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„Wenn jemand eine Reise tut…“ Reinhard Christanell
„… So kann er was verzählen; / Drum nahm ich meinen Stock und Hut, / Und tät das Reisen wählen“, schrieb seinerzeit der Dichter Matthias Claudius in seinem Urians Reise um die Welt. Vom Nordpol bis nach Grönland und von Amerika nach Mexiko („da, dacht’ ich, liegt das Gold wie Stroh“) führte ihn seine literarische Exkursion, bis er letztendlich aus Asien und Afrika zurückkehrend feststellte: „Und fand es überall wie hier, / Fand überall ’n Sparren, / Die Menschen grade so wie wir, / Und ebensolche Narren.“ Stellt die nüchterne Einsicht des Weltenbummlers Urian wirklich des ganzen Rummels letzten Sinn dar? Oder handelt es sich um eine abwegige, desillusionierte Bemerkung? Schwer zu sagen: Schließlich bewertet jeder seine Erfahrungen nach eigenem Maßstab. Goethe, ein weltenkundiger Mann, meinte: „Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen“. Und Schiller: „sehn wir doch das grosse aller Zeiten / auf den bretern, die die Welt bedeuten, / sinnvoll, still an uns vorübergehn“. Reisen um des Reisens willen, sozusagen als Selbstzweck? Das kann allemal ein Anstoß für das Reisen
sein. Aber es ist bei Weitem nicht der einzige – und wahrscheinlich auch nicht der wichtigste. Das Reisen – und vom Reisen berichten, wie uns die Reiseliteratur von Vernes Reise um die Welt in 80 Tagen bis zu den Reisen des Marco Polo und den On the Road-Erzählungen von London, Kerouac, Hesse, Chatwin, Heine, Lenz und vielen anderen lehrt – gehören nun einmal zur Wesenseigenheit des Menschen. Das Unbekannte, das Fremde – aber nicht selten auch unerwartete Affinitäten – üben seit Urzeiten eine magische Anziehungskraft auf seinen erfahrungshungrigen Geist aus. Seien es nun religiös-, militärisch-, kommerziell- introspektiv- oder anderweitig motivierte, mehr oder minder kurzatmige Unternehmungen: Einen triftigen Grund zum Reisen findet früher oder später jeder. Wobei es nicht jeder dem tragischen Helden Odysseus, dem neugierigen Kaufmann Marco Polo oder den heroischen Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies gleichtun muss: Man kennt großartige Schriftsteller wie Kafka, Proust, Emily Dickinson oder Jorge Luis Borges, die Zeit ihres Lebens selten ihren Wohnort verlassen und trotzdem auf ihre Art und Weise die endlose Weite des menschlichen Universums ergründet haben.
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