Ausstellungen in Berlin und Potsdam
1/22 JANUAR FEBRUAR MÄRZ
MYTHOS SÜDSEE Paul Gauguin und der Traum vom Paradies GEMÄLDEGALERIE Was Dagmar Hirschfelder vorhat
8,50 €
,661
KUNST UND MODE Schwestern im Geiste
E L L A N E E S U M F U A N E EI N K C I BL All museums at a glance. Website in 6 languages.
→ www.museumsportal.berlin Das gemeinsame Portal der Berliner Museen, Ausstellungshäuser, Schlösser und Gedenkstätten mit tagesaktuellem Überblick über alle Ausstellungen und Veranstaltungen.
#museumsportalberlin
Editorial
S
»Maruru (Danke)«: Holzschnitt aus der berühmten Noa-Noa-Folge, die Paul Gauguin nach seinem ersten Tahiti-Aufenthalt im Winter 1893/94 in Paris schuf
ie erkennen das Museumsjournal nicht wieder? Darauf haben wir es angelegt. Sie haben es – beim Durchblättern, beim Lesen der Texte und Betrachten der Bilder, bei der Vorfreude auf all die kommenden Ausstellungen in Berlin und Potsdam – doch wiedererkannt? Das ist unser ausdrücklicher Wunsch. Das Museumsjournal erscheint 2022 im 36. Jahrgang und hat schon so manche Veränderung durchgemacht. Die letzte Wandlung setzte mit der Corona-Pandemie ein. Im Frühjahr 2020 war schnell klar: Die Museen und Kulturinstitutionen gehen in den Lockdown. Die Redaktion reagierte damals auf die noch nie dagewesene Situation und brachte die »Corona-Issue« in ungewohntem Layout heraus – auf die sie viel positives Feedback erhielt. Seit ich vor einem Jahr als Chefredakteur zum Museumsjournal kam, haben wir weiter an Inhalt und Form experimentiert. An der Grundidee halten wir fest: den Museen, Ausstellungshäusern und Forschungsinstitutionen die bestmögliche Bühne für ihr Programm zu geben. Wir freuen uns deshalb sehr über die ungebrochene Bereitschaft der Museumsdirektorinnen und -direktoren, der Kuratoren und Kuratorinnen, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, für uns zu schreiben und hier ihre Projekte vorzustellen. Das Museumsjournal ist in dieser Zeit der Veränderungen vielseitiger und unabhängiger geworden, hat sich thematisch erweitert. Es wird kritischer, verhandelt aktuelle Diskurse, setzt den Fokus auf Themen, die in der Luft liegen, und gibt weiterhin Einblicke in Forschungsvorhaben und Entwicklungen des Museumsbetriebs. Für die kreative Energie, den Zusammenhalt im virtuellen Raum digitaler Konferenzen und den großen Spaß an diesem Projekt möchte ich der Redaktion – Nadja Mahler, Gabriele Miketta, Anne Haun-Efremides und der Art-Direktorin Lisa Borges – herzlich danken. Wir haben das Museumsjournal nicht nur inhaltlich über-
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arbeitet und das Layout modernisiert, sondern auch typografisch auf einen neuen Weg gebracht. Dafür haben wir eine zweite, kalligrafische Schrift mit Charakter eingeführt, die einem Kern unseres Interesses ganz nah ist: der Kunst. Die Kunst steht im Mittelpunkt auch des neuen Museumsjournals: Wir sind gespannt auf die große Ausstellung zu Paul Gauguin, die in der Alten Nationalgalerie den Mythos Südsee ganz neu erzählen will. Wir feiern das Verborgene Museum und sein jahrzehntelanges Engagement für Künstlerinnen. Wir fragen, wie es um den Kanon steht. Wir zeigen, wo Kunst Mode wird und umgekehrt. Weil Kunst eben vieles, aber nicht alles ist – schon gar nicht in der vielfältigen Berliner Museumslandschaft –, freuen wir uns genauso auf die historischen, naturwissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Ausstellungen: Das Deutsche Technikmuseum widmet sich etwa einem ganz und gar nicht schönen, aber umso aktuelleren Thema. Das Haus am Waldsee würdigt das außergewöhnliche Design von Konstantin Grcic. Und im Stadtmuseum wird gespielt. Kurz vor Redaktionsschluss im Dezember 2021 hoffen wir inständig, dass die Kultur nicht wieder von der Pandemie kaltgestellt wird. Wir bleiben optimistisch – und wünschen Ihnen ein frohes und gesundes neues Jahr! MARCUS WOELLER Chefredakteur
INHALT
HARALD HAUSWALD Harald Hauswald, Konzert von Big Country, Radrennbahn Weißensee, 1988
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PANORAMA 8
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Harald Hauswald
Nachwuchsfreuden
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Exodus in Mitte
Tagesreise Cottbus
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16
Skaten verboten
Kolumne
Über die Verteidigung eines fotografischen Lebenswerks
Wie Museen Kinder und Jugendliche begeistern
Warum Berlin auch die Jüdische Mädchenschule verloren geht
Das Dieselkraftwerk verkündet eine internationale Botschaft
Muss die Neue Nationalgalerie Vandalismus fürchten?
Die neue Nachhaltigkeit 16 Kinder-Workshop in der Gemäldegalerie
KINDER IM MUSEUM
Bücher
Was jetzt gelesen werden will
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DISKURS
FOKUS
Arbeit am Kanon
Mode und Kunst
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37
Powerfrauen
Schwestern im Geiste
150 Künstlerinnen hat das Verborgene Museum entdeckt, jetzt übernimmt die Berlinische Galerie sein Erbe
COVER YUKI KIHARA, S. 57
Über Modebilder und Kunstkleider in der Berlinischen Galerie 40
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Dagmar Hirschfelder
Interview mit der neuen Direktorin der Gemäldegalerie über den weiblichen Blick, alte Meister und wie man mehr Publikum gewinnt 28
Neu in der Sammlung Was Berliner Museen kaufen, leihen, zeigen
Mode im Museum
Diese Sammlungen sind auch kostbare Kleiderkammern
Yuki Kihara, »Two Fa’afafine (After Gauguin)« aus der Serie »Paradise Camp«, 2020
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Lipperheidesche Kostümbibliothek
Fragen an die Leiterin der einzigartigen Berliner Institution
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Avantgarde der Achtziger
Die Künstlerinnengruppe Erfurt wird im NGBK vorgestellt
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Der einflussreichste Modedesigner der Welt
Das Kunstgewerbemuseum huldigt Christian Dior und seinem Gefolge
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Es bleibt die Hülle
Wie Alexandra Bircken Grenzen zwischen Kunst und Mode überwindet
DAGMAR HIRSCHFELDER
24
»Großartige, übersehene Schöpfungen wiederentdecken und neue Akzente setzen.« Dagmar Hirschfelder, S. 24
3
Ausstellungsansicht Alexandra Bircken »Fair Game« im KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst, 2021
ALEXANDRA BIRCKEN
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AUSSTELLUNGEN 52
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Vom Paradies enttäuscht
Raus aus den Schubladen!
ALTE NATIONALGALERIE
KÄTHE-KOLLWITZ-MUSEUM
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66
Paul Gauguin zwischen kolonialer Fantasie und der Realität in der Südsee
Wie Lotte Jacobi und Lotte Reiniger die Bildsprache der Weimarer Republik prägten
Revolution auf der Bühne
Easy Rider
Die Fahrradkultur wird nicht erst gefeiert, seit das Auto in die Defensive gerät
Wäre Heiner Müller denkbar ohne Erich Wonder?
MÄRKISCHES MUSEUM
AKADEMIE DER KÜNSTE 68
Für ein Tempolimit
60
Wie illegale Autorennen ein Ausstellungsthema wurden
Im System der Unruhe
Über die künstlerischen Nischen der Hannah Höch BRÖHAN-MUSEUM
63
Alanis Obomsawin im Haus der Kulturen der Welt
DEUTSCHES TECHNIKMUSEUM PAUL GAUGUIN
52
Paul Gauguin, »Vahine no te Tiare. Die Frau mit der Blume«, 1891
Zurück zur Natur
70
Ende der Fahnenstange
Ein Ausstellung nähert sich dem Philosophen, Journalisten, Ökonomen und politischen Akteur Karl Marx DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM
in der Kommunalen Galerie
Migrantinnen erzählen im Mitte Museum
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Fred Koch, Gips-Kristalle, ca. 1931
THOMAS FRED SCHÜTTE KOCH
60 76
Der Körper übt den Widerstand
Carol Ramas Faszination an Erotik und Sexualität
GUTSHAUS STEGLITZ
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Sich selbst ausgraben
Die wenig bekannten Polaroids von Gundula Schulze Eldowy GALERIE PANKOW
76
Natürliche Schönheit
Der Fotograf Fred Koch
ALFRED EHRHARDT STIFTUNG
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Momentaufnahmen im Schöneberg Museum
Emil Stumpp
im Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf
Frauenrollen im Bode-Museum
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INHALT
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EINBLICKE 86
Rien ne va plus
Zu Besuch in der historischen Spielzeugsammlung des Stadtmuseums 88
Ein Deutscher in China
Wie die Schwartzsche Villa die koloniale Vergangenheit von Karl Fischer aufarbeitet 90
ZUKUNFTSVISIONEN
Virtual-Reality-Installation
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Ritual mit der Hirschmaske
Über ein besonderes Objekt im Museum für Vor- und Frühgeschichte C/0 BERLIN
78 78
91
Was machen eigentlich … Nachhaltigkeitsbeauftragte im Museum?
Wolkenverhangen
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C/O BERLIN
7 Sachen aus den Museumsshops
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94
Über die Metaphorik der Cloud
Umgedreht
Es war einmal die Zukunft
Eine Porzellanfigur aus dem Kunstgewerbemuseum
Technikvisionen zwischen Fiktion und Realität
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MUSEUM FÜR KOMMUNIKATION
Abbildungsnachweis 82
Was kommt, was bleibt
Konstantin Grcic gestaltet unseren Alltag
96 Trevor Paglen, »CLOUD #865 Hough Circle Transform«, 2019
Vorschau 97
Impressum
HAUS AM WALDSEE
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Ausstellungskalender
»Wir sind in der Pflicht, die Welt zukunftsfähig zu erhalten.«
HIRSCHMASKE
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SPK-Nachhaltigkeitsbeauftragte, S. 91
Umzeichnung des »Zauberers« aus der Höhle Les Tois-Frères
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PANORAMA
Verlorenheit eines kleinen Landes Seine Kamera stand nie still. So erwehrte sich HARALD HAUSWALD aller Anfeindungen und schuf ein unvergleichliches Werk der Street Photography
W
Erfassungsbogen aus der Stasiakte von Harald Hauswald
ie fühlt es sich wohl an, wenn man rund um die Uhr beobachtet wird, Stasischergen einem auf Schritt und Tritt folgen, die Kamera immer gezückt? Mir fehlt das Vorstellungsvermögen. Harald Hauswald (geb. 1954) aber ließ sich nicht beirren, wehrte sich und fotografierte zurück. Die DDR-Staatssicherheit muss den Fotografiersüchtigen gefürchtet haben und gleichzeitig an ihm verzweifelt sein. Allein vierzig informelle Mitarbeiter waren auf »Radfahrer« alias Hauswald angesetzt. Seine Stasi-Akte umfasst 1600 Seiten. Nachdem im Spätsommer 1987 sein Fotobuch »Berlin-Ost: Die andere Seite einer Stadt« in München herausgekommen war, holte die Stasi seine elfjährige Tochter von der Schule ab und steckte sie ins Heim. Das Fotobuch war auf Mielkes Schreibtisch gelandet. Es dauerte Monate, bis der alleinerziehende Vater das Mädchen wieder in seine Arme schließen konnte. Kann ein Geheimdienst seine Macht perfider ausleben, wenn er des eigentlichen »Staatsfeindes« nicht habhaft wird? Vermutlich hielt damals die Stephanus-Stiftung, ein diakonisches Dienstleistungsunternehmen, für das Hauswald seit 1981 arbeitete, schützend die Hand über ihn. Außerdem war die DDR sehr um internationale Anerkennung bemüht. In der Stasiakte findet sich ein Haftbefehl mit dem handschriftlichen Vermerk: »Aus politischen Gründen momentan nicht ratsam.« Das gemeinsam mit Lutz Rathenow veröffentlichte Buch machte Hauswald einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Zum 30. Jubiläum dieser Kultpublikation wurde übrigens in der Neuauflage 2017 »Die verschwundene Stadt« daraus. Die Stasi ihrerseits entblödete sich seinerzeit nicht, einen Bericht zum Buch zu verfassen, jede einzelne Fotografie zu beschreiben und zu kommentieren. Was war so beachtenswert am Alltag, wie ihn alle erlebten, manche nur erduldeten? Unzählige Male ist die komplett sinnlose Tätigkeit weiter Teile des riesigen Stasi-Apparates beschrieben worden. Dennoch erstaunt es immer wieder, welche Ressourcen das Land derart verschwendete. Tagein, tagaus anderen
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PANORAMA
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Harald Hauswald, Kastanienallee, Prenzlauer Berg, 1986 vorherige Doppelseite: Lottumstraße, Prenzlauer Berg, 1986
beim Leben zuzuschauen und es minutiös zu dokumentieren – das erfordert Langmut und stachelte gelegentlich die Einbildungskraft an. So erklären sich erfundene Berichte über Beobachtungen oder Befragungen, bei denen nichts herausgekommen war. Davon gänzlich unbeeindruckt war Hauswald mit seiner Kamera in Ost-Berlin unterwegs, seit er 1977 in die Hauptstadt der DDR gezogen war. Er fotografierte in Schwarz-Weiß, so konnte er die Bilder in der eigenen Dunkelkammer entwickeln. Es ist Straßenfotografie vom Feinsten, spontan, treffend, mitunter geradezu zärtlich. Dieses Genre sieht wegen des Rechts am eigenen Bild leider seinem Ende entgegen. In den 1980er-Jahren veröffentlichte Hauswald, als erster DDR-Fotograf und zunächst anonym, auch Farbfotografien in Magazinen wie »Geo«, »Stern« und »Zeitmagazin«. Befreundete West-Journalisten fungierten als Kuriere, die Honorare waren willkommene Finanzmittel für Ausrüstungen und Filme. Irgendwann verlor Hauswald selbst etwas den Überblick: Tüten voller Bilder und Negative, Straßenszenen, Alltagsbeobachtungen, Porträts der kleinen Leute mit Kindern, Hunden, Einkaufstaschen und auf Abschiedspartys vor der Ausreise ins gelobte Land. Eine Reihe von Arbeiten wurde konfisziert und ging unwiederbringlich verloren, zum Beispiel eine Serie über den Tanz, mit der sich Hauswald beim Verband Bildender Künstler der DDR um Aufnahme beworben hatte. Wegen der Staatssicherheit hatte er sein Werk nie archiviert. Was nun veranlasste C/O Berlin, eine Retrospektive für Harald Hauswald auszurichten? 2016 stellte die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 200.000 Euro für die Digitalisierung des Hauswald-Archivs zur Verfügung. Von den 230.000 Farbund Schwarz-Weiß-Aufnahmen sichtete Kurator Felix Hoffmann gemeinsam mit Ute Mahler und Laura Benz circa 12.000 Negative, darunter viele noch nie gezeigte. Aus diesem Schatz konzipierten sie die Werkschau. Nach dreijähriger Vorbereitungszeit ist eine Ausstellung entstanden, die von der Verlorenheit eines kleinen
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Landes mit hochfliegenden Plänen zeugt und von Menschen erzählt, die unterwegs müde wurden, ihren eigenen Sinnen eher trauten als der Parteipropaganda, dem Sozialismus dennoch die Treue hielten, ihm abschworen oder ohnehin nie an ihn geglaubt hatten. Das größte Interesse Harald Hauswalds bestehe darin, so betont Hoffmann, rezipiert zu werden. Künstler und Kurator war es dabei extrem wichtig, die Arbeiten biografisch zu klammern. Die Schau beginnt mit der Stasigeschichte und entlässt den Besucher mit Hauswalds Lebenslauf. Hauswald begleitet den Fall der Mauer, dokumentiert die ersten Straßenschlachten, in der Mainzer Straße beispielsweise, und die immer dynamischere Hooligan-Szene. Wie beliebt der geniale Alltagsbeobachter ist – auch wehmütige Erinnerungen könnten eine Rolle spielen – zeigen die Verkaufszahlen des Buchs zur Ausstellung. Als die Schau vor dem erneuten Lockdown kurze vier Wochen lief, waren 1500 Exemplare binnen sechs Wochen ausverkauft, für ein Fotobuch ein eher unüblicher Absatz. Momentan wird die Zukunft der Printarchive der älteren Mitglieder der Agentur Ostkreuz diskutiert, zu denen Hauswald als Gründungsmitglied gehört. Derzeit liegen diese Schätze in der Agentur, doch wo werden sie in Zukunft verwahrt und für Forschung und Ausstellungen zur Verfügung gehalten? Text GABRIELE MIKETTA »Harald Hauswald. Voll das Leben! Reloaded« bis 21. April 2022
C/O Berlin co-berlin.org
Kanon? Manche, die in Museen über das Programm entscheiden, wollen das Wort nicht mehr aussprechen, höchstens in entschiedener Verneinung. Den Kanon gebe es nicht mehr, hört man aus der Neuen Nationalgalerie, die zur Wiedereröffnung des Mies-Baus (selbst ein kanonisches Bauwerk) die Sammlungspräsentation mit viel Mühe neu geordnet hat. Anderen geht der Begriff ganz selbstverständlich über die Lippen. Mit dem Kanon wird jedenfalls gerungen, er wird ergänzt, diversifiziert, hier dekonstruiert, da respektiert. Wie, das zeigen etwa die Neuzugänge in den Berliner Sammlungen. ARBEIT AM KANON war auch der Anspruch der Macherinnen des Verborgenen Museums. Ihnen ist es zu verdanken, dass viele übersehene Künstlerinnen nicht nur wiederentdeckt wurden, sondern nun gleichberechtigt neben immer noch viel mehr Künstlern stehen, manche aber auch verdrängt haben. Dagmar Hirschfelder, die neue Frau an der Spitze der Gemäldegalerie, ist indes den Verschiebungen in der Beurteilung von Kunstwerken auf der Spur und pflegt dabei einen erfreulich relaxten Umgang – auch mit dem Kanon. 20
POWERFRAUEN Vergessene Künstlerinnen wiederentdecken – das ist dem VERBORGENEN MUSEUM hundertfach gelungen. Jetzt endet eine Ära. Wie die Vision der Gründerinnen dennoch weiterleben soll
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s heißt, in jedem Ende liege ein neuer Anfang. Wenn also am 14. Januar 2022 Das Verborgene Museum an die Berlinische Galerie geht, ist das zwar der Schlusspunkt einer Ära, aber auch der erste Schritt auf einem neuen Weg. Auf 35 Jahre Pionierarbeit blickt die Institution zurück. Konsequent und mit Erfolg verfolgte sie das Ziel, Künstlerinnen in der Kunstgeschichte zu verankern, die, aus welchem Grund auch immer, in Vergessenheit geraten sind. Begonnen hat alles 1984. Auf Initiative der Künstlerinnen Gisela Breitling und Evelyn Kuwertz fand sich unter dem Dach der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst eine Gruppe von Frauen, vorrangig Kunsthistorikerinnen, zu einem besonderen Ausstellungsprojekt zusammen. In den West-Berliner Sammlungen recherchierte sie Werke von Künstlerinnen. Daraus erwuchs 1987 in der Akademie der Künste die Ausstellung »Das verborgene Museum«. Noch vor Eröffnung gründete sich der gleichnamige Verein, der die Arbeit zu verstetigen suchte. Es entstand eine weltweit einzigartige Institution. Nun ist es nicht so, dass es nicht noch andere »Frauen museen« gäbe: Der Internationale Verein der Frauenmuseen (IAWA) verzeichnet um die hundert Mitglieder. Doch sie fokussieren zumeist auf soziologische und kulturhistorische Aspekte, bieten zeitgenössischen Künstlerinnen eine Plattform oder sammeln ausschließlich Kunst von Frauen. Der Anspruch des Verborgenen Museums aber war ein anderer: »Wir wollten die Museen anregen, die Künstlerinnen, die wir ausfindig gemacht hatten, in die Sammlungen einzubeziehen und neben den Werken von Künstlern zu zeigen«, erklärt Marion Beckers, Chefkuratorin und einzige Angestellte des Vereins. Elisabeth Moortgat, Mitglied des Vorstands und Kuratorin, ergänzt: »Ein Museum ausschließlich für Künstlerinnen wollten wir nicht. Ihre Werke gehören in die vorhandenen musealen Sammlungen.« Schätzungsweise 150 Künstlerinnen hat Das Verborgene Museum über die Jahre ausgestellt. Dabei war nicht nur die Anfangszeit steinig. Obwohl die Schau in der Akademie der Künste überaus gut besucht und besprochen
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In der Ausstellung zu Louise Stomps
DISKURS
»Das Verborgene Museum war zu bescheiden.« Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie
war, wurde das Anliegen des Verborgenen Museums eher belächelt; finanzielle Unterstützung gab es während der ersten Jahre nicht, Mäzenen und Sponsoren schien das Thema zu abwegig. Der Verein arbeitete bis zuletzt vor allem ehrenamtlich. Erst drei Jahre nach der Gründung begann der Berliner Kultursenat, das Museum zu fördern. Das Geld reichte jedoch nur für die Miete und eine halbe Stelle – und musste jedes Jahr neu beantragt werden. Recherche, Ausstellungen und wissenschaftliche Bearbeitung waren damit noch nicht finanziert. Doch die Initiatorinnen hatten sich ihrem Vorhaben längst mit Leib und Seele verschrieben. »Manchmal hatten wir für eine Ausstellung gar kein Geld, dann musste alles so günstig wie möglich sein. Also haben wir die Transporte selber gemacht, die eigene Zeit rechnet man ja nicht. Ohne diesen persönlichen Einsatz hätte es den Verein nach fünf Jahren nicht mehr gegeben«, resümiert Beckers. Grundlagenforschung, Leihverkehr, Ausstellungstexte, Pressemappen, Programmorganisation, selbst Rahmungen und Aufsicht lagen in der Hand der Vereinsmitglieder. Immer entstand auch ein fundierter wissenschaftlicher Katalog, um die Künstlerinnen dauerhaft in der Kunstgeschichte sichtbar zu machen. Der frühe Versuch, eine Ausstellung zu Artemisia Gentileschi zu organisieren, scheiterte an mangelnder Unterstützung und zu hohen Kosten. Der Fokus des Verborgenen Museums richtete sich daher auf die um 1900 geborene Generation. Insbesondere Fotografinnen rückten ins Blickfeld, war doch die Fotografie in den 1980er- und 1990er-Jahren gerade dabei, sich als museumswürdig zu etablieren. Ausschlaggebend war stets die künstlerische Qualität und das Vorhandensein eines umfassenden Œuvres – nicht ganz selbstverständlich, denn viele Frauen gaben ihre künstlerische Tätigkeit nach der Heirat auf oder verloren ihre Arbeiten während des Zweiten Weltkriegs. Die Liste der wiederentdeckten Künstlerinnen ist beeindruckend: Lotte Jacobi, Frieda Riess, Eva Besnyö, Yva, Alice Lex-Nerlinger, Louise Rösler, Ilse Heller-Lazard, Marianne Breslauer, um nur einige zu nennen. Letztere zeigte die Nationalgalerie 1989 zwei Jahre später, sogar mit identischer inhaltlicher Ausrichtung. Ohne Hinweise von Journalisten wäre die Pionierarbeit des kleinen Hauses gänzlich unerwähnt geblieben, erinnert sich Marion Beckers. Diese Ignoranz der etablierten Museen war keine Ausnahme. Wenn heute Lotte Laserstein in der Museumswelt als wegweisende Künstlerin gefeiert und angekauft wird, findet selten Erwähnung, dass Das Verborgene Museum mit seiner Ausstellung im EphraimPalais 2003 die Künstlerin für Deutschland wiederentdeckte. »Mit Laserstein haben wir geschafft, was wir uns in unseren kühnsten Träumen gewünscht haben: Sie ist in den Kanon aufgenommen. In der Neuen Nationalgalerie wird sie heute zwischen Beckmann und Dix gezeigt.« Dabei waren die Kooperationspartner wenig kulant: Das Vom Verborgenen Museum wiederentdeckt: Ilse Heller-Lazard, Selbstbildnis, um 1914 Yva, Selbstporträt, um 1926 Martel Schwichtenberg, Selbstporträt, 1924 Traute Rose, Porträt Lotte Laserstein, 1934 (im Uhrzeigersinn) Lotte Laserstein, »Ich und mein Modell«, 1929/30 (S. 18/19)
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Stadtmuseum stellte nur die Räume zur Verfügung, die Einnahmen blieben aber komplett dort. »Wenn es ein Erfolg wird, bleibt es bei uns, wenn es ein Reinfall wird, bleibt es bei Ihnen«, kommentierte damals ein Mitarbeiter des Stadtmuseums. Doch der Wind dreht sich: Parität und Diversität sind längst ausschlaggebende Kriterien im Museums- und Ausstellungsalltag. Kaum ein Kunstmuseum, das in den letzten Jahren keinen Blick auf die »weibliche Seite« der Kunst geworfen hätte. In der Schau der Neuen Nationalgalerie hängen neben Lotte Laserstein weitere Künstlerinnen, die das Verborgene Museum teils schon vor Jahren zeigte – Alice Lex-Nerlinger etwa, oder Lou Loeber. Warum gerade jetzt die Arbeit aus den Händen geben? »Die Situation ist schwieriger geworden. Unsere Ausstellungsräume befinden sich in einem normalen Wohnhaus, mit den Kapazitäten kommen wir ständig an unsere Grenzen. Auch die Auflagen werden immer höher – zum Klima, zu den Sicherheitsvorkehrungen, uns fehlen Entrée und Garderobe. Auf Dauer können wir in diesen Räumen die Qualität nicht halten. Und Reproduktionen kommen für uns nicht infrage.« Der nächste Schritt wäre die Institutionalisierung gewesen, mit allem, was dazugehört: ein Haus mit ausreichend Fläche, Personal und finanzielle Mittel – ein eher aussichtsloses Unterfangen. Also richtete sich der Blick auf eine Lösung, die Arbeit in anderer Form weiterzuführen. Mit der Berlinischen Galerie war sie schnell gefunden. Schon 1987 hatte sie die meisten Künstlerinnen in der Sammlung, und sie besitzt ein umfangreiches Archiv. Darüber hinaus kooperieren die Häuser schon länger erfolgreich: Nach Frieda Riess 2008 und Eva Besnyö 2011 zeigt das Verborgene Museum noch bis 17. Januar 2022 die Bildhauerin Louise Stomps in den Räumen der Berlinischen Galerie. Die Türen sind hier in jeder Hinsicht weit geöffnet. Direktor Thomas Köhler ist für sein breit gefächertes Programm bekannt, und er weiß die Arbeit seiner Kolleginnen zu würdigen: »Für mich waren die Ausstellungen des Verborgenen Museums immer eine Schatzkiste an Positionen, die ich so noch nie gesehen hatte. Ich denke häufiger daran zurück und frage mich, welche dieser Künstlerinnen man noch einmal ausführlicher in der Berlinischen Galerie zeigen könnte oder ob sie in unserer Sammlung präsent ist.« Er hofft, dass die Vision in der Berlinischen Galerie eine noch größere Relevanz erhält. »Das Verborgene Museum war zu bescheiden. Ich hoffe, wir können eine höhere Reichweite erzielen, allein schon durch unsere Größe und den umfangreichen Apparat.« Mit regelmäßigen, auch größeren Ausstellungen möchte er die Arbeit mit Blick auf die Gegenwart fortsetzen. Mit Tabea Blumenschein und Gertrude Sandmann hat Köhler schon zwei Kandidatinnen im Kopf. Ganz wichtig dabei: »Das Verborgene Museum hat vielfach die erste umfangreiche Publikation zu den Künstlerinnen vorgelegt. Diese Tradition wollen wir weiterführen.« Zunächst gilt es, unzählige Ordner aus 35 Jahren Forschungsarbeit aufzubereiten. Marion Beckers wird diesen Wissensschatz in den nächsten zwei Jahren an die Anforderungen des Künstler*innen-Archivs der Berlinischen Galerie anpassen. Danach steht der Fundus allen Forschern und Kuratoren offen. Wenn sie in Zukunft die Kunstgeschichte mit ihren Entdeckungen bereichern, werden sie auf den Schultern des Verborgenen Museums stehen. Text NADJA MAHLER
Szenen einer Freundschaft ERICH WONDER prägte mit seinen revolutionären Bühnenbildern das Theater. In Heiner Müller fand er einen kongenialen Widerpart
AKADEMIE DER KÜNSTE
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I
m Mittelpunkt der Ausstellung »Erich Wonder – T/Raumbilder für Heiner Müller« steht die Zusammenarbeit zweier Künstler, die seit den 1970er-Jahren auf unterschiedliche Weise das Theater in Deutschland und Europa geprägt haben. Erich Wonder arbeitet am Schnittpunkt von bildender Kunst, Film und Architektur, setzt diese aber für eine zweitausend Jahre alte Kunstgattung ein: Im Theater Europas ist er einer der außergewöhnlichsten Bühnenbildner. 1944 im Burgenland geboren, begann Wonder nach dem Studium als Assistent in Bremen, bevor er ab 1972 am Schauspiel Frankfurt das Bühnenbild revolutionierte. Die sozialen Konflikte und das Licht der Großstadt Frankfurt prägten Wonder: »Wir zogen herum damals, lebten im Bahnhofsviertel und fuhren an den Stadtrand. Das war schon ein Erlebnis, diese Ästhetik in das Theater reinzuholen. Das hatte mit Licht zu tun, was damals nicht üblich war, die Ästhetik, das ganze Geschehen von draußen hereinzuholen.« Beeinflusst von amerikanischen Filmen, die das künstliche Licht der Städte für ihre Ästhetik entdeckten, erweiterte Wonder durch den Einsatz von speziellen Scheinwerfern das visuelle Instrumentarium des Theaters. In dieser Zeit begannen wegweisende Arbeitsbeziehungen zu Luc Bondy und Jürgen Flimm. Mit beiden und Regisseuren wie Hans Neuenfels, Ruth Berghaus und Peter Mussbach eroberte Erich Wonder in den kommenden Jahren die Theater- und Opernbühnen Europas. Heiner Müller lernte Wonder 1977 in Frankfurt kennen. Müller war damals der am meisten gespielte und polarisierende Theaterautor Deutschlands. Es war die solitäre Begegnung von Ausnahmekünstlern, die im Normalfall durch den Eisernen Vorhang getrennt gewesen wären: ein hochbegabter Burgenländer Mitte Dreißig traf auf den fast fünfzigjährigen Sachsen Heiner Müller; eine Arbeitsfreundschaft entstand. Das Geheimnis ihrer Zusammenarbeit bestand in der Autonomie: Müller hatte in Erich Wonder einen Bühnenbildner gefunden, in dessen Räumen seine Texte »ausruhen« konnten, Wonder in Müller einen Regisseur, der den Räumen die ihm eigenen Bewegungen zugestand, sie zum Anlass spielerischen Denkens nahm, statt sie funktionell zu beschneiden. Heiner Müller kam Wonders Selbstverständnis entgegen: »Ich möchte mich in die Räume hineinzoomen. Ich will die Großaufnahme auf der Bühne. Deswegen sehe ich mich als Kameramann, der Räume baut, das Gegenteil von einem Architekten, der statische Bauten entwirft.« Die erste gemeinsame Arbeit kam im März 1979 am Düsseldorfer Schauspielhaus zustande: »Rosebud«, eine Performance mit dem Schauspieler Fritz Schediwy in Räumen Wonders, eine Collage nach Träumen Wonders mit literarischen Versatzstücken, angeregt von Müller, u. a. mit einem Ausschnitt aus »Die Hamletmaschine«. 1982 folgte am Schauspielhaus Bochum die erste gemeinsame Theaterarbeit: »Der Auftrag«, ein Stück über Revolution, Verrat und Tod. »Es war die erste Überlegung von Erich Wonder, dem Bühnenbildner in Bochum, daß man den Zuschauern klarmachen muß, daß sie Voyeure sind. Voyeure können nie alles sehen, was sie sehen wollen. So haben wir einen Raum entworfen, der das Publikum immer wieder ausschließt aus dem Geschehen.« Da Erich Wonder freie Arbeiten braucht, »um künstlerisch zu überleben«, arbeitet er abseits der Theater immer wieder im öffentlichen Raum, so 1987 bei der Kasseler Documenta, für die Heiner Müller einen Text schrieb, den Heiner Goebbels vertonte: »Mael stromsüdpol«, der auch auf dem Landwehrkanal in Berlin und in den Voest-Werken Linz aufgeführt wurde.
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Erich Wonder, Skizze zu »Das Auge des Taifuns«, 1992 (oben) Heiner Müller, »Der Auftrag«, Bochum 1982, Bühnenbild von Erich Wonder (links)
1988 hatte die Inszenierung »Der Lohndrücker« am Deutschen Theater Berlin Premiere. Für dieses DDR-»Produktionsstück« entwarf Wonder eine fremde Welt zwischen archaischer Szenerie und technisierter Zukunft. Dabei spielte der Ofen, der im Bühnenbild zum Feuerofen werden sollte, eine besondere Rolle. Bei Wonder war er eine Mischung aus Panzerturm und Bunker, die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Müller assoziierte dazu: »Ofen= Auschwitz=Tschernobyl«, ein Beispiel für die kongeniale Zusammenarbeit der beiden Künstler. Mit der Acht-Stunden-Aufführung »Hamlet/Maschine«, die im März 1990 am Deutschen Theater Premiere hatte, lieferten sie das theatralische Requiem auf die DDR. Müllers und Wonders letzte gemeinsame Arbeit führte sie nach Bayreuth, wo Müller in den kühlen, monochromen Räumen Wonders die romantisierte Liebesbeziehung zwischen »Tristan und Isolde« infrage stellte. Die Premiere bei den Bayreuther Festspielen 1993 war gleichermaßen bejubelt wie umstritten. Die Ausstellung zeigt diese Arbeitsprozesse in größtenteils erstmals präsentierten Gemälden, großformatigen Aquarellen, Kreidezeichnungen, Übermalungen und Fotografien – sowohl von Erich Wonder als auch von Sibylle Bergemann –, aber auch anhand von Objekten wie Requisiten, Kostümen (u. a. von Yohji Yamamoto) und Skizzen von Erich Wonder. Sie macht das Denken zweier Ausnahmekünstler sichtbar. So sind erstmals in dieser Ausstellung Filmausschnitte aus den über dreißig Jahre zurückliegenden Inszenierungen »Der Lohndrücker« und »Hamlet/Maschine« zu sehen. Die Akademie der Künste, die seit 1998 den Nachlass Heiner Müllers beherbergt, übernimmt das künstlerische Archiv Erich Wonders: wie die Ausstellung eine Erinnerung für die Zukunft. Text STEPHAN SUSCHKE Kurator der Ausstellung
»Erich Wonder – T/Raumbilder für Heiner Müller« 16. Januar bis 13. März 2022
Akademie der Künste am Pariser Platz adk.de
Sich selbst ausgraben Die Nomadin GUNDULA SCHULZE ELDOWY lässt uns an Momenten ihrer Weltreise teilhaben
Polaroids von Gundula Schulze Eldowy: »Pyramiden vom Hubschrauber, Gizeh 2000«, »Nazca 2001«, »Kyoto« und »New York 1992« (im Uhrzeigersinn)
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GALERIE PANKOW
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ie ostdeutsche Fotografin Gundula Schulze Eldowy wurde mit ihren berührenden Schwarz-Weiß-Serien wie »Berlin in einer Hundenacht« (1978–90), »Arbeit« (1985) oder »Tamerlan« (1979–87) weltweit bekannt. Sie hielt dafür schonungslos vor allem die Außenseiter einer »geschlossenen Gesellschaft« in der späten DDR fest und etablierte sich als einzigartige Vertreterin der Straight Photography. Schulze Eldowys radikaler fotografischer Blick, der nichts schönt oder verbirgt, ist inspiriert von Vorbildern wie Paul Strand, Henri Cartier-Bresson oder Diane Arbus. Mitte der 1980er-Jahre entstanden die Farbzyklen »Der große und der kleine Schritt« (1984–90) und »Die letzten beißen die Hunde« (1989/90), in denen sie mit einer drastischen, emotionalen Bildsprache die Fragilität menschlicher Existenz und die Entfremdung des Menschen in der Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Mit der Grenzöffnung 1989 erweiterte sich nicht nur Schulze Eldowys Wirkungskreis, sondern auch, beginnend mit der Ankunft in New York, das Spektrum ihres Schaffens. Angeregt durch die Zusammenarbeit mit Robert Frank, mit dem sie seit 1985 in Kontakt stand, machte sie Polaroid- und Videokameras zum Teil ihres Equipments. Die Werkgruppe »In einem Wind aus Sternenstaub« (1990–93) knüpft noch an die sozialdokumentarische Fotografie an, jedoch begann sich bereits ein neuer Stil abzuzeichnen, »der in einer verstärkten Hinwendung zur Poesie in Wort und Bild zum Ausdruck kommt«, so Schulze Eldowy. Die auf all ihren Reisen und Lebensstationen – USA, Italien, Russland, Ägypten, Japan, Peru und Bolivien – entstandenen fotografischen Serien, Filmaufnahmen, Stills und Polaroids, um eigene Texte ergänzt, werden zur Spurensuche, auf der Schulze Eldowy nicht nur die Schätze gegenwärtiger und antiker Kulturen, sondern auch »sich selbst ausgräbt«. Entstanden die Polaroids anfangs als beiläufige Notizen, mit denen sich besondere Situationen, Dinge oder Personen verbanden, entwickelten sie sich in der Folge – teilweise freskenartig überarbeitet – zu einem eigenständigen Teil in Schulze Eldowys facettenreichem Œuvre und verorten sie künstlerisch in der Instant Photography.
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Jene Momentaufnahmen, ein Vierteljahrhundert im Archiv der Fotografin verborgen, stehen nun im Zentrum der Ausstellung »Mangoblüte & Windrose« in der Galerie Pankow. In der Rück- und Zusammenschau verdichten sich diese vermeintlich unspektakulären Bilder zu einer poetischen Erzählung, die über das Konkrete hinaus existenzielle Fragen zum Leben und zur Rolle der Künstlerin darin stellt. Selten kam eine Ausstellung der Person Gundula Schulze Eldowy so nah: »Die Bilder in kleinen Formaten handeln von scheinbar belanglosen Situationen und wirken wie nebenbei gemacht. Was im Moment des Entstehens reflexartig und intuitiv erfolgt, erweist sich im Nachhinein als Essenz des Seins«, schrieb Schulze Eldowy 2021. Abermals begegnen wir der früheren Protagonistin »Tamerlan« im Berlin der 1990er-Jahre, wir wandeln durch die Straßen New Yorks, besuchen das Grab von Meresanch in Gizeh, schauen aus der Vogelperspektive auf die Pyramiden von Túcume, treffen auf Kinder, Mönche, Beduinen, Götter und Derwische in Istanbul, Nazca, Kairo, Kyoto, Pompeji oder Assuan. Die mehr als zweihundert Polaroids und Stills aus einem reichlichen Jahrzehnt, begleitet von einem Filmprogramm und einer Publikation, lassen uns an Momenten von Schulze Eldowys Weltreise teilhaben und einen Einblick gewinnen, wie alles in Zeit und Raum miteinander zusammenhängt und zugleich des einzigartigen Augenblicks nicht entbehrt. Text ANNETTE TIETZ Leiterin der Galerie Pankow
»Ägypten, 1993« (oben), »Trujillo 2002« (unten, fotografiert mit Javier Alberto Garcia Vásquez)
»Gundula Schulze Eldowy. Eis der Jahre. Polaroids & Stills 1991–2004« bis 23. Januar 2022
Galerie Pankow galerie-pankow.de