nr. 32 januar / februar 2011 chf 6,00 (schweiz) eur 4,00 (deutschland) eur 4,50 (รถsterreich) eur 8,00 (nederland)
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Lieber Leser. Es ist verdammt heiss. Beissend trockene Luft treibt dir die Tränen in die Augen, Schweisstropfen perlen von der Augenbraue herab, du musst blinzeln. Ein abgrundtiefes Stöhnen erfüllt den Raum, nur noch vereinzelt übertönt vom peitschenden Klang unrhythmisch klatschender Schläge. Fleischige Leiber ergiessen sich mit ihren ungezählten Hautfalten und Ausdehnungen in langsam behäbigen Bewegungen vor deinem Antlitz. Dann durchströmt schwerer Dampf und erneutes Stöhnen den Ort. Ein ganz normaler Tag in der Hölle? Mitnichten. Die eben beschriebene Szene stammt aus einer der zahlreichen eidgenössischen Saunen und ist nur eines von vielen Zeugnissen ungehemmt ausgelebter Körperlichkeit des aufgeklärten Bürgertums. Shape, Fit, Body, Feel. Mehr Körper gab es noch nie in der Geschichte der Hominiden. Warum verlassen wir uns so sehr auf unsere Hülle? Die Schwerpunktverlagerung auf den verhältnismässig grösseren Anhang unterhalb des Halses wirkt wie eine gigantische Investition in ein hoffentlich gewinnbringendes Unternehmen. Effizienz und Rendite stehen im Vordergrund. Dabei könnte es so schön sein: Gerade in der kalten Jahreszeit ist doch der unbeschwerte Umgang mit dem tröstenden Verbund aus Knochen, Organen und Bindegewebe angestrebter Lustgewinn. Kuscheln ohne Körper bringt’s nicht. Und ein bisschen wohlige Wärme brauchen wir doch alle. Soviel zum Aufguss mit Eisminze. Deine leibeigene kinki Redaktion
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[ LI F E A F T E R S KATE]
2010
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Loreak Mendian Switzerland ThreeLogy GmbH phone: +41 (0)43 477 88 66 e-mail: info@threelogy.ch
inhalt
standard
Auftakt 03 Inhalt 08 Neuzeit 10 kinkimag.ch 16 Klagemauer 17 Abo / Impressum 108 Kopfkino 110 Maske 112 Henry & Paul 114
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report
Rechte für die Linke 30 Schmutz wittern, wo Reinheit herrscht 32 Querschläger: Julie Bernard 38 Viel Lärm um ein Häutchen 48 Haut und Knochen 58
musik
Interview: The Hundred in the Hands 62 Vorspiel: New Idea Society 64 Verhör 66 Lieblingslieder: Fiona Daniel 68 Interview: Piano Magic 70
mode
Perform it yourself! Rachel de Joode
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Minimalistisch 44 Monoment 72 ‹Crossed Legs› von Katja Sonnewend 76 Interview: Clarissa Labin 84 ‹Masquerades› von Bea Szenfeld 86 Vertreter: Ganzkörperschuh 94
Coagulated Physique
86
Leif Podhajsky
kunst
‹Perform it yourself!› von Rachel de Joode 18 Interview: Sebastian Klemm 40 ‹A Part › von Bill Durgin 52 Hände hoch! 96 ‹Coagulated Physique› von Leif Podhajsky 98 Schauplatz: Seize Galerie 106 kooabaisiert [ Ergänzungsmaterial auf kooaba.com ]
Masquerades
A Part
Bea Szenfeld
Bill Durgin kinki inhalt
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62 Es liegt auf der Hand Das Duo The Hundreds in the Hands aus Brooklyn bedient fast alle Klischees einer Hype-Band. Und ist doch ganz anders … Florence Ritter traf sich mit den beiden zu einer kleinen ‹Geschichtsstunde ›.
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Monoment Mitte der 60er gelang dem österreichischen Designer Rudi Gernreich mit seinem Monokini ein grosser Wurf, der bis heute die Blicke auf sich zieht und die damalige Gesellschaft ziemlich auf den Kopf stellte.
zugabe
Helga Wretman
Katrin Meier
Trotz ihrer nur 25 Jahre schaut die Schwedin Helga Wretman auf eine beachtliche Anzahl verschiedenster Eigenproduktionen und Mitarbeiten in den Bereichen Performance, Tanz, Choreografie und Film zurück, arbeitete mit Künstlern wie Anne de Vries, Peaches, Reynold Reynolds und vielen mehr. Sogar als Stuntfrau machte sich Helga bereits in etlichen Bühnenproduktionen verdient. Kein Wunder also, dass als Performerin für unsere BodyArt-Fotostrecke niemand anderes als sie in Frage kommen durfte. Vor der Linse der Fotografin Rachel de Joode interpretierte Wretman einige der berühmtesten Performances dieser Strömung neu − unter anderem die umstrittenen und eindrücklichen Darbietungen Beuys’, Abramovics oder Valie Exports − und rückte dadurch diese flüchtige Kunst in ein neues, eigenes Licht. – S. 18
‹Um es vorwegzunehmen: Einen beschnittenen Penis hat mir keiner meiner Interviewpartner gezeigt, für die visuelle Recherche musste ich auf die erstaunlich freizügige Wikipedia-Seite zurückgreifen›, kommentiert Katrin Meier die Arbeit an ihrem Artikel zum Thema Beschneidung. Dass dieses Thema seit jeher ein heikles ist und bei Befürwortern wie Gegnern hitzige Diskussionen auslöst, wurde ihr schnell bewusst: ‹Ich erhielt einen Einblick in eine brisante Debatte, wobei sich vor allem die Befürworter lange hartnäckig weigerten, mit mir über den kleinsten männlichen Körperteil zu sprechen. Tatsächlich finde ich keine der möglichen Vorhautvarianten besonders ästhetisch und teile weder die Meinung der glühen-den Befürworter noch diejenige der harschen Kritiker – aber was weiss ich schon, ich bin ja schliesslich kein Mann …› – S. 48
Adrian Witschi
Leif Podhajsky
Adrian Witschi liebt Geschichten. Der Germanist und Philosoph begann daher kurz nach seinem Studienabschluss an eigenen Stoffen zu feilen. Heute ist er als freischaffender Autor und Journalist tätig. An den Wochenenden mag er es, als DJ die Clubs leer zu spielen. Wenn er nicht arbeitet, dann ist er im Wasser, an der Luft oder unter der Sonne. Für die vorliegende Ausgabe durfte er Freizeit und Arbeit verbinden. Seine Studie über den Stand und die Geschichte des Naturismus in der Schweiz führte ihn in die nackten Abgründe unserer zugeknöpften Gesellschaft. Zurück blieb vor allem das starke Bedürfnis sich auszuziehen. – S. 32
Der australische Künstler Leif Podhajsky interessiert sich in seiner Arbeit vor allem für das Phänomen des ‹Miteinander-verbunden-Seins›, für die Relevanz der Natur und für aussergewöhnliche Erfahrungen. Seine Werke und Serien wirken oft psychedelisch und befremdend, denn sie entführen den Betrachter in eine andere Welt, in der er sich mit sich selbst und seiner Umgebung neu in Beziehung setzen muss. So gehen auch die sexuell stark aufgeladenen Körper seiner Collagen-Serie ‹Coagulated Physique› ungeahnte neue Beziehungen miteinander ein und verschmelzen auf faszinierende Art und Weise zu neuen Formen. – S. 98
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neuzeit
unter kolleggen wurde allerdings bald schon ein stattlicher Brand namens ‹kollegg›, der seit geraumer Zeit mit einer jährlichen Streetwearkollektion diverse Skateshops beliefert, stets aber auf Bescheidenheit und eigenen Charakter setzt. ‹Es ist uns nicht wichtig als Brand möglichst gross zu werden, sondern das machen zu dürfen, was wir gerne machen: kreativ zu sein und Spass dabei zu haben›, beschreibt der Gründer die Firmenphilosophie. Und weil Matthias so ein guter Kollege ist, verschenkt er seine Kleider manchmal sogar. Zum Beispiel die Jacke ‹Windbreaker› aus der aktuellen Kollektion in der Grösse Medium. Schreib einfach eine Mail mit Betreff ‹Kollegg› und deiner Adresse an wettbewerb@kinkimag. ch und lass dich ein auf dieses kollegiale Angebot. (rb)
Angefangen hatte alles vor 13 Jahren im Keller von Matthias Waser. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, seine Skateboard-Kollegen mit passenden Outfits auszurüsten und druckte deshalb im Schweisse seines Angesichts erste Siebdruckprints auf Hoodies und Shirts. Aus der Manufaktur im Untergeschoss
kollegg.ch
ohne moos nix los
agenda
01 19.01. – 21.01. bread & butter Airport Berlin-Tempelhof 20.01. – 27.01. solothurner filmtage Solothurn 20.01. – 22.01. bright tradeshow Berlin 20.01. neon party feat. larry tee, luke redford u.a. Club Hive, Zürich 22.01. red bull soundclash feat. da sign & the opposite, 7 dollar taxi Kaserne, Basel 22.01. tour de lorraine Verschiedene Lokale, Bern 27.01. neon party feat. the tote crackhuren im kofferraum, ulli & maesoo u.a. Club Hive, Zürich 29.01. johnossi, britta persson Selig, Chur
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02.02. the tiger lillies ISC, Bern
08.02. – 13.02. nescafé champs Leysin
Bei inkubato.com zählt Herzblut vor Rendite. Das zahlt sich trotzdem aus, wie die Arbeiten der Künstler beweisen.
Die alte Lagerhalle in ein Kulturzentrum verwandeln, eine Designausstellung im eigenen Vintagecafé organisieren – oft scheitern kreative Ideen und innovative Projekte nicht an ihrer Durchführbarkeit, sondern am fehlenden Kleingeld. Die Internet-Plattform Inkubato bringt mit einer neuartigen Form der Finanzierung Künstler, Musiker, Fotografen, Veranstalter, Erfinder auf der einen und zahlungswillige Unterstützer auf der anderen Seite zusammen. Der Deal: Ein Projekt wird nur umgekinki neuzeit
setzt, wenn sich innerhalb des Zeitrahmens genug Geldgeber finden. Diese werden im Erfolgsfall mit Dingen und Erlebnissen belohnt, die mit dem Projekt entstehen: Freikarten, Credits im Filmabspann oder ein handsigniertes Buchexemplar. Wird das Startbudget nicht erreicht, fliesst auch kein Geld. Jeder kann Projekte vorschlagen und unterstützen. Die einzige Bedingung dabei: Herzblut und guter Wille zählen mehr als die Rendite. (bs) inkubato.com
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12.02. band of horses Rote Fabrik, Zürich 10.02. new idea society Mariaberg, Rorschach 10.02. laura veirs, the hall of flames Fri-Son, Fribourg 11.02. – 12.02. one of a million festival feat. the wave pictures, oh no oh my, the green apple, sumie nagano, liz green uvm. Nordportal, Baden 20.02. fran healy Abart, Zürich
adam, eve & das blatt Bei Adam und Eva bedeckte das Feigenblatt – der Legende oder den Illustratoren nach – die heikelste Körperstelle und überdeckte damit wie zufällig die Scham dieser natürlich nackigen Figuren. Bei ‹Adam & Eve› verhält es sich ganz anders: Das Blatt wird stolz und adrett an einer Kette auf der Brust getragen und deckt damit erst die zärtliche Schönheit der Natur auf. Um die feingliedrigen Formen von Mutter Natur besonders authentisch nachempfinden zu können, trocknete und präparierte die Schweizer Modedesignerin Aleksandra Wisniewska in einem aufwendigen Verfahren die Skelette von Eichen-, Linden- und Olivenbaumblättern, um sie danach mit Gold oder Silber zu überziehen. Anfangs für eine Modekollektion entworfen, erfuhren die in Edelmetalle geworfenen Blätter eine so gute Resonanz, dass Wisniewska, die auch schon für das Pariser Label Chloé gearbeitet hat, fortan unter dem Namen Adam & Eve filigrane Schmuckstücke entwarf. Im Sortiment gibt es heute auch Eicheln und − besonders ansehnlich − die beflügelte Ahornsfrucht respektive Ahornsamen, wo wir wieder beim Anfang der Din-
Auch im Winter, wenn es schneit, blühen Aleksandra Wisniewskas glitzernde Blätter.
ge angelangt wären. Übrigens empfiehlt es sich auch, einen Blick auf Wisniewskas elegantes Modedesign zu werfen. (fr)
adamandeve.ch aleksandra-wisniewska.ch
wasserkämpfer aus st. pauli Wer sich die Hamburger Reeperbahn vor Augen führt, der wird wohl kaum an ein Glas Wasser denken. Doch der Verein ‹Viva Con Agua› aus St. Pauli widmet sich genau diesem einfachen Gesöff. Denn Wasser ist – im Gegenteil zu Bier und Schnaps auf der Reeperbahn – in vielen Teilen der Welt bekanntlich ein äusserst knappes Gut. Viva Con Agua hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Trinkwasserversorgung in diesen Ländern zu verbessern und unser Bewusstsein für den Wert der lebenswichtigen Flüssigkeit zu schärfen. Um Spenden zu sammeln, geht die junge Organisation eher unkonventionelle und vor allem kreative Wege. Die Energie aus Kunst, Kultur oder Sport soll gebündelt für grosses Engagement sorgen. So spannte sie beispielsweise das ebenfalls aus der Hansestadt stammende,
little big planet
sozialkritische Künstler-Duo ‹Strassenkoeter› ein, das aus dem Fotografen und Illustrator Thomas Koch und Art Director Kevin besteht. Deren Projekt für die Strassenzeitung ‹Hinz & Kunzt›, in der sie Portraits von den Verkäufern illustrierten, brachte die Truppe von ‹Viva con Agua› auf eine Idee. Sie versuchten bekannte Musiker dafür zu gewinnen, sich für den Kampf um das Recht auf Wasser ebenfalls von den ‹Strassenkötern› porträtieren zu lassen. Und es meldeten sich zahlreiche: Unter anderen auch Deichkind, Adam Green, Mouse on Mars oder Talib Kweli – um nur einige der vielen Namen zu nennen. Die ziemlich abgefahrenen Portraits werden nun versteigert und der Erlös geht an ein Trinkwasserprojekt in Ruanda. Viva con Aqua ist übrigens auch in der Schweiz aktiv. Wer sich den
kreativen Wasserkämpfern aus St. Pauli anschliessen möchte oder mehr über die Aktionen von Viva con Agua erfahren will, besucht am besten ihre Website. (ah) vivaconagua.ch Hahnenburger statt Chateau Mouton: Selbst Adam Green macht sich für Trinkwasser stark.
Mit dem Jump’n’Run-Spiel ‹LittleBigPlanet› stiess Sony 2008 wortwörtlich in neue Welten des Computergames vor. Das Plattformspiel für die PS3 erlaubte den Spielern, in nie zuvor gesehener Weise Einfluss aufs Spielgeschehen zu nehmen und dies interaktiv mit der Gamer-Community zu teilen. Nach dem Motto ‹Play, Create and Share› konnten die liebenswerten Protagonisten ‹Sackboy› und ‹Sackgirl› selbst gestaltet oder gar neue Levels mittels eines einfachen Editors entworfen werden – mittlerweile gibt es über zwei Millionen spielbare Levels. Mit ‹LittleBigPlanet 2›, das diese Tage erscheint, legen die Entwickler die Latte des interaktiven Computerspiels nochmals ein ganzes Stück höher. Mit neuen Features und Werkzeugen wird es noch einfacher, den digitalen Charakteren Leben einzuhauchen. Es können filmische Meisterwerke gedreht werden, und technische Neuerungen vereinfachen es, epische Endgegner, Fahrzeuge, Maschinen und Rätsel zu kreieren. Auf LittleBigPlanet kann die perfekte Traumwelt durch Vorstellungskraft und Kreativität Gestalt annehmen. Also los, stürze deine kleine Sack-Figur in ein brandneues Abenteuer und lass sie zum Beispiel gegen einen interdimensionalen 1 800-WattHyperraum-Staubsauger ankämpfen, der einen ziemlichen Wirbel veranstaltet und Sackboy in sein staubiges Inneres saugt. Für alle, die heuer beim Christkind in Ungnade gefallen sind oder gerade in den Weiten des Januarlochs versinken, sich aber trotzdem – oder gerade deshalb – in ferne Traumwelten spielen möchten, verlosen wir eine PS3 inklusive Move Starterpack und LBP2. Schreib uns eine Mail mit deiner Adresse und Betreff ‹LittleBigPlanet› an wettbewerb@ kinkimag.ch. (mm) littlebigplanet.com
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finger lickin’ good Gibt’s nicht nur in Paul’s Boutique: Die Beastie Boys Limited Edition der Nixon ‹Time Teller P›.
Die Zeiten sind hart für Hip-HopLegenden: der grosse Hype der letzten zwei Jahrzehnte klingt ab, Ideenlosigkeit beherrscht die Szene und man scheint sich das Geld für die überteuerte Crib mit Europatourneen durch drittklassige Clubs errackern zu müssen. Doch während Dutzende der alternden HipHop-Grössen im schummrigen Licht ihrer C-Prominenz der Rente entgegenfiebern, hat es eine Combo in allen Zeiten immer wieder von neuem geschafft, ihre Wandlungsfähigkeit und Kreativität zu beweisen. Die Rede ist natürlich von den Beastie Boys, die nicht nur den Sound unserer Jugend, sondern auch jenen der Jetztzeit prägen wie kaum eine andere Band. Fast schon sinnbildlich kann man deshalb die Kooperation mit dem Uhrenhersteller Nixon verstehen, der MCA, Ad-Rock und Mike D eine Special Edition ihres Klassikermodells Time Teller P widmete, welche ab sofort als Pre-Release in insgesamt zwanzig Shops rund um den Globus verstreut wird. Einer davon befindet sich auch hier in der Schweiz: Im Zürcher The Gloss kann man sich eines der seltenen Modelle in Grün, Blau oder Rot sichern. Doch schnell solltet ihr sein, denn es werden pro Farbe lediglich zehn Uhren verkauft, also ran an den Speck, bevor’s der Rest erfährt. Und wer es nicht schafft, einen der schmucken Zeitmesser vorab zu ergattern, der muss halt den Wecker stellen: denn mit der Erscheinung des neuen Beastie Boys Albums dieses Jahr wird die Uhr auch für alle, die beim Pre-Release leer ausgegangen sind, erhältlich sein. (rb)
arthouse Seit einem halben Jahr hat es sich Camel zur Aufgabe gemacht, die Schweizer Urban Art Szene mit einem ‹offenen› Atelier zu unterstützen. Im sogenannten Urban Art Studio gehen seit vergangenem Juni verschiedene Grössen der urbanen Schweizer Kunstszene wie Smash 137, C-Line, TIKA, aber auch etliche Newcomer ein und aus, werden dort für die Dauer ihrer Projekte mit Material, Atelierraum und eigenem Zimmer unterstützt und zu gemeinsamen Kooperationen ermutigt. Dank des überraschend lockeren und angenehm zurückhaltenden Umfelds und nicht zuletzt durch die Unterstützung der RawcutJungs um Chris Wyer und Harun ‹Shark› Dogan, welche im unteren Stock des gemütlichen kleinen Häuschens an ihren Projekten arbeiten und sich tatkräftig um die Künstler kümmern, gelang es dem Zigarettenhersteller, mit diesem Projekt wirklich eine Kollaboration zu schaffen, die sowohl für Camel als auch für die Urban Art Szene Sinn macht. kinki schaute auch vorbei und wie immer, wenn wir irgendwo eingeladen sind, haben wir natürlich was mitlaufen lassen: und zwar zwei handsignierte und streng limitierte Siebdrucke des Künstlers Spoke samt dazu passendem T-Shirt (jeweils einmal in Grösse M und L). Wenn ihr euer eigenes Heim und eure Garderobe also auch gerne in Richtung Urban Art Studio verschönern wollt, so schickt uns einfach eine Mail mit dem Betreff ‹Urban Art› und eurer Grösse und Adresse an wettbewerb@kinkimag.ch. (rb)
kinki verlost zwei Siebdrucke des Künstlers Spoke samt passendem T-Shirt!
urbanartstudio.ch
Paperboy Nun ist kinki definitiv 2.0, wenn nicht sogar 2.0.1! Ab sofort könnt ihr nämlich jeden Beitrag, der im Inhaltsverzeichnis mit dem kleinen Dreiecksymbol gekennzeichnet ist, mit euerm Smartphone fotografieren, und ihr erhaltet in Sekundenschnelle Hintergrundinformation, zusätzliche Inhalte wie Videos und Musik oder könnt die
Artikel via Facebook und E-Mail an eure Freunde weiterempfehlen. Dazu müsst ihr euch lediglich die kostenlose App ‹kooaba Paperboy› runterladen und schon kann’s losgehen: Einfach die Paperboy-App installieren, in der Applikation ein Foto einer mit dem Dreiecksymbol gekennzeichneten Seite aufnehmen, und schon liefert euch Pa-
nixonnow.com
kinki neuzeit
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perboy mittels Bilderkennungsprogramm automatisch digitale Extras für die betreffende Seite. Also, löscht eure doofen ‹Feuerzeug›- und ‹Wasserwaage›-Apps und schafft Platz für eine Applikation, die wirklich Sinn macht! (ah) kooaba.com
zuhause bei freunden Auf der Website von Tim Seifert und Frederik Frede lässt es sich ganze Sonntage lang verweilen – wie bei guten Freunden oder im Zuhause unserer Träume. Auf der Website ‹Freunde von Freunden – People, Photography, Video› mäandert man nämlich virtuell durch einladende Wohnungen, Ateliers und Umgebungen, erfährt in schriftlichen oder filmischen Interviews mehr über die Bewohner. Dies sind selbstredend Kreative, die ihre hellen Wohnungen mit Parkettboden und hohen Dielen stilvoll einzurichten wissen. Das ‹Interviewmagazin› lehnt sich an das Konzept von The Selby an, der über Freunde von Freunden in die Gemächer immer bekannterer Persönlichkeiten vorgedrungen ist. Die deutsche Version steht dem amerikanischen Vorbild – ganz ohne Celebrity-Status auszukommen – in nichts nach: die atmosphärischen Fotos, welche Künstler in ihrem Lebens- und Arbeitsraum dokumentieren, sind ver-
Auch der Berliner Illustrator Frank Höhne haust behaglich. Was an den restlichen Wänden hängt, seht ihr auf den restlichen Bildern von Ailine Liefeld.
führerisch, die Wohnungsimpressionen zum Neidisch-Werden, und die Videos und Interviews bringen eine weitere informative Ebene ins Spiel. Leider bleiben die weitläufigen Räumlichkeiten, die natürlich
oft in Berlin angesiedelt sind, wohl für viele von uns unerreichbar. In der Schweiz kann man von solchem Wohnraum (und vermutlich Preisen) nur träumen. Immerhin können wir dank ‹Freunde von Freunden›
in das Leben und die Lebensumgebung anderer eintauchen und uns Inspiration für die Einrichtung unserer beschaulichen Eigenheime holen. (fr) freundevonfreunden.com
Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu. Fumer nuit gravement à votre santé et à celle de votre entourage. Il fumo danneggia gravemente te e chi ti sta intorno. 69031_BAT_Kent_Switch_Ann_Magazine_203x129 1
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kreative reinkarnation Zur Aufbewahrung waren sie schon immer gedacht, diese hölzernen Transportkisten. In ihnen reisten Esswaren, Stoffe oder gar Spielzeuge von Rotterdam über Hamburg nach Shenzhen, Los Angeles oder Dubai und waren so vor Beschädigungen und Umwelteinflüssen geschützt. In unseren Wohnungen regnet es zwar – hoffentlich – nicht, doch sind die Transportkisten auch hübsch anzuschauen und bewahren privates Hab und Gut zumindest vor Staub und unerwünschten Blicken. Das erkannte auch der italienische Designer Marcantonio Raimondi Malerba alias Marama und verpasste den praktischen Holzkisten kurzerhand Scharnier, Griff und alte Kommodenoder Tischbeine. Entstanden sind einzigartige Sideboards, die mit
ihren Original-Aufklebern und Siegeln die Geschichte einer Reise um die halbe Welt erzählen. Nicht nur lässt sich damit das Wohnzimmer aufmöbeln, nein, die guten Stücke helfen zudem über so manchen Fernwehschmerz hinweg. Recycling und die Wiedergeburt von alten Gegenständen spielen auch in den anderen Arbeiten von Marama eine grosse Rolle. So finden sich unter seinen Designs Lehnstühle aus Schubkarren, Regale aus alten Dielen, rollbare Hocker aus Steinen, Kleiderständer aus Leitungsrohren und Deckenlampen aus Zweigen. Die gesamten Kreationen, die sich alle auf dem Mittelweg zwischen Kunst und Design bewegen, findet ihr auf marama.it.
Von den sieben Weltmeeren direkt ins Wohnzimmer: Maramas Möbelkreationen.
(db)
reddo buru goes tokyo Die Red Bull BC One, eine der wichtigsten Breakdance-Competitions weltweit, fand dieses Jahr in Asien statt. Nach Biel, Berlin, Sao Paolo, Capetown, Paris und New York war im Jahr 2010 Tokyo am Zug: In der Welt der Karaoke-Bars, Geishas und Sumoringer traf sich Ende November die Crème de la Crème der Szene – 16 B-Boys aus zehn Ländern rund um den Globus – um in 1-to-1 Knock-out-Battles zu entscheiden, wer unter ihnen ‹The One› ist. Und das vor so vielen Zuschauern wie noch nie: Die 3 000 Plätze des Yoyogi-Stadions waren ausverkauft, Japan hat schliesslich eine pulsierende HipHop- und B-Boy-Szene. Nach der Geburt in den Strassen New Yorks gelangte Hip-Hop in den frühen 80er-Jahren nämlich nach Japan. Als die Breakdance-Crew des Kultfilms ‹Wild Style› Japan besuchte, nahm die Hip-Hop-Kultur die Insel im Sturm ein. Die japanischen B-Boys schauten ihren Vorbildern aus der Bronx gut zu, lernten in Windeseile und battlen heute erfolgreich in Contests auf der ganzen Welt. Zwar sollte es 2010 dann doch kein Japaner, sondern der Brasilianer Neguin sein, der den begehrten Titel nach Hause trug. Nichtskinki neuzeit
Matrix? Tornadosturm? Nein, hier sehen wir den finalen Battle des letzten Red Bull BC One.
tanzten, sich gegenseitig auf die Schultern klopften und einander anspornten. In diesem Moment wurde das bevorstehende Finale irgendwie zur Nebensache. In diesem Moment zählte nur, dass die B-Boy-Szene lebt, Spass macht und man ein Teil davon ist. ‹Nur schon hier antreten zu dürfen, ist
destotrotz liess sich das Publikum die Laune nicht verderben. Die ganze Halle stand aufrecht und 3 000 Arme wippten im Takt, als vor dem finalen Battle die Hip-HopLegende Big Daddy Kane zu den Beats des japanischen DJ Mar rappte und alle B-Boys nochmals auf die Bühne sprangen, gemeinsam 14
eine Ehre›, sagte auch der zweitplazierte ‹Just do it› aus Holland, nachdem er Neguin zum Sieg gratuliert hatte. ‹Alle Jungs hier haben ein irrwitziges Talent. Am Ende sind wir alle Gewinner.› Weitere Berichterstattung und Videoimpressionen vom BC One findet ihr auf kinkimag.ch/magazines. (cb)
nixonnow.com
kinkimag.ch
plug in baby Schon immer gehörte das Zusammenspiel von nackter Haut und Licht zu den beliebten Sujets der ästhetischen Fotografie. Trotzdem weiss Elizaveta Porodina, die junge deutsche Fotografin mit russischen Wurzeln, der Symbiose aus nackten Körpern und Licht in ihrem Projekt ‹Plug in Baby› neues Leben einzuhauchen. Die Models sind von farbigen Lichterketten umhüllt und geben sich einem Spiel der Sinne hin, ohne anrüchig zu wirken. Vielmehr oszillieren die Bildkompositionen zwischen Mode, Kunst, Ästhetik und Kitsch. Immer wieder befasst sich Elizaveta mit dem Körper in seiner natürlichen Blösse, bedeckt von Glitzer, als Träger von Mode oder als ausdrucksstarker Tänzer.
body of lies ‹Body of Lies› nennt sich eine Romanverfilmung, in welcher Ridley Scott Leonardo DiCaprio böse arabische Terroristen jagen lässt. ‹Body of Lies› ist aber auch der
englische Ausdruck für ein Lügenkonstrukt. Fasziniert von Menschen, welche sich durch Lügen eine zweite Identität konstruieren, hat sich Adrian Witschi mit dem
maia flore
‹Lift me up while I’m dreaming. Carry me away while I’m numb› – so ähnlich könnte ein von Charlotte
Gainsbourg gehauchtes Lied zu der Bildreihe ‹Sleep Elevations› der französischen Fotografin Maia
Philosophen Dominique Kuenzle zusammengesetzt und über Lüge, Wahrheit, Sprache und Realität gesprochen.
Flore klingen. Im entspanntesten Zustand und tiefsten Schlaf versunken, werden die Protagonistinnen der Bildserie von Wolken, Windrädern und Luftballons empor gehoben. Andere Fotografien demonstrieren malerisch, wie schnell man durch Kleidung und Maske zum charakterlosen Zwilling wird. Von der Fotografin selbst ist übrigens auch wenig zu erfahren. Statt über sich zu schreiben, zeigt sie ihr Fototagebuch und hört sich lieber an, was andere in ihren Bildern sehen.
what else? und Natur. Jessica Harrison lotet im tabulosen Zusammenspiel von Körper und Design die Grenzen des Ästhetischen aus. Zahlreiche Blogs wecken den Entdeckungsdrang, Wettbewerbe kitzeln euren
Kein Nespresso, dafür gibt es auf unserer Website viele Bilder und Texte, die alle eure Sinne anregen werden. Die Fotografin Gabi Schilling kreiert poetische, temporäre Interaktionen von Körper, Strick kinki kinkimag.ch
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Gewinneifer und unsere Selektion an Musikvideos sorgt für visuelle Eindrücke und qualitative Beschallung. Wer braucht da noch Kaffee?
klagemauer Ist dein neuer Kaschmir-Pulli eingegangen? Der Joghurt im Kühlschrank zu neuem Leben erwacht? Setzen sich die Psychopathen im Bus immer neben dich? Egal was dich gerade stresst oder nervt: Auf kinkimag.ch unter ‹Klagemauer› kannst du Dampf ablassen. Die besten Einträge werden hier veröffentlicht.
kommt in der schweiz mal ein hippes magazin raus, wird es gleich vom kindergarten beschlagnahmt! brechreiz | ihr so coolen ü-zwanziger benehmt euch doch bitte auch wie welche (!!!!) und beleidigt nicht sinnloserweise irgendwelche Jugendliche, seit wann steht eine Altersangabe auf dem kinkimag???!!!! werock | du & sie. ja SIE! nöd ich. machdaugeuf | Lehrer in Senfgelben Pullis...und zwar NUR in Senfgelben Pullis. vor der türe | Zu meinem Pech hat mein Velo immer noch die Sommerreifen drauf lauren | ich könnt ja lernen. oh ich habe durst auf einen warmen tee. oh ich habe hunger auf schokolade. oh ich lese glaub ich noch ein kapitel in dem langweiligen buch. oh ich habe schon lang nichts mehr von ihr gehört, ich chatte mit ihr. oh eine kerze anzünden wäre auch noch schön. oh schon 3 stunden gefüllt mit ausweichen. jetzt sollte ich mal lernen. oh es ist zeit für abendbrot… lilly | Leute die nur das Adler-Tipp-Such-System beherschen und auf die Tasten drauf hauen als gäbe es kein morgen! tippfehler | Kuchen sind nicht lustig. Auch wenn Mama sie gebacken hat. hatesprinkles | Scheiss Busse! Riskierst fast dein Leben um ihn noch zu erwischen, und dann macht er die Tür nicht auf. Es wird Zeit für die Autoprüfung. ÖV sucks | wenn sich mein bester freund und meine beste freundin gemeinsam in MEINEM bett vergnügen! habtihrsienochalle | kunstlehrer, die dir angeblichen freiraum lassen, dich schlussendlich nur einschränken und versuchen, die ganze klasse zu ihren klonen zu machen! imnotpicasso | Elektrisch verzerrte Stimmen über grauenhaften Sampels aus guten Songs, gemischt mit einer Prise unglaubwürdig unsinniger Songtexte und garniert mit einem Schuss scheusslicher Synthesizer-Schreie. Das ganze mit einem Black Eyed Peas Stempel versehen und so grauenhaft auf dem DRS3-Serviertablett angerichtet, dass einem zum Selbstmord zumute ist. Tötet mich! Bitte! Bitte! Mathilda | Das Leben ist wie ein Eimer voll Würmer. Man weiss nicht was man damit anfangen soll. Lauren | zurück vom zahnarzt. am montag morgen!!! und jetzt läuft mir kaffee unkontrolliert durchs gesicht. ItsMeTheJules | dass es eine neue Version von gaaanz normalen SD Karten gibt, nämlich SDHC!!!!!!!!!!!! und die ohne die dazugehörige Kamera nicht geht!! Und wer zum Teufel hat mein sch* verf* hu* USB-Kabel??????? Ich räume nie mehr mein Schreibtisch um Mitternacht auf!!! Ctrl+C | m&m’s: die Warum-ruft-er-nicht-zurück-Droge! ana | min ex het sin beziehigsstatus scho ein tag bevors fertig gsi isch wieder uf single gstellt. gohtgarned | mein pc will mich verarschen; ‹sie haben keine webcam›‹doch, verdammt, ich kann sie sogar sehen, SIE IST IN DICH EINGEBAUT!!› Egon | 17
Rachel de Joode
Perform it yourself!
kinki kunst
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19 Tribute to Bruce Nauman: ‹Body Pressure› (1974) 20 Tribute to Joseph Beuys: ‹I like America and America likes me› (1974)
kinki kunst
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22 Tribute to Ulay & Marina Abramovic: ‹Light / Dark› (1977) 23 Tribute to Yoko Ono: ‹Cut-Piece› (1964)
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24 Tribute to Jürgen Klauke: ‹Heimspiel› (1990 - 1992) 25 Tribute to Erwin Wurm’s Sculptures
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26 Tribute to Vito Acconci: ‹Steps: Stepping- off Piece› (1969) 27 Tribute to Valie Export: ‹Genitalpanik› (1969)
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28 Tribute to Valie Export ‚Body-Nature-Connection› (1974)
Konzept & Realisation: Helena Dietrich Fotografie: Rachel de Joode, racheldejoode.com Assistent: Chloe Richard, chloerichard.com Performer / Model: Helga Wretman, helgawretman.com Model: Adrian Bleschke @ Modelwerk Modelagentur Haare & Make-up: Sophie Weigensamer @ perfectprops Styling: Anna Robold kinki kunst
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Kleid: Helmut Lang Schuhe: Vintage
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Body und Leggins: Monki Shirt: Weekday Anzug: Boss Denim Shirt: Levi’s Red Tab Pullover: Acne Jeans Hose: Jil Sander Jacke: Patrizia Pepe Hosen: Armani Jeans / Dior Homme
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Bluse: Wood Wood Hose: Murkudis Pullover: Acne Jeans Hose: Jil Sander Jacket: Boss
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Jeansjacket: Levi’s Red Tab Leggins: Carin Wester Shirt: Cheap Monday Hose: Isabel Marant
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Kleid: Stine Goya Tunika: Weekday Kleid: Y3 Hose: Jil Sander Boots: Zara
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Jacke: Vintage Slip: Princess Tam Tam Pumps: Vintage
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Shirt: Monki Tuch: Wood Wood Hose: Jil Sander Schuhe: Prada Vintage Socken: Falke
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Jeansweste: Acne Jeans Jeans: Cheap Monday Pumps: Vintage
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Overall: Adidas Hose: Jil Sander Pullover: Monki Shirt: Kostas Murkudis Gürtel: Comme des Garçons Schuhe: Hugo Boss
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Rechte für die Linke
Wer es allen recht machen will, der sollte auch die circa zehn Prozent jener Menschen im Auge behalten, die ihren Alltag mit links bewältigen. Das lassen sich die Hersteller natürlich nicht zweimal sagen: Sie bedienen den Markt nebst alltäglichen Gebrauchsgegenständen mit Kuriositäten aller Art. Text: Bastian Steineck, Illustration: Nadja Abanin
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omer Simpson schäumt vor Wut: Sein verhasster Nachbar Ned Flanders möchte ein Geschäft eröffnen, in dem nur Artikel und Produkte angeboten werden, die speziell für Linkshänder konzipiert sind. Das ‹Leftorium› im Einkaufszentrum der fiktiven Comicstadt Springfield erweist sich bereits kurze Zeit später als brillante Geschäftsidee – schliesslich sind die meisten Ortsbewohner Linkshänder. Diese Tatsache ist freilich kein Zufall, auch Matt Groening, Erfinder und Zeichner der Simpsons, erledigt die meisten Tätigkeiten mit der linken Hand. War die 1991 erstmals ausgestrahlte Folge um das ‹Leftorium› möglicherweise sogar eine Art Hilferuf, um die von Rechtshändern geprägte, reale Welt anzuprangern? Heute ist Groenings Vision jedenfalls Wirklichkeit geworden. Längst haben sich auch fernab von Springfield Versandhändler und Kaufhäuser auf Kunden spezialisiert, die beim Umgang mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen regelmässig auf Probleme stossen.
Verkehrte Welt
Statistiken zufolge ist mindestens jeder zehnte Mensch Linkshänder. Es gibt Umgeschulte, Rückgeschulte und diejenigen, die manche Tätigkeiten mit rechts und andere mit links erledigen. Zwischen dem 10. und dem 20. Lebensmonat wird die Ausprägung der dominanteren Hirnhälfte festgelegt: Liegen die Schwerpunkte auf der rechten Hälfte, werden jene Bewegungen, die Feinmotorik, Kraft und Schnelligkeit bedingen, mit der linken Hand ausgeführt. Wer ‹zwei linke Hände› sein eigen nennt, gilt zwar noch immer als ungeschickt, doch die Sinistralität kinki report
ist auf dem beständigen Weg zur Gleichberechtigung. Lange Zeit wurden Kinder vehement dazu erzogen, ausschliesslich die rechte als Schreibhand zu verwenden. ‹Umgeschulte› Linkshänder klagen jedoch noch Jahre nach ihrer Bekehrung über psychische Probleme und Konzentrationsschwierigkeiten – schliesslich belasten sie ihr Gehirn nachweislich stärker als geborene Rechtshänder. Die Umerziehung gilt in der Medizin als massiver Eingriff in das menschliche Gehirn. Nach wie vor entpuppen sich viele Bewegungen und Gebrauchsgegenstände des Alltags bei genauerem Hinsehen als Erfindung von und für Rechtshänder: Schreibblöcke, deren Spiralbindung auf der linken Seite die Hand behindert; Gartenscheren, mit denen Linkshänder kein Ästchen abknipsen können; Autos, in denen man Zündschlüssel, Schalthebel und Handbremse mit der rechten Hand bedienen muss; Küchenmesser, die nur einseitig geschliffen sind. Im Schatten dieser Probleme hat sich ein weitgehend unbeachteter Industriezweig entwickelt, der Produkte für Linkshänder produziert und vertreibt. Der grösste deutschsprachige Versandhandel bringt es auf knapp 500 verschiedene Artikel. Vor allem speziell angefertigtes Bürozubehör wie Scheren, Schreibunterlagen oder Füllis, bei denen es auf feinmotorische Handarbeit ankommt, sind für Linkshänder unverzichtbar geworden.
Verdrehte Klaviere und Unterhosen
Oft sind es nur marginale Veränderungen, die ein klassisches Rechtshänderprodukt entsprechend umpolen: Beim Füller müssen Feder und Griffmulden umgekehrt ausgerichtet sein, 30
bei Scheren wird die Anordnung der Klingen entsprechend angepasst. Küchenhelfer wie Korkenzieher, Spargelschäler und Dosenöffner werden schlichtweg gespiegelt. Dass nahezu jedes Produkt das Siegel ‹Geeignet für Linkshänder› tragen kann, beweist ein französischer Wäschehersteller: Die eng anliegende ‹H1 Original Maxi Trunk› ist die erste Unterhose, die sich auch von Linkshändern bequem bedienen lässt. Der Eingriff befindet sich nicht mehr rechts, sondern horizontal, und biete so nicht nur mehr Komfort, sondern auch Einsparungen von etwa drei Sekunden pro Toilettengang. Einziger Haken aller linksgerichteten Produkte: Für Rechtshänder sind sie absolut unbrauchbar. Ein Selbstversuch des Autors endete in kognitiver Überforderung (die Skala auf dem Lineal für Linkshänder beginnt rechts), einem beträufelten Hemd (der Suppenlöffel hat die Öffnung auf der falschen Seite) und langwierigen, erfolglosen Versuchen, Spargel zu schälen (die Klinge erreicht das Gemüse gar nicht, weil sie auf der falschen Seite sitzt). Das gilt auch für alle für Linkshänder konzipierten Instrumente: Weil an die ‹stärkere› Hand höhere motorische Anforderungen gestellt werden, sind an Klavieren für Linkshänder die Tastaturen spiegelverkehrt. Manchmal siegt Talent jedoch über Händigkeit: Auch Ludwig van Beethoven war Linkshänder, spielte jedoch auf einem gewöhnlichen Flügel. Das erste seitenverkehrte Modell wurde nämlich erst 2001 vorgestellt. Auch der musikalisch nicht übermässig bewanderte Homer Simpson setzt sich übrigens von Zeit zu Zeit ans Klavier – in der Regel aber nur, um Hasstiraden auf den ungeliebten Nachbarn anzustimmen.
Links kommt von ungelenk? Den Left Handers wird viel zugemutet.
Schmutz wittern, wo Reinheit herrscht. 2
Entgegen der landläufigen Meinung ist ‹Naturismus› keine Bezeichnung für den neu aufkeimenden Ökosexismus. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des schweizerischen Naturismus auf dem Monte Verità bringt Klarheit über das Treiben der Nackten. Text: Adrian Witschi
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Die Freude am kultivierten Nacktsein
1 hielle gibt es nicht mehr. Eigentlich hat es Thielle ohnehin immer nur in Kombination mit Wavre gegeben. Thielle-Wavre, das war bis zum Ende des Jahres 2008 eine 680 Bürger umfassende Kleinstgemeinde am Zihlkanal, welcher seinerseits den Neuenburger- mit dem Bielersee verbindet. Nun ist die besagte Gemeinde weg. Niemand hat sich für sie interessiert und deshalb kam es zur Fusion mit der nicht ganz so belanglosen Nachbarsgemeinde MarinEpagnier. Das neue Paar heisst jetzt ‹La Tène›. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. In einschlägigen Fachzeitschriften lässt man den Namen Thielle mit überbordendem Pathos wieder aufleben. Denn Thielle ist der Kosename für den Campingplatz ‹Die Neue Zeit› und steht somit stellvertretend für DIE schweizerische Naturistenoase schlechthin. Sie befindet sich in Gampelen, am bernerischen Ufer des Zihlkanals und somit gleich gegenüber des ehemaligen Thielle.
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Was man dort zu Gesicht bekommt, ist schon erstaunlich. Die Illusion, man befände sich am eidgenössischen Swingerfest, dominiert wohl oder übel den ersten Eindruck. Bei genauerer Betrachtung ist man jedoch gezwungen, diese Meinung zu revidieren. Man erkennt eine nette, kleine Gemeinschaft von anders denkenden Menschen mit einer ausgeprägten Vorliebe für die Natur und das Nacktsein. Sie rauchen nicht, entsagen dem Alkohol und ernähren sich vegetarisch. An warmen Sommertagen entledigen sie sich ihrer Kleider – auf dem Gelände herrscht aber kein Nacktzwang – und machen Gebrauch von dem vielfältigen kulturellen Angebot. Kultur ist in Thielle ein weiter Begriff. Kultur, das ist zum Beispiel Roland und seine Selbsthilfegruppe für scheiternde Männer. Da sitzt man dann nackt im Kreis und entblösst seine Seele, bis die Tränen fliessen. 32
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1 Hermann Hesse (Mitte) 1905 als ‹Kurgast› auf dem Monte Verità 2 ‹Lichtgebet› von Surén-Schülern mit geölten Körpern 3 Titelbild der Zeitschrift ‹Lachendes Leben› (1927) 4 Die Tanzgruppe von Rudolf von Laban (ganz links) mit Suzanne Perrotet 33
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Die Leute empfanden die Art und Weise, wie sie lebten, zunehmend als falsch. Sie sehnten sich nach Licht, Luft und Sonne. kinki report
5 Lagerleben auf dem Jugendgelände Birkenheide bei Berlin, Foto: Karl Hecht 6 Foto aus ‹Körperbildung Nacktkultur – Blätter freier Menschen›, Sonderheft ‹Die Schönheit› (1926) 34
Oder Gisela, die einem in ihrem ‹Beckenbo- 6 denpowerkurs› erklärt, wie die einzelnen Muskeln zwischen Steiss- und Schambein zu aktivieren sind. Ihre kulturellen Interessen spornen die Thieller auch zu sportlichen und musikalischen Höchstleistungen an. Nackte Männer schmettern sich im Schatten der strammen Buchen schwitzend Tischtennisbälle und Bocciakugeln um die Ohren, während barbusige Frauen zärtlich die Saiten ihrer Cellokörper streicheln. Und wenn sie dann müde sind, entspannen sie sich auf einem der zahlreichen Flosse auf dem Neuenburgersee, verwöhnen die Haut mit Sonne und Luft und lassen die Genitalien baumeln. Dass es hier um Sex geht, ist ein Irrtum. Spannerei, provokante Laszivität oder anzügliches Verhalten werden mit konsequenter Wegweisung bestraft. Der Beischlaf findet im privaten Raum statt. Was aber treibt diese Naturisten eigentlich an? Was bringt Menschen dazu, sich in gewissen Yogapositionen gegenseitig in die klaffenihre Autonomie durch Selbstversorgung. Alles den After zu starren? Wieso geht jemand das ‹Unnatürliche› musste weichen. So waren Risiko ein, beim Buffet anstelle der Tofuwurst ihnen zum Beispiel auch die vorherrschenden den entblössten Penis des Zeltnachbars zu Orthographieregeln zu künstlich. Sie ersetzten fassen? Fragen, deren Antworten man nur findet, sie kurzerhand durch eine Rechtschreibung, wenn man sich mit dem ideologischen Grundwelche sich nach dem Paradigma ‹Schreib, gerüst der Naturisten, ja mit ihrem Ursprung wie du sprichst› richtete. in den brifen fon ida beschäftigt. Und der liegt nur einige hundert hoffmann findet man ausschlislich dise schreibKilometer südöstlich von Thielle, in Ascona. art. Glücklich tanzten sie nun über ihren Hügel und spürten sich selber. Doch das Tun der Monte Veritaner war mehr als einfach nur hedonistische Selbstverwirklichung. Es war eine soziale Protestbewegung. Inspiriert durch Schriften Nietzsches und vor allem Tolstois, waren sie für Als Henri Oedenkoven, Sohn eines belgischen eine vehemente Ablehnung aller gesellschaftliGrossindustriellen, um 1900 den 3,5 Hektar chen Normen und Konventionen. Die Erlösung grossen ‹Monte Monescia› oberhalb von Ascona für die Menschheit glaubten sie in der Rückkehr erwarb, war er gesellschaftsmüde, freiheitszur Einfachheit und in der Reduktion auf das Wehungrig und voller Tatendrang. An seiner Seite sentliche erkannt zu haben. Nur der Rückschritt war ein illustres Trüppchen halbnackter Männer würde die Menschen vorwärts bringen. Entund Frauen versammelt. Unter ihnen auch Ida schleunigung war die Waffe, welche sie einer Hofmann, eine österreichische Pianistin, welche Welt entgegenhielten, die sie für entzaubert, bis anhin an einem russischen Institut in Monteverkommen und dem Untergang geweiht hielnegro Klavierstunden erteilt hatte. Henri und ten. Um diesen Fundamentalismus verstehen Ida mochten sich. Sie hatten sich ein Jahr zuvor zu können, muss man die Welt kennen lernen, in der Naturheilanstalt von Arnold Rikli in Österwelche sie so sehr verachteten. reich kennen gelernt. Besagter Arnold Rikli – das muss an dieser Stelle erwähnt werden – war übrigens ein in Wangen an der Aare, unweit von Gampelen, geborener Schweizer. Henri war zu Wagen wir also einen kleinen Exkurs: dieser Zeit todkrank gewesen, die Schulmedizin Das Fin de Siècle war eine diffuse Zeit. Der hatte ihn aufgegeben gehabt. Ida hatte unter durch die Aufbruchsstimmung geförderte Depressionen gelitten. Beide fanden in der Zerfall der alten Werte führte zu einer Stimmung Naturheilanstalt Genesung und fassten die Geder Unsicherheit im Bürgertum, welche sich sinnung, ihr Leben radikal zu ändern. Sie zogen unter anderem in Verlogenheit und Dekadenz das Korsett und den Stehkragen aus, warfen niederschlug. Überdies litt die Unterschicht sich Tücher um, kauften den Berg – Henri bestark unter den Folgen der zunehmenden Urzahlte – und nannten ihn fortan ‹Monte Verità›, banisierung. Die Industrialisierung hatte zur Berg der Wahrheit. Und diese Wahrheit hiess: Jahrhundertwende zu einer wahren Landflucht Naturismus! Für Henri und die nach kurzer Zeit und einer Überflutung der Städte geführt. entstandene Kolonie von Querdenkern auf dem Sowohl Arbeits- als auch Lebensbedingungen Monte Verità bedeutete Naturismus die radiverschlechterten sich drastisch. Nach einem kale Rückkehr zum naturgemässen, gesunden 15-stündigen Arbeitstag in der überhitzten Fabrik Leben. Auch sie entsagten dem Alkohol, rauchten nicht und ernährten sich ausschliesslich von ging der Durchschnittsarbeiter nach Hause in seine feuchte 20 Quadratmeter-Kellerloft, Rohkost im veganischen Sinne. Sie begannen welche er sich mit seiner 6-köpfigen Familie das felsige Gelände mit Gemüsegärten und teilte, heizte den Ofen ein und genoss bei Obstbäumen zu versehen und sicherten somit
Fortschritt durch Rückschritt: Willkommen auf dem Monte Verità
Verlogenheit und Krankheit zur Jahrhundertwende
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einem Glas blind machendem Billigfussel den beissenden Rauch in seinen Lungen. Musste er dann mal auf Toilette, so benutzte er seinen undichten Senkgrubenabort und wartete bis die in den Wänden versickerten Exkremente in Form von Ausdünstungen wieder ihren Weg
Doch das Tun der Monte Veritaner war mehr als einfach nur hedonistische Selbstverwirklichung. Es war eine soziale Protestbewegung. in die gute Stube gefunden hatten. Bald klopfte dann die Bleisucht oder die Tuberkulose an die verlotterte Tür und der Traum von einem besseren Leben war vorbei. ‹Der Körper des Industriezeitalters war ein geschundener Körper›, räsoniert der Historiker Ulrich Linse treffend. Die Leute empfanden die Art und Weise, wie sie lebten, zunehmend als falsch. Sie sehnten sich nach Licht, Luft und Sonne. Nach Gesundheit, Reinheit und Wahrhaftigkeit. Sie schrien nach einer Reform. Aus diesem Verlangen nach Veränderung entstand die so genannte Lebensreformbewegung, die nach alternativen Lebensentwürfen suchte. Der Naturismus war eine Unterströmung dieser Bewegung.
Hesse in der Rehab
So verwundert es wenig, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen unterschiedlichen Schlages auf dem Monte Verità einfanden. Von Theosophen und Spiritisten über Anarchisten und Künstler bis hin zu Schriftstellern und Faulenzern. Die Liste der prominenten Namen liest sich wie das Who is Who der freidenkerischen Avantgarde. Hans Arp, Paul Klee, Lenin, Bakunin, Erich Mühsam, C.G. Jung und viele andere mehr. Auch Hermann Hesse besuchte den Berg. Er unterzog sich einer Alkoholentziehungskur. Um vom flüssigen Gift wegzukommen, liess er sich nackt halstief in die heilbringende Erde eingraben. Andere gingen noch weiter. Da gab es zum Beispiel diesen einen
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7 Labanschule Hertha Feist in Berlin, Riebicke-Foto aus ‹Die Schönheit› (1926) 8 ‹Die Inselmädchen von Ascona› 9 ‹... und bei Max im Emden-Haus, ziehen sie die Hemden aus›: Naturisten auf der Insel Brissago
Unbekannten, welcher der festen Überzeugung war, dass jedwede Nahrung, welche in Bodennähe gedeihe, nicht heilig genug und somit des Verzehrs nicht würdig sei. Folgerichtig ernährte er sich ausschliesslich von Kokosnüssen.
Nacktsein ist gesund, nicht sexy!
Henri ging es um mehr als nur gesunde Ernährung. Als idealistisches Oberhaupt der Bewegung lag ihm vor allem der erlöserische Aspekt des Naturismus am Herzen. Er wollte nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen heilen. Und so kam es, dass im Jahre 1902 das ‹Sanatorium Monte Verità› seine Pforten als vegetabilische Kuranstalt öffnete. Das Kernstück des Kurangebots bildeten die sogenannten ‹Lichtluftbäder›. Männliche und weibliche Gäste konnten sich dort getrennt voneinander nackt in die wärmende Sonne legen und ihre Haut der uneingeschränkten Zufuhr gesundheitsfördernder Luft aussetzen. Eine Analyse dieser Praxis gibt Aufschluss über das Verhältnis der Monte Veritaner zu ihrer Nacktheit. Nackt war man auf dem Monte Verità kinki report
vor allem aus hygienischen Gründen. Das mag paradox klingen, ist aber durchaus erklärbar. Der Körper, so Ida Hoffmann, befände sich ständig in einem selbstreinigenden Zustand. Über die Poren der Haut sondere er stetig organische Abfälle in Form von Gasen und Schweiss ab. Zwinge man den Körper in enge Kleider, so könnten diese Abfallprodukte nicht beseitigt werden. Die Luft funktioniert nach dieser Auffassung gewissermassen als Kehrichtwagen und gewährleistet die Reinigung und somit die Reinheit des Körpers. Nacktheit und Gesundheit bildeten ein unzertrennliches Begriffspaar.
Für stolze zwei Franken wurde jedem der Zutritt auf das Sanatoriumsgelände und die uneingeschränkte Observation der Naturisten gestattet. Die Beziehung zwischen Sexualität und Nacktheit wurde hingegen vehement geleugnet. Der nackte Körper an sich rufe keine lüsternen 36
Gedanken hervor, diese würden erst durch die bewusste Betonung erotischer Körperstellen mit Hilfe von Kleidung erweckt, meinte Hoffmann. Die Reformkleider, welche die Gäste zum gemeinsamen Essen oder zu kulturellen Veranstaltungen trugen, waren dementsprechend untendenziös. Betont taillenlose, sackartige Gewänder aus porösen Stoffen, welche dem griechischen Chiton der Antike ähnlich waren und heutzutage nur allzu perfekt in einen Edward Sharpe Videoclip passen würden. Die Tatsache, dass der sexuelle Aspekt nackter Haut dermassen intensiv verdrängt wurde, wirkt etwas suspekt und wirft eine Problemstellung auf, mit welcher der Naturismus bis heute zu kämpfen hat: Kann man Nacktheit tatsächlich vollumfänglich von der Erotik lösen? Wenn ja, wieso waren die Lichtluftbäder nicht gemischtgeschlechtlich? Für die stark katholische Tessiner Bevölkerung stand der erotische Aspekt der ‹nackten, langhaarigen Narren› jedenfalls im Vordergrund. Sie waren voller Empörung, aber auch durchaus neugierig. In Scharen wanderten sie den Hügel hoch um einen Blick auf die Nackten zu erhaschen. Maria Adler, eine ehemalige
Freundin Henris, welche sich nach einem Streit 9 von der Kolonie abgespalten hatte, errichtete am Fusse des Berges kurzerhand zwei Türme von denen aus man für ein Entgelt die entblössten Körper der Monte Veritaner in den durch Bretterwände nach aussen abgeschlossenen Lichtluftbädern begutachten konnte. Es entstand ein regelrechter Spannertourismus.
Tragischer Selbstmord
Die Kosten für die Errichtung des Sanatoriums waren höher ausgefallen, als zu Beginn von Henri vermutet. Er geriet in eine finanzielle Notlage und begann daher selber mit den Schaulustigen Geld zu machen. Für stolze zwei Franken wurde jedem der Zutritt auf das Sanatoriumsgelände und die uneingeschränkte Observation der Naturisten gestattet. Auch die Nacktheit wurde nun monetär ausgeschlachtet. Als Inszenierung auf Postkarten fand sie reissenden Absatz. Man ahnt es bereits jetzt: dies war der Anfang vom Ende. Henri versuchte seine Kolonie zu retten, indem er sie in diejenigen kapitalistischen Strukturen eingliederte, deren Abschaffung die ursprüngliche Forderung der Monte Veritaner war. Um den finanziellen Untergang des Sanatoriums zu verhindern, ging er immer mehr Kompromisse ein. 1910 verpachtete er den
Kann man Nacktheit tatsächlich vollumfänglich von der Erotik lösen? Wenn ja, wieso waren die Lichtluftbäder nicht gemischtgeschlechtlich? ganzen Betrieb an Walther Müller, einen ehemaligen Kurgast, welcher die Speisekarte um tierische Produkte erweiterte und überdies Kaffee, Wein und Tabakwaren anbot. Es kamen noch weniger Gäste. Die Anziehungskraft des Monte Verità beruhte stark auf dem Mythos des ‹edlen Wilden› nach Rousseau’schem Modell. Und dieser edle Wilde hat keine besondere Vorliebe für schicke Hotels. Als betriebswirtschaftliches Unterfangen war das Sanatorium von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Doch Henri und Ida glaubten weiterhin an ihren Traum vom gemeinsamen Wild-Sein. 1917 begannen sie damit, das gesamte Inventar des Sanatoriums zu liquidieren und zogen 1920 nach Spanien weiter. Dort gründeten sie wieder eine Kolonie, aber auch diese scheiterte. Sie siedelten über nach Brasilien, wo sich ihre Spur allmählich verliert.
Geistiges Erbe
Sieben Jahre nach Henris und Idas Verschwinden gründet der Schweizer Verleger Eduard Fankhauser die naturistische Vereinigung ‹Schweizer Lichtbund›, welche sich heute ‹Organisation der Naturisten Schweiz (ONS)› nennt und mit 4 200 Mitgliedern den grössten offiziellen Naturistenzusammenschluss der Schweiz bildet. Nur ein Jahr später beginnt ‹Edi› die Zeitschrift ‹Die Neue Zeit› zu publizieren. 1937 kauft er sich ein malerisches Stück Land am Zihlkanal und
beginnt damit, eine Oase für Naturisten aufzubauen. Heute ist diese Oase ein Campingplatz und heisst – wie bereits oben erwähnt – ‹Die Neue Zeit›. Thielle steht also in der unmittelbaren Tradition der Naturistenbewegung auf dem Monte Verità. Ein Blick in die Stiftungsurkunde der 1961 gegründeten Stiftung Die Neue Zeit untermauert dies: ‹Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreformer.› Als im Jahre 2004 Gerüchte über Spannerei, öffentlichen Geschlechtsverkehr und sexuelle Nötigung auf dem Gelände kursieren, gründen einige idealistische Naturisten das ‹Netzwerk Renaissance Thielle› und kämpfen erfolgreich für ein Thielle im Sinne der ‹echten› Naturisten. Kennt man ihre Geschichte, so verändert sich unweigerlich das Bild der Thieller. Diese Menschen hier sind nicht einfach willkürliche Nackte, die sich gegenseitig aufgeilen wollen, 37
sondern anders denkende Naturromantiker mit einer alternativen Vorstellung vom Leben. Ihr Ruf nach Entschleunigug trifft in unserer von Digitalisierung und Globalisierung dominierten, postmodernen Konsumkultur durchaus den oppositionellen Zeitgeist. Und scheint daher heute mindestens so aktuell zu sein wie zu Henris Zeiten. Literatur zum Thema: Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber Verlag Michael Andritzky / Thomas Rautenberg (Hgg.): Wir sind nackt und nennen uns Du. Eine Geschichte der Freikörperkultur. Anabas Verlag Bilder 1, 4, 8, 9: Huber Verlag (Orell Füssli) Bilder 2, 3, 5-7: Anabas Verlag
querschläger alles, ausser angepasst
Julie Bernard* bietet behinderten und ‹sexuell auffälligen› Männern eine intime Partnerschaft auf Zeit. Und das, ganz ohne dazu in eine andere Rolle schlüpfen zu müssen. Text: Rainer Brenner, Foto: Daniel Tischler
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ulie* heisst uns in ihrem ‹barrierefreien› Haus im Bernbiet willkommen. Sie ist eine Frau im besten Alter, ihre Erscheinung wie auch ihr dreistöckiges Haus wirken elegant und äusserst gepflegt. Im unteren Stock erwartet den Kunden ein grosses rundes Bett mit Aussicht auf ein beeindruckendes Panorama. Julie verschwindet nach der Begrüssung mit flinken Schritten in den oberen Stock, um mit einem Tablett mit Champagnergläsern und Ananasstückchen zurückzukehren. ‹Ich möchte euch schliesslich genauso gut empfangen wie die anderen, die hierher kommen.› ‹Die anderen›, das sind Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, mit mangelnder sexueller Erfahrung oder mit einem Hang zu sexuell auffälligem Verhalten, darunter auch Sexualstraftäter. Seit zweieinhalb Jahren bietet Julie hier in ihrem Haus mit den Panoramafenstern diesen Leuten intime Stunden an, geht mit ihnen in ihrer Rolle als Sexualbegleiterin eine ‹Surrogatpartnerschaft› ein. Dass ihre Berufung nicht gerade einfach zu fassen oder zu verstehen, geschweige denn darzustellen ist, zeigte sich vorab bereits auf Julies Website: Dort finden sich nebst Erklärungen zum Begriff der Empathie auch Bilder von ihr, auf denen sie sich in sexy Posen an einen Rollstuhlfahrer schmiegt. Und irgendwie scheint diese Mischung zwischen Krankenkassenflair und prickelnder Stimmung auch in ihr Studio Einzug gehalten zu haben. Auf dem Glastisch liegen Zeitschriften von medizinischen Verbänden, neben dem Bett steht ein Paar knallrote Pumps und auf dem Nachttisch warten verschiedene Kistchen und Kästchen mit erotischem Inhalt auf die neugierigen Augen der Besucher. Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die diesem Ort trotz der obligaten bildlichen Verweise auf die körperliche Liebe eine ungezwungene Atkinki querschläger
mosphäre verleiht. Julie setzt sich neben mich und denkt über meine Fragen nach. Und wenn Julie nachdenkt, schliesst sie ihre grossen Augen. Ihr Lachen klingt jung und herzhaft und wenn sie von ihrem Beruf und ihrem Leben spricht, tut sie das sichtlich zufrieden und unbeschwert. Denn irgendwie macht alles Sinn. Sogar die zwei Lampen in Eisbärenform, die uns draussen von der Terrasse her wie Voyeure beobachten.
Interview kinki magazine: Wie bist du zu diesem Beruf gekommen, Julie? Julie Bernard: Ich hatte früher als Reittherapeutin schon viel mit Behinderten zu tun. Auf langen Waldspaziergängen redeten wir viel über Intimes, ich habe gemerkt, dass diese Leute extrem grosse Schwierigkeiten haben, einen Partner zu finden, ihre Sexualität zu leben. Das ist ja für einen ‹normalen› Mann oft schon nicht das einfachste, wenn dann aber noch die Behinderung dazukommt oder man nicht recht mit seiner eigenen Sexualität umzugehen weiss, gestaltet sich die Partnersuche noch einiges schwieriger. Vom Waldspaziergang als Reittherapeutin zu deinem jetzigen Beruf liegen aber Welten, oder? Ja, stimmt. Ich wollte mich damals sowieso beruflich neu orientieren. Ich führte damals mit meinem jetzigen Partner eine sehr leidenschaftliche Beziehung. Nach gutem Sex philosophierten wir manchmal darüber, wie wir unsere sexuelle Energie denn einsetzen könnten. Ich habe ein sehr gutes Gespür für sexuelles Potenzial, das wollte ich nutzen. Ich habe mich dann informiert und mich ausbilden lassen. Allerdings war das damals der letzte Studiengang zur Sexualbegleiterin, eine prozessori-
entierte Ausbildung, die auch viel Wert auf Selbstreflexion legt. Da das kein geschützter Titel ist, nehmen ihn leider viele zwielichtige Frauen für sich in Anspruch, die Situation ist momentan also alles andere als gut. Der Titel wird sehr oft von Leuten missbraucht, die nicht auf das Innere eines Menschen eingehen, sondern sich nur auf körperliche Abläufe beschränken.
Und ich habe ein gutes Gespür dafür, wie man sich auch wieder abnabelt. Klar kommt immer wieder mal die Frage ‹Gibt’s von deiner Sorte nicht noch mehr?›, aber unsterblich hat sich noch niemand verliebt. Ich pflege mit vielen Kunden auch im Nachhinein noch einen intensiven Mailkontakt, unsere Beziehung hört nicht an der Türschwelle auf.
Zu deinen Kunden gehören nicht nur Behinderte, sondern auch Straftäter und ‹Leute mit sexuell auffälligem Verhalten›. Sexuell auffällig heisst in diesem Sinne oft gewalttätig, ist das nicht enorm schwierig? Nein. Ich habe einen guten ‹Spamfilter›, ich weiss, wenn ich von etwas die Finger lassen muss. Diese Leute wünschen sich oft Rollenspiele, dadurch gibt man dem Ganzen einen vorher vereinbarten, geschützten Rahmen. Viele dieser Leute verlieren dadurch, dass sie die Möglichkeit bekommen, ihre Tendenzen ausleben zu können, den Druck, der auf ihren Schultern lastet. Oft verschwindet dadurch auch das Ausleben der Gewalt. Wirklich passieren tut in den meisten Fällen nichts grossartiges, es geht auch bei diesen Leuten um Nähe und Zuneigung. Oft reicht dann wirklich ein einfaches ‹Stopp›. Die Leute lernen dadurch, wie man mit seiner eigenen und der Sexualität des Partners umgeht.
Schämen sich denn die Männer, zu dir zu kommen? Bis ein Mann sich eingesteht, dass er Hilfe in diesem Bereich braucht, ist er meist fast schon am inneren Druck zugrunde gegangen. Ausserdem ist meine Arbeit in der Gesellschaft nicht wirklich akzeptiert, weil man zu wenig darüber weiss.
Die Beziehung, die du mit deinen Klienten führst, ist eine Beziehung auf Zeit. Ist es nicht schwierig, diese wieder aufzuheben? Verlieben sich die Männer nicht unsterblich in dich? Natürlich muss ich den Leuten sehr nahe kommen, um ihre intimsten Wünsche zu erfahren. Der Moment, in dem der Klient aber das Geld zur Hand nimmt, zeigt ihm ganz klar, dass es sich auch um eine Dienstleistung handelt. 38
Du bist kein grosser Freund unserer Gesellschaft, oder? Ja, das stimmt vielleicht (lacht). Schon als kleines Kind merkte ich, dass ich etwas anders, sehr direkt bin. Ich sagte immer, was ich denke, auch wenn ich dafür gescholten wurde. Dadurch zog ich mich halt eher zurück. Ich hatte auch schon früh sexuelle Erlebnisse, mit 13 Jahren, das war für mich aber nie was extrem Aussergewöhnliches, sondern einfach eine erweiterte Form der Kommunikation. Dieses Denken ist in unserer Gesellschaft vielleicht nicht ganz üblich. Ich habe noch nie so ganz gesellschaftskonform gelebt, denke ich. Sind wir denn vielleicht alle ein bisschen behindert und sexuell gestört? Ja, vielleicht (lacht). Das dürfen wir ja auch. Solange man selbst damit kein Problem hat, ist das auch völlig okay. * Name von der Redaktion geändert.
‹Sex ist eine erweiterte Form der Kommunikation.›
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Point Blank
‹It smells like rain. It sounds like rain. It even tastes like rain. And yet we’re perfectly dry. It’s mind over matter, Fogg. We’ve finally done it! We’ve cracked the secret of the universe!› (Paul Auster: ‹Moon Palace›) Text und Interview: Bastian Steineck, Fotos: I Like Visuelle Kommunikation kinki kunst
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s ist, als ob eine äussere Hülle jede externe Kommunikation unterbindet: Das Locked-in-Syndrom macht es, zum Beispiel als Folge eines Unfalls oder eines Schlaganfalls, dem Menschen unmöglich, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen – obwohl er bei vollem Bewusstsein ist. Der Performance-Künstler Sebastian Klemm beschäftigt sich in seinem Projekt ‹point blank / the initiation› mit dem Zustand, sich nicht mehr bewegen zu können. kinki Autor Bastian Steineck traf Sebastian in seinem Atelier in Stuttgart zu einem Gespräch über visionäre Qualitäten, Willenskraft und Paartanz zu elektronischer Musik.
Interview kinki magazine: Muss man ein besonders bewusstes Körpergefühl besitzen, um Performance-Künstler zu sein? Sebastian Klemm: Ich suche gerne die Erfahrung an mir selbst, um meinen Körper als Werkzeug kennenzulernen und herauszufinden, welche Wahrnehmung über den Körper
ganzheitlich möglich ist. Jeder Mensch hat ein grundsätzliches Körpergefühl und ein Bewusstsein dafür. Dieses normale Gefühl ist mir wichtiger als irgendein inszeniertes, überzeichnetes Körpergefühl. Womit ich arbeite, ist die Authentizität. Jeder Teilnehmer hat seine Möglichkeiten und bringt mit, was er mitbringen kann. Diese Authentizität überträgt sich auf die Bühne, denn jede inszenierte Form von Bewegung schafft gleichzeitig Distanz. Authentische Körper wirken dagegen für sich selbst. Ist eine Bewegungs-Performance, die am ‹point blank› beginnt, nicht ein Widerspruch an sich? Mich hat das schicksalhafte Moment inspiriert, in dem jemand durch einen Unfall oder einen Gehirnschlag seiner gänzlichen Artikulationsmöglichkeiten beraubt ist. Das Interessante für mich ist der Unterschied zu dem Zustand, in dem wir hoffentlich gesund auf die Welt kommen: Dann erlernen wir die verschiedenen Fähigkeiten – die Balance zu halten, laufen, gehen, uns zu verständigen – in einem unterbewussten, gewohnheitsbedingten Prozess. Aber welche Perspektive hat der Mensch
in dem Augenblick, in dem das alles gekappt wird? Er ist ja nicht tot, er ist vital, seine Lebenskraft ist noch da. Ich glaube, dass der Mensch allein durch seine Willenskraft seinen eigenen Zustand beeinflussen kann. Das ist der Zusammenhang zwischen Körper und Geist, der in der veralteten Philosophie noch getrennt voneinander betrachtet wird, die Durchlässigkeit von Umwelt und Mensch. Wo beginnt sie, wo hört sie auf? Und die bewegungslose Tänzerin in ‹point blank› erlangt ihre Fähigkeiten wieder? Im Startmoment ist die Person um all ihre Möglichkeiten beschnitten. Dann wird eine gewisse Art der Regeneration beschrieben, die durch Selbstkonditionierung motiviert wird. Der Mensch schafft es ähnlich wie Münchhausen: Er zieht sich zwar nicht selbst aus dem Wasser, aber er kommt eben doch durch diese Vision dorthin, wo er sich hindenkt. Sogar dann schafft er es, diese Situation zu beeinflussen und zu verändern. Wir machen uns schliesslich immer Gedanken, denen wir Entscheidungen und körperliche Handlungen folgen lassen. Also ist der Geist doch stärker als der Körper, unsere äussere Hülle führt nur Befehle aus? Ich merke an mir selbst, dass es Momente gibt, in denen ich mehr die körperliche Erfahrung suche und dann wiederum vergeistige ich mich, tauche ab, um etwas gedanklich zu greifen. In meinen Stücken versuche ich das zu verbinden. Braucht es diese Ausdifferenzierung in verschiedene Räume und Komplexe? Das Selbstbewusstsein eines Menschen definiert sich zum Beispiel nicht nur über die geistige Empfindungs- und Erfahrungswelt, sondern auch über körperliche Grenzen. In einer meiner Performances suchen zwei Menschen gegenseitige Nähe, können diese aber nur durch Kollisionen finden, weil sie nicht wissen, wie sie aufeinander zugehen sollen. Immer dann, wenn sie beieinander sind, fallen sie auseinander und werden zu zwei getrennten Körpern. Das ist für mich auch im sexuellen Akt das Faszinierende: Wo liegt in dieser vermeintlichen Vereinigung die Motivation, was passiert da eigentlich? Oder ein anderes Beispiel: Zu einer Party mit elektronischer Musik geht man wegen des DJs
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‹Ich glaube, dass der Mensch allein durch seine Willenskraft seinen eigenen Zustand beeinflussen kann.› oder wegen des Gefühls, das die Musik ausübt. In dieser Menge gibt es aber keinen klassischen Paartanz, in dieser Menge verschwindet man, wird einer von vielen. Aber trotzdem sind alle durch ein übergeordnetes Motiv verbunden. Ist der Körper also reines Medium, um Gedanken umzusetzen? Ich glaube, der Körper ist mit seiner Sinnhaftigkeit unmittelbar an die geistige Erfahrung geknüpft. Der Körper ist die Übersetzung unserer Erfahrung, daran hängen Zeit, Raum und Identität. Bei ‹point blank› stellt sich die Frage: Wenn du keinen Körper hast, wenn du die Umwelt und dich selbst nicht mehr wahrnehmen und mitteilen kannst, was passiert da? Ist der Mensch noch komplett? Welches Gefühl übt das Bild, im eigenen Körper gefangen zu sein, in ‹point blank› auf dich aus? Das bewegt sich zwischen Beklemmung und Faszination. Faszinierend ist die Qualität der Selbstkonditionierung, der Transzendenz: Es gibt etwas, das man nicht direkt verorten kann, das nur durch das Zusammenspiel der Sphären entsteht, so dass der Mensch es schafft, nur durch seine geistige Wachheit und die Konnektivität den Anschluss an den Körper wiederherzustellen.
War das dein Antrieb, ‹point blank› zu entwickeln? Den Ausschlag gab eine Begegnung in einem Café mit einer Frau, die eine wahnsinnige Ausstrahlung hat. Ich wollte diesen Menschen unbedingt kennen lernen. Sie erzählte mir, dass sie lange im Krankenhaus war und die Ärzte ihr keine guten Aussichten versprachen, ihre Körperfähigkeit wiederzuerlangen. Und jetzt sass die Person mir gegenüber, mit einer alles in den Wind schlagenden Vitalität und Energie, mit einer grossen Präsenz. Sie hat es geschafft, den kritischen Zustand zu überwinden und das, was sie vorher unbewusst erlernt hatte, willentlich neu zu erlernen.
‹Der Körper ist die Übersetzung unserer Erfahrung, daran hängen Zeit, Raum und Identität.› Diese optimistische Perspektive möchtest du vermitteln? Ja. In jeder noch so prekären Situation ist der Mensch noch Mensch und hat diese visionären Qualitäten, mit denen er sich ein Stück weit von allem befreien kann. Genau das möchte ich erlebbar machen, als sinnliche Erfahrungswelt für das Publikum. Die Übersetzung auf die Bühne ist eine verstiegene Konzeption, darin verliert man sich wie in einem Buch: Wenn du liest, spürst du im besten Fall das Sofa nicht mehr und fühlst dich in die Geschichte hinein. kinki kunst
‹Wenn der Wille und die Vorstellungskraft nicht mehr da sind, wenn man den Drang nicht mehr hat, dann wird das Leben zum Erliegen kommen. › Wie wichtig sind die anderen Akteure für den Regenerationsprozess der Tänzerin? Die Personen und die Medien auf der Bühne sind ein Spiegel der Innenwelt der Tänzerin, aber gleichzeitig auch äussere Akteure. Denn ohne eine Verbindung, ohne Ansprache und Fürsorge, ohne die Möglichkeit, Dinge mitzuteilen, zu erwidern und zu reagieren, stirbt man irgendwann. Wenn der Wille und die Vorstellungskraft nicht mehr da sind, wenn man den Drang nicht mehr hat, dann wird das Leben zum Erliegen kommen. Das ist die traurige Variante, das traurige Pendant zu ‹point blank›. Die Gegenstände auf der Bühne sind zunächst verstreut und ohne Bindung zueinander, später setzen sie sich zu einem grossen Ganzen zusammen. Wofür stehen sie? Alle Objekte, auch das Licht und die Medien, bewegen und verändern sich und spiegeln den Fortschritt der Person wider. Sie konzentrieren sich räumlich von chaotisch und unwirklich hin zu einem klar lesbaren Ausdruck. 42
Das hört erst auf, wenn die Tänzerin ihre eigenen Ausdrucksmöglichkeiten gefunden hat. So wird dieser Prozess erlebbar gemacht. Liegt darin die grosse Stärke der PerformanceKunst? Du hast Architektur studiert, auch dort geht es um Prozesse und Entwicklungen. Die Performance-Kunst hat sich für mich aus der Architektur heraus entwickelt. Ich hatte schon vor dem Studium ein grosses Interesse an Theater, Tanz und Kunst, da entstand dann eine Eigendynamik. In die Projekte im Architekturstudium habe ich mich geistig sehr verstiegen, das war ein Fass ohne Boden, du tauchst endlos durch Bücherwelten und Kunstausstellungen. Ich habe dort Umgebungen entworfen und Wirklichkeiten für andere Menschen erzeugt, in denen diese dann leben, arbeiten, sich bewegen – daraus hat sich dann der Wunsch entwickelt, mehr als eine Realität zu suggerieren und das, was ich meine, unmittelbar erlebbar zu machen. Es ging immer um die Frage, welche Gefühle vermittelbar sind. Nach der Exmatrikulation bekam ich dann die Zusage für mein Atelier, das war ein wahres Auffangbecken. In der Performance-Kunst kann ich poetischer arbeiten als bei Architekturprojekten. Weitere Info findest du unter pointblank-theinitiation.org.
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Eine gute Garderobe beinhaltet mehr als die Must-Haves der Saison, soviel ist klar. Wer nämlich modische Weitsicht beweisen will, der setzt auf schlichte Klassiker und somit auf zeitlose Eleganz. Denn nach der Saison ist immer auch schon vor der Saison ... Text: Florence Ritter, Foto: Gerhardt Kellerman
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igentlich wollen diese Fashionlabels alle dasselbe: die solide modische Grundausstattung der Garderobe jedes stilbewussten Städters kreieren. Dafür haben sie sich alle dieselben Werte auf die Stirn geschrieben und wiederholen sie wie ein Mantra zum guten Leben: Qualität, Simplizität, Komfort und modische Schnitte. Dank Langlebigkeit und zeitlosem Design lohnt sich diese Investition aber wirklich.
Humanoid
Wie ein Mensch steht Humanoid, das niederländische Label von Sandra Harmsen und Hans Boelen, auf zwei Füssen, fest verankert und zufrieden. Seit 1981 greifen sie zu Erdund Grautönen, als hätten sie die Farben der Saison längst für sich gepachtet. Und auch ihr Fokus auf Haptik und Qualität der Stoffe ist so zeitgenössisch und beliebt wie die schlichten Schnitte der Kleider. Zarte Plissés bilden den kleinen Unterschied auf feinem Kaschmir, weicher Baumwolle, Velours und Leder. humanoid.nl
Filippa K
Seit 1993 schliesst Filippa K die Lücke zwischen grossen schwedischen Billiganbietern und kostspieligen High-End-Labels. ‹Stil, Einfachheit und Qualität› heisst die Devise für Männer- und Frauenbekleidung. Die Kleider sollen nicht saisonal aus der Mode fallen, sondern sich aufgrund des beständigen Tragens und des zeitlosen Designs amortisieren. Dies unterstreicht auch die Bemühungen des Labels, umweltbewusst Kleider zu produzieren – ebenso der kürzlich eröffnete Filippa K Secondhand Shop in Stockholm. filippa-k.com
James Perse
Die Kollektionen von James Perse verwischen nach dem Motto ‹Low maintenance high fashion› die Grenzen von luxuriösen Basics und bequemer Casual-Kleidung. Beeinflusst von sportlichen Aktivitäten und seiner Passion für minimalistische Architektur entwirft James Perse seit 1996 unter seinem West Coast Brand T-Shirts, Sweater und legere Hosen mit eleganten Linien für Männer, Frauen und Kinder. So puristisch kann Schönheit sein. jamesperse.com
Acne
Die Gründung des Labels Acne 1996 setzte dem Hype um die modebewussten Schweden das Krönchen auf und entfachte ein fanakinki mode
tisches Interesse am Lifestyle Brand, das bis heute anhält. Acne giesst Basics durch geradlinige oder asymmetrische Schnitte und Details in ihre aparte zeitgenössische Form. Und auch der neueste Streich, das ‹White Art / T-Shirt Project›, nimmt sich dem Grundbaustein moderner Kleidung an: dem weissen T-Shirt. Dieses wurde von vier aufstrebenden Künstlern neu interpretiert, sprich mit ihrer künstlerischen Note versehen und ist nun ganze 230 Dollar wert. Mit dem Erlös unterstützen sie junge Kreative, aber für Acne langt man ja generell gerne etwas tiefer in die Tasche. acnestudios.com
C.P. Company
Als ‹eine Küche, in welcher der Koch nie müde wird, Ingredienzen in neuen Proportionen zu mixen, um einen neuartigen Geschmack zu erkunden›, beschreibt der Inhaber Carlo Rivetti sein Label C.P. Company. Inspiriert von Uniformen, welche Funktionalität – die primäre Eigenschaft von Kleidung – und Eleganz kombinieren, setzt die italienische Männermarke seit 1975 schlichte und funktionale Kollektionen um. Für die Färbung von Kleidern und Schuhen hat das hauseigene ‹Research Colour Laboratory› 60 000 Farbformeln ertüftelt. cpcompany.com
Adddress
Zugegeben, das deutsche Label Adddress ist nicht ganz so ‹basic›, lieber möchte sich Andreea Vrajitoru Saison für Saison neu erfinden. Ihre Kleider weisen alle einen speziellen Schnitt auf, sind aber doch sehr tragbar, ästhetisch und eben markttauglich. So verfügen die Kleider jeweils über einen modischen Twist; die Hommage an die Vorlage, wie das kleine Schwarze oder den klassischen Wintermantel, ist dennoch erkennbar. Schlussendlich sind die Kunden für ganz ausgefallene Designs nämlich doch zu prüde und setzen auf Nummer sicher – Basics kommen eben nie aus der Mode. adddress.de
Realisation: Helena Dietrich Styling: Theresa Brar Herzlichen Dank an Ave Stuttgart, ave-anziehsachen.de 46
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Poncho Cardigan: Filippa K
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Schnürschuhe: C.P. Company
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Matchbag: Theresa Brar
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Jersey Pocket Dress: Filippa K
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Long Racer Tank: Acne
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Rover Cashmere Leggins: Humanoid
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Grey Sweater: Filippa K
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Scarf: Codello fancy scarf
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Viel L채rm um ein H채utchen
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Das beste Stück des Mannes ist ein empfindliches Thema. Vor allem, wenn genau dort das Messer angesetzt wird. Die Beschneidung ist zwar nur ein kleiner Schnitt, erhält aber immer wieder mannshohe Bedeutung, wenn es um Religionen, Gesinnungen, Gesundheit oder Körperverletzung geht. Ist die Beschneidung ein religiöses Gebot, eine gesundheitliche Vorsorgemassnahme oder gar Verstümmelung? Text: Katrin Meier, Illustration: Daniel Strohhäcker
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ie Männer des britischen Königshauses sind beschnitten, ebenso drei Viertel der Amerikaner. Juden und Moslems fehlt allen ein Stückchen ihres besten Stücks. Weltweit sind es ungefähr 665 Millionen Männer, die beschnitten sind. Es dauert nur fünf Minuten und ist vielerorts eine Selbstverständlichkeit. Jedoch wird über kaum ein Ritual, das so alt und so verbreitet ist, so heftig diskutiert wie über die Beschneidung.
Wenn der Mohel das Messer zückt
Bei der Beschneidung von Jungen im Judentum, der Brit Mila, setzt der Mohel, der Beschneider, am achten Tag nach der Geburt das Messer an. Mit einem Mohel zu sprechen, ist indes kein einfaches Unterfangen. Schliesslich erklärte sich einer von einem halben Dutzend zertifizierter Beschneider in der Schweiz dann doch zu einem Gespräch bereit. Per Telefon, anonym. ‹Arzt bin ich nicht›, sagt er. ‹Ich habe zwar einige Semester Medizin studiert, das Handwerk des Beschneidens lernte ich aber vor 25 Jahren bei einem Mohel in Israel.› Erst nach bestandener Lehrzeit und einer Prüfung erhielt der Mohel ein Zertifikat von der jüdischen Kommission für Zirkumzision in Israel. Jährlich beschneidet er seither rund zwanzig Jungen. Eine jüdische Beschneidung finde meist morgens statt, erzählt der Mohel. ‹In der Mitte stehen zwei Stühle. Auf dem einen sitzt eine Person, die das Kind auf einem Kissen im Schoss hält, oft ist es der Grossvater. Der andere ist leer.› Der Grossvater hält dem Kind die Beine auseinander. Der Mohel hebt die Vorhaut ab und zieht eine Klemme darüber um die Eichel zu schützen. Mit einem skalpellartigen Messer schneidet er das äusserste Stückchen ab. Der Rest der Vorhaut wird umgestülpt, damit er unter der Eichel wieder verwachsen kann. Das Kind weint. Nach einigen Minuten blutet es nicht mehr. Die Wunde wird verbunden.
Körperliches Zeichen des Bundes ‹Im Judentum ist die Beschneidung das Zeichen des Bundes zwischen Gott und Abraham›, sagt Marcel Yair Ebel, Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich. Jeder Junge wird bei der Brit Mila in diesen Bund aufgenommen und wird zum vollwertigen Mitglied des jüdischen Volkes. Dies sei eines der wenigen Gebote, das ununterbrochen über Jahrtausende hinweg in allen jüdischen Kreisen eingehalten wurde. Im Gegensatz zu den Juden können sich Muslime mehr Zeit lassen. Vor der Pubertät sollten aber alle Jungen beschnitten sein. Die Beschneidung ist im Islam keine religiöse Pflicht, sondern eine Empfehlung zur Hygiene, eine sogenannte Sunna. Der Prophet Mohammed, der selbst ohne Vorhaut zur Welt gekommen sei, empfiehlt neben der Beschneidung auch die Entfernung der Achsel- und Schamhaare, das Kürzen des Schnurrbarts und das Schneiden der Fingernägel. In der Schweiz gibt es keinen offiziellen muslimischen Beschneider. So werden hier die meisten Jungen für den kleinen Schnitt zum Arzt gebracht. Über die Ursprünge der weltweit verbreiteten Beschneidung ist wenig bekannt. Es wird jedoch angenommen, dass das Ritual auf die Urvölker in Nord- und Ostafrika sowie in Australien zurückgeht. Die älteste Darstellung ist ein ägyptisches Relief um 2300 vor Christus. Die Juden führen die Beschneidung auf die Thora zurück und datieren die Offenbarung des Gebots von Gott an Abraham ungefähr 3724 Jahre zurück. Wer heute als Aussenstehender in islamischen und jüdischen Kreisen nach der uralten Praxis fragt, stösst auf Widerstand und Unmut. Viele verschliessen sich lieber − aus Angst, der uralten Kritik neuen Nährboden zu geben.
Das Häutchen, das trennt
Das kleine Körperteil, nicht mehr als ein Häutchen, bewegt seit mehreren Jahrtausenden die Gemüter, sowohl von beschnittenen wie 49
unbeschnittenen Männern. Gerade weil dieses Häutchen im Zentrum des männlichen Körpers symbolisch für den gesamten Körper steht, reagieren Kritiker und Vertreter empfindlich. Ob das Häutchen noch da ist oder nicht, definiert den jüdischen oder muslimischen Körper und trennt ihn von Andersgläubigen. ‹Die Beschneidung hebt einen Juden optisch von einem Nichtjuden ab, denn die Art und Weise der jüdischen Beschneidung unterscheidet sich von jeder anderen›, sagt Rabbiner Ebel. Kritisiert wird der Brauch fast schon so lange, wie er existiert. ‹Im 19. Jahrhundert wurde die Beschneidung als archaisches Ritual betrachtet und mit Krankheiten und der Gefährdung der Gesundheit in Verbindung gebracht›, sagt der Medizinhistoriker Eberhard Wolff. ‹Es gab immer wieder Gerüchte, ein syphilitischer Mohel habe kleine Kinder angesteckt und getötet.› Diese Kritik war oft antisemitisch motiviert. Man nahm das kleine Häutchen als Aufhänger dafür, die Juden als Ganzes anzuklagen.
Psychologische Schäden und Unfruchtbarkeit
Heute werden von den Kritikern hingegen meist psychologische Argumente ins Feld geführt. Die Jungen seien durch das Erlebnis einer ansatzweisen Kastration traumatisiert, würden psychologische Schäden davontragen. Man spricht sich für das Recht der körperlichen Unversehrtheit aus. Ein Kind solle selbst entscheiden dürfen, was mit seinem Körper geschieht. Obwohl sich religiöse Kreise stark gegen Kritik von aussen wehren, werden solche Themen auch innerhalb der Gemeinschaften diskutiert. Vor allem jüdische Mütter in den USA unterstützen solches Gedankengut und wehren sich gegen die ‹Verstümmelung› und die damit verbundene Traumatisierung ihrer Söhne. In den USA existieren zahlreiche Organisationen wie die National Organization of Restoring Men oder die MGMbill.org, wo Männer zusammen um den Verlust ihrer Vorhaut trauern und
sich für ein Verbot der männlichen Beschneidung stark machen. Der Eingriff sei eine strafbare Körperverletzung, auch wenn die Eltern eingewilligt hätten. Es wird von Verstümmelung gesprochen, von archaischer Praxis und lebenslangen Schäden wie der Unfähigkeit zum Geschlechtsverkehr oder Unfruchtbarkeit.
Beschneidung gegen Onanie
Als einziges Land der Welt hat Schweden seit 2001 ein Gesetz, das die nicht-ärztliche Beschneidung von Jungen, die älter als zwei Monate sind, verbietet. Rituelle Beschneidungen an kleineren Kindern, wie die Brit Mila, müssen unter Anästhesie und im Beisein einer Krankenschwester oder eines Arztes durchgeführt werden. So will man gesundheitlichen Schäden vorbeugen und es dabei dennoch allen recht machen. Auch in der Schweiz flackerte die Beschneidungsdiskussion kürzlich auf. Anfang 2010 wollte der Vorstand der Grünen im Zusammenhang mit der Mädchenbeschneidung auch diejenige von Jungen ‹offen diskutieren›. Die Befürworterseite wehrt sich schon seit jeher gegen Kritiker. Die Beschneidung sei ein wirksames Mittel gegen das Laster der Onanie, war früher ein beliebtes Argument. Die Unterbindung der Selbstbefriedigung ist wohl mit ein Grund, warum die Beschneidung in den puritanischen USA der 1960er-Jahre zur medizinischen Routinemassnahme wurde. Über 80 Prozent der Jungen, egal welcher religiösen Zugehörigkeit, wurden bei der Geburt in einem amerikanischen Spital beschnitten. Es lagen meist keine medizinischen Gründe wie etwa eine Phimose, eine Vorhautverengung, vor. Manchmal wurden die Eltern nicht einmal gefragt.
selbst zum Islam konvertierte – allerdings pro forma und ohne den kleinen Schnitt – stand er der Beschneidung ambivalent gegenüber. ‹Müssen wir ihm das antun?›, fragte sich Signer. Schliesslich beschlossen die Eltern, den 6-Jährigen beschneiden zu lassen. ‹Als unbeschnittener Mann in Senegal hätte er mehr Schwierigkeiten gehabt als beschnitten in der Schweiz.› Signer liess seinen Sohn in einem Militärspital in Dakar beschneiden – unter Lokalanästhesie.
Wie ein Shar-Pei
Der entscheidende Schnitt am besten Stück hat trotz seiner langen Tradition nichts an Aktualität verloren. Die Beschneidung wurde auch ganz unabhängig von religiösen oder gesundheitlichen Gründen zur Modeerscheinung in den USA und anderen Ländern. Männer lassen sich aus ästhetischen Gründen beschneiden oder weil die robustere Penishaut für längere Standhaft-
‹Ich fragte mich nach dem Sinn, als wir diskutierten, ob wir unseren Sohn beschneiden lassen wollten oder nicht.›
Aids-Prävention?
Doch das Onanie-Argument taugt schon lange nicht mehr zur Rechtfertigung der Beschneidung. Heute werden gesundheitliche und hygienische Vorteile betont. Darunter die Verhinderung von Harnweginfektionen sowie von Penis- und Gebärmutterkrebs. Viele Wissenschaftler sind der Überzeugung, die Beschneidung verringere zudem das Risiko der HIVÜbertragung. Die WHO propagiert die Beschneidung vor allem im südlichen Afrika, da laut Studien bis zu 60 Prozent weniger HIV-Ansteckungen stattfanden, wenn der Mann beschnitten war. Erklärt wird dieser Befund dadurch, dass die Haut des Penis ohne Vorhaut robuster wird und dadurch eine bessere Barriere gegen Viren darstellt. Es wird aber betont, dass die Beschneidung nicht als einzige Massnahme gegen das Immunschwäche-Virus eingesetzt werden darf. Sie sei nur ein Schnitt in die richtige Richtung. Kritiker verweisen wiederum auf andere Studien, die das Gegenteil behaupten. ‹Ich fragte mich nach dem Sinn, als wir diskutierten, ob wir unseren Sohn beschneiden lassen wollten oder nicht› sagt David Signer. Der Ethnologe und Schriftsteller ist mit einer Muslimin aus Senegal verheiratet. Obwohl er kinki report
igkeit sorgen soll. Man könne so Frauen besser befriedigen, liest man in Online-Foren zum Thema. Jedoch gehen auch hier die Erfahrungen auseinander. Wissenschaftliche Studien sollen festgestellt haben, dass Frauen beschnittene Männer erotischer finden. Dass dies oft Samples von amerikanischen Frauen waren, von denen viele noch nie einen unbeschnittenen Penis gesehen haben, wird dabei nur am Rande angemerkt. Jedoch scheint diese Meinung vor allem in den USA vorzuherrschen – wenigstens wenn man der amerikanischen Fernsehserie ‹Sex and the City› Glauben schenken soll: Die vier Damen sprechen in einer Folge angewidert vom unbeschnittenen Penis, bezeichnen ihn als ‹einfach nicht normal› und vergleichen ihn mit einem Shar-Pei, der chinesischen Hunderasse mit den vielen Falten. Es scheint also, als ob die grosse Diskussion ums kleine Häutchen noch lange nicht ausgestanden sei ...
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Haut und Knochen
Geist und KÜrper endlich vereint: Reliquien gehÜren zu den fassbarsten Phänomenen der Religion. Oder vielleicht doch nicht? kinki report
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Ein verlorenes Nastuch von Scarlett Johansson oder ein liegen gelassener Lippenstift von Lady Gaga und schon geht die Prügelei los. Ein neuartiges Phänomen? Mitnichten. Was heute die Stars sind, das waren früher die Heiligen. Der moderne Starkult ist gegenüber manchen Exzessen des Mittelalters geradezu harmlos. Gläubige verehrten Gewänder oder Gebeine so sehr, dass sie bereit waren, dafür zu morden. Als Ausdruck der Verehrung biss man sogar in die Knochen von Verstorbenen. Eine kleine Geschichtsstunde über Reliquien. Text: Jens Dierolf, Illustration: Enrico Nagel
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ie Vorhaut Christi verschwand vor 28 Jahren unter mysteriösen Umständen. Bis dahin hatte die Verehrung der sakralen Überreste Tradition in Calcata, einer kleinen mittelalterlichen Felsstadt fünfzig Kilometer nördlich von Rom. Jedes Jahr an Neujahr versammelten sich in der Gemeinde Gläubige und Schaulustige zur Prozession, so auch im Jahr 1983. Im Leben von Ortspriester Dario Magnoni muss es der schwerste Gang gewesen sein, als er den Wartenden bekannt gab, Diebe hätten die Reliquie aus seinem Pfarrhaus gestohlen. Ein Skandal. Aber steckten tatsächlich Einbrecher dahinter? Vielleicht die Hippies von Calcata oder gar eine Sekte? Gerüchte kamen auf: Hatte der Pfarrer selbst die heilige Vorhaut heimlich und teuer an einen wohlhabenden Gläubigen veräussert? Auch die katholische Kirche stand rasch im Verdacht, denn der Kult um die Reliquie schien dem Vatikan seit langem peinlich zu sein. Zu bizarr tönt die Legende um den Hautfetzen.
Verschollen im Verlies
Wie wahrscheinlich war es schon, dass die Vorhaut des Jesuskindes, Sohn eines einfachen Zimmermannes, vor etwa 2 000 Jahren nach einer gewöhnlichen Beschneidung überhaupt aufgehoben wurde? Dass sie über all die Jahrhunderte hinweg nicht verlorenging? Und wie absurd schien die Legende um die Herkunft. So soll Karl der Grosse die Vorhaut Papst Leo II. mitgebracht haben, als dieser im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt wurde. Karl selbst habe die Reliquie von einer byzantinischen Kaiserin oder von einem Engel erhalten. Später hätten deutsche Söldner 1 527 bei der Plünderung Roms auch das Häutchen entwendet und nach Calcata gebracht. Mehrere Jahre blieb es dort in einem Verlies verschollen, ehe man es wiederentdeckte. So schrill die Geschichte erscheinen mag, sie ist in Bezug auf Reliquien nicht aussergewöhnlich. Im Mittelalter behaupteten nicht weniger als 13 Orte, im Besitz der christlichen Vorhaut zu sein. Calcata hielt diese kühne Behauptung immerhin am längsten aufrecht.
Jäger und Sammler
Der Kult um Reliquien hat eine lange Tradition. Schon im zweiten Jahrhundert sollen die Urchristen die Gebeine verstorbener Märtyrer verehrt haben. Im Mittelalter waren die Europäer bei Reliquien wahre Jäger und Sammler. Sie verehrten nicht nur die sterblichen Überreste ihrer Heiligen, sondern auch Sekundärreliquien – Gegenstände, die von den Verehrten zu Lebzeiten berührt wurden: von Gewändern über Schuhe bis hin zu Waffen. Reliquien versprachen Schutz, Heilung oder Sündenerlass. Die Nachfrage war immens. Und sie steigerte sich mit jedem Wunder, das mit ihnen in Verbindung gebracht wurde. Für die katholische Kirche war all das ein lohnendes Geschäft. Der Reliquienhandel und die damit verbundene Zahlung von Ablässen machten um das Jahr 1500 zwischen zehn und 20 Prozent des Sozialprodukts aus, schreibt der Historiker und Autor Peter Milger. Reliquien aus der Lebenszeit Christi tauchten erst im dritten oder vierten Jahrhundert auf. Kaiserin Helena behauptete, das Kreuz Christi in Jerusalem entdeckt zu haben. Schon bei diesem Fund sind grösste Zweifel an der Echtheit angebracht. Was die Herkunft tausender weiterer Passionsreliquien anbelangt, so sind sie sicher das Ergebnis mittelalterlicher Fälscherwerkstätten.
Marias Muttermilch
Was die Priester nicht alles aufbewahrten in den mittelalterlichen Altären der Kirchen und Kathedralen: die Gebeine der Apostel in zigfachen Ausführungen, die Muttermilch Marias, Brosamen des letzten Abendmahls oder eine Feder aus dem Flügel des Erzengels Gabriel. Nicht nur die Vorhäute Jesu standen hoch im Kurs, auch die Vorhaut Abrahams machte Karriere. Nägel vom Kreuz Christi kursierten, Splitter des Kreuzes waren so reichlich vorhanden, dass Erasmus von Rotterdam spottete, aus allen zusammen liesse sich eine Armada bauen. Erst vor wenigen Monaten liess das Kloster St. Johann in Müstair ein versiegeltes Reliquienglas aus der Heiligkreuzkapelle 59
öffnen. Der vermeintliche Inhalt, 1502 per Dekret für authentisch befunden: Ein Stück des Kreuzes Christi, eine Dorne der Dornenkrone Jesu, Reliquien von Johannes dem Täufer und anderen Heiligen. Wissenschaftliche Tests entlarvten prompt viele Fälschungen. Die Funde waren allesamt erst 500 Jahre alt.
Diebstahl von Leichen
Die Gier nach Reliquien im Mittelalter führte zum Diebstahl der Leichen von Heiligen, Bischöfen oder Märtyrern. Die Körper waren Wertobjekte. Noch vor ihrem Tod verteilten einige ihre sterblichen Überreste, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Elke Beilfuss. Geschah dies nicht, kam es häufig zu Verteilungskämpfen. Leichen wurden zerteilt, damit niemand leer ausging. Wer den Ruf der Heiligkeit genoss, lebte gefährlich. Franz von Assisi etwa soll einmal seine Reiseroute geändert haben, um nicht zum Reliquienobjekt zu werden. Beim Tod des Säulenheiligen Simeon im Jahr 459 sollen 600 Soldaten die Leiche beschützt haben, damit die Verehrer sie nicht in Stücke rissen. Berührungsängste beim Umgang mit den heiligen Überresten hatten Christen des Mittelalters nicht. Sie küssten die Gebeine oder bissen hinein, erzählt Beilfuss. Der Bischof Hugo von Lincoln (1140 bis 1200) aus Avallon soll aus einem Armknochen der heiligen Maria Magdalena zwei Stücke herausgebissen und sein Handeln mit dem Abendmahl verglichen haben – bei dem nähme man ja auch den Leib Christi zu sich. Missbrauch und Fälschungen zwangen die katholische Kirche zum Einschreiten. 1215 liess das Vierte Laterankonzil den Reliquienhandel verbieten. Mit mässigem Erfolg. Der Volksglaube hatte ein Eigenleben entwickelt, das kaum mehr zu stoppen war. Die Nachfrage blieb gross. Dass die Römische Kurie fortan Echtheitszertifikate ausgab, änderte daran wenig − die Fälscherwerkstätten stellten sich auch darauf ein. Ungestört faketen sie weiterhin Reliquien, zu denen sie die passenden Authentizitätsurkunden einfach ebenfalls fingierten.
Entrümpelung
Erst die Reformation bremste im 16. Jahrhundert den Kult um die heiligen Knochen und Gebeine. Martin Luther verbannte die Reliquien aus den Kirchen, Zwingli und Calvin liessen sie verbrennen. Auch unter Katholiken nahm der Kult um die Reliquien allmählich ab. Noch immer ist die ‹Reliquiengier› unter Katholiken verbreitet, kritisiert der Theologe und Soziologieprofessor Horst Herrmann und empfiehlt den Oberhirten, ‹die Staubschichten über den Heiligen und ihren Resten abzutragen und endlich die Tausenden von Reliquien zu entrümpeln›. Als Wirtschaftsunternehmen wäre die katholische Kirche hingegen schlecht beraten, verbannte sie die bekannten Reliquien aus den Kathedralen. Die Wallfahrten und Pilgerreisen sind ein einträgliches Geschäft. Etwa zwei Millionen Gläubige aus aller Welt reisten im April und Mai vergangenen Jahres zum Turiner Grabtuch, das der Legende nach den Leichnam Jesu bedeckt haben soll. Auch Papst Benedikt XVI. reihte sich in die Schar der Pilger ein, hielt eine Messe, betete vor dem Stofflaken – auf den wissenschaftlichen Disput um die Echtheit ging er mit keiner Silbe ein.
etwa, auf dem wie durch ein Wunder das Gesicht der Jungfrau Maria auftauchte, kam vor wenigen Jahren unter den virtuellen Hammer − schlappe 28 000 Dollar musste der Käufer dafür berappen. Das Toastbrot, versicherte die Besitzerin, habe ihr jedenfalls Erfolge beschert. Bei Besuchen in Spielkasinos gewann sie angeblich 70 000 Dollar. Kein Zweifel: Da hätte wohl auch eine Vorhaut in der Jackentasche kein grösseres Glück gebracht. Literatur zum Thema: Horst Herrmann: Lexikon der kuriosesten Reliquien. Vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds. Verlag Rütten & Loening Berlin
Der Papst als Stargast
In Trier laufen die Vorbereitungen für die heilige Rock-Wallfahrt im nächsten Jahr auf Hochtouren. Dann wird erstmals nach 16 Jahren wieder die Tunika Christi der Öffentlichkeit präsentiert. Das Bistum hat Benedikt XVI. offiziell eingeladen. Der Papst als Stargast des sakralen Grossereignisses soll die Zahl der Pilger deutlich steigern. Und auch Leichen stehen in der katholischen Kirche noch hoch im Kurs. Schon kurz nach dem Tod Papst Johannes Paul II. 2004 hat das Geschacher um seine sterblichen Überreste begonnen. Polnische Geistliche hoffen, bald das Herz im ehemaligen Königsschloss von Krakau verehren zu können. Die Verhandlungen laufen bereits, doch erst nach der Seligsprechung soll darüber entschieden werden.
Basar im Internet
So werbewirksam die katholische Kirche heute noch Reliquien zur Schau stellt, so vehement verbietet sie den Handel. Geschäftemacher haben nämlich längst das Internet als Reliquienbasar entdeckt. Geboten wird ein breites Spektrum von Kopfbedeckungen verstorbener Päpste über Gebeine bis zu den Holzsplittern des Kreuzes Christi. Unlängst hat der Vatikan den Online-Marktplatz eBay dazu aufgefordert, die fragwürdigen Angebote zu entfernen. Man fürchte, so hiess es aus Rom, Satanisten könnten die Reliquien für schwarze Messen missbrauchen. eBay versprach, konsequent einzuschreiten. Wer im Netz nicht nach Nastüchern von Scarlett Johansson sucht, sondern nach religiösen Glücksbringern, kann dennoch fündig werden. Denn nicht alles, was bei den OnlineAuktionshäusern feilgeboten wird, läuft offiziell als Reliquie. Einige Fundstücke entziehen sich auch dem Einfluss des Vatikans. Ein Käsetoast kinki report
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TRIAGE COLIN FARRELL & PAZ VEGA
in einem Meisterwerk von OSCAR©-Gewinner DANIS TANOVIC (Ç NO MANÔ S LANDÈ )
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ab 20.01.2011 auf DVD & BluRay erhŠ ltlich
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Es liegt auf der Hand
Das New Yorker Duo The Hundred In The Hands erf端llt beispiellos das Klischee der angesagten und hippen Band aus Brooklyn. Vom Style bis zu den leicht zug辰nglichen Popsongs macht alles den Eindruck unangestrengter Nonchalance und gen端gsamer Schlichtheit. Doch so einfach gestrickt sind weder die New Yorker selbst noch ihre Musik, und auch der Hype um die Band hat seine T端cken. Text und Interview: Florence Ritter, Foto: Promo kinki musik
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m September dieses Jahres brachten Jason Friedman und Eleanore Everdell ihr selbstbetiteltes Debütalbum ‹The Hundred In The Hands› auf dem angesagtesten Label für elektronische und experimentelle Musik raus. Dies, obwohl die Musik der beiden beim ersten Durchhören eher die umgekehrten Vorzeichen der typischen von Warp gesignten Musiker zu tragen scheint. Zu einfach, zu klar, zu undefiniert und schlichtweg zu poppig. Umso mehr wurde der Hype um die ‹Brooklinytes› geschürt. Doch allein schon ihr Namen lässt tiefer blicken und weist die angenommene Einfachheit zurück. ‹Der Bandname bezieht sich auf eine amerikanische Schlacht von 1866, zwischen Ureinwohnern und Einwanderern Amerikas. Die «Native Americans» gingen siegreich hervor, was ziemlich ungewöhnlich war. In der Nacht vor dem Kampf wurde der Ausgang von einem Schamanen prophezeit, der sagte, er habe zu viele Feinde in der Hand, er habe «the hundred in the hands». Im Kampf kamen nahezu hundert US-Soldaten ums Leben›, erklärt Eleanor im Interview. Und Jason ergänzt: ‹Es gibt zwei Namen: The Hundred In The Hands ist der Name in der Geschichte der Ureinwohner, in der USGeschichte heisst es «Fetterman’s Massacre». Was ist der Unterschied zwischen einem Massaker und einem Sieg? Die Person, welche die Geschichte erzählt.› Nach politischen Beweggründen gefragt, antwortet Jason: ‹Ich denke, es ist ein subtiles politisches Statement. Wir dachten die Leute würden selber herausfinden, was der Name bedeutet. Viele meinten aber, er beziehe sich auf Geldnoten, daran hatten wir nicht gedacht. Also begannen wir, den Hintergrund zu erzählen. Wir interessieren uns generell stark für Geschichte, besonders für diesen schmalen Grat, der Massaker und Siege voneinander unterscheidet.›
Standbein
Ihre Zugehörigkeit zur New Yorker Musikszene verdanken die beiden Attributen und Umständen, die ihnen selbst mehr zufällig als erstrebt vorkommen. Als Boy-and-Girl-Duo treffen sie den Nerv der Zeit: Eleanor Everdell hat Oper und Musikwissenschaft studiert und Jason Friedman hat bereits in diversen anderen Konstellationen gespielt und Platten veröffentlicht. Dass sie im derzeit angesagtesten Stadtteil New Yorks, nämlich Williamsburg in Brooklyn, wohnen, scheint nur stimmig. Hier geben sich Kreative, Indie-Rocker und Hipster die Klinke in die Hand. Auch sollen The Hundred In The Hands ihren Proberaum Tür an Tür mit Holy Ghost und The Rapture haben. Spontan ruft die Bandkonstellation Assoziationen zu The Kills hervor: Eleanor stellt die prägende Stimme, die emotionslos und eindringlich zugleich ist, während Jason Gitarre und Beats bedient. Jedoch fällt beim Hinhören und -sehen augenblicklich auf, wie unterschiedlich jene musikalischen Sterne sind. Erscheinen The Kills ungestüm, rockig, enthemmt und vom Exzess getrieben, verkörpern The Hundred In The Hands das pure Gegenteil: erwachsen, nachdenklich, düster und doch von melodischer Leichtigkeit getragen.
‹Ich denke, der Grundgedanke war immer, die Elektronik menschlich klingen zu lassen – wie akustische Instrumente.› Herzensangelegenheit
In ihrer Musik erforschen die New Yorker die Grenzen des klassischen Popsongs. Das Herz ihres Elektro-Dance-Pop kristallisiert sich im Zusammenspiel von synthetischer Musik und Live-Rhythmen wie Gitarre und Vocals heraus, die sich zu einem ebenso tanzbaren wie verträumten Sound vermengen. Eleanor meint dazu: ‹Ich denke, das hat uns an diesem Projekt am meisten gereizt, kalte und saubere elektronische Musik mit wilder und chaotischer Live-Musik zu kombinieren. Natürlich wechslen die Rollen auch mal.› Und Jason ergänzt: ‹Ich denke, der Grundgedanke war immer, die Elektronik menschlich klingen zu lassen – wie akustische Instrumente. Deshalb tragen wir unsere Boxen und die Geräte mit uns rum, wenn wir live spielen, um damit eine Präsenz auf der Bühne, eine Körperlichkeit zu markieren. Im Studio sind Organik und Elektronik nicht so getrennt, die Gitarre ist dann nur eines von vielen Instrumenten, die ich bediene.›
Kopfsache
Was so einfach dahingespielt klingt, ist in Realität komplex konstruierte und sehr dichte Musik, die meist überzeugend unangestrengt klingt. Es ist diese Zugänglichkeit, die auch den Erfolg der EP ‹This Desert› ausmachte. Nichtsdestotrotz konnten THITH den Erwartungen der Musikkritiker mit ihrem Debütalbum nicht gänzlich nachkommen. Auf der einen Seite als Warps neue Schützlinge und Entdeckung des Jahres gefeiert, wurde ihr erstes Album aber auch hart ins Gericht genommen. Die unterschiedlichen musikalischen Elemente und Anspielungen, die im eigentlich komplexen Sound von THITH zusammenfallen, wurden als Unentschiedenheit und Unwille sich festzulegen bewertet. Und auch eine gewisse Eintönigkeit wurde dem elektronischen Sound und der stoischen Stimme, die über die elf Songs hinweg an Eindringlichkeit verliere, attestiert – trotz einiger allseits anerkannter Songs. Auch inhaltlich ist nichts so einfach dahin gesagt: ‹Lyrisch spielen wir gerne mit gewissen Themen rum, einige von diesen Themen sind persönlich, andere flirten mit der Geschichte oder intellektuellen Dingen. Man kann die Texte aber auf jedem Level interpretieren. Mit der Musik ist es dasselbe, es ist Popmusik und manchmal anstrengend für uns, deshalb wird es zuweilen intellektuell.› Die Songs handeln von Herzschmerz, hedonistischer Jugend und historischen Ereignissen, zum Beispiel der Bombardierung von Dresden, welche im Musikvideo zu ‹Dressed in Dresden› vom Geräusch fliegender Kampfjets auch klanglich betont wird. Textlich wird alles heruntergebrochen, so dass es einfach, leicht und poetisch klingt. 63
Analog dazu wollen THITH natürlich auch das Auge bedienen. Denn neben ihrer Musik führen die beiden seit ihrer Gründung ein beachtliches Online Zine, auf dem sie ihre musikalischen ‹Picks› sowie künstlerische und historische Interessen darlegen.
Körpereinsatz
Zum Zeitpunkt ihres ersten Schweizer Konzerts im Zürcher Plaza sind THITH bereits seit Wochen auf Amerika- und Europatour – ihre Premiere als Headliner. Im Interview zeigen sie sich noch immer ganz aufgeregt und angetan ob all der Neuerungen und dem Sign-up mit ihrem Wunschlabel erster Wahl. Auch in der Blogosphäre zieht der Hype um die Band längst seine Kreise und natürlich eilt ihnen der hervorragende Ruf von Warp voraus und lässt alle aufhorchen. Dennoch bietet sich in Zürich ein überraschendes Szenario: die Band spielt vor einem relativ kleinen Publikum und der Funke springt nur zaghaft über. Die Show ist ebenso minimalistisch und schlicht gehalten wie das Gesamtkonzept der Band. Einsam, aber mit vollem Körpereinsatz bewegt sich Eleanor im Takt der Musik, versteckt sich hinter ihren Fransen und lässt ihre zarte Stimme durch den Raum dringen. Jason, der die Gitarre spielt, ist ihr bei der Bühnenshow keine grosse Hilfe und die elektronischen Geräte stehen im Hintergrund als Referenz auf fehlende weitere Musiker starr ihren Mann. Die Musik ist bezaubernd, die Lasershow überflüssig, doch der Rest der unaufgeregten Show wirkt ehrlich und authentisch. Und dennoch findet das Erlebnis dieses Abends hauptsächlich in den Köpfen und Gehörgängen des Publikums statt: So adrett, offen und harmonisch die beiden im Interview auch waren, umso enttäuschender war die Stimmung am Konzert. Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, das die erwartungsschwangeren Musikkritiker beim Hören des Albums überkam? Zweifel am Potenzial hege ich keine Sekunde, nur ist dieses eben noch nicht ausgeschöpft oder von zu hohen Erwartungen erdrückt worden. Oder ist diese bekömmliche Musik vielleicht doch mehr als unaufgeregte Hintergrundmusik oder Radiounterhaltung gedacht? Zumindest geht mir das durch den Kopf, als ich ‹Pigeons› ein paar Tage später in der Migros zu Ohren bekomme. Jason kommentiert diese Phase ihrer Musik selbst: ‹Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Wir sind eine so junge Band, dass sich alles sehr sinnvoll anfühlt und dass es noch viele mögliche Richtungen gibt, die wir einschlagen können. Wenn ich es mir recht überlege, mag ich Musik, die Energie hat und ein bisschen chaotisch ist, also würde ich sagen, unser Sound ist ein «slumpy» Teenager.› Da hat er wohl recht, nur sollte sich dieser Teenager noch etwas ausleben, über sich hinaus wachsen – was ja auch im Kern dieser Lebensphase liegt. Deshalb bin ich überzeugt, dass The Hundred In The Hands beim nächsten Besuch ein grosser Empfang bereitet wird. Weitere Info findest du unter thehundredinthehands.com.
vorspiel musiker erklären ihre songs
New Idea Society: Somehow Disappearing 01.
All Alone:
Die Idee zur Melodie hatte ich schon länger im Kopf, leider ist nie was draus geworden. Bis es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel, wie ich den Song mit einem simplen Set an Lyrics zu Ende bringen kann. Grundsätzlich habe ich auf ‹Somehow Disappearing› versucht, direktere Lyrics zu schreiben.
02.
Thorns:
Dieser Song sollte akustisch und melodisch eine neue Note ins Album bringen. Er lässt zu Beginn sehr viel Raum. ‹Thorns› ist von Leuten inspiriert, die ihrerseits von New Idea Society inspiriert wurden.
03.
Autumn You:
‹Autumn You› enthält einige meiner liebsten Textzeilen des Albums sowie meinen Lieblings-Gesangpart überhaupt. Im Moment der Aufnahme konnte ich genau das singen, was ich fühlte. Es war, als würde die Person, an die der Text gerichtet ist, dabei direkt vor mir stehen.
04.
Strange Language:
In diesem Song geht es um einen gelebten Traum. Und um die Tage und Jahre, die danach kamen.
D
as Ziel von New Idea Society ist so simpel wie hochgesteckt: Songs zu schreiben, die über die Mittelmässigkeit der vielen Bands, die sich hinter dem Label ‹PostRock› verstecken, hinausragen und die in ihrem Klang aufregend und einzigartig sind. Und das ist den vier Musikern aus Brooklyn gelungen. ‹Somehow Disappearing› ist das Produkt zweier Jahre, die Chris DeAngelis (Piano, Synthesizers), Alan Cage (Drums), Michael DiBenedetto (Bass) und Mike Law (Vocals, Gitarre) damit zugebracht haben, ‹die letzte Sekunde eines Moments› musikalisch einzufangen. Die Stimme von Mike Law steht ganz klar im Zentrum des Albums. Sie verleiht den Stücken Wiedererkennungswert, reisst mit und berührt, ohne in kitschiger Gefühlsduselei und in Selbstmitleid zu versinken. Getragen wird Laws helle Stimme von drei brillanten Musikern. Alan kinki vorspiel
05.
Cage an den Drums demonstriert eindrücklich wie breit sein Repertoire ist und dass er im Vergleich zu den harten Paukenschlägen seiner früheren Post-Hardcore Band Quicksand auch fast schon zärtlich mit der Rhythmussektion spielen kann und somit den teilweise weitschweifenden Songs eine Tiefe verleiht, die uns wach und aufmerksam hält und uns nicht in den melancholischen Piano- und Synthieklängen von ‹Somehow Disappearing› verschwinden lässt. Es ist ein Album für die kalten Wintertage, an denen es nie so recht hell werden mag. Und obwohl die Verzweiflung einem omnipräsent entgegenschlägt, finden sich immer wieder kleine positive Momente, helle Lichtblicke, die es einzufangen gilt, bevor sie wieder verschwinden. Sänger Mike Law erlaubt uns einen Einblick in die einzelnen Songs.
Halluminations:
Von all den Songs, die ich schon geschrieben habe, kommt der Klang von ‹Halluminations› auf der Aufnahme der Vorstellung in meinem Kopf an nächsten. Die Strukturen und die flackernden Gitarrenklänge passen perfekt zur Stimmung des Songs.
oder verändern zu können. Ich glaube noch immer daran, doch gleichzeitig befürchte ich, dass es eine Illusion sein könnte.
09.
Desolation Tongues:
Dieser Song ist klanglich am dichtesten aufgebaut, ich brauchte irgendwo diesen treibenden Puls und die Verzweiflung. Eigentlich handelt jeder Song auf ‹Somehow Disappearing› von Verzweiflung, nur schreit es dieser hier am lautesten raus.
10.
If You Slip Under:
In ‹If You Slip Under› geht es darum, sich kalt und verloren treiben zu lassen. Der Song hat die wahrscheinlich schwierigsten Vocals auf dem Album. Ich erinnere mich, eine Menge Zeit damit zugebracht zu haben.
11.
Szép Szív:
Der letzte Song, den ich fürs Album geschrieben habe. Wie der letzte Hauch, die letzten Sekunden eines Moments. Ich hab den Song in drei Tagen mit verschiedenen Synthesizern aufgenommen und abgemischt. Es dauerte viel länger, als es vielleicht klingt. Einer meiner liebsten Tracks.
12.
Come Outside:
Die Idee zu ‹Come Outside› war ursprünglich für ein anderes Album geplant, aber die Drums, die Alan dazu spielte, waren so toll und die Offenheit des Songs passte perfekt zum Album, so dass wir ihn einfach nehmen mussten. ‹The darkness has been beginning› ist auch eine meiner liebsten Textzeilen.
06.
Disappearing:
Dieser Song beschäftigt sich mit einem meiner Träume: dem immer wiederkehrenden Traum von aufsteigenden Regentropfen.
07.
Summer Lion:
Ich brauchte unbedingt einen Moment wie diesen auf dem Album, das ja grösstenteils sehr romantisch klingt. ‹Summer Lion› ist widerspenstig. Und in so mancher Hinsicht glaube ich, dass sich die beiden Gefühle ähnlich sind.
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Sing It Right:
Musik wird oft als Ausweg gesehen und der Musik wird zugeschrieben, vieles bewirken
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Text: Martina Messerli Foto: Promo New Idea Society – Somehow Disappearing (Shiny Shoes/Cargo) ist bereits erschienen. Weitere Info findest du unter newideasociety.com.
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verhör essentielle alben für jede lebenslage
Das Ohr gehört zu den kompliziertesten Organen unseres Körpers, da es gleichzeitig für unsere akustische Wahrnehmung und unser Gleichgewicht zuständig ist. Deswegen ist unser Reviewnator Monat für Monat bestrebt, mit wohltuenden Klängen euer inneres Gleichgewicht ins Lot zu bringen. Wären doch nur alle Behandlungen so schonend … Popstep kills Dubstep
Magnetic Man − Magnetic Man Schwierig, schwierig … Die Band und ihre gleichnamige Platte Magnetic Man wird die Dubstepper spalten, so viel steht schon mal fest. Dafür muss man sich nur die Bandmitglieder anschauen: mit Benga, Skream und Artwork sind gleich drei der wichtigsten Pioniere des Genres zur Supergroup versammelt. Fehlt nur noch Kode 9 und man hätte die geballte Dubstep-Regierung vereint. Doch puristische Dubstepper werden ihren Ohren nicht trauen: Statt Bass ist man nämlich erst einmal baff. Was da aus den Speakern kommt, ist eher ein Mix der elektronischen Musik aus den letzten beiden Jahrzehnten. Der gemeinsame Nenner ist zwar das grosse ‹B›, aber eben in zahllosen Varianten wie Drum’n’Bass, Garage oder Jungle. Wüsste man nicht, wer hier hinter den Reglern sitzt, würde man dies der Platte als kaum verständliche Beliebigkeit einritzen. Aber angesichts der erwähnten Reputation gönnt man dem Trio diesen nostalgischen Rückblick auf die Warehouse-Raves ihrer Kindheit. Schade nur, dass er leider zu oft im massentauglichen Einerlei-Poptrash endet. Tracks wie ‹I Need Air›, bei dem die aufstrebende Katy B. die Vocals übernimmt, sind zwar extrem energetisch, doch, gepaart kinki verhör
eigentlich schon seit den Anfangstagen der ‹Nouvelle Vague› in den 60er-Jahren zu beobachten ist, damals vor allem verkörpert von Stars wie Brigitte Bardot oder Catherine Deneuve. Ganz im Sinne des künstlerischen Freigeistes kennt auch die Nachfolgeplatte des ersten Samplers ‹Travelling – French Actors Crossing Borders› keine musikalischen Fesseln. Von Yves Montand bis Vanessa Paradis, von den 60ern bis zur Jetztzeit reicht die Vielfalt der Stücke: Chanson, Jazz, Klassiker aus dem amerikanischen Repertoire wie aus den Mündern von Nora Arnezeder und Féloche sowie glasklarer Easy Listening wie in der elegischen Ballade von Charlotte Gainsbourg ‹L’un Part, L’ Autre Reste›. Zwar sind einem viele Stimmen vertraut, da einige Mimen schon oft zum Mikrofon griffen, doch die Kollektion bietet auch überraschende Interpreten. Dass beispielsweise eine Aktrice wie Isabelle Adjani neben ihrer tollen Arbeit in Filmen von Roman Polanski oder Werner Herzog auch stimmlich überzeugt, wusste man ja auch nicht unbedingt. Und das obwohl ihr reimfreudiger Song ‹Beau Oui Comme Bowie›, aus der Feder des Grossmeisters Serge Gainsbourg, schon über 30 Jahre alt ist. Ein weiteres Glanzstück ist ‹Boomerang 2005› von Dani, die aber vor allem von der Unterstützung zweier Vollblutmusiker in Gestalt von Feist und Gonzales profitiert. Summa summarum: Man muss nicht ausgeprägt frankophil sein, um sich von der lässigen Stimmung auf Travelling2 angezogen zu fühlen. Voilà …
mit platten Hardtrance-Flächen, eben auch ein guter Peak-Track für die Dorfdisko. Stücke wie ‹Mad› oder ‹Karma Crazy› lassen die Kraft und Power des Dubsteps zumindest noch ‹dunkel› erahnen. Überhaupt, wenn die Platte eine Relevanz besitzt, dann weil der Dubstep sich immer mehr zum Microstep entwickelt. So sind die meisten Lieder mit Vocals versehen und dieser schon länger beobachtbare Trend wird von den Bandmitgliedern als oberste Instanzen der Szene durch die Platte einmal mehr bestätigt. Und eine Erklärung, warum die Scheibe überwiegend Popstep beinhaltet, liefert der Blick auf die Albumhülle, auf der der Name Sony prangt. Yeah, Dubstep ist also bei den Majors angekommen und man kann nur hoffen, dass er nicht im Doppelgrab mit Drum’n’Bass endet ... Falls doch: Mach es gut Dubstep, es war schön mit dir!
Grenzgänger der Leinwand
Travelling2 − Les Acteurs Français Chantent Ein Sampler ganz besonderer Güte kommt mit ‹Travelling2 – Les Acteurs Français Chantent› in die Läden. Als Interpreten sind auf der Scheibe das Who-is-Who der französischen Schauspielergilde versammelt. Zumindest jene, die die Grenzen von Kino und Musik gesprengt haben. Ein Ansatz, der 66
Bits statt Hits
Console − Herself Es knarzt und klickt endlich wieder richtig! Einer der talentiertesten Elektrotüftler meldet sich mit der Platte ‹Herself› zurück. Fast vier Jahre sind vergangenen, bis nun der Nachfolger des hochgelobten Albums ‹Mono› erscheint. Eine lange Zeit, doch nicht wenn man Martin Gretschmann heisst. Das Mastermind von Console ist ja nebenbei noch als IT-Fachmann festes Bandmitglied bei den süddeutschen Indie-Elektronikern The Notwist und auch mit den Projekten Acid Pauli und 13&God mehr als ausgelastet. Hier zeigt er bei den Live-Auftritten, dass man elektronische Musik am Laptop durchaus mit Humor zelebrieren kann. Während der gewöhnliche ElektroNerd stoisch entrückt am Rechner rumfummelt, steuert er selbigen lieber oftmals beherzt mit einem Wii Controller an. Kein Wunder also, dass angesichts des zuvor erwähnten Arbeitspensums die meisten Ideen für die neue Platte ‹Herself› auf dem Laptop während des Tourens entstanden. Insgesamt elf Tracks sind es am Ende geworden, die sowohl instrumental als auch mit dem abwechselnd kühlen bis gefühlvollen Gesang von Miriam Osterrieder unterlegt sind. Musikalisch oszilliert Console dabei noch immer zwischen Elektropop und experimentellem Ambient. Dies
aber so gekonnt, dass das jetzt erscheinende Album in der immer voller werdenden Genreschublade Elektropop nach ganz oben hingehört. Mit Ausnahme des Lieds ‹Homeless Ghost› setzt Gretschmann keine gerade Bassdrum ein, sondern zeigt sich verspielter denn je, beispielsweise in ‹Upon›. Hier werden Loops genüsslich zerstückelt, um sie danach als musikalische Flaschenpost weit in den Orbit auszudehnen. Eher melancholisch zeigt er sich in Stücken wie ‹Cutting Time›, welches mit seinen atmosphärischen Samples unumwunden als der emotionale Höhepunkt der Platte anzusehen ist. Dass er auch Clubhits, wie ehemals mit 14 Zero Zero, locker aus dem Ärmel schütteln kann, weiss man nur zu gut, die Platte verzichtet jedoch auf solches Material. Dafür klingen die Songs zu verträumt und verfrickelt. Alles in allem erinnert ‹Herself› trotz des Gesangs eher an Gretschmanns Anfänge rund um die instrumentale Platte ‹Rocket In The Pocket›. Ein Urteil, das positiver nicht sein könnte, gehört die damalige Scheibe doch heute noch zum Besten, was im ambitionierten Elektronik-Pop je gepresst wurde.
Die Dreifaltigkeit ist zurück
Beweis ist, ohne zweimal hinhören zu müssen, der aktuelle Sampler ‹Kitsuné Maison Compilation 10 − The Fireworks Issue›. Trotz zweier CDs findet man hier nicht einen einzigen Filler, vielmehr folgt ein potenzieller Floorhit dem nächsten Kracher. Der Jubiläums-Sampler verkommt dabei nie zur beliebigen Nummernrevue, sondern baut ein emotionales Geflecht, das aller musikalischen Unterschiedlichkeit zum Trotz sauber zusammenpasst. Die Verbindung ist einfach ein grossartiger Anspruch an elektronischen Indiepop, der nie retro klingt und doch nicht vergisst, woher er kommt. Alle Songs sind bisher unveröffentlichtes Material, ausgenommen das Stück von Flight Facilities. Die Compilation enthält zusätzlich jede Menge Tracks, die exklusiv auf dieser Doppel-CD erscheinen werden, unter anderem von Digitalism, Yelle oder Two Door Cinema Club.
verloren. Statt Hörgewohnheiten zu brechen, lieferten N*E*R*D nur noch solide, aber eben erwartbare Hausmannskost. Die Vorzeichen für das jetzt erschienene Album ‹Nothing› standen zudem mehr als schlecht, denn die erste Version wurde aus Frust über das Ergebnis kurzerhand wieder eingestampft. Im zweiten Anlauf findet die Band aber glücklicherweise zu alter Stärke zurück. Pharrell brilliert einmal mehr als neuer Prince, wenn er wie in ‹Victory› scheinbar mühelos jeden stimmlichen Höhenrekord bricht. Wie man Snare und Bassdrum energiereich verschmilzt, zeigen so gut wie alle Songs. Musikalisch bleibt vieles in den Liedern skizzenhaft und gibt der Musik, die diesmal weniger rockig und mehr vom Soul und Funk beeinflusst wird, jede Menge Raum. N*E*R*D, die als drittes Bandmitglied immer auch den Musiker Shay Haley an Bord haben, klingen dabei mitunter aber auch, als würden sich Jim Morrison und Freddie Mercury zur himmlischen Supergroup firmieren. So findet man auf der Platte zahlreiche Stücke mit sphärischen Flächen und orchestraler Instrumentierung, die aber eben immer wieder von coolen Hooks ausgeknockt werden. Klar, die Zeiten von ‹In Search Of ...›, dem grandiosen Debütalbum von vor knapp zehn Jahren, sind vorbei. Doch mit ‹Nothing› knüpft die Band hoffentlich nicht zum letzten Mal an ihre einzigartige Kreativität an.
Swing, Lucky Old Man
Louie Austen − Last Man Crooning / Electrotaining you! Louie Austen ist leider nie Mitglied des legendären Rat Packs um Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. gewesen. Verdient hätte es der 64-jährige Österreicher zwar, doch als er in Las Vegas nach einer Odyssee über Südafrika, Australien und New York in den 1970ern ankam, waren die goldenen Zeiten schon vorbei. Zwar sang er sich in der Stadt trotzdem über Jahre hinweg erfolgreich durchs Repertoire der genannten Heroen, irgendwann zog es ihn aber wieder zurück in die Heimat. Statt eigentlich angemessener Auftritte im berühmten Sands Hotel auf dem Las Vegas Strip folgten Jahre als Entertainer in Wiener Hotels ... Wie gesagt, das Leben ist nicht immer fair. Die Erfahrung als Barcrooner zahlte sich aber doch noch aus. Besonders die elektronische Clubszene entdeckte plötzlich die einzigartige Stimme für sich und so kommt es seit Jahren regelmässig zu spannenden Kollaborationen zwischen
Hip-Tracks en masse
N*E*R*D − Nothing Der Nachruf auf die Band war eigentlich längst geschrieben. Zu gross war der Rummel, vor allem um Bandmitglied Pharrell Williams geworden, der im Stakkato die Hits für den Mainstream wegproduzierte und seine eigentliche Band N*E*R*D nur noch mit den im Studio zusammengekehrten Soundschnipseln versorgte. Zusammen mit Chad Hugo, ebenfalls Mitglied bei N*E*R*D, verbrachte er seine Zeit zudem lieber als Teil des nicht weniger erfolgreichen Produzentenduos The Neptunes. Das früher so spannende Element der Band, der kompromisslose Mix von krachendem Rock und bouncendem Hip-Hop, ging auf der letzten Platte ‹Seeing Sounds› komplett
Kitsuné Maison Compilation 10 − The Fireworks Issue Vor acht Jahren wurde in einer Sternstunde der Musik in Paris das Label Kitsuné gegründet. Übersetzt bedeutet der japanische Name soviel wie Fuchs. Ein anspruchsloser Allesfresser, hat man in Biologie gelernt, doch an diesem Punkt passt der Begriff nur noch halbwegs. Die Füchse beim Label saugen zwar ebenfalls alles an aktueller Popmusik auf, nur eben nicht wahllos. Nur Premium-Ware kommt auf die Plattenteller. Ein 67
ihm und Musikern wie Pulsinger oder Señor Coconut. Auch das nach vier Jahren Arbeit auf seinem eigenen Label LA Music erschienene Album ist ein gelungener Spagat. So findet man auf der Doppel-CD eine Scheibe, die komplett von seinem unnachahmlichen swingenden Easy-ListeningGesang geprägt ist, während die zweite CD voller Remixes der obersten Etage der House-Szene steckt. Ob Matzak, Ian Pooley oder Eric D. Clark: der charmante Grandseigneur musste anscheinend nicht lang fragen. Dem obercoolen Albumtitel ‹Last Man Crooning / Electrotaining You!› lässt sich angesichts der Lässigkeit und musikalischen Raffinesse von Louie Austen nichts mehr hinzufügen. Am Anfang war das Wort? Am Anfang war die Tat? Vergesst es: Am Anfang war die Musik! Und so hiess es für unseren ‹Reviewnator› Mathias Bartsch: Gefütterte Kopfhörer angelegt und auf zur Baumgrenze des Hörbaren! Monströse Plattenberge wurden erklommen, um mit neuen Musikern als Brüder im Geiste ins kuschelige kinki Basislager zurückzukehren. Freut euch also auf eine aktuelle PremiumAuswahl bester Schallereignisse!
lieblingslieder jedem das seine
Fiona Daniel 1:45
4:10
‹I’d like to do a song of great social and political importance …› Als ich mit 14 Jahren ‹The greatest hits of Janis Joplin› in den Händen hielt, konnte ich nicht viel mit dieser krächzenden, schreienden Stimme anfangen. Mit den Jahren verwandelte sich dieses Unverständnis aber in grosse Bewunderung für eine Frauenstimme, die sich Gehör verschaffte.
Ich sehe mich in einem Bus in Sao Paulo, auf dem Weg zum Flughafen. Die Sonne geht unter, vom Fenster aus betrachte ich die Häuser und Wellblechdächer. Abschied von einem Stück Heimat, das meinem Herzen innewohnt.
Janis Joplin − Mercedes Benz
4:23
Angus & Julia Stone − Hold on
Autofahren in der Nacht, eingehüllt in einen Wintermantel, es schneit, ist neblig. Im Wissen, dass du sicher nach Hause kommst, schläfst du ein und träumst von den Eisbären im kalten Polareis.
4:01
Coco Rosie − By your side
E
is, zwei, eis, zwei, drü›, haucht eine zarte Frauenstimme ins Mikro, um kurz darauf mit glasklarer, aber warmer Stimme die ersten Zeilen eines Liedes über eine schimmernde Melodie zu legen. Im Teaser-Video zu ihrem letztjährigen Debütalbum ‹Drowning› lebt Fiona Daniel ihre Passion für Musik in all ihren Facetten aus: Sie singt, pfeift, spielt Piano, Gitarre oder zupft die Harfe. Dabei entstehen Melodien, die mal herzzerreissend schön, mal melancholisch dunkel erscheinen, immer aber voller Energie und Charme sind. Seit der Veröffentlichung ihrer ersten Platte im letzten Jahr steht die 22-jährige Zürcherin sozusagen ständig kurz vor dem grossen Durchbruch. Zumindest spielt sie meist vor begeistertem Publikum, das sich in grossen Scharen in immer grössere Clubs und vor noch grössere Bühnen drängt. Im vergangenen Sommer reiste sie sogar mit ihrer Band nach China, um dort zusammen mit chinesischen Musikern im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung kinki lieblingslieder
Ich erinnere mich noch, wie ich gebannt im Kaufleuten stand, als Sierra und Bianca auf die Bühne traten. Während dem Konzert war ich leider mehr fasziniert von den Visuals als von der Performance der beiden. Das Stück ‹By your side› oder allgemein das Album ‹la maison de mon rêve› waren für mich lange Zeit inspirierend. Ich liebe im Moment des Entstehens aufgenommene, nicht allzu sehr geschliffene Stücke. Bei den Liedern von ‹la maison de mon rêve› hat man das Gefühl, auf dem kalten Badezimmerboden zu sitzen und den Chords und den Stimmen zu lauschen, während man selbst auf einem alten Fisher-Price-Gerät rumdrückt.
zu performen. Beim Musikmachen sei sie am liebsten intuitiv und lasse sich einfach treiben, meint Fiona selbst. Schon als Kind habe sie dem Drang nicht widerstehen können, an allem, was Töne von sich gab, zu zupfen sowie Melodien nachzusummen. ‹Die Leute haben sich früher manchmal schon ein wenig für mich geschämt, wenn ich irgendwo in der Öffentlichkeit angefangen habe herumzusingen›, lacht Fiona. Viele Jahre später lässt Fiona in ihren eigenen Songs tief in ihre Seelenwelt blicken und wirkt dabei auf wundersame Weise fragil und voller Kraft zugleich. Dieser ehrliche und charmante Umgang mit den Gefühlen, die sie in ihre Musik steckt, macht die leicht verträumte Sängerin mit den funkelnden Augen zu einem der vielversprechendsten Talente der Schweizer Musikszene. Es versteht sich also von selbst, dass es uns brennend interessiert, welche Songs denn Fiona selbst berühren. Deshalb haben wir sie gebeten, für uns ihre zehn Lieblingslieder zu kommentieren.
1:34
Mani Matter – Dr Ferdinand isch gschtorbe
Wenn ich im Ausland darum gebeten werde, ein Schweizer Lied anzustimmen, kommt mir dieses Stück noch vor der Nationalhymne in den Sinn (und ich bin mir sicher, dass ich da nicht die einzige bin). Mani Matter, ein Beamter aus Bern, hat kritische, ironische Lieder geschrieben, welche die Zeit überdauern und Teil meines Heimatgefühls sind.
3:57
PJ Harvey & Thom Yorke – This mess we’re in
Als ich dieses Duett das erste Mal gehört habe, musste ich die Augen schliessen. Gefangen von Text und Stimmung, tauchte ich bald ab in eine mir unbekannte Welt. Die mächtige Skyline von NYC tauchte vor meinem inneren Auge auf. Erschlagen von diesem überwältigenden Bild, legte ich mich hin, über meinem Kopf das Geräusch eines Helikopters. Sprachlos. Ich war glücklich.
3:49
Jaques Brel − Ne me quitte pas Sans mots ...
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Tribalistas − Velha infancia
3:07
Kurt Weill & Lotte Lenya – Mack the knife
Kindergeschichten über Seeräuberin Jenny, die auf der weit entfernten Insel in der Burg wohnt, und Mackie Messer, der den Hai erdolcht hat.
4:55
Debussy – Clair de lune
Where there is beauty, wisdom will fail.
2:59
Otis Reding – My girl
Ich liess an diesem Tag in der Waldlichtung einen Ballon mit einer Nachricht für dich steigen – Backflash in unsere Kindheit – darauf stand, dass ich dir danke, dass ich durch dich nun weiss, wohin ich will. Ich hoffe, du hast sie erhalten … Text: Antonio Haefeli Foto: Promo Weitere Info findest du unter fionadaniel.com.
DER VIDEOCLIP ZUM RADIO-SONG LIVE AUF: WWW.105.CH RADIO 105 EMPFÄNGST DU AUCH IM KABELNETZ IN DER GANZEN DEUTSCHSCHWEIZ: BS 103.9, BE 105.6, LU 101.7, SG 105.3, ZH 105.1 ODER AUF UKW 93.0 FM
Die Avantgarde der Emotionen Schon seit mehr als einem Jahrzehnt machen Piano Magic zusammen Musik, angesiedelt irgendwo zwischen Avantgarde und Pop. Dass sie auch nach zehn Alben noch immer weitgehend unbekannt sind, spricht eher für die Band als gegen sie. Text und Interview: Antonio Haefeli, Fotos: Promo
Linke Seite: Glen Johnson tritt auf Fotos mit seinen Bandkollegen lieber in den Hintergrund. Das sollte allerdings nicht vordergründig interpretiert werden. Rechte Seite: Cover des aktuellen Albums ‹Ovations›.
kinki musik
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ochbegabte hatten schon immer Schwierigkeiten, sich zu verkaufen, sich anzupassen. Und es scheint fast so, als ob es der Band Piano Magic um den Briten Glen Johnson ähnlich gehe. Ihre Musik ist geprägt von avantgardistischen, experimentellen und äusserst durchdachten Ansätzen, die kaum massentauglich sind. Doch wer sie einmal entdeckt hat, kann sich so schnell nicht mehr von der Stimmung ihrer Songs lösen. Schon seit eineinhalb Jahrzehnten bewegt sich die in immer wieder wechselnder Besetzung spielende Band gekonnt zwischen Pop und Post Punk, zwischen Experiment und Klassik. Von der britischen Presse weitgehend ignoriert und als ‹nicht zeitgemäss› oder sogar ganz plump als ‹unmodisch› bezeichnet, nahm die sechsköpfige Combo im Laufe der Jahre schon zehn Alben auf. ‹Irgendwie ist das die treibende Kraft hinter Piano Magic: eine Platte aufzunehmen und sie besser zu machen als die vorherige›, verrät Glen Johnson im Interview. Im Sommer 1996 hatten Glen und sein Kumpel Dick Rance in dessen Wohnung begonnen, Musik zu machen. Weitere Freunde der beiden schlossen sich an und es entstanden erste Tracks unter dem Namen Piano Magic. Dass die mittlerweile fünfköpfige Band eigentlich aus fünf Freunden besteht, die sich auch ausserhalb der Band gut verstehen, funktioniert laut Glen ziemlich gut: ‹Wir sind sehr froh, dass zwischen uns eine gute Chemie herrscht. Auch wenn wir nicht spielen, sind wir Freunde und sehen uns auch in anderen Situationen. Gelegentlich kann das natürlich schon zu Problemen führen, aber wir wollen eigentlich nicht, dass persönliche Dinge die Band behindern.› Im November 1996 veröffentlicht Che Records ihre erste Single ‹Wrong French› in der ‹i-Reihe›, die für experimentelle Musik steht. Das erste Release von Piano Magic stiess schnell auf interessierte Ohren und wurde prompt zur ‹Single of the Week› im Melody Maker, der ältesten wöchentlich erscheinenden Musikzeitschrift der Welt.
Der Körper als Werkzeug des Geistes
In den ersten Jahren noch eher futuristisch und elektronisch an den experimentellen Sound der 80er und an perkussiven Texturen à la Kraftwerk angelehnt, veränderte sich die Musik von Piano Magic mit jeder Platte. Die Stimmungen wurden dunkler und die Texte, die grösstenteils aus der Feder von Johnson stammen, getränkt von Melancholie und dem Abtauchen in Gefühlswelten zwischen Traurigkeit und individuellen Eindrücken der heutigen Gesellschaft. ‹Musik oder Kunst im Allgemeinen sind eine Verlängerung dessen, was man in sich drin fühlt. Es ist unmöglich – zumindest für mich – das, was ich fühle, davon zu trennen,
‹Ich glaube nicht, dass nach dem Tode irgendetwas kommt. Ich denke, der Tod ist der absolute Abschluss.›
was ich spiele oder schreibe›, erklärt Glen. Glen scheint ein äusserst aufmerksamer Mensch zu sein. Einer, der sich viele Gedanken macht zu seiner Kunst, zur Welt und den Menschen um ihn herum. Und das spiegelt sich auch in seinem Umgang mit Musik wider: ‹Der Körper ist das Werkzeug des Geistes, und das äussert sich akustisch und visuell.› ‹Visuell› ist ein gutes Stichwort, denn das Artwork der Piano Magic Alben ist definitiv genau so bemerkenswert wie die Musik darauf. Ob Maschinen, Körperteile, Tiere oder abstrakte Kompositionen: Die Covers sind seit den Anfängen der Band auffällig liebevoll gestaltet. ‹Meistens bin ich derjenige, der eine Idee hat, wie das Cover aussehen soll. Dann setze ich mich mit einem Grafikdesigner zusammen, der mir hilft, meine Ideen umzusetzen. Normalerweise ist das Jeff Teader, der schon viele Piano Magic Covers zu verantworten hat. Die Ideen kommen von vergangenen Fantasien, einfach alles was mich beeindruckt oder beschäftigt›, erklärt Glen. Irgendwo in dieser Band muss eine grosse, geballte, kreative Energie liegen. Einen Mittelpunkt, wo all die Ideen ihren Ursprung haben. ‹Das Zentrum der Musik von Piano Magic, der Körper, besteht aus Emotionen›, fasst Glen zusammen.
‹Jeder Ort ist besser als dieser.›
Dass jeder Körper und jede Form irgendwann einmal zerfällt oder gar stirbt, beschäftigt die Band auch. So singt Glen im Song ‹Certainly› die Zeilen: ‹When I watch old films in which animals appear, I get sad because those animals are certainly dead now.› Ich frage ihn, ob er denn an ein Leben nach dem Tod glaube und wie er allgemein mit der Vergänglichkeit 71
der Dinge umgehe. ‹Ich glaube nicht, dass nach dem Tod irgendwas kommt. Ich denke, der Tod ist der absolute Abschluss. Es gibt keine Beweise für irgendwas anderes, oder? Und ich finde es reine Zeitverschwendung, über Dinge wie diese zu fantasieren.› Doch so ganz scheint sich Glen nicht von dem Gedanken lösen zu können, dass es einen andern, vielleicht sogar besseren Ort gibt: ‹Jetzt mal ehrlich, wenn man die Welt heutzutage anschaut, ist wohl jeder Ort besser als dieser.› In diesem Satz kommt die ganze dunkle und gesellschaftskritische Seite seiner Texte zum Vorschein. Glen erklärt mir, dass wir Menschen für ihn nichts anderes seien als Tiere, und wir seiner Meinung nach nicht im geringsten weiterentwickelter seien als irgendeine andere Spezies. ‹Wir haben die Möglichkeit, aufzuhören zu töten und trotzdem tun wir es. Wir haben die Möglichkeit, Frieden zu schliessen, aber wir bevorzugen den Krieg.› Das Zusammenleben verschiedener Spezies auf unserem Planeten ist ein Thema, das Glen tief betrifft: ‹Gandhi sagte einst, zivilisierte Gesellschaften können daran gemessen werden, wie sie ihre Tiere behandeln – also müssen wir zweifellos ziemlich unterentwickelt sein. In der Art, wie wir Tiere behandeln, zeigt sich die ganze Unzivilisiertheit und Gewalttätigkeit unserer Gesellschaft. Es ekelt mich an, bedrückt mich und macht mich ehrlich gesagt fast mordlustig.› Vielleicht erklärt genau diese Wut, dieser Unmut über gewisse Verhaltensweisen unserer Gesellschaft die teils düsteren Texte und musikalischen Provokationen von Piano Magic. Dass die oft tief metaphorischen Botschaften nicht von allen verstanden werden, und Piano Magic darum auch nach zehn Alben noch immer weitgehend unbekannt bleibt, scheint deshalb so natürlich wie die unaufhaltbare Vergänglichkeit der Dinge … Weitere Info findest du unter pianomagic.co.uk.
Monoment Die äussere Hülle des Selbst gestaltet sich höchst individuell und zeitweilig äusserst widerspenstig. Mit diesem Gedanken wagte sich der österreichische Designer Rudi Gernreich vor fast fünfzig Jahren an ein Kleidungsstück, das bis heute viele Blicke auf sich zieht. Und zeigt uns damit, wie viel Aufhebens ein kleines bisschen Stoff doch machen kann. Text: Melanie Biedermann, Collage: Manuel Bürger. Inspiriert von Internetmemes.
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ie Beziehung zwischen der Mode und dem Körper, den sie umhüllt, gestaltet sich seit jeher kompliziert. Erfahrungsgemäss fallen die Vorstellungen davon, was zu einem bestimmten Zeitpunkt modische Norm ist oder war, sehr unterschiedlich aus. Oft streift die Mode einer ganzen Generation ihr Kleid über. Als Garderobiere eines umfassenden Gesellschaftskörpers regelt sie den Alltag einer doch eigentlich aufgeklärten Menschheit. Wer dem modischen Diktat nicht folgt, bekommt dies in der Regel zu spüren. Dass dem nicht immer so sein muss, hat uns aber jemand vor Augen gehalten, der zu Lebzeiten selbst oft missverstanden wurde. Designer Rudi Gernreich präsentierte der Welt 1964 den Monokini und sorgte damit für einen ausgedehnten Presseskandal. Der Monokini gilt als erster Oben-Ohne-Badeanzug und ist damit die tatsächlich offenherzige Variante seiner klassischen Vorgängermodelle. Der Stil Rudi Gernreichs hatte insgesamt wenig mit konventionellen Strategien der Branche zu tun. Seine Entwürfe waren gesellschaftskritisch und brachten Mode oft an die Grenze ihrer Darstellbarkeit. Als Designer mit künstlerischer Ambition eröffnete Gernreich der Prüderie seiner Zeit unerwartete Einblicke. Seine Statements sollten das Bild des menschlichen Körpers nachhaltig beeinflussen und haben bis heute nichts an Gültigkeit auf dem Schauplatz des modischen Treibens eingebüsst.
Von Österreich nach Hollywood
Die Geschichte Rudi Gernreichs liest sich wie ein Drama in fünf Akten. Der exzentrische Designer wuchs als Kind jüdischer Vorfahren im Wien der Vorkriegszeit auf. Im Kreis einer von Künstlern, kinki mode
Der Monokini legte die weiblichen Brüste kompromisslos frei. Poeten und Intellektuellen gespickten Familie, erhielt er bereits als Jugendlicher Einblick in die Welt der Kreativen − eine Welt, die nicht immer mit den Vorstellungen des Bürgertums übereinkam. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam die Flucht, mit der Flucht ein Neuanfang im fernen Amerika, der Neuen Welt, deren Werbeslogan unbegrenzte Möglichkeiten verhiess. Man würde meinen, genau das Richtige für den ambitionierten Charismatiker. Unbegrenzt waren die Möglichkeiten in der Realität aber kaum, und der Start der Gernreichs im Sonnenstaat Kalifornien gestaltete sich alles andere als einfach. Dennoch versuchte sich der als schmächtig, aber gutaussehend beschriebene Mann aus Österreich unter anderem im Filmmekka Hollywood, welches sich bekanntlich noch nie einem ausgiebigen Kult um Körper, Sex und Macht verwehrte. Als Kostümbildnerassistent wurde er jedoch nicht glücklich (Kreativitätssperre). Ebenso wenig als Tänzer (Talentmangel) und auch nicht 72
als Krankenpfleger (Motivationsmangel). Die Wende kam erst mit dem Engagement für den Sportbekleidungshersteller Walter Bass, unter dessen Obhut die ersten Badeazüge ohne Korsettstangen, ohne Rüschen und Schleifen entstanden. Bass übertrug die künstlerische Alleinverantwortung an Gernreich. Erstmals hatte das Designer-Genie die Möglichkeit, sein kreatives Gedankengut in reale Kleidungsstücke zu übersetzen und dank der finanziellen wie auch strategischen Unterstützung durch Bass einer breiten Masse zugänglich zu machen. Es waren seine körpernahen Schläuche aus Strickjersey, die Gernreich 1956 seine erste grosse Auszeichnung, den Sports Illustrated Award, einbrachten. Der grösste Coup gelang ihm jedoch 1964 mit dem Monokini, welcher die Gemüter unbegrenzt zu spalten vermochte.
Bare Brüste für die Freiheit
Der Monokini. Der erste Oben-ohne-Badeanzug, der nach Aussagen von Zeitzeugen nichts anderes war als die Erwachsenenversion jener Badeanzüge, die die Kinder im Wien der 20erJahre getragen hatten. Eine bis zum Rippenbogen reichende Badehose aus schwarzem Wollstrick, von dem aus sich zwei schmale Träger V-förmig um den Hals, aber nicht annähernd über die Brust schmiegen. Von der erwachsenen Frau getragen, hatte der Monokini so gar nichts mehr von der unschuldigen Unbekümmertheit jener Kinder, die vormals im Wiener Wasser planschten. Der Monokini legte die weiblichen Brüste kompromisslos frei. Und das zu einer Zeit, als man den freien Blick auf eine blanke Brust ausserhalb der heiligen vier Wände vielleicht als Säugling, gegebenenfalls als Mediziner erhaschte. Oder aber man hatte das Glück einem erlesenen Kreis privilegierter Privatpoolbesitzer anzugehören,
Freiheit, Obszönität oder Statement? Nackte Brüste sind vielseitig interpretierbar.
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McCarthy war das sicherlich eine empfehlenswerte Strategie. Als homosexuell orientierter Zeitgenosse musste man sich subtile Codes der Verständigung aneignen. Kleidung war bloss ein Medium dazu, aber ein sehr effektives, wie sich herausstellen sollte. So umgingen lesbische Frauen das Problem, bei einem Date in der Öffentlichkeit ertappt zu werden, indem eine der Damen sich Männerkleidung anzog und entsprechende Haltung einnahm.
Weniger bedeutet mehr
respektive als ein in Dekadenz schwelgender Europäer seinen Lebtag als ausgedehnten Strandurlaub an der Côte d’Azur zuzubringen. Aber ein Mädchen, das am Strand von Malibu auf französisches Riviera-Girl machte, das war Mitte der 60er-Jahre schlichtweg undenkbar. Tatsächlich schien der Topless-Badeanzug beim amerikanischen Volk die Befürchtungen eines moralischen Armageddons wahr werden zu lassen und wurde so zum Anlass für ausufernde Hetzparolen gegen Gernreich. Dabei war das skandalöse Badkleid nie für die Masse gedacht. Wenn er an eine Zielgruppe dachte, die das wohldrapierte Stück Stoff tragen sollte, dann handelte es sich wohl eher um einen ausgewählten Kreis junger, anatomisch gesegneter Mädchen als um das gemeine Fussvolk. Er war schliesslich Ästhet. Ausserdem ging es Gernreich um ein Statement. Er wollte nicht obszöne Kleidung entwerfen, sondern innerhalb der Gesellschaft ein neues Bewusstsein für den Körper schaffen. Nacktheit sollte nicht mehr als unmoralisch wahrgenommen werden. Indem Gernreich den Körper enthüllte statt zu bedecken, versuchte er den ‹Sex HungUp› seiner Zeitgenossen zu kurieren und der Gesellschaft ein Stück der Freiheit zurückzugeben, die ihr spätestens durch die sich in den 50er-Jahren zuspitzende Regelbesessenheit entzogen worden war.
Resexualisierung
Aber nicht nur der Monokini bringt den idealistischen Geist Gernreichs ans Licht. Besonders deutlich wird sein visionäres Genie im 1970 für die EXPO in Osaka umgesetzten Unisex-Projekt. Unter dem Thema ‹Progress and Harmony for Mankind› inszenierte Gernreich seine Vorstellungen von geschlechtsneutraler Mode auf radikale Weise. Seine zwei Models, eine Frau und ein Mann, beide kahl geschoren, erhielten identisches Make-up, führten identische Kleidung vor. Bikinis und Miniröcke für den Sommer, kinki mode
Er brachte den Monokini nicht in die Welt, um Körper zu bekleiden. Die natürliche Form des menschlichen Körpers war vielmehr formaler Bestandteil seiner Arbeit. bis zur Nase hochgezogene Rollkragenpullis, kombiniert mit Vidal Sassoon-Haarhelmen für den Winter. Er schuf androgyne Wesen, welche sich jeglicher Art von Typisierung und vorauseilender Zuordnung von und über Kleidungsstücke entzogen. Eine Gleichstellung der Geschlechter, zumindest auf ästhetischer Ebene. Er selbst beschrieb dieses Projekt als den Versuch, eine Art anonyme Uniform für ein unbestimmtes, aber definitiv innovationsbegieriges Publikum zu schaffen. Damit verfolgte Gernreich ein mitunter sehr persönliches Anliegen. Die Folgen vom Leben in einer von Vorurteilen geprägten Gesellschaft hatte Gernreich am eigenen Leib erfahren. Er war 1938 als jüdischer Flüchtling nach Amerika gekommen. Die Neue Welt machte es Gernreich nur bedingt leichter. Ein Modedesigner und leidenschaftlicher Tänzer mit fragwürdiger Herkunft. Ohne sein Privatleben je zu kommentieren, wusste man um die sexuelle Orientierung Rudi Gernreichs, und die Bezeichnung ‹abartig› schien dafür die naheliegendste. Er wurde – noch bevor er mit seiner Mode in die Schlagzeilen geriet – Teil der Mattachine Society. Die damals hoch umstrittene Organisation setzte sich für die öffentliche Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft ein. Sie war die erste ihrer Art auf dem nordamerikanischen Kontinent. Gernreich wird heute oft als Gründungsmitglied aufgelistet, offiziell bestätigt wurde dies aber nie. Zu Zeiten einer auf Heterosexualität fixierten Öffentlichkeit unter Senator 74
Gernreich war sich also durchaus bewusst, dass Kleidung zentral für jede Art von Identitätsentwurf ist und ebenso beeinflusst, wie man von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Er kannte die besagten Codes und sah das Potenzial, welches die Mode in sich barg. In der Konsequenz entwarf er Kleidung, die er als Medium der Freiheit verstand. Zeitlos individualistische Mode, die frei kompatible Elemente zum kreativen Selbstentwurf beisteuerte. Freiheit nicht nur im Sinne eines vernünftigen Tragekomforts, sondern losgelöst von den Zwängen jeglicher gesellschaftlicher Hoheitskultur. All das schliesst mit ein, dass Mode für jeden zugänglich sein muss. Folglich kann, wer möchte, dem Narzissmus huldigen und damit vor allem die eigene Unabhängigkeit zum Ausdruck bringen. Letztlich ist die Mode Rudi Gernreichs kritisch, ein bisschen melodramatisch sogar, aber mindestens genauso sehr auch unterhaltend. Und hier liegt der Unterschied zwischen konventioneller Mode und dem konzeptuellen Designbestreben eines Rudi Gernreichs: Gernreich dekonstruierte nicht (wie viele heute erfolgreiche Designer) aktuelle Gegebenheiten, sondern forderte bestehende Hegemonien durch Zukunftsentwürfe heraus. Er hat den Monokini nicht in die Welt gebracht, um Körper zu bekleiden und in einen angemessenen Zustand zu bringen. Nein, die natürliche Form des menschlichen Körpers war vielmehr formaler Bestandteil seiner Kleidung. Gernreich sah den Körper als abstraktes Objekt, welches beliebig beschrieben werden kann. Nichts sollte zwingend sein, alles möglich. In Gernreichs Mode kann man sein, wer und was man will, wann man will. ‹It’s about attitude, not silhouette.› Es scheint angemessen, die Ode an Herrn Gernreich mit dem Motto seiner ersten Kollektion zu schliessen: ‹I almost forgot what I have on today.› Vielleicht sollten wir uns auf das Spiel einlassen und diesem O-Ton des Designers gelegentlich selbst Folge leisten. Rudi Gernreich starb am 21. April 1985 im Alter von 62 Jahren in seiner Wahlheimat Los Angeles. Eine umfassende Sammlung seiner Kleidungsstücke, Entwürfe, Möbel und vieles weiteres persönliches Hab und Gut hinterliess er dem Fashion Institute of Design and Merchandising, das seinen Sitz ebenfalls in der Stadt der Engel hat. Die Sammlung liegt bis heute im Museumsarchiv des Instituts.
Fast nichts tragen und doch so viel sagen: ‹It’s about attitude, not silhouette.›
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Katja Sonnewend
Crossed legs
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Liz: Top: Camilla Shorts: Black Halo Ehizoje: Jacket: Romchambeau Pants: H&M Mateo: Hat: Victor Osborne Jacket: Yves Saint Laurent Pants: Vintage Shirt: Vintage Wrangler
Page 77 / 78 Liz: Dress: Camilla Lipstick: MAC
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Liz: Dress: Alexander Berardi Shoes: Vintage Thierry Mugler Mateo: Vest: Alexander Berardi Hat: Victor Osborne Pants: Stylist’s own (Vintage)
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Liz: Dress: Alexander Berardi Tights: Wolford Sunglasses: Ray Ban
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Ehizoje: Hat: Victor Osborne Jacket and shorts: Rochambeau T-shirt: Vintage Tights: Hudson Shoes: Salamander Socks: Falke
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Ehizoje: Button-up shirt: Yves Saint Laurent Trench coat: Vintage Pants: H&M Photography: Katja Sonnewend Styling: Travis Steele Sisk Location: Hotel East Houston, New York Models: Liz Coicou, Ehizoje Azeke, Mateo Bijoux
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POINTER BY WOOD WOOD ONLINE-EXCLUSIVE AT FRONTLINESHOP.COM IN FEBRUARY
Strick statt strikt
Spontaneität und Freigeistigkeit ohne Kommerz druck sind tolle Ideale. Aber mal ehrlich: übereifrige Jungdesigner, die darauf brennen, die textile Revolution mit mies vernähten Säumen und variablen Lieferzeiten herbeiführen zu wollen, nerven einfach. Clarissa Labin erspart uns all das. Die Newcomerin glänzt mit Produktions-Knowhow, fundiertem Geschäftssinn und Realitätsnähe. Text und Interview: Romy Uebel, Fotos: Promo
dinavien. In Zeiten der Krise ist das ein besonderer Erfolg und dabei ist Clarissas Geheimrezept überraschend simpel: Die Designerin arbeitet hart, bleibt offen, optimiert, hinterfragt. Und dann spielte da eben noch das Leben eine Rolle mit all seinen Haken und Umwegen. Clarissa erzählt: ‹Vor gut sieben Jahren sass ich in Paris und arbeitete als Accessoire-Designerin bei Dior. Ich konnte mir bis zu dem Zeitpunkt nie vorstellen, kommerziell zu arbeiten, hatte schon während des Studiums in London und meines Praktikums bei der britischen Vogue immer den Traum, für eines der grossen Luxushäuser an der Seine zu arbeiten. Und zack, kurze Zeit später war ich Produktdesignerin bei H&M in Stockholm und fand das wahnsinnig gut.›
‹Jetzt, als Selbständige, finde ich es spannend, jeden Schritt im Prozess persönlich verfolgen zu können.›
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larissa Labins Atelier in einer ruhigen Seitenstrasse in Berlin-Mitte unterscheidet sich kaum von denen ihrer Kollegen in der Nachbarschaft: eine grosse Pinwand mit Inspirations-Moodboards und Stoffproben, Kleiderstangen mit Mustern, Schreibtische voller Papierkrieg und Kartons mit Waren, die auf ihre Auslieferung warten. Dass da nur wenige Monate nach Labelgründung allerdings so viele Kartons stehen, ist bemerkenswert. 25 Shops konnte die 34-Jährige von ihrer Debütkollektion überzeugen, darunter namhafte deutsche, aber auch Läden in Grossbritannien, Japan, den USA und Skankinki mode
Von Dior zu H&M, das mag für manch einen nach Karriereknick klingen, für Modekenner bietet die schwedische Billigkette allerdings jede Menge Vorteile. Viele Freiheiten, ein grosses, internationales Team, reichlich Verantwortung, Aufstiegsmöglichkeiten und jeden Monat Reisen in verschiedenste Winkel der Welt – genügend Argumente, um Clarissa sechs Jahre im Unternehmen zu halten. Und auch aus den unspassigeren Pflichtterminen, wie etwa den Montagsmeetings, bei denen über Verkaufszahlen und Produktoptimierung diskutiert wurde, lernte die in Hamburg geborene Designerin. ‹Rückblickend haben sich beide Erfahrungen ausgezahlt und mich dahin 84
gebracht, wo ich heute bin. Ich habe das absolute Luxussegment kennen gelernt, danach die Mechanismen eines Riesenapparats. Jetzt, als Selbständige, finde ich es spannend, jeden Schritt im Prozess persönlich verfolgen zu können.› 2009 startete Clarissa ihr selbstbetiteltes Label und zog dafür nach Berlin, obwohl viele sie vor der Wahl des Zeitpunkts warnten. ‹Ich glaube es war genau richtig. Der Markt wurde bereinigt und viele Einkäufer waren auf der Suche nach neuen, frischen Sachen, die nicht mit der Vergangenheit behaftet sind.› Auch mit Berlin hat sie sich langsam arrangiert,
‹Modisch muss in Berlin noch sehr viel passieren. Die Fashion Week entwickelt sich zwar schon recht gut, aber man merkt einfach, dass die Stadt arm ist.›
mag die Kreativität, sieht aber auch die Schwachpunkte. ‹Modisch muss hier noch sehr viel passieren, obwohl sich die Fashion Week schon recht gut entwickelt, aber man merkt nun mal, dass die Stadt einfach arm ist.› Schon deshalb positionierte Clarissa ihr Label international. Agenten in London, Paris und den USA kümmern sich heute um den Verkauf der exklusiven Kollektion. Auch wenn der skandinavische Einfluss in den Schnitten und dem Styling spürbar wird, nerven Clarissa Sprüche wie ‹jetzt macht sie H&M auf teuer›. Zumal ihre Entwürfe in der Highstreet-Schublade aus diversen Gründen nichts verloren haben. Alle Teile werden auf hohem Niveau unter anderem in Portugal gefertigt, ein T-Shirt kostet um die 90, eine aufwendige Strickjacke schon mal 500 Franken. Oberste Prämisse: Die Kleider, Pullis, Hosen und Jacken sollen sich gut anfühlen, Synthetik ist tabu und schwerwiegendstes Qualitätsmerkmal ist ohnehin das Design. Die Liebe zu Farben und ungewöhnlichen Musterkombinationen definiert den Look und rührt laut Clarissa von ihrer Mutter her, die aus Venezuela stammt. Und auch dass Strick immer im Mittelpunkt steht, begründet sich aus einer persönlichen Leidenschaft. ‹Mich hat Strick schon als Kind fasziniert. Die Oberflächen leben, sind dehnbar, flexibel, die Texturen aufregender. Drapierte, getailorte Mode war mir immer irgendwie zu strikt und kontrolliert.› Und vielleicht steht gerade diese Tatsache stellvertretend für Clarissas Philosophie, denn die sympathische, junge Dame beweist: Lockerheit und Professionalität schliessen sich nicht aus! Weitere Info findest du unter clarissalabin.com.
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Bea Szenfeld
Masquerades
‚The masquerade is, among many things, a place of extravagance and excess. It is a place beyond the order of the everyday, subject to a different rationality, if it is rational at all.› Steven ten Thije
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FUGU Inspired by the poisonous blowfish, fugu.
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MOTHER OF PEARL Inspired by Mr. Mikimoto.
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MELUSINA Inspired by Melusine (or Melusina), a character in European legends and folklore, a feminine spirit of fresh waters in sacred springs and rivers. She is usually depicted as a woman who is a serpent or fish from the waist down.
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HAENYO Inspired by the haenyo, literally meaning ‹sea women›, female divers in the Korean province of Jeju. They are representative for the matriarchal family structure of Jeju.
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ARAGONIT Aragonite is a carbonate mineral, one of the two common, naturally occurring crystal forms of calcium carbonate, CaCO3 (the other form is the mineral calcite). It is formed by biological and physical processes, including precipitation from marine and freshwater environments.
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ARGENTUM The chemical symbol Ag is short for the latin word for silver: argentum. The skin of most bony and cartilaginous fish are covered by scales. These vary enormously in size, shape, structure and extent, ranging from rigid armor plates in fish such as shrimpfish and boxfish, to microscopic or absent in such as eels and anglerfish. The morphology of a scale can be used to identify the species of fish they came from.
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AMBULAKRUM Inspired by starfish. Die Kollektion ‹Sur la Plage› der schwedischen Modedesignerin Bea Szenfeld beinhaltet 12 Kleidungsstücke, allesamt wurden sie von den geschickten Händen ihrer Erschafferin aus Papier gefertigt. ‹Papier ist ein wunderbares Material mit komplexem Charakter›, beschreibt Szenfeld die Arbeit mit den verschiedenen Formen des zarten Materials. ‹Es bietet eine fast endlose Vielzahl an Strukturen und techkinki mode
nischen Herangehensweisen, die einem die Tür zu neuen Perspektiven eröffnen.› Inspiration zu ‹Sur la Plage› fand Szenfeld übrigens in den Farben und Formen der Meeresbewohner und den Sagen und Mythen, die diese umgeben. Waschbar, geschweige denn wasserdicht sind die Stücke deshalb nicht. Aber in ihre Welt abtauchen lassen sie uns trotzdem.
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Photography: Bea Szenfeld Fashion Team Model: Alma Helgesson, kidoftomorrow.com
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Name: Ganzkörperschuh Geburtsjahr: 2009 Typ: Ganzkörperbekleidung aus Lack und Leder Besonderheit: All-in-one
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ährend man bei anderen Schuhmodellen konkrete Vorstellungen hat, wie diese aussehen, sich daran erinnert, eines davon selbst einmal getragen zu haben, oder es sogar im Schuhschrank stehen hat, bleibt es beim Ganzkörperschuh wohl meist bei vagen Assoziationen. So sieht der eine ein Kleidungsstück aus dem Erotikbereich vor sich, der andere eine Schuh-Hosen-Kombination aus dem Anglersport und ein dritter wiederum denkt an Kostüme fiktiver Marvel-Helden wie Spiderman oder Catwoman. Das mag eventuell daran liegen, dass es sich bislang nur wenige Designer zur Aufgabe gemacht haben, ein solches Ganzkörper-Kleidungsstück zu entwerfen. Und auch nur Alexander McQueen hat es geschafft für die italienische Vogue daraus einen Traum aus Gold zu designen, dem ein Platz in der Welt der Mode gebührt. Dass man sich jedoch nicht einmal die Bilder von Prominenten vor Augen
Text: Stephanie Beisch Illustration: Adrian Riemann
Vor dem Anziehen unbedingt Pippi machen! Der Ganzkörperschuh verlangt von seinem Träger einen disziplinierten Tagesablauf. kinki vertreter
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rufen kann, die einen solchen Ganzkörperschuh tragen – einzig und allein Victoria Beckham und Lady Gaga könnte man sich in so einem Werk vielleicht vorstellen – mag an den unzähligen Problemen liegen, die selbst für einen Star, der mit seiner Kleidung auffallen und provozieren möchte, unüberwindbar scheinen. Beginnen wir direkt beim Kaufvorgang. Hat man normalerweise schon das Problem Schuhe, Hosen und Oberteile in der richtigen Grösse zu finden – was bei der Durchschnittsfrau eindeutig nicht immer dieselbe ist – muss man hier in eine Grösse passen. Eine einzige. Somit bleiben geschätzte fünf Prozent übrig, die theoretisch überhaupt hineinpassen würden. Diese müssen nun aber auch noch hineinkommen ...
Schuhe über alles
Hat man es aber nun geschafft und trägt diesen Strampelanzug für Erwachsene, so wünscht man sich, lieber einen für Kleinkinder anzuhaben, der locker sitzt, bequem ist und nicht jede einzelne Speckfalte auf dem Silbertablett präsentiert. Und: man wird es bereuen vergessen zu haben, vor dem Anziehen auf die Toilette gegangen zu sein. Denn alleine die Vorstellung, das Konstrukt aus Leder oder Latex bis zu zwei Drittel aus- und dann wieder anzuziehen, lässt einen schon ins Schwitzen kommen. Ist es jedoch soweit und man hat tatsächlich einen Ganzkörperschuh in seiner Grösse gefunden, ist ohne schmerzhafte Verrenkung hineingekrochen, hat davor glücklicherweise das stille Örtchen besucht und schämt sich nicht der Offenlegung seiner Fettverteilung, will man sich damit gleich den neuen Bekannten beim bevorstehenden Abendessen präsentieren. Nach kurzen ‹Ooohhs› und ‹Wows›, denen nicht zu entnehmen ist, ob sie begeistert oder eher verwundert gemeint sind, kommt die Aufforderung, doch bitte wegen des neuen Teppichs die Schuhe auszuziehen. Und dann steht man da. Mit Schweissperlen auf der Stirn schwört man sich bei aller Liebe zu ausgefallenen modischen Ideen, ab sofort die geliebten Fusswärmer nicht mehr zweckzuentfremden und dem Motto treu zu bleiben: Schuhe gehören an Fuss und Bein, alles andere soll nicht sein.
paulfrank.com – facebook.com/paulfrank – paulfrank.com/blog
distribution schweiz: www.threelogy.ch
Hände hoch! Sie rütteln am System und erschaffen neue Wirklichkeiten. Mit ihrer Erfindung des ‹Null Stern Hotel› haben die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Mit der ‹Melser Denkpause› zumindest für erhitzte Gemüter. Text und Interview: Dinah Brunner, Foto: Riccardo Götz
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or über zehn Jahren haben wir unser Atelier für Sonderaufgaben gegründet, um Aufgaben wahrzunehmen, für die sich niemand wirklich zuständig fühlt. Doch alles machen wir nicht. Eine Hochzeit organisieren? Nein, wir sind schliesslich keine Eventagentur. Die Sonderaufgaben müssen sich im gesellschaftlichen Raum ergeben. Dabei ist es unser Ziel, neue Situationen zu kreieren, also Sachen herzustellen, die es in dieser Form nicht gibt und die dadurch real werden.
Unsere Arbeiten haben eine ganz andere Wirkung, weil sie nicht im Museum sondern in der Realität ausgestellt werden. Da wird die Kunst zu einem unbändigen Wesen, das aus dem Käfig abgehauen und nicht mehr kontrollierbar ist. Es nistet sich im System ein und manchmal merken die Leute nicht mehr, dass es sich um Kunst handelt. Die Menschen sind darum oft auch ein bisschen unsicher gegenüber unserer Person. Was sind wir jetzt? Unternehmer? Künstler? Wenn man unsere Rolle beschreiben will, so sind wir Grenzgänger. Das ist typisch für die heutige Zeit. Heute ist der Mensch oft mit verschiedenen Kompetenzen ausgestattet. Irgendwann kann man gar kinki kunst
nicht mehr genau sagen, was man eigentlich ist. Mit unserem Atelier für Sonderaufgaben betreiben wir einen professionalisierten Spielplatz – sozusagen einen Erwachsenenhort. Das, was früher stattfand, findet genau gleich immer noch statt, nur sind unsere Streiche heute begründet und wir bezeichnen sie gerne als Überfälle auf die Wirklichkeit. Zum Beispiel praktizieren wir noch heute den Klingelstreich – professionell! Wir nennen ihn Neo-Klingelstreich. Du drückst genau wie damals auf alle Klingeln eines Wohnhauses. Mit einem Unterschied: Du rennst nicht davon, sondern bleibst stehen. Das ist eine unübliche Handlung, die für uns als Künstler entscheidend ist. Wir versuchen damit Strukturen aufzubrechen. Das ist die grosse Aufgabe, die wir uns gestellt haben: am System zu rütteln und positiv zu stören. Mit der Waffe der Kunst. Zum Beispiel wurden wir zum Thema ‹Denkpause› nach Mels eingeladen worden. Wir haben das wörtlich genommen und den Vorschlag gemacht, vorsätzlich den Strom abzustellen – zehn Minuten täglich über mehrere Monate. Ein abstruser Vorschlag für viele Leute. Darum wurde er bei der demokratischen Abstimmung am Schluss wohl auch zu 93 Prozent bachab geschickt. Wir sind aber überzeugt, das hätte neue gesellschaftliche Dimensionen und Wertschöpfungen mit sich gebracht. Viele Leute wären auf einmal nach Mels gekommen. Stromtouristen! Aber die Leute da haben das nicht verstan-
den. Mit Mistgabeln sind sie auf uns losgegangen, Hunde haben sie auf uns gehetzt und über Felder mussten wir davonrennen. An einem Schöngeist sind wir nicht interessiert. Bei allem Respekt vor allen Kunstgattungen, wir müssen uns anders ausdrücken.
Wer versteht schon zwei Socken an der Wand, die ausgestellt und für 100 000 Franken verkauft werden? Nur weil ein Künstler die mal anhatte? Das ist der Kunstmarkt. Das ist absurd. Dank unserer Unabhängigkeit müssen wir es niemandem recht machen. Lieber scheitern wir, als dass wir es nicht ausprobieren. Wir gehen Wege, die für andere völlig unsinnig erscheinen – für den ersten Moment. Aber wenn man den Wald dieser Unsinnigkeit durchschritten hat, eröffnet sich am Ende eine kleine Welt. Da schaffen wir neue Wirklichkeiten, machen scheinbare Fiktionen real. Sobald sie in der Realität umgesetzt sind, werden sie selbstverständlich. Und dann hat die Kunst gesiegt. Dann musst du sie gar nicht gross anschreiben − ‹Achtung Kunst, nicht berühren› − sondern du lebst sie. Im besten Fall stolperst du darüber. 96
Im Zentrum unserer Arbeit steht der Mensch: Er ist wie die Farbe, die man für ein Bild braucht. Viele vergessen das, bauen riesige Städte und sprechen von Urbanität. Aber das Leben kann man nicht durch Bauten garantieren. Man muss die Stadt auch noch beseelen. Die Kunst muss sich im Alltag einnisten und der Mensch soll ein Teil davon sein. Unsere Konzepte sind dabei wie Spielfelder, die definiert werden. Innerhalb des Spielfelds gibt es dann wieder Möglichkeiten. Die Leute, die in unseren Werken leben, sollen sich frei fühlen. Einerseits möchten wir streng sein mit unseren konzeptionellen Gedanken, aber gleichzeitig auch offen. Das ist eine spannende Gratwanderung. Wie viel lässt man zu? Schlussendlich ist das wirklich Interessante an einem Werk immer ‹der Glanz der Wahrheit›. Wenn die Wahrheit sich manifestiert, die Leute sich authentisch bewegen können und sich daraus Neues entwickelt, wird der Betrachter berührt. Es geht ja auch darum, berührt zu werden. Wenn wir in ein Museum gehen, dann wollen wir sagen können ‹Wow, der trifft wirklich ins Schwarze!›, ohne dass wir zuerst Bücher lesen müssen, um zu verstehen.
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Wir versuchen im streng organisierten Alltag kleine Störungen zu verursachen. Und wir wollen, dass der Mensch daran teilnimmt. Dadurch dass er aktiv wird, wird das Kunstwerk umgesetzt. Deswegen haben wir auch eine kritische Einstellung zu Museen. Da ist der Mensch oft nur Konsument. Alles ist so andächtig, so eingesperrt, so gefesselt. Weil du weisst, dass es Kunst ist, hast du Angst, etwas falsch zu verstehen. Wer geht schon locker ins Museum?
Früher waren wir auch vernetzt mit diesen Kunstbetrieben, haben beide Kunst studiert. Jetzt sind wir ‹fremdgegangen›: Wir stellen unsere Arbeit in der Wirtschaft, im System des Alltags aus. Das wird scheinbar nicht gleich akzeptiert.
Die Leute sagen manchmal: Ihr spinnt! Wir sehen das anders. Wir glauben der, der heute nicht spinnt, der spinnt! Und die, die meinen, sie seien normal, die spinnen am meisten. 97
Vom 2. bis 5. Dezember widmete sich das Internationale Szenografie Festival IN3 voll und ganz dem Herzstück der Szenografie: dem Ausstellen im und ums Museum. Spielplätze, Einkaufspassagen und Theaterkulissen sind Umsetzungen von Szenografen, in denen sich der Mensch bewegen und woran er teilhaben kann. ‹Exhibit! Scenography in Exhibition Design› war dann auch Aufforderung und Programm zugleich. Das Institut für Innenarchitektur und Szenografie der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst lud Kuratoren und Museumsdirektoren, Ausstellungskünstler, Architekten und Theoretiker in die Basler Kaserne. Nach der Eröffnung des Festivals am Donnerstag durch Direktor Andreas Wenger philosophierten Museumsarchitekt Alexander Schwarz und Geruchsforscherin Sissel Tolaas darüber, ob Szenografie nur einen schnell verblassender Stern oder eine Revolution in der Gestaltung darstelle. Anschliessend wurden die Gewinner der ersten IN3 Challenge prämiert, mit welcher das Festival die Leistungen der Nachwuchsszenografen unterstützen will. Von den über 70 eingereichten Arbeiten zu den Themen ‹Performing Arts› und ‹Exhibition Design› gingen fünf als Gewinner hervor. Ihre wunderbaren und kreativen Werke wurden während des gesamten Festivals in der Kaserne ausgestellt. Da war allerdings vom Metier der Veranstalter, der Kunst des Inszenierens, nicht viel zu spüren. Die Ausstellung der Gewinner-Werke fiel klein und lieblos aus. Dieser Enttäuschung standen aber mehr als 60 hochkarätige Referenten entgegen. Unter ihnen die Bühnenbildnerin Anna Viebrock, Vogelnest-Architekt Jacques Herzog, Museumsdirektor Andreas Spillmann sowie Ausstellungskünstler Bodo-Michael Baumunk. Diese und viele weitere Talks und Präsentationen lockten täglich über 1 500 Besucher in die Kaserne Basel, die viel Wissenswertes über das unglaublich breite Feld der Szenografie, aber vor allem auch viel Denkstoff mit auf den Heimweg nahmen.
Leif Podhajsky
Coagulated physique
kinki kunst
kinki kunst
kinki kunst
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schauplatz die besten adressen für kunst
‹Nimm mich!› schreit es in der Marseiller Galerie Seize förmlich von allen Seiten. Denn hier sollen Künstler nicht nur ihre Leinwände aufhängen, sondern am liebsten gleich Boden und Wände selbst bemalen. Text: Dinah Brunner
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ine Zahl, eine Truppe, ein Ziel. Den Grundstein für die Galerie Seize legten sieben junge kunstbegeisterte Franzosen, die ihrer Stadt und ihrem Leben eine moderne und futuristische Dynamik verleihen wollten. Das war vor zwei Jahren. Ein alter Kühlraum, der zwischenzeitlich als Nähatelier diente, wurde innert sechs Monaten zur Kunstgalerie um- und ausgebaut. An der Nummer 16 der rue fontange, mitten im Künstlerquartier Notre Dame du Mont, locken nun ein SechsMeter-Schaufenster und ein knallgrüner Schriftzug in die Galerie
kinki schauplatz
Seize. Dort wird auf 45 Quadratmetern Kunst gezeigt, die auf regionaler und nationaler Ebene noch schwer zu finden ist. Die Galerie bildet so einen Treffpunkt für Sammler, Neugierige, Amateure und Profis zugleich. Weitere 80 Quadratmeter stehen zur kreativen Entfaltung bereit: Hier werden Drucke erstellt sowie Web, Video und Motion Designs entworfen. Aber auch in der Galerie selbst darf gewerkelt werden. Den sieben Gründern, die auch als Artdirektoren, Illustratoren oder Webdesigner tätig sind, ist es am liebsten, ‹wenn die Künstler den vorhandenen Platz vollständig nutzen, die Wände, den Boden oder sonst was bemalen!›
Reife Sechzehn
Die Galerie Seize denkt innovativ und respektvoll, was sich in der nachhaltigen und umweltfreundlichen Wahl der Medien und Materialien äussert. Sie ist jung wie ihre Schöpfer, aber reif, ehrgeizig und realistisch. Sie bietet sowohl unbeschriebenen Blättern als auch namhaften Künstler eine Plattform und achtet dabei auf ein lebhaftes Programm: von Wandmalereien über Gemälde, Grafik Designs und Videos bis hin zu Installationen
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wird alles gezeigt. Im Cornershop gibt es die jeweiligen Originalwerke oder limitierten Serien zu kaufen.
Kunst gegen den Stillstand
Noch bis zum 5. Februar ist übrigens der spanische Künstler Kenor mit seiner Werkserie ‹Miradas› in der Galerie Seize zu Gast. Der junge Katalane erfindet mit seinen ausdrucksvollen und abstrakten Wandmalereien ganze Stadtbilder neu. Die dreidimensional wirkenden Kreationen verschieben die Architektur, auf der sie sich niederlassen und hauchen so der Trägheit der Städte neue Bewegung ein. Auch mit seiner Ausstellung in der Galerie Seize dürfte Kenor für alles andere als Stillstand sorgen und den Wänden mit Sicherheit ihr Verlangen erfüllen. Oben: Ausstellung ‹Leisure› von Gary Fernandez Mitte: ‹I slept in my mountain› von Woozmoon Unten: ‹Acureo› von René Almanza Fotos: Promo Dienstag bis Samstag, 11 – 19 Uhr Seize − Galerie d’art & éditions limitées 16 rue fontange 13006 Marseille Frankreich Weitere Info findest du unter seizegalerie.com.
kinkimag.ch
kopfkino vom umschlag bis zum abspann
In unserem Zeitalter gehören Schönheit und Gesundheit zum Tagesplan. Über Mittag wird Sport getrieben, es werden vegane Delikatessen geknabbert und Coke Zero getrunken, um in ‹Shape› zu bleiben. Wir brechen das Body-Diktat und geben uns kultureller Nahrung hin, die uns mit künstlerischer Handarbeit, formvollendeten Skulpturen und intellektuellen Filmen geistig in Form bringt. Buch von hand
die in seinen Filmen als Angst vor atomarer Zerstörung, Unbehagen gegenüber Technologie und dem Fremden immer wieder ihr satirisches Gastspiel haben, sind in den ästhetischen Bildern eingefangen. Im Zentrum der Filme stehen stets menschliche Beziehungen, sonderbare Neigungen oder Dysfunktionen sowie die philosophischen Fragen des Lebens. Man meint, auf den Bildern die trockenen Dialoge geradezu von den Lippen der posierenden Protagonisten ablesen zu können. Der implizite Humor und die überzeichneten Charaktere scheinen in den genial komponierten Momentaufnahmen brachzuliegen. Höchste Zeit also, sich die Kultfilme Hal Hartleys nochmal anzuschauen, bevor ihr durch diese ästhetische Retrospektive blättert.
spielen. Besonders gelungen finde ich das Titelbild der mexikanisch-amerikanischen Künstlerin Ana Serrano, das einen farbenfrohen Hausberg aus Karton präsentiert. Dieser weckt auf der einen Seite Assoziationen an kleine Wellblechhütten einer Favela am Steilhang, und erinnert auf der anderen Seite durch den partiellen Lack (auf Haustüren und Fenstern), in dem sich das Tageslicht spiegelt, an ein Gemälde von Hundertwasser. Erschienen bei Gingko Press, ca. CHF 40.–
Juxtapoz Handmade Alle Monate wieder bringt das amerikanische Kunstmagazin Bucheditionen heraus, die spezifische Kunstthemen zum Gegenstand haben und vertiefen. In der neuesten Edition ‹Juxtapoz Handmade› geht es ans Handgemachte. Ein weiteres ‹Papercraft› oder ‹Tangible› könnte man meinen, jedoch gehen die Arbeiten über Papier- und Kartonkunstwerke hinaus und schaffen dreidimensional geformte Körper aus allen möglichen Materialen: Gestricktes, Gebranntes sowie Geschnitztes und Gehobeltes, Bemaltes und Genähtes sind in diesem ‹Bastelbuch für Erwachsene› zu finden. Es finden sich darin natürlich die fantastischen Papierskulpturen von Peter Callesen, die in Form von Schlössern oder Skeletten aus einem A4-Blatt emporsteigen. Daneben stehen gehäkelte Essiggurken im Einmachglas von Nicole Gastonguay oder Landschaften von Gregory Euclide, die wie kleine drei- und zweidimensionale Kosmen mit der Wahrnehmung des Betrachters kinki kopfkino
mit herz
Erscheint bei Libraryman, ca. CHF 70.–
mit typo Hal Hartley: The Heart Is a Muscle Ganz so anatomisch, wie der Titel es vermuten lässt, geht es im Fotoband ‹The Heart Is a Muscle› nicht zu. Auch nicht ganz so romantisch, dafür schwingt eine nette Prise 80er- und 90er-Jahre Nostalgie mit. Gezeigt werden ausgewählte Stills aus den Filmen des amerikanischen Independent Regisseurs Hal Hartley: von seinem Regiedebüt ‹The Unbelievable Truth› 1988 bis zu seinem für 2011 angekündigten Film ‹Meanwhile›. Grosse Gefühle, idealisierte College-Liebe und Herzschemerz kommen natürlich nicht zu kurz. Doch auch die eigentümlichen Gefühlsregungen,
Jay Hess und Simone Pasztorek: Graphic Design For Fashion Dieses Buch befriedigt nicht nur die visuellen Ansprüche, sondern spricht auch die haptische Wahrnehmung an. Es verfügt über einen eigenen Körper aus dickem Karton mit glatten, offenen Kanten und einer typografischen Prägung. 110
Im Inneren bietet ‹Graphic Design For Fashion› Printerzeugnissen aus dem Modebereich ein Zuhause, und dem zeitgenössischen Grafikdesign, das den zahlreichen Modebrands, Magazinen und Einladungen Gestalt gibt, eine Plattform. Wie ein Kleid sind die Buchseiten mit Faden gebunden und wie auch die Mode selbst beschäftigt es sich mit der Hülle – nämlich der stilsicheren Verpackung von Modekommunikation. Die Autoren Jay Hess und Simone Pasztorek stellen eine Auswahl der besten in der Modeindustrie tätigen Grafikstudios vor. Sie beleuchten die Beziehung zwischen Designer und Kunde und präsentieren selbstredend die Ergebnisse der Zusammenarbeit. Die Produkte weisen allesamt auffallend spielerisches und innovatives Grafikdesign auf. Ob Mevis and Van Deursen über die Arbeit für Viktor & Rolf, Paul Boudens über die Einladungen für Yohji Yamamoto spricht, Freudenthal Verhagen von der freien Lookbook-Gestaltung für Bernhard Willhelm erzählt oder Artless die Verpackung für Issey Miyake präsentiert: man kann sich nicht satt sehen an den vielgestaltigen grafischen Designs. Man begreift, dass Grafikdesign im Bereich der Mode einen besonderen Stellenwert hat und deshalb Vertrauen und entsprechende Freiheiten erfährt und auskostet. Liebe zu Ästhetik und Innovation verbindet eben. Erschienen bei Laurence King, ca. CHF 40.–
mit gurke
furcht und mein Gehirn geprügelt von Farben, Farben und nochmals Farben, Flimmern, Kapillargefässen, Drogentrips und viel nackter Haut. Die Geschichte hätte locker auch in der Hälfte der Zeit aufgerollt werden können: Bruder und Schwester schwören sich nach dem Unfalltod ihrer Eltern, einander nie zu verlassen. Als der Bruder (mittlerweile zum Dealer verkommen) in einem Tokioter Nachtclub Pillen verschwinden lassen will, wird er von Polizisten erschossen. Gefangen durch sein Versprechen, weicht er fortan als Geist seiner strippenden und hauptsächlich nackten Schwester (Paz de la Huerta) nicht von der Seite. Der Nachgeschmack, der diesen verblüffenden Film zu einem kinematografischen Erlebnis macht, lässt aber glauben, dass jede Minute dieses Trips unabdingbar ist.
DVD
kopfweh
Erwin Wurm Erwin Wurms Humor würde ich mir in diesen Tagen gerne intravenös als Prophylaxe gegen die Winterdepression zuführen lassen. Oder müsste man vielleicht schlichtweg lustiger heissen? Bertha Wurm zum Beispiel? Die humorvolle Note, die jedem seiner Werke innewohnt, ist entwaffnend, doch auch Gesellschaftsbeobachtung und -reflektion haben ihren ständigen Platz in seinen Skulpturen und machen seine Arbeiten unverkennbar. Streift man mit dem Blick eine von Erwin Wurms performativen Skulpturen, so fällt man binnen Sekunden das Urteil: ‹Da ist der Wurm drin›, oder ‹da war er dran›. Da entspannen sich die Gesichtsmuskeln und man wirft geistig Lebensratgeber, Diätbuch und Yogamatte in einen windschiefen Abfalleimer und erholt sich auf einer adipösen Matratze vom Leben da draussen. Auch nach 25 Jahren erschöpft sich Wurms Eifer zur Zweckentfremdung und künstlerischen Vergegenständlichung beliebiger Objekte, Handlugen und Gedanken nicht. Das vom Lenbachhaus München herausgegebene Buch zeigt eine Werkübersicht seines ‹durchgehenden Forschungsprojektes zum Skulpturenbegriff›. Darin werden auch zum ersten mal seine jüngeren Videofilme publiziert und analysiert, welche das Spiel mit Aktion, Performance und Skulptur in der zeitgenössischen Medienwelt fortführen. Wenn ich es mir so überlege, reichen vielleicht auch die 336 Seiten gegen den Winterkoller.
Alfred Hitchcock: Vertigo An Vertigo, sprich an Schwindel, leidet Detektiv John Ferguson in Hitchcocks Oscar-prämiertem Klassiker. Bei einem Schwindelanfall auf einem Hochhaus will ihm sein Berufskollege helfen und kommt dabei ums Leben, worauf Ferguson seinen Dienst quittiert. Da bittet ihn ein Freund um einen Gefallen, der Fergusons Leben gründlich verändern wird: Er soll Madeleine – die Gattin seines Freundes – überwachen, die täglich durch Galerien und Friedhöfe in San Francisco wandelt, sich danach aber jeweils an nichts erinnern kann. In diesem Spiel aus Verfolgung und Mysterie verliebt er sich in die undurchschaubare Dame, was seine ‹Vertigo› nicht gerade zu mindern scheint. Spannung pur von der ersten bis zur letzten Minute – das schafft wie Altmeister Hitchcock so schnell keiner. Die letzten Minuten im Glockenturm gehören zu den spannendsten Enden der Filmgeschichte überhaupt. Nach der Erstaufführung in den 50er-Jahren hagelte es seitens der Presse Kritik ob der anscheinend bizarren und an den Haaren herbeigezogenen Handlung. Zu Ruhm und Lob gelangte der Film erst später.
Erscheint am 28. Januar auf DVD.
herzschmerz
Sally Potter: Orlando Einen Mindfuck der subtileren Art bietet ‹Orlando› von Sally Potter. Als liebster Günstling der alternden Königin Elizabeth I. erhält Orlando von ihr den Befehl, für immer jung zu bleiben. Orlando befolgt den Wunsch und lebt für die folgenden Jahrhunderte. Der in Kapitel unterteilte Film beobachtet Orlando (Tilda Swinton) auf seinem Landsitz in England im Jahr 1700, zeigt das grausam-kalte Herz seiner russischen Liebe und führt den Protagonisten von der zentralasiatischen Wüste bis ins London der heutigen Zeit, wobei sich der immer wieder wochenlang schlummernde Orlando eines Tages im Körper einer Frau wiederfindet. Die Verfilmung der literarischen Vorlage von Virginia Woolf badet in der zweiten Hälfte ein wenig zu stark in emanzipatorischem Geklüngel. Nichtsdestotrotz ist ‹Orlando› 94 Minuten voll von der gigantesken Tilda Swinton und beladen mit grandiosen Kostümen. Wir danken also Mrs. Potter und Mrs. Woolf für ihre wohlwollenden Belehrungen, nehmen aber wieder mal nur das Schöne und Oberflächliche mit.
Bereits auf DVD erschienen.
ohrensausen
Erschienen bei Dumont, CHF 70.90
Um fit zu bleiben, stemmt unsere Rezensentin Florence Ritter Kunstbücher, häkelt Wurstketten, streicht im Takt der Musik von Hand über Buchprägungen und macht beim Hal-Hartley-Filme-Schauen die Übungen des neuesten Jane Fonda Videos.
Gaspar Noé: Enter The Void Seine Ohren, ihre Brüste, seine Ohren, ihre Brüste … ich kann nicht an viel anderes denken als dieser Mindfuck endlich endet. Während 161 Minuten wurde meine Netzhaut schmerzlichst penetriert, meine Oberschenkel von meinen verzweifelt kratzenden Fingernägeln zer-
Bereits auf DVD erschienen.
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Kino
muskelkater
Darren Aronofsky: Black Swan Natalie Portman kämpft in diesem Ballet-Thriller um die Hauptrolle in Tschaikowskis Ballett ‹Schwanensee›, das in New York aufgeführt wird. Ihr tänzerisches Talent grenzt an reine Perfektion, was ihr beinahe zum Verhängnis wird, denn in der Inszenierung soll sie auch die dunkle Seite – verkörpert durch den schwarzen Schwan – spielen. So muss sie sich gegen eine laszive Rivalin durchsetzen und immer mehr auch gegen sich selbst: Durch ihre grenzenlose Identifizierung mit der Rolle bildet sich eine zweite Persönlichkeit heraus, die sich zu verselbständigen droht. Wer rosa Tutus und feine Damen erwartet, der irrt. Die Nahaufnahmen geschundener Körperteile und perfekt dosierte Thriller-Elemente lassen einem die Haare zu Berge stehen. Portmans überragende Leistung verleiht der Rolle auch in bizarren Szenen der Transformation in einen Schwan die nötige Tiefe und Vincent Cassel bricht als sexy Meister-Regisseur die düstere Szenerie mit wohltuender Erotik. Ab 20. Januar im Kino.
Jetzt heisst’s den nackten Tatsachen ins Auge schauen: Cathrin Michael und Anja Mikula wechseln vom geruhsamen Filmeschauen ins seriöse Berufsleben und verabschieden sich vom kinki. Schön war’s!
maske art must be beautiful
Jeden Monat setzen an dieser Stelle Schweizer Künstler drei Beauty-Produkte in Szene. Florence Tétier, Creative Director des Magazins Novembre, widmete sich zusammen mit dem Fotografen Nicolas Coulomb dem glitzernden Puder. Die beiden verbargen die glamouröse Welt der Bilder unter einem weiteren glitzernden Deckmantel. H&M: ‹Grey Dust Eyeshadow›
M.A.C: ‹Frozen White Pigment›
Make up for ever: ‹Silver Glitter›
Von wegen graue Maus: Das lose Lidschattenpuder von H&M kann dank Schimmerpartikel mit allen Farben des Regenbogens mithalten. Und wie man es vom schwedischen Megakonzern gewohnt ist, darf auch das Portemonnaie mitstrahlen. 2,8 g, CHF 4.90
Die Farbe ‹Frozen White› haben wir diesen Winter schon öfter gesehen, ein Blick aus dem Fenster genügt. Allerdings nicht in solch feiner Konsistenz. Im Gegensatz zum gefrorenen Weiss auf den Strassen verwandelt sich dieses Pigmentpuder auch nicht in gräulichen Matsch oder bildet Klumpen, sondern behält seine strahlend weisse Farbe auch wenn’s draussen taut. 4,5 g, ca. CHF 35.−
Mehr Glitzer geht nicht: Make up for ever bietet mit seiner Glitters-Linie unglaublich viele Möglichkeiten für den professionellen und privaten Gebrauch. Erhältlich sind die Produkte in der Schweiz allerdings nur bei Nuno Styling in Zürich. 4 g, CHF 20.−
Florence Tétier / Nicolas Coulomb Florence Tétier ist Art Direktorin und Chefredakteurin des wunderschönen Novembre Magazins, sowie als Grafikdesignerin und Illustratorin für verschiedenste Auftraggeber im In- und Ausland tätig. Daneben arbeitet sie an eigenen Projekten. Zusammen mit dem ebenfalls in Frankreich geborenen Fotografen Nicolas Coulomb, der schon für illustre Kunden wie Vogue Uomo, Sang Bleu oder das 10 Magazine tätig war, erschuf Florence für diese Ausgabe eine eindrückliche Bildserie. Beide leben in Lausanne und arbeiten regelmässig zusammen. Art Direktion: Florence Tétier, Foto: Nicolas Coulomb, Text: Rainer Brenner, Realisation: Nicola Fischer
kinki maske
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henry und paul
Die mit den schimpfenden Männern. Und dunklen Gaststuben. Und Affen. Text: Roman Neumann, Foto: Philippe Sir? Sprich, Henry. Sir, weshalb schimpfen Sie vor sich hin? Ich schimpfe des Schimpfens wegen. Schimpfen ist die Notlösung eines jeden Stammtischlers, um dem dräuenden Schweigen zu entgehen, das sich in beharrlicher Manier am Sonntagnachmittag in der Gaststube zusammenbraut. Mit Stammtischler meinen Sie einen Dörfler, Sir? Du elender Städter, Henry. Als Stammtischler bezeichne ich einen Menschen, der sich jeden Sonntag an dem massiven Tisch in der Ecke eines Wirtshauses niederlässt. Gezeichnet vom Leben, mit Kanten und Furchen und Weisheiten, die ihm das harte Leben in den Kopf geschleudert hat. Für den blassgesichtigen, am Mittag Sushi essenden und von Sitzheizungen völlig verweichlichten Städter ist das natürlich ein unbeschriebenes Blatt. Was haben die, was wir nicht haben, Sir? Nun Henry, einen entspannten Gleichmut dem Leben gegenüber. Schimpfen reinigt die Seele! Und erst dieser bärbeissige Umgang! Der wird von den Städtern, die über den Ton im Dorfe erstaunt ihre gezupften Augenbrauen hochziehen, pikiert als ‹rauer Charme› bezeichnet. Ich verstehe nicht, was am Schimpfen gut sein soll. Nun Henry, als Städter kennt man diese Form der Geistesreinigung nicht. Der Stammtischler tut dies auf zweierlei Arten. Durchs Erzählen von Anekdoten aus seinem reichhaltigen Leben versprüht er Heiterkeit im Wirtshaus, so dass es den Leuten vor Freude die paukenförmigen Bäuche schüttelt und ein fröhliches Gedröhn vom Wirtshaus auf die Strasse schwappt. Doch wirklich heitere Anekdoten sind selten, sie liegen nicht nutzlos am Strassenrand herum. So besinnt der Stammtischler sich in seinem Monolog auf die einfachste Form kinki henry und paul
der Kommunikation: Schimpfen und auf Nachahmer und Gleichgesinnte hoffen. Der gemeinsame Feind schweisst die Gesellschaft erst richtig zusammen!
und schimpft doch für einmal über euch selber, ich möchte hier gemütlich mein Herrgöttli geniessen!› Nie, Sir? Richtig. Nie, Henry. Dabei wär’s das einzig richtige, und in den Bart grinsend würden die Stammtischler den Neuankömmling in ihrer Mitte willkommen heissen.
Und dann? Dann, Henry, verlässt man ruhig und ausgeglichen das Wirtshaus, es sei denn, man netzte sich zuvor beim Schimpfen die trockene Kehle, dann schwankt’s gewaltig, aber nicht minder zufrieden.
Aber die Schimpfenden Affen nennen? Nicht sehr nett, Sir. Jaja. Alles Schimpfansen.
Ein Tisch als Psychiater, Sir? Gewagt, Henry, gewagt. Eher seelische Müllhalde. Und wie oft ist ein Städter, der unfreiwillig dem Sud aus Halbwahrheiten und Schimpftiraden ausgeliefert war, aufgestanden, um mit brüchiger Stimme zu sagen: ‹Ruhe, ihr Affen 114
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