kamen die Rohstoffversorgung und damit auch die Textilfabriken weitgehend zum Stillstand. Nach Kriegsende wurden zudem traditionelle Absatzmärkte im Osten der vormaligen Monarchie durch Zollschranken abgetrennt. Unternehmen wie Franz M. Rhomberg oder Benger gründeten daher Niederlassungen in den Nachfolgestaaten, um diese zollfrei beliefern zu können. Für die Bevölkerung war die prekäre Zwischenkriegszeit vor allem durch
Große Websäle wie bei Franz M. Rhomberg gehören nicht mehr zum Alltagsbild.
Nest“. Nationalsozialistische Fabrikanten profitierten nach 1938, etwa bei der Übernahme enteigneter Betriebe oder durch die Erteilung von Aufträgen. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wendete sich das Blatt. Bald mangelte es an Rohstoffen und Arbeitskräften. Zuweisungen durch die NS-Bürokratie erfolgten vorwiegend an kriegswichtige Betriebe. Verlagerungen von Rüstungsbetrieben aus kriegsgefährdeten Gebieten nach Vorarlberg verschärften die Lage zusätzlich. In Fabriken und auf Baustellen wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Viele Betriebe stellten auf Rüstungsproduktion um. Bei Kriegsende 1945 lag die heimische Wirtschaft erneut am Boden. Allerdings herrschte im Gegensatz zu 1918 eine positive Grundstimmung. Die französischen Befreier waren um einen raschen Aufschwung bemüht, um das Land von Hilfeleistungen unabhängig zu machen. Sie verhielten sich pragmatisch bei der raschen Genehmigung von Wirtschaftsbeziehungen in die Schweiz. Milde gaben sich Besatzer und Behörden mit politisch belasteten Unternehmern, die man als wichtig für den Wiederaufbau ansah.
Wirtschaftswunder Inflation und Arbeitslosigkeit geprägt. Ab 1921 kam es zu monatlichen Preissteigerungen von über 50 Prozent. Gewinner war die exportorientierte Industrie, weil ausländische Abnehmer vom günstigen Wechselkurs profitierten. Dagegen litt der Handel unter sinkender Nachfrage. Ab 1922 machte sich allmählich Arbeitslosigkeit im Land breit. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise erreichte sie Anfang der 1930er-Jahre ihren Höhepunkt. Rund 20 Prozent der Vorarlberger Bevölkerung lebten von der Arbeitslosenunterstützung, die kaum für den Lebensmittelbedarf ausreichte. Entsprechend viele Menschen setzten ihre Hoffnungen in den aufkommenden Nationalsozialismus und in einen Anschluss an das scheinbar florierende Deutsche Reich.
Tausend-Mark-Sperre Zusätzlich verschärft wurde die Wirtschaftslage 1933 durch die TausendMark-Sperre. Um Österreich zu schwä-
chen, berechnete das Deutsche Reich seinen Bürgern eine Gebühr von 1000 Reichsmark, wenn sie ohne Sondererlaubnis ins Nachbarland reisten. Besonders hart traf dies den heimischen Fremdenverkehr. Dieser hatte sich bereits im 19. Jahrhundert zunächst als Alpin- und Sommertourismus etabliert. Nach 1900 war auch der Wintersport in mehreren Regionen zu einem wichtigen Erwerbszweig geworden. Die meisten Besucher stammten aus Deutschland. Infolge der TausendMark-Sperre brachen die Nächtigungszahlen ein. Die Anzahl der Gäste aus Deutschland sank innerhalb eines Jahres von fast 23.000 auf rund 2500.
Zweiter Weltkrieg In traditionell liberal und deutschnational gesinnten Fabrikantenkreisen fand der Nationalsozialismus besonders viele Anhänger. Dornbirn als Zentrum der Vorarlberger Textilindustrie galt bereits vor dem Anschluss 1938 als „braunes
Die Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkriegs führte in Vorarlberg nicht zu einem langfristigen Strukturwandel. Schon in den ersten Nachkriegsjahren lief die Textilindustrie wieder zu alter Form auf. Im Rahmen des Marshallplans wurden Maschinenparks modernisiert und Rohstoffe gekauft. Aushängeschild der florierenden Wirtschaft war die 1949 erstmals durchgeführte er Exportund Musterschau. Doch die Textilindustrie mit ihrem hohen Anteil gering qualifizierter Arbeitsplätze zeichnete sich auch durch niedrige Löhne aus. Wer die Möglichkeit hatte, arbeitete in besser bezahlten Branchen oder im benachbarten Ausland. Dementsprechend war man auf Zuwanderer angewiesen, die nach Kriegsende vor allem aus Inner- und Ostösterreich stammten, ab den 1960er-Jahren vermehrt aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Auch der Frauenanteil war in der Textil- und Bekleidungsindustrie
Die vorwiegend weibliche Belegschaft beim Bregenzer Wirkwarenhersteller Benger.
überdurchschnittlich hoch. Mit der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957 erfolgte die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, aus der die heutige Europäische Union hervorging. Österreich war mit den teilnehmenden Staaten wirtschaftlich eng verbunden. Trotzdem schien ein Beitritt aus neutralitätspolitischen Gründen damals nicht möglich. Österreich entschied sich für eine Mitgliedschaft bei der lockeren Freihandelsgemeinschaft EFTA, an der auch die Schweiz beteiligt war. Die Folgen dieser neuen Zollgrenzen waren für Vorarlbergs Wirtschaft gravierend. Gingen Anfang der 1960er-Jahre noch die meisten Exporte nach Deutschland, war 1970 die Schweiz wichtigster Abnehmer. Gleichzeitig ließen sich deutsche Unternehmen in Vorarlberg nieder, um über einen Standort innerhalb der EFTA zu verfügen.
Der Abschied vom Textilland
Der Strukturwandel vom Textilland hin zu einer vielseitigen Industrie mit starkem Metall- und Elektrosektor, gilt als DIE Erfolgsgeschichte der heimischen Wirtschaft. Dabei hielt sich Vorarlbergs Textil- und Bekleidungsindustrie länger, als in manchen anderen europäischen Regionen. Doch im Verlauf der 1970er-Jahre wurde es auch für die heimischen Unternehmen immer schwieriger, gegen die wachsende Konkurrenz aus Billiglohnländern anzukommen. In immer kürzeren Abständen mussten Maschinen erneuert werden, um am Markt bestehen zu können. Was man
noch Jahre zuvor für unmöglich gehalten hatte, wurde bittere Realität: Weit über hundert Jahre alte Flaggschiffe der heimischen Textilindustrie schlossen nacheinander die Tore. Im Verlauf der 1980er-Jahre arbeiteten schließlich mehr Menschen in der Metall- und Elektroindustrie, als im Textilbereich. Unternehmen wie Zumtobel Leuchten oder Julius Blum waren Global Player geworden und traten nun an die Spitze. Vorarlberg war kein Textilland mehr.
Wohlstand und Dienstleistungen Eine weitere, für Industriestaaten typische Entwicklung, zeichnete sich
In den 60er-Jahren wurde gegen den Kaufkraftabfluss mobil gemacht. 1978 eröffnete der Illpark in Feldkirch.
nach 1945 auch in Vorarlberg ab. Mit wachsendem Wohlstand stiegen Angebot und Konsum an Dienstleistungen. Sparten wie Handel, Gesundheit, Bildung, Gastronomie und Tourismus gewannen an Bedeutung. Kleine Kaufläden konnten die Bedürfnisse nicht mehr decken und wichen Supermärkten und Einkaufszentren. In Talschaften bildet der Fremdenverkehr heute die Lebensgrundlage. Seit den 1990er-Jahren arbeiten in Vorarlberg mehr Menschen im Dienstleistungssektor, als in der Produktion. Ausschlaggebend dafür ist aber auch die Industrie selbst. Sie beflügelt die
Nachfrage nach Logistik- und Transportleistungen, Nachrichtentechnik, Datenverarbeitung und anderen Wirtschaftsdiensten. Vorarlberg hat sich in den vergangenen hundert Jahren vom Textilland zu einem breitgefächerten Industrie- und Dienstleistungsstandort entwickelt. Eng vernetzte Global Player, Kleinund Mittelbetriebe bilden eine solide Basis. Gleichzeitig sind auch Wohlstand und Einkommen stark gestiegen. Galt Fabrikarbeit früher als gesundheitsschädlich und schlecht bezahlt, bieten heimische Unternehmen heute hochqualifizierte Arbeitsplätze. EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIAN FEURSTEIN Leiter Wirtschaftsarchiv Vorarlberg Das Wirtschaftsarchiv Vorarlberg wurde 1983 gegründet. Damals standen Schlagzeilen über die Schließung von Textilunternehmen an der Tagesordnung, deren schriftliche Nachlässe verloren zu gehen drohten. Heute sammelt und bewahrt das Archiv Quellen aus allen wirtschaftlichen Branchen, darunter Dokumente, Textilien, Gebäudepläne, Patentschriften oder Fotos. Auf Interesse stößt auch die bedeutendste werbegrafische Sammlung im Land. Neben der Sammlung historischer Quellen steht die Vermittlung wirtschaftsgeschichtlicher Themen im Fokus. Außerdem wurden zahlreiche Publikationen herausgegeben. Das Wirtschaftsarchiv befindet sich im Palais Liechtenstein in Feldkirch und wird von Wirtschaftskammer, Land, Arbeiterkammer, Industriellenvereinigung, Stadt Feldkirch sowie Unternehmen, Gemeinden und Institutionen unterstützt. Mehr Informationen unter 05522 77457 oder www.wirtschaftsarchiv-v.at
14 100 Jahre Vorarlberg
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
„Net lugg lo!“
Die Wälderin Kreszenz Margreitter wird im Dezember 100 Jahre alt. bei Holzarbeiten einen Herzinfarkt erlitten hatte. Vor knapp drei Jahren verstarb eines ihrer fünf Kinder. Peter ereilte beim Schneeschaufeln ein Herzinfarkt. Wie sein Vater wurde er ganz plötzlich aus dem Leben gerissen. „Man muss mit allem fertig werden. Ich habe es geschafft. Aber fragen Sie mich nicht wie.“
wohl Zenzi eine Kämpferin ist, würde sie nicht noch einmal geboren werden wollen. „Da müsste man mich schon zwingen.“ Aber dieses Leben will sie bis zum Schluss mit Würde leben. Die Hochbetagte hofft auf einen schnellen Tod. „Meine größte Sorge ist, dass ich bettlägerig werde.“ Aber danach schaut es, zumindest im Moment, nicht aus.
Aufgeben gibt es nicht
Selbstständiges Leben
Zenzi, so wird sie in ihrem Heimatort liebevoll genannt, hat nie aufgegeben. Das würde sie auch heute nicht tun. „Ich würde mir nie etwas antun. Ich würde kämpfen. Heute noch. Denn solange ich lebe, kann ich noch etwas ändern. Meine Einstellung ist: ,Net lugg lo’.“ Ob-
Denn die Wälderin steht noch fest auf ihren Beinen. Die betagte Frau führt sogar den Haushalt noch selbst. Sie kocht jeden Tag eine warme Mahlzeit, backt Kuchen und macht die Wäsche selbst. Mit ihr im Haushalt lebt ihr jüngster Sohn, der ihre Fürsorge benötigt. Er war und ist ihre Lebensaufgabe. Zenzi mutmaßt, „dass der Herrgott wissen wird, dass ich noch gebraucht werde auf Erden“. Ihr Tag geht schnell um. Damit er nicht noch kürzer wird, stellt sie den Wecker, der sie nach einer Dreiviertelstunde aus dem täglichen Mittagsschlaf reißt. Bis vor wenigen Jahren konnte sie nachmittags stundenlang handarbeiten. Zenzi war eine begnadete Handarbeiterin. Sie strickte Norwegerpullis, häkelte Vorhangspitzen und nähte Tischdecken. Aber eine Augenkrankheit raubte ihr sukzessive das Sehvermögen. Zenzi könnte deswegen verzagen. Aber ihr Fokus liegt nicht darauf, was sie nicht mehr kann, sondern auf dem, was sie noch kann. Und das ist eine ganze Menge in ihrem Alter. Ihr Gedächtnis zum Beispiel funktioniert noch phänomenal. Ohne Probleme kann sie sich an längst vergangene Zeiten erinnern. Die Tochter eines Eisenbahners weiß noch, unter
welchen Bedingungen sie zu Hause, im Bahnwärterhaus, großgeworden ist. „Das Wasser mussten wir immer von einem Brunnen holen. Dazu mussten wir über die Gleise gehen. 1924/25 kam der Strom ins Haus. Bis dahin hatten wir Petroleum-Lampen. Geheizt haben wir mit Holz und Kohle, gekocht auf einem Holzherd. Bad hatten wir keines, nur ein Plumpsklo.“
Kriegsgegnerin Auch Ereignisse aus der Kriegszeit sind ihr noch voll gegenwärtig. „Es war im Jahr 1944. Wir saßen gerade bei Tisch, als mehrere Jagdflieger ganz dicht über unser Haus flogen. Sie haben die Sanitätswagen angegriffen und beschossen.“ Hitler regt sie noch heute auf. Ihn hasste sie schon zu seinen Lebzeiten. Denn Zenzi, die heimlich den Schweizer Sender hörte, wusste, dass er ein Massenmörder war, dass er den Holocaust verantwortete. „Deswegen habe ich mich geweigert, mit Heil Hitler zu grüßen. Das hätte ich nicht übers Herz gebracht.“ Ihr Blick wandert zur Uhr an der Wand. Die Tatsache, dass es schon so spät ist, katapultiert sie schlagartig in die Gegenwart. Denn in einer halben Stunde bekommt Zenzi Besuch von zwei Witwen. Mit ihnen jasst sie einmal in der Woche. „Früher haben wir mit den Männern Karten gespielt. Aber die sind gestorben. Wir drei sind übrig geblieben“, sagt die Hochbetagte, die jetzt begonnen hat, den Tisch zu decken für Kuchen und Kaffee.
In der ersten Fabrikhalle im ‚Städtle‘ in Höchst standen anfänglich 8 Drehautomaten auf 660 m2.
Fotos: Julius Blum GnbH
Blum: Hightech aus Tradition Was zu Beginn der 50er-Jahre als Ein-Mann-Betrieb in Höchst begann, ist heute ein international tätiges Unternehmen in 3. Generation. Mit seinen innovativen Möbelbeschlägen und Services zählt Blum heute zu den Marktführern der Branche. „Mein Vater liebte es, in Gebäude und Maschinen zu investieren. Er scheute dabei kein finanzielles Risiko“, nennt Gerhard E. Blum eine große Leidenschaft seines Vaters. Und diese Leidenschaft trieb den jungen Hufund Wagenschmied aus Höchst (Vorarlberg) stetig an. Als er es leid war, Hufstollen aus der Schweiz zu beziehen, gründete er 1952 seine eigene Firma. Ein Jahr später kaufte er seine erste Drehmaschine. Die Geschichte
von Blum wurde auch durch Zufälle und Veränderungen geprägt. So wurden mit Beginn der Industrialisierung Pferdegespanne immer seltener, an ihre Stelle traten Traktoren. Julius Blum erkannt diese Veränderung und traf eine Entscheidung: Er versuchte sich als Zulieferer für andere Gewerke und produzierte auf seinen Drehautomaten Schrauben, Muttern etc. Einstieg in die Beschlagsbranche Der Besuch des Tischlers Cyrill Humpeler in der Werkstatt von Julius Blum im Jahr 1958 brachte dann die entscheidende Wende: Drehautomaten schienen wie geschaffen für die Produkt-ion von Anuba-Möbelbändern, die der Tischler damals aus der
Schweiz bezog. „Mein Vater zögerte nicht lange und setzte sich mit dem Schweizer Erfinder des Möbelbandes in Verbindung. Dieser wollte 30.000 Schweizer Franken für die Lizenz, das Band in Österreich herstellen und vertreiben zu dürfen“, erzählt Gerhard E. Blum. Doch Julius Blum warf die Flinte nicht so schnell ins Korn. Er reiste in die Schweiz, um zu verhandeln. Schlussendlich einigten sich die beiden auf 10.000 Schweizer Franken und 5 Prozent Stücklizenz. Der 1. Schritt in die Beschlagsbranche war getan. Das Unternehmen wächst 1957 baute Julius Blum seine erste Halle, heute Teil des Werks 1 in Höchst. Die Dimension, in die sich Blum entwickeln sollte,
konnte damals niemand erahnen: Vom regionalen Lizenznehmer zum international tätigen Möbelzulieferbetrieb. Die ersten Schritte ins Auslandgeschäft wurden innerhalb der EFTA-Länder und nach Deutschland gesetzt. Anfang der 80erJahre hielt das erste verdeckte
Rahmenscharnier in den USA Einzug. 2005 war die Zeit reif für die Klappensysteme, das 3. Geschäftsfeld von Blum, neben Scharnieren und Auszügen. Inzwischen gibt bereits die 3. Generation der Familie ihr Bestes – gemeinsam mit ca. 7600 MitANZEIGE arbeitern weltweit.
Mit dem neuesten Werk 8 in Dornbirn bekennt sich Blum klar zum Wirtschaftsstandort Vorarlberg.
Entgeltliche Einschaltung des Landes Vorarlberg
Als Hundertjährige sah sie sich nicht einmal in ihrer kühnsten Vorstellung. „Ich dachte, dass ich höchstens 85 Jahre alt werde.“ Kreszenz Margreitter hat keine Erklärung dafür, dass sie am 17. Dezember ihren hundersten Geburtstag feiert. „Es gibt kein Geheimrezept. Höchstens das: Ich habe immer nach vorwärts geschaut.“ In ihrem langen Leben gab es einige Situationen, „in denen ich meinte, dass es nicht mehr geht. Aber nach ein paar tränenreichen Nächten ging es wieder.“ Zahlreiche Schicksalsschläge pflasterten ihren Weg. Eine Eileiterschwangerschaft und eine Hirnhautentzündung brachten sie dem Tod nahe. 1983 musste sie ihren Mann Josef zu Grabe tragen, der
MARTINA KUSTER martina.kuster@vn.at 05572 501-734
FÜR UNSERE ZUKUNFT
Der Bodensee war 1929 und 1963 komplett zugefroren. Vorarlberger nutzten die Möglichkeit, um über den See zu spazieren.
Kreszenz Margreitter sieht ihrem 100. Geburtstag mit gemischten Gefühlen entgegen. „Die Jahre machen mir nichts aus, nur das Datum.“
Bildung bringt’s seit 100 Jahren. Und noch viele mehr.
Bildung ist für uns alle und für die weitere Entwicklung Vorarlbergs essentiell. Dafür sind innovative Bildungsformen, von der frühen Förderung, über duale Ausbildungsmöglichkeiten bis hin zur lebens langen Weiterbildung, ausschlaggebend. Mehr Informationen unter www.vorarlberg.at/schule
Bei der Lawinenkatastrophe im Jänner 1954 in Blons zerstörten zwei Lawinen ein Drittel der Häuser und töteten 57 Menschen. BIB_18-402_BildungBringts_Inserat_VN_100Jahre_240x191mm_P.indd 1
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Meilensteine, die prägend für die dynamische Entwicklung des Landes waren
Arlbergstraßentunnel Seit der Vollendung der Arlbergbahn im Jahr 1884 gab es auch den Wunsch, die Arlbergstraße ebenfalls in einen Tunnel zu verlegen, um eine wintersichere Verbindung nach Restösterreich zu bekommen. Seit Dezember 1978 ist der 13 Kilometer lange Tunnel befahrbar. Die Baukosten betrugen samt Zufahrtsrampen ca. 4,8 Milliarden Schilling.
Autobahnausbau Bregenzer Festspiele Die Bregenzer machten im Jahr 1946 ihre schönste Bühne – den Bodensee – zur Festspielbühne. Zwei Kieskähne und eine Notlösung waren Ausgangspunkt für einen kulturellen und weit über die Vorarlberger Grenzen hinaus bekannten Publikumsmagneten. 1979/80 geht dann ein großer Traum in Erfüllung: Das Festspiel- und Kongresshaus wird eröffnet. Ab 17. Juli 2019 wird Guiseppe Verdis „Rigoletto“ als Spiel auf dem See zu sehen sein.
Das Land und der Bund trieben nach Kriegsende den Ausbau des Straßennetzes mit gewaltigen Anstrengungen und Mitteln voran. 1965 wurde mit dem Autobahnausbau zwischen Rankweil und Dornbirn begonnen. 1980 konnte der Pfändertunnel in Betrieb gehen, und mit der Fertigstellung des Ambergtunnels 1985 war die A 14 zwischen Hörbranz und Bludenz vollendet.
Ein Beispiel für die Innovationskraft des Vorarlberger Holzbaus, schon vor mehr als 20 Jahren entwickelt und gebaut: Bausystem für den mehrgeschoßigen Wohnbau mit höchstem Vorfertigungsgrad.
Vorarlberger Nachrichten Am 14. Juli 1919 erwirbt Eugen Ruß die Buchdruckerei in Bregenz und damit auch den Verlag der Vorarlberger Landeszeitung. Nachdem die Zeitung 1938 von den Nationalsozialisten verboten worden war, erscheint am 16. November 1945 die erste unabhängige Ausgabe der Vorarlberger Nachrichten.
Wir sind Vorarlberg und wir sind stolz darauf – und das seit vielen hundert Jahren! Die Zimmerei- und Holzbaubetriebe des Landes
Architekturvorzeigeland Hermann Kaufmann über das Architekturverständnis.
Der Begriff „Architekturland Vorarlberg“ hat sich seit den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts zu einem Markenbegriff entwickelt. Wenn heute unser Land beworben wird, ist die moderne Architektur an vorderster Stelle. Viel darüber ist in den zahlreichen Büchern und Artikeln zu lesen, das Thema ist gut aufgearbeitet. Es sei mir daher erlaubt, eine persönliche Sicht auf das international immer mehr beachtete Phänomen zu werfen. Friedrich Achleitner, ein wichtiger Architekturkritiker, der das Land gut kennt, stellte etwas ironisch fest, dass, obwohl es eine hochentwickelte Bauund Holzindustrie gab, eine lebendige Entwicklung der Architektur nicht verhindert wurde. „Vielleicht gerade auch deshalb, weil durch die alten Familienstrukturen die Gesprächsbasis zwischen einer akademischen und einer produktiv-wirtschaftlichen Ebene erhalten und innovativ geblieben ist.“ Ich kann mich noch gut an die heftigen Diskussionen meines Vaters und Großvaters, beides Zimmerer, mit meinem Onkel Leopold, der gerade als junger Architekt nach Hause zurückkam, erinnern. Dabei wurde die Basis für ein zukunftsfähiges Handwerk gelegt, alte Gewohnheiten mussten einem neuen
Verständnis von Architektur und Konstruktion weichen, auch wurden allzu theoretische Ideen zurechtgestutzt. Dabei sind ab und zu die Fetzen geflogen, aber beide Parteien haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht. Dasselbe passierte auch anderswo, möglich gemacht durch die Überschaubarkeit des Landes.
Homogenes Architekturverständnis Daneben war meines Erachtens die „Geschlossenheit“ der Architekten in dieser Zeit entscheidend für die Kommunikation eines modernen Architekturverständnisses. Über die Zentralvereinigung der Architekten haben wir in den monatlichen Stammtischen viel von den Pionieren der „Vorarlberger Bauschule“ erfahren, und es waren für uns damals „Jungen“ Weiterbildungsveranstaltungen, manchmal bis tief in die Nacht hinein. Zumindest am übernächsten Morgen hat man das neu Gelernte in die eigene Arbeit eingewoben. Das Wichtigste war aber, dass ein homogenes Architekturverständnis entstand und die Architekten nicht auseinanderdividiert werden konnten und es so geschafft haben, auch die Baupolitik zu beeinflussen. Es gibt wahrscheinlich kein Land, in dem gerade die Gemein-
den das Thema Architektur so ernst nehmen. Das öffentliche Bauen ist absolut vorbildlich im Sinne der Architekturqualität und Nachhaltigkeit, Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt nirgends so viele Gestaltungsbeiräte. Und wenn auch manchmal Kritik aufkommt, meist von den Populisten, dann haben diese Gremien einen entscheidenden Beitrag geleistet, dass unsere Dörfer und Städte schöner werden und international Aufmerksamkeit erregen.
Junge Architekturszene Auch ist es äußerst erfreulich, dass heute eine wirklich gut ausgebildete und engagierte junge Architektenszene bereits etabliert ist. Das Feuer wird weitergetragen, man verschwendet keine Zeit zur Anbetung der Asche. Vorarlberger Architektur ist keine Modeerscheinung, sondern zu einer Bewegung geworden. Das unterscheidet sie von vielen anderen Regionen. Diese Bewegung wird unterstützt durch das Handwerk, das bis heute zumindest Schritt gehalten hat, manchmal sogar sich auf der Überholspur befindet. So haben die Architekten das kleine Land Vorarlberg in der internationalen Bauszene bekannt gemacht und eine großartige Werbung für die heimischen
Betriebe betrieben. Hunderttausende Besucher sind erstaunt darüber, was Architektur in einer Gesellschaft bedeuten kann und wie sie die Ortsbilder positiv beeinflusst. Aber auch über die hervorragende Bauqualität, die dank der engagierten Handwerkerszene weltweit ganz an der Spitze steht. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachvollziehbar, dass Vorarlberger Büros und Betriebe auch international erfolgreich sind. Die Laborsituation im Land, die durch einen Qualitätswettbewerb sowohl in der Architektur- als auch Bauqualität gekennzeichnet ist, bei der sich alle, seien es Architekten oder Handwerker, sehr anstrengen müssen um zu reüssieren, ist ein Erfolgsgarant auch im internationalen Wettbewerb. Gerade im Umgang mit dem immer stärker in den Fokus des Baugeschehens kommenden nachwachsenden Rohstoff Holz hat sich in Vorarlberg ein Alleinstellungsmerkmal herauskristallisiert. Das ist ein solides Fundament, denn um nachhaltiges Bauen mit den richtigen Rohstoffen werden wir in Zukunft nicht herumkommen. EIN GASTBEITRAG VON HERMANN KAUFMANN Architekt und Professor an der TU München
Handwerk, Holz und ein homogenes Architekturverständnis gehen in Vorarlberg seit jeher Hand in Hand.
Brückenbau I Sanierungen I Ein- und Mehrfamilienhäuser | Aufstockungen I Hochhäuser I Sportstätten | Hallen I Hotels
www.holzbaukunst.at
18 100 Jahre Vorarlberg
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
100 Jahre Vorarlberg 19
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
Als die Jugend revoltierte Reinhold Bilgeri über den Aufbruch einer neuen Generation in Vorarlberg.
Zwei Ereignisse sind mir in den Sechzigern tief in die Seele gefahren – der Rock’ n’ Roll, Böll und Sartre einerseits, und andererseits die Dokumentarfilme über Auschwitz , Dachau, Mauthausen usw., die damals erstmals über die Bildschirme und Kinoleinwände flimmern durften. Beides hatte uns der Krieg gebracht. Das eine indirekt, das andere direkt. Ich war Stammhörer von amerikanischen Soldatensendern, die für uns völlig neue Gefühle in den Äther bliesen, Bluenotes , Rock und Jazz und
eine neue Lässigkeit, die sich mit dem hier ansässigen, verkrusteten Konservativismus, in dem auch noch der Nazimief saß, ganz und gar nicht vertrug und deshalb wie ein heilendes Elixier wirkte. Die Ambivalenz dieser Welten begleitet mich bis heute. Die GIs und die Tommies öffneten uns die Tore zum Westen, zur Freiheit, neuen Düften, neuen Klängen, neuen Kleidern, einem Fluchtpunkt, der Hoffnung barg und das Versprechen, den Gräueln der Vergangenheit zu widerstehen.
Lebenssehnsucht nach so viel Tod. Die Bilder: Bulldozer, die Berge von nackten Leichen in Massengräber karrten, Juden, die man im Laufschritt in die Todesgruben jagte, und Himmlers bizarres Resümee zum sechsmillionenfachen Mord: „Dies durchgehalten zu haben und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – ANSTÄNDIG geblieben zu sein, ist ein niemals geschriebenes Ruhmesblatt unserer Geschichte ...“ Die Unfassbarkeit dieser neuen „Ethik des Anstands“ hat mich nie mehr losgelassen, noch heute friert’s mich bei diesem Wort „anständig“, vor allem, wenn’s aus einer bestimmten Ecke kommt. Zwischen Apokalypse und Lebenslust Umso wütender machte mich damals die Tatsache, dass neben Ewiggestri-
gen noch immer genügend Relativierer aus der „Schwamm drüber“-Fraktion unter uns waren. Noch 1975 war mit Dr. Elmar Grabher der mächtigste Beamte im Land ein treu Ergebener („Dieses Reich, das wir dem Führer schaffen helfen“), der schließlich, bizarrerweise, für die Entnazifizierung des Landes zuständig wurde ... Diese Irritationen zwischen Apokalypse und wütender Lebenslust mussten wir erst einmal auf die Reihe kriegen, als Teenager.
Bruch in der Ideologie Kein Wunder also, dass sich in dieser religiös/politischen Gemengelage – Landeshauptmänner fühlten sich damals zuerst dem Herrgott und dann erst dem Wähler verpflichtet – eine neue Gene-
Freiheit, Freiheit, Freiheit – die äußere und dann auch die innere – der Ruf hallte euphorisch vom jungen Amerika ins alte Europa, bis hinein in ein kleines Land, das sich widerspenstig der neuen Zeit stellte.
ration aufmachte, die die Autorität der Altvorderen, deren nationalistischer Irrwitz innerhalb von 31 Jahren 90 Millionen Tote produziert hatte, nicht mehr anerkennen wollte. Ein Bruch in der Ideologie-Geschichte Vorarlbergs kündigte sich an – die JUGEND revoltierte – JUNGE Künstler, Schriftsteller, Architekten, Lehrer, Musiker, Anwälte, Journalisten, junge Unternehmer, eine bunte Speerspitze aus Intellektuellen und engagierten Haltungs-Bürgern aus allen Teilen der Zivilgesellschaft wollten sich nicht mehr bevormunden lassen von der patriarchalisch bigotten Arroganz der Vergangenheit.
nichts mehr sagen lassen wollte, aber schon gar nichts mehr. Den Älteren war es nicht zu verdenken, die Vergangenheit zum Teufel zu wünschen und sich nach Idylle zu sehnen, nach Harmonie, heiler Welt, Petticoats und anderen Nachzüglern der Invasion, nach harmlosen Freuden, nach menschenwürdigen Ordnungsformen, die nicht diktatorisch oktruiert, sondern im demokratischen Konsens verfasst wurden. Aufbauzeit, Aufbruch, Wende. Das war das Gerüst, in dem wir damals zu klettern begannen. Und überall war MUSIK. Die neue Musik, unsere Musik, die Pop-, die Rock-, die Jazzmusik, die dem Backbeat huldigte und nicht der Eins, das war der neue Lebensrhythmus. Der Marsch hatte den Wadenspanner. Dirndl und Lederhosen wirkten ideologisch angepatzt, das hatten die Nazis verschissen, Krachlederne und weiße Stutzen waren noch nicht vergessen ...
Befreiung Ich möchte ein paar atmosphärische Details dieser Zeit ins Gedächtnis rufen, denn damals wurde die Saat gelegt für den „Change“ Vorarlbergs in die „Moderne“ . Ein Theoretiker der Siebzigerjahre würde jetzt vielleicht die soziopsychologischen Determinanten des Rock’ n’ Roll aus dem Ärmel ziehen und damit die Suppe beschreiben, in der wir geschwommen sind, gegen den Strom natürlich. Aber dieser Rückblick bedarf keiner fachsprachlichen Einzäunung. Zu simpel ist die Diagnose: Freiheit, Freiheit, Freiheit – die äußere und dann auch die innere – der Ruf hallte euphorisch vom jungen Amerika ins alte Europa, bis hinein in ein kleines Land, das sich widerspenstig der neuen Zeit stellte... Alles musste befreit werden: die Frau vom Patriarchat, die Sexualität von der Hemmung, die Kinder von den Eltern, die Schulen vom Mief, die Haare vom Schnitt, die Hälse von Krawatten. Die Philosophie der Befreiung wurde über die ganze abendländische Welt gestülpt – und das war ein Heidenspaß.
Ländle-Woodstock Erinnern Sie sich noch an FLINT – unser erstes Ländle-Woodstock? Wir wollten damit ein kleines Fanal setzen für die neue Zeit, die anbrechen sollte – ein dreitägiges Happening mit Literatur, Rock, Jazz, Tanz und schlafloser Action, ein unschuldiges und legendär gewordenes Statement einer neuen Generation, die sich all die Werte zu eigen machen wollte, derer es bedarf, um diese verletzliche Pflanze zu pflegen: Demokratie! Das Festival ist längst Legende, wohl auch dem Umstand geschuldet, dass die zweite Auflage von den Behörden verboten worden war – aus „Umweltschutzgründen...“ Dieselben Behörden, denen die Umwelt so am Herzen lag, haben zwei Tage später den Berg, auf dem das Festival hätte stattfinden sollen, zur Hälfte weggesprengt, um einer Autobahntrasse Platz zu machen ...
Neugier nach allen Seiten hin Und ja, es gärte, ein bisschen zumindest, gärte es auch bei uns. Die Zeit war unschuldiger, soviel steht fest, der Blick in die Zukunft war heller, klarer, nicht so verstellt von Unwägbarkeiten wie heute, aufwärts ging’s, immer aufwärts. Die Zukunft war ein verheißungsvolles Lächeln, alle Ampeln auf Grün. Existenzangst kam in unserem Vokabular noch nicht vor. Staunen gab’s noch und Neugier, Neugier nach allen Seiten hin, nach allen Zeiten hin, auch in die Vergangenheit. Das Label auf der Kleidung spielte noch keine Rolle, Hauptsache verrückt, provokant und doch – wir waren Kinder besorgter Eltern, geliebt, nicht abgestellt und den Karrieren im Weg. Wir kamen aus warmen Nestern, fühlten uns gerüstet, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Die Generationen vor uns hatten immerhin zwei Weltkriege zu verdauen, den Kollaps der Zivilisation, und lange Zeit hatte der Kriegsstaub den Blick und die Erinnerung getrübt. Was
Fanal und Menetekel
Die Randspiele holten internationale Größen wie Friedrich Gulda (unten) nach Bregenz.
uns, wie gesagt, irritierte, waren die autoritären Drohgebärden, die schon wieder aufkeimten. Man wollte nicht so recht an Leute glauben, deren Melodie noch immer der Befehlston war, die mit Rede und Pressefreiheit überfordert waren, mit Brechtliedern ihre liebe Not hatten und auch noch für uns DENKEN wollten. Gängelungen im eigenen Land – ihr dürft den Twist
nicht tanzen, ihr dürft diesen und ihr dürft jenen Film nicht sehen. Kleine, aber bohrende Details, die das Klima anheizten. Die Jungen begannen sich immer zorniger zu wundern, dass die Älteren noch immer oder schon wieder nach den alten Reflexen funktionierten. Aus dem Trauma der vergangenen Jahrzehnte war schließlich neue, forsche Unschuld gewachsen, die sich
Der Donner dieser Sprengladungen war Fanal und Menetekel zugleich, jedenfalls war er einer der Gongschläge zur Öffnung. Und im Kielwasser dieser Öffnung formierten sich längst auch weitsichtige Politiker und kreative Unternehmer, denen schnell klar wurde, dass ein gesunder Internationalismus eine steife Brise generieren könnte, die ihre Segel rascher bläht als der Blick zurück. Und so raste man mit Volldampf in die Achtziger – gesegnete Generationen, die sich an den langen Frieden gewöhnen und vom geeinten Europa träumen durften. Da gäb’s noch viel zu berichten, aber wie mein Kumpel Falco (selig) konstatierte: „Wer sich noch an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht erlebt.“ EIN GASTBEITRAG VON REINHOLD BILGERI Ist Sänger, Autor und Regisseur.
20 100 Jahre Vorarlberg
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
Die Erfolgsgeschichte des Vorarlberger Tourismus
Bertram Jäger (89): Der ÖVP-Politiker war von 1969 bis 1987 Präsident der Vorarlberger Arbeiterkammer.
Eckart Witzigmann (77): Der Hohenemser erhielt 1994 den Titel „Koch des Jahrhunderts“ und erkochte sich drei „Michelin“-Sterne.
Rudolf Wacker (1893-1939): Wacker, Vertreter der Neuen Sachlichkeit, zählt zu den bedeutendsten österreichischen Künstlern.
Arno Geiger (50): Der Autor ist Träger des ersten deutschen Buchpreises 2005. 2018 erhielt er den Joseph-Breitbach-Preis.
Eva Cavalli (59): Die Miss Austria (1977), Miss Europa und Ehefrau des Designers Roberto Cavalli wurde auch Vize-Miss-Universe.
Gottfried Bechtold (71): International anerkannt, gehört er zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten in Österreich.
Anita Wachter (51): Eine der erfolgreichsten Skirennläuferinnen. Olympiasieg 1988 in der Kombination und Gesamtweltcup-Sieg 1992/93.
Benedikt Bilgeri (1906-1933): Der Lehrer und Historiker ist Verfasser der fünfbändigen „Geschichte Vorarlbergs“.
Luis Drexel (94): Der Unternehmer hat mit seinen Brüdern Hans und Herbert Spar Vorarlberg aufgebaut.
Hannes Schneider (1890-1955): Der Skipionier aus Stuben am Arlberg gilt als Begründer des modernen Skilaufs.
Alwin Lehner (1932-2018): Der Industriepionier gründete 1955 das weltweit erfolgreiche Unternehmen Alpla.
Toni Innauer (60): Toni Innauer war erfolgreicher Skispringer und -trainer sowie ÖSVSportdirektor. 1980 war er Olympiasieger.
Geprägt von Pioniergeist, entwickelte sich Vorarlberg zu einem Tourismusmagneten. Die Geschichte des Vorarlberger Tourismus kann als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich Vorarlberg von einem überwiegend agrarischen und industriell geprägten Land zu einer bedeutenden Fremdenverkehrsregion. Mit dem Aufbruch des städtischen Bürgertums in die sogenannte Sommerfrische und der Wahrnehmung der alpinen Bergwelt als faszinierendes Erlebnis, wurde Vorarlberg gegen Ende des 19. Jahrhunderts allmählich zur touristischen Destination. Voraussetzung für diese Entwicklung war neben den vielfältigen landwirtschaftlichen Reizen und der günstigen Lage der Ausbau der Infrastruktur. 1872 wurde die Vorarlbergbahn auf der Strecke Bludenz-Lindau eröffnet. Mit dem Anschluss der Arlbergbahn an das nationale und internationale Bahnnetz im Jahr 1884 und der Errichtung der Bodenseedampfschifffahrt im selben Jahr wurden auch Bergtäler für den aufstrebenden Fremdenverkehr leichter zugänglich gemacht.
Strukturwandel Bis in die 1920er-Jahre existierte in Vorarlberg praktisch nur der Sommertourismus. Urlaub zu machen war ein Privileg des Adels und des gehobenen Bürgertums. Erst in der Zwischenkriegszeit erfolgte ein tiefgreifender Strukturwandel, als sich der Skilauf zum Volkssport entwickelte. Einen Einbruch für den Vorarlberger Tourismus bedeutete die Verhängung der 1000-Mark-Sperre ab Juni 1933. Während des Zweiten Weltkrieges kam der Fremdenverkehr zum Erliegen. Nach 1945 entwickelte sich die Branche erst zögerlich, von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre nahm die Tourismus-
zehnten errichtete man in allen Tourismusregionen des Landes Ski- und Sessellifte und Kabinenbahnen. Heute verfügt Vorarlberg über 300 Liftanlagen.
Frühe Tourismusorte
Der alpine Skilauf, hier am Arlberg, trug zum wirtschaftlichen Aufschwung bei.
wirtschaft in Vorarlberg dann einen stürmischen Aufschwung, der bis heute anhaltend ist.
Wintersportland Vorarlberg kann als Wintersportland auf eine lange Geschichte zurückblicken. Mit seinen Skiversuchen im Jahr 1887 läutete der Bregenzer Viktor Sohm das Zeitalter des Skilaufs ein. Während die zweite Phase des 18. Jahrhunderts als Phase der „Bergpioniere“ gesehen werden kann, darunter der bekannte Alpinist John Sholto Douglass, nach dem die erste Alpenvereinshütte Österreichs benannt wurde, begann um 1900 die touristische Erschließung der Bergwelt Vorarlbergs. Eine Vorreiterrolle übernahm Vorarlberg bei der Errich-
tung von Liften und Seilbahnen. Im Jahr 1907 entstand die erste mechanische Aufstiegshilfe der Donaumonarchie auf Lank am Bödele, wo man sich mit einem Schlitten ziehen lassen konnte. Diese zählt zu den ältesten öffentlich zugänglichen Skiliften Europas und kann als Vorläufer moderner SkiliftAnlagen betrachtet werden. 20 Jahre später, 1937, folgte der erste Schlepplift Österreichs in Zürs, der in Kooperation mit Emil Doppelmayr gebaut wurde. Der erste Sessellift des Landes ging zehn Jahre später, 1947, in Tschagguns in Betrieb. Eine technische Innovation wurde 1972 im Mellau in Betrieb genommen: Die erste Einseilumlaufbahn mit vierplätzigen Kabinen, ausgestattet mit Skiköchern. In den letzten Jahr-
Die frühen Wintersportzentren bildeten Gargellen, die Bazora in Frastanz und das Bödele in Dornbirn. Auch die Arlbergregion entwickelte sich bald zu einem der bedeutendsten Wintersportorte der Welt. Skipionier Hannes Schneider trug als Begründer der „Arlberg-Technik“ und der berühmten „Arlberg-Skischule“ (ab 1907) maßgeblich dazu bei. Auch andere Gebirgsregionen wie Damüls oder Gaschurn entwickelten sich mit der Zeit zu Wintersportorten. Um die rasch aufstrebende Branche zu fördern, wurden früh Werbemaßnahmen ergriffen. Prospekte, Plakate und Zeitungsannoncen und 1922 die Gründung des „Vorarlberger Reisebüros“ gaben dem Vorarlberger Tourismus neue Impulse.
Erfolgsgeschichte Anfang der 1980er-Jahre übertrafen die Winterübernachtungen erstmals jene des Sommers. In den letzten Jahren ergab sich meist ein relativ ausgewogenes Verhältnis zwischen Sommer- und Wintersport, häufig aber verbuchte man im Wintertourismus etwas mehr Nächtigungen. Heute trägt die Vorarlberger Tourismuswirtschaft einen wesentlichen Teil zur Wertschöpfung des Landes bei. In der Wintersaison 2017/2018 wurden 1,25 Millionen Gästeankünfte verzeichnet, der höchste je erzielte Wert.
Prägende Vorarlberger der vergangenen 100 Jahre Franz Greiter (1919-1985): Der Chemiker erfand 1946 mit der Gletschercreme „Piz Buin“ eine der ersten Sonnencremen der Welt.
Eugen Ruß (1877-1962): Eugen Ruß, Gründer der VN, legte den Grundstein für den heutigen Erfolg von Russmedia.
PATRIZIA GUNZ & MIRIJAM HALLER patrizia.gunz@vn.at / 05572 501-314 mirijam.haller@vn.at / 05572 501-238
Ob Erfinder, Künstler, Schriftsteller, Politiker, Mode-Ikone oder Ausnahmesportler: Vorarlberg hat zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht. Wir präsentieren eine Auswahl von bemerkenswerten Vorarlbergern, die nicht nur in den letzten 100 Jahren Geschichte geschrieben haben, sondern auch heute noch prägend für das Land sind.
Erwin Kräutler (79): Bischof Erwin Kräutler, Träger des alternativen Nobelpreises, setzt sich seit Jahrzehnten für die Amazonas-Indianer ein.
Julius Blum: (1924-2006): Julius Blum aus Höchst gründete 1952 die Julius Blum GmbH, das größte Unternehmen im ganzen Land.
Lorenz Böhler (1885-1973): Lorenz Böhler aus Wolfurt gilt als Wegbereiter der modernen Unfallchirurgie.
Günter Rhomberg (80): Günter Rhomberg gilt als Festspiel-Ikone. 31 Jahre lang war er als Leiter der Bregenzer Festspiele tätig.
Marc Girardelli (55): Der Lustenauer ist 5-facher-Gesamtweltcupsieger und gewann elf Medaillen bei Ski-Weltmeisterschaften.
Georg Sporschill (72): Der Dr. ToniRuss-Preis-Träger nimmt sich verwahrloster Straßenkinder in Bukarest an.
Ernst Fehr (62): Der Harder Professor (ETH Zürich) gilt als Pionier der Verhaltensökonomie und als Wirtschaftsnobelpreis-Favorit.
Hans Weingartner (47): Der Filmemacher und Autor überzeugte mit dem Spielfilm „Die fetten Jahre sind vorbei“. Kultstatus!
Hermann Gmeiner (1919-1986): Ein Zuhause für Kinder in Not zu schaffen war seine Vision: So gründete er das SOS-Kinderdorf.
Stefan Sagmeister (56): Der international renommierte Grafikdesigner gewann bereits zwei Grammys für Albumdesigns.
Der weltbekannte Schriftsteller Ernest Hemingway verbrachte die Winter 1925 und 1926 im Montafon.
Im Jahr 1937 wurde am Übungshang in Zürs der erste Schlepplift Österreichs gebaut. Die neue technische Errungenschaft überzeugte die Skiläufer sofort. Das Kunstprojekt „Horizon Field“ von Antony Gromley von 2010 bis 2012 in Vorarlberg sorgte für internationale Berichterstattung.
22 100 Jahre Vorarlberg
Samstag/Sonntag, 3./4. November 2018 Vorarlberger Nachrichten
Zentrale Kaderschmiede und Forschungseinrichtung in Vorarlberg Im Jahr 1994 startete die FH Vorarlberg den ersten Fachhochschulstudiengang in Österreich. Seitdem haben über 5.100 Studierende einen Studienabschluss an der FH Vorarlberg erworben. Das Wissen und Können dieser AbsolventInnen trägt seit über 20 Jahren zum Erfolg unserer Wirtschaft und Gesellschaft bei.
1.412 Studierende in: Wirtschaft Technik
Gestaltung Soziales & Gesundheit
Die Vorarlberger Landeskrankenhäuser Die Gesundheit ist unser ureigenster Unternehmensauftrag - für unsere PatientInnen und für unsere MitarbeiterInnen. In den fünf Landeskrankenhäusern kümmern sich 4.000 MitarbeiterInnen um rund 450.000
12 Bachelor Programme 10 Master Programme
PatientInnen pro Jahr. Sie machen unsere Institutionen zu Orten, an denen Hilfe im Mittelpunkt steht. Wir bedanken uns für das Vertrauen und verpflichten uns auch weiterhin einer hochqualitativen Gesundheitsversorgung in Vorarlberg.
6 Forschungszentren 1 Josef Ressel Zentrum
Einsetzende Technisierung stellte das bäuerliche Leben auf den Kopf: Zum einen verschwanden Bauernhöfe, weil sie nicht mehr mithalten konnten, zum anderen taten sich neue Absatzmärkte auf.
„Wir waren früher Selbstversorger“ 100 Jahre Landwirtschaft in Vorarlberg: Ein Sittenbild von Gesellschaft und Wirtschaft.
Gebhard Halder (76) ist nach seiner Pensionierung als Landtagspräsident im Jahre 2009 zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Er arbeitet als Landwirt, hilft seinem Sohn bei der Bewirtschaftung jenes Hofes, der schon 300 Jahre im Besitz der Familie ist. Der ehemalige Landwirtschaftskammerpräsident (1981 bis 1999) kennt sich aus mit Landwirtschaft. Er weiß, wie sich die Arbeit der Bauern im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, auch wie sich die Stellung der Landwirte in der Gesellschaft wandelte.
Die bäuerliche Großfamilie „Wenn wir die Situation von vor 100 Jahren betrachten, so hat sich diese bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wenig geändert.“ Aber wie war das damals mit den Bauern? „Es waren Großfamilien, die gemeinsam auf dem Hof lebten. Wir waren Selbstversorger und lebten von den Erträgen, die uns Einzelpersonen durch die Abnahme von Produkten einbrachten.“ Rund 10.000 bäuerliche Betriebe habe es kurz nach dem Krieg noch gegeben. „Heute sind es noch circa 2500“, sagt Halder. Gewirtschaftet wurde bis kurz nach dem Krieg noch weitestgehend händisch. „Das betraf die Arbeiten auf dem Acker wie auch im Stall“, beschreibt der ehemalige Landwirtschaftskammerpräsident den bäuerlichen Arbeitsalltag.
wir gerade sehr viele Kirschen hatten, die wir dort verkaufen konnten“, erinnert sich Halder. Eine zusätzliche Einnahmequelle hatte man am HalderHof durch das Brennholz. „Ich weiß noch, wie ich Buscheln auf den Dachboden schleppen musste.“
Wichtige Förderungen Große Ereignisse am Halderhof gehen auf die Jahre 1955 und 1960 zurück. „1955 bekamen wir den ersten Traktor, 1960 die erste Melkmaschine. Im Vergleich zu den heutigen Maschinen waren das freilich Spielzeuge“, schmunzelt Halder. Er selber fuhr wenig später 13 Jahre lang die Milch des väterlichen Hofes und anderer Höfe nach Bregenz zur Molkerei. Die Landwirtschaft heute sieht Halder gut aufgestellt. „Durch öffentliche Mittel ist vor allem die Bewirtschaftung von Berggebieten möglich. Die Subventionen erfuhren durch den EU-Beitritt einen kräftigen Anschub. Auch der Tourismus hat erkannt, wie wichtig bewirtschaftete Bergregionen sind und dass eine intakte Landwirtschaft gerade dort ein wertvolles Kapital darstellt.“
Halders Appell an alle Verantwortlichen bezieht sich auf künftige Anstrengungen, die Produktions- und Arbeitsgrundlagen der Landwirtschaft zu erhalten. „Die Landwirtschaft ist kein Selbstläufer, den es einfach so weitergeben wird. Das muss allen bewusst sein.“ So gelte es, Boden für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung auch in Zukunft zu sichern. „Der Grund wird nicht mehr, es muss künftig mehr verdichtet gebaut werden, um Flächen zu sichern.“
Bauernbub nicht erkennbar Hand in Hand mit den wirtschaftlichen Entwicklungen in der heimischen Landwirtschaft gingen die gesellschaftlichen Veränderungen des Bauernstandes. Die bäuerliche Großfamilie gehört
weitestgehend der Vergangenheit an, die Zahl der landwirtschaftlich tätigen Menschen und die damit einhergehende Bedeutung in der Gesellschaft ist geschwunden. „Früher hat der Bauernstand noch eine große Bevölkerungsschicht vertreten. Das ist vorbei“, hält Halder nüchtern fest und sieht darin auch Vorteile für die Bauern. „Je weniger Landwirte es heute gibt, desto wichtiger sind sie. Und es ist auch nicht mehr so, dass Bauern innerhalb der Gesellschaft isoliert sind. Den Bauernbuben in einer Schulklasse wird man heute nicht mehr alleine durchs Aussehen wahrnehmen.“
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Die bäuerliche Großfamilie, wie hier die Familie Meusburger aus Bizau aus dem Jahr 1950, gehört der Vergangenheit an.
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Gebhard Halder ist Landwirt und war von 2004 bis 2009 Landtagspräsident.
Das Bauernleben war von harter körperlicher Arbeit geprägt.
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Als die Maschinen kamen Auf den Kopf gestellt wurde das bäuerliche Schaffen durch die einsetzende Technisierung. „Die brachte Veränderungen, wie es sie in den Jahrzehnten zuvor nicht gegeben hatte“, analysiert Gebhard Halder. Die Folge: Viele Bauernhöfe verschwanden, weil sie mit jenen nicht mehr mithalten konnten, welche Maschinen zum Einsatz brachten. Gleichzeitig stiegen die Absatzmöglichkeiten. Milch wurde von zentralen Stellen abgenommen, Märkte gewannen an Bedeutung. „Ich kann mich erinnern, dass wir früher nur anlassbezogen auf dem Markt in Bregenz vertreten waren. Zum Beispiel, wenn
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