EINE THEMENZEITUNG VON MEDIAPLANET
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FASZINATION KÖRPER Wie ZEISS ClearMind extrem klares Sehen unterstützt FOTO : CA R L Z EI S S V I S I O N
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Théodora Rudolph, MA Project Manager Mediaplanet GmbH
IN DIESER AUSGABE FOTO : S M I T H -A RT
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«Ich bin nicht meine Narben und doch gehören sie zu mir.» Mafalda Da Silva Baptista im Interview
Neugier holt uns aus der Krise Dr. Martin Inderbitzin im Interview
Project Manager: Théodora Rudolph, MA Business Developer: Julia Stempfer, MA Lektorat: Joseph Lammertz Grafik und Layout: Juraj Príkopa Managing Director: Bob Roemké Fotocredits: wenn nicht anders angegeben bei Shutterstock Medieninhaber: Mediaplanet GmbH, Bösendorferstraße 4/23 · 1010 Wien · ATU 4759844 · FN 322799f FG Wien Impressum: mediaplanet.com/at/impressum/ Distribution: Medienart Annabelle AG Druck: AVD GOLDACH AG Kontakt bei Mediaplanet: Tel.: +43 676847785227 E-Mail: hello-austria@mediaplanet.com
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Liebe Leserinnen, liebe Leser, meist nehmen wir unseren Körper als selbstverständlich wahr – bis eine Diagnose oder eine äussere Veränderung plötzlich vieles infrage stellt. Dann kann auch das Vertrauen in den eigenen Körper ins Wanken geraten. Wie finden wir zurück zu einem positiven Körpergefühl? Was hilft uns dabei, unseren Körper anzunehmen, Signale ernst zu nehmen und ihm wieder zu vertrauen? Diesen Fragen widmet sich die aktuelle Ausgabe von «Faszination Körper». Im Mittelpunkt stehen Menschen, die nach einer Erkrankung, Diagnose oder sichtbaren Veränderung einen neuen Zugang zu ihrem Körper gefunden haben. Ihre Geschichten zeigen, wie individuell dieser Weg ist – und dass Vertrauen nicht bedeutet, dass immer alles einfach sein muss. Es kann auch heissen, Grenzen anzunehmen, Veränderungen zuzulassen und langsam ein neues Körpergefühl zu entwickeln. Dabei geht es auch um das Vertrauen in Wissen, Forschung und Medizin. Neue Technologien und Therapien eröffnen Ansätze, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren. Gleichzeitig bleibt entscheidend, dass
Patient:innen ihre Erkrankung verstehen, Fragen stellen können und mit ihren Bedürfnissen gesehen und ernst genommen werden. Unter dem Motto «Sicht verändern» möchten wir deshalb auch den Blick auf gesellschaftliche Vorstellungen von Krankheit, Gesundheit und Aussehen lenken. Narben, Hautveränderungen, chronische Erkrankungen oder körperliche Einschränkungen gehören zur Lebensrealität vieler. Sie sollten nicht darüber entscheiden, wie wir wahrgenommen werden – oder wir uns selbst wahrnehmen. Das ist ein wichtiger Schritt zu mehr Vertrauen: den Körper nicht nur danach zu beurteilen, was er leisten oder wie er aussehen soll, sondern ihn als Teil unserer Geschichte anzunehmen. Lassen Sie sich von den Geschichten dieser Ausgabe dazu inspirieren, neue Sichtweisen zu entdecken, Wissen zu gewinnen und den Blick auf den menschlichen Körper ein Stück zu verändern. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre! Ihre Redaktion
MEDIAPLANET | 3 INTERVIEW
«Morbus Bechterew ist nur eine Diagnose, kein Schicksal»
Patrick, wie kam es zu deiner axSpA-Diagnose? Ich hatte damals gerade meinen einjährigen Militärdienst absolviert – alles problemlos. Danach spielte ich viel Fussball und spürte plötzlich starke Schmerzen, vom Rücken bis ins Bein. Ich dachte an eine Zerrung und schonte mich. Doch ohne Bewegung wurden die Schmerzen schlimmer. Zum Glück vermutete mein Arzt rasch Morbus Bechterew, was auch die Untersuchungen bestätigten.
FOTO S : Z VG
Das sagte sich Patrick Grossenbacher, als er 2013 die Diagnose axiale Spondyloarthritis (axSpA; Morbus Bechterew) erhielt. Zehn Jahre später schwamm, fuhr und lief er den Triathlon «Elbaman» auf der italienischen Insel Elba. Wie Bewegung ihm bis heute hilft, seine chronische Krankheit zu bewältigen, berichtet der 33-Jährige im Interview. ich gelernt, mit Schmerzen umzugehen und sie besser zu tolerieren. Der Schmerz durch Sport ist mir dabei allemal lieber als jener, mit dem sich die Krankheit meldet.
Wie bist du zum Triathlon gekommen?
Vor der Diagnose war ich Mannschaftssportler. Danach probierte ich vieles aus: Was geht noch, wo liegen meine Grenzen? Bei starken Schmerzen tat Schwimmen gut, an besseren Tagen fuhr ich Rad. Joggen ging nur, wenn ich Morbus Bechterew bedeunahezu schmerzfrei war. Schwimmen, Radfahren, Laufen – die drei tet Entzündungen, drohende Disziplinen des Triathlons. Versteifung der Wirbelsäule, Mit 29 meldete ich mich ohne Schmerzen. Wie hast du die grosse Vorbereitung zu einem Diagnose aufgenommen? Mir war klar, dass ich nichts daran ersten lokalen Rennen an – und ändern konnte. Ich akzeptierte die gewann. Und das, obwohl ich am Diagnose. Als mir gesagt wurde, Wochenende zuvor noch einen dass ich wegen dieser chroniSchub erlebt hatte. Mir wurde schen Erkrankung auch im Rollklar: Wenn ich im Ziel ankomme, stuhl landen könnte, weckte das möchte ich meiner Frau einen Heimeinen Kampfgeist. Ich schaute ratsantrag machen. Sie war immer nach vorn, wollte das Beste daraus an meiner Seite, bei allen Ups und machen. Denn am Ende ist auch Downs. Ein Jahr später trat ich der Morbus Bechterew nur eine beim «Elbaman 2023» an. Diagnose und kein Schicksal.
Warum Elba?
Welche Rolle spielt Bewegung im Als Kind war ich mit meinen Eltern dort und feuerte die IronAlltag mit Morbus Bechterew? Typisch für Morbus Bechterew ist, dass Bewegung die Schmerzen lindert. Ich habe mich schon immer gerne bewegt, vor allem in der Natur. Durch die Diagnose habe
man-Läufer vom Strassenrand an. Als ich dann selbst am Start war, wurde mir so richtig bewusst, welcher Weg hinter mir lag. Dieses gute Gefühl trug mich ins Ziel.
Was würdest du jemandem sagen, der gerade die Diagnose bekommen hat und nicht weiss, wie ein Leben damit aussehen soll? Bleib positiv. Der menschliche Verstand ist adaptiv und passt sich an veränderte Bedingungen an. Man muss keinen Ironman absolvieren – wichtig ist, eine Bewegungsart zu finden, die Spass macht und persönlich passt. Routine ist dabei entscheidend. Ich gehe heute zwei- bis dreimal täglich spazieren und trainiere dreimal pro Woche im Fitnessstudio, vor allem Kraft. Bewegung ist meine Therapie, eine andere brauche ich nicht.
Was ist Morbus Bechterew bzw. axSpA?
Morbus Bechterew (axSpA) ist eine chronisch-rheumatische Erkrankung, die meist zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr beginnt. Rund 80'000 Menschen in der Schweiz sind betroffen, viele ohne Diagnose. Entzündungen betreffen vor allem das KreuzbeinDarmbein-Gelenk und die Wirbelsäule. Typisch sind tiefsitzende Rückenschmerzen, häufig nachts oder frühmorgens, sowie Steifigkeit. AxSpA umfasst auch mildere Krankheitsformen sowie Frühformen.
Früh erkennen und behandeln
Eine frühe Diagnose und Therapie sind wichtig, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und die Lebensqualität langfristig zu erhalten. Bei länger anhaltenden entzündlichen Rückenschmerzen bietet der kostenlose Diagnosetest der SVMB eine erste Orientierung. Die SVMB informiert, berät und vernetzt Betroffene. bechterew.ch/diagnosetest
4 | Lesen Sie mehr unter dergesundheitsratgeber.ch INTERVIEW
Darmgesundheit startet bei der richtigen Proteinzufuhr Gesundheit beginnt nicht erst bei Bewegung und Regeneration, sondern auch auf dem Teller. Im Interview erklärt der Ernährungswissenschaftler Dr. sc. nat. ETH Paolo Colombani, worauf es bei einer ausgewogenen Ernährung ankommt und wann Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein können. FOTO : Z VG
Dr. sc. nat. ETH Paolo Colombani Ernährungswissenschaftler
Wie viel Gesundheit hängt von der Ernährung wirklich ab? Und welche Nährstoffe dürfen auf keinem Teller fehlen? Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab. An erster Stelle steht die körperliche Bewegung, gefolgt von anderen Aspekten wie zum Beispiel Nichtrauchen, Ernährung und Schlaf. Der Anteil der Ernährung dürfte etwa 20 Prozent betragen. Nicht jeder Teller muss alle Nährstoffe enthalten. Einige, etwa Proteine, sollten täglich in ausreichender Menge aufgenommen werden. Andere können über mehrere Tage ausgeglichen werden, zum Beispiel Mineralstoffe. Wer sich grundsätzlich
mediterran ernährt, muss aber nicht jeden Teller analysieren: Wenig verarbeitete Lebensmittel, eine grosse Vielfalt an pflanzlichen Produkten, einschliesslich Olivenöl, und ergänzend nicht zu wenige tierische Lebensmittel – eine solche Ernährung geht mit einem geringeren Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen einher.
im Vordergrund, welche Zufuhr einen optimalen Stoffwechsel und langfristige Gesundheit unterstützt – das sind zwei unterschiedliche Ziele. Dennoch wird die empfohlene Mindestzufuhr häufig fälschlicherweise als Idealwert verstanden. Ein weiterer Denkfehler besteht darin, Proteine nur mit Muskeln, Sport und Alter zu verbinden. Sie Sie forschen seit Jahrzehnten sind für die Funktion aller Organe und des Immunsystems wesentzu Proteinen und sagen, dass lich. Eine dauerhaft suboptimale die meisten von uns zu wenig Versorgung begünstigt im Alter davon essen. Woran liegt das? Die aktuelle Proteinempfehlung den Abbau von Muskelmasse, beruht auf einem Konzept aus schränkt die Bewegungsfähigkeit einer Zeit, in der es primär darum ein und erhöht das Risiko für ging, einen Mangel zu verhindern. chronische Erkrankungen und Heute steht dagegen die Frage vorzeitige Sterblichkeit.
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Worin liegt der Unterschied zwischen Proteinminimum und Proteinoptimum? Die heutige Mindestzufuhr von 0,83 Gramm Protein pro Kilogramm und Tag ist zu niedrig und hat wenig mit der Zufuhr für optimale Gesundheit und beschwerdefreies Älterwerden zu tun. Die Forschung der letzten 30 Jahre deutet auf ein neues Minimum von 1,2 Gramm und einen Zielkorridor von 1,2 bis 1,6 Gramm hin. Mengen zwischen 1,6 und etwa 2,0 Gramm sind vermutlich Finetuning. Bei einer Gewichtsabnahme können bis zu 2,5 Gramm vorteilhaft sein. Für eine Person mit 70 Kilogramm Körpergewicht entspricht der Zielkorridor 84 bis 112 Gramm täglich.
Ballaststoffe galten lange als reine Verdauungshelfer. Welche Rolle spielen sie tatsächlich für die Gesundheit, und wie viel braucht man davon? Nahrungsfasern, also Ballaststoffe, dienen auch den Mikroorganismen im Darm als Nahrung – gewissermassen «unseren anderen Haustieren». Gut gefüttert, bilden sie unter anderem kurzkettige Fettsäuren, die für Darm, Stoffwechsel und Gesundheit relevant sind. Mit sinkender Nahrungsfaserzufuhr steigt das Risiko für verschiedene Erkrankungen,
darunter Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für Erwachsene gelten rund 30 Gramm täglich als Ziel. In der Schweiz erreichen fast 90 Prozent diese Menge nicht. Eine abwechslungsreiche Ernährung könnte genug Nahrungsfasern liefern; viele setzen diesen «Plan A» jedoch nicht um. Dann kommt «Plan B» infrage: eine möglichst vielfältige und nicht zu hoch dosierte Nahrungsergänzung.
Ist Ballaststoff gleich Ballaststoff? Zu den Nahrungsfasern zählen unterschiedlich aufgebaute Stoffe mit vielfältigen Wirkungen. Manche beeinflussen vor allem die Stuhlkonsistenz, andere dienen der Mikrobiota als Nahrung. Eine einzelne Nahrungsfaser ist besser als keine; besser ist aber eine vielfältige Auswahl aus Lebensmitteln oder einer entsprechend zusammengesetzten Ergänzung.
Wann sind Supplemente ratsam, um die empfohlene Tagesmenge zu erreichen? Supplemente sind sinnvoll, wenn Plan A eine Utopie bleibt – wie bei vielen Erwachsenen. Neben Nahrungsfasern werden in der Schweiz auch die empfohlenen Mengen verschiedener Vitamine und Mineralstoffe oft nicht erreicht.
Bei der Wahl eines Produkts ist die Qualität entscheidend, denn nicht immer enthält ein Supplement tatsächlich das, was auf der Packung steht. Die allgemeine Empfehlung lautet deshalb, möglichst Produkte etablierter Schweizer Anbieter mit nachgewiesener Qualitätskontrolle zu verwenden. Diese Empfehlung gilt auch im Schweizer Spitzensport.
Was ist Ihre Botschaft an Menschen, die etwas für ihre Darmgesundheit tun möchten? Gewöhnen wir uns an den Gedanken, dass wir alle «andere Haustiere» haben – und auch diese möglichst gut füttern müssen. Funktioniert dies mit Plan A, einer vielfältigen Ernährung, nicht ausreichend, ist Plan B eine Überlegung wert.
PROTEINE – VON MINDESTZUFUHR ZUM OPTIMUM Die offizielle Empfehlung von 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht stammt aus einer Zeit, in der es darum ging, Mangelzustände zu vermeiden – nicht Gesundheit zu optimieren. Colombani zeigt, warum das Optimum deutlich höher liegt und was Proteinqualität dabei wirklich bedeutet. Erhältlich unter colombani.ch
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6 | Lesen Sie mehr unter dergesundheitsratgeber.ch COVERSTORY FOTO : LU Z PA LO K A J
«Ich bin nicht meine Narben – und doch gehören sie zu mir» Das sagt Mafalda Da Silva Baptista (25). Mit sieben Jahren wachte sie mitten in Flammen auf. Im Haus ihrer Eltern in Portugal war am Morgen eine Gasleitung explodiert. Das Feuer verbrannte Mafaldas Haut von Kopf bis Fuss schwer und verletzte auch ihre Atemwege. Im Interview berichtet sie davon, wie es ihr gelang, sich in ihrer von Narben übersäten Haut wohlzufühlen. Mafalda, dein Leben teilt sich in die Zeit vor dem Feuer und die danach. Was weisst du noch von dem Kind, das du vorher warst, und wie veränderte das Feuer dieses Mädchen? Ich war glücklich und umgeben von Liebe. Ich hatte viele Hobbys: Reiten, Trompete spielen. Doch ich war sehr schüchtern, ertrug es kaum, wenn ich angeschaut wurde. Das Feuer veränderte alles. Mich verbrannte es so sehr, dass
ich sofort für zwei Wochen in ein künstliches Koma gelegt wurde. Ich hörte in dieser Zeit jedes Geräusch und jede Stimme, spürte jede Berührung – und konnte nicht reagieren. Ich war gefangen in meinem Körper. Als ich aufwachte, spiegelte ich mich im Fenster meines Krankenzimmers. Mein Gesicht war noch verbunden, und das bisschen Haut, das ich sehen konnte, eiterte. Doch ich war eine Siebenjährige! Ich ahnte nicht, dass meine
unbeschwerte Kindheit vorbei war. Meine Familie war bei mir, ich dachte, dass es wieder heilen und alles gut werden würde.
Immer wieder im Spital, 30 Operationen insgesamt, Verbandswechsel unter Narkose wegen der Schmerzen – und dann die Rückkehr in den Alltag. Wie war das für dich? An meinen ersten Schultag erinnere ich mich noch sehr gut. Meine Schule hatte alle Eltern
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in einem Brief über den Unfall informiert und sie gebeten, ihre Kinder darüber aufzuklären. Das war ein Segen. Und so traf ich auf Mitschüler:innen, die sich einfach nur freuten, dass ich wieder da war. Meine Challenge begann nach der Schule: Über Jahre wurde ich nachmittags therapiert. Die langen Tage zermürbten mich. Erschwerend kam hinzu, dass ich nach dem Koma und den vielen Narkosen an einer starken Fatigue litt. Ich war zwar raus aus dem Spital und wieder daheim, doch ich war nicht in mein normales Leben zurückgekehrt. Und dann trennten sich meine Eltern. Das war der Tiefpunkt. Meine Mutter wollte aus dem Dorf weg, in dem ich aufgewachsen war. Schweren Herzens verliess ich mein Zuhause und die Menschen, die mich mit meinen Narben akzeptiert hatten.
In der Schule in Zürich wurdest du wegen deiner Narben gemobbt – die Kinder nannten dich «verbranntes Huhn». Wie hast du das ausgehalten? Es war schlimm – und wurde schlimmer. Das Feuer hatte mich schneller erwachsen werden lassen, Gleichaltrige kamen mir oft kindisch vor. Also sass ich meist allein auf meinem Bänkli auf dem Schulhof – und wurde zur Zielscheibe. Zuerst kamen Schimpfworte. Ich nahm sie schweigend hin. Dann platzte es eines Tages aus mir heraus: «Halt die Fresse!», sagte ich dem Mädchen, das mich täglich geplagt hatte. Das machte sie noch wütender: Sie bespuckte und schubste mich. Doch ich hatte nicht den Mut, jemandem davon zu erzählen. Ich zog mich in mich selbst zurück, weinte jede Nacht. Ein Jahr später, wir waren in Portugal, bat ich meine Mutter, mir ein Tagebuch zu kaufen. Dort schrieb ich rein, was mich quälte. Und ich wusste plötzlich, heute ist der Tag, wo ich diese Qual beende. Ich schrieb einen Abschiedsbrief. Doch meine Tränen verwischten das Geschriebene ständig. Ich konnte mich nicht einmal verabschieden. Ich spürte, das war’s noch
nicht. Doch mir wurde klar, dass ich etwas unternehmen musste. Daheim vertraute ich mich meiner Psychologin an. Ein Gespräch mit meinen Eltern veränderte alles: Wir zügelten zurück ins Dorfleben, nur zwei Orte weg von meinem Heimatdorf. Von da an ging es bergauf. Heute gehe ich in Schulen und spreche mit Kindern und Jugendlichen, darunter sind immer Mobber:innen und ihre Opfer. Ich kläre auf, was Mobbing mit einem macht, und frage, was hinter dem Mobben steckt. Oft ist es eine Coping-Strategie: Statt sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, werden andere fertiggemacht.
Wann hast du aufgehört, dich zu verstecken? Und was löste diesen Moment aus? Ich war 13 oder 14. Es war Sommer. Ich trug feste Schuhe, denn meine Füsse versteckte ich grundsätzlich, da ich sie ganz schlimm anzusehen fand. Bis heute geniere ich mich, sie zu zeigen. Ich schwitzte an diesem Tag so sehr. Und plötzlich war da dieses Gefühl in mir, dass ich mich genug gequält hatte. Wir kauften mir noch am selben Tag Sandalen und ein Sommerkleid. Als ich mich darin rauswagte, erntete ich natürlich neugierige Blicke. Doch das war nur am ersten Tag anstrengend. Ich sagte mir: Wenn ich tagsüber mal einen Menschen mit einer ungewöhnlichen
Narbe sehe, dann denke ich doch abends auch nicht mehr an ihn. Das half mir, am nächsten Tag ins Bädle zu gehen.
Was denkst du, wenn Menschen dich anstarren? Und was rätst du anderen Betroffenen wie den Verletzten der CransMontana-Katastrophe für diese Momente? Ein zweites Mal schauen ist für mich okay. Das ist eine ganz menschliche Reaktion. Wenn die Menschen mich länger ansehen, lächle ich – neun von zehn lächeln zurück. Starrt jemand, lächle ich so lange, bis sie oder er wegschaut. Zwei, drei Mal habe ich auch schon gefragt, ob wir uns kennen. Mitunter ergeben sich daraus ganz offene Gespräche.
Du hast deinen Körper als Kind fast verloren. Wie ist deine Beziehung zu ihm heute? Ich mag meinen Körper – bis auf die Füsse. (lacht) Ich habe gelernt, mich in meiner Haut wohlzufühlen. Meine Narben gehören zu mir, ich kenne mich doch kaum mit glatter Haut. Ich lebe länger mit Narben als ohne sie. Und doch bin ich nicht meine Narben. Der Brandunfall hat mir ein Geschenk gemacht: Ich betrachte die Welt mit dem Bewusstsein, dass nichts selbstverständlich ist. Und ich bin dankbar, dass mein Körper mich nicht im Stich gelassen hat.
«AUCH MIT NARBEN KANN ICH LACHEN» Vor jeder OP wurde Mafalda fotografiert, um den Heilungsfortschritt zu dokumentieren. Sie schaute dabei immer sehr ernst. Als sie einmal aufgefordert wurde zu lächeln, antwortete sie: «Auch mit Narben kann ich lachen.» Dieser Satz bedeutet Mafalda viel. Ihre Narben sind offensichtlich, auch wenn sie lacht. Doch es gibt viele Menschen, deren Narben nicht zu sehen sind, wenn sie lachen, weil sie nicht äusserlich, sondern innerlich sind. Und darum geht es Mafalda: hinzuschauen. Sie sagt: «Äussere Narben bekommen viel Aufmerksamkeit, innere brauchen diese aber auch.» Mafalda hat ihre Geschichte als Taschenbuch am 22. September 2025 im Eigenverlag herausgebracht und vertreibt es über Amazon. ISBN-10: 3033115071 ISBN-13: 978-3033115071
8 | Lesen Sie mehr unter dergesundheitsratgeber.ch INSIGHT
Nach Krebserkrankung zurück ins Leben finden Die Diagnose Krebs verändert das Leben von Grund auf. Und auch nach der Behandlung spüren zahlreiche Betroffene noch lange die Folgen. Deshalb braucht es in der Schweiz gut abgestimmte Nachsorgeangebote.
I
n der Schweiz erhalten jedes Jahr rund 49'000 Menschen die Diagnose Krebs. Dank Früherkennung und besseren Therapien überleben heute deutlich mehr Menschen die Krankheit. Die Krebsliga geht davon aus, dass hierzulande bereits über eine halbe Million Menschen mit oder nach Krebs leben. Doch mit dem Ende der Therapie ist für viele Betroffene nicht alles überstanden. Müdigkeit, Schmerzen, Ängste vor einem Rückfall oder finanzielle Sorgen können noch Jahre nach der letzten Behandlung andauern. Wie abrupt der Wechsel vom engmaschig betreuten Klinikalltag zurück ins normale Leben sein kann, beschreibt eine betroffene Person in der SCAPE-Studie, die Erfahrungen von Krebspatient:innen in der Schweiz untersucht
hat: «Ich wurde in einen Tornado medizinischer Versorgung hineingezogen – und nach Monaten voller Termine und Behandlungen auf einen Schlag alleingelassen. Nach diesem Tsunami wieder ein normales Leben zu führen, hat mich viel Zeit gekostet.»
Allein mit den Fragen Rund ein Drittel der sogenannten Cancer Survivors hat einen erhöhten Bedarf an Unterstützung. Zwar gibt es in der Schweiz Angebote wie Rehabilitation oder psychoonkologische Beratung, doch sie sind oft nicht aufeinander abgestimmt. Betroffene müssen sich ihren Weg durch ein unübersichtliches System selbst suchen.
Ein persönlicher Wegbegleiter Die Krebsliga reagiert darauf bereits heute mit konkreten
Angeboten wie dem Pilotprojekt «myOncompass», bei dem Krebsbetroffene per App einen Fragebogen zu ihrer aktuellen Belastungssituation beantworten. Auf Wunsch begleitet sie anschliessend kostenlos eine erfahrene Fachperson – bei körperlichen, psychischen, sozialen oder finanziellen Belastungen.
Politischer Handlungsbedarf Dieses Projekt zeigt, was koordinierte Nachsorge leisten kann. Aber es reicht angesichts der hohen Betroffenenzahlen nicht aus. Deshalb fordern Fachleute eine bessere Vernetzung der bestehenden Angebote, klare Leitlinien sowie einen individuellen Survivorship-Plan für jede betroffene Person. Damit niemand den Weg mit und nach Krebs alleine gehen muss.
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rkrankungen wie beispielsweise eine Tumorerkrankung oder Erkrankungen des Herzens oder der Leber können dazu führen, dass sich wiederholt Flüssigkeit im Brustraum (Pleuraerguss) oder im Bauchraum (Aszites) ansammelt. Für Betroffene kann dies den Alltag belasten. Um die Flüssigkeitsansammlungen abzuleiten, sind häufig wiederholte Punktionen und damit verbundene Spitalbesuche notwendig. Das bedeutet zusätzlichen zeitlichen und organisatorischen Aufwand – gerade dann, wenn Ruhe und Zeit mit den Liebsten besonders wertvoll sind.
Eine mögliche Alternative ist die Implantation eines getunnelten Dauerkatheters. Dieser ermöglicht es, Flüssigkeit regelmässig zu Hause abzuleiten. Nach entsprechender Schulung kann die Drainage durch Angehörige oder mit Unterstützung einer Spitex erfolgen. Dadurch lassen sich wiederholte Punktionen und belastende Spitalbesuche reduzieren. Das schafft mehr Freiraum und Selbstbestimmung im Alltag sowie wertvolle Zeit im vertrauten Umfeld. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, ob diese Form der Drainage für Sie infrage kommt, und besuchen Sie unsere Website für weitere Informationen.
MEDIAPLANET | 9 INTERVIEW Dr. Martin Inderbitzin
Neugier holt uns aus der Krise
Ihre Dissertation schrieben Sie zu neurologischen Auswirkungen von Stress und Angst auf das Gehirn. Was geht in einem Neurowissenschaftler vor, wenn sein eigenes Gehirn wegen einer Krebsdiagnose in den totalen Ausnahmezustand gerät?
zehn Seiten vollzuschreiben. Das Aufschreiben ist ein kognitiver Prozess, vergleichbar mit dem Wohnungsaufräumen: Das muss man immer wieder tun, auf verschiedene Weise. Ich habe beim Sport Stress und Emotionen ausgeschwitzt. Später kamen Den Moment der Diagnose erlebte Meditation, Kaltwasserbaden, ich zuallererst als Mensch. Die Breathwork und Yoga dazu, um Gefühle überwältigten mich. Mein mich zu resetten. Es geht darum, Wissen zu dem, was da oben im in dieser Krise den Fokus neu Kopf passiert, nützte mir anfangs auszurichten – die Neugier ist gar nichts. Der Schock sass tief der Schlüssel: Was geht, was geht und schob die Theorie in den nicht mehr? Neugier wird in KriHintergrund. sen völlig unterschätzt, dabei ist sie eine Superpower. Unser Gehirn Fünf Prozent Überlebenschance schaltet in Krisen auf Fight, Flight oder Freeze. Doch was passiert, nach drei Jahren – das googelten Sie kurz nach der Diagnose. wenn ich neugierig bleibe? Dann wird die Neugier zum Türöffner. Was machte diese Zahl mit
Ihnen, und wie sind Sie damals nicht daran zerbrochen? Die Zahl war extrem schwierig zu fassen, ich fühlte mich wie im falschen Film. Ich hatte die Arschkarte gezogen. Mein Tagebuch half mir. Auf dem Papier konnte ich alles abladen. Wobei es nicht damit getan ist, einmal
Sie schreiben Bücher, reden auf Bühnen, erreichen Hunderttausende: Was kann eine Geschichte wie Ihre leisten, was Statistiken und Medizin nicht können?
FOTO : O R N EL L A CACAC E
Dr. Martin Inderbitzin erhielt 2013 die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Neurowissenschaftler war damals 32 Jahre alt und hatte gerade seinen Doktortitel erworben. Hier spricht er über seine erste Reaktion auf die Diagnose und gibt Einblicke in das Mindset, das ihn seit 13 Jahren durchs Leben trägt.
Während Ihrer ersten Chemotherapie meldeten Sie sich für einen Triathlon an – einen Sport, den Sie noch nie ausgeübt hatten. Wie kam es dazu? Angst und Trotz trieben mich dazu: Ich wollte es meinem Krebs zeigen. Das Training brachte mich
in meinen Körper zurück. Den emotionalsten Moment des Laufs erlebte ich dann aber nicht auf der Ziellinie, sondern unterwegs: Da fuhr ein Sanitätswagen an mir vorbei, der zufällig von dem Spital war, in dem ich nur Wochen zuvor meine Chemo erhalten hatte.
Meine persönliche Geschichte öffnet immer die Herzen. Verbunden mit meinem Fachwissen kann ich anderen Menschen helfen, ihr Gehirn besser zu verstehen. Denn wenn wir wissen, wie das funktioniert – oder auch nicht –, können wir auch die Geschichte über uns und unsere Diagnose neu erzählen: weg von der Statistik, rein ins Leben. Es geht darum, das neu zu denken, was wir von uns erwarten – und dem Gehirn nicht alles zu glauben!
Was bedeutet Ihre Lebensphilosophie «Go easy, but go»? «Go easy» steht dafür, das Leben leicht anzugehen. Es geht nicht um schneller, höher, weiter und darum, sich ständig selbst zu optimieren, sondern darum, sich selbst dort zu treffen, wo man ist. «But go» meint die Akzeptanz dessen, was ist, und zugleich die Entscheidung, Verantwortung für sich zu übernehmen und den nächsten Schritt zu machen. Kein Schritt ist zu klein. Für mich ist dabei ganz wichtig: Wir müssen lernen, auch kleine Schritte als Fortschritte anzuerkennen und uns dafür zu loben.
BUCH-TIPP «Mut zum Leben» inspiriert dazu, gross zu träumen, den Mut zu fassen und gleichzeitig im Kleinen anzufangen. Das Buch zeigt, wie wir auch in herausfordernden Lebenssituationen neue Perspektiven gewinnen, Vertrauen in uns selbst entwickeln und Schritt für Schritt unseren eigenen Weg gehen können.
10 | Lesen Sie mehr unter dergesundheitsratgeber.ch INTERVIEW
«CED läuft manchmal mit – aber sie sitzt nicht am Steuer» Morbus Crohn und Colitis ulcerosa begleiten Betroffene oft ein Leben lang – und bleiben für andere dabei unsichtbar. Im Gespräch mit Crohn Colitis Schweiz geht es um die Herausforderungen im Alltag, den Umgang mit einem oft unberechenbaren Körper und die Frage, woher Mut und Zuversicht kommen können. FOTO : Z VG
Bruno Giardina Präsident Crohn Colitis Schweiz
Was sind die Sorgen, die Betroffene von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa – chronischentzündlichen Darmerkrankungen (CED) – am häufigsten mit euch teilen?
Mit der Zeit habe ich aber gelernt: Eine CED verändert das Leben, aber sie muss nicht bestimmen, was man daraus macht. Es gibt schwierige Zeiten, aber auch schöne Momente, Erfolge und MögEine der grössten Belastungen ist lichkeiten. Was mir Mut macht, die Unberechenbarkeit. Man weiss sind andere Betroffene. Mennie, was der nächste Tag bringt. schen, die trotz ihrer CED ihren Wird es ein guter Tag? Kann ich Weg gehen, Familien gründen, arbeiten, einen Ausflug machen, arbeiten, reisen, Sport treiben und mit Freunden essen gehen? Oder ihre Träume verwirklichen. Dieses muss ich plötzlich eine Toilette gegenseitige Mutmachen ist für suchen und alles andere wird mich das Herzstück der CCS. nebensächlich? Diese Unsicherheit kenne ich auch persönlich. CED sieht man Menschen nicht an. Deshalb ist es oft schwierig, zu erklären, warum etwas heute nicht geht, obwohl man gestern noch völlig «normal» unterwegs war. Dazu CED sind nicht heilbar, treten in kommen Ängste um Beruf, Schüben auf und betreffen oft Beziehung, Zukunft und Lebensjunge Menschen. Was bedeutet qualität. Als Präsident der CCS das für den Alltag, den Beruf? (Crohn Colitis Schweiz) bekomme Man lernt, Dinge zu planen – und ich viele solche Geschichten zu akzeptieren, dass manchmal mit. Trotz unterschiedlicher alles anders kommt. Im BerufsKrankheitsverläufe, gibt es eine leben kann das herausfordernd Gemeinsamkeit: Niemand möchte auf seine Krankheit reduziert werden. Du bist nicht allein.
sein. Müdigkeit, Schmerzen oder ein Schub lassen sich nicht auf den Feierabend verschieben. Für mich ist es wichtig, die Krankheit ernst zu nehmen, aber ihr nicht die Hauptrolle in meinem Leben zu geben. Ich möchte arbeiten, mich engagieren, Menschen treffen, reisen und Dinge erleben. CED läuft manchmal mit – aber sie sitzt nicht am Steuer.
Was möchtet ihr jemandem sagen, der gerade die Diagnose CED erhalten hat? Ich würde sagen: Hab keine Angst vor deinem ganzen Leben, nur weil gerade ein schwieriger Abschnitt beginnt. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass eine solche Diagnose viele Fragen aufwirft. Aber man muss nicht heute schon wissen, wie das Leben in fünf, zehn oder 20 Jahren aussieht. Gib dir Zeit. Such dir Menschen, denen du vertraust, medizinische Begleitung und Informationen, die Sicherheit geben. Sprich darüber. Scham und Rückzug machen die Krankheit nicht einfacher. Durch meine eigene CED und meine Arbeit bei der CCS weiss ich: Keiner ist mit dieser Diagnose allein. Es gibt ein Leben mit CED – und dieses Leben kann trotz allem voll, aktiv und wunderschön sein. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft: Lass dir von deiner Krankheit nicht erzählen, wer du bist. Das bestimmst immer noch du.
Lass dir von deiner Krankheit nicht erzählen, wer du bist. Das bestimmst immer noch du.
Auf eurer Website steht: «Eine Diagnose, die auch Mut machen kann.» Was meint ihr damit, und woher kommt diese Zuversicht? Ich weiss noch gut, wie es sich anfühlt, wenn eine Diagnose plötzlich vieles infrage stellt. Im ersten Moment denkt man: Warum ich? Und wie soll mein Leben weitergehen?
CCS ist eine Patientenvereinigung von Betroffenen für Betroffene mit über 2600 Mitgliedern und lokalen Gruppen in der ganzen Schweiz. Eine Community, die weiss, wovon sie spricht. Hier tauschen sich Menschen mit CED aus – offen, auf Augenhöhe, ohne Tabu.
MEDIAPLANET | 11 INSIGHT
Neue Erkenntnisse zu Rückenschmerzen aus der Raumfahrt Wer kennt es nicht, ein stechender Schmerz beim Aufstehen oder ein Ziehen im unteren Rücken: Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Problemen überhaupt. Bei manchen Menschen verschwinden sie nach einigen Tagen wieder, bei anderen werden sie zu einem ständigen Begleiter.
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FOTO : H S LU
esonders schwierig wird es, wenn die Ursache nicht eindeutig zu erkennen ist. Klar ist jedoch, dass bei Rückenschmerzen die Bandscheiben häufig eine wichtige Rolle spielen. Die Bandscheiben zwischen unseren Wirbeln ermöglichen Prof. Dr. Marcel Egli Bewegung und fangen gleichzeitig die Belastungen unseres Leiter Institut für Medizintechnik Alltags ab, beispielsweise beim Gehen, Sitzen, Heben oder Sporttreiben. Doch Bandscheiben besitzen nur eine sehr eingeschränkte Fähigkeit, sich nach Verletzungen selbst zu regene-
Beweglichkeit und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Für die Forschung ist das eine spannende Situation: Was passiert mit einer Bandscheibe, wenn sie plötzlich nicht mehr den Belastungen der Erde ausgesetzt ist? Und was können uns diese Veränderungen über den ganz normalen Alterungsprozess unseres Rückens verraten? Genau diesen Fragen geht die Forschung am Institut für Medizintechnik, Departement Technik und Architektur, der Hochschule Luzern nach. Die Wissenschaftler:innen untersuchen, wie sich Bandscheiben unter Schwerelosigkeitsbedingungen verändern. Dafür werden Bandscheiben aus Kuhschwänzen isoliert und in einem speziell dafür entwickelten Bandscheiben-Bioreaktor kultiviert. Dieser ermöglicht es, die mechanischen Belastungen der Bandscheibe gezielt nachzubilden und so gleichzeitig Bedingungen zu simulieren, die in der Schwerelosigkeit auftreten. Die Belastungen, denen die Bandscheiben im Labor ausgesetzt werden, sind nicht erfunden. Sie basieren auf Bewegungsdaten von Astronaut:innen vor und nach einem sechsmonatigen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS. So entsteht im Labor gewissermassen ein «Weltraummodell» der menschlichen Bandscheibe. Über längere Zeit wird dies unterschiedlichen Bewegungs- und Belastungsmustern ausgesetzt.
Die Gegebenheiten im All bieten ein einzigartiges Modell, um besser zu verstehen, wie die Bandscheiben altern und welche Rolle dabei Bewegung, Belastung und Entlastung spielen. rieren. Mit zunehmendem Alter können sie deshalb verschleissen und Schmerzen verursachen. Überraschend ist, dass auch Astronaut:innen unter Rückenschmerzen leiden, und das, obwohl sie im All kaum Gewicht tragen. Während eines längeren Aufenthalts im Weltraum sind Wirbelsäule und Bandscheiben einer völlig neuen Situation ausgesetzt. Die Schwerkraft, die auf der Erde ständig auf unseren Körper wirkt, fehlt hier nahezu vollständig. Trotzdem entwickelt etwa die Hälfte der Menschen, die längere Zeit im Weltraum verbringen, Rückenbeschwerden. Die Schmerzen können die
Anschliessend untersuchen und analysieren die Wissenschaftler:innen, welche Veränderungen und Schäden an Zellen und Gewebe entstanden sind. Was im ersten Moment nach Weltraumforschung klingt, könnte deshalb auch für uns auf der Erde wichtig sein. Denn die Gegebenheiten im All bieten ein einzigartiges Modell, um besser zu verstehen, wie die Bandscheiben altern und welche Rolle dabei Bewegung, Belastung und Entlastung spielen. Die grosse Hoffnung: Wenn wir verstehen, wie und warum Bandscheiben altern und sich verändern, können wir auch lernen, wie sich dieser Prozess verlangsamen oder sogar gezielt umkehren lässt. Damit könnte die Forschung, die im Weltall beginnt, eines Tages Menschen auf der Erde dabei helfen, ihren Rücken länger gesund und schmerzfrei zu erhalten.
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12 | Lesen Sie mehr unter dergesundheitsratgeber.ch INTERVIEW
«Ich verhielt mich immer unauffällig und blieb im Hintergrund» Schon als kleines Mädchen litt Brigitte Schalch an Psoriasis. In der Primarschule wurde sie stigmatisiert und beschuldigt, bei Prüfungen zu schummeln, weil sie aufgrund ihres Reizdarms so oft zur Toilette musste. Auch Stress und Streit setzten ihr zu. Sie wünscht sich, dass die Erkrankung und ihre Betroffenen ernst genommen werden, denn Psoriasis hinterlässt auch innerlich Spuren.
Ich war mit einer erblichen Veranlagung für Hautkrankheiten vorbelastet. Als Kind zeigte sich dann die Psoriasis zunächst auf dem Kopf und an den Ohren – ausgelöst durch die mehrmalige Behandlung mit damals handelsüblichen Kopflausmitteln. Sehr unangenehm war das klebrige, wässrige Wundsekret, das mich auch nachts störte und Juckreiz auslöste. Durch das mechanische Entfernen der Plaques auf der Kopfhaut kam es teilweise auch zu Haarausfall und Infektionen – manchmal musste ich sogar zwei, drei Tage im Spital behandelt werden.
Wie haben Ihre Eltern und Ihr Umfeld reagiert? Meine Eltern versuchten mir zu helfen, aber eher zurückhaltend. Ratschläge und Mut holte ich mir meistens bei meiner Grossmutter. Ich wurde zum Hausarzt, zum Naturheilpraktiker und zur UVStrahlentherapie geschickt. Sie kamen dann in die Schule. Wie war die Situation dort? In der Primarschule wusste nur mein Klassenlehrer von meiner Psoriasis, da ich durch die
Belastung auch einen Reizdarm entwickelt hatte und während Prüfungen oft die Toilette aufsuchen musste – das hat sich bis ins Erwachsenenalter gehalten. Ich verhielt mich möglichst unauffällig und blieb im Hintergrund. Doch die Mitschüler:innen beschuldigten mich, bei Prüfungen zu schummeln und Spickzettel auf dem WC zu verstecken. Ich reagierte mit Gegenwehr, teils kam es zu regelrechten Kämpfen auf dem Schulhof.
Aufmerksam auf die Gruppe wurde ich via Internet und nahm nach einem Gespräch mit der Regionalleiterin an einem Treffen teil. Es ist eine angenehme Gruppe mit Offenheit, Vertrauen und Verständnis – seit ein paar Monaten finden die Treffen zusammen mit Vitiligobetroffenen statt.
Was braucht es, damit sich Menschen in ihrem Körper wohlfühlen?
Keine 24-stündige Erreichbarkeit. Sich selbst spüren und mitteilen, Als Erwachsene verschlimmer- wenn etwas zu belastend ist. ten sich Ihre Symptome weiter. Zeit zur Entspannung, sei es nur ein Spaziergang. Für aktivere Wie haben Sie die Psoriasis Menschen Yoga, Wandern oder therapiert? Früher mit Salben, salicylsäureWalking. Nicht immer für andere haltigen Lösungen oder Kortison, aufopfern, sondern an die eigene bei Infektionen auch mit Antibio- Erholung denken. Zudem können tika. Am meisten helfen mir Medi- heute angepasste Therapien den kamente, die Plaques lösen und Leidensdruck enorm erleichtern, Juckreiz reduzieren. Nachdem weshalb eine gezielte Abklärung später auch Gelenkbeschwerden so wichtig ist. und Endometriose dazukamen, durfte ich zwei Jahre an einer Was wünschen Sie sich von Probiotikastudie teilnehmen, die Nicht-Betroffenen? die Beschwerden durch positive Ich wünsche mir, dass man ernst Beeinflussung der Stressverarbei- genommen wird und Psoriasis als tung deutlich reduzierte. Krankheit akzeptiert wird. Da Psoriasis nicht nur äusserliche, Heute sind Sie Hilfsleiterin der sondern auch innerliche Regionalgruppe Psoriasis Nord- Beschwerden auslöst, sollte das westschweiz der SPVG. Was hat Verständnis für die Krankheit verbessert werden. Sie dazu motiviert?
FOTO : Z VG
Frau Schalch, Sie leiden seit Ihrem fünften Lebensjahr an Psoriasis. Wie hat sich das damals bemerkbar gemacht?
Brigitte Schalch
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