„Wer kennt nicht den großen Teich bei Bolewetz, das Pilsner Ostende, zu dem an schönen, heißen Sonntagnachmittagen oft Tausende von Männlein und Weiblein wandern, um in dem kühlen Wasser des Teiches zu baden? Der Teich im Ausmaße von 58 Hektar gehört der Pilsner Stadtgemeinde [...]“(HERZIG 1978: 192). Pilsner erinnern sich noch heute an die vielen Bürgergruppen, die bepackt mit Brotzeit und Liegedecken hinauswanderten, vor allem auch an die Kolonnen von Arbeitern aus der Škodafabrik, voran eine Musikgruppe. Am Teich scheinen sich Tschechen und Deutsche früher friedlich begegnet zu sein. Der Name Ostende dient heutzutage weiterhin der touristischen Werbung. Der ganze Komplex des Autocamps hat in den vergangenen Jahren eine grundlegende Erneuerung erfahren. Am Strand ist jetzt ebenfalls wieder eine Gastwirtschaft entstanden. Am südlichen Ufer gibt es die städtische Försterei, und westlich davon erstreckt sich das Dorf Bolevec-Bolewetz. Eine Häusergruppe östlich davon wird Bílá Hora (Weißer Berg) genannt. Den Vorschlag, ein Meer aus dem Bolevák zu machen, unterbreitete der künstlerische Leiter von Pilsen 2015, der Schauspieler, Theaterfachmann und Puppenspieler Petr Forman in einem Interview, der es sich gerne wünschen wollte, “zum Beispiel alte Schiffe auf den Bolevák zu schaffen, ein Wettschwimmen zu veranstalten und die Umgebung dort auf eine Weise zu verändern, die nicht üblich ist und uns ermöglicht, das zu sehen und zu erleben, was uns von der Angst vor Phantasie befreit - solche Momente, die wir uns nicht vorzustellen vermögen und auch nicht zu begreifen. Alle wissen, dass ein Meer existiert, aber wenn das Meer jemand zum ersten Mal im Leben sieht... Das ist jenes Gefühl, das ich möchte, damit es die Menschen erleben“(PLZEŇ 2015: 7). Schwaben Dieses Viertel finden wir am Ostrand der Stadt, im Stadtteil Lobzy nahe bei der Ausfallstraße Rokycanská und dem Stadtfriedhof. Die Schwaben aus dem Schwabenland (Švábsko) sind in Osteuropa infolge ihrer Auswanderung bekannt geworden. Wer vom Pilsener Zentrum herkommt, den Bahnhof und die Brauerei und damit auch Hamburk (Hamburg) passiert hat, entdeckt rechts von der bergwärts steigenden Rokycanskádie Straße Pod Švabinami (Unter-Švabiny). Bei den Worterklärungen taucht auch der Hinweis auf Küchenschaben (šváby) auf, so dass Schwaben historisch eventuell als unehrenhafter Ausdruck für die Deutschen zu sehen ist - so ganz unehrenhaft aber auch wieder nicht, weil sich der Begriff ja durchaus erhalten hat. Einer Volkssage nach wäre in fernerer Vergangenheit deutsches Militär an der großen Durchgangsstraße gelegen, zu einer Zeit, als man die Deutschen allgemein als Schwaben ansah. Eine andere Kriegsgeschichte will sich auf dort begrabene deutsche Soldaten (1914-18) beziehen. Ostbayerische Besucher oder Gäste aus der bayerischen Landeshauptstadt könnten dabei an Münchens bekanntesten Stadtteil denken an Schwabing. Zwischen Švabiny und Schwabing (Švabink) wäre lautlich kein großer Unterschied. Und dieses Schwabing war bekanntlich im Kulturstadtjahr 2015 insofern ein Thema Pilsens, weil Ende des 19. Jahrhunderts in München viele tschechische Künstler studierten (siehe auch unsere Bemerkungen über das Pilsener Frühjahr und den Bayerischen Frühling), im damaligen Schwabing wohnten und für dessen Ruf als Künstlervierteil sorgten, der sich bis heute erhalten hat. Regensburgská (Regensburger Straße) Diese Bezeichnung finden wir schon in neueren Karten, sie verweist auf die sich gut entwickelnden Beziehungen zur Partnerstadt an der Donau und überhaupt zur benachbarten Oberpfalz. Zu finden ist die Verbindung nahe bei der westlichen Ausfallstraße Domažlická (am 98 Ukázka elektronické knihy, UID: KOS225807
Domažlicer Rondell), sie zweigt dort in Richtung Stadtteil Zátiší ab. Sie ist mit der Buslinie Nr. 12 (Zátiší) zu erreichen, Endstation wäre der Stadtrand mit der bereits erwähnten Ortsbezeichnung Nová Hospoda-Neuwirtshaus. Im Pilsner Zentrum lassen wir in diesem Zusammenhang noch die Solní und die Prešovská gelten, beide direkt vom Platz der Republik ausgehend, als Orientierungen nach Regensburg und auch Nürnberg. (Bavorská)(Bayernstraße) Ein abgeschaffter Name, so hieß die alte, nicht mehr vorhandene Verbindungsstraße zwischen Klatovská und Prokopova/Doudlevecká, heute U trati - An der Bahnstrecke (zum oder vom Hauptbahnhof). Heute gilt: Pilsener deutsche Benennungen von Stadtbereichen müssen gar nicht erst beseitigt werden, weil sie offiziell gar nicht existieren, nicht anerkannt sind und folglich auch auf keiner Stadtkarte erscheinen, sie existieren aber trotzdem weiter. Ihre Funktion sehen wir darin, dass sie zusammen mit den gegenwärtig üblichen, aktuellen und gültigen tschechischen Begriffen ein Vergangenheit und Zukunft verbindendes Namensgefüge bilden, das potenzielle Änderungen und Erweiterungen (siehe Regensburg) im Sinne von Umbenennungen zulässt. Ob sich die enge Kooperation Westböhmens mit der Oberpfalz überhaupt in Straßennamen der tschechischen Grenzregion niederschlägt, bleibt abzuwarten. Auf der westlichen Seite der Grenze könnte schon längst der eine oder andere tschechische Name in Straßenbezeichnungen auf ostbayerischen Schildern auftauchen (zum Beispiel Božena Němcová). Die hier vorgestellte Liste ist davon völlig unberührt. Sie enthält bezüglich Pilsen keine Empfehlung für irgend eine andere noch zu unternehmende Namengebung. Die erwähnten Bezeichnungen dienen nur als Themenvorschläge für diverse Pilsengänge von Gruppen oder Einzelpersonen. Das Kapitel der Bezeichnungen ist damit noch nicht abgeschlossen: Im Pilsner Zentrum sind nämlich weitere Spuren deutscher Sprache zu entdecken, an Hauswänden, was dann ein besonderes Thema der Exkursion vom 7./8. Mai 2015 werden sollte. Den damaligen Übergang zwischen den Sprachen und die gemeinsame Bewohnung und Nutzung der Stadt können wir uns heute fließend vorstellen. Festzuhalten ist: Die Brauerei (vgl. Produktname Pilsner Urquell) und das Gaststättenwesen (deutsche Besitzernamen), die Pilsner Synagoge (deutsche Namen jüdischer Mitbürger), die Škodawerke (Protektoratsgeschichte), der außerhalb des Stadtzentrums gelegene und der Erinnerung dienende Meditationsgarten und auch der Náměstí Palackého, wo einst die Kaserne des k.u.k. Infanterieregiments Nr. 35 stand (nahe dem Platz der Republik), sind in diesem Abschnitt nicht aufgenommen worden. Einige religiöse Themen werden vor allem im Zusammenhang mit dem Thema Stadtrundgang erwähnt. Damit ist das Thema der Sprache aber immer noch nicht erschöpft: Der Akzent liegt weiterhin vor allem auf historisch herausragenden und durch bestimmte Leistungen gekennzeichneten Personen, weiterhin auf Spuren von Besatzung und Krieg, auf Erinnerungen daran und an noch vorhandene Architektur, die heute tschechische Bezeichnungen trägt. Auch daraus geht noch hervor, dass der tschechischen Stadtbevölkerung früher die deutsche (österreichische) Kultur nicht fremd war und man bei Stadtführungen genauso bekannte Tschechen mit deutschen Namen (Lindauer, Stelzer, Tyrš, Fügner, Klostermann und viele andere) berücksichtigen kann. Die nun folgenden Themen sind ebenfalls in keiner alphabetischen Reihenfolge geboten. Die Haltepunkte können hier als sogenannte Perlenkette (Lucius Burckhardt) auch schon im Blick auf die Beschreibung der konkreten Exkursion 2015 hervortreten, wobei von Exkursion zu Exkursion Umstellungen in der 99 Ukázka elektronické knihy, UID: KOS225807
Reihenfolge möglich sind. Wünschenswert ist, dass die ganze Liste - vom Stadtteil Hamburg bis zu den Personennamen - auf Pilsen neugierig macht. Als „Perlenkette“ präsentiert sich für Germanisten der Rundgang durchs Pilsener Zentrum, wenn sie auf der Suche nach deutschen Spuren sind: In der dortigen Öffentlichkeit bedeuten Statuen, Gebäude, Inschriften, Fresken an den Hauswänden, offizielle und inoffizielle Bezeichnungen, das Pflaster des Platzes der Republik bestimmte Zusammenhänge. Gedenktafeln enthalten Namen, für Straßenbezeichnungen gab es auch die deutschen Äquivalente. Über all das werden deutsche Gäste heute nicht informiert. Sie bedeuten jedoch Geschichte und Kultur der Stadt in der Nähe von Bayern. Ein Kamel am Pilsner Rathaus ist etwas ganz anderes als ein Kamel im Zoo. Da ist zum Bild etwas hinzugetreten, das mit dem Tier an sich gar nicht mehr zusammenhängt. Und so stehen jeden Tag Touristen davor und lassen sich das Pilsener Kamel deuten. Der Führer der Gruppe garantiert die Erklärung, die dem Kamel selber nicht sichtbar anhaftet. Es gibt selbstverständlich in der westböhmischen Metropole viele weitere Dinge, die eine ganz bestimmte Botschaft als Aussage enthalten und deren Bedeutungen auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen sind, jedoch unsere Aufmerksamkeit verdienen. Der Stadtname weist zum Beispiel auf Feuchtigkeit hin, jedoch handelt es sich nicht um Bier, wie man vielleicht vermuten möchte. Zunächst das Beispiel eines sichtbar gebliebenen deutsch-tschechischen Hinweises an einer Hauswand: Martinská (Martinsgasse) Dort geht es nicht um den Namen der Gasse, sondern um einen an einer Hauswand angemalten Pfeil.32 Er bedeutet wegen seiner Form eine Richtung. Um was sich es in diesem Falle konkret handelt, steht in den beiden Sprachen geschrieben: Es geht um die Straße Martinská in Pilsen. Unsere Fragen könnten jetzt lauten: Wann und warum ist oder war der Pfeil aktuell? Wo ist das Ziel? Ansonsten ist der Pfeil ein Pfeil, ein gezeichneter oder gemalter, und er schaut nach links, vom Betrachter in der Martinská (Martinsgasse) aus gesehen. Vor etwas mehr als siebzig Jahren wird er an der Hauswand erschienen sein, um die Richtung zum nächsten Luftschutzbunker anzuzeigen. Die dabeistehenden Sätze sind Thema der studentischen Exkursion geworden, da der Stadtspaziergang an dieser Stelle wieder zum Kriegsthema zurückkehrt (siehe unsere Ausführungen im Kapitel zur Führung). Für den Augenblick gilt es festzuhalten: Weil die Zeichnung und die Inschrift in den zwei Sprachen Tschechisch und Deutsch erhalten blieben, können auch sie unser Wissen über Pilsener Geschichte bereichern, besonders im Hinblick auf die betreffende Pilsner Gasse und die ganze, vom Pfeil aus zu denkende Richtung und Strecke im städtischen Raum: Wo ist der Luftschutzbunker? Aufgabe der Touristenführer wäre diese Geschichte dem Pfeil hinzuzufügen und ihn sozusagen zum Sprechen zu bringen. Jedoch will der Pfeil, dass man informiert, als solcher kann er nicht ohne seine Geschichte (ohne sein Narrativ) bleiben und jeder Gästeführer könnte dabei mit der Hand auf den Pfeil weisen (Zeigegeste) oder besser: Er könnte die Geschichte des Pfeils mit dem dabeistehenden originalen deutschen Hinweis und dem tschechischen Wortlaut von den ostbayerischen Gästen selber nach und nach entwickeln lassen. Nicht zeigen, sondern erzählen lassen. Aber eine solche Aktion stand auch nicht im Pilsner Programm 2015 für Stadtführungen, obwohl der Pfeil eines der deutlichsten und aussagekräftigsten Zeichen wäre, die der Stadt aus einer Epoche geblieben sind, als dort noch kurze Zeit Deutsche in größerer Zahl lebten. Gemischte Städte 32
Siehe die Vorderseite des Umschlags dieser Publikation. Ein gemalter Pfeil mit dem Text: Zum öffentlichen Luftschutzraum - K veřejnému protileteckému krytu.
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