#66 / Dezember 2021
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Magische Nächte
Susanne Türtscher über die rauhnächtliche Anderswelt. Seiten 4 bis 7
Kein Missionar
Markus Breuß hilft in Brasilien beim Aufbau nachhaltiger Projekte. Seiten 12 bis 14
Eine Geburtsreise
Jedes Kind ist ein Christkind. Melanie erzählt ihre Geburtsgeschichte. Seiten 39 bis 41
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Foto © EZA Fairer Handel / Ulla Sladek
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#66 | Dezember 2021
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Inhalt
Editorial
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Liebe Leserin, lieber Leser!
Magische Nächte Kräuterpädagogin und Ritualleiterin Susanne Türtscher erklärt uns die magische Welt der Rauhnächte
„Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit Lächeln um 8-9 „Das tut weh und schockiert” den Mund - tot, erfroren am letzten Tage des alten Jahres. Amnesty-Mitglied Katharina Lins setzt sich seit 24 Jahren Der Morgen des neuen Jahres ging über der kleinen Leiche für mehr Gerechtigkeit ein auf, die mit den Schwefelhölzern, wovon fast ein Schächtel10 Socken stopfen für Menschen in Not chen verbrannt war, dasaß. ͵Sie hat sich wärmen wollen!` Verein Tatendrang sammelt Geld für Flüchtlinge sagte man. Niemand wusste, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Großmutter zur Neu11 Rätsellösungen jahrsfreude eingegangen war.“ Immer, wenn ich als Kind 12-14 „Ich bin kein Missionar” das Märchen vorgelesen bekam, hoffte ich inbrünstig Markus Breuß aus Göfis hilft Menschen in Brasilien beim auf eine unerwartete Wendung. Dieses Gefälle zwischen Aufbau nachhaltiger Projekte bitterer Armut und der Fülle der Weihnachtszeit, die ich so sehr liebte, war schwer zu ertragen. Wieso hatte ihr 16-18 Auf Sinnmaximierung ausgerichtet nicht einfach jemand die Schachtel Streichhölzer abge Wie Wirtschaft wertestiftend und ohne Profitmaxi kauft, damit sie in ihr dürftiges Zuhause zurückkehren mierung funktionieren kann konnte, mit ein paar Schillingen in der Hand? Wäre es 20-22 Die Glaskünstlerin nicht ein Leichtes gewesen, sich zu kümmern, sie zu Handwerkerin Anna Bertle aus Schruns im Porträt retten? Vielleicht ist es nur ein Märchen und freilich aus einer anderen, rauen Zeit. Die Sozialkritik hinter Ander26 Das Bindemittel sens Erzählung kann man aber auch aufs Heute anwen Autor Hans Platzgumer über die Wichtigkeit von den. Kinder sterben auf dieser Welt immer noch, weil sie Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft nichts zu essen haben oder erfrieren. Das muss doch eine 28-30 Zwischen Pflichterfüllung und Selbstermächtigung Gesellschaft bis ins Mark treffen. Ganz egal, ob das Kind Bianca Lugmayr und ihre neue Ausstellung in Bregenz in einem Slum, einem Flüchtlingslager oder im Grenzgebiet zu Europa verhungert. 30 Impressum Manchmal ist das Mädchen mit den Schwefelhölzern 31 Rechenrätsel, Schachecke auch schwer zu erkennen, vor allem, wenn es in unangenehmer Gestalt vor einem steht. Wie in jener des 32 Das Anthropozän völlig verwahrlosten Mannes, der letzthin in der Wiener Wie der Mensch seit 200 Jahren zum dominierenden U-Bahn schwer angetrunken in mein Abteil stolperte. geologischen Faktor auf der Erde geworden ist Sein Anblick war unbequem und die Einsamkeit, die er 33 Das Dezember-Dreamteam ausstrahlte, fast schon bedrohlich. Und ich zu feige, ihm Randig-Schupfnudeln aus Dans Probelokal in irgendeiner Form meine Hilfe anzubieten. Niemand kann die Welt retten, aber wir können berühr34-36 Bauch über Kopf bar bleiben. Bei allem Unverständnis und der Wut, bei Unternehmerin Alena Flatz entscheidet inuitiv aller Angst und diesem Unbehagen, das uns gerade von 37 Weil sie Frauen sind allen Seiten durchdringt. Solange wir berührbar bleiben, Stefania Pitscheider Soraperra erklärt, warum ein Femizid ist Zuversicht angebracht. Solange wir uns also auch jene kein Familiendrama ist Geschichten erzählen, die uns in der Tiefe erreichen, dort, wo es um alles geht. Dort, wo es weh tut, dort, wo 39-41 Jedes Kind ist ein Christkind wir aber auch ermutigt werden, an gute Wenden und Melanie erzählt ihre Geburtsgeschichte Wunder zu glauben. Wir hoffen, dass in dieser Dezem42-43 Demokratie lernen berausgabe so manche Geschichte bei Ihnen anklingt und Ein Spiel macht sichtbar, wie zukunftsfähige Lösungen Schwingung erzeugt. Viel Freude beim Lesen, bleiben Sie gemeinsam gefunden werden können berührbar, „seien Sie klug und halten Sie sich an Wunder“ (Mascha Kaléko) – nicht nur zur Weihnachtszeit, 44-46 Barfuß, ohne Namen Daniela Egger blickt auf den ersten Lockdown zurück Simone Fürnschuß-Hofer, Redakteurin 46 Sudoku marie ist Mitglied im Weltverband der Straßenzeitungen. www.insp.ngo
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Kontaktieren Sie uns
Sie haben Anregungen, Wünsche oder Beschwerden? Dann schreiben Sie uns doch einfach. marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Graf-Maximilian-Straße 18, 6845 Hohenems. E-Mail: redaktion@marie-strassenzeitung.at oder Sie rufen uns an unter 0677/61538640. Internet: www.marie-strassenzeitung.at. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!
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Mittendrin in V
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Die 13. Fee
Einem Märchen räumt Susanne Türtscher in ihrem Buch einen besonderen Platz ein. Dass die 13. Fee in „Dornröschen“ keine Einladung zum Fest des neugeborenen Kindes bekommt, versinnbildliche unser Wegschauen. Susanne holt aus: „Die Wundergaben, die die zwölf weisen Frauen dem Kind bringen, beleuchten wichtige Aspekte unseres Daseins. Die dreizehnte Fee aber, die im dunklen Wald wohnt und die Schattenseite des Weiblichen symbolisiert, bringt den Blick für das „andere“ hinein. Für das, was wir im Leben für den ersten Moment oft nicht wahrhaben wollen. Wir sollten unbedingt einen zweiten Blick auf diese Qualität riskieren, denn hier geht es um wahren inneren Reichtum, um inneres Wissen, um Ganz- und Heilwerdung. Wenn ich die 13. Fee in Bezug zu Corona setze, dann wird dieser Weckruf überdeutlich. Etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten und als Einzelne wie im Kollektiv sind wir angefragt zu prüfen, wo wir gerade schlafen. Der alte König steht für die „alte Herrschaftsordnung“. Es gilt also zu erkennen, wohin uns die einseitige Leistungs- und Gewinnorientierung unserer Welt führt. Was es mit uns macht, Gefühle nicht leben, nicht zeigen zu dürfen.“ Märchen seien in ihren uralten Zugängen nie moralisch
MAGISCHE NÄCHTE 4|
Mit Räucherungen, Naturübungen und Ritualen in die Nacht hinauslauschen und die Seele zum Schwingen bringen: Vielen naturverbundenen Menschen bedeuten die Rauhnächte eine heilige – und heilende – Schwellenzeit. Eine Zwischenden-Zeiten-Zeit. Um innezuhalten, Ballast abzuwerfen und dem was kommen mag, den Boden zu bereiten. Text: Simone Fürnschuß-Hofer Fotos: Magdalena Türtscher
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m die Rauhnächte ranken seit jeher viele Mythen. Überlieferungen zu Ursprung und Pflege des Brauchtums variieren, wesentlich ist allen Auslegungen, dass es sich um eine Zeitqualität handelt, die mit Hilfe von Räucherritualen und Meditation ihre Bestimmung für Innenschau, Seelenputz und Neuausrichtung findet. Kalendarisch finden die Rauhnächte in der Zeit zwischen November und Februar statt. In jenen Monaten also, in denen sich die Natur zurückzieht. Nach alter Tradition werden insbesondere die zwölf Nächte vom 24. Dezember bis 6. Jänner fokussiert. Aber auch die Nacht zur Wintersonnwende, die mit dem 21.12. den kürzesten Tag des Jahres einleitet, markiert für viele den idealen Beginn für Rauhnacht-Rituale. Rituale, die uns helfen, Vergangenes ziehen zu lassen und neuen Kräften Einlass zu gewähren. Wer sich mit der Kraft und Magie dieser Nächte verbinden will, muss bereit sein, seiner Spiritualität ein Tor zu öffnen. Geheimnis umwobene Räucherrituale sollen böse Geister vertreiben und die Seele weit aufmachen. Für eine tiefe Begegnung mit der „Anderswelt“, mit Ahnen und Lichtwesen. Wohl nicht jede und jeder kann diesem Zauber etwas abgewinnen, aber allen, die „die Grenzen zwischen wirklicher und unwirklicher Welt“ verrücken möchten, hat die im Großwalsertal lebende Kräuterpädagogin und Ritualleiterin Susanne Türtscher, 58, ein ästhetisch äußerst ansprechendes Paket an Wissenswertem, Impulsen, Tagebuch und Räucherwerk zusammengestellt. Das dazugehörige Buch leitet durch die einzelnen Rauhnächte und deren Qualitäten, ordnet ihnen Planeten und Pflanzen zu und bringt die tiefer liegenden Themen zur Sprache, sodass damit auch ganz praktisch gearbeitet werden kann. Als kleinen Mosaikstein im großen Bild der Zusammenhänge sieht die Autorin ihr Werk und lädt ein, sich auf diesen Weg einzulassen.
„In dieser Qualität, in der die Zeit aufgehoben ist, öffnet sich die Möglichkeit in die Natur, die Täler und Wälder, die Nächte und die Dämmerungen zu lauschen; in dir vergessene Pfade zu entdecken und den Samen für das Kommende in die Erdscholle deiner Seele zu legen.“
gemeint, sondern als Naturweisheiten zu verstehen – mit Figuren und Themen, die uns zeitlose Spiegel sein dürfen. Mit vielen archetypischen Bildern, die in sich Erkenntnis- und Kraftpotenzial bergen.
Geheimnisvolle Schrift
Susanne Türtscher ist beseelt von dem, was sie tut. Mit jeder Pore strahlt sie ihre Verbundenheit mit der Schöpfung aus. Über die vergangenen Jahrzehnte hat sie sich einen Wissensschatz angeeignet, der weit über Räucherrituale, Natur- und Pflanzenkunde hinausgeht. Die Inspiration für ein eigenes Buch erhielt sie durch eine besondere Begegnung: „Bei einem Seminar in Tirol kam eine Frau auf mich zu und schenkte mir ein ganz verhutzeltes Büchlein in Kurrentschrift und mit Pflanzenskizzen. Es waren die Aufzeichnungen ihres Großvaters, die dieser während der Rauhnachtzeit gemacht hatte. Ich spürte gleich, welch Riesenschatz dies war, wenngleich ich bis heute nur Bruchstücke entziffern kann.“ Dennoch war der Impuls gesetzt, die Signatur der Pflanzen mit den jeweiligen >>
Susanne Türtscher
Susanne Türtscher ist Mutter von fünf erwachsenen Töchtern, Visionssucheleiterin, Ritualbegleiterin, Kräuterpädagogin.
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„Wer sich mit mir auf diesen Weg einlassen möchte, muss bereit sein, alte Zuordnungen loszulassen oder einfach für einen neuen Zugang offen sein, der gewiss alt ist.“
Den Weisheiten der Räucherkräuter und ihrer Wirkung, der Sternbilder und ihrer Botschaften, der Märchen und ihrer Bedeutung widmet sich das Buch „Von den zwölf Rauhnächten und dem dreizehnten Mond“. Susanne Türtscher hat altes Wissen und Überlieferungen zusammengetragen, um damit auf Zusammenhänge zwischen der Schöpfung und dem eigenen Sein hinzuweisen. Tagebuch, CD, und Räucherwerk erweitern das Angebot. T +43 664 959 81 67, info@susanne-tuertscher.at, www.susanne-tuertscher.at
Susanne Türtscher
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Qualitäten von zwölf Rauhnächten sowie astrologischen Analogien zu verknüpfen und daraus ein Buch entstehen zu lassen. „Schwellengang“ nennt sie jenes Zeremoniell, das sie auch selbst jeden 21. Dezember in die Rauhnächte eintreten lässt, hinein in eine Welt, in der sich innere und äußere Wege verflechten, Sichtbares und Unsichtbares wie Wasserfarben ineinander verlaufen. Zwölf Rauhnächte, jeweils einem Sternzeichen und seinem Zeitraum im Kalenderjahr zugeordnet, laden in ihrem Buch ein, in die Natur zu gehen, zu räuchern, die Kraft der Pflanzen zu spüren, Botschaften zu empfangen. „Eine Forschungsreise zu uns selbst“, fasst Susanne zusammen. Tagebuch zu schreiben sei ihr persönlich in dieser Zeit enorm wichtig. Gerade im Rückblick könne das zu einem wahren Schatz werden, weil sich Puzzleteile zusammenfügen und sichtbar würde, aus welchen Samen Triebe gewachsen sind.
Liebes Christkind, ich wünsche mir einen Limobaum VO ÜS zu Weihnachten
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Keine Doktrin
„Meine Wurzeln sind im Christentum. Lange habe ich Exerzitien im Alltag begleitet, insofern ist mir das alles gar nicht so fremd, wenngleich das Vokabular ein anderes ist. Aber tief darunter geht es um dasselbe“, sagt die Ritualbegleiterin. Vor dogmatischem „Gebrauch“ warnt sie, man solle sich keinesfalls in ein Korsett zwängen: „Niemand muss genau nach Buch vorgehen. Man kann sich auch Themen wie einzelne Mosaiksteine herausnehmen. Mit der Zeit wird das Bild dann immer kompletter. Manchmal bekommt man gar so klare Visionen, dass man plötzlich weiß, was zu tun ist.“ Eine liebe Nachbarin habe beispielsweise aufgrund ihrer rauhnächtlichen Eingebungen ein kleines Kochbuch herausgebracht. Natürlich müsse man sich bewusst sein, dass auch dunklere Themen in einem aufbrechen können oder man sehr sensibel werde. „Es ist gut, wenn man in dieser Zeit jemanden zum Reden hat“, kann Susanne eine gute Begleitung oder gar das Eingebettetsein in eine kleine Gruppe nur empfehlen. Am liebsten würde sie sowieso für ganz Vorarlberg ein Team aufbauen, das das Geheimnis der Rauhnächte mit entsprechenden Ritualangeboten weiterträgt und teilt. Fürs Erste kann sie ihre eigenen Seminare – so die Corona-Zeiten es zulassen – und Materialien dazu anbieten. Um es wie die Bäume zu machen: „Damit sie überwintern können, müssen sie ihre Blätter abwerfen. Ich frage mich also: Welche Knospen will ich über den Winter bringen? Welcher Ballast muss dafür abfallen, welche Blätter darf ich abwerfen?“
Früh übt sich, was ein Meister werden will. F. Schiller
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Begleitet durch die Rauhnachtzeit Seminar: 4 Abendtermine in der Fabrik Klarenbrunn, Bludenz (13.12., 21.12., 28.12., 5.1.); der erste Abend kann auch einzeln (Euro 12,-) gebucht werden, gebündelt alle Abende zusammen Euro 180,Ebenso wird ein Online-Seminar angeboten; Infos & Anmeldung: info@susanne-tuertscher.at
In der Dankbarkeit bekommt jede Zeit ihre Chance. Monika Minder
Schwefelbadstr. 6 6845 Hohenems T 0 55 76- 42 710 www.tectum.cc Bezahlte Anzeige
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„DAS TUT WEH UND SCHOCKIERT“ Text und Foto: Frank Andres
Am 10. Dezember ist der Tag der Menschenrechte. Die marie sprach mit Amnesty-Mitglied Katharina Lins (54) über ihre ersten Einsätze für mehr Gerechtigkeit, die aktuelle Situation an den EU-Grenzen, über die Rolle der Politik und ihren Wunsch ans Christkind.
K „Was wir brauchen, ist eine bessere Kommunikation. Wie 8|
notwendig sieht man derzeit bei den Diskussionen in Familien und unter Freunden rund ums Thema Impfen.“
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„Das heißt nicht, dass alle Grenzen offen sein müssen. Aber jeder Mensch hat das Recht, einen Asylantrag zu stellen, und auf eine faire Prüfung seiner Fluchtgründe. Man muss sich überlegen, ob man Ländern, die sich nicht solidarisch zeigen, einen Teil der EU-Mittel streicht.“
atharina Lins ist seit 24 Jahren Naturschutzanwältin für Vorarlberg. In der Öffentlichkeit weniger bekannt ist, dass sie sich neben den Belangen für die Umwelt auch in Sachen Menschenrechte engagiert. Angefangen habe alles in ihrer Schulzeit. „Das Thema Gerechtigkeit hat mich schon immer interessiert“, erzählt sie. Bereits Anfang der 80er Jahre trat sie für die Freilassung von politischen Gefangenen in der damalige DDR ein. Schrieb Briefe, sammelte Unterschriften, verteilte Flugblätter. Im Jahr 1994, nach Abschluss ihres Studiums in Wien und ihrer Rückkehr nach Vorarlberg, wurde sie Mitglied bei der Menschenrechts-Organisation Amnesty International. Das war damals. Wie schätzt Katharina Lins heute, 27 Jahre später, die Menschenrechts-Situation ein? „Es ist immer ein Kampf gegen Windmühlen“, betont sie. Aber es gebe durchaus Verbesserungen. Die Todesstrafe sei in vielen Ländern abgeschafft worden. Aber es wäre naiv zu denken, dass in Sachen Menschenrechte alles in eine gute Richtung laufen würde. Vor allem der politische Ton und der Umgang mit Menschen im Zusammenhang mit Migration und Flucht habe sich verschärft. Aktuelles Beispiel dafür sei der Konflikt an der Grenze zwischen Polen und Belarus. Seit Wochen sitzen bei zunehmend eisigen Temperaturen dort Tausende Flüchtlinge, vor allem aus dem Irak fest. Polen hat einen Grenzzaun errichtet und mehr als 15.000 Sicherheitskräfte an der Grenze zusammengezogen. „Da muss man sich als EU-Bürger schämen. Das tut weh und schockiert, weil man an die EU andere Erwartungen stellt als an finstere Diktaturen“, findet Katharina Lins klare Worte. Sie habe Verständnis für Länder wie Polen oder Griechenland, die sich von der EU beim Flüchtlingsthema im Stich gelassen fühlen würden. Aber andererseits seien diese Länder einer Wertegemeinschaft beigetreten, in der es neben Rechten auch Pflichten gebe. Und zu diesen Pflichten gehöre auch eine humane Flüchtlingspolitik.
© IMAGO SNA
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TEAM UP FOR THE PLANET
Politiker als Abschrecker?
Push-Backs, also das Zurückdrängen von Migranten von den Grenzen ihres Ziel- oder Transitlandes, seien der falsche Weg und zudem schlichtweg illegal. „Das heißt nicht, dass alle Grenzen offen sein müssen. Aber jeder Mensch hat das Recht, einen Asylantrag zu stellen, und auf eine faire Prüfung seiner Fluchtgründe. Man muss sich überlegen, ob man Ländern, die sich nicht solidarisch zeigen, einen Teil der EU-Mittel streicht“, erklärt die 54-Jährige. Doch die politische Realität sei eine andere, weiß auch Katharina Lins. Fremde würden derzeit oft als Bedrohung dargestellt. „Viele Politiker gefallen sich in der Rolle der großen Abschrecker. Wenn die glauben, etwas damit gewinnen zu können, wenn sie sagen, ‚Wir nehmen kein einziges Flüchtlingskind auf ‘, dann machen sie das“, urteilt die Menschenrechts-Aktivistin. Es habe schon immer große Migrationsund Fluchtbewegungen gegeben. Und selten seien diese konfliktfrei gewesen. Jetzt also jso zu tun, dass es heute viel schlimmer sei, stimme einfach nicht.
Bessere Kommunikation
Und was wünscht sich Katharina Lins vom Christkind? „Was wir brauchen, ist eine bessere Kommunikation. Wie notwendig sieht man derzeit bei den Diskussionen in Familien und unter Freunden rund ums Thema Impfen.“ Es gehe darum, dass man andere wieder von etwas überzeugen kann. Man müsse wegkommen vom bloßen Herumposaunen von Slogans. Derzeit komme das Sprücheklopfen von Politikern bei zu vielen Menschen allerdings gut an. „Ein derartiges Handeln wird sich aber langfristig nicht halten“, ist Katharina Lins überzeugt.
Infobox Die Vorarlberger Plattform für Menschenrechte ist ein Zusammenschluss von derzeit 51 Organisationen, die sich auf verschiedenste Arten für die Menschenrechte einsetzen – für Asyl, für Menschen mit Behinderung, für fairen Handel und eine gerechte Wirtschaft, für Frieden und Abrüstung, für Kinderrechte, gegen Folter, gegen Hunger, gegen Ausbeutung und Ausgrenzung. Sie veranstaltet jährlich einen gemeinsamen „Vorarlberger Tag der Menschenrechte“, beteiligt sich an Demonstrationen und beim jährlichen Menschenrechts-Filmfestival im Spielboden. In diesem Jahr kann es leider keine physische Veranstaltung zum Tag der Menschenrechte geben, dafür werden kleine Botschaften zu Menschenrechtsthemen in sozialen Netzwerken verbreiten und in Artikeln auf der Website vertieft. Mehr Infos unter www.menschen-rechte-leben.at
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Letztes Jahr wurden Andrea Hollenstein, Gabriele Hampson und Michaela Müller in Lustenau aktiv – ihr Ziel war es, unter Freund:innen etwa 1000 Euro für Menschen auf der Flucht zu sammeln.
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m Ende waren es über 63.000 Euro, die den Hilfsorganisationen von Doro Blancke und Helga Longin übergeben werden konnten, die sich auf den griechischen Inseln für die Versorgung der Menschen in Karatepe und anderen Lagern einsetzen. Das tun sie noch immer, der Fokus ist derzeit aber auf Bosnien gerichtet. In einem Mail vom 23. November 2021 schreibt Doro Blancke: „Wir waren fünf Tage vor Ort an der kroatischen Grenze und haben uns entschieden, sofort eine Katastrophenhilfe aufzubauen. Was wir dort erlebt und gesehen haben, war, trotzdem wir alle die Bilder und Berichte bereits kannten, ein riesiger Schock für uns. Familien, Alleinreisende, die immer wieder den Eintritt in die EU über Kroatien versuchen, manchmal bis zu 30 mal (!), werden illegal zurückgepusht. Manchmal mit schlimmsten Demütigungen und Schlägen. Oft werden den Schutzsuchenden auch Kleider, Schuhe, Mobiltelefone usw. abgenommen. Die Menschen campieren mit ihren Kindern auf Wiesen, im Wald, in Abbruchhäusern. Schlichtweg eine Katastrophe.“
Gemeinsam Socken stopfen, um Menschen zu helfen
Das Elend ist weitergewandert, die Brutalität nimmt zu. In Karatepe leben inzwischen weniger Menschen, in Bosnien ist der Wintereinbruch auch in diesem Jahr eine reale Lebensbedrohung – neben dem Hunger und der Gewalt. Deshalb steht der Verein Tatendrang wieder auf, um vor dem heftigen Winter Geld zu sammeln, damit die Menschen vor Ort mit dem Nötigsten zum Überleben versorgt werden können. Bitte helft mit! Die Aufgabe ist einfach: • Findet eine Socke, hängt sie auf und stopft sie am Ende des Tages mit dem Geld, das in der Hosentasche herumklimpert oder am Boden der Handtasche liegen bleibt. „Socken“ können auch leere Marmeladengläser, Kartonschachteln, Papiersäckchen sein oder noch einfacher, die virtuelle Socke per Direktüberweisung. Lasst euch was einfallen, Hauptsache ihr stopft! • Wer gar keine Idee oder keine Socke hat, der kann am 01.12.2021 kontaktlos eine Socke abholen: Im Briefkasten vor dem W*ORT, Raiffeisenstr. 18, Lustenau, oder bei Michaela vor der Haustüre, Jägerweg 26, Höchst • Wer keine Socke, aber Geld zur Verfügung hat: Dornbirner Sparkasse, lautend auf Verein Tatendrang – Initiative für Menschlichkeit IBAN: AT85 2060 2000 0047 8560 Verein Tatendrang – Initiative für Menschlichkeit www.tatendrang.xyz Das Stopfen der Socken funktioniert besser, wenn wir es gemeinsam tun. Unbedingt weitersagen, nachmachen, weiterschenken! Das Geld geht zu 100% an die Menschen, die es dringend brauchen.
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Socken stopfen für Menschen in Not
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Des Christkinds Helferlein
ifs Regionale Sozialberatung
Mit vielen Kindern und armen Menschen tut sich das Christkind etwas schwer. Auch wenn deren Wünsche auf den ersten Blick leicht erfüllbar wirken – Socken ohne Löcher, ein Wasserkocher oder ein Fahrrad – so sind sie für diese Menschen oft unerreichbar. Weil das Geld oder die Möglichkeiten fehlen, an – für andere – ganz banale Dinge heranzukommen. Das Team der Wichtel Challenge Vorarlberg sammelt Wünsche von sozial Bedürftigen über soziale Einrichtungen ein und veröffentlicht diese auf ihrer Webseite. Jeder kann zum Wichtel werden, mitmachen und so viele Wünsche erfüllen, wie er oder sie möchte. Viele haben die passenden Produkte vielleicht in gutem Zustand herumliegen oder kaufen sie neu ein. Durch die Wichtel Challenge konnten allein im letzten Jahr österreichweit 4280 Wünsche erfüllt werden. Nähere Infos unter www.wichtelchallenge.at
Sie haben Probleme, Fragen, suchen Orientierung und wünschen sich ein klärendes Gespräch? Die regionalen Sozialberatungsstellen des ifs sind zentrale Anlaufstellen für alle Menschen in Vorarlberg, die psychosoziale Probleme oder Fragen zur Existenzsicherung haben. Wir widmen uns Ihren konkreten, aber auch den noch unklaren Anliegen, bieten Unterstützung bei der Klärung sowie Beratung. Wir helfen Ihnen in Krisensituationen. Unsere Beratungsstellen sind geöffnet. Wir bitten Sie jedoch um vorherige telefonische Terminvereinbarung.
ifs Sozialberatungsstellen Öffnungszeiten Bludenz, Bregenz, Dornbirn, Feldkirch Mo – Fr 8 – 12 | Mo, Mi 13 – 19 | Di, Do 13 - 17 Uhr Freitagnachmittag nach Vereinbarung Bludenz Innovationszentrum Klarenbrunnstr. 12 Tel. 05 1755-560 Bregenz St.-Anna-Straße 2 Tel. 05 1755-510 Bregenzerwald Mo – Fr 9 – 11 Uhr Impulszentrum | Egg Gerbe 1135 Tel. 05 1755-520
Dornbirn Kirchgasse 4b Tel. 05 1755-530 Feldkirch Ganahl-Areal, Schießstätte 14 Tel. 05 1755-550 Hohenems Mo – Fr 8 – 12 Uhr F.-M.-Felder-Str. 6 Tel. 05 1755-540
wir helfen weiter www.ifs.at
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LÖSUNGEN Schachecke 1 1...Lg5! Der angegriffene weiße Turm ist nun überlastet. Er kann nicht gleichzeitig den Läufer auf e4 und den schwachen Punkt f2 schützen. 2.Lc1 [Nach 2.Te2 Lxe4 3.Txe4 Dxf2+ 4.Kh1 hat Weiß die Wahl zwischen dem humorlosen 4...Dxb2 und dem noch stärkeren 4...Dxg3.] 2...Lxe4 3.Txe4 Dxf2+ 4.Kh1 Lxc1 5.Dxc1 Df3+ Weiß gab sich aufgrund des unvermeidbaren Turmverlustes geschlagen. 2 1...Txe3! 2.cxd6 [Nach 2.fxe3 folgt einfach 2...Df1+ 3.Kd2 Dxg2+ und Schwarz hat eine Figur mehr.] 2...Df3+! [Dieser Zug ist noch stärker als die Partiefortsetzung 2...Txh3 3.Da4 Sf6, wobei auch hier Schwarz klar auf Gewinn steht.] 3.Kd2 Te2+ 4.Kc3 Sf6! Ein asugezeichneter Zug. Er stoppt den weißen Freibauer und droht sowohl 5...Dxg2 als auch 5...Sxe4+, gefolgt von 6...Sxd6. Die weiße Stellung ist völlig hoffnungslos. 3 1.Tf7! Nur mit diesem Zug kann Weiß das Matt forcieren. Es droht einfach 2.Tf8#. 1...Sed6 2.Lg7+ Kg8 3.Sh6# Das große Talent aus Lustenau setzte die Nummer 1 des Turniers spektakulär matt. Rechenrätsel Für Anfänger = 32 | Für Fortgeschrittene = 78 | Für Genies = 112 Sudoku 6
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Die Firma blum unterstützt die Berichterstattung über privat initiierte, gemeinnützige Projekte in Vorarlberg.
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Ich wollte hinaus in die Natur, wollte reisen. Dorthin, wo die Menschen leben.
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14 Monate später, nach Beendigung ihres Zivildienstes, gingen Sie aber wieder zurück nach Österreich. Was passierte dann? Ich stand vor der Frage: Was soll ich mit meinem Diplom jetzt tun? In einer Firma arbeiten oder in die öffentliche Verwaltung gehen? Das hat mich aber alles nicht gereizt. Dann habe ich mir überlegt, wie ich es schaffen kann, wieder nach Brasilien zu kommen, um an den Projekten weiterzuarbeiten. Das war aber nicht leicht. Warum? Ich hatte finanzielle Bedenken. Wie schaut es zum Beispiel mit der Kranken- und Pensionsversicherung aus.
ökologische Ausbildung hat. Das Anforderungsprofil passte genau zu mir. Ich habe mich beworben und bekam den Job. Was genau war Ihre Aufgabe? Ich arbeitete mit an einem Programm für die Revitalisierung eines indigenen Gebietes. Genauer gesagt dem der Maxakali, einem Volk von Ureinwohnern in Brasilien. Ihr Gebiet war durch die Kolonialisierung extrem geschrumpft. Viele Landstriche waren ökologisch zerstört. Gemeinsam mit den Maxakali haben wir abgeholzte Gebiete wieder aufgeforstet, Rahmenbedingungen geschaffen, damit wieder natürlicher Wald entstehen kann und gleichzeitig auch Mais, Bohnen oder Kürbis angebaut werden konnten.
Der Auslands-Zivildienst hat das Leben von Markus Breuß nachhaltig verändert. Das ist inzwischen 20 Jahre her. Seitdem lebt der dreifache Familienvater im Nordosten Brasiliens, hilft Menschen beim Aufbau nachhaltiger Projekte und gibt ihnen damit Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die marie hat den heute 48-Jährigen in seinem Heimatdorf Göfis zum Interview getroffen.
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Text: Frank Andres, Fotos: Frank Andres, privat
Herr Breuß, Sie haben an der HTL für Elektronik maturiert. Bei der Wahl Ihres Studiums schlugen Sie dann aber eine gänzlich andere Richtung ein. Wie kam es dazu? Markus Breuß: Ich bin nach der Matura draufgekommen, dass es nicht meine Erfüllung ist, im Labor Computerchips kleiner und schneller zu machen. Ich wollte hinaus in die Natur, wollte reisen. Dorthin, wo die Menschen leben. Ich habe mich deshalb entschieden, Landschaftsökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien zu studieren. Mit 27 Jahren, kurz vor Ende des Studiums standen Sie dann vor der Frage: Bundesheer oder Zivildienst? Es war für mich schnell klar, dass ich den Zivildienst wähle. Über die Pfarre Frastanz bekam ich die Möglichkeit ins Ausland zu gehen. Und wohin führte die Reise? In den Nordosten von Brasilien, dem Armenhaus des Landes. Josef Hehenberger, ein Pfarrer aus Oberösterreich, betreute dort verschiedene Projekte in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern. Was war Ihre Aufgabe? Ich arbeitete in der landwirtschaftlichen Schule und war im Recyclingbereich aktiv. Da ging es zum Beispiel um die richtige Kompostierung und die Verwertung von Biomüll. Wir machten dort Projekte zur Umweltbewusstseinsbildung mit Schülern und Eltern. Darüber habe ich auch meine Diplomarbeit geschrieben.
Capoeira Vorführung im Gemeinderat
Workshop für Afro-Mode
Wie haben Sie das Problem dann gelöst? Meine Arbeit als Zivildiener in Brasilien blieb in meiner Heimatgemeinde nicht unbemerkt. Nicht zuletzt durch meine Vorträge im Pfarrsaal Göfis. Die sozial engagierten Pfarrer Elmar Simma und Wilfried Blum setzten sich für mich ein und ich bekam schließlich über die Pfarre eine geringfügige Anstellung. Und sie schickten mich dann quasi auf Mission in den Außendienst.
Mit welchen Problemen hatten Sie zu kämpfen? Es ging viel um die Landfrage, um Verdrängung. Anliegende Großfarmer wollten sich das Land der indigenen Bevölkerung einverleiben. Im dritten Jahr ist dieser Konflikt dann eskaliert. Ein Großgrundbesitzer stattete eine andere indigene Gruppe mit Waffen aus. Wiegelte die einen gegen die anderen auf. Der Konflikt artete dann derart aus, dass versucht wurde, mich zu lynchen. Mein Haus, das ich zusammen mit meiner damals schwangeren Frau bewohnte, wurde gestürmt. Wir mussten Hals über Kopf fliehen. Über diesen Vorfall wurde dann auch in den Medien berichtet. In einem Bericht nannten sie mich einen Missionar, obwohl ich das nie gewesen bin. Ich habe das Umweltprojekt aber dennoch weiter begleitet. Ich durfte mich aber öffentlich nicht mehr blicken lassen. Ab diesem Zeitpunkt war ich nur noch inkognito unterwegs. >>
Wann kehrten Sie nach Brasilien zurück? Ein Jahr nach Ende des Zivildienstes. Es blieb aber finanziell für mich weiterhin sehr knapp. Ich bin dann aber zufällig auf eine Stellenausschreibung von Horizont 3000 gestoßen. Das ist eine österreichische Entwicklungsagentur für internationale Zusammenarbeit. Die suchten einen Österreicher mit guter Brasilien-Kenntnis, der portugiesisch spricht und eine
Mittendrin in V Videos, Fotos und mehr Infos gibt es im Internet unter www.atabaquejacobina.blogspot.com
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Esperança ist ein Projekt der Pfarrgemeinde Göfis.
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Nach fünf Jahren endete Ihre Arbeit für Horizont 3000. Sie arbeiteten danach unter anderem als Berater für die UNO und die Caritas und erstellten Machbarkeitsstudien. Waren aber auch weiter aktiv im kleinbäuerlichen Umweltbereich und halfen bei der Gründung eines lokalen Biomarktes mit. Was machen Sie heute? Inzwischen habe ich ein Ein-Personen-Unternehmen gegründet. Mein Ziel ist die bessere Vermarktung von Produkten aus kleinbäuerlichen Betrieben. Es gibt in Brasilien zwar ein Gesetz, wonach die öffentliche Hand 30 Prozent der Lebensmittel für die Mahlzeiten in den Schulen lokal einkaufen muss. Das war aber bislang nur Theorie. Denn in der Praxis wurde von der Behörde immer behauptet, dass es keine Bauern und keine Lebensmittel aus regionaler Produktion gebe. Ich bin jetzt dabei, eine Datenbank einzurichten, in der genau ersichtlich ist, welcher Bauer welche Produkte in welcher Menge vorrätig hat bzw. liefern kann. Das kann ganz einfach über Smartphone von den BäuerInnen aktualisiert und abgerufen werden. Dann gibt es für Behörden auch keine Ausreden mehr. Und gleichzeitig bekommen Bauern Zugang zu einem größeren Absatzmarkt. Geplanter Start ist noch in diesem Jahr. Brasilien hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Stichwort: Präsident Jair Bolsonaro und seine Corona-Politik. Wie erleben Sie diesen Wandel? Als ich vor 20 Jahren nach Brasilien gekommen bin, war ich vom Land begeistert. Vom Klima, der offenen Art der Menschen und dem Gefühl von Freiraum. Ich habe mich zuhause gefühlt. Die aktuelle politische Lage hat aber vieles verändert. Und ich überlege mir immer öfter, ob ich nicht nach Vorarlberg zurückkehren soll. Ich frage mich auch, ob Brasilien das Land ist, wo ich meine drei Töchter aufwachsen sehen will. Ich selbst komme schon irgendwie klar. Meinen Töchtern will ich es aber möglich machen, selbst zu entscheiden, wo sie leben wollen. Meine älteste Tochter ist fast 16 Jahre und ist jetzt mit mir nach Vorarlberg gekommen. Sie bleibt hier bei meiner Mutter und besucht seit Herbst das BORG in Feldkirch. Sie selbst wollte das. Sie wollte weg aus Brasilien, wie viele andere auch. Ich kehre mit meiner jüngsten, vierjährigen Tochter aber zurück nach Brasilien.
Warum wollen so viele weg aus Brasilien? Ich hatte Möglichkeit, das zu machen, was ich wollte. Das hat mich geprägt. In Brasilien ist die Realität im Gegensatz zu Österreich eine gänzlich andere. Wenn du ein afrikanisch-stämmiger Jugendlicher in einer Favela in einem Slumgebiet bist, hast du praktisch keine Chance auf ein normales Leben. Es gibt keine Jobs, dafür Drogen und Gewalt. Allein in der Hauptstadt Salvador in unserem Bundesland Bahia, in dem 20 Millionen Menschen leben, werden jedes Wochenende um die zehn Jugendlichen durch Waffengewalt getötet. Ich habe das Privileg, in zwei Welten leben zu dürfen. Aber momentan fühle ich mich zwischen zwei Welten. Und dieses Gefühl ist nicht angenehm. Ich war immer der, der sagte: Brasilien hat auch seine schönen Seiten und Europa ist nicht das Paradies. Inzwischen bin ich auch still geworden und verteidige Brasilien nicht mehr.
Projekt Esperança Esperança ist ein Projekt der Pfarrgemeinde Göfis, das seit März 2008 die soziale und pastorale Arbeit von Markus Breuß in Brasilien unterstützt. Ziel ist und war es, den Menschen Hoffnung (Esperança) für die Zukunft zu geben. Durch gezielte langfristige Unterstützung war es möglich, nachhaltige Projekte aufzubauen. Das Projekt vom Arbeitskreis „Mission-Solidarität“ und von Privatpersonen wird durch Spenden unterstützt. Ein weiteres Projekt ist die Solidaritätsinitiative Puravida, die vor allem vom Göfner Turnverein gefördert wird. Auf der Homepage der TS-Göfis sind weitere Infos zu finden. So konnten in diesem Jahr unter anderem 5000 Lebensmittel-Pakete an bedürftige Familien verteilt werden. Zudem wurde ein Bio-Lebensmittelzustelldienst ausgebaut, wo Produkte von lokalen ProduzentInnen bezogen und übers Internet vermarktet werden. Inzwischen wird auch Afro-Mode im Online-Shop angeboten. Dort verkaufen Frauen aus einer Nähwerkstatt ihre selbstgenähten Kleidungsstücke und Accessoires. Einige dieser Stücke gibt es im Weltladen Göfis zu besichtigen. Kontakt: markus.breuss@gmail.com
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Eva Fischer, Vorarlberger Küche, 's Bescht usom Ländle, Altbewährte & neu interpretierte Rezepte, 192 Seiten, Tyrolia-Verlag, ISBN 978-3-7022-3981-7, 24,95 Euro
Mittendrin in V
AUF SINNMAXIMIERUNG AUSGERICHTET Hip, hip, sozial: Social Entrepreneurship – Gesellschaftliches Unternehmertum – gab es zwar immer schon, trifft gegenwärtig aber einen ganz besonderen Nerv. Eröffnet es doch ein innovationsstarkes, solidarisches Betätigungsfeld für all jene, denen es nicht um Profitmaximierung, sondern um sinnund wertestiftende Geschäftsmodelle geht.
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Text: Simone Fürnschuß-Hofer Fotos: iStock, privat
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„ZIEL IST NICHT EIN BOOT AM SEE, SONDERN EINE POSITIVE GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNG.“
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n der „Vollpension“, einem hippen Generationencafé in Wien, backen Omas Kuchen und verdienen sich damit ein Zubrot zur Mindestpension, bei „Atempo“ in Graz arbeitet man unter anderem an KI-Programmen, die Texte auch für Menschen mit Beeinträchtigungen verständlich und lesbar machen und „'s Fachl“ in Dornbirn spannt auf knappem Raum ein großes Verkaufsnetz für regionale Kleinproduzent:innen auf. Was diese drei Geschäftsideen eint? Hier werden gesellschaftliche Herausforderungen auf „Unternehmerisch“ beantwortet. Als „Social Entrepreneur“ gilt, wer gemeinwohlorientiert und dabei finanziell rentabel wirtschaftet. Wer mit seinem Unternehmensgegenstand die Lebensqualität der Menschen verbessert und ökologische wie soziale Probleme zu lösen versucht. „Sozialunternehmer“ ist dabei nur die zweitbeste, in diesem Artikel aber mitverwendete Übersetzung. Das englische „social“ meint jedenfalls eine weiter gefasste gesellschaftliche Verantwortung als das deutsche „sozial“. Gerade auch in der Startup-Szene nützen etliche Gründer:innen ihren Erfindergeist für Produkte mit „social impact“ und kollektivem Mehrwert. Um die Welt ein Stückweit grüner, sozialer, besser zu machen. Inhaltliche Stoßrichtungen finden sich entlang der UN-Nachhaltigkeitsziele, häufig adressieren innovative Ideen die Themenfelder Nachhaltigkeit und Umwelt, Gesundheit, Bildung, Inklusion und Chancengleichheit.
Gesellschaft verändern
Mantra der sozial Geschäftstüchtigen: Wirtschaft dient dem Menschen und nicht umgekehrt. Zum Ehrenamt oder Non-Profit-Bereich grenzt sich Gesellschaftliches Unternehmertum insofern ab, als dass die Arbeit entlohnt wird, das Produkt sich also am Markt bewähren und Geld einbringen muss. „Daraus ergibt sich automatisch ein unternehmerisches Risiko, für das jemand bereit ist, Verantwortung zu tragen“, so Gernot Jochum-Müller, 51, mehrfacher Social Entrepreneur und Unternehmensberater aus Dornbirn. Er präzisiert: „Gewinne von Sozialunternehmen werden reinvestiert, nicht maximiert. Und schon gar nicht parkt man Schulden im Unternehmen, während Gewinnentnahmen auf dem privaten Girokonto landen. Ziel ist nicht ein Boot am See, sondern eine positive gesellschaftliche Veränderung.“ Gesellschaftliche statt finanzieller Rendite, Gewinne als Mittel zum Zweck. Wer nun verleitet ist, zu glauben, auf diesem Sektor tummeln sich vor allem idealistische Schwärmer und weltfremde Utopistinnen, der irrt gewaltig. In Deutschland lassen sich gut 40 Prozent aller Startups den Social Enterprises zuordnen und auch Österreich kann mit einer Vielzahl an gelingenden Beispielen dienen, wenngleich man sich in der Szene hierzulande mehr Selbstverständnis und Sichtbarkeit wünschen würde. Fürs Erste konnten aber immerhin 2300 agile Social Entrepreneurs als fundierte Datengrundlage für einen ersten Monitorbericht* identifiziert werden (Social Entrepreneurship Monitor Österreich 2020, sena.or.at), 56% qualifizieren sich als Startups.
Stand Vorarlberg
Als Vorstandsmitglied im bundesweiten Netz an Social Entrepreneurs SENA ist Gernot Jochum-Müller aktuell dabei, Vorarlberger Akteur:innen aufzuspüren, die sich der Lösung ökologischer oder sozialer Probleme verschrieben haben. Das sei gar nicht so einfach, denn
vielen sei nicht bewusst, dass sie im Sektor Social Entrepreneurship unterwegs sind, sagt der versierte Gründer. „Es fehlt das Verständnis, wer wir sind, obwohl wir wissen, was wir tun. Eingebunden zu sein in ein Netzwerk wie SENA stärkt uns. Zu merken, da gibt es noch mehr Leute, die so ticken und Gesellschaft verändern, Wirkung erzielen und dafür Verantwortung übernehmen wollen, ermutigt.“ Mit der „Allmenda“-Genossenschaft und dem Betreuungsmodell „Zeitpolster“ hat er selbst bereits Gemeinwohl-Felder abseits staatlicher Modelle bestellt. Mit Blick auf die marie meint er: „Ihr seid ja im Grunde auch ein Sozialunternehmen. Ein Universitätsprofessor sagte einmal, der Non-Profit-Bereich ist die Kritik am Markt, der NGO-Sektor (Nichtregierungsorganisationen) die Kritik an der Regierung. Gemeinwohlorientiertes Unternehmertum kann Kritik an beidem sein: am Markt, aber auch am Sozialverständnis der Gesellschaft. Die marie könnte man in dieser Logik als Kritik an der Medienlandschaft sehen sowie an den Mindesteinkommensgrenzen.“
Staatliches Gütesiegel
Aktuell stehen die SENA-Verantwortlichen mit den Ministerien im regen Austausch, um einen Rechtsformzusatz zu erwirken: „Egal, ob du als Verein, GmbH oder Genossenschaft sozialunternehmerisch tätig bist, sollte gesichert sein, dass du den Kriterien entsprichst. Und dafür muss es ein öffentliches Register geben, eine Art „staatliches Gütesiegel“ in Form eines Rechtsformzusatzes, das diese Art von Unternehmen für die Kund:innen verlässlich macht“, so Gernot Jochum-Müller. Es gebe auf Bundesebene sehr viel Wohlwollen gegenüber SENA und Gesellschaftlichem Unternehmertum im Allgemeinen. Man wolle dieses Feld substanziell stärken. Auf Landesebene fehle es SENA noch an Beachtung, aber – eben – man arbeite auf Hochtouren an Präsenz und Vernetzung. Neue Mitgliedschaften seien willkommen, neben persönlicher Beratung und Schulung könne man auch mit Kontakten zu Investoren und Förderern dienen. Der Experte: „Es macht Sinn, sich bereits im Gründungszeitraum zu melden, um das Netzwerk zu aktivieren. Wir infor- >>
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Einfach nachhaltiger, auch fürs Klima „ZU MERKEN, DA GIBT ES NOCH MEHR LEUTE, DIE SO TICKEN UND GESELLSCHAFT VERÄNDERN, WIRKUNG ERZIELEN UND DAFÜR VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN WOLLEN, ERMUTIGT.“
Pionierarbeit damals und heute
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Sozial geprägtes Unternehmertum ist kein rein zeitgenössisches Phänomen. „Es hat immer schon Menschen gegeben, die mit ihren sozialen Impulsen Pionierarbeit geleistet haben“, so Gernot Jochum-Müller. „Ein wunderbares Beispiel ist Hermann Gmeiner und sein SOS Kinderdorf. Oder auch Kaplan Bonetti mit dem „Haus der jungen Arbeiter“, das sich inzwischen zu einer Institution entwickelt hat, die im Auftrag der öffentlichen Hand agiert.“ Eines der bekanntesten internationalen Beispiele ist Wikipedia. Die Idee: Unabhängig vom Finanzsektor, Wissen von jedermann an jedermann zur Verfügung zu stellen. „Diese Spenden basierte Online-Enzyklopädie hat die ganze Branche auf den Kopf gestellt. Firmen wie Duden, Brockhaus, die Wissen erst zentralisiert und dann verkauft haben, sind unwichtig geworden“, so Jochum-Müller, der nach wie vor großen Gefallen am Gestalten hat. Gute Ideen, so meint er schmunzelnd, gäbe es zuhauf, aber jemand müsse es halt machen. All jene, die sich schon länger mit dem Gedanken tragen, ein Vorhaben zu starten, will er anspornen: „Man muss ja nicht gleich ein ganzes Unternehmen gründen. Manchmal reicht es, ein Thema, das einen bewegt auf eine Geschäftsidee zu prüfen, zu schauen, welche Menschen gibt es, die diese Idee unterstützen würden. Oft geht es einfach um einen ersten Schritt.“
© Gerd Altmann via pixabay
SENA: Social Entrepreneurship Network Austria Dachorganisation für Social Entrepreneurship in Österreich; Hauptaufgaben: Unterstützung und Wissenstransfer, Vernetzung und Lobbying, Qualifizierung, persönliche Beratung und Coaching; sena.or.at
Einladung zum ersten SENAHock in Vorarlberg: 14.01.2022, 17:00-19:00 Uhr, Raum Dornbirn; Kontakt/Anmeldung unter: info@allmenda.com
Gernot Jochum-Müller MSc, Organisationsentwickler und Coach, SENA Vorstandsmitglied, Ashoka-Fellow und Gründungsvater zahlreicher Projekte und Unternehmen, u.a.: // „Zeitpolster“: ein Betreuungsund Vorsorgemodell, bei dem statt Geld Zeitgutschriften angespart werden, die im Alter gegen Betreuung eingelöst werden können (zeitpolster.com). // Allmenda: Genossenschaft für Initiativen wie 's Fachl in Dornbirn, die Regionalwährung VTaler und Crowd finanzierte Starthilfen (allmenda.com)
Erkenntnisse aus dem Social Entrepreneurship Monitor Österreich 2020 // Knapp ein Viertel der Social Enterprises ist als Verein organisiert, überwiegender Teil im Dienstleistungssektor tätig // knapp 50% GründerINNEN // Tätigkeitsfelder: Bildungs- oder Umweltbereich, Inklusion und Diversität, Arbeitsmarktintegration, Kreislaufwirtschaft, ... // Wünsche: öffentliche Anerkennung, bessere Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, Rechtssicherheit z.B. durch einen Rechtsformzusatz // Größte Herausforderungen: Finanzierung und Profitabilität
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mieren nicht nur, sondern sehen uns auch als Unterstützer für Ideen, indem wir Gründungswillige mit den richtigen Menschen zur Schärfung ihrer Ideen zusammenbringen.“
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Die Glaskünstlerin Sie ist 25 Jahre alt und stammt aus einer bekannten Künstler:innenfamilie. Auf der Suche nach ihrem eigenen kreativen Ausdruck ist sie auf das Material Glas gestoßen. Wie es dazu kam, dass die Schrunserin Anna Bertle passionierte Glashandwerkerin geworden ist, und was sie sonst noch so alles in ihrem jungen Leben tut, erzählte sie an einem sonnigen Herbsttag der marie.
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Text: Brigitta Soraperra, Fotos: Petra Rainer
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as Haus, in dem sie aufgewachsen ist und in dessen Garten heute ihre kleine Werkstatt – ihr Heiligtum – steht, hat eine besondere Adresse. Der Hans Bertle Weg in Schruns ist auf Anna Bertles Urgroßvater zurückzuführen, den bekannten und überregional tätigen Künstler, von dem einige Werke – Landschaftsbilder, Porträts und Illustrationen – in zahlreichen öffentlichen Gebäuden im ganzen Land zu finden sind. Auch sein Sohn, Hannes Bertle, war akademischer Maler, wie überhaupt die ganze Familie väterlicherseits bis ins 17. Jahrhundert rückblickend künstlerische Berufe ausgeübt hat. „Ich bin damit aufgewachsen, dass Bertle-Bilder um mich sind“, sagt die Enkelin, „in Kirchen, Schulen, Museen.“ Sie habe das auch sehr bewundert, es habe ihr aber auch von Anfang an eines klar gemacht: „Ich wusste, ich kann nicht Malerin werden, weil man mich dann ständig mit meinen Vorfahren vergleichen würde.“
Nicht selbstverständlich
Bemerkenswert in ihrer Ahnenreihe sind aber auch ihre Vorfahrinnen: „Alle Frauen in der Familie hatten kunsthandwerkliche oder künstlerische Berufe“, sagt Anna Bertle nicht ohne Stolz, „sie arbeiteten beispielsweise als Vergolder innen oder Goldstickerinnen und sind mit ihren Männern und Kindern als Familienbetriebe herumgereist.“ Die junge Montafonerin hat eine große Bewunderung für das, was diese Leute geleistet haben „in so einem Tal, wo die Möglichkeiten nicht die gleichen waren wie in der Stadt und wo es nicht selbstverständlich war, von der Kunst leben zu können.“ Natürlich seien die meisten auch auf Zuverdienste angewiesen gewesen, hätten etwa eine Landwirtschaft oder ein Gasthaus gehabt und ihr Urgroßvater leitete zeitweise eine eigene Malschule in München. Auch ihre Großmutter betrieb gemeinsam mit ihrem Sohn, Annas Vater, lange Zeit ein Geschäft für Kunsthandwerk in Schruns, wobei ihrer beider Liebe der Hinterglasmalerei galt. „Durch sie und meinen Vater bin ich bereits als kleines Kind mit Glas als Kunstobjekt in Berührung gekommen“, erzählt Anna Bertle, dennoch dauerte es noch eine Weile, bis sie in ihrem eigenen künstlerischen Umgang mit Glas ihre Berufung fand.
Glas als Berufung
Anna ist mit einem jüngeren Bruder im Hans Bertle Weg 12 aufgewachsen, ihre Mutter ist Lehrerin und unterrichtet unter anderem Bildnerische Erziehung, ihr Vater gab nach dem Tod der Großmutter das Geschäft auf und ist seither bei den Montafoner Museen tätig. Während ihrer Schulzeit arbeitete
Anna in den Ferien immer wieder im Museum mit, half bei Kinderprogrammen und in der Sammlung. Sie absolvierte den musischen Zweig des Gymnasiums in Bludenz, spielte von klein auf Klavier und wusste, sie möchte „einmal mit ihrer Kreativität arbeiten“. Nach der Matura kam aber vorerst ein Studium nicht in Frage. Anna schaute sich nach Alternativen um. „Ich wusste, ich muss etwas mit meinen Händen machen“. Der Zufall wollte es, dass sie auf die Glasfachschule Kramsach in Tirol (heute HTL Glas und Chemie) aufmerksam wurde. Sie besuchte dort den Tag der Offenen Tür und war vom ersten Moment an begeistert. „Bevor ich auf diese Schule gegangen bin, habe ich gar nicht gewusst, was mit Glas alles möglich ist“, erzählt die 25-Jährige, „bei uns standen durch die Hinterglasmalerei zwar immer Glasscheiben herum, und es hat mich fasziniert, wie man das Glas schneidet und auch bemalt. Ich wusste auch, dass man Glas blasen kann, aber weitere Techniken waren mir nicht präsent.“ Diese Techniken erlernte sie in dem zweijährigen Fachkolleg, bei dem sie sich auf einzelne Werkstätten spezialisieren konnte und mit einem Diplom in Kunsthandwerk und Objektdesign abschloss. Anna Bertle schwärmt noch heute von dieser Ausbildung: „Das war die allerbeste Entscheidung meines Lebens, ich bin genau zu dem Material gekommen, das mir liegt.“
Sieben-Tage-Woche
Dennoch hatte sie danach nicht das Gefühl, sofort von der Glaskunst leben zu wollen. Sie machte ein einjähriges Praktikum im Vorarlberger Landesmuseum, mit der Überlegung, sich später zur Restauratorin ausbilden zu lassen und nebenher eine kleine Selbständigkeit als Kunsthandwerkerin aufzubauen. „Ich habe dann aber entschieden, lieber Kunstgeschichte zu studieren“, sagt Anna Bertle, denn die Faszination für Kunst ließ sie nicht los. „Es interessiert mich so sehr und lässt sich super mit dem Handwerk kombinieren“, sagt sie, die seit mittlerweile vier Jahren in Innsbruck studiert und regelmäßig pendelt. „Es ergänzt sich gegenseitig. Weil ich weiß, wie Dinge gefertigt werden, kann ich sie in der Kunstgeschichte besser verstehen, und für die Glasobjekte bekomme ich Motive und Inspiration.“ Dass sie neben dem Studium auch als studentische Mitarbeiterin für den Institutsleiter tätig ist, erwähnt sie nur in einem Nebensatz. „Ich liebe diese Forschung und die Recherche.“ Auch, dass sie zusätzlich drei Tage in der Woche als Direktionsassistentin im vorarlberg museum arbeitet, ist bemerkenswert. Anna Bertles Arbeitswoche hat dementsprechend sieben Tage, dabei bilden die Wochenenden, die rein für die Glaskunst reserviert sind, >>
„Ich wusste, ich muss etwas mit meinen Händen machen“
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ihre Energietankstelle. „Wenn ich in der Werkstatt bin, kann ich am Abend die Dinge vor mich hinlegen und sehe, was ich geschafft habe. Das ist bei der wissenschaftlichen Arbeit nicht immer so deutlich. Ich werde fahrig, wenn ich lange nicht mit Glas arbeiten kann.“
Beinahe unzerbrechlich
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Und was genau fertigt sie nun in ihrer kleinen, Acht-Quadratmeter-Werkstatt, die aus einem originell umgebauten, minutiös durchdachten, ehemaligen Geräteschuppen besteht? Es sind zwei Arten von Glas, die Anna Bertle in liebevoller Detailarbeit zu Unikaten verarbeitet, zu Schmuck, Kunstobjekten, Zier- und Gebrauchsgegenständen oder aktuell zu Weihnachtskugeln und Geschenkanhängern. Weichgläser haben einen niedrigeren Quarzanteil und müssen für die Verarbeitung nicht so stark erhitzt werden, Borosilikat Gläser hingegen brauchen mehr Hitze, dafür ermöglichen sie besondere Techniken wie beispielsweise die von Anna Bertle sehr geliebte Gittertechnik. Herzstück ihrer Werkstatt bildet deshalb auch ein spezieller Bunsenbrenner, auch Lampe genannt, der bis auf 1500 Grad heizen kann. Für die Glashandwerkerin besonders wichtig ist das gezielte Entspannen im Ofen, das dazu führt, dass die Spannungen im Glas nicht ganz so stark sind und das Glas robuster ist. „Alle denken, Glas ist sehr zerbrechlich, aber wenn man Glas richtig entspannt, ist es extrem stabil,“ sagt sie, deren Schmuckobjekte zu Boden fallen können und trotzdem meist nicht kaputt gehen. Großen Wert legt sie auch auf Herkunft und Qualität ihres Rohmaterials, das sie über einen Zulieferer von hochwertigen Gläsern aus Europa bezieht. Mehrmals hat sie bei der Schrunser Kunstnacht und auf Märkten ausgestellt, „da haben die Leute gesehen, was mit Glas alles machbar ist“, mittlerweile laufe das Geschäft sogar hauptsächlich über Mundpropaganda. „Besonders in der Coronazeit sind viele Menschen auf mich zugekommen und sagten, sie wollen lokale Künstler und Künstlerinnen unterstützen.“
Grenzen und Möglichkeiten
„Wenn man mit Glas arbeitet, muss man im Vorfeld viel nachdenken, man muss jeden einzelnen Schritt kennen“, sagt Anna Bertle, denn „man kann hinterher nichts ausbessern. Du hast eine einzige Chance und wenn es nicht klappt, ist es verloren.“ Und genau das reize sie besonders. Meistens habe sie die Idee im Kopf, die sie versuche, umzusetzen, „manchmal stößt man an eine Materialgrenze oder es entsteht was Neues“. Bei ihren Schmuckstücken ist jede Perle individuell handgefertigt, keine schaut exakt wie die andere aus. Sie habe es einmal mit einer vorgefertigten Form probiert, das Ergebnis habe sie aber nicht überzeugt. „Beim Schmuck ist mir sehr wichtig, dass ich die Menschen kennenlerne, für die der Schmuck ist, wenn ich die Haut sehe, kann ich die Gläser dem anpassen. Denn was bei der einen Person wunderschön ist, ist es manchmal bei einer anderen nicht.“ Sie arbeite auch nicht mit Skizzen. „In meiner Vorstellung sind die Sachen so konkret, dass ich das Zwischenmedium der Skizze nicht brauche. Das würde mich eher hemmen, weil ich es in der Zeichnung nicht so hinbekomme, wie ich es mir vorstelle“, betont die junge Meisterin.
Das „weibliche“ Grammophon
Als ich auf einem Foto an der Wand ein grünes Objekt entdecke und frage, ob das auch von ihr stamme, erzählt mir Anna Bertle folgendes Erlebnis: Schon als kleines Kind habe sie sich – wohl aufgrund eines Kinderfilmes, in dem dieses Instrument eine Rolle spielte – für Grammophone begeistert. Sie sei fasziniert davon gewesen, dass damit „rein mechanisch Musik gemacht werden kann“. Der Zufall wollte es, dass sie im Schrunser Museum den passionierten Grammophonsammler Reinhard Häfele kennenlernte, als sie auf der Suche nach einem Diplomprojekt in Kramsach war. Er habe ihr angeboten, ihr dabei zu helfen, ein eigenes Grammophon aus Glas zu bauen. Sie arbeitete ein Jahr daran, erstellte Skizzen, fertigte die Einzelteile aus Glas, drechselte den Griff aus Holz. Häfele half mit seinem Know-how und dem Motor, der aus einem alten Koffergrammophon aus den 1920er Jahren stammt. Am Ende führte das Projekt zu einer Auszeichnung und steht heute als Leihgabe im Grammophonicum in der Vorarlberger Museumswelt in Frastanz, welches Häfeles halbe Sammlung beinhaltet. Ein Ehepaar sei wegen des einzigartigen Glasgrammophons sogar zweimal ins Museum gekommen, sagt Anna Bertle, und der Mann habe es kaum glauben können, dass sie es gebaut habe. „Das machen Frauen nicht“, habe er gesagt, „also etwas Mechanisches und zugleich Künstlerisches. Das machen normalerweise nur Männer.“ Und obwohl er ihre Fähigkeiten und das Objekt extrem wertgeschätzt habe, habe sie diese Aussage schon überrascht. „Ich bin so aufgewachsen, mit der vielen Kunst in der ganzen Familie. Für mich war das immer außer Frage, dass da Frauen genau gleich gut sind wie Männer.“ Wie wunderbar, denke ich, dass sich traditionelle Rollenbilder in der jungen Generation einfach von selbst auflösen. Am Schluss verrät Anna Bertle noch ihren ganz persönlichen Traum: „Es wäre schön“, sagt sie, „irgendwann eine Art Kunstsalon zu betreiben, bei dem es neben Kaffee und Kulturprogramm integrierte Werkstätten gibt und mehrere Künstler:innen und Kunsthandwerker:innen zusammenarbeiten und ausstellen könnten. Das würde mir gefallen.“ Infos unter www.unikate-glas.at
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Liebe marie-Leserinnen und Leser! Weihnachten ist das Fest des Schenkens und Beschenkt werdens. Der Ursprung liegt bei Gott selbst. Er macht sich auf den Weg zu jenen, die im Dunkeln leben, die von Not und Elend betroffen sind. Er beschenkt sie mit seinem Dasein und seiner Solidarität. Mit unserem gegenseitigen Beschenken erzählen wir uns jedes Jahr die Geschichte neu. Wir wollen und dürfen es nicht vergessen: Das Schenken und Beschenktwerden lässt die Welt menschlich werden. Eine besondere Freude wächst, wenn Menschen Beschenktwerden, die nichts zurückgeben können, vielleicht nur „Danke“ sagen können oder auch nicht einmal das. Die Not ist verschämt: Sie ist mitten unter uns und neben uns. In Vorarlberg sind 23% der Bevölkerung armuts- und ausgrenzungsgefährdet, das heißt ca. 90.000 Menschen, davon 25.000 Kinder. Unter ihnen sind auch zahlreiche Arbeitende, deren Lohn kaum ausreicht für das Nötigste.
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DAS BINDEMITTEL Text: Hans Platzgumer
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üsste ich die besten Pop-Alben aller Zeiten auflisten, meine Top 5 wären nicht rein anglo-amerikanisch besetzt. Auch ein Album aus Brasilien fände darin Platz: Chico Buarques Construção. Ein Meisterwerk, 1971 erschienen, ein Album für die Ewigkeit. Die Raffinesse dieser Songs und ihrer ausgeklügelten Arrangements sind bis heute unerreicht. Ein Aspekt an Construção ist aber besonders erstaunlich: Dieses Album wurde mitten in der brasilianischen Militärdiktatur produziert. Selbst unter den schlimmsten vorstellbaren politischen Umständen, fern aller demokratischen Freiheiten konnte Kunst von derartiger Eleganz entstehen, Kunst, die auch Jahrzehnte nach dem Ende der Unterdrückung des brasilianischen Volkes alles überstrahlt. Die Repressionen, die staatlichen Todesschwadronen, das tagtägliche Foltern in dieser gewissenlosen Gewaltherrschaft konnte Chico Buarque nicht abhalten, wohl erschien es ihm umso dringlicher, ein Album von derartiger Tragweite zu produzieren. Dezent und poetisch verpackte er seine Kritik am Militärregime in luftige Songs und mogelte sie an der Zensur vorbei. Für dieses Brot, das wir essen und diesen Platz, wo wir schlafen, sang Buarque, dafür, mich atmen und existieren zu lassen: Gott soll es vergelten. Für den geschenkten Schnaps, den wir schlucken, den Rauch und die Schande, die wir aushusten, für die schwankenden Baugerüste, von denen wir fallen: Gott soll es vergelten. Seine Stimme klang dabei so unbeschwert, dass sogar die Generäle der Militärjunta nicht anders konnten als mitzusingen. Gott soll es vergelten, sangen sie und vergaßen, dass sie selbst von Gott für ihre Gräueltaten gerichtet werden sollten. Chico Buarque ist einer von unzähligen Künstlern, die herausragende Kulturgüter in ganz und gar undemokratischen Zeiten hervorgebracht haben. Dmitri Schostakowitsch etwa komponierte seine unglaublichen Sinfonien voller versteckter Botschaften mitten im Stalinismus und hatte jahrelang um sein Leben zu fürchten. Ohnehin sind fast alle Werke der großen klassischen Komponisten in politischen Systemen entstanden, die keine demokratischen Grundwerte boten, wie wir sie heute kennen. Kunst kann bewiesenermaßen in
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Entgeltliche Einschaltung des Landes Vorarlberg
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undemokratischen Zeiten entstehen, ja können Kunstschaffende sogar von widrigen Rahmenbedingungen zu besonderen Werken getrieben werden, das zeigt sich in der Geschichte aller Sparten von Kunst und Kultur. Kunst kann ohne Demokratie. Wie aber sieht es umgekehrt aus? Kann Demokratie ohne Kunst und Kultur bestehen? Dafür gibt es kein einziges Beispiel. Derzeit lebt knapp die Hälfte der Weltbevölkerung in mehr oder weniger demokratisch geführten Ländern, und kein einziger dieser Staaten wäre vorstellbar ohne das künstlerische Schaffen, das in ihm möglichst unbehindert stattfindet. Denn Kunst und Kultur in all ihren Erscheinungsformen sind das Bindemittel, das demokratische Gesellschaften zusammenhält. Schon Marx bezeichnete die Demokratie als Regime der Unruhe. Ihre Diskurse werden auf öffentlichen Bühnen ausgetragen, nicht hinter geschlossenen Türen der Parteibüros oder Zentralkomitees. Die Öffentlichkeit erregt, empört sich, diskutiert lauthals mit. Alles wird in Frage gestellt. Demokratie nährt sich von Meinungsunterschieden, Meinungsäußerungen, sie lebt vom Widerspruch. Kultur macht diesen fortwährenden Tumult sinnlich begreifbar. Sie rollt unsere Meinungsfreiheiten vor uns aus, verhandelt die Rechte und Pflichten der Zivilgesellschaft, kommentiert unsere Errungenschaften und Versäumnisse in anschaulicher Weise. Kunst hievt unsere Lernprozesse, unser Denken, unsere Erfahrungen auf eine Ebene, von der aus es uns leichter fällt, uns selbst zu betrachten. Dadurch, dass sie abstrahiert, konkretisiert sie. Das zutiefst Menschliche macht Kunst verständlich, nachvollziehbar, emotional erlebbar. Sie weckt unser Mitgefühl, das in vielen anderen Bereichen droht, verloren zu gehen, und indem sie uns den Boden unter den Füßen wegzieht, lässt sie uns sehen, was wir vorher vielleicht nicht wahrhaben wollten. Öffentliche Kunst ist immer Berührung und gemeinsames Erleben. So hält sie uns zusammen, ohne dass es einer staatlichen Autorität bedarf. Bindemittel sind per Definition Stoffe, die an Phasengrenzen anderer Stoffe Bindungen herstellen oder begünstigen, vergrößern. Sie verbinden Stoffe, indem sie diese aufnehmen, anlagern, zusammenhalten, vernetzen. Dies beschreibt genau die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft. Ein solches Gut ist aus Demokratien nicht wegzudenken. Es ist unverzichtbar und sein Wert in Zahlen nicht auszudrücken. Verlieren wir Kunst und Kultur, verlieren wir uns. Eine Demokratie ist dann nicht länger möglich.
Giovanni Calia von pexels
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#66 | Dezember 2021
Zwischen Pflichterfüllung
„ ... MEIN LEBEN WAR VIEL ZU GROSSARTIG, VERHÄLTNISMÄSSIG, ALS DASS ICH ES AUF EIN PAAR ZEILEN REDUZIEREN KÖNNTE. GEBOREN 5.1.1900, GESTORBEN HUNDERTE MALE VORAUS.“ Paula Ludwig
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Selbstermäch tigung So heißen zwei großformatige Arbeiten, die die Auseinandersetzung der Künstlerin Bianca Lugmayr (42) mit den Leben von sechs Vorarlberger Künstlerinnen beleuchten. Diese und andere zeigt sie in ihrer Einzelausstellung „textil + texturen“ im Kollektiv in der Bregenzer Maurachgasse am 17. Dezember.
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Text: Daniela Egger, Fotos Atelier: Angela Lamprecht, Fotos Arbeiten: Günter König
echs Künstlerinnen mit Bezug zu Vorarlberg stehen im Fokus der Ausstellung, für die die Welserin Bianca Lugmayr tief in die Archive eintaucht, um deren Leben und Werk sichtbar zu machen. Unterstützt wurde sie dabei von der Kunsthistorikerin Cornelia Mathis-Rothmund vom vorarlberg museum. Es sind die Malerinnen Flora Bilgeri, geboren 1900 in Hard, Lisa Egger, 1895 in Nenzing, Anna Schindler, 1893 in Kennelbach sowie die Schriftstellerin Paula Ludwig, 1900 in Feldkirch, die Textilkünstlerin Louise Schwärzler, die 1907 in Bildstein zur Welt kam und die Schwarzenbergerin Ilga Feuerstein, 1897 geboren und in die USA emigriert. Ihnen widmet Bianca Lugmayr eigene Arbeiten mit Nähmaschine, Leinenstoff und Stofffarben, ihre bevorzugten Werkzeuge. Mit der Nähmaschine schreibt sie in ihren aktuellen Arbeiten ganze Texte auf durchscheinenden Stoffen. „Eigentlich wollte ich nur Porträts von den Frauen nähen, aber dann habe ich begonnen, mich mit ihren Arbeiten auseinanderzusetzen. Ich wollte Künstlerinnen finden, die nicht so bekannt sind und sehen, mit welchen Herausforderungen sie damals konfrontiert waren. Der ländliche Raum ist ja oft noch schwieriger, es gab so gut wie keine Möglichkeit einer künstlerisch akademi-
schen Ausbildung, gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ Eine Annahme, die sich in den Recherchen bestätigt – an der Situation der Künstler innen hat sich zwar einiges verbessert, aber der Spagat zwischen Pflicht und Selbstermächtigung ist nach wie vor ein ständiges Thema. Zunächst studierte Bianca Lugmayr Pharmazie an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. Ein weiteres Studium an der Kunstuniversität Linz, Textil – Kunst & Design, brach sie ab, weil sie vieles in Frage stellte. So wechselte sie doch in einen Brotjob in der Pharmaindustrie und betrieb die Malerei für sich im Stillen. Als Mutter dreier Kinder hat sie den Schritt in die künstlerische Selbstständigkeit gewagt, sie nutzt die Feldkircher Wexelstube als Atelier. Inzwischen ist sie Mitglied in jeder namhaften Berufsvereinigung der Region und auch das Land Vorarlberg hat bereits zwei ihrer Arbeiten angekauft. „Das Thema Pflichterfüllung und Selbstermächtigung betrifft Männer genauso, aber ich bin eine Frau und setze mich daher mit dem Frauenleben auseinander. Der Preis für ein Künstlerinnenleben damals war fast immer der Verzicht auf eine eigene Familie und soziale Ausgrenzung. Sie alle haben alleine gelebt, Paula Ludwig hatte ein Kind, sie war alleinerziehend, Ilga Feuerstein ebenfalls. Sie musste das Kind teilweise weggeben. Meine erste Tochter ist jetzt 22, die zwei Kleinen sind 11 und 9 Jahre. Seit der Selbstständigkeit nehme ich mir die Zeit für die Kunst und bin regelmäßig im Atelier. Natürlich arbeite ich auch am Abend, wenn sie schlafen. Aber so ist das: Das schlechte Gewissen ist noch oft dabei.“ Mit der Nähmaschine kleine Buchstaben zu schreiben ist eine Fertigkeit, die sie inzwischen bestens beherrscht – dass dabei die Schrift verwackelt aussieht und Fehler passieren, gehört zum Prozess und soll so sein. Die Fragilität der Materialien weist auf die Fragilität der Lebensumstände hin, die Künstlerinnen auf sich nehmen, um sich in ihrer Ausdrucksform durchzusetzen. Ein Gedicht von Paula Ludwig hat Bianca Lugmayr auf den transparenten Stoff eines Brautkleides genäht, so fließt die Arbeit der einen wie ein Verbindungsfaden in die Arbeit der anderen ein und erfährt dadurch eine größere Kreisbewegung. Paula Ludwig bat in einem Brief an einen Verlag darum, auf ihre Biografie zu verzichten, denn: „ . . . mein Leben war viel zu großartig, verhältnismäßig, als dass ich es auf ein paar Zeilen reduzieren könnte. Geboren 05.01.1900, gestorben hunderte Male voraus.“ Bianca Lugmayr sagt dazu lapidar: „Dieses Gefühl >>
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Lösen Sie es in 60 Sekunden „DAS THEMA PFLICHTERFÜLLUNG UND SELBSTERMÄCHTIGUNG BETRIFFT MÄNNER GENAUSO, ABER ICH BIN EINE FRAU UND SETZE MICH DAHER MIT DEM FRAUENLEBEN AUSEINANDER.“
Impressum Grundlegende Richtung Die Straßenzeitung marie versteht sich als Sprachrohr für die Anliegen von Randgruppen unserer Gesellschaft. marie ist ein Angebot zur Selbsthilfe für Menschen an oder unter der Armutsgrenze, die ihren Lebensmittelpunkt in Vorarlberg haben. Ziel ist die Förderung des Miteinanders von Menschen am Rande der Gesellschaft und der Mehrheitsgesellschaft. Die Hälfte des Verkaufspreises von 2,80 Euro verbleibt den Verkäufern. marie ist ein parteiunabhängiges, soziales und nicht auf Gewinn ausgerichtetes Projekt. Redaktion marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Graf-MaximilianStraße 18, 6845 Hohenems, Telefon: 0677 61538640, eMail: redaktion@marie-strassenzeitung.at, Internet: www.marie-strassenzeitung.at Redaktion: Frank Andres, Simone Fürnschuß-Hofer MitarbeiterInnen dieser Ausgabe: Eckart Drössler, Daniela Egger, Daniel Furxer, Guntram Gärtner, Daniel Mutschlechner, Hans Platzgumer, Petra Rainer, Brigitta Soraperra, Stefania Pitscheider Soraperra, Gerhard Thoma Zeitungsausgabestellen: Dornbirn: Kaplan Bonetti Sozialwerke, Kaplan-Bonetti-Straße 1, Montag, Mittwoch und Freitag von 8 bis 9 Uhr Bregenz: dowas, Sandgrubenweg 4, Montag und Donnerstag 8.30 bis 10.30 h Feldkirch: Caritas-Café, Wohlwendstraße 1, Montag bis Freitag 8.30 bis 14 h Bludenz: do it yourself, Kasernplatz 5-7/3b, Montag und Mittwoch 14 bis 16 h
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hatte ich auch oft. Das war eine beeindruckende Frau, ich finde mich in so vielem wieder in ihren Gedichten.“ Eine andere Arbeit trägt den Titel „Akzeptanz der Unfügbarkeit“, ein Postulat über das Annehmen der Umstände, wie sie sind. Die Worte sind mit Goldfäden und Schwarz auf Leinen gestickt. „Es ist doch immer wieder eine Herausforderung, die Dinge zu akzeptieren, etwa, wenn die Altersbeschränkungen für Stipendien und Preise so gesetzt sind, dass künstlerisch oder schriftstellerisch tätige Mütter bereits zu alt sind, wenn sie dann wieder im Atelier stehen, nachdem die Kinder endlich in die Schule gehen. Ich frage dann immer wieder höflich nach, ob man eventuell Kinderzeiten anrechnen könnte, aber in der Förderlogik der Kunstwelt ist das Muttersein eben nicht vorgesehen. Also nehmen wir die Umstände hin, wie in so vielen Bereichen, aber es ist wohl langsam an der Zeit, darüber einen Diskurs zu führen. Immerhin ist auch die zuständige Ministerin eine Frau“, sagt Bianca Lugmayr mit einem Lächeln. Es ist zu hoffen, dass ihre wunderbaren Arbeiten von vielen gesehen werden, der nächstmögliche Termin ist schon am 17. Dezember in Bregenz. Eine weitere Einzelausstellung in der Bregenzer Galerie 29 ist für Herbst 2022 in Planung. textil + texturen Ausstellungseröffnung 17. Dezember, 20 Uhr Kollektiv, Maurachgasse 20, Bregenz (bei anhaltendem Lockdown Info unter www.biancalugmayr.at)
Anzeigen Kontakt: anzeigen@marie-strassenzeitung.at Medieninhaber und Herausgeber Verein zur Förderung einer Straßenzeitung in Vorarlberg, ZVR-Zahl 359044778 6833 Klaus eMail: redaktion@marie-strassenzeitung.at Vorstand Frank Andres, Obmann Christina Vaccaro, Obmann-Stellvertreterin, Schriftführerin Oliver Mössinger, Kassier Externe Beiräte DSA Markus Hämmerle, DSA Heidi Lorenzi, Cornelia Matt, Mag. Peter Mayerhofer, Dr. Claudio Tedeschi Druck: Russmedia Verlag GmbH, Schwarzach Auflage: 17.000 Exemplare, Erscheinungsweise monatlich Layout/DTP/Bildbearbeitung :TAGWERK Grafik|Design Monika Dür Bankverbindung & Spendenkonto Raiffeisenbank im Rheintal, IBAN: AT94 3742 0000 0648 3580, BIC: RVVGAT2B420 © 2021 marie. Alle Rechte vorbehalten.
Die nächste marie erscheint am 29. Dezember.
Beginnen Sie die Kopfrechnung mit der Zahl im Feld ganz links. Rechnen Sie von links nach rechts – Kästchen für Kästchen. Die Lösung im leeren Feld rechts eintragen. Jede Rechnung unabhängig von der Schwierigkeit sollte in weniger als 60 Sekunden gelöst werden. Keinen Taschenrechner verwenden! Lösung
Für Anfänger
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×4
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×6
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×8 Lösung
Für Fortgeschrittene
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÷7
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der Summe
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zum Quadrat
÷4
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×6 Lösung
Für Genies
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zum Quadrat
÷12
+3/4
+36
÷3
der Summe
+21
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×16 Lösungen auf Seite 11
S C HAC H E C K E Nachdem im Jahr 2020 die Österreichischen Meisterschaften im Nachwuchsbereich coronabedingt ausgefallen sind, fanden sie in diesem Jahr aufgrund der Pandemie erst in den Herbstferien statt (in „normalen“ Zeiten werden sie im Frühjahr ausgetragen). Sowohl bei den Mädchen als auch bei den Burschen wurden in den Kategorien U12, U14, U16 und U18 mit großem Einsatz um die Meistertitel bzw. die Medaillen gekämpft. Diese Jugendmeisterschaften gingen in St. Veit an der Glan (Kärnten) über die Bühne und in jeder Kategorie wurden sieben Runden nach dem sogenannten Schweizer System gespielt. 132 TeilnehmerInnen aus ganz Österreich (davon 16 aus Vorarlberg) lieferten sich interessante und spannende Schachpartien. Auf www.chess.at und sogar auf www. chess24.com (eine deutsche Internetseite) konnten sämtliche Dario Soldo (Mistelbach) Jerrik Giselbrecht (Bregenz) ÖM U14, St. Veit an der Glan 2021 1
Partien live mitverfolgt werden. Die Vorarlberger Jugendlichen wurden von Julia und Milan Novkovic bestens betreut und optimal auf ihre jeweiligen GegnerInnen vorbereitet. In der Kategorie U12 Mädchen gab es für Vorarlberg durch die beiden Bregenzerinnen Maryam Turdiyeva und Leefke Giselbrecht einen Doppelsieg und in der Kategorie U14 Mädchen gewann die Dornbirnerin Magdalena Wielander die Bronzemedaille. Somit holte das Vorarlberger Team insgesamt drei Medaillen ins Ländle. Leider gab es in der Kategorie U12 Burschen einen Corona-Verdachtsfall und die Veranstalter entschieden sich nach Rücksprache mit dem Präsidium des Österreichischen Schachbundes, diesen Bewerb nach fünf Runden abzubrechen. Nun aber wünschen wir Ihnen beim Lösen der drei Diagramme viel Freude.
Thomas Loreth (Oberndorf/Laufen) Elia Cafasso (Dornbirn) ÖM U18, St. Veit an der Glan 2021
Wie gewinnt Schwarz am Zug entscheidendes Material?
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Uros Nisavic (Lustenau) FM Konstantin Peyrer (Ottakring) ÖM U18, St. Veit an der Glan 2021
Auch hier erobert Schwarz am Zug entscheidendes Material. Wie?
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Wie setzt Weiß am Zug den gegnerischen König in drei Zügen matt?
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Kolumne
Eckart Drössler
Bereichsleiter für „Bürgerservice & Information“ im Energieinstitut Vorarlberg und externer Lehrbeauftragter der FH Vorarlberg.
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#66 | Dezember 2021
Von Daniel Mutschlechner, probelokal.com
DAS ANTHROPOZÄN
eit der Jahrtausendwende disLandoberfläche sind nicht mehr im ursprünglichen Zustand. kutiert die globale Gesellschaft Europäische Urwälder? Unberührte der Geowissenschaftler, ob Natur auf dem Pfänder, in die man keine das Zeitalter, in dem wir leWindräder stellen darf? Es gibt sie nicht ben, „Anthropozän“ genannt mehr. Ein paar Urwaldreste gibt es noch werden soll. Noch in diesem Jahr soll in Europa. Genannt werden noch die Urdie Entscheidung fallen, einige Teilgewaldinsel Vilm bei Rügen und Flächen sellschaften haben sich schon 2008 und in Russland, im schwedischen Lappland, 2019 eindeutig und mit Begründungen in Polen, in Tschechien, in Rumänien, in dafür ausgesprochen. Montenegro. „Anthropos“ bedeutet Mensch, dem Menschen zugehörig, vom Menschen gemacht und „zän“ ist die Nachsilbe © Rohan Reddy via unsplash für Zeitalter, wie auch Paleozän, Oligozän, Eozän, Miozän, Pliozän, Holozän. Was ist der Beweggrund für diese Namensgebung? Sie soll zum Ausdruck bringen, dass die erdgeschichtlich relativ stabile Epoche des Holozäns hinter uns liegt und wir etwa um das Jahr 1800 – kurz nach der ersten Industriellen Revolution, die Erfindung der DampfmaUNZIVILISIERT schine machte diese möglich – in ZIVILISIERT eine neue Epoche eingetreten sind, in der der Mensch zum dominierenden geologischen Faktor geworden ist. Mehr als 90 Prozent allen Pflanzenwachstums findet in Systemen statt, die der Mensch beeinflusst, verbunden mit einer deutlichen Reduktion der Pflanzenvielfalt. Wer weiß schon, dass es einmal 23.000 Tomatensorten und 5800 Apfelsorten gab? Über 90 Prozent der Biomasse al- © Emilian Robert Vicol via pixabay ler lebenden Säugetiere werden vom Der letzte Urwald in Österreich umfasst Menschen und seinen Nutztieren gestellt. 400 Hektar und liegt in den NiederösterWenn man also Menschen mit ihren reichischen Kalkalpen. Er entstand nach Nutztieren, den Kühen und Pferden und der letzten Eiszeit und ist schwer zugängSchafen und Ziegen und Schweinen bis lich, deshalb ist er „übriggeblieben“. zu den Hunden und Katzen und GoldDie Menschen gestalten nun also das hamstern in eine Waagschale gibt und Angesicht der Erde. Wie ist das mögdie Wildtiere wie Elefanten, Nashörner, lich? Wir sind gar nicht so viele. AktuFlusspferde, Wale, Hirsche, Rehe, Wildell sind wir 7,8 Milliarden, also rund schweine, Feldmäuse und Eichhörnchen 7.800.000.000 Menschen. Stellt man alle in die andere Waagschale, so schlägt diese in Reih und Glied auf, benötigt man dazu aktuell im Verhältnis 93:7 aus. Wobei die nicht mehr Fläche als 850 Quadratkilonoch verbliebenen Wildtiere die sieben meter. Das ist zugegeben ziemlich dicht, Prozent stellen. aber nur ein kleiner Teil der Menschheit Und mehr als drei Viertel der eisfreien
wiegt mehr als 100 Kilogrammund es sind sehr viele Kinder dabei. Die Fläche des Bodensees beträgt 536 Quadratkilometer, es bräuchte also 1,6-mal so viel Platz als die Bodenseeoberfläche ausmacht. Oder ein Drittel der Fläche Vorarlbergs. Aufgrund unserer Muskelkraft können wir also nicht zum dominanten Faktor der Erde geworden sein. Die Ursache ist eine andere. Mit Beginn der Industriellen Revolution haben wir gelernt, nicht überirdische, sondern unterirdische Kräfte zu nutzen – gemeint sind die fossilen Energieträger, die seit Beginn der Industriellen Revolution aus der Erde geholt und verteilt und dann verbrannt werden. Im letzten Artikel habe ich ausgerechnet, wie viele Sklaven wir in Vorarlberg bräuchten, um unseren aktuellen Energieverbrauch durch Muskelkraft zu ersetzen. Es wären knapp 61 Millionen Sklaven. Mithilfe dieses Rechenmodells soll die unglaubliche Macht der heute genutzten Energieträger sichtbar gemacht werden. Natürlich ist der Einsatz fossiler Energieträger über die Erde nicht gleichverteilt, es ist schon so, dass sich reiche Länder und wohlhabende Menschen mehr davon leisten können – und damit in der Gestaltung der Erde auch dominanter sind. Wir haben also erreicht, die Welt zu beherrschen. Was noch fehlt, ist das erforderliche Wissen und die gebotene Vorsicht, dass das auch gut ausgeht und nicht unüberlegte „Nebenwirkungen“ mehr zerstören, als Menschen Nutzen stiften können. Wer den höheren fossilen Energieverbrauch hat, ist stärker gefordert. Die Geschichte der fossilen Energieträger ist in einem Zeichentrickvideo des Post Carbon Institute (Oregon) zusammengefasst und auf www.YouTube.com zu finden: „300 Jahre fossile Energie in 300 Sekunden.“ Man muss es mehrmals laufen lassen, um alles erfassen zu können. Übrigens: Es endet positiv.
Das Dezember-Dreamteam Randig-Schupfnudeln und Kren-Sauce
Zutaten: Schupfnudeln • 500 g mehlig kochende Kartoffeln • 250 ml Randig-Saft (gibt’s im Supermarkt) • 150 g Mehl für den Teig (und nochmals 50 g zum Arbeiten) • 1 Eigelb • Prise gemahlener Kümmel und geriebene Muskatnuss • Salz und Pfeffer • etwas Butter zum Anbraten
Zubereitung:
Sauce • 20 g Butter • 1 kl. Zwiebel (ca. 50 g) • 20 g Mehl • 150 ml Wermut (z.B. Noilly Prat) • 200 ml klare Suppe • 150 ml Rahm • 50 g Kren • Salz, Pfeffer • Etwas Pesto und frisch geriebenen Kren zum Servieren
Kartoffeln bei 180 Grad Umluft im Ofen in ca. 50 Minuten weichbacken. Inzwischen Randig-Saft köcheln lassen, bis nur noch konzentrierte 100 ml übrig sind. Kartoffeln schälen und mit der Kartoffelpresse in eine Schüssel drücken. Mehl, Eigelb, Gewürze und Randig-Saft darüber geben und rasch verkneten. Auskühlen lassen. Stücke vom Teig abnehmen und auf einer bemehlten Arbeitsfläche zu dünnen Würsten rollen. Mit einem Messer kleine Stücke abschneiden und in den Handflächen kleine Schupfnudeln wuzzeln, die auf einem mit Backpapier ausgelegten, bemehlten Blech gekühlt gelagert werden. Einen großen Topf mit gesalzenem Wasser aufkochen und Schupfnudeln bei leicht siedendem Wasser kochen, bis sie an die Oberfläche steigen und gar sind (probieren!). Mit der Schaumkelle herausheben, abtropfen lassen und in eine Schüssel geben. Kurz vor dem Servieren in einer beschichteten Bratpfanne mit zerlassener Butter schwenken. Für die Sauce Butter in einer Pfanne zerlassen, fein geschnittene Zwiebel anschwitzen, Mehl einrühren, mit Wein ablöschen und um die Hälfte einkochen lassen. Suppe dazugeben und nochmals ein paar Minuten köcheln. Mit Salz und Pfeffer würzen, mit Rahm aufgießen, aufkochen und vom Herd nehmen. Kren reiben und in die Sauce geben, fein mixen und sieben. Mit etwas Pesto und Kren servieren.
Alle Jahre wieder! Da ist er wieder, der vorweihnachtliche Frohlockdown. Er fühlt sich an, wie eine krachende österreichische Heimniederlage. Nun dürfen wir diesen Brei auslöffeln, den offenbar zu viele Köche verdorben haben. Nicht zuletzt die Kombination aus einer Bundesregierung, die mit sich selbst und mancher Hausdurchsuchung beschäftigt war, und einem Rechtspopulisten auf dem Oppositionsbänkle, der die Querdenker-Szene auf unverantwortliche Weise anheizt. Wieder einmal muss also der Corona-Blues kulinarisch verarbeitet werden. Und zwar mit Randig und Kren. Die beiden sind das winterliche Dreamteam in meiner Küche. Saisonal, regional und preiswert. Und erst die Farben – eine Wucht! Das kräftige Rot der Randig-Schupfnudeln, das winterliche Weiß der Kren-Sauce und die grünen Tupfer des Pestos bilden den Dezember auch farblich auf Ihrem Teller ab.
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Musiktipp: Jedes Jahr blicke ich gespannt auf die Neuveröffentlichungen von Weihnachtsalben. Mir fällt auf, dass darauf meist dieselben Lieder enthalten sind. Wo bleiben die neuen Hits, die das Erbe von „Last Christmas“ antreten? Auch Norah Jones setzt auf ihrem Album „I Dream Of Christmas“ vorwiegend auf Klassiker. Vielleicht ist das momentan aber auch gut so. Denn die New Yorkerin überfordert uns nach diesem lästigen Jahr nicht auch noch unnötig. Sondern verwöhnt mit Liedern, zu denen man sich einfach in Ruhe in die Couch fallen lassen will. Weitere Rezeptgeschichten und Musiktipps finden Sie auf www.probelokal.com
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Bauch über Kopf
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Als Heranwachsende hat Alena Flatz mit Akne und massiven Selbstwertproblemen zu kämpfen. Aus diesem Leidensdruck heraus entwickelt sie mit Mitte zwanzig eine eigene Kosmetiklinie und traut sich damit 2017 in die TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“. Danach kann sie sich vor Aufträgen kaum noch retten. Eine Schwangerschaft und drei Lockdowns später steht der Wiederaufbau ihres erfolgsversprechenden Start-ups an. Sie entscheidet sich anders als erwartet. Text: Simone Fürnschuß-Hofer Fotos: Johanna Breuß
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tirnfransen weit ins Gesicht, Blick nach unten, jeder Spiegel ein potenzieller Auslöser für einen Weinkrampf. Alena Flatz, heute 32, wohnhaft in Riefensberg, erinnert sich mit Grauen an ihre Teenagerzeit: „Schon mit elf, zwölf Jahren habe ich eine starke Akne bekommen. Andere gehen mit so etwas vielleicht besser um, aber als eh schon schüchterner Mensch hat mich das noch mehr gehemmt. Ich fand mich hässlich und habe richtiggehend Angst entwickelt, deswegen nicht gemocht zu werden.“ Sie habe alle Spiegel im Haus verhängt, Foto gibt es aus jener Zeit kein einziges. Den Anblick ihrer entzündeten Haut wollte sie weder sich noch anderen zumuten: „Im Sommer bin ich nicht mit Freundinnen baden gegangen, auf meiner Wien-Reise schloss ich mich zum Abschminken im Klo ein. Ich trug von früh bis spät ganz dick Make-Up, was mein Problem natürlich verschlimmerte und nur noch augenscheinlicher machte.“ Auch von Mobbing-Erfahrungen spricht Alena, die Schulzeit insgesamt sei ein einziger Spießrutenlauf gewesen.
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Was ich tue, muss mit meinem Gefühl zusammenpassen. Bei allem muss ich mit mir im Reinen sein.
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Nichts zu verlieren
Natürlich probiert sie jede Creme aus, doch selbst der Hautarzt kann ihr nicht helfen. Durch ein Praktikum bei einem Naturkosmetik-Hersteller wird sie auf die Wirkung ätherischer Öle aufmerksam. Alena mischt sich auf gut Glück ihr erstes Rezept aus ausschließlich natürlichen Rohstoffen. „Eigentlich war ich überzeugt, dass bei so einem Problem, wie ich es hatte, Natur allein nichts ausrichten kann. Schon gar nichts Selbstgerührtes. Aber andrerseits hatte ich ja nichts zu verlieren.“ Und siehe da, das Wunder geschieht. Bereits nach drei Tagen ist eine derartige Verbesserung sichtbar, dass sie sogar darauf angesprochen wird. Alena bleibt dran, besucht Workshops, stattet sich mit hochwertigen Zutaten aus und experimentiert zwei Jahre lang im Selbstversuch-Modus. Mit dem Erfolg, dass sie ihr Hautproblem komplett in den Griff bekommt. Dieser Effekt motivierte sie so sehr, dass sie beschließt, ein eigenes Start-up mit Do-it-yourself-Kosmetik auf die Beine zu stellen. Ihr Konzept: ähnlich einer Backmischung Zutaten-Pakete für die unterschiedlichsten kosmetischen Rezepturen anzubieten, sodass es ihre Kund:innen zu Hause nur noch zusammenrühren müssen. „MyNatureCosmetic“ wird geboren. Familien-gesponsertes Startkapital: 1000 Euro. „Mit so wenig Geld zu starten, würde ich niemanden raten“, sagt sie stirnrunzelnd und bereut dennoch nicht, es getan zu haben. Ihr EPU (Ein-Personen-Unternehmen) entwickelt sich behutsam und wächst organisch.
Großer Fernsehmoment
Frische, Fairtrade, 0 Prozent Konservierungsstoffe, 100 Prozent Transparenz, Qualitätskontrolle, Nachhaltigkeit ... Argumente hat Alena genug in der Tasche, als sie zweieinhalb Jahre nach Firmengründung all ihren Mut zusammennimmt und bei der Start-Up-Show „2 Minuten 2 Millionen“ ihr Produkt präsentiert. Vor laufender Kamera überzeugt sie potenzielle Geldgeber:innen in einem Zwei-Minuten-Pitch, in ihre Geschäftsidee zu investieren. Alenas souveräner Auftritt verschafft ihr eine Finanzierungszusage. Und auch wenn der Deal später platzt, bringt die mediale Präsenz eine Lawine ins Rollen: Über 1000
Bestellungen zählt ihr Maileingang direkt nach der Show. „Im Grunde war das jedoch die schlimmste Zeit meiner Start-upLaufbahn. Ich habe ja sehr klein angefangen, habe alles selbst gemacht und war diesem Ansturm nicht gewachsen. In der ersten Woche waren die Kund:innen noch geduldig, in der zweiten Woche ging’s gerade noch, in der dritten wurden sie regelrecht böse und nannten mich Betrügerin. Damit konnte ich schwer umgehen. Mir gingen die Rohstoffe aus, ich kam einfach nicht mehr nach“, erinnert sich Alena an eine Phase, die zeigt, wie etwas Gutes ins Negative kippen kann, wenn man nicht drauf vorbereitet ist. Doch sie bewahrt die Nerven, dreht an den richtigen Schrauben, überträgt die Verpackungsarbeiten an die Lebenshilfe, lagert auch die Zutaten-Abfüllung aus und konzentriert sich nur mehr auf den Bereich Kundenkontakt. Das Unternehmen brummt. Doch: „Vom Handwerk ist im Grunde nicht viel bei mir geblieben. Auch die persönlichen Mails, in denen mich Menschen um Rat fragten, konnte ich nicht mehr beantworten.“ Etwas Wesentliches, so formuliert sie es heute, sei ihr damals verloren gegangen.
Was bleibt
Zeit zum Nachdenken bekommt sie rund ein Jahr später. 2018 wird Alena schwanger. Und muss ab dem dritten Schwangerschaftsmonat aus gesundheitlichen Gründen liegen. Ihr florierendes Gewerbe stellt sie bis auf Weiteres ruhend. „Ich habe viel reflektiert, mich gefragt, was ich wirklich will. Immer schon war ich ein Bauchmensch: Was ich tue, muss mit meinem Gefühl zusammenpassen. Bei allem muss ich mit mir im Reinen sein.“ Im März 2019 kommt Alenas Sohn zur Welt, sie gibt sich ein Jahr Karenz, doch als dieses vorbei ist, trübt der erste Lockdown den wieder aufkeimenden unternehmerischen Tatendrang ein. Auch Herbst und Winter bringen Stillstand. Eine Stimme in ihr wird immer deutlicher: „Fang etwas Neues an!“ Bauch siegt schluss endlich über Kopf. Ihr wird bewusst, dass sie MyNature Cosmetic aller Potenziale zum Trotz in der ursprünglichen Form nicht weiterbetreiben möchte. Und doch sind da >>
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Weil sie Frauen sind
die vielen Rezepte, die sie mit so viel Akribie ausgetüftelt hat. Es reift der Wunsch nach etwas Bleibendem. Und so packt sie alle Ersparnisse zusammen und nimmt Kurs auf ihre erste Buchveröffentlichung. Ein Buch als Fassung und Abschluss ihrer Lebensphase MyNatureCosmetic. „Die Leute sollen wissen, dass es eine Alternative zu herkömmlicher Kosmetik gibt. Das Buch birgt zehn Jahre Erfahrungsschatz aus meiner unternehmerischen Tätigkeit. Hinter jedem Rezept stehe ich persönlich.“ Zugang und Gestaltung wählt Alena bewusst modern. Gerade auch, um junge Menschen anzusprechen, denen es vielleicht ähnlich geht wie ihr in ihrer Pubertät.
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n keinem europäischen Land ist der Anteil von weiblichen Opfern bei Tötungsdelikten höher als in Österreich. 319 Femizide hat es zwischen 2010 und 2020 in Österreich gegeben. Und 458 Mordversuche an Frauen. Hinzu kommen 29 Frauenmorde und 44 Frauenmordversuche allein in diesem Jahr. In 90 Prozent der Fälle wurden die Taten von einem Mann ausgeführt. Und in mehr als 80 Prozent der Fälle waren die Täter Ehemänner, Exfreunde, Freunde, Verwandte, Bekannte. Zwei Drittel der Täter waren österreichische Staatsangehörige. So viel zur traurigen Statistik. Hinter der Statistik stehen aber Frauen, Menschen aus Fleisch und Blut: Sie könnten Maria (73), Jelena (61), Fatima (45), Sophia (22) oder Birgit (36) heißen.* Alle wurden sie Opfer eines Femizids. Das heißt, dass sie ermordet wurden, weil sie Frauen waren.
Eine Auswahl Alenas bester Do-it-yourself Naturkosmetik-Rezepte inklusive präzisen Schritt-für-Schritt-Anleitungen Bucher Verlag, EUR 39,– Ein Teil der Einnahmen geht an Debra, einer Hilfsorganisation für Schmetterlingskinder Auf ihrer Instagram-Seite alenaflatz zeigt sie außerdem, wie man die Kosmetika herstellt und teilt Impulse aus ihrem Alltag – filterfrei.
Was ist das, ein Femizid?
Tipp von Alena Einfaches Do-it-yourself-Rezept als wunderbares Weihnachtsgeschenk!
Ein Femizid ist kein Familiendrama
Text: Stefania Pitscheider Soraperra
Eine Prise Natur
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© Ines Agostinelli
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Sheawhip – schnelle, vegane Pflegecreme Zutaten: 100g Sheabutter (alternativ: Kakao- oder Mangobutter) 80g Mandelöl oder Olivenöl 1 TL Maisstärke (reduziert etwas die Fettigkeit) optional: ätherisches Öl oder Scipulver (Sodium Cocoyl Isethionate) Zubereitung: Sheabutter über dem Wasserbad oder auf der Heizung sanft aufschmelzen, bis sie sehr weich, aber noch nicht flüssig ist. Mandel- oder Olivenöl sowie die Maisstärke hinzugeben und für ein paar Minuten mit einem Handmixer aufschlagen, bis die Konsistenz an steif geschlagene Sahne erinnert. Möchte man es flüssiger haben, einfach noch mehr Öl hinzufügen. Je nach Vorliebe ein paar Tropfen ätherisches Öl und/oder für die Verwendung als Duschoder Rasiercreme ein Tensid wie das Scipulver unterrühren. Fertig!
Während ich diesen Artikel schreibe, fällt mir auf, dass im Wordprogramm das Wort Femizid rot unterstrichen wird. Die Rechtschreibprüfung erkennt den Begriff nicht. So wie die Gesellschaft nur langsam die Bedeutung und die Tragweite dieses Begriffs zu erkennen scheint. Ein Femizid ist die vorsätzliche Tötung einer Frau durch einen Mann. Bei einem Femizid ist das weibliche Geschlecht des Opfers ausschlaggebend. Der Begriff macht sichtbar, dass Frauen – anders als Männer – überwiegend von ihren (ehemals) nahestehenden oder zurückgewiesenen Partnern getötet werden. Einem Femizid geht meist eine lange Gewaltgeschichte voraus. Dazu gehören körperliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, psychische Gewalt, aber auch Stalking, extreme Eifersucht, Besitzdenken seitens des Partners. Es ist wissenschaftlich belegt, dass sexualisierte Gewalt auch oft zu Femiziden führt. Sie ist immer ein Alarmsignal, vor allem in Kombination mit anderen Faktoren wie gefährlichen Drohungen, Waffenbesitz, Geldsorgen, extremer Eifersucht, Gewalt in der Schwangerschaft, Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Drogenproblemen. Gerade in Trennungsphasen besteht ein sehr hohes Risiko einer tödlichen Zuspitzung.
Keine Privatsache
Femizide sind keine Privatsache, keine Familientragödie, kein Beziehungsdelikt. Politik und Gesellschaft müssen daher Strategien entwickeln, um Femiziden vorzubeugen. Geschlechtsspezifische Gewalt darf nicht länger als reines Frauenproblem behandelt werden. Vielmehr geht es um all jene, die in ihrem Alltag entlang von Geschlechterstereotypen agieren. Femizide sind also kein individuelles Problem. Sie sind ein gesellschaftliches Problem. Vieles müssen wir in unserer Gesellschaft ändern. Wir alle brauchen Bewusstseinsbildung und eine verantwortungsvolle Berichterstattung, ein gesell-
Stefania Pitscheider Soraperra ist Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin und leitet seit 2009 das Frauenmuseum Hittisau, das seit über 20 Jahren Frauengeschichte und Frauenkultur sichtbar macht. In diesem Jahr wurde ihr Museum mit einer Special Commendation beim European Museum of the Year Award 2021 bedacht. In Kooperation mit der ifs Gewaltschutzstelle hat sie eine Wanderausstellung zum Thema „Sexualisierte Gewalt an Frauen" erarbeitet, deren Präsentation pandemiebedingt auf 2022 verschoben werden musste. schaftliches Machtgleichgewicht zwischen Frauen und Männern, ein Ende der geschlechtsbezogenen Diskriminierung und patriarchaler Wertvorstellungen. Wir müssen Zusammenhänge erfassen und unbewegliche Rollenzuschreibungen hinterfragen. Und auch der Staat ist gefragt. Er hat eine Sorgfaltspflicht. Am 11. Mai 2011 wurde das „Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ von 13 Staaten – darunter Österreich – in Istanbul unterzeichnet. Dieses Übereinkommen trägt daher den Kurztitel „Istanbul-Konvention“. Darin ist das sogenannte „Due-diligence-Prinzip“ verankert. Der Staat hat demnach die Verpflichtung, Opfer aktiv vor Gewalt zu schützen. Diese Sorgfaltspflicht beinhaltet auch den Schutz vor wiederholter Gewalt und die Berücksichtigung von Faktoren, die auf eine akute Gefährdung hinweisen. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören die Koordination von Exekutive und Justiz, die Intensivierung der Polizeischulungen sowie die strenge und umgehende Verfolgung von Tätern bei häuslicher Gewalt. Es braucht aber vor allem eine enge Kooperation mit den Beratungsstellen sowie deren ausreichende und großzügige Finanzierung. Nur wenn der Staat, die Politik, die Gesellschaft und jede/r Einzelne von uns begreifen, wie sehr patriarchale Verhaltens- und Erziehungsmuster Tag für Tag auf die Beziehungsdynamik von Paaren und Familien einwirken, können wir der traurigen Statistik entgegenwirken. Ein gleichberechtigtes Geschlechterbild ist das langfristige Gegenmittel, um alle Marias, Jelenas, Sophias, Fatimas und Birgits zu schützen. *Alle Namen geändert Am 25. November 2021 wurde in Innsbruck die 29. Frau in diesem Jahr in Österreich ermordet.
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#66 | Dezember 2021
Jedes Kind ist ein Christkind
EINE WARME MAHLZEIT AM TISCH UND
jede Menge Wärme im Herzen EIN UNTERS ETZER ZU JEDER
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Ein festliches Weihnachtsessen – das ist nicht für alle Menschen in Österreich eine Selbstverständlichkeit. Das dritte Jahr in Folge veranstaltet dm drogerie markt gemeinsam mit BIO AUSTRIA im Dezember für mehr als 1.000 wohnungs- und obdachlose Menschen weihnachtliche Festessen mit hochwertigen Bio-Zutaten. Das liebevoll zubereitete Menü wird Jahr für Jahr sehr geschätzt, noch mehr aber das feierliche Zusammensein.
Die dm Weihnachtsaktion „Festessen für 1.000 obdachlose Menschen“ genießt bei Wärmestuben und Notschlafstellen, bei dm Kundinnen und Kunden sowie bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern große Beliebtheit. Denn viele wissen, dass es zahlreiche Ursachen gibt, warum Menschen in eine Abwärtsspirale geraten, und dass niemand davor restlos gefeit ist. Nach den Erfolgen der Vorjahre lädt dm also auch heuer soziale Einrichtungen in allen Bundesländern ein, gemeinsam ein
stimmungsvolles Essen für ihre Klientinnen und Klienten umzusetzen. Dafür spendet das Unternehmen Produkte aus dem Bio-Sortiment sowie Dekoration. Der Verband BIO AUSTRIA ergänzt die Einkaufsliste um Frischwaren. Um Wege zu sparen, werden die benötigten Produkte von umliegenden dm Filialen sowie Bio-Bäuerinnen und Bio-Bauern zu den Küchen im ganzen Land geliefert. Dort kochen Mitarbeiter der Wärmestuben für ihre Klientinnen und Klienten die Drei-Gänge-Menüs.
MOMENTE {MITEINANDER} GENIESSEN 2020 war für die ganze Welt ein Ausnahmezustand. Für armutsbetroffene und vor allem obdachlose Menschen war die Situation besonders dramatisch. Genau deshalb fanden die geplanten Festessen im vergangenen Jahr trotzdem statt. Lediglich die Mithilfe der dm Mitarbeiter musste abgesagt werden und die Einrichtungen fanden individuelle Lösungen, wie sie die Covid-Bestimmungen einhalten konnten.
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Protokolliert von: Gerhard Thoma, Foto: Archiv
© dm / GRÜNWALD
ch möchte von meiner wundervollen Alleingeburt erzählen, die fast genau so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Unser kleines bezauberndes Sternschnuppi Inaara Leilani Lilith erblickte am 25. Dezember 2016 bei uns daheim im Geburtsbecken das Licht der Welt. Von Anbeginn meiner Schwangerschaft wusste und spürte ich, dass eine Geburt etwas wunderschön Natürliches und Intimes sein muss. Für mich war klar, dass ich dieses Ereignis zu Hause in einer vertrauten Atmosphäre erleben möchte. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis hörte ich großteils von wunderbar sanften Hausgeburten, die unkompliziert und berührend erlebt wurden. Diverse Geburtsvideos von Haus- und Wassergeburten inspirierten mich und ich war immer wieder zu Tränen gerührt. So begann ich einige inspirierende Bücher zu lesen. Ein „Instinctive Birth“-Kurs mit Isabella Ulrich bereitete mich auf eine instinktive Geburt aus eigener Kraft vor und gab mir hilfreiche Inputs.
Die Geburtsreise beginnt ► Produktübergabe in Wels: Bettina Reichhold (Soziales Wohnservice Wels, v. l.), Michael Schuster (dm Gebietsmanager) und Gertraud Grabmann (Obfrau BIO AUSTRIA).
HELFEN SIE MIT: SPENDEN SIE 5 EURO AN DER dm KASSA dm Kundinnen und Kunden haben die Möglichkeit, die Aktion an der dm Kassa mit einer Spende von fünf Euro zu unterstützen. Davon werden die zugekauften Frischeprodukte von BIO AUSTRIA finanziert. Als Dankeschön erhalten Kunden einen limitierten Untersetzer für ihr eigenes Weihnachtsessen. Bleibt ein Spendenüberschuss übrig, so wird dieses Geld an Menschen in Notsituationen gespendet.
In freundlicher Zusammenarbeit mit
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Jedes Kind ist ein Christkind, nicht nur der kleine Jesus, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern. Wie Maria und Josef freuten sich auch Melanie und Alex auf ihr Kind. Was beide Babys noch gemeinsam haben: Derselbe Geburtstag und ungewöhnliche Geburtsorte – auf Stroh und im Wasser. Melanie erzählt ihre Geburtsgeschichte.
In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember war es dann soweit. Der Schleimpfropf löste sich und dies war für uns der erste Indikator, dass die Geburtsreise wohl schön langsam beginnen wollte. Ich war mir nicht ganz sicher, da es ja auch meine erste Geburt war und es ja nach Abgang des Schleimpfropfes auch noch ein Weilchen dauern kann, doch seelisch und mental stimmte ich mich schon darauf ein. So wie jedes Jahr, war auch dieses Jahr ein Weihnachtsessen mit meiner Familie geplant. Es waren noch keine Wehentätigkeiten spürbar, ich nahm lediglich ein leichtes Ziehen im Unterleib wahr. Am Nachmittag fuhren wir zu meiner Familie und kamen gegen 15.30 Uhr an. Bis dahin waren die Abstände der Wellen noch relativ lange, am späteren Nachmittag wurden sie wieder häufiger. Ich spürte ein Bedürfnis des Rückzugs und so entschieden wir uns, gegen 20 Uhr die Heimreise anzutreten.
Zu Hause war ich ganz bei mir und ließ es mir so richtig gut gehen. Mein Schatz zündete in der gesamten Wohnung Kerzen an und dies gab mir ein Gefühl von Geborgenheit. Innere Ruhe, Ausgeglichenheit und Stille begleiteten mich. Ich spürte auch immer mehr, dass die Reise nun wirklich begann. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Mir war klar, dass uns eine schlaflose, kraftvolle Nacht bevorstünde und ich legte mich noch eingekuschelt ins Bett. In der Zwischenzeit baute mein Mann den Pool auf, um alles vorzubereiten. Es war nun etwa 23 Uhr, er war schon etwas erledigt und geschafft. Während er ruhig neben mir einschlief, wurden die Wellen intensiver. Bis 3 Uhr konnte ich sie gut im Liegen und Sitzen veratmen. Dann war es soweit – es machte „blopp“. Die Fruchtblase war geplatzt und alles wurde plötzlich nass. Ich weckte meinen Mann und bat ihn, mir ein Handtuch zu bringen und den Geburtspool zu befüllen. Ich musste meine bisherige Position verlassen und nahm intuitiv eine Stellung ein, die mich noch mehr öffnete und weitete. Und das in einem Tempo – huuuuui! Die Wellen wurden immer gigantischer und in den Pausen war ich einfach nur beeindruckt, zu was mein Körper und ich im Stande sind, wooooooow! Während der Wellen hatte ich mittlerweile lautstark das Bedürfnis zu tönen und spürte, wie alles in mir vibrierte. Nach jeder Welle spürte ich eine irrsinnige Erleichterung in mir, eine Freude, und mir lief ein Gänsehautschauer über den Rücken. Ich befand mich die ganze Zeit im Vierfüßlerstand und atmete mein Baby in kreisender Bewegung bewusst nach unten. Ich war so sehr mit mir selbst verbunden und mit dem kleinen Menschlein in mir. Alex lief in der Zwischenzeit zwischen Badezimmer und Wohnzimmer hin und her und erst jetzt begriff ich, dass über den Schlauch nur Kaltwasser ins Becken floss und er deshalb das Warmwasser mit Fünf-Liter-Glasflaschen nach und nach ins Becken beförderte. Innerlich musste ich herzhaft lachen, denn >>
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Gsi
lesetipp: weitere Ge bt es burtsgeschichten gi auf ichgebaere.com ich ahnte, wie ihm gerade zumute sein musste und empfand diese Situation als urkomisch. Zwischenzeitlich war er so geschafft, dass er mich fragte, ob es schon warm genug ist, doch ich antwortete nur, dass ich da noch nicht reinsteigen könne und so lief er weiter hin und her, bis das Wasser mit angenehmen 35 Grad warm genug war. Endlich war der Pool fertig – yiha! Gegen 4.30 Uhr stieg ich in mein Geburtsmeer und anfänglich war es ein seltsames Gefühl, den Boden unter meinen Füßen zu verlieren und schwerelos im Wasser zu schwimmen. Nach kurzer Zeit stellte sich dies als wunderbar erleichternd für mein Becken und den Druck nach unten heraus. Ich wurde förmlich eins mit dem Wasser. Die Abstände der Geburtswellen wurden immer kürzer, wir befanden uns bei ein paar Minuten. Es gab nur mehr mich, die Kraft, die durch mich durchfloss und mein Baby im Wellenmeer der Geburt. Ich tönte lautstark und anders als je zuvor und spürte einen gewaltigen Druck in meinem unteren Rücken. Es war ein Wechselbad zwischen sich Öffnen und Weiten, wieder Loslassen und Kraft Sammeln und mit neuen Schwung die nächste Welle Nehmen. Immer wieder zwischendurch berührte ich vorsichtig und sanft meine Yoni und plötzlich berührte ich ihr weiches, haariges, kleines Köpfchen und wusste: Jaaaaaa wir sind am richtigen Weg und schon fast am Gipfel des Berges angekommen. Es war jetzt 7 Uhr. Ich fiel in ein Zeitloch und es fühlte sich im Nachhinein so an, als wäre die Zeit stehen geblieben und auch wieder nicht. Alex massierte mir meinen Rücken und trug wunderbar
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© Robert Armstrong via pixabay
#66 | Dezember 2021
zu meiner Entspannung bei, zwischen den Wellen erinnerte er mich immer wieder daran, tiefe, bewusste Atemzüge zu nehmen, was sehr hilfreich für mich war, da ich durch die gewaltigen Wellen leicht kurzatmig wurde. Sein Blick und seine pure Präsenz, seine aktive Passivität, gaben mir Halt, Kraft und Mut, denn ich spürte: Alles darf sein, ich darf kraftvoll und zugleich verzweifelt sein. Er war zu Tränen gerührt und ich spürte in seinen Augen Vertrauen in mich und meine Kraft: Tränen der Freude und bedingungsloser Liebe – ich fühlte mich geborgen und sicher im Hafen seiner Liebe.
„Komm jetzt!!!!“
Ich tönte immer lauter und spürte eine Weite voller Hingabe und Demut. Ich schrie laut „Komm jetzt!!!!“ Ich spürte, wie sich die kleine Bauchbewohnerin mit voller Kraft in mir abstieß und mich dabei unterstützte, dass wir uns schon gleich zum ersten Mal begegnen. Ich spürte, wie sie sich kraftvoll und tapfer durch den engen Geburtskanal und das Tor zur Welt ihren Weg bahnte und furchtlos hindurchrobbte. Wir waren ein wunderbares Team und ich wusste: Wir sind auf dem Weg zur Zielgeraden. Wir haben diese Alleingeburt bald gemeinsam geschafft! Es kamen noch ein paar energiegeladene Wellen auf mich zu. Ich wechselte nochmals die Position, da ich intuitiv spürte, dass sich mein Körper im Vierfüßlerstand wohler fühlen würde. Ich spürte ihr Köpfchen immer mehr und wusste, dass es mit den nächsten paar Wellen so weit sein würde – ich bat Alex, sich hinter mir zu positionieren, um die Kleine entgegenzunehmen, wenn es soweit ist. Ich gab mir und dem kleinen Sternchen noch drei Presswehen, da ich uns Zeit geben wollte und keine Verletzungen oder Risse riskieren wollte. Ganz bewusst und achtsam dehnte ich meinen Damm in diesen Wellen für den Übergang vor und gab auch dem Sternschnuppi in mir Zeit, sich darauf vorzubereiten. Ich gebar zuerst ihr wunderschönes, weiches und sanftes Köpfchen und mit der nächsten Welle schoss ihr Oberkörper aus mir heraus und um 8.32 Uhr spürte ich mit der letzten, alles erleichternden Welle durch mich kleine Beinchen flitzen und Papa nahm die kleine Maus entgegen und ermöglichte ihr den wohl sanftesten Start auf dieser Erde. Gleich darauf gab er sie mir in die Hände und ich legte sie ganz nah zu mir auf meine Brust. Ich war erleichtert, zu Tränen gerührt, lächelte
und lachte vor Glück, war überwältigt von dieser Welle der Freude und Liebe, die jede noch so herausfordernde und intensive Geburtswelle fast in Vergessenheit geraten ließ. Es durchströmte jede Zelle meines Körpers. Tief in mir war es ein Wunsch, dass wir sie zusammen hier auf dieser Erde willkommen heißen, deshalb war es für mich umso schöner, dass mein Mann sie entgegennahm und sie liebevoll, sanft und strahlend mir übergab. Genauso hab ich mir meine Traumgeburt vorgestellt, absolut perfekt und zauberhaft! Nur erstmal nicht als Alleingeburt. Sie schaute uns an mit ihren Kulleraugen und gab gleich mal einen Laut von sich, hatte eine zartrosa Haut und ich spürte, dass sie wohlauf ist – zwar geschafft von der Reise, doch überglücklich, so wie ich, uns hier auf der anderen Seite zu begegnen. Ich bewunderte sie und war erfüllt mit Dankbarkeit. Der ganze Raum war mit Liebe und ihrem Duft durchflutet und erfüllt. Unsagbar schön! Neun Monate hab ich dich unter meinem Herzen getragen und jetzt darf ich dich endlich in meinen Armen halten, darf dich riechen, darf dich schmecken, . . . so siehst du also aus und das bist DU! Um 9.15 Uhr ist Dani, meine Hebamme, bei uns zu Hause eingetroffen und ich hab von Anfang an ihr einfühlsames, ruhiges und erdiges Wesen bewundert. Das gab mir ein vertrautes und wohliges Gefühl. Die kleine Maus lag zufrieden auf meiner Brust, hat sich fest an mich gekuschelt und gab keinen Schrei von sich. Und ich genoss jeden Augenblick. Dieser zarte, tiefberührende Moment, den ich am liebsten eingefangen hätte und für immer in meinem Herzen trage. Dani hat eine Stunde nach der Geburt die Nabelschnur durchtrennt, nachdem sie schon auspulsiert war. Kurz darauf hat unser kleines Wunder begonnen, nach meinen Nippel zu suchen und begann daran zu saugen. Das unterstützte die Plazenta dabei, sich abzulösen und kurz darauf kostete es mich noch ein wenig Überwindung, um die Plazenta auch auf die Welt zu bringen – einige Male tief ein- und ausatmen und anschieben und dann war auch das geschafft. Dani schilderte mir genau, welches die kindliche und welche die mütterliche Seite ist und zeigte mir auch die dünne Haut der Fruchtblase. Die Plazenta sieht aus wie ein „Baum des Lebens“ – wunderschön, wenn man bedenkt, dass sie meine Bauchzwergin die ganze Zeit der Schwangerschaft versorgt hat.
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„Neun Monate hab ich dich unter meinem Herzen getragen und jetzt darf ich dich endlich in meinen Armen halten, darf dich riechen, darf dich schmecken ...“
Meine Geburtsreise, diese Alleingeburt, hat mich näher zu mir selbst geführt und ich bin dankbar, diese Reise als so heilsam und transformierend erlebt zu haben und genau DAS wünsche ich jeder Frau und werdenden Mami, sich auf diese Reise mit jeder Faser ihres Seins einzulassen im Einklang mit der ihr innewohnenden Weisheit und Urkraft. Dann kann dieses Erlebnis viel Integration und Heilung bringen. Das wünsch' ich euch von Herzen und all das, was ihr euch wünscht! Alles Liebe! Melanie
Mittendrin in V
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Demokratie lernen – von klein auf
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Ob in der Schule oder in der Freizeit: Das Wissen um demokratische Strukturen und das Einüben von Beteiligung und Mitgestaltung befähigt Jugendliche, sich demokratisch einzubringen und gesellschaftliches Leben mitzuprägen. Ein besonderes Spiel macht sichtbar, wie zukunftsfähige Lösungen gemeinsam gefunden werden können. Text: Daniel Furxer, Fotos: Daniel Furxer, Anja Ritter
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Spiel „Keep the Balance“
hristian Weiskopf unterrichtet Englisch und Musik und ist einer der Lehrer an der Polytechnischen Schule Dornbirn, der sich offensiv für das Thema „Politische Bildung in der Schule“ einsetzt. 2012/13 absolvierte er dazu einen Lehrgang beim Politologen Peter Filzmaier. Das Besondere am Schulzweig Polytechnische Schule: Im Gegensatz zu anderen Schultypen, wo Politische Bildung entweder Teil von Geschichte oder Geografie ist, existiert hier das Fach „Politische Bildung, Wirtschaft und Ökologie“ eigenständig. Wie sieht dabei der Unterricht konkret aus? „Ich frage die Schüler nicht ab, wie viele Parlamentarier*innen im Nationalrat sitzen. Viel wichtiger ist mir, dass wir über tagespolitische Themen diskutieren. Sie kommen dabei oft mit Fragen, die sie selbst interessieren, zum Beispiel, wie das jetzt genau ist mit den Chat-Protokollen oder wie man „fake news“ besser erkennen kann.“ Grundlage des Unterrichts sind die Menschenrechte, bekräftigt Weiskopf. Diese vermittele er ganz zu Beginn des Jahres. Die Dornbirner Jugendstudie 2019, an der sich 650 Jugendliche zwischen 15 und 22 Jahren beteiligt haben, zeigt auf, welch großen Einfluss an der Schule vermitteltes Politikwissen auf andere Lebensbereiche hat. Es stärkt nicht nur das Demokrativerständnis, sondern auch das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen, das Interesse an Politik wird gesteigert und im Freundeskreis wird öfter über Politik gesprochen.
Klassensprecher*innen
Anja Ritter
Christian Weiskopf
Kooperation mit indischem Kinderparlament
Großen Einfluss auf die Entwicklung des Spiels hatte die Dokumentation „Power To The Children. Der Film zeigt, wie sich indische Kinder, anfangs mit Hilfe eines Paters, später ganz selbstständig, organisierten und Kinderparlamente gründeten. Das Spannende daran: Sie setzen sich nicht – wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre – explizit für die Umsetzung der Kinderrechte ein, sondern bemühen sich um die Lösung von allgemeinen, alltäglichen Problemen in ihrer Dorfgemeinschaft, angefangen von Müllentsorgung über die Instandhaltung von Infrastruktur bis hin zur Verhinderung von Zwangsehen. So füllen sie die Lücke aus, die die eigentlich dafür gewählten, erwachsenen Vertreter durch ihre Untätigkeit hinterlassen. „Die Jugendlichen waren von dieser Doku so begeistert, dass wir mit den indischen Kindern Kontakt aufgenommen haben.“ Ein reger Mail-Austausch führte dazu, dass die indischen Kinder an der Entwicklung des Spiels mitwirkten und speziell die Fragen zum Themenbereich „Leben“ entwarfen. Anja Ritter: „Der ganze Prozess der Spielentwicklung bekam durch den Kontakt zu den indischen Kindern einen ganz neuen Drive." Vorbestellungen für die 2. Auflage: www.keepthebalance.games
Ein Spiel für kooperative Lösungen
Eine gute Möglichkeit, mit Jugendlichen und Erwachsenen neue Methoden der Entscheidung auszuprobieren, ist das neue Spiel „Keep The Balance“. Anja Ritter, zertifizierte Soziokratie-Trainerin, hat das Spiel gemeinsam mit ihrer Tochter und deren gleichaltrigen Freundinnen entworfen. Per Crowdfunding haben über 200 Personen mit insgesamt 24.000 Euro dazu beigetragen, dass diese Idee umgesetzt werden konnte. Das Konzept: Es gibt weder Sieger noch Verlierer. Vielmehr geht es darum, gemeinsame Lösungen zu finden und eine von allen getragene Entscheidung zu treffen. Dabei gliedert sich das Spiel in mehrere Fragebereiche: Lebensfragen, Fragen zu Coworking, Gemeinschaftsgärten, Familie, Wohngemeinschaften, Schule, Dorf(politik) und Abenteuer. Spieleffekt mit hoher Symbolkraft: Das Spielbrett kann kippen, Ziel ist es, es in Balance zu halten. „Bei diesem Spiel geht es eben nicht darum, die eigene Meinung durchzusetzen, sondern im Gespräch kooperative Lösungen zu finden. Eine sogenannte Konsent-Entscheidung herbeizuführen. Was so viel bedeutet, wie: Alle Spieler*innen müssen mit der Lösung einverstanden sein und dürfen keine schwerwiegenden Einwände haben“, erklärt Anja. Als Generationenspiel sei es sehr geeignet. Aber auch für Schulklassen, wenn sie eine gemeinsame Entscheidung zu treffen haben. Jugendliche in Entscheidungen einzubinden ist laut Anja Ritter essentiell. Sei dies in der Schule, im Jugendtreff oder auch auf Gemeindeebene. „Es gibt jedoch einen Knackpunkt. Jugendliche spüren ganz genau, ob Beteiligung ehrlich gemeint ist oder sie für eine Sache nur als hübschen Schmuck verwendet werden. Wenn die Verantwortungsübergabe von Seiten der Erwachsenen ernsthaft gemeint ist, dann sind Jugendliche in großem Maße bereit, mitzuwirken“, so die Trainerin.
Lustenauer Baukollektiv GEWO hat noch Platz! Wir haben bereits mehrfach in der marie berichtet: In Lustenau nahe des Alten Rheins entwickelt sich ein privates Bauprojekt von Menschen, die gemeinschaftlich bauen und wohnen möchten. Die Vision ist geschmiedet, die konkreten Pläne liegen nun am Tisch. Aktuell sind vier von zehn Wohneinheiten vergeben. Eigentumswohnungen in Erdgeschoss und erstem Stock sowie Maisonettewohnungen über zwei Stockwerke sind noch zu haben. Über die Gemeinschaftsflächen verfügt der eigens gegründete Verein. Bauplaner ist Daniel Zimmermann, bei den Grundrissen kann noch mitgestaltet werden. Die Gruppe möchte alle Interessierten wissen lassen: „Wir suchen Mitbewohner:innen von Jung bis Alt, Rentner, Pärchen, Familien... Menschen, die die Vorstellung gemeinschaftlich zu wohnen glücklich macht und die bereit sind sich einzubringen und die Vision mit uns mitzutragen.“ Weitere Infos, Prozedere für Interessierte und Kontakte: GEWO – Gemeinschaftliches Wohnen in Lustenau, www.gewo-lustenau.at
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Mittendrin in V
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BARFUSS, OHNE NAMEN Von Daniela Egger
Rom
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Er geht allein über den großen Platz, es regnet. Es ist der Abend des 27. März. An den Stufen empfängt ihn ein schwarz gekleideter Mann, sein Zeremoniar. Er selbst ist wie immer in Weiß gekleidet, eine helle, kleine Gestalt auf einem überdimensionierten, regenschwarzen Platz. Der Schwarzgekleidete hilft ihm, die Tribüne zu besteigen. Sein Arm unter der Achsel ist unbequem, aber notwendig. Zuvor ist er auf dem Balkon des apostolischen Palastes gestanden und hat stumm auf einen nie dagewesenen menschenleeren Petersplatz geblickt. Normalerweise überqueren ihn täglich Pilger, Touristen und Einheimische, zu Ostern drängen sich tausende Menschen, um seinen Segen «Urbi et Orbi» zu empfangen. Jetzt wird die weitläufige Absperrung streng überwacht. Er beugt sich über das Rednerpult, seine Hand zittert, aber niemand sieht es. Es ist ein historischer Moment, und seine Rede enthält Wörter wie «tiefe Finsternis,» «Überwindung der Angst» und «trostlose Leere». Sie werden live übertragen, die Menschen sitzen in ihren Wohnungen. Seit Wochen. Über ihm ein Dach, das die Rednerbühne bedeckt, eine kleine beleuchtete Herberge in der grauen Dämmerung, in der die Stadt versinkt. Von den Sicherheitsvorkehrungen sieht er nichts, das hat er sich ausbedungen. Sie sind da, die Scharfschützen auf den Hausdächern, ein Clip an seinem Kragen, über den er im Notfall Anweisungen erhält. Das Gerät schweigt, auch auf dem Platz ist es still, bis auf die Regentropfen, die auf das Dach trommeln. Er küsst dem Gekreuzigten die Füße. Er vollzieht sein Ritual als Vertreter einer mächtigen Tradition, wie 265 andere vor ihm. Er trägt einen symbolischen Namen, seinen eigenen hat er dafür aufgegeben.
Madrid
Ein Team von spanischen Ärzten und Krankenhauspersonal versammelt sich vor der Intensivstation. Sie werden gleich ihren Dienst antreten, kommen aber zehn Minuten früher, weil sie ihr tägliches Ritual nicht mehr missen möchten. Es ist der 2. April. Eine der jungen Pflegerinnen hat damit begonnen, allein, als sie merkte, wie sehr ihr das Sterben zusetzt. Bevor sie den Intensivbereich betrat und ihre Arbeit begann, sang sie. Jeden Tag vor Dienstantritt singt sie seither eine einfache Melodie, der Sanskrit-Text ist unverständlich und wohlklingend. Der diensthabende Arzt fragte sie, was sie da mache und sie antwortete ihm. Sie sagte, es schütze ihren Körper, weil Gesang die Frequenz der eigenen Körperzellen erhöhe. Ein Virus könne sich dann nicht so leicht festsetzen. Die Melodie stamme aus einem alten Meditationsritual, das sie auf einer Reise in Indien kennengelernt habe. Der Arzt hatte sie traurig angesehen und ging seines Weges. Am nächsten Morgen vor Dienstantritt stand er neben ihr und sang mit ihr. Der Text war leicht zu merken, die beiden sangen und alles wurde ein wenig stiller. Sein Mitsingen blieb nicht unbemerkt. Inzwischen treffen sich regelmäßig acht bis zwölf Leute, sie stellen sich in einer Reihe auf und singen, bevor sie an die Betten treten. Die junge Frau stimmt den Ton an, sie weiß, was sie tut, das Singen verleiht ihr eine Sicherheit, die ihr im Alltag oft fehlt. Selbst der zuständige Primararzt nimmt sich manchmal Zeit und gesellt sich dazu. Er denkt, es wäre gut für das Team, wenn er sich anschließen würde, an die Möglichkeit, mit Gesang seinen Körper zu schützen, glaubt er keine Sekunde. Er ist eine gute Führungskraft und weiß, wie sehr seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jede Ermutigung benötigen. Deshalb singt er manchmal mit. Er hat recht, es ist gut für das Team, dass er mit einstimmt. Es ist auch gut für die Patienten auf der Station, sie alle stellen fest, dass der Tag leichter beginnt, wenn vorher gesungen wird. Auch wenn die Nacht schwer und finster gewesen ist. Manchmal, wenn jemand ganz besonders traurig ist, wenn ein viel zu junger Mensch unter ihren Händen stirbt, gehen sie zusammen raus und singen noch ein zweites Mal. Meistens kennen sie nicht einmal den Namen des Verstorbenen, aber der Gesang lässt seine Seele leichter abreisen, und das ist wichtiger als ein Name, der nicht mehr gebraucht wird.
Dieser Textauszug stammt aus dem Lockdown im Frühjahr 2020 – leider besitzt er auch Ende 2021 eine Aktualität, die sich niemand gewünscht hat. Weil die Pandemie aber auch dieses Jahr vor Weihnachten nicht Halt macht, erlaubt der Rückblick vielleicht eine liebevollere Betrachtung der Situation heute. Am Ende sind es die zutiefst menschlichen Bedürfnisse, die zählen, und da sind wir alle ähnlich. Bregenz
Seit Wochen ist es still im Haus. Die Stimme am Telefon sagte zuletzt, es sei Anfang Mai, das genaue Datum weiß sie nicht. Sie weiß auch nicht, was geschehen ist, warum diese Stille so übermächtig geworden ist. Sie glaubt, sie hat etwas falsch gemacht. Aber was sie falsch gemacht hat, ist ihr nicht klar, genau wie damals, als sie in ihrem Kinderzimmer gesessen und darauf gewartet hat, dass sich die Türe wieder öffnet. Auch damals verstand sie nicht, was sie getan hatte, aber sie zweifelte nicht daran, dass es schwerwiegend war. Es dauert ewig für das Kind, genauso wie für die alte Frau heute. Die Türe öffnet sich nicht mehr. Das Telefon klingelt, aber sie hat es längst aufgegeben, den Hörer abzuheben. Die Stimme am anderen Ende der Leitung sagt ihr dann, dass ein Einkaufskorb vor der Türe steht, oder dass sie sich keine Sorgen machen soll, oder dass sie heute ihre Wäsche draußen abstellen solle, und dass die Person, die zum Putzen komme, eine Maske trage, sie aber nicht erschrecken soll, diese Maske sei nur zum gegenseitigen Schutz. Oder dass ein warmes Essen vor der Türe stehe, man sie liebhabe und vermisse. Manchmal stellt sie auch Fragen, die Stimme, und während sie noch damit beschäftigt ist, herauszufinden, welchem ihrer Kinder sie gehören könnte, kommt schon die nächste Frage, die sie sich nicht merken kann, und so gerät jedes Telefonat sogleich in eine Schieflage, die nicht mehr auszugleichen ist. Sie zieht es vor, zu schweigen und den Klingelton zu ertragen, statt das Gespräch entgleisen zu lassen, weil sie zu langsam ist. Sie sitzt im Zimmer und wartet, bis der Hausarrest ein Ende hat, bis wieder jemand von ihrer Familie ins Haus kommen will. Einmal täglich klingelt es an der Tür. Dann steht sie auf und schaut nach, ob der Korb mit dem Essen auf sie wartet, und sie winkt, aufs Geratewohl, weil sie nicht sehen kann, ob die Überbringerin des Korbes noch in der Nähe ist. Sie winkt und denkt daran, dass schon lange niemand mehr ihren Namen ausgesprochen hat. Sie nimmt sich vor, einen weiteren Notizzettel an den Küchenschrank zu heften, mit ihrem Namen drauf. Sie will ihn auf keinen Fall vergessen, bevor wieder jemand kommt und sie beim Namen nennt.
Shanghai
Ein junger Mann steht an einer belebten Straßenkreuzung und blickt freundlich nach oben. Über ihm hängt eine der zahlreichen Überwachungskameras, mit denen das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger aufgezeichnet wird. Es ist der 28. Mai, der Lockdown ist seit einiger Zeit wieder aufgehoben, noch immer sind weit weniger Menschen unterwegs als vor der Pandemie. Er hat sein Kunstprojekt unterbrechen müssen, man hätte ihn sonst sofort festgenommen. Aber jetzt führt er es fort. Sein stiller Protest gegen das System der Sozialpunkte, die vom Staat vergeben werden, ist sehr einfach – er blickt zehn Stunden täglich freundlich in die Kamera über der Kreuzung. Immer am selben Standort, immer barfuß. Manchmal steht er, manchmal setzt er sich auf einen mitgebrachten Klappstuhl. Die größte Herausforderung ist sein schmerzender Nacken, denn er hält den Blick während der gesamten Dauer seiner Arbeitszeit nach oben gewandt. Sein großes Vorbild ist Marina Abramović, er ist ihr nie begegnet, aber er träumt davon, einmal an einem ihrer Sommercamps teilzunehmen. Diese Aktion soll Teil seiner Bewerbung werden, er will zeigen, zu welch radikaler Hingabe er fähig ist. So wie sie es seit Jahrzehnten vorgelebt hat. Dafür hält er die Strapaze aus, er will an seine körperlichen Grenzen gehen. Er will sich auch mit einem unsichtbaren Gegner anlegen, wohl wissend, wie gefährlich das sein kann. Manchmal bringt ihm seine Mutter etwas zu essen, manchmal seine Freundin oder seine Kollegen aus der Kunstakademie. Er isst mit dem Blick in die Kamera. Sie finden, er riskiert zu viel, der Lockdown hat seine Festnahme vielleicht nur verzögert, sobald die Behörden den Dauerprotest als Bedrohung wahrnehmen, könnte seine Aktion schnell gewaltsam beendet werden. Auch seine Lehrer sind nicht einverstanden mit dem, was er hier tut, sie fürchten negative Folgen für die Akademie der Kunst. Die Überwachung ist inzwischen so lückenlos und perfide, dass er nicht anders kann. Wer bei Rot über die Straße geht, dessen Identität wird an öffentlichen Bildschirmen sichtbar gemacht, die moderne Art des Prangers. Er erhält Minuspunkte, die durch angepasstes Verhalten wieder wettgemacht werden können, manchmal folgt auch eine Vorladung vor Gericht. Ab einer bestimmten Zahl von Minuspunkten greifen unangenehme Maßnahmen, etwa ein Rauswurf aus der Uni oder die Verweigerung einer >>
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Mittendrin in V 10. Dezember Internationaler Tag der Menschenrechte
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Reiseerlaubnis. Er hat keine Chance, seinen Namen zu verbergen, diese Zeit ist in China schon lange vorbei. Wer von der Kamera erfasst wird, und das geschieht auf Schritt und Tritt, der ist mit allen Details seiner Identität erfasst. Eine wachsende Anzahl von Fans freut ihn zwar, beunruhigt ihn aber auch. Sie setzen sich neben ihn, machen Fotos von ihm und berichten auf QQ und WeChat über seine Aktion. Das ist einerseits gut für seine Reputation als Künstler, andererseits ist es nicht gut. Jede Art der Aufmerksamkeit kann ihm schaden und seine Arbeit frühzeitig beenden. Allerdings weiß er nicht genau, was frühzeitig bedeutet, er hat sich kein zeitliches Limit gesetzt. Zu Beginn wollte er seinen Posten nur für eine Woche beziehen und die Aufzeichnungen der Kamera stören. Als keine Reaktion erfolgte, verlängerte er sein Spiel. Er machte sich Gedanken über seine Interaktion mit einem gläsernen Auge, hinter dem nur ein Algorithmus sitzt, ein Instrument, das sich nicht irritieren lässt. Dass er den Blick hält, setzt ihn in Beziehung mit einem Zahlencode. Eine einseitige Hingabe. Die Kamera erscheint ihm unentschlossen, manchmal hat er den Eindruck, wahrgenommen zu werden, aber ihm ist klar, dass sein Geist nicht mehr zuverlässig arbeitet. Zu lange starrt er schon auf das Gerät, während er dem Verkehrslärm und jeder Witterung ausgesetzt ist. Er weiß, dass die Linse nur aus kaltem Glas besteht, aus nichts sonst. Einige Tage versuchte er, ihr einen Namen zu geben, aber es wollte keiner passen. Also ließ er es wieder. Es ist gut, dass er barfuß ist, denn der Boden unter seinen Füßen hilft ihm, nicht den Hirngespinsten zu verfallen.
Sudoku So geht‘s: Füllen Sie die leeren Felder so aus, dass in jeder Reihe, in jeder Spalte und in jedem Block (= 3×3-Unterquadrat) die Ziffern 1 bis 9 genau einmal vorkommen. Viel Spaß!
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Portland
Sie tritt aus der Menge, sehr langsam. Es ist der 18. Juli, ein Samstagabend in Portland. Sie hat Angst, aber sie weiß sie zu beherrschen. Es sind viele Menschen da, hinter ihr und vor ihr. Rauchschwaden stehen in der Luft. Die Lücke zwischen den Fronten bildet einen freien Platz, dort bleibt sie stehen. Sie ist nackt. Eine schwarze Mütze bedeckt ihr Haar, eine Maske über Mund und Nase. Sonst trägt sie nichts. Es ist eine ungleiche Schlacht, Soldaten in Kampfausrüstung, transparente Schilde, Schlagstöcke, Helme, Gasmasken, in den Gürteln eine Auswahl von Waffen. Der Rauch ist beißend, ihre Augen tränen. Dass sie zittert, ist nicht zu sehen, sie hat gelernt, ruhig eine Bühne zu betreten, sie weiß, was sie tut. Die Menschen hinter ihr, die Unbewaffneten, die Maskierten und Aufgebrachten, werden leise. Niemand traut sich etwas zu sagen. Noch fliegen Tränengasdosen in die Menge der Demonstranten, aber niemand weicht mehr zurück. Noch steht sie und macht ein paar Tanzschritte, langsam, dann setzt sie sich mit gespreizten Beinen auf den Asphalt. Sie hebt die Arme. Die Soldaten zögern, ihre Bewegungen kommen zu einem Stillstand, die Nacktheit der Frau ist nichts, womit die Männer in Kampfmontur gerechnet haben. Die Menschen hinter ihr sind das Ziel, der Auftrag ist klar. Diese Linie muss weichen. Die Frau sitzt zwischen ihnen und bewegt sich nicht, sie sieht sehr konzentriert aus, als hantiere sie mit einer zerbrechlichen Sache. Einer aus der Reihe der Soldaten wirft eine letzte Rauchbombe, sie landet neben ihrem nackten Fuß. Die Frau lässt sich nicht stören, der Rauch verdeckt ihren Körper, ihre Angst steigt. Sie zwingt sich, ruhig zu bleiben. Alles hängt daran, dass man sie sehen kann. Jetzt wirft niemand mehr, die Miliz verstummt. Eine erste Bewegung kommt von der rechten Seite, es sind zunächst nur zwei von ihnen, die zurückweichen. Befehlsverweigerung. Einer nach dem anderen folgt den beiden. Die Soldaten geben die Straße frei. Niemand weiß, was jetzt geschehen wird, auch die Frau nicht, die aufsteht und in der Menge verschwindet. Jemand reicht ihr eine Jacke und Schuhe, so wird sie unsichtbar. Niemand kennt sie, niemand weiß ihren Namen. Dafür hat sie gesorgt. Sie braucht keinen Namen, denn wer eine Schlacht auf diese Art beendet, wächst über einen Namen hinaus.
Klimakrise bedroht Menschenrechte Schon heute leiden Millionen von Menschen an den Folgen der Erderwärmung: Dürre, Tropenstürme, Überschwemmungen, Hitzewellen und Waldbrände in allen Erdteilen. Die Rechte auf Leben, Gesundheit, Nahrung, Wasser und angemessene Unterkunft werden verletzt. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, Ungleichheit und Diskriminierung wachsen. Alle Regierungen müssen sofort konsequente und wirksame Maßnahmen umsetzen und dabei soziale Gerechtigkeit sicherstellen - innerhalb eines Landes und in der weltweiten Zusammenarbeit. Wir alle müssen jetzt handeln. Nichtstun bedeutet, den kommenden Generationen riesige Probleme zu hinterlassen - und damit schon jetzt ihre Menschenrechte zu verletzen.
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