#11 / November 2016
2,50 Euro
davon 1,25 Euro für die Verkäuferin/ den Verkäufer
„Ich bin ein Windischer“ Das bewegte und verrückte Leben des Rudi Petscharnig.
Einlagern ohne Keller So werden Ihr Haus und Garten zum Vorratslager.
Weg mit dem Müll Das plastikfreie Leben der Familie Amann aus Satteins.
Stammtischparolen Tipps, wie man Vorurteilen schlagfertig kontern kann.
s r e d n a Schule
Foto: Shutterstock
Über das Bildungssystem in Österreich wird viel diskutiert. Und darüber, was uns die Zukunft bringen könnte. Die marie hat sich in Vorarlberg umgeschaut und dabei Schulen gefunden, die beherzt vorangehen (Seiten 20 bis 27).
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Vertrauen ist die stillste Form von Mut. [ Werner Mühl böck ]
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Mittendrin in V 4-5 Bild des Monats 6-7 „Ich bin ein Windischer“ Das bewegte Leben des Rudi Petscharnig (82) 8 Verkäuferporträt Charles Digbori, marie-Verkäufer in Höchst 9 Gemüse einlagern ohne Keller Wie man den Garten als Vorratslager nützt 10-11 Weg mit dem Müll Familie Amann aus Satteins lebt plastikfrei 12-14 Bauer, Reisender, Denker Franz Willi (64) entdeckt die Welt 15 Rezept Sojarouladen mit Schmorgemüse 16-17 Stammtischparolen Wie man Vorurteilen schlagfertig kontert 17 Impressum 18-19 Freiwilliges Integrationsjahr Flüchtlinge sammeln Berufserfahrung
Sonderthema 20-27
Schule anders Wie modernes Lernen funktionieren kann
Editorial Liebe Leserin, lieber Leser, die aktuelle Ausgabe der marie beinhaltet erstmals ein umfangreiches Sonderthema. Unsere Reporterinnen Daniela Egger und Simone Fürnschuß-Hofer sind der Frage nachgegangen, welche Schultypen abseits der Regelschule in Vorarlberg zur Auswahl stehen. Die gute Nachricht für all jene, für die jetzt wieder die Weichenstellung über ihren Bildungsweg ansteht: Das Angebot hierzulande ist vielfältig, es findet sich im Prinzip für fast jeden Anspruch und jedes Bedürfnis eine passende pädagogische Einrichtung. Dazu eine große Umfrage unter Erwachsenen, wie sie ihre Schulzeit erlebt haben und was sie sich anders gewünscht hätten. In anderen Beiträgen in diesem Heft finden Sie wie gewohnt neue Geschichten von besonderen Menschen, Projekten und Ideen, die unsere Gesellschaft und das Leben in Vorarlberg bereichern. So erklärt ein Ehepaar aus Satteins, wie man weitgehend ohne Plastik auskommt und dabei sogar noch Geld sparen kann. Wir haben aber auch wieder mal über die Grenzen geschaut und für Sie die faszinierende Geschichte eines Mannes aufgezeichnet, der drei Jahre lang zu Fuß von Rumänien bis nach Ägypten ging, ohne ein Wort zu reden. Jetzt verdingt er sich als Straßenzeitungsverkäufer in England und stellt dabei buchstäblich die Welt auf den Kopf.
International
Viel Freude beim Lesen!
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Herzlich, das marie-Team
Die Geschichte des Straßenverkäufers Stefan Nan Zu Fuß von Rumänien nach Ägypten
Gsi 32-33
Ungarn-Flüchtlinge 1956 Wie Vorarlberg sie freudig aufnahm
Kultur 34-35 Heimatloser sucht Heimat Der „Bauernfänger“ Ernst Reiner im Porträt 36-38 Veranstaltungskalender
Rätsel 39
Schachecke und Kopfnuss
marie ist Mitglied im Weltverband der Straßenzeitungen. www.insp.ngo
Kontaktieren Sie uns
Sie haben Anregungen, Wünsche oder Beschwerden, dann schreiben Sie uns doch einfach. marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Am Kehlerpark 5, Top 34, 6850 Dornbirn. E-Mail: kontakt@marie-strassenzeitung.at oder Sie rufen uns an unter 0677/61538640. Internet: www.marie-strassenzeitung.at. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!
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Bild des Monats
Auf einen Kaffee ins Loackerhuus Foto: Frank Andres
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Martin Fröhle (27) aus Koblach und Anita Decker (39) aus Meiningen gönnen sich eine kleine Kaffeepause. Die beiden erfahrenen Servicekräfte sind seit über fünf Jahren im Loackerhuus in Götzis, einem Projekt der Lebenshilfe Vorarlberg, beschäftigt. Martin und Anita bringen den Gästen aber nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern machen auch Küchendienst, erledigen den Abwasch oder helfen in der Backstube mit. Wenn Sie jetzt Lust auf einen gemütlichen Hock im Loackerhuus bekommen haben, dann kommen Sie doch einfach vorbei. Martin und Anita freuen sich über jeden Gast.
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Mittendrin in V
„Ich bin ein Windischer“ Zwei Packtaschen jeweils links und rechts vorne und hinten, ein Seesack auf dem Gepäckträger sowie ein Rucksack vorne. Derart macht sich Rudi Petscharnig auf den Weg, wenn er mit seinem Fahrrad, einem einfachen Mountainbike, für ein, zwei oder drei Monate Europa durchquert. Das an sich ist schon recht
Text: Annette Raschner Fotos: Frank Andres, privat
s gibt Menschen, denen das Glück in die Wiege gelegt wird, und es gibt solche, die es sich hart erkämpfen müssen. Letzteres trifft auf Rudi Petscharnig zu. Mit 70 sagt der vierfache Familienvater zu sich: „Wenn nicht jetzt, dann nie mehr“ und setzt mit der ersten Radtour quer durch Europa einen lange gehegten Traum in die Tat um. Er entscheidet sich für den Balkan als Ziel seiner Reise und beginnt mit dem akribischen Studium der Straßenkarten. Praktisch alle in der Familie raten ihm ab, seine Frau will ihn aus Angst erst gar nicht fahren lassen, doch schließlich gibt auch sie ihren Widerstand auf, weil er keinen Sinn hat. „Wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich es auch durch“, sagt Rudi und das meint er völlig ernst.
chen Mutter und sagt zu ihr: „Wenn du mich nimmst, ist es gut. Zurück gehe ich nicht mehr.“ Die Mutter, die schon mit 45 an Krebs sterben wird, versucht, sich und ihren Sohn mit Strickarbeiten über Wasser zu halten. Des Öfteren muss sie betteln: um ein Stück Brot, ein paar Kartoffeln oder etwas Speck. Die Kinder im Dorf versuchen das Ihre. Sie schleichen des Abends in die Villa des Grafen, in die sich englische Besatzer einquartiert haben und nehmen die weggeworfenen Überreste mit: Kekse, Schokolade, Weißbrotstücke. Als Jugendlicher beginnt Rudi eine Lehre bei einem Bauschlosser in St. Veit an der Glan. Nach einer Auseinandersetzung – sein Lehrherr ist schwerer Alkoholiker – bricht er die Lehre noch vor Abschluss der Gesellenprüfung ab und verdingt sich als Holzknecht und auf dem Bau. Wirklich arbeitslos sei er nie gewesen, erzählt Rudi Petscharnig.
Schwieriger Start ins Leben
Die Liebe und Vorarlberg
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ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher wird es dann, wenn man erfährt, dass der in Rankweil lebende, gebürtige Kärntner das wilde Campieren bevorzugt. Und geradezu verrückt klingen die Unternehmungen angesichts des fortgeschrittenen Alters des topfitten Pensionisten: Rudi Petscharnig ist 82 Jahre alt!
Ohne ein beachtliches Maß an Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und Widerstandsgeist wäre Rudi Petscharnig wohl nicht 82 Jahre alt geworden. Am 27. Juni 1934 wird er im kleinen, auf 1159 Metern Seehöhe liegenden Bergdorf Diex im Kärntner Bezirk Völkermarkt geboren. Er wächst in einfachsten Verhältnissen bei seiner Stiefmutter auf, der Vater ist bald im Krieg, es gibt kein fließend Wasser, keinen Arzt, kein Spital, keinen Schulbus und kaum etwas zu essen, dafür aber viele Schläge, sowohl in der Schule, als auch zu Hause. Mit fünf Jahren überlebt der kleine Bub eine schwere Grippe nur mit Not, mit zehn flieht er zu seiner leibli-
Über einen Kollegen verschlägt es Rudi Petscharnig Anfang der 1950er Jahre in die Schweiz. In Zürich betätigt er sich unter anderem knapp drei Jahre als Pferdepfleger. Beim Ausfahren von Milch lernt er seine heutige Frau, eine Steirerin kennen, die als Haushaltshilfe arbeitet. Sie ist erst 17 Jahre alt, um drei Jahre später heiraten zu können, muss sie eigens eine Bewilligung beim Jugendamt einholen. Die Hochzeit wird am 22. November 1965 gefeiert, von der Gemeinde erhalten die beiden 20 Franken Startgeld. In Vorarlberg lebt das Ehepaar zunächst in Schlins, dann in Rankweil, wo Rudi Petscharnig als Schlosser bei einer
Installationsfirma arbeitet, die später in Konkurs geht. Die letzten zehn Arbeitsjahre vor seiner Pensionierung als Kesselschweißer in Liechtenstein sind „strenge und ungesunde“. Aber einer wie er lässt sich nicht unterkriegen.
Körperliche und geistige Fitness
Um auch geistig fit zu bleiben, hat Rudi Petscharnig zahlreiche Wifi-Kurse absolviert. Basisbildungskurse an der VHS Götzis in Lesen, Schreiben und Rechnen halfen ihm, vorhandene Defizite auszugleichen. Heute liest er leidenschaftlich gerne; vor allem Reisereportagen und Historisches. Damals – in seiner Kindheit – war dies anders ... Acht Jahre geht Rudi Petscharnig in die Schule, aber die Ausbildung verläuft in einer Art und Weise, wie sie heute hierzulande nicht mehr vorstellbar ist. Der Schulweg ist beschwerlich, eine Stunde lang muss der Bub alleine durch den Wald ins Tal gehen, im Frühjahr und Sommer immer barfuß. Im Winter liegt der Schnee oft so hoch, dass Rudi beschließt, zu Hause zu bleiben. Die Stiefmutter ist eine Analphabetin und Rudi „ein Windischer“, ein Kärntner Slowene; Deutsch lernt er erst in der Schule. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit holt er später nach, was er versäumt hat. Für seine körperliche Fitness macht er Kampfsport, unternimmt ausgedehnte Bergwanderungen und bereitet sich mit seinem Rennrad auf die Europatouren vor.
Hart, aber herzlich
Die bis dato letzte bringt ihn diesen Sommer unter anderem nach Litauen, Lettland, Estland und Helsinki. Über
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Rudi Petscharnig demonstriert, wie er in jungen Jahren sein Moped gestartet hat.
Polen und Ostdeutschland soll es wieder zurückgehen, doch da wird eines Nachts sein abgestelltes Rad von einem polnischen Firmenbus zusammengefahren. Die vier Männer versprechen ihm, ihn in einem Hotel abzuladen, doch die Fahrt geht in ein Dorf zu einem Bankomaten. Er solle jetzt Geld abheben und den Schaden am Auto bezahlen, heißt es. Rudi lässt sich nicht einschüchtern. Nach stundenlangen Diskussionen fahren die Vier wutentbrannt davon. Bei der Polizei lernt Rudi eine hilfsbereite Polin kennen, die für ihn eine Hotelunterkunft organisiert und ihn schließlich nach Danzig fährt. Mit Bus und Zug kehrt er schließlich früher als geplant nach Vorarlberg zurück. Zwar um ein Fahrrad ärmer, aber wieder um eine Erfahrung reicher geworden. Was ihn immer wieder aufs Neue motiviert, loszufahren, um etwa in Albanien und Rumänien „die Ärmsten der Armen“ zu sehen? Sein ehrliches Interesse, Land und Leute abseits touristischer Wohlfühlzonen kennenzulernen, sagt Rudi Petscharnig. Dabei zitiert er einen Schriftsteller, der einmal gesagt habe: „Du warst nur dort, wo du zu Fuß warst.“ Bei einer geführten Reise sehe man immer nur die gleichen Gebäude, die hübschen, schön hergerichteten, herausgeputzten. Er hingegen wolle auch „das Andere“, das Ungeschönte, das Wahrhaftige sehen und mit der Bevölkerung in Kontakt kommen. Das falle ihm grundsätzlich leicht, sagt er, er spreche einfach jeden an. „Ob Bauer oder Polizist, das ist mir egal.“ Dabei habe er folgende Erfahrung gemacht: „Mit Grüß Gott, auf Wiedersehen, bitte und danke kommst du überall durch.“
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Impressionen von Rudi Petscharnigs Reise im Sommer 2016. Bei (fast) jeder Witterung hat er im Zelt übernachtet. Auf seinem Rad transportierte er 30 Kilo Gepäck rechts, links, vorne und hinten.
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Charles Digbori aus Nigeria verkauft seit Sommer die marie vor dem Spar in Höchst. Und er schwärmt vom guten Essen in Vorarlberg: „Ich liebe Käse.“
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„Ich will andere Menschen zum Lachen bringen“ Charles Digbori ist gelernter Farmer, heute Mormonen-Priester in Dornbirn und marie-Verkäufer in Höchst. Der größte Wunsch des 29-jährigen Nigerianers: „Ich will in Vorarlberg in Freiheit leben können.“
Text und Foto: Frank Andres
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ein freundliches Lachen wirkt ansteckend. Wenn Charles Digbori die marie verkauft, dann hat er immer einen breiten Grinser im Gesicht. „Ich will die anderen Menschen zum Lachen bringen“, lautet die Mission des 29-jährigen Mannes aus Nigeria. Und das gelingt ihm fast immer. Dabei ist sein Leben bisher alles andere als glücklich verlaufen. Charles ist im Norden Nigerias aufgewachsen, einer Region, in dem es schwere Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen gibt. Seit der Einführung der Scharia, dem religiösen Gesetz des Islam, hat sich die Gewalt zwischen den beiden Religionen weiter verschärft. Diesen Konflikt bekommt Charles hautnah zu spüren. Denn als 20-Jähriger wechselt er von der Religion seiner Eltern, dem Islam, zum Christentum. Und aus dem gelernten Farmer wird ein Pastor. Er muss um Leib und Leben fürchten und entschließt
sich vor 15 Monaten zur Flucht. Er schafft es via Lybien übers Mittelmeer auf die italienische Insel Lampedusa. Im September 2015 kommt er schließlich nach Feldkirch. „Ich erinnere mich noch genau. Es war saukalt. Ich dachte, ich bin in einem eisigen Land gelandet“, erzählt Charles lächelnd. Heute, mehr als ein Jahr später, lebt der 29-Jährige in einer Flüchtlingsunterkunft in Hard und besucht dreimal die Woche einen Deutschkurs. Jeden Sonntag geht er in die Kirche der Mormonen in Dornbirn. Dort absolviert er eine Ausbildung zum Priester. Seit Sommer ist Charles aber auch marie-Verkäufer. „Das ist für mich die beste Möglichkeit, um Deutsch zu lernen. Mir macht es Spaß, mich mit anderen Menschen zu unterhalten und dabei Kontakte zu knüpfen“, erzählt er. Charles hofft, in Vorarlberg bleiben zu können. „Ich liebe die Menschen hier. Ich habe auch schon viele Freunde gefunden. Mein Traum ist es, in Freiheit leben und später einmal als Priester arbeiten zu können.“
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EINLAGERN OHNE KELLER Die Gartensaison ist zu Ende und hat reiche Ernte beschert. Nun wollen die Vorräte für den Winter eingelagert werden. Aber wie, wenn der Keller zu warm, die Garage zu kalt und der Platz zu beengt ist? Eine Möglichkeit ist es, den Garten selbst als Vorratslager zu benutzen. Wer über ein Hoch- oder ein Frühbeet verfügt, hat gleich den idealen Platz dafür gefunden. Ansonsten gilt es, eine Grube auszuheben und eine sogenannte Erdmiete anzulegen. Wichtiger Tipp: Nur einwandfreies Gemüse einlagern. Text und Fotos: Simone König
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nter der Erde herrschen optimale Bedingungen, um das Wurzelgemüse und auch Krautköpfe bis in den Frühling frisch zu halten. Der Platz für die Grube sollte so gewählt sein, dass es nicht zu feucht ist und vor allem kein Grundwasser ansteht. Dann wird eine zirka 50 Zentimeter tiefe und ein Meter breite Grube ausgehoben. Die Länge der Grube richtet sich nach der Menge des Gemüses, welches eingelagert werden soll. Zum Schutz vor Mäusen wird die Grube mit einem Gitter ausgelegt, darauf etwas Stroh oder feine Erde, damit das Gemüse nicht direkt auf dem Gitter liegt. Das Wurzelgemüse kommt gleich nach der Ernte ungewaschen in die Erdmiete. Bei Karotten wird das ganze Kraut am Ansatz entfernt. Bei Sellerie, Randig und Kohlrüben werden die Herzblätter belassen. So wird das Gemüse Sorte für Sorte in die Grube geschlichtet. Auf jeder Lage wird feine Erde verstreut, damit alles locker und doch kompakt aufeinander liegt. Verschiedene Gemüse werden durch eine Lage Stroh getrennt. Krautköpfe werden von den äußersten Blättern befreit und mit dem Strunk nach oben in die Grube gelegt. Dann kommt eine
Strohschicht darauf und schließlich wird das Ganze mit der ausgehobenen Erde abgedeckt. An einer Stelle wird in die Erdbedeckung ein Büschel Stroh eingebaut, es dient als Lüftungsschacht. Damit die Erdmiete auch zugänglich ist, wenn Schnee liegt, empfiehlt sich die Abdeck– ung mit Brettern, Kompostvlies oder einer wasserdurchlässigen Plane. Wichtig ist, dass nur einwandfreies Gemüse eingelagert wird, Fäulnis und
Schimmel können das ganze Lager infizieren. Im Hoch- oder Frühbeet funktioniert die Einlagerung auf dieselbe Art wie in der Miete. Zusätzlich kann das herausragende Beet mit Styropor oder anderen Isoliermaterialien gedämmt werden. Wer nur eine kleine Menge einlagern will, kann auch einen Drahtkorb mit Deckel (mäusesicher) oder eine stabile Holzkiste eingraben.
Tipps für die Einlagerung im Haus • Kühl, aber frostfrei und möglichst dunkel. Temperaturen von ein bis vier Grad sind optimal. • Ein kühler Kellerraum oder eine kühle Garage bieten sich an, um Karotten, Rettich, Randig, Sellerie oder Kartoffeln zu überwintern. Mit Styropor oder Noppenfolie ausgekleidete Holzkisten, aber auch schwarze Plastikwannen eignen sich dafür gut. Sie werden mit feinkrümeliger Erde - wahlweise auch mit Sand - gefüllt, und dann wird das Gemüse schichtweise dort eingelegt: Immer eine Lage Erde, dann eine Lage Wurzelgemüse und so weiter bis obenhin. So bleibt das Gemüse länger feucht und frisch.
• Lagern Sie nur einwandfreies und ungewaschenes Gemüse. • Beim Wurzelgemüse darauf achten, dass es nicht austrocknet. • Zwiebeln und Knoblauch werden am besten – zu Zöpfen geflochten – an einem trockenen Platz aufgehängt. • Kohlköpfe können kopfüber an den Strünken festgebunden und aufgehängt werden. • Äpfel und Birnen nicht zusammen mit Gemüse in einem Raum lagern, sie lassen anderes Gemüse schneller verderben. • Alle Vorräte regelmäßig kontrollieren, faulende Früchte aussortieren.
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WEG MIT DEM MÜLL Müllsparen wird immer trendiger. Corinna Amann (33) aus Satteins lebt mit ihrer Familie seit 1,5 Jahren praktisch plastikfrei und vermeidet auch sonstigen Müll. Dies kostet weder mehr Geld noch Zeit. Und macht zufrieden.
Text: Elisabeth Willi Fotos: Frank Andres
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ls Corinna Amann den Versuch startete, auf Plastik so gut wie möglich zu verzichten, wurde ihr erst mal angst und bange: „Wenn ich durch die Wohnung gehe, wird mir richtig schlecht. Überall Plastik, was habe ich mir da nur eingebrockt“, schrieb die Satteinserin im Juli 2015 auf ihrem Blog www.plastikfreier.com. Vier Monate später dann komplett andere Töne: Das plastikfreiere Leben sei mittlerweile normal, es mache Spaß und man habe auch noch ein gutes Gefühl dabei. Heute könnten sich Corinna, eine karenzierte kaufmännische Angestellte, und ihr Ehemann Clemens (33), der im IT-Bereich arbeitet, gar nichts anderes mehr vorstellen. Plastikfrei zu leben bedeutet: Einerseits kaufen Amanns keine Produkte, die in Plastik verpackt sind. Stattdessen holen sie zum Beispiel die Milch direkt beim Bauern und füllen sie in Flaschen. Nudeln oder Reis kaufen sie offen im Geschäft und nehmen sie in eigenen Behältern nach Hause. Manche Dinge stellt Corinna selbst her und verwahrt sie in Gläsern: Waschmittel etwa, Reinigungsmittel oder Duschgel. Andererseits werden Gegenstände, die aus Plastik bestehen, durch solche ohne ausgetauscht: die Zahnbürste durch eine Holzzahnbürste oder der Plastikschnuller durch einen Naturkautschuknuckel. Manche Produkte aber können kaum ersetzt werden, sind doch etwa im Handy, im Computer oder im Auto ebenfalls Kunststoff enthalten. „Darauf wollen wir nicht verzichten“, sagt die Mutter der 19 Monate alten Paulin. Auch weitere Elektrogeräte, Fahrradhelme aus Plastik oder ein Bobbycar sind bei Amanns zu finden. Bei diesen Dingen ist Corinnas Devise: Wenn möglich, gebraucht kaufen.
Schokolade im Glas: Mama Corinna, Tochter Paulin und Papa Clemens freuen sich über ihr neues Leben.
Komplett plastikfrei lebt die Familie aus dem Oberland also nicht. Deshalb spricht Corinna auch nicht von einer plastikfreien, sondern einer plastikfreieren Lebensweise. Es gebe nur einige wenige Menschen, die komplett ohne Plastik auskommen, erzählt sie. Diese leben autark, benützen Geräte wie Handkurbel-Waschmaschinen ohne Strom und verzichten auf Internet, Handy und Co.
Plastik in den Ozeanen
Bis zu 300 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr werden Schätzungen zufolge weltweit hergestellt. Der allergrößte Teil davon ist biologisch nicht abbaubar. 450 Jahre benötigt eine Plastikflasche, bis sie verrottet ist. Umweltschützer schlagen Alarm, weil immer mehr Plastik in den Ozeanen landet: Laut einer Studie, die vom Weltwirtschaftsforum in Auftrag gegeben wurde, jährlich acht Millionen Tonnen. Das entspricht in etwa einem Müllwagen pro Minute, der in die Meere entleert wird. Tendenz steigend. Auch in Österreich verschmutzt Kunststoff
die Gewässer, wie bei einer Studie vom Umweltministerium ermittelt wurde: Durchschnittlich 40 Tonnen pro Jahr gelangen in die Donau. Diese und andere Fakten erfuhr Corinna, als sie im Frühjahr 2015 den Film „Plastic Planet“ anschaute. Zu dieser Zeit bauten sie und ihr Mann gerade ihr Haus, und sie legten großen Wert darauf, baubiologisch bedenkenlose Produkte zu verwenden. „Da wollten wir uns nicht die Giftstoffe mit den Möbeln oder anderen Alltagsgegenständen ins Haus holen“, erzählt die Satteinserin. Dann erfuhr sie von der Familie Krautwaschl aus Graz, die seit 2009 beinahe plastikfrei lebt und in Österreich als Plastikfrei-Pionier gilt. Die Lebensweise dieser Familie faszinierte Corinna Amann, die – wie auch ihr Ehemann – mittlerweile felsenfest überzeugt war, dass Plastik für Umwelt und Gesundheit schädlich ist. Sie marschierte zu ihrem Mann ins Büro und sagte: „Wir machen einen Selbstversuch, 130 Tage lang plastikfreier zu leben. Ab morgen
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starten wir durch.“ Von dem Tag an bis zum geplanten Umzug in das neue Haus waren es genau 130 Tage, deshalb dieser Zeitrahmen.
In einer Minute gemacht
Anfangs kostete die neue Lebensweise viel Zeit: Corinna musste erst einmal herausfinden, wo in Vorarlberg sie Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände plastikfrei kaufen kann. Manche Dinge, wie zum Beispiel Haarseife, fand sie hier nicht, weshalb sie kleine Unternehmen im Internet suchte, die dies anbieten. Reinigungsmittel und einige Kosmetika hatte die junge Mutter zuvor schon selbstgemacht, doch auch hier musste sie erst weiter ausprobieren. Inzwischen ist sie sehr schnell damit. Zahnputzpulver etwa stellt sie in einer Minute her. Und da sie mittlerweile genau weiß, wo sie was bekommt, ist der neue Lebensstil nicht zeitintensiver als das Leben mit Plastik. Ist er aber teurer? Holzspielzeug etwa kostet mehr als solches aus Plastik,
Ein Blick in eine Schublade: Die Lebensmittel werden in Papier und Gläsern aufbewahrt.
Ohrenputzstäbchen aus Holz statt aus Plastik.
und auch regionale Bio-Lebensmittel schlagen mehr zu Buche als konventionelle. „Ich glaube, schlussendlich leben wir jetzt billiger“, sagt Corinna. Sehr viele Sachen kauft sie erst gar nicht, Chips, Limonade oder Fertigprodukte zum Beispiel. Reinigungsmittel und Kosmetika, die allgemein viel kosten, stellt sie selbst her. Und: „Wir gehen bewusster mit Lebensmitteln um. Was gekauft wird, wird auch gegessen.“ Das plastikfreiere Leben hat das Bewusstsein für Mülleinsparung bei Amanns generell geschärft. Produkte, die in Alufolie verpackt sind und Konserven kommen ihnen nicht mehr ins Haus. Den Bergen an Altpapier hat Corinna ebenfalls den Kampf angesagt (siehe Tipps zur Müllvermeidung unten). Aber auch in anderen Bereichen lebt das Ehepaar heute viel nachhaltiger und bewusster. So kauft Corinna nur noch fair produzierte Kleidung aus Baumwolle, die lange getragen wird und nicht nach einem Jahr im Kleiderkasten
verstaubt, und Schuhe wie Waldviertler, die man reparieren kann. HINWEIS: Mehr Infos unter Corinna Amanns Blog www.plastikfreier.com. Hier erfährt man auch, wo genau in Vorarlberg sie ihre Lebensmittel plastikfrei einkauft. Zusätzlich hat Corinna Rezepte, wie Reinigungsmittel hergestellt werden, online gestellt.
Deodorant selbstgemacht Corinna Amann stellt neben anderem auch Deo selbst her und füllt es in alte Spray-Flaschen. Das Deodorant ist schnell und einfach gemacht: 90 ml Wasser abkochen, abkühlen lassen und 1 TL Natron hineingeben. Wenn die Mischung kalt geworden ist, 10 Tropfen eines ätherischen Öles – je nach Geschmacksvorlieben – dazugeben.
TIPPS, UM MÜLL ZU VERMEIDEN Von Corinna Amann Bitte keine Werbung! Mit diesem Satz am Postkasten vermeidet man viel Müll. Außerdem wird man dadurch nicht verführt, Dinge zu kaufen, die man eigentlich gar nicht braucht. Werde zum Plastiktaschenverweigerer! Das wohl Einfachste, um Müll zu vermei den, ist, mit eigenen Taschen einkaufen zu gehen. Einfach eine Tasche im Auto oder in der Handtasche deponieren, dann ist
sie immer dabei. Aber auch in der Obstund Gemüseabteilung die Säcke vermeiden, Äpfel kann man problemlos ohne Säckchen auf die Kassa legen. Achtung vor Angeboten Bei Lebensmitteln lässt man sich oft von Aktionen und Großpackungen verführen, schlussendlich wird es aber doch nicht verwendet und landet im Müll. Also nur kaufen, was man wirklich braucht. Nicht gleich alles Ab gelaufene wegschmeißen, sondern als „Restleverwerter“ verwenden.
Regional einkaufen Öfter auf dem Markt oder beim Bauern kaufen, spart nicht nur Müll, sondern stärkt auch unsere regionale Wirtschaft. Wie wäre es, mal wieder mit einer Kanne beim Bauer Milch zu holen? Selbermachen Pizzateig, Deo, Putzmittel und noch vieles mehr sind mit einfachen Rezepten schnell gemacht. Probiere es aus, es macht Spaß und man vermeidet Unmengen an Müll.
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Mittendrin in V Franz Willi ist tierisch gut drauf. Er kümmert sich sehr um das Wohl seiner Tiere.
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BAUER, REISENDER, DENKER Franz Willi (64) aus Schoppernau ist sein ganzes Leben lang mit Leib und Seele Bauer. An seinem 50. Geburtstag beschließt er spontan, ab sofort die große, weite Welt zu entdecken.
Text und Fotos: Frank Andres
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ls kleiner Junge hat Franz Willi viele Träume. Er liebt die Bücher von Karl May und wünscht sich nichts sehnlicher, als die Welt der Indianer zu besuchen, durch die Prärie zu reiten und auf Bärensuche zu gehen. Doch daraus wird nichts. Er ist der einzige Bub in der Familie und muss den Bauernhof seines Vaters übernehmen. „Ich hatte keine andere Wahl. Unsere Familie ist seit Generationen Bauer“, erzählt der heute 64-Jährige und zieht zufrieden an seiner Tabakpfeife. Bereits als Bub hilft er seinem Vater im Stall. Er putzt das Vieh, tränkt die Kälber, mistet den Stall aus. Die Schule, ist für ihn ein Muss. Er ist froh, dass er nach Jahren die Schulbank nicht mehr drücken muss. „Ich bin ein Schaffertyp.
Wer nicht gearbeitet hat, galt als fauler Hund. So wurde ich erzogen“, betont Willi. Sein Vater ist Fuhrmann und transportiert das Holz mit dem Ross. Sechs, sieben Kühe stehen im Stall. Die Milch wird in die Sennerei gebracht. „An diesem Rhythmus hat sich bis heute nichts geändert“, erklärt der dreifache Familienvater. Daneben hat die Familie Willi noch Hennen, Geißen und Schafe. Die Mutter bewirtschaftet einen kleinen Gemüsegarten.
Selbstvermarkter
Mit erst 21 Jahren übernimmt er den Hof von seinem Vater. Er reißt den Bauernhof ab und baut am selben Platz innert zwei Jahren einen neuen. Er beginnt Schweine zu züchten. Willi vermarktet das Fleisch selbst und erzeugt noch heute Schinken, Speck, Kaminwurzen und
Bündnerfleisch. Zwei Jahrzhehnte lang verkauft er seine Waren jeden Freitag auf dem Bauernmarkt in Bregenz. „Damit habe ich aber aufgehört. Jetzt gibt es mein veredeltes Fleisch ab Hof zu kaufen.“ Franz Willi ist ein Bauer mit Leib und Seele. Er bewirtschaftet fünf Hektar Wiesen, ist jedes Frühjahr und im Frühherbst im Vorsäß Hinterhopfreben und bringt sein Vieh im Hochsommer auf die Alpe. Ein Leben im Rhythmus mit der Natur. Darauf legt Willi, der 30 Winter lang als Skilehrer im Einsatz war, besonderen Wert. Der Schoppernauer ist Zeit seines Lebens ein wacher und kritischer Geist. Der belesene Querdenker schreibt ein Theaterstück über Franz Michael Felder und engagiert sich politisch für die NEOS. Nicht alltäglich für einen Bauern >>
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Franz Willi, ein gelassener und gemütlicher Bauer, den so schnell nichts aus der Fassung bringen kann (Foto oben). Von Kindern umringt: Franz Willi war heuer im Sommer in Uganda. Erstmals hat er seine Reise auf Facebook dokumentiert.
„Ich bin ein Schaffertyp. So wurde ich erzogen.“
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aus dem Hinteren Bregenzerwald. Die große Wende aber passiert an Willis 50. Geburtstag. An diesem Tag fasst er drei Entschlüsse. Er trägt ab sofort keine Unterhemden mehr. Er kündigt seine Unfallversicherung. Und er beschließt, die Welt zu entdecken. Die ersten beiden Vorhaben setzt er sofort um, wenige Monate spätzer packt er seine Sachen und geht auf Reisen. Dieses Reisefieber lässt ihn bis heute nicht mehr los, wie er der marie im Interview erzählt.
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marie: Wie kommt ein Bauer aus Schoppernau, der zuvor noch nie länger von zu Hause weg war, auf die Idee, auf große Reise zu gehen? Franz Willi: In der Schule haben mich nur zwei Fächer interessiert: Erdkunde und Geschichte. Andere Kulturen haben mich schon immer fasziniert. Ich habe als Kind bereits viel darüber gelesen. Und jetzt wollte ich einfach diese Länder und das Leben der Menschen selbst entdecken. Und warum ausgerechnet zurest Namibia? Das war eine spontane Entscheidung. Ein Bekannter ist nach Namibia gereist, und ich habe ihn begleitet. Zehn Tage lang waren wir gemeinsam unterwegs. Die restlichen zwei Wochen habe ich alleine auf deutschsprachigen Farmen gewohnt. Außer Deutsch, welche anderen Sprachkenntnisse hatten Sie damals? Gar keine. Ich konnte fünf Wörter Englisch. Ich musste das Reisen erst richtig lernen. Die Verständigung mit Händen und Füßen funktioniert ganz gut. Hat Sie ihre Frau begleitet? Meine Frau reist nicht. Sie behauptet, ich hätte einen Vogel (lacht). Wohin sind Sie in den letzten 14 Jahre gereist? Zu Großfarmern nach Brasilien, zu Tabakbauern nach Kuba oder zu den Ureinwohnern nach Papua-Neuguinea. Ich war aber auch auf den Spuren des Vietnam-Krieges in Laos. Und wo haben Sie da übernachtet? Teilweise habe ich im Auto, mitten in der Pampa geschlafen. Hotels versuche ich zu vermeiden.
Franz Willi züchtet selber Schweine. Das Fleisch wird zu Speck, Schinken oder Kaminwurzen verarbeitet und ab Hof verkauft.
Gibt es ein Lieblingsland? Das ist Uganda. Dorthin bin ich rein zufällig gekommen. Eigentlich wollte ich von dort in den Süd-Sudan weiterreisen. Davon hat man mir aber abgeraten. Dort herrsche nur Chaos. Und da bin ich in Uganda geblieben. Was macht Uganda so besonders? Mir gefällt der urige Charakter des Landes und der Menschen. Die Leute sind dort wie wir. In Uganda werden Traditionen noch gelebt. Ich fühle mich auf derselben Ebene mit ihnen verbunden. Was ist so faszinierend am Reisen? Mich interessiert, wie in anderen Ländern die Landwirtschaft funktioniert. Touristische Ziele haben Sie nicht besucht? Doch. Ich habe die Viktoria-Fälle und riesige Elefanten-Herden gesehen. Das war schon beeindruckend. Doch heute interessiere ich mich mehr für Land und Leute. Ich will wissen, wie die Menschen dort leben, wie sie arbeiten. Inzwischen nutzen Sie auch soziale Medien wie Facebook. Wie ist es dazu gekommen? Mein Sohn hat mir ein Tablet geschenkt. Damit habe ich zum ersten Mal in diesem Sommer Fotos gemacht und auf Facebook gestellt. Welches Land möchten Sie noch besuchen? Russland reizt mich. Ich habe gehört, dass es eine Schweizer Bäuerin im Wolgabecken gibt. Die möchte ich besuchen. Kommen wir noch einmal kurz auf Ihren eigentlichen Beruf zurück. Wie beurteilt ein kleiner Bauer die Entwicklungen in der modernen Landwirtschaft?
Ich bin froh, dass der landwirtschaftliche Grund und Boden im Bregenzerwald begrenzt ist. Dadurch sind wir in unseren Wachstumsmöglichkeiten limtiert. Ich finde die weltweite Industrialiserung eine Katatstrophe. Was ist daran so schlimm? Es geht nur um schneller, größer, verrückter. Schauen Sie sich doch einmal an, wie viel Kunstdünger in der Landwirtschaft eingesetzt wird und wie Nutztiere behandelt werden. Wir industrialisieren uns zu Tode. Es kann doch nicht sein, dass eine Kuh nach durchschnittlich 2,8 Kälbern buchstäblich fertig ist. Meine älteste Kuh ist 17 Jahre alt und hat bereits 13 Kälber geboren. Und für mich ist es selbstverständlich, dass ich meine Tiere bis zu ihrem Lebensende begleite. Ich bin dabei, wenn sie im Schlachthaus getötet werden. Haben Sie auf Ihren Reisen ein Land entdeckt, in dem die Landwirtschaft noch funktioniert? In meinem Lieblingsland Uganda. Für mich ist es das Land, wo die besten Lebensmittel erzeugt werden. Dort passiert noch viel Handarbeit, die Fruchtfolgen werden eingehalten und es gibt keinen Chemieeinsatz. Danke für das Gespräch.
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Simon Gamper, geboren 1988 in Lochau, verbrachte seine Kindheit in Irland und ist leidenschaftlicher Koch. Derzeit wirkt er in der Küche von "Susis Zauberei" in Dornbirn. Simon Gamper lebt vegan und stellt unter "vegan cuisine" seine Rezepte regemäßig auf Facebook und YouTube als Videos online. Buchtipp: vegan cuisine, Simon Gamper und Marcel Bechter, Bucher Verlag Hohenems, 144 Seiten, 19,90 Euro
Sojarouladen mit Schmorgemüse Ein schmackhaftes und gesundes Herbstrezept von "Susis Zauberei"-Koch Simon Gamper.
Zutaten für 2 Personen: • 2 Soja-Sreaks • 1 Liter Gemüsebrühe • 2 EL Senf • 1/2 Karotte • 1/2 Zwiebel • 1 Essiggurke • 100 Gramm Räuchertofu • Pflanzenöl
© Marcel Bechter, Frank Andres
Zubereitung:
Soja-Steaks in 500 ml Gemüsebrühe (heiß) 10 bis 15 Minuten einweichen. Die halbe Karotte, Essiggurken, Räuchertofu und die Zwiebel in kleine Stäbchen schneiden. Für das Schmorgemüse: Zwiebeln, Karotten, Sellerie und Lauch in mundgerechte Stücke schneiden. Soja-Steaks ausdrücken und mit einer
Küchenrolle vorsichtig abtupfen. Mit Senf bestreichen, dann mit Karotten, Essiggurken, Räuchertofu und Zwiebeln befüllen, fest einrollen und mit Zahnstochern fixieren. Die Rouladen in einem beschichteten Topf auf jeder Seite anbraten, bis sie leicht braun sind, herausnehmen und auf einen Teller legen. Für das Schmorgemüse Zwiebeln und
Für Gemüsebrühe • 2 Karotten • 1 Stange Sellerie • 3 Zwiebeln • 3 Knoblauchzehen • 1/3 Lauch • 100 ml veganer Rotwein • 3 EL Tomatenmark • 4 Kartoffeln • Salz, Pfeffer • 3 Lorbeerblätter Knoblauch kurz anbraten, das restliche Gemüse hinzugeben, kurz anschwitzen, Tomatenmark zufügen und erneut anschwitzen, würzen und mit Rotwein ablöschen. Die Rouladen wieder dazugeben und mit Gemüsebrühe aufgießen, so dass zwei Drittel der Roulade in der Flüssigkeit liegen. Nun 35 Minuten alles leicht köcheln lassen.
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Mittendrin in V
Stammtischparolen schlagfertig kontern „Jetzt red i – Sicheres Argumentieren gegen rechte Sprüche“: So der Titel eines Argumentationstrainings, das am 11. November, 9 bis 17 Uhr, in der VHS Schlosserhus in Rankweil stattfindet. Dabei werden die Teilnehmenden fit gemacht, schlagfertig auf Parolen wie „Flüchtlinge nützen das Sozialsystem aus“ zu kontern. In dem Workshop geht es vor allem darum, Gesprächsstrategien zu erarbeiten.
Denn: „‚Parolendrescher‘ arbeiten oft mit ‚Themenspringen‘, schnellem Gesprächstempo, billigen Witzen, persönlichen Untergriffen, Gesprächszerstörung. Wie kann ich das erkennen und was kann ich dem entgegensetzen?“, erklärt die Referentin, Bernadette Konzett. Anhand von Rollenspielen wird dies im Workshop ausprobiert und geprobt. Bernadette Konzett, eine gebürtige Dalaaserin, die
Asylwerber haben die teuersten Smartphones.
16 / Die Kopftuchträgerinnen gehören nicht in unsere Kultur. Das sind fanatische Muslime.
Es gibt billige Smartphones, die teuer ausschauen. Manche haben ihr Smartphone auch schon mitgebracht.
Meine Oma war nicht muslimisch.
Die nützen das Sozialsystem aus.
jetzt in Wien in der Erwachsenenbildung arbeitet, hat für die marie einige typische Stammtischparolen samt passender Antwort zusammengestellt. HINWEIS: Nähere Infos zum Argumentationstraining und zur Anmeldung unter www.schlosserhus.at. Der Workshop wird im kommenden Jahr erneut angeboten: am 3. März 2017.
Wer ist gemeint? Viele dürfen gar nicht arbeiten. Die Mehrheit der „Ausländer“ zahlt aber ins Sozialsystem ein.
Diese Asylwerber sind Frauenunterdrücker und Sexualstraftäter.
Die Flüchtlinge sind Terroristen. Es sind Menschen, die vor dem Terror flüchten.
Leider haben auch wir die patriarchalen Strukturen noch nicht überwunden.
#11 / November 2016
Impressum
Wir müssen uns zuerst um unsere Armen kümmern. Um die kümmern wir uns. Wir haben ein funktionierendes Sozialsystem.
Wir können nicht alle nehmen!
Die sollen Deutsch lernen!
Die wollen sich nicht integrieren!
Das müssen wir auch nicht. Die meisten Flüchtenden bleiben in einem Nachbarstaat ihres Heimatlandes.
Es gibt leider oft zu wenig Kursplätze und Angebote.
Wir brauchen einen starken Mann!
Das Leben wäre doch langweilig, wenn es nichts Anderes oder Neues gäbe! Aber ich persönlich kenne niemanden, der sich nicht integrieren will.
Wie wär‘s mit einer starken Frau?
Für bestimmte körperliche Arbeiten sind Frauen nicht geeignet. Stimmt. Die Hausarbeit ist sehr schwer. Das können sie auf keinen Fall alleine leisten.
Grundlegende Richtung Die Straßenzeitung marie versteht sich als Sprachrohr für die Anliegen von Randgruppen unserer Gesellschaft. marie ist ein Angebot zur Selbsthilfe für Menschen an oder unter der Armutsgrenze, die ihren Lebensmittelpunkt in Vorarlberg haben. Ziel ist die Förderung des Miteinanders von Menschen am Rande der Gesellschaft und der Mehrheitsgesellschaft. Die Hälfte des Verkaufspreises von 2,50 Euro verbleibt den Verkäufern. marie ist ein parteiunabhängiges, soziales und nicht auf Gewinn ausgerichtetes Projekt. Redaktion marie – Die Vorarlberger Straßenzeitung, Am Kehlerpark 5, Top 34 6850 Dornbirn Telefon: 0677 61538640 eMail: redaktion@marie-strassenzeitung.at Internet: www.marie-strassenzeitung.at Redaktion: Elisabeth Willi (Leitung), Frank Andres MitarbeiterInnen dieser Ausgabe: Annette Raschner, Christine Mennel, Daniela Egger, Gerhard Thoma, Gernot Hämmerle, Ingrid Delacher, Patricia Begle, Patricia Erne, Robert Thoma, Simone Fürnschuß-Hofer, Simone König Zeitungsausgabe Ausgabestelle Dornbirn Kaplan Bonetti Sozialwerke Kaplan-Bonetti-Straße 1 Montag und Mittwoch 14 bis 15 Uhr und Freitag von 8 bis 9 Uhr Ausgabestelle Bregenz dowas, Quellenstraße 18 Montag und Donnerstag 8.30 bis 10.30 Uhr Ausgabestelle Bludenz do it yourself, Kasernstraße 5-7/3b Montag und Mittwoch 14 bis 16 Uhr Ausgabestelle Feldkirch Caritas-Cafe, Wohlwendstraße 1 Dienstag und Freitag 10 bis 12 Uhr Anzeigen Kontakt: anzeigen@marie-strassenzeitung.at Medieninhaber und Herausgeber Verein zur Förderung einer Straßenzeitung in Vorarlberg, ZVR-Zahl 359044778 6833 Klaus eMail: kontakt@marie-strassenzeitung.at Externe Beiräte Mag. Peter Mayerhofer, DSA Markus Hämmerle DSA Heidi Lorenzi, Dr. Claudio Tedeschi Druck: Russmedia Verlag GmbH, Schwarzach Auflage 20.000 Exemplare Erscheinungsweise monatlich Gestaltungskonzept Mario Lorenz (www.die3.eu) Layout/DTP Alexander Grass Bildbearbeitung Fitz Feingrafik Bankverbindung & Spendenkonto Raiffeisenbank im Rheintal IBAN: AT94 3742 0000 0648 3580 BIC: RVVGAT2B420 © 2016 marie. Alle Rechte vorbehalten.
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Mittendrin in V
PILOTPROJEKT ALS ORIENTIERUNGSCHANCE In Österreich sammeln seit April 38 Bleibeberechtigte während eines Freiwilligen Integrationsjahres (FIJ) Berufserfahrung. In Vorarlberg sind es derzeit zehn, aber die nächsten fünf befinden sich in der Vermittlungsphase.
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Text: Christine Mennel Foto: Frank Andres
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oll“, sagt Sohaib Hag Ahmad. „Moll“ kennt er, obwohl es Dialekt ist. Damit hat der Syrer, der seit eineinhalb Jahren in Vorarlberg lebt, noch so seine Schwierigkeiten, ansonsten spricht er bewundernswert gut Deutsch. Allerdings zuwenig für seine Pläne. Die lassen sich erst umsetzen, wenn er noch sattelfester ist. Denn Sohaib ist außerordentlicher Student an der Fachhochschule. In einem knappen Jahr möchte er fix inskribiert sein und seinen Master machen. Und dann loslegen. So richtig. Mit dem Know-How das er eigentlich hat. Sohaib ist Psychologe. Seinen Beruf kann er in Vorarlberg (noch) nicht ausüben, deshalb hat er sich gemeldet, als er vom Pilotprojekt hörte: dem Freiwilligen Integrationsjahr für Flüchtlinge mit Bleiberecht.
Not ist international
In Kooperation mit dem Vorarlberger Gemeindeverband, dem Land Vorarlberg und dem AMS bietet die Soziale Berufsorientierung Vorarlberg (SBOV) ein Freiwilliges Integrationsjahr für bleibeberechtigte Flüchtlinge im Sozialbereich an. Interes-
sierte können im sozialen Bereich von Gemeinden und sozialen Einrichtungen wie beispielsweise der Caritas, dem IfS, der Lebenshilfe oder in Pflegeheimen arbeiten. Gehalt bekommen die Bezieher der Mindestsicherung in dieser Zeit keines, erhalten aber die Möglichkeit den Beruf in der Realität abgebildet zu bekommen. „Unser Anliegen ist es Menschen auf dem Weg der beruflichen Integration zu unterstützen. Das Freiwillige Integrationsjahr dient als Orientierung und kann aufzeigen, in welchem Berufsfeld mitgebrachte Kompetenzen bereits eingesetzt werden können und was es an weiterer Qualifikation braucht, um in diesem Bereich tatsächlich arbeiten zu können“, erklärt Angelika Ott von der Beratungsstelle Existenz und Wohnen der Caritas in Feldkirch. Hier arbeitet Sohaib 16 Stunden die Woche. Als ehemaliger Klient lernt er nicht nur andere Klienten zu betreuen, indem er übersetzt und manchmal schlichtet er, wenn es bei der wöchentlichen Wohnungsbewerbung heiß hergeht. Er bekommt auch ein Gefühl für den Beruf der Sozialarbeit. „Ich war überrascht, wie das funktioniert“, sagt er. „Wie das Büro hier organisiert ist, wie man Menschen helfen kann.“ Spannend ist es für ihn die verschiedenen Kulturen zu erle-
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/ 19 Angelika Ott (Beratungsstelle Existenz und Wohnen der Caritas Feldkirch), Sohaib Hag Ahmad (absolviert ein Freiwilliges Integrationsjahr) und Michaela Mathis (Koordinatorin der Servicestelle Freiwilligenarbeit der Caritas).
ben. Denn nicht nur Flüchtlinge kommen zur Beratungsstelle. Auch Einheimische. Die allerdings mit einer deutlich höheren Hemmschwelle. „Auch die Menschen hier haben Probleme“, sagt Sohaib nachdenklich und meint damit Österreicher, die Hilfe bei der Caritas suchen.
Vorteile auf allen Seiten
Gerade jungen Menschen, die die Sprache nicht gut sprechen, denen Unterlagen fehlen, die sich orientieren möchten, bietet dieses Integrationsjahr große Chancen. Verpflichtend zu diesem sozialen Jahr ist die Teilnahme von 150 Stunden an den angebotenen Kursen. Michaela Mathis ist Koordinatorin der Servicestelle Freiwilligenarbeit bei der Caritas und begleitet die Flüchtlinge. Die Kurse beinhalten Ausflüge und Exkursionen, etwa zu anderen Arbeitsplätzen von Kollegen, genauso wie Weiterbildung in Sachen Berufsorientierung, Bewerbung, Wertevermittlung oder Erste Hilfe. Die Kombination von Freiwilligeneinsatz, Deutsch lernen und dem Sammeln von Erfahrung in der Arbeitswelt soll die soziale und berufliche Integration erleichtern. Das Integrationsjahr ist vergleichbar mit dem Freiwilligen Sozialjahr – eine
Bezahlte Anzeige
Mischung aus Ausbildungsverhältnis und Freiwilligentätigkeit. Ziel ist es, Konventionsflüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten ab 17 Jahren eine Beschäftigung und gleichzeitig die Möglichkeit zu geben, die deutsche Sprache besser zu lernen und dadurch die Integration zu verbessern. Michaela Mathis: „Ein soziales Jahr ist nie verloren.“ Zufrieden mit dem Pilotprojekt sind bisher alle. „Das Freiwilligenjahr ist ein Angebot von vielen, aber es schließt eine Lücke. Wir entwickeln uns, sammeln Erfahrungen und lernen von den Betroffenen was es zur Optimierung braucht“, meint sie. „Viele von uns haben ja einen Beruf, wissen aber nicht wie es läuft“, spricht Sohaib Hag Ahmad aus Erfahrung und ergänzt: „Das soziale Jahr ist sehr wichtig. Moll!“ KONTAKT FÜR INTERESSIERTE: Anmeldung und Information: Mag. Michaela Mathis, T: 05522/200-1041, E: michaela.mathis@caritas.at Informationen auch auf www.handinhandinvorarlberg.at der Vorarlberger Online-Plattform für alle Informationen rund um Flucht & Integration.
Mittendrin in V
Sonderthema:
Schule anders
SCHULE ANDERS
Über das Bildungssystem in Österreich wird viel diskutiert. Und darüber, was uns die Zukunft bringen könnte: Gesamtschulen, Ganztagsklassen, Inklusion, neue pädagogische Zugänge, Stundentafeln mit mehr Praxisorientierung und sozialem Lernen. Die marie hat sich im Land umgeschaut und dabei Schulen gefunden, die beherzt vorangehen. Wir finden: Das gehört dokumentiert. In einem achtseitigen Bildungsschwerpunkt.
Du wirst niemals alleine gehen Kinder, die am Rand stehen, wieder in die Mitte holen: Die Paedakoop bietet einen sicheren Hafen und verlässliche Bezugspersonen, wenn Kinder und Familien Halt brauchen. Gelungenes Modell eines geteilten Erziehungsauftrags. 20 / Text: Simone Fürnschuß-Hofer Foto: Vorarlberger Kinderdorf/ Paedakoop
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ax* ist 15 und besucht seit vier Jahren die Paedakoop Privatschule in Schlins. Während der Woche lebt er in einer der angrenzenden Wohngruppen. Souverän führt er mich durch den Häuserkomplex unterhalb der Ruine Jagdberg. Um das Wohnhaus säumen sich die Gebäude der Schule mit Unterrichtsräumen, Werkstätten und Verwaltung. In den Klassen ist es ruhig: Nur wenige Kinder sitzen an den Schreibtischen, die meisten machen sich in den Werkstätten nützlich.
Eine neue Chance
Max ist ein Gentleman. Er hält mir höflich die Tür auf, ist bemüht, mir so viele Informationen wie möglich mitzugeben. Als er mir sein Zimmer zeigt, entschuldigt er sich für die Unordnung. Kaum zu glauben, dass es für Max an der normalen Schule einfach nicht mehr ging. Als eines von aktuell 61 Kindern hat er in der Paedakoop einen Platz und damit eine neue Chance gefunden. „Oft wird
das Verhalten der Kinder auffällig, weil in der Familie etwas nicht funktioniert und die Kinder sich in der Schule – vielleicht über Jahre schon – überfordert fühlen. Wenn das in der Klasse mit Ausgrenzung beantwortet wird, kommen sie aus diesem Teufelskreis alleine nicht mehr heraus“, so Gerhard Heinritz, der gemeinsam mit Alexandra Heinzle die Paedakoop leitet.
Erfolgsquote von 80 Prozent
Durchschnittlich bleiben die sechs bis 16-jährigen Kinder 18 Schulmonate an der Paedakoop. Zugewiesen werden sie über die Kinder- und Jugendhilfe. Einige wohnen zu Hause, die anderen in den Wohngruppen. Das Ziel ist immer die Rückführung der Kinder ins Familien- und Regelschulsystem bzw. – so sie schon älter sind – in Richtung Weiterund Ausbildung. Ihren Auftrag sieht die Paedakoop in der Betreuung des ganzen Familiensystems und in der engen Zusammenarbeit zwischen Eltern, Sozialpädagogen und Lehrpersonen. Mit Erfolg: Rund 80 Prozent der Kinder – unter ihnen ehemalige
Schulverweigerer, suspendierte Jugendliche, Kinder in psychiatrischer Behandlung – gewinnen wieder Boden unter ihren Füßen und können ihre Schulabschlüsse machen.
Selbstwirksamkeit als Schlüssel
Als besonders förderlich zeigt sich die paedakoop-Werkstättenarbeit: So laden „Grünwerk“, „print“, „bike garage“, das „Cafelino“ oder das „Atelier Zebra“ die SchülerInnen ein, sich beim Gärtnern, beim Gestalten und Drucken, beim Reparieren, Kellnern und Malen auszuprobieren. „Es geht darum, sich wieder oder auch erstmals selbstwirksam zu erleben. Zu spüren, ich kann etwas. Gelingt das, ist das Schulische dann meist kein Problem mehr“, sieht die Schulleitung einen Schlüssel im praktischen Tun. Der klassische Unterricht orientiert sich an den Lehrplänen für Volks-, Mittel- und Sonderschule. Jede Klasse ist jahrgangsgemischt, besteht aus acht SchülerInnen und einem Kernteam von drei Lehrpersonen. Alexandra Heinzle setzt auf Freiraum für jedes Team in der pädagogischen Ausrichtung: „Das Wichtigste ist,
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GLOSSAR
Als besonders förderlich zeigt sich die paedakoop-Werkstättenarbeit. So lädt zum Beispiel das „Grünwerk“ zum Gärtnern ein.
„Es geht darum, zu spüren: Ich kann etwas.“
dass die Kinder ihre Lehrerinnen und Lehrer als Mensch spüren und nicht nur in ihrer beruflichen Rolle wahrnehmen. Und das gelingt nur, wenn sich diese auch selber einbringen können.“
Keine „schwierigen Kinder“
Man mag sich die Frage stellen, inwieweit die Altlasten des Jagdbergs – Drohmotiv einer ganzen Elterngeneration – noch spürbar sind. Für die heutigen Eltern sei dieses Vermächtnis vielleicht da und dort noch eine erste Hemmschwelle. Für die Kinder wurde jedoch eine völlig neue Wirklichkeit geschaffen, die in nichts an die Pädagogik dieser Zeit erinnert. Die Haltung heute spiegelt sich auch in der Sprache: Von „schwierigen“ oder „schwer erziehbaren“ Kindern ist nicht ein einziges Mal die Rede. An dieser Schule wird vielmehr hinter das Verhalten der Kinder geblickt. Die Paedakoop bezieht alle mit ein, erkennt das Kind als Teil eines Familiensystems, das mit schwierigen Rahmenbedingungen belastet ist. Außerdem scheut die Sozialinstitution den Austausch mit der Bevölkerung nicht. Im Gegenteil: Besucher im Cafelino sind
willkommen, genauso wie Aufträge für die Fahrrad-, Print- und Floristikwerkstatt. Den Weg nicht mehr alleine gehen zu müssen, das ist für Kinder wie Max eine heilsame Erfahrung. „You’ll never walk alone“, der Musicalsong von 1945, ist deshalb auch das Leitmotiv der Paedakoop: „ ... auch wenn alle deine Träume getreten werden ... geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen und du wirst niemals alleine gehen ...“. *Name von der Redaktion geändert
Paedakoop Die Paedakoop Privatschule ist eine Kooperation von Vorarlberger Kinderdorf und Werk der Frohbotschaft. Alle Kinder werden von der Kinder- und Jugendhilfe zugewiesen und finanziert. Die Einrichtung hat Standorte in Schlins, Feldkirch und Wolfurt und teilt sich in die Bereiche Privatschule, Wohngruppen und LOB (Lebensweltorientierte Betreuung). Ausführliche Informationen unter paedakoop.at
Ganztagesschule mit verschränktem Unterricht: Der Unterricht findet über die Dauer des Tages verteilt statt, abwechselnd mit Stunden ganzheitlicher und individueller Lernzeit und mit gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Klassenübergreifender Unterricht: Mehrere Klassen arbeiten gemeinsam an bestimmten Themen oder Projekten. Mehrstufen-Klassen, bzw. Jahrgangsmischung: Die Klassen bestehen aus Kindern in zwei oder mehr verschiedenen Altersgruppen. Jüngere und ältere Kinder lernen so von- und miteinander. Fächerübergreifend: Es werden verschiedene verwandte Fächer zusammen unterrichtet, etwa alle Naturwissenschaften, die miteinander in Beziehung stehen. Kooperative Lernformen: Kinder erarbeiten gemeinsam eine Aufgabe oder ein Thema. Lehrerzentrierte Lernform: Lehrer erläutern einen Themenkomplex. Clusterschule, -räume: Zwei bis drei Klassen treffen sich in gemeinsam genutzten Lernbüros zu Gruppenarbeiten oder für individuelles Lernen. Inklusion: Geht von einer untrennbaren, heterogenen Gruppe aus: Selbstverständliches Miteinander von Kindern mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Integration: Das Miteinbeziehen von Kindern mit unterschiedlichen Lehrplänen. Man geht dabei von zwei Gruppen aus: den Normalen und den Anderen, wobei sich das Normale an der Mehrheit ausrichtet. Alternative Rückmelde-Kultur: Anstatt Ziffernnoten auf einem Zeugnis werden Gespräche geführt, die differenziert Auskunft geben über den Wissensstand des Kindes. Offener Unterricht: Die Kinder arbeiten individuell an ihren Aufgaben und werden darin unterstützt. Pensenbuch: Alternativer Leistungsnachweis, bei dem in einer Art Katalog oder Portfolio Lernziele aufgeführt und entsprechende Fortschritte dokumentiert werden.
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Sonderthema:
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Schule anders
BUNT UND LEBENDIG Im Montessori-Zweig der VS Augasse Bregenz startete vor vier Jahren eine der ersten Ganztagesklassen mit verschränktem Unterricht in Vorarlberg.
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Als die Initiatorin und Klassenlehrerin Martina Schnabl den Eltern der Feuerklasse und dem neuen Direktor Hans Peter Sonnbichler 2013 ein Konzept für eine Ganztagesklasse vorstellte, waren erstmals alle Beteiligten einverstanden, den Versuch zu wagen. Von 8 bis 16 Uhr sind die Kinder im Klassenverband, essen gemeinsam zu Mittag und sind abwechselnd beschäftigt mit Lernen oder Spielen, gemeinsamen Projekten, Exkursionen oder Klassenrat. Der Montessori-Zweig dieser Schule hat
Foto: Martina Schnabel
eine lange Tradition, auch hier war die Augasse eine der ersten, die im öffentlichen Bereich neue Wege einschlug und in einigen Klassen offenen Unterricht, Inklusion, alternative Beurteilungsmethoden und jahrgangsgemischte Klassen einführte. So war der Schritt zur Ganztagesklasse, wie sie von der Landesregierung landesweit angestrebt wird, ein relativ kurzer. Im verschränkten Unterricht lassen sich die Einheiten an der Schule kindgerecht gestalten, Rückzugs-
So sieht gemeinsames, entspanntes Lernen aus.
möglichkeiten und ein neuer, naturnah gestalteter Schulhof bieten den Bedürfnissen der Kinder Bewegungs-, Ruheund Arbeitsplätze. Und weil die Augasse zu einer der Brennpunktschulen zählt, finden hier auch eher benachteiligte Kinder einen Tagesablauf, in dem sie in ihren Interessen gefördert werden. So kommen Musiklehrer an die Schule, Capoeira-Unterricht, Zirkusprojekte, Theaterprojekte und ähnliche Angebote machen den Schulalltag bunt und lebendig.
LERNORT DER VIELFALT In der Volksschule Kirchdorf Lustenau sind alle willkommen und vieles darf dort ausprobiert werden: Unter anderem ein jahrgangsgemischter Zweig, offene Unterrichtsformen und ganz viel Theater. Kinder mit Lernschwierigkeiten und Beeinträchtigungen finden hier ihren Platz genauso wie jene, die keine haben. Denn allen ist gemein: Jeder ist sowieso anders. Seit 2012 beherbergt die Volksschule Kirchdorf Lustenau ein reformpädagogisches Angebot mit Fokus Inklusion. Unterrichtet wird hier jahrgangsgemischt, die Klassenzimmer verströmen Wohnzimmer-Atmosphäre, statt Noten gibt es Semestergespräche. Im öffentlichen
Foto: Hannes Hämmerle
Bereich mit solch einem alternativen Bildungsangebot Fuß zu fassen ist nicht selbstverständlich. In diesem Falle war es eine Elterninitiative, die trotz Widerständen schlussendlich einen Zündfunken mit großer Wirkung setzen konnte. Aktuell haben sich sieben Klassen dem reformpädagogischen Zweig angeschlossen und seit 2015 gibt es außerdem eine Theaterklasse, die jedes Jahr ein Schwerpunktthema erarbeitet um so ganzheitlich und
Kreativität und Sozialkompetenz werden gezielt gefördert.
gezielt Kreativität und Sozialkompetenz zu fördern. Dabei werden auch Experten von außen in die Schule geholt, die zusammen mit den Kindern am Stück arbeiten. Direktor Christoph Wund setzt auf Unterschiedlichkeit als Chance: „Egal ob Montessori, Theater oder offene Unterrichtsstile, egal ob jahrgangsgemischt oder altersgleich, das hohe Engagement des gesamten Lehrkörpers macht unsere Schule zu einem Ort der Vielfalt.“
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HERRN KAHLS GESPÜR FÜR SCHULE Seine Filme sind wahre Kaleidoskope alternativer Bildung und zeigen, wie Lernen zum großen Projekt des eigenen Lebens wird: Reinhard Kahl (68) und das Gespür für Schule, die mehr kann als Wissen zu vermitteln. Interview: Simone Fürnschuß-Hofer, Foto: David Ausserhofer
Erziehungswissenschaftler, Filmemacher und Netzwerker Reinhard Kahl beschäftigt sich mit der Lust am Denken und Lernen, setzt sich auseinander mit „der Zumutung belehrt zu werden“ sowie den „endlosen Dramen des Erwachsenwerdens“. Er zeigt, was möglich wäre. Über sein Netzwerk „Archiv der Zukunft“ hat er inzwischen alles, was im Bereich innovativer Bildungskultur Rang und Namen hat, zusammen und in Wirkung gebracht. Die marie hat sich zum Gespräch mit ihm getroffen. marie: Lieber Herr Kahl – mit Blick auf das Bildungssystem heute: Wo liegt das Problem? Reinhard Kahl: Die meisten Schüler haben nur ein Hauptfach: „Durchkommen“. Sie – und übrigens auch ihre Lehrer – sind damit beschäftigt, den Stoff irgendwie zu bewältigen, um ihn dann häufig gleich wieder zu vergessen. „Bulimielernen“ nenne ich das. So wird Leben zum Überleben. Ich frage, was lernen Kinder und Jugendliche und wie werden sie dabei? Nach der Schule wissen die meisten nicht, was sie wollen, schließen ihren Bildungsweg erleichtert mit Saufgelagen ab und gehen möglichst erstmal auf Weltreise. Und der Ausweg aus dem Dilemma? Bloß pädagogische Reformen reichen nicht mehr. Gute Schulen brauchen Gesellschaft. Menschen, die sie unterstützen, die mitmachen, die sich Schulen als einen guten, vielfältigen Ort vorstellen, in der Kinder und Jugendliche interessante Erwachsene kennenlernen. Schulen brauchen Gesellschaft, die sie also der bürokratischen Starre entreißt. Das große Ziel ist, Schulen in Kathedralen unserer Gesellschaft zu verwandeln. Orte, an denen die Gesellschaft zeigt, was ihr wertvoll ist, woran sie glaubt. Gesellschaft, das ist ganz konkret die Umgebung. Die Schule zu Kathedralen des Lernens machen, das heißt? Es geht um Alltagswerte und Umgangsformen und nicht um die großen Worte. Im Alltag Schönheit schaffen. Schönheit ist ein Wahrheitsbeweis und auch eine Übung. So wie mit einem schöneren Schreibstil das Denken verbessert werden kann, können auch Umgangsformen das Leben verändern. Damit kann jeder sofort anfangen. Welche Haltung zeichnen gute Schulen aus? Lehrer sehen in der Verschiedenheit der Kinder einen Vorteil und keinen Nachteil. Sie behandeln sie nicht gleich,
aber als gleichwürdig und gleichwertig. Sie wissen, jahrelang nur zu sitzen ist keine artgerechte Haltung. Lehrer an diesen Schulen verlangen von ihren Schülern nichts, das sie nicht vertreten können. Sie sagen nicht, das müssen wir halt machen, wenn sie davon nicht überzeugt sind. Sie verhalten sich nicht wie Untermieter in der Welt. So werden sie ein Vorbild. Sie geben ihren Schülern den Spielraum, die Dinge auf ihre Weise zu machen. Vor allem: Lernen wird als eine Tätigkeit verstanden, nicht passiv als Aufnahmemodus. Lernen ist eine Tätigkeit, bei der jeder seine Erfahrungen macht. Das ist alles gar nicht so neu, darüber schrieb Schriftsteller Francois Rabelais bereits vor 500 Jahren: „Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Fackeln entzündet werden.“ So wird Lernen zum großen Projekt des eigenen Lebens. Was könnten Sie Schulleitern, die etwas verändern wollen, mit auf den Weg geben? Ich verwende gerne das Bild des Seiltänzers: Er macht kleine Schritte und richtet seinen Blick zum Horizont. Wer nur auf seine Füße starrt, stürzt ab. Wer nur den Blick gen Horizont richtet, wird zum dogmatischen Utopisten. Eine gute Praxis ist die Kombination von weitem Blick und kleinen Schritten. Also nichts gegen kleine Schritte. Aber ohne den Blick zum Horizont schrumpft die Welt und wir verlieren unsere Freiheit. Herzlichen Dank für das Gespräch. FILMTIPPS: „Treibhäuser der Zukunft“, „Individualisierung – Das Geheimnis guter Schulen“ von Reinhard Kahl
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Sonderthema:
Schule anders
Pia Neyer-Hollenstein, 17, wohnhaft in Bludenz, wechselte nach der zweiten Klasse Volksschule in eine Montessori-Schule, weitere vier Jahre hat sie an der Unesco-Schule in Bürs (Foto rechts) verbracht.
LIEBLINGSFACH FREIARBEIT Wie es sich anfühlt, wenn Schule weniger von Schularbeiten und Notendruck geprägt ist als vielmehr von Freiarbeit und Pensenbüchern, erklärt uns die ehemalige Schülerin der Unesco-Mittelschule in Bürs, Pia Neyer-Hollenstein.
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Aufgezeichnet von: Simone Fünschuß-Hofer Fotos: Frank Andres, Unesco Mittelschule Bürs
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achdem ich bereits in der Volksschule durch den MontessoriUnterricht freies Lernen gewohnt war, war für mich schnell klar, dass ich in die Unesco-Mittelschule in Bürs gehe. An einem Thema einen ganzen Vormittag frei arbeiten zu können, hat mir schon in der Volksschule gut gefallen. Es hat mich selbstständiger gemacht, organisierter. Und auch selbstbewusster und reifer. Ich habe früh gelernt, mir die Zeiten gut einzuteilen. Auch in der Mittelschule in Bürs haben wir viel Freiarbeitszeit gehabt, Schularbeiten durften immer wiederholt werden, um sich zu verbessern. Es ging ja nicht um die Noten, sondern ums Verstehen. In den ersten zwei Jahren gab es auch ein Pensenbuch statt einem Zeugnis. Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern war richtig gut und wir hatten eine super Klassengemeinschaft. Jeden Tag gab es soziale Lerneinheiten, regelmäßig
einen Klassenrat und dann natürlich die vielen Projektwochen, Workshops und gemeinsamen Reisen – bis nach England. Mein Berufswunsch hat sich inzwischen gefestigt: Auch wenn ich gerade eine wirtschaftlich ausgerichtete Schule (Anm. der
Unesco Mittelschule Bürs
Heute sind es Ziele wie Inklusion (20 von 186 Kinder haben an der Unesco-Schule in Bürs Inklusionsstatus), Gender-Gerechtigkeit, alternative Beurteilung und individualisierter Unterricht, die an Unesco-Schulen einer neuen pädagogischen Grundhaltung Ausdruck geben: weg vom lehrerzentrierten hin zum schülerzentrierten Unterricht. Bernhard Neyer, Direktor der Unesco-Mittelschule Bürs: „Es geht um ein neues Menschenbild, bei dem die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund stehen. Es geht um Friedenserziehung, Demokratieverständnis, Vernetzung zum Schutz
Red.: HLW Feldkirch) besuche, haben mir die Praktika gezeigt, dass mein Herz an sozialen Themen hängt. Es wird also eher in Richtung Pädagogik oder Sozialarbeit gehen.“
des Unesco-Weltkulturerbes und globale Themen, interkulturellen Dialog. Das kann nur durch einen projekt- und handlungsorientierten Unterricht gelingen. Mit Lehrern, die in guter Beziehung zu den Kindern stehen und im Sinne des englischen „educaters“ Pädagogen und Erzieher gleichzeitig sind.“ Als Schlüsselqualifikationen für seine Schülerinnen und Schüler sieht Neyer Selbstständigkeit, Problemlösungs- und Präsentationskompetenz. So werden die Kinder stark gemacht für ihren weiteren Weg. Dass dabei die Fachkompetenz nicht zu kurz kommt zeigen alljährlich über dem Durchschnitt liegende Testergebnisse.
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Freies Lernen für Fortgeschrittene In Vorarlberg gehen zahlreiche Kinder nicht zur Schule, lernen zu Hause und legen ihre Prüfungen als externe Prüflinge in einer Schule ihrer Wahl ab. Jacqueline Eiler geht mit ihrer Tochter Ciara (9) diesen Weg. Text und Foto: Daniela Egger
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n Österreich ist es die Unterrichtspflicht, in Deutschland die Schulpflicht, die dafür sorgt, dass jedes Kind in den Genuss der Bildung kommt. Das ist ein wesentlicher Unterschied und Grund für einige deutsche Familien, nach Österreich zu ziehen. Hier ist es möglich, die Kinder außerhalb des Schulsystems zu unterrichten. Sie lernen in größtmöglicher Freiheit und selbstbestimmt zu Hause, manche in Gruppen, andere alleine. Die einen in Hausunterricht, die anderen vollkommen frei. Nachdem auch der Besuch einer privaten, freien Schule für die Familie Eiler enttäuschend war, beschloss die junge Mutter, ihre neunjährige Tochter Ciara zu Hause zu lassen, bevor sie die Freude am Lernen ganz zu verlieren drohte. Seit April dieses Jahres ist das Mädchen zu Hause und hat bis vor kurzem vorwiegend gespielt. Nach Arno Stern, dem wohl berühmtesten Verfechter der Frei-Lernkultur, lernen Kinder durch das Spiel und das unbeeinflusste Tun. Kinder haben einen natürlichen Wissensdrang, dem sie folgen. Alles was sie dazu brauchen sind Erwachsene, die ihnen die notwendigen Türen öffnen und sie dabei unterstützen. Arno Stern hat seine beiden jetzt erwachsenen Kinder nie zur Schule geschickt und sein Sohn André hat vor einigen Jahren ein Buch darüber geschrieben. Heute hält er auf der ganzen Welt Vorträge. Musik, Tanzen, Bewegung, Malen und andere kreative Tätigkeiten sind ein wesentlicher Bestandteil der natürlichen Entwicklung und sollten mehr Gewicht haben, sagt Arno Stern und mit ihm viele
Ciaras Arbeitsplatz ist überall.
Neurowissenschaftler und Entwicklungspsychologen. Literatur darüber gibt es inzwischen meterweise. Ciara geht jedenfalls gerne in den Gitarrenunterricht, zum Tanzen, zum Kung Fu und in den Malort (nach Arno Stern). Ihre Mutter Jacqueline lässt sie ansonsten vorerst völlig frei, weil sie sieht, dass ihre Tochter zuerst wieder ein entspanntes Verhältnis zum Lernen entwickeln muss. Seit einigen Wochen erkennt sie ein wachsendes Interesse des Kindes, sich mit Recherchen zu bestimmten Themen im Internet zu beschäftigen oder eigene Projekte anzudenken. „Mir ist es wichtig, dass meine Tochter sich selbst treu bleibt, und dass ich im Vertrauen bleibe. Sie wird ihren Weg gehen, welchen Abschluss sie machen wird, ist dabei nebensächlich. Sie soll freier und selbstbestimmter aufwachsen, als ich das konnte,“ sagt Jacqueline, die sich natürlich einigen kritischen Fragen aus ihrem Umfeld stellen muss. „Ja, es wäre einfa-
cher, wenn mehr Kinder so leben würden wie Ciara,“ meint sie dazu, „dann müssten wir nicht alleine gegen den Strom schwimmen. Wir treffen uns regelmäßig mit den anderen freilernenden Familien und tauschen uns aus. Wir sind ja nicht alleine, nur im unmittelbaren Umfeld haben wir halt niemanden.“ Ciaras Schulaustritt fiel in eine Zeit des Umdenkens für die kleine Patchwork-Familie, Jacqueline hat mit ihrem neuen Lebensgefährten noch ein Baby bekommen, und sie begannen gemeinsam eine neue Selbstständigkeit, die ihnen mehr Zeit für die Kinder ermöglicht. Das Freiheitsbedürfnis beschäftigt sie alle, und sie treten gerade den Beweis an, dass es möglich ist, auch anders zu leben. Sie ernähren sich weitgehend vegan, versuchen gesund und natürlich zu leben und in der etwas kleinen Wohnung ein harmonisches Miteinander umzusetzen. Eine befreundete Familie ist soeben mit ihren acht Kindern für zwei Monate nach Griechenland verreist, auch sie sind seit vielen Jahren Freilerner und sehr erfahren im Umgang mit Schulbehörden, Prüfungen in den Pflichtschulen und dem natürlichen Lernen an sich. Das gibt Jacqueline und ihrer Familie die Gewissheit, dass sie nicht einer Utopie nachhängen. Zahlreiche Kinder vor Ciara sind auf diese unkonventionelle Art ins Leben gestartet, die meisten von ihnen legen ihre Externisten-Prüfungen erfolgreich ab und lernen in ihrem eigenen Tempo und nach ihren Interessen. Und was sagt sie selbst zu ihren neuen Leben? „Die meisten Kinder haben nie Zeit, die sind immer eingeteilt. Das ist schade, und ich würde nicht zurück wollen. Mir gefällt es so.“
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Sonderthema:
Schule anders
ZWISCHEN VERGNÜGEN UND QUAL Die marie hat Vorarlbergerinnen und Vorarlberger gefragt, wie sie ihre Schulzeit in Erinnerung haben.
Sophia Raos, 24, Psychologiestudentin, Dornbirn
DIE FRAGEN 26 /
(1) Wie war deine Schulzeit? (2) Was hätte anders sein sollen?
Susanne Marosch, 42, Obfrau Verein „Geben für Leben“, Hard (1) Allgemein kam ich mir ein wenig eingesperrt vor, da ich viele Interessen und Ziele hatte, aber keines davon selbstbestimmt ausleben konnte. (2) Mehr Rücksicht auf Stärken und Talente - was ich als wichtigen Grundstein für eine glückliche Zukunft der Kinder erachte.
Fatmir Zuberi, 48, Tanzschulleiter „MOVE4STYLE“, Hohenems (1) Ich kam erst mit sechs Jahren nach Österreich, wurde ohne Kindergarten direkt eingeschult. Mein Glück: Bei der Familie eines Schulfreundes lernte ich jeden Nachmittag Deutsch und bekam Nachhilfe im Lesen und Schreiben. (2) Noch mehr Fokus auf Integration!
(1) Als melodramatische 16-Jährige hätte ich gesagt, total auslaugend und zermürbend. Heute sage ich: schöne Jahre. (2) Im Schulsport: Individuelle Gruppeneinteilung nach Können und Talenten! Wenn jeder Ball vorzugsweise in deinem Gesicht landet, kann das traumatisch sein.
Jürgen Lintschinger, 50, selbständiger dipl. Coach, Bregenz
Philipp Schmid, 32, selbständiger Händler „Flugobst“, Feldkirch (1) Meine Schulzeit war sehr schön. Lernen war zwar nicht so mein Ding, aber zum Glück hatte ich im Großen und Ganzen schulisch kein Probleme. (2) Mehr Praxisbezug statt so viel Theorie. Meiner Meinung nach sollten die Kinder ihren Fähigkeiten nach unterrichtet werden.
Rebecca Gaspers, 33, Model und Mama, Lochau
(1) Im Generellen: Unproblematisch und toll! Ich hatte gute Lehrer, zu vielen hatte ich einen persönlichen Draht.
(1) Ich bin immer gerne zur Schule gegangen, obwohl ich die strengsten Lehrer hatte. Aber das hat mir nicht geschadet.
(2) Die Individualität des Einzelnen und das Thema Sozialisierung (zum Beispiel Verhalten, Umgang mit anderen, Sinn und Werte) hätten mehr gefördert werden sollen.
(2) Dass man mehr auf die Stärken der Kinder eingeht, diese auch fördert und man mehrere Fremdsprachen anbietet, was enorm wichtig für die Zukunft ist.
Christian Holzknecht, 48, selbständiger Fotograf, Hohenems (1) Ich mochte meine Schulkollegen, aber die Art zu lernen war für mich nichts. (2) Dass Schule mehr Talenterkennungs- und Förderungseinrichtung ist, die den Kids nur eine Sache vermittelt: Jeder Mensch ist einzigartig und toll - genau in der Form, wie er oder sie schon ist.
Judith Riemer, 36, Bloggerin und Autorin, Möggers (1) Im Gymnasium haben mir oft die Menschlichkeit und das Verständnis für die jugendliche Sturm- und Drangphase seitens der Lehrer gefehlt. (2) Definitiv mehr Sportunterricht, also mehr Freude an der Bewegung statt Leistungsdruck. Wieso nicht mal Yoga statt Zirkeltraining?
#11 / November 2016
Emanuel Mathis, 30, IT-Berater, Dornbirn
Renate Erne, 62, Pensionistin, Bregenz
(1) Ich bin zufrieden. Man muss sich früh entscheiden, was man später machen möchte. Ich wusste seit der Hauptschule, dass ich im IT Bereich tätig sein möchte.
(1) Einfach schön – mit der Betonung auf „einfach“. Man ging hin, hatte wenig Fächer und konnte sich nach der Schule in Ruhe der Freizeit widmen.
(2) Es sollte mehr Wert auf praktische Erfahrung gelegt werden anstatt auf akademisches Auswendiglernen.
(2) Mehr männliche Lehrpersonen! Zu meiner Zeit unterrichteten fast nur Frauen. Ein ausgewogener Mix hätte gut getan.
Antina Meyer, 21, Jura-Studentin , Lochau (1) Im Vergleich zur Studienzeit sehr behütet und familiär. (2) In der HLW wird man auf „das Leben“ gut vorbereitet. Trotzdem erfolgte der Unterricht meist zu theoretisch und banale Dinge wie „Zahlscheinausfüllen“ können selbst nach der Matura ein kleines Problem darstellen.
Doris Meusburger, 48, Sekretärin und Bäuerin, Egg (1) Meine Schulzeit war schön und un– spektakulär. Wir haben in der vierten klasse Hauptschule wilde Partys gefeiert. (2) Offensichtlich unfähige Lehrer sollten nicht auf Schüler losgelassen werden, und es sollte die Möglichkeit geben, sie zu kündigen. .
Thomas Lässer, 40, Jurist, Schwarzach (1) Eine Qual! Ich erinnere mich, wie ich einmal auf die Uhr blickte: 10.30 Uhr. Ich wusste nicht, wie ich die 10 Minuten bis zur Pause schaffen sollte. (2) Ich war im humanistischen Zweig, in zwei Fächern waren wir nur zu fünft. So sollte Schule sein!
Elke Schmid, 42, Werklehrerin, Frastanz (1) Meine Schulzeit war nicht besonders aufregend. Ich war eine angepasste Schülerin und bin mit allen gut ausgekommen. (2) Ich hätte mir ein erlebnisreicheres Lernen und mehr Gemeinschaftsaktionen gewünscht. Vielleicht auch ein Fach über Lernmethoden.
Norbert Johler, 55, DTP-Spezialist, Alberschwende (1) Meine Schulzeit war okay. (2) Mit Mathematik hatte ich meine Mühe. Bei einigen Lehrpersonen hätte ich mir mehr Geduld und Objektivität gewünscht.
Maria Ganahl, 50, Bürokauffrau, Blons (1) Ich bin immer gerne zur Schule gegangen. Ich war sehr wissbegierig. Auf einem abgelegenen Bauernhof aufgewachsen, war die Schule Abenteuer und Abwechslung. (2) Ich musste nach Thüringen zur Schule und deshalb täglich vor sechs Uhr aufstehen.
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Emma Müller, 42, Mutter und ehemalige Assistentin der GF, Bartholomäberg
Sabine Grohs, 48, Schreiberin, Bludenz
(1) Meine Schulzeit war lehrreich, natürlich und verspielt. Meine Lehrer erkundeten mit uns Schülern unser Dorf, die Region, Vorarlberg und Österreich.
(1) Super. Ich habe mir leichtgetan, hatte nette Lehrer und gute Freunde. Unsere Eltern ließen uns freien Lauf – „solange die Noten stimmen“, durften wir sogar schwänzen.
(2) Das Notensystem. Jemanden objektiv benoten bzw. beurteilen ist nicht möglich.
(2) In der Früh im Dunkeln durch den Tiefschnee stapfen: meine Horror-Erinnerungen.
Doris Hager-Hämmerle, 46, Geschäftsführerin, Hittisau (1) Meine Schulzeit in Lustenau (VS) und Dornbirn (AHS) war spannend. Ich war neugierig, wollte immer alles wissen. (2) Bis heute verstehe ich nicht, dass es LehrerInnen gab und gibt, die keine Kinder mögen. Jetzt ist das Leben lebenslanges Lernen – aus reiner Neugier.
Rainer Roppele, 53, Intendant, Schwarzach (1) Unterschiedlich! Volksschule: brav, angepasst, geborgen. Unterstufe: der reinste Horrortrip. Bubenklasse, prügelnde Nazi-Lehrer, Gewalt! Oberstufe: Spaß und Abenteuer. (2) ALLES! Das wirklich Wichtige habe ich woanders gelernt: Menschlichkeit und Liebe, Sinn!
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Er stellt die Welt auf den Kopf 28 /
Jeder Straßenzeitungsverkäufer hat viel zu erzählen. Aber die Geschichte von Stefan Nan, der den „Big Issue North“ in Manchester verkauft, ist etwas ganz Besonderes. Man könnte sie kaum glauben, hätte der 55-Jährige nicht ausführliche Tagebücher verfasst. Drei Jahre lang blieb Nan stumm und ging zu Fuß von Rumänien bis nach Ägypten. Vor zwei Jahren erreichte er den Norden Englands, wo er jetzt Zeitungen verkauft. Nan macht für uns eine Pause von seinem Lieblingshobby – auf dem Kopf zu stehen – und erzählt aus seinem Leben. Text: Christian Lisseman Fotos: Jason Lock, Big Issue North
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s ist ein sonniger, aber kalter Nachmittag in der Market Street im britischen Manchester. Mitten in der belebten Einkaufsstraße, im Gewühl der Passanten, Zeitungsverkäufer, Straßenmusikanten und Anbieter von Fußballschals balanciert ein Mann im Kopfstand, die Beine kerzengerade in die Höhe gestreckt. Er hält seine Position, regungslos, während die Einkaufslustigen an ihm vorbeiströmen, ab und zu wirft jemand eine Münze in die kleine Schale, die vor ihm auf dem Pflaster steht. Dieser Mann ist Stefan Nan, Straßenkünstler, Big-Issue-North-Verkäufer, Reisender, ehemaliger Klosterbruder, Athlet, Yoga-Master, Ernährungsexperte und Heilmasseur. Langsam lässt er sich
auf den Boden zurücksinken und bleibt einen Augenblick liegen, damit das Blut wieder in den ganzen Körper fließen kann. Dann springt er auf, lockert die verspannten Schultern und klaubt die Münzen aus seiner Schale. Während er seinen Kopfstand machte, hatte ein Jugendlicher im Vorbeigehen eine Handvoll Kleingeld aus seinem Schälchen genommen und war einfach weitergegangen. Ohne ein Wort. Warum ist er dem Dieb nicht nachgelaufen? Hat er sich nicht geärgert? „Ach nein“, lächelt er. „Ich habe Geld, dafür bin ich Gott dankbar. Wir alle brauchen Geld, und wenn er es nötig hatte, dann ist das schon in Ordnung.“ Diese großzügige Antwort ist typisch für ihn – eine Haltung, die ihn durch sein bewegtes und faszinierendes Leben begleitet hat. Jeder Big-Issue-North-Verkäufer hat eine einzigartige Geschichte.
#11 / November 2016
Stefan Nan ist nicht zu übersehen. Er balanciert mitten in der Fußgängerzone in Manchester im Kopfstand.
„Dreieinhalb Jahre lang sagte ich kein Wort.“ Aber wenn Nan aus seinem Leben erzählt, bekommt man eine ziemlich außergewöhnliche Geschichte zu hören. Der 55-Jährige hat schon so viel erlebt, dass wir dafür wohl zwei Leben brauchen würden.
Schweigemarsch
Zu den Höhepunkten gehört sein Versuch, von Rumänien nach Jerusalem zu marschieren. Nan packte alle seine Habseligkeiten in einen Handkarren und machte sich am 4. November 2001 von seiner Heimatstadt Constanta an der rumänischen Küste auf den Weg zu seinem 3000 Kilometer weit entfernten Ziel. Mit 234 Dollar in der Tasche war er fast neun Monate lang zu Fuß unterwegs. Es war eine Pilgerreise, eine Gelegenheit zur Selbstreflexion, die er schweigend unternahm. „Dreieinhalb Jahre lang sagte ich kein Wort“, erzählt er und beschreibt, wie er mit den Menschen, denen er unterwegs begegnete, in einer einfachen Zeichensprache und über schriftliche Mitteilungen kommunizierte. Als der Winter anbrach, wurde das Unterwegssein noch beschwerlicher. „Ich wanderte zwar von Rumänien in Richtung Süden, aber in den Bergen war es eiskalt und jeden Tag schneite es.“ Unterwegs übernachtete er im Zelt. Er überquerte die Grenze zur Türkei und schaffte den langen Weg zur syrischen Grenze, wo es jedoch Probleme mit sei-
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International
nem Visum gab. Zweimal musste er seinen Handkarren zurücklassen und mit dem Bus zurück nach Ankara fahren, um bei der rumänischen Botschaft vorzusprechen. Beim zweiten Mal war er zudem gezwungen, einen Monat lang dort auf einer Baustelle zu arbeiten, weil ihm inzwischen das Geld ausgegangen war. Nachdem er 500 Kilomter entlang der türkisch-syrischen Grenze marschiert war, musste er auf der anderen Seite die gleiche Strecke zurückgehen, bevor er durch Syrien und dann nach Jordanien weiterreisen durfte. Als er endlich die israelische Grenze erreicht hatte, nur einige Kilometer von Jerusalem entfernt, hielt man ihn jedoch erneut auf. Der Konflikt zwischen Jordanien und Israel machte es unmöglich, das Ziel seiner Reise zu erreichen. Also änderte Nan seine Route und ging stattdessen weiter nach Ägypten. Die Sinai-Halbinsel durchquerte er zu Fuß. „Wenn ich erschöpft war, legte ich mich hin“, sagt er über seinen Marsch durch die Wüste. „Ich schlief in kei-
nem Hotel. Keinem Drei-, Vier- oder Fünf-Sterne-Hotel. Ich übernachtete in der Herberge ‚Unter Tausend Sternen‘.“
Aus der Traum
Schließlich erreichte er Kairo. „Ich besichtigte die Pyramiden, Alexandria, das Tal der Könige, Luxor und den Assuan-Staudamm. Ich ging zur rumänischen Botschaft in Kairo und sie wollten mir dabei helfen, nach Jerusalem zu gelangen, aber das ging nicht, weil die Frau in der israelischen Botschaft in Kairo ein Dokument verfasst hatte, in dem stand, dass ich nicht dorthin reisen durfte. Aus der Traum.“ All das wäre kaum zu glauben, würde er nicht den Beweis für seine abenteuerliche Geschichte mit sich tragen. Da sind seine wälzerdicken Reisetagebücher, die Texte meist in Rumänisch, gelegentlich unterbrochen durch Botschaften von Menschen, die er unterwegs angetroffen hatte. Sie sind auf Arabisch, Englisch und sogar Aramäisch verfasst. Ein Eintrag lautet: „Ich bin ein ägyptischer Arzt, willkommen in Ägyp-
„Wenn ich erschöpft war, legte ich mich hin.“
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ten, Herr Stefan, Sie sind ein wunderbarer Mensch. Sie haben die lange und beschwerliche Fußreise durch viele Länder durchgestanden. Möge Gott Ihnen beistehen. Dr. Samir.“ Und dann sind da die Zeitungsausschnitte. Einer ist vom Mai 2001 und zeigt, wie sich ein jung aussehender Nan auf seine Reise nach Jerusalem vorbereitet, indem er in eisernen Schuhen, von denen jeder 5,5 Kilo wiegt, trainiert. Im September 2001 trägt er einen schicken Anzug, ein stoppliger Bart ist zu erkennen. Und da ist sein Handwagen, in dem sich seine Habseligkeiten stapeln: ein Handtuch, ein Wasserkanister aus Plastik, ein zusammengerolltes Zelt, sein Schlafsack, zuoberst sein Tagebuch, alles mit einigen dünnen Seilen verschnürt. Hier steht er vor einer Sphinx in Ägypten, sein Bart ist noch länger geworden und unter dem Arm trägt er sein Tagebuch. Ein weißes Tuch schützt seinen Kopf vor der Sonne. Neun Monate und 5000 zurückgelegte Kilometer nach seiner Abreise aus Constanta flog Nan nach Rumänien zurück. Dort trat er in ein Kloster ein und zwei Jahre später konnte er endlich die langersehnte Reise nach Jerusalem machen. Diesmal per Flugzeug. In einem
Der gebürtige Rumäne Stefan Nan ist seit 2014 Verkäufer der Straßenzeitung „Big Issue North“ in Manchester.
#11 / November 2016
Stefan Nan praktiziert eine besondere Form von Dehnungsübung.
Zeitungsausschnitt von 2003 sitzt Nan in den schwarzen Gewändern und der Skufia der Ordensbruderschaft in einer Kirche in Jerusalem und hält einen zeremoniellen Stab in der Hand. „Es war wunderbar“, erzählt er, als er sich erinnert, wie es sich anfühlte, endlich an dem Ort zu sein, den er so lange und angestrengt zu erreichen versucht hatte. „Atemberaubend“.
„Ich liebe es Neues, zu lernen“
Und wie kam es denn, dass er Verkäufer von Big Issue North wurde? 2014 kam Nan nach Großbritannien. „Ich bin nicht hierhergekommen, weil ich Sozialleistungen vom britischen Staat wollte. Ich kam, um zu arbeiten und um Geld zu verdienen. Ich wollte ein anständiges Leben. Ich liebe es, Neues zu lernen. Mein tatsächliches Alter ist zwar 54, aber im Herzen bin ich jung, habe den Körper eines Teenagers und einen offenen Geist.“ Er zählt britische Persönlichkeiten auf, die er bewundert: „Shakespeare, Lord Byron und Samuel Richardson [ein Maler und Schriftsteller aus dem 18. Jahrhundert]“ - und versichert, dass er die Queen und die Königsfamilie sehr
respektiere. Wie viele andere auch begann Nan Big Issue North zu verkaufen, um Geld zu verdienen. Danach arbeitete er in einer Recyclinganlage, verteilte Prospekte und wusch Autos. Dann begann er, seine Yoga-Künste in Manchesters Straßen vorzuführen. Gesundheit und Fitness sind ein wichtiger Teil von Nans Leben. „Mit 35 wurde mir klar, dass ich sterben würde, wenn ich mich nicht änderte. Ich war dick - und ich hatte viele Probleme.“ Heute sind Nans Bemühungen, fit zu bleiben, ein Teil seines Glaubens. „Mein Körper ist ein Tempel und ich darf ihm keinen Schaden zufügen. Mein Körper braucht keine Piercings, Tätowierungen, Drogen, Zigaretten oder Alkohol. Wenn du deinen Körper nicht respektierst, respektierst du auch Gott nicht. Gott gab uns einen Mund, damit wir essen können, nicht um zu rauchen.“
Schneller als die anderen
Im Mai 2015 nahm Nan zusammen mit Mitarbeitern von Big Issue North an einem 10-Kilometer-Lauf in Manchester teil, um Geld für die wohltätige Stiftung „The Big Issue in the North Trust“ zu sammeln. Er war schneller als alle ande-
ren Läufer seines Teams und überquerte die Ziellinie in einer Zeit von unter 42 Minuten. Zuhause in Rumänien war er es nämlich gewohnt gewesen, sportliche Erfolge zu feiern. „Ich bin zweifacher Landesmeister – über 1500 Meter und 3000 Meter“, erklärt er. Und es gibt noch mehr Beweise: die Rangliste vom Timosoara-Halbmarathon 2012, bei dem er als Siebzehnter mit einer respektablen Zeit von einer Stunde und 28 Minuten ins Ziel kam. Jetzt arbeitet Nan daran, sein Englisch zu verbessern, indem er jede Woche zweimal einen Englischkurs besucht. „Ich will die englische Sprache lernen, weil ich meinen Beruf als Heilmasseur ausüben will. Ich möchte den Menschen in England etwas über Ernährung beibringen und Behinderten mit meinen Massagen helfen.“ Er plant auch schon seine nächste Langstreckenwanderung, diesmal von seinem Wohnort Bolton bei Manchester nach Afrika. „Vielleicht mache ich das nächstes Jahr“, meint er, so wie andere sich überlegen, ob sie vielleicht nach Spanien in den Urlaub fliegen sollen. Seine Tagebücher will er auch diesmal mitnehmen. Aber jetzt muss er erst einmal mit seiner Vorführung weitermachen und dann muss er zurück zu seinem Standplatz bei der Victoria Station, um seine Straßenzeitung zu verkaufen. „Ich bin ein Soldat im Dienst von Big Issue North“, verkündet er. Und dann stimmt er ein Lied an, die Hände in die Höhe gestreckt, die Melodie erinnert an Jingle Bells: „Big Issue, Big Issue, Thank you Big Issue ...“. Das Lied verstummt und er grinst breit. Er platziert seine Schale vor der Matte aus Pappe und lässt die Muskeln spielen wie ein Muskelmann in der Zirkusmanege. Er atmet ein paar Mal tief ein und aus, macht ein paar Dehnübungen, kniet sich hin und stemmt sich dann in den Kopfstand hoch, ruhig und mit geschlossenen Augen, während die Menschenmenge in der Fußgängerzone an ihm vorbeiströmt. Übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche von Karin Bosshard Mit freundlicher Genehmigung von INSP News Service www.INSP.ngo/Big Issue North
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Gsi
Fürstin Gina von Liechtenstein mit Flüchtlingen (im Foto in der Mitte). Liechtenstein gewährte sechs Studenten und zwei Familien Asyl. Die Familien musste katholisch sein und der Familienvater Facharbeiter. Den Studenten wurde ein Studium an der ETH und Universität Zürich finanziert.
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Revolutionäre herzlich willkommen
1900 Ungarn-Flüchtlinge wurden im November 1956 freudig in Vorarlberg aufgenommen, aber fast keiner wollte bleiben.
Text: Gerhard Thoma Fotos: Landesarchiv Liechtenstein, Fotoarchiv des „Instituts des Jahres 1956“
I
n den letzten 70 Jahren hatte das kleine Österreich immer wieder große Flüchtlingsströme zu bewältigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich 1,5 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Heimatlose zwischen Burgenland und Vorarlberg. Der nächste Paukenschlag folgte im Oktober 1956. Die Ungarn wollten das kommunistische Joch abschütteln, die Revolution wurde jedoch nach wenigen Tagen durch sowjetische Truppen blutig niedergeschlagen. Obwohl neutral, bekundeten die Österreicher offen ihr Mitgefühl: Im Rundfunk wurden alle Unterhaltungssendungen verboten, Innenminister Oskar Helmer verkündete, dass jeder Flüchtling aus Ungarn politischen Flüchtlingsstatus habe, ganz egal, aus welchem Grund er geflohen sei. Und die Ungarn kamen. Die Flüchtlingswelle begann im November 1956. Bis Dezember 1956 strömten 111.800 ungarische Flüchtlinge ins Land. 35.200 Ungarn
wurden sofort in andere Staaten transportiert, die übrigen 75.600 nach einem „Aufteilungsschlüssel“ auf die Bundesländer verteilt.
Arbeiten sofort erlaubt
Am 17., 23. und 25. November 1956 rollten Sonderzüge mit 1889 ungarischen Flüchtlingen in die Bahnhöfe von Bludenz, Feldkirch und Bregenz ein. Bis Jänner 1957 kamen noch weitere 37 Ungarn hinzu. Alle wurden von jubelnden Menschenmengen und Mitarbeitern des „Hilfskomitees für die Versorgung der ungarischen Flüchtlinge“ empfangen. Mitglieder des 1953 gegründeten „Vereins der Ungarn in Vorarlberg“ dolmetschten, darunter der katholische Prälat Karoly Subik aus Bezau, der ungarische General Jozsef Vasvary aus Bregenz sowie Oberstleutnant Jenö Karsay und Hauptmann Laszlo Lajtavary. Dabei war die Unterbringung und Versorgung der „Neuflüchtlinge“ schwer. Schließlich befanden sich bereits mehr als 12.000 „Altflüchtlinge“ aus anderen Staaten in Vorarlberg, die ebenfalls ver-
sorgt werden mussten. Die Ungarn wurden in Kleingruppen auf 50 Gemeinden verteilt, wo sie in Lagern, Gaststätten, Hütten und in Privathäusern lebten. In Privathäusern wohnten 210 Ungarn, die aufgrund ihres Berufes und Sprachkenntnissen dem Hausherrn behilflich sein konnten, zum Beispiel als Bäcker oder Handwerker. Es war nämlich so, dass jene Ungarn, die vor dem 1. Jänner 1958 nach Österreich gekommen waren, keine Arbeitsgenehmigung brauchten. Mit dem dritten Sonderzug kamen viele Frauen mit Kindern. Für sie versuchte man komfortable Unterkünfte in der Nähe von Schulen zu finden. Sprachkurse wurden organisiert. Ein ehemaliger Flüchtling erzählt: „Ich kam im November 1956 mit meiner Familie mit dem Zug nach Feldkirch. Wir hatten ein paar Habseligkeiten und ich meine Schultasche. Ich war neun Jahre alt. Mein Vater sprach etwas deutsch. Wir wurden von Anton Zehrer empfangen, er war damals Kaplan in Götzis. So kamen wir nach Götzis. Mein Vater bekam dann Arbeit bei der Firma Zumtobel in Dornbirn.
#11 / November 2016
Dadurch konnten wir uns eine neue Existenz aufbauen. Im Jänner 1957 bin ich schon wieder in die Schule gegangen und habe Deutsch gelernt. Mein Traum war immer: ‚Wenn ich groß bin, werde ich die Russen vertreiben.‘ Meine Mutter hat gesagt: ‚Solange die Kommunisten an der Regierung sind, werden wir nicht zurückkehren.‘“
Paprika und Pfeffer
Die Flüchtlinge erhielten auch Taschengeld und warme Kleidung. Ärztliche Versorgung war kostenlos. In den Unterkünften gab es Sport, Spiel- und Lerngruppen, um dem „Lagerkoller“ vorzubeugen. Zudem waren körperliche und geistige Arbeiten zu verrichten. Dafür gab es Frühstück, Mittag- und Abendessen. Mit der heimischen Küche hatten die Ungarn allerdings erhebliche Probleme. „Stinkende“ Kässpätzle waren verpönt. Es gab behördliche Anordnungen, wie für die Ungarn gekocht werden muss. Mit Paprika und Pfeffer durfte nicht während des Kochens, sondern erst am Ende der Mahlzeit gewürzt werden. Kümmel sollte nicht verwendet werden, weil dieses Gewürz in Ungarn nicht bekannt sei. Schließlich wurden die Vorarlberger Köchinnen „abgesetzt“ und durch ungarische ersetzt. Das Rote Kreuz spendete den ungarischen Flüchtlingen im November 1956 insgesamt 212.410 Stück Zigaretten. Im April 1957 waren davon noch 87.590 Stück übrig, die von der Landesregierung in Bregenz pflichtbewusst ins Innenministerium nach Wien geschickt wurden.
Nur 200 Ungarn bleiben
Fast alle Vorarlberger sympathisierten mit den Anti-Kommunisten und Kämpfern für Freiheit und Demokratie. Die Hitler-Diktatur war noch in guter Erinnerung. Und obwohl die ungarischen Flüchtlinge herzlich aufgenommen worden sind, entschieden sich die meisten, Österreich wieder zu verlassen. Von den rund 1900 Ungarn, die im November nach Vorarlberg gekommen sind, packten 1730 bereits drei Monate später ihre Koffer. Das sind 91 Prozent. Ein Grund
dafür war, dass die Flüchtlingslager am 26. Jänner 1957 aufgelöst worden sind. Die allermeisten hatten allerdings schon bei ihrer Ankunft in Vorarlberg angekündigt, dass sie das Land wieder verlassen würden. Ihre Traumziele waren die USA, England, Kanada, Australien und Frankreich, weil es dort bessere Verdienst- und Bildungsmöglichkeiten gab. Etliche zog es wieder zurück in die östlichen Bundesländer. Die Landesregierung war ihnen bei der Auswanderung behilflich, knüpfte Kontakte zu internationalen Flüchtlingsorganisationen. Von 19. bis 21. Dezember 1956 residierte eine australische Einwanderungskommission in Bludenz. Von 250 Kandidaten erhielten 220 die Einreiseerlaubnis nach Australien. So lebten im Frühjahr 1957 nur noch rund 200 ungarische Flüchtlinge mit ihren Familien in Vorarlberg. Sie waren alle berufstätig und lebten in selbst finanzierten Privatwohnungen.
Ungarische Flüchtlinge warten am Bahnhof in Wien. 1889 Flüchtlinge kamen im November 1956 mit drei Sonderzügen nach Vorarlberg.
Hilfe und Neid
Die einheimische Bevölkerung durchlebte schon damals, vor 60 Jahren, einen psychischen Spagat, wie ein aufmerksamer Beobachter in seinem Kommentar in der „Presse“ am 27. Jänner 1957 feststellte: „Als im November 1956 der große Flüchtlingsstrom begann, war das Verhalten der Österreicher von zwei Faktoren bestimmt: Man fühlte erstens, wie nahe man selbst einem solchen Schicksal war. Aus Angst, aber auch aus Dankbarkeit darüber, dass einem Ähnliches erspart blieb, erwies man den Flüchtlingen jede erdenkliche Hilfe. ‚Flüchtling‘, das hieß abgekämpft, zerlumpt, hilfs- und liebesbedürftige Menschen. Die ersten Zehntausenden, die ins Land strömten, entsprachen jener ‚Flüchtlingsvorstellung‘, die sich der Österreicher machte. Dann aber kamen jene, die mehr Zeit zur Flucht gehabt hatten, Leute, die verständlicherweise ihre besten Anzüge mitgenommen hatten, weil sie diese nicht zurücklassen wollten. Das aber, relativ gute Kleidung und auch geringer Bargeldbetrag, störte den ‚Flüchtlingskomplex‘ der Österreicher. Wer nicht zerlumpt und bis auf die Knochen abgemagert ist, kann kein
wahrhaft Hilfsbedürftiger sein, argumentierten manche.“ Reibungen blieben unausweichlich, dafür sorgten unterschiedliche Mentalität, Kultur und Denkmuster. Ein ehemaliger Ungarn-Flüchtling, der über Vorarlberg in die Schweiz emigrierte: „Die Probleme begannen, als ein oder zwei Jahre vergingen und ein jeder versucht hat, seinen eigenen Bedürfnissen und Gewohnheiten entsprechend zu leben. Wenn ein ungarischer Arzt sich nämlich eine reich ausgestattete Wohnung einrichtete, kam der Neid, die Verständnislosigkeit. Solange wir also hilfsbedürftig waren, war die Hilfe groß. Aber in dem Moment, wo die Menschen sich bessere Umstände schufen, gab es Probleme, weil wir uns nicht die Sparsamkeit, die Wirtschaftlichkeit zum Lebensziel setzten. Wir sind ein Volk, das gern lebt und gut leben kann.“ LITERATURTIPP: Ibolya Murber: „Flucht in den Westen 1956 – Ungarnflüchtlinge in Österreich (Vorarlberg) und Liechtenstein“, Rheticus Gesellschaft, Feldkirch 2002.
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Kultur
Heimatloser auf der Suche nach Heimat Ernst Reiner (60) aus Lochau ist vielen als Frontmann der Band die "Bauernfänger“ bekannt. Für die marie erzählt er seine Geschichte. Von Selbstbestimmung und dem Mut, der eigenen Wahrheit treu zu bleiben.
Text: Patricia Begle Fotos: Jan Geerk
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wei Tage nach seiner Matura tat der Lochauer Ernst Reiner, was viele in seinem Alter tun: Er trat eine Reise an. Eine Reise, die bei ihm länger dauern sollte als bei anderen. Mehr als 20 Jahre. Doch das wusste er am Beginn noch nicht. Er „rannte einfach in die Freiheit rein“, wie er es heute nennt. Getrieben von einer Mischung aus Neugierde und Flucht. „Ich flüchtete, weil ich hier nicht stark genug war, das zu tun, was ich wollte.“ Der heute 60-Jährige wollte Musik machen. Straßenmusik. In Frankreich lernte er, wie das geht. „Man muss aus den Dingen, die man hat, etwas machen. Erst für Stille und Aufmerksamkeit sorgen, dann Szenen auf charmante und unaufdringliche Weise dort hineinlegen“, erklärt er. So setzte er sich damals eine Badekappe auf seinen Kopf und funktionierte seine Unterhose in eine Badehose um. In diesem Kostüm balancierte er auf der Lehne einer Parkbank und imitierte dabei ein ständiges „Fast-Hinunterfallen“, das den Zusehenden den Atem nahm. Oder er versteckte sich in der Baumkrone einer Pappel, ließ einen Hut an einem Fischersilch – einem durchsichtigen Seil – hinabschweben und schmetterte Stehgreifgedichte im Vorarlberger Dialekt auf die Leute. „Du musst die Menschen eine Sekunde aus ihrem normalen Exisenzbewusstsein befreien, dann sind sie dir unendlich dankbar“, verrät der Straßenkünstler. Seine Performance war immer mit einem Rhythmus verbunden. „Wenn du in einem Rhythmus bist, kannst du alles tun“, ist Reiner überzeugt. Instrumente dafür sind allgegenwärtig: Von Lauten mit Mund, Händen und Füßen über jene des Reißverschlusses an der Jacke bis hin zu Konservendosen. Irgendwann trieb er eine Gitarre auf, seine kräftige Stimme reiste sowieso immer mit. Gelernt hat er nicht nur durchs Tun, sondern auch von KünstlerkollegInnen. „Du schaust von anderen ab, was gut ist, nimmst es auf, entwickelst es weiter.“ Reiner war Seiltänzer und Feuerschlucker, spielte in noblen Bars und vor Supermärkten. Er war in ganz Europa unterwegs, bereiste Indien und Pakistan, Nord- und Südafrika, lebte in Israel, ließ die Kanarischen Inseln zu einer zweiten Heimat werden und renovierte ein Haus in Spanien. Mit seiner Flucht hatte er eine scheinbar endlose Bewegung in Gang gebracht:
„Die Kugel rollte und rollte und konnte nicht mehr gestoppt werden. Plötzlich waren zwanzig Jahre vorbeigerast.“ Das unstete Leben auf der Straße hatte auch seine Schattenseiten. „Wir haben Pommes aus dem Abfall gefischt und uns an Mensatische mit halbvollen Tellern gesetzt“, erinnert sich der Freiheitsmensch. Krank werden durfte man nicht. „Bist du eine Woche krank, hast du eine Woche lang nichts zu essen.“ Immer wieder tauchte die Frage auf: „Was tu ich mit meinem Leben?“ Die Gefahr, „sich dahinleben zu lassen“ und „Zeiten zu vergeuden“ war groß. Reiner war kein „dogmatischer Zeitkiller“, der nur auf „Party-Party“ machte. Er bewunderte Menschen, die „fruchtbar in ihrem Tun waren“. Der Vorarlberger erlebte die andere Seite der Freiheit, sich ständig zwischen unterschiedlichen Angeboten entscheiden müssen war anstrengend: Band in Frankreich, Frau auf den Kanaren oder Segeltörn nach Südamerkia? Zudem war jede Hürde schon Anstoß zum Um-Entscheiden. „Ich wollte nicht, dass mein Leben eine Vor-dir-selber-Davonrennerei wird“, erzählt er. Er kam Ende der 1990-er Jahre zurück.
So glaubwürdig wie Straßenmusik
Hier gründete der Musiker die Band „Provinzpropheten“, aus der nach ein paar Jahren die "Bauernfänger“ herauswuchsen. Mit ihr ist er schon seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Die Formation hat „Streetcredibility“ – ihre Musik ist so glaubwürdig wie Straßenmusik. Es gibt keinen Verstärker, kein Mikrofon, alles unplugged und jedes Mal anders. Reiner ist Frontsänger und spielt Gitarre, Zugposaune, Akkordeon und chromatische Mundharmonika, das „schwerste von allen Instrumenten“. Auf der Bühne schlüpft er in die Rolle der Rampensau. Da kommt es vor, dass er nach einem kubanischen Song die Revolutionsansprache Fidel Castros von sich gibt oder zu einem Lied der Comedian Harmonists händchenhaltend durch die Reihen tänzelt. „Beim Singen hat du wahnsinnige Macht“, erzählt der Musiker. „Deine Präsenz mäht die Leute nieder. Sie ist aber nur die Sehnsucht, so zu sein. Es ist nicht das, was du wirklich bist. Die Egomansau auf der Bühne ist der Gegenpol zu deiner eigenen Zerbrechlichkeit.“ Musikmachen ist für Reiner wie eine seelische Reinigung. „Die kreative Energie, die du bekommst, muss raus, sonst kommt nichts Neues“, versucht er zu erklären. Musik ist sei-
#11 / November 2016
AUSSTELLUNG IM FREIHOF
Musiker, Performer, Poet, Zweifler, Lebenskünstler: Ernst Reiner.
Am Donnerstag, 3. November, 19 Uhr, findet im Freihof Sulz die Vernissage der Ausstellung „Das nackte Leben“ statt. Es sind Bilder von Werner Geiger und Skulpturen von Gernot Riedmann zu sehen. Die Ausstellung dauert bis Ende Jänner 2017. Die Hohenemser Schriftstellerin Gabriele Bösch hat zum Ausstellungstitel „Das nackte Leben“ einen literarischen Text verfasst und ihn der marie zur Verfügung gestellt.
Das nackte Leben
Musik ist seine Bestimmung und seine Sprache, mit ihr nimmt er an der Welt teil.
ne Sprache, in ihr zeigt er, wer er ist und wo seine Sehnsüchte liegen, mit ihr nimmt er an der Welt teil. Trotz seines Erfolges kehrt der Musiker immer wieder an den Anfang zurück und setzt sich mit seinem Akkordeon in die Unterführung, an den Ort wo „die Rohheit des Pflasters mit einer poetischen Seele gepaart ist“. Er ist überzeugt: „Du darfst nie fertig sein. Wenn du dich nicht selbst in Frage stellst, wächst du nicht.“ HINWEIS: Die Band „Bauernfänger“ tritt nicht nur bei öffentlichen Veranstaltungen auf, sondern kann auch für private Feiern gebucht werden. Kontakt: www.bauernfaenger.net
Das nackte Leben ist, wenn du einen Mann mit Reißverschluss im Rücken siehst und dich still, voller Liebe, nach seinen Wunden fragst. Das nackte Leben ist, wenn du eine Kastanie aus ihrer Hülle schälst und die tausend Tautropfen auf ihrem braunen Glanz für den Schmuck eines ganzen Tages hältst. Das nackte Leben ist, wenn du einer alten Dame die Hände massierst und sanft nach etwas Fleisch zwischen den Knochen suchst. Das nackte Leben ist, wenn italienische Erde die Blüten des Wiesenbocksbartes leicht rötlich verfärbt. Das nackte Leben ist, wenn du voller Tränen bist weil ein Mensch, für den du Hochachtung hegst, sich selbst für unwert hält. Das nackte Leben ist, wenn du im Herbst auf einem Bänkle sitzt und mit den fallenden Blättern fällst. Das nackte Leben ist, wenn du im Lächeln eines Sterbenden den Flügelschlag eines Schmetterlings entdeckst. Das nackte Leben ist, wenn du alles, was du siehst, nicht vor den Schleier aus Worten auf eine Bühne hebst sondern dort, wo es ist, lässt und schweigst.
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Veranstaltungskalender Sa., 5. November, 16 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch, Eintritt: frei VERANSTALTER AKZEPTIEREN DEN KULTURPASS FÜR FREIEN/ERMÄSSIGTEN EINTRITT Infos über den Kulturpass unter www.hungeraufkunstundkultur.at/ vorarlberg.html
Foto: Nikki-Ormerod
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Mi., 2. November, 20 Uhr, Altes Kino Rankweil, Eintritt: 18,- Euro
MADISON VIOLET
Mit Einflüssen aus Country, Pop, Electro, Disco und Folk gingen die neuen Songs in eine sehr frische Richtung. Die kanadischen Sängerinnen und Songschreiberinnen Brenley MacEachern und Lisa MacIsaac, bekannt als Madison Violet, reisen seit gut 13 Jahren fast pausenlos um die Welt.
Fr., 4. November, 20 Uhr, FC-Heim Lingenau, Eintritt: frei
MIT SHERLOCK HOLMES ZUM ZAUBERBERG
Literarischer Spaziergang durch Feldkirch mit Dr. Philipp Schöb Feldkirch ist eine Literaturstadt. Viele bedeutende Literaten haben hier gewohnt, gewirkt und ihre Spuren hinterlassen. Die Montfort-Stadt wurde auch mehrfach zum Schauplatz der Weltliteratur. Eine Spurensuche. Treffpunkt am Bahnhof Feldkirch. Anlass ist das feldkircher lyrikpreis festival. Weiters auf dem Programm: Ulrich Gabriel spricht über Sprachdenkmäler (19 Uhr), Preisverleihung Jugendwettbewerb (19:30 Uhr) und Verleihung Feldkircher Lyrikpreis (20:15 Uhr).
Foto: Veranstalter
Sa., 5. November, 20 Uhr, Altes Kino Rankweil, Eintritt: 19,- Euro
ZÜNDSCHNUR & BÄND
40 Jahre (stemmeisen&) zündschnur Mit ihrem Jubiläumsprogramm begeben sich zündschnur & bänd auf eine musikalische Reise durch 40 Jahre Wälder Mundartmusik. Bei dieser Tournee präsentieren sie auch ihren neuen Videoclip: Der Mord von Schwarzenberg – 1891 eine zeitlose Moritat. Das ist die filmisch-musikalische Umsetzung eines spektakulären Mordfalles in Schwarzenberg, bei dem im Jahre 1891 der gebürtige Andelsbucher Michael Metzler auf höchst eigenartige Weise zu Tode gebracht wurde.
„SÜCHTIG“
Buchpräsentation und Gespräch mit Lorenz Gallmetzer (Autor), Theresia Metzler (Caritas-Suchtberaterin) und Dr. Klaus Schwendinger (Oberarzt KH Maria Ebene). Lorenz Gallmetzer war jahrelang ORF-Korrespondent in Washington und Paris, und er war Alkoholiker. Es sind dramatische Geschichten, die er in diesem Buch erzählt, nicht zuletzt seine eigene: Der erfolgreiche Journalist hält seine Depressionen über viele Jahre mit Alkohol im Zaum, bezwingt damit Stress und Versagensängste, bis er sich eines Tages eingestehen muss, dass ihn die Sucht im Griff hat. Die Gefahr, süchtig zu werden, lauert an vielen Orten.
Do., 10. November, 19:30 Uhr, Spielboden Dornbirn, Eintritt: 7,- Euro
BETTELNDE NOTREISENDE IN VORARLBERG
Die Präsenz von bettelnden Menschen führt seit dem vergangenen Jahr zu emotionsgeladenen Debatten im Land. Um die Diskussion zu versachlichen und mehr über diese Personengruppe zu erfahren, gab das Land Vorarlberg die Studie „Bettelnde Notreisende in Vorarlberg“ an der Fachhochschule Vorarlberg in Auftrag. An diesem Abend werden Ergebnisse der Studie präsentiert und ein möglicher Umgang mit dem Phänomen diskutiert. Erika Geser-Engleitner ist Professorin an der Fachhochschule Vorarlberg und leitete die Durchführung der Studie.
Foto: ConorLedwith
Do., 10. November, 20:30 Uhr, Spielboden Dornbirn, Eintritt: 22,- Euro
WE BANJO 3
The Irish Folk Music Sensation Die smarten Boygroup-Trendsetter von We Banjo 3 waren schon immer mutig. Zuerst zu dritt, zelebrierten sie kompromisslos den puren Banjo-Exzess. Um aber doch auch mit „normalen“ Menschen in Kontakt bleiben zu können, erweiterten sie peu á peu die Besetzung um Gitarre, Mandoline und Geige sowie um viele Songs. Mitreißender, frischer Mix aus Irish Music und Elementen von Oldtime und Bluegrass sowie einer Portion Akustik-Pop.
So., 13. November, Frauenmuseum Hittisau, Eintritt: frei
MAASAI BAUMEISTERINNEN AUS OLOLOSOKWAN
Die Ausstellung „Maasai Baumeisterinnen aus Ololosokwan“ ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes der aus dem Bregenzerwald stammenden Architektin Cornelia Faisst. Die Ausstellung präsentiert zehn Baumeisterinnen aus dem tanzanischen Dorf Ololosokwan und deren noch traditionelle Baukultur. Auch das sensible Thema Beschneidung junger Mädchen wird in der Ausstellung sowie im Begleitprogramm aufgegriffen. Dauer: bis 18. Juni 2017.
Mi., 16. November, 20:30 Uhr, Kulturwerkstatt Kammgarn, Hard, Eintritt: VVK 8,-/AK 10,- Euro
SLAM-POETRY
Etrit Hasler, Slampoet aus St. Gallen und Pionier der Schweizer Poetry-Slam-Szene, trat bei hunderten Slams in Europa und den USA auf und gewann zahlreiche Preise. Er ist als boshafter Charmebolzen und messerscharfer Zeitkritiker bekannt. „Poesie – warum eigentlich? Ein sprachlich-musikalisches Duett im Ausnahmezustand versucht sich an einer zentralen Frage der Menschheit“ – so der Titel des Abends zusammen mit Patrick Kessler, der seinem Kontrabass mit etwas Strom Erstaunliches zu entlocken vermag.
#11 / November 2016
Do., 17. November, 19 Uhr, Jüdisches Museum Hohenems, Eintritt: 8,- Euro (Kulturpass frei)
DER NATIONALSOZIALISTISCHE VERFOLGUNGSAPPARAT
Fr., 25. November, 19:45 Uhr, Spielboden Dornbirn, Eintritt: 9,- Euro
POETRY SLAM – KAMPF DER DICHTER
– am Beispiel der Geheimen Staatspolizei Bregenz und der Staatsanwaltschaft Feldkirch Im Vortrag des Historikers Meinrad Pichler werden Funktion und Tätigkeit der Vorarlberger Gestapo dargestellt und andere Formen und Akteure der Verfolgung beschrieben.
Poetry Slam ist eine lebendige Literaturshow mit wenigen Regeln: sechs Minuten Redezeit, eigene Texte, außer Manuskript keine Hilfsmittel. Ansonsten ist erlaubt, was gefällt. Das Publikum klatscht, johlt oder buht – und bestimmt den Star des Abends! Anmeldung für SlammerInnen: poetryslam@spielboden.at oder an der Abendkasse bis 19:45 Uhr.
Do., 17. November, 20 Uhr, Altes Kino Rankweil, Eintritt: 17,- Euro
Fr., 25. November, 20 Uhr, Altes Kino Rankweil, Eintritt: 22,- Euro
MARTIN WEINZERL: #REDAMAR
WELTMEISTERINNEN – GEWONNEN WIRD IM KOPF
Kabarett Im ersten Soloprogramm skizziert Martin Weinzerl was ihm tief in der Seele brennt. Unverschnörkelt, pur und direkt. Mit Schmäh und Augenzwinkern: #redamar. Einen pipifeinen Kabarettabend lang. Über Vereinsmeierei, Glaubenskrisen, Göttinnen, moderne Freizeitverblödung.
Fr., 18. November, 20 Uhr, Gemeindehaus Nüziders, Eintritt: 15,- Euro
ERIKA KRONABITTER & KLANGLABOR
Die Vorarlberger Literatin Erika Kronabitter und das liechtensteinisch-österreichische Trio Klanglabor mit Denise Kronabitter (Gesang), Marco Sele (Perkussion) und Arno Oehri (Gitarre) sind mittlerweile ein bestens aufeinander eingespieltes Team. Gute Literatur besteht nicht nur aus Worten und gute Musik nicht nur aus Klängen. Die beiden Wahrnehmungsebenen verschränken sich im Zusammenwirken zu weitreichenden Assoziationsräumen.
Fr., 18. November, 19 Uhr, Mittelschule Hittisau, Eintritt: 10,-/7,- Euro (Kulturpass frei)
Forumtheater: AUF!SCHREI ZIVILCOURAGE
Ein Junge wird auf der Straße zusammengeschlagen, weil er schwächer ist als seine Gegner. Ein Mädchen wird in der Disco sexuell belästigt. Scheinbar ohnmächtig schauen wir dabei zu. Aber: Sind wir wirklich ohnmächtig? Oder könnte das Mädchen verteidigt werden? Ein paar Jugendliche vom „Interkulturellen Verein – Motif “ setzen sich zur Wehr. Ihr Thema? Zivilcourage. Gemeinsam mit dem Publikum wird nach einer kurzen Szene versucht, die Katastrophe abzuwenden. Im Anschluss an das Stück gibt es eine moderierte Diskussion mit Eva Häfele.
Lisa Fitz Was verbindet die Putzfrau Hilde Eberl, die Feministin Inge von Stein, die CSU-Abgeordnete Gerda Wimmer und Geheimagentin Olga Geheimnikowa? Alle vier Frauen sind Weltmeisterinnen in ihrem Universum. Egal, ob´s um Bodenhaltung für Freilandhühner, Verarbeitung von Fuchs im Döner, Verschwörungen, Spähskandale, um Fußball oder um Männer geht, jede Weltmeisterin hat ihren Standpunkt, ihre Sicht der Dinge und natürlich das ultimative Geheimrezept für soziales und privates Miteinander, das Funktionieren der Welt. Wie immer spielt, spricht und singt Lisa Fitz komödiantisch und virtuos in mehreren Rollen.
Jeden ersten Mittwoch im Monat, 15 bis 17 Uhr, Frühmesshaus Bartholomäberg. Eintritt: frei
SPIELRUNDE AM MONTAFONERTISCH
Wir laden zur Spielrunde und wollen dabei schon fast vergessene Brett-, Karten-, Geschicklichkeits- oder lustige Unterhaltungsspiele neu beleben. Wer Interesse hat, kann auch gerne dazu seine Ideen inkl. Spielematerial einbringen oder sich neugierig auf diesen Spielenachmittag einlassen.
Jeden ersten Samstag im Monat, 9 bis 12 Uhr, Polytechnische Schule Feldkirch. Eintritt: frei
REPARATUR CAFÉ FELDKIRCH
Wenn Sie ein defektes Haushaltskleingerät, Kleinmöbel, Spielzeug oder etwas ähnliches zuhause haben, das sie gerne reparieren möchten, kommen Sie damit vorbei. Im Reparatur Café helfen ihnen Fachleute dabei. Kosten? Eine freiwillige Spende. Infos: Joachim Breuss, Tel. 0699 192 87 066.
Derzeitige Fixtermine in der Tankstelle Bregenz, Deuringstraße 9 ZVIERE-KINDERCAFÉ
jeden Montag von 15 bis 17 Uhr / Weil die Jause der anderen immer besser schmeckt!
MEDITATIONSGRUPPE
jeden Montag um 18.30 Uhr Foto: Veranstalter
Di., 29. November, Spielboden Dornbirn, Eintritt: VVK 16,-/AK 19,Euro
IMMERSION. WIR VERSCHWINDEN
Urauffühung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble. Ein Stück vom großen Kuchen, eine gesellschaftliche Teilhabe schien für sie nicht möglich. Sie haben über „die da oben“ geschimpft und sich als „die da unten“ empfunden. Doch jetzt haben sie genug. Genug gearbeitet, genug gestritten, genug gekämpft, genug gehasst. Sie wollen weg. Weg aus dieser Realität. Nur wohin? Ins Theater, in eine andere Stadt, in ein anderes Land, auf eine einsame Insel, auf eine andere Erde, in eine andere Welt, in ein virtuelles Leben. Anker lichten und los. Doch dann gerät alles aus den Fugen und der Abend zur betörend narzisstischen Apokalypse.
FRAUENCAFÉ
jeden Dienstag von 9.30 bis 11 Uhr zum Kennenlernen, Austauschen, Sprache lernen, gemeinsam Essen
SPORTNEIGUNGSGRUPPE
jeden Mittwoch ab 19 Uhr in der Turnhalle der HTL Bregenz, Michl-Felder-Str. 9
MITTAGSTISCH
jeden Freitag mitkochen ab 10.00 / mitessen ab 12.00 – Bio-Regional-Fair / gib was es dir wert ist
LITERATUR TANKSTELLE
jeden 1. Dienstag im Monat, 19 bis 21 Uhr
NÄHWERKSTATT
jeden 1. Freitag im Monat, 15 bis 18 Uhr. Nähmaschinen und Know-How vorhanden, Material selbst mitbringen!
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Veranstaltungskalender
STIMM- UND SPRACHWERKSTATT
5. und 12. November, 14 bis 18 Uhr Wer seine Stimme kennt, kann sich besser hörbar machen. An zwei Nachmittagen üben wir unsere Stimme und Sprache.
Anfängerkurs: Radio machen kann jeder
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Proton – das freie Radio mit Sitz in Dornbirn lädt dazu ein, alles rund ums Radiomachen zu erfahren, die eigene Sprache zu stärken oder einfach nur mal Radioluft zu schnuppern. „Als Freies Radio wollen wir jedem Menschen ermöglichen, seine Meinung frei zu äußern und dazu auch freien Zugang zu einem Massenmedium zu haben“, sagt die Programm- und Ausbildungskoordinatorin Ruth Kanamüller. „Wir engagieren uns dafür, dass Minderheiten und Mehrheiten voneinander hören und lernen, miteinander zu kommunizieren. Dadurch wachsen gegenseitiger Respekt und Verständnis.“ Radio Proton sendet 24 Stunden täglich ein vielfältiges Programm und veranstaltet regelmäßig Workshops. Anmeldung für die Workshops von Proton – das freie Radio unter http://radioproton.at oder via E-Mail an proton@radioproton.at.
FRAUENWORKSHOP
.30 bis 21 Uhr 8. November, 18 ft schnuppern Gratis Radiolu en austesten, und unter Frau nterm hi h sic wie es hlt. Mikrofon anfü
JINGLEPRODUKTION 15. November, 18 bis 21 Uhr Ein Workshop zum Erproben deines Stimmtalents oder dem Schärfen deines Sendungsprofils.
STUDIOTECHNIK 21. November, 18 bis 21 Uhr Auffrischung für Sendungsmacher*innen von Proton – das freie Radio
RADION SCHNUPPER
tag im Monat, jeden 1. Diens Uhr 19 bis 22 vor dem Um die Scheu zu verlieren, Radiomachen ach mal im nf ei kannst du hauen und Studio vorbeisc bieren. ro sp dich au
BASISWORKSHOP – das Radio 1x1
22., 18 bis 21 Uhr, und 25. November, 16 bis 19 Uhr Radiomachen ist so einfach wie das Einmaleins. Zwei Abende genügen, um dich fit für deine erste Sendung zu machen.
„MIT DEM TEUFEL UM DIE WETTE SANG ICH DIESES LIED...“ Zu Gast bei Radio Proton in der Sendung „Das offene Wort“ mit Moderator Hans-Jürgen Holzer ist am 4. November, 15 bis 17 Uhr, der Liedermacher Peter Alberto. Alberto (70), der seit seinem 4. Lebensjahr wegen einer Kinderlähmung im Rollstuhl sitzt, wird seine neueste CD vorstellen. Dazu präsentiert der aus Ostdeutschland stammende Künstler einige Songs in Erinnerung an Udo Jürgens.
#11 / November 2016
S C HAC H - E C K E Uros Nisavic (13) - Andreas Dückstein (88) Simultanpartie, Hohenems 2016 Der 13-jährige Lustenauer Uros Nisavic besiegte im Simultan-Wettkampf Altmeister Dückstein in einer flott geführten Angriffspartie. 1. d4 d5 2. c4 dxc 3. e3 c5 4.Lxc4 a6 5. Sf3 e6 6. Sc3 Sf6 7. 0-0 Sc6 8. Db3 cxd4 9. exd4 Sa5 10. Da4+ b5 11. Lxb5+ axb5 12. Sxb5 Dd7 (?) Besser war 12. ... Ld7 13. Sc7+! Kd8 14. DxDd7+ Kxd7 15. Sxa8 Kc6 16. Lf4 Sd5 Stellung nach 16. ... Sd5
1 7. Lc7! Sxc718. Tac1+ Kb7 19. Sxc7 Ld7 20. Se5 Lc6 21. SxLc6 SxSc6 22. Sb5 Le7 23. Tc3 Tc8 24.Tfc1 Kb6 25. Sa7 SxSa7 26. TxTc8 SxTc8 27. TxSc8 1:0
Anlässlich der Vorarlberger Schachtage gastierte die österreichische Schachlegende, der 88 Jahre alte Andreas Dückstein, in Hohenems. Nach einem spannenden Gespräch mit Hanno Loewy im Jüdischen Museum spielte er noch einen Simultan-Wettkampf gegen acht Vorarlberger Nachwuchsspieler. Endstand: 4:4.
Lösen Sie es in 60 Sekunden Beginnen Sie die Kopfrechnung mit der Zahl im Feld ganz links. Rechnen Sie von links nach rechts. Die Lösung im leeren Feld rechts eintragen. Jede Rechnung unabhängig von der Schwierigkeit sollte in weniger als 60 Sekunden gelöst werden. Keinen Taschenrechner verwenden! Die Lösung finden Sie am unteren Rand des Rätsels. Lösung
Für Anfänger
34
+17
×2
-93
+55
÷8
×3
+27
-13
÷2 Lösung
Für Fortgeschrittene
92
25% der Summe
×9
-48
1/3
der Summe
×11
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÷4
+57
:6 Lösung
Für Genies
zum Quadrat
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+79 +25% 20% der Summe
×1/5
zum Quadrat
÷7
Lösungen: Für Anfänger = 19, Für Fortgeschrittene = 28, Für Genies =7
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Achten Sie auf unseren marieVerkaufsausweis! Alle lizensierten marie-Straßenverkäufer sind mit einem Ausweis ausgestattet, den sie während ihrer Arbeit sichtbar am Körper tragen. Auf Verlangen werden sie diesen jederzeit gerne vorzeigen. Die marie-Straßenverkäufer verstehen sich nicht als Almosenempfänger, sondern als Teil eines wichtigen Projektes. Sie sind selbstständig tätig, haben sich aber zu Verhaltensregeln verpflichtet. So werden die marie-Verkäufer zwar kontaktfreudig, aber nicht aufdringlich sein und werden nicht betteln. Der einzig gültige marie-Ausweis ist weiß mit goldenem Rand (wie hier abgebildet). Bitte kaufen Sie Ihre marie nur bei Kolporteuren, die unseren Ausweis tragen!
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