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ePaper_September-2026

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literarischer Blitzableiter Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert 80er

Foto: steirischer herbst

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Seismographin und literarischer Blitzableiter

Radio Ö1 setzt mehrere Schwerpunkte zum 80er von Literaturpreisträgerin Elfriede Jelinek: in den Sendereihen „Diagonal“ (17. Oktober, 17.05 Uhr), „Blaue Stunde“ (19. Oktober, 21.00 Uhr), den „Radiogeschichten“ (20. Oktober, 11.05 Uhr) sowie dem „Ö1 Hörspiel“ (24. Oktober, 14.00 Uhr)

Foto: ORF

Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert 80er

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ie steirische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert am 20. Oktober 2026 ihren 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass wird sie auf deutschen Bühnen, wie in Hamburg („Monster’s Paradise“) und in Stuttgart („Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt“) gefeiert. Am vergangenen Wochenende gab es am Wiener Volkstheater die umjubelte Premiere von „Die Ankunft“. Die Schauspielerin und ehemalige Volkstheater-Direktorin Emmy Werner tritt in dieser hochpolitischen Produktion als mahnender (Todes-) Engel auf: „Das Ende der Geschichte ist uns misslungen … wir müssen darüber reden.“ Im Schauspielhaus Graz gibt es am 14. November 2026 die Uraufführung von Jelineks Stück „Ein Übertritt (alles auf Ende)“. Vom Land Steiermark selbst fehlt bis heute jede Ankündigung für eine Ehrung der 80-jährigen gebürtigen Obersteirerin. Sie ist im Raum Mürzzuschlag aufgewachsen. Die letzte Würdigung erfolgte im Jahr 2023 mit der Verleihung des Ehren-

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rings, der höchsten Auszeichnung des Landes, durch LH Christopher Drexler. Elfriede Jelinek hat heute zu ihrem Geburtsland Steiermark eine ambivalente Beziehung. Anders war das noch zu Zeiten eines Josef Krainer II. Auch ihr Stück „Hasenjagd“ spielt in den letzten Kriegswochen in Rechnitz im Burgenland und wurde in der Steiermark nie aufgeführt. Der Inhalt: Von einer Nazi-Spaßgesellschaft wurden 220 Häftlinge (Juden und Zigeuner) zu Tode geschossen. Die Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen, die Opfer irgendwo verscharrt. Man muss kein Jelinek-Fan sein, um festzustellen, dass die Ignoranz der Spitzen in der steirischen Politik in Hinblick auf die internationale Wertschätzung der Literatur-Nobelpreisträgerin beschämend ist. Weder von Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl, im Brotberuf Notfallmediziner, noch von Landeshauptmann-Stellvertreterin

Manuela Khom, aber auch nicht von Landeshauptmann Mario Kunasek gibt es aktuelle Statements der Wertschätzung für Steiermarks international meist ausgezeichnete Schriftstellerin.

Kassandra der zeitgenössischen Literatur

Sie ist eine Seismographin für gesellschaftspolitische Erschütterungen – ein literarischer Blitzableiter. Keine andere Schriftstellerin reagiert so schnell und so heftig auf die Verwerfungen der Zeit. 2004 wurde Elfriede Jelinek mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Seitdem ist die kompromisslose Künstlerin aus der Öffentlichkeit abgetaucht. Die mit der PreisverDas jüngste literarische Werk (2026) der Nobelpreisträgerin für Literatur: Die Wege des Geldes sind unergründlich. Trotzdem bestimmt es unser Leben, also verfolgt Elfriede Jelinek hartnäckig seine Spur. Von der Bibel bis zu René Benko, von blanker Gier bis zu raffiniert getarnter Korruption, von Klassenkampf bis zu blutigen…

leihung verbundene „Geldvermehrung“ von rund einer Million Euro ermöglicht ihr ein völlig unabhängiges und ohne auf Kompromisse eingehendes Schreiben. Am 20. Oktober feiert sie ihren 80. Geburtstag. Die Kritiker beschreiben sie als Textakrobatin, Sprachakrobatin, Feministin, Nestbeschmutzerin und umtriebige Außenseiterin.


KULTUR Das sind einige der Zuschreibungen für Elfriede Jelinek. Als Kassandra der zeitgenössischen Literatur hat Elfriede Jelinek die Übertreibung in ihren Texten und Werken perfektioniert. Sie beschreibt kompromisslos und radikal Zustände unserer Gesellschaft. Sie findet Worte für das Unaussprechliche, bohrt immer tiefer in menschliche Abgründe, beschreibt das, worüber andere lieber schweigen – ob jetzt mehr politisch oder prophetisch.

Nach ihrer Preisverleihung meinte Elfriede Jelinek: „Sprechen und schreiben, was man will, ohne finanziellen Druck, ist extrem wichtig.“ Zumal sie auch eine Vielschreiberin ist. Ihre Stücke sind eine Bestandsaufnahme der Welt aus den Fugen, der Profitgier, der Gewalt, der Ausbeutung. Selbst das aktuelle Thema der Corona-Pandemie kommt in ihrem neuesten Stück vor. Das Schreiben hat sie einst gerettet, erklärte sie in einem Interview vor der Nobelpreisverleihung. Als Kind hat

Ehrenring für Elfriede Jelinek: 2023‚ überreichte der damalige LH Christopher Drexler der Nobelpreisträgerin die höchste Auszeichnung des Landes Steiermark Foto: Land Steiermark

Die meisten Verwerfungen in unserer Gesellschaft lassen sich auf Eifersucht, Neid zurückführen. „Wenn man das weiß“, so sagte sie in einem Interview, „dann hat man in groben Zügen alles vor sich aufbereitet. Man kann diese Dinge auch auf die kompliziertesten Vorgänge legen und wird immer auf dieses Schema oder Muster kommen.“

sie fünf Instrumente gelernt. Der Wächter über ihre Disziplin war die Mutter, mit der sie eine „Hassliebe“ verbunden hat. Die Mutter stirbt im Jahr 2000. Mit 17, so Elfriede Jelinek nach eige-

nen Worten, hat sie Platzangst gehabt, konnte nirgends hingehen und sagte über sich: „Ich bin ein gefoltertes Kind gewesen.“ Im Jahre 1946, eben am 20. Oktober, wird sie in Mürzzuschlag geboren. 1969 stirbt

der Vater. Er ist jüdischer Abstammung. Da lebte die Familie bereits in Wien. Der Vater sprach oft wochenlang nicht mit ihr und das hat sicher Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit gehabt.

Österreichische Erstaufführung im Schauspielhaus Graz

Ein Übertritt (alles auf Ende)

Am Schauspielhaus Graz kommt »Ein Übertritt« zur österreichischen Erstaufführung. Inszeniert wird Jelineks Text von Victoria Halper & Kai Krösche (DARUM), deren interdisziplinäre Arbeiten unter anderem mit zwei Nestroypreisen ausgezeichnet wurden; ihre Virtual-Reality-Installation »[EOL]. End of Life« wurde zum Berliner Theatertreffen 2025 sowie zu zahlreichen weiteren internationalen Festivals eingeladen. In ihren Arbeiten beschäftigen sie sich mit Erinnerung, Verdrängung und dem Fortwirken von Geschichte in der Gegenwart und verbinden dabei Theater mit Elementen des Films und der Installations- und Medienkunst. Zwischen Staats- und Kriegsakt treffen Jelineks Sprachflächen auf Live-Musik, Film und die (technischen) Verfahren einer Gegenwart, die das Zurückliegende unablässig speichert, ordnet und wertet: Ein Abend über Anfänge und Enden – und über die Sehnsucht, Vergangenheit nicht nur zu begreifen, sondern ein für alle Mal in den Griff zu bekommen. Premiere: Sa, 14.11.2026, 19:30 Schauspielhaus, Einführung um 19:00 Uhr. Im Anschluss öffentliche Premierenfeier

Foto: Patricia Ibounigg / Scroll durch dein Leben!

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfasst Elfriede Jelinek ein »Gedicht« über einen Schluss, der nicht enden will. Assoziativ und mit dem ihr eigenen Sprachwitz kreist die Autorin um Vergangenes und seine Wiedergänger, um Übergriffe und Übertritte: zwischen Krieg und Frieden, Mensch und Tier, Wesen und Unwesen, Erinnern und Vergessen. Was bedeutet »Nie wieder« in einer Gegenwart, in der Geschichte nicht zur Ruhe kommt und zugleich die Sehnsucht nach einem »Schlussstrich« immer lauter dröhnt? Jelineks Text rückt das Vergangene nicht in sichere Ferne, sondern lässt es sprechen, stolpern, sich verwandeln – und dabei immer wieder von vorne beginnen.

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