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kinki magazin - #21

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kinki

nr. 20 dez/jan 2009/10 chf 6.–

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THE ORIGINAL

BREAD & BUTTER A I R PORT BE R L IN - T E M PE L H O F

tradeshow for selected brands 20.--22.01.2010 www.breadandbutter.com


‹editorial› so this is the new year… Liebe Leser. …and I don’t feel any different. So beginnt ein wunderbares Lied von ‹Death Cab For Cutie› und für viele von uns das neue Jahr. Vorsätze sind dazu da, gebrochen zu werden – selbst Schuld, wer immer noch gute fasst. Auf der anderen Seite wäre es doch jammerschade, wenn der Fatalismus die Oberhand gewänne und der hoffnungsbeladene Reset zum Jahresbeginn mit all seinen Chancen zur Farce verkäme. Das haben wir uns auch gedacht und das Jahr 2010 in vorauseilendem Gehorsam zum offiziellen ‹kinki Jahr› erklärt. Nicht dass bereits 2009 kein ausgesprochen fruchtbares Jahr für die heimliche Lieblings -WC -Lektüre zahlreicher junger und selbstbestimmter Menschen gewesen wäre. Im Gegenteil. Wir rollen das Feld und zäumen das Pferd von hinten auf. Aber jetzt, nach weiteren zwölf Monaten des Lachens, Schwitzens, Heulens und Geiferns, soll alles noch besser und alle programmatischen und finanziellen Untiefen umschifft werden. Auf zu neuen Ufern, folgt uns in das ge­ lobte Land! Eure vollmundige und dicklippige kinki Redaktion

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[ L I F E AFT E R SKAT E ]


2010

We A c ti vi s ts J A S O N L E E & PE T E R S T O R MA R E SHOT BY C H E RYL D U N N www. we s c . c o m


‹content› Standard

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Editorial Content Gossip Klagemauer Abo / Impressum Media Henry & Paul

Report

28 Ein Grab am Meer 32 Twin Town 40 Zehn Minuten mit José Sanchéz Gavito 42 Gegen den Strich 46 Querschläger: Erich von Däniken 54 Enddarm

Sound 56 58 60 62

Interview: Little Dragon Interview: Micachu Interview: Final Fantasy Album des Monats: Vampire Weekend 64 Soundcheck 66 Playlist: Cryptonites

Fashion

48 Mariel Manuel: Fairytale Wonderland 68 Anna Wegelin: Forbidden Colours 70 ‹Taking Pictures of Myself› von ­Filippo del Vita 78 Craig Lawrence: It’s all about knitting 82 ‹Total Eclipse› von Alice Rosati 92 Vertreter: Chelsea Boot

Art & Co.

20 Shay Kun: War of the Worlds 94 Top Notch Gallery: Färgfabriken, Stockholm 96 Alexander Binder: Vanitas 112 Kampf der Qualität

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‹contributors›

Daniel Mahrer

Filippo del Vita

Daniels Augen begannen sofort hell zu leuchten, als der Vorschlag für den Artikel über die feministische Gruppe ‹FEMEN› vor ihm lag. So sah er sich bereits durch Kiews Innenstadt flanieren, um das Ding in bester Gonzo-Manier vor Ort zu recherchieren. Die Realität sah dann allerdings doch etwas anders aus: Zwei Wochen klickte er sich daheim durch ukrainische Nuttendatenbanken und Partnervermittlungssites, und tippte die Vorwahl 0038 ins Telefon. Nach einem Studienaufenthalt in München wieder zurück in Basel, wird Daniel in absehbarer Zeit wohl Kunstlehrer werden. Ansonsten wirft sein Alter Ego ‹dani L.› unter dadaniac.blogspot.com gerne seinen ganz eigenen Blick auf den urbanen Alltag und dessen Besonderheiten. – S. 42

Der Italiener Filippo del Vita fand über seinen Grossvater schon in jungen Jahren zur Fotografie. Nach seinem Studium in Florenz zog es Filippo erst nach Turin, danach wanderte er ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aus und arbeitete von New York aus als professioneller Fotograf für unterschiedlichste Kunden und Magazine auf der ganzen Welt. Einen kleinen Einblick in sein fotografisches Werk, das schon auf zahlreichen Ausstellungen wie dem Festival of Light in Kaunas, der Milan Triennale oder der Biennale in Reus geehrt wurde, gönnt uns Filippo in diesem Heft mit seiner einzigartigen Modestrecke. – S. 70

Shay Kun

Alice Rosati

Die Werke des israelischen Künstlers Shay Kun sind ein Gemisch der absurdesten Absurditäten: Beim Eindringen in die erhabene Natur wirkt der Mensch in Kuns Bildern wie ein skurriler Abenteurer, der eine stilisierte Welt zu erobern versucht. Und obwohl er durch sein Eindringen zwar seine Umgebung zu verändern vermag, gelingt es dem Menschen dennoch nie, die magische und mythische Macht der Natur zu überwinden. Diese sehr aktuelle Thematik, die Shay Kuns Werken zugrunde liegt, sowie sein fast schon surrealistischer Stil brachten dem Wahl-New-Yorker denn auch zahlreiche Ausstellungen in den USA und Europa ein, zuletzt an der ‹Art Miami›, von wo aus er uns ein beeindruckendes Portfolio seiner Arbeiten zusammenstellte. – S. 20

Die Karriere der 24-jährigen Italienerin Alice Rosati mag manchem erscheinen, als sei sie im Zeitraffer verlaufen: Nachdem Alice in der Werbeagentur ihres Vaters ihr Faible für Fashion entdeckte, brachte sie sich selbst das Fotografieren bei. Als sie ein paar Jahre später ihr Kunstgeschichtsstudium beendete, war ihr der Sprung ins Berufsleben bereits gelungen, denn schon während ihrer Studienzeit stellte Alice ihre Kunstwerke und Fotografien in zahlreichen Museen und Galerien aus. Nach einer Assistenzzeit in Athen ist Alice nun nach Mailand zurückgekehrt und verfolgt dort weiterhin das Telos ihres Schaffens, das auch ‹Total Eclipse›, die Strecke in diesem Heft, geprägt hat: Kunst und Mode in einer perfekten Liaison miteinander verschmelzen zu lassen. – S. 82

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‹gossip›

little black corvette

‹agenda›

01 16.01. – 06.03.

einzelausstellung: chloë piene

Galerie Rotwand, Zürich 20.01. – 22.01.

bread & butter

Flughafen Tempelhof, Berlin 22.01.

les yeux sans visage (ch) Palace, St. Gallen

museumsnacht im cartoonmuseum basel Cartoonmuseum, Basel 24.01.

get well soon (d ) Mascotte, Zürich 26.01. – 27.03.

gerda steiner und jörg lenzlinger: creep-show

Das kleine Schwarze passt immer. Und findet sich seit ‹LBD› auch ganz leicht.

Im Zentrum des neuen Fashionlabels ‹Little Black Dress› von ­Joanna Skoczylas und Eliane Diethelm steht – wie der Name vermuten lässt – das kleine Schwarze. Ziel der beiden Schweizer Designerinnen war es, mit ‹LBD› den Klassiker unter den Kleidern neu zu interpretieren. Skoczylas und Diethelm verbinden klassische Schnitte mit edlen Stoffen aus Italien, Frankreich und ­natürlich der Schweiz, wo die Kleider auch ausschliesslich herge-

stellt werden. Ob in einem einfachen Rollkragenkleid oder in exklusiver Abendgarderobe – in Kleidern von ‹Little Black Dress› sieht Frau immer gut aus. Da gibt es nur eines: Hingehen, einkaufen und sich dann ein bisschen wie Audrey Hepburn an Tiffany’s ­Frühstückstisch fühlen. Erhältlich sind die Kreationen in limitierter Stückzahl im neu eröffneten LBDLaden an der Josefstrasse 45 ­sowie im Globus in Zürich. (mm) littleblackdress.ch

vinyl für stil Weiss? Unifarben? Langweilig! Unter dem Motto ‹Protection with Style› stellt Primecut unter der Marke ‹GelaSkins› hauchdünne Schutzfolien für iPods, iPhones und Laptops her. Die Vinylfolien sind durchsichtig, kratzfest als auch versiegelt und legen sich schützend wie eine zweite Haut um das Gerät, ohne dessen Form und Funktion einzuschränken. Plus: Die GelaSkins machen aus jedem Gerät ein individuelles und styli­ shes Accessoire. Wer also bislang den MP3-Player aus Angst vor Regen und Schnee lieber zu Hause liess und ohne Musik in den Ohren über die Pisten kurv12

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Galerie Stampa, Basel 28.01.

dan le sac vs. scroobius pip (uk), bomb squad (usa)

Südpol, Luzern 29.01.

snitch (ch) Abart, Zürich 31.01.

tatiana trouvé: a stay between enclosure and space, öffentliche führung durch die ausstellung Migros Museum für Gegewartskunst, Zürich

02 02.02.

te, aufgepasst: Rechtzeitig zur Skisaison im Olympiawinter 2010 lanciert Primecut die ersten Winterspecial-Skins. Zusammen mit dem Fotografen Marc Weiler bannten sie Aufnahmen waghal­ siger Sprünge der Profisnowboarder Gian Simmen und Iouri Pod­ ladtchikov auf Folie und verwandeln so jeden iPod in einen echten Hingucker. Die Schutzfolien der ‹Snowboard Edition› sind ab ­sofort im Online-Shop von Gela­ Skins sowie in zahlreichen ­Snowboard- oder Szeneläden der Schweiz erhältlich. (mm) gelaskins.ch

fen (far east network) feat. ­otomo yoshihide, yuen chee wai, ryu hankil, yan jun Dampfzentrale, Bern

storm störmer: worst case szenarios, lesung Gessnerallee, Zürich 03.02.

air (fr)

Volkshaus, Zürich 05.02.

mastodon (us) Fri-Son, Fribourg 09.02.

stereophonics (uk) X-tra, Zürich 10.02.

dúné (dk)

Abart, Zürich


schuhlicious

kinki präsentiert : good shoes on tour

Vom elterlichen Gartenhäuschen auf die Bühnen Europas: Good Shoes.

‹Kein Talent, kein Übungsraum, kein Drummer – kein Problem!›, so die Devise der ‹Good Shoes›. Gut, das mit dem fehlenden Talent ist blosse Koketterie seitens der Band und offenbar konnten auch die andern Probleme erfolgreiche ge-

löst werden. Good Shoes entstand 2004 im elterlichen Gartenhäuschen im Südlondoner Vorort Morden. Die Brüder Rhys und Tom Jones schrieben sich mit ihrem tighten, Dancefloor-tauglichen New Wave Gitarrenpop die Trostlosigkeit des Vorstadtlebens von der Seele. So handeln denn auch die meisten Songs von suburbaner Langeweile, jugendlicher Unsicherheit oder Frustration, und scheinen damit den Nerv der Zeit zu treffen. Nach dem Sommerhit ‹All in My Head› von 2006 folgten Tourneen als Support der Kaiser Chiefs, der Rakes und von Maxïmo Park sowie die Veröffentlichung der ersten Platte ‹Smalltown Girl›. Trotz dieser Erfolge sind Good Shoes die Jungs aus dem Gartenhäuschen von nebenan geblieben und lassen die Fans in ihrem Blog aktiv am Leben

der Band teilhaben. Diesen Januar ­erscheint das zweite Album mit dem zuversichtlichen Titel ‹No Hope, No Future› – erste Kostproben auf MySpace tönen äusserst viel­v ersprechend. Geht hin und überzeugt euch live davon! (mm) kinki präsentiert die Good Shoes Tour im kommenden Februar: 01.02. 02.02. 03.02. 04.02. 08.02. 10.02. 11.02. 12.02. 14.02. 15.02. 16.02.

Nachtleben, Frankfurt Kellerklub, Stuttgart Karlstorbahnhof, Heidelberg Abart, Zürich 59:1, München E-Werk, Erlangen Beatpol, Dresden Magnet, Berlin Uebel, Hamburg FZW Club, Dortmund Luxor, Köln

Ein Interview mit Good Shoes sowie alle weiteren Tourdaten und Hörproben des neuen Albums gibt es auf kinkimag.com/ magazin sowie unter myspace.com/ goodshoes.

Ein neuer Schuhbrand und ein neuer Shop bedeuten für jede Frau Herzklopfen und garantieren ihrer Schuhkollektion Zuwachs. Die Geschwister Müller Knab haben sich mit ihrem Label ‹Lele PyP› deshalb ganz dem Lieblingsaccessoire der Frau verschrieben. High Heels, Stiefel und Ballerinas versprechen Frauenherz und -fuss zu entzücken, und mit einer galanten Mischung aus traditioneller Herstellung und innovativem Design – wie sie etwa die Fischleder-Pumps verkörpern – jede Sammlung zu ergänzen. Der weltweit erste ‹Lele PyP›-Shop wurde jüngst in Zürich eröffnet, so kann das Weihnachtsgeld sogleich investiert werden. (fr) Stadelhoferstrasse 42, 8001 Zürich lelepyp.com

the belgian connection Die beiden Designer An Vandevorst und Filip Arickx vom belgischen Modelabel ‹A.F. Vandevorst› sind nicht unbedingt bekannt dafür, viel Lärm zu machen. Leise und hauptsächlich in Non-Colors ­gehalten kommen ihre Kollektionen daher. Einzig skandalös und offensiv mag da der Fakt erscheinen, dass die beiden Absolventen der Antwerpener Royal Academy of Fine Arts besonders gerne ­Unterwäsche für Oberbekleidung ausgeben. Die solide und dezente Einstellung hat das Label nun bereits 10 Jahre sicher durch die Modegeschichte getragen und ihm so manche prestigeträchtige ­Auszeichnung wie zum Beispiel den Pariser ‹Venus de la Mode›Award als ‹Futur Grand Créateur› eingebracht sowie diverse internationale Ausstellungen wie etwa im New Yorker Metropolitan ­Museum of Art. Ebenso still und unaufgeregt wie ihre Mode er­ folgte dann diesen Januar die Lancierung der neuen Modelinie ‹A. Friend›. A. Friend ist eine reine Jersey- und Strickkollektion. Mit Overalls und Oversized Cardigans, die auch als Kleider getragen werden können, ist die neue Linie

wie geschaffen für Frauen, die unkomplizierte Mode lieben und ­gerne auf einen Look mit cleveren Basics setzen. Eine wunderbare Erweiterung des belgischen Gen-

res um besonders stille Mode mit gedankengeschwängertem Ansatz. (am) afvandevorst.be Foto: Roland Stopps

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bundesboutique ‹TOKU› steht nicht nur im Japanischen, sondern neuerdings auch im Berndeutschen für Besonderheiten aller Art.

‹TOKU› bedeutet auf Japanisch ‹besonders›, und vieles ist tatsächlich besonders an der neu eröffneten Boutique in der Berner ­ Altstadt. Das Konzept der TOKUBetreiberinnen, die den Laden im letzten Oktober eröffneten, ist klar: TOKU will in erster Linie Schweizer Designern eine Plattform für ihr künstlerisches Schaf-

fen bieten. So sind an der Gerechtigkeitsgasse 53 unter anderem qualitativ hochstehende Kleider und Accessoires der Marken ‹Beige›, ‹Erfolg› oder ‹Sophia› zu finden. Auch das starke Geschlecht kommt bei TOKU auf seine Kosten – im Sortiment ­f indet sich Herrenmode von ‹Markant› oder ‹Amok›. Ein Highlight der

bunten Palette an Kleidsamem und Schönem sind sicher die Zoccoli der Hausmarke Tokushuu. Die Schuhmodelle des Design­ trios Zimi Kesselring, Rebecca Studer und Mariann Liechti verbinden die schwungvollen Holzsohlen mit ungewöhnlichen Riemenmaterialien wie etwa Schwimmflügeln oder Veloschläuchen. Verantwortlich für das Interieur, das sich perfekt in die altehr­ würdigen Mauern einfügt, sind die beiden Berner Möbelateliers ‹Schweres› und ‹Stahlblau›. Ihre Kreationen können ebenfalls vor Ort gekauft werden. Regelmässige Besuche lohnen sich, denn immer wieder bietet TOKU mit Wechselausstellungen auch Gastlabels die Möglichkeit, ihre Kollektionen zu präsentieren. (mm) toku-store.ch

art in a box Geben wir es doch ehrlich zu: jedes Mal, wenn der Postbote klingelt und uns statt einer eingeschriebenen Mahnung oder Betreibung zur Abwechslung mal ein Paket vorbeibringt, wird jeder von uns irgendwie wieder zum Kind. Was kann da wohl drin sein? Und woher kommt es? Ähnlich begeistert war auch der Schweizer Künstler René Schmalz, als er von niemand Geringerem als von Roman Signer per Post mit einem Karton bedacht wurde. Darin fand sich natürlich – wie könnte es auch anders sein – dokumentierte Kunst des Absenders. Inspiriert von der Neugierde und Freude, welche Schmalz beim Öffnen und Erkunden dieser Postsendung empfand, begann er mit dieser Form der Auseinandersetzung mit vergänglicher Kunst zu experimentieren. Wieso nicht die Pakete voller Ton- und Videoaufnahmen, Dokumentationen und Porträts der internationalen Künstler, welche René Schmalz fortan um ebensolche ‹Zeitkapseln› bat, mit anderen Kunstinteressierten teilen? So spannte René mit seinem Freund Thomas Jud, dem Informations- und Dokumentationsassistenten der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, zusammen und generierte 14

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im Team eine Sammlung von mittlerweile über 120 Boxen. Das Besondere an dieser Sammlung mit dem passenden Namen ‹Schauwerk› ist, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Zeitkapseln von jedem Nutzer anders gewählt werden kann: denn ob man sich nun überraschen lassen will, und das Paket ganz einfach nach der Nummer auswählt, oder aber ganz gezielt nach Namen wie Marina Abramovic, Markus Weiss oder Effie Wu sucht, ist jedem Besucher selbst überlas-

sen, so dass diese Form der Archi­vierung wie wohl keine ihr vergleichbare auf die Individualität des Betrachters und Künstlers ­gleichzeitig eingeht. Sicher ist, dass jeder dieser Kartons in der besinnlichen Atmosphäre des Trogener Museums mit mindestens so viel Neugier und Spannung entgegengenommen werden dürfte wie die Paketsendung an der Haustür! Die Künstlerliste sowie weitere Informationen zum Projekt Schauwerk findet ihr unter schauwerk-blackbox.ch. (rb)

von hand zu fuss

Auch wenn es abgedroschen klingen mag, aber nein, entgegen aller rationalen Überlegungen kann Frau wirklich nicht genug Schuhe haben. Erst recht nicht, wenn es sich um solche Prachtexemplare wie die der Schweizer Designerin Anita Moser handelt. Mit ihren Schuhkreationen war die Bernerin schon dreimal Preisträgerin des Eidgenössischen Wettbewerbs für Design, und mit jeder neuen Kollektion bringt sie überraschend neue und individuelle Modelle auf den Markt. Inspirationen ereilen Moser, die fünf Jahre lang die Staatliche Ballettakademie in Antwerpen besuchte, vor allem während des Entwicklungsprozesses; das Unmögliche auszuprobieren ist ihr Motto. So lässt denn auch die Herbst- / Winterkollektion 2009, die mit glatten Oberflächen und fast nahtlosen Verbindungen den Karosserien schnittiger Sportwagen nachempfunden ist, nur den einen Gedanken zu: Der Porsche im Schuhschrank kostet immer noch weniger als der Porsche in der Garage – und ist ganz nebenbei sowieso viel toller. Empfehlenswert ist auch ein Blick auf Anita Mosers Website. Dort kann die Entstehung eines Schuhs Schritt für Schritt mitverfolgt werden, so dass man einmal sieht, wie viel Handarbeit in einem solchen Designerstück steckt, bevor es spazieren getragen werden kann. Eines bleibt noch zu bemerken: Nicht nur Frau kann dank der Kreationen von Anita Moser die Anzahl der geliebten Objekte in die Höhe treiben, nein, auch für die Herrn hält die aktuelle Kollektion, die mit verschiedens­ten Materialien spielt, elegante und trotzdem robuste Schnürschuhe im Dandy-Stil bereit. (mm) anitamoser.ch


untergrund unter strom Subversiv Records bietet seit 15 Jahren originellen Rockbands aus der ganzen Schweiz ein musikalisches Zuhause. Was zu Beginn bloss ein Bubentraum war – einmal die eigenen ‹Doppel-LiveKlappcover-Alben› zu veröffentlichen – entwickelte sich zu einem ernstzunehmenden Musiklabel, das schon knapp 50 Tonträger auf den Markt gebracht hat und dessen Bands weit über die Landesgrenzen hinaus Erfolge feiern. Auch im Umfeld von ‹Subrec› tut sich immer wieder viel Kreatives. 2006 erschien der Bildband ‹Toilettcore, Rosettenpunk und Gentlemenrock›, der auf 240 Seiten das Label und dessen Bands porträtiert. Anlässlich des 15-jäh-

rigen Jubiläums drehte der Filmemacher Jan Mühlethaler zusammen mit Matthias Hämmerly, seines Zeichens Musiker bei den Subversiv Bands ‹Monophones› und ‹Fuckadies›, nun einen Dokumentarfilm über die Entstehung und die Geschichte des D.I.Y.-Labels aus dem Berner Oberland. ‹Unter Strom› beleuchtet die beschaulichen Anfänge von Subversiv Records und geht zurück an die alpinen Ursprungsorte im bernischen Haslital. Nebst den Labelgründern Philipp Thöni und Daniel Fischer kommen Leute zu Wort, die seit der ersten Stunde dabei sind und damit viel Erzählstoff auf Lager haben – etwa darüber, wie das erste Festi-

val in einer Gondelbahnstation entstand oder wie die subversiven Klänge plötzlich auch ausserhalb des ländlichen Zuhauses auf offene Ohren stiessen. Die Fil­ memacher begleiteten zudem einige der Subversiv-Bands auf Tour und liefern viel amüsantes Filmmaterial, das die Vielfalt des Labels dokumentiert. Die Filmpremiere im Dezember war bei ausverkauftem Haus ein voller Erfolg. Ab Januar sind Vorführungen von ‹Unter Strom› in Bern, Thun, Zürich und Schaffhausen geplant. Wer die genauen Termine erfahren oder die DVD erwerben möchte, klickt auf swissunderground.com/subrec. (pk)

öko, loha , sioux und co. Spätestens seit der Klimakonferenz in Kopenhagen wissen wir, dass die Dänen ebenso umwelt- wie modebewusst sind. Daraus ergibt sich die perfekte Synergie, die zwei Studentinnen der dänischen Designschule in Form eines Modeund Blogprojektes nutzten. ‹The Fashion Totem› setzt diese Ideologie in einer Kollektion um, die nicht nur Umweltschonung verspricht, sondern sich sichtlich am Schosse der Natur inspiriert. Wo Öko auf der Stirn steht, ist Öko sowohl drin also auch sichtlich erkennbar: der Kaktus, der Bär und die Berge schlagen sich nämlich nicht nur namentlich, sondern auch inhaltlich in einer Kollektion nieder, die wesentlich von der indianischen Kultur geprägt wird. Die Strickkollektion beste­hend aus drei Outfits weist des Weiteren eine Unmenge an derart innovativen materiellen und gestalterischen Formen auf, dass manch ein Designer in die Hände klatschen würde. Kein Wunder gewannen sie Anfang Dezember den Design-Wettbewerb ‹Innovating Sustainable Fashion›. Auf ihrem Blog wird die frohe Botschaft weitergetragen: ‹Lasst euch von uns in eine ökofreundliche Modewelt einführen. Mode kann nicht nur getragen werden, sondern auch die Welt retten!› (fr) thefashiontotem.blogspot.com responsibledesign.dk

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‹The Fashion Totem› besinnt sich bei seinen modischen Kreationen auf indianische Wurzeln und raucht die Friedenspfeife mit der Natur.

fell für die haut

Glücklicherweise gehören wir zu jener Tattoo-Generation, die an den Delfin- und Sonnenuntergangsmotiven gerade noch vorbeigeschlittert ist. Die Unglücklichen unter uns sind dafür für immer durch ein Tribal oder ein chinesisches Schriftzeichen gezeichnet, die Glücklichen unter uns werden sich fortan hingegen mit Tiger und rosarotem Einhorn am Körper schmücken können! ‹Nicht viel besser›, denkt ihr? Und wie viel besser! Die Tattoos stammen nämlich erstens von der grossartigen englischen Illustratorin Julia Pott und bringen zweitens keine visuellen Langzeitschäden mit sich, da sie nach einigen Tagen wieder verblassen. Neben temporärem Körperschmuck hat Julia Pott aber noch einiges mehr an Goodies zu bieten. Ihre klobigen Tier- und Menschenköpfe, die sich auf unproportionale Körper setzen, muten kindisch an, verfügen aber über so vielfältige Details und Haltungen, dass sie sich mit ihrem charakteristisch verspielten Stil zu einer kleinen Welt zusammenfügen. Darin spazieren Hund und Katze Hand in Hand, Einhörnchen knutschen und Bären tragen bunt gemusterte Schals. Auf ihrem ‹Etsy›-Profil besteigen Julia Potts Märchenfiguren dann Kissen, Totems sowie natürlich Prints und eben die aparten AbziehTattoos, die unseren Körper sozusagen in eine Galerie verwandeln. (fr) juliapott.com etsy.com/shop/juliapott


klagemauer Dein Meerschweinchen hat dich heute gebissen? Deine Freundin steht auf DJ Bobo? Die Welt ist böse? Zürich geht dir auf den Sack? Dein Lover hat deinen Geburtstag vergessen? Egal was dich gerade stresst oder nervt: auf kinkimag.com unter ‹Klagemauer› kannst du Dampf ablassen. Die besten Einträge werden hier veröffentlicht.

ich habe schlauchbootlippen. die halten aber nur morgens, dann ist die luft raus. keinkussmund heutnacht | mann hat mich gerade als kitsch bezeichnet, stört mich das jetzt? ben123 | ich hab so genug von festplatten die nie genug gross sind… ich will endlich das unendliche datenmedium… Anonymous | emofrisur an der traurigsten optimistin der welt. sturmkind | die scheiss parasiten die mich von innen auffressen! hätt ich sie doch nicht f****n sollen in Bali! Und wie krieg ich diese scheiss Dinger wieder los? Es beisst mich abartig und das noch an meinem schnäbeli! hanswurst | unsere teamleitertussi hat einfach minus führungsqualitäten! ich reiss mir den laden untern nagel! baninus | die schwarzen ribeli von den socken in den zehennägeln. Anonymous | kein schlüssel, kein schloss. kein zuhause. Anonymous | ohne titten gäbe es deutlich mehr leid auf dieser welt. loves dä brüst | indesign ich hasse und verachte dich!!!!!!! hangover | zuviel getan um noch aufzuhören und zuviel getan um noch weiter zu machen moleki | mitarbeiter, die sich selber in den himmel loben. dicke leute, die in der bäckerei vordrängeln. brille kaputt, reparatur selber bezahlen. kein bock zu arbeiten. hab gar keine arbeit. scheiss tag! gsaffer | alles ist gut solange du wild bist! jawoll | in den schweizer gerichtssäälen werden keine hämmerchen benutzt! jetzt muss ich mein ganzes weltbild neu basteln… euer ehren | arbeit, noch mehr arbeit und noch viel mehr arbeit – morgen komme ich mit dem staubsauger und sauge alle blätter und alles auf meinem pult ein, jawohl! work-ed | falsch richtig. schwarz weiss. gut schlecht . leben verdammt noch mal. leben. hässlich oder schön – fett oder dürr – oder schlank oder schlacksig. gesund oder krank oder paranoid. leben! wie man ist! keinrichtig oderfalsch | jammerer, die nicht verben konjugieren können. strengt euch doch mal ein bisschen an! gramatick | ich möchte tarzans jane sein und bei den gorillas leben. tschain | meine brüste sind noch fest und ich mag nackt sein unter baumwolle. lasst mich doch. und kalt hat jeder mal. mag schalen nur für tee | mein vater redet viel, er macht immer unendlich viele und lange schachtelsätze. bandwürmer sozusagen. abschweife. und trotzdem sagt er jedesmal bevor er anfängt zu reden. ‹also, ich willdr zwei sache sage...› ca. 8652 sachen, bzw. wörter später denke ich dann. aha. ja, zwei. stimmt. die letzten zwei. aber wieso lässt du dann die anderen 8650 nicht einfach weg! blaaaa aa | ich habs wieder getan. es nicht getan. und das andere auch nicht. und dies und das, das ich mir vornahm. vorsätze ätzen | er küsst wie ein schwamm. wischt einfach quer rüber, über mein gesicht. schlm schmhmm schlbbr schmtz kinki

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‹kinkimag.com›

hoppeks auge Grosse Augen machten die Be­ sucher des Fumetto 2008, als sie in die Räumlichkeiten der Kunsthochschule in der Luzerner Altstadt eintraten und sie eine beinahe raumfüllende, überdimensionale Kuh mit noch grösseren Augen erschreckte. Diese Installation kreierte Boris Hoppek eigens für das Comix-Festival. Noch mehr Bekanntheit erlangte der deutsche Künstler hingegen mit einem kommerzielleren Auftritt: Seine typischen Puppenkreaturen mit den grossen Augen stürzen sich in ­einem Opel Werbespot ins Nachtleben. Abgesehen von dieser Gastrolle schwimmt der Künstler – seinen Wurzeln, die im StreetArt- und Graffiti-Bereich liegen, treu – stets gegen den Strom. Gekonnt verwendet Hoppek in seinen facettenreichen Werken niedliche oder schöne Geschöpfe zur Gesellschaftskritik. Die zahlreich vertretenen Techniken resultieren denn auch in unterschiedlichsten Medien wie Wandmalereien, Illustrationen, Fotografien, Skulpturen oder Puppen. Allesamt verbinden sie Charak­tere, die ­Geschichten über Tabus, Gewalt, Rassismus, Prostitution und ­Pornografie erzählen. Einen Einblick in Hoppeks künstlerisches und kritisches Werk erhaltet ihr auf kinkimag.com/art.

Tabus aus der Puppenkiste: Boris Hoppeks Figuren erzählen uns keine Märchen!

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einblicke und ausschnitte Das älteste Gewerbe der Welt boomt bekanntlich ja nicht nur in unseren Breitengraden und beschränkt sich auch nicht auf das weibliche Geschlecht. Dies mag sicherlich all jenen, die schon mal durch Bangkok gelaufen sind, aufgefallen sein. Dort bieten am Strassenrand nämlich nicht nur kurzberockte Damen, sondern auch Männer und Transsexuelle ihre Liebesdienste feil. Unser Reporter Michael Hugentobler nutzte sein Reisegeld allerdings nicht, um diese in Anspruch zu nehmen, sondern verlangte vom Ladyboy namens Dow etwas viel Ungewöhnlicheres für seinen Batzen: ein Gespräch. Dow bietet uns Einblicke in sein Leben im falschen Körper, berichtet von angenehmen und unangenehmen Kunden sowie von seinen Zukunftsplänen und Träumen. Einblicke bietet uns auch Valerio Bonadei in seinen Überlegungen zum Thema Mode und Politik. Wie sollte sich ein Politiker kleiden, um weder altbacken noch unangenehm revolutionär aufzutreten. Wo genau man die Grenze ziehen muss, damit das politische Parkett nicht zum rutschigen Catwalk wird, verrät ihm denn auch die Stilberaterin Tina Weiss, die für das Magazin ‹Cash› Menschen im Business Look fotografiert und kommentiert. Diese und weitere exklusive OnlineArtikel findet ihr unter kinkimag.com/magazin.

twins will be twins

Nachdem wir im Magazin auf ­Seite 32 die Geschichten von Personen erzählt haben, die von der Aussenwelt blickweise verwechselt werden und somit ­Zwillingszüge im Aussehen, der Haltung oder der Art aufweisen müssen, belichten wir unter der Rubrik ‹magazin› die andere Seite des Zwilling-Daseins. Die Fotografin Andrea Diglas ­visualisiert die eigene Duplizität in einer Modestrecke, die sie mit eineiigen Zwillingen aus Zürich inszeniert hat. Die Schwarz-WeissSerie ‹Double Trouble› thematisiert neben Verwechselbarkeit auch Momente der Ästhetik, der Verbundenheit und der Verwirrung.

und sonst gar nichts? Nein, ansonsten gibt’s diesen Monat auf kinkimag.com nichts zu sehen oder lesen. Weder Videos noch Ergänzungen zu unseren Magazinartikeln oder Making-Ofs zu unseren Bildstrecken, geschweige denn Künstlerporträts und täglich neue Blogs, Kolumnen und Wettbewerbe. Nein, all dies auf unserer Website zu zeigen, werden wir tunlichst unterlassen, Weihnachten ist schliesslich schon lange vorbei. Und wer uns das nicht glaubt, der sollte zur Sicherheit vielleicht doch mal einen Blick auf kinkimag.com werfen. Ihr wisst ja: Journalisten sind notorische Lügner.


visit kinki magazine online: report, fashion, sound, art & co kinkimag.com

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SHAY KUN: War of the Worlds

‹It Is Idle to Dread What You Cannot Avoid›, 2008


‹The Illusionist›, 2008–2009


diese Seite: ‹Epiphany›, 2008; rechte Seite: ‹Delirium›, 2008


‹Life Is A Journey Not A Destination›, 2008


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Ein Grab am Meer Moderne Friedhöfe gewähren rund um die Uhr Einlass. Virtuelle Gräber im Internet sind Ausdruck einer neuen Trauerkultur. Ein Ort der Stille ist die letzte Ruhestätte im Netz jedoch nicht immer. Text: Jens Dierolf, Foto: Anna-Tina Kessler, Janis Weidner

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as Grab von Michael Jackson fällt schlicht aus. Umrandet von schwarz-grauen Marmorblöcken blüht eine einsame weisse Lilie inmitten des ansonsten kargen Beetes. Ein Grabstein in X-Form steht darauf, sieben Kerzen flackern, im Hintergrund prangt ein Bild des verstorbenen Popstars aus glücklichen Zeiten. Petra und René haben bedeutungsschwer eine Kondolenz geschrieben: ‹Im Leben gibt es nur zwei Dinge, die wir bewältigen müssen. Das Leben und den Tod. Alles andere ist unwichtig.› Michael Jacksons Ruhestätte liegt im Internet auf dem Online-Friedhof strassederbesten.de, der nach Angaben der Betreiber grössten virtuellen Trauerstätte im deutschsprachigen Raum. Nebenan befinden sich die Gräber von Säuglingen, Greisen, Müttern. Manche starben vor zwei Tagen, andere vor 20 Jahren. Hier liegen Prominente neben Unbekannten. Und der verstorbene Popstar ist gleich mehrfach vertreten. Seine Fans haben virtuell Schaufel und Spaten gepackt und 44 Gräber für ihr Idol ausgehoben. Jeder darf den Friedhof umpflügen, ein Beet anlegen und schmücken. Mit Blumen, Kerzen, Bildern, Animationen und Videos. Kostenlos. Ein paar Schritte von der besagten Trauerstätte des selbsternannten King of Pop entfernt hat

Patrick Swayze seinen Platz gefunden. Das Grab des Dirty Dancing Stars zieren weit mehr als 100 Kerzen. Tauben flattern auf seiner Gedenkseite, Engel funkeln, winzige Pferdchen stellen sich neben dem Stein in einer Endlosschleife auf die Hinterbeine. Vor Blumen quillt das Grab fast über. Insgesamt sechs Gräber huldigen auf strassederbesten.de dem Schauspieler.

Friedhof für die Hosentasche Als die ‹besondere Art der Pietät› bezeichnen Gedenkportale das virtuelle Vermächtnis. Ein Ort des Erinnerns, der von überall aus der Welt erreichbar ist, Angehörige wie Bekannte eines Verstorbenen über Kontinente hinweg verbindet und Grenzen zwischen Religionen einreisst. Die Seite geh-den-weg.de wirbt für sich als ‹Der virtuelle Friedhof für alle Religionen›. Das Portal memorta.com bezeichnet seine Plattform als den ‹schönsten Platz im Netz›. Selbst Gedenkstätten für Tiere breiten sich aus. Auf friedhof-der-tiere.de erfährt der Besucher etwa über Muckie, den Kater, folgendes: ‹Er war abgemagert und schlief im Komposthaufen.› Die Verabschiedung wird zur öffentlichen Liebesbekundung: ‹Mach’s gut, kleiner, alter,

leiser Kater.› Wenn es schon kein echtes Grab für das Schmusetier gibt, dann zumindest ein virtuelles. Es genügt ein internetfähiges Handy, und das Vermächtnis – für Mensch, Tier oder die eigenen Lieblingsschuhe – kann von unterwegs geschmückt werden. Das Grab zum Mitnehmen in der Hosentasche. Die Trauerportale breiten sich im Internet aus wie schlechte Weblogs – und sollen zu einem grossen Geschäft werden. Noch sind die Besucherzahlen der Seiten überschaubar, aber Experten glauben an ein enormes Wachstumspotential.

Gratis testen In den USA hat Jeff Taylor, Gründer der Jobbörse monster.com, das Portal tributes.com gegründet. Angehörige von gefallenen Irak -  oder Afghanistan-Veteranen werden gleich auf der Startseite umworben. ‹Create a Military Tribute for Our Honored Heroes›, heisst es dort. Fünf Designvorlagen stehen zur Auswahl: Army, Navy, Air Force, Marines oder Coast Guard. Zwei Wochen ist das Angebot kostenlos. ‹Die Frage ist nicht, ob dieses Geschäft boomt, sondern wann›, sagte Taylor einst. Mehr als vier Millionen Franken flossen bislang in das Projekt.

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Kitsch in Regen-  bogenfarben Auch Zeitungsverlage investieren. Der Grosskonzern Holtzbrinck, der vor wenigen Jahren bereits die Seite studi-vz gekauft hat, ist mit trauer.de vertreten. Im Vergleich zu den meisten anderen Anbietern fällt hier das Angebot bescheiden aus: Neben einer Grafik der Traueranzeige aus der Zeitung können Bilder hochgeladen oder Kondolenzeinträge geschrieben werden. Keine blinkenden Engel, keine Grabgestecke. Auf anderen Gedenkseiten dominiert der Kitsch: Regenbogen, Säulenhallen, Kristallmotive wie auf Esoterik-Messen, ein Grab am Meer vor einem Sonnenuntergang am Südseestrand. Kitsch mischt sich mit Kommerz. Werbung leuchtet am Rand der Seiten. Wer eben noch auf internet-friedhof.de ein Gedicht für seine verstorbene Freundin verfasst hat, bekommt im nächsten Augenblick auch schon in einer Anzeige den Buchtitel ‹Frauen im Internet verführen› empfohlen. Der Betreiber von paradies-friedhof.de hat seiner Seite gar die Rubrik Kleinanzeigen hinzugefügt: ‹Mann sucht Frau› und ‹Frau sucht Mann› sind zwei der Kategorien.

Wütender Bestatter Überhaupt sind die Gedenkseiten selten Orte der stillen Einkehr. Es wird geschimpft wie im Eishockeystadion. Und die Beleidigungen richten sich sogar gegen die Verstorbenen. Familienmitglieder tragen ihren Streit in aller Öffentlichkeit aus. Die Betreiber von strassederbesten.de sahen sich in einem Forumseintrag zu einem Rundumschlag gegen Querulanten auf ihrer Seite genötigt: ‹Wenn es nicht aufhört, dass sich hier Familienmitglieder öffentlich streiten und gegenseitig ihre Gräber verunstalten, (…) werden wir eingreifen und den Unruhestiftern ihre Gräber löschen und den Zugang sperren. (…) Glaubt nicht, dass ihr euch hinter eurem Monitor verstecken könnt. Ihr hinterlasst eure Spuren und man kann euch ausfindig machen.› Von vornehmer Zurückhaltung ist beim virtuellen Bestatter wenig zu spüren: ‹Durch euer Handeln beweist ihr nicht nur der Gemeinschaft, wie erbärmlich und unreif Ihr seid.› Zum Abschluss seiner Ansprache zürnt er: ‹Es ist uns auch egal, wer angefangen hat und wer nicht. Für uns seid Ihr in so einem Fall alle gleich. Wir schmeissen euch in einen Sack und schlagen mit dem Knüppel drauf (Gräber löschen, Sperre, Anwalt…).› Wohl gemerkt: Der Schreiber zeichnet im Impressum für den angeblich grössten deutschsprachigen Online-Friedhof verantwortlich.

Zickenkrieg Auch unter den Trauernden tobt auf vielen virtuellen Gedenkstätten ein Zickenkrieg. Eines der Hauptthemen: Selbstgestalteter Grabschmuck

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wird kopiert, um damit das Beet der eigenen Bekannten zu schmücken. Voller Entsetzen macht das Wort ‹Grabraub› die Runde. Die Rache wird im Kondolenzbuch oder im Diskussionsforum verewigt: ‹Auf meinen Gräbern steht: «bitte nichts kopieren». Sie haben trotzdem mein Herz genommen, welches ich für meinen Sohn zum 3. Todestag (…) bearbeitet habe. (…) Frau Anne S., löschen Sie sofort mein Herz vom Grab Ihres Mannes, Bernhard Z.› Und das ist nur eines der druckbaren Beispiele, bei denen wir natürlich die richtigen Namen geändert haben. Immerhin einen Vorteil hat das virtuelle Grab: Es lässt sich ohne allzu grossen Aufwand wieder löschen.

Datenschutz sei das vereinbar, versichert Stuckenberger. Auf Wunsch würden die Veröffentlichungen sofort gelöscht. Insgesamt verfüge emorial derzeit über Premium-Erinnerungsstätten im unteren vierstelligen Bereich. Um das Portal attraktiver zu machen, schreibt Martin Kunz, seines Zeichens Redaktor beim deutschen Nachrichtenmagazin ‹Focus›, Nachrufe für Prominente. Von Schauspielern über Politiker und Sportler bis hin zu längst verstorbenen Wissenschaftlern. So brennen auch bei Leonardo da Vinci drei Erinnerungskerzen. Gefragt, weshalb jemand bei einer historischen Person Kerzen anzünde, antwortet Stuckenberger: ‹Das müssen wirklich Fans von da Vinci sein.›

Seniorengerecht

Selbstfindung

Trotz aller Auswüchse, Pannen und Peinlichkeiten auf Gedenkportalen sind die Münchner Martin Kunz und Anton Stuckenberger davon überzeugt, dass die neue Trauerkultur zum Ge -  schäftsmodell taugt. Gerade weil Anstand und Pietät auf vielen Trauerportalen zu kurz kommen, wollen sie sich durch Seriosität von der Konkurrenz unterscheiden. ‹Wir sind beide Ende 40. Da hat man mehr Fingerspitzengefühl als mancher Programmierer, der mit 25 in seiner Freizeit eine Seite aufbaut›, sagt Stuckenberger. Bei emorial.de hält man wenig von der Kitschkultur. Virtuelle Grabsteine und flatternde Engelsanimationen zählen nicht zum Angebot. ‹Wir sind ein Erinnerungsportal, kein virtueller Friedhof›, differenziert der Münchner. Die Optik ist zurückhaltend, in dezentem Gelb gehalten, die Leitstruktur seniorengerecht. 19 Euro kostet das digitale Vermächtnis mit Bildern, Musik, Videos und Kondolenzbuch. Der Zugang lässt sich auf Wunsch mit einem Passwort schützen. Jeder Nutzer muss sich per E - Mail anmelden, was einen gewissen Schutz vor anonymen Beleidigungen bietet. Wer sich nicht an Umgangsregeln halte, werde sofort gesperrt, so die Betreiber. Seit zwei Jahren ist emorial online. Viel Geld und Zeit haben die beiden Endvierziger in das Projekt investiert. Gewinn wirft es noch nicht ab, aber das soll sich bald ändern – und das Münchner Kleinunternehmen will weiter expandieren. In der Schweiz ist emorial.ch bereits online. Der Bekanntheitsgrad sei noch gering, bislang gebe es aber immerhin mehrere hundert Einträge für Verstorbene zwischen Genf und St. Gallen. Tendenz steigend.

Die Zugriffszahlen bei emorial steigen. Wenn auch noch von einem bescheidenen Niveau aus. Das Portal zählt etwas mehr als 1000 Besucher pro Tag. Im Mai stellen Kunz und Stuckenberger ihr Angebot auf der grössten internationalen Bestattermesse in Düsseldorf vor. Die Zusammenarbeit mit Beerdigungsunternehmen, Zeitungsverlagen und seriösen Werbepartnern soll auf-  und ausgebaut werden. ‹Vor allem kleinere, innovative Bestattungsfirmen sind offen für eine Zusammenarbeit›, sagt Stuckenberger. Übrigens: Auch für Michael Jackson gibt es bei emorial eine Gedenkstätte. Ein Foto zeigt ihn 1984 im Glitzeranzug mit Goldschärpe nach einem Besuch bei Ronald Reagan im Weissen Haus. Statt eines Marmorgrabs erinnert ein Nachruf an Jacksons exzentrisches Leben. Neben verloschenen Gedenkkerzen stehen Kondolenzen. ‹Lieber Michael! Du hättest ein bisschen mehr an Dich denken sollen›, schreibt ein Nutzer treffend. Ein anderer resümiert: ‹Er war wirklich cool und ich trauer auch um ihn. Ich dachte immer, dass der Name Michael ein doofer Name ist, weil ich selber Michael heisse. Aber jetzt ist es eine Ehre, so einen Namen zu haben.› Manchem hilft die öffentliche Trauer im Internet sogar bei der Selbstfindung.

Nachrufe für Prominente Das gesamte Portal enthält mittlerweile 170 000 Einträge. Diese stolze Zahl liegt allerdings vor allem an den Betreibern selbst. Sie durchforsten Tageszeitungen, Zeitschriften oder das Internet nach Traueranzeigen. Name, Geburts -  und Sterbedatum tragen sie in ein öffentlich einsehbares Verzeichnis ein. Mit dem

Weitere Info unter: emorial.ch memorta.com strassederbesten.de trauer.de friedhof-der-tiere.de


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TWIN TOWN Sie leben in derselben Stadt und ähneln sich wie die Kirchtürme des Grossmünsters. Madeleine Wohlfahrt und die Fotografin Esther Michel suchten in der Limmatstadt nicht nur ganz viele vermeintliche Zwillinge, sondern auch ihre ganz persönlichen Look-alikes. Ausserdem bemerkten sie, dass sich die Ähnlichkeit meist nicht nur aufs Äussere beschränkt…

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addam Hussein hatte mindestens vier, Elvis Presley hat Tausende und Michael Jackson inzwischen vielleicht auch. Die Rede ist von Doppelgängern. Politiker verwenden sie aus Sicherheitsgründen und Schauspieler brauchen sie in Form von Stuntmen und Bodydoubles. Paul McCartney soll angeblich gar durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein, als er 1966 bei einem Autounfall ums Leben kam. Stimmt vielleicht die Theorie, wonach es jeden Menschen auf dieser Welt zweimal gibt? Und was, wenn beide in derselben Stadt leben? Fast jeder hat sie schon einmal erlebt,

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­ iese Verwechslungen im Rauch schummriger d Clubs, die unbekannten Menschen, die einen auf unbekannte Geschehnisse ansprechen. Und manche werden fast auf Schritt und Tritt von Bekannten und Freunden des vermeintlichen Doppelgängers verfolgt, ohne die entsprechende Person je persönlich getroffen zu haben. Wir haben uns in Zürichs Nachtleben auf die Suche nach Zwillingen ohne verwandtschaftliche Bindung gemacht. Gefunden haben wir sechs Doppelgänger, unter anderem auch unsere eigenen. Wer jeweils das Original ist und wer der Doppelgänger, haben wir allerdings nicht herausgefunden. Aber lassen wir die Doppelgänger doch selber erzählen…


Marlene und Madeleine gleichen sich nicht nur in Äusserlichkeiten und im Schriftbild ihres Namens. Auch aufgrund ihrer sich ebenfalls ähnelnden Partner werden die beiden oft miteinander verwechselt.

Marlene und Madeleine Madeleine: Als wir eine Zeit lang an denselben Orten ausgingen, wurden wir häufig verwechselt. Vielleicht weil wir damals beide einen Freund mit Lockenkopf hatten, uns ähnlich sehen und dann auch noch fast gleich heissen, war es schwierig uns auseinanderzuhalten. In letzter Zeit werden wir nicht mehr so oft verwechselt, aber es kommt immer noch vor, dass mich Leute wegen Club-Eintritten anquatschen; natürlich meinen sie Marlene, deren Mann Clubbetreiber ist. Marlene: Ich fand es ziemlich seltsam, als mich ein Barkeeper einmal mit ‹Schon wieder du?› begrüsste. Später lief mir Madeleine über den Weg, die kurz zuvor bei demselben Barkeeper bestellt hatte und zufälligerweise fast gleich angezogen war wie ich.

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Was, wenn sich die Ex in einen verguckt, der fast gleich aussieht wie man selbst? Kein Problem! Zumindest nicht für Pädi und Neil: sie teilen mittlerweile nicht nur Aussehen, sondern auch Mischpult und Platten mit­ einander.

Neil und Patrick Neil: Seit Patrick vor ein paar Jahren nach Zürich gezogen ist, werde ich hauptsächlich von hübschen Frauen mit ‹Pädi› angesprochen. So gesehen habe ich nichts dagegen, verwechselt zu werden. Patrick: Wir haben uns über meine Exfreundin kennengelernt, die sich damals in Neil verguckt hatte. Sie war eigentlich auch die Erste, die die Ähnlichkeit betonte. Nebst unserem Freundeskreis und Aussehen ist auch unser Musikgeschmack ziemlich ähnlich. Daher legen wir inzwischen regelmässig gemeinsam auf.

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‹Es hat sich zwischen uns aufgrund der vielen ge­meinsamen Erlebnisse eine starke Eigendynamik mit ­zahlreichen Insiderwitzen entwickelt. Einige finden uns zwar einzeln wohl nett, aber zusammen einfach nur unerträglich›, meint Dominik.

Thomas und Dominik Thomas: Als wir uns vor 10 Jahren zum ersten Mal begegnet sind, war relativ schnell klar, dass wir beste Freunde werden würden. Wir sind uns in vieler Hinsicht sehr ähnlich. Vielleicht weniger vom Äusseren her, aber in unseren Wesenszügen, Ansichten und auch Lebensläufen. Bevor wir uns überhaupt kannten, waren wir fast gleichzeitig im Austauschjahr im mittleren Westen der USA, anschliessend hatten wir denselben Arbeitgeber und wir beendeten zur fast gleichen Zeit unsere erste lange Beziehung. Dominik: Wir wurden beinahe als eine Einheit wahrgenommen, die Charaktereigenschaften des einen wurden einfach in den anderen hineininterpretiert. Wir wurden sogar schon im Doppelpack angemacht mit Sprüchen wie: ‹Ich würde euch beide daten – welcher ist eigentlich egal.› Aber wir kommen natürlich nicht immer nur gut an.

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Wenn man sich schon selbst mit jemand anderem verwechselt, muss die Ähnlichkeit wirklich frappant sein. Mittlerweile hört Monika auch auf den Namen Esther und umgekehrt. Sogar ihre Gene wären sie bereit zu teilen.

Esther und Monika Monika: Angefangen hat alles mit einem Bild von Esther, auf dem ich mich selber mit ihr verwechselt habe. Mir fiel plötzlich auf, dass wir uns gleichen, Esther meinte dazu nur: ‹Spinnst du?› Von diesem Tag an begann es wie auf Knopfdruck. Seitdem werden wir wirklich dauernd verwechselt und bei jeder Gelegenheit gefragt, ob wir Zwillinge sind. Esther hat mich kürzlich an einem Event vertreten, es ist keinem aufgefallen, dass ich nicht dort war. Das war praktisch! Esther: Inzwischen drehe ich mich schon um, wenn jemand ‹Monika› ruft. Ich wurde sogar von Monikas ehemaligem Liebhaber abgeknutscht, es hat also durchaus angenehme Seiten diese Doppelgänger-Sache. Schade eigentlich, dass wir nicht verwandt sind, ich hätte nichts dagegen, ein paar Monika-Gene zu haben!

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Micha und Oli dürften bei Zürichs Türstehern mittlerweile als dop­ peltes Lottchen bekannt sein. Und das nützen sie schamlos aus, um sich gegenseitig die Schuld für nächtliche Eskapaden in die ­Schuhe zu schieben.

Micha und Oli Micha: Neulich hat mich ein Türsteher einen Abend lang böse angestarrt. Irgendwann musste ich ihm sagen, dass er mich wohl mit Oli verwechselt, der in besagtem Club einige Nächte zuvor den Feueralarm ausgelöst hatte. Das Gute daran: Wenn ich das nächste Mal Kacke baue, kann ich es getrost auf Oli schieben. Oli: Kürzlich hat mich ein Türsteher bei der Eingangskontrolle lustig angeschaut und wollte mir den Stempel auf die Stirn pressen. Irgendwann musste ich ihm sagen, dass er mich wohl mit Micha verwechselt, der einige Nächte zuvor mit einer Clownnase den Club betreten wollte. Das Gute daran: Wenn ich das nächste Mal den Clown spiele, kann ich es getrost auf Micha schieben.

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Barbara und Nicola wurden ­ständig miteinander verwechselt, ohne sich jemals begegnet zu sein. Dementsprechend gross war die Aufregung vor ihrem ersten Treffen.

Barbara und Nicola Nicola: Ich habe mich schon lange gefragt, wer eigentlich diese Barbara ist, die mir so ähnlich sehen soll. Ich kenne ihren halben Freundeskreis, nur sie nicht. Durch dieses Shooting haben wir uns nun endlich kennengelernt. Das nächste Mal, wenn ich mit ‹He, kennst du mich nicht mehr?› begrüsst werde, weiss ich jetzt wenigstens, mit wem ich verwechselt werde. Barbara: Ich war so aufgeregt, diese ominöse Nicola endlich einmal zu sehen! Wir haben gleich beim ersten Treffen viele weitere Gemeinsamkeiten nebst unserem Aussehen entdeckt – zum Beispiel unseren Kleidungsstil, Musikgeschmack und unser Sternzeichen. Es überrascht mich also nicht, dass wir uns nun auch noch gut verstehen.

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Für die Locations danken wir dem Restaurant ­Josef, der Widder Bar, der Longstreet Bar und Silvio, der uns seinen Saab zur Verfügung stellte! Das Making-of zu dieser Fotostrecke findet ihr auf kinkimag.com. Text: Madeleine Wohlfahrt Fotos: Esther Michel


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‹zehn minuten mit› Zeitgenossen und Weltbürgern. José Sanchéz Gavito: ‹Heutzutage wollen die Leute genau wissen, was sie trinken.›

kinki magazine: Herr Gavito, Sie mischen schon länger Rum, als ich auf der Welt bin. Haben Sie nie genug von diesem Geschmack? Mir reicht es schon nach zwei Gläsern. José Sanchéz Gavito: Ich fing 1978 damit an und genug davon habe ich bis zum heutigen Tag noch nicht. Es gibt immer wieder etwas anderes zu tun, sei es die Schöpfung eines neuen Rums oder die Anpassung einer Kreation an den Geschmack der Leute heutzutage. Ausserdem hat sich die Technologie im Laufe der Zeit extrem verändert. Rum genoss nie ein solch distinguiertes Prestige wie Wein oder Whiskey, sondern stand eher im Ruf des Piratenfusels. Glauben Sie, dieses Image hat sich durch ihre Arbeit über die Jahre hinweg verändert? Nun, der Ursprung des Rums geht wirklich auf die Piraten zurück. Damals war der Rum äusserst rau und stark. Aber durch die steigende Nachfrage wurde der Geschmack immer raffinierter. Natürlich gibt es heute noch Leute, die den Rum aufgrund seiner Herkunft als exotisches Getränk wahrnehmen.

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eit über dreissig Jahren stellt José Sanchéz Gavito nun schon den berühmten Bacardi Superior Rum her. Seine Sporen als Destillierassistent verdiente sich der gebürtige Mexikaner in einer Tequilabrennerei, bevor er vom mexikanischen Nationallikör zum kubanischen Familienunternehmen Bacardi wechselte, wo er nicht nur als erster Nicht-Kubaner in die Geheimnisse und Traditionen der Rumherstellung eingeweiht wurde, sondern von seinem Lehrmeister auch ‹wie ein Familienmitglied› aufgenommen wurde. Dementsprechend begeistert und ambitioniert spricht der ‹Maestro de Ron Bacardi› von seiner Berufung,

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als er uns in einem Zürcher Hotelzimmer zum Interviewtermin empfängt. Der Mann mit dem sensiblen Gaumen trägt einen schwarzen Anzug und eine schwarze Krawatte, auf welcher das berühmte Bacardi-Wappentier, die Fledermaus, seine innige Beziehung zum Rumgiganten unterstreicht. Das dunkle Ledersofa, die exotischen Klänge aus dem Untergeschoss und die Rumflaschen auf dem Tisch verleihen uns ein Gefühl, als seien wir mitten in Havanna gelandet. Nur die SprüngliSchachtel mit den Luxemburgerli, welche geöffnet auf der Ablage steht, erinnert uns an die winterlichen Temperaturen, die uns nach dem Gespräch wieder in Empfang nehmen werden.

Die Produktion von Alkohol ist stets von einem streng traditionellen, fast schon mystischgeheimnisvollen Flair umgeben. Warum? Ich glaube, dass vor allem früher ein grosses Geheimnis darum gemacht wurde, wie genau sich die Rezeptur zusammensetzt. Die heutigen Verbraucher möchten allerdings immer mehr wissen, was genau sie da trinken. Sie wollen wissen, ob es organisch ist, welche Vitamine oder Antioxidantien darin enthalten sind. Hätten Sie mich früher gefragt, hätte ich Ihnen wohl gesagt, der Rum komme aus einer schwarzen Schachtel, heute sprechen wir über alles, damit die Leute über alles Bescheid wissen. Andere Zeiten, andere Sitten. Treibt Ihnen das nicht die Tränen in die Augen, wenn Sie sehen, wie jemand seine Cola in das Getränk hineinschüttet, an dessen Geschmack sie monatelang gearbeitet haben? (Lacht) Ich habe einen Freund in Mexiko, der für den Bierhersteller Corona arbeitet. Entscheidend für den Geschmack von Bier ist der Säuregehalt. Sie können sich also vorstellen, wie er

sich fühlt, wenn jemand da eine Limette reinwirft (lacht). Allerdings ist es wirklich so, dass sich Rum sehr gut mit Cola mischen lässt, das ist ein sehr frischer Geschmack. Wenn ich mir selbst eine kleine Destillerie in meinem Keller aufbauen möchte, was sollte ich unbedingt beachten, damit ich nicht gleich nach dem ersten Schluck erblinde? Rufen Sie mich vorher an (lacht)! Nein, im Ernst, man sollte keine Pflanzen verwenden, die Methanol produzieren, denn dieser Stoff ist es, der blind macht. Man muss sich einfach an einige Prinzipien des gesunden Menschenverstandes halten. Am besten fahren Sie mal nach Italien und schauen sich in einer der vielen Grappa-Destillerien im heimischen Keller der Leute um. Wenn es Ihnen gelingt, etwas Besseres als so einen Do-ityourself-Grappa zu produzieren, können Sie ihn bedenkenlos trinken. Wann waren Sie das letzte Mal so richtig betrunken? Normalerweise trinke ich nur, bis mein Körper mir das Signal gibt, dass es jetzt reicht. Wenn wir bei mir zu Hause allerdings Geburtstage oder sonst ein Fest feiern, kann es schon mal etwas mehr werden. Trinken Sie denn dann auch Bacardi oder lieber etwas anderes? Dann trinke ich viel Bacardi! Zu viel (lacht)! Text und Interview: Rainer Brenner Foto: Janis Weidner


Gegen den Strich! Die Ostblockstaaten haben sich seit der Auflösung der UDSSR einen zweifelhaften Ruf als billiger Garant für Sextourismus sowie als Frauenexporteur erarbeitet. Hier trifft der Westen oft nicht länger als ein paar Minuten auf den Osten, bezahlt und geht. Junge Protestaktionen wie jene der Frauenorganisation ‹FEMEN› sagen nun dem Image Osteuropas als Freiluftbordell den Kampf an. Und zwar nicht in Wollpulli und Cordhose, sondern in Minijupes und dekolletierten Blusen. Text: Daniel Mahrer

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ls vor ein paar Wochen in der ganzen Schweiz wieder Hunderte rot gewandeter Männer mit ihren Kumpels in schwarzer Kutte von Tür zu Tür zogen und Kinder auf dem schmalen Grat zwischen Schoggi und Rute ihre Sprüchlein aufsagten, dachte wohl kaum einer daran, dass die ebenso beliebte wie auch etwas furchteinflössende Figur des Samichlaus auf Nikolaus von Myra, einen Bischof aus dem 4. Jahrhundert, zurückgeht. Dieser begründete nämlich unter anderem den Brauch der milden Gabe und des sich Beschenkens an Weihnachten, weil er drei Schwestern, deren Vater sich die Mitgift für ihre Hochzeit nicht leisten konnte, heimlich je einen Goldklumpen zusteckte und sie so vor der Prostitution bewahrte. Eine Rückkehr seiner Heiligkeit ist so wenig wahrscheinlich wie vorgesehen, würde aber gerade zum Beispiel der Ukraine sehr gelegen kommen, auch wenn mehr als fraglich ist, ob der Sack des Nikolaus von Myra in diesen dünnen Jahren genug Gold enthalten würde, um die rund 12 000 polizeilich erfassten, professionellen Liebesdienerinnen aus dem ältesten Gewerbe der Welt freikaufen zu können. Das Land an der Grenze zu Russland ist von der Wirtschaftskrise arg gebeutelt, die Währung liegt am Boden, die Arbeitslosigkeit schiesst durch die Decke und obwohl Prostitution gesetzlich verboten ist, wird der Umsatz

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der ukrainischen Sexindustrie in diesem Jahr auf 1,5 Milliarden US - Dollar anwachsen – mehr als doppelt soviel wie im Vorjahr. Das Geschäft mit der käuflichen Liebe – insbesondere im Bereich des Sextourismus – boomt und damit steht die Ukraine, auch wenn sie in diesem Erwachsenenfilm eine Hauptrolle spielt, weiss Gott nicht alleine da im ehemaligen Ostblock. Mit der EU - Osterweiterung und der damit verbundenen Personenfreizügigkeit erlebte der Tourismus in Ländern wie Polen, Bulgarien, der Tschechischen Republik oder eben der Ukraine einen starken Aufschwung. Es locken aber nicht nur historische und kulturelle Vielfalt und malerische Landschaften bei einem unschlagbar tiefen Preisniveau, sondern auch immer mehr die leichte Verfügbarkeit von billigem, unverbindlichem Sex mit schönen Mädchen. Die aktuelle Lage bietet ein fruchtbares Klima für die systematische Ausbeutung junger Frauen durch mafiöse Strukturen, denen in korruptionszerfressenen Regierungssystemen kaum beizukommen ist.

Fremdenverkehr Die Nachbarn aus Deutschland und Österreich haben schon seit jeher die Vorzüge der günstigen Strassenstriche und Bordelldörfer jenseits der Grenze in der Tschechischen Republik und in Polen zu schätzen gewusst, dank wegfallender Visa - Regelungen innerhalb der EU florie-

ren nun aber auch Sextrips im grossen Stil, die über eine kurze Bumsvisite hinausgehen und die Besucherzahlen insgesamt in die Höhe treiben. Über 20 Millionen Touristen kann die Ukraine jährlich verzeichnen, die Hauptstadt Kiew hat sich mittlerweile zu einer populären Reisedestination gemausert. Allerdings scheinen die interessantesten Attraktionen der Stadt tatsächlich ihre hübschen Töchter zu sein, deren Schönheit bis weit über die Landsgrenzen bekannt ist. Darüber hat die Allgemeinheit schon SVP - Mann René Kuhn aufgeklärt, auch wenn er damit die Kompetenzen seines Amtes überschritten hat. Doch obwohl vielerorts auch gewisse Obrigkeiten kräftig mitverdienen, wollen längst nicht mehr alle dem Ausverkauf der eigenen Frauen quasi zum Nulltarif tatenlos zuschauen. Langsam regt sich Widerstand in unterschiedlichen Formen. Während in Polen und Tschechien die Polizei begonnen hat, die Autos von Freiern zu fotografieren und Puffs in Grenznähe zu schliessen, um so dem Sextourismus Einhalt zu gebieten, wird sich manch einer in der Ukraine ungläubig die Augen reiben, wenn in der Innenstadt von Kiew plötzlich eine Gruppe leicht bekleideter Mädchen mit Preisschildern behängt auftaucht, sich gegenseitig Geldscheine in die Unterwäsche steckt und vornehmlich ausländische Männer darauf aufmerksam macht, dass die Ukraine kein Bordell, Sex nicht zu verkaufen und Prostitution im ganzen Land generell illegal sei.


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Fraghaftes Gegengeschäft ‹Laut unserer Umfrage haben knapp 70 Prozent der Mädchen zwischen 17 und 22 in Kiew schon eindeutige Angebote von Ausländern bekommen›, sagt Anna Hutsol, ‹was beweisst, dass die Ukraine in den Köpfen vieler Touristen vor allem ein gigantisches Freiluftbordell zum Sparpreis darstellt.› Absolut inakzeptabel für die 24-jährige Studentin, die im Sommer vergangenen Jahres die Frauenrechtsorganisation ‹FEMEN› gründete, die die Umfrage lanciert hat und sich mit innovativen Protestaktionen immer wieder lautstark und medienwirksam gegen den Sextourismus im eigenen Land zur Wehr setzt. Dass diese Organisation aus dem studentischen Umfeld kommt, ist kein Zufall. Neben den ‹Professionellen› machen vor allem Studentinnen, die ihr Studium ansonsten kaum finanzieren könnten einen grossen Teil der Mädchen auf dem Strich aus – mehr als deren Hälfte, schätzt Hutsol. Viele dieser jungen Frauen sehen sich zudem nicht als Prostituierte, sie lassen sich auf Drinks und zum Essen einladen und landen dann – in der Hoffnung, damit den Grundstein für ein besseres Leben zu legen – mit einem Ausländer im Bett. Für die meisten ist dies ausserdem die einzige Chance, dem aufwändigen westlichen Lebensstil, den zu führen sie sich zum Ziel gesetzt haben, etwas näher zu kommen.

Party statt Prostitution Eine angenehme Sache für paarungsfreudige Urlauber, kommt es sie doch um einiges günstiger, einer Studentin ein paar Drinks zu spendieren, statt eine Prostituierte zu buchen, ausserdem schmeichelt die vermeintliche Eroberung dem Ego. Von ihren Altersgenossinnen wünscht sich Hutsol, dass sie ein wenig skeptischer wären, wenn ihnen fremde Männer die Welt versprechen. An die Regierung stellt ihre Organisation allerdings klare Forderungen: Sie verlangt, dass das Prostitutionsverbot endlich durchgesetzt wird, dass Zuhälter härter und Freier überhaupt bestraft werden, und dass Ausländer, die sich erwischen lassen des Landes verwiesen und mit einer Einreisesperre belangt werden. Womit FEMEN aber auf sich aufmerksam macht, sind nicht Worte, sondern Taten: mit provokativen Aktionen treten sie immer wieder in der Öffentlichkeit in Erscheinung, und zeigen ein gutes Händchen, wenn es darum geht, den Finger in die Wunde zu legen. So bewarfen sich Anfang Oktober drei Mädchen in Bikini vor dem Regierungssitz gegenseitig mit Schlamm, um die Diskussionskultur der ukrainischen Politik – viel Dreck, keine Argumente – zu parodieren, oder ein andermal belagerten Aktionistinnen in knappen Krankenschwesternkostümchen und mit Spritzen bewaffnet die türkische Botschaft, ‹um die Männer symbolisch von ihrer Sexsucht zu heilen› – denn die Türken machen einen Lö44 kinki

wenanteil aus unter den Sextouristen. Und immer wieder patrouillieren Anhänger von FEMEN durch die Stadt, in kurzen rosa Röckchen und High Heels, mit Transparenten und Flugblättern bewaffnet, um Ausländer anzusprechen und das Problem in der Gesellschaft zur Sprache zu bringen. Dass sie dabei viel nackte Haut zeigen, wird hin und wieder als kontraproduktiv kritisiert, doch Anna Hutsol winkt ab, sie kennt die Mechanismen der Medien und weiss, wie sie die Auftritte der Organisation ins Visier der Fotografen und Kameraleute bringt, ‹denn im Schlabberlook würde uns keiner beachten›. Dass dabei der eine oder andere Tourist an der Message ‹Sex is not for sale!› vorbei sein Vorurteil von osteuropäischen Frauen bestätigt sieht, fällt kaum ins Gewicht. Auch wenn es sich die Politik bislang leisten konnte, auf ihre Forderungen mit Ignoranz zu reagieren, die mediale Aufmerksamkeit im Inund Ausland ist ihnen gewiss; das Feedback querbeet durch die europäische Presselandschaft ist gigantisch und mit der deutschen Technolegende DJ Hell, der jüngst die musikalische Untermalung einer Demonstration besorgte, verfügen sie über einen prominenten Unterstützer aus der Clubszene.

Leicht bekleidete Message FEMEN ist Popkultur gewordener Widerstand, ohne Büro oder Hauptquartier organisiert sich die Gruppe hauptsächlich von Cafés aus in Kiew, nutzt aber geschickt sämtliche medialen Vertriebskanäle, um ihre Aktionen anzukündigen und Leute zu gewinnen. Die zentrale Rolle dabei spielen natürlich soziale Netzwerke im Internet wie Facebook und MySpace, die eine schnelle und flexible Organisation der Demonstrationen ermöglichen. Die Bewegung zählt etwa 60 Mitglieder vor Ort, kann aber landesweit mittlerweile auf über tausend Unterstützer bauen, Tendenz rasch steigend. Selbst die Solidaritätsbekundungen aus dem Ausland häufen sich merklich, eine interregionale, ja sogar internationale Vernetzung ist in Planung. Ihre Aktionen sind explosive Mischungen aus Partys und Happenings, aufgeladen mit dringenden politischen Botschaften, ohne jedoch dabei den Spass an der Sache zu verlieren. Mit der Haare - auf - den - Zähnen - Rethorik klischeehafter feministischer Schwanz - ab Bewegungen haben sie nichts am Hut, ihr Protest ist sexy und dennoch emanzipiert, sie stehen für eine Generation von Frauen, die ihre Reize kreativ nutzt, um damit gegen verkrustete Strukturen und das konservative Frauenbild, das in den ehemaligen Ostblockstaaten noch weit verbreitet ist, anzukämpfen und um ihre Rechte einzufordern.

Alles ist käuflich Ihr Kampf aber gleicht dem gegen Windmühlen. Menschenschmuggelringe verfrachten osteuropäische Frauen quer durch Europa, wo sie qua-

si als Sexbotschafterinnen ihrer Herkunftsländer den Ruf der leichten Mädchen zementieren, der von heimischen Marketingstrategen gerne genutzt wird, um den Tourismus anzukurbeln. Zudem ist der Gedanke, alles und jeder sei käuflich, weit verbreitet im ehemaligen Ostblock. Die Polizei lässt sie mit ihren Aktionen derweil genauso gewähren wie die mafiaartig organisierten Bordellbetreiber und Frauenvermittler. Mit der Euro 2012, die die Ukraine gemeinsam mit Polen durchführen wird, steht FEMEN die grösste Herausforderung dabei allerdings noch bevor. Dann nämlich werden zigtausende von Fussballfans ins Land kommen, und dass die sich auch ausserhalb der Stadien ein wenig Unterhaltung gönnen möchten, damit ist fest zu rechnen.

Strich oder Stipendium Es ist offensichtlich, dass es mehr bedarf als hübscher Mädchen in sexy Outfits, die skandieren, dass die Ukraine kein Bordell sei und mit politisch inkorrekten, provokativen Aktionen Krach schlagen. Konkrete Lösungsvorschläge, etwa für eine alternative Studienfinanzierung, liefert auch FEMEN nicht. Mit der ihnen zukommenden wachsenden medialen Aufmerksamkeit im In- und Ausland sorgen sie aber dafür, dass der Sextourismus in der Gesellschaft nicht weiter tabuisiert wird; und je mehr in der Öffentlichkeit darüber gesprochen wird, desto stärker wächst der Druck auf die Regierung, sich zumindest ansatzweise des Problems anzunehmen. Zudem vermitteln sie jungen Mädchen ein modernes, emanzipiertes Frauenbild und regen sie dazu an, ihre Rolle in der Gesellschaft zu hinterfragen – eine wichtige Investition in die Zukunft. Ansonsten bleibt vielen Frauen nur die schwache Hoffnung, am Vorabend des 6. Dezembers ihre Socken rauszuhängen und darauf zu warten, dass der Nikolaus ihnen mit einem Stipendium doch noch eine Ausbildung und damit eine eigenständige Karriere ermöglichen wird. Dann doch lieber weiter gemeinsam auf die Strasse, statt auf den Strich gehen. Illustration: Dominic Rechsteiner


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‹querschläger› Alles, ausser angepasst. Erich von Däniken machte sich als Verfechter der PräAstronautik in unzähligen Büchern und Fernsehsendungen sowie in seinem Themenpark in Interlaken einen Ruf als zweifelnder Selfmade-Archäologe. Was genau es mit den UFO-Landungen, dem Weltuntergang und dem Rauchverbot auf sich hat, erzählt uns EvD bei unserem ­Besuch – und zwar in druckreifer Sprache.

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it den Worten ‹Hello, my dear› empfängt mich Erich von Däniken in seinem Büro in Interlaken. Zwischen fein säuberlich aufgereihten Büchern aus eigener und fremder Feder sitzt der bekennende Morgenmuffel am frühen Nachmittag in seinem blauen Blazer am Schreibtisch und liest den Spiegel. Zwischen Vortragsreisen und Buchvorstellungen (‹Ich schreibe immer gerade ein neues Buch!›) setzt sich der umtriebige ältere Herr nicht nur für seine Theorie der Prä-Astronautik ein, sondern auch gegen weltliche Unsinnigkeiten wie das Rauchverbot. Auf dem grossen Konferenztisch seines Büros, das irgendwie an das Set eines Indiana-Jones-Films erinnert, liegen verschiedene Fotokopien von Artikeln, die sich für die uneingeschränkte Freiheit der Rauchergilde einsetzen. Dementsprechend erfreut stellt von Däniken seinen mit Aluminiumfolie ausgelegten Aschenbecher vor mir auf den Tisch, als er meine Zigarettenpackung erblickt, und fängt an von ‹2012› zu erzählen, den er sich neulich im Kino angesehen hat. Zwar gefielen ihm die Effekte, der Inhalt der apokalyptischen Erzählung decke sich aber keinesfalls mit seinen eigenen Vermutungen betreffs der Konsequenzen des ablaufenden Majakalenders, die er in seinem neusten Buch ‹Götterdämmerung› prognostiziert. Nachdem Erich von Däniken eine

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weitere Camel in die Alufolie gedrückt hat, verrät er uns, was es mit diesem ominösen Datum wirklich auf sich haben könnte. Dabei spricht er ein praktisch dialektfreies Hochdeutsch. Erst als er dem Fotografen nach dem Gespräch einen Blondinenwitz aus dem Playboy erzählt, wechselt er wieder ins Schweizerdeutsch.

war vor einiger Zeit an einer UFO Konferenz in der Türkei, da waren 3000 Leute, teilweise auch viele Intellektuelle. Oder in Brasilien, da war ich an einem Kongress mit 3500 Leuten. Je nach Mentalität und Stimmung ist das Thema in anderen Ländern also zuweilen noch äusserst aktuell.

kinki magazine: Herr von Däniken, sind die Koffer schon gepackt? Erich von Däniken: Wofür?

Sie bezeichnen extraterrestrische Wesen als Vorbild für antike und immer noch bestehende Gottheiten. Sind die Ausserirdischen für Sie nicht selbst langsam so etwas wie eine Religion geworden? Um Gottes Willen! Nach jedem Vortrag sage ich zu meinem Publikum: ‹Bitte glauben Sie mir nicht!› Es geht darum, die Dinge zu überprüfen! Ich würde mich im Grabe umdrehen, wenn irgendein Spinner einmal aus meiner Gedankenwelt so etwas wie eine Sekte gründen würde! Mein Ziel ist es, die Leute zum Forschen, zum Diskutieren anzuregen, aber um Himmels Willen nicht zum naiven Glauben.

Na am 21.12.2012 kommen schliesslich die Ausserirdischen! So ein Schwachsinn! Nach dem Majakalender werden am 23.12., wenn man es schon genau nimmt, die Götter zurückkehren. Nur kommt nirgends in der gesamten Majaliteratur vor, dass dann die Welt untergehen sollte. Ein fertiger Schmarren! Die Götter kommen wieder, heisst es, das mag für manche vielleicht so etwas wie ein geistiger Weltuntergang sein. Seit der Jahrtausendwende ist der grosse UFO-Hype ja etwas abgeklungen. Area 51 und Ausserirdische mussten irdischeren Verschwörungstheorien weichen… Von irdischen Verschwörungstheorien wimmelt es tatsächlich! Sagenhaft, was für ein Schwachsinn im Netz herumgeistert! Was allerdings den UFO-Hype betrifft, so hat der sich nur im ‹vernünftigen› Europa tatsächlich gelegt, im Rest der Welt nicht. Ich

Wieso reisen Aliens Tausende von Lichtjahren, um einem zurückgebliebenen Volk beizubringen, wie man Pyramiden baut? Viel eher wäre es wahrscheinlich, dieses Volk zu unterjochen und zu versklaven, finden Sie nicht? Das sehe ich anders. Wenn eine Gesellschaft so weit entwickelt ist, glaube ich nicht, dass sie nach Cowboy-Manier herumknallt, wenn sie bei uns landet.

Die Götter der Vergangenheit waren Lehrmeister und haben den Menschen Dinge gezeigt. Natürlich nur sehr beschränkt, sozusagen als kleine Hilfeleistung. Nehmen wir mal an, jemand widerlegt sämtliche Ihrer Theorien. Wie würde sich das anfühlen? Und würden Sie sich geschlagen geben? Es wäre natürlich peinlich. Aber dazu muss man stehen können. Ich habe mich schon in vielen Dingen geirrt, das gehört sozusagen dazu. In meinem ersten Buch schrieb ich über eine Metallsäule in einem indischen Tempelhof, dieses Ding rostet einfach nicht. Ich habe mich dann gefragt, ob vielleicht ein Ausserirdischer diese rostfreie Säule sozusagen als Nachricht an die zukünftigen Generationen dorthin gestellt haben könnte, denn die Säule wurde als ein Geschenk Gottes angesehen. Inzwischen rostet das Miststück aber! Haben Sie schon mal ein UFO gesichtet? Nein, noch nie. Wenn der Däniken aufkreuzt, rauschen die ab. Sollte Erich von Däniken, 74, von einem UFO entführt werden, so würde er nichts von der Erde mitnehmen wollen ausser seiner Erinnerungen. Wer auf Erden ein paar überirdiche Erfahrungen machen möchte, der besucht am besten von Dänikens Misterypark, dieser wird nämlich entgegen aller Gerüchte auch im nächsten Sommer wieder seine Pforten öffnen. Text und Interview: Rainer Brenner Foto: Daniel Tischler


‹Wenn ich aufkreuze, ­rauschen die UFOs ab.›

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Fairytale wonderland

Die ‹Royal Academy of Fine Arts ­Antwerp› zählt zu den renommiertesten Modeschmieden Europas. Wer hier studieren darf, hat entweder gute Beziehungen, ist überdurchschnitt­lich talentiert oder beeindruckt durch verrückte Ideen. Die 22-jährige Mariel ­Manuel gehört zu den Glücklichen und an ihrer aktuellen Arbeit ‹Fairytale ­Wonderland› kann man ablesen, zu welcher Kategorie von Studenten sie ­gehört.

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kinki magazine: Was bedeutet Mode für dich? Mariel Manuel: Mode macht mich total verrückt! Was inspiriert dich? Durch die ganze Welt zu reisen und im Flugzeug unterwegs zu sein, die Art, wie die Menschen sich benehmen, Leute in ame­rikanischen Supermärkten, Stereotypen, Lebensmittelverpackungen. Welche Fashion-Styles gefallen dir? Die Kollektionen von ‹Fabrics ­Interseason› und ‹Under­cover›.

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Lebst du in einer Traumwelt? Ich lebe im echten Leben, aber wenn ich illustriere, ­begebe ich mich gerne in eine Fantasiewelt, in der Wunderbares passieren kann. Liest du gerne Märchen? Meine Mutter hat uns früher alle mög­ lichen ­Geschichten vorgelesen. Ich kann mich an ‹Humpty Dumpty›, ‹Goldilocks und die drei Bären›, ‹Mary had a little lamb› und viele andere erinnern. Und mein Vater hat uns ­immer ‹Die Hexe in der Besenkammer› vorge­lesen, wir waren total süchtig nach dieser ­Geschichte. Welche ist deine Lieblingsmärchen­ figur? Es ist zwar kein Märchen, aber die ­‹Berenstein Bears› sind total cool. Was kommt als nächstes? Viel. Ich habe immer noch viele Träume, die ich mir selbst erfüllen möchte… Aber das Wichtigste ist: wunderschöne Sachen mit meinen eigenen Händen zu ­gestalten. Wo soll dich deine Arbeit hinbringen? Zum Mond… und zurück!

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Interview: Matthias Straub Fotografie: Maya Rochat und Sophie Brasey Assistenz: Andrei Amado Models: Evelien Bosmans, Maarten Ketels, Sophie Brasey Kronen: Pieter Beckers und Philippe Manuel

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Enddarm

Dass sich praktisch jedes Lebewesen zu Wurst verarbeiten lässt, das dürfte jedem bewusst sein, der schon mal eine Schlachtplatte bestellt hat. Als der kinki Redaktion allerdings kurz vor Redaktionsschluss zu Ohren kommt, dass sich in Poschiavo neuerdings Metzger an menschlicher Stammzellenwurst versuchen, schicken wir kurzerhand unseren Gastro - Reporter Martin Fischer los, um herauszufinden, was es mit der umstrittenen kulinarischen Errungenschaft wirklich auf sich hat. Mit Erfolg. Wenn man das so nennen kann… Text und Protokoll: Laurence Thio und Martin Fischer

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b Absinth oder Schimmelkäse aus dem Heu – dieses Land hat eine Obsession, aus seinen Tälern ständig neue kulinarische Perversionen her­vorzuholen. Die neuste Spezialität ist ‹In-vitro-Fleisch›. Es wird aus menschlichen Stammzellen gewonnen, ist faktisch also Menschenfleisch. Menschenrechtsverbände und Ethikkomissionen verurteilten und verboten es daher schneller, als es unter das Volk gebracht werden konnte. In verlassenen Tälern soll es jedoch noch Metzger geben, die das künstliche Fleisch heimlich produzieren. Wir suchten tagelang im Internet nach Indizien für diese ungeheuerliche Geschichte. Die meisten Gerüchte erreichten uns aus Poschiavo. Von dort stammt auch eine alte Legende. Sie handelt von Wilden, die Bären ähnlicher sahen als Menschen. Der Überlieferung zufolge rettete eine Wilde zwei verirrte Knaben davor, von den anderen Stammesmitgliedern verspeist zu werden. Die besagte Quelle bezeichnet diese Ur-Puschlaver dabei eindeutig als Menschenfresser. Wird in Pos­ chiavo jetzt etwa die moderne Fortsetzung dieser alten Tradition geschrieben? Wir wollten der Sache endgültig auf den Grund gehen und schlugen das Thema der kinki Redaktion vor. Zwei Stunden später meldete sich der Redaktor: ‹Gekauft! Abgabe ist Montag.› Also reiste der einschlägige Gastro-Reporter Martin ­Fischer einen Tag vor Redaktionsschluss ­runter nach Poschiavo. Er sollte Ungeheuerliches erleben – naja, fast!

Sonntag, 12 : 30 Uhr Fischer gibt einen ersten Bericht durch. Es ist der kälteste Tag des Jahres. Er ist wenig überzeugt von dieser hundsmiserablen Geschichte, verspricht aber, alles zu geben: Ich bin in Poschiavo angekommen und habe mich bei den Bewohnern umgehört. Leider sprechen hier alle italienisch – ausser mir. Gegen Mittag hatte ich endlich einen Dorfbewohner ausfindig gemacht, der mir antwortete. Ich fragte: ‹Menschenfleisch?› und er schreckte auf: ‹Fleisch? Ich nicht.› ‹Aber Sie haben es schon mal gegessen?›, konterte ich scharf, worauf er überzeugt nickte. Wird vielleicht doch noch was aus der Reportage. Ich werde nun im einzigen Lokal essen gehen.

Sonntag, 15 : 00 Uhr In zwei Stunden muss die Geschichte fertig sein. Fischer meldet sich nicht. Stattdessen ein Anruf vom Redaktor. Ob die Geschichte was wird? Ja, ja. Endlich, Fischer ist dran. Er klingt verwirrt: Redaktion: Wie war es? Fischer: Erstmal ist es schweinekalt! Das Lokal ist von aussen nicht als Kannibalenhort zu erkennen. Im Gegenteil, es ist

eine schöne, aufgeräumte Wirtschaft, wenn auch etwas provinziell. Ich habe mir die Mittagskarte geben lassen.

ten. Und fragte ihn schliesslich: ‹Wie wird das Fleisch eigentlich zubereitet?› Worauf Jurda lachend antwortete: ‹Mit jeder Menge Herzblut!›

Hast du nach Menschenfleisch gefragt?! (Drückt sich) Nein, das wäre zu auffällig! Ich will das lieber undercover recherchieren.

Sonntag, 16 : 30

Was hast du noch? Wurstplatte bis Braten – ich habe mich auf Redaktionskosten erst mal durch die ganze Karte gegessen. Schmeckte es nach Mensch? Hm, schwer zu sagen. Die Wurstplatte vielleicht ein bisschen, könnte aber auch mitteleuropäisches Hausschwein gewesen sein. Ich habe doch auch noch nie Mensch gegessen! Solltest du aber! Noch eine Stunde, Fischer. Tempo!

Sonntag, 16 : 00 Uhr Eine Mail von Fischer landet im Postfach: Ich war wieder in diesem Lokal. Diesmal habe ich Joseph Jurda, den Wirt, in die Mangel genommen. Ein Mann von dandyhafter Erscheinung, falls

dieses Adjektiv am Fusse des Berninas irgendeine stilistische Berechtigung hat. Nebenbei ist er praktizierender Tierarzt. Ich begann zu essen und er kam an meinen Tisch und fragte: ‹Wie schmeckt Ihnen mein Fleisch?› Ich sofort: ‹IHR Fleisch?› Und dann, um einen weiteren Anhaltspunkt zu bekommen: ‹Sie schlachten selber?› Der Wirt nur: ‹Und wie!› Dann schritt er mehrmals um meinen Tisch herum und liess sich schliesslich auf den Stuhl gegenüber fallen. Er schaute mich spöttisch an: ‹Kennen Sie Hugh Hefner? Den Playboy? Ich habe einen ähnlichen Anspruch wie er. In gewisser Hinsicht arbeiten wir beide mit Fleisch und sind Ästheten. Wissen Sie, man sollte sich bei jedem geschlachteten Tier fragen, wie es als Mensch ausgeschaut hätte. Das meiste könnte man dann gar nicht mehr essen, so sehr widerspricht die heutige Mästung unserem Schönheitsideal.› Dann hat er mir einen verächtlichen Blick zugeworfen. ‹Wir müssen beim Fleischessen an Menschen denken. Fleisch braucht wieder Sex. Es ist eine Schande, dass Kannibalismus tabuisiert wurde. Vor allem wegen der Perspektive, Sie verstehen? Wir sollten den Menschen wieder als Tier betrachten, als menschliches Tier. Dann erkennen wir auch unter den Tieren wieder die hässlichen. Stellen Sie sich nur Boris Becker als Wurst vor!› Dann schaute er mich eindringlich an. Ich bestellte aus Testzwecken noch zwei weitere Wurstplat-

Allmählich hält der Redaktor die Geschichte für ziemlich albern und schlimmer noch: unergiebig. Fischer ist in einem unbeheizten Internetcafé, wo der Redaktor ihn im Chat trifft: Was hast du noch rausgekriegt? Der Wirt hat mir einen langen Vortrag über Stammzellen gehalten. Aber ich bin GastroKritiker, kein Humangenomforscher! Immer wenn ich konkreter wurde, hat er abgeblockt. Dieser Wurst-Playboy ist Tierarzt, vielleicht kann er In-vitro-Fleisch produzieren. Jedenfalls mache ich mir jetzt schon Sorgen um meine Stammzellen. Fischer, du bist ja total paranoid! Was hast du an harten Fakten? Keine bösen Blicke und kein Dorfgeplauder vom Tierarzt! Gibt es nun künstliches Fleisch in Poschiavo oder nicht? Keine Ahnung. Wenn es das gibt, dann habe ich davon schon eine ganze Menge gegessen! Das ist mager. Du gehst dort jetzt nochmals essen und dann schmuggelst du im Mund eine Wurstprobe heraus! Wir lassen sie im Labor untersuchen. Mir steht es bis hier! Ich kann nicht mehr, das ist eine einzige investigative Fresserei!

Montag, 8 : 00 Uhr Das Heft geht gleich in den Druck. Kein Fischer, keine Wurstproben. Der Redaktor klingelt Sturm auf seinem Telefon. Erst nach dem vierten Versuch meldet sich ein Mann. Aber es ist nicht Fischer. Wo sein Kollege sei, fragt der Redaktor ihn. Der habe einen Unfall gehabt. Es gehe ihm gut, versichert der Mann. Fischer würde auf eigenen Wunsch noch ein paar Tage in Po­schiavo bleiben. Der Redaktor ist perplex: Wer spricht da überhaupt? ­‹Joseph Jurda›, antwortet der Mann, ‹ich bin der Tierarzt.› Illustration: Patric Sandri

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Wenn Maschinen ­träumen…

Little Dragon spucken kein Feuer, dafür brennt sich ihr Sound unverwechselbar in unser Mu­ sikgedächtnis ein. Dank maschinellen Geräuschkulissen he­ ben sie sphärisch ab, erscheinen uns als Astronauten oder lassen japanischer Kunst den Vortritt. kinki sprach mit Frontfrau Yukimi Nagano über Mensch, Maschine und Musik. Text und Interview: Florence Ritter

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enn Maschinen musizieren könnten, dann würden sie vielleicht genau dieselben Songstrukturen wie Little Dragon produzieren. Die schwedische Band hat sich für ihr zweites Album ganz den elektrischen Geräten und Synthesizern hingegeben und diese gefühlte ‹Abhängigkeit› auch gleich mit in den Albumtitel ‹Machine Dreams› aufgenommen. Die zweite Überlegung, erzählt mir die Leadsängerin Yukimi Nagano, geht noch einen Schritt weiter: Während Maschinen und Computer einen immer komplexeren Entwicklungsgrad erreichen und vermenschlicht werden, verschwimmt proportional dazu der prägende Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Und wenn nun eine komplexer und ‹intelligenter› Computer dem menschlichen Gehirn immer näher kommt, könnte es dann nicht sein, dass wir bereits Maschinen sind, die das Menschsein erträumen? Die sich Musik ausmalen? Oder dass wir ohne Computer bald nicht mehr auskommen? Dieser neblige Unterschied zwischen Mensch und Maschine schlägt sich auch in der Musik von Little Dragon nieder, in der sich die Grenzen zwischen analog und digital auflösen. Den Unterschied zwischen Live-Band und elektronischer Produktion kann man als gebannter Zuhörer nie genau fassen. Und doch gibt besonders Yukimis betörende Stimme, die von tiefen Emotionen geprägt mal traurig, mal verführerisch und immer magisch anmutet, jene menschliche Feinfühligkeit zurück. Latent dringt aber auch eine melancholische Weltfremdheit durch, die sich in bittersüssen Melodien niederschlägt, welche zeitweise durch die vokale Intonation irgendwie asiatisch klingen. Um in Genres zu sprechen, spielen die vier Schweden Elektropop mit Soul, ein Gemisch, das einzigartig in andere Sphären abdriftet. Das atmosphärische Keyboard regiert die weltfremde und futuristische Note und wird von elektronischen Retroklängen des Synthesizers unterstützt, um von Bass und Schlagzeug wieder auf den Boden des instrumentellen Arrangements zurückgeholt zu werden. Möchte man die Musik auf der menschlichen Ebene beschreiben, so hören sich Little Dragon wie Depeche Mode, Sigur Ros und Air auf Hochzeitsreise an, begleitet von einem Ensemble aus Prince und The Knife.

Lodernde Menschlichkeit Little Dragon, das sind die Sängerin Yukimi Nagano, Erik Bodin am Schlagzeug, Fredrik Källgren Wallin am Bass und Håkan Wirenstrand am Keyboard sowie alle zusammen an den Synthesizern und elektronischen Geräten. Yukimi hat japanische und amerikanische Wurzeln und wirkt so alles andere als schwedisch, ihre bärtigen Bandgenossen visualisieren dafür um so mehr die nordische Herkunft. Im Gegensatz zu erwähnten Maschinenträumen und der bewussten Hinwendung zur Elektronik im zweiten Album erweckt die Bandgeschichte allerdings

alles andere als das Bild von Cyborgs. Die Mitglieder festigt nämlich eine tiefe Freundschaft, die schon in der Schule in Göteborg entfachte. Allesamt von Musikschulen abgewiesen, fanden sie sich in den Räumlichkeiten der ‹Seal Colonie›, die heute noch als Studio dient, lebten und jammten einige Jahre dort, bis das Projekt Little Dragon Form anzunehmen begann. Diese zehn Jahre zwischenmenschlicher Beziehung scheinen der Band auch musikalisch zugutezukommen: Sie haben sich über diese Zeit einen speziellen, organisch-verträumten Stil angeeignet, der Wiedererkennungswert hat, bezaubert und zum Träumen verleitet. Zu erwähnen bleibt indessen auch, dass es nicht zuletzt eine sehr menschliche Eigenschaft war, welche zur Namensgebung der Band führte: Yukimis zeitweiligen emotionalen Ausbrüche brachten ihr und schliesslich der Band den Namen Little Dragon ein.

Japanischer Drachen Ein klein wenig fliesst die japanische Herkunft Yukimis dann doch in das Bandbild ein: Little Dragon verfügen über wundersame und schöne Video-Clips, die sie ganz ohne strenge Vorgaben meist der kreativen Freiheit eines Künstlers überlassen. Ihre Vorliebe für japanische Kunst manifestiert sich so auf der visuellen Ebene und rundet durch die unterschiedliche, künstlerische Sprache das Gesamtbild von Little Dragon ab. So hauchen beispielsweise Visual Artists wie Hidequki Katsumata oder Yukimis Vater den Covers und Clips Leben ein, ersterer etwa indem er farbenprächtige Welten voller Drachen und Diamanten heraufbeschwört. Das memorable Musikvideo zu ‹Twice›, das in einem filigranen Schattenspiel die dramatische Liebesgeschichte eines Mädchens mit einem Vogel und einem Flöte spielenden Skelett erzählt, stammt allerdings von einem Schweden: dem talentierten Johannes Nyholm. Auch diese hinreissende Geschichte, die niemand richtig zu deuten weiss, zeigt exemplarisch, wie der Künstler der Musik von Little Dragon eine weitere Ebene zufügt. kinki hat Yukimi Nagano zu diesem Aspekt von Little Dragon und natürlich ebenso zu ihrer wohlklingenden Musik befragt. kinki magazine: Habt ihr euch als Menschen, aber auch als Musiker vom ersten zum ­zweiten Album verändert? Yukimi Nagano: Nachdem wir für unser erstes Album ziemlich viel live gespielt haben, ­entschieden wir, mehr Uptempo Songs zu machen und ein Hauch tanzbarer zu werden. Das hatten wir wohl im Hinterkopf, als wir die Musik für die neue Platte gemacht haben. Ohne unsere künstlerische Freiheit jedoch durch irgendwelche Vorgaben einzuengen.

instrumente spielten. Ausserdem faszinieren uns wissenschaftliche ­Parallelen etwa zwischen Gehirn und Computer, Mensch und Maschine. Ich weiss nicht, es macht einfach Spass, mit Wörtern zu spielen. So sind vielleicht wir die Maschine, die träumt, oder die Maschinen, die wir in unserem Studio haben, lassen durch die Musik ihre ­eigenen Träume wahr werden. Als Band verbindet euch nicht nur eure Arbeit, sondern auch eine tiefe Freundschaft. Wie ist beides miteinander vereinbar? Musik zu machen betrachte ich nicht als Arbeit, eher als meine Lieblingsbeschäftigung, als ­etwas, das mir wirklich Spass bereitet. Arbeit ist für mich eher das Drumherum, wenn man lange unterwegs ist oder sich um kommerzielle Sachen wie etwa den Verkauf von Merchandise kümmern muss, das fühlt sich wie Arbeit an; Musik zu kreieren und sie zu ­spielen ist hingegen unsere Leidenschaft. Habt ihr auch denselben Freundeskreis oder wahrt ihr privat eher Abstand? Wir sind schon wie ein grosse Familie. Wenn ich auf Tour bin, hänge ich mit den Jungs rum, wenn ich nach Hause komme, hänge ich wieder mit den Jungs und mit ein paar an­ deren Leuten rum, die wir alle kennen. Es ist auf jeden Fall ein grosser Freundeskreis. Würdest du sagen, dass es in eurer Musik japanische Einflüsse gibt? Nicht unbedingt, aber es gibt zumindest eine japanische Band, die ich gerne mag: Yellow Magic Orchestra. Auf der ästhetischen Ebene manifestieren sich solche Einflüsse jedoch viel stärker. Ich liebe nämlich japanische Kunst. Das sieht man ja auch an euren Covers und den Musikvideos. Ist diese Leidenschaft für dich auch eine Weise, deine Verbindung zur japanischen Kultur aufrechtzuerhalten? Was mich an der Kunst dieses Landes so reizt, ist eine gewisse Tradition. Sogar in Werken aus sehr alten Epochen findet man dieses moderne, psychedelische Element, das mich so fasziniert. Obgleich ich generell sehr kunst­interessiert bin, zieht mich die japanische Kunst wohl besonders an, weil mein Vater aus Japan stammt und ich dadurch zu dem Land eine ganz eigene Beziehung habe. Ja, ich habe mir das noch nicht so genau überlegt und es auch mit den Jungs noch nicht besprochen, aber ich würde gerne auch in Zukunft japanische Kunst repräsentieren. Foto: Studio Seek Das Interview in voller Länge sowie Videos und Songs von Little Dragon findet ihr auf kinkimag.com.

Kommt der Titel des Albums, Machine Dreams, daher, dass ihr vermehrt mit Synthesizern und anderen technischen Geräten musiziert? Ja, wir fühlten uns geradezu abhängig von ­unseren Synthesizern, so als würden wir ohne unsere elektronischen Geräte und die Neugier für künstliche Sounds nicht die Band sein, die wir sind. Unsere Musik würde vollkommen anders klingen, wenn wir alle nur Akustikkinki

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Dada für Fortgeschrittene

Micachu ist eine britische Band, die in der Ent­ scheidungsfrage um Genie oder Wahnsinn auf des Messers Schneide tanzt. Auf welche Seite sie dabei fallen, ist ihnen allem Anschein nach egal. Text und Interview: Anja Mikula

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ch bin wütend. Und das ist auch gut so. Denn ich habe den passenden Soundtrack dazu, der mich alles Schlechte wegtanzen lässt. Den Sound zu meinem Ärger machen Micachu and The Shapes, ein junges und momentan für krachende Furore sorgendes Trio aus London. Im Grunde drei Freunde, die sich an der Londoner Musikhochschule kennenlernten und die beschlossen, ihre selbst gebauten Instrumente rigoros und manchmal gewaltsam zu bespielen und sich einen wahren Scheiss darum zu kümmern, was ihnen während des Studiums über Komposition und Musik eingebläut wurde. Roh und ungezähmt, ist der Sound irgendwo zwischen Avantgarde und Dadaismus angesiedelt. Wirklich wahr: diese einfachen Melodien, die aus Mica Levis Mund geschlurft kommen, hätten Hans Arp und seine kostümierten Freunde vor Verzückung aus dem Cabaret Voltaire laufen lassen. Hoch polierte Beats sucht man hier nämlich vergebens.

Brachiale Klänge Vielleicht zerschlagen Mica, Raisa und Marc die Strukturen von Songs aber auch gerade deshalb, weil sie wissen, was sie tun. Obwohl sie oftmals tönen, als würden sie keine zwei Minuten über ihren Sound nachdenken, sondern einfach nur rumprobieren. Zudem hört das Ganze sich nicht nur an wie zu Tönen mutierte Probierfreudigkeit, sondern sieht die dazugehörige Band zu allem Überfluss auch noch so aus, als scherte sie sich einen feuchten Dreck um alle Konventionen. Und so stehen Micachu mit selbstbemalten und ausgewaschenen T-Shirts schüchtern auf Bühnen oder machen alberne Tänzchen in Videos. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Micachu schlechte Videos machen. Möglicherweise mögen sich die Clips in einer gewissen Kontinuität zu den brachial-fragmentarischen Klängen der Drei befinden, aber wer wünscht sich bei diesen bluenotesquen, unrhythmischen Grime-Klängen nicht einen kleinen Augenschmaus, der das Auge hinterrücks im Gehirn mit dem verwirrten Ohr versöhnt? Ich bin also sehr gespannt auf das Bild, das Micachu von sich im echten Leben zeichnen, als ich hinter die Bar der Zukunft schleiche um diesen Rohschnitt einer Band gleich persönlich kennenzulernen. Wird es ein schrilles sein, wie das auditiv und optisch übertragene, oder werden mich da gleich drei rotzige Rich-Kid-Bengel im BurberrySchal, die in ihrer Freizeit einfach mal gerne auf standardisierte Hörgewohnheiten pfeifen, auf 58 kinki

eine Tasse Tee einladen? Mica als Wunderkind, das mal eben ein Orchesterstück für das London Philharmonic Orchestra komponiert? Da sitzen Mica und Marc nun also auf schmuddeligen Sofas im Backstage-Bereich und grinsen mir schelmisch zu. Vielleicht grinst auch nur Mica schelmisch. Ihr Lächeln allerdings scheint alles andere zu überstrahlen, so dass einen Moment lang alle meine Rezeptoren mit diesem Reiz belegt sind. Ich liebe sie augenblicklich für ihre aufblitzenden charmanten Zahnlücken, für ihre (mir entgegengesetzte) Winzigkeit und für ihre Locken, die mir widerspenstig den Blick vernebeln. Da fällt mir zunächst gar nicht auf, dass Marc zur Entspannung Armbänder und Ketten aus Schnürsenkeln knüpft, die die Band später auf der Bühne tragen wird. Fünf Minuten später schleicht auch Raisa in den Raum, die während des Interviews schweigsam bleibt. Sie bleibt es auch nach Micas wiederholten Versuchen, ihr das Wort zu überlassen. kinki magazine: Ich habe so viele Beschreibungen gefunden für eure Musik. Wie würdet ihr eure Musik denn selbst definieren? Raisa: Junk Pop! Marc: Manche Songs sind sehr geprägt von soliden Grooves, andere wiederum besitzen eine starke ‹Texture Idea›. Es hängt sehr vom Song ab. Den Schwerpunkt bilden al­ lerdings Grooves, die ein wenig aus dem Takt sind. Die dem Song hinterherrennen. Das ­haben wir in letzter Zeit verstärkt versucht. Auf eurer MySpace Seite wird jedes Bandmitglied durch eine geometrische Form symbolisiert. Könnt ihr mir ein bisschen darüber erzählen? Mica (schaut die anderen verstohlen an): Als wir mit der Band begannen, machten wir ­einfach für jeden von uns T-Shirts mit bestimmten Mustern und haben nicht allzu sehr darüber nachgedacht. Und diesen Mustern sind wir dann einfach treu geblieben. Das ist jetzt keine grosse Fashion-Sache oder so. Wir wollten auf der Bühne einfach eine gewisse Einheit bilden. Also haben wir eine Form und eine ­Farbe ausgewählt. Das wurde dann auch das Thema auf dem Album. Auf dem Cover sieht man sich wiederholende Quadrate. Im Grunde total basic. Ihr seid auf der Bühne eine recht farbenfrohe Erscheinung. Ist das eine Reflektion eures Sounds? Mica: Nein. Die Shirts sind recht lausig. Du

solltest nicht zu viel in diese T-Shirts reininterpretieren. Es sind einfach Farben und Formen auf alten weissen oder verfärbten Shirts, die wir selbst gebastelt haben.

‹Unsere Musik nervt uns ziemlich von Zeit zu Zeit.› Ich finde es ziemlich schwer, zu euren Songs zu tanzen. Eine Schweizer Zeitung hat letztens geschrieben, dass euer Sound einen immer ‹auf dem falschen Fuss erwischt›. Wie ist das, wenn ihr auf der Bühne steht und den Leuten beim Tanzen zuseht? Mica: Oh nein, wir wollen nicht, dass sich irgendwer blöd fühlt! Aber es stimmt schon: der Sound ist manchmal recht inkonstant. Darum kommt es auch bei Konzerten oft vor, dass die Leute nur herumstehen und zuhören. Marc: Es gibt aber schon Songs, die sehr tanzbar sind und einen soliden Groove haben. Manchmal bekommen wir nicht so ein ­grossartiges tänzerisches Feedback, stattdessen ist das Publikum sehr statisch und be­ obachtet eher. Das ist schon sehr spannend, auf diese Weise ein Feedback vom Publikum zu be­kommen. Nervt euch eure eigene Musik eigentlich manchmal? Alle: Ja, total. Marc: Sie nervt uns immer mal hin und wieder. Mica: Aber halt eher, weil wir jetzt nicht unbedingt Chill-Out-Sound machen. Und wenn man dann in der falschen Stimmung ist, kann einen der Sound schon extrem aufregen. Ihr baut euch eure eigenen Instrumente. Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Mica: Mit den gewöhnlichen Instrumenten erfährt man eben schnell so ein Gefühl der Einschränkung. Wir haben das im Grunde einfach so aus Spass gemacht. Um etwas ­Neues auszuprobieren. Und dann hat man natürlich etwas, was sonst keiner hat. Sowas ist dann einfach fresh. Wie kommt jemand, der Musik und Kompo­ sition studiert, dazu, die Struktur eines Songs derartig zu zerschlagen? Marc: Na ja. Wir haben uns jetzt nicht hin­


gesetzt und die Pop-Struktur analysiert, um dann im nächsten Schritt zu beschliessen, diese zu decodieren. Mica: Unsere Herangehensweise ist sehr naiv, wir probieren eben einfach viel aus. Viel steckt da oft gar nicht dahinter. Und es kommt wirklich auf den Song an: viele Stücke kommen trotz allem sehr poppig daher. Ist eure Herangehensweise also eher spie­ lerisch als verkopft? Mica: Ich denke, wir machen uns nicht allzu viele Gedanken darüber, wie etwas am Ende klingen sollte. Das passiert oft erst im Nachhinein. Natürlich fängt man dann, wenn es darum geht das Album aufzunehmen, an, Details zu analysieren und auf dies und das zu achten.

Hört ihr denn als Musikstudenten privat auch viel klassische Musik? Mica: Ja schon. Vielleicht sollten wir aber noch mehr hören. Es gibt da draussen echt so viele grossartige Künstler. Vor allem aus dem amerikanischen Raum. John Cage höre ich zur Zeit zum Beispiel sehr gerne. Marc: Ich hoffe, im kommenden Jahr können wir wieder an ein paar Festivals sein. Das ist jedes Mal sehr erfrischend und inspirierend. Da wir meistens abends Konzerte spielen, kommen wir kaum noch dazu, uns selbst welche anzusehen. Früher haben wir das oft ­gemacht. Aber es ist wirklich wichtig, Input zu bekommen. Was sind eure Pläne für die Zukunft? Mica: Wir wollen ein neues Album machen und wieder touren. Jetzt freuen wir uns aber ­erstmal auf Zuhause. Wir haben nun 14 aufeinander folgende Shows hinter uns. Das ist echt anstrengend. Marc: Wir haben noch 6 Gigs vor uns. Aber morgen nehmen wir uns einen Tag frei in Strassburg.

Mica: Yeah! Wir waren jetzt ein paar Monate auf Tour und haben es uns redlich verdient. Ausserdem zahlen wir das ja eh aus eigener Tasche. Saira: Wir sind dann in einem kleinen Hotel mit Swimmingpool. Ich freu mich auf das Spa! Marc: Ich war noch nie im Spa! Ich habe vor, mich morgen masslos gehen zu lassen. Als die Band dann nach ihrer grandiosen Vorband ‹The Invisible› – unter deren Klängen die Zukunft zu einer Art Wallfahrtsort mutiert – auf der Bühne steht, legt sie gewohnt ungestüm los. Das Publikum und ich tanzen zu den synkopischen Klängen der kurzen Songs, verzaubert von dem schüchternen Charme Micas, der die Töne mit heiserer Stimme seitlich aus dem zur Schnute gezogenen Mund schiebt. Dass wir dabei auf dem falschen Fuss erwischt werden, ist uns scheissegal. Foto: Olly Hearsay

Micachu and The Shapes machen Musik und keine T-Shirts. Das ist auch gut so!

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Welcome to Heartland

Mit Final Fantasy erreicht uns ein weiterer Indie-Export­ schlager aus Toronto. Wer deswegen Owen Pallett jedoch gleich mit der gesamten kanadischen Indie-Szene in eine Schublade steckt, der verkennt die fast schon magischen Klänge, die der junge Mann aus Nordamerika mit Loop-Pedals und sanfter Stimme freisetzt. Text und ­Interview: Mathias Bartsch

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eginnt man sich die Stücke von Final Fantasy anzuhören, malt man sich schnell ein weiteres zweistelliges Musikerkollektiv aus und steht im Grunde kurz vor dem innerlichen Copy and Paste vergangener Artikel über Bands wie Broken Social Scene oder Arcade Fire. Aber genau hier ist der Break, denn hinter dem musikalisch überbordenden Projekt versteckt sich lediglich der 27-jährige Kanadier Owen Pallett. Bösartig könnte man nun meinen, dass die moderne Musikproduktion heutzutage eben auch ganze Orchester aus dem elektronischen Nichts entstehen lässt. Doch Owen Pallett wird dies nicht gerecht, er ist ein musikalischer Hexer und speziell live beweist er sein Talent. Hier kann man ihn allein am Mikro sehen, in der Hand nur die souverän gespielte Violine und mit den Füssen abwechselnd zwischengeschaltete Sampler oder Loop-Pedals bedienend. Eine minimale Ausrüstung, doch für Owen ein formidables Basiscamp, um langsam, aber zielstrebig die Gipfel seiner komplexen Musik zu erklimmen. So ertönt zunächst nur eine einfache Melodie, ein sanfter Tritt auf die Pedale am Boden folgt und schon mischen sich eine zweite Stimme oder ein rhythmisches Violinen-Zupfen mit der Eingangssequenz im Hintergrund zum immer schneller abhebenden Klangteppich. Mit der einsetzenden Stimme von Pallett verwoben, die manchmal fordernd ruft oder behutsam erzählt, wird gnadenlos Loop um Loop aufgetürmt. So bildet sich eine musikalische Dichte, die den Zuschauer die Bühne immer wieder vergeblich nach den vermeintlich restlichen zehn Bandmitgliedern absuchen lässt. Mit kinki sprach Owen Pallett über die neue Platte ‹Heartland›, die ihn bis zur Fertigstellung um den halben Erdball führte. kinki magazine: Nach deinen beiden Platten aus den Jahren 2005 und 2006 kommt nun ‹Heartland› in die Plattenläden, wie würdest du das Album musikalisch beschreiben? Owen Pallett: Die Musik auf der Platte orientiert sich diesmal stärker an Synthie Pop Bands aus den 70ern oder frühen 80ern – wie OMD oder Soft Cell. Sie enthält eine Menge

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an Melodieideen, aber wird nicht komplett davon bestimmt, denn es gibt auch sehr orchestrale Songs. Als Einflüsse findest du aber auch ­S achen wie den russischen Futurismus, der ja damals schon mit Vorläufern des heutigen Synthezisers experimentierte. Die Vielfalt der Musik ergibt sich aus den vielen Instrumenten, die ich verwendet habe – sowohl analog als auch elektronisch. Beispielsweise benutzte ich den White Noise Generator für bestimmte Toneffekte. Alles, was ich am Ende aber wollte, war einfach eine Platte, die ich einem Fremden in die Hand drücken kann und dabei hoffen darf, dass sie ihm gefällt. Die Stücke auf der Platte werden alle aus der Perspektive des ‹ultra-violenten› Farmers ­Lewis erzählt, der in einer erdachten Welt namens ‹Spectrum› lebt. Wolltest du diesmal eine Art Konzeptalbum produzieren? Den Begriff finde ich zu hoch gegriffen, für mich sind Konzeptalben zum Beispiel Platten wie ‹The Wall› von Pink Floyd oder die Musik der David Bowie-Figur Ziggy Stardust. ‹Heartland› hat aber durchaus so etwas wie eine durchgehende Hintergrundgeschichte, die über den Beginn, die Mitte und das Ende ­einer Beziehung erzählt. Lewis ist der Protagonist, der meine Erfahrungen widerspiegelt. Aber als Konzeptalbum habe ich es nicht angelegt, auch wenn ich es schön fände, wenn für die Leute die einzelnen Songs eine zusammenhängende Geschichte ergeben würden. Deine ersten Alben hast du jeweils in nur ­wenigen Wochen produziert. Wie lief es diesmal ab? Oh Gott, länger, ich habe rund 9 Monate für ‹Heartland› gebraucht. Was auch daran lag, dass ich zu Beginn mehr als 20 Lieder im Kopf hatte. Es war eine sehr intensive Arbeit, bei der eben auch eine Menge Leute involviert waren. So habe ich zum Beispiel einige Arrangements in Prag vom tschechischen Philharmonieorchester einspielen lassen oder die Percussions wiederum in Toronto. Die ­eigentliche Aufnahme lief dann in Island ab, ge-

nauer gesagt im legendären Greenhouse Studio in Reykjavik. Dort konnte ich mit Va­ leifgr Siggurdson zusammenarbeiten, der ja schon Meisterwerke wie Björks Album ­‹Me­dulla› produzierte. Eine echt coole Zeit, ich meine, es war November und Island so, wie man es sich vorstellt, kalt, verregnet und irgendwie perfekt zum Arbeiten... Deine Popstarbiografie im konventionellen Sinne hat ja einige Kratzer, immerhin kannst du eine klassische Ausbildung als Violinist vorwei­sen. Ausserdem hast du mit Anfang 20 bereits Opern geschrieben. Wie kam der Sprung zur Popmusik? Es gab da keinen ausschlaggebenden Punkt, für mich ist Musik nicht unterteilbar in Pop auf der einen und Klassik auf der anderen Seite. Schon als Jugendlicher war ich in beiden Richtungen aktiv, ich hab zum Beispiel sehr früh ­angefangen, Musik für Computerspiele zu schreiben, aber auch gleichzeitig Klassik gehört. Es ist alles einfach Musik. In einem früheren Interview hast du erzählt, dass deine Homosexualität deine Musik stark beeinflusse. Das erinnert an The Hidden ­Cameras, die ihren Stil augenzwinkernd als ‹Gay Church Folk Music› bezeichnen, sich aber gleichzeitig auch der ernst gemeinten Queercore-Bewegung zurechnen. Wo ­würdest du dein Statement in diesem Spek­trum sehen? Na ja, bei mir war das weniger politisch gemeint. Ich wurde einmal gefragt, was denn typisch schwul an meiner Musik wäre, und ich meinte, da gäbe es nichts, aber trotzdem bin ich nun mal schwul, ergo ist meine Musik auch davon geprägt. Heute würde ich so ­einen Satz aber wohl nicht mehr unbedingt unterstreichen, denn zwischen heteround homosexueller Musik zu unterscheiden, ist schon etwas absurd. Neben Final Fantasy unternimmst du noch jede Menge musikalischer Seitensprünge, unter anderem mit Bands wie Les Mouches, ­Picastro oder auch Arcade Fire. Welche neuen Projekte stehen demnächst an?


Als nächstes werde ich die Filmmusik für den kommenden Film von John Cameron Mitchell machen. Er wird ‹Rabbit Hole› heissen und eine Adaption von David Lindsay-Abaires Bühnenstück sein, in der unter anderem Nicole Kidman und Aaron Eckhart mitspielen. Aber eigentlich will ich in Zukunft nicht mehr soviel nebenbei machen und mich auf das nächste Final Fantasy Album konzentrieren. Aber das habe ich nach dem letzten Album auch schon gedacht, und dran gehalten hab ich mich dann trotzdem nicht. Der Projektname Final Fantasy kommt ja vom gleichlautenden japanischen Video-Game. Wie kam es zu dieser Ehre, deiner Musik den Titel zu leihen? Als ich die Idee zu Final Fantasy als Musikprojekt hatte, war mir klar, dass die Musik verglichen mit den Sachen, die ich zu der Zeit in anderen Bands unternahm, emotionaler und melodiöser werden würde. Deshalb gefiel mir der Name von diesem Videospiel, das ja ebenfalls sehr episch und ziemlich melodramatisch ist. Gab es schon juristischen Stress mit den Herstellern wegen des Namens? Nein, bisher ist alles cool. Montreal und Toronto werden im Ausland meistens als eine gemeinsame kanadische Szene wahrgenommen. Du bist näher dran, deshalb die Frage, ob es nicht doch ein paar Unterschiede gibt? Die gibt es, Torontos Musikszene ist im Vergleich zu Montreal viel stärker von der Kunst, genauer gesagt von den Kunsthochschulen beeinflusst. Es gibt in Toronto einfach grössere Überschneidungen mit anderen künstlerischen Richtungen, beispielsweise dem Bereich Visual Arts. Montreal ist stattdessen immer noch von Labels wie Constellation Records geprägt, die Ende der 90er-Jahre grossen Erfolg hatten. Viele dortige Bands verfolgen diese politische Anti-EstablishmentRichtung, das findet man in Toronto weniger. Hast du noch einen aktuellen Tipp für uns in Sachen heisse Band aus Toronto? Klar, ich würde euch Pony Da Look dringend empfehlen, die sind fantastisch, haben lustige Texte und einen coolen Musikmix aus Punk, Indie und Wave. Komplett einzigartig und deshalb momentan meine Lieblinge in der Stadt. Weitere Info unter finalfantasyeternal.com. Foto: Ryan Pfluger

Um die passenden Klänge für sein ‹Heartland› zu finden, reiste Owen Pallett alias Final Fantasy um die halbe Welt. Herausgekommen ist ein zutiefst emotionales Meisterwerk.

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‹album des monats› Von der Redaktion gekürt. Vampire Weekend: Contra 1.

Cousins:

Rostam: Das Stück beginnt mit einem brummenden Harmonium, wie man es teilweise im Soundtrack von BollywoodFilmen findet. Dann folgt Ezras Stimme mit einer Art Buddy-Holly-Echo, unterstützt von den Klängen eines sogenannten Kalimba-Daumenpianos, das die Gesangsmelodie unterlegt. Hier treffen also gleich zu Beginn viele verschiedene Melodien aufeinander. Dann folgt die wummernde Bass Drum, bevor ein tiefer House Synthie und verschiedenste Vocals das Ganze aufbrechen. Alle Stimmen – sowohl die von Ezra als auch die des Frauenchors – besitzen diesen typischen 80s-Hall. Eines unserer Ziele für diese Album war es, die Stimmen ähnlich wie Instrumente zu behandeln und sie in die Textur der Stücke auf diese Art einzuweben.

Chris: Ich wollte, dass ‹Cousins› etwas Heftiges, Trashiges hat und trotzdem smooth und elastisch wirkt. Dennoch ist es wohl der härteste Track auf dem Album.

2.

White Sky: Ezra: Dieser Song fängt dort an, wo ‹M79› damals aufhörte. Die gleichen Leute, derselbe Ort. Allerdings wohl mit einer etwas weiterentwickelten Absicht.

3.

Holiday: Ezra: Inspiriert wurde ‹Holiday› von Wave Ska Bands wie ‹Operation Ivy›. Allerdings haben wir auch viele neue Gitarrensounds und Rhythmen ausprobiert.

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as so viele Bands von sich behaup­ten, trifft auf Vampire Weekend wirklich zu: ihre Musik lässt sich weder beschreiben noch vergleichen, geschweige denn mit irgendeiner anderen Band in eine gemeinsame Schublade stecken. Was im einen Moment an schwer verständli­che World Music erinnert, animiert einen im nächsten Augenblick zum fröhlichen Mitpfeifen. Nichtsdestotrotz – oder gerade deshalb – gelang den vier umtriebigen New Yorkern 2007 der Sprung vom Blog-Geheimtipp in die interna­ tionalen Indie-Charts. Für ihr neues Album liessen sich Ezra Koenig, Rostam Batmanglij, Chris Baio und Chris Tomson nun nicht nur mu­ sikalisch gewohnt mondial inspirieren, sondern wurden zudem von ihren Erfahrungen auf ihrer einein-

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halbjährigen Welttournee sowie von der fruchtbaren Bekanntschaft mit Monterreys Baile-FunkKönig, der DJ- und Produzen­ tenlegende Toy Selectah, beeinflusst. Daraus entstanden ist ein Mix, den man sich wahrlich lieber selber anhören sollte, als ­darüber nachzudenken, mit welchen Worten man ihn denn nun am trefflichsten beschreiben könnte. Und auch all jenen, die sich jetzt denken: ‹Auf so einen super­alternativen Krempel habe ich nun aber gar keine Lust, ich will schliesslich tanzen›, sei eine akustische Kostprobe dieses Albums wärmstens empfohlen, denn ‹Contra› überzeugt nicht nur durch die Vermischung unterschiedlichster Einflüsse und Soundexperimente, sondern hat definitiv Ohrwurmpotenzial und jede Menge poppige Refrains in petto. Wie gesagt: World Music zum Mitpfeifen.

7.

Horchata:

4.

California English: Ezra: Auch wenn wir hier das Programm Auto-Tune benutzten, tönt der Song keineswegs wie etwa T-Pain. Es gibt unglaublich viel tolle Musik aus der ganzen Welt, die mit Auto-Tune arbeitet, nicht nur amerikanischen Pop.

8.

Giving up the Gun: Ezra: Wir wollten uns in diesem Lied an grosse Gefühle wagen und trotzdem einen gewissen Sinn fürs Minimalistische bewahren. Ich denke, das ist uns gelungen, sowohl musikalisch als auch vom Text her.

9.

Diplomat’s Son: Rostam: Als ich hier den Anfang aufnahm, sass ich in der Küche. Irgendwann kam mein Mitbewohner rein und drehte den Wasserhahn auf. Das hört man auch auf der Platte im Hintergrund des Gitarrensolos.

10.

I Think Ur a Contra: Rostam: Das ist der erste Vampire Weekend Song mit akustischer Gitarre. Irgendwann wollte ich mir einfach eine ‹Kora›Gitarre ausleihen, um die Parts so spielen zu können, wie ich sie mir vorstellte. Obwohl der Song sehr düster ist, endet er feierlich und erlösend. Ich benutzte ein 8-Bit-Keyboard aus den 80ern, um meine Stimme zu samplen und so einen Gesangsteppich zu schaffen. Herausgekommen ist so etwas wie eine dreckige, zittrige Version von Kate Bushs ‹This Woman’s Work›. Die Harmonien in diesem Lied tönen anders als alles auf unserem ersten Album.

5.

Taxi Cab: Ezra: Ich mochte schon immer Joe Strummers Zitat, demnach das Thema Liebe mittlerweile ausreichend behandelt worden sei in der Popmusik. Daher versuche ich, wenn ich über Beziehungen singe, die Liebe sozusagen als ein Trittbrett für andere, schwerer erfassbare Themen zu benutzen.

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Run: Christopher: In diesem Song experimentiere ich mit Rhythmen, die ich auf unserem ersten Album gemieden habe. Ich mag es, wie dieses Lied zwischen schweren, rockigen Passagen und Raggaton-Versen wechselt.

Vampire Weekend: ‹Contra› (Musik­ vertrieb) ist bereits erschienen. Den Clip zum Song ‹Cousins› findet ihr auf kinkimag.com. Text: Rainer Brenner Foto: Søren Solkær Starbird


‹soundcheck› Nach diesen Scheiben wirst du süchtig. Physikalisch betrachtet ist der Musikgenuss folgendermassen zu beschreiben: Schallwellen werden vom Aussenohr ge­ bündelt ans Trommelfell übertragen. Dort durchlaufen sie eine Unzahl nach Werkzeugen und Tieren benannter ­Knorpel, die schliesslich den Befehl ‹Tanzen!› an unsere Beine weiter­ leiten. Damit dieser komplizierte Vorgang rei­bungsfrei funktioniert, liefert euch unser Reviewnator auch diesen ­Monat wieder eine Auswahl feinster akustischer ­Beschallung.

knutschend an waliser küsten

LOS CAMPESINOS! – ­R OMANCE IS BORING

Liebe ist doof! Wenn sie kommt, dann hebt sie einen in unbekannte Höhen, und wenn sie wieder von dannen zieht, fällt man in ungeahn­te Tiefen. Doch was ist Liebe überhaupt – ein Gefühl, ein Zustand oder vielleicht sogar eine Erkrankung? Das haben sich wohl auch die britischen Berufs-Me­ lancholiker von Los Campesinos! gefragt und sind dabei auf eine wissenschaftlich völlig neue Erkenntnis gestossen: Liebe ist langweilig. Aber warum? Weil sie berechenbar ist, weil sie jeder ­haben kann oder vielleicht weil Liebe nur ein anderer Ausdruck für körperliche Bedürfnisse ist? Mit diesen und anderen Thesen haben sich die Waliser auch auf ihrem bereits dritten Silberling aus­ 64 kinki

einandergesetzt. Und das klingt tatsächlich ganz und gar ‹lieblich›. Ergreifend, aufwühlend und erhaben klingen Los Campesinos! auf ‹Romance Is Boring›. Ähnlich wie in ‹The Most Serene Republic› oder bei ‹Broken Social Scene› bleiben bei den sieben Briten berechenbare Songstrukturen nicht bestehen: Zerbrechliche Gitarrenbögen werden von episch-mehrstimmigen Passagen durchpflügt, melancholische Streicher berühren die zarte Seele elektronischer Spielereien und werden nur noch durch das schwer überhörbare Faible für die ganz grossen Melodien überboten. Da wird ganz langsam der musikalische Wolkenkratzer aufgebaut, die Spannungsschraube gar bis zur Unerträglichkeit angedreht, nur um in einer Explosion der Instrumentierung alles einstürtzen zu lassen, während ein saurer Regen der Emotionen niederkommt. Ganz grosses Kino titeln es britische Blätter. Peter Jackson verfilmt ‹P.S. Ich liebe Dich› nach einer Drehbuch­vorlage von Charles Bukowski, wäre passender. Keine Ahnung, ob die drei Damen und vier Buben von ‹Los Campesinos!› mal den kollektiven Partnertausch erprobt haben oder durch das eiserne Band der Bandgemeinschaft nie vonein­ander losgekommen sind,

oder Waliser gar allgemein ein wenig anders ‹fühlen›. Liebe, Verzweiflung, Hoffnung, Einsamkeit und Glückseligkeit klangen jedenfalls noch nie so ehrlich, rabiat und un­ verblümt wie auf ‹Romance Is Boring›. Da würde sich selbst ein ­g estandenes Mannsbild wie Gerard Butler die ein oder andere Träne nicht verkneifen können. Die Latte für 2010 wurde hiermit ­z umindest schon mal ziemlich hoch gelegt. Übrigens: Der Bandname heisst übersetzt so viel wie ‹Die Bauern!›, aber was für welche…

auf dem marsch ins ungewisse

MASSIVE ATTACK – HELIGOLAND

Titten verkaufen sich! Das wussten auch Rammstein, als sie vor ein paar Wochen ihre neue Single mit

dem ach so passenden Titel ‹Pussy› unter die geschockten Massen brachten. Waren es im dazugehörigen Video noch montierte Köpfe auf perfekten Körpern in gestellten Szenen, gehen Massive Attack nun einen Schritt weiter: Echte Darstellerin, echte Filmszenen, echte Flüssigkeiten – ja, gar echte Authentizität. Da wackeln nicht nur die Boxen, sondern auch ein bisschen die Hosen… Eigentlich kann man die Kreativ-Mannschaft aus Bristol nur als Götter des Trip Hop bezeichnen. Nicht nur, weil sie das Genre beherrschen wie niemand anders, sondern weil sie es aus ihrem eigenen Fleisch und Blut erschaffen haben. Und genau wie im längsten Roman der Welt erschufen die Briten am siebten Tag ihr Prachtstück: ‹Heligoland›. Die siebte Scheibe der Truppe – die um 1980 aus demselben Kollektiv entsprang wie Grossmeister Tricky – ist nämlich einmal mehr eine Offenbarung. Ein Meilenstein auf dem langen Marsch ins Ungewisse, eine Hommage an die Kunst an sich und dennoch ein kleines Stück Musikgeschichte, wie sie so nur Massive Attack in zehn musikalische Kapitel fassen können. Sowieso scheint Bescheidenheit zu den neu errungenen Attitüden der Band zu ge-


hören: Bedacht bedachter und zügellos gezügelt – es scheint, als hätten sich ‹Ihre Lordschaften› mit den ergrauten Schläfen abgefunden. Während andere Künstler stets darum bemüht sind, jung, frisch, frech und anders zu wirken, entscheiden sich Massive Attack für die entgegengesetzte Richtung: Zurück zu den Anfängen, zurück zum Ursprung, um eben etwas Reines zu schaffen: Trip Hop, wie er sphärischer und anmutiger nicht sein könnte. Und das inspiriert nicht nur zum Nachdenken. Und was das Tittenvideo betrifft? Nun ja, mit viel Glück lässt sich dieses noch im Netz finden und es wird mit Sicherheit nicht so schocken, wie es die Berliner noch zu vermachen wussten. Dafür setzen Massive Attack nicht nur einmal mehr mit ‹Heligoland› Massstäbe, sondern auch in Sachen Video – ein Must See! Und das Album? Gehört sowieso neben jede Bibel…

im hovercraft nach zion

WHITE RABBITS – ­ IT’S FRIGHTENING

Folge dem weissen Kaninchen! – Gerne, aber wohin zum Teufel? Wenn ihr glaubt, ich läge mich für euch mit philanthropischen Toastern und übel gelaunten Waschmaschinen an, dann habt ihr euch geschnitten. Den White Rabbits würde aber selbst ein un­ geselliger Haudegen wie ‹Neo› in den Tod folgen, hätte er nur einmal den gar köstlich-betörenden Gout der Post-Punker aus ­Brooklyn geschmeckt. Da stinken selbst die von ihm heiss begehrten Küsse einer in Lack und Leder gekleideten Karate-Amazone ab – ja, selbst die auf Zunge. Zwischen Beatles auf Kodein und Radiohead unter Antidepressiva bewegt sich der Sechser inmitten seines ganz eigenen ­düsteren Musikuniversums: ‹It’s frightening› ist nämlich alles, nur keine fröhlich-erquickende Durchschnittsware. Vielmehr

ist das erst zweite Album der irgendwie stets ein wenig trübselig dreinschauenden Band eine dieser Perlen, die man durch ­Zufall in der Wühlkiste zwischen allerlei Schund ertastet und deren Kostbarkeit man erst mit der Zeit begreift. Auf den ersten Blick liegt ‹It’s frightening› mit seinen melancholischen Pianoklängen, den disharmonischen Gitarren-Parts und dem rüden Gesang, gepaart mit choralen Flächen und gut pointierten Kopfstimmen doch etwas schwer im Magen. Als Eisbrecher auf Emo-­ Partys machen sich die weissen Hasen wohl eher schlecht, daheim in entspannter Atmosphäre dafür schon besser. Die White Rabbits legen mit ‹It’s frightening› ein Album zwischen Trübsal blasendem PostPunk und winterlich angehauchtem Indie-Pop vor, das man so ei­ gentlich nur als Kunst bezeichnen kann. Und wie es mit der Kunst so ist: die einen verstehen es, die andern schütteln nur den Kopf. Wer sowieso schon den Rotwein aus dem Keller geholt und die Rasierklinge neben das wohligwarme Schaumbad gelegt hat, sollte hiervon lieber die Finger lassen. Wer sich dagegen aber gerne mal unter eigenem emotionalen Ballast vergräbt und auch gegen poppig-düstere Songs mit Anspruch nichts einzuwenden hat, dem könnten die weissen Hopp­ler ein paar aussergewöhnliche Minuten bescheren. Denn wie sagte schon Morpheus, der alte Ma­trizen-Zelot: ‹Du fühlst schon dein ganzes Leben, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Es ist wie ein Splitter in deinem Kopf, der dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat dich zu ihnen geführt…› Zu den White Rabbits, gell?

eskapismus auf nordisch

LINDSTRØM & CHRISTABELLE – REAL LIFE IS NO COOL

Hertl & Mross, Skywalker & Vader, Nachos & Käse, Lindstrøm & Christabelle – und alle sind

sie auf ihre Art und Weise faszinie­rend. Es ist die Symbiose von ­Gegensätzlichem, die uns gefangen nimmt, die Allianz der Antagonismen und die Harmonie unter Nebenbuhlern. In Zeiten von ­Konkurrenzdenken und EllenbogenGesellschaftern erscheinen uns diese Konstellationen als erstrebenswert. Während die einen Spiess­bürgertum mit Grössenwahn paaren, über alle Gegen­ sätze hinweg lieben lernen oder einfach nur den perfekten Bund eingehen, gelingt anderen ein viel grösseres Kunststück: alleine schon gut zu sein, doch erst gemeinsam nach Perfektion zu streben. Elektronische Musik steckt in einer Zwickmühle. Es gibt zu viele selbst ernannte Produzenten, drittklassige Booking-Agenten, und jeder mit einem DSL-Anschluss und zwei CD-Spielern schimpft sich heute Deejay. Klar, dass da selbst die natürliche Auslese versagt. Bei ‹Lindtrøm & Christabelle› ist das anders. Der scheue Fa­ milienmensch Lindstrøm und Sängerin Christabelle führen in ihrem gemeinsamen Album ‹Real Life Is No Cool› wahres Können vor und verleihen dem Wörtchen Eskapismus so eine Tragweite, die man in heutigen Zeiten fast schon als kleine Rarität abgetan hat: Raus aus den Zwängen, ab in die Ewigkeit. Nordisch kühl und elegant, ja fast schon beiläufig, zelebrieren die beiden ­Musiker Anti-Disco-Tracks, die einem nicht mehr aus dem Kopf ­gehen wollen. Sei es nun das Vangelis-Cover ‹Let It Happen› oder das bislang ästhetischste Tribute an den verstorbenen King of Pop ‹Baby Can’t Stop›. ‹Real Life Is No Cool› ist ein Album aus der Zukunft, ein elektronisches Dance-Funk-Album, das es den Pseudo-Fricklern nur noch schwerer machen wird, ihren eigenen Stil zu finden. In einer unerwarteten Weise lässt Lindstrøm das im Sterbebett liegende Elektro-Kind noch einmal die Faust empor reissen und legt schon jetzt das vielleicht beste ‹Vocal-House›Album des Jahres vor. Klar, manchmal weiss man nicht so recht, worauf die beiden eigentlich hinauswollen – ist es nun die Abrechnung mit der Gene­ration Nu-Disco oder doch eher eine Huldigung an die Anfänge der House-Musik mit all ihren Stärken und Schwächen? Eines ist jedoch klar, auf dem Weg nach ganz oben steht sich der skandina­vische Zweier höchstens selbst

im Wege. In Sachen elektronischer Musik beginnt das frische Jahr 2010 also dennoch mit einem Höhepunkt. Und daran werden auch die Keller-Produzenten und Hobby-Plattendreher nichts ändern können. Ihr habt noch nicht genug von den leidenschaftlichen Albumkritiken un­seres ­Reviewnators Florian ­H ennefarth? Dann ­besucht ‹Hennes ­kleinen Musikladen› auf ­kinkimag.com, in welchem unser Flo wöchentlich Neuerscheinungen mit gewohnt unverblümten Kritiken versieht!

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‹playlist› Unsere Lieblings-DJs stellen ihre All Time Favourites vor. Cryptonites 03:44

TV On The Radio: Halfway Home

Siriusmo aka Moritz Friedrich aus Berlin ist momentan unser Lieblingsproduzent. Keiner schafft es, so viel Wärme in seine Songs zu bekommen. ‹High Together› ist ein Meisterwerk.

Man kann nur davon träumen, die Knöpfe mal so wie Dave Sitek zu drehen. Eine perfekte Mischung zwischen audiophiler Entdeckungsreise und Pop-Melodien, die sich im Ohr festkleben.

06:08

The Go-Team: Junior Kickstart

Aphex Twin ist ein Genie. Man kann ihn mit seinen unzähligen Pseudonymen in keine Schublade stecken. ‹Window Licker› ist ein Klassiker, der sowohl zuhause als auch im Club funktioniert. Das dazugehörige Video von Chris Cunningham ist dann noch das Tüpfelchen auf dem i.

Trashiges Meisterwerk. Hört sich so an, als ob Starsky & Hutch Rocky Bilbao durch das Philadelphia der Mitt-70er jagen würden.

04:54

Daft Punk: Da Funk

Das Dreamteam Quincy Jones und Michael Jackson haben mit ‹Billie Jean› wohl den Überhit geschrieben. Nicht zu Unrecht gilt er auch heute noch als wohl bester DanceSong aller Zeiten. Man munkelt, dass Michael drei Wochen brauchte, um den Basslauf zu programmieren. Und die Moral von der Geschicht? Finger weg von Groupies!

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18:29

Archive: Lights

als die Nachfolger der Ed Banger Lieblinge Justice. Unnötig zu erwähnen, dass ihre erste EP ‹Hand of God› – erschienen auf dem eigenen Label ‹Destruction Music› – wegging wie warme Weggli. Clubauftritte in ganz Europa folgten; Indie-Jünger tanzten sich zu Cryptonites feschen Beats und packendem Disco House mit Referenzen zu Justice, Digitalism und den frühen Daft Punk in ­Ekstase. Im Juni 2009 erschien die zweite EP ‹Boots Electric›, die ihrerseits mit klaren Beats und kreativen Mixen überzeugt. Und ganz nebenbei wagten sich die Cryptonites auch an ein Remix des Coldplay Superhits ‹Violett Hill› sowie an den Folk-Rock von John Nielsen. Genau so vielfältig wie die Cryptonites-Remixes hört sich auch ihre Playlist an. Wer weiss, vielleicht verrät uns ja auch die Songauswahl mehr über die beiden geheimnisvollen Herren.

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Aphex Twin: Window Licker

Michael Jackson: Billie Jean

o keine handfesten Fakten vorhanden sind, blühen die schöns­ten Legenden. Über das Schweizer DJund Produzenten-Duo Cryptonites ist wenig bekannt – und damit kann den Spekulationen freien Lauf gelassen werden. Was führen die beiden im Schilde? Trachten sie in ihrer Freizeit nach Supermans übermenschlichen Kräften oder planen sie gar... Lassen wir das lieber offen. Zu wissen, dass die Cryptonites sehr tanzbare Tracks und Remixes produzieren, reicht eigentlich völlig aus. Schon kurz nach der Veröffentlichung ihrer ersten Produktionen auf MySpace vor zwei Jahren, über­ schlugen sich etablierte Musik-Blogger vor Begeisterung und feierten das Schweizer DJ-Duo bereits

05:32

Siriusmo: High Together

Ja, richtig gelesen. Dieser Song ist über 18 Minuten lang. Was mit einem Piano und Windrauschen beginnt, baut sich über die Zeit zu einem grossen Ungetüm auf. Der perfekte Song für lange Zugfahrten, Wartezeiten an Flughäfen oder um einfach mal abzuschalten.

08:41

Prince: Purple Rain Was soll man zu diesem Song noch sagen? Ich mag mich erinnern, als ich mit sechzehn in Italien war und zusammen mit meinem Kollegen in einem Cabrio am Meer entlang fuhr und ‹Purple Rain› im Radio kam. Es gibt kein grösseres Gefühl von Freiheit.

04:16

M83: Don’t Save Us From The Flames Episch, epischer, am epischsten. Was Talent mit einfachen musikalischen Mitteln alles zaubern kann, ist erstaunlich. Keine Ahnung, um was es im Song geht, keine Ahnung, welches Gefühl er jetzt denn genau hervorruft. Er tut es einfach jedes Mal wieder. Und das ist die Hauptsache.

05:30

Wir können es nicht verleugnen, dass unsere Produktionen stark von Daft Punk beeinflusst sind. Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo brachten mit ihrem ersten Album ‹Homework› den Punk in die elektronische Musik. Sie weigerten sich, die traditionellen Regeln der Dance-Music-Produktion zu befolgen. Gitarren wurden über Roland oder E-mu Sampler eingespielt, Synthesizer wurden durch Gitarrenamps aufgenommen. ‹Da Funk› mit seiner Bassline auf dem Kick, den Lead-Sounds und den 303-AcidLines ist ein Geniestreich und fast in jedem unserer DJ-Sets zu hören.

04:50

Curtis Mayfield: Blue Monday People Wir könnten zwanzig Songs von Curtis in diese Liste aufnehmen. ‹Blue Monday People› haben wir jedoch ausgewählt, weil es kein besseres Lied gibt, um am Morgen aus dem Bett zu kommen! Weitere Info zu Cryptonites findet ihr auf myspace.com/cryptonites. Text: Martina Messerli und Cryptonites Foto: Christopher Scott


GRAPHIC DESIGN BY FELIX PFÄFFLI


Forbidden Colours

Ein Dreamland voller Farben, Schmuck und Mode für Pocahontas und Harlekins: Die Mode- und Kunststudentin Anna Wegelin kann nicht still sitzen und künstlerische Pausen einlegen. Um sich und a­ ndere mit ihren verträumten Kreationen zu umgeben, de­signt und produziert sie unermüdlich, statt vor sich hin­zuträumen. Text und Interview: Florence Ritter

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eflissene, ständig werkelnde Kunst- und Modestudenten gab es vermutlich schon immer, denn Geschäftigkeit und die kontinuierliche Suche nach kreativen Ausdrucksmöglichkeiten zeichnen einen Künstler aus. Nichtsdestotrotz war das ambitionierte Schaffen junger Kreativer selten so sichtbar wie heute. Viele präsentieren ihre Fotografien, Kleider, Bilder oder Illustrationen auf Twitter, MySpace oder den wohlgestalteten Websites ihrer Labels, so dass ältere Generationen der Kreativbranche schon mal vor Neid erblassen. Zumal die Entwicklung der virtuellen Ausstellung auch in wirtschaftlicher Sicht die Möglichkeiten erweitert hat: Junge resolute Schaffende – mitunter auch kleine Genies – können nicht nur ihre Werke darlegen, sondern sie ebenfalls in absatztauglicher Form veräussern, zum Beispiel als Kunstdrucke, Kleider, Acessoires oder bedruckte Taschen. Das Internet gewährt also einer Horde von aufstrebenden Künstlern eine Ausstellungsfläche, die jeden Galerieraum in die Ecke stellt und einen realen Marktplatz besuchermässig alt aussehen lässt. Schon während der Ausbildung kann so die Tribüne des Kunst- und Modemarkts bestiegen werden, um erste Erfahrungen und vielleicht auch Ruhm zu sammeln. Darüber freuen sich natürlich nicht nur die Schöpfer, sondern auch die Perlentaucher, die dadurch an ‹relativ› günstige, künstlerische Objekte, Mode- und Schmuckstücke gelangen.

Welcome Die Website von Anna Wegelin gehört zu eben diesen Perlen, die sowohl dem funktional-professionellen als auch dem künstlerisch-ästhetischen Anspruch gerecht werden. Daneben führt Anna zudem einen Blog, auf dem sie Arbeitsprozesse dokumentiert und persönliche Inspirationen festhält. Der kleine Online Store lotet zuletzt den wirtschaftlichen Aspekt des Internets aus. Doch sind es die Kollektionsbilder, welche den Besucher sogleich in ihren Bann ziehen: die grünen Augen des Models, das unseren Blick auf der Homepage einfängt. Freistellerbilder sind von gestern und werden nur noch pragmatisch für den Online Shop verwendet: Mode- und Designstücke werden 68 kinki

heute inszeniert wie eine Fotostrecke in einem Modemagazin. Das verlangt den angehenden Künstlern und Designern weiteres Geschick ab, welches sie ohne weiteres mit Engagement und dem ein oder anderen hilfreichen Freund (ebenfalls in kreativer Ausbildung) bewältigen: Fotografie-, Layout-, Styling- und PR-Fähigkeiten werden gleichzeitig an den Tag gelegt, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit.

Anna Wegelin: Obwohl man während des Studiums schon viel zu tun hat, gibt’s immer noch genügend Zeit, um an anderen Projekten zu arbeiten. Für mich ist die Umsetzung ­meiner Kreativität jedoch keine Frage der Zeit, da verzichte ich lieber mal auf Schlaf und illustriere stattdessen, schreibe für meinen Blog oder denke mir irgendwelche verrückten ­S achen aus.

Collections

Wie finanzierst du deine Kollektionen? Da ich die Website, die Stoffe, die Ketten und eigentlich auch sonst alles selber mache, sind meine Ausgaben noch sehr gering. Ich finde es sowieso geiler, aus Nichts etwas zu machen.

Zu Anna Wegelins Designs zählen eine Modeund eine Schmuckkollektion, erstere war Teil ihrer Zwischenprüfung, letztere entstand laut Anna aus Lust und Laune und kann heute auch erworben werden. Dies ist natürlich erst der Anfang, sogar ein verfrühter, schliesslich beendet Anna erst nächstes Jahr ihr Studium an der Akademie für Mode und Design in Hamburg. Die ledernen Fringe-Ketten ihrer Kollektion ‹fokahontas› treffen genau den Nerv der Zeit. Die Kollektionsbilder zeigen das Model umschlungen von einem Zähne fletschenden Wolfspelz, der eine ebenso wichtige Position wie die Ketten einnimmt. Die Bilder sind schöngeistig und ästhetisch inszeniert, das Model strahlt Wildheit und Entschlossenheit aus – ganz wie die Designerin selbst. Die Kollektion ‹forbidden colours› schlägt sanftere Töne an und ist aus einer Empfindlichkeit der Designerin gegenüber der monotonen, grauen Welt entstanden. Affektiv hantierte sie mit weisser Seide, die sie in Farbkessel eintauchte, worauf des Stoffes Farbigkeit wie ein Schrei der Befreiung durch die Eintönigkeit hallte. Daraus schneiderte sie Kleider mit Puffärmeln, Leggins, ein Sakko und Shorts, die sie wiederum im Hinblick auf die bestmögliche Präsentation lieblich und verspielt im Wald ablichtete.

About me Um mehr über die Designerin, ihre Arbeit und das Selbstverständnis ihrer Generation zu erfahren, haben wir Anna Wegelin ein paar Fragen gestellt.

Wie geht es nach dem Studium weiter? Ich habe da schon klare Vorstellungen be­ züglich meiner Zukunft. Obwohl man nie weiss, wo das hinführt, werde ich versuchen, mich selbständig zu machen. Eigentlich bin ich ja schon selbständig, jedoch möchte ich die Geschichte auf ein anderes Level heben. Du stammst aus Kasachstan. Hat dich dein Geburtsort in irgendeiner Weise geprägt? Was hast du heute für ein Verhältnis zu deiner Heimat? Mein Heimatland hat mich sehr geprägt – quasi von Kopf bis Fuss – sowie auch meine ­russischen Wurzeln. Die Hälfte meiner Fa­milie lebt dort. In meiner neuen Kollektion wird man die innige Verbindung, die ich zu diesem Land hege, und meine Wurzeln deutlich erkennen können. Du führst einen eigenen Blog? Ist das die Zukunft oder eine Modeerscheinung? Mein Blog ‹Lachsbroetchen› ist für mich, neben der Mode, ein weiteres Medium, um mich auszudrücken. Weit entfernt vom Unistress, einfach eine andere Welt. Die Bedeutung von Blogs wird meiner Meinung nach in der Zukunft definitiv noch zunehmen. Unkontrollierte Meinungen, blitzschnelle News, sehr kreative Köpfe, denen sonst kein Gehör geschenkt wird – das macht dann schon so einiges aus. Fotos: Anna Wegelin

kinki magazine: Hast du neben deinem Studium überhaupt noch Zeit, kreativ zu sein?

Weitere Info unter annawegelin.com und lachs­broetchen.blogspot.com.


Die D.I.Y.-Generation meistert nicht nur ihr eigenes Fach: Färben, ­Nähen, Styling und Fotografie liegen allesamt in der Hand der Designerin.

‹Mein Repertoire an Dingen, die ich noch machen will, ist so gross wie mein Kleiderschrank.› kinki 69


Ta k i n g P i c t u r e s of Myself

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rechts: tank, underwear, hat STYLIST’S OWN links: jeans LEVI’ S VINTAGE kinki 71


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lace body suit American Apparel kinki 73


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rechts: robe Oscar de la Renta links: visor American Apparel halter LEVI’ S VINTAGE kinki 75


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photograpHER Filippo del Vita RETOUCH Laura Garcia Serventi @ effellephotography, STYLING Allison St Germain Hair Tetsuya Yokozuka Make-Up Chichi for Makeupforever @ dripbook.com/chichi Model Read @ Muse NYC Photographer’s assistant Matias Okawa

leopard slip vintage sunglasses GUCCI vintage kinki 77


It’s all about knitting

Er könnte es gleich mit allen Modestrickerinnen der letzten Saison aufnehmen und sogar die ein oder andere Granny unter den Tisch stricken: Craig Lawrence ist ein anmutiger Krieger, der mit der Stricknadel gegen die Mühlen der Textilindustrie fechtet und die Strickkunst auf ein neues Level zwischen Kunst und Laufsteg hebt. Text und Interview: Florence Ritter

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in zierlicher junger Mann mit britischem Akzent, grossem Ausschnitt und einer Vorliebe für Stricknadeln hält zurzeit die Modewelt in Atem. Auf dem Laufsteg verbannt er Models un­ter Schleifenberge, PomponsAkkumulationen, gestrickte Rosettenansammlungen und überdimensionale Grobstrickmäntel, so dass von den dürren Körpern kaum mehr was zu erahnen ist und nur die Beinchen hie und da aus einem Bommelgebilde hervorstechen. Seine Designs negieren auf der einen Seite jegliche Körperformen, um auf der anderen verstärkt mit den Körperbewegungen der Träger einherzugehen. Selten sind Craigs Überwürfe fix, immer gibt es etwas, das wippt oder bammelt, die körperliche Rotation aufnehmend und vollendend schlingert und schwingt. Exemplarisch zeigt dies auch ‹Carousel›, ein Video zur Frühlings- / Sommerkollektion 2010, das in der Blogosphäre bereits seine Runden drehte und die in Lawrences Designs gehüllten Models clownesk und tänzerisch über den Catwalk gleiten lässt. Dieser sinnliche und grazile Schwung, in dem sich Craigs Faible für den Tanz widerspiegelt, führt geradewegs zu einer effekthaschenden Erweiterung des Kleides. Auf die Frage, ob er jemals selbst getanzt habe, entgegnet er jedoch: ‹Nein, aber an einem Punkt in meinem Leben, während der High School, wollte ich Background-Tänzer einer Pop-Band werden.› Die Modewelt wird ihm schlankweg danken, dass er diesem Impuls nicht gefolgt ist.

There Comes Tilda Plötzlich war sie da, ohne Vorankündung und Trommelwirbel nur mit der geballten Kraft des visuellen Statements: die ‹AnOther Magazine›Spezialausgabe mit Tilda Swinton in Craig Lawrence auf dem Cover. Eines der zurzeit überzeugendsten Modemagazine und eine grossartige Schauspielerin schlugen Craig Lawrence sozusagen zum Ritter der ‹Future Fashion›, an deren Tafelrunde ihm die Verantwortlichen von AnOther den Ehrenplatz des Covers einräumten. 78

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Dieses Ereignis kürte ihn vorerst zum Spitzenreiter der neuen britischen Modetalente und legte ihn noch vor seinem Laufsteg-Debut in London bereits in die Wiege der internationalen Modewelt. Darauf angesprochen meint Craig noch immer ungläubig: ‹Es war und ist auch weiterhin surreal und auf die fantastischste Art und Weise überwältigend.› Doch bevor ihn der Stylist Panos Yiapanis erspähte und ihm den Weg zur Titelseite bereitete, wurde er bereits von einer weiteren Szenegrösse entdeckt: Für Gareth Pugh stellte er in sechs Saisons Strickmode her, während er nebenbei noch am Central Saint Martins studierte. Vom Handlanger mit der Stricknadel gelang Craig in kurzer Zeit der Sprung zu Kollaborationen mit namhaften Labels sowie schliesslich zu seiner eigenen Mode, die er nach wie vor persönlich über die Nadeln schlägt. Dass ein Kleid ihm zuweilen eine Woche Handarbeit abverlangt, ist nicht verwunderlich, da seine Entwürfe

ein gewöhnliches Pullover- und Kleiddesign um ein zigfaches übersteigen und am Ende in ungewöhnlichen, innovativen Formen münden, die man eigentlich nur als extravagant bezeichnen kann. Und dennoch ist der Designer überzeugt: ‹Meine Kleider sind tragbar, wenn auch nicht gerade zu jeder Gelegenheit, also zum Beispiel nicht zum Brötchen-Holen.› Lady Gaga zumindest affirmiert im Gespräch mit Craig auf MTV Playground sogleich, dass sie seine Designs täglich tragen würde, damit wäre das Label Ex­ travaganz also besiegelt.

Hands as Machine Auch wenn nun schon einige bekannte Namen gefallen sind und noch einige folgen werden, steht der 25-jährige Brite erst am Anfang seiner Karriere, die er seiner Oma verdankt: ‹Meine Grossmutter brachte mir das Stricken bei, ich


‹Ich möchte Strickware in einem neuen Licht erscheinen lassen.›

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‹Ich denke, dass einige meiner Designs «larger than life» sind.›

begann mit einem rosaroten gestrickten Schal. Dann, nachdem ich ein Mode-Grundjahr am London College of Fashion gemacht hatte, ging ich während eines Strickkurses am Central Saint Martins auch zum Modedesign über. Strickware hat mich schon immer fasziniert, da man von Beginn an die kreative Kontrolle hat.› Deshalb übte Craig Lawrence beflissen seine Hand- und Gestaltungsfertigkeiten, die in immer wilderen Kreationen ausuferten und sich gerne mal – etwa wie in der aktuellen Herbstund Winterkollektion – in von Süssigkeiten und luxuriösen Cocktails inspirierten, kreaturähnlichen Kleidern niederschlagen. Das Stricken scheint geradezu Craigs Obsession und sein erklärtes Ziel geworden zu sein: ‹Ich möchte mit Strickware und unterschiedlichen Materialien experimentieren und versuchen, sie in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, so gut ich das eben kann.› Und dafür ergreift er täglich selbst die altertümlichen Nadeln: ‹Ich stricke 80 kinki

meine Kreationen in meinem neuen Studio in Dalston mit der Hilfe einiger meiner Freunde.› Denn um sich ein grosses, kostspieliges Team leisten zu können, läuft das Hand- und Self­ made-Atelier finanziell noch nicht gut genug: ‹Ich konnte mich immer gerade so über Wasser halten, heute mache ich mehr Freelance-Projekte, zum Beispiel mit Skunk Anansie, das ist natürlich hilfreich. Um mir ein regelmässiges Einkommen zu sichern, arbeite ich aber noch immer auf Teilzeit in einer Bar.› Craig Lawrence steht also noch am Anfang seines Fashiontraumes, doch wir sind uns sicher, dass er diesen auch bald ohne Nebenjob leben wird, solange die Musik weiterspielt…

Music as Force Der zweite Pfeiler von Craig Lawrences Schaffen ist die Musik: ‹Wann immer ich stricke, brau-

che ich Musik, um meine Energie und Laune aufrechtzuerhalten. Musik ist die Energie hinter meinen Designs. Sie ist die Inspiration und auch der konzeptuelle Kontext meiner Mode›. Neben Craigs Passion für die Musik begeistern sich wiederum auch die Vertreter der Musikwelt für die Kreationen des Designers. So mag es einen kaum verwundern, wenn der eigenartige und geniale Patrick Wolf in seinen Designs die wohl bestgekleideten Shows spielte. Die ebenso eigensinnige Skin im immensen golden-metallic Pommel dürfte das restliche Musikpublikum überzeugen. Auf die Frage, wie es zu diesen Auftritten im peripheren Bereich von Mode und Kunst kam, entgegnet Craig selbstbewusst: ‹Ich denke, dass einige meiner Designs «larger than life» sind, also müssen sie den Leuten stehen, die sie getragen haben.›. Und er ergänzt ‹Ich denke, die Tatsache, dass so unterschiedliche Künstler wie Patrick Wolf, Lady Gaga, Skin von Skunk Anansie oder Tilda Swinton meine Kreationen tragen, reflektiert sehr schön die verschiedenen Haltungen, die meine Stricksachen vertreten.› Das Interview in voller Länge sowie das Kollektionsvideo findet ihr auf kinkimag.com/magazine. Weitere Info auch unter myspace.com/craigknit und craiglawrence.co.uk. Fotos: Kenzie Burchell Entstanden sind die Fotos am Set während Dreharbeiten des Regisseurs Jez Tozer.


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TOTAL ECLIPSE

Photography: Alice Rosati @ Atomomanagement Stylist: Matteo Maso Make up: Andrea Gaetani Hair: Dora Roberti @ MKS Milan Model: Anna Thunav @ Next Models Body: Anteprima Necklace with owl shaped pendent: Schield

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Dress: Mariella Burani Plastic wrist-bands: Cristian Dorigatti

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White dress and shoes: Gilda Giambra Black net dress: Paolo Errico Ring: Schield

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Dress: Gilda Giambra Bracelet: Schield

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Dress: Avaro Figlio Tissue bracelet: Cristiano by Cristiano Burani Leather and strass bracelet: AB A Brand Apart

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‹vertreter› Über die wichtigsten Schuhe von 1900 bis heute. Name: Chelsea Boot Geburtsjahr: ca. 1900 Funktion: Reitschuh

Der Chelsea-Boot hat sich im Kinoeinsatz bereits mehrfach bewährt. Seitliche Gummizüge sorgen für entspanntes An- und Ausziehen mit Popcorn-Attitüde.

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lle entwickeln sich weiter. Die übellaunigen ‹Stormtrooper› existieren erst seit der Gründung des Imperiums, vorher hiessen sie noch ‹Klonsoldaten›. Und der viel gefeierte Chelsea Boot hiess vor Urzeiten mal Beatle Boot und heute entdecken wir ihn bei jedem ­guten Herrenausstatter. Wobei es uns Männern in diesen Tagen dennoch oft schwerfällt, noch ein schönes Exemplar dieses wahrhaften Klassikers zu finden. Zwischen Business und Sneaker pendelt dieser Schuh, der alles kann und viele Namen trägt: Ob ‹Jodhpur›, ‹Winklepicker›, ‹Blundstone›, ‹Beatle› oder einfach nur ‹Chelsea› – ausschlaggebend für die letztendliche Bezeichnung ist das entscheidende Detail dieser flamboyanten Treter. Historisch gesehen ist der Chelsea Boot ein Kind des Viktoria­ nischen Zeitalters. Im 19. Jahrhundert erfand der autodidaktische Chemiker Charles Goodyear die Vulkanisierung von Gummi und legte so den Grundstein für die weltweite Gummiproduktion. ­Dieses Material fand auch in der Schuhherstellung im Allgemeinen und beim Chelsea Boot im Speziellen schnellen Anklang. Denn die neu entwickelten seitlichen Gummizüge der Stiefeletten ­erleichterten das An- und Ausziehen und verhalfen dem einstigen Reitschuh so zu grosser Popularität. Wie das Leben manchmal so spielt, gab es auch in der Geschichte des Chelsea einen

richtungsweisenden Moment: Als Ausdrucksmittel der jungen, ­städtischen Arbeiterklasse gehörten die Boots zur Uniform der Mods in den frühen 60er-Jahren. Massgeschneiderte Anzüge, ein Scooter und der schützende Parka verschleierten die unedle Herkunft. Der Schein bestimmte das Sein – während des englischen Understatement des 19. Jahrhunderts nicht anders als zu Zeiten britischer Exzentrik in den frühen 60ern. Und im London der Swinging Sixties durchlebten die Chelsea Boots ihr ­aufsehenerregendes Comeback.

Sex, Drugs and Rock’n’Roll im Büro Es folgten Protagonisten wie John Lennon und Paul McCartney, die beim berühmten Schuhmacher ‹Anello & Davide› in der Carnaby Street jeweils gleich vier Paar Chelsea Boots mit einem speziellen Detail bestellten: die Absätze wuchsen in die Höhe und der Beatles Boot erblickte das Licht der Welt. Ein hysterischer Kult umgab die Pop-Gruppe aus Liverpool und so wurde die brave Stiefelette zum Symbol einer ganzen Epoche genötigt. Weniger maskulin erinnert die Neuauflage des Chelsea Boots jedoch heute wieder an die Silhouette der geknöpften Stiefelette, die den Fuss der viktorianischen Dame zierte. In den 80er-Jahren hatten die Chelsea Boots ihre erste Leinwandpremiere: ‹Star Wars› kam in die Kinos und mit ihm eine ganze Armee von ‹Stormtroopers›. Beeindruckend war sicherlich die Rüstung der 501. Legion, faszinierend aber vor allem das Schuhwerk: Standard Chelsea Boots in Weiss! Still und heimlich haben sich die Treter seit den 80ern zum verlässlichen Schuhwerk der Masse gemausert. Egal ob Bünzli oder Bohème, ob im Büro zum Anzug oder im Club zur Röhre: Der Chelsea Boot an­vancierte zum Klassiker in allen erdenklichen Farben und Silhou­etten. Derbe für den Rock’n’Roll-Look oder mit Ziernähten für Ästheten. Oder eben für böse Sturmtruppen mit viel Stil. Text: Julian Stoss Illustration: Patric Sandri


Loreak Mendian Switzerland ThreeLogy GmbH phone: +41 (0)43 477 99 67 e-mail: info@threelogy.ch www.threelogy.ch


‹top notch gallery› Die besten Adressen für junge Kunst. Die schwedische Hauptstadt ist nicht nur ein Mekka für Mode und Musik, sondern hat auch im Bereich der Kunst viel zu bieten. Deshalb wird in den alten Hallen der ‹Färgfabriken›, einer ehemaligen Farbfabrik im Stockholmer Stadtteil Liljeholmen, Farbe nicht mehr her -, sondern ausgestellt.

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ie 1995 von der Interessengruppe schwedischer Architekten unter der Leitung von Jan Åman gegründete Galerie ‹Färgfabriken› sieht sich als Labor für zeitgenössische Kultur und ist in den Bereichen Kunst, Architektur und Gesellschaft tätig. Die Stiftung, deren Ziel es ist, Raum für die Diskussion von gesellschaftlichen Themen wie Städteplanung oder auch Gender und Umweltpolitik zu bieten, arbeitet auf Non-Profit-Basis. Neben den Ausstellungen organisiert das Team um Pernilla Lesse und Joachim Granit deshalb regelmässig Seminare, Workshops und Symposien, um Kollaborationen zwischen den verschiedenen Disziplinen und Interessengruppen zu ermöglichen. So sieht sich die Farbfabrik auch nicht als klassische Galerie, sondern eher als Vermittlerin internationaler Strömungen. Dieses Konzept der ‹Färgfabriken› schlug weltweit hohe Wellen. Die New Yorker Zeitschrift ‹Art Forum› nannte die Stockholmer Galerie in zwei aufeinender folgenden Jahren in der Liste der zehn wichtigsten Museen. Im April 2008 konnte die Kunstfabrik um eine Filiale im schwedischen Östersund, die ‹Färgfabriken Norr›, erweitert werden. In Stockholm selbst sind auf rund 1500 m² wechselnde Ausstellungen zu sehen. Die charakteris-

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tischen alten Fabrikhallen ermöglichen auch grosse multimediale Installationen und dienen häufig als Location für Filmfestivals oder Konzerte. Und im Kaffee der ehemaligen Farbfabrik steht – selbstverständlich – die schwedische Paradedisziplin, die so genannte ‹fika› oder auf Deutsch die gemütliche Kaffeepause mit Zimtgebäck im Zentrum. Aktuell in der ‹Färgfabriken› zu sehen ist die Fotoausstellung ‹Raving ’89› von Gavin Watson. Der Fotograf, der mit seinen Dokumentationen zur Skinhead-Kultur bekannt wurde, hielt das Aufkommen der Rave-Szene in den späten 80ern fotografisch fest. Ab April 2010 wird die Ausstellung ‹Building Blocks› zeigen, was geschieht wenn sich Architekten mit den anspruchsvollen Wünschen eines 6-jährigen Kunden auseinandersetzen müssen. ‹Building Blocks› nimmt die Kreativität von Kindern ernst und zeigt, was ein Zuhause noch alles sein könnte. Text: Martina Messerli Fotos: Färgfabriken, Gavin Watson Färgfabriken Lövholmsbrinken 1 117 43 Stockholm Mittwoch bis Sonntag,11–16 Uhr fargfabriken.se

Oben: In den hohen Hallen finden heute Ausstellungen und Seminare statt. Mitte: Die alte Farbfabrik im Stadtteil Liljeholmen. Unten: Gavin Watson – ‹Rave im Slough Center› (1989).


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‹Wohin soll es gehen?› fragt uns der Fährmann auf der Styx und nimmt uns die Münzen von den Augen. Wir zeigen in die wabernde und ungewisse Düsternis, die vor uns liegt: Der Künstler ­Alexander Binder erwartet uns. Text: Anja Mikula

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as hat es mit diesem Gefühl auf sich, das einem genau in dem Augenblick unter die Haut fährt, in dem man einen religiösen Ort wie etwa eine Kathedrale oder einen Dom betritt? Dieses tiefe Empfinden der seltsamen Beklommenheit befällt einen, ganz gleich ob man selbst nun voll von rechtschaffenem religiösen Glauben ist oder nicht. Und es mag auch nicht von umherirrenden japanischen Touristen, die sich über das Fotografie-Verbot kurzerhand hinwegsetzen, verjagt werden. Als ob ein Schatten sich der eigenen Seele bemächtigt hätte, fühlt man sich scheinbar gefangen in der feuchten Stille des uralten Gemäuers.

Kalter Schweiss Dieses nicht unbedingt ausschliesslich angenehme Gefühl kommt dem Schauder sehr nahe, der dem Betrachter von Alexander ­Binders Fotografien kalt den Rücken hinunterläuft. Der deutsche Fotograf vermag so manch einem mit seinen Bildern einen Anflug von Gänsehaut und kaltem Schweiss, gepaart mit stiller Faszination einzujagen. In seinen Bildern entführt er den Betrachter auf Friedhöfe bei Mitternacht und hält seinem entsetzten Blick gespenstisch leuch­tende Kreuze vor Augen. Kirchen im Nebelschein oder vermummte Mönche auf ungezähmten Felsklippen: Alexander Binder lässt in seinen Bildwelten wahre Abgründe aufklaffen. Es mag nicht weiter verwunderlich ­wirken, dass Alexander seine Kindheit im Schwarzwald zugebracht hat. Eine Gegend Deutschlands, in der die Märchen der Gebrüder Grimm oder Wilhelm Hauffs seit jeher eine grosse Rolle spielen. Der an Halloween geborene Fotograf fand schon als Kind die bedroh­lichen Hexen, Magier, Dämonen und Riesen um ein Vielfaches anziehender als die eher politisch korrekt auftretenden Helden. So entdeckte ­Binder dann auch in seiner Jugend die Faszination für Horror, Okkultismus und die Gothic-Szene. Doch anstatt ihn das Fürchten zu lehren, küssten Horrorfilme nur seine Inspiration wach. Ihn zog diese gewisse moralisierende und strafende Funktion an, die dem Genre innewohnt. Nicht umsonst fallen die eitlen Girlies, der vor Selbstbewusstsein strot-

zende Quarterback oder das frühreife Pärchen dem Killer als erste zum Opfer. Weitere Inspiration schöpft der Fotograf aus der flämischen und niederländischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Hier setzten die Künstler sich vermehrt mit dem ‹Memento mori› oder auch ‹Vanitas›-Gedanken, also der Vergänglichkeit alles Irdischen auseinander. Nach ihrem Vorbild spürt Binder in seiner Darstellung des Schönen immer auch gleichzeitig dem Vergänglichen nach, sucht in allem Herrlichen das Abgründige. In jedem Lebendigen findet sich schon die Abbildung des Toten. Für seine Bildwelten lässt sich Alexander Binder daher besonders von den Ländern des Nordens anhauchen. Wie beispielsweise von der surrealen Schönheit Islands, in der letzten Sommer seine Serien ‹Traum I› und ‹Traum II› entstanden, die vom Gespenstischen leben, etwa wenn Binder über einem ruhig daliegenden Meer unheilvolle Nebelschwaden aufziehen lässt. Während ‹Traum I› aber tief geprägt ist von Düsternis und Beklommenheit, hat Binder in ‹Traum II› dem Licht etwas mehr Spielraum gegeben.

Hoffnung im Herzen Und so gibt sich manche Serie des Deutschen dem Wechselspiel aus eitlem Schein und fins­ trem Sein hin. Da, wo wir Trost suchen, zeigt uns der Fotograf die Fratze des Bösen, um uns am Ende dann doch an der Hand durch den dicht gesponnenen Nebel zu führen und uns das Licht und Farbenspiel hinter dem Tal der Dunkelheit zu zeigen. Ständig präsent ist die angedeutete Dualität von Angst und Hoffnung, bedrohlich Unbekanntem und stiller Zuversicht. Genauso wie draussen vor den schweren Eichentoren der Kathedrale nach der Beklommenheit das gleissende Sonnenlicht auf uns wartet, um unsere Körper zu wärmen, existieren in Binders Werk auch Bilder, die schlichte Hoffnung in uns wecken. Denn wo es Schatten gibt, da muss auch Licht sein. Und Alexander Binder entlässt uns mit diesem Funken Hoffnung im Herzen. Weitere Info unter alexanderbinder.de.

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Cover: Filippo del Vita Herausgeber: Aurum Communication AG, c/o kinki magazine, Mööslistrasse 3, CH 8038 Zürich, www.aurum.ag T +41 44 271 09 00, F +41 44 271 09 02 Geschäftsführung: Mark Mirutz | mark.mirutz@kinkimag.ch Projektleitung: Melania Fernandez | melania.fernandez@kinkimag.ch WERBUNG UND Marketing: Cathrin Michael | cathrin.michael@kinkimag.ch RedaktionSANSCHRIFT: kinki magazine, Mööslistrasse 3, 8038 Zürich T +41 44 271 09 00, F +41 44 271 09 02 Chefredaktion: Matthias Straub (ms) | matthias.straub@kinkimag.ch Stv. Chefredaktion: Rainer Brenner (rb) | rainer.brenner@kinkimag.ch Redaktion: Christina Fix (cf) | christina.fix@kinkimag.ch Florian Hennefarth (fh) | florian.hennefarth@kinkimag.ch Paula Kohlmann (pk) | paula.kohlmann@kinkimag.ch Martina Messerli (mm) | martina.messerli@kinkimag.ch Katja Alissa Müller (km) | katja.mueller@kinkimag.ch Florence Ritter (fr) | florence.ritter@kinkimag.ch Julian Stoss (js) | julian.stoss@kinkimag.ch GESTALTUNGSKONZEPT: Raffinerie AG für Gestaltung, www.raffinerie.com

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Illustration: Lisa Berger, Dominic Rechsteiner, Patric Sandri, Shay Kun Bildbearbeitung, Grafische ­Gestaltung: Anja Mikula | anja.mikula@kinkimag.ch Anna-Tina Kessler | anna-tina.kessler@kinkimag.ch Dominic Rechsteiner | dominic.rechsteiner@kinkimag.ch Lektorat: Peter Rösch | peter.roesch@kinkimag.ch Promotion: Denise Bülow | denise.buelow@kinkimag.ch Franziska Bischof | franziska.bischof@kinkimag.ch Freie Mitarbeit: Mathias Bartsch, Jens Dierolf, Tin Fischer, Daniel Mahrer, Anja Mikula (am), Roman Neumann, Peter Rösch, Laurence Thio, Madeleine Wohlfahrt

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Online-Redaktion: Rita Greulich | rita.greulich@kinkimag.ch Florence Ritter | florence.ritter@kinkimag.ch Janis Weidner | janis.weidner@kinkimag.ch

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108 kinki

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Einzelverkauf/Abonnement: CHF 6/€ 4 (pro Ausgabe)/CHF 58/€ 50 (11 Ausgaben) Vertrieb Schweiz: VALORA AG, www.valora.com Vertrieb International: Axel Springer Verlag Vertriebs GmbH, www.asv-vertrieb.de Die nächste Ausgabe gibt es ab dem 15. Februar!


Distribution Schweiz: ThreeLogy GmbH, +41 (0)43 477 88 66, www.stussy.com


‹media› Vom Umschlag bis zum Abspann. Literatur über Filme, Filme über inhaftierte Literaten, Bücher über tote Schriftsteller und Komödien über totkranke Komödianten – auch wir propagieren diesen Monat die Vermischung der Genres und präsentieren euch einen gut ­geschüttelten Media-Mix mit feinsten Zutaten aus den Leckereien der Unterhaltungsindustrie.

BUCH sozishit

Serhij Zhadan: Hymne der demokratischen Jugend Der 35-jährige Serhij Zhadan ist der meistgelesene ukrainische Lyriker seiner Generation. Seit 2005 schreibt er auch Prosa. In seinem neusten Werk ‹Hymne der demokratischen Jugend› erzählt Zhadan von den Erlebnissen einer Handvoll junger Menschen. Die sechs Episoden, die jeweils die Perspektive eines Protagonisten einnehmen, spielen allesamt in der ostukrainischen Metropole Charkiw und sind ineinander verschachtelt. Nach dem Untergang der Sowjetunion scheinen in Zhadans Charkiw sich alle Ein­ wohner ein Stück des kapitalistischen Kuchens abschneiden zu wollen. Während zwei latente Homophobe kurzentschlossen den ersten Schwulenclub der Stadt gründen, drehen andere mit Fördergeldern zur Bekämpfung der Prostitution einen Low Budget Pornofilm. Zhadans Charaktere sind 110 kinki

die stereotypen Verlierer der Gesellschaft: Alkoholiker, Prostituierte, Zigeuner, Homosexuelle, Kriminelle, Skinheads und andere. Trotz der wohl nicht abzustreitenden Ernsthaftigkeit der Themen und einer sich immer wieder zumindest schwach bemerkbar machenden Melancholie ist das Buch vor allem sehr skurril und witzig. An seinen allerbesten Stellen wirkt es wie ein Bastard im Trainingsanzug, gezeugt in den Hirnen Henry Millers und Tom Robbins. Obgleich dieses hohe Niveau bei Weitem nicht immer gehalten wird, bleibt das Buch doch empfehlenswert. Erschienen beim Suhrkamp Verlag, CHF 34,30

fototrip

Hunter S. Thompson: Gonzo Glatze, Pilotenbrille, Kippe im Mundwinkel und gerne mal ein Glas Rum oder eine Knarre in der Hand – das ist Hunter S. Thompson, wie man ihn aus Reportagen und Fotos kennt, wohlgemerkt immer einen scharfen Spruch auf der Zunge. Trotz seines unverständlichen Faibles für Waffen kommt man

nicht umhin, Thompson einen unglaublichen Style zuzuschreiben, den er auch in seinem Schreibstil wegweisend zu verewigen wuss­te. Als einer der ersten Rolling Stone Journalisten lebte er ein exzentrisches und ausschweifendes Leben vor, welches er ebenso authentisch und direkt – jegliche Sittlichkeit missachtend – rapportierte. Unverkennbar schilderte er in Reportagen seine subjektive Sichtweise, die er mit literarischen Stilmitteln spickte und die ihm schliesslich die Bezeich­nung des ‹New Journalism› einbrachte. Er selbst stilisierte und radikalisierte seine Art der Berichterstattung später zum ‹Gon­zo Journalismus›. Auch seine visuelle Biographie trägt den Namen ‹Gonzo›. Dem breiten (europäischen) Publikum wurde der Schriftsteller Hunter S. Thompson erst durch seinen autobiografischen, jour­nalistischen Trip durch die amerikanische Spielhölle bekannt, der in ‹Fear and Loathing in Las Vegas› von Terry Gilliam ­verfilmt wurde. Allen anderen war Thompson schon davor durch die Buchvorlage und das Buch ‹Hell’s Angels – A Strange and Terrible Saga› und später durch das ex­zel­ lente ‹Rum Dairy› vertraut. ‹Gonzo› bietet mit zahlreichen Fotos, die Thompson zum Teil selbst geschossen hat, und mit Illustrationen von Ralph Steadman einen wei­ teren Einblick in das spannende Leben des charakterstarken Autors. Erschienen bei Ammo Books, ca. CHF 30.–

kinohit

Paul Young / Paul Duncan: Art Cinema Was ist ‹Art Cinema›? Im gleichnamigen Buch findet die Frage, ob Kino Kunst sein kann, eine anschauliche Antwort. Ein ‹Art Film› wird da generell als ein Film bezeichnet, der sich durch bestimmte ästhe­ tische, ideologische und oft auch politische Mittel von der kommerziell produzierten Massenware abhebt. Um das breite Spektrum des Art Cinema aufzuzeigen, ist das Buch in zehn Kategorien wie Abstraktion, Filmcollage, Found Footage, Postsurrealismus oder Strukturalismus unterteilt. Deren Entwicklung als Genres wird an mehr als 300 Filmen und Filmemachern exemplarisch aufgezeigt. Die künstlerischen Anmutungen der Werke werden im Laufe der Seiten genau so akzentuiert wie der Kunstanspruch des Mediums. Bekannte sowie nie gehörte Filme und Filmemacher reihen sich in ‹Art Cinema› aneinander. Sie reichen von den frühen Meistern bis zu Video- und Installationskünstlern, von Arthouse-Legenden bis zu Untergrund-Ikonen und zeitge-


nössischen Künstlern. Auf der visuellen Ebene wird noch mehr unbekanntes Material vorgeführt, das skurrile, ästhetische, surreale und grausige Szenen von Jodorowski, Lynch, Richter oder Pippilotti Rist zeigt, welche, wie die Kunst selbst, viel Raum für Interpretation offen lassen.

DVD masala

Erschienen beim Taschen Verlag, ca. CHF 35.–

scherenschnitt

Papercraft – Design and Art with Paper Ein Blick in das Buch des für Design in jeglicher Form bekannten Gestalten Verlags genügt, um einfältige Scherenschnitte und Origami für überholt zu erklären. Nicht dass hiermit altehrwürdigen Origami-Meistern auf den Schlips getreten werden soll, aber ‹Papercraft› ist schlicht das Paradies für jeden Papier- und Designaffektierten. Zwischen Faltobjekten, hochfiligranen Scherenschnitten und 3D-Skulpturen fühlt man sich wie Alice im Wunderland – nur dass dieses Wunderland aus Papier geformt ist. Ganz klein fühlt man sich gegenüber dieser Gestaltungsvielfalt, die man dem trivialen Alltagsgegenstand Papier nicht in den kühnsten Träumen zugetraut hätte. Durch diverse Techniken wie Schneiden, Falten und Kleben bis hin zum Schichten und Collagieren haben unterschiedlichste Designer und Künstler aus dem dünnen und unscheinbaren Material greifbare Kunstwerke aus Papier und Karton geschaffen. ‹Papercraft› lehrt uns, Papier als wichtigen Werkstoff zu schätzen und zeigt auf ästhetische Weise, dass mit Krea­ tivität und etwas Geschick wundersamste Welten daraus gebastelt werden können. Erschienen beim Gestalten Verlag, ca. CHF 66.– Am liebsten wäre Florence Ritter diesen Monat gar nicht erst ins Office gegangen, sondern hätte sich viel eher stundenlang in die vorgestellte Literatur vertieft.

TANDOORI LOVE Masala meets Käsefondue, Raja meets Sonja. Am Schweizer Set eines Bollywood-Streifens lernt der indische Koch Raja die Kellnerin des ‹Hirschen› kennen und verliebt sich unsterblich in sie. Um das noch schlummernde Schweizer Temperament der Bergschönheit zu erobern, muss Raja allerdings nicht nur all sein kulinarisches Talent aufwenden, sondern natürlich auch mit Tanz- und Gesangseinlagen – zum Beispiel im Migros – überzeugen. Mit Tandoori Love gelingt Oliver Paulus eine humorvolle Hommage an das Bollywood-Genre. ‹Wänn’d chasch ä Berner Platte ha, wär wott dänn da no Masala?› Bereits als DVD erhältlich.

haha

WIE DAS LEBEN SO SPIELT Irgendwie muss ich mir wohl eingestehen, dass ich mich verändert habe. Wahrscheinlich werde ich alt. Während ich früher bei Liebesfilmen nur wie Robert De Niro am Ende von Taxi Driver die Finger zur Pistole formte, um den Darstellern und dann mir die Kugel zu geben, schaue ich mir jetzt sogar Komödien an. Komödien! Anfangs redet man sich noch ein, es sei ja nur der eigenen Freundin zuliebe, die einen schon mal als Fernbedienungsdiktator bezeichnet. Aber irgendwann empört man sich dann, wenn Mark Wahlberg am Ende von Shooter zwei korrupte Politiker umbringt, das sei gegen den Rechtsstaat. Und dann ist wahrscheinlich sowieso schon alles zu spät. Dann ist das nur noch eine Frage der Zeit, bis man das

Wort ‹Gewaltverherrlichung› in den Mund nimmt und beim Elternabend die anderen Erziehungsberechtigten auf die Gefahren von Resident Evil 19 aufmerksam macht. Da kriegt man dann so permanente Runzeln in der Stirn, die einen immer besorgt um das Wohl der Menschheit aussehen lassen. Und dabei träumte man doch einst nur davon, einmal wie Jean-Claude Van Damme einem Typen, der einem blöd kommt, die Kippe aus dem Gesicht zu kicken. Einfach so: Bämm. In diesem Sinne muss ich ohne Ironie, aber voller Melancholie zugeben: Die neue Komödie mit Adam Sandler ist sehr lustig. Ab 21. Januar als DVD erhältlich.

jva

BRONSON Wie wird man ein Star? Michael Peterson wuchs in einer Zeit auf, wo Casting Shows sich leider noch nicht der aktuellen Beliebtheit erfreuten. Dennoch mit dem notwendigen Ehrgeiz und auch einem gewissen Talent gesegnet, schlug er daher einen anderen Weg zum Ruhm ein: Unter dem vielsagenden Pseudonym Charles Bronson schaffte er es zu ‹Englands gewalttätigstem Inhaftierten› – was eigentlich auch kein schlechter Titel für eine Casting Show wäre. Neben ‹Solitary Fitness› – ein Fitnessbuch, das zeigt, wie man sich auf engstem Raum ohne grosse Hilfsmittel in Form halten kann (das Video dazu folgt sicher noch) – ist Bronson auch der Verfasser einer gleichnamigen Autobiografie, die nun die Vorlage für den wohl unsynchronisierbaren Streifen mit Tom Hardy in der Hauptrolle lieferte. ‹Bronson› ist sicher keine Charakterstudie, sondern einfach das merkwürdige Porträt eines noch merkwürdigeren Menschen.

FILM hautnah

HUMPDAY ‹Ich wünschte irgendwie, ich würde schwuler sein.› Das sagt nicht etwa Sigfried zu Roy, sondern Ben zu seinem besten Freund Andrew. Die beiden haben sich lange nicht gesehen und kommen im Suff auf eine grandiose Idee für ein Kunstprojekt: ein Schwulenporno mit ihnen in den Hauptrollen. Was daran Kunst ist? Die beiden sind heterosexuell. Genau hier liegt allerdings auch das Problem – ganz zu schweigen von Bens Frau, die sich wenig begeistert zeigt. Humpday ist eine subtile LowBudget-Komödie über zwei Männer, die sich dem ErwachsenWerden entziehen möchten, und über ihren Versuch, über den eigenen Schatten zu springen. Seit 14. Januar im Kino. Nur durch aufwendige Bildbearbeitung konnten Peter Röschs viereckige Augen retuschiert werden, die ihm sein Job als kinki Filmkritiker eingebracht hat.

Ab 4. Februar als DVD und Blu-ray erhältlich.

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Kampf der Qualität

Mit dem Buch ‹Me, making funny faces› feiern Murmel Comics das zehnjährige Bestehen des Mitmach-Fanzines und setzen ein Zeichen gegen den ‹Qualitätsterror›. Text: Martina Messerli

Eine der liebevoll ­gezeichneten Kurzgeschichten aus zehn ­Jahren Murmel Comics.

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as zentrale Statement der Herausgeber, ‹Murmel Comics sind Comics für alle›, ist kein dahingesagter Werbespruch, sondern Programm: Denn eigentlich sind die witzigen Bildergeschichten, die bereits seit zehn Jahren erscheinen, nicht nur ‹für alle›, sondern in erster Linie ‹von allen› Leuten, die das Comiczeichnen lieben und ihre Werke nicht nur zu Hause an der Wand hängen sehen möchten. Bei Murmel darf jeder, der Lust hat, mitzeichnen. Dabei ist das Können – oder eben Nicht-Können – nebensächlich. Die Herausgeber möchten mit diesem offenen, einladenden System dem allgemein vorherrschenden ‹Qualitätsterror› entgegenwirken, denn in ihren Augen

gibt es kein ‹zu schlecht› oder ‹zu gut›. Alle, die etwas zu sagen haben und dies am liebsten in Form von liebevoll gezeichneten Kurzgeschichten tun, sollen dies mit Hilfe von Murmel Comics tun können. Entstanden ist die in ihrer Einfachheit überzeugende Idee der Murmel Comics schon 1999 an einem Wiener Küchentisch. Seither sammelt die Murmel-Zentrale eingesandte Comics und veröffentlicht diese zwei- bis dreimal im Jahr in bunten Comic-Anthologien. Aus diesem demokratischen Gedanken ist in den letzten zehn Jahren eine muntere Sammlung an Comics entstanden, die verschiedener nicht sein könnten. Strips, die mit viel Liebe zum Detail und grosser Leidenschaft gestaltet wurden. Ursprünglich wurde das Fanzine stilecht im DIN-A5-Format kopiert und von Hand geheftet, mittlerweile wird aufgrund der höheren Auflage digital gedruckt. Zusätzlich kann der immer grös­ser werdende Leserkreis sich mit weiteren Produkten wie T-Shirts, Stofffiguren, Buttons, Taschenkalendern oder Spielen eindecken. Doch trotz der immer professionelleren Herstellung und der grösser werdenden Organisation sind die Murmel-Macher ihrer ursprünglichen Idee treu geblieben und erfreuen die Leser weiterhin in mehr oder weniger regelmässigen Abständen mit Heften zum Selbstkostenpreis. Schliesslich soll nicht nur jeder mitzeichnen, sondern auch jeder mitlesen können. Zum runden Jubiläum – 10 Jahre, 30 Hefte – erscheint nun das erste Murmel-Buch. Auf über 200 Seiten können in ‹Me, making funny faces› die besten Comics der letzten zehn Jahre nochmals nachgelesen sowie zehn neue Geschichten entdeckt werden. Das Buch ebenso wie die bisher erschienenen Anthologien stehen auf der Murmel-Website oder in ausgewählten Wiener Geschäften zum Verkauf. Der Buch-Release und das Jubiläum werden noch ausgiebig gefeiert und zwar am 30. Januar in der Bar ‹brut deluxe› im Künstlerhaus in Wien. Für die musikalische Unterhaltung sind – nebst den Murmel-DJs – die Band ‹Scream Club› und der Gitarrenpopper Maximilian Freundenschuss zuständig. Und wer weiss, vielleicht inspiriert das Buch ja den ein oder der anderen dazu, selbst mal wieder zu Stift und Papier zu greifen und den Comiczeichner in sich zu Wort kommen zu lassen. ‹Me, making funny faces. Eine Murmel ­Comics Auswahl.› Murmel Comics / Luftschacht, Wien 2009 EUR 14,60 / CHF 26,80 ISBN: 978-3-902373-50-2


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‹Henry & Paul› Die mit den Golfschlägern. Und müden Damenhäuptern. Und Affen.

Sir? Sprich, Henry. Sir, Sie verziehen Ihr Gesicht, stimmt etwas nicht? Es kneift und zieht Henry, ganz arg. Im Rücken. Sie haben sich verspannt, Sir. Ein Schwung war’s mit dem Siebener Eisen, beim 14. Loch. Sir, Sie wissen doch, dass ich 114 kinki

nichts vom Golfen verstehe. Jaja. Sport täte dir gut, Henry! Ich weiss, Sir. Doch es gab einst einen Burschen in meiner Schule, von allen beneidet, sportlich eine Klasse für sich. Ein famoser Kerl, auf die Schulter klopfen, das tat man ihm gerne. Blaue Augen, gerader Rücken. Komm zur Sache, Henry.

Sir, nun ja, ich hab ihn nach der Schule aus den Augen verloren. Dann traf ich ihn einst wieder. Sie wissen doch, als ich als Animateur auf dem Kreuzschiff… Jaja, Henry, du und deine unrühmliche Vergangenheit. Wie auch immer, Sir, da sass er am Pool. Feist, schnurr-

bär tig und Vater. Was hat das mit Sport zu tun, Henry? Moment, Sir. Es geht um den Jungen, um seinen Sohn. Der kleine Junge, dicklich, ganz Papas Liebling, stolzierte in merkwürdiger Hingabe auf allen vieren herum. Nur Füsse und Hände am Boden, gebückt, das Hinterteil einem Pavian gleich in die Luft gereckt. Ein kleiner Junge, der spielt, Henry. Sir, warten Sie doch. Er plapperte vor sich hin, lief auf allen vieren am Rande des Pools entlang, vorbei an den Augen der umliegenden Damen auf ihren Liegestühlen. Und die bemerkten erst mit Belustigung, schliesslich mit Entsetzen, dass sie ihm die Rolle des Primaten ohne Zögern abkauften. Hm. Es kommt noch schlimmer, Sir. Als sich der kleine Dicke von Papas Bierbauch angezogen fühlte, und der Herr Papa seinen Sprössling nahm und ihm mit den Backen mehrmals auf den Bauch blubberte, verliessen die ersten Damen dieses grausame Schauspiel von Mutter Natur. Und dann, Henry? Nun Sir, damals wusste ich: Es war die richtige Entscheidung, keine Sportskanone zu werden. Weshalb, Henry? Alle Sportler haben früh Kinder, haben Sie das noch nie bemerkt? Quatsch, Henry. Doch, doch, Sir. Evolutionstechnisch macht das Sinn. Und was hast du nun, Henry? Einen alten Sack, den du bedienen musst. Und kannst mit mir nicht mal Golf spielen. Das ist deine ganz persönliche Evolution. Sir… falls Sie mich noch brauchen, ich bin in meinem Zimmer. Text: Roman Neumann Foto: Philippe


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