Wottsefack!
Stückentwicklung der Spiel:Kollektive
Mit Melina Becker, Norbert Berger, Jamie Braun, Jonas Brüstle, Emma Engelhardt, Ella Fiedler, Horst Gründel, Charlie Gutwill, Ulrike Heckl-Fischer, Zoe Hochberger, Marina Keiderling, Alexandra Klebeg, Rosalie Kretschmer, Isabella Loh, Lisa Mitzkus, Philip Moritz, Bashar Moustafa, Wolfgang Müller, Annerose Röder, Werner Rößler, Hannah Roth, Annegret Schüppler, Alina Treptow, Denice Verganza, Emilia Wanke
SPIELLEITUNG
Sabrina Schneid
DRAMATURGIE
André Sievers
LICHT
Klaus Bröck
TON Michael Och
FOTOS
Bastian Suffa
VOCAL COACH
Ben Köster
TERMINE:
05.07.2026, 19 Uhr
15.07.2026, 19 Uhr
SPIELORT: Reithalle Coburg
DAUER: ca. 60 Minuten, keine Pause


Die Vergangenheit spricht noch immer
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Mit diesem Satz formuliert Simone de Beauvoir eine fundamentale Erkenntnis, die bis heute nachwirkt. Weiblichkeit erscheint nicht als biologische Selbstverständlichkeit, sondern als Ergebnis kultureller, religiöser, philosophischer und sozialer Zuschreibungen. Wenn aber das „Frau-Sein“ gesellschaftlich hervorgebracht wird, rückt zwangsläufig die Frage nach den Instanzen in den Vordergrund, die diese Zuschreibungen produzieren und legitimieren. Die Problematik weiblicher Unterdrückung ist daher nicht allein auf körperliche oder sexuelle Gewalt zu reduzieren. Sie betrifft ebenso die Produktion von Wissen und Wahrheit über Frauen. Wer definiert, wer oder was eine Frau ist? Wer spricht über sie und in welchen Diskursen? Wer verfügt über die Autorität, gesellschaftlich wirksame Aussagen über Weiblichkeit zu formulieren? Die Frage nach weiblicher Unterdrückung ist damit zugleich eine epistemologische Frage, da sie die Machtverhältnisse betrifft, durch die Wissen über Frauen entsteht, verbreitet und als Wahrheit anerkannt wird.
Über Jahrhunderte hinweg wurden die Antworten auf diese Fragen überwiegend von Männern gegeben. Aristoteles erklärt die Frau zum von Natur aus Untergeordneten, Paulus verankert ihre Unterwerfung in einer göttlichen Ordnung, Schopenhauer spricht ihr Vernunft und moralische Urteilskraft ab. Trotz aller Unterschiede eint sie derselbe Gedanke: Die Frau erscheint nicht als autonomes Subjekt, sondern als Objekt männlicher Deutung. Simone de Beauvoir bringt diesen Mechanismus auf den Punkt: „Der Mann ist das Subjekt, er ist das Absolute; die Frau ist das Andere.“ Die Frau wird nicht aus sich selbst heraus gedacht, sondern stets in Relation zum Mann. Als Tochter, Ehefrau, Geliebte oder Verführerin erhält sie Bedeutung vor allem innerhalb einer männlichen Perspektive.
Vor diesem Hintergrund erscheinen Antigone, Elektra, Gretchen, Lolita, Ana Steele, Virginia Giuffre oder Gisèle Pelicot nicht als voneinander getrennte Schicksale. Zwischen ihnen liegen Jahrtausende, und doch verbindet sie dieselbe Erfahrung: Andere sprechen über sie, urteilen über sie und verfügen über ihre Körper, ihre Stimmen und ihre Entscheidungen. Die Namen wechseln, die Zeiten ändern sich, die Argumente werden moderner. Die Strukturen bleiben erstaunlich vertraut. Sie wirken nicht allein durch Verbote, Zwang oder offene Gewalt. Häufig treten sie in weit subtileren Formen auf: Kontrolle erscheint als Fürsorge, Besitzanspruch als Liebe, Abhängigkeit als Hingabe. Gerade darin liegt ihre Beständigkeit. Ihre Wirksamkeit beruht nicht zuletzt darauf, dass sie oft als selbstverständlich, romantisch oder sogar erstrebenswert wahrgenommen werden. Wer Gewalt erkennt, kann sich ihr widersetzen. Wer sie für Liebe hält, verteidigt sie womöglich noch. Gewalt beginnt daher nicht erst dort, wo ein Körper verletzt wird. Sie beginnt dort, wo Menschen auf Rollen festgelegt, Erfahrungen entwertet und bestimmte Perspektiven zu Wahrheiten erklärt werden.
Die Distanz, die diese Geschichten voneinander trennt, scheint unüberbrückbar. Doch obwohl Antigone und Gisèle Pelicot durch ganze Epochen getrennt sind, kehren dieselben Fragen immer wieder: Wer wird gehört? Wer darf über weibliche Körper, Stimmen und Lebenswege verfügen? Es wäre beruhigend, all dies als Überrest einer vergangenen Ordnung betrachten zu können. Als Relikt einer Welt, die wir längst hinter uns gelassen haben. Doch die Kontinuitäten sind zu offensichtlich, die Parallelen zu zahlreich, die Wiederholungen zu hartnäckig. Die Vergangenheit hallt nicht nach. Sie spricht noch immer. Und sie wird immer lauter.
André Sievers