Herausgegeben von der Distel Vereinigung Nr. 180/181 - 2025 www.kulturelemente.org info@kulturelemente.org redaktion@kulturelemente.org
Euro 3,50 Poste Italiane s.p.a. Spedizione Abbonamento Postale – 70 % NE Bolzano Midjourney 2 April 2024 Gender-blending person
Lob der Identitätspolitik Karsten Schubert
Identitätspolitik gefährdet die Demokratie. Das ist die zentrale Botschaft der unzähligen Bücher, die in der letzten Zeit gegen Identitätspolitik publiziert wurden. Ich argumentiere für die gegenteilige These: Identitätspolitik ist notwendig für die kontinuierliche Verbesserung unserer Demokratie. Identitätspolitik ist die politische Praxis marginalisierter Gruppen, die sich in Bezug auf eine kollektive Identität gegen ihre Benachteiligung durch Strukturen, Kulturen und Normen der Mehrheitsgesellschaft wehren. Es geht hier also um die politische Kritik von Ausschlüssen, Diskriminierungen und Ungleichbehandlungen. Identitätspolitik orientiert sich damit am demokratischen Versprechen von Freiheit und Gleichhalt für alle. Der normative Hintergrund von Diskriminierungskritik ist dieser Universalismus der gleichen Freiheit, und zwar sowohl begrifflich als auch empirisch. Es geht also um die Konkretisierung von den universalistischen Normen, die eigentlich das Fundament unserer Gesellschaftsordnung sind, aber nicht verwirklicht sind. Wichtig ist dabei das Wissen: Die starke These einer Notwendigkeit von Identitätspolitik hängt damit zusammen, dass Diskriminierungen aus der Perspektive
der Benachteiligten besser beschrieben und kritisiert werden können, als aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft. Ein Beispiel: Vergewaltigung in der Ehe war in Deutschland bis 1997 legal, weil es das in der patriarchalen Vorstellungswelt gar nicht gab. Es ist wesentlich das Ergebnis des feministischen Kampfes gegen diese falsche Vorstellung, der den Weg für den politischen Fortschritt geebnet hat. Es war nötig, dass die Frauen gemeinsam ihren Standpunkt dazu entwickelt und artikuliert haben und in den politischen Prozess eingebracht haben. Die damals männlich dominierte Debatte wäre von selbst kaum auf die Idee gekommen, dass hier überhaupt ein Problem liegt. Kurz: Identitätspolitik versorgt den demokratischen Prozess also mit einem Wissen, das ihm sonst verborgen bliebe; sie korrigiert blinde Flecken. Deshalb brauchen wir sie, deshalb ist sie notwendig, um zu konkretisieren, was Freiheit und Gleichheit überhaupt praktisch bedeuten und um sie tatsächlich zu verwirklichen. Konstruktivismus statt Essentialismus Wie genau funktioniert Identitätspolitik? Oft wird ihr
Inhalt Armin Pfahl-Traughber kommentiert den neu erwachten Antisemitismus der Identitätslinken.
4
Über die Veränderung im Umgang mit der LGBTQ+ Community in Georgien berichtet Makuna Berkatsashvili.
5
„Warum müssen wir wer sein?“ fragt sich Ilja Steffelbauer in seiner Analyse der Identitätspolitik.
6
Fe Simeoni lotet das Genderspektrum der künstlichen Intelligenz aus. Mit NonbAlnary bespielt er auch die Fotostrecke.
8
Hartmut Rosa erklärt seine Resonanztheorie und was die Suche nach Identität damit zu tun hat. Über Schwäche als Offensive und Annäherung in der Kunst von Philipp Gufler referiert Niklas Koschel. Mirijam Obwexer fragt sich bin ich ich, beim Besuch der Performance The Act of Lemon Dada von Akemi Takeya. Thomas Ballhausen und Lorena Pircher auf der neuen Seite der SAAV–Südtiroler Autorinnen und Autoren Vereinigung.
GALERIE untiteled, der Künstler ohne Name, hält eine Rede anlässlich der Trauerfeier zum Abschied an seinen alten Namen.
13
16
17
19