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Inkl. Kunstbeilage artensuite Schweiz sFr. 7.90, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien € 6.50

ensuite NR.

94 OKTOBER 2010

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Rathausgasse 20/22, CH-3011 Bern

BACK DIR DEINEN KUCHEN OCH SELBST SELBS ! DOCH

The Idea of Africa (re-invented) #1:

J. D. Okhai Ojekere: Lagos Invisible Borders 22.10. – 05.12.2010

Theaterclubs l b und d - workshops k für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

im

Schlachthaus Theater Bern !!! www.schlachthaus.ch

IM OKTOBER IN DEN KINOS

Na putu Zwischen uns das Paradies: aktuell und berührend

au revoir taipei Die GrossstadtKomödie aus Fernost: So frech kann junges Kino sein!

www.trigon-film.org

Kunsthalle Bern Helvetiaplatz 1 CH-3005 Bern wwwkunsthalle-bern.ch


Inhalt

22

12 33

34

PERMANENT 6 SENIOREN

IM

WEB

7 FILOSOFENECKE 9 KULTUR

DER

POLITIK

11 M ENSCHEN & MEDIEN 13 É PIS FINES 15 LITERATUR-TIPPS 31 CD-A NSPIELTIPPS

6 KULTURESSAYS

26 M USIC & SOUNDS

9

26 Auf dem Weg nach Swatka City

Heute hatte ich ein Flash-Back Von Peter J. Betts

10 Auf Schienen durch Europa Von Hannes Liechti

12 Die gezähmten Wilden Von Barbara Roelli

13 Das Kleidertheater Von Simone Weber

Von Till Hillbrecht

27 Ein Konflikt in umgekehrter Richtung Von Luca D‘Alessandro

28 «…wir sassen stumm und alleine» Von Karl Schüpbach

29 Otto Klemperer Von Heinrich Aerni

14 LITERATUR

30 BAZE

14 Seit jeher unterwegs

32 KINO & FILM

Von Konrad Pauli

14 Lesezeit Von Gabriela Wild

Von Ruth Kofmel

32 Urs Fischer Von Lukas Vogelsang

36 I NSOMNIA

17 T ANZ & THEATER

32 Im Oktober werden Wunder war

37 T RATSCHUNDLABER

17 Wenn der Vorhang sich hebt

33 Kummer-Kummer

38 I MPRESSUM

18 TANZ IN. BERN 2010

39 KULTURAGENDA

21 Tartuffe

Von Roja Nikzad Von Roger Merguin Von Belinda Meier

Von Lukas Vogelsang Von Lukas Vogelsang

34 Ein Weg voller Zweifel Von Guy Huracek

37 Machete Von Sonja Wenger

22 Rima erklimmt Bern Von Guy Huracek

25 Explodierende Innereien Von Belinda Meier

Das Tagesprogramm auf einen Blick: Bild Titelseite: Dieter Meier in seinem Büro (Seite 34) Foto: Kapuly Dietrich

ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

kulturagenda.ch 3


TANZ IN. BERN FESTIVAL TANZ INTERNATIONAL 20.10. – 14.11. 2010 DAMPFZENTRALE BERN CIE MAGUY MARIN (F) | IVO DIMCHEV (BUL/B) | JÉRÔME BEL (F) | CIE RANDOM SCREAM / DAVIS FREEMAN (USA/B) | BERN:BALLETT (CH) | SCHWEIZER TANZ- UND CHOREOGRAFIEPREIS 2010 | ANNA HUBER, HUBER/THOMET (CH) | CHRIS LEUENBERGER, IGOR DOBRICIC, ROGER SALA REYNER (CH/SRB/E) | OLIVIER DUBOIS (F) | CECILIA BENGOLEA & FRANÇOIS CHAIGNAUD (F) | CUQUI JEREZ (E) | ZOO/ THOMAS HAUERT (CH/B) | LIQUID LOFT/CHRIS HARING & JIN XING DANCE THEATRE (A/CHN) | LES BALLETS C DE LA B / LISI ESTARAS (B/IL) | ANTONIA BAEHR (D) | YOUNG CHOREOGRAPHERS PROJECT (CHN) | CAO FEI (CHN) | YAN JUN (CHN)

Vorverkauf: www.starticket.ch Infos: www.dampfzentrale.ch


Kulturessays 8. JAHRGANG BERN UND ZÜRICH

ensuite

E DITORIAL

Professionalität

K U L T U R M A G A Z I N

Von Lukas Vogelsang

I

ch bin immer wieder überrascht, wie viele Kulturförderungs-EntscheiderInnen keine Ahnung von Kulturellem und Kunst haben. Sicher, Kulturförderung ist eine Verwaltungstätigkeit – die Verantwortlichen haben oftmals einen BeraterInnenstab und sind selber selten an Veranstaltungen anzutreffen. Doch irgendwelche Fachkenntnisse sind trotzdem nötig. Konkrete Ausbildungen im Kulturbereich sind aber rar – mal abgesehen von den tausenden von umgeschulten Kulturschaffenden, die jetzt den Berufstitel «KulturmanagerIn» tragen. Buchhaltung, Marketing, Kulturgeschichte oder ganz einfach ein «vertieftes Interesse an der Sache» kann man nicht in einem Kurs lernen. Wer in einem Kulturbetrieb arbeitet, hat aber nicht unbedingt eine Kaufmännische Ausbildung absolviert. Kulturmarketing oder Büroorganisation werden oft sehr spät und ohne vorangehende Erfahrung angelernt. Das Geld für professionelles Administrationspersonal ist in einem Kulturbetrieb selten. «Learning by doing» ist an der Tagesordnung. Entsprechend kommt es immer wieder vor, dass die öffentlichen Kulturförderer über Konzepte entscheiden müssen, die über ihre fachlichen Kompetenzen gehen, und schlussendlich einen reinen Bauch- oder Willensentscheid darstellen. Also ohne politischer oder sonst messbarer Logik gelten müssen. Dies wiederum führt zu obskuren Zahlenschlachten. An einem Ort werden Millionen in die Kulturförderung investiert, mit dem Resultat, dass so geförderte Institutionen viele MitarbeiterInnen mit hohen Löhnen anstellen, aber künstlerisch kaum von sich reden machen. Man redet

ensuite dankt für die finanzielle Unterstützung:

Kultur muss man verstehen wollen und geniessen lernen.

dann von «Arbeitsplatzbeschaffung» und «Wirtschaftsförderung». Andersrum: Künstler-Innen, die keine öffentliche Unterstützung erfahren, weil sie derer «nicht würdig sind», lösen sehr viel Echo in der ganzen Welt aus. Solche Vergleiche kann man endlos aneinanderreihen. Die Kunst zu messen ist ebenso unmöglich, wie die MitarbeiterInnen-Qualifikation in diesem Metier. So werden leider auch Verwaltungsratsarbeiten ohne fachliche Grundlagen verteilt und angenommen – was entsprechend dubios wirkt, wenn dann Direktoren für eine Kulturinstitution von genau diesen eigentlich inkompetenten Gremien ausgewählt werden. Das Kulturwesen findet aber mehrheitlich in Vereinen statt. Die Schweiz ist ja selber eine Art Verein. Doch genau diese Vereinsarbeit wird nebenamtlich geführt, entsprechend sind die Kompetenzen vielerorts noch weniger vorhanden, und es mangelt an einem betriebswirtschaftlichen Konzept. Da nützt auch der nachträgliche «Kulturmanager»-Titel nichts. Für die Vereinsmitglieder und Vorstände ist diese Arbeit eine Art «Sozialdienst an der Gemeinschaft». Eine gute Vereins- oder Verwaltungstätigkeit ist der Kultur dienlich, und unabdingbar, ich möchte das nicht minderwertig darstellen. Im Gegenteil, der positiven Beispiele sind sehr viele da – meistens allerdings die unbezahlten. Die Kulturförderung müsste diesem Umstand Rechnung tragen, nicht nur der Repräsentation einer Sache. Gleichzeitig wäre dieses Thema für die Wirtschaftsförderung wichtig – doch genau die winkt ab, wenn es um Kultur geht. Wenn fachliche Unkenntnis vertuscht wird, entstehen oftmals nur grössere Bürokratie und hohe Kosten – für wenig Erfolg. Nun, was ist Erfolg in der Kulturförderung? Macht Kulturförderung glücklich? Ist geglückte Kulturförderung, wenn die Bevölkerung glücklich ist? Und worüber soll sie glücklich sein? Kann der Erfolg im Kulturbetrieb nur an der Quantität der Produktionen und an den Besucherzahlen gemessen werden? Wäre nicht auch wesentlich, ob die kulturelle Umtriebigkeit einer Stadt auch anderswo wahrgenommen wird? Und: Wie soll das geschehen? Wer ist für ein solch städtisches «Kulturmarketing» verantwortlich? Und ist nicht gerade die Umtriebigkeit einer Kulturförderstelle der Tod jeglicher kulturellen Lebendigkeit? So viele Fragen.

ensuite.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

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Kulturessays Tanz & Theater

Kulturessays

SENIOREN IM WEB

Von Willy Vogelsang, Senior

Kurznachrichten

W

ir haben uns verirrt. Nur um zwei Strassenecken herum haben wir uns vom Hotel entfernt, um in einem uns empfohlenen Restaurant zu dinieren. Den Rückweg wollten wir leicht verändert unternehmen; das ging jedoch in die Hosen. Unser innerer Kompass – oder Navigator – führte uns in die Irre. Nun, das war in London, in einem uns völlig unbekannten Stadtteil. In Bern oder Zürich könnte uns solches nicht passieren, oder? Da haben wir immerhin ein paar Orientierungspunkte, an denen wir uns ausrichten könnten. Wenn ich so die Rückmeldungen in den Foren von seniorweb.ch, dem Internetportal für die Generation 50+, beobachte, fehlt einigen Lesern – und Schreibern! – offenbar der Ein- und Überblick. Bei der Neugestaltung der Seite im März dieses Jahres sind eine Anzahl neuer Elemente dazugekommen, die etliche langjährige Benützer (noch) verwirren. Sie getrauen sich deshalb kaum, diese unbekannten Seiten zu betreten oder ignorieren sie einfach. In den obersten Zeilen, im Kopfteil praktisch jeder Webseite, so auch bei seniorweb. ch, befinden sich die Navigations-Menüs und die Hilfen, die zur Bedienung angeboten werden. In der linken Spalte sind jedoch nochmals eine ganze Reihe von Kategorien und Links aufgelistet, was die Menge der Wahlmöglichkeiten enorm vergrössert. Zusätzlich, und wahrscheinlich für die meisten Internetbesucher eher als lästiges Beiwerk empfunden, locken die Werbeblocks und Anzeigen in der rechten Spalte und im Seitenkopf die Aufmerksamkeit auf sich. Ausschalten lassen sie sich nicht, aber hinter dem Bildschirmrand (mit Tasten Ctrl +) verstecken! Auf der Startseite sind immer die neusten Beiträge der Redaktion (blau), Artikelschreiber, Einladungen und Berichte im Club (rot) mit ihren Titeln ersichtlich, wie in einer Zeitung. Bereits hier gibt es noch Untermenüs in Artikel und Kolumnen, bzw. in Blogs, Gruppen und Foren. Aber es ist immerhin ein Ausgangspunkt zur ersten oder regelmässigen Orientierung. Haben Sie einmal Ihre Lieblingsrubriken gefunden, fügen Sie diese einfach durch Favorisieren Ihrem eigenen Verzeichnis («Mein Seniorweb» ) ein oder setzen ein Lesezeichen für den Browser. Suchen Sie einen älteren Beitrag, schreiben Sie das Stichwort in das Suchfenster oben rechts und setzen die Lupe an! Viel Glück auf www.seniorweb.ch informiert  unterhält  vernetzt

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SHELLAC OF NORTH AMERICA!

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ndlich in Bern! — Mit wenigen Worten viel zu sagen ist eine Kunst. Mit wenigen Pinselstrichen das selbe zu erreichen, ebenso. Dass das Berner Künstler-Kollektiv BlackYard in dieser Disziplin einige Meisterschaft besitzt, ist Eingeweihten längst klar, und wird mit dem Konzert-Plakat für den Anlass erneut unter Beweis gestellt. Shellac ist ein Ausnahme-Projekt. Für nicht wenige sind sie die beste Gitarren-Band schlechthin. Dabei hat das Trio seit seiner Gründung 1992 grad mal vier Alben herausgebracht, neben einem gerüttelten Mass an 7"-es, und einem auf 700 limitierten InstrumentalWerk, «The Futurist» (1997), geschaffen für die Modern-Dance-Truppe LaLaLa Human Steps, mit den 700 auf dem Cover eingravierten Namen der befreundeten Leute, welche das Vinyl geschenkt kriegten. Ihre Musik wurde als Noise-Rock bezeichnet, als Math-Rock auch, sie selbst nennen sich «A minimalist Rock Trio», was der Sache sicher am gerechtesten wird: Reduziert auf das Maximum, so könnte hinzugefügt werden, denn ihr Sound sucht an Intensität seinesgleichen. Dafür sorgen vertrackte, ineinander verwobene Gitarrenund Bassläufe, akzentuiert durch ein gnadenlos traktiertes Schlagzeug. Subtile Verschiebungen sorgen für Dynamik, ebenso wie der Gesang,

den alle drei beitragen.In den Texten gehe es um alles, was sie in der Welt beschäftige, proklamierten sie, also um «Baseball and Canada»: Da blitzt schon einmal ihr sarkastischer Humor auf, der sich auch in den legendären FrageAntwort-Ritualen entlädt, wenn sie während der Zeit, die das Nachstimmen der Instrumente beansprucht, das Publikum auffordern, Fragen an die Band zu stellen: «Why are you so damn good?» – «It’s because of the Drummer!». Todd Trainer, «the most handsome Man in Rock’n’Roll, King of Cool», gibt zwar bisweilen Schlagzeugstunden, wenn es die Zeit erlaubt, ist aber ansonsten der einzige der drei, dessen sonstige Jobs nichts mit Musik zu tun haben. Steve Albini, schon mit Bands wie Big Black und Rapeman zu notorischem Ruhm gekommen, und Bob Weston, früher mit den Volcano Suns aus Boston, Mission of Burma und Rachel’s unterwegs, betreiben in Chicago ein renommiertes Aufnahme- und Mastering-Studio, in dessen Küche unzählige Alben, unter anderen von P.J. Harvey, Nirvana, The Ex, Joanna Newsom, Godspeed! You Black Emperor, Mono, etc. ihren Schliff erhielten. Dabei wird, wie mit Shellac auf der Bühne oder im Studio, auf analoges Equipment und auf Perfektionismus gesetzt. Das ist mit ein Grund, warum die Band eher selten Live zu hören ist: Touren sind für die drei Ferien, und es kann auch vorkommen, dass sie für Anlässe wie ein Jubiläum von The Ex nach Amsterdam reisen, oder für eine Plattentaufe von Uzeda nach Sizilien, befreundete Bands zu unterstützen. Zum Spass können sie auch mal an einer Halloween-Party in ihrer Heimat als Sex Pistols auftreten, mit Jesus Lizard Frontmann David Yow als Johnny Rotten. Um auf das Konzert-Plakat von BlackYard zurückzukommen: Das zeugt von Kenntnis der Materie der Leute, denen der Musik-Zirkus nicht fremd ist, den sie von der D.I.Y.-Seite her bestens kennen, dass sie hier ein Kernstück des Röhrenverstärkers inszenieren, denn solche werden von der Band ausschliesslich verwendet, mit Vorliebe und wenn immer möglich ihre eigenen, von altertümlichem, russischem Fabrikat, um den authentischen, Trademark Shellac-Sound zu bewerkstelligen. Und dieser, knochentrocken und messerscharf, wird im Dachstock, diesem mit Holz bekleideten Raum mit der Dachschräge, mit einer perfekten Akustik, bestens zur Geltung kommen. (saw) Das Konzert von Shellac findet am Dientag, 5. Oktober 2010 im Dachstock der Reitschule statt, Tür: 20.30 h


Kulturessays

FILOSOFENECKE Von Ueli Zingg Kann man zugleich glücklich und trotzdem im Einklang mit der Moral leben? Otfried Höffe 2007

Never hesitate! Martin Suter 2003

P MARTHA GRAHAM DANCE COMPANY

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artha Graham, die grosse Architektin des Tanztheaters und des Modern Dance, gilt als eine der führenden Künstlergrössen des 20. Jahrhunderts. Am 1. April 1991 starb Martha Graham im Alter von 96 Jahren in New York. Die Dance Company wurde wieder aktiviert und sie spielt vom 5. bis 10. Oktober 2010 unter der künstlerischen Leitung von Janet Eilber im Theater 11 in Zürich. Mit der Entwicklung einer neuen BallettTechnik, welche die Fortentwicklung des Tanzes von Grund auf revolutionierte, schuf Martha Graham in über 60 Jahren ein choreografisches Lebenswerk, welches, bis zum heutigen Tag unerreicht, in der Geschichte der Darstellenden Kunst von Bedeutung ist. Weltstars wie Rudolf Nurejew, Margot Fonteyn oder Michail Baryschnikow waren zu Gast in ihrer Company. Stilbildende Tänzer-Persönlichkeiten, darunter Merce Cunningham, Paul Taylor, Elisa Monte und viele mehr zählten zu Grahams Elite-Schülern. Auch Pina Bausch benannte das episch signifikante Vokabular der Meister-Choreografin als eines ihrer Vorbilder bei der Findung einer eigenen Tanzsprache. Die Martha Graham Dance Company, mit einer neuen Generation von Tänzern, wurde jüngst auf internationalen Bühnen, unter anderem am Londoner Sadler‘s Wells, am Pariser Théâtre du Châtelet, und an der Berliner StaatsOper gefeiert. Jetzt kehrt Compagnie in einem exklusiven Gastspiel mit dem vielschichtigen Oeuvre von Martha Graham vereinigt, zurück nach Zürich, wo sie zuletzt 1954 im Opernhaus, dem damaligen Stadttheater, zu erleben war. Theater 11, Zürich: 5. bis 10. Oktober 2010 Di bis Sa jeweils 20 h, Sa zusätzlich 14.30 h, So 14 h Weitere Infos: www.musical.ch

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5 TAGE, 3 STÄDTE, 1 FESTIVAL SHNIT 2010

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ereits zum achten Mal läutet das Internationale Kurzfilmfestival shnit den Kinoherbst ein. Vom 06. bis zum 10. Oktober beschert ein buntgefächertes Filmprogramm die Bundeshauptstadt, Köln und Cape Town. Rund 300 Kurzfilme aus aller Welt flimmern über die shnit-Leinwände. Die shnit Kurzfilme werden in Bern in fünf verschiedenen Sälen präsentiert: Festivalzentrum ist der PROGR, das Kornhaus und neu das Kino Capitol I & II, das Kino Kunstmuseum und das Berner Stadttheater. Während fünf Festivaltagen und -Nächten lebt die Leidenschaft für den kurzen Film. Doch shnit wäre nicht shnit, wenn es nicht auch ganz anders könnte: shnit EXPANDED schafft Erlebnisse, die vor, neben und hinter der Leinwand stattfinden, und Publikum und Filmschaffende aktiv ins Geschehen mit einbeziehen. Gleich drei neue Formate bereichern shnit 2010. Die BRIGHT NIGHTS, mit der legendären slam movie night, SOUND CIRCUS, und TALENT SCREEN, mit dem REALTIME Filmwettstreit für die Filmtalente von Morgen. shnit in Zahlen Über 3’500 Einsendungen aus 109 Ländern haben den Weg nach Bern gefunden. Dieses Jahr steigen 114 Kurzfilme aus 32 Ländern in das Rennen. Publikum und Jury vergeben Preisgelder in der Gesamthöhe von CHF 43 000.-. shnit-grenzenlos 2003 startete shnit Bern, erweiterte 2009 nach Köln, um in diesem Jahr Cape Town zu erobern. shnit ist EIN Festival in verschiedenen Städten zur gleichen Zeit. Weitere Infos: www.shnit.ch Schlaue ensuite-LeserInnen schauen übrigens auf der Webseite www.ensuite.ch für Gratistickets! Wir haben für shnit EXPANDED BRIGHT NIGHTS (Sonntag 10.10. / 19:30 - 22:30) Gratiseintritte...

hilosophietheoretiker und Krimiautor, sie reden vom Gleichen. Nicht nur, weil Philosophie aus dem platonischen Ideal herab zur Welt gekommen und es in ökonomischen Kreisen zur Begrifflichkeit gebracht hat, ‹Unsere Geschäftsphilosophie lautet...›, nein, Höffe und Suter reden vom individuellen Glück und der Einbindung in die Sozietät, in den Gesellschaftsvertrag, in die Ethik. Es gibt nur eine gesellschaftlich vereinbarte Ethik und es gibt nur ein individuelles Glück, auch zu zweit. So unüberwindbar der Widerspruch erscheint, lebbar muss er nolens volens sein. Der ‹Einklang mit der Moral› meint die Bereitschaft des Einzelnen, seine Lebensentscheide in den Grenzen des sozial Vereinbarten zu fällen, ein tugendhaftes Dasein zu fristen. Glücklich, wer diese Einordnung ins Geforderte für das eigentliche Glück hält. Erinnern wir uns doch an die Lebensphase unserer Pubertät, die Halbstarkenzeit, wie diese in meiner Jugend hiess (wieso gab es damals keine halbstarken Frauen?) – genau das wollten wir nicht, Strandgut sein im gängigen Glück. Triebhaft jugendlich mussten wir sein, nicht getrieben tugendlich. Was wie ein Kalauer tönt, wissen wir heute klarer: Es ist die Untugend, welche eine Gesellschaft weiterbringt. Nicht der vorauseilende Gehorsam, nicht die Pünktlichkeit in kleinen und grösseren Verpflichtungen des Alltags, auch nicht die Verlässlichkeit auf Treu und Glauben. ‹Das Dementi der Erwartungshaltung durch das Veto der Realität, ist die Stunde der wahren Erfahrung› – sagt Odo Marquard. Real wollten wir sein, unbequem, und so das Glück für Alle erreichen. Das war der Irrtum. Moral ist nicht die eigene, sie ist die kategorische Umsetzung dessen, was in einer bestimmten Zeit als ethisch richtig gilt. ‹Die Einsicht in das Notwendige›, wie es Kant formuliert. Allerdings fordert uns derselbe Kant auf, unsere eigenwilligen Entscheide daran zu prüfen, ob sie gegen die geltende Moral zur Grundlage einer neu gedachten Gesellschaft gemacht werden können. Wer zögert, setzt das Denken über das Animal, passt sich früher oder später ein. Wer das gesellschaftlich unabhängige Glück sucht, scheitert. Früher als später. 29.10.2010 – Kramgasse 43 – 1915 Uhr.

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Mittwoch 20. Oktober 20.00 Uhr

Preis für junge Kunstjournalistinnen und –journalisten Der Preis will junge Kunstjournalisten und –journalistinnen in ihrer eigenständigen Weiterentwicklung fördern. Er will damit der Tatsache begegnen, dass der Kunstjournalismus in den Printmedien qualitativ und quantitativ in der Defensive ist. Der Preis wird alle drei Jahre ausgerichtet, zum zweiten Mal im Frühling 2011. Die Bewerberinnen und Bewerber haben folgenden Kriterien zu genügen:  Höchstalter 32 Jahre.  Publikationen im deutschsprachigen Raum.  Spezialisierung auf Kunstkritik oder konkrete Pläne in dieser Richtung.  Einreichung von mindestens drei kürzeren bis längeren Kritiken, Interviews oder Porträts von Künstlerinnen und Künstlern, wenn möglich bereits publiziert. Es werden ausschliesslich Beiträge aus Tages-, Wochen- oder Monatspublikationen erwartet (keine Katalogtexte).  Teilnahmeberechtigt sind ausschliesslich Einzelpersonen. Es werden drei Preise vergeben: 1. Preis: 2. Preis: 3. Preis:

6 000 Franken 4 000 Franken 3 000 Franken

Alle Preisträger haben die Möglichkeit, in einer renommierten Kunstzeitschrift oder in einer Tageszeitung nach Absprache einen honorierten Beitrag zu publizieren. Bewerbungen sind bis 31. Januar 2011 (Poststempel) zu richten an: Raphael T. Rigassi Kräyigenweg 37 3074 Muri

www.kunstjournalismuspreis.ch

Papiermühlestrasse 13d Grosser Konzertsaal 3014 Bern

Konzert Crosslink Music III Im Zentrum des Konzertprogramms steht die traditionelle chinesische Musik: Pipa, Erhu und Guzheng gehören zu den prägenden Instrumenten und sind individuell zu hören, gespielt von hochkarätigen Instrumentaldozierenden der Musikhochschule in Peking. Darüber hinaus interessieren aber nicht nur der spezifisch chinesische Ton, sondern Formen von Überkreuzungen und Durchmischungen aller Art: so etwa die Aufführung einer chinesischen Komponistin für westliche Instrumente und im Gegenzug die Uraufführung von Valentin Martis Trio für chinesische Instrumente wie auch Werke von aktuellen chinesischen Komponisten für chinesische Instrumente. Dabei wird hörbar, was im interkulturellen Austausch an neuen Ausprägungen entsteht, wie sich Herangehensweisen kreuzen und inwiefern sich Fragen an das Hier und Jetzt ergeben, die zu stellen sich in einer globalisierten Welt mit grosser Intensität aufdrängen.

Programm: Fejnan Wang Melting Clock, für Streichquartett (2009) 1. Melting Clock 2. Red Lip 3. Mustache Trad. Fluss Erhu solo, Northeast Folk Music; Arr. Huang Haihuai Wu Hua Tiefe Nacht (Arr. Wang Zhongshan) Guzheng Solo Liu Mingyuan Little Henan tune Erhu und Guzheng

Trad. Tang Poesie von Anlun Huang Flöte solo: Qiling Chen, Flöte Valentin Marti Desert Winds, UA (2010) für Erhu, Pipa und Guzheng Yang Jing Dance along the old silk Road Pipa solo Trad/Bearb. Yang Jing Ancient Chinese music: Moon light over spring River Pipa, Erhu, Flöte und Guzheng Trad/Bearb. Steps higher & higher


Kulturessays

K ULTUR

DER

P OLITIK

Heute hatte ich ein Flash-Back Von Peter J. Betts

«

Heute hatte ich ein Flash-Back», schreibt der Geologe und Fotograf Alexander «Wolfx» Egger: «Anfangs der 70er Jahre war ich für die nationale Kommission zur Erforschung und Prospektion uranhaltiger Mineralien in vielen Kraftwerkstollen, und auch in den Tunnels der Autobahn ins Tessin unterwegs. Die Schweiz wollte damals eine Atommacht werden. Es waren hauptsächlich Süditaliener, die diese Stollen gesprengt haben. Sie werden später wohl nur selten in den Genuss, diese Strassen zu benutzen, gekommen sein...» Voraussichtlich wird am 15. Oktober 2010 der Durchstich des neuen Gotthardtunnels mit allem Drum und Dran zelebriert werden. Voraussichtlich, denn die Sicherheit geht vor, behaupten, hoffentlich glaubwürdig, die Verantwortlichen. Noch sind einige hundert Meter mutmasslich harten Gesteins zu bohren, sprengen, räumen, und die Röhre ist abzusichern. Unvorhersehbare Probleme, etwa lockeres Gestein oder Wasser, können jederzeit das von den Festlichkeitsorganisationen gesetzte Ziel hinauszögern. Hunderte von Arbeitenden sind bei und in der Baustelle Sedrun jede Nacht (im Tunnel ist es immer Nacht) während vierundzwanzig Stunden im Schichtbetrieb beschäftigt: unter anderem Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und Ostdeutschland, aus Österreich, Polen, Portugal, Italien, der Türkei, und einige aus der Schweiz, diese häufig in leitenden Positionen; auch etwa zwanzig Frauen (aus Administration, Küche, dem Putzteam, Ingenieurinnen, Geologinnen), gehören zum Team. Die meisten der Arbeitenden wohnen durchschnittlich acht- bis neunhundert Kilometer vom Arbeitsort entfernt, und die meisten von ihnen sind bereits auf der Suche nach einer nächsten Tunnelbaustelle. Zwei heikle Vertikalbohrungen sind vorab erfolgt: für die erste war ein Team von Spezialisten aus Südafrika beigezogen worden, die zweite (man hatte gelernt) wurde vom Normalteam durchgeführt. Während zehn Tagen arbeiten die Leute im Loch in drei Schichten zu acht Stunden, bei auf 28 Grad Celsius heruntergekühlter Temperatur, in Staub, Dreck, Lärm und Gestank mit einer Vierzigminutenpause fürs Essen. Pro Tag erfolgt etwa eine Sprengung, die Gesteinsbrocken werden von einer gewaltigen Maschine aus dem gesprengten Felsen nach hinten transportiert, in Mahlwerken zertrümmert und verkleinert – das brauchbare Material wird zu Zement verarbeitet, um die gesprengte Röhre abzusichern. Tag für Tag für Tag. Nach zehn Tagen: vier Tage Pause. Ein Süditaliener etwa fährt mit dem Auto nonstop nach Mailand, fliegt nach Neapel, wird dort von Tochter, Sohn, Frau oder

ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

Schwiegertochter mit dem Auto abgeholt, am dritten Tag: auf gleiche Weise zurück; die Polen fahren, nur mit Pausen zum Auftanken, in Fahrgemeinschaften nach Hause; auch sie sind nach vier Tagen wieder im Tunnel. Nach der Arbeitsschicht wohnen sie in ihren Einzelzimmern, die meisten haben einen eigenen Fernseher – der gemeinsame Fernseher wird kaum benützt (auch nicht während der Fussball-WM). In der Kantine gibt es für sieben Franken reichliches und gesundes Essen – der Grossteil verpflegt sich selber, bringt das eingesparte Geld nach Hause. Die Siedlung der Arbeitenden (seit über zehn Jahren ist die Baustelle im Betrieb) am Rande der Terrasse, auf der auch das Dorf Sedrun steht (Chur, der nächste grössere Ort, fünfundsiebzig Minuten entfernt). Ein Bähnchen führt von der Siedlung zur Baustelle hinunter. Können Sie sich den Dreissigjährigen Krieg ohne Marketenderinnen vorstellen? Nicht weit von der Baustelle gibt es, wie es sich für einen Feldzug gehört, ein Bordell. Sehr diskret. Der Unia (Gewerkschaft) Vertreter, Roland Schiesser, hatte eine Idee gehabt: mit dem Durchstich sollten alle Mitarbeitenden der Baustelle Sedrun (und die noch erreichbaren AbgängerInnen) ein besonderes Geschenk erhalten. Die Arbeitsgemeinschaft der Unternehmer, Transco, unterstützt die Idee: so finanzieren denn UNIA und TRANSCO gemeinsam dieses Geschenk – schon das ein kleiner Akt der Solidarität, ein Hauch glaubwürdiger Kultur. Es soll ein ganz besonderes Buch für alle ArbeitnehmerInnen geschaffen werden. Eine gewaltige organisatorische Herausforderung und Leistung der Verwaltungsleute! Der Buchdeckel sieht täuschend echt wie das harte Gotthardgestein aus, Streifengneis, durch das Buch führt ein quadratisches Loch von Deckel zu Deckel: wohl nicht erklärungsbedürftig. Natürlich enthält das Buch sinnige Texte, sicher mit tief empfundenen Dankesworten und einer Prise Stolz auf den eigenen Unternehmergeist, etwa von den Herren Hämmerli und Leuenberger. Aber vor allem enthält das Buch, pars pro toto, rund sechshundert Porträtfotos von allen Mitarbeitenden (Crew 2010, so weit als möglich Abgänge 2009), mit Namen, Funktion, Herkunftsland; die Hierarchien durch das Alphabet bestimmt. So ist auch eigens einer der Abgänger aus Thüringen zum Fototermin angereist. Wolfx Egger hatte den Auftrag, alle Erreichbaren zu fotografieren. Während sechzehn Tagen hat er gegen zwanzigtausend Bilder geschossen, dreissig bis siebzig pro Person. Ein einziger Mitarbeiter ist - trotz dreimaliger Einladung – nicht erschienen. Fast keiner direkt aus dem Loch. Fast alle frisch geduscht.

Wolfx hat mit jedem der Sechshundert während drei bis fünf Minuten eine - wenn auch flüchtige, so doch beidseitig glaubwürdige persönliche Beziehung aufzubauen versucht; alle wussten, worum es ging - alle vor und hinter der Kamera -, sie erzählten etwa, woher er oder sie kommen, etwas von den persönlichen Beziehungen. Austausch. Rund sechshundert echte Kurzdialoge. Nach etwa einem Drittel der Fotostrecke wussten alle Bescheid, und freuten sich auf die Fotosession, wie sie sich auf das Geschenk selber freuen. Alle Sechshundert wurden mit Helm (nicht dem eigenen) abgelichtet: gelb für Mineure und Grundarbeiter, grün für Elektriker, blau für Mechaniker und Schlosser, weiss für Leitende und Administration. Das Team aus dem Bordell ist bildmässig ausgeklammert. Aus Diskretionsgründen. Kein Grund, dass sie auch pro Memoria das Buch erhalten? Wie Wolfx in seinem «Flashback» sagt: die wenigsten von den MacherInnen werden dereinst von diesem Loch profitieren. Sicher wurden und werden sie anständig bezahlt, mit höherem Stundenansatz als in der Baubranche sonst üblich. Aber, was sie geleistet haben – auch wenn die Entbehrungen und Gefahren kaum mit jenen des ersten Gotthardtunnelbaus verglichen werden können – stellt ausserhalb von Businesskalkül ein monetär nicht bezifferbares Geschenk an alle Nichtbeteiligten dar. Das Buch mit Streifengneisdeckel und Loch durch die Mitte ist eine beachtliche kulturelle Geste, denn nicht erzwungener Dank ist Kultur pur. Und bei dem, was man hier verdankt, geht es nicht um die Erfüllung von Träumen, eine Atommacht zu werden, sondern buchstäblich – wenn meinetwegen auch monetär motiviert – um greif-, fühl-, erlebbare und, wie es sich für dieses Land gehört, einträgliche Kommunikation in spe. Auch ein kulturelles Zeichen im Politalltag? Dass dann das Buch für alle anderen verschwinden wird, also nicht in den Buchhandel kommt, macht es sehr besonders. So besonders wie die Beteiligung aller an diesem Tunnel. Bordellbesatzungen eingeschlossen. Andererseits, ich persönlich finde es schade, nicht zu diesem denkwürdigen Werk kommen zu können. Schade zu wissen, dass es wohl kaum in der Nationalbibliothek oder in anderen Bibliotheken zu finden sein wird. Eine ISBN-Nummer hätte diese Situation, ohne Wertschmälerung des Geschenkes, wohl ändern können. Vielleicht in der zweiten Auflage? Jedoch: wenn ein Geschenk nicht zum Geschäft werden darf, ist das politische Kultur auf höchster Ebene, mögliche Paradigmenwechsel suggerierend.

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Kulturessays

AUSSERHAUS

Auf Schienen durch Europa Von Hannes Liechti

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iereinhalb Wochen lang im Zug durch Europa. Von Griechenland bis Finnland; Google-Maps kommt auf über 10'000 Kilometer. Ein Reisebericht über die Entdeckung der Langsamkeit, Bahnhöfe, die Geschichte des Zugfahrens, und das Projekt Europa. Kurz, über Kultur auf und neben den Schienen.

«Ir Ysebahn sitze die Einte eso Dass si alles was chunnt scho zum Vorus gseh cho Und dr Rügge zuechehre dr Richtig vo wo .. dr Zug chunnt» Mani Matter besingt in seinem Lied einen Konflikt zwischen jenen Zugpassagieren, die vorwärts fahren, und jenen, die sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung hingesetzt haben. Gut möglich, sogar sehr wahrscheinlich, dass der Berner Troubadour sein Lied heute umdichten müsste. Zahlreiche Tunnels und die Flugzeugbestuhlung erübrigen die Frage nach der Blickrichtung. Nostalgiker und Futuristen sind gezwungen, in die gleiche Richtung oder ins Schwarze zu schauen. Und auch die immer schneller werdenden Züge lassen alles zwischen Bahnhof A und B immer unwichtiger und nebensächlicher erscheinen. Die Interrailreise bot mir die Möglichkeit, für einmal wieder verschiedene Blickrichtungen einzunehmen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. I. Die Entdeckung der Langsamkeit 1983 schrieb der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny den Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» und porträtierte dabei den englischen Kapitän und Polarforscher John Franklin. Im Gegensatz zu Mani Matter muss Nadolny seinen Roman aber nicht umdichten, er ist nach wie vor aktuell: Die Langsamkeit muss zuerst entdeckt werden. Wunderbar geht das zum Beispiel in den polnischen Nahverkehrszügen. Oder im Balkan-Express von Thessaloniki nach Belgrad: Aus einer zweistündigen Abgangsverspätung wurde eine fünfstündige Ankunftsverspätung. Zeitweise schien der Zug mit nicht mehr als etwa 50 Stundenkilometern durch den Balkan zu tuckern. Die Bezeichnung «Express» ist also

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definitiv übertrieben. Während hierzulande die Nerven ja bereits bei einer Verspätung von wenigen Minuten blank liegen, funktioniert das auf Interrail jedoch ohne Verlust derselben: Auf Interrail darf man dafür Zeit haben. II. Das Zentrum der Reise Diese Zeit gab mir die Gelegenheit, zu lesen. Alles, was sich in letzter Zeit so angesammelt hatte. Darunter auch ein Büchlein von Peter Bichsel. Und es gibt wohl nichts Passenderes, als im Zug Bichsel zu lesen. Er, der nicht nur zum Zugfahren eine ganz besondere Affinität entwickelt hat, sondern vor allem auch zum Ort des Bahnhofes an sich. Was für Bichsel schon seit jeher die «Mitte einer anderen Welt» war, hat sich für mich zum Zentrum der Reise entwickelt. Allerdings pflegte ich die Bahnhöfe jeweils etwas länger zu verlassen, als Bichsel im Film Zimmer 202. Trotzdem sind mir von vielen Orten charakteristische Erinnerungen geblieben: So ist in Rom die Bahnhofskirche unübersehbar. In Neapel wurde mir von der Bahngesellschaft geraten, anstelle des Zuges doch ein privates Busunternehmen zu benutzen. In Dänemark werden die ursprünglich französischen Wörter «Perron» und «Bureau», wie bei uns, ebenfalls verwendet. In Patras bekam ich ein handgeschriebenes Ticket, und der Hauptbahnhof von Athen ist kaum grösser als jener von BümplizNord. Das dafür umso unübersichtlichere Pendant in Warschau wurde zu Beginn der 70erJahre aus Anlass eines Besuches von Leonid Breschnew gebaut. (Der Parteichef der KPdSU litt unter Flugangst.) III. Die Geschichte des Zugfahrens Interrail, das bedeutet Zug fahren. Und immer wieder stösst man dabei auf verschiedene Funktionen, welche die Eisenbahn von der Vergangenheit bis heute innehatte. Auf dem Weg von Athen nach Thessaloniki schlängelte sich der Zug beispielsweise inmitten einer hügligen Landschaft an zerfallenen Steinhütten vorbei, die von der früher wohl wichtigen Erschliessung dieser Gegend durch die Eisenbahn zeugen. In Polen, einige Kilometer weiter, öffnete sich ein dunkles Kapitel: Dort wurden im zweiten Weltkrieg mit Hilfe der Eisenbahn Millionen von Juden und Angehörigen von weiteren Menschengruppen in den Tod transportiert. Das Eisenbahngleis führte bis ins Innere des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, in der Nähe von Krakau. In Skandinavien zeigte sich schliesslich eine heute immer wichtigere

und nicht ganz unproblematische Funktion der Eisenbahn: der Pendelverkehr. Täglich pendeln mehrere Tausend Menschen über die Öresundbrücke zwischen Südschweden und Kopenhagen. Die dazwischen liegende Grenze wird schon lange nicht mehr wahrgenommen. IV. Das Projekt Europa Interrail, das bedeutet Zug fahren in Europa. Doch was ist eigentlich Europa? Die Interrailreise zeigte mir Europa mit all seinen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Interessant waren nicht nur die verschiedenen Mentalitäten, die sich besonders in ganz praktischen Dingen wie den Essgewohnheiten, klischeehaft herauskristallisierten, sondern auch politische und religiöse Unterschiede. So spürte man in der noch jungen Republik Polen einen omnipräsenten Patriotismus, welcher in Zentraleuropa undenkbar wäre. In ebendiesem Polen fiel die erdrückende Dominanz der katholischen Kirche auf, was sofort an Italien erinnerte. Vergeblich sucht man aber Ähnliches in der Slowakei, oder in Skandinavien. Es war dabei wichtig, nicht nur einen einzelnen Städtetrip gemacht zu haben, sondern die ganze Reise an einem Stück. Es blieb pro Station zwar nur wenig Zeit, dafür wurden die Distanzen innerhalb Europas ganz neu erfahrbar. Eine venezianische Tonscherbe im Museum des mittelalterlichen Turku in Finnland ist nicht mehr einfach nur ein archäologisches Bruchstück. In der noch wachen Erinnerung an die drei Wochen zuvor besuchte Lagunenstadt, wurde die mittelalterliche Bedeutung eines venezianischen Kruges vorstellbar. In einer Zeit ohne motorisierten Verkehr war Venedig in Finnland vermutlich, was für uns heute Shanghai oder Tokio ist. Die Interrailreise schärfte den Blick für das Andere. Auch wenn es «nur» Europa ist. V. Am Ende der Welt In Gokels, einem kleinen norddeutschen Dorf in der Nähe Lübecks, fand ich, was die Reise bislang vermissen liess: die Natur. Es schien, als sei ich am Ende der Welt angekommen – ein Pfeil mit der Aufschrift «letzter Wegweiser» bestätigte dieses Gefühl zusätzlich. Freilich, dieser Halt war nicht geplant, durch das Einsteigen in einen falschen Zug aber selbstverschuldet. Auch das gehört zu Interrail und war nach all den Städtetrips eine willkommene Abwechslung. Ich dachte an Peter Bichsel: «Ich mag es, Züge zu überspringen.»


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VON MENSCHEN UND MEDIEN

Ihr könnt’s auch ganz weglassen Von Lukas Vogelsang

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ndlich, dachte ich, als ein Journalist (Name der Redaktion bekannt) eines Tages in der Redaktion anrief, interessiert sich mal die Presse um die Qualität und Funktion der Kulturmedien. Die Konsumentenzeitschrift SALDO hatte den Auftrag erteilt, einen Artikel über Kulturmagazine zu schreiben. Über eine halbe Stunde dauerte das Gespräch mit dem Journalisten – mit jeder Minute wurde das Gespräch spannender und seine Überraschung, was das Thema alles mit sich zog, grösser. Sympathisch, gute Fragen, gute Sachkenntnisse – er war selber mal bei der «Programmzeitung» in Basel involviert, war also auch ein wenig Insider. So machen Gespräche Spass. Es geht um die Sache und nicht um die Pfanne. Nach einem Monat war es dann soweit: «Kulturmagazine: Im Dilemma zwischen Lesern und Veranstaltern». Das klingt nach einem interessanten und recherchierten – vor allem aber nach einem Text, der dem Kern der Problematik der Kulturmagazine auf den Grund geht. ensuite gibt es seit acht Jahren und ich habe noch nie einen Artikel zu diesem Thema gelesen. Auf fast zwei Seiten werden Banalitäten über Kulturmagazine wiedergegeben. Teils sogar so falsch, dass es in einer späteren Ausgabe einer Korrektur bedurfte. Es werden hauptsächlich Kulturmagazine aufgezählt, und deren Umgang mit Promo- oder Public Relations-Artikeln erwähnt – das Ganze hat keine Tiefe. Alle werden erwähnt: Züritipp (Zürich), Apero (Luzerner Zeitung), Kulturwoche (Basel), Programmzeitung (Basel), Kulturmagazin (Luzern), Saiten (St. Gallen), Kolt (Olten), Juli (Aarau), Berner Kulturagenda – doch

ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

von ensuite keine Spur. Kein Wort, kein Hinweis, nicht mal indirekt. Wir existieren einfach nicht. Dabei hätten wir zu diesem Thema so einiges beitragen können, was jetzt gar nicht zur Sprache kam: ensuite ist, neben den Beilage-Produktionen der Tageszeitungen, das einzige Kulturmagazin, welches nicht von Veranstaltern oder der öffentlichen Hand bezahlt ist. Wir sind wirklich unabhängig und kein Promo-Magazin für Events. Das Magazin ist das Einzige, welches in zwei überkantonalen Grossstädten aktiv ist, und entsprechend über ganz andere Erfahrungen berichten kann. Und es ist schlussendlich das BundesstadtKulturmagazin, welches über die Landesgrenzen hinaus sichtbar ist (wir werden im Deutschen Literaturarchiv geführt). Dass wir mit 70 Personen die grösste Kulturredaktion im Land sind, oder dass ensuite gerade die Eventvorschau, den Kulturkalender, und die redaktionellen Teile sehr bewusst aufteilt … das alles hat anscheinend in der SALDO-Redaktion kein Echo gefunden. Sogar Google wirft uns an die erste oder zweite Stelle. Mir war klar dass der Journalist mit diesem Artikel nicht mehr viel gemeinsam hatte. Aber er ist mitverantwortlich. Logisch, dass dies auf grosses Unverständnis stiess. Ich schrieb dem Verlag, und hörte über eineinhalb Wochen nichts, bis sich Rolf Hürzeler, der Redaktionsleiter von SALDO, bei mir telefonisch meldete. Sowas peinliches habe ich noch selten erlebt. Es war vom ersten Pip an klar, dass sich Hürzeler nicht wirklich interessierte. Das Telefongespräch hatte für ihn einzig den Zweck, mich milde zu stimmen. So von Kollege zu Kolle-

ge. Am liebsten hätte er mir wohl eine Bratwurst in die Hand gedrückt und mit der fettigen Hand die Schulter geklopft. Spätestens als er läppisch zu Lachen anfing, als ich ihm erklärte, dass es einen Unterschied zwischen Kulturagenden und Kulturmagazinen gibt, war mir klar, dass er den Artikel zu verantworten hatte. So meinte er eben auch, dass man den Artikel umschreiben musste, und erst später das eigentliche Thema darüber stülpte. Dass ensuite verloren ging, war nach ihm ein nicht absichtlicher Fehler. Sich zu entschuldigen kam ihm nicht in den Sinn. Liebe Chefredaktoren: Nehmen wir doch mal die Recherche aus den Geschichten weg. Wir können viel Zeit und Geld sparen. Streichen wir doch egal was aus den Artikeln raus, und erklären wir der Welt was übrig ist. Aber mit einem grossen Bild bitte. Die LeserInnen können das schlecht überprüfen und niemand fragt etwas danach. Mit keinem Wort erwähnt übrigens der Artikel, dass das auf der letzten Seite vom betreffenden SALDO beworbene «kulturtipp»-Kulturmagazin, mit Vorschauartikeln zu Film, Bühne, Kunst und Konzerten, zum eigenen Verlag gehört. SALDO, K-Tipp, Kulturtipp – sie alle werden ironischerweise von der Kosumenteninfo AG in Zürich produziert. Dass nirgendwo steht, dass dieses Magazin das frühere Radiomagazin vom DRS ersetzt, und entsprechend die Radioprogrammdaten, vor allem deren Finanzierung, und die Übernahme der AbonnentInnen, nicht ganz über alle Zweifel erhaben sind, steht natürlich im oben beschriebenen Artikel nicht. Wen soll’s auch interessieren?

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Kulturessays

E SSEN

UND TRINKEN

Die gezähmten Wilden Von Barbara Roelli

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ie sehen aus wie Spaghetti – sind hellbraun, haben eine mehlige Konsistenz, und den typisch erdig-süssen Geschmack von Marroni: Die Vermicelles. Auch wenn sie sich scheinbar als wilder Haufen auf dem Dessertteller ausbreiten – sie sind nicht wild. Sie sind gezähmt, durch Menschenhand in eine künstliche Form gepresst. Die Marroni, aus denen Vermicelles gemacht sind, das sind die echten Wilden; die mit den stacheligen Panzern, mit denen sie ihre Feinde abschrecken. Ihr kostbares Inneres wissen sie zu schützen, ummanteln die Frucht mit Stacheln, und machen sie so noch unantastbarer und begehrenswerter für den Menschen. Was nicht einfach zu finden ist, und irgendwo verborgen liegt, das reizt den Menschen. Der Jäger in ihm will entdecken und erobern. Und dieser Urinstinkt erwacht von neuem im Herbst, wenn die Sonne golden scheint, der Himmel tiefblau leuchtet, und die Fernsicht gut ist. Dann zieht der Mensch in die gelben Wälder und forstet den Boden nach Pilzen ab; scheucht das Reh vor seine Flinte, und sucht im dichten Herbstlaub nach den edlen Kastanien, den Marroni. Und wenn er sie gefunden hat, muss er sich zuerst geschickt anstellen, damit er die kräftig braunen Früchte aus ihrem stacheligen Panzer befreien kann: Dafür drückt er mit seinen Schuhen den Panzer von den Früchten, und sie liegen ihm zu Füssen. Bis drei Stück pro Panzer gewinnt der Mensch so aufs Mal. Eine weiche Form haben sie, die Marroni. Sie erinnern an Tropfen, und liegen gut in der Handfläche. Das kräftige Braun glänzt an der bauchigen Stelle - genau dort, wo der Mensch einen Schlitz in die Schale ritzt, bevor er die

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Bild: Barbara Roelli

Marroni im Ofen oder in der speziell dafür gefertigten Pfanne brät. In der Hitze springt die braune Schale auf und endlich kommt das gelbe Fruchtfleisch zum Vorschein. Dann hat er es geschafft, der Mensch: Die Marroni geben ihr Innerstes Preis. Und dieses wertvolle Innere glasiert er mit geschmolzenem Zucker, und verkauft die süssen Seelen als «Marrons Glacés» für teures Geld. Am wenigsten an ihren Ursprung erinnern die Marroni, wenn sie weich gekocht und zu Püree verarbeitet werden. Danach sind sie eine gesichtlose, hellbraune Masse. Marroni-Püree, Purée de marrons, oder Purea di castagne kauft der Mensch en bloc, wie ein Mödeli Anke; in gut stapelbare Form gepresst und eingepackt in ein plastifiziertes, fettabweisendes Papier. Zum Konservieren wird das Püree tiefgefroren und braucht deshalb einige Zeit, um zum Verarbeiten weich und geschmeidig zu werden. Dann lässt es sich problemlos in Würfel schneiden. Diese füllt der Mensch in das Rohr einer Presse, und stösst die Masse durch das Lochblech. So stellt er «Vermicelles» her, «Würmchen» auf Französisch. Marronispaghetti könnte man sie auch nennen. Das ursprünglich Wilde der Marroni sieht man den Spaghetti nicht mehr an - was vom Wilden zurückbleibt, ist nur der charakteristische Geschmack: Erdig; wie Waldboden, leicht modrig; wie nasses Herbstlaub, trocken, angenehm natürlich süss, ein kostbarer Geschmack irgendwie. Vermicelles essen heisst, ein Stück Herbst auf der Zunge spüren und merken, dass der Sommer nun endgültig vorbei ist. Und werden die Vermicelles noch mit etwas Kirsch verfeinert, so rückt das erste Fon-

due der Saison auch schon ganz nah, und der Mensch sieht schon vor sich, wie er die dünne Gabel mit dem Stückchen Weissbrot ins klare Kirschwasser taucht. Das Brot saugt den Kirsch auf wie ein Schwamm, bevor es ein Bad im sämigen Käse nimmt. Nicht nur Kirsch verfeinert das erdige Aroma der Vermicelles, es sind auch die treuen Begleiter Schlagrahm und Meringues. Und dabei zaubern sie aus dem wilden Haufen von Marroni-Würmern ein ansehnliches Dessert. Auch bei Schlagrahm und Meringues drückt der Mensch wieder Massen aus Spritztüten, und formt sie zu künstlichen Gebilden. Das steif geschlagene Eiweiss für die Meringue verharrt nach dem Backen in der gespritzten Wellenform. Der zu Rosetten gespritzte Rahm legt sich wie Schmuck auf die Vermicelles, macht sie lieblich und harmlos. Und wenn sie auch noch in einem Coupe-Glas serviert werden, in der obersten Rahmrosette eine kandierte Kirsche steckt, und das ganze in einem Tea Room mit Polstersesseln und Kronleuchtern gegessen wird – ja dann: Dann sind die Vermicelles vollends ihren Wurzeln entrissen. Vielleicht erinnert sich der Mensch daran, wo die anonyme Masse herkommt, bevor sie durch die Vermicelles-Presse gestossen wurde, bevor sie zu einem Mödeli verpackt und gestapelt wurde. Da waren einmal tropfenförmige Früchte in einem stolzen, glänzenden Braun. Diese Früchte waren ummantelt von einem Panzer aus Stacheln. So waren die Marroni: widerspenstig, widerborstig, wild. Bis eines Tages der Mensch kam, und sie zähmte.


Kulturessays

ÉPIS FINES K LEIDER

Von Michael Lack

MACHEN

L EUTE

Das Kleidertheater Von Simone Weber G

FEINES HAUSBROT Das einfachste und beste Brot für den Sonntagmorgen-Brunch! Zutaten: 6,5 dl Wasser 25gr Salz 20gr Zucker 1 kg Weismehl 40gr Hefe Vorbereitung: - Ein Handtuch mit warmem Wasser tränken und gut austropfen - Eine grosse Schüssel bereit stellen - Backofen auf 220c° vorheizen - Backblech mit Backpapier bereit stellen Zubereitung: Salz und Zucker mit dem lauwarmen Wasser mischen. Die Hefe dazugeben und langsam auflösen lassen. Das Mehl in die grosse Schüssel geben und das Hefe-Wasser- Gemisch langsam einfliessen lassen, beifügen. Nun den Teig etwa 30 min kneten bis er schön geschmeidig ist. Das feuchtwarme Handtuch darüber legen und etwa drei Stunden aufgehen lassen. Nun den Teig zu einem Brot formen und auf dem Backblech bei 220°c etwa 35- 45 min backen lassen. Tipp: Das geformte Brot vor dem backen mit etwas Wasser bestreichen und Sesam, Sonnenblumenkernen oder Mohn darüber streuen!

eht man an einem milden Samstagnachmittag durch die überfüllten Strassen einer belebten Stadt, fällt auf, in welch unterschiedliche Schalen wir Menschen uns hüllen. Bereits der ehrwürdige Soziologe Erwin Goffman erkannte, dass menschliche Kreaturen ein Leben lang Theater spielen. Wir sind die reine Inszenierung unserer selbst! So, wie wir gerne sein wollen, möchten wir von anderen gesehen werden, und schlüpfen dafür in die entsprechenden Rollen. Und die Kleidung scheint ein Mittel zu sein, diese Rolle aus der Distanz erkennbar zu machen. Wir unterliegen dem schier unkontrollierbaren Zwang, andere nach deren Aussehen zu beurteilen. Jedem ist bewusst, das er aufgrund seiner Kleidung in eine Schublade gesperrt wird, genau so, wie wir es mit andern tun. Wir bestimmen also gewissermassen selbst in welches Schema man uns pressen soll. Was denkt ihr beispielsweise über diese grosse schlanke Frau, bei der Bushaltestelle? In ihren hohen Schuhen mit dem langen dünnen Absatz und den scharlachroten Sohlen, wirkt sie noch grösser und irgendwie unnahbar. Dazu trägt sie einen klassischen Zweiteiler, unten Bleistiftrock, oben Blaser, aber nicht, wie ihr vielleicht erwartet, eine Bluse. Nein, unter dem Blaser trägt sie ein Tanktop, weiss. Was ist ihre Rolle? Ist sie Geschäftsfrau? Wahrscheinlich wohlhabend, aufgrund der Markenschuhe. Bank? Nein, geht nicht mit Tanktop! Werbung vielleicht. Sieht nach Karriere aus, betont locker, hat irgendwie etwas Stolzes, Dominantes, aber soll ungezwungen wirken, so aus dem Ärmel geschüttelt quasi. Der Typ, der gerade an ihr vorbei gegangen ist, fährt eindeutig die «Passt auf: ich bin voll krass drauf»-Schiene. Die Hosen hängen in der Mitte des Allerwertesten – «Ich nehm alles voll easy», oder vielleicht eher: «Leckt mich am Arsch», oder: «Mir ist alles scheissegal»? Definitiv gehört er der Hip HopSzene an, Käppi auf dem Kopf wie Tick, Trick und Track, irgendein protziges silbernes BlingblingKettchen um den Hals. Sieht aus als würde es ein Kilo wiegen und soll wahrscheinlich soviel sagen wie: «Ich hab massenweise Kohle». Blöd nur, dass man selbst auf Distanz erkennt, dass das Zeug dreckbilllig war und nur nach Geld aussehen soll. Ja es gibt auch Menschen, die eine Rolle verkörpern wollen, aber es gelingt ihnen nicht ganz. Wahrscheinlich schmunzeln wir deshalb über ihre Tarnung, weil wir sie entlarvt haben. «Ich hab Geld und ich weiss was Trend ist, was man haben muss – und genau das besitze ich auch» sagen übrigens auch seine Sneakers, von Nike, es

ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

könnte nicht grösser draufstehen. Auch interessant ist der junge Mann etwas weiter hinten. Er trägt eine weite Leinenhose, an den Knien breiter als an den Knöcheln, gesteift in den Farben weinrot, gelb und olivgrün. Dazu ein hellblaues, langärmliges Baumwollshirt. Sandalen. Diese Sorte, die man auch zum Wandern und Baden tragen kann, mit den Klettverschlüssen. Sein dunkles Haar ist wild und ungezähmt. Was er uns über sich glauben lassen will? Vielleicht: «Eure Mode ist mir egal, ich bin ein Fisch, der nicht mit, sondern gegen den Strom schwimmt»? «Ich bin ein Subjekt in dieser riesigen Gesellschaftssuppe, das seine Individualität auslebt und sich selbst treu bleibt»? Oder: «Ihr Kapitalisten mit euren unnötigen Fummeln versteht die tiefe des Lebens nicht. Ihr werdet nie zu Lebenskünstlern, die sich selbst treu sind. Ihr seid gefangen in euerm System und spielt ein Zahnrädchen im Untergang der Welt. Schaut mich an, ich bin eins mit der Natur, dem wahren Wesen des Lebens. Ich unterstütze keine Kinderarbeit, keine Chemie-Industrie, und bezahle nicht für Markennamen.» Und die Dame in den dunkelblauen Jeans, mit schwarzem T-Shirt und den silbernen Schläfen im sonst braunen Haar? Welche Rolle spielt sie uns vor? Die Unscheinbare, nicht gewillt aufzufallen? Angepasst, brav? Ein Samenkorn in der unendlichen Menschenmasse und damit glücklich und zufrieden? Interessanterweise spielen wir nicht immer dieselben Rollen, sondern wir wechseln ab. Nach Lust und Laune sozusagen, nach Kontext und manchmal vielleicht sogar aus Manipulationsmotiven. Weshalb verführen wir den Liebsten in verführerisch schwarzer Spitze, und nicht in verwaschener, weisser Baumwollunterhose? Weil auf dem Baumwollslip «Langeweile», und auf dem Spitzendessous «Sex» geschrieben steht? Ein solch winziger Fetzen Stoff vermag aus uns einen andern Menschen zu zaubern. Warum die enge Jeans im Ausgang, und die bequemen Baggy-Pants im Job? Wann mit Kravatte, wann ohne? Anscheinend passen wir uns auch vorgegebenen Rollenbildern an. Eine Braut ohne Brautkleid ist kaum vorstellbar. Ebenso wenig ein Bäcker in rot, oder ein Banker in Jeans und T-Shirt, auch wenn er vielleicht nach getaner Arbeit genau dies trägt. Wir scheinen unsere Theaterkostüme bei andern abzuschauen, zu erfühlen, wie sie auf uns wirken um daraus zu schliessen, wie wir auf andere wirken können. Dann bedienen wir uns für jede Aufführung aufs Neue in unserem mal kleinen, mal grossen Fundus, auf der Suche nach dem perfekten Outfit für diese oder jene Inszenierung.

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Literatur L ITERARISCHE F RAGMENTE 10

Seit jeher unterwegs Von Konrad Pauli

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n Theaterbesuchen hatte die junge Frau, die allem Lärmigen und Betriebsamen gerne aus dem Wege ging, endlich eine Schutz-Zone, ein Refugium gefunden, wohin sie aus den Zumutungen des Tages flüchten konnte. Während sie sich solcherart mehr und mehr abschirmte, sich aus manchem heraushielt, freute es sie, all die Eindrücke und Anregungen vom Spiel auf der Bühne und hinter Vorhängen entgegenzunehmen und aufzubewahren. Gelegentlich liess sie sich auch verzaubern, sei es von der Musik, vom Hauptdarsteller, von den Kostümen, vom Bühnenbild. Gestärkt ging sie jeweils nach Hause, trug Gedanken und Klänge mit sich fort in die Nacht, in den Alltag – und hatte schon den nächsten Theaterbesuch geplant. So lebte sie gleicherweise von der Erinnerung und der Vorfreude. Allem Übel, das täglich auf der Welt geschah und ihr in den Medien entgegenschrie, wich sie nach Möglichkeit und immer geschickter aus. Sie hörte und schaute weg,

LESEZEIT Von Gabriela Wild

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lle Jahre wieder, im Herbst, ziehe ich besonders gerne das Büchlein «Mitteilungen an Max» von Hildesheimer aus dem Regal. Nicht unbedingt wegen des ersten Satzes. Die komplizierte Verschachtelung, die dem Leser gleich zu Beginn entgegen springt, wird manchen abschrecken: «Wieder ist, wie Du, lieber Max, wahrscheinlich bereits festgestellt hast, ein Jahr vergangen, und ich weiss nicht, ob es Dir so geht wie mir: allmählich wird mir dieser ewigwährende Zyklus ein wenig leid, wozu verschiedene Faktoren, deren Urheber ich in diesem Zusammenhang, um mich keinen Unannehmlichkeiten, deren Folgen, die in Kauf zu nehmen ich, der ich gern Frieden halte, gezwungen wäre, nicht absehbar wären, auszusetzen, nicht nennen möchte, beitragen.» Die Schwierigkeit, diesen Satz auswendig zu lernen, dürfte reichen, dass er nicht in den Kanon der erhaltenswerten Buchanfän-

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schaute und hörte umso aufmerksamer hin, was auf der Bühne geschah. Einmal war Aufruhr in der Stadt. Sie hatte, auf dem Weg ins Theater, von einer geplanten Demonstration gehört, hatte sich, ohne zu fragen, wogegen oder wofür denn demonstriert werde, eilig davongemacht, sich früh ins Theatergebäude geflüchtet, wo sie, auf einem Stuhl sitzend, im Programmheft las und sich einstimmte in den Abend. Mühelos gelang es ihr, die Aussenwelt zu vergessen. Der Augenblick, in dem die Lichter gelöscht wurden, auf der Bühne dafür ein gedämpftes, dann strahlendes Licht sich ausbreitete, nahm sie gefangen. Wenn sie zu bestimmen gehabt hätte, sie würde auf die Pause verzichtet haben. Was auf der Bühne auch immer geschehen mochte - ihr war feierlich zumute. War die Vorstellung zu Ende, tröstete sie einzig die Aussicht auf den nächsten Besuch. In der Pause, erfüllt von Eindrücken, belebt

ge aufgenommen wird (siehe ensuite Nr. 90). Dafür erinnern die Mitteilungen an das Auswendiglernen in den stillen Schulstunden im Herbst. In den Köpfen der Schüler wurden noch einmal die Rilke-Strophen repetiert, kurz bevor der Lehrer mit sanfter Handbewegung zum Rezitieren aufforderte. «Der Sommer war nicht eben gross, aber gross genug, ich beklage mich nicht. Ein Sommer sollte ja auch nicht zu gross sein, aber ich weiss: manchem kann er nicht gross genug sein. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm, das hat die Ernte um Wesentliches erleichtert. Aber auf den Fluren hat jemand die Winde losgelassen, was ich als Rücksichtslosigkeit, wenn nicht gar als Beleidigung empfunden habe; jedenfalls zeugt es von schlechten Manieren – von Kinderstube will ich nicht reden, es ist zu schmerzlich. Jemand hat auch den letzten Früchten befohlen, voll zu sein, und ihnen noch zwei südlichere Tage gegeben, die zwar unerträglich waren, dafür ist der Obstkeller jetzt gefüllt. Aber irgendeiner – ich weiss nicht, ob es derselbe war – har auch die letzte Süsse in den schweren Wein gejagt. Und nun muss

von Botschaften, blieb sie, abseits von anderen, in einer Ecke stehen; alles um sie herum war zu laut, ihr schien, die Leute hätten sich schon abgewandt von dem, was in ihr nachklang, was sie hüten wollte wie einen Schatz. Viele standen bei Getränken, und die Gläser klirrten. Auf einmal hörte man einen entsetzlichen Lärm. Geschrei. Die beiden mächtigen Haupttüren wurden aufgerissen, und Vermummte stürmten die Halle, schoben weg, was im Wege war, eilten zum Getränkestand, wischten die Gläser auf den Boden, warfen Flaschen an die Wände, trafen gezielt auch den Leuchter. So rasch sie gekommen, so rasch waren sie wieder weg. Die Pause war das Ende der Vorstellung. Keiner hätte sich eine Fortsetzung gewünscht. Endlich ging auch die junge Frau hinaus, machte sich, nachdem die Tränengasschwaden sich verzogen hatten, traurig auf den Heimweg. An Schlaf war nicht zu denken.

ich mich, so wohl als übel, auf einen schweren süssen Jahrgang vorbereiten – aber sei’s drum: die Jahrgänge werden ohnehin nicht leichter, dafür werden die Zeitläufe auch immer weniger süss. Ist Dir das auch schon aufgefallen? Kannst Du Dich etwa auch nur an einen einzigen süssen Zeitlauf erinnern? – Immerhin habe ich ein Haus gebaut. Es ist noch nicht trocken. Noch stehen die Mauern einigermassen sprachlos und kalt, während vor den dreifach verglasten Fenstern der Schnee auf Einsilbiges wie Au und Flur, Hain und Pfad, Busch und Strauch, Bach und Teich etc. sowie auf Zweisilbiges wie etwa Buschwerk und Tannich, Strauchwerk und Buchicht, Pfütze, Tümpel und Weiher herabrieselt. Es handelt sich, wie Du dieser Aufzählung entnommen haben dürftest, um Umwelt, die ich übrigens nach Gebühr schütze, sofern sie mich in Frieden lässt, was leider nicht immer der Fall ist.» Ich hab sie gemocht, die Rilke-Stunden im Herbst. Wolfgang Hildesheimer, Mitteilungen an Max.


Literatur-Tipps

Ellis, Bret Easton: Imperial Bedrooms. Roman. Englisch. Picador. London 2010. ISBN 978-0-330-44976-2. S. 178. Die deutsche Ausgabe ist am 23. September erschienen.

Mitgutsch, Anna: Wenn du wiederkommst. Roman. Luchterhand. Köln 2010. ISBN 978-3-630-87327-5. S. 268.

Sulzer, Alain Claude: Zur falschen Zeit. Roman. Galiani. Berlin 2010. ISBN 978-3-86971-019-8. S. 229.

In den Hügeln Hollywoods Bret Easton Ellis: Imperial Bedrooms. Roman. Englisch.

Ein Recht zu trauern Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst. Roman.

Jenseits der Grenzen des Anstands Alain Claude Sulzer: Zur falschen Zeit. Roman.

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lay, Blair und Rip, längst dem Teenageralter von «Less Than Zero» entwachsen, sind heute selbst die grossen und kleinen Drahtzieher in der Welt des Seins und Scheins. In einer Welt, in der auch die falschen Titten der angehenden Filmsternchen nicht darüber hinwegtäuschen können, das vor lauter Hungern zwar die Jeans der Grösse 0 passen mag, für die angestrebte Filmrolle, trotz aller Retouchen, jedoch buchstäblich zu wenig Fleisch am Knochen ist. Eine Welt, in der das Arrangement: Sex gegen Filmrolle, jederzeit ein mögliches Versprechen darstellt. So auch für Clay, der dadurch die schöne, aber weitgehend talentfreie Rain zumindest fürs Bett gewinnt. Denn er ist seinem Beobachterstatus treu geblieben und Drehbuchautor geworden, lässt nach wie vor andere vor seinen Augen agieren. Dass er selbst durch mysteriöse SMS so etwas wie Regieanweisungen erhält, ist nur eine der subtilen Pointen des neuen Romans des einstigen Wunderkindes Bret Easton Ellis, der nach Lunar Park beinahe gleichzeitig mit dem anderen grossen Amerikaner Franzen seinen neuen Roman vorlegt. Anders als Jonatahn Franzen ist es aber Ellis nicht darum zu tun, ein Abbild der amerikanischen Gesellschaft unserer Zeit zu schaffen, und doch gelingt es ihm möglicherweise genau dadurch, hinter die Fassade der schillernden Leitkultur (nicht umsonst ein vielbenutztes Lehnwort im amerikanischen Englisch) zu schauen. Hinter die von Botox und Liftings geglätteten Gesichter, die makellosen Körper, die durch Viagra und Kokain immerwährende Potenz, hinter Vodkarausch und klirrendes Eis im Belvedere. Und dort wartet, wie bei Ellis üblich, das Grauen. Das Grauen weniger über brutal verübte Morde, die bei dem Autor von «American Psycho» nicht fehlen dürfen, als über die Einsamkeit der Menschen, welche sich wie aufgezogene Spielfiguren gegenseitig belauern. Die Lakonie des ersten Romandrittels ist gewollt und der Schlusssatz Clays erhält erst dadurch seine Kraft: «I never liked anyone and I’m afraid of people.»

ie Ich-Erzählerin verliert ihren Exmann Jerome, mit dem sie nach Jahren der Trennung und des doch niemals wahrhaftig Getrenntseinkönnens, im letzten Lebensdrittel noch einmal ein gemeinsames Leben wagen will. Nun wird ihr zwar als Exfrau der Status der trauernden Witwe nicht zugestanden, und Freunde, Verwandte, sowie gemeinsame Bekannte beargwöhnen die echte Trauer, welche die einstige Ehefrau und Mutter der einzigen gemeinsamen Tochter Ilana lähmt, doch den Nachlass verwalten, sich den nun herrenlos gewordenen Katzen annehmen, die unzähligen leeren Flachen Wein entsorgen darf sie. Der Abschied von einem geliebten Menschen fällt schwer, um vieles schwerer noch, wenn einem das Recht auf Trauer abgesprochen wird. So wird der «Witwe» unweigerlich bewusst, dass die Menschen, welche zu Jeromes Leben gehörten, sie längst nicht mehr als Teil des seinen geshen haben. Auch wenn sie bei ihren Besuchen in Boston ganz selbstverständlich im Haus am Charles River wohnte, wo sie sich das Bett teilten, obschon sie einen gemeinsamen Anteil eines Sommerhauses auf Cape Code besassen, nicht zuletzt eine gemeinsame Tochter hatten, sich gemeinsam in den Zweifeln am jüdischen Glauben fanden, und dieser doch immer wieder ihren Alltag begleitete. Sie war durch die Scheidung die andere, die Fremde geworden. Und bestätigten die vielen gefundenen Liebesbrieffragmente Jeromes, die Liebesbeweise anderer Frauen, beim Durchstöbern seiner Bücher, seiner Schubladen und seiner Anzüge nicht genau diesen Umstand? Dennoch hatte er vor ihr seine Liebe zu den Frauen, zu anderen Frauen, nie zu verheimlichen versucht, wie auch sie ihren Drang zu einem eigenständigen, intellektuellen Leben nicht verbergen konnte. Ein Drang, der sie letztendlich dazu zwang, zu gehen, um zurückkommen zu können. Denn wenn du wiederkommst, ist da keine Abrechnung, keine Aufzählung der ungelebten Momente, sondern diejenige der gelebten.

bwohl Homosexualität seit 1942 in der Schweiz vor dem Gesetz nicht mehr als strafbar gilt, korrumpierte sie doch die Regeln des guten Anstands der 1950er Jahre, und es galt, dieses Übel, diese «infantile Perversität», wie es im Krankenbericht von Emil heisst, auszumerzen. Emil, der mit André, dem späteren Patenonkel seines Sohnes, sein Comingout hat, wird durch die wiederholten Klinikaufenthalte zwar nicht «geheilt», glaubt jedoch, in der Ehe mit Veronika so etwas wie Normalität gefunden zu haben. Als er aber auf den um wenige Jahre jüngeren Sebastian trifft, werden die beiden gezwungen, ihre Liebe im Versteckten zu leben. Denn Emil begeht mit dieser Liebe nicht nur Ehebruch, er durchbricht die Grenzen des «Normalen», und begibt sich dadurch erneut auf die andere Seite. So sehen die beiden Liebenden zwei Wochen nach der Taufe von Veronikas und Emils Sohn, bedroht von den Konsequenzen der Aufdeckung ihrer Leidenschaft, einen gemeinsamen Ausweg nur im Suizid. Als der damals Getaufte nun selbst die Pubertät erreicht, sieht er die Fotografie des Vaters, welche seit Jahr und Tag in seinem Zimmer steht, urplötzlich mit anderen Augen. Diesem toten Vater gilt es beizukommen, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen, oder zumindest etwas von ihm zu besitzen. So wird der Wunsch nach der Omega «Seamaster» auf der Fotografie übermächtig, und der Sohn begibt sich, ohne die Erlaubnis der Eltern einzuholen, nach Paris, um durch den Besitz der Uhr auch einen Blick auf das Leben seines Vaters zu erhaschen, von welchem er lediglich weiss, dass er kurz nach seiner Geburt Suizid begangen hatte. André, der abwesende Patenonkel, lebt als Fotograf in seiner weitläufigen Pariser Wohnung mit wechselnden Männern, das Leben, das dem eigenen Vater verwehrt war. Und er vermittelt dem Sohn nicht nur überhaupt erst ein Bild des Vaters, denn die Mutter will nicht über diesen sprechen, sondern auch jenes eines anderen möglichen Lebens. Denn um den Anstand zu wahren, wurde, nebst dem Leben des Vaters, auch ein Grossteil von demjenigen der Mutter geopfert.

buchhandlung@amkronenplatz.ch www.buchhandlung-amkronenplatz.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

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Mein ZÜRITIPP

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Dranbleiben.


Tanz & Theater

Tanz & Theater B ALLETT

Wenn der Vorhang sich hebt Von Roja Nikzad

H

olprig und mit viel medialem Aufruhr begann die diesjährige Saison im Opernhaus Zürich. Heinz Spoerli, der viel gelobte, aber auch verächtlich betuschelte Visionär und Direktor des Zürcher Balletts, provozierte bereits am zweiten Vorstellungsabend einen Gau, indem er drei Minuten vor Aufführungsbeginn die Vorstellung absagte und 1000 Menschen nach Hause schickte. Und was tun die Medien, sie stilisieren den Gau zu einem Supergau. Ist er jetzt eine «Mimose», wie die SVP in die Welt hinausschimpft, oder ist er ein genialer Künstler, der nun mal mit Samthandschuhen angefasst werden muss, damit seine kreative Seele keinen Schaden nimmt? Muss sich der Steuerzahler beleidigt fühlen, oder ist Kunst nunmal Kunst, und die Akteure sind eben nicht immer so angepasst, wie es der Staat sich wünscht? Einmal mehr: Die wahren Leidtragenden bleiben die Techniker, die, wie immer in solchen Betrieben, da das Geld zwar fliesst, aber eben doch nicht überall hin, zu hierzulande als «Hungerlöhne» zu bezeichnedem Entgelt arbeiten, und ohne wenn und aber mit den Spleens der künstlerischen Leiter umgehen müssen. Natürlich, auch die Techniker werden nicht gezwungen, in einem künstlerischen Betrieb zu arbeiten, wo, naja, eine gewisse Freizügigkeit und Kulanz im Umgang mit divenhaften, zum Teil rücksichtlos egoistischen, aber eben auch im positiven Sinn skrupellosen Visionären betrieben wird. Ist das Opernhaus inklusive Pereira und Spoerli sympathisch? Nein. Pereira würdigt seine Mitarbeitenden in den Gängen nicht einmal eines Blickes – von Grüssen kann erst gar nicht die Rede sein; obwohl ihm eine Heerschar von Menschen, von den Toiletten-Damen über die Platzanweiserinnen und Garderobieren, bis hin zu den Licht- und Tontechnikern den Rücken freihalten, damit er 13 Premieren im Jahr bewerkstelligen kann. Auch Spoerli rennt zuweilen wutschäumend aus der Vorstellung, weil er drei Etagen tiefer, weit weg vom Zuschauerraum, jemanden lachen gehört hat. Aber, sympathisch oder nicht, dieses Haus hat sich einen Namen gemacht, und muss sich im internationalen Vergleich

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keineswegs schämen. Und vor allem Heinz Spoerli, dessen Ballette eine sublime Schönheit und choreographische Perfektion ausstrahlen, so dass man in den Rängen manchmal schmelzen, manchmal vor Rührung einige Tränen verdrücken will, verzeiht man auch mal einen Fauxpas. Vielleicht deshalb war auch bei der Wiederaufnahme des von Spoerli inszenierten und choreographierten Handlungsballetts «Raymonda» von diesem Trubel bereits nichts mehr zu spüren.

Ist das Opernhaus inklusive Pereira und Spoerli sympathisch? Nein. Schon bei der romantischen Ouvertüre mit weichen Posaunenklängen, entrückte einen Glasunows Musik aus der Realität, in eine märchenhafte Welt. Sobald sich sehnsüchtige Violinenklänge mit Posaune und Harfe vermischten, und der Vorhang sich hob, was er erfreulicherweise tat, war man schon mitten in der unkomplizierten, dualen Welt der Raymonda. Die wundervolle Musik Glasunows, in Kombination mit Spoerlis Choreographie, liess einen die Banalität der Handlung, die doch etwas sehr dünn ist, übersehen. Zusätzlich war die Kostümausstattung wieder einmal atemberaubend, und die Bühne mit all ihren Facetten unglaublich stimmungsvoll. Die Geschichte ist einfach: Raymonda, getanzt von Aliya Tanykpayeva, verlobt sich mit dem provenzalischen Kreuzritter Jean de Brienne, bevor dieser in den Krieg ziehen muss. Auf der Geburtstagsfeier der jungen Verlobten taucht als Überraschungsgast der feurige Sarazene Abderachman auf, und startet sofort seine leidenschaftliche Buhlerei. Den stählernen Oberkörper nur dürftig bekleidet, ist Abderachman der fleischgewordene Verführer, der Raymonda ins Wanken bringt. Raymonda zeigt auf wirklich erstaunlich unkomplizierte Weise die Situation einer jungen Frau vor der

Heirat, die sich zwischen zwei Verehrern nicht entscheiden kann. Soll sie sich dem Abenteuer hingeben? Oder soll sie den sicheren Hafen ansteuern? Im Traum versucht sie sich zu entscheiden. Am Schluss wartet ein gemischtes Happy-End. Sie heiratet ihren Verlobten, den sie liebt, der Sarazene ist im Zweikampf unterlegen, und verschwindet auf immer. Raymonda wirft, trotz ihres Glücks, einen letzten sehnsüchtig melancholischen Blick in die Ferne, in Erinnerung an den Sarazenen. Wenngleich die Kasachin Aliya Tanykpayeva eine wunderbare Raymonda abgab, gilt doch für diese Produktion das wahre Lob den männlichen Solisten. Sowohl Stanislav Jermakov als Jean de Brienne, wie auch der Sarazene, Vahe Martirosyan, haben eine hervorragende Leistung gezeigt. Sehr kontrastreich haben die beiden Männer um die Liebe von Raymonda gebuhlt, die manchmal etwas hölzig und steif erschien. Zwei weitere männliche Solisten, nämlich die beiden Troubadoure und engsten Freunde von Raymonda, getanzt von Arsen Mehrabyan und Arman Gigoryan, verhalfen je einzeln und in Kombination zu ausserordentlicher Freude. Man muss zugeben, was nicht oft der Fall ist, dass die Einzelleistungen dieser Herren diejenigen der Damen fast etwas in den Schatten gestellt haben. Spannend blieb es immer auch aus Gründen der muskalischen Vielfalt. Die Auftritte des Abderachman wurden mit arabischen Klängen begleitet, ganz im Gegensatz zu Einschüben wie dem Grand pas hongrois, wo die Damen des Ensembles in Stiefelchen, nach ungarischer Volkstanzmanier, mit den Hacken im Rhythmus auf den Boden klopften. Die unglaubliche Synchronizität, die das Ensemble nicht wenige Male in Raymonda erreicht hat, zeugt, wie immer, von der grossen Disziplin der Truppe und ihrem Leiter. Der Zuschauer bedankt sich für den Augenschmaus. Wenn sich also der Vorhang im OpernhausSaal hebt, wie er es in den letzten 14 Jahren der Spoerli-Ära sonst immer getan hat, dann hinterlassen die tänzerischen Märchenwelten den Eindruck einer versöhnlichen Schönheit.

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Tanz & Theater

MARIN

0 1 0 2 N R E B . N I Z TAeN uin r Merg LYON BERN -

g Von Ro

MAGUY N / CIE A M E E FR DAVIS REEN/ C S / zVg. M O D RAND GNAU I E A I H C C .) .l IS (v Bilder: FRANçO OLEA & G N E B IA / CECIL MARIN

B

ern, 18.9.2010, 11:34 Uhr. Ich bin unterwegs nach Lyon. Das Programm für TANZ IN. BERN ist gemacht und ich fahre zur «Biennale de Danse Lyon», um mir das neueste Stück von Maguy Marin anzusehen, welches unser Festival eröffnen wird. Die Produktion «Salves» habe ich schon vor fast einem Jahr für den Eröffnungsabend gebucht. So lange Vorlaufzeiten sind üblich bei solchen «Stars» der Tanzszene. In Bern wird das Stück erstmals nach der Premiere in Lyon zu sehen sein – vor allen anderen Festivals in Europa. Vorerst bin ich aber noch im Zug. Reisen wie diese sind mein Alltag. Jährlich sehe ich durchschnittlich 150 Produktionen im In- und Ausland. Ich freue mich auf das Festival und denke an all die Tänzer und Tänzerinnen, die vom 20. Oktober bis 14. November in der Dampfzentrale auftreten werden. Bei einem Blick aus dem Fenster sehe ich auf dem Bahnhofquai einen kleinen Jungen mit einem blauen Cowboy-Paillettenhut rumspringen. Schöne Performance! So könnte Ivo Dimchev mal gewesen sein – heute ist er um einiges radikaler in seiner Darstellungsform, aber eigentlich genauso ehrlich und authentisch wie dieser Junge. Der Zug fährt los.

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UY - M AG

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Spätestens in Romont erwache ich meistens aus meinen Gedanken, wenn ich in Richtung Romandie oder Frankreich unterwegs bin. Das kleine Dörfchen auf dem Hügel links, und rechts die atemberaubende Aussicht, und die obligaten Kühe auf den Weiden. «Cows in Space» hiess das erste Stück von Thomas Hauert. Er hat die Formationen von Kuhherden als Inspiration für seine Choreografie genommen. Das war 1998. Zwölf Jahre später zeigt er in Bern seine neueste Kreation: «You’ve changed». Im Tanz hat sich in dieser Zeit tatsächlich einiges verändert. Ich denke Thomas Hauert steht mit seinem neuen Stück ebenfalls an einem Wendepunkt seiner Karriere, obgleich er seiner Recherche über den Tanz treu geblieben ist. Die Lüftung des Airconditioning im Zug rauscht in meinen Ohren. Eigentlich sitze ich hier in einem hermetisch abgeschlossenen Schlauch. Wie Cecilia Bengolea & François Chaignaud in ihren Latexkissen, die zuerst noch voller Luft sind. Von einer dominanten Dame wird die Luft mit einem Staubsauger langsam abgesaugt, und die Latexhülle umschliesst die darin gefangenen Körper. Die Tatsache, dass darin lebende Körper eingeschweisst sind, ist beängstigend, gleichzeitig geniesst man aber

die reine Schönheit dieser beklemmenden Figuren, die sich für eine gewisse Zeit in den Zustand zwischen Leben und Tod begeben, und sich am Schluss in einem Tanz der Befreiung wieder freisetzen. Wie alle anderen Produktionen von TANZ IN. BERN strahlt auch diese Intelligenz, eine klare ästhetische Handschrift, und Virtuosität aus. Jede auf ihre ganz eigene Art. Man kann ein Stück auf sein Bewegungsmaterial, sein Lichtkonzept, die szenische Umsetzung, den Rhythmus, den Umgang mit dem Raum, das Bühnenbild, die Kostüme, und die Musik hin beurteilen. Das mal als erste objektive Qualitätsskala und Voraussetzung für ein gutes Stück. Aber dann kommt eben noch das gewisse etwas hinzu, wie zum Beispiel die Genialität von Jérôme Bel und die Art, wie er Tanzgeschichte auf die Bühne bringt. Mit Lutz Förster – dem Startänzer von Pina Bausch –, und der ehemaligen Tänzerin der Pariser Oper Véronique Doisneau, verschafft er uns einen intimen Einblick in das Tanztheater und das klassische Ballett, geht dabei aber auch auf die ganz persönliche Ebene der beiden Tänzer ein. Auch Witz und Ironie fehlen im Programm von TANZ IN. BERN nicht. CIE Random Scream/ Davis Freeman verleitet uns darüber nachzu-


denken, was wir wohl mit einem Lottogewinn anstellen würden. Jeder Zuschauer erhält einen echten Lottoschein, und wird somit zum potentiellen Gewinner, Investor, Wohltäter, Kapitalist, Waffenverkäufer oder vielleicht sogar zum Kunstmäzen ... Ich habe «Das Magazin» vom TagesAnzeiger dabei. Titelstory ist Lady Gaga. Eine einfallsreiche ehemalige Kunststudentin, die als Nachfolgerin von Madonna bezeichnet wird. Dieser Starrummel ist ein Phänomen, und ich finde Frau Gaga vor allem in ihrer Kostümwahl ziemlich fantasievoll. Stars gibt es auch im Tanz, aber derart medialisiert wird seit Nurejew wohl schon lange kein Tänzer mehr. Ein bisschen Glamour haben wir aber auch bei TANZ IN. BERN: Anna Huber wird mit dem Schweizer Tanz- und Choreografiepreis ausgezeichnet, und Chris Leuenberger mit dem Network Kulturpreis. Beide sind notabene Berner, und beide sind Künstler welche schon seit längerem in der Dampfzentrale produzieren. Darauf darf man in Bern auch mal stolz sein! Mittagessen: Ich kaufe vom «Wägeli» ein Sandwich und ein Mineralwasser. Das Sandwich ist laut Aufschrift ein «Sandwich gelaugt mit Vorderschinken». Alles klar? Da ist

unser Programm von TANZ IN. BERN meiner Meinung nach doch besser beschrieben. Unter www.dampfzentrale.ch gibt es nicht nur Programmtexte, sondern auch Videotrailer zu den einzelnen Vorstellungen zu sehen. Es ist also ganz einfach, sich ein Bild über das Programm zu machen. Manchmal lohnt es sich aber auch, seine Erwartungen zu hinterfragen – es ist nicht immer drin, was drauf steht. Von Olivier Dubois zum Beispiel habe ich nach seinem letzten Stück, welches er in der Dampfzentrale gezeigt hat, wieder ein schwieriges und sehr polarisierendes Werk erwartet. «L’homme de l’Atlantique» ist aber eine leichtfüssige und liebevolle Hommage an Frank Sinatra, mit hervorragenden Tanzeinlagen, den Songs von Frank Sinatra, und tollen Kostümen. Da kann man sich einfach zurücklehnen und in die 50er Jahre eintauchen. Genf, 13:15 Uhr. Umsteigen auf den TGV nach Bellegarde, Lyon Part Dieu – Avignon – Nice Ville. Leider nur bis Lyon. Nizza wäre jetzt auch schön. Oder Spanien! Cuqui Jerez kommt aus Spanien, und packt ihr Stück vor uns aus wie eine Babuschka (die ja eigentlich Matrjoschka heissen würde – siehe Wikipedia). Sobald man meint das Geschehen in «The Re-

hearsal» begriffen zu haben, entwickelt es sich in eine neue Richtung weiter, immer wieder. Man kann herzlich über sich selbst und die komische Situation auf der Bühne lachen, gleichzeitig lässt man uns an einer «realen» Probensituation zu einem Tanzstück teilhaben. Das ganze ist perfekt inszeniert. Lachen kann man auch bei Antonia Baehr, denn sie hat sich zum Geburtstag von ihren Freunden Lachen schenken lassen, und trägt die daraus entstandenen Partituren ernst und korrekt vor. Dass Lachen zum Lachen bringt, ist dabei Programm. Zoll Genf-Frankreich: Die ehemals funktionale Möblierung und Architektur der «Douane Française» ist nun nicht mehr in Betrieb, und zu einer netten Installation umfunktioniert worden. Wie aus einer anderen Welt. Apropos andere Welt und andere Kulturen: Im Festival gibt es einen Schwerpunkt mit Künstlern aus China. Vor einem Jahr lud das Kulturministerium eine Delegation von Schweizer Veranstaltern ein nach China. Ein Ergebnis dieser Reise ist die Einladung von Jin Xing Dance Theater. Die «Shanghai Lounge» ist eine Zusammenarbeit von Chris Haring und Jin Xing. Die ehemalige Offizierin, die jetzt eine wichtige Choreografin in China geworden ist, überzeugt mit

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Tanz & Theater einer entspannten Lounge-Atmosphäre, und erzählt uns Anekdoten über die Frau in China, über Mode, Kultur und vieles mehr. 7 Tänzerinnen begleiten die schöne Dame auf der Bühne. Ebenfalls sind wir in kleinen Hinterhof-Studios, und auf winzigen Bühnen in versteckten Bars auf junge interessante Choreografen aus China gestossen, die wir im Young Choreographers Project zeigen werden. Dazu kommt ein Ausflug in die virtuelle Welt mit Cao Fei, welche mit ihrer Arbeit an die 52. Biennale in Venedig eingeladen, und 2006 als beste junge Künstlerin mit dem Chinese Contemporary Art Award ausgezeichnet wurde ... Der TGV ist auch nicht mehr, was er einmal war. Der Lack ist ab. Die grün-grauen Polster, und vor allem die graue Decken- und Wandverkleidung aus Filz, wirken nicht mehr so luxuriös. Meine erste Reise im TGV war ein Erlebnis, und die Erinnerung daran ist noch glanzvoll. Auch in «primero – erscht» von Les Ballets C de la B geht es um ein erstes Mal. Das fulminante Tanzstück zu Klezmer-Musik, mit 5 Tänzern, welche technische Virtuosität und eine ganz persönliche Handschrift mitbringen, nimmt uns mit auf eine lange Reise in unsere Kindertage. 15:31 Uhr Ankunft in Lyon. Auch meine Reise war lang, doch nun bin ich fast am Ziel angelangt. Den Weg zum Festivalzentrum der Biennale de Danse Lyon kenne ich schon. Vor zwei Jahren war ich dort auf dem Podium, unter anderen mit Jérôme Bel, und wir haben über den internationalen Austausch von TanzStücken gesprochen. Im Festivalzentrum treffe ich schon die ersten Programmateure. Die Gespräche und der Austausch mit den internationalen Kollegen sind immer sehr spannend. Vor allem freue ich mich über das Feedback zum Programm von TANZ IN. BERN – die Kollegen finden das Programm anregend. Einige von ihnen werde ich in Bern wieder sehen. Jetzt kann man ja nur noch hoffen, dass das Programm auch hier in Bern auf grosses Interesse stossen wird! Dann mit der U-Bahn ins Theater. Maguy Marin: «Salves» Die Spannung, bis es endlich anfängt. Endlich ist es soweit. Das Stück ist traumhaft, eine fulminante Festivaleröffnung ist garantiert.

DAMPFZENTRALE BERN TANZ IN. BERN 20. OKTOBER – 14. NOVEMBER 2010 PROGRAMMÜBERSICHT DATUM

BEGINN

STÜCK

Mi, 20.10. Do 21.10.

19:30 Uhr 19:30 Uhr 21:00 Uhr 18:30 Uhr 19:30 Uhr 21:00 Uhr 18:30 Uhr 19:30 Uhr 21:00 Uhr 21:00 Uhr 15:00 Uhr 18:30 Uhr 19:30 Uhr 21:00 Uhr 21:00 Uhr 19:30 Uhr

CIE MAGUY MARIN «Salves» CIE MAGUY MARIN «Salves» IVO DIMCHEV «Som faves» JÈRÔME BEL «Véronique Doisnau» IVO DIMCHEV «Som faves» JÈRÔME BEL «Véronique Doisnau» JÈRÔME BEL «Véronique Doisnau» JÈRÔME BEL «Lutz Förster» CIE RANDOM SCREEN/ DAVIS FREEMAN «Investment» JÈRÔME BEL «Véronique Doisnau» BERN:BALLETT «Momo» JÈRÔME BEL «Véronique Doisnau» JÈRÔME BEL «Lutz Förster» CIE RANDOM SCREEN/ DAVIS FREEMAN «Investment» JÈRÔME BEL «Véronique Doisnau» Verleihung Schweizer Tanz- und Choreografiepreis 2010: ANNA HUBER «tasten» ANNA HUBER «tasten» CHRIS LEUENBERGER, IGOR DOBRICIC, ROGER SALA REYNER «Crying Machine» ANNA HUBER «tasten» CHRIS LEUENBERGER, IGOR DOBRICIC, ROGER SALA REYNER «Crying Machine» OLIVIER DUBOIS «L’homme de l’Atlantique» CECILIA BENGOLEA & FRANçOIS CHAIGNAUD «Sylphides» OLIVIER DUBOIS «L’homme de l’Atlantique» CECILIA BENGOLEA & FRANçOIS CHAIGNAUD «Sylphides» CUQUI JEREZ «The Rehearsal» ZOO/THOMAS HAUERT «You’ve changed» CUQUI JEREZ «The Rehearsal» ZOO/THOMAS HAUERT «You’ve changed» LIQUID LOFT/CHRIS HARING, JIN XING & JIN XING DANCE THEATRE «Shangai Lounge» LES BALLETS C DE LA B/LISI ESTARAS «Primero – Erscht» LIQUID LOFT/CHRIS HARING, JIN XING & JIN XING DANCE THEATRE «Shangai Lounge» LES BALLETS C DE LA B/LISI ESTARAS «Primero – Erscht» ANTONIA BAEHR «Lachen» YOUNG CHOREOGRAPHERS PROJECT YAN JUN (Installation) CAO FEI «RMB City Opera»

Fr, 22.10.

Sa, 23.10.

So, 24.10.

Mo, 25.10. Di, 26.10.

19:30 Uhr 21:00 Uhr

Mi, 27.10.

19:30 Uhr 21:00 Uhr /

Fr, 29.10.

19:30 Uhr 21:00 Uhr 19:30 Uhr 21:00 Uhr 19:30 Uhr 19:30 Uhr 21:00 Uhr 19:30 Uhr 19:30 Uhr

Sa 30.10. Di, 2.11. Mi, 3.11. Do, 4.11. Fr, 5.11. Sa, 6.11.

19:30 Uhr 21:00 Uhr

So, 7.11.

19:30 Uhr 21:00 Uhr 19:30 Uhr 17:00 Uhr 19:30 Uhr

Fr, 12.11. So, 14.11. * Roger Merguin (1963) ist seit 2005 zusammen mit Christian Pauli Leiter der Dampfzentrale Bern. Er ist zuständig für Tanz/ Performance und für das Festival «Tanz in. Bern», das Nachfolgefestival der legendären «Berner Tanztage». Roger Merguin arbeitet als Manager von Simone Aughterlony (NZ), die sich in verschiedenen Tanzstätten in der Schweiz und international einen Namen gemacht hat.

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Festivalpass: Siebzehn Produktionen für Fr. 160.–/115.– erm. Vorverkauf (alle Vorstellungen ausser Bern:Ballett): www.starticket.ch oder Tel. 0900 325 325 (Fr. 1.19/ min.) oder starticket Vorverkaufstellen (neu auch alle Poststellen und Coop City) Weitere Infos und youtube-trailers: www.dampfzentrale.ch


Tanz & Theater

T HEATER

Tartuffe Von Belinda Meier Mit der Premiere von «Tartuffe» vom 16. September wurde in den Vidmarhallen die neue Theatersaison 2010/11 eröffnet. Originell, aktionell und professionell präsentiert sich die Inszenierung von Regisseur Erich Sidler.

D

ie Bühne ist dunkel, fast unbeleuchtet. Man hört laute, perkussionslastige Musik, und sieht Schatten wild tanzender Personen. Lediglich ein männlicher Personenschatten steht vergleichsweise ruhig im Vordergrund. Ein Lichtstrahl hebt Teile seines Körpers hervor, der sich gemächlich zur Musik bewegt. Mittels Videoprojektion wird ein Gesicht auf sein weisses Hemd geworfen. So präsentiert sich die erste Szene von «Tartuffe». Was man erst später erfährt: Der unerkannte Männerschatten im Vordergrund war Tartuffe. Die musikalische Einspielung als solches ist ein Kunstgriff, der im Laufe des Stücks eine Fortsetzung finden wird. Er unterstreicht die diabolische Seite Tartuffes, des Heuchlers und Betrügers. Immer wieder unterbrechen diese Einspielungen die Stückentwicklung, fungieren dabei als eigenständige, vom Stück losgelöste Szenen, die ihrerseits wiederum eine eigene Entwicklung durchlaufen. Tartuffe beweist so etwa mit jeder neuen Einspielung mehr Tanzgeist. Das Spiel mit den Videoprojektionen wird zudem hektischer. Und ganz zentral: Das anfänglich auf sein Hemd projizierte Gesicht wird grösser und grösser. Auf kunstvolle Art und Weise zeigen damit allein diese musikalischen Intermezzi, worum es geht: um Tartuffe, den Blender mit zwei Gesichtern. Inhalt In Molières «Tartuffe», dem meistgespielten Werk des französischen Theaters, ist der gleichnamige Protagonist ein verächtlicher Betrüger und Verbrecher. Tartuffe schleicht sich mit heuchlerischer Frömmigkeit in die rechtschaffene Bürgersfamilie von Orgon ein. Sein Ziel: Orgon moralisch und wirtschaftlich zu ruinieren. Damit ihm das gelingt, bedarf es der kaltblütigen Täuschung. Orgon, ein ehrlicher Mann und Familienvater, hat einen fatalen Hang zur Frömmigkeit. Er ist leichtgläubig, und hält Tartuffe für einen wahren Heiligen. Seitdem er ihn nämlich des Öfteren

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Bilder: zVg.

in der Kirche in demütiger Haltung beobachtet hat, und ihn unter diesem Eindruck in seinem Haus aufnahm, ist er ihm vollkommen verfallen. Dem aber nicht genug: Er möchte Tartuffe in der Familie verwurzeln und beabsichtigt deshalb, ihn mit seiner Tochter Mariane zu verheiraten – gegen deren Willen. Mit Ausnahme der Mutter Orgons haben alle übrigen Familienmitglieder Tartuffe als Betrüger durchschaut. Sie wollen seinen Machenschaften ein Ende bereiten. Gelingen kann das jedoch nur, wenn auch Orgon das wahre Gesicht von Tartuffe erkennt. Dieser nimmt Tartuffe aber vehement in Schutz, mögen die Verdächtigungen noch so gravierend sein. Mehr noch: Orgon ist Tartuffe so sehr verfallen, dass er seinen Sohn Damis sogar aus dem Haus jagt, weil dieser Tartuffe als Lügner bezeichnet. Nicht einmal der Suizidversuch seiner Tochter lässt Orgon zur Vernunft kommen. Ein handfester Beweis muss her. Mit List arrangiert Orgons Gattin Elmire ein nur scheinbar geheimes Treffen mit Tartuffe, dem Orgon aus einem sicheren Versteck beiwohnt. Um den Betrüger zu entlarven, geht Elmire auf das anzügliche Verhalten Tartuffes ein, und lockt ihn so aus dessen Tarnung. Tartuffe kann ihren Reizen nicht widerstehen, und fällt schliesslich über sie her. Orgon ist schockiert über die Täuschung, welcher er zum Opfer gefallen ist. Der Heuchler ist entlarvt, und zeigt nun sein wahres Gesicht. Die Probleme sind damit aber nicht vom Tisch. Jetzt droht der Familie erst recht der Ruin. In seiner Verblendung hat Orgon Tartuffe nämlich sein Haus und Vermögen überschrieben. Diesen Anspruch will Tartuffe nun geltend machen, und er veranlasst die Hausräumung. Soweit kommt es glücklicherweise nicht: Er fliegt als lange gesuchter Verbrecher auf, und wird von der Polizei verhaftet. Damit tritt der grosse Umschwung doch noch ein, der das glückliche Ende ermöglicht. Die kritisierte Scheinheiligkeit Die in Versen abgefasste Charakterkomödie «Tartuffe ou L’Imposteur» ist 1664 entstanden. Molières darin geäusserte Kritik an jenen Frommen, die die Macht der Religion zu ihren Gunsten ausnutzen, hatte damals zur Folge, dass die ersten beiden Stückfassungen einem Aufführungsverbot unterworfen wurden. Erst die dritte, heute geläufi-

ge Version entkam der Zensur, obschon auch in dieser die Kritik Molières noch immer erkennbar hervortritt. Die Inszenierung Die gestalterische Umsetzung des Stücks ebenso wie die schauspielerischen Leistungen sind bemerkenswert. Stefano Wenk gelingt es ausgezeichnet, in der Rolle des Tartuffe nicht nur einen Betrüger und Heuchler darzustellen, sondern auch Tartuffes finsterer und verbrecherischer Seite Ausdruck zu verleihen. Dieses grosse Missverhältnis zwischen Tartuffes Worten und Taten vermag er treffend, teils auch mit dem notwendigen Augenzwinkern, zu vermitteln. Neben Ernst C. Sigrist, der die Rolle des frommen und geblendeten Familienvaters Orgon ernst und überzeugend darstellt, bringt Mona Kloos alias Mariane viel Dynamik ins Stück, und ruft zugleich emotionale Betroffenheit hervor. Ihr naives und impulsives Wesen erheitert die Zuschauer, verblüfft sie, lässt sie Mitleid verspüren um sie kurzum wieder zum Lachen zu bringen. Nicht unerwähnt bleiben darf Dorine, die weise Hausangestellte mit dem klaren Durchblick. Sie wird von Diego Valsecchi mit viel Leidenschaft und schauspielerischem Können verkörpert. Er, der als Dorine starke Präsenz markiert und seiner Rolle viel Ausdruck verleiht, schafft es spielend, das Publikum für sich einzunehmen. Erich Sidlers Inszenierung von «Tartuffe» ist aber nicht nur wegen den schauspielerischen Höchstleistungen ein Erfolg. Die Originalität der künstlerischen Gestaltung beeindruckt nicht minder. Neben den bereits erwähnten musikalischen Intermezzi ist es der krönende Schluss, der nicht nur ein weiteres kreatives Stilelement darstellt, sondern – und vor allem – für das Ende von Molières Komödie wie geschaffen erscheint: Der grosse Umschwung am Ende des Stücks, bei dem Tartuffe als Verbrecher entlarvt und von der Polizei abgeführt wird, präsentiert sich als schwarzweisse Stummfilm-Komödie par excellence. Genial!

Die nächsten Spieldaten: 13., 14., 23., 26., 30. Oktober Infos unter www.stadtheaterbern.ch

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Tanz & Theater

KOMISCH

Rima erklimmt Bern Von Guy Huracek Marco Rima verrät auf dem Dach des Warenhauses Loeb, was ihm an der Stadt Bern gefällt, und weshalb Zürcher oft unfreundlich sind. Eine Momentaufnahme von einem Komiker, der einst durch die Aufnahmeprüfung einer Schauspielschule flog und heute froh ist darüber.

«

Ich finde das ganz speziell. Bern aus einer anderen Sicht», meint Marco Rima. Sein Blick schweift über die Dächer der Hauptstadt. «Wenn man aus einer Kleinstadt wie Zug stammt, dann ist Bern eine Metropole», sagt der Comedian. Das Kulturmagazin ensuite trifft den Kabarettisten und Komiker Marco Rima auf dem Loeb-Dach in Bern. Es ist ein warmer und windiger Donnerstagnachmittag, Rima schlendert langsam zum Rand des Daches und späht hinunter. Unter dem Baldachin steigen zahlreiche Schüler aus dem Tram. Ein älteres Ehepaar hievt einen grossen, braunen Koffer die Treppe hinunter, und einige Meter weiter vorne, gleich neben der Heiliggeistkriche, sprechen Mitglieder einer Hilfsorganisation verschiedene Passanten an. «Alles schön gemächlich, Eines nach dem Anderen», sagt Rima dazu. Dies unterstreiche den Charakter von Bern. Bernerinnen und Berner seien im positiven Sinn gelassen, ganz nach dem Motto: «Numme nid Jufle». Darin zeige sich eine grosse Lebensqualität, und deshalb auch sei Bern die Hauptstadt, zeigt sich der Komiker überzeugt. Doch wie ist Zürich? «Es ist eine grosse, pulsierende Stadt, die daher leider oft auch sehr unfreundlich ist», antwortet Rima. Wenn der Comedian in Bern Geschäfte besucht, vor allem jene in Richtung Bärengraben, dann werde er herzlich empfangen. Er fügt an: «Man hat noch Zeit für einen Schwatz.» Als Zuger sei das «Grosse Bern» für ihn noch übersichtlich und irgendwie intim. Auf die Frage, welche Stadt ihm besser gefalle, antwortet Rima: «Zürich hat eine unglaubliche Lebensqualität, weil die Stadt einen See hat.» Kulturelle Möglichkeiten würden beide Städte bieten. Der Comedian würde sich jedoch für die Hauptstadt entscheiden: «Nur schon allein wegen YB und SCB», erklärt er. Ein weiterer Grund, Bern zu wählen, seien die

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Fotos: George Eberle / www.georgeberle.ch und Kapuly Dietrich / www.kapuly.com

vielen Bars und Restaurants in den Kellern der Altstadt. «Das hat etwas Geheimnisvolles», sagt er und reibt sich die Hände. Rima scheint von der Stadt Bern angetan zu sein. Als er durchs Warenhaus Loeb gegangen sei um aufs Dach zu gelangen, sei ihm der Gedanke gekommen, in Bern einen Film zu drehen. «Irgend Etwas mit Polizisten», sagt er. Doch bevor Rima seine Filmidee in der Hauptstadt umsetzen wird, sollte er noch etwas tun, was für viele Bernerinnen und Berner unverzichtbar wäre: In der Aare schwimmen. Der Komiker war zuletzt während der Rekrutenschule in Thun – er war Panzergrenadier in der Aare. Aber er hat versprochen, im Sommer ins Marzili zu gehen. Bis im Dezember singt Marco Rima im Musical «Die Patienten», und tourt durch die ganze Schweiz. Mit dem Stück setzt sich Rima stark auseinander – abgesehen davon, dass er sich vor kurzem erkältet hat, und so nicht nur im Musical zum Patienten wurde. «Das Stück thematisiert das Verrücktsein», sagt Rima, und hält fest: «Verrückt sein hat etwas Schönes.» Denn es bedeutet, dass man etwas verrückt, also etwas bewegt, erklärt er. «Oder auch: sich verirren. Das hat den Vorteil, dass man auf seinen Irrwegen vielleicht etwas ganz neues entdeckt.» Der Comedian ist davon überzeugt, dass solche Irrwege für das Leben ganz wichtig sind: Eine psychiatrische Anstalt sei nichts anderes als das grosse Vorzimmer der grösseren Klapsmühle, die die Welt sei. Ein grosses Irrenhaus mit Verwirrungen und Irrungen. War es letztlich auch ein Irrweg, der den ehemaligen Lehrer Marco Rima in die Welt von Theater, Cabaret und Film führte? Marco Rimas Leidenschaft für das Cabaret wurde durch ein einziges Lied entfacht. Der damals 9-jährige Marco legte eine Platte seiner Eltern auf, und hörte: «Oh Morgerot, oh Morgerot, de Fritzli schlaat siis Büsi z tot.» Im ersten Moment war er über das Stück vom Cabaret Rotstift entsetzt. «Ich war ein unglaublicher Tierfreund», sagt der Comedian. Seine Mutter hätte ihn beruhigen müssen, und als in einer weiteren Strophe der Fritzli den Lehrer totschlug, musste Marco lachen. «Ich hörte die Platte so oft, bis ich sie auswendig konnte», erzählt Rima. Er habe das Lied seinen Verwandten vorgesungen und später auch in der

Schule. «Ich begann zu spüren, dass ich die Leute gerne zum Lachen bringe», sagt er. Sechs Jahre später musste Marco in der Schule den «Erlkönig» aufsagen, eine Ballade von Goethe. Doch er bat seinen Lehrer um einen Gefallen: «Ich wollte unbedingt meine eigene Interpretation vortragen», sagt Rima, klatscht lachend in die Hände. Mit 15 Jahren trug Marco erstmal seine eigene Version des Erlkönigs vor, und brachte mit der eigentlich tragischen Geschichte um ein sterbendes Kind die ganze Klasse mitsamt dem Lehrer zum Lachen. «Ich bekam eine 6», fügt er an. Für den damals jungendlichen Rima war der Fall nun klar: «Ich wollte Schauspieler werden». Trotz seinem späteren Erfolg fiel Marco durch die Aufnahmeprüfung einer Schauspielschule. Damals war er verärgert, aber heute sagt er: «Ich bin sehr froh, dass ich abgelehnt wurde.» Der Comedian empfinde eine Ablehnung oft als etwas Positives, «denn ich glaube, dass dann eine andere Chance wartet.» Plötzlich läuten die Glocken der HeiliggeistKirche: Es ist fünf Uhr. Das Geläute scheint auf dem Loeb-Dach heller und lauter zu klingen als auf der Strasse. Es wird allmählich ungemütlich, die Abendsonne erhitzt das Kupferdach. Wir entschliessen uns, unser Gespräch in der Stadt weiter zu führen. Während wir unter den Lauben flanieren drehen sich zahlreiche Passanten um, schauen Rima nach, einige rufen gar nach ihm. Ist es anstrengend, schweizweit bekannt zu sein? Der Komiker nimmt es gelassen: «Ich fasse es als Kompliment auf, wenn Leute mich sehen und lachen. Es wäre ja schlimm, wenn sie schreiend vor mir wegrennen würden.» Vor Jahren bekam Rima von seinem Vater einen guten Ratschlag: Er solle sich während einem Interview oder auf der Strasse geben, wie er sei. Denn das sei das, was die Leute interessiere. Nicht der Komiker, sondern der Mensch hinter der Maske. Doch kann man in der Öffentlichkeit sich selber sein? Ein Clown schminkt sich doch gerade deshalb, weil er seine Persönlichkeit nicht in den Vordergrund stellen will. Rima schüttelt den Kopf: «Nein. Schauspielerei läuft grundsätzlich immer über die Wahrheit ab. Und Wahrheit bedeutet wiederum, dass man bei sich selber sein muss.» Auf der Bühne sei er eine Figur, die einen Teil seiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringe.


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Tanz & Theater

Rima hält fest: «Ich habe nie das Gefühl, dass ich mich verstellen muss. Wenn ich das Gefühl habe, etwas tun zu müssen, dann mache ich es.» Ein «solches Gefühl» lebte er beispielsweise in der Rekrutenschule aus. Offiziere aus Israel waren gerade zu Besuch, und der Panzergrenadier Rima musste mit den anderen Rekruten stramm stehen. Doch: «Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich mein Gewehr fallen lassen muss», sagt der Comedian, und er habe so das ganze Bataillon zum Lachen gebracht. «Ausser den Kommandanten» ergänzt er. Einige Minuten später sitzt Marco Rima mit uns im Progr. Die Bar in einer einstigen

Turnhalle – lediglich ein Paar Turnringe und Kletterstangen erinnern noch an den Sportunterricht – bringt den Komiker zum Lachen. «Speis und Irak. Ich dachte da steht Irak», sagt Rima lachend und schüttelt den Kopf. Die Aufschrift «Speis und Trank» an der Aussenbar litt derart unter der Witterung, dass das «T» aussieht wie ein «I». Während Rima einen Capuccino trinkt spricht er unter anderem über sein Reiseziel Lateinamerika, oder er zeigt uns Bilder seiner Kinder auf dem iPhone, und fragt uns über unsere Hobbys aus. Kurz nachdem die Strassenlampen eingeschaltet werden, klatscht Rima

in die Hände, lächelt verlegen und sagt: «Bitte seid mir nicht Böse, aber ich muss nach Hause.»

Im Dezember erscheint der neue Film von Marco Rima: «Liebling lass und scheiden». «Wer meinen Film <Handyman> gemocht hat, kann sich auf meine neue Komödie freuen», sagt Rima dazu. Redaktoren des Kulturmagazin ensuite werden sich den Film im Vorfeld ansehen und eine Filmkritik in der Dezemberausgabe publizieren.

RU T H K R A E HENBUEHL SPIE LT UND V E R MI T T E LT A F ROK U B A NISC HE R H Y T HMEN B E R N G E R E C H T.

R U T H K R A E H E N B U E H L.C H NEUER DING S AUC H WEB SEI T EN DIE SIE SEL B S T V ERUNS TA LT EN KÖNNEN // WENN SIE WOL L EN. AUFG ES T EL LT E G ES TA LT UNG VON S TA NISL AV K U TAC .C H IN ZUSA MMEN A R BEI T MI T IN T ERWER K.C H IG NOR A NZ IS T K EIN A L L HEIL MI T T EL // ZU R ISIK EN UND NEBENW IR K UNG EN F R AG EN SIE IHR EN S TA NISL AV K U TAC 078 656 4 4 19 ODER LUK A S VO G EL SA NG 031 318 60 50

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Tanz & Theater

T HEATER

Explodierende Innereien Von Belinda Meier

Was ist Wut? Woher kommt sie? Wie äussert sie sich? Welche Farbe hat sie? Diese und weitere der Berner Bevölkerung in Interviews gestellte Fragen, Antworten darauf ebenso wie Texte zur Wut, wurden zu einem Stück verarbeitet: Explodierende Innereien.

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ut, diese sehr heftige Emotion, die wir alle kennen, löst oftmals impulsive, unkontrollierte und aggressive Reaktionen aus. Sie, ihr Ausdruck, Hintergrund und Ursprung fungierten als Schwerpunktthema der diesjährigen Berner Biennale, die vom 10. bis 18. September stattfand. Das von der Regisseurin Katharina Vischer im Schlachthaus Theater uraufgeführte Stück «Explodierende Innereien» zeigte aufeinander folgende, sich überschneidende und parallel ablaufende Interaktionsszenen. Allen gemein: Sie verdeutlichten die unterschiedlichen Ausprägungen von Wut, und gingen ihrem Ursprung auf den Grund. Gespielt wurden die Szenen von zwei SchauspielerInnen (Michaela Wendt, Armin Kopp), drei jugendlichen Amateuren (Julia Geiser, Gian Joray, Jacqueline Schnyder) und einer Schülergruppe. Die Texte sind zum einen von einer Schülergruppe, zum anderen von Sandra Künzi verfasst worden. Szenencollage der Wut Ein jüngerer Mann buhlt um eine etwas ältere Frau. Sie weist ihn

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Foto: Fabrice Nobs

zurück mit der Begründung, dass sie zu alt für ihn sei. Er bleibt hartnäckig, versucht immer wieder, ihre Nähe zu gewinnen, bleibt jedoch erfolglos. Schliesslich machen ihn sein Misserfolg und der dadurch aufkeimende Frust wütend. Ein Mädchen glaubt, ihre beste Freundin habe ihr Tagebuch gelesen und auf facebook veröffentlicht. Sie stellt sie zur Rede, doch die Freundin weist die Anschuldigung schockiert von sich. Das Resultat der Auseinandersetzung: Das eine Mädchen ist unglücklich, fühlt sich entblösst und hintergangen; das andere sieht sich zu Unrecht beschuldigt, ist zunächst ohnmächtig, dann macht sich Wut bemerkbar, die in schallendes und unkontrolliertes Gelächter übergeht. Zwei Kletterer befinden sich an einer senkrechten Felswand. Der eine ist geübter als der andere, den auf einmal die Angst befällt. Er findet keine geeignete Griffstelle mehr. Sein Kletterpartner versucht alles, um ihn zu beruhigen, findet jedoch kein Gehör. Enttäuschung über die vom Kollegen vermasselte Klettertour macht sich breit. Eine Gruppe Schauspieler übt eine Szene, in der ein Chef seinem Angestellten mitteilt, dass er keine Boni erhalten werde. Die Rolle des Chefs bleibt dabei stets gleich besetzt, währenddem sich vier Schauspieler in der Rolle des Mitarbeiters üben, und diverse Handlungsweisen ausprobieren. Die Szene wird immer und immer wieder geübt. Der Mitarbeiter reagiert einmal verzweifelt, dann wütend, frech, aufbegehrend, und schliesslich trotzig.

Die Schauspieler reizen die Reaktionsmöglichkeiten so sehr aus, dass dem Schauspieler in der Chef-Rolle der Kragen platzt. Sein Frust und seine Enttäuschung darüber, nicht produktiv Theater spielen zu können, lässt ihn in Wut entbrennen, die sich in lautem Geschrei, Beleidigungen und Flüchen äussert. Wut erfordert Dynamik Diese und viele weitere Szenen werden immer wieder von kleinen Intermezzi einer Schülergruppe durchbrochen. In kleinen Szenen aus ihrem Alltag zeigen sie mit viel Körpereinsatz, Sätzen und Wortfetzen, wie Wut entsteht, was sie auslöst und bewirkt. Das Szenenspiel ergibt einen rasanten Rhythmus, indem die Szenen der Schüler mit jenen der Schauspieler und jugendlichen Amateure gekonnt abwechseln, ineinander hineinfliessen, parallel ablaufen, oder sich zu einer gemeinsamen Szene zusammenschliessen. Dadurch wird eine Dynamik erreicht, die dem Stück Spannung, Schwung und Lebendigkeit verleiht. Wieso Wut? Das Publikum nimmt Wut wahr, die durch Demütigung, Unfairness, falsche Anschuldigungen und Abweisungen entsteht. Die Wut wird dabei verbal mit Geschrei, Flüchen und Beleidigungen ausgedrückt. Wut kann aber auch physische Reaktionen wie Zittern, Schwitzen, Erröten oder Frustessen auslösen. Oder aber: Wut kann sich in Gewalt gegen sich oder andere ausdrücken. Und: Wut weckt Rachegelüste. Wut als emotionale Erregung, die jedem Menschen eigen ist, kennen wir alle. Nicht jede/r reagiert gleich in wütendem Zustand. Ähnlichkeiten, bzw. immer wieder auftretende Reaktionsmuster sind aber allemal erkennbar. Meist sind es Ungerechtigkeiten, die Wut erzeugen. Oft ist es auch so, dass einen nahestehende Personen eher wütend machen als Fremde. Denn: Die emotionale Bindung ist mit Erwartungen an, und Vorstellungen von den anderen gekoppelt. Werden diese Erwartungen in irgendeiner Form enttäuscht, tut es doppelt so weh. Die Enttäuschung und Wut, die sich äussert, ist dementsprechend gross. Wir und die Wut Explodierende Innereien konfrontiert uns auf ehrliche und direkte Art und Weise – und mit einem Schuss Humor – mit der Wut, die uns allen eigen ist. Wir alle kennen sie, haben sie gefühlt oder durch andere erlebt. Regisseurin Katharina Vischer hat mit dieser Szenencollage, oder «Theaterrecherche», wie das Stück im Untertitel genannt wird, eine geeignete Form gefunden, um sich dem Thema gezielt zu nähern. Sind wir nach dem Theaterbesuch schlauer? Nein. Müssen wir das denn sein? Nein. Was wir mitnehmen, ist die Gelassenheit, dass es anderen mit der Wut ähnlich geht, dass Wut menschlich ist, und dass wir in einer Gesellschaft der Normen und KniggeDiktate auch mal wütend sein dürfen, ohne uns anschliessend gleich als schwache Charaktere fühlen zu müssen. Denn manchmal tut es einfach gut, Dampf abzulassen – mit Mass …

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Music & Sounds Auf dem Weg nach Swatka City Von Till Hillbrecht Der neue Berner Stadtteil ist Zukunftsmusik

Bild: zVg.

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s stand schon schlechter um die Muse in der Schweizer Hauptstadt. Der Abstimmungskampf um die Reithalle trieb musikalische Blüten in die Höhe, und es findet sich auch ein stetig wachsendes Publikum für heimisches Musikschaffen. Dennoch: Abgesehen von Müslüms Hitsong über Erich Hess hat das Jahr 2010 noch nicht viel Neues hervorgebracht. Dabei könnte gerade dieses Jahr schicksalhaft werden für eine hiesige Band, die vor knapp zwei Jahren ihre erste EP produziert hat. Seither köcheln die vier Berner von «Swatka City» an ihrem geradlinigen, schonungslosen Rock. Indie-Rock, ist man versucht zu sagen, aber raffiniert genug, dass die abgegriffene Bezeichnung «Indie» nur als Vorschlag durchgeht. Treffenderes ist nicht in Sicht. Auch ihr Rock ist nicht neu erfunden, und in ihrem Sound warten gängige Muster auf: Rohe Stromgitarrenklänge in melancholische Melodien verflochten, halbwegs eingängige Grooves entlang der Grenze zwischen Mitsingen und Abdriften in Soundscapes. Aber er ist frisch verpackt, und zu einem soliden und innovativen Performancegesamtpaket verschnürt. Seit ihrem EP-Release und dem ersten Auftritt im Les Amis 2009 in Bern, hat Swatka City Luft auf grösseren Bühnen geschnuppert, und ist reif für sie geworden. Vielleicht deshalb ist es nicht verwunderlich, dass all die Dinge passieren, die dieses Jahr gebracht hat: Nach einer Tour durch Osteuropa vor einem Jahr, gewann Swatka City den Waldbühnen-Wettbewerb und spielte am Gurten Festival mit dem Jury-Prädikat: «Die grosse Entdeckung des Contests». Und bevor es im November auf die zweite, ausgedehnte Tour durch den Osten geht, hat die Band ihren wohl bisher grössten Triumph gelandet: Regisseur Dani Levy hat sie für seinen neuen Film «Das Leben ist zu lang» entdeckt, in welchem sich die versammelte Schauspielgarde Deutschlands die Ehre gibt. Wie kam es dazu? «Wir haben unseren selbst produzierten Clip zu <Off Your Beaten Tracks> am Gässli

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Film Festival Basel eingereicht», sagt Sänger und Gitarrist David Nydegger. Am Festival war Levy geladener Ehrengast, und er zeigte sich beeindruckt von der Arbeit. «Irgendwann kam ein Anruf von Levy, ob er etwas von unserem Material für seinen Film benutzen könne», so Nydegger, der die Videoclips der Band selber produziert, während sein Bruder Matthias – Drummer der Band – Booking und Organisation übernimmt. Dass dabei der von Levy ausgewählte Track «Run, Run, Run» «nur» für den Abspann benutzt wurde, dürfte Swatka City wenig stören. Einen Trip nach Berlin, im vergangenen August an die Premiere des Films, war dies allemal wert. Und es wäre nicht indie genug, hätte Swatka City dabei die Chance zu zwei Konzerten in der deutschen Metropole verstreichen lassen. Selbst organisiert, versteht sich, Do it Yourself, eben. Dass die in Berlin gänzlich unbekannten Berner dabei nicht auf volle Ränge setzen konnten, fiel weniger ins Gewicht als die Möglichkeit, ihre Band auf fremde Bühnen voranzutreiben. Auf mehr Publikum können die Gebrüder Nydegger, Jonas Enkerli (Gitarre) und Kaspar Hochuli (Bass) auf ihrer Tour durch Kroatien, Slowenien, Ungarn und Österreich hoffen. Denn dort haben sie sich während der letztjährigen Tour ihren Ruf schon aufgebaut –

wie gut der ist, weiss nur, wer da war. Doch: Es ist ein beeindruckendes Palmarès für eine Band ohne Vertrag, ohne Label, für eine Band, die irgendwie eben «indie» ist. Ob diese Unabhängigkeit auch den weiteren Weg bestimmen soll? «Natürlich wollen wir einen Schritt weitergehen», meint Nydegger, doch der Anfang sei am schwierigsten: «Einerseits hat man alles unter Kontrolle, andererseits muss man alles selber organisieren. Es ist sehr anstrengend und aufwendig, auch die Organisation der Tour». Seit dem Filmbeitrag für Levy sei es den Vieren aber ernster geworden um die Band: «Auch der Gurten-Auftritt hat uns extrem motiviert», sagt der Berner. Konsequenz der engagierten Arbeit ist das Tüfteln am ersten Longplayer, der anfangs nächsten Sommer aufgenommen wird. Einerseits ist viel neues Material dazugekommen, andererseits ist das Fristen des Bandlebens um einiges einfacher mit einem eigenen Album. Auf diversen Bühnen zu Konzerten zu kommen ist ohne eine Platte in der Tasche schier unmöglich. Aller Anfang ist schwer. Und Swatka City ist doch noch mitten im Anfang, wo die Wege in alle Richtungen führen. Da bleibt zu hoffen, dass sich der Charme der Gruppe hält, und der solide Auftritt bleibt. Wie «indie» dass sein wird, ist dann irgendwie doch recht egal.


Music & Sounds

Ein Konflikt in umgekehrter Richtung Von Luca D‘Alessandro – im Gespräch mit Michael Zisman (In Zusammenarbeit mit Jazz’n’more/Bild: zVg.)

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nter der kundigen Leitung von Vater Daniel Zisman, begann der argentinisch-schweizerische Bandoneonist Michael bereits in jungen Jahren, in namhaften Tangoformationen mitzuwirken. Heute ist er selbst als Solist und Bandleader unterwegs, und in zehn Projekten engagiert. Sein Repertoire umfasst Latin-, Tango-, Freestyle- und Jazzkompositionen. Ein breites Spektrum: Riskiert man da nicht, den Überblick zu verlieren? «Nein, ich fühle mich wohl, wenn ich meine Ideen ausleben kann», sagt Michael Zisman im Interview. Michael Zisman, deine Arbeit verteilt sich auf zahllose Projekte. Jedes einzelne hat eine eigene Identität… Wer bist du? (lacht) Diese Frage lässt sich auf die Schnelle nicht beantworten. Ich habe das Gefühl, ständig auf der Suche zu sein. Wonach? Nach dem Weg – sowohl als Musiker als auch als Mensch. Ich bin mit dem Jazz und dem Tango aufgewachsen, möchte mich aber auf keines der beiden Genres beschränken. Ich suche den Kontext dazwischen und drum herum. Wenn ich mich auf ein einziges Projekt fixieren würde, wäre mir das schon lange zu eintönig. In der Presse wurdest du wiederholt als Nachfolger von Astor Piazzolla gehandelt. In Anbetracht der Fülle an Projekten, in denen du engagiert bist, scheint diese Definition etwas gar eng. Sie ist nicht so eng, wie man es auf den ersten Blick vermuten könnte: Piazzolla hat sich selbst stark geöffnet und nach reiflicher Recherche eine ganz eigene Sprache gefunden. Er bewegte sich in diversen Genres, bevor er sich festlegte: im traditionellen Tango, im Tango Avantgarde und sogar in der klassischen Musik. Ich dagegen tue mich schwer, einen Zielhafen anzusteuern. Als junger Musiker mit Potenzial hast du dazu noch genügend Zeit … … und im Moment habe ich auch nicht vor, die Zahl der Projekte zu reduzieren. Ich werde meine Tätigkeiten differenziert weiterführen, bis ich ein Zeichen sehe, das mir die Richtung vorgibt. Aber das wird vermutlich noch nicht morgen passieren. Das Publikum wird deinen Weg mitgestalten.

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Wie hat sich die Nachfrage in den vergangenen Jahren verändert? Das Interesse am Tango ist relativ stabil geblieben, allerdings sollten wir zwischen dem Tangomusik- und dem Tangotanzboom unterscheiden: Das Publikum, das die alten Tangos und die Nuevotangos hört, hat wenig mit den Leuten gemeinsam, die den Tango tanzen. Was verstehst du unter Nuevotango? Für mich ist es ein Genre, das die Grenzen zum Jazz und zur Klassik durchbricht. Spielt da die Elektronik auch mit? Nicht wirklich. Elektrotango ist doch etwas ganz Anderes. Ich selbst habe mich da noch nicht herangewagt. Siehst du im Elektrotango eine Chance oder eine Gefahr? Eine Gefahr ist er sicher nicht. Die Idee ist an sich spannend, allerdings habe ich bis jetzt noch nichts gehört, das mich wirklich überzeugt hat. Produzenten aus der Elektronikbranche, die sich mit Elektrotango befassen, tendieren dazu, fast ausschliesslich mit Klischees zu arbeiten, und zu wenig mit musikalischem Idealismus. Wie das? Ihnen geht es vor allem darum, Musik zu machen, die sich gut verkaufen lässt. Die Authentizität bleibt dabei auf der Strecke. Es fehlt die Avantgarde. Apropos Authentizität: Du lebst mehrheitlich in der Schweiz, schaffst es aber, das argentinische Lebensgefühl authentisch rüber zu bringen. Wie geht das? Gute Frage. Ich denke, eine Antwort lässt sich herleiten. Ich bin Hand in Hand mit dem Tango aufgewachsen – mein Vater hat mich das Handwerk gelehrt. Vom Lebensgefühl der Porteños wurde ich zwar nie angesteckt, trotzdem bin ich in der Lage, authentisch zu wirken, da ich meinen eigenen Weg gehen und den Tango vom Prinzip her nachfühlen kann.

Vom Prinzip? Ja, der Tango ist im Zusammenhang mit den Migrationsströmen nach Südamerika entstanden. Europäer suchten in der Ferne nicht nur das wirtschaftliche Glück, sondern auch eine neue Identität. Aus diesem Konflikt heraus ist der Tango als Lebensgefühl entstanden. Als Sohn eines argentinischen Vaters, der in der Schweiz lebt, habe ich einen ähnlichen Konflikt erlebt – allerdings in umgekehrter Richtung. Ich lebe fernab meiner musikalischen Heimat Argentinien, und muss hier in der Schweiz mein Lebensgefühl suchen. Stimmt dich das traurig? Nein, überhaupt nicht. Der Tango ist aber schwermütig. Der Tango hat tatsächlich etwas Trauriges. Aber er ist nicht nur das. Insbesondere im Nuevotango gibt es Nuancen, die sich vom melancholisch-traurigen Moment abheben. Was sicher ist: Der Tango ist eine emotional sehr starke Musik. Die nächsten Konzerte 10. Oktober: Duo Zisman / Fulgido – Sternenkeller, Rüti (ZH) 23. Oktober: Cuarteto Zisman – Libertango Club, Baden 7. November: Michael Zisman, Bandoneon Solo - Villa Mettlen, Muri b. Bern Diskographie (Auswahl) Swiss Jazz Orchestra and Michael Zisman: Close Encounter (Mons / Sunny Moon) Michael Zisman: Mi Bandoneón (Zytglogge) Zisman / Fulgido: Fueye Y Viola (z-sharp Records) www.michaelzisman.com

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Music & Sounds KLASSISCHE MUSIK

«…wir sassen stumm und alleine» Von Karl Schüpbach

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er folgende Artikel war schwer in Worte zu fassen. Es waren aber Erinnerungen und Emotionen, die mich anlässlich des 3. Concours Ernst Haefliger in Bern gleichermassen in eine innere Enge trieben, weil sie imperativ verlangten, in Form eines Artikels im Kulturmagazin ensuite in Sprache gekleidet zu werden. Dabei legte sich mir ein Hindernis in den Weg. Wer kennt sie nicht die Schwierigkeit, persönliche Gefühle, der Sprache auszuliefern? Der Concours Ernst Haefliger. 22. August 2010 im Stadttheater Bern: ich nahm frühzeitig meinen Platz ein, als hätte ich vorausgeahnt, dass das an die Rückwand der Bühne projizierte Bild des grossen Künstlers mich sofort in seinen Bann ziehen würde, und dass die gleichzeitig ausgelöste Lawine von Erinnerungen eine gewisse Zeit zur Verarbeitung verlangen musste. Zum Bild: die Profil-Aufnahme hält in einzigartiger Weise den für mich unvergesslichen Blick des Sängers fest, sein tiefgründiger Ernst, seine Melancholie, zwei prägende Elemente seiner Kunst. Die unverwechselbare Farbe seiner Stimme, die Intensität seiner Gestaltungskraft, offenbarten sich mir erstmals während meiner Gymnasialzeit (1951-1955). Ich war also nicht Berufschüler, durfte aber als Zuzüger im Berner Symphonieorchester, BSO, (damals noch Stadtorchester) bei einer Aufführung der Matthäus-Passion von Bach mitwirken, im Berner Münster, mit Ernst Haefliger als Evangelist. Die Gestaltung der beiden Textstellen «mein Gott, mein Gott warum hast Du mich verlassen» oder «Aber Jesus schrie abermal laut und verschied» klingen heute noch in mir nach. Es war mir vergönnt, Haefliger in meiner Laufbahn als Mitglied des BSO noch mehrmals erleben zu dürfen. Aus den reichhaltigen klanglichen Erinnerungen möchte ich speziell die vielen Liederabende, vornehmlich mit Werken von Franz Schubert, erwähnen, die ich in Bern und Salzburg erlebt habe. Ich erinnere mich an eine unvergessliche musikalische Weihestunde: Haefliger interpretierte im Berner Münster das Tenor-Solo mit Chor «Sanctus, Sanctus» aus dem Requiem von Berlioz. Das BSO und der Chor, erschüttert von dem eben Gehörten, verpassten an der Generalprobe den Anschluss an die nächste Nummer, es herrschte tiefe Stille. Ich weiss, dies klingt anekdotisch, meine Teilnahme an diesem Ereignis darf für die Wahrheit bürgen. Bei der Aufzählung dieser Erinnerungen, dürfen auch seine Gestaltung von Rollen aus Opern und Oratorien nicht vergessen gehen, z.B. sein Idamantes aus dem Idomeneo von Mozart auf der Bühne des Grossen Fest-

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spielhauses in Salzburg, oder, hier in Bern, sein Gabriel in der Schöpfung von Haydn. Die Worte des Moderators rissen mich aus diesen (Klang)Erinnerungen heraus, ich lauschte den 10 Sängerinnen und Sängern, die sich für den Enddurchgang des 3. Concours Ernst Haefliger qualifiziert hatten. Aber ich muss gestehen, ich war nicht ganz bei der Sache … Es ist sicher verständlich, dass man MusikWettbewerbe nach dem Namen einer grossen Künstlerin oder eines grossen Künstlers benennt. Wenn man das Glück hat, eine solchen Namensgeberin, einen solchen Namensgeber, persönlich erlebet zu haben, stellt sich meines Erachtens die Gefahr von Vergleichen ein. Ich jedenfalls erliege dieser Gefahr: nach Ernst Haefliger habe ich bis heute keinen Evangelisten erlebt, den ich auf gleicher Höhe an die Wand projizieren könnte.

Diese Frage beschäftigt mich seit Jahrzehnten, erwar ten Sie keine Antwor t von mir. Worte. Meine Vorahnung der sich einstellenden Schwierigkeiten, Ihnen das Erlebte in Worten zu schildern, haben sich nicht nur bestätigt, sondern sie haben sich insofern verselbstständigt, als ich mich gezwungen sah, mich dem Dilemma Wort-/Gefühlsinhalte während der gedanklichen Vorarbeit für diesen Artikel weiter zu stellen. Ist es nicht sonderbar: wenn ich im Kultur-Magazin ensuite fast Nummer für Nummer die in unserem Lande übliche zerstörerische Huldigung des Mammons zu Ungunsten der Kultur anprangere, entziehen sich die Worte nie meinem Zugriff. Wenn ich auch im Zusammenhang mit dem Concours Haefliger zum wiederholten Mal das brillante künstlerische Niveau des BSO hervorhebe – wie klangschön, einfühlsam und technisch perfekt hat der Klangkörper die heikle Aufgabe gelöst – dann drängen sich die Worte, Formulierungen, geradezu auf! Wenn aber Gefühlsinhalte weiter gegeben werden sollen, ziert sich das präzise Instrument Wort, Hemmungen greifen um sich, wie wenn es etwas zu verbergen gäbe. Ein Verdacht drängt sich auf, wie ein Gedankensplitter, der in diesem Zusammenhang nicht vertieft werden soll: liegt hier ein Grund vor, warum wir materielles Gedankengut mit Leichtigkeit äussern, weil dem

Intellekt zugänglich, während gefühlsmässiges Erleben – lies Kultur – es liebt, sich in seiner Irrationalität dem allgemeinverständlichen Zugriff zu entziehen? Am Meer. Franz Schubert, Lied Nr. 12 aus dem «Schwanengesang» (Claves CD 50-850). Die Diskussion um Worte führt uns abrundend wieder zu Ernst Haefliger zurück. Die Titelzeile meines Artikels stammt aus dem obenstehenden Lied. (Text: Heinrich Heine). Innerlich höre ich es gesungen von Ernst Haefliger, am Hammerflügel magistral begleitet von Jörg Ewald Dähler. Sie wissen, liebe Leserinnen und Leser, dass Wortdeutlichkeit eine Forderung ist, die an Sängerinnen und Sänger immer wieder gestellt wird, gerade beim Liedgesang. Ich habe dieses Beispiel ausgesucht – es würde unendlich viele weitere geben – weil hier die Einheit von Wort und Melodie, von der menschlichen Stimme und dem Hammerflügel ganz besonders eindrücklich ist. Präzise auf das Wort bezogen: es drängt sich hier nicht in den Vordergrund, es will aber auch nicht mehrfach gewogen werden, wie ich es erlebt habe beim Versuch, Gefühlsintensives … eben, in Worte zu fassen. Abschliessend noch zwei Gedankengänge: Das Lied von Franz Schubert stützt sich auf einen Text der Romantik mit ihrer Ausstrahlung, wie wir sie kennen aus der Literatur oder der Malerei. Die beiden Künstler lassen uns teilnehmen an einer Fähigkeit der Identifikation, die weit über das Mitfühlen mit einem jungen Mann und einer jungen Frau angesichts einer Naturszene hinausgeht. Was aber schwingt noch mit? Diese Frage beschäftigt mich seit Jahrzehnten, erwarten Sie keine Antwort von mir. Ich kann nicht wissen, wie meine Worte über die Kunst von Ernst Haefliger bei Ihnen ankommen – sie lassen Sie kühl, vielleicht lehnen Sie sie ab als Gefühlsduselei, vielleicht fühlen Sie sich angesprochen, vielleicht wecken sie gar Erinnerungen. Letzteres trifft sicher nicht zu bei einem sehr jungen Kollegen, der mich unmittelbar nach dem Concours fragte: «Wer ist eigentlich Ernst Haefliger?» – Der Sänger wurde 1919 geboren, und ist 2007 gestorben. Der Kollege konnte ihn also nicht kennen. Ich war nicht in der Stimmung, lange Erklärungen abzugeben und empfahl ihm, die CD anzuhören, vor allem das Lied «Am Meer». Es lebe die Schallplatte! Werden auch Sie hineinhören?


Music & Sounds

KLASSISCHE MUSIK

Otto Klemperer Von Heinrich Aerni - Eine neue Biographie von Eva Weissweiler

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tto Klemperer war wohl der bedeutendste Dirigent, der je in Zürich ein regelmässiges Engagement innehatte, neben Carlos Kleiber, der ebenfalls in den 1960er Jahren am Stadttheater tätig war, es aber nur gerade zwei Spielzeiten lang aushielt. Klemperers Zürcher Zeit war von unschönen Szenen bis hin zu einem Orchesterboykott überschattet, die Klemperers im hohen Alter noch unberechenbarerem Temperament, aber vor allem auch der Starrköpfigkeit der Orchestermusiker zuzuschreiben waren. Nun hat die Deutsche Schriftstellerin und Musikwissenschaftlerin Eva Weissweiler eine Biographie geschrieben, die zweite nach Peter Heyworths zweibändigem Referenzwerk «Otto Klemperer. His Life and Times» (1983 bzw. 1996). Mit der Überschrift «Otto Klemperer – ein deutsch-jüdisches Künstlerleben» zielt sie von vornherein auch auf aussermusikalische Kategorien, wobei man im besten Sinn von einem umfassenden Zugang zur Persönlichkeit Klemperer sprechen kann, dreigeteilt in politisch, alltagsgeschichtlich, was im vorliegenden Fall auch das Erotische mit einschliesst, und schliesslich künstlerisch. Wie ein nicht enden wollendes Feuerwerk beschiesst uns Weissweiler gleichsam mit Quellen, dass es so richtig Spass macht. Viele davon hat sie selber aufgestöbert zwischen Zürich, Berlin, Wien und Washington, D.C., vieles musste sie von Peter Heyworth übernehmen, der öfter mal unsauber zitiert hatte. In beeindruckender Breite schafft sie Querbezüge zu Zeitgenossen, vom grossen Vorbild Gustav Mahler bis hin zum gewissermassen Geistesverwandten Ernst Bloch, zeichnet sie den historischen und künstlerischen Hintergrund, vor dem Klemperers Stationen plastisch werden: die schlesische Herkunft, die Jugend in Hamburg – sehr schön dargestellt die verschiedenen jüdischen Gemeinden bzw. Traditionen, die Ausbildung in den gegensätzlichen Konservatorien von Frankfurt am Main und Berlin, seine Stationen als Kapellmeister u.a. in Hamburg, Strassburg, Köln, Wiesbaden und schliesslich die zur Legende gewordenen Jahre 1927 bis 1931 an der Kroll-Oper in Berlin.

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Die zweite Lebenshälfte ab der Emigration fällt im Verhältnis zum ersten Teil summarisch aus, was Weissweiler vielfach zum Vorwurf gemacht wurde. Zu unrecht, sind doch sinnvoll gesetzte Schwerpunkte in jedem Fall dienlicher als ein krampfhaftes Streben nach Vollständigkeit. Immer wieder thematisiert Weissweiler Klemperers Verhältnis zu seiner jüdischen Herkunft, die frühe Konversion zum Katholizismus, seine Wahrnehmung der politischen Vorgänge Anfang 1933 – Klemperer hatte laut Heyworth am 5. März die Deutschnationale Volkspartei gewählt –, und schliesslich die späte Hinwendung zum Judentum. Sehr schön wird sichtbar,

«Er war immer bereit, Konzessionen zu machen. … Es gab irgend etwas Oppor tunistisches in seinem Charakter.» wie die kompromisslose künstlerische Haltung, wie es bei so vielen Musikern zu beobachten ist, einhergehen konnte mit einer partiellen politischen Blindheit, etwa in Klemperers Loyalität gegenüber seinem alten Lehrer, dem engstirnigen und erzkonservativen Hans Pfitzner, bei gleichzeitiger höchster Verehrung einer Künstlerpersönlichkeit wie Busoni. Nicht auszumalen, wie es um Klemperers Ruf heute stehen würde, wenn er 1933 nicht hätte fliehen müssen, denn geblieben wäre er, zumindest vorerst, wie so viele andere. Überzeugend ist auch der «Blick von unten», den Weissweiler immer wieder einnimmt, wenn sie die Besitzverhältnisse, die materielle und medizinische Not der unteren Bevölkerungsschichten, dem Orchester- und Theateralltag gegenüberstellt. Ebenso schafft sie eine ausgewogene Darstellung all der vor allem weiblichen Personen in Klemperers Umfeld – das Buch eröffnet mit einem Schlaglicht auf die kleine Tochter Lotte. Konsequent spürt

Weissweiler den Liebschaften nach und trifft dabei Töne, die der in erster Linie männlichen Zunft der Dirigentenbiographen fremd sind, etwa wenn Alma Mahler 1911 «heftig mit Otto Klemperer (flirtet), der um diese Zeit wirklich hinreissend aussieht.» Selbstverständlich erhält auch die musikalische Tätigkeit ihren Platz, das Dirigieren, die Kompositionen, der unter all den grossen Dirigenten konsequenteste Einsatz Klemperers für die Neue Musik bis zur Emigration, dann die Konzentration auf wenige Klassiker in Amerika und später England, die wohl lediglich aus kommerziellen Gründen erfolgt ist. Mit Hilfe von unzähligen Rezensionen entsteht das Bild des kompromisslosen Antiromantikers, der aufgrund seines Talents und seines Könnens die Leute in seinen Bann zu ziehen vermochte, der über dieses Können hinaus ein seltenes, gesamtkünstlerisches Bewusstsein dafür entwickelte, was er tat, dessen Leistungen aber nicht zuletzt aufgrund seiner immer wiederkehrenden psychischen Probleme durchaus schwanken konnten. Statt Sätzen wie: «Er … verteilt sausende Hiebe mit seinem Taktstock, den er wie ein Stilett auf die Sänger richtet», würde man lieber von ihr eine gesonderte Beurteilung der Frage nach der künstlerischen Besonderheit und letztlich der Faszination Klemperers erhalten, aber den Rahmen einer Biografie würde dies eher stören. Implizit bezieht sie hin und wieder Stellung, etwa wenn sie Klemperer selbst zitiert, der leicht befremdet über Richard Strauss’ antimetaphysische künstlerische Haltung sagte: «Er war immer bereit, Konzessionen zu machen. … Es gab irgend etwas Opportunistisches in seinem Charakter.» Musikalische Untersuchungen zu Klemperer, wie sie Weissweiler ja auch selbst vorschlägt, werden noch einige Bücher füllen können. In ihrer Breite aber bedeutet diese Gesamtbetrachtung Klemperers, über den noch immer erstaunlich wenig geforscht wird, einen Glücksfall. Eva Weissweiler: Otto Klemperer. Ein deutsch-jüdisches Künstlerleben. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010

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Music & Sounds

S ZENE

BAZE Von Ruth Kofmel

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chweizerdeutscher Rap war eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Bis ich dann eines Abends auf einem Bildschirm diesen jungen Mann sah, der mit seltsam hochgekrempelten Trainerhosen auf einem Bett bei einer Tankstelle sass und rappte, dass es eine wahre Freude war. Wie sich herausstellte, war dieser Mann Basil Anliker aka Baze und es dauerte noch ein paar Jahre, bis sich die Wege im kleinen Bern kreuzten. Die ersten zwei seiner SoloPlatten sind mehr oder weniger ungehört an mir vorbeigegangen, und ich hatte den extrem morgenmuffeligen Mann erst bei der Promo der Boys on Pills-Platte als Interviewpartner vor dem Mikrofon. Die zwei Boys on Pills-Alben fand ich äusserst unterhaltsam. Ich war davon angetan, wie Baze die Worte aneinanderreihte, wie er seine Geschichten erzählte; simpel, lebensnah und auf den Punkt gebracht. Mir gefielen seine Melodien, sein Flow; jeder Rapper hat seine Ton-Abfolgen, seine Rhythmik, die ihn im Idealfall unverkennbar machen und im schlechtesten langweilig. Die Boys on Pills-Alben gaben also schon einmal die Richtung vor, aber Baze versteckte sich da noch hinter viel Ironie und Übertreibung, was zu diesen Alben zwar durchaus passte, einen als Zuhörerin aber doch irgendwie unbefriedigt zurückliess. Was ich hören wollte, war die erwachsene Version des rappenden Baze, eine Solo-Scheibe, die einem als Mitdreissigerin nicht vor die Entscheidung stellt, diesem Musik-Stil ein für alle Mal abzuschwören, weil Rap schlussendlich doch nur als Musik des Jugendkults funktioniert. Jetzt habe ich diese Scheibe endlich in meiner Anlage. Sie heisst «D’Party isch vrbi» und fängt mit einem melancholischen Abgesang auf die wilden, durchwachten Nächte an. Mit Hilfe von Endo Anaconda wird da eine hoffnungserfüllte Endzeitstimmung heraufbeschworen, dass einem ganz schummrig wird. Die Geschichten sind einmal mehr aus dem Leben gegriffen und spielen oft auf den etwas raueren Seiten des Alltags. Sie widerspiegeln die Ausei-

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nandersetzung mit dem Erwachsenwerden, den Abschied einer Generation von ihrer Jugend. Was mich daran entzückt ist, dass es Baze gelingt, dieses metaphysische Gefühl derjenigen zu erfassen, die sich mit dem Verlassen der Jugendwelt nicht ganz leichttun – es gibt dafür sogar einen Begriff: wir stecken in der OdyseePhase. Uns ist nicht ganz klar, was eigentlich das Erwachsensein nun ausmachen sollte. Einfach nicht mehr an Parties gehen, die Liebe des Lebens finden, Kinder machen und den Garten umgraben - das klingt zwar auch verlockend, aber wir stellen leicht konsterniert fest, dass sich dieser Plan nicht einfach so mir nichts dir nichts umsetzen lässt, dass wir es nicht schaffen, diese Schablone auszufüllen, ohne uns weh zu tun, uns zu verlieren, und wir bleiben mit der Frage stehen, was dann noch kommen soll. Baze schafft es, diese für uns typische Ambivalenz einzufangen, und das ist eine sensationelle Leistung. Schwere Themen geht er mit Humor an, leichten Themen hängt er etwas Blei an die Füsse, und balanciert so die ganze Kiste sicher und kompakt aus. Benfay und Marton di Katz haben die Beats beigesteuert und bauen Kulissen für die Geschichten, wie sie besser nicht sein könnten. Musik und Texte haben etwas gemeinsam, was schwer hinzukriegen ist, sie sind gleichzeitig eingängig und tiefgründig. Die Melodien hat man nach einmal hören im Ohr, manche Songs sind richtig süffig und surfen nahe am Kitsch, aber immer gibt es da die kleinen Brüche und Unterströmungen, die sie davon bewahren ins Seichte abzudriften. Baze sucht sich bewusst Beats aus, die nicht einfach per se eine Wucht sind, sondern solche, die ihm eine Stimmung vorgeben und die noch Platz genug bieten, in einer zweiten Phase, auf den Text zu reagieren. So entsteht eine äusserst bestechende Dynamik, die dafür sorgt, dass die Scheibe auch nach dem zehnten Durchgang immer noch in ganzer Länge und voller Lautstärke gehört werden will. «D’Party isch vrbi» ist grosses Theater und gerade be-

Bild: Niko Kricka

komme ich nicht genug davon. Zuvor durfte ich an einem grauen Sonntagnachmittag zu Baze und Benfay in den Keller runtersteigen, mich in einen Bürostuhl vor Boxen setzen, die Füsse hochlegen und zuhören. Ich war sehr glücklich an diesem Nachmittag. Vielleicht war es das quere Mittagessen, in einer Beiz, die ich alleine nie und nimmer besucht hätte, oder die Frau dort, die mich einfach so umarmte und meinte: «I respect women like you!» (ähm, merci – sehr lieb – irgendwie), vielleicht war es schlicht die Tatsache, dass diese zwei Männer gerade dabei waren, etwas Einzigartiges zu schaffen, und ich da ein paar Stunden mitten in den Beats und Lines mitschwamm. Musik ist Geschmackssache, aber es gibt auch immer Fakten, die sich festnageln lassen: Baze rappt perfekt. Da wird nichts im Nachhinein geschnitten, nichts gepitched. Baze rappt so, dass die Worte sich wie ein geschmeidiger Lederhandschuh um die Beats legen. Er sagt, er habe etwas Angst davor, dass die Leute beim Zuhören davon ausgehen, dass das alles er sei, dass die Geschichten ihn eins zu eins widerspiegeln. Und auch wenn er etwas Angst davor hat, hat er genau das getan. Er hat alles abgelegt, was ihn distanziert, überheblich und grossmäulig erscheinen lässt, und erzählt mit nichts als Boxershorts auf dem Leib aus dem Leben. Das ist kein Weltverbesserungs-Rap, kein Klischeegangster-Rap – es ist die Umsetzung dieser Musikform, wie sie ursprünglich gedacht war; als erzählendes Medium, als ein Hybrid aus Poesie und Musik. Und zu guter Letzt lässt einem Baze nicht einfach so im Regen dieses melancholischen und nackten Albums stehen, sondern gibt uns noch einen letzten Song mit auf den Weg; es geht darin um diese Nachmittage in Kellern, um diese Momente, wo die Zweifel für einen kurzen Augenblick Ruhe geben. Das ist keine Neuigkeit, aber gut, mal wieder zu hören; es sind diese Momente, die zu suchen sich lohnt - nicht mehr und nicht weniger.


Music & Sounds

CD-Anspieltipps

DANIEL SCHENKER QUARTET – JARDIM BÔTANICO

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xotisch-duftende Blumen, wuchernde Sträucher und immergrüne Bäume. Das Bild des wild anmutenden, dennoch geordneten Jardim Bôtanico von Rio De Janeiro hat den Trompeter und Flügelhornisten Daniel Schenker zum gleichnamigen Album bewogen. Die Reise nach Brasilien beginnt bereits auf dem AlbumCover, wo zwei orange-gelbfarbene Blumen vor grünem Hintergrund ineinander übergehen und sich zu einer neuen Einheit vereinen. Es ist die Verschmelzung der Musica Populár Brasileira mit Klängen und Rhythmen des Jazz und Swing – eigentlich ganz atypisch für den Schweizer Musiker, der in seinen Vorgängeralben, so zum Beispiel auf seinem Debüt «Iridium», stark auf Swing-Jazz und Hard-Bop ausgerichtet war. «Jardim Bôtanico» ist ein angenehm ruhiges Werk; eine klangfarbenprächtige Zusammenstellung von Eigenproduktionen Schenkers aus den vergangenen zwei Jahren. Fazit: Herzerwärmend schön. (ld.)

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INTERPOL

chlicht und so perfekt wie immer kommt das sehr starke Statement von „Interpol“ mit dem simplen Titel „Interpol“ daher. Sie haben ihren Teil der Musikerfindung geschrieben, und surfen auf diesem Weg in gekonnter Monotonie und Konsequenz. Eine musikalische Selbsterfindung aus New York, die so gar nicht nach New York klingen will. Was aber hinter der scheinbaren Monotonie hervorkommt, wenn man sich auf Interpol einlässt, ist immer wieder eine Überraschung. Ursprünglich 1998 gegründet und unverständlicherweise dem Post-Punk zugeordnet, hat die Band in nur 12 Jahren bereits 4 Alben, zig Singles und vor allem auch Tourneen hinter sich. Anders als viele dieser

jungen Bands aus New York haben Interpol sich mit den Jahren nur tiefer in das Konzept geschraubt, und werden mit jedem Album besser. Der Sound ist extrem ausgereift, die Gesangspartien muss man mehrmals anhören – die sind sehr intelligent. Die Präsentation der Band mit dem ganzen darum herum, ist konsequent beibehalten worden. Die markante Stimme von Paul Banks, und das fast britische Songmuster sind überzeugend. Das neue Album geht aber im Unterschied zu den vorherigen persönlicher auf die Band ein. Wer genau hinhört, erfährt über die Musik, die Komposition und die wuchtigen Arrangements, ein anderes Bild von den 3 – 8 Männern (Band und Live-Band). Ja, es ist Männermusik. Aber genau das kann auch Frauen interessieren. Vielleicht noch mehr als die Männer selbst … (vl) www.interpolnyc.com

Auf welches Konzert freuen Sie sich besonders? Mit rund 50 Konzerten bietet das Berner Symphonieorchester eine musikalische Heimat für alle Klassikliebhaber in Bern. Und für die rund 100 Musikerinnen und Musiker aus 16 Nationen.

Orchestermitglieder verraten Ihnen ihr persönliches Highlight der aktuellen Konzertsaison.

Yutaka Mitsunaga Viola Solo aus Japan

ARCADE FIRE – THE SUBURBS

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rgendwie wird Arcade Fire als eine der besten Bands weltweit gefeiert. Bei den früheren Alben habe ich das noch einigermassen nachvollziehen können. Mit dem neusten Wurf wackelt dieses Bild aber. Es scheint, dass Arcade Fire ihrem eigenen Klischee nachjagen und sich selber reproduzieren. Das kann – wie in vielen Fällen gut demonstriert – funktionieren. Bei Arcade Fire wird es aber langweilig. Zudem hört man aus der Musik heraus, dass diese Band nicht mehr gleich motiviert ist wie früher. Da galt noch die Musik – jetzt scheint der Erfolg stärker zu schimmern. Das ist natürlich kein Wunder, wenn diese acht Jungs und Mädels von der halben Welt so «gehyped» wird. Arcade Fire stammen aus Montréal, Kanada, wurden 2002 gegründet, und schweben seither auf dem Teppich. Eine Indie-Rockband ist das schon lange nicht mehr. Man tut noch als ob – aber es fehlt an Überzeugung und Erfindergeist. Etwas überrascht war ich auch über die Soundqualität der Studioproduktion: Wenn diese sich überschlagenden Stimmen und schlechten Abmischungen «indie» sein sollten, dann habe ich wohl etwas falsch verstanden. Fazit: Wer diese Mischung aus Indie-RockFolk mag, und dies auch nach dem hundertsten Anhören noch immer, wird wirklich auch gefallen finden am neuen Album «The Suburbs». (vl) www.arcadefire.com

Mahlers 6. Symphonie: Das ist unglaubliche, wahnsinnig dramatische Musik. Mahler hat sich die verrücktesten Klänge ausgedacht, in seiner Musik steckt einfach alles drin. Ausserdem wird dieses Konzert von Günther Herbig geleitet, einem routinierten alten Hasen. Das letzte Mal, als er unser Orchester dirigierte, war ich leider krank und konnte deshalb nicht mitspielen. Die Kollegen haben alle sehr von ihm geschwärmt, und ich war wirklich traurig, dass ich nicht dabei sein konnte. Nun kommt Herbig wieder, und erst noch mit Mahler – auf diese Kombination freue ich mich riesig! Konzert des Berner Symphonieorchesters

Mahlers «Tragische» 9. & 10. Dezember 2010, Kultur-Casino Bern

Und was ist Ihr Konzert-Highlight? Besuchen Sie uns auf

und im Konzertsaal. ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

Tickets: Bern Billett, Nägeligasse 1A, T: 031 32931 52 52


Kino & Film

KUNSTKINO

Urs Fischer Von Lukas Vogelsang

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ie wissen nicht, wer Urs Fischer ist? Schummeln ist erlaubt – schliesslich ist dieser Ausnahmekünstler nach New York ausgewandert. Um ihn geht es in diesem Film von Iwan Schumacher. Einem Dokumentarfilm. Urs Fischer ist 36 Jahre alt. Ein Senkrechtstarter, ein Popkünstler, ein widerspenstiger Gegensetzer. Im Film wirkt er, als werde alles, was er in die Finger nimmt, grösser, üppiger, grandioser. «Aus dem Lot» ist das Thema in seiner Kunst – aus dem Lot kommen die BetrachterInnen derselben. Mit jeder Minute wird der Film frischer, witziger und intelligenter. Schrittweise bewegen wir und durch ein Chaos, welches systemlos System hat. Immerhin hat Urs Fischer – so die Erzählung –, als er nach New York kam, statt erst das Atelier, eine Küche aufgebaut. «Meeting point» – vielleicht auch sowas wie ein «melting point». Daneben baut er, und das ist der rote Faden im Film, an seiner ersten Einzel-Ausstellung im New Museum in New York City, Oktober 2009. Diese Figur Urs Fischer ist ein Universum – etwa genauso spannend. Mit jeder Filmminute wird er kolossaler, wird die Kunst verständlicher, wird die Faszination grösser. Fischer ist ein Freak, den man, würde man ihn auf der Strasse sehen, völlig unterschätzen würde. Sein Körper ist korpulent, und über alles tätowiert, er wirkt jugendlich und unbedacht. Ein Halbschlauer? Bei weitem nicht. Und er wirkt zwar gross, ist aber nicht grössenwahnsinnig.

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Bild: zVg.

IM OKTOBER WERDEN WUNDER WAR

Bild: zVg.

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Er arbeitet schnell, spontan, locker. Seine Arbeiten erschlagen den Betrachter beinahe. Man wünscht sich hier ein paar leere Fabrikhallen, wo man seine Werke ausstellen könnte. «Urs Fischer hat, wie einige glauben, alle Voraussetzungen zum Superstar ... Der gestalterische Sohn eines Chirurgen und einer Homöopathin lässt sich in keine Schublade stecken. Er zeichnet, malt, hämmert und sägt, entwirft, modelliert und inszeniert. Er geizt dabei weder mit ausgefallenen Ideen noch mit Material. Egal ob er Frischobst mit Schrauben durchbohrt, mit Marmelade Bilder malt, oder lebensgrosse Skulpturen aus Kerzenwachs formt – stets ist es die grosszügige, kraftvolle Geste, die Fischer reizt und vorantreibt.» (Jörg Becher, Wirtschaftsjournalist, Bilanz) Der Film von Iwan Schumacher ist ein Glücksfall. Filmtechnisch reicht es zwar nicht an die Qualität von Urs Fischer hin – aber das ist nicht wesentlich. Der Künstler stiehlt die Show. Da hören wir auch über die zum Teil üblen Musikpassagen hinweg. Trotzdem sind Schumacher Momente gelungen, die einfach einzigartig sind. Zum Beispiel, als Urs Fischer in einer kleinen Passage über Angst spricht … Wer den Film gesehen hat, dem ist anschliessend der Künstler Urs Fischer ein grosser, unvergesslicher Begriff.

ortkarges Leben. Der Pfandleiher Clemente ist ein verhaltener Mensch. Er führt und strukturiert den Tag, entscheidet, was er in sein Leben lässt und was nicht. Er ist asozial. Frauen kauft er für seine Bedürfnisse. Doch ganz ohne Moral ist er nicht – auch wenn er noch nicht recht weiss, wie er damit umzugehen hat. Und diesbezüglich wird er auch auf die Probe gestellt … Eines Tages steht eine Tasche in seiner aufgebrochenen Wohnung, mit einem kleinen Baby drin. Es wird kompliziert. Und da ist noch die Nachbarin, die sich in diesen knausrigen Kauz verguckt hat. Der Film birgt aber noch andere, kleine, parallele Geschichten, und strickt ein lustiges – wenn auch zum Teil tragisches – Netz von Fäden. Langsam und gemächlich schlängelt sich der Film durch eine verworrene Welt. Lateinamerikanisch absurd und irrwitzig, lebendig. Wird Clemente, dieses menschliche Wrack, noch aufwachen? Begreift er, dass man manchmal etwas bekommt, ohne es verdient zu haben? «Octubre», ein peruanischer Film, wurde dieses Jahr in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Peru bietet schon seit Jahren einige Filmrosinen, und mit «Octubre» kommt in der Tat eine solche in unsere Kinos. «Im Oktober werden Wunder war» – einen schöneren Titel könnte man für diesen Film nicht wählen. (vl)

Der Film, 98 Minuten lang, wird ab Ende September in den Kinos starten.

Der Film dauert 93 Minuten, und startet Mitte Oktober in den Kinos.


Kino & Film Werbung im ensuite wird gelesen! Das haben Sie selber gerade bewiesen.

ensuite K

K INO -V ORPREMIÈRE

Kummer-Kummer Von Lukas Vogelsang

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ls ob das alles nicht schon schräg genug wäre, gibt es jetzt auch noch einen Film über Tom Kummer, der Interview-Fälscher und Medienskandalör, der im Jahr 2000 mit seinen Lügengeschichten aufgeflogen ist. Als Journalist hat Kummer alle angelogen: Die Medien, die Stars und sich selber. Er hat sich verrannt und andere mitgerissen. Als Journalist kann und will ich ihn nicht entschuldigen, auch wenn er schreiben konnte. Das Handwerk der Sprache hat er im Griff. Doch will ich ihn nicht in Schutz nehmen oder gar – wie ich eigentlich geplant hatte – hier eine Parodie schreiben: Ursprünglich war geplant, dass ich eine Vorabkopie des Filmes erhalten sollte – doch hat es nicht vor Redaktionsschluss gereicht. Naheliegend und passend, dass ich ein Interview mit Kummer hätte faken können. Ganz nach dem Vorbild. Aber bei der Recherche bin ich über einige Statements gestolpert und mich überkam das Grauen: „Als Tom Hanks einen Film rausgebracht hat, durfte ich 30 Minuten zum Einzelinterview. Das Material war unbrauchbar, er redete nur über seinen Film. Ich wusste aber, dass er zeitgleich ein Haus suchte, und das fand ich viel spannender: Wie wählt ein Superstar, der alle Mittel hat, für seine Familie ein Haus aus? Also habe ich ihn «erklären» lassen, wie ein Kinderzimmer aussehen muss, ein Wohnzimmer, das Kernstück seines Lebens. Und habe Tom Hanks mit einem japanischen Feng-Shui-Experten gekreuzt.“ (Auszug aus dem Interview „Fakten sind langweilig“ mit Johanna Schmeller auf taz.de aus dem Jahr 2007)

Tom Kummer bekennt sich zum BorderlineJournalismus, wo ein publizierender Autor Realität und Fiktion vermischt oder alte Texte mit neuem Datum versieht. Ich persönlich sehe darin nur den Versuch, ein Krankheitsbild zu erstellen, um von der Schuld abzulenken. Das

ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

Bild: zVg.

geht nicht. Klar, wer für die Süddeutsche Zeitung, den Tages-Anzeiger, die NZZ und Die Zeit, Der Spiegel, die Frankfurter Allgemeine, Stern und Vogue als Hollywood-Korrespondent arbeitet und diese an der Nase herumführt, wird es schwer haben, seine Glaubwürdigkeit wieder zu rehabilitieren. Vielleicht ein Grund, warum Kummer heute in Los Angeles als Tennislehrer arbeitet, fern ab von den Fragen zu seiner Vergangenheit. Was aber soll jetzt ein Dokfilm, in dem Kummer die Wunde bei sich und uns nur noch tiefer schneidet? Schauen sie dazu den Trailer zum Film (www.kummer-film.ch). Da kommen noch ganz andere Seiten zur Sprache. Die Chefredaktionen zum Beispiel, die nach eben solchen Geschichten lechzen und glücklich sind, wenn eine exklusive Geschichte in ihrem Blatt drin ist. Das ist auch die Welt von Tom Kummer – und schlussendlich eben auch die Welt von uns allen. Und Kummer macht aus sich die grösste Geschichte in all der Lüge. Bad Boy Kummer - Vorpremière! Mittwoch, 13. Oktober 2010 um 20.30 Uhr im CineBubenberg, Laupenstrasse 2, 3008 Bern ab 19.30 Uhr Apéro im Kinofoyer Gratistickets gibt’s auf www.ensuite.ch (offizieller Filmstart 21. Oktober) Tom Kummer Geboren: 14. Januar 1963 in Bern, lebt in Los Angeles / Familienstand: Verheiratet, zwei Kinder / Ausbildung: Tennisprofi / Beruf: Autor und Tennistrainer / Karriere: Arbeitete ab 1993 als HollywoodKorrespondent u. a. für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Veröffentlichte 1996 mit «Good Morning, Los Angeles» sein erstes Buch über Borderline-Journalismus. Löste 2000 mit gefälschten Starinterviews einen Medienskandal aus. Heute ist Tom Kummer Tennistrainer im Jonathan Club in L. A. (taz.de)

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Zingg Ein filosofisches Gespräch:

Kann man zugleich glücklich und trotzdem im Einklang mit der Moral leben? Otfried Höffe 2007

Never hesitate! Martin Suter 2003

Mittwoch, 29. Oktober 2010, 19:15h, Kellergewölbe Kramgasse 43, 3011 Bern

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Kino & Film

L IGHTMAKER

Ein Weg voller Von Guy Huracek

Das Kulturmagazin ensuite besucht Dieter Meier in seinem Atelier im Zürcher Seefeld. Der Musiker von Yello spricht über sein kindliches Gefühl, das er beim Schreiben oder auch beim Drehen von Filmen verspürt. Er verrät auch, wie eine Bierreklame sein Kunstverständnis wiederspiegelt.

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uf dem Sekretär ruht, säuberlich zentriert, eine Hermes-Schreibmaschine. Dieter Meier schreibt fürs Leben gern. Wie ist es dazu gekommen? Dieter Meier: «Als junger Kerl wusste ich nicht was ich mit mir anfangen sollte. Ich

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habe zwar Rechtswissenschaften studiert, aber das war mehr eine soziale Tarnung, damit ich die Frage beantworten konnte, was ich eigentlich mache. Das Erste, was ich wirklich zustande brachte, waren kürzere Texte. Diese gaben mir das kindliche Gefühl etwas zu tun: Eine Schreibmaschine zu bedienen, die Taste zu drücken, die einen Hebel bewegt, welcher wiederum den Buchstaben auf das Papier fallen lässt.» Meier schliesst die Augen und zieht lange an seiner Zigarre. «Bis auf den heutigen Tag, wenn ich schreibe, brauche ich dieses Gefühl. Es ist für mich ein brausendes Déja-vu von meinen ersten Versuchen, etwas zustande zu bringen, wenn ich mich an meine Schreibmaschine setzte und mich abmühe, einen Text

Fotos: George Eberle / www.georgeberle.ch und Kap

zu schreiben.» Sie begannen aber auch schon relativ früh mit experimentellen Kurzfilmen. «Ja. Das hat eine ähnliche Geschichte wie meine ersten Schreibversuche. Alles was ich probiert habe, lief mir wie Sand durch die Hand. Ich hatte grosse Vorsätze: Als ob man einen wunderbaren Berg aus der Distanz sieht, den man besteigen will, doch je mehr man sich dem Berg nähert, desto mehr degeneriert dieser zu einer öden, schroffen, felsigen Wand und wenn man unten steht, weiss man nicht, wie man hinauf steigen will. Ich implodierte bereits in den ersten Anfängen, auch aus dem Gefühl von einem Ungenügen, einer Unsicherheit, und sicher auch aufgrund einer Faulheit,


Zweifel

puly Dietrich / www.kapuly.com

sich zu überwinden. Mit dem Filmen begann ich, weil ich bei meinem Onkel eine 16mm Kamera fand. Ich lernte einen Film einzuspannen und begann, mit der Kamera zu spielen, hatte unglaublichen Spass, sie zu bedienen. Vor allem weil man nicht unmittelbar sieht, was man eigentlich macht: Man belichtet einen Film, und baut diesen nach irgendwelchen Vorstellungen von Bildpartituren auf. Danach schickt man die Filmrolle in ein Labor und nach vier oder fünf Tagen konnte man den Film auf dem Projektor ansehen. Das war für mich immer ein grosses Ereignis, weil ich das kindliche Gefühl hatte, irgendetwas zustande zu bringen, nämlich einen Film belichtet zu haben.» Oft schliesst Meier im Gespräch die Augen, manchmal für

mehr als eine Minute. Warum haben sie ein Gefühl von Unsicherheit? Ich verstehe das nicht. Ihre Experimentalfilme wurden in Museen und Filmfestivals gezeigt. Und mit Yello sind sie weltbekannt geworden. «Mein Vater war Bankier und sagte immer: Nur Idioten haben keine Zweifel. Bei allem was man neu beginnt, begibt man sich auf ein unbekanntes Gebiet. Und wenn man mit der Überheblichkeit eines Könners dieses Gebiet betritt, dann wird man sehr wahrscheinlich scheitern. Das passiert vielen Leuten, die zum Beispiel eine akademische Ausbildung in Film oder Musik haben. Sie bleiben oft in den angelernten Schritten oder in den musikalischen Floskeln hängen, und haben so einen sehr schwierigen Weg zu sich selbst. Der Weg zu sich selbst, der Weg auf dem man entdeckt, wer man ist, das ist immer ein Weg voller Zweifel, Unsicherheiten, und ein Gefühl der Unfähigkeit. Ich finde, das gehört zu allem was man macht. Der kleinbürgerliche Satz: Kunst kommt von Können - das ist etwas vom Dümmsten, was es überhaupt gibt. Wenn man etwas kann, dann ist es kein Grund es immer wieder zu tun. So wird man ein Epigone von sich selber. Sogar auch Interpreter von klassischer Musik erfinden sich ja immer wieder neu.» Sie sagten: Die Kunst kommt vom Können sei das dümmste was es gibt. Wie beurteilen sie dann ihre eigenen Werke? «Ich bilde mir nie ein, dass ich überhaupt etwas zustande gebracht habe. Ich stehe meinen Werken wie als etwas Fremdem gegenüber. Ich werde nie sagen: Das habe ich gemacht, das ist wahnsinnig gut, ich bin überzeugt davon. Es ist Glück. Eine Kombination aus Konstellationen wie die Biografie, die äusseren Umstände, die Leute die man trifft und so weiter. Sobald ich etwas zustande gebracht habe, staune ich wie ein kleines Kind vor dem, was ich auf die Welt gebracht habe. Aber ich habe nie das Gefühl, dass ich das war. Es ist einfach passiert.» Ihr neuer Film «the lightmaker» war eine Zangengeburt: Mit Unterbrüchen haben sie gut 20 Jahre an dem Projekt gearbeitet, in mehreren Anläufen Millionen von Franken investiert – und literweise Herzblut dazu. «Ein Spielfilm ist auch ein industrieller Prozess. Man hat am Set rund hundert Leute, die das machen müssen, was der Regisseur ihnen sagt. In diesem Sinn ist die Produktion eines Spielfilms für mich auch immer eine grosse Erlösung. Vielleicht ist es auch das, was ich am allerliebsten mache. Wenn man gesagt hat, dass man einen Film macht, dann ist es, als ob man mit einem Segelschiff nach New York segelt. Auf dem Meer sind Zweifel fehl am Platz. Der Wind bläst und man muss segeln. Bei meinem Film «the lightmaker» hatte ich viel Pech. Das Negativ ging in einem Labor kaputt, und ich musste den Film mit dem restlichen Material neu erfinden.»

Wie sieht ihre Neuerfindung nun aus? «Es ist ein absolut nicht kommerzieller Film. Er ist märchenhaft, cineastisch, und will den Anforderungen des heutigen Kinobetriebs gar nicht erst genügen.» Was sind die heutigen Anforderungen? «Ich glaube, im Kino will das Publikum innerhalb einer gewissen Erwartungshaltung unterhalten werden. Daher gibt es verschiedene Genres, wie zum Beispiel übermässige Gewalt, oder auch die neuste Filmtechnologie. Die neuste Technologie ist wie die verrückteste Achterbahn in einem Vergnügungspark, sie will eine Sensation vermitteln. Ein ruhiger Film, der eine interessante Geschichte erzählt und vom Publikum relativ viel verlangt, passt in kein Genre und hat es, auch wenn er sehr

«It reaches par ts of my mind other things cannot reach» gelungen ist, in den Kinos relativ schwer. Abgesehen davon ist das Filmschaffen ein alchemistisches Unterfangen. Man kann ein super Drehbuch haben, hervorragende Schauspieler, und einen tollen Regisseur engagieren, und trotzdem springt keine Emotion von der Leinwand ins Publikum. Der Film bleibt ein zweidimensionales Stück. Es bleibt auch für die grössten Könner der Filmbrache reines Glück, dass der Funke von der Leinwand springt.» Ist ein Film nur dann gut, wenn es funkt? «Was einen guten Film ausmacht, ist das Gleiche, was eigentliche alle Kunst ausmacht. Vor Jahren sah ich in New York eine Bierreklame: Heineken. Refreshes the parts other beers cannot reach. Für alles, was mich interessiert, kann man den Satz leicht umwandeln «It reaches parts of my mind other things cannot reach». Wenn ich ein Buch lese, kann es eine noch so interessante Geschichte erzählen, es interessiert mich absolut nicht. Ich war nie am Inhalt interessiert. In der Oper geht es um die Musik, in der Literatur um Sprache und im Film um Film. Wenn ein Film keine eigene Sprache hat, die ich noch nie gesehen und gehört habe, dann ist er für mich uninteressant. In Los Angeles besuche ich ab und zu Filmpremieren, doch ich verlasse das Kino oft bereits nach fünfzehn Minuten. Die Anforderungen, die ich ans bewegte Bild habe, welche natürlich sehr subjektiv sind, müssen mich aufstöbern, wo ich noch nie aufgestöbert wurde.» Viele Produzenten haben Angst, einen ungewöhnlichen Film zu drehen. Sie investieren schliesslich auch Unmengen an Geld und wollen Gewinn machen. Daher greifen sie gerne auf bewährte Genres und Formate zurück. «Wenn in Amerika ein Low Budget Film produziert wird, kostet das im Minimum 50

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Kino & Film

INSOMNIA DIE EFFIZIENTEN KOMMEN! Von Eva Pfirter

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enn man das letzte Mal durch die Uni spaziert, überkommt einem fast etwas Wehmut: Die quietschende Drehtür, der Geruch von Büchern und Computern, ja selbst das graue Treppenhaus kommt einem schöner und heimeliger vor als je zuvor. Plötzlich hat man so seltsame Gedanken wie: «Ich hätte eigentlich auch Philosophie studieren können», oder «Mittelalterliche Geschichte wäre sicher noch interessant gewesen, wenn ich nicht in diese öde Vorlesung von Professor – wie heisst er doch gleich? – geraten wäre...». Man betrachtet plötzlich alles mit einem liebevolleren Blick und kommt sich furchtbar weise vor, wenn man den Jahrgang 1992-Studis auf dem Unitobler-Hof begegnet, die gestresst über ihre Leselisten, Creditpoints und Bachelor-Arbeiten diskutieren – immer den gelben Leuchtstift in der Hand, die Brille auf der Nase und Skripts unter dem Arm. Das ist er, der neue Typ Studi: Kurzangebunden, effizient, zielstrebig. Nur keine Vorlesungen zu viel absolvieren, keine Creditpoints zu viel erwerben – es könnte ja schaden. Wir vom alten Lizentiats-System haben uns noch den einen Luxus gegönnt, der heute rar geworden ist: Zeit. Im Jahrhundertsommer 2003 haben meine Freundin und ich unsere Bücher kurzerhand unter meinem Schreibtisch gestapelt, dem SBB-Archiv dreimal eine Ausrede erzählt, weshalb wir sie noch länger bräuchten, um den Aaresommer so richtig geniessen zu können. So reifte denn unsere gemeinsame Seminararbeit zur GütertransportInitiative einen ganzen Sommer lang, bevor sie geschrieben wurde. Das hat ihr aber – abgesehen vom Staub auf den Büchern – nicht geschadet. Im Gegenteil: Gut Ding will Weile haben, sagten ja schon unsere Grosseltern. Ich habe als Kunstgeschichts–Nebenfächlerin ganze fünf statt drei Exkursionstage absolviert, und es war eine der interessantesten und schönsten Reisen, die ich je erlebt habe. Heutige Medienwissenschafts–Studis melden sich nicht einmal mehr zu Wort, wenn in der Vorlesung über aktuellen politischen Journalismus diskutiert wird; über Geschehnisse, die vor ihrer Haustüre in Bundesbern passieren. Sie lösen das Kreuzworträtsel von «20 Minuten» und spielen mit dem iPhone. Ich möchte ja keinen Kulturpessimismus betreiben, aber wenn schon Medienwissenschafts-Studenten hauptsächlich «20 Minuten» lesen, dann wird es mit den Qualitätszeitungen sicher bald wieder gut kommen. 36

Millionen Dollar. Die Promotion kostet dann weitere 50 Millionen. Das heisst, man stellt mit nur einem belichteten Streifen Zelluloid eine ganze Fabrik auf. Und die muss funktionieren. Aber ich glaube, dass in der Film- und in der Musikbranche durch die neue Technologie eine neue Ära anbricht. In der Musik erlebten wir einen ähnlichen Umbruch vor rund 15 Jahren. Um qualitativ gut Musik aufnehmen zu können, brauchte man ein eigenes Studio, das mehrere Millionen kostete, oder man musste viel Geld für die Miete ausgeben. Heute kann man mit der neuen Technologie ein Studio für ein paar Tausend Franken in seiner Badewanne aufstellen lassen und Musik in CD-Qualität aufnehmen.

Mit dem Film passiert etwas sehr ähnliches (Dieter Meier zeigt auf eine Digitalkamera, die auf einem Stativ in der Ecke steht). Die neusten Kameragenerationen können in High Definition filmen, also quasi kinofähiges Material liefern. Die technischen Mittel sind heute wesentlich günstiger - wenn wir ein Drehbuch, einen Regisseur und Schauspieler hätten, könnten wir einen Film machen. Und daher glaube ich, dass wir eine neue Generation von Filmemachern erleben werden. Dank der neuen Filmtechnologie, die sehr kostengünstig ist, können nun Talente eine eigene Sprache entwickeln, ohne dem wahnsinnigen Produktionsdruck ausgesetzt zu sein.»


Kino & Film

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Machete Von Sonja Wenger

Bild: zVg.

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acht man ein schmatzendes Geräusch, wie wenn man mit einem stumpfen Gegenstand einen Kürbis zermatscht, dann hat man die Quintessenz von Robert Rodriguez’ neuem Film «Machete» in die richtigen Worte gefasst. Man braucht nicht Filmwissenschaft studiert zu haben um zu ahnen, worum es bei einem Film mit diesem Titel geht. Okey, das ist vielleicht ein bisschen ungerecht. Immerhin geht es bei «Machete» auch um Diskriminierung der Latinos in den USA, um Rassismus gegen Migranten, um den bösen Drogenhandel in Mexiko und die omnipräsente Korruption in der Politik und Polizei beider Länder. Doch wer jetzt einen Film mit einer politischen Aussage erwartet, die über «Selbst-Justiz ist so schlecht, dass man sie nur mit Selbstjustiz bekämpfen kann» hinausgeht, ist schief gewickelt. Regisseur Rodriguez treibt anderes um. Immerhin ist das jener Autodidakt-Low Budget-Filmprofi, der uns bereits die fantastisch schiesswütige Trilogie «El Mariachi», «Desperado» und «Once upon a time in Mexico» gebracht hat. Rodriguez ist verantwortlich für George Clooneys bis dato coolstes Filmzitat («Cool, just be cool!») aus «From Dusk till Dawn». Und er ist jener Regisseur, der gleichzeitig visuelle Horrortrips wie «Sin City» und Actionkomödien à la «Spy Kids» geschaffen hat. Für «Machete» hat Rodriguez nun einmal mehr in die tiefe, düstere, prall gefüllte Kiste der Mexiko-Klischees gegriffen. Aber Rodriguez darf das, ist er doch selbst mexikanischer Abstammung. Und da man ja nicht immer nur rumballern kann, lässt er diesmal Klingen sprechen. Die Geschichte ist durchgeknallt und fetzig im wahrsten Sinne der Worte. «Machete» ist erfrisched wie Tequila mit Salz und Zitrone, und so übel, dass er schon wieder richtig gut ist. Machete, das ist nicht nur ein vielseitig einsetzbares Schneidemesser, sondern auch der Spitzname eines ehemaligen mexikanischen Bundespolizisten (Danny Trejo), der von allen verraten und verkauft wird. Der böse Drogenboss Torrez (Steven Segal, ja, genau der) köpft Machetes Frau vor seinen Augen, was er mit der Tochter macht, wollen wir gar nicht erst wissen. Nur Machete überlebt – und ist verständlicherweise ziemlich sauer. Er flüchtet und lebt einige

ensuite - kulturmagazin Nr. 94 | Oktober 2010

Jahre als illegaler Immigrant in Texas, bevor sich seine Wege wieder mit jenen von Torrez kreuzen und endlich Rache angesagt ist. Dazwischen quetscht Rodriguez so ziemlich alles, was die US-Politik gerade hergibt: verschärfte Immigrationsgesetze in den Südstaaten, Latinophobie, Grenzzäune, Bürgerwehren, Bigotterie und populisitische Politiker, die für ein paar Stimmen ihre Vernunft dem Teufel verkauft haben. Der Film ist zudem gespickt mit Rodriguez’ Lieblingsschauspielern, so Cheech Marin, diesmal als gut bewaffneter Priester. Doch auch alle anderen Rollen sind superb besetzt – und die Schauspieler haben offensichtlich Spass an ihren Charakteren. Es ist schon viele Jahre her, seit Robert de Niro in «Analayze this» eine ähnlich köstliche Parodie auf sein Image als harter Bursche gegeben hat. Nun spielt er einen opportunistischen US-Senator, der die Migranten als Ungeziefer bezeichnet, und seine Werbespots dann doch Spanisch untertiteln lässt. Man schmeisst sich weg, wenn ein Don Johnson als Von Jackson seine Bürgerwehr auf Vordermann bringt. Und so richtig rasend komisch wird es, wenn die starken Leading Ladies Jessica Alba, Michele Rodriguez und gar Lindsey Lohan (ja, genau die), eine nach der anderen in Machetes tätowierten Armen schwach werden. Doch allen voran gilt Danny Trejo ein Kränzchen gewunden. Der Cousin des Regisseurs hat nach gefühlten hundert Jahren im Filmgeschäft endlich eine echte Hauptrolle – und sie könnte passender nicht sein. Trejo IST Machete: Ein wortkarger, schlecht gelaunter, von den Narben des Lebens gezeichneter harter Typ. Trejo, Hollywoods mexikanischer Vorzeigebösewicht mit dem Charaktergesicht und echter krimineller Vergangenheit, darf endlich einmal auf die richtige Seite wechseln, zwar nicht auf die des Gesetzes, aber auf die der Gerechtigkeit. Denn es wäre kein Rodriguez-Film, wenn die miesen Typen am Ende nicht alle so richtig dick ihr Fett weg kriegen würden. Das Gute siegt, zumindest in Rodriguez’ Filmen, noch immer – wenn auch ziemlich blutbesudelt. Der Film dauert 105 Minuten und kommt – kurzfristig verschoben – im November ins Kino.

TRATSCHUNDLABER

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Von Sonja Wenger

an ist, womit man telefoniert. Spätestens seit den Porträts der zwölf Miss Schweiz 2010-Kandidatinnen in der «Schweizer Illustrierten» ist das für immer in Druckerschwärze gegossen: Statt die entlarvende Frage nach dem «Lieblingsbuch» steht nun bei allen Mädels, welches Handy-Model sie besitzen. Zwar wurden die Damen auch befragt, welche Bettwäsche sie benutzen – eine zugegeben irre wichtige Information –, aber der Trend ist erkennbar. Satin versus Baumwolle, iPhone versus Samsung: Ka-ching!, der Kampf ist eröffnet – möge die am besten zu Vermarktende gewonnen haben. Es ist nicht mehr «Ich AG», sondern Neudeutsch: iPod. Apropos Miss-Wahlen: Seit kurzem sind Frauen ja offensichtlich den Männern in der Machtfrage voraus. Heisst es zumindest. Zweifel sind dabei zumindest berechtigt. Aber vielleicht war ja alles auch nur ein Miss-Verständnis. Schliesslich wurde im Vorfeld der Miss-Schweiz-und Bundesratswahlen so viel Stuss geschrieben, dass man auf den Redaktionen wohl einfach hie und da einen Artikel in der falschen Rubrik untergebracht hat. Ernst nehmen tun – und können – sich dabei sowieso nur die Autoren. Zumindest war sich ein Hannes Britschgi in seinen «Hearings» im «Blickamabend» nicht zu schade, altbackene Klischees wie Arbeiterherkunft und Singledasein einer Kandidatin – für den Bundesrat wohlgemerkt – auszubreiten. Aber was Wunder auch: Da sei der Bundesrat doch laut eines «TagesAnzeiger»-Kommentars der Ersatz für ein Königshaus, das «anstelle einer so schönen Prinzessinnenhochzeit wie in Schweden» das Schweizer Volk der Brüder einen solle. Natürlich kann da eine Miss-Schweiz, die nur Konsum repliziert und propagiert, nicht mehr mithalten. Wer der Konkurrenz in BundesBern etwas entgegen halten will, muss polarisieren, das Gemüt der Masse bewegen. Zugegeben, Vorbilder gibt es wenige. Da braucht es schon ein Kaliber wie Lady Gaga mit ihrem Fleisch-Kleid bei den MTV-Awards. Immerhin veranlasste die Pop-PR-Mieze die britische BBC dazu, eine ganze Legion von Modeund-Psychologie-Experten anzufragen, was man denn darüber denken solle – selbst war man da ja leicht überfordert. Die seit langem einzig legitime Nachfolgerin von Madonna hat schon lange kapiert, dass man für Erfolg nicht konsumieren darf, sondern das Produkt immer wieder neu erfinden sollte. Dennoch. Für die Masse gilt: «Cogito, ergo consum», da hat die Comicfigur Eva aus dem «TagesAnzeiger» ein wahres Wort gesprochen. Schliesslich bezweifelt niemand, dass die grösste Bedrohung für die gesamte westliche Zivilisation in einem einfachen Satz liegt: «Ich bin vollkommen zufrieden mit meinem Leben und habe alles, was ich brauche. Ich werde nie wieder etwas kaufen.»

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Kulturessay

IMPRESSUM Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang (vl); Anna Vershinova // Heinrich Aerni, Peter J. Betts (pjb), Luca D’Alessandro (ld), Morgane A. Ghilardi, Corina Hofer, Guy Huracek (gh), Florian Imbach, Nina Knecht, Ruth Kofmel (rk), Michael Lack, Claudia Langenegger, Hannes Liechti, Vesna Maklar, Belinda Meier, Pascal Mülchi, Fabienne Nägeli, Roja Nikzad, Konrad Pauli, Eva Pfirter (ep), Alexandra Portmann, Jarom Radzik, Barbara Roelli, Anna Roos, Karl Schüpbach, Kristina Soldati (kso), Willy Vogelsang, Simone Wahli (sw), Simone Weber, Sonja Wenger (sjw), Gabriela Wild (gw), Ueli Zingg (uz). Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Kulturagenda: kulturagenda.ch; ensuite - kulturmagazin, allevents, Biel; Abteilung für Kulturelles Biel, Abteilung für Kulturelles Thun, Werbe & Verlags AG, Zürich. Korrektorat: Sandro Wiedmer Abonnemente: 77 Franken für ein Jahr / 11 Ausgaben, inkl. artensuite (Kunstmagazin) Abodienst: 031 318 6050 / abo@ensuite.ch ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich. Auflage: 10 000 Bern, 10 000 Zürich

sprachFORM Buchpräsentation des neuen Romans

«SCHWARZE KISTE» VON PETER J. BETTS Mittwoch 20. Oktober 2010 / 20h im ONO Theater Kramgasse 6, 3011 Bern

Eintritt: Fr. 15.-

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