Das Wohnhochhaus auf dem Papieri-Areal in Cham: Die Art der Konstruktion zeichnet sich in der äusseren Gestalt der vertikal gegliederten Fassade ab. In Materialität und Haptik bezieht sich die Architektur auf den vorgefundenen Bestand.
1 Eine Aufstockung als Holzhochhaus: Das Projekt Malley Phare in Lausanne umfasst 14 Stockwerke und beeindruckt mit einer umlaufenden Fotovoltaikfassade, die das Äussere auch formal prägt. Architektur CCHE Lausanne SA, Lausanne Bauherrschaft Suva, Lausanne Visualisierung CCHE, Lausanne
2 Zu 90 Prozent aus Holz: Ein modulares Holzbausystem macht das Wohnhochhaus Sawa im Rotterdamer Hafen langfristig anpassungsfähig. Architektur Mei, Rotterdam (NL) Holzbauingenieur Pirmin Jung Deutschland GmbH, Remagen (D) Bauherrschaft Nice Developers; ERA Contour Foto Aiste Rakauskaite, Amsterdam (NL)
3 Der höchste Holzhybridturm der Welt entsteht aktuell in Sydney: Der Atlassian Central Tower schafft mit einem innovativen Tragwerk aus Beton und Holz einen neuen Typus eines Holzhochhauses. Architektur BVN, Sydney, und SHoP Architects, New York Holzbauingenieur Wiehag Timber Construction GmbH, Altheim (A) Bauherrschaft und Entwickler Atlassian; Dexus Visualisierung Gartenbereich Bürogeschoss Dexus/zvg
Höher Bauen mit Holz
In Sydney wird aktuell der Atlassian Central Tower realisiert: Ein Hochhaus in Holz und Beton, das nach seiner Fertigstellung mit 183 Metern das höchste Hybrid-Holzgebäude der Welt sein wird. Bemerkenswert ist dabei das Konzept der Tragstruktur: Die Bürogeschosse sind in sieben übereinanderliegende ‹Habitat›Module gegliedert, die innerhalb eines übergeordneten Stahl- und Betontragwerks jeweils als eigenständige Massivholzstrukturen angeordnet sind. Diese innovative Strategie bietet die Möglichkeit, die Sekundärkonstruktion im Laufe der Zeit anzupassen und bei Bedarf neu zu konfigurieren. Jedes Habitat erhält so eine stützenfreie Ebene, welche die räumliche Vielseitigkeit zusätzlich vergrössert. Insgesamt bestehen 21 der total 40 Stockwerke vollständig aus Massivholz. Dieser Ansatz schafft eine strukturelle Trennung zwischen dem Megaframe und den Holzelementen und ermöglicht eine Brandschutzstrategie, die die Leistungsanforderungen an die Holzkomponenten reduziert. Das Holz ist dabei nicht nur Teil der Konstruktionslösung, sondern beeinflusst auch das Nutzungskonzept: Der Zugang zu offen gestalteten Gartenbereichen und die damit verbundene natürliche Belüftung schaffen eine Arbeitsumgebung, die sich an den Qualitäten natürlicher Lebensräume orientiert. Als Schnittstelle mit der Umgebung der Central Station fungiert im Erdgeschoss ein ehemaliges Hostel, das umgenutzt den Haupteingang und die Lobby des Gebäudes bildet. Der neu erstellte Turm schwebt über diesem historischen Bauwerk, wobei die ersten fünf Etagen in Beton ein Hotel beherbergen. Darüber liegen die Bürogeschosse, gekrönt von Dachterrassen. Der Atlassian Central Tower verbindet damit strukturelle Innovation, Nachhaltigkeit, lokale Verankerung und architektonische Ambition zu einem neuen Typus urbaner Hochhäuser. Einen anderen, aber nicht weniger spannenden Ansatz verfolgt das Wohnhochhaus Sawa im Rotterdamer Hafen. Das 16-geschossige Gebäude mit einer Höhe von rund 54 Metern besteht zu 90 Prozent aus Holz. Vier Leitgedanken prägten das Projekt von Beginn an: Zirkularität, CO2-Reduktion, Förderung der Biodiversität und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum für eine vielfältige Bewohnerschaft. Grundlage für die Planung ist ähnlich wie beim Atlassian Central Tower das OpenBuilding-Prinzip: Ein modulares Holzbausystem ermöglicht flexible Grundrisse und unterschiedlich grosse Wohneinheiten. Diese strukturelle Offenheit ist integraler Bestandteil des Konzepts und macht das Gebäude langfristig anpassungsfähig. Das Herzstück des nach einer Seite gestuften Holzhochhauses bilden massive Brettschichtholzstützen und -unterzüge. Sie ruhen auf einer aufwendigen Pfahlgründung im weichen Untergrund des Rotterdamer Hafens. Das klassische Stützen-UnterzugSystem aus Brettschichtholz und Baubuche wird durch Deckenelemente und aussteifende Wände aus Brettsperrholz ergänzt. Auch die
nichttragenden Aussenwände sind in Holzbauweise ausgeführt, während Trockenbauwände im Inneren eine hohe Flexibilität gewährleisten. Die grosszügig begrünten Terrassen knüpfen an die Geschichte des Standorts an und fördern die Artenvielfalt in der Nachbarschaft. Das Projekt zeigt eindrücklich, dass Holzhochhäuser nicht nur ökologische Vorteile bieten, sondern auch neue Antworten auf die Herausforderungen des urbanen Wohnungsbaus liefern können.
Dass der Hochhausbau mit dem Material Holz längst auch in der Schweiz angekommen ist, belegen verschiedene aktuelle Projekte. Noch im Bau ist das Projekt Malley Phare, zwischen Lausanne und Renens gelegen. Die Aufstockung in Holzbauweise mit Holz aus mehrheitlich einheimischen Beständen entsteht auf dem westlichen Teil des Einkaufszentrums ‹Malley Lumières›. Sie umfasst 14 Stockwerke und bildet mit einer Fotovoltaikfassade einen markanten, 60 Meter hohen Orientierungspunkt in einem der grössten Stadtentwicklungsgebiete der Westschweiz. Dem hohen Nachhaltigkeitsstandard des Areals entsprechend versteht sich Malley Phare als vorbildlicher Bau in energetischer und soziokultureller Hinsicht. So stehen der künftigen Bewohnerschaft neben einer Rooftop-Bar verschiedene Gemeinschaftsbereiche zur Verfügung, und sie können vom bereits bestehenden Angebot des Einkaufszentrums profitieren: einem Kino und einem Fitnessstudio. In unmittelbarer Nachbarschaft steht das Hochhaus Tilia. Dieses stellen wir zusammen mit weiteren wegweisenden Hochhausprojekten auf den folgenden Seiten im Detail vor. Dazu gehört das aktuell höchste Holzhybridhochhaus der Schweiz, H1 Zwhatt in Regensdorf, ebenso wie das jüngst auf dem Chamer Papieri-Areal realisierte Holzhochhaus. Ergänzt wird der Überblick mit zwei Beispielen aus dem benachbarten Ausland – dem Hochhaus ‹Roots› in Hamburg und dem Projekt ‹Wood up›, das direkt an der Seine gelegen das Potenzial des Holzbaus mitten in Paris weithin sichtbar macht. Alle diese Bauten zeichnen ein facettenreiches Bild einer Bauweise, die sich zunehmend als tragfähige Antwort auf die ökologischen und städtebaulichen Herausforderungen unserer Zeit etabliert.
Jutta Glanzmann
Technische Kommunikation Lignum
Quellen: www.shoparc.com/projects/atlassian-hq www.pirminjung.ch/projekte/sawa-rotterdam www.mei-arch.eu/en/projects/sawa www.cche.com/fr/projets/malley-phare 29. Internationales Holzbau-Forum (IHF), Band II, 4./5. Dezember 2025, ‹Aus der Praxis – Für die Praxis›, p. 33ff
Hochhaus H1 Zwhatt-Areal, Regensdorf
Das aktuell höchste Holzhybridhochhaus der Schweiz zeigt, wie sich ressourcenschonende Materialien im städtischen Kontext skalieren lassen. Die gewählte Rasterstruktur ermöglicht dabei eine grosse Vielfalt in den Grundrissen. In den Wohnungen selbst wird das Holz zusammen mit der übrigen Farbigkeit der Materialien zu einem bestimmenden Gestaltungselement.
In Gehdistanz des Bahnhofs Regensdorf-Watt, nördlich von Zürich, entsteht mit Zwhatt ein neues Stadtquartier, das Fragen zur klimagerechten Transformation des Bauens in den Mittelpunkt stellt. Das Areal verbindet hohe Dichte mit einem grosszügigen Freiraumkonzept. Der Masterplan von Studio Märkli sieht zwei rund 75 Meter hohe Hochhäuser vor, welche die Bebauungsdichte vertikal organisieren und dadurch den Bodenverbrauch minimieren. Das eine wird von Studio Märkli selbst, das andere, das H1, von Boltshauser Architekten realisiert. Das zum Zeitpunkt seiner Aufrichte höchste Holzhybridhochhaus der Schweiz wird damit zu einem baulichen Schwerpunkt des Areals und vereint den weitgehenden Einsatz regenerativer Materialien mit einer ausdrucksstarken Solarfassade. Mit ihren bifazialen Zellen fängt sie das direkte Sonnenlicht sowie die Reflexion der darunterliegenden Module ein und deckt so knapp die Hälfte des Strombedarfs. Zugleich spendet sie den Wohnungen als Brise-soleil Schatten. Drei gewerblich genutzte Sockelgeschosse mit ikonischer Arkade und vorgefertigter Lehmelement-Fassade tragen einen prägnanten ‹Tisch›, auf dem der 21-geschossige Holzhybridbau steht. Dabei wurde nur das Nötigste massiv gebaut: der aussteifende Kern, der fast stützenfreie Sockel und das Fundament mit
direktem Erdkontakt. Dank der Leichtigkeit des Holzbaus liessen sich diese Teile schlanker als üblich dimensionieren. Die Lehmfassade wirkt im Sommer kühlend und lädt mit ihrer Faltung zur Berührung ein. Für die Vorfertigung der Lehmelemente wurde eine Fabrikationslinie mit sechs Schalungsstationen aufgebaut, das Material darin von Hand, aber mithilfe eines pneumatischen Stampfers verdichtet. Die Lehmfassade trägt sich selbst, ist jedoch gegen Kippen an der dahinterliegenden Wand verankert.
Für das Holztragwerk wählte man massive Stabbuche aus regionalen Forstrevieren. Massive Stabbuchestützen stehen in einem Raster von 3,4 auf 7,8 Meter. Darauf liegen leistungsfähige Holz-Beton-Verbundrippendecken, deren Stabholzrippen schubsteif mit 12 Zentimeter dünnen Betonplatten verbunden sind. Die Holzrippen übernehmen dabei die Zug-, die Betonplatten die Druckkräfte, was grosse Spannweiten bei reduziertem Marerialeinsatz ermöglicht. Die Deckenelemente können dank sichtbar installierter Sprinkleranlage direkt in ihrem Werkzustand gezeigt werden und benötigen, von den Bodenaufbauten abgesehen, keine weiteren Verkleidungen für Brandschutz oder Akustik. Sie werden vom zentralen Erschliessungskern ausgesteift, der die Horizontallasten im Verbund mit den Decken in den Baugrund abträgt. Die gesamte Vollholz-BetonHybridkonstruktion in den Obergeschossen spart im Vergleich zu einer konventionellen Tragkonstruktion in Massivbauweise rund 20 Prozent oder 575 Tonnen CO2 im Lebenszyklus des Hauses ein, im Holz sind 1500 Tonnen CO2 eingelagert. Über dem Erdgeschoss und den Sockelgeschossen mit Eingangshalle und Gewerbeflächen liegen 156 Wohnungen mit 1 bis 5 Zim-
mern. Die robuste Rasterstruktur ermöglicht grosse Varianz in den Wohnungsgrundrissen mit resultierender Vielfalt für die Menschen, die darin leben. Da lediglich die tragenden Holzstützen den Raum definieren, lassen sich Trennwände auf dem Raster der Deckenrippen frei anordnen. Die Loggien besetzen ebenfalls unterschiedliche Felder in der modularen Fassade und tragen zur Differenzierung der Typologie bei. Das roh belassene, mit Vergilbungsschutz behandelte Holz der Stützen und der Rippen, der helle Beton der Deckenelemente und die weissen Wände verleihen den Innenräumen eine schlichte Ästhetik, die Loggias ergänzen das natürliche Farbspektrum mit dem warmen Rotton der Fassade und bieten mit ihren geschlossenen Brüstungen auch in grosser Höhe einen geschützten Aussenraum. In der Mitte des Gebäudes bildet ein zweigeschossiger Gemeinschaftsraum mit Loggia und Waschsalon einen Begegnungsort. Da wurde ein lediglich mit Wachs behandelter Stampflehmboden eingebracht, der hinsichtlich Raumklima und bauphysikalischer Eigenschaften im verbauten Zustand untersucht werden soll, auch im Hinblick auf sein Potential als ökologischer Ersatz für energieintensive Unterlagsböden auf Gips- oder Zementbasis. Grundwasserwärmepumpen versorgen die Areal-Energiezentrale, die den Gebäuden somit umweltfreundliche Nahwärme und -kälte – als Freecooling über die Bodenheizung – zur Verfügung stellt. Abluft über die Nasszellen mit Wärmerückgewinnung, eine LowtechLüftung mit Nachströmung über die Fassaden sowie die Rückgewinnung der Abwasserwärme tragen der optimierten Strategie des Hauses Rechnung.
m
Schnitt
Erdgeschoss
1. Obergeschoss
3. Obergeschoss
4. Obergeschoss
9. Obergeschoss
12. Obergeschoss
Ort Hardstrasse 6, 8105 Regensdorf
Bauträgerschaft Anlagestiftung Pensimo, Zürich
Architektur und Bauleitung Boltshauser Architekten AG, Zürich
Landschaftsarchitektur Lorenz Eugster Landschaftsarchitektur und Städtebau Gmbh, Zürich
Holzständerkonstruktion, mineralisch gedämmt 260 mm
Gipsfaserplatte 18 mm
B Aufbau Boden:
Klebeparkett Buche 10 mm
Anhydrit Fliessestrich mit Fussbodenheizung 60 mm
Trittschalldämmung 20 mm
Wärmedämmung 50 mm
Deckenelement
Überbeton bewehrt 120 mm
Stabbuchen-Holzrippen 300 mm
C Aufbau Boden:
Anhydrit Fliessestrich geschliffen, imprägniert mit Fussbodenheizung 70 mm
Trittschalldämmung 20 mm
Schüttung 50 mm
Ortbetondecke 250 mm
Wärmedämmung, druckfest 600 mm
Elementplatten mit Ortbetonergänzung 160 mm
Detailschnitt
Holzhochhaus Papieri, Cham
Das Wohnhochhaus in Cham umfasst 61 Eigentumswohnungen und ist Teil der Entwicklung des Papieri-Areals. Die effiziente Holz-Beton-Konstruktion bezieht sich formal auf den vorgefundenen Bestand und bildet die Grundlage für die gute CO2-Bilanz des Gebäudes. Doppelgeschossige Gartenloggien bringen zudem eine hohe Wohnqualität ins Gebäude.
Das Areal der Papierfabrik in Cham ist über mehrere Jahrhunderte gewachsen und erweitert die Stadt Cham mit einer eigenen städtebaulichen Identität. Es ist ein Bindeglied zwischen der städtischen Kernzone und dem landschaftlich geprägten Naherholungsgebiet. Das Wohnhochhaus im Baubereich L und die Erneuerung des Portierhauses bildeten mit ihrer Fertigstellung 2022 den räumlichen Auftakt der Transformation. Das hier vorgestellte Wohnhochhaus Baubereich I wurde während der zweiten Bauetappe als nachhaltige Hybridkonstruktion realisiert.
Das Papieri-Areal ist geprägt von den Spuren der industriellen Vergangenheit, die Bestandsgebäude beistzen mit ihren charaktervollen Materialien eine unverwechselbare Identität. Das Hochhaus interpretiert das Weiterbauen der vielseitigen, starken Strukturen des ehemaligen Industrieareals und nimmt mit seiner Gestaltung die Kraft und die Direktheit der bestehenden Gebäude auf, indem es die vorgefundene Materialität und Haptik in eine zeitgenössische Architektursprache übersetzt. Die Holz-Beton-Konstruktion prägt die 61 Eigentumswohnungen. Sie besteht aus einem massiven Betonkern, Holz-Beton-Verbunddecken,
Betonstützen und Zwillings-Holzträgern aus Brettschichtholz in Baubuche. Im überhohen Sockelgeschoss befinden sich eine Kita mit drei Gruppeneinheiten und ein Gewerberaum. Die kompakten Grundrisse der Regelgeschosse umfassen pro Stockwerk fünf Wohnungen. Vier Etagenwohnungen besetzen je eine Gebäudeecke und spielen den Blick in die Weite frei, die fünfte Wohnung ist jeweils eine Maisonette mit doppelgeschossiger Gartenloggia. In den Übereckwohnungen rhythmisiert die Holzstruktur den Raum senkrecht zur Laufrichtung. Die je mittig eingeschobenen Maisonettewohnungen bringen mit der angrenzenden Gartenloggia die Qualitäten eines Tiny Houses ins Hochhaus. Die Art der Konstruktion prägt die äussere Gestalt der vertikal gegliederten Fassade, die zu einem differenzierten Abbild der inneren räumlichen Struktur wird. Mit den wellenförmigen, glasfaserverstärkten Betonelementen und den horizontalen, durch Metallstäbe verbundenen Balkonplatten entsteht eine strukturelle Plastizität mit variantenreichem Formvokabular. Gleichzeitig hat die hybride Gebäudestruktur aus Beton und Holz eine hohe statische Effizienz und folgt den Bedingungen für eine konstruktive Optimierung und einen rationellen Bauablauf. Die tragenden vertikalen Elemente in Beton, die horizontalen Elemente in Holz und die biaxiale Tragwirkung der Holz-BetonVerbunddecken sind positive Eigenschaften der Verbundtechnik. Die Erschliessungskerne bilden das konstruktive Rückgrat und stabilisieren das Bauwerk bei horizontaler Beanspruchung durch Wind und Erdbeben. Dank der koppelnden Wirkung der Betondecke zwischen
Treppen- und Liftkern ist die Wandstärke auf ein Minimum reduziert. Die hohen Brandschutzanforderungen für Hochhäuser wie der Feuerwiderstand EI 90 wird ohne Sprinkler nur mit der dünnen Überbetonschicht, dem verstärkten Beton bei den Tragachsen und den Betonstützen gewährleistet. Die Holzkonstruktion ist im Brandfall nicht Bestandteil der Tragkonstruktion. Das Tragwerk genügt nicht nur den statischen Anforderungen, sondern erfüllt gleichzeitig die Vorgaben an Brandwiderstand, Schallschutz und Haustechnik und ist integratives Gestaltungselement.
Planung und Bau erfüllen die Prinzipien der 2000-Watt-Gesellschaft und die Zusatzanforderungen für Erstellung und Betrieb betreffend Primärenergiebedarf und Treibhausgasemissionen, unter anderem aufgrund der guten CO2-Bilanz der Hybridbauweise. Der Betoneinsatz ist auf das Minimum beschränkt, der zementarme Recycling-Beton minimiert die Schwindspannungen und verkleinert den ökologischen Fussabdruck – insgesamt ein Beitrag für eine energieeffiziente, klimaneutrale und nachhaltige Gesellschaft.
Materialien Baubuche, 215 m3 (D); Brettsperrholz, 850 m3 (A und EU); Wände, 110 m3 (Aussenwände CH)
Baukosten keine Angaben Grundstücksfläche nach SIA 416 847 m2 Gebäudegrundfläche nach SIA 416 769 m2 Geschossfläche nach SIA 416 12 050 m2
Gebäudevolumen nach SIA 416 39 595 m3
Bauzeit Januar 2021 bis März 2025 Fotos Beat Bühler, Zürich
Hochhaus Wood Up, Paris (F)
Wood Up bricht mit den traditionellen Paradigmen des Hochbaus in Grossstädten und präsentiert sich als Bauwerk, das die vielfältigen Vorzüge von Holz zur Geltung bringt. In einer Gegend, in der die mineralische Bauweise dominiert, tut es das so wirkungsvoll, dass sich selbst die Pariser Behörden davon überzeugen liessen.
Der Entwurf basiert auf einem 2017 im Rahmen des Stadtentwicklungsprojekts ‹Paris Rive Gauche› des von der Baugesellschaft Semapa ausgelobten Wettbewerbs. Er wurde auf einem durch den Abriss eines Stadtautobahnzubringers frei gewordenen Gelände im 13. Arrondissement realisiert. Die Bauarbeiten zogen sich infolge der Pandemie in die Länge, aber auch, weil neue Brandschutzvorschriften in Kraft traten. Diese zwangen die Architekten dazu,
die geringe Brennbarkeit der Tragkonstruktion nachzuweisen – ein anspruchsvoller, aber unverzichtbarer Schritt, um die Behörden zu überzeugen. Diese wollten anfänglich eine vollständige Verkleidung der sichtbaren Holzelemente vorschreiben. Die durchgeführten Untersuchungen und Tests wurden für alle frei zugänglich gemacht, was zeigt, wie entschlossen das Architekturbüro war, mit Wood Up die Leistungsfähigkeit von Holz unter Beweis zu stellen.
Das auf einem in starkem Wandel begriffenen Areal im Osten des 13. Arrondissements errichtete Gebäude ist Teil eines gross angelegten Stadtentwicklungsprojekts. Es soll Paris wieder stärker mit dem Vorort Ivry-sur-Seine und dem unterhalb liegenden Seine-Ufer verbinden. Wood Up nimmt eine strategisch wichtige Position in diesem neuen städtischen Raum
ein, vermittelt zwischen zwei Höhenebenen und prägt im Zusammenspiel mit den ‹Tours Duo› von Jean Nouvel die Skyline des Pariser Nordostens. Im Inneren des Gebäudes bestimmt die Holzbauweise die räumliche und nutzungsabhängige Ausgestaltung, wobei der Bezug zwischen dem städtischen Umfeld einerseits und den Innenräumen wie Gewerbe oder Wohnen andererseits betont wird. Das Ziel der Architekturschaffenden war es, die Privatheit der Wohnungen mit den Vorzügen gemeinschaftlichen Lebens in Einklang zu bringen. So verfügt das Gebäude über zahlreiche Gemeinschaftsräume, die durch Laubengänge und grosszügig bemessene Verkehrswege miteinander verbunden sind. Eine geräumige Lobby erfüllt das Erdgeschoss mit Leben. Der Zugang erfolgt vom Boulevard du Général d’Armée Jean Simon
aus über einen Erschliessungskern mit zwei Liften und einer Treppe gegenüber dem Haupteingang. In den Obergeschossen erschliesst ein langer Korridor die Wohnungen. Im achten Obergeschoss ist die regelmässige Struktur durch einen Einschnitt unterbrochen, um Platz für eine 300 Quadratmeter grosse Gemeinschaftsterrasse zu schaffen, die als eine Art Mischung von überdachtem Hof, Loggia und Belvedere auf der Fläche eines Tennisplatzes bis zu 300 Personen fasst.
Ein Dachgarten lädt die Bewohnerinnen und Bewohner zur Entspannung ein und eröffnet einen Panoramablick auf die Stadt. Die insgesamt 132 1- bis 5-Zimmer-Wohnungen sind alternierend angeordnet: Jeder grossen Wohnung entsprechen im Geschoss darüber zwei kleinere Einheiten. Die Einteilung bleibt insofern flexibel, als manche übereinanderliegen-
den Wohnungen sich bei Bedarf zu Maisonettes zusammenfassen lassen, wie sie an den Ecken des Gebäudes bereits existieren. Das Hochhaus sitzt auf einem vom Erdgeschoss bis ins erste Obergeschoss reichenden Betonsockel, in dem Gewerbe- und Technikräume untergebracht sind. Darüber wird das primäre Tragwerk aus Brettschichtholz durch ein sekundäres System aus Holz-Beton-Verbunddecken ergänzt. Auf jedem zweiten Geschoss laufen vorgefertigte und durchgefärbte Laubengänge aus Beton um das Gebäude. Die Stabilität wird durch den Kern und Wandscheiben aus Beton gewährleistet. Der Einschnitt in der Fassade auf der Höhe des achten Obergeschosses wird durch einen Vierendeel-Stahlträger abgefangen.
Das verwendete Holz stammt aus Frankreich und wurde über die Seine angeliefert. Die
Holzarten wurden nach ihren mechanischen Eigenschaften ausgewählt: Die Stützen im Innenbereich sind aus Buche, weil diese sich durch eine hohe Druckfestigkeit auszeichnet, die Balken bestehen aus Fichte, die biegefest ist, und an der Fassade kam witterungsbeständige Douglasie zum Einsatz. Verschnitte und Reste wurden für die Einrichtung der Gemeinschaftsräume verwendet, insbesondere für die Fertigung von Möbeln. Ausserdem führt Wood Up das Label ‹Un immeuble, une forêt› (‹Ein Gebäude, ein Wald›) ein – ein Programm, das die Baubranche in die Pflicht nimmt und die Waldverjüngung zum Ziel hat. Im Sinne der CO₂-Kompensation erfolgen dabei konkrete Massnahmen zur Aufforstung, Wiederherstellung oder Diversifizierung von Wald, beispielsweise nach der Zerstörung eines Pappelhains durch einen Sturm.
Erdgeschoss
Querschnitt
4. Obergeschoss
8. Obergeschoss
Ort Blvd du Général Jean Simon, Paris XIII (F)
Bauherrschaft REI Habitat, Montreuil (F)
Architektur und Bauleitung LAN, Paris (F)
Landschaftsarchitektur Atelier Georges, Paris (F)
Bauingenieur Elioth, Montreuil (F)
Brandschutz Casso & Associés, Paris (F)
Akustik Jean-Paul Lamoureux, Paris (F)
Planung Gebäudetechnik Sinteo, Paris (F)
Planung Fassade, Umwelt Elioth, Montreuil (F)
Prüfstelle Apave, Paris (F)
Materialien Holzherkunft Normandie (F)
Baukosten EUR 25,1 Mio., exkl. MWST
Geschossfläche 8949 m2
Bauzeit Oktober 2021 bis Juni 2024
Fotos Charly Broyez, Paris (F)
Detailschnitt
1 Stahlbetonplatte, vorgefertigt, durchgefärbt in Beige
2 Bodenaufbau Terrasse/Loggia: Holzabdeckung auf Balken, auf verstellbaren Stützen montiert; Betonanschlüsse an den Befestigungspunkten für das Geländer und zweilagige Abdichtung; Betonplatte
3 Metallgeländer: Stahlrahmen und Füllung, pulverbeschichtet
4 Seitliche Holzverkleidung: 3-lagige Platte (Douglasie), mit feuerhemmender Lasur behandelt
5 Holzverkleidung an Stirn der Stützen: Brettschichtholz (Douglasie), mit feuerhemmender Lasur behandelt
6 Aluminiumfenster
7 Balken aus Brettschichtholz (Fichte)
8 Akustikdecke, abgehängt
9 Stahl, pulverbeschichtet
10 Holz-Beton-Verbunddecke
Hochhaus Roots, Hamburg (D)
Mit 65 Metern Höhe und 19 Stockwerken ist Roots das aktuell höchste Holzhybridgebäude Deutschlands. Das Pilotprojekt zeigt, dass Holzbau im Hochhausmassstab nicht nur technisch realisierbar ist, sondern auch als klimaneutrale Nachverdichtung im urbanen Kontext bestens funktioniert. Der Bau ist damit weit mehr als ein Höhenrekord im Bauen mit Holz.
Seine Lage im Entwicklungsgebiet HafenCity – einem der grössten innerstädtischen Stadtentwicklungsvorhaben Europas – verleiht dem Projekt eine besondere städtebauliche Relevanz. Die Bauaufgabe ging dabei deutlich über die Realisierung eines Hochhauses hinaus. Gefordert war ein komplexes Mischnutzungskonzept aus Wohnen, Büro- und Ausstellungsflächen mit Lernwerkstätten und Naturfilmkino. Das öffentlich zugängliche Ausstellungszentrum der Deutschen Wildtierstiftung im Sockelbau schafft einen Ort für Vermittlung und Begegnung und erweitert die kulturelle Infrastruktur Hamburgs um einen neuen Schwerpunkt zu Natur und Artenvielfalt. Im ersten und zweiten Obergeschoss des Hochhauses befinden sich Büroflächen. Darüber sind insgesamt 181 Eigentumswohnungen angeordnet. Der Entwurf kombiniert das Hochhaus mit einem L-förmigen Gebäudeteil und reagiert so auf die Massstäblichkeit des Umfelds. Hier befinden sich 53 sozial geförderte Mietwohnungen. Der architektonische Ausdruck wird wesentlich durch die Materialität geprägt: Die weithin sichtbare Holzfassade macht die Konstruktion nicht nur ablesbar, sondern formuliert zugleich eine Haltung zur Zukunft des Bauens. Die Lärchenholzfassade mit umlaufenden Loggien ist ein prägendes Gestaltungselement. Eine zweite Fassadenebene aus Glas übernimmt die Funktion von Schall-, Feuchte-
und UV-Schutz und verbessert gleichzeitig die Energieeffizienz. Glasschiebeelemente schützen die den Wohnungen vorgelagerten Aussenbereiche vor Wind und Wetter. Durch diese zusätzliche Hülle konnte die Verkleidung aus Lärchenholzplatten unbehandelt ausgeführt werden. Die Konstruktion reagiert damit nicht nur auf gestalterische, sondern ebenso auf bauphysikalische Anforderungen. Alle tragenden Bauteile der Wohngeschosse wurden in Holzmassivbauweise errichtet, lediglich das Unter- und Erdgeschoss sowie die Erschliessungskerne des Hybridgebäudes sind in Betonbauweise ausgeführt. Dies trägt nicht nur zur Verringerung des CO2-Fussabdrucks bei, sondern begrenzte auch die Lärmemissionen während des Baus und schafft ein gesundes Raumklima. Anzumerken ist, dass die konstruktive Logik des Holzbaus direkten Einfluss auf Entwurf und Planung nahm. Vorfertigung, Transport und Montage wurden nicht nachgelagert betrachtet, sondern bereits in frühen Planungsphasen integrativ mitgedacht. Das klassische sequenzielle Planen von Rohbau, Ausbau und Fassade stiess hier an seine Grenzen. Stattdessen erforderte der hohe Vorfertigungsgrad eine frühzeitige Abstimmung aller Fachdisziplinen.
Zum Einsatz kamen rund 5500 Kubikmeter PEFC-zertifiziertes Nadelholz aus europäischer Forstwirtschaft. Insgesamt wurden etwa 1200 vorgefertigte Bauteile produziert. Die bis zu 14 Meter langen Aussenwandelemente wurden komplett vorgefertigt auf die Baustelle geliefert und direkt per Kran montiert. Ein Geschoss bestand aus jeweils 53 Wand- und Deckenelementen; die Montage einer Etage dauerte lediglich rund zweieinhalb Wochen. Die Geschossdecken wurden aus 240 Millimeter starkem Brettsperrholz mit einer zehn Zentimeter starken Auflast aus elastisch gebundener
Schüttung ausgeführt. Tragende Wände entstanden in Massivholzbauweise. Die Stützen in den Wänden sind in den oberen Stockwerken aus Brettschichtholz, in der Mitte aus Furnierschichtholz aus Nadelhölzern und in den unteren Stockwerken aus Baubuche. Dadurch konnte trotz steigender Lasten eine gleichbleibende Wandstärke realisiert werden. Das Projekt zeigt zugleich die ökologischen Potenziale des Baustoffs Holz. Gegenüber konventionellen Bauweisen reduziert Roots die CO2-Emissionen um rund 31 Prozent; bei den Wohngeschossen liegt die Einsparung sogar bei 56 Prozent. Insgesamt entspricht dies 3520 Tonnen vermiedener Emissionen. Besondere Aufmerksamkeit galt dem Brandschutz. Da Hochhäuser mit brennbarem Tragwerk nach deutschen Regelwerken nicht unmittelbar abbildbar sind, waren projektspezifische Sondernachweise erforderlich. Gemeinsam mit Behörden und Feuerwehr entwickelte das Planungsteam ein Sicherheitskonzept mit einer erhöhten Robustheit von R 120. Neben statischen Abbrandnachweisen kamen brandschutztechnische Bekleidungen, redundante Sprinklersysteme, Brandbarrieren durch auskragende CLT-Decken sowie Sperrungen der Hinterlüftungsebene in der Fassade zum Einsatz. Parallel dazu wurden Schall- und Feuchteschutz intensiv untersucht. Hygrothermische Simulationen analysierten die Feuchtesicherheit der Aussenwandkonstruktionen. Ergänzend entstand ein Mock-up im Massstab eins zu eins, um bauphysikalische Anforderungen messtechnisch zu überprüfen. Die Erkenntnisse führten zu konstruktiven Optimierungen und zeigten exemplarisch, dass Holzhochhäuser eine neue Form integraler Planung erfordern.
Situation
Regelgeschoss
Regelgeschoss Turm
Ort Liselotte-von-Rantzau-Platz / Lucy-Borchardt-Strasse 2 bis 8, 20457 Hamburg HafenCity (D)
Bauherrschaft Garbe Immobilien-Projekte GmbH, Hamburg (D) und Deutsche Wildtier Stiftung, Hamburg (D)
Architektur Störmer Murphy and Partners, Hamburg (D) Landschaftsarchitektur Atelier Loidl, Berlin (D)
Bauleitung Garbe Immobilien-Projekte, Hamburg (D)
Bau- und Holzbauingenieur Assmann Beraten + Planen, Hamburg (D)
Brandschutz Hahn Consult, Hamburg (D)
Bauakustik/Schallschutz Ifas, Achen (D)
Planung Gebäudetechnik M & P Consult, Hamburg (D) Zertifizierung/Ökobilanz/Recyclingfähigkeit
Ingenieurbüro Trinius, Hamburg (D)
Holzbau Rubner Holzbau, Augsburg (D)
Materialien Nadelholz für Konstruktion (PEFC-zertifiziert) 5500 m3; Innen- und Aussenwandelemente Holzrahmenbau (werkseitig vorgefertigt, 16 200 m2); Deckenelemente Brettsperrholz (davon 4430 m3 Brettsperrholz und 820 m3 Sonderhölzer)
Gesamt-Investition EUR 140 Mio.
Grundstücksfläche 3200 m2
Gebäudegrundfläche nach DIN 277 3200 m2
Bruttogeschossfläche gesamt 36 000 m2
Bruttogeschossfläche gesamt Wohnen 24 800 m2
Gebäudevolumen nach DIN 277 125 309 m3
Bauzeit November 2020 bis September 2024
Montage Holzbau April 2022 bis August 2023
Fotos Daniel Sumesgutner, Hamburg (D) p. 4144 und 4145; Christian Schoppe, Hamburg (D) p. 4147
Planunterlagen Copyright Störmer Murphy and Partners
Aufbau Boden Galeriegang und Loggia:
Lärche 25 mm
Trittschalldämmung 21 mm Flüssigkunststoffabdichtung, punktuell unter Stützfüssen Stahlbetonfertigteil mit oberseitiger Gefälleausbildung, d ≥ 100 mm Vlies zum Schutz der Abdichtung Abdichtung bauseits Witterungsschutz werkseitig 240 mm Brettsperrholzplatte Detailschnitt Balkon
Hochhaus Tilia Tower, Malley
‹Tilia› ist das lateinische Wort für Linde und spielt auf den majestätischen Baum an, der im letzten Jahrhundert der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens in Prilly war. Nun wird das nach ihm benannte, 85 Meter hohe Holzhochhaus seinerseits zum Wahrzeichen. Es wird aktuell fertiggestellt und ab Herbst bezogen.
Das Projekt entsteht auf einer der grössten Brachen der Westschweiz zwischen den Städten Prilly, Lausanne und Renens. Die gross angelegten Bauarbeiten der letzten Jahre haben das 16 Hektar messende, ehemalige Industriegebiet zu einem strategisch wichtigen Standort für die ganze Region gemacht. Die gemeinsam mit den örtlichen Behörden und der Bevölkerung erarbeiteten städtebaulichen Prinzipien räumen Mischnutzung und Nachhaltigkeit Vorrang ein. Nach der Fertigstellung werden im neuen Quartier 4000 bis 5000 Menschen wohnen und arbeiten. Dieser Bevölkerungszuwachs geht mit der Schaffung von Infrastruktur einher: Schulen, Stadtteilzentren und Sportanlagen sowie ein effizientes öffentliches Verkehrsnetz, das den Standort an die Innenstädte von Morges und Lausanne anbindet. Anspruchsvoll gestaltete Aussenanlagen vervollständigen dieses urbane Gefüge. Mit seinen 85 Metern Höhe überragt der Tilia Tower Prilly-Malley und das benachbarte Hochhaus Malley Phare. Das Bauwerk wurde im Rahmen eines Wettbewerbs vom dänischen Architekturbüro 3XN entworfen und in Zusammenarbeit mit Itten+Brechbühl aus Lausanne realisiert. Es umfasst 27 Obergeschosse und 3 Untergeschosse, die hauptsächlich die Tiefgarage sowie verschiedene Liefer- und Lagerräume beherbergen. Teil des Projekts ist die Renovierung eines angrenzenden Gebäudes mit Sportanlagen für die Allgemeinheit. In den ersten Obergeschossen stehen 1000 Quadratmeter für Gewerbeflächen und 400 Quadrat-
meter für Sport und Wellness zur Verfügung. Dieser öffentlich zugängliche Sockel leistet einen aktiven Beitrag zum Leben im Quartier. Die Privaträume, Wohnungen und ein Hotel mit Co-Living liegen in den Geschossen darüber. Insgesamt gibt es 222 1- bis 4½-ZimmerWohnungen, darunter 19 Sozialwohnungen; die meisten Wohnungen sind mit 2½ und 3½ Zimmern auf die Bedürfnisse junger Arbeitstätiger ausgerichtet. Im Tilia Tower allein werden knapp 500 Menschen leben, was etwas mehr als einem Zehntel der Gesamtkapazität des neuen Quartiers entspricht. Die tragende Gebäudestruktur besteht zum einen aus einem Stahlbetonkern, der sich von der Fundamentplatte bis zum Dach erstreckt. Die drei Untergeschosse und die ersten sechs oberirdischen Geschosse wurden vor Ort aus Stahlbeton gegossen. Dafür wurde zum Teil kohlenstoffarmer Zement verwendet, was für ein Hochhaus in der Schweiz eine Premiere ist. Der an der EPFL entwickelte Zement reduziert die CO2-Emissionen gegenüber herkömmlichem Zement um rund 40 Prozent. Ab dem siebten Stockwerk geht die Konstruktion in ein kohlenstoffarmes, vorgefertigtes HolzBeton-Verbundsystem über. Dieses kombiniert Stützen aus Buchenfurnierschichtholz, die eine hervorragende Druck- und Biegefestigkeit aufweisen, mit Fichtenbalken für die Holz-BetonVerbunddecken. Diese Methode ermöglichte eine Bauzeit von rund zehn Tagen pro Geschoss. Der Rohbau war schnell abgeschlossen, die Verputzarbeiten und die Installation der technischen Anlagen folgten rasch aufeinander. Dank einer Sprinkleranlage bleiben die tragenden Deckenelemente aus Holz in den Wohnungen sichtbar.
An der Fassade zeichnet sich das Projekt durch eine geometrische Formensprache aus, welche die Vorzüge der Wohnräume unterstreicht: Schräge Wände, die die Loggien von-
einander abgrenzen, dienen als Windschutz, wahren die Privatsphäre in den Aussenbereichen und sorgen gleichzeitig für einen grosszügigen Tageslichteinfall. Sie verleihen dem Hochhaus eine überraschende Leichtigkeit und Klarheit und brechen es auf die Dimensionen seiner Bewohnerinnen und Bewohner herunter. Die Verwendung des Rohstoffs Holz für die wesentlichen Teile der Tragstruktur, die im Inneren sichtbar bleibt, trägt zum einen zur Reduktion der CO2-Belastung bei – ein erklärtes Ziel der Bauherrschaft – zum anderen bringt es eine natürliche Materialität mit sich, die im Tilia eine angenehme Wohnatmosphäre schafft.
Situation
Ort Ch. du Viaduc 10–12, 1008 Prilly
Bauherrschaft Insula SA, Lausanne
Beratung Bauherrschaft Pom+consulting SA, Lausanne Architektur und Bauleitung 3XN, Kopenhagen (DNK); Itten + Brechbühl, Lausanne; Fehlmann Architectes SA, Morges Landschaftsarchitektur Atelier du Paysage Sàrl, Lausanne Bauingenieur und Holzbauingenieur Lüchinger Meyer Partner AG, Lausanne Brandschutz BG Ingénieurs Conseils SA, Lausanne Geotechnik und Geologie Karakas et Français SA, Lausanne Gebäudetechnik, Bauphysik Weinmann Energies SA, Echallens Elektroingenieur MAB-Ingénierie SA, Morges Ingenieur für Spezialtiefbau GEOEG Sàrl, Lausanne Holzbau JPF Construction SA, Bulle Baukosten keine Angaben
Balken aus Waadtländer Fichte 240 mm/ Dämmung, Steinwolle 50 mm
Decke aus Fichte, abgehängt (zwischen den Balken) 25 mm
Detailschnitt
International Award for Wood Architecture 2025 Bahnhof Varberg, Schweden
Anlässlich des 15. Forum Bois Construction in Paris wurde Ende Februar der Internationale Fachpresse-Preis für Holzarchitektur zum achten Mal verliehen. Zum ersten Mal gab es zwei Kategorien: Neubau und Sanierung. In der Kategorie Neubau gewann der Bahnhof in Varberg des Architekturbüros Okidoki aus Schweden. Die
Kategorie Sanierung entschieden Innauer Matt Architekten mit dem Museum Bezau im österreichischen Vorarlberg für sich (siehe Kasten). Varberg ist eine Küstenstadt im südlichen Schweden mit einer Geschichte als Badeort. Dies und die ausserordentliche Nähe des Bahnhofs zum Meer inspirierten die Architekten von Okidoki zu einem Bauwerk, das dem maritimen Erbe des Ortes gewidmet ist. Die Entscheidung für eine Struktur aus Brettsperr- und Brettschichtholz fiel einerseits wegen der regionalwirtschaftlichen Verankerung des Materials und andererseits aufgrund des hohen Nachhaltigkeitsstandards, zu dem sich das Projekt verpflichtet hat.
1 Der Bahnhof in Varberg: Die weit überhängende und an den Ecken leicht nach oben gezogene Dachkonstruktion ist eine Hommage an das Meer. Foto
Åke Eson Lindman
2 Das Material Holz ist im Inneren des Bahnhofs sehr präsent und prägt den Raumeindruck nachhaltig – sowohl in formaler auch konstruktiver Hinsicht. Foto Åke Eson Lindman
Museum Bezau, Österreich
Das Museum befindet sich in einem denkmalgeschützten Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert. Es ist ebenso eine Kulturinstitution wie ein architektonisches Zeugnis der lokalen Bautradition. Das Projekt umfasste die Restaurierung und Komplementierung des historischen Bregenzerwälderhauses, dessen hinterer Teil über die Zeit verloren gegangen war. Der neue Anbau ist ein konstruktiver Holzbau. Damit gelang es, die Integrität des Gebäudes wiederherzustellen und neuen Raum für ein zeitgemässes Museum zu schaffen.
Lignum
Holzwirtschaft Schweiz
Economie suisse du bois Economia svizzera del legno
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