Skip to main content

Franziska, die Trisomie und das Stille Ende - Tagebuch einer Schwangerschaft – Renate Ebert

Page 1

Renate Ebert, geb. 1959, lebt mit ihrer Familie in einem

Dorf bei Karlsruhe. Sie arbeitet als Schulsekretärin. Während der Schwangerschaft mit Tochter Franziska erlebte sie die Diagnose „Trisomie 18“ als elementaren Schicksalsschlag. Ihre widersprüchlichen Gefühle und Gedanken verarbeitete sie in E-Mails an eine Freundin. Aus diesem Briefwechsel entstand zehn Jahre später die Idee zum Buch.


Renate Ebert

Franziska, die Trisomie und das stille Ende Tagebuch einer Schwangerschaft

Mabuse-Verlag Frankfurt am Main


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar. Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren AutorInnen und zum Verlag finden Sie unter: www.mabuse-verlag.de. Wenn Sie unseren Newsletter zu aktuellen Neuerscheinungen und anderen Neuigkeiten abonnieren möchten, schicken Sie einfach eine E-Mail mit dem Vermerk »Newsletter« an: online@mabuse-verlag.de.

© 2012 Mabuse-Verlag GmbH Kasseler Straße 1 a 60486 Frankfurt am Main Tel.: 0 69 - 70 79 96 -13 Fax: 0 69 - 70 41 52 verlag@mabuse-verlag.de www.mabuse-verlag.de www.facebook.com/mabuseverlag Redaktionelle Bearbeitung: Silvia Alina Neamt und Andrea Stangl, Paderborn, Sonja Siegert, Köln Umschlagfoto: © Julia Mashkova/istockphoto.com Umschlaggestaltung: Caro Druck GmbH, Frankfurt am Main Druck: Prisma Verlagsdruckerei GmbH, Saarbrücken ISBN: 978-3-86321-035-9 Printed in Germany Alle Rechte vorbehalten


Vorwort

Ich wollte nie Bungee springen! Man springt hoch oben kopfüber in die Tiefe, wird gehalten von einem Seil um den eigenen Körper, das ihn im freien Fall kurz über dem Untergrund abbremst, ihn festhält … Durch die Elastizität dieses Seils wird der Mensch daran immer wieder zurück in die Höhe gezogen, bis sein Auf und Ab sich ausgependelt hat und schließlich zur Ruhe kommt. Ohne Vertrauen geht das nicht! Meine Schwangerschaft mit Franziska hat sich zu einem Bungee-Sprung entwickelt. Ich habe es mir nicht ausgesucht, es ist so gekommen. Zehn Jahre nach ihrem Tod hat sich das Seil ausgependelt. Ich bin nicht dankbar für jede Erfahrung, die ich während dieser Schwangerschaft machen musste. Aber ich bin dankbar für die Menschen, die um mich herum waren, und für das Vertrauen, das sich, mit vielen Rückschlägen, entfalten durfte. In jener Zeit hatte ich eine liebe Freundin, der ich im Laufe dieser Entwicklung oft täglich, manchmal mehrmals am Tag, eine E-Mail geschrieben habe. So hat sich eine Art Tagebuch ergeben.

5


Im Sommer 2000 besuchte ich mit Sophia in der Nähe von Bremen eine Frauenfreizeit mit Kinderbetreuung. Thema war: ›Mit den Füßen im Moor – mit dem Kopf in den Wolken‹. Es war eine sehr intensive Woche, während der ich mich besonders mit drei 3 Frauen anfreundete. Eine davon war Maria, die andere Anja, die ihren schwerstbehinderten Sohn und ihre gesunde Tochter dabeihatte. Die dritte Frau war Martina. Zwischen uns beiden gab es so viele Gemeinsamkeiten, dass wir beschlossen, uns auch nach dieser Freizeit nicht aus den Augen zu verlieren. Zurückgekommen im gewohnten Umfeld, begann zwischen Martina und mir ein erst loser, dann immer dichterer E-Mail-Kontakt. Sonntag, 20. August 2000 | 21:31 Uhr

Ja, wirklich, Internet und E-Mails finde ich klasse. Alles geht schnell und locker. Kein lästiges Zum-BriefkastenGehen, kein »schon wieder keine Briefmarke im Haus«. Ein Knopfdruck – schon ist die Post weg und bei Dir da … oder bei mir! Habe ich in meinem Brief erwähnt, dass wir im September für ca. zwei Wochen in die Toskana fahren? Ich weiß es gar nicht mehr. Jedenfalls bist Du jetzt im Bilde. Mittwoch, 23. August | 11:39 Uhr

Sophia ist seit gestern Abend bei meinen Eltern, weil wir bei einer Veranstaltung für werdende Eltern waren, in dem Krankenhaus, das ich in der engeren Wahl habe. Das war ganz interessant. Es hat sich in den letzten sechs Jahren viel geändert. Alle sprechen viel mehr von »offen sein für alles«, von Akupunktur, Homöo6


pathie etc. und nicht mehr so viel von medizinischen Gegebenheiten. Mittwoch, 30. August | 8:22 Uhr

Das wird ja fast zur Sucht. Morgens meine erste Tat (noch vor dem Frühstücken!): Computer einschalten, E-Mails anschauen. Am liebsten würde ich gleich loslegen, aber gerade steht Sophia neben mir und spricht. Also, Kommando zurück, Computer aus, später … 15:24 Uhr

Jetzt habe ich Zeit. Gerade hab ich Deine Post bekommen. Vielen Dank dafür. Nun habe ich endlich Deine ganze Familie vor Augen, wenn ich Deine Mails lese. Heute ist Johannes wieder zu Hause, das ist sehr ungewohnt für mich. Nicht, dass ich ihn nicht gern da hätte, aber es bringt mich aus meinem Rhythmus. Ich muss mich dann richtig zwingen, die Sachen zu machen, die ich eigentlich vorhabe. Sophia hätte als Junge Paul geheißen. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass Paul arg in Mode ist. Deshalb haben wir uns seit einigen Wochen auf »Simon, Zweitname Paul« einigen können, falls es diesmal ein Junge wird. Sophia ist entsetzt. Sie findet Simon ganz fürchterlich. Einen Mädchennamen haben wir noch nicht. Ich mag so viele Namen (Paula, Lilith, Eva, Greta, Anne …), aber Johannes gefällt nichts davon. Und was ihm gefällt, davor renne ich schreiend weg. Na ja, ist ja noch ein wenig Zeit. Ich bin jetzt in der 18. Woche, aber ich spüre noch nichts, außer dass mein Umfang wächst. 7


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Franziska, die Trisomie und das Stille Ende - Tagebuch einer Schwangerschaft – Renate Ebert by Mabuse-Verlag - Issuu