2,80 Euro
davon 1,40 Euro für die Verkäuferin/ den Verkäufer
Foto: Petra Rainer
#71 / Mai 2022
Menschlich betrachtet
Melanie Greußing bereitet sich auf ihre erste große Einzelausstellung in Egg vor. Die marie traf die 34-jährige Künstlerin und sprach mit ihr über ihren beruflichen Werdegang, ihre beiden Herzensprojekte und weshalb Beziehungen letztlich unser Menschsein ausmachen. Seiten 28 bis 30
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Inhalt
Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser!
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Alles für Spiel und Spaß findest du im Kindi.
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Die Mittagstischrevolution Ein Lokalaugenschein in der Elfenküche in Dornbirn und der Esskultur Lustenau
„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Das große Leid überall treibt einen dazu, sich zu schämen, dass man Zu Besuch im Ölparadies sich selbst mit all seinen Stimmungen so ernst nimmt.“ Wie aus Mamas Hobby die Ölmühle Sailer entstand Ich war wie elektrisiert, als ich diesen Satz las, vor allem in Anbetracht dessen, aus wessen Feder er stammt. Er bringt Ein absolutes Mousse auf den Punkt, was ich in letzter Zeit von vielen MenKulinarisches Gönnungsprodukt aus Dans Probelokal schen in unterschiedlichen Formulierungen hörte und Eine Kindheit im Camp Vorkloster auch selbst einzuordnen versuchte: Wieviel meines perEinstiger Flüchtling hilft jetzt Geflüchteten sönlichen Unwohlseins, meiner Sorgen, aber auch meiner Fröhlichkeit sind angebracht angesichts des Leides auf der Rätsellösungen Welt, das durch den Ukrainekrieg so bedrohlich und nah Das Flaggezeigen in unser Bewusstsein dringt? Wie reine Folklore in Nationalismus umschlagen kann Es war eine junge jüdische Frau aus den Niederlanden, die vor 80 Jahren diesen Satz in ihr Tagebuch schrieb. MitTraumaheilung braucht Zeit und Wahrheit ten im Zweiten Weltkrieg hat sie ein Dokument hinterlasTraumatherapeutin Birgit Kalb im Interview sen, das vor Mut, Ehrlichkeit und einem unbändigen Ja zum Impressum Leben nur so strotzt: Etty Hillesum schreibt sich in sehr persönlichen Aufzeichnungen („Das denkende Herz“) von Sprechen wir über Barrierefreiheit der Seele, was sie bewegt, bevor sie im November 1943 in Pia Pichler über ihre alltäglichen Hindernisse als Ausschwitz ermordet wird. Es fasziniert, wie sehr sie darum Rollstuhlfahrerin ringt, den Grausamkeiten jener Zeit ihre Zuversicht, ihre Jetzt aber! Liebesfähigkeit, ihren Glauben an das Gute entgegenzustelEckart Drössler erklärt, wie Not erfinderisch machen kann len; auf ihre Seelenwelt zu achten, selbst ihren weniger heh„Er hatte etwas Weitsichtiges“ ren Gedanken Raum zu geben – und wie sie es schafft, sich Auf den Spuren des Emser Originals Reimund Theiner nicht völlig von der Angst einnehmen zu lassen. Etty Hillesum schreibt weiter: „Aber man muss sich selbst weiterhin Der Mensch in Beziehung ernst nehmen, man muss selbst im Mittelpunkt bleiben und Künstlerin Melanie Greußing im Porträt versuchen, mit allem, was in der Welt geschieht, fertig zu Happy End werden. Man darf die Augen vor nichts verschließen, man Bleiberecht für Joy und ihre vier Kinder muss sich mit dieser schrecklichen Zeit auseinandersetzen und versuchen, eine Antwort zu finden auf die vielen FraDie Liebe kann alles gen von Leben und Tod, die diese Zeit einem stellt.“ Norbert Schnetzer über die Charaktere im Enneagramm Ich bin dankbar, dass wir mit der marie eine MöglichVorarlbergs erste Schriftstellerin keit haben, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen, Das Leben der fast vergessenen Autorin Anna Hensler vorwärtszudenken genauso wie zu erinnern. Gerade Letzteres tun wir in dieser Ausgabe ziemlich ausgiebig. Soviel Sudoku vorweg: Auch das Lustige und Mutmachende kommt dabei Rechenrätsel, Schachecke nicht zu kurz! Die älteste Bloggerin der Welt Halten Sie die Augen offen und bleiben Sie in guter Beziehung, mit sich und der Welt und überhaupt, das wünscht Dagny Carlsson, die kurz vor ihrem 110. Geburtstag Ihnen von Herzen gestorben ist, im Porträt
Simone Fürnschuß-Hofer, Redakteurin 44-45 Das Runde muss ins Eckige Als beim Fußball noch die Fetzen flogen
Während Mama und Papa in Ruhe shoppen, geht es für den Nachwuchs mit Volldampf auf Entdeckungstour – im betreuten Kindi des Messeparks. Hier können die Kleinen von 3 bis 7 Jahren nach Herzenslust spielen, malen, basteln oder toben. Richtig viel Spaß inklusive, denn im Messepark
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marie ist Mitglied im Weltverband der Straßenzeitungen. www.insp.ngo
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12.04.22 14:24
Sie haben Anregungen, Wünsche oder Beschwerden? Dann schreiben Sie uns doch einfach. marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Graf-Maximilian-Straße 18, 6845 Hohenems. E-Mail: redaktion@marie-strassenzeitung.at oder Sie rufen uns an unter 0677/61538640. Internet: www.marie-strassenzeitung.at. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!
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Die Mittagstischrevolution oder
Besuch bei den Elfen
Möglichst naturbelassene, bekömmliche Gerichte für die kurze Mittagspause, geht das? Power statt Fast Food, frisch, gesund und dennoch schnell verfügbar? Die Elfen in der Dornbirner Bahnhofstraße machen's vor. Mit Supergutem aus dem Suppentopf.
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wenn mittags zuhause niemand kocht
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Den meisten Berufstätigen fehlt es mittags an der Zeit zum Selberkochen. Dennoch ist da der Wunsch nach genussvollen, gesunden Mahlzeiten – sowohl für sich als auch für die Kinder. Essen, das schmeckt, nicht im Magen liegt, gut für die zweite Tageshälfte rüstet. Noch dünn gesät sind die Angebote, die hierzulande diesem Bewusstsein Rechnung tragen. Aber es gibt sie. Ein Lokalaugenschein bei der Elfenküche in Dornbirn und der Esskultur in Lustenau zeigt: Gulaschkanone war gestern. Text: Simone Fürnschuß-Hofer, Fotos: Oben: fauxels via pexels, Elfenküche: Mark Mosman, Esskultur: Frank Andres, Kindergartenfoto: Michael Gunz
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lli Marberger, 42, und Dietmar Hagen, 53, kennen sich nicht persönlich. Dennoch haben sie einiges gemeinsam. Mit ihren mutigen Visionen revolutionieren sie seit Jahren den Mittagstisch. Beide stehen sie für eine Küchenphilosophie, die ungewohnte Geschmäcker auf den Teller bringt. Beide haben sie Pilotprojekte gestartet, die sowohl das Kochen als auch das Essen als soziale und pädagogische Prozesse in den Fokus nehmen. Und beide arrangieren sie ihre Menüpläne entlang der Prämissen Saisonalität, Regionalität und Ursprünglichkeit. Die eine mit einer Suppenküche, deren Rezepturen mit Achtsamkeit und den Erkenntnissen aus der östlichen Ernährungslehre angerührt werden, der andere mit einem Konzept, das Kantinen und Großküchen vom schlechten Ruf des Einheitsbreis befreit und die Geschmackspapillen auf Erlebnisreise schickt. Frisch, unversehrt und vollwertig soll das Essen sein. Ohne Schnickschnack und künstliche Zusatzstoffe, dafür mit Würze aus der Schatzkammer Natur, mit Leidenschaft und Liebe abgeschmeckt. Wir haben die beiden Unternehmer:innen besucht und sie getrennt voneinander befragt, was in ihrem täglichen Tun zählt und dabei – no na – viele Überschneidungen entdeckt. Vor allem die Überzeugung, dass Essen weit mehr als reine Kalorienzufuhr ist, viel eher als ein sinnlicher und die Gesundheit fördernder Akt begriffen werden darf.
ZEN statt Businessplan
Im Hauptraum fällt der Blick unweigerliche auf eine braune Tafel mit einem Zitatschnipsel aus einer ZEN-Parabel: „Meister, was ist Glück?“ „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich lache, lache ich, wenn ich esse, dann esse ich.“ Worte wie Samen, aus denen die Suppenküche keimen durfte, so die Bregenzerwälderin. Nein, Businessplan habe sie keinen gehabt, im Gegenteil, völlig naiv sei sie damals, vor über zehn Jahren, an die Sache herangegangen. Wie so oft, wenn sich Menschen ihren Leidenschaften hingeben und einen Nerv der Zeit treffen, passierten auch bei der Suppenküchen-Gründerin zwei Dinge. Erstens, Gesetz der Resonanz: „Alles hat sich irgendwie ergeben, Inseratschaltungen kann ich an einer Hand abzählen, >>
n einem nach hinten versetztem Winkel an der belebten Kreuzung im Dornbirner Bahnhofsviertel erwartet den ernährungsbewussten Gast eine kleine Oase. Schon die Außenansicht könnte es mit jeder Feel-Good-Postkarte aufnehmen. Über der Tür einer einstigen Bäckerei prangt in Graublau der Elfenküchen-Schriftzug und verbindet den Charme des Alten mit urbanem Understatement. Dabei: Null Etepetete-Gehabe, auch kein Bobo-Szene-Kolorit, vielmehr ein Ort wie seine Speisen, ehrlich, unbefangen, offen für alle. Weit gefehlt, wer glaubt, dass in der Suppenmanufaktur nur das Pflanzliche in den Kessel kommt. „Unsere Rinder- und Hühnerbrühen sind extrem immunstärkend und unser Bolognese ist ein Klassiker. Aber wir verwenden nur sehr wenig Fleisch, das dafür in bester Qualität“, so Elfenchefin Ulli Marberger, denn: „Wir sind der Meinung, dass Fleisch zu einer Rarität werden sollte." Täglich von Dienstag bis Freitag werden in der Elfenküche zwei Gerichte frisch gekocht. Egal, ob man mit den Arbeitskolleg:innen oder alleine zukehrt, man setzt sich einfach an einen der großen Holztische. Auch Take-Away in Pappbechern ist möglich. Das Mitnahme-Angebot wird zusätzlich ergänzt über ein Kühlregal voller Gläser, gefüllt mit unterschiedlichsten Suppen, Eintöpfen und eben allem, was ohne Konservierungsstoffe mehrere Monate haltbar ist: Rustikaler Rindfleisch-Eintopf, Spargel-Curry, karamellisierte Honig-Melanzani. Und so vieles mehr. Auch was in der frischen Mittagsküche täglich übrig bleibt, kommt in das Gebinde. „So haben wir kaum Abfall“, erklärt Ulli Marberger das nachhaltige Konzept.
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Die Neuerfindung der Großküche
* „IN DEM SCHNITTPUNKT ZWISCHEN VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT FINDET DAS EIGENTLICHE LEBEN STATT. LASS EUCH AUF DIESEN NICHT MESSBAREN AUGENBLICK GANZ EIN UND IHR HABT DIE CHANCE, WIRKLICH GLÜCKLICH UND ZUFRIEDEN ZU SEIN.“ Zitat aus dem ZEN-Buddhismus
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auch mit den Mitarbeiter:innen habe ich immer Glück gehabt.“ Und zweitens, der Tanz mit den eigenen Ressourcen: „Die Elfenküche ist mein drittes Kind. Ich habe alles hineingelegt und Jahre dafür gearbeitet. Natürlich hat es mich zeitweise ausgeschöpft, bin ich über meine Grenzen gegangen“, so die zweifache Mutter. Momente der Sorge und der Erschöpfung konnten allerdings nicht an ihrer Überzeugung rütteln, das Richtige zu tun. „Oft haben wir die Dinge passieren lassen. Und sie sind wunderbar passiert.“ Die ZEN-Haltung, diese Verbundenheit mit dem gegenwärtigen Moment, sei es auch, die ihr geholfen habe, während der schwierigen Coronazeit durchzuhalten: „Mit fünf Angestellten – das ist ja nicht ohne!“
„Gründer-Elfe“ Ulli Marberger
Apothekerschrank Natur
In den Topf kommt, was auf dem Ernteplan der Bio-Höfe steht. „Dass ich dabei auch nach TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) koche und die Speisen mit entsprechenden Gewürzen bekömmlicher mache, interessiert nicht jeden, aber es freut mich umso mehr, wenn mir Gäste zurückmelden, dass das Essen nicht nur gut schmeckt, sondern auch gut tut. Nur darum geht es“, so Ulli, die Köchin, die es versteht, auf Verfügbarkeiten von Zutaten flexibel zu reagieren, während sie sich in Sachen Qualität keinen Millimeter verbiegen lässt. „Ich stehe mit der Elfenküche für eine ehrliche, transparente Sache. Hier geht es nicht um einen coolen Lifestyle, sondern darum, gute Zutaten achtsam und schmackhaft zu verarbeiten. Bessere Lebensmittel kannst du nicht kaufen!“ Ja, das spiele sich finanziell schon, wenngleich: „Natürlich nur dann, wenn es dir nicht darum geht, das große Geld zu verdienen. Laut Steuerberater müsste ich wahrscheinlich anders wirtschaften.“ Die Preiserhöhungen – schon vor dem Ukrainekrieg haben sich manche Lebensmittel innerhalb eines Jahres um bis zu 50 Prozent verteuert – machen ihr durchaus zu schaffen. Sie wolle ja nicht plötzlich die Suppe um 20 Euro verkaufen müssen. Denn eben: Hier reicht der Wohlhabende dem Armen das Salz und umgekehrt. Ihre aktuellen Preise seien für die meisten leistbar, zumal viele mit einer kleinen Portion für 6 bis 8 Euro satt würden. So divers ihre Gäste, so divers das Team. Weitgereist, kulturell durchmischt, quer eingestiegen: Die Elfenküche ist ein inklusiver Ort mit magischer Anziehungskraft. Ein Ort fürs Authentische und eine tägliche Reminiszenz an den „Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, wo das eigentliche Leben stattfindet“*.
Infobox Elfenküche Suppenmanufaktur e.U. Bahnhofstraße 16, 6850 Dornbirn, www.elfenkueche.at T +43 5572 94 93 93, info@elfenkueche.at Öffnungszeiten: Di bis Fr von 9 bis 16 Uhr Mittagstisch von 11.30 bis 14.30 Uhr Täglich zwei frische Gerichte zwischen 6 und 10,50 Euro Auch als Take Away möglich Buchtipp: Elfenküche. Das Kochbuch, Preis: 38 Euro
Wie schön, wenn man seine Kinder mittags gut versorgt weiß. Oder wenn im hohen Alter frisch Gekochtes täglich über „Essen auf Rädern“ angerollt kommt. Die Lustenauer „Esskultur“ schafft als kommunales Projekt den Spagat, die ganz Kleinen wie auch die älteste Generation von einem Ort aus vollwertig zu bekochen. Und zeigt, wie viel guter Geschmack sogar in Großküchen stecken kann.
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Das Team der „Esskultur“
ielleicht muss man erst ein paar Begriffe auseinanderdividieren, um zu verstehen, was Dietmar Hagen beruflich macht und in welchem Kontext sein Einsatz im Ländle steht. Die von ihm gegründete Agentur „Essenszeit“ ist hoch oben im Norden angesiedelt, in Hannover. Von hier aus koordiniert der gebürtige Lustenauer seine 250 Mitarbeitenden, die in rund 30 Betriebsküchen für Kantinenkost abseits fader Pasta und pappiger Instantsuppen sorgen – frisch gekochte, wohlschmeckende Mittagsmenüs frei von Monogeschmack und leeren Kalorien. Die „Esskultur“ wiederum ist ein Arbeitsprojekt unter dem Dach der Sozialdienste GmbH in Lustenau, das Dietmar Hagen parallel zu seinen Agenturtätigkeiten im Auftrag der Gemeinde entwickelt hat. Da wie dort dreht sich alles um eine neue Art der Gemeinschaftsgastronomie im Sinne von „Mehrwert-Ernährung“. Das Credo: Vitalstoffreiche Lebensmittel von umliegenden Höfen und Feldern werterhaltend auf den Teller zu bringen. Bulgur-Laibchen, Linsendal und Gemüsegröstl neben Schnitzel und Cevapcici, fast alles ist erlaubt, nur regional, saisonal und gut gekocht muss es sein. Ohne künstliche Saucen- und Suppentricks, dafür mit Gewürzen aus dem Kräutergarten. Das kann schon mal für Irritationen am Gaumen sorgen. Oder aber für Begeisterung: „Bei Convenience-Food schmeckt alles gleich pomadig, Glutamat und Hefe produzieren ein Geschmacksbild, das einlullend wirkt. Dagegen fordern wir mit unserer Art zu kochen die Geschmacksnerven ganz neu heraus. Plötzlich haben die Lebensmittel wieder einen Eigengeschmack“, so Dietmar Hagen, der dem Kantinenessen bereits seit über 20 Jahren einen neuen Stempel aufdrückt.
Essen mit Kultur
Wir treffen den vielbeschäftigten Unternehmer an seinem Lustenauer Arbeitsplatz im Schützengarten, wo er mit einem 15-köpfigen Team dafür sorgt, dass täglich bis zu 500 Essen zubereitet und über einen Fahrdienst an Kindergärten, Schülerbetreuungs-Einrichtungen, Seniorenheime und Essen-auf-Rädern-Kund:innen ausgeliefert werden. Teammitglied und Qualitätsmanagerin Kerstin Hagen-Grabher: „Natürlich sorgt das Neue oft erst für Widerstand. Wir tasten uns voran, probieren aus, lassen Dinge auch wieder weg. Inzwischen erreichen uns aber durchwegs positive Rückmeldungen.“ Bewährt habe sich, die Menüpläne für Kinder und die ältere Generation zu trennen. „Bei den Jüngeren trauen wir uns, mehr auf Pflanzenbasis zu kochen, kreativer zu sein, während die älteren Menschen traditionsbewusster sind und eher Fleisch bevorzugen“, so Kerstin Hagen-Grabher. Natürlich könne es passieren, dass Randigsuppen oder Sellerieschnitzel auch manchen kleinen Mittagsgast die Nase rümpfen lassen, aber >>
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„EGAL, OB ICH IN WEISSRUSSLAND IN SANATORIEN VERSTRAHLTE KINDER MIT VOLLWERTERNÄHRUNG VERSORGT HABE, OB ICH MIT MENSCHEN MIT BEHINDERUNG GEKOCHT HABE ODER MIT GEFÄNGNISINSASSEN: IMMER INTERESSIERT MICH DAS POTENZIAL, DAS KOCHEN UND ESSEN ALS SOZIALER PROZESS HAT.“
Kanon Macht Literatur
Feldkircher Literaturtage 2022 12. bis 14. Mai
Dietmar Hagen
Die größeren Zusammenhänge 8|
Sobald es die Corona-Situation wieder erlaubt, möchte die Qualitätsmanagerin gemeinsam mit Küchenchef Thomas Urban den Kindern vor Ort einen Besuch abstatten. „Sie sehen ja nur, dass Essen in Boxen angeliefert wird. Wir erzählen ihnen dann, wie es dorthin kam. Dass wir das Mehl selbst mahlen, unser Essen ein richtig guter Kraftstoff für den Körper ist.“ Bio, Saatgut, Fruchtfolge: Eben alles Kernthemen der Esskultur-Philosophie, die von der kommenden Generation mehr denn je auszugestalten sind, wenn Mutter Erde nicht vor die Hunde gehen soll. Noch ein Aspekt zieht sich bei Dietmar Hagen auffallend durch die letzten drei Jahrzehnte: Die soziale Komponente des Mediums
Das schmeckt auch den Kleinen
Dietmar Hagen und Kerstin Hagen-Grabher
Kochen. „Egal, ob ich in Weißrussland in Sanatorien verstrahlte Kinder mit Vollwerternährung versorgt habe, ob ich mit Menschen mit Behinderung gekocht habe oder mit Gefängnisinsassen: Immer interessiert mich das Potenzial, das Kochen und Essen als sozialer Prozess hat.“ Wie und was gekocht wird, die Art des Anrichtens und Servierens, all das wirke sich auf die Kultur von Unternehmen und Institutionen aus – und damit auf das Miteinander. Alles gut und schön, aber wie lässt sich ein Anspruch wie jener der Esskultur finanzieren? 50 Prozent Bio, regionaler Einkauf, hoch professionelle Teams usw.: alles Budgetposten, die kommunale Schatzmeister:innen schnell ins Schwitzen bringen können. Für Dietmar Hagen keine K.O.-Frage: „Erstens richten wir den Speiseplan nach dem aus, was der Markt saisonal hergibt. Was reif ist, ist nicht nur günstiger, sondern auch am geschmackvollsten. Wir brauchen kein Huftsteak, stattdessen bereiten wir lieber Einfaches handwerklich gut zu. Wir vermeiden außerdem Reste. Und weil wir weniger Fleisch brauchen, können wir das, was wir verwenden, in höherer Qualität einkaufen.“ Zweitens sei es doch schlussendlich eine Frage dessen, was einem eine gesunde Ernährung wert ist, spricht der Esskultur-Entwickler Klartext: „Auch Gemeinden müssen sich diese Frage stellen und jenen Rahmen schaffen, der eine Weiterentwicklung von Schulküchen zulässt. Sie müssen Entscheidungen treffen, die das Richtige subventionieren.“ Wie gut nur, dass längst jeder weiß: Am Falschen zu sparen, kann ganz schön teuer kommen.
„Esskultur“ – Zahlen & Fakten // Gemeinschaftsküche im Schützengarten, Küchenchef Thomas Urban // 15 Mitarbeiter:innen // Bis zu 500 Essen täglich, in Handarbeit zubereitet // 17 Mittagstisch-Außenstellen zur Versorgung der Kinder, 100 Essen-auf-Rädern-Kund:innen // Über 50 Prozent Bio-Anteil, Schwerpunkt saisonale Frischeprodukte aus der nahen Umgebung // Projekt unter dem Dach der Sozialdienste Lustenau Weitere Infos: https://sozialdienste.lustenau.at/ de/esskultur, esskultur@lustenau.at, 05577 843 11
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Vermittlung sei die halbe Miete: „Es ist immer wichtig, wie das Ganze verpackt und serviert wird. Unser Plan ist es ja auch, insgesamt mehr Beziehung zum Essen, zu den Lebensmitteln herzustellen: Wo wachsen sie, wer sind die Menschen, die sie zubereiten, wie richtet man die Speisen hübsch an.“ Dietmar Hagen ergänzt: „Darum heißt es auch Esskultur, es geht eben genauso um den Rahmen, die Gastlichkeit. Mich stört es, wenn das Lebensnahe zu sehr ausgeblendet wird und Kinder beispielsweise nicht einmal den Teller selbst abräumen müssen. Darin liegt viel pädagogisches Potenzial.“
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Zu Besuch im Ölparadies
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Es hat alles als Hobby von Mama Barbara Sailer begonnen. Inzwischen ist die Ölmühle Sailer zu einem kleinen, aber feinen Familienbetrieb herangewachsen. Die marie hat das Geschäft in Lochau besucht und begab sich mit Tochter Julia (29), einer der beiden Chefinnen, auf eine spannende Reise durch die Welt der Pflanzenöle. Text: Frank Andres, Fotos: Andreas Sailer
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er das Geschäft betritt, hat das Gefühl in die Vergangenheit zu reisen. Im Verkaufsraum hängt eine Deckenlampe mit geschnitzten Holzfiguren. Mittendrin im Laden ein alter Holzofen. An den Wänden stehen mit Gläsern und kleinen Fläschchen gefüllte Holzregale. Wie in einem alten Apothekerladen. Mit dieser Vermutung liege ich nicht ganz richtig. Denn bis Mai 2019 war das Haus in der Landstraße 3 ein Wirtshaus. Im November 2019 pachtete die Familie Sailer die Räumlichkeiten im Erdgeschoss. Seitdem werden hier hochwertige Öle produziert und verkauft. Die Geschichte der Ölmühle Sailer ist nicht alltäglich, wenn nicht sogar außergewöhnlich. Denn am Anfang war ein Buch, das Barbara Sailer von ihrer Schwägerin geschenkt bekommen hatte. Darin waren verschiedene Öle und ihre Wichtigkeit für den Körper beschrieben. Unter anderem ging es auch um die Produktion von hochqualitativem Leinöl. Barbara Sailer war dermaßen fasziniert, dass sie beschloss, das Öl selbst herzustellen. Das ist inzwischen zwölf Jahre her. Sie kaufte sich eine Ölpresse und begann, neben Lein- auch Sonnenblumenöl zu produzieren. Für den Privatgebrauch. Sehr schnell interessierten sich aber auch Nachbarn und Verwandte von Barbara Sailer für die Öle. Und bestellten eifrig. Der Kundenkreis wuchs durch bloße Mundpropaganda. Die heute 60-Jährige erweiterte ihr Sortiment und begann, auch andere Öle herzustellen. 2016 stieg Tochter Ramona (33) in die Ölproduktion ein. Und seit der Übersiedlung ins ehemalige Gasthaus Messmer ist auch Tochter Julia (29) mit an Bord. Sie leitet heute gemeinsam mit ihrer Schwester, die derzeit in Karenz ist, den Familienbetrieb. Die Ölmühle Sailer in Lochau stellt heute 23 verschiedene Öle, fast alle in Bio-Qualität, her. Das Spektrum reicht vom Hanföl über verschiedene Nussöle bis zum Schwarzkümmelöl. Verwendung finden diese vor allem in der Küche, um Speisen zu verfeinern. „Die Lieferanten unserer Ölsaaten sind so regional wie möglich“, betont Julia Sailer. Bei der Herstellung der Öle ist für sie die Qualität des Endproduktes oberstes Gebot. Die Öle werden mit einer Wasserkühlung bei maximal 37 Grad kaltgepresst. „Damit garantieren wir den Erhalt aller Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe“, erklärt die 29-Jährige. Das bedeutet aber gleichzeitig auch, dass die Öle nur ein begrenztes Haltbarkeitsdatum haben. Leinöl sei zum Beispiel sehr empfindlich, weil es sehr viele Omega-3-Fettsären enthalte. Es sei ab Pressung nur zwei Monate haltbar. Deshalb werde es von Dienstag bis Samstag täglich gepresst. „Frische ist das Wichtigste. Das schätzen und erwarten die Kunden von uns“, betont Julia Sailer.
Und wer sind die Kunden der Ölmühle Sailer? „Es sind vor allem Menschen, die auf eine gesunde und bewusste Ernährung achten. Viele wollen auch wissen, woher das Produkt stammt und welche Inhaltsstoffe es enthält.“ Die Ölmühle Sailer hat außerdem glutenfreie Mehle im Sortiment. Produziert werden diese aus den Resten der Ölproduktion, den Presslingen, die zu Mehl gemahlen werden. Auch beim Thema Nachhaltigkeit ist die Ölmühle Sailer also ein vorbildlicher Betrieb. „Was bei der Produktion übrigbleibt, kann beim Backen oder in Müslimischungen verwendet werden. Uns ist wichtig, dass nichts weggeworfen wird“, erklärt die gelernte Grafik-Designerin. Selbst die Schwebstoffe, die bei der Ölpressung entstehen, werden als sogenanntes „Mus“ (siehe Infokasten) abgefüllt. Das kann dann als Brotaufstrich oder Pesto verwendet werden.
„Was bei der Produktion übrigbleibt, kann beim Backen oder in Müslimischungen verwendet werden. Uns ist wichtig, dass nichts weggeworfen wird.“
Die Ölmühle Sailer wurde 2010 von Barbara Sailer gegründet. Inzwischen leiten die Töchter Julia und Ramona die Geschäfte. Die Eltern, Barbara und Christian, sind aber nach wie vor beratend und unterstützend im Betrieb tätig. Im Familienbetrieb sind zusätzlich vier Mitarbeiterinnen beschäftigt. Bio-Mus: Das frisch gepresste Öl kommt immer trüb aus der Presse, weil es Schwebstoffe enthält. Diese werden aber nicht herausgefiltert, sondern das Öl wird ein paar Tage ruhen gelassen. Dadurch setzen sich die Schwebstoffe ab (es „sedimentiert“). Anschließend kann das reine Öl vorsichtig abgeschöpft und in Flaschen gefüllt werden. Das Sediment („Mus“) wird in Gläschen abgefüllt. Das Pressen der Öle nimmt unterschiedlich viel Zeit in Anspruch. Für Leinöl braucht es etwa vier Kilo Saatgut für einen Liter in der Stunde. Traubenkernöl braucht mehr als doppelt so viel für einen Liter (zirka neun Kilo). Kokosnussöl läuft am schnellsten. Da schaffen zwei Pressen 100 Liter in fünf Stunden. Die Herstellung von Kürbis- und Sonnenblumenöl dauert am längsten. Da sind zwei Pressen für 24 Liter den ganzen Tag im Einsatz. Öffnungszeiten der Geschäfte: Lochau, Landstraße 3, Donnerstag, Freitag: 8 bis 18 Uhr, Samstag, 8 bis 13 Uhr Seit kurzem gibt es vor dem Geschäft in Lochau auch einen Automaten („Ölaf “), der sieben Tage pro Woche rund um die Uhr geöffnet ist. Zahlung ist nur mit Bargeld möglich. Wangen im Allgäu, Eselberg 5, Mittwoch und Freitag: 9 bis 18 Uhr, Samstag: 9 bis 13 Uhr Bestellungen auch im Online-Shop (oelmuehle-sailer.at), per E- Mail (info@oelmuehle.at) oder telefonisch unter 0664 123 70 04 Auf der Homepage finden sich zu jedem Produkt auch genaue Erklärungen über Herkunft und Inhaltsstoffe plus zahlreiche Rezeptideen.
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Wissen Sie, was ein „Gönnungsprodukt“ ist? So bezeichnet Enes Seker, Gründer der Kette „Royal Donuts“, seine kunterbunten Kalorienbomben. Ich wundere mich schon eine Weile über den aktuellen Donut-Hype. Warum stehen so viele Leute Schlange für die schrillen, überzuckerten, in Fett gebackenen Teig-Kringel? Es könnte der Zeitgeist sein. Vielleicht brauchen die Menschen gerade in Krisenzeiten diese Alltags-Exzessle. Kleine Glücksmomente in einer angespannten Lebensphase. Offenbar erfreuen sich auch Schlagerklänge, aufwändig dekorierte Fingernägel oder esoterische Glückssprays großer Beliebtheit. Da ist mir ein kulinarisches Gönnungsprodukt lieber. Am besten saisonal und hausgemacht. Für mich gehören Erdbeeren in Kombination mit weißer Schokolade zum Besten, was der Mai zu bieten hat. So ein Glas voller Erdbeer-Gelee, Erdbeer-Mousse und weißem Schokolade-Mousse ist ein Gedicht. Schicht für Schicht. Nicht?
Erdbeeren und weiße Schokolade zum Löffeln 12 |
Zutaten für 6 bis 8 Dessertgläser: Erdbeer-Gelee: • 300 g Erdbeeren • 1 EL Vanillezucker • 30 ml Moscato d’Asti • 2 Blatt Gelatine • 2 EL Orangenlikör Erdbeer-Mousse: • 300 g Erdbeeren • 80 g Zucker • 1 TL Vanillezucker • 3 Blatt Gelatine • 250 ml Rahm • 2 EL Orangenlikör
Weißes Schokolade-Mousse: • 170 g weiße Schokolade (vielleicht schlachten Sie einen weißen Osterhasen!) • 1 Ei • 1 Eigelb • 20 g Zucker • 1 TL Vanillezucker • 250 ml Rahm • 2 Blatt Gelatine • 2 EL Orangenlikör • zum Dekorieren ein paar gehackte Pistazienkerne
Zubereitung: Zuerst das Erdbeer-Gelee herstellen: Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Erdbeeren waschen, Stile entfernen, klein schneiden und mit Zucker und Moscato ein paar Minuten weich köcheln. Ein feines Sieb auf eine Schüssel stellen und weiche Erdbeeren durchdrücken. Likör erwärmen, ausgedrückte Gelatine darin auflösen und mit dem Erdbeersaft verrühren. In Gläser aufteilen und kühlen. Für die Erdbeer-Mousse Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Rahm steif schlagen und kühl stellen. Erdbeeren waschen, Stile entfernen, klein schneiden und mit Zucker und Vanillezucker pürieren und durch ein Sieb drücken. Likör erwärmen, ausgedrückte Gelatine darin auflösen. Flüssigkeit ins Erdbeermark rühren und
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geschlagenen Rahm mit dem Schneebesen unterheben. Auf das kalte Erdbeer-Gelee in die Gläser schichten. Wieder kühl stellen. Schließlich für die Schokolade-Mousse Gelatine in kaltem Wasser einweichen. Rahm steif schlagen und kühl stellen. Schokolade grob hacken, im Wasserbad schmelzen und zur Seite stellen. Über demselben Wasser-Topf in einem Rührkessel Ei und Eigelb mit Vanillezucker und Zucker schaumig schlagen. Likör erwärmen, ausgedrückte Gelatine darin auflösen. Mit der geschmolzenen Schokolade in die Ei-Mischung einrühren, Rahm unterheben. Auf das Erdbeer-Mousse verteilen und nochmals zwei Stunden kühl stellen. Mit gehackter Pistazie dekorieren und gönnerhaft servieren. Tipp: Statt des Orangen-Likörs können Sie zwei Esslöffel Rahm erwärmen und die Gelatine darin auflösen. So mache ich das, wenn die Kinder mitessen. Für Orangen-Aroma können 2, 3 Tropfen Bio-Orangenöl sorgen. Noch ein Tipp: Wer keine Gelatine mag, kann das pflanzliche Geliermittel Agar Agar verwenden. Ich bin beim Ausprobieren daran gescheitert, werde aber weiterüben. Musiktipp: Der Sound zu dieser angespannten Zeit stammt von „Stromae“. Mit dem Album „Multitude“ verarbeitet der belgische Musiker, Produzent und Modedesigner seine Vergangenheit, die von Angstzuständen und Panikattacken geprägt war. Der Song „L'enfer“ („Die Hölle“) ist auch eine Hommage an die vielen Menschen, denen Pandemie und Kriegssorgen psychisch zu schaffen machen.
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Von Daniel Mutschlechner, probelokal.com
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Eine Kindheit im Camp Vorkloster Bereits vor über 100 Jahren kamen ukrainische Kinder mit ihren Eltern als Kriegsflüchtlinge nach Vorarlberg. 1945 folgten Dutzende weitere. Larysa war eine von ihnen. Text: Wolfgang Weber, Fotos: Zorianna Hyworon
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m Spätsommer 1914 trafen 24 Beamtenfamilien aus der Westukraine in Dornbirn ein. Sie waren vor Kampfhandlungen der österreichisch-ungarischen Armee mit Russland geflüchtet, die den Ausbruch des 1. Weltkriegs in Osteuropa begleiteten. 30 Jahre später kamen wieder ukrainische Flüchtlingsfamilien nach Vorarlberg. Sie waren vor der Roten Armee geflohen. Diese befreite ab Mitte 1944 die drei Jahre zuvor durch die Deutsche Wehrmacht im 2. Weltkrieg eroberte Ukraine von der NS-Herrschaft. Insbesondere jene Ukrainerinnen und Ukrainer, welche zwischen 1941 und 1944 mit der deutschen Besatzung kooperiert hatten, suchten damals aus Angst vor Verfolgung durch die Sowjetunion den Weg Richtung Westeuropa. Unter diesen ukrainischen Flüchtlingen des Jahres 1944 waren Iwana Krisyj und Wolodymyr Bozyk. Ende 1944 erreichten die zwei über die Tschechoslowakei und Ungarn Wien. Dort fanden sie bei einem Onkel der Familie eine Unterkunft. Er hätte, so erzählt das erste, im November 1945 in Wien geborene Kind der beiden, auf die Wohnung eines jüdischen Bekannten aufgepasst, der Wien Richtung Italien verlassen habe (sic!). Wenige Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Larysa verließen Iwana und Wolodymyr die österreichische Bundeshauptstadt in Richtung Vorarlberg. Sie hatten in Wien im russisch besetzten Sektor gewohnt. Dort war es für sie nicht mehr sicher, weil Iwana von Weihnachten 1942 bis Juli 1944 für die NS-Besatzung in der Ukraine gearbeitet hatte. Daher stellte die junge Familie den Antrag auf Verlegung nach Vorarlberg. Im Jänner 1946 wurden die drei in das sogenannte Camp Vorkloster in Bregenz zugewiesen.
Das Camp Vorkloster
Ukrainische Identitätsbildung im Lager
Dieses Flüchtlingslager hatte mehrere Standorte, unter anderem bei der ÖBB-Haltestelle Riedenburg, am Bodensee beim Festspielgelände oder beim Erawäldele. Anders als in der Gegenwart wurden die Unterkünfte damals durch die Flüchtlinge selbst verwaltet. So war gesichert, dass die geringen Mittel, welche die Vorarlberger Landesregierung, die französische Militärregierung und die International Refugee Organisation in der Bregenzer Römerstraße 2 zur Verfügung stellen konnten, am besten nach deren eigenen Bedürfnissen verwendet wurden. Der Lagerleiter, der Lagerpolizist, die Lagerkindergärtnerin, selbst das medizinische Personal waren Flüchtlinge.
Links: Fronleichnamsfest in der Kapuzinerkapelle in Bregenz, 1949 Unten: Jordanfest in der Kapuzinerkapelle in Bregenz, 1947
Oben: Larysa und ein Junge in Bregenz vor den Baracken, 1946 Rechts: Larysa mit Freundin, 1949
Flüchtig und staatenlos
Larysa erinnert sich tatsächlich an keine Auseinandersetzungen, aber an große Angst, welche die Flüchtlinge vor einer möglichen Rückführung in die Sowjetunion hatten. Die vier alliierten Sieger des 2. Weltkrieges hatten sich nämlich darauf geeinigt, dass möglichst alle Flüchtlinge in ihre Herkunftsländer abgegeben werden sollten. Bis zu fünf Millionen Ukrainer:innen waren 1944/45 von dort geflüchtet, unter ihnen etwa auch ein Onkel von Larysa, der aus der Roten Armee desertiert war. Für ihn hätte eine Rückführung den sicheren Tod bedeutet. 200.000 der ukrainischen Flüchtlinge hatten den Status von sogenannten Displaced Persons, das heißt sie hatten keine anerkannte Staatsbürgerschaft. Ihnen stand die Migration in andere Staaten offen. Einen solche strebten daher viele an. Die Familie Bozyk wurde im April 1947 als staatenlos anerkannt. Sie stellten umgehend einen Antrag auf Einwanderung nach Kanada. Dieser wurde zwei Jahre später genehmigt. Zu Weihnachten 1949 verließen sie das Camp Vorkloster über Bremerhaven nach Kanada.
Flucht vor der Roten Armee 14 |
Larysa, die wenige Wochen alt mit ihren Eltern in das Camp Vorkloster gekommen war, verbrachte ihre ersten vier Lebensjahre im Hauptlager des Camps nahe des Schöllersteigs. Dort standen sechs Baracken, in denen viele Dutzend Menschen wohnten. Zu Beginn waren die Lager nach Ethnien über ganz Vorarlberg aufgeteilt gewesen. Ukrainische und russische Menschen wurden von den Behörden im Jahre 1945 als ein Volk gesehen. Daher waren sie gemeinsam in einem Lager untergebracht. So sollten Spannungen zwischen den unterschiedlichen Ethnien der rund 40.000 Menschen zählenden Flüchtlingspopulation in Vorarlberg nach Kriegsende 1945 vermieden werden.
Bis dahin erfuhr Larysa neben der Angst der Erwachsenen im Lager auch deren Schutz und eine starke ukrainische Prägung. In der Bregenzer Kapuzinerkirche feierten die Ukrainer:inen ihre religiösen Feste. 1947 war das Kloster der Ort für eine Ausstellung mit Handwerkserzeugnissen aus ihrer Heimat. Im Lager selbst gab es einen Kindergarten, Faschingsveranstaltungen für Kinder und Theateraufführungen. Bei festlichen Anlässen trugen die Kinder ukrainische Trachten. Iwana Mamchak, die ukrainische Kindergärtnerin des Camp Vorkloster, ging mit den Kleinen ins deutschsprachige Umfeld hinaus. Und sie lehrte sie deutsche Kinderlieder und Gedichte. Manche davon kann Larysa noch heute, mit 78 Jahren, auswendig vorsprechen.
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Wider das Vergessen
Ihre Erinnerungen an ihre frühe Kindheit im Camp sind freundliche. Umso mehr enttäuschte es sie, als sie vor einigen Jahren zur Recherche über ihre ersten Lebensjahre nach Bregenz zurückkehrte. Auf der Suche nach den Orten ihrer Kindheit wurde sie von Einheimischen darauf verwiesen, dass niemand die Bregenzer Vergangenheit einer großen Flüchtlingsgemeinschaft interessiere. Sie ruhen zu lassen, wäre klüger. Larysa geht einen anderen Weg als den empfohlenen: Sie vermittelt seit Februar diesen Jahres private Fluchthilfe für ukrainische Kinder des aktuellen Krieges zwischen Russland und der Ukraine. Sie ruht auch nicht bezüglich einer Erinnerung an die ukrainische Community im Camp Vorkloster. Eine Ausstellung mit Fotos über das Lagerleben im Bregenz der Nachkriegszeit ist ihr eine Herzensangelegenheit. Einige dieser Fotos, die einmalig für die Vorarlberger Landesgeschichte sind, druckt die marie hier exklusiv ab. Wer mehr hat, kann sie gerne Larysa zur Verfügung stellen.
LÖSUNGEN Schachecke 1 1...Td1+! Weiß nahm mit seinem letzten Zug einen vergifteten Bauern auf c5 und übersah dabei dieses entscheidende Schach. Auf 2.Txd1 erobert Schwarz mit 2...Dxc5 die Dame und nach 2.Lf1 Dxc5 3.Txc5 gewinnt Schwarz durch 3... Txa1 einen ganzen Turm. Weiß gab sich daher sofort geschlagen. 2 1.Lxd5! Dieser Zug gewinnt eine Figur, da sich 1...Dxd5 wegen 2.Sf6+ verbietet. Schwarz gab nach dem Figurenverlust ohne weiteren Kampf auf. 3 1.Df6+ Kg8 2.Lh6! Mit diesem Zug knüpft Weiß ein unzerreißbares Mattnetz. Entweder setzt Weiß auf f8 oder g7 matt. Versucht Schwarz mit 2...Df7 beide Mattdrohungen abzuwehren, folgt einfach 3.Dd8+ und Matt im nächsten Zug. Schwarz ließ sich das nicht mehr zeigen und gab bereits nach 2.Lh6! auf. Rechenrätsel Für Anfänger = 75, Für Fortgeschrittene = 37, Für Genies = 9 Sudoku 1
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DAS FLAGGEZEIGEN
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achbarn von mir sind gewaltige USA-Fans. Ihre Liebe zum American Way Of Life, den sie mit Dingen wie Harley-Davidsons, PickUp-Trucks, Barbecues, Country Music oder Budweiser Bier verbinden, drückten sie jahrelang durch eine gehisste Südstaatenflagge aus. Dass es sich bei dieser Flagge nicht um reine Folklore, sondern um ein Symbol handelt, das für die Sklaverei steht und auch vom rassistischen und mörderischen Ku-Klux-Klan verwendet wird, scheint ihnen egal oder nicht bekannt gewesen zu sein. Ich war erleichtert, als sie diese Fahne vor ein, zwei Jahren kurzerhand durch die Pride-Regenbogenflagge ersetzten, als diese in Mode kam. Nun wehte das Symbol, das für die Vielfalt von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender steht, vor ihrem Haus – ein angenehmer Kontrast zu den Deutschland-Flaggen, die gegenüber ausgehängt wurden, sobald ein Fußballspiel stattfand, oder wenn sich rot-weiß-rote Fahnen in die Umgebung mischten, die wahrscheinlich aus Protest gegen Coronamaßnahmen ausgerollt waren. Inzwischen sind unsere Nachbarn erneut dem Trend gefolgt und haben statt der Regenbogenfahne die ukrainische Nationalflagge gehisst. Jetzt sind sie Teil der vielen Menschen hierzulande, die sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs in den ukrainischen Nationalfarben wiederfinden. Menschen, die bis vor Kurzem weder genau wussten, wo die Ukraine liegt, noch ihre Geschichte kannten, tragen heute Blau-Gelb. Dies wird als Solidarität gewertet und ist ein typisches Merkmal der von Symbolpolitik, Undifferenziertheit und Selbstprofilierung durchsetzten Zeit, in der wir leben. Das Streben danach, möglichst augenblicklich, wenn auch oberflächlich, lieber rasch als reflektiert seine Meinung kundzutun, hat, von den sozialen Medien ausgehend, alle Bereiche unserer Gesellschaft erfasst. Die immer bessere Kommunikationstechnologie verleitet uns dazu, immer weniger darüber nachzudenken, bevor wir uns zu etwas äußern. Kaum ein westlicher Politiker zeigt sich heute bei Medienauftritten ohne eine auf sein Sakko geheftete ukrainische Flagge. Angesichts der Brutalität von Putins Schreckensregime, seiner Gräueltaten und des blanken Zynismus,
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Text: Hans Platzgumer Foto: iStock CND-Zeichen: wikipedia
mit der der russische Herrscher die Welt zu schockieren weiß, scheint so etwas unumgänglich zu sein. Und doch sollte man innehalten und sich fragen, ob das Tragen der ukrainischen Nationalfarben in solch aufgeheizten Zeiten ein seriöses und besonnenes Ausdrucksmittel ist? Allerorts liegt heute der Krieg in der Luft. In Ländern, wo er noch nicht als bewaffneter Konflikt ausgetragen wird, wird er lautstark eingeläutet und verbal vorbereitet – so wie sich alles immer zuerst in Worten und dann in Taten zeigt. Der Ukrainekrieg ist wohl von Anfang an kein einfacher Krieg zwischen Nachbarstaaten gewesen, sondern einer zwischen Russland und der NATO, zwischen Ost und West oder, wie Joe Biden es ausdrückt, zwischen Autokratien und Demokratien. Als Endkampf zwischen Gut und Böse wird er stilisiert, und ja, es geht um nicht weniger als die Weltherrschaft. Einen Weltkrieg kann zwar niemand anstreben, weil kaum jemand ihn überleben würde, dennoch stehen wir erschreckend nahe seines Ausbruchs und täten gut daran, anstatt ihn durch nationalistische Symbole anzuheizen, ihn, wo immer es möglich scheint, zu de-eskalieren. Das Gegenteil geschieht. Mitte April fanden in Hannover zeitgleich pro-russische und pro-ukrainische Demonstrationen statt, beide regelrechte Fahnenräusche. Die Sprecherin des ZDF-Heute-Journals resümierte: „An diesem Tag waren die ukrainischen Fahnen in der Überzahl.“ Sie sagte es, als handle es sich um ein Fußballspiel, als wäre, auf deutschen Straßen zumindest, die Ukraine in Führung gegangen. Befinden wir uns bloß in einem Spiel mit den Nationalfarben oder längst mittendrin im Gegenteil einer spielerischen Auseinandersetzung? Wenn beispielsweise der österreichische Gesundheitsminister bei TV-Interviews zur Coronakrise – die praktisch nichts mit dem Krieg zu tun hat – die ukrainische Nationalflagge trägt, ist das dann wirklich eine nützliche Form des Protests gegen Putins Kriegstreiberei? Oder grenzt es vielmehr an Selbstdarstellerei? Der Gesundheitsminister will Flagge zeigen, aber was genau will er mit dieser Flagge zeigen? Ist er von den Grünen zu Tymoschenkos Vaterlandspartei gewechselt? Ein Krieg ist nicht nur eine der schlimmsten menschengemachten Katastrophen,
eine Bankrotterklärung des zivilisierten Umgangs, er ist fast immer auch eine komplexe Angelegenheit. Wer auf komplexe Themen mit reflexartigen, möglichst plakativen Mitteln reagiert, tut genau das, was Rechtspopulisten tun. Wählt jemand nationalistische Symbole wie Nationalflaggen, um seine Meinung kundzutun, wie wohl gemeint sie auch sein könnte, er tut genau das, was Rechtspopulisten tun. Er vereinfacht, verkürzt, um sich für eine Nation und gegen eine andere zu positionieren. Er will zwar womöglich gegen den Krieg demonstrieren, entscheidet aber, zu diesem Zweck nationalistisches Gedankengut zu übernehmen. Um der Abscheu dem Krieg gegenüber Ausdruck zu verleihen, gäbe es weitaus passendere Symbole, die sich seit Generationen etabliert haben, allen voran das CND-Zeichen, das 1958 von Gerald Holtom für die Campaign for Nuclear Disarmament entworfen wurde. Auch die Friedenstaube oder der Olivenzweig böten sich an. Oder die seit 1961 bekannte PACE-Regenbogenfahne. Hefte ich mir beim Fernsehinterview PACE auf die Brusttasche, bringe ich zum Ausdruck: Ich bin gegen diesen Krieg, ich verurteile die Handlungen, die dazu geführt haben, und darüber hinaus verurteile ich alle anderen derzeit tobenden Kriege, in Äthiopien etwa, in Libyen, Syrien oder im Jemen, wo sich seit einem halben Jahrzehnt eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der Menschheitsgeschichte abspielt, auch wenn sich in Europa kaum jemand dafür interessiert. Schwenke ich stattdessen die ukrainische Nationalflagge, macht das einen eher im Fußballstadion angesiedelten Eindruck: Ich helfe zur Ukraine, ich will, dass sie gewinnt. Der Wahn, exzessiv und unreflektiert zu Nationalflaggen zu greifen, um seine Haltung nach außen zu tragen, ist im deutschen Sprachraum seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und der parallel dazu lancierten Kampagne „Du bist Deutschland“ aufgekommen. Bis dahin war es zumindest in gebildeteren deutschen Kreisen verpönt gewesen, SchwarzRot-Gold zu tragen. Dann aber überkam als Sommermärchen ein neues deutsches Nationalgefühl das Land. Kaum ein Auto war nicht in den Nationalfarben herausgeputzt, sogar Linksautonome rannten mit Deutschlandfähnchen herum.
Wenn es die anderen schon dürfen, so der Tenor, die fanatischen Portugiesen oder Türken etwa, dann werden wir es nun doch endlich auch wieder dürfen, lange genug haben wir uns zurückgehalten. Eine patriotische Welle ergriff Deutschland, bis hinein in die Kultur, wo Blasmusik, in die Mode, wo Trachten oder in die Kulinarik, wo deutsche Hausmannskost ein Revival erlebten, zog sie sich. Bis heute hat sie sich gehalten, nicht bloß bei jedem Länderspiel schwappt sie über. Seit der Coronapandemie zeigen auch Maßnahmengegner leidenschaftlich Flagge. In Österreich sind derartige Demonstrationszüge in ein rot-weiß-rotes Meer getaucht. Obwohl es den Protestierenden um etwas anderes geht, als national-patriotisches Bewusstsein zur Schau zu stellen, die Botschaft dieses bindenschildschen Rausches ist: Wir sind das österreichische Volk, wir halten zu Österreich. Es ist ein Katzensprung von gesundem Patriotismus hin zu gefährlichem Nationalismus. Einen Herbert Kickl erquickt es freilich, in einem Meer österreichischer Fahnen zu baden. Was aber spielt sich in den Köpfen weiter linksstehender Politikerinnen und Politiker ab, die zu Nationalflaggen greifen? Und was, wenn sie sich der Flagge einer fremden Nation bedienen? Wenn sich diese Nation in einem Krieg befindet? Dann treten auch sie in diesen Krieg ein, ohne sich vom Krieg an sich zu distanzieren. Sie offenbaren keine pazifistische, antimilitaristische Haltung. Sie erwecken den Eindruck, nicht Frieden um jeden Preis zu wollen, sondern den Sieg jener Kriegspartei, für die sie einstehen. Doch Krieg ist kein Fußballspiel. In der Ostukraine herrscht seit über sieben Jahren ein blutiger Bürgerkrieg, inzwischen hat er sich auf das ganze Land ausgeweitet und droht, noch weit darüber hinauszugehen. Sich unter diesen Umständen einem Nationalismus anund Nationalflaggen umzuhängen, kann kein angemessenes Ausdrucksmittel sein, um Weltfrieden einzufordern. Eine wirklich befriedete Welt, wie wir sie im Idealfall eines Tages erleben, muss eine sein, in der wir uns von nationalistischem Denken gänzlich befreit haben. Am besten fangen wir jetzt sofort damit an, anstatt blindlings in die andere Richtung zu kippen.
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INTERVIEW
#71 | Mai 2022
Die Kompetenz der Babys, schwierige Situationen zu verarbeiten, wird allgemein unterschätzt. Was sie dazu brauchen, sind in erster Linie Eltern, die gut mit sich selbst in Kontakt, innerlich ruhig sind.
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Das bedeutet in dem Fall auch, dass Babys schon im Mutterleib traumatisiert werden können? Ja definitiv. Die Pränatalpsychologie, also jener Teil der Entwicklungspsychologie, der sich mit den Prägungen dieser frühen Lebenszeit vor der Geburt und deren Auswirkungen beschäftigt, weist schon lange darauf hin.
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Die Wolfurterin Birgit Kalb (57) ist Craniosacral- und Traumatherapeutin und hat sich auf frühkindliche Traumata spezialisiert. In ihrer Praxis betreut sie Babys und deren Eltern. Aber auch die Weitergabe von traumatischen Erlebnissen auf nachfolgende Generationen ist ein Gebiet, in dem sich die Expertin auskennt. Im Gespräch mit der marie erklärt sie ihre therapeutische Arbeit und spricht über mögliche Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf Menschen in Vorarlberg. Interview: Brigitta Soraperra und Simone Fürnschuß-Hofer Fotos: Jasmine Kalb, iStock, alamy
„TRAUMAHEILUNG BRAUCHT ZEIT – UND WAHRHEIT“ Sie sagen, eine frühkindliche Traumatisierung wirkt schwerer als ein Trauma, das der erwachsene Mensch erlebt. Warum ist das so? Das Baby hat keine Möglichkeit, nicht einmal theoretisch, sich vor der Traumatisierung zu schützen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist absolut darauf angewiesen, dass die Eltern oder die Fachpersonen seine Not erkennen und ihm helfen. Es gibt noch keine Sprache, um das Erlebte auszudrücken. Im Unterschied zu einem Erwachsenen gibt es nicht die Möglichkeit, sich bewusst an das Ereignis zu erinnern, weil die dafür notwendige Gehirnstruktur noch gar nicht entwickelt ist. Das könnte aber doch auch bedeuten, dass es sich nie mehr daran erinnert? Die einschneidende Erfahrung bleibt in jedem Fall in unserem Nervensystem gespeichert und läuft, vor allem unverarbeitet, wie eine „externe Festplatte“ unbewusst mit. Sie bestimmt später in unserem Leben – besonders in Stresssituationen – unsere Gefühle und unser Handeln. Man nennt das Stressimprint, also eine Art Prägung, die später zu körperlichen oder psychischen Erkrankungen führen kann. Auch die Bindung zwischen Eltern und Kindern kann sie stören oder gar verunmöglichen. Für das Baby bedeutet das den Verlust von Sicherheit und Geborgenheit, nicht selten reagiert es dann beispielsweise mit Schlafstörungen oder lässt sich kaum beruhigen.
Wie arbeiten Sie mit Babys, wie mit deren Eltern, wenn sie zu Ihnen in die Praxis kommen? Mittels Verlangsamung. Ich versuche, viel Zeit einzuräumen und als erstes eine gute Basis des Vertrauens und der Sicherheit zu schaffen. Die Kompetenz der Babys, schwierige Situationen zu verarbeiten, wird allgemein unterschätzt. Was sie dazu brauchen, sind in erster Linie Eltern, die gut mit sich selbst in Kontakt, innerlich ruhig sind. Sind Eltern selbst traumatisiert, etwa durch die Geburt des Kindes oder durch andere Ereignisse in ihrem Leben, wird das Weinen des Kindes ihre eigenen Traumaerfahrungen reaktivieren. Ein bedeutendes Werkzeug in der Arbeit mit den Eltern ist die Atmung in den Bauchraum. Nach einer ersten Beruhigung gebe ich ich den Eltern und dem Baby Raum, das Erlebte zu erzählen. Babys erzählen? Absolut. Nicht mit Sprache, aber mit Emotionen. Es kommt immer wieder vor, dass das Baby zunächst schläft und dann, wenn die Eltern ihre Erlebnisse erzählen, genau an dem Punkt zu weinen beginnt, wo es auch für das Baby schwierig war. Das ist sehr berührend. Die Eltern müssen spüren, dass sie alles erzählen dürfen, denn Traumaheilung braucht Wahrheit. Wenn dann bei ihnen Stress aktiviert wird, achte ich darauf, dass sie immer wieder in die Ruhe kommen, also eine Pendelbewegung im Nervensystem entsteht. Sie sagen, das Trauma bewirkt eine Erstarrung im Nervensystem. Wie wirkt sich das körperlich aus? Bei den Babys zeigt sich das, wie gesagt, als Schlafstörungen, Koliken, Saugprobleme oder innere Unruhezustände. Bei Erwachsenen kann es mit Panikattacken verbunden sein, die sich in Herzrasen, Bluthochdruck, Schwindel und Alpträumen zeigen. Auch Taubheit und Gefühllosigkeit – sowohl real körperlich wie emotional – sind Auswirkungen, ebenso wie deren Gegenteil: Schreckhaftigkeit und Reizbarkeit. Bei den Betroffenen
geht es darum, Erinnerungslücken zu schließen, um wieder Anschluss an die eigenen Gefühle zu bekommen. Trauma kann wie ein Filmriss empfunden werden. Die Craniosacral-Therapie ist hier eine hilfreiche Methode, die, vereinfacht gesagt, die Fixierung im Organismus zu lösen hilft und Anbindung nach Innen zulässt. Auf der emotionalen Ebene bedeutet das, dass sich Gefühle wie Hilflosigkeit und Ohnmacht wieder in ein „Ich kann…“ verwandeln. Ist es wichtig, ursächliche Situationen in der Therapie noch einmal zu durchleben oder wäre Verdrängen auch eine Möglichkeit, um diese Erlebnisse „verarbeiten“ zu können? Es ist eine veraltete Vorstellung von Traumatherapie, dass es zwingend notwendig ist, das Erfahrene noch einmal zu durchleben. In vielen Therapieformen ist ein inhaltsfreies Arbeiten möglich, das heißt, es braucht nicht zwingend die Rekonstruktion des Ereignisses, was zum Beispiel bei sexuellem Missbrauch sehr unterstützend sein kann. Meine Erfahrung ist, dass, sobald ein traumatisierter Mensch wieder Boden unter den Füßen spürt, die Wahrheit sozusagen aus ihm heraus auf den Tisch kommt. Verdrängen ist eine gute Strategie, die vor allem auch sinnvoll ist, wenn der erlebte Schrecken noch sehr zeitnah ist. Ein Verarbeiten wird allerdings verhindert.
Einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit bildet auch die transgenerationale Vererbung von Traumata und die Beschäftigung mit der sogenannten Kriegskindergeneration, also den im Zweiten Weltkrieg Geborenen. Was genau ist damit gemeint? Auf diese Frage könnte man jetzt als Antwort ein ganzes Buch schreiben. Ich versuche es kürzer. Sobald wir mit unserer Zeugung in Beziehung mit dieser Welt treten, vermischt sich das Eigene mit dem Fremden, beginnt Prägung – und schon davor. Die Eizelle, aus der wir entstehen, entwickelt sich bereits in der Embryonalzeit unserer Mutter, während sie also im Körper ihrer Mutter, unserer Oma, ist. Diese Zelle ist mit der umgebenden Atmosphäre verknüpft, nimmt also auch auf, was die Oma zu dieser Zeit erlebt und verbindet sich mit ihrer Geschichte. Wenn sie also – wie unsere Großeltern damals – in einer Kriegssituation ist und etwa großen Ängsten ausgesetzt ist, überträgt sich dieses Gefühl auf das Kind, egal ob noch im Mutterbauch oder als >>
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#71 | Mai 2022
Impressum
Kleinkind. Als erwachsene Person oder auch schon davor, können dann bei diesem Menschen Ängste auftauchen, die scheinbar irrational sind und nicht zu selbst Erlebtem zugeordnet werden können. Das heißt, ein Kriegstrauma wird gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen? Ja, in etwa. Selbst wenn eine traumatische Erfahrung der Eltern schon lange zurückliegt, ist das Kind in der Beziehung mit den Eltern mit der Die Craniosacral-Therapie ist eine hilfreiche Methode, Auswirkung dieser Erfahrung auf ihr die, vereinfacht gesagt, die Fixierung im Organismus Fühlen, Denken und Handeln konfrontiert. Das beeinflusst in jedem Fall die zu lösen hilft und Anbindung nach Innen zulässt. körperliche und psychische Entwicklung des Kindes. Als wir bei uns zum letzten Mal Krieg hatten, glaubte man noch, dass ein Kind sich Kommen wir noch zum Begriff der „Kriegsenkel“. Wie ohnedies an nichts mehr aus der frühen Zeit erinnert und es deslässt es sich neurobiologisch erklären, dass durch halb keine Auswirkung auf sein Leben hat. Kriegssituationen ausgelöste Gefühle gar über zwei Generationen hinweg vererbt werden? Ganz abgesehen von nationalsozialistischer Erziehungsdoktrin ... Zum einen beobachtet die Verhaltensforschung, wie Die sich auch auf den Umgang mit dem Säugling auswirkte, ganz wir durch die Spiegelneuronen Verhaltensweisen unsegenau. Dabei ging es darum, den Willen des Kindes von Anbeginn rer Eltern kopieren. So kann zum Beispiel ein ängstlian zu brechen. Mit dem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes ches, vermeidendes Verhalten eines Elternteils von den Kind“ von Johanna Haarer kam ein Erziehungs- und PflegeratgeKindern übernommen werden, obwohl sich diese in ber in tausende Haushalte in Deutschland und Österreich, der aus sicheren Verhältnissen befinden. Des Weiteren befasst heutiger Sicht eine Anleitung zu schwersten Bindungsverletzungen sich das Forschungsgebiet der Epigenetik mit der Entdarstellt. Das lässt Rückschlüsse auf das Ausmaß von Trauma in unwicklung eines Lebewesens ausgehend von den Wechsere Gesellschaft zu. selwirkungen zwischen Umwelteinflüssen und Genen. So wie ich es bereits mit dem Beispiel der Eizelle der Heißt das, dass für die Generationen unserer Eltern und Großeltern Mutter im Körper der Oma erklärt habe. Es werden angesichts der schrecklichen Bilder aus der Ukraine gerade eine Art also nicht nur Aussehen und Eigenschaften, sondern Retraumatisierung stattfindet? auch Emotionen weitervererbt. Inzwischen wissen wir, Ich würde eher sagen, dass ihre eigenen Erfahrungen und die damit dass wir Programme aktiv verändern können, zum verbundenen Gefühle reaktiviert werden können und das kann sich Beispiel durch Therapie, durch Bewusstwerden und sehr real anfühlen. Besonders aus der Generation der Kriegskinder Korrektur von negativem Verhalten etc. Wir können gibt es nicht viele Menschen, die ihre traumatischen Erlebnisse akalso zwar nichts dafür, dass sich ein Programm instaltiv und mit Unterstützung aufgearbeitet haben. Das sind emotionaliert, aber nur wir selbst können nicht mehr sinnvolle, le Minenfelder, die natürlich aufbrechen können. manchmal sogar zutiefst destruktive Programme verändern. Was können diese Generationen in der aktuellen Situation konkret tun? Wie können sie sich schützen? Wie können wir, die Kriegsenkelgeneration, mit dem Jede Krise ist tatsächlich auch immer eine Chance. Es kann sehr Krieg in der Ukraine umgehen? Denn auch wir nehmen gut sein, dass gerade diese Situation den Menschen hilft, über ihr eine große innere Empörung, aber auch eine Lähmung Erlebtes und ihre Gefühle zu sprechen. Das ist einfacher, wenn eine, und Hilflosigkeit wahr. in diesem Fall große zeitliche Distanz zum eigenen TraumaerlebWir sollten Verantwortung übernehmen, wo wir Vernis da ist. Darüber reden wäre sehr wichtig. Ich lade nachfolgende antwortung übernehmen können und gleichzeitig akGenerationen auch aktiv dazu ein, ihre Eltern oder Großeltern zu zeptieren, dass Gefühle, wie Sie sie beschreiben, auch fragen. Wichtig ist echtes Interesse und Mitgefühl. Um alte, durch passend sind zu der Situation. Es ist wichtig, dass wir Erfahrung entstandene unterbewusste Programme zu stoppen, ist lernen, mit diesen negativen Gefühlen zu sein, diese es hilfreich, mit unserem Verstand einen Faktencheck zu machen zuzulassen und zu regulieren. Es nützt den Menschen und uns auf das „Hier und Jetzt“ zu beziehen und uns bewusst zu in der Ukraine gar nichts, wenn wir in Hilflosigkeit machen, dass wir in Österreich, zumindest was die direkten Kriegserstarren. Darüber hinaus plädiere ich dafür, dass wir handlungen betrifft, sicher sind. uns ehrlich mit dem Kern der Opfer-Täter Dynamik
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auseinandersetzen. Immerhin haben unsere Vorfahren im Zweiten Weltkrieg einen ebenso aggressiven Angriffskrieg auf Polen ausgeübt. Wir sollten uns mit dem Opfer in uns auseinandersetzen, damit wir nicht Gefahr laufen, bei dem Gefühl von Machtverlust in die Täterebene zu wechseln. Vielen Dank für das Gespräch!
Grundlegende Richtung Die Straßenzeitung marie versteht sich als Sprachrohr für die Anliegen von Randgruppen unserer Gesellschaft. marie ist ein Angebot zur Selbsthilfe für Menschen an oder unter der Armutsgrenze, die ihren Lebensmittelpunkt in Vorarlberg haben. Ziel ist die Förderung des Miteinanders von Menschen am Rande der Gesellschaft und der Mehrheitsgesellschaft. Die Hälfte des Verkaufspreises von 2,80 Euro verbleibt den Verkäufern. marie ist ein parteiunabhängiges, soziales und nicht auf Gewinn ausgerichtetes Projekt. Redaktion marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Graf-Maximilian-Straße 18, 6845 Hohenems, Telefon: 0677 61538640, eMail: redaktion@marie-strassenzeitung.at, Internet: www.marie-strassenzeitung.at Redaktion: Frank Andres, Simone Fürnschuß-Hofer MitarbeiterInnen dieser Ausgabe: Eckart Drössler, Daniela Egger, Daniel Furxer, Guntram Gärtner, Christine Mennel, Daniel Mutschlechner, Pia Pichler, Hans Platzgumer, Petra Rainer, Brigitta Soraperra, Gerhard Thoma
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Infobox Mit frühkindlichen Traumata sind Traumatisierungen gemeint, die im vorgeburtlichen Zeitraum, aber auch während der Geburt oder in der vulnerablen Zeit des Anpassens nach der Geburt bis etwa zum dritten Lebensjahr geschehen. Ein Baby kann etwa bei einer Kaiserschnittgeburt mit einem Verlust der Orientierung konfrontiert sein, ähnlich wie ein Mensch, der bei einem Autounfall ein Schleudertrauma erlebt hat. Oder es wirken enorme Kräfte auf das Baby ein, wenn die Wehentätigkeit sehr stark ist, aber der Muttermund sich nicht entsprechend öffnet. Im vorgeburtlichen Bereich können invasive Interventionen wie beispielsweise eine Fruchtwasserpunktion ein Trauma verursachen. Genauso wie körperlicher oder seelischer Stress der Mutter oder Rauchen und Drogenkonsum während der Schwangerschaft. In dieser symbiotischen Phase der Mutter-Kind-Beziehung wirkt sich alles, was die Mutter erfährt, auch auf das Kind aus und umgekehrt.
Literaturhinweise Thomas Harms: Keine Angst vor Babytränen. Wie Sie durch Achtsamkeit das Weinen Ihres Babys sicher begleiten. Gießen 2018 Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2014 (20. Aufl.) sowie: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart 2013 (10. Aufl.) Ingrid Meyer-Legrand: Die Kraft der Kriegsenkel. Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen. München 2021 Kontakt/Infos: www.birgitkalb.at
Zeitungsausgabestellen: Dornbirn: Kaplan Bonetti Sozialwerke, Kaplan-Bonetti-Straße 1, Montag, Mittwoch und Freitag von 8 bis 9 Uhr Bregenz: dowas, Sandgrubenweg 4, Montag und Donnerstag 8.30 bis 10.30 h Feldkirch: Caritas-Café, Wohlwendstraße 1, Montag bis Freitag 8.30 bis 14 h Bludenz: do it yourself, Kasernplatz 5-7/3b, Montag und Mittwoch 14 bis 16 h Anzeigen Kontakt: anzeigen@marie-strassenzeitung.at Medieninhaber und Herausgeber Verein zur Förderung einer Straßenzeitung in Vorarlberg, ZVR-Zahl 359044778 6833 Klaus eMail: redaktion@marie-strassenzeitung.at Vorstand Frank Andres, Obmann Christina Vaccaro, Obmann-Stellvertreterin, Schriftführerin Oliver Mössinger, Kassier Externe Beiräte DSA Markus Hämmerle, DSA Heidi Lorenzi, Cornelia Matt, Mag. Peter Mayerhofer, Dr. Claudio Tedeschi Druck: Russmedia Verlag GmbH, Schwarzach Auflage: 15.000 Exemplare, Erscheinungsweise monatlich Layout/DTP/Bildbearbeitung :TAGWERK Grafik|Design Monika Dür Bankverbindung & Spendenkonto Raiffeisenbank im Rheintal, IBAN: AT94 3742 0000 0648 3580, BIC: RVVGAT2B420 © 2022 marie. Alle Rechte vorbehalten.
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#71 | Mai 2022
Jährlich am 5. Mai findet der europäische Protesttag zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen statt. Die marie hat eine junge Rollstuhlfahrerin gebeten, uns zu schildern, wie es um das Thema Gleichstellung und ihre ganz persönlichen Teilhabe-Möglichkeiten bestellt ist.
ES IST AN DER ZEIT, ÜBER BARRIEREFREIHEIT ZU SPRECHEN
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ir schreiben das Jahr 2022: Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 14 Jahren in Kraft und die zehnjährige Übergangsfrist des Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes ist bereits vor über sechs Jahren ausgelaufen. Dennoch scheint Barrierefreiheit in Österreich eher die Ausnahme als die Regel zu sein, wie ich als Rollstuhlfahrerin aus eigener Erfahrung sagen kann. Für mich ist es leider immer noch selbstverständlich, mir im Voraus Gedanken über die Barrierefreiheit eines Ortes machen zu müssen. Ich google, rufe an oder schreibe Mails, um herauszufinden welche Barrieren mich erwarten. Darüber hinaus muss ich immer einen Plan B für alle Eventualitäten im Hinterkopf haben. Denn Barrierefreiheit ist weit mehr als ein paar Rampen anstatt von Treppen. Es bedeutet, dass ich in jedem Restaurant, in jeder Bar und in jedem Club auf die Toilette gehen kann. Es bedeutet, dass ich mit jedem öffentlichen Verkehrsmittel auch mitten in der Nacht nach Hause komme, ohne abgewiesen zu werden. Es bedeutet, dass ich nicht länger vor Geschäftseingängen warten muss, weil jedes Geschäft rollstuhlgerecht ist. Schlicht und einfach gesagt, bedeutet Barrierefreiheit gleichberechtigte Teilhabe sowie Chancengleichheit und bildet somit die Grundlage für Inklusion. Deshalb müssen wir als Gesellschaft endlich anerkennen, dass es bei Barrierefreiheit nicht um ein Privileg, eine Extrawurst oder besondere Bedürfnisse geht, sondern um ein gesetzlich verankertes Recht. Jedoch ist teilweise nicht genau definiert, wie Barrierefreiheit in den einzelnen Bereichen auszusehen hat und dies führt im Alltag zwangsläufig zu weiteren Barrieren, die vermeidbar gewesen wären. Denn es fehlt nach wie vor an Bewusstsein, was alles eine Barriere darstellen kann und wie diese Barrieren beseitigt werden können. Bestes Beispiel dafür ist der Zugang zu einer Außenstelle des Rathauses in meinem Heimatort. Ich habe dort vor ein paar Jahren einen Teil meines schulischen Pflichtpraktikums absolviert und obwohl das gesamte Gebäude kurz davor grundlegend saniert wurde, musste ich zu meiner Enttäuschung feststellen, dass der Zugang alles andere als barrierefrei ist. Der Zugang zum Gebäude ist nämlich nur über feinen Kies möglich. Das heißt für mich, dass es unmöglich ist, Zur Person: eigenständig ins Gebäude zu gelangen und es ist selbst mit Assistenz nicht gerade einPia Pichler ist 22 Jahre alt und fach. Als ich dies ansprach, machte sich Verwunderung breit, da der Architekt versiRollstuhlfahrerin. Sie kommt aus chert habe, dass es sich um rollstuhlgängigen Kies handelt. Ein weiteres Beispiel sind Lustenau und studiert momentan Behindertenparkplätze, die wie andere Parkplätze extra gepflastert oder von Rillen Betriebswirtschaftslehre an der durchzogen worden sind, damit das Regenwasser besser versickern kann. Das ProbUniversität Liechtenstein. lem dabei ist, dass die Vorderräder vom Großteil der Rollstühle darin gerne hängen bleiben bzw. sich verhaken und somit der Transfer erschwert sowie gefährlicher wird. All dies lässt sich darauf zurückführen, dass viel zu wenig Konversation mit Personen stattfindet, die im alltäglichen Leben von Barrieren betroffen sind. Darüber hinaus ist es problematisch, dass mit barrierefrei oft nur rollstuhlgerecht assoziiert wird. Etwas ist nämlich erst barrierefrei, wenn Barrieren aller Art für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen beseitigt wurden. Deswegen ist ein intensiver Diskurs über dieses vielschichtige Thema, auf den dann konkrete Handlungen zum Abbau von Barrieren folgen, schon längst überfällig. Es darf nicht länger hingenommen werden, dass Menschen aufgrund mangelnder Barrierefreiheit ausgeschlossen werden, weil das auf Papier festgehaltene Recht nur mäßig umgesetzt wird! Text und Foto: Pia Pichler
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Kolumne
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#71 | Mai 2022
Eckart Drössler
Bereichsleiter für „Bürgerservice & Information“ im Energieinstitut Vorarlberg und externer Lehrbeauftragter der FH Vorarlberg.
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uf das Argument „Öl und Gas sind endlich. Man kann nicht eine Gesellschaft und eine Wirtschaft auf der Annahme aufbauen, dass es Öl und Gas für immer gäbe. Auf einem endlichen Planeten ist nichts unendlich vorhanden“, bekam man – nicht direkt aber immer wieder auf Umwegen zu hören. „Aber für uns wird’s wohl noch reichen, die nächste Generation wird dann schon eine Lösung finden. Die Menschheit hat noch immer eine Lösung gefunden. Wir werden einen Energieträger finden, der keinen Schaden anrichtet und unendlich vorhanden ist.“ Auf das Argument, dass „das Geld, das wir für Öl- und Gas-Importe ausgeben, politische Regime fördert, die wir so direkt nicht unterstützen wollten“ konnte man feststellen: Dem Billigen und dem Bequemen zuliebe springt man schon gerne mal über den eigenen Schatten. Und hielt dem Gas und dem Öl die Treue. Die Pläne der Experten für ein Ausstiegsszenario aus den fossilen Energieträgern war in den 80er und 90er Jahren noch wenig anspruchsvoll und gut machbar. Mit sanften, koordinierbaren und leistbaren Veränderungen war ein Ausstieg bis in die Mitte dieses Jahrhunderts gut vorstellbar. Es sollte keine chaotischen Zustände geben, keine sozialen Ungerechtigkeiten, keine Knappheiten, eben alles nach Plan. Seither sind rund 40 Jahre vergangen, das Wesentliche ist nicht geschehen, ein riesiges Vollzugsdefizit liegt vor uns, trotz hoher Anstrengungen in den letzten zehn Jahren. Obwohl das Passivhauskonzept bereits 30 Jahre alt ist, dürfen nach wie vor Gebäude errichtet werden, die dreimal so viel Energie brauchen. Mit dem flauen Argument „leistbares Wohnen“ hielt man von einer
Bautechnikverordnung zur nächsten die Gasheizung am Leben, ungeachtet der rasant ansteigenden Grundstückspreise. Als ob die Baugrund-Preisrallye durch Gasheizung und Einsparung an Dämmung – statt Wärmepumpe und Top-Dämmung – zu kompensieren gewesen wäre. Der Einfachheit halber hat man die schwächste Lobby angeprangert. Nun ist es dringender politischer (und gesellschaftlicher?) Wunsch, aus den russischen Gas- und Öl-Lieferungen auszusteigen. Mit dem oben genannten Sanierungs- und Umbaudefizit, das wir angehäuft haben, ist das schwer vorstellbar. Was lässt sich in dieser Situation überhaupt machen? Ohne ein großes Sanierungskonto zur Verfügung zu haben? Die Situation ist tatsächlich schwierig. Es gibt Förderungen wie nie zuvor, aber die Branchen können nicht liefern. Einkommensschwache Haushalte können neuerdings bis zu 100 Prozent der Heizungstauschkosten gefördert bekommen. Coronabedingt gibt es aber Mangel an Leiterplatten und Computer-Chips. Das hat monatelange Lieferzeiten auf Wärmepumpen und Pelletheizungen zur Folge, auch die Dämmstoffindustrie hinkt der Nachfrage hinterher. Wer seine Öl- oder Gas-Heizung vor dem Winter noch tauschen will, muss gute Kontakte haben oder lange suchen. Für Wärmepumpen werden bereits bis zu neun Monaten Lieferzeit angegeben. Was bleibt? Verzicht, Komforteinbußen und Enthaltsamkeit darf man in unserer Gesellschaft nicht empfehlen, damit macht man sich unsympathisch. Man darf aber in andere Länder blicken und zusammenfassen, was dort in ähnlichen Situationen geschehen ist. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben für Kuba die Öllieferungen plötzlich aus. Zuerst fuhren auf
den Autobahnen wieder Ochsenkarren, heute werden in Havanna 40 Prozent des Gemüses, das die Stadtbevölkerung braucht, wieder in der Stadt selbst produziert, auf Brachflächen, auf Balkonen, Dachterrassen, in Vorgärten, in kleinen Gärtnereien. Von England geht eine Bewegung aus, in der Menschen in Städten auf verfügbaren Flächen gemeinsam Gemüse anbauen (Dokumentarfilm „In Transition“, GB, 2009), eine Reihe von europäischen Städten ist dazu übergegangen, auf öffentlichen Flächen Gemüse statt Blumen zu pflanzen. In Großbritannien ist die Raumtemperatur im Winter nach wie vor 18° in den Wohnräumen, 16° in den Schlafräumen und im Flur. Briten sind nicht öfter krank als Mitteleuropäer. Es gilt, den Körper warm zu halten, das schafft man auch mit Wollsocken, Pullover, einer Decke über den Beinen beim Abendfernsehen. Hier sind heute eher 22° gefordert als 20°. Bei einem ungedämmten Haus bedeuten ein Grad mehr Temperatur aber einen Mehrverbrauch von rund sechs Prozent Heizenergie. In vielen Häusern schulden wir also bis zu 24 Prozent unserer Heizenergie dem T-Shirt im Winter. Als 2008 in den USA die Spritpreise über die Leistungsgrenze der Pendler stiegen, bildeten sie Fahrgemeinschaften, um zwischen den Dienstzeiten ihre entlegenen Häuser noch erreichen zu können. Fuhren sie zu zweit, wurden 50 Prozent, zu viert 75 Prozent des Treibstoffs für diese Strecke eingespart. In der Folge kauften sie sich die US-Autofahrer spritsparende Fahrzeuge koreanischer, japanischer und chinesischer Herkunft und ließen ihre US-Karossen stehen. Das war bitter für die US-Automobilindustrie, das Hemd war den Autofahrern aber näher als der Rock. Als in Wien die Reichsbrücke in der Donau lag, rief man die Bevölkerung
auf, Fahrgemeinschaften zu bilden, um auf den Umgehungsstrecken einen Verkehrskollaps zu vermeiden. Das hat funktioniert, der Kollaps blieb aus. Spritsparende Kleinwagen stehen derzeit zu Hauf bei den Automobilhändlern für wenig Geld, der Trend lief hierzulande aber in den letzten Jahren in eine andere Richtung, zu mehr PS, zu mehr Hubraum, zu mehr Gewicht. Aber Vorsicht, bei einem Auto mit Verbrennungsmotor wird rund 60-75 Prozent des Sprits (je nach Fahrsituation) und damit der Spritkosten für die Produktion von Abwärme verwendet! In Österreich gäbe es das Klimaticket für rund 1000 Euro, mit dem man ein Jahr lang alle öffentlichen Verkehrsmittel in ganz Österreich benutzen kann. Begrenzt auf Vorarlberg wäre das landesweite Jahresnetzticket für 363 Euro zu haben, die weiteren Karten für Familienmitglieder kosten dann weniger. Für 363 Euro kann man ein Auto nicht einen ganzen Monat finanzieren. Öffis zu wenig flexibel? Mit zu langen Strecken Fußmarsch verbunden? Es gibt Klappräder, die man im Bus mitnehmen kann. Als beliebtestes hat sich das Brompton erwiesen. Dieses lässt sich mit zwei Griffen auf die Größe einer Reisetasche zusammenfalten und bleibt auch in diesem Zustand sehr stabil dort stehen, wo man es hinstellt. Es kostet etwa so viel wie drei Monate einen Kleinwagen zu erhalten und zu betreiben. In einer Reihe von YouTube-Videos kann man sich damit vertraut machen. Für die Tage, an denen man dann doch noch ein Auto braucht, gibt es die Carsharing-Genossenschaft Caruso. Ein Monatsbeitrag kostet zehn Euro Grundgebühr, für ein Auto bezahlt man dann 2,30 Euro pro gebuchter Stunde und 30 Cent pro gefahrenem Kilometer. Reserviert wird über Internet oder Smartphone. An über 40 Standorten stehen mo-
derne Elektroautos zur Verfügung. Für Langstrecken gibt es dort auch noch den einen oder anderen Benziner. Was kann man am eigenen Haus kurzfristig tun? Die nächste Heizsaison kommt bestimmt. Handwerker sind rar geworden, die Bauwirtschaft ist nach wie vor gut ausgelastet. In Eigenregie kann man die oberste Geschossdecke und die Kellerdecke dämmen, wenn man sich das zutraut und die entsprechenden Dämmstoffe bekommt. Das sind zwei sehr kostengünstige Maßnahmen. Je nach Anteil dieser beiden Flächen an der Gesamthülle bringt das mehr oder weniger. Bei einem Bungalow machen die beiden Flächen den Hauptteil der Hüllfläche aus, die Verbesserung ist deutlich spürbar, auch gegen Überhitzung im Sommer. Zusammen mit einer wie oben beschriebenen Absenkung der Raumtemperatur können damit bis zu 50 Prozent der Heizenergie eingespart werden. Wer die Beleuchtung noch nicht auf LED umgestellt hat, kann das nun tun. Angesichts der gestiegenen Strompreise rentiert sich das noch schneller. Die Stromrechnung ist aber in vielen Haushalten nicht das vorrangige Problem. Und den Zweit- und Dritt-Kühlschrank, oft ein älteres Modell mit hohem Verbrauch, könnte man abschalten, wie auch alle anderen Geräte, die man nicht wirklich braucht, wie zum Beispiel eine Außenbeleuchtung, die bis in die Morgenstunden in Betrieb ist. Lichtverschmutzung ist inzwischen ohnedies auch ein Thema geworden.
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Detaillierte Informationen kann man über die Energieberatung Vorarlberg (05572 312 021 12) bekommen, allerdings inzwischen mit Wartezeiten, die Nachfrage ist inzwischen hoch wie nie zuvor und übersteigt jede Kapazität. Bezahlte Anzeige
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#71 | Mai 2022
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„Er hatte etwas Weitsichtiges“
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Reimund Theiner (19382010) prägte über Jahre das Stadtbild der Nibelungenstadt. Jetzt, mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Tod, können sich Interessierte im Rahmen des Emsiana Kulturfestivals bei einem Gedächtnismarsch am 14. Mai auf Spurensuche nach dem Emser Original begeben. Die marie hat mit dem studierten Volkskundler Burghart Häfele über das Leben eines Mannes gesprochen, dem Grenzen völlig fremd waren.
Ich bin do zum Närsch si, nit zum Schaffa.
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Text: Frank Andres und Burghart Häfele Fotos: Stadt Hohenems, Frank Andres
Reimund Theiner trug meist einen Helm, weil er befürchtete, dass jemand von hinten mit einem Prügel auf ihn einschlagen könnte.
r hatte etwas Weitsichtiges an sich. Etwas Philosophisches. Er war wie ein Hofnarr im Mittelalter, dem es als einzigem erlaubt war, dem König die Wahrheit zu sagen.“ Es klingt fast wie eine Liebeserklärung, wenn Burghart Häfele über Reimund Theiner spricht. Der „Mann mit dem Helm“ habe ihn schon als Bub fasziniert. Er sei immer an seinem Plätzchen, gegenüber dem Kiosk „Bischof “ gesessen. An seinem Logenplatz sah er in Richtung Palast, Schlossplatz und Schlossberg. Rauchte seine krummen Zigarren der Marke Villiger Export. Passanten sprach er unvermittelt an und gab seine Meinung über Gott und die Welt zum Besten. Burghart Häfele hat 2010 einen Nachruf auf das Emser Original geschrieben und vergleicht darin Reimund Theiner mit dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope. Beide hätten ihre Mitmenschen gespalten. Alles Weltliche sei ihnen egal gewesen. Die einen hätten sie als Provokateure gesehen, die anderen seien von ihrer Welt, in der sie lebten, fasziniert gewesen. Der eine lebte in der Tonne und der andere hauste im Alten Rathaus. Reimund Theiner erblickte am 30. März 1938 das Licht der Welt und wuchs mit zwei Brüdern und drei Schwestern auf. Er galt als ein sehr guter und eleganter Skifahrer. War Mitglied im Skiverein Hohenems und später bei den Naturfreunden Hohenems. Um Theiner eine Freude zu bereiten, stellten
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Scherzbolde eine Phantasie-Urkunde aus, auf der geschrieben stand, dass er 1954 im Rahmen eines Steinbock-Skirennens als Sieger gegen die Kästle-Skirennläufer hervorgegangen war. Darauf war er so stolz, dass er die Urkunde vier Wochen in seinem Zimmerfenster für alle Vorbeikommenden sichtbar ausstellte. Vielleicht, so mutmaßt Burghart Häfele in seinem Nachruf, sei diese Liebe zum Skifahren später der Grund gewesen, dass Reimund Theiner zu seiner bevorzugten Kopfbedeckung, dem Helm, auch eine Skibrille getragen habe.
Ein Grenzgänger
Öfters war Theiner auch als Grenzgänger unterwegs. Er verdiente sich mit Gartenarbeiten ein Zubrot. Die Grenzbeamten hätten ihn so gut gekannt, dass er, wenn er wieder einmal zu Fuß nach Diepoldsau oder St. Gallen unterwegs gewesen sei, gar nicht mehr kontrolliert wurde. Die laschen Kontrollen hätten aber auch mit den berüchtigten Wutanfällen von Theiner zu tun gehabt. „So hat er einmal aus Zorn beim Mercedes eines Emsers mit einer Axt die Frontscheibe eingeschlagen“, schildert Burghart Häfele. Oder ein anderes Mal soll er die Kaffeemaschine im Schlosscafé auf den Boden geworfen haben. Bekannt war Reimund Theiner auch für seine „Räubergeschichten“. So erzählte er immer wieder, dass er einmal im Landeskrankenhaus Rankweil stationär untergebracht gewesen sei und, als man ihm einen Besen in die Hand drückte, zum Verantwortlichen gesagt habe: „Ich bin do zum Ngkärsch si, nit zum Schaffa.“
Damenkränzchen
Eine überaus humorige Anekdote aus Theiners Leben schildert Burghart Häfele, im Zivilberuf Polizeibeamter, in seinem Nachruf. Einmal saß Theiner in einer gemütlichen Runde. Die Gastgeberin bot allen eine Tasse Kaffee an. Theiner lehnte ab und sagte: „I suf dia Fläscha Maresi us.“ Die Gastgeberin sagte, das gehe nicht und nahm ihm die Flasche aus den Händen. Daraufhin wurde der Kaffee serviert, nur nicht für Theiner, weil er vorher keinen wollte. Worauf er die Tasse der Gastgeberin nahm und mit seinem Zeigefinger im Kaffee rührte. Darauf sagte sie: „Herr Theiner, moanand Sie, dass i dean Kaffee eatz no trink?“ Die Antwort Theiners: „Des muascht o nit, dean trink i scho.“ Theiner schnappte sich die Tasse und trank den Kaffee mit Genuss.
Das Alte Rathaus, Sägerstraße 10, war das Domizil von Reimund Theiner. Wegen seines Wohnsitzes galt er auch als der „wahre Bürgermeister von Hohenems“.
Es konnte manchmal passieren, dass Reimund Theiner in Geldnot war. Dann hatte er auch keinen Genierer, direkt beim Bürgermeister vorstellig zu werden. Dabei ließ er sich von der Sekretärin im Vorzimmer nicht aufhalten und marschierte schnurstracks in das Büro des Stadtoberhauptes, auch wenn dort gerade eine Besprechung stattfand. Mit Erfolg. Er bekam immer wieder eine kleine Summe ausgezahlt, brachte das ausgeliehene Geld aber wenige Tage später wieder zurück. Es gäbe noch viel zu erzählen. Wer Lust hat, kann im Rahmen des Emsiana-Kulturfestivals auf den Spuren des Emser Originals spazieren (siehe Infokasten). Auf den Spuren eines Mannes, der in Hohenems eine Lücke hinterlassen hat, die laut Burghart Häfele bis heute nicht wieder gefüllt ist. Quellennachweis: Burghart Häfele – Nachruf auf ein Emser Original, Emser Almanach Nr. 23
Filmtipp
In der vorsichtigen Annäherung an Reimund Theiner gelingt Hansjörg Kapeller sowohl ein spannendes Zeitdokument als auch ein einfühlsames Porträt eines Hohenemser Originals. Durch die Frage nach Herrn Theiner wird der Reporter immer wieder an verschiedene Plätze in Hohenems geschickt, trifft dort auf Menschen, die etwas über ihn wissen. Mehr und mehr erfahren wir über Herrn Theiner und über die Hohenemser. Herr Theiner fungiert als eine Art imaginärer Fremdenführer, bis er schlussendlich selbst zu Wort kommt und in seiner unvergleichlichen Art einiges über sich und seine Ansichten preisgibt. Nachzusehen auf YouTube: https://www.youtube.com/ watch?v=EQRit40WzhY
Veranstaltungstipp Über Reimund Theiner (1938 - 2010) gibt es viele Geschichten. In Erinnerung an das Hohenemser Original spazieren wir von der Diepoldsauer Grenze bis ins Zentrum von Hohenems mit kurzen Stopps und Inputs zu seinem Leben. Wann: Samstag, 14. Mai, 17 Uhr Ein längst fälliges Lied über Reimund wird zur Premiere gebracht. Song by Dietmar Illmer featuring Ziehharmonika.
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#71 | Mai 2022
Der Mensch in
A
ufgewachsen ist Melanie Greußing in Hirschau, im hintersten Bregenzerwald, mit direktem Blick auf die Kanisfluh. Dort steht ihr Elternhaus, dort hat die 1987 Geborene als mittlere von drei Kindern eine behütete Kindheit erlebt. Dorthin ist sie auch im vergangenen Jahr, nach 15 Jahren in Linz und einem Jahr in Salzburg wieder zurückgekehrt. „Mir war immer klar, dass ich eines Tages wieder nach Vorarl berg kommen werde", sagt Melanie Greußing in ihrem gemütlichen Wohnzimmer, das sie im Moment zum Atelier umfunktioniert hat. Ausschlaggebend für ihre Rückkehr war die Stellenausschreibung für Double Check, die von der Kulturabteilung des Landes Vorarlberg und der Bildungsdirektion neu eingerichtete Fachstelle für kulturelle Bildung. Ziel von Double Check ist es, Kunst und Kultur in Kindergärten, Schulen und Lehrlingsbetrieben zu verankern. „Mich hat die Ausschreibung gereizt, weil sie alles beinhaltet, was ich bisher gemacht habe und meine tiefste Überzeugung trifft, dass Kunst und Pädagogik sich gegenseitig befruchten", erklärt die vielseitige Kulturvermittlerin. „Ich habe mich aufrichtig gefreut, dass ich die Stelle bekommen habe.“
Beziehung „Mir ist es wichtig, dass mei28 |
ne
künstlerischen
Arbeiten
es schaffen, andere anzuspreNach 16 Jahren ist die gebürtige Bregenzerwälderin Melanie Greußing (34) im vergangenen Jahr zurück in ihre Heimat gezogen. Die Künstlerin und Kulturvermittlerin ist nicht nur gerade dabei, die Geschäftsstelle „Double Check. Netzwerk für Kultur und Bildung in Vorarlberg“ aufzubauen, sondern sie bereitet auch ihre erste große Einzelausstellung vor. Mit der marie sprach sie über ihre beiden Herzensprojekte.
Text: Brigitta Soraperra, Fotos: Petra Rainer
chen, sie zu berühren, in ihnen etwas auszulösen – unabhängig von mir und meinen Gedanken. Im besten Fall kommen sie mit sich selbst in einen Dialog.“
Zuvor war Linz ein Ort voller Möglichkeiten für die Bregenzerwälderin gewesen. Nach der Matura am Egger Gymnasium hatte sie sich an der Universität in Linz für das Lehramtsstudium „Bildnerische Erziehung“ beworben, wurde aufgenommen und belegte zusätzlich an der Kunstuni das Fach „Textiles Gestalten“. „Ich habe bereits in der Hauptschule gewusst, dass ich Künstlerin werden möchte, darum bin ich auch ans Gymnasium“, erklärt die Tochter eines Schreiners und einer Hausfrau ihren Lebensweg. „Mit Michael Hirtenfelder hatte ich einen sehr wertschätzenden Lehrer, der mein künstlerisches Interesse förderte. Er war es auch, der mir zu Linz geraten hat." Das Lehramt wurde ihr aber schnell ein wenig zu eng: „Ich brauchte mehr künstlerischen Input und mehr Freiheiten.“ Sie bewarb sich zusätzlich für das in Linz sehr renommierte Studium „Textil/Kunst & Design“ und wurde angenommen. „Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dort auch noch viele andere Fächer belegt habe wie Grafikdesign, Fotografie, Medienkunst und Kulturtheorie. Ich habe dieses Studium dann sogar noch vor dem Lehramt abgeschlossen“, erklärt die doppelte Magistra. Schon während des Studiums war sie als Studienassistentin für den Bereich textiler Digitaldruck verantwortlich. Nach ihrem Master erhielt sie die Möglichkeit, zwei Jahre als Uni-Assistentin zu arbeiten, später war sie sechs Jahre lang „Senior Artist“, also Assistenzprofessorin, was sie mit Begeisterung erfüllte. „Das breite Spektrum zwischen Forschung und Lehre, daneben Studienreisen leiten, Messen in Paris und London besuchen, das war genau meines." Sie wäre auch gerne geblieben, aber Assistenzprofessuren sind zeitlich begrenzt, weshalb Melanie Greußing 2020 dem Ruf nach Salzburg folgte. Dort war sie als Assistentin des Geschäftsführers und als Ausstellungskuratorin im Salzburg Museum tätig, inhaltlich für sie erfüllende Aufgaben – aufgrund der Coronasituation aber durchaus mit Herausforderungen verbunden. „Ich liebe es, mich mit Menschen auszutauschen, ihnen zu begegnen und mit ihnen zu arbeiten“, erklärt sie, „aber während der verschiedenen Lockdowns war all das nicht mehr möglich, zudem war ich neu in der Stadt." Eine ungewohnte Situation für eine, die zuvor jahrelang Studierende unterrichtet, mit ihnen zahlreiche Exkursionen unternommen und unzählige ihrer Abschlussarbeiten betreut hatte. „Der Job in Salzburg war spannend und bot mir viele Möglichkeiten, und doch war Double Check der nächste wichtige Schritt für mich.“ Derzeit organisiert sie ihre erste große Einzelausstellung in Egg. Als Künstlerin ist sie am meisten am Menschen interessiert >>
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Mittendrin in V
Schutzberechtigt
Text und Foto: Frank Andres
J le Check ist nicht einfach, weil ich ja die Stelle neu aufbaue. Ich habe viel Verantwortung, aber auch viel Vertrauensvorschuss, Rückenwind und Gestaltungsfreiraum. Ich bin gefordert und muss meine Energie gezielt einsetzen.“ Die Einzelausstellung hatte sie schon vor dem Jobangebot zugesagt. „Gut, dass es so ist. Dadurch musste ich sofort einen Weg finden, beides zu verbinden“, sagt die 34-Jährige. Es ihr ihr wichtig, sowohl als Künstlerin wie auch als Kunstvermittlerin tätig zu sein.
DOUBLE CHECK ...ist die von Kulturabteilung und Bildungsdirektion neu geschaffene Fachstelle für Kultur und Bildung in Vorarlberg. Aufbauend auf der Arbeit des Vorarlberger Kulturservice (VKS) ist Double Check mit Bürositz in Hohenems Service-, Anlauf-, Koordinationsund Förderstelle für Pädagog:innen, Kunst- und Kulturproduzierende, Lehrlingsausbildner:innen, Kinder und Jugendliche. Ziel ist das nachhaltige Verankern von Kunst und Kultur im Bildungsbereich. www.double-check.at
„früher oder später“ eine Ausstellung von Melanie Greußing 13. Mai 2022 bis 26. Oktober 2022 im Egg Museum, Vereinshaus Egg, Pfarrhof 5 www.egg-museum.jimdosite.com, www.melanie-greuszing.at
oy Imade und ihre vier Kinder können vorerst in Österreich bzw. in Dornbirn bleiben. Das hat das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl entschieden. Allerdings hat die Familie keinen Asylstatus bekommen, sondern eine auf ein Jahr befristete Aufenthaltsberechtigung für subsidiär Schutzberechtigte. Diese wird Personen gewährt, deren Aslyantrag zwar abgewiesen wurde, aber deren Leben oder Gesundheit im Herkunftsland (Nigeria) bedroht wird. Konkret ging es um den ältesten Sohn von Joy, bei dem Autismus diagnostiziert worden war. Der Anwalt der Familie, Gregor Klammer, hatte im neuen Asylantrag explizit darauf hingewiesen, dass Joys Sohn nicht nur keine Betreuungsmöglichkeiten in Nigeria gehabt hätte, sondern auch persönlicher Verfolgung augesetzt gewesen wäre. Er wäre laut Zeitung „Der Standard“ Gefahr gelaufen, Opfer von sogenannten „Teufelsaustreibungen“ zu werden. Einschlägige Vorgeschichten bezüglich gewaltvoller Voodoo-Rituale habe es laut der Mutter bereits in der Familie gegeben. Joy ist nach dem vorerst positiven Bescheid aus Wien erleichtert. „Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich und meine Familie unterstützt haben“, sagte sie im Gespräch mit der marie. Der Fall von Joy und ihren vier Kindern hatte zuletzt im August 2021 österreichweit für Aufsehen gesorgt (die marie berichtete). Damals konnte die Abschiebung der Familie erst in letzter Minute verhindert werden.
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Illustration © Gerd Altmann via pixabay
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oder genauer gesagt, an den Beziehungen, die dem Menschsein zugrunde liegen. „Wir sind seit Urzeiten in Gruppen sozialisiert. Alles, was Menschen tun, tun sie letztlich für Menschen. Beziehungen machen unser Menschsein aus. Es ist erfüllend, in Beziehungen Liebe, Zeit und Energie zu investieren.“ Eines ihrer Werke heißt „Couples“ – eine Fotoserie, bei der die Betrachtenden selber reflektieren können, welche Personen eine Liebesbeziehung miteinander haben. Ein anderes nannte sie „Contact“. Dabei handelt es sich um eine Performance, bei der die Berührungspunkte zwischen einem Tänzer und einer Tänzerin via Leuchtobjekte auf den von der Künstlerin selbst genähten Kostümen sichtbar werden. Zudem webt sie für die Ausstellung in Egg gerade aus Plakatplanen eine Art Vexierbild, bei dem ein Mann neben einem Boot entweder ganz sichtbar oder ganz unsichtbar ist. „Da hat mich die Frage interessiert, wie es sein kann, dass ein Mensch in einem Moment total zugewandt wie abgewandt sein kann.“ „Wer künstlerisch tätig ist, erzählt naturgemäß sehr viel über sich selbst“, gibt die Künstlerin zu, nichtsdestotrotz sei für sie Kunst immer ein Diskurs. „Mir ist es wichtig, dass meine künstlerischen Arbeiten es schaffen, andere anzusprechen, sie zu berühren, in ihnen etwas auszulösen – unabhängig von mir und meinen Gedanken. Im besten Fall kommen sie mit sich selbst in einen Dialog.“ Für ihre Kunstwerke arbeitet Melanie Greußing mit den verschiedensten Materialien und Techniken, je nach Inhalt tüftelt sie die passende gestalterische Umsetzung aus. Oft liegen ihren Werken Fotografien zugrunde, die sie während ihrer zahlreichen Reisen gemacht hat. „Fotografieren ist für mich eine Art künstlerische Forschung oder auch ein Werkzeug und ein Fundus.“ Die vielfältigen Betätigungsfelder, in denen sie bereits aktiv war, bilden auch einen Fundus für ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin von Double Check. „Mein Auftrag ist es, Kunst in der Bildung zu verankern, vom Kindergarten bis zur Matura sowie für Lehrlinge. Ich bin die Schnittstelle zwischen Pädagoginnen und Pädagogen und den Künstlerinnen und Künstlern. Dabei stehen für mich die Kinder und Jugendlichen im Zentrum. Es geht um die Bereicherung, die Kunst und Kultur für alle Beteiligten sein kann.“ Auf die abschließende Frage, wie sie ihre beiden Professionen unter einen Hut bringe, meint Melanie Greußing: „Der Spagat zwischen meiner Kunst und Doub-
#71 | Mai 2022
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#71 | Mai 2022
DIE LIEBE KANN ALLES – DIE NEUN CHARAKTERE IM ENNEAGRAMM
verbessere meine
Text und Foto: Daniela Egger
Chancen.
Als Pflegedienstleiter im LKH Rankweil leitete Norbert Schnetzer ein Team von über 350 Mitarbeitenden. Neben dem versierten Umgang mit psychisch erkrankten Menschen ist der Validationsexperte auch Vater von fünf Kindern, pflegte gemeinsam mit seiner Frau die an Demenz erkrankte Mutter und war lange Jahre Präsident der Aktion Demenz. Seit vielen Jahren nutzt er das Enneagramm für seine Menschenkenntnis und bietet unregelmäßig Kurse dazu an.
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ie Herkunft des Enneagramms ist nicht ganz geklärt, es gibt Hinweise auf Wurzeln im Sufismus, der mystischen Tradition des Islam. Nach Europa kam die Charaktertypologie durch den amerikanischen Franziskanerpater Richard Rohr und Andreas Ebert, einem evangelischen Pfarrer aus Deutschland. Sie beide schrieben 1989 das erste in Europa erhältliche Buch „Das Enneagramm – die neun Gesichter der Seele“. Ein Aha-Erlebnis im Seminar brachte Norbert Schnetzer dazu, sich näher mit dem System der neun Charakterbeschreibungen zu beschäftigen. „Damals fand ich manche Menschen einfach ziemlich gestört, um ehrlich zu sein. Nachdem ich aber die Charakterbeschreibungen kennenlernte, war mir klar, dass sie mich für ebenso gestört halten müssen. Ich begann, die Menschen mit anderen Augen zu betrachten“, sagt er amüsiert. „Die Vielfalt der menschlichen Seele ist etwas Wertvolles und jemanden akzeptieren zu können, wie er ist, ermöglicht viele Freiheiten für beide Seiten.“ Nach einem Seminar zum Enneagramm kann man sich also nicht nur selbst besser kennenlernen, man wird auch nachsichtiger mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen – zumindest berichten das die zahlreichen Absolvent:innen seiner Kurse. Man nimmt vieles weniger persönlich, beispielsweise wenn man begriffen hat, dass für den Partner Verwandtschaftsbesuche sehr anstrengend sind, steigt die Wertschätzung dafür, dass er trotzdem mitgeht. „Wenn Menschen sich mögen, bewegen sie sich aufeinander zu und kommen dem anderen entgegen“, meint Norbert Schnetzer dazu. „Die Liebe kann alles. Wenn meine Frau immer wieder drei Wochen Auszeit braucht, kann ich das besser einordnen, sobald ich verstanden habe, dass ihre Typologie genau daraus Kraft bezieht und sich danach wieder wohl fühlt. Dann kann ich sie sogar darin unterstützen, sich die Auszeit zu nehmen, anstatt mich irritiert zurückzuziehen.“ Als Pflegedienstleiter hat er gelernt, zu erkennen, welche Strategien seine Mitarbeiter:innen anwenden. „Als zum ersten Mal jemand bei mir im Büro in Tränen ausbrach, konnte ich das nicht einordnen. Wenn ich weine, dann ist etwas
Gravierendes geschehen. Es gibt aber Menschen, die sehr leicht weinen – bei ihnen hat es nicht dasselbe Gewicht. Als Vorgesetzter muss ich mit all diesen Menschen klarkommen, die einen brauchen klare Vorgaben, die anderen brauchen ihre Freiheit – und sie sind alle wichtig im Team. Es hilft einfach, zu erkennen, wie jeder einzelne seine Fähigkeiten am besten entfaltet. Ich weiß, dass bei einer impulsiven Person heute nicht unbedingt gilt, was sie gestern gesagt hat. Dafür ist dieser Mensch aber auch nicht nachtragend. Der Umgang mit den Emotionen hat natürlich mit dem Reifegrad zu tun“, berichtet er und betont auch, dass das Enneagramm im Bewerbungsgespräch keine Erfolgsgarantie gibt. In solchen Situationen zeigen Menschen das Beste von sich, deshalb sind befristete Arbeitsverträge sehr viel hilfreicher. Bei psychischen Erkrankungen spielt das Enneagramm ebenso keine Rolle mehr, denn die Krankheit überlagert den Charakter. Menschen mit einer psychischen Erkrankung sagen oft selbst: Das bin nicht mehr ich. Es ist irrelevant, welche Eigenschaften der gesunde Mensch hatte, weil die Krankheit sich in den Vordergrund schiebt." „Neun Typen alleine werden dem Menschen nicht gerecht“, sagt Norbert Schnetzer. „Das Enneagramm ist natürlich weit komplexer, mit den neun Grundcharakteren sind die Basis-Typen angelegt. Wir haben Flügel, die ins angrenzende Zeichen reichen. Wir haben Stresspunkte und Trostpunkte, mit denen wir bewusst für Ausgleich sorgen können. Neun unterschiedliche Reifegrade werden beschrieben, das sind mit den Flügeln dann schon an die 200 Spezifizierungen, die eine Zuordnung weit realistischer machen. So kann man sich gezielt weiter entwickeln. Unsere Aufgabe als Mensch ist es ja, uns auszudehnen, mehr zu verstehen. Man verliert seine Grundanlage nicht, aber wir wachsen im Idealfall über sie hinaus.“ Wer sich für einen Einführungskurs ins Enneagramm bei Norbert Schnetzer interessiert, findet Hinweise auf der Homepage: www.schnetzernorbert.com/enneagramm/
Raphael hat dank seiner Ausbildung zum Programmierer am Digital Campus neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
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Mittendrin in V
#71 | Mai 2022
Anna Hensler
Podcast Radetzkystrasse 1
Vorarlbergs erste Schriftstellerin
15 Minuten uncut: „Radetzkystrasse 1“ ist der Podcast des künftigen Literaturhauses Vorarlberg. Mit spannenden Gästen lässt er hinter die Kulissen des Literaturbetriebs – und darüber hinaus – blicken.
Wussten Sie, dass Vorarlberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Bestsellerautorin hervorbrachte? Die heute weitgehend in Vergessenheit geratene Schriftstellerin Anna Hensler schrieb 1905 den historischen Roman „Frankreichs Lilien – Die Schicksale der Kinder Ludwigs XVI.“ und durchbrach damit eine ausgewiesene Männerbastion. Philipp Schöbi, Mitbegründer der Feldkircher Literaturtage, ist ihrer Geschichte auf den Grund gegangen. Im Rahmen der Feldkircher Literaturtage wird er am 12. Mai die neuesten Erkenntnisse präsentieren. Text: Daniel Furxer, Foto: Heimatkundeverein Klaus/Vorarlberg, Bild Rahmen: Philip Camil via pixabayj
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er Lebenslauf von Anna Hensler, die 1878 in Bregenz geboren wurde, deutete schon früh auf ihre schriftstellerische Leidenschaft hin. Bereits mit 15 Jahren begann Anna mit Übersetzungen von literarischen Texten. Durch ihre gute Schulbildung war sie in den Sprachen Englisch und Französisch sehr bewandert und die Liebe zur Literatur war ebenfalls geweckt. Als 20-jährige reichte sie bei der Wochenzeitschrift „Deutscher Hausschatz“ eine Erzählung ein, den heimatlichen Bilderreigen „Das Vorarlberger Oberland“, der dort 1901 erschien und damit überhaupt die erste literarische Publikation einer Vorarlbergerin war. „Allerdings wurde der Autorenvermerk lediglich mit A. Hensler angegeben, im Jahresregister der Autoren fehlte sie gänzlich. Die Herausgeber meinten wohl, dass eine Geschichte einer Frau nicht gelesen würde und unterschlugen darum ihren weiblichen Vornamen und eine Kurzbiographie“, erklärt Philipp Schöbi, der bereits im Rahmen von „800 Jahre Feldkirch“ einen Band über „Das literarische Feldkirch. Die Montfortstadt als Schauplatz der Literatur“ herausbrachte. Die Schriftstellerinnen sind dabei, der Not des Faktischen gehorchend, in krasser Unterzahl geblieben. „Die damaligen Rollenbilder verwehrten es Frauen, dass sie hauptberuflich Schriftstellerin werden konnten. Erstens waren sie mit den Haushaltsarbeiten und dem Kümmern um die Familie ausgelastet, zweitens gingen die männlichen Verleger automatisch davon aus, dass aus so einem Leben keine spannenden Geschichten entstehen könnten“, merkt Schöbi an. Das Verlags- und Druckwesen war, wie viele andere Bereiche auch, Anfang des 20. Jahrhunderts noch fest in männlicher Hand. Umso erstaunlicher ist die Erfolgsgeschichte von Anna Hensler. Bereits 1904 erschien im Franz Unterberger Verlag in Feldkirch ihre Novelle „Die Hohenems – Eine Märe
aus dem XII. Jahrhundert“. Es war dies das erste Buch einer Vorarlbergerin. Historische Stoffe haben es Anna Hensler angetan. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Königsknabe Wilhelm, Sohn des Normannenfürsten Trankred von Lecce, der als Schwager und Gegenkönig des Staufers Heinrich VI. in die Geschichte eingegangen ist. Eben mit diesem Wilhelm, der Ende des 12. Jahrhunderts in Hohenems starb, ist das normannische Herrschergeschlecht erloschen. Anna Hensler verstand es, in diese Novelle sogar die in Hohenems gefundenen Handschriften des Nibelungenlieds einzuflechten. Mit dem Roman „Frankreichs Lilien“ gelang Hensler 1905 der Durchbruch. „Sie ist extra mit ihrer älteren Schwester nach Einsiedeln gereist, um dort den Geschäftsführer des Benzinger Verlags Einsiedeln, Karl Muth, zu treffen. Ihm übergab sie das Manuskript, der sich nicht scheute, dieses zu drucken. Damit hat er seinem Nachnamen also wahrlich alle Ehre gemacht“, schmunzelt Schöbi. Der Roman handelt von der Französischen Revolution und vom ersten Kaiserreich Frankreichs und beschreibt die Entwicklung von der Erstürmung der Bastille bis zur Gefangennahme und Hinrichtung durch die Guillotine von König Ludwig XVI.. Der Roman traf einen Nerv der Zeit und wurde allein bis zum Zweiten Weltkrieg rund 40.000 mal verkauft. Dank der guten Verbindungen des Verlags wurde er auch ins Englische übersetzt und in Amerika aufgelegt. Es soll sogar eine Übertragung ins Chinesische geben. In Vorarlberg sollte erst der Autor Robert Schneider diese Verkaufszahlen mit seinem Erfolgsroman „Schlafes Bruder“ (1992) übertreffen. Das Schicksal von Anna Hensler ist trotz allem ein sehr tragisches. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor ihre Familie wegen der Geldentwertung ihr ganzes Vermögen. Danach war die Autorin stark mit der Pflege ihrer Mutter beschäftigt, die schließlich 1928 starb. Annas Kräfte litten dadurch
so stark, dass sie sich keinem umfangreichen Werk mehr widmen konnte. Auch der Erfolg ihres Buches brachte ihr keinen großen finanziellen Gewinn ein, da ihr nach dem Zweiten Weltkrieg von der österreichischen Nationalbank nur ein Zehntel des ihr zustehenden und vom Schweizer Benziger-Verlag korrekt überwiesenen Honorars ausgehändigt wurde. Dabei hätte sie das Geld damals dringend gebraucht. Sie starb mittellos und verarmt vor 70 Jahren am Ostermontag, 14. April 1952 in Klaus. Ihr Werk „Frankreichs Lilien“ sollte ihr letzter Roman bleiben. „Bis vor kurzem war nur ein Bild von Anna Hensler bekannt, das sie als alte, zahnlose Frau zeigt, am Ende ihres Lebens“, berichtet Schöbi. „Durch meine Recherchen beim Heimatkundeverein Klaus und durch den Kontakt zu Rita Böckle, einer Verwandten von Anna, bin ich an Dokumente und Fotos gelangt, die sie insbesondere auch als junges Mädchen zeigen. So wird nun das Bild dieser ersten Vorarlberger Autorin zurechtgerückt. Ein Foto von 1898 zeigt sie als Zwanzigjährige mit kurzen Haaren, sicher ein ungewöhnlicher Haarschnitt für eine Frau am Ende des 19. Jahrhunderts.“ Anna Hensler hat zwar keine Bücher mehr geschrieben, aber zusammen mit ihrer Schwester Hedwig begann sie, die Vorarlberger Sagen, Legenden und Brauchtümer zu sammeln. Ihr ist es zu verdanken, dass so viele dieser Geschichten erhalten geblieben sind und den Weg in Volkschullesebücher, Zeitschriften und Museumsberichte gefunden haben, ohne sie jedoch als Autorin zu nennen. Noch 1949, kurz vor ihrem Tod, veröffentlichte sie in der neu gegründeten Zeitschrift „Montfort“ den Beitrag: „Der erste uns bekannte Vers einer deutschen Frau.“ Allein der Titel legt nahe, dass sie sich bis zuletzt in dieser männerdominierten Welt durchzusetzen versuchte und ihr die Publikation weiblicher Literatur ein großes Anliegen war.
Wie schreibt man Kinderbücher? Wie geht Comic? Wie küsst man eine Villa wach? Und wie kommt das Manuskript in den Buchhandel? In bekömmlichen 15-Minuten Häppchen servieren uns Frauke Kühn und Daniela Egger von literatur:vorarlberg netzwerk Spannendes und Unterhaltsames aus dem Kosmos Literatur. Dabei holen sie auch Gäste ans Mikrofon, deren Verbundenheit mit dem geschriebenen Wort vielleicht erst auf den zweiten Blick offensichtlich wird. Allen gemeinsam sind ihre Berührungspunkte zu Vorarlberg, seien es persönliche oder thematische. „Der Podcast war eines unserer ersten Babys im Rahmen unserer digitalen Offensive. Er ist perfekt zum Reinhören auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause, am Feierabend, beim Joggen und in jeder kleinen Auszeit. Ich hoffe, unsere Hörer:innen haben damit eine ähnliche Freude wie wir selbst“, so Literaturhaus-Geschäftsführerin Frauke Kühn. Nachzuhören auf allen gängigen Podcast-Kanälen, neueste Folge immer freitags ab 12:00 Uhr!
Sudoku So geht‘s: Füllen Sie die leeren Felder so aus, dass in jeder Reihe, in jeder Spalte und in jedem Block (= 3×3-Unterquadrate) die Ziffern 1 bis 9 genau einmal vorkommen. Viel Spaß!
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Feldkircher Literaturtage Feldkircher Literaturtage zum Thema „Kanon Macht Literatur“ vom 12. bis 14. Mai im Theater am Saumarkt. Unter anderem mit Lesungen,Vorträgen, Gesprächen und Podiumsdiskussion. Mehr Infos zum Programm unter www.saumarkt.at
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#71 | Mai 2022
Lösen Sie es in 60 Sekunden Vielseitige Ladelösungen
Beginnen Sie die Kopfrechnung mit der Zahl im Feld ganz links. Rechnen Sie von links nach rechts – Kästchen für Kästchen. Die Lösung im leeren Feld rechts eintragen. Jede Rechnung unabhängig von der Schwierigkeit sollte in weniger als 60 Sekunden gelöst werden. Keinen Taschenrechner verwenden! Lösung
Für Anfänger
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×3
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×5 Lösung
Für Fortgeschrittene
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Für Genies
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Die Österreichischen Meisterschaften im Nachwuchsbereich fanden wie so oft in den letzten Jahren in St. Veit an der Glan statt. In den Osterferien lieferten sich 137 TeilnehmerInnen (davon 21 aus Vorarlberg) in acht unterschiedlichen Klassen (Kategorien U12, U14, U16 und U18 – jeweils Mädchen und Burschen) interessante und spannende Duelle auf dem Schachbrett. Der Bedeutung dieser Veranstaltung entsprechend konnten sämtliche Partien auf www.chess.at und www. chess24.com live mitverfolgt werden. Der Österreichische Schachbund vergab insgesamt 8 Siegerpokale und 24 Medaillen. Allerdings ging es für die Jugendlichen auch um die Möglichkeit, sich für die nächste Welt- bzw. Europameisterschaft zu qualifizieren. Bestens betreut und optimal auf ihre jeweiligen GegnerInnen vorbereitet wurden die SpielerInnen aus dem Ländle von Julia und Milan Daniel Weichart (Krems an der Donau) Elia Cafasso (Dornbirn) ÖM U18, St. Veit an der Glan 2022 1
Novkovic sowie Heinz Grabher. Für die Talente aus Bregenz übernahm diese Aufgaben ihr Klubtrainer Henryk Dobosz. Wie im Jahr 2021 konnte die Vorarlberger Abordnung auch diesmal drei Medaillen gewinnen. In der Kategorie U12 Mädchen gelang Maryam Turdiyeva aus Bregenz die erfolgreiche Titelverteidigung und die Dornbirnerin Yihan Wang sicherte sich die Bronzemedaille. Ebenfalls Dritte wurde die Bregenzerin Leefke Giselbrecht in der Kategorie U14 Mädchen. Bei den Buschen U16 verpasste Benjamin Kienböck aus Hohenems denkbar knapp eine Medaille und landete schlussendlich auf dem vierten Schlussrang. Die drei nachstehenden Diagramme sind relativ einfach und wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lösen dieser Kombinationen.
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Auch hier kann Weiß am Zug die Partie sofort entscheiden. Wie?
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Benjamin Kienböck (Hohenems) Richard Hersel (Kremsmünster) ÖM U16, St. Veit an der Glan 2022
Jerrik Giselbrecht (Bregenz) Lukas Stadlinger (Donaustadt) ÖM U16, St. Veit an der Glan 2022
Wie kann Schwarz am Zug die sofortige Entscheidung herbeiführen?
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Mit welcher Fortsetzung erzwingt Weiß am Zug ein Matt?
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#71 | Mai 2022
Die älteste Bloggerin der Welt
„Wir haben eine unglaubliche Menge an Sachen zusammen gemacht. Unsere Freundschaft könnte ein Buch füllen.“
Dagny Carlsson ist am 24. März, kurz vor ihrem 110. Geburtstag, gestorben. Kurz nach ihrem 100. Geburtstag hatte sie erst mit dem Bloggen begonnen. In ihrem Heimatland Schweden war sie seitdem eine Berühmtheit, Hunderttausende lasen ihren Blog. Darin schrieb sie über das tägliche Leben und reflektierte über die Vergangenheit. Kurz vor ihrem Tod traf sich Dagny gemeinsam mit ihrer besten Freundin Kerstin mit der Straßenzeitung Faktum. Zusammen sprachen sie über die entscheidenden Dinge, die ihr Leben geprägt haben. Text: Sandra Pandevski, Fotos: Per Englund
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agny Carlsson, 109, und ihre beste Freundin, Kerstin Törnqvist, haben Jahrzehnte damit verbracht, zusammen zu feiern, zu tanzen und zu reisen. Und sie haben auch Seite an Seite viele Verluste durchgestanden. Sie sehen einander mit der inneren Ruhe von Menschen an, die den Blick des anderen bereits über viele Jahre kennen. „Sie ist so nett und sorgt dafür, dass ich mich jünger fühle“, sagt Dagny und lacht laut. „Sie ist absolut meine beste Freundin“, stimmt Kerstin zu. „Wir haben eine unglaubliche Menge an Sachen zusammen gemacht. Unsere Freundschaft könnte ein Buch füllen.“ Aber Dagny – die älteste Bloggerin der Welt – hat bereits 2016 eines geschrieben: Life According to Dagny: "Inside the Head of a 104-year-old (Leben aus Sicht von Dagny: Im Kopf einer 104-jährigen)". Darin beschreibt sie ihre erste Begegnung mit Kerstin. Sie fand 1959 in Germas Korsettfabrik in Sundbyberg statt, wo Dagny ihre Chefin war. Dagny erinnert sich in ihrem Buch an ihre frühe Freundschaft: „Es war geplant, dass sie meine Assistentin werden sollte, aber sie war unzufrieden, nicht mit mir, sondern mit dem Unternehmen, und kündigte beinahe, bevor sie die Gelegenheit hatte, anzufangen. ‚Das Einzige, was an Germa gut ist, bist du‘, sagte sie, bevor sie ging, um stattdessen im Büro der Staatsanwaltschaft zu arbeiten. Es ist Freitagnachmittag im Pflegeheim Ametisten in Solna. Rechts am Ende des
Korridors steht eine Tür weit offen. So mag es Dagny am liebsten. Sie sitzt in ihrem Zimmer und lehnt sich in einem grauen Sessel am Fenster zurück. Sie trägt eine kirschrosa Jacke und einen Rock mit einem roten Schal, der um ihren Hals gebunden ist, weiße Turnschuhe und Stützstrümpfe. Glücklich, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, lächelt Dagny breit. Das ist das Beste am Blog, sagt sie – bekannt zu werden. „Ich mag es, bemerkt zu werden“, sagt sie. „Dann habe ich das Gefühl, dass ich etwas bin.“ Dagny war 100 Jahre alt, als sie sich mit ihren humorvollen Erzählungen aus ihrem Leben direkt in die Herzen der Schweden beförderte. Als ihre Geschichte in der Straßenzeitung Faktum in den Druck ging, hatte ihr Blog insgesamt 5.328.484 Besuche verzeichnet. Dagny fasste ihre Philosophie in einem Blogartikel aus dem Jahr 2013 so zusammen: „Ich bin eine taffe alte Dame mit Meinungen zu den meisten Dingen. Ich interessiere mich nicht dafür, in Würde zu altern, denn es scheint überhaupt nicht lustig zu sein. Es ist wichtig, so lange wie möglich Spaß zu haben. Wenn man wirklich darüber nachdenkt, dann ist das Leben wie eine Schule, in der man lernt, solange man lebt. Man lernt nie aus und das ist genau das, was so aufregend daran ist, nie zu wissen, was der Morgen bereithält.“
„Ich bin eine taffe alte Dame mit Meinungen zu den meisten Dingen. Ich interessiere mich nicht dafür, in Würde zu altern, denn es scheint überhaupt nicht lustig zu sein. Es ist wichtig, so lange wie möglich Spaß zu haben.“
Über die Jahre hinweg hat der Blog unter anderem zu dem Dokumentarfilm "Dagny – Life Begins at 100 (Dagny – Das Leben beginnt mit 100)" geführt, außerdem zu einer Rolle im Film „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”, zu einer Arbeit als Moderatorin bei P1 Radio und dazu, dass sie Reden hielt und ein großer Liebling der Abendzeitungen wurde. Dagnys Liebe zu Computern entstand durch Druck von ihrer besten Freundin Kerstin. In der Vergangenheit hatten die beiden Deutsch und Englisch zusammen gelernt. Nun war es Zeit für neue Technologien und einen Computerkurs. Aber vor allem war es eine Strategie, um die trauernde Dagny auf andere Gedanken zu bringen. Es war die Zeit, nachdem der Krebs ihr 2004 die Liebe ihres Lebens, Harry Carlsson, genommen hatte. Dagny traf Harry auf der Tanzfläche des Gröna Lund, einem Vergnügungspark in Stockholm. Das war Ende der 1940er Jahre. Dagny liebte es schon immer zu tanzen und hier drehte sich alles um Foxtrott und Walzer. Harry lud sie zum Tanzen ein und sie sagte ja. Danach tranken sie eine Tasse Kaffee, die später zu einem Abendessen, Liebe und Heirat führte. Aber ganz so einfach war es nicht. Harry hatte Angst, sich zu binden, weil er zuvor schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Und Dagny war noch mit Ragnar verheiratet. „Er war eine echte Witzfigur“, sagt Dagny, während sie sich an Ragnar zurück erinnert. „Ich habe ihn nur geheiratet, weil meine Freundinnen geheiratet haben. Ich bin übriggeblieben, also musste ich ihn nehmen“, ergänzt sie mit einem Lachen. Aber es ist eine Beziehung, die sie oft bereut hat. In ihrem Buch schreibt sie: „Ich war dumm und dachte, ich könnte ihn von Sucht und Eifersucht heilen, aber natürlich hat das nicht geklappt. Stattdessen hat er mich kon trolliert und überwacht, damit ich genau das tat, was mir gesagt wurde. Wenn nicht, dann sperrte er mich in einem Wandschrank ein, genau wie meine Mutter es mit mir gemacht hatte, als ich ein kleines Kind war.“
Am Ende hatte sie genug und plante ihre Flucht. In der Hemdfabrik, in der Dagny beschäftigt war, bekamen die Arbeitenden die Gelegenheit, Geld anzusparen, und das hatte sie seit einiger Zeit getan. Sie legte die Hälfte ihres Gehalts zur Seite. Sie bewarb sich außerdem am Lenning-Institut für Textiltechnologie in Norrköping und wurde angenommen. An einem Sonntag, als Ragnar als Fußballschiedsrichter arbeitete, packte Dagny ihre Koffer, nahm den Kronleuchter und ein Gemälde mit bunten Blumen mit und ging. Heute hängt das Gemälde an der Wand hinter dem Sessel, auf dem sie sitzt. Es zeigt einen klassischen schwedischen Sommerstrauß mit Gänseblümchen, Iris, Rittersporn und Butterblumen. Es war die Hilfe ihrer Freunde, die es ihr ermöglichte, Ragnar hinter sich zu lassen und nie zurückzukehren. Sie war 37. Endlich konnte ihr Leben beginnen. Dagny und Harry begannen eine Beziehung. Ihre Liebe wuchs, und sie überdachten ihre Entscheidung, keine Versprechen zu geben. Bei einer standesamtlichen Trauung mit den ihnen am nächsten stehenden Zeugen tauschten sie Ringe aus. Dagny trägt ihren immer noch. Das Paar hatte mehr als 50 Jahre zusammen und somit das Glück, Goldene Hochzeit zu feiern. Auf Dagnys Nachtschrank steht ein gerahmtes Schwarzweißbild von ihnen an ihrem Hochzeitstag. Beide sind schwarz gekleidet. Dagny trägt einen großen Strauß Gänseblümchen, ihre Lieblingsblume. Harry trägt eine in seiner Brusttasche. Sie lächeln.
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Dagny Carlsson, 109, und ihre beste Freundin, Kerstin Törnqvist, haben Jahrzehnte damit verbracht, zusammen zu feiern, zu tanzen und zu reisen. Und sie haben auch Seite an Seite viele Verluste durchgestanden. >>
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„Man sollte immer füreinander da sein, egal unter welchen Umständen. Nicht nur, wenn es Spaß macht. Man sollte einander unterstützen, wenn man Angst hat und sich freuen, wenn es Spaß macht.“
„Das Beste an Harry war sein Humor“, lächelt Dagny. „Und er war so ein guter Zimmermann. Er hat für uns ein Sommerhäuschen in Nykvarn gebaut. Dort haben wir gebadet und sind gerudert.“ Ihre Freundin Kerstin unterbricht: „Das war ein fantastisches Grundstück am Ufer des Turingsjön Sees. Wir haben dort ständig herumgehangen. Mein Mann, Olle, und Harry haben sich geliebt. Sie waren beinahe wie Vater und Sohn.“ Dagny und Kerstin und ihre Partner haben gemeinsam die Welt bereist. England, Russland, Bulgarien und Deutschland. „Weißt du noch, als wir in London waren?“, fragt Kerstin. Sie sieht ihre Freundin nach Bestätigung fragend an. „Du verrückte Frau!“, fährt sie fort. „Als wir in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett waren, stand dort ein Mann mit einem Kilt am Eingang. Wir dachten, er wäre eine Wachspuppe und dann hast du gesagt: ‚Ich habe mich immer gefragt, was sie unter ihren Kilts haben‘, und dann hast du deine Hand darunter gesteckt. Und dann haben wir gesehen, wie seine Augen entsetzt nach unten wanderten!“ „Så kan det gå när haspen inte är på!“, sagt Dagny. Dieses schwedische Sprichwort warnt davor, dass solche Dinge passieren, wenn die Schnalle nicht zugemacht ist. Die beiden brüllen vor Lachen. Eine ihrer denkwürdigsten Reisen war die 1981 nach Leningrad und Moskau, findet Kerstin, die die schriftlichen Aufzeichnungen der Reiseabenteuer ihres Lebens aufbewahrt. Dort sahen sie unter anderem den „Nussknacker“ im Bolschoi-Theater. Eine Autoreise nach Deutschland 1960 zählt ebenso zu ihren besten Abenteuern. Dagny und Harry nahmen Kerstin und Olle mit auf ihren ersten Trip außerhalb Skandinaviens. Sie fuhren in Harrys Rover und campten entlang des Weges. Harry hatte gesagt, dass er nie campen würde, aber er war derjenige, der am besten schlief, sagt Kerstin. Auf dem Weg nach Hause hielten sie in Alkmaar in den Niederlanden an und kauften einen riesigen Käse.
#71 | Mai 2022
In letzten Jahren gab es nicht so viele Reisen. Wie Dagny in ihrer Fernsehshow Skavlan sagte, wollen nur wenige Menschen mit ihr reisen, weil sie denken, dass sie „umfallen und sterben“ würde. Das war eine Antwort, die dem Moderator der Sendung vor Lachen die Tränen in die Augen trieb. Trotzdem haben Dagnys Neffen und Verwandte sie unter anderem mit nach Bulgarien und Ungarn genommen. Dagny und Kerstin sitzen einander gegenüber, während sie sich über ihr Leben unterhalten. Kerstin übernimmt die Führung des Gesprächs, während Dagny einige Worte beisteuert. „Wir leben in unseren Erinnerungen“, sagt Kerstin und erzählt weiter über die Partys, die sie mindestens einmal im Monat gefeiert haben. „Die waren verrückt!“, lächelt sie. „An einem Silvesterabend hatten wir eine Show in Olles und meinem Haus. Wir haben alle Möbel in die Wohnung der Nachbarn gestellt, weil sie nicht zu Hause waren. Dann haben wir von jedem, der gekommen ist, zehn Schwedische Kronen Eintritt verlangt. Wir haben es geschafft, Dagnys altem Herrn Strumpfhosen anzuziehen und brachten ihn dazu, auf einem Seil zu tanzen. Über diese Party haben wir noch lange geredet.“ Auf dem Tisch, der an der Wand gelehnt ist, steht ein großer Rahmen, der mit Fotos gefüllt ist. Auf einem sieht man ein Huhn und eine „Lucia" (Schweden feiert Sankt Lucia – die Lichtbringerin – im Dezember und Frauen tragen ein weißes Kleid mit einer roten Schärpe und eine Krone aus Kerzen). Es sind Kerstin und Dagny. Sie haben gerne Kostümpartys geschmissen. „Ich glaube, wenige hatten so viel Spaß wie wir mit unserer Meute“, grinst Kerstin. „Wir haben uns selbst ‚Das Narrenparadies‘ genannt. Zu der Gruppe haben noch einige andere gehört: Marianne und Günter, Ingeborg und Heinz, Lennart und Wally ...“ Kerstin holt ihr Handy heraus und zeigt ein Foto von einer der späteren Flusskrebs-Partys, die bei Dagny zu Hause abgehalten wurden. Die Teilnehmer tragen große Lätze und haben Lachfalten im Gesicht, Teller voller Krebse bedecken den Tisch. Freundschaften sind lebenswichtig. Und nichts hat dies den beiden mehr vor Augen geführt als der Tod ihrer Ehemänner. „Wir vermissen sie wirklich“, sagt Kerstin, deren
Ehemann vor zwei Jahren dahingeschieden ist. In Zeiten von Trauer und Dunkelheit gewann ihre Freundschaft an Bedeutung. „Man sollte immer füreinander da sein, egal unter welchen Umständen“, fährt sie fort. „Nicht nur, wenn es Spaß macht. Man sollte einander unterstützen, wenn man Angst hat und sich freuen, wenn es Spaß macht.“ Das Paar hat auch seine Familien und Freunde miteinander geteilt. Jetzt sind allerdings nur noch wenige übrig. „Wenn man 109 Jahre alt ist, sind die meisten Menschen, (die man gekannt hat,) tot“, sagt Dagny. Aber zumindest habe ich eine Schwester und sie hat drei Kinder.“ Dagny selbst hat keine Kinder. Kerstin sagt, dass Dagny auch für ihren Sohn Bengt da war, ebenso wie für seine Kinder Stefan und Sara und jetzt für ihre Urenkelin Isabelle. Dagny war bei allem dabei, von Taufen bis Hochzeiten. „Ja, ich hatte eine große Familie“, lächelt Dagny, „auch wenn ich keine eigene hatte.“ 1912 war das Jahr, in dem die Titanic unterging, August Strindberg starb und Dagny geboren wurde. Sie kam in Kristianstad als Tochter des Eisenhändlers Viktor Eriksson und seiner Frau Sigrid Eriksson zur Welt. Sie ist die älteste von fünf Geschwistern; Majken, Evert, Ingegärd und Zerny, die nur sieben Jahre alt wurde. Ingegärd lebt noch und ist 98 Jahre alt. Dagnys Vater starb, als sie 17 Jahre alt war, und da musste sie anfangen, als Näherin in einer Hemdendfabrik zu arbeiten. Ihr Plan, zu studieren, wurde beiseitegelegt, was sie bis heute bereut. Sie wäre gern Lehrerin geworden. In mehreren Interviews und Blogeinträgen schreibt Dagny darüber, dass früher nicht alles besser war. Es gab keine Unterstützung für Arbeitslose, keine Gesundheitsfürsorge oder Schulbildung für alle. Urlaub von der Arbeit wurde erst 1938 eingeführt. Kerstin erzählt über den Zweiten Weltkrieg und wie ein englisches Kampfflugzeug zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt abstürzte und sieben Engländer starben. Sie erinnert sich an Rationierung und eiskalte Winter. Eine Sache allerdings, die früher besser war, war die Gemeinschaft. Dagny findet, dass sich die Menschen heutzutage zu viel auf sich selbst konzentrieren. „Das ist die dunkle Seite der Zukunft“, sagt sie. Sie glaubt, dass diese Einstellung damit zusammenhängt, wie wir den Planeten misshan-
deln. „Es ist einfach, (heutzutage) egoistisch zu sein“, sagt sie reumütig. „Es ist schwieriger, großzügig zu sein.“ Nicht nur die erfreulichen Geschichten über ihre lange Freundschaft sind unser Gesprächsthema, sondern auch das Problem mit der Einsamkeit. Es ist etwas, das an ihnen beiden nagt. „Die Einsamkeit ist schrecklich“, gesteht sich Dagny mit bebender Stimme ein. „Tagsüber liege ich, schaue an die Decke und denke an bessere Zeiten.“ Keine der Frauen glaubt, dass es eine radikale Lösung für das Problem gibt. Aber eine andere Unterkunft würde mit Sicherheit helfen: irgendwo zu wohnen, wo man mit anderen zusammenleben könnte und wo mehr passiert. Für alle beide ist der Schlüssel, rauszugehen und sich an Gesellschaft und Kultur zu beteiligen. Sie sprechen über Opern – La Bohème, Carmen und Rigoletto. Als Dagny nach Stockholm zog, ging sie jede Woche in die Königliche Oper. Es gab günstige Tickets für Stehplätze. Heutzutage wird die Oper durch lautes Lachen, viele Unterhaltungen über die Vergangenheit und Kaffee ersetzt. Jede Woche kommt Kerstin zu Besuch; allerdings hat sie gerade Hüftschmerzen und kann Dagny nicht auf große Abenteuer mitnehmen. „Sie ist immer noch die allerbeste Freundin, die es gibt“, sagt Dagny. Sie sagen, dass das Rezept für ihre sehr lange und liebevolle Freundschaft eine Charaktereigenschaft ist, die sie beide haben: Sie sind neugierig. Sie waren immer aneinander interessiert. Kerstin und Dagny haben sich nie wirklich ernsthaft gestritten und sind auch sonst nicht in irgendeine Art von Schwierigkeiten geraten. Unerwarteten Ereignissen wurde stets mit Abenteuerlust begegnet. Das zeigt auch eine Erinnerung, als sie sich einmal verlaufen hatten – damals. Dagnys Reaktion? „Ich liebe es, mich zu verlaufen!“ Am Sonntag, den 8. Mai 2021, ist Dagny 109 Jahre alt geworden. Dieses Ereignis wurde mit Kuchen gefeiert und sie war zuhause in ihrer Vierzimmerwohnung in Solna von Familie und Freunden umgeben. Am nächs-
„Wir leben in unseren Erinnerungen. An einem Silvesterabend hatten wir eine Show in unserem Haus. Wir haben alle Möbel in die Wohnung der Nachbarn gestellt, weil sie weg waren. Wir schafften es, Dagnys altem Herrn Strumpfhosen anzuziehen und brachten ihn dazu, auf einem Seil zu tanzen!“
Dagny und Kerstin bei einem Zelturlaub in Deutschland, 1960
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International
#71 | Mai 2022
Für Ingela Wallin (rechts im Bild), ist Dagny Carlsson ein lebendes Geschichtsbuch. Wo immer sie unterwegs sind, weiß Dagny alles über die Gebäude und Kirchen. „Ich bin neugierig. Wenn du das nicht bist, wirst du gar nichts erfahren,“ sagt Dagny.
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ten Tag schrieb Dagny in ihren Blog, dass sie erst spät in der Nacht zurück nach Hause kam. Sie erwähnte auch, dass sie einen Brief von der Königin erhalten hatte und wie sehr sie sich gefreut hatte, ihre Freunde und Familie zu sehen. Dagnys großer Tag wurde auch von anderen gefeiert: Ihr nächstgelegener Supermarkt, ICA Nära, schickte ihr Mazarin-Törtchen mit ihrem Porträt darauf. Sie berichtete ihren Leser*innen, dass sie die vielen Karten, die ihr geschickt wurden, für Zeiten, in denen sie sich einsam fühlt, aufbewahren würde. Schließlich versprach sie, mit ihrem Blog weiterzumachen, aktiv zu bleiben und sich davor zu hüten, „alt zu werden“. Am Montag, zwei Tage nach der Feier, verspürte Kerstin den plötzlichen Impuls, rüber zu Dagnys Haus zu gehen, das nur ein paar Wohnblocks entfernt war. „Ich bekam keine Antwort, als ich an der Tür klingelte und normalerweise öffnete sie immer“, erinnert sich Kerstin. „Schließlich rief ich in den Briefkastenschlitz und bekam dann die Antwort, dass sie nicht aufstehen könne. Ich begann, mir große Sorgen zu machen und rief den häuslichen Pflegedienst an.“ Sie waren schnell vor Ort und öffneten die Wohnungstür. Dagny war gefallen und so gelandet, dass sie ihren Notrufknopf nicht betätigen konnte. Niemand weiß, wie es passiert war und wie lange sie dort gelegen hatte. Der Krankenwagen kam und brachte sie ins Krankenhaus. Seither war Dagny noch nicht wieder in ihrer Wohnung, in die sie in den 1970ern mit Harry gezogen war. Ihre fast 100 Quadratmeter große Wohnung mit einem nur 27 Quadratmeter kleinen Zimmer in ihrer neuen Unterkunft zu tauschen, war eine große Umstellung. Dennoch hat Dagny immer noch das Gefühl, dass es am besten für sie ist: Es war zu einsam und zu schwierig, allein zu leben. Nur kurze Zeit später waren in den Zeitungen diese Überschriften zu lesen: „Dagny Carlsson, 109, spendet ihre Wohnung der Krebsstiftung“ und „Dagnys Eine-Millionen-SEK-Schenkung nach ihrem Umzug ins Pflegeheim“. Dagny erzählt mir, dass es schon lange ihr Wunsch war, an die Krebsstiftung zu spenden. „Der Krebs nahm mir meinen Ehemann“, sagt sie. Es versagt ihr die Stimme und ihre Augen füllen sich mit
Tränen. Sie selbst hat Angst, unter Krankheiten zu leiden, aber nicht vor dem Tod. „Jeder wird irgendwann sterben“, sagt sie nickend. „Aber es ist nichts, das ich herbeisehne.“ Bis jetzt ist Dagny gesund geblieben. Sie vermutet, dass das an den guten Genen, den Spaziergängen und der vielen Kuhmilch liegt, die sie getrunken hat – und immer noch trinkt. Sie führt es auch auf die Liebe und Freundschaft in ihrem Leben zurück, dass ihr Körper und Geist fit bleiben. Aber nicht alles ist mehr, wie es war: Ihr Gehör versagt. Man muss entweder in ihr Ohr schreien oder ein kleines Mikrofon benutzen, das die Stimme auf Kopfhörer, die sie trägt, weiterleitet. Kerstin hingegen hat sich durch Laufen fit gehalten. Sie ist bei Wettbewerben 35 Zehn-Kilometer-Läufe für Frauen gelaufen: den letzten erst vor acht Jahren. „Es war auf Mallorca. Ich war mit meiner Girlgroup dort, die sich Hot Legs nannte“, grinst sie. Dagny freut sich schon, 110 Jahre alt zu werden, und sie hofft auf ein großes Ereignis. Dem Altwerden jedoch sieht sie weniger optimistisch entgegen. „Daran ist wirklich überhaupt nichts gut!“, lacht sie. „Aber man muss ja alt werden! Doch man kann ein paar gute Dinge zusammensammeln“, fügt sie mit einem Lächeln hinzu. „Vor allem Erinnerungen.“ Genau dieses Zusammenspiel von Ehrlichkeit und Humor ist es, weshalb die Leute ihren Blog lieben. Es gibt so viele Erfahrungen und Weisheiten, von denen man lernen kann. Für mich – denn ich bin 78 Jahre jünger – ist ihr Rat, nett zu meinen Liebsten zu sein, hart zu arbeiten und sicher zu gehen, dass ich immer etwas zu tun habe, besonders ansprechend. „Sitz bloß nicht untätig herum!“, warnt mich Dagny. Dagny ist seit ihrem Sturz im Mai 2021 nicht zum Bloggen gekommen. Ihre Freundin und Computer-Lehrerin Elena Ström hatte Dagnys Leser*innen über das Leben der 109-Jährigen auf dem aktuellen Stand gehalten. Erst Ende Herbst konnte Dagny wieder übernehmen. Dagny sagt mir, dass sie nicht glaubt, dass sie noch eine Zukunft haben wird, jetzt, wo sie ein fortgeschritte-
„Am Altwerden ist wirklich nichts gut!“, lacht sie. „Aber man muss ja alt werden! Doch man kann ein paar gute Dinge zusammensammeln – vor allem Erinnerungen."
nes Alter erreicht hat. Trotzdem hat sie noch Träume. „Jetzt gerade träume ich davon, rauszugehen und etwas zu erleben!“, sagt sie lächelnd. „Ich möchte die Mitternachtssonne sehen!“ Es ist Montagmorgen und die Leute auf der Götgatan flitzen draußen vor dem Fenster vorbei. Wenn ihr Blick auf die Gunnarsson Konditorei fällt, schauen sie einmal und blicken dann noch ein zweites Mal hinein. Und zwar weil Dagny Carlsson am Fenster sitzt, während sie ihr Shrimpsbrötchen isst. Freitag hatte sie den Wunsch geäußert, diesen Ausflug zu machen. Und so ist es dann auch gekommen. Allerdings findet sie nun, dass das Brot zu zäh und die Mayonnaise zu viel ist. Dagny bittet um ein großes Glas Milch und trinkt es zügig aus. Ihre Fingernägel sind frisch lackiert in hellrosa. Ihre Freundin Ingela Wallin hatte sie letzte Woche mit zur Maniküre genommen. Heute ist Ingela die Chauffeurin ihrer besten Freundinnen Dagny und Kerstin. Während wir raus zum Auto gehen, erzählt mir Ingela, dass sie Dagny kontaktiert hat, nachdem sie ihren Blog gelesen hatte. „Ich verstand, wie einsam sie war“, sagt sie. „Als das Rampenlicht ausging (nachdem sie wegen ihres Sturzes einen Gang herunterschalten musste), war das Leben nicht mehr so spaßig.“ Ingela bemüht sich, in das Mikrofon zu sprechen, damit Dagny hören kann, was sie sagt. „Also habe ich dich angerufen und gefragt, ob du einen Kaffee trinken möchtest“, sagt sie zu Dagny. Die beiden haben nicht nur Kaffee getrunken. Ingela hat Dagny auch zu verschiedenen Abenteuern mitgenommen. Als nächstes werden sie essen gehen – es soll Gans geben. Im Sommer unternehmen sie vielleicht einen Ausflug zur Mitternachtssonne. Ingela beschleunigt und bremst dann scharf ab, als das Auto in die Kurve fährt. Dagny mag Geschwindigkeit. Wir lassen die Götgatan hinter uns und fahren in Richtung Fotostudio, wo uns ein Fotograf erwartet. Eine Schulklasse kommt gerade vorbei, als wir den Eingang erreichen. Dagny, die 109-jährige Bloggerin, steigt aus dem Auto aus, hält ihren Gehwagen entschlossen fest und lächelt. Ingela sagt den Kindern, wer da gerade vor ihnen steht, und sie brechen in Jubel und Applaus aus. Zwischen den mit Graffiti besprühten Wänden des Studios soll die 60-jährige Freundschaft zwischen Dagny und Kerstin auf dem Film verewigt werden. Kerstin hakt sich bei Dagny ein. „Na komm, meine Freundin“, sagt sie mit einem Lächeln. Übersetzt ins Deutsche von Translators Without Borders Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Faktum / International Network of Street Papers
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Alte Säge, Räumlichkeiten der Lebenshilfe, Hofsteigstraße 4, 6923 Lauterach Jeden 2. Samstag im Monat von 9 bis 12 Uhr repcafe.lauterach@hotmail.com
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Gsi
#71 | Mai 2022
„Das Runde muss in das Eckige“ Das waren noch Zeiten, als gegnerische Fußballmannschaften am Bahnhof abgeholt und gemeinsam mit den Fans der Heimmannschaft zum Fußballplatz eskortiert wurden. Begleitet von einer Musikkapelle spazierten die Kicker zu ihrer Arbeitsstätte. In den 1920er Jahren war dies durchaus üblich. Üblich war allerdings auch, dass während des Spiels die Fetzen flogen. Text: Gerhard Thoma, Fotos aus: „Vorarlberger Fußballgeschichte“
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pieler und Schiedsrichter mussten mit dem Schlimmsten rechnen. Im November 1920 trafen die Teams des FC Bregenz und der zweiten Mannschaft des Turnerbunds Lustenau – Vorgängerin der Lustenauer Austria – zu einem Freundschaftsspiel aufeinander. Die Partie musste beim Stand von 2:2 abgebrochen werden, „weil der Schiedsrichter, ein Lustenauer, ohne Erklärung davonlief “, wie die Presse berichtete. Der Unparteiische ließ daraufhin via Presse verlauten, dass er sich von einer wütenden Menge bedroht gefühlt habe. Genaue Recherchen ergaben, dass der Schieri einen Bregenzer Spieler tätlich attackiert hatte. Das Opfer hatte die Hiebe offenbar provoziert. Der Schiedsrichter, Arthur Grahammer, wurde wegen „Tätlichkeit“ einen Monat gesperrt, der Spieler für 14 Tage „disqualifiziert“. Im Oktober 1932 schlugen in Hohenems rasende Zuschauer mit Regenschirmen und Stöcken auf das siegreiche Team des SV Feldkirch und den Schiedsrichter ein. Die Begegnung zwischen Bludenz und Hag Lustenau musste nach 60 Minuten wegen Schlägereien abgebrochen werden, die Lustenauer Spieler konnten die Arena nur unter Polizeischutz verlassen. Öfters gab es so grobe Fouls, dass sogar die Medien mahnten: „Kämpfen ist gut, holzen und drauflos hauen ist bös“. Die Probleme lagen damals gewiss in der mangelhaften Ausbildung der „Männer in Schwarz“ sowie mangelhafter technischer Fähigkeiten der Spieler, besonders in den unteren Ligen. Nicht nur Schiedsrichter liefen davon, sondern auch Mannschaften. Ob in Dornbirn, Lustenau, Bludenz oder Bregenz: Ganze Teams verließen vorzeitig das Spielfeld, weil „der Schiedsrichter seiner Aufga-
be ganz und gar nicht gewachsen war“. Der Vorarlberger Fußballverband (VFV) reagierte „unter Berücksichtigung mildernder Umstände“, wie es seitens des VFV hieß, mit einer einwöchigen Sperre der Mannschaften. 1937 gab es in Vorarlberg 14 Fußballplätze und 18 Vereine. Nur selten mit Umkleide- und Waschkabinen. Das erledigte man in benachbarten Häusern. Beim FC Bregenz beispielsweise war Klementine Schmuck für die Reinigung der Trikots zuständig. „Mutter Klementine“ war bei jedem Spiel dabei und hatte ihren Ehrenplatz direkt am Spielfeld. Jeder Spieler brachte ihr persönlich sein Trikot, welches sorgfältig von Hand gewaschen und im Hof getrocknet wurde. Aber nur von jenen Akteuren, die es in ihren Augen auch verdient haben. Wer zu wenig Leistung und Kampfgeist zeigte, musste sich selbst um seine Wäsche kümmern. Diese Erfahrung machte unter anderem ein Spieler namens Patzall, dem Mutter Klementine gleich nach Abpfiff Bescheid gab: „Patzall, du muasch gär nit wäscha ku, du bisch a nünte gsi, dass as gierat.“
Weltstar kickt in Bludenz
Jahrzehnte lang dominierten die Teams aus Lustenau die Vorarlberger Fußballszene, vor allem der FC Lustenau. Selbst die Lustenauer Reserveteams hatten keinen Gegner zu fürchten. Schlau und mit Glück engagierten die Lustenauer immer wieder Spitzenspieler aus Wien. Die Stars und Nationalspieler trainierten die Teams nur einige Wochen lang, aber von Otto Hamacek, Ferdl Wessely, Leopold Huber etc. konnten Jung und Alt auch in kurzer Zeit viel lernen. Pech hatten die Bludenzer, als sie es den Lustenauern gleichtun wollten. 1934 engagierten sie hoffnungsvoll den Wie-
ner Fußballer Josef Graf, der sich als „Internationaler“ anpries. Bald stellte sich heraus, dass Josef nur der untalentierte Bruder des berühmten, bei Austria Wien spielenden Nationalspielers Karl Graf war. Josef war eher ein „internationaler Scharlatan“. Dafür angelte sich Bludenz, die spätere Rätia, einen der besten Fußballspieler aller Zeiten: Franz „Bimbo“ Binder. Der Stürmer von Rapid Wien schoss in rund 750 Spielen mehr als 1000 Tore und war ein Weltstar. Durch die Kriegswirren hatte es ihn 1945 nach Tirol zum FC Kufstein verschlagen. Genau dort absolvierte der FC Bludenz im September als erstes Vorarl „Patzall, berger Fußballteam nach dem du muasch Zweiten Weltgär nit krieg ein Match außerhalb der wäscha ku, Landesgrenzen. du bisch a Bei der 1:3-Niederlage kassieren nünte gsi, sie zwei Bindass as der-Tore. Auch das Rückspiel gierat.“ geht mit 2:4 verloren. Am 1. Mai 1946 kommt Binder wieder ins Ländle: Zur Eröffnung des Fußballstadions in Bregenz – und diesmal mit seinem Team Rapid Wien. Über 14.000 Zuschauer, so viele wie nie zuvor, drängen sich um das Spielfeld, wollen die legendäre Wiener Meister-Elf um Binder, Wagner, Körner, Happel und Aurednik sehen. Die Ländle-Auswahl aus Lustenauer und Bregenzer Kickern unterliegt „nur“ 0:4. Fünf Tage später geben die Rapidler ein Gastspiel auf dem Fohrenburg-Sportplatz in Bludenz und siegen vor 3000 Zuschauern – mehr passten nicht hinein – mit 12:1. Aber die Bluden-
zer knüpfen Kontakte: Im Juli 1946 schlüpft der 33-jährige „Bimbo“ Binder ins Bludenzer Dress. Eine Sensation! Nach einigen Wochen, zahlreichen Trainingseinheiten und Freundschaftsspielen, kehrt Binder allerdings wieder nach Wien zurück. Die Situation für die Fußballteams während und nach dem Zweiten Weltkrieg war sehr schwer. Viele Vereine wurden durch den Krieg dezimiert. Die Toten und Verletzten werden durch Kinder aus der „Hitler-Jugend“ ersetzt. Ein trauriges Schauspiel. In jeder Hinsicht: Im Herbst 1945 konnte die Vorarlberger Meisterschaft zwar wieder beginnen, aber das Ende eines Spiels war nicht absehbar. Die Partie zwischen Dornbirn und Höchst musste 20 Minuten vor Schluss abgebrochen werden, weil der Spielball kaputt war. Ein Ersatzball war nicht aufzutreiben. Die Zuschauer gingen enttäuscht nach Hause. Als der neu gegründete Fußballklub in Koblach beim FC Lustenau um alte, gebrauchte Fußballschuhe bettelte, erhielten sie – nichts. Der einstige Paradeklub teilte mit, er befinde sich selbst in „Mitleidenschaft“.
Mannschaft des FC Bludenz im Juli 1946 mit Franz „Bimbo“ Binder (stehend, 5. v. l.). „Bimbo“ Binder gilt heute noch als einer der weltbesten Stürmer, erzielte in rund 750 Spielen über 1000 Tore. Wo immer der Rapid Wien-Star auflief, waren die Stadien pump voll. Das Gastspiel in Bludenz dürfte er eher zur „Sommerfrische“ genossen haben. Er war aber dennoch bei mehreren Freundschaftsspielen dabei.
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Ausverkauftes Haus und Action pur auf dem Blumenauplatz in Lustenau: Fußball als Familienfest. 1932 spielte der FC Lustenau gegen Österreichs Serienmeister Admira Wien, damals eines der besten Teams in Europa. Als die Wiener am Bahnhof Dornbirn eintrafen, standen Jugendliche bereit, um den Stars ihr Gepäck ins Hotel zu tragen. Aus der Schweiz trafen Sonderzüge ein. 6500 Zuschauer sahen einen 8:2-Sieg der Admira. „Es war Fußballkunst allererster Marke“, schrieb das Volksblatt, „sie hätten leicht sechs Tore mehr machen können“. In Vorarlberg selbst konnte Jahrzehnte lang keine Mannschaft den verschiedenen Teams aus Lustenau das Wasser reichen.
LITERATURTIPP „Vorarlberger Fußballgeschichte“ Autoren und Gestaltung: Christian Rhomberg, Siegfried Margreiter, Gerold Mohr Buchdruckerei Lustenau, 2021.
Von den zahlreichen Pokalen des FC Lustenau blieb nicht viel übrig: Die meisten wurden während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen und in Waffen verwandelt.
Veranstaltungskalender
11.05.
VERANSTALTER AKZEPTIEREN DEN KULTURPASS FÜR FREIEN/ERMÄSSIGTEN EINTRITT Infos über den Kulturpass unter www.hungeraufkunstundkultur.at
04.05.
Mi., 20 Uhr, Altes Kino, Rankweil
FIELDS OF ANGER
Film (Österreich-Premiere) Die Hälfte der französischen Bauern und Bäuerinnen verdient € 350 im Monat. Die Landwirtschaft befindet sich in einer Krise, auch weil die Politik die Bäuer*innen dazu führt, Suizid zu begehen. Doch es wird gekämpft: Die Bäuer*innen und mutigen Frauen der „foulards noirs“, der „Schwarzen Schals“, fordern lautstark einen Wandel.
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05.05.
Do., 20 Uhr, Metro-Kino, Bregenz
MOTHERS OF THE LAND
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Film (Österreich-Premiere) von Diego Sarmiento und Alvaro Sarmiento, Peru
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06.05.
Fr., 19 Uhr, Bücherei Domino, Frastanz
TOUR DE VORARLBERG DER SCHREIBWERKSTATT FELDKIRCH!
Sieben Autor*innen der Schreibwerkstatt Feldkirch lesen einen bunten Strauß an Kurzgeschichten von kurios bis heiter, von nachdenklich bis spannend.
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07.05. 10.05.
21.05.
GROSSER BÜCHERFLOHMARKT
Romane, Sachbücher, Zeitschriften, DVDs für große und kleine Leser
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07.05.
Sa., 19.30 Uhr, Sonnenbergsaal, Nüziders
HANSKASPAS ENKEL & GOTTHARD BILGERI
Ein Konzert mit Lesung im Rahmen der Kultur. LEBEN-Benefizreihe.
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13.05.
19.05.
21.05.
26.05.
Mi., 10 Uhr, Stadtbücherei, Dornbirn
Fr., 20 Uhr, Altes Kino, Rankweil
Do., 19 Uhr, Inatura, Dornbirn
Sa., 9 Uhr, Inatura, Dornbirn
Do., 22.30 Uhr, Spielboden, Dornbirn
ELTERNSACHE – KINDER BRAUCHEN KEINE PERFEKTEN ELTERN
CHRISTOF SPÖRK & DAS GROSSE DON ALBERTO LOVISON-ORCHESTER
BLACKOUTRISIKO UND ZIVILSCHUTZ IN VORARLBERG
NATUR IM GARTEN 2022: SO WIRD MEIN GARTEN KLIMAFIT!
WE STOOD LIKE KINGS – CLASSICAL RE:WORKS
Ein Orientierungsimpuls für Eltern mit Edith Viktorin. Die Ansprüche an Eltern sind hoch. Perfektion führt zu Überlastung, Unzufriedenheit mit sich selbst und kann krankmachen. Darunter leiden auch Beziehungen.
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11.05.
Musikkabarett: Dahaam
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13.05.
14.05.
Fr., & Sa., 20 Uhr, Conrad Sohm, Dornbirn
BLACKWOOD FESTIVAL
Immer wieder werden in den Medien großflächige Versorgungsausfälle als sehr wahrscheinlich angekündigt. Wie ist aber die konkrete Bedrohungslage in Vorarlberg wirklich und welche Vorkehrungen werden laufend getroffen, die Netzsicherheit auf einem hohen Niveau zu halten? Und welche Möglichkeiten gäbe es, wenn doch einmal ein internationaler Stromausfall (Blackout) auch Vorarlberg betreffen sollte?
Mi., 19 Uhr, Remise, Bludenz
Musik
À LA CARTE! FREIHEIT GEHT DURCH DEN MAGEN
Sa., 17 Uhr, Frauenmuseum, Hittisau
Do., 20 Uhr, Remise, Bludenz
TANZEN UND TRAUERN: IN RESONANZ MIT SCHUBERT
Konzert
Kino
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12.05.
Do., 19 Uhr, Domino's Hus am Kirchplatz, Frastanz
GENEALOGIE
Ahnenforschung Workshop Anmeldung bis 7. Mai erforderlich
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12.05.
28.05.
Do., & Sa., 19.30 Uhr, Spielboden, Dornbirn
GENERATION CHANGE – WER RETTET DIE WELT?
Film
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13.05.
Fr., 19 Uhr, Remise, Bludenz
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14.05.
Pfortekonzert im Frauenmuseum mit Werken von Franz Schubert, Raphaela Fröwis, Darius Grimmel, Baran Mohammadbeigi & Zuko Samela
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15.05.
So., 11 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
MARIE-LUISA FRICK: DAS DENKEN DER AUFKLÄRUNG ALS INSPIRATION UND AUFTRAG
Vortrag und Diskussion
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15.05.
So., 18 Uhr, Bugo-Garten Pavillon, Göfis
NO SIGNAL & LYRIK
LEINWAND LOUNGE PARTY: PULP FICTION
Lyrik-Lesung mit Valerie Travaglini und Musikbegleitung der Band NO SIGNAL
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Di., 20 Uhr, Conrad Sohm, Dornbirn
Kino
Sa., 9 - 12 Uhr & von Di., - Sa., während den Öffnungszeiten, Bücherei, Hohenems
#71 | Mai 2022
13.05.
Fr., 19.30 Uhr, Spielboden, Dornbirn
AWARE – REISE IN DAS BEWUSSTSEIN
Film
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13.05.
Fr., 19.30 Uhr, Spielboden, Dornbirn
FUCKUP NIGHTS VOL.13
Female Founders Edition: part 3.
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17.05.
FOLKSHILFE
Musik
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18.05.
Mi., 14.30 Uhr, Kunsthaus, Bregenz
FÜHRUNG FÜR MENSCHEN MIT DEMENZ
Führung durch die aktuelle Ausstellung
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18.05.
Mi., 19.30 Uhr, Landestheater, Bregenz
LÜG MICH AN UND SPIEL MIT MIR
Pension Europa 02, Uraufführung von Martin Gruber und Aktionstheater Ensemble, Premiere
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19.05.
FEMALE VOICES: LA RISA
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20.05.
Fr., 16 Uhr, Stadbibliothek, Dornbirn
BI:JU – LET’S TALK MENTAL HEALTH
Wie können wir uns in stürmischen Zeiten mental fit halten? Alexandra Kolbitsch vom aks zeigt uns ein paar Techniken, Tipps und einfache Tools wie wir etwa in Stresssituationen was für uns tun können. Wir können Gedankenkarusselle gestoppt werden und ganz prinzipiell: Was tun, wenn eigentlich gar nichts mehr geht?
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20.05.
Fr., 17 Uhr, Inatura, Dornbirn
LANGE NACHT DER FORSCHUNG
Die inatura bietet Einblicke in Arbeitsweisen und –techniken naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung im Bereich Biologie.
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20.05.
Fr., 19.30 Uhr, Domino's Hus am Kirchplatz, Frastanz
WORT UND KLANG
Daniel Ongaretto Furxer, Journalist und Fotograf in den Bereichen Kultur und Gesellschaftspolitik, liest seine Gedichte, Aphorismen und Kurzgeschichten.
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20.05.
Fr., 20 Uhr, Conrad Sohm, Dornbirn
SOPHIE HUNGER
Musik
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Natur im Garten Vorarlberg zeigt, wie wir im Garten dem Klimawandel begegnen können. 9.00 – 12.00 Impulse zum Mithören und Mitmachen in der inatura und 14.00 – 16.00 Exkursion NaturVIELFALT, Lustenau
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21.05.
Sa., 19.30 Uhr, Remise, Bludenz
KULTUR.LEBEN: EINE KLEINE SCHUBERTIADE
Markus Schirmer & Jevgenijs Cepoveckis Sämtliche Sonaten für Klavier und Violine, Werke von Franz Schubert
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21.05.
Sa., 20 Uhr, Kulturwerkstatt Kammgarn, Hard
PETER PAN
21.05.
22.05.
Sa., & So., täglich ab 9.30 Uhr, Würbel-Areal (Werdenbergerstrasse 10, Bludenz)
USE WHAT YOU HAVE - FESTIVAL 2022
Upcycling Markt, Workshops, Vorträge, Musik, Kinderprogramm und erstmals: Re-Use Gallery mit regionalen Künstler:innen. Programminfos unter www.uwyh.at.
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24.05.
Di., 20 Uhr, Altes Kino, Rankweil
MARKUS LINS & MANFRED KRÄUTLER: FÄSCHTA
Kabarett
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25.05.
Mi., 19.30 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
URSULA SABATIN PRÄSENTIERT: INNENDRINNEN. NEUN TÄNZERISCHE HAUSBESUCHE
Film Neun einzelne Videoporträts der Tänzerinnen des Ensembles wurden in deren persönlichen Räumen entwickelt. Unter der Regie von Ursula Sabatin erarbeitet und für Video adaptiert.
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27.05.
Fr., 19.30 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
NIKOLAUS HAGEN: NATIONALSOZIALISTISCHE KULTURPOLITIK IN TIROL UND VORARLBERG
Mit diesem Buch liegt die erste umfassende Studie zur nationalsozialistischen Kulturpolitik in Tirol und Vorarlberg vor.
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27.05.
Fr., 20 Uhr, Conrad Sohm, Dornbirn
PETER THE HUMAN & ROSA
Musik
Erwachsen sein – werden: Lohnt sich das? Die Jugendlichen vom 13+ des Vorarlberger Landestheaters und Motif werden älter, aber sie lassen sich nicht ihre Jugend stehlen.
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post-rock meets classical music
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28.05.
Sa., 18 Uhr, Conrad Sohm, Dornbirn
STIMMSINN WORKSHOP
Andreas Paragioudakis und die „Körper-Atem-Stimme“: Diese Zusammenkunft bietet die Möglichkeit, die eigene Stimme zu erforschen. Über spezielle Atemtechnik und Körperarbeit im Kollektiv gelingt es, das eigene stimmliche Potenzial zu entdecken.
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28.05.
Sa., 20 Uhr, Conrad Sohm, Dornbirn
SÓLEY
Musik
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31.05.
Di., 17 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch
BAFEP: FOOOD
Fotoarbeiten Lernende der BAfEP (bei Prof. Gerhard Petter) präsentieren ihre in einem Fotoworkshop mit der Künstlerin Cornelia Hefel zum Thema FOOD entstandenen Arbeiten.
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