DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN
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DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN Tanzstück von Hans Henning Paar Nach dem gleichnamigen Schauspiel von Peter Handke BALLETT COBURG
Chih-Lin Chan Guilherme Correia Carola Lucas Corrêa Santos Takashi Yamamoto Yuriya Nakahata Mireia Martínez Pineda Alice Hunter Ignacio Illán Valeria Gambino Juan Fernando Morales Londoño
INSZENIERUNG/CHOREOGRAFIE/BÜHNE KOSTÜME LICHT CHOREOGRAFISCHE MITARBEIT INSPIZIENZ DRAMATURGIE
Hans Henning Paar Hans Henning Paar, Jaume Costa Klaus Bröck Miki Acker, Pricilla Fiuza Eva Lehner Esther von der Fuhr, André Sievers
TECHNISCHE LEITUNG BÜHNENMEISTER TONMEISTER CHEFMASKENBILDNERIN LEITUNG DER REQUISITE LEITUNG DER KOSTÜMABTEILUNG LEITENDE GEWANDMEISTERINNEN PROJEKTKOORDINATORIN AUSSTATTUNG WERKSTÄTTENLEITUNG
Daniel Kaiser Norman Heyn, Mathias Stöcklein Michael Och Alicia Müller Manfred Dehler Gerhard Gollnhofer Margareta Gulich, Katrin Müller Susanne Wilczek Andreas Truckenbrodt
URAUFFÜHRUNG AUFFÜHRUNGSDAUER
16. Oktober 2026, Reithalle ca. 60 Minuten, keine Pause
Wir danken dem Suhrkamp Verlag Berlin und Peter Handke für die freundliche Genehmigung, Peter Handkes Schauspielvorlage als Ausgangspunkt für eine tänzerische Neuinterpretation zu nutzen.
Aus rechtlichen Gründen sind Bild- und Tonträgeraufnahmen während der Aufführung nicht gestattet.
Was bleibt Von der Flüchtigkeit des Lebens und den Spuren, die wir hinterlassen Menschen kommen. Menschen gehen. Sie kreuzen einander, bleiben stehen, wenden sich ab. Für einen Augenblick berühren sich ihre Wege, dann geht jeder weiter. Peter Handkes 1992 am Wiener Burgtheater uraufgeführtes Schauspiel ohne Worte, DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUSSTEN, macht genau diese flüchtigen Begegnungen zum Gegenstand. Menschen erscheinen auf der Bühne, ohne dass wir ihre Namen erfahren, ihre Geschichten kennen oder wissen, wohin sie gehen. Was von ihnen sichtbar wird, sind Gesten, Bewegungen und kurze Momente der Nähe. Das Leben erscheint als ein ständiges Vorübergehen, als ein Nebeneinander unzähliger Geschichten, von denen jede für sich einen Anfang und ein Ende hat. Dazwischen liegen jene Augenblicke, in denen sich die Wege der Menschen kreuzen, manchmal zufällig, manchmal folgenreich. Auch der erste Tanzabend des neuen Coburger Tanzdirektors Hans Henning Paar beginnt, ausgehend von Handkes Vorlage, mit dem Individuum. Zehn Menschen treffen aufeinander, jeder mit seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen und seiner unverwechselbaren Bewegungssprache. Sie sind einander zunächst fremd, teilen aber von nun an denselben Raum. Jeder folgt seinem eigenen Rhythmus, während die anderen zunächst nur am Rande wahrgenommen werden. Alltägliche Gesten werden zum Tanz, scheinbar Nebensächliches erhält eine eigene Bedeutung. Während sich an einer Stelle ein Duett entwickelt, geschieht andernorts etwas völlig anderes. Der Blick wandert, entdeckt Zusammenhänge, verliert sie wieder. Was sichtbar wird, hängt immer auch davon ab, wohin die Aufmerksamkeit fällt. Und manches bleibt unbemerkt. Allmählich beginnen sich die Wege zu kreuzen. Eine Bewegung wird aufgenommen, ein Impuls weitergegeben, eine Berührung wirkt nach. Selbst die flüchtigste Begegnung kann etwas verändern. Was bei einem Menschen beginnt, setzt sich in einem anderen fort, manchmal kaum wahrnehmbar, manchmal mit ungeahnter Kraft. Aus dem Nebeneinander entsteht Nähe. Die Tänzer:innen tragen und verschieben einander, geben Gewicht ab und nehmen es auf. Sie sind aufeinander angewiesen und bleiben sich dennoch fremd. Denn einen Menschen zu berühren, bedeutet noch lange nicht, ihn zu kennen. Wie viel lässt sich überhaupt von einem anderen erfahren? Und wie viel bleibt selbst dort verborgen, wo größte Nähe herrscht? 4
Mit der wachsenden Gemeinschaft verändern sich auch die Einzelnen. Bewegungen werden übernommen, verändert und miteinander verbunden, bis die individuellen Unterschiede allmählich verschwimmen. Aus zehn Menschen wird ein Kollektiv, das seinen eigenen Gesetzen folgt. Was zunächst Halt und Zugehörigkeit verspricht, entwickelt einen immer stärkeren Sog. Der Einzelne muss sich einfügen, um nicht zurückzubleiben. Die gemeinsame Bewegung wird schneller, dichter, heftiger. Aus Nähe wird Enge, aus Zusammenhalt eine Kraft, die das Individuelle zu verschlingen droht. Schließlich zerfällt die Gruppe unter ihrer eigenen Dynamik. Die zehn Menschen werden wieder zu Individuen. Was sie miteinander verbunden hat, ist vergangen. Zurück bleiben erschöpfte Körper und verstreute Gegenstände und Spuren, die von einer Anwesenheit zeugen, die sich allmählich verlieren wird. Das Leben besteht aus unzähligen Begegnungen. Manche sind flüchtig, andere verändern etwas. Menschen kommen und gehen, kreuzen die Wege anderer und hinterlassen dabei etwas von sich. Nicht alles davon ist sichtbar. Manches bleibt in Erinnerung, manches in einer Geste, die ein anderer übernimmt, manches vielleicht nur in einem Augenblick, den 5
niemand bemerkt hat. Jeder Mensch ist Teil der Geschichten anderer, ohne deren Verlauf vollständig zu kennen. Das eigene Leben erhält seine Bedeutung nicht allein durch das, was ein Mensch für sich erreicht oder bewahrt, sondern auch durch das, was er mit anderen teilt. Denn was wäre ein Leben ohne jemanden, der daran Anteil nimmt? Was wäre Nähe, wenn sie niemand erwidert? Alles, was einen Menschen ausmacht, ist vergänglich. Die Jugend weicht dem Alter, Erinnerungen verblassen, selbst die vertrautesten Stimmen verstummen irgendwann. Und doch kann etwas über die eigene Anwesenheit hinaus Bestand haben. Ein Gedanke, den jemand weiterdenkt. Eine Bewegung, die ein anderer Körper aufnimmt. Eine Zuneigung, die erwidert wurde. Vielleicht liegt darin ein leiser Trost angesichts der Vergänglichkeit: dass kein Leben vollkommen für sich alleinsteht und selbst die kleinste Begegnung eine Veränderung hinterlassen kann. Was bleibt von einem Menschen, wenn er nicht mehr da ist? Am Ende bleibt der Raum. Und die Spuren dessen, was einmal darin war.
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„And if my life is like the dust Ooh, that hides the glow of a rose What good am I? Heaven only knows“ Dinah Washington
Impressum Landestheater Coburg, Schlossplatz 6, 96450 Coburg www.landestheater.coburg.de INTENDANT: Dr. Ulrich Peters | KAUFMÄNNISCHER DIREKTOR: Bernd Vorjans | REDAKTION: André Sievers | GESTALTUNG UND SATZ: Autostrada | PROBENFOTOS: Bastian Suffa fotografierte die 2. Hauptprobe am 14.10.2026. | PLANUNGSSTAND: 09.10.2026 Änderungen und Druckfehler vorbehalten. Wir danken dem Freistaat Bayern und der Stadt Coburg für die großzügige Unterstützung unseres Hauses. Ebenso danken wir dem Bezirk Oberfranken. Textnachweise: Der Text ist ein Originalbeitrag von André Sievers für dieses Programmheft. Das Zitat von Dinah Washington entstammt ihrem Song THIS BITTER EARTH, abrufbar unter: https://www.songtexte.com/songtext/dinah-washington/ this-bitter-earth-2bd7706a.html (letzter Zugriff am 09.10.2026).