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kinki

nr. 5 2008 chf 6.–


ornella cacace S. 20

Ornella Cacace spielt gerne Guitar Hero in Tel Aviv, wo sie auch ihre Diplom­­ arbeit fotografiert hat. Sie diplomierte an der Zürcher Hochschule der Künste und hat zwischendurch in Wien und in San Francisco gelebt und studiert. Am liebsten hört sie Musik und reist da­ bei durch die Welt, im Gepäck min­ destens drei Kameras. Sie fühlt sich da zu Hause, wo ihr Kopfkissen ist, mag lange Sommernächte und Superhelden. Sie arbeitet als frei schaffende Foto­grafin und Bildredaktorin, zur Zeit in Zürich. www.ornellacacace.ch

jens ­dierolf

S. 30

Jens Dierolf liebt das Meer und die ­Wüste. Deshalb ist er mit seinem Kamel in die Vereinigten Arabischen Emiraten geritten und hat uns eine Reiserepor­ tage mitgebracht. Diesmal konnte er endlich seinen Traum erfüllen, hat er uns erzählt: Beim Skifahren in den riesigen Hallen musste er sein Haustier einmal nicht zu Hause lassen. Ob wir ihm das alles so glauben sollen?

Titelbild: Pina Junior Haare/Make Up: Daniela Koller Models: Talita Lidi, Philipp Oswald

LOVE IT OR L   EAVE I T D

as erste viertel Jahr ist ver­ strichen, in dem die grosse weite Welt (respektive die Schweiz) mit dem kinki ma­ gazine konfrontiert wurde. Neben vielen schlaflosen Nächten, übermässigem Kaffee­konsum und Rotwein­ sessions haben wir mittlerweile fünf Ausgaben zusammen geklopft, die sich in Form und Farbe ähneln. Äh, hoffentlich doch. Das Feedback war bisher besser als wir es zu träumen erhofft haben. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Blatt mit den 2 k und 2 i unter Freun­ den und Feinden herum gereicht und trotz eini­ ger Kritik und entgegen vieler Prognosen auch verkauft. Ob als Esszimmertapete, Klolektüre oder Unterlage für wackelnde Stühle – kinki ma­ gazine hat sich bewährt. Deshalb an dieser Stel­ le ein grosses Lob und noch viel grösseres Dan­ keschön an unsere Leser, die so fleissig an den Kiosk gepilgert sind und uns damit den Kauf neuer Sportfelgen an unserem Zweitwagen (eng­ lische Traditionsmarke) ermöglicht haben. Dass mit dem Heft niemand reich wird, war allen Beteiligten klar, dafür hätten wir eine Apo­ theken-Zeitschrift heraus bringen müssen. Des­ wegen freuen wir uns, dass das ganze Herzblut, das wir für die 100 Seiten jeden Monat verschüt­ ten, nicht umsonst fliesst. Im Gegenteil: Wir gie­ ssen unsere Blumen damit – ein Gruss an David

Lynch. Und so lange das kleine Beet so gut ge­ deiht, gehen wir schön in die Sommerferien. Das bedeutet, dass das nächste kinki magazine erst wieder am 15. September erscheint. Haltet uns bis dahin die Stange auf www.kinkimag.ch Wir sehen uns im Garten, bis in Bälde, euer kinki Team

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mance.


content

standard

editorial 03 gossip 12 agenda 13 evangelium 15 was läuft… 18 vive la fragrance 66 abo / impressum 94 net check 96 querschläger 98

report

if i can’t dance to it… 20 rekordjagd in der wüste 30 zehn minuten mit rocko schamoni 32 opium für afrika 34 schule für hoffnungs­ lose fälle 40 we are not alone! 42

20 

sound

interview vampire ­weekend 46 cd check 48 cd des monats: bang bang 50 interview sandhy ­sondoro 52 playlist: regional liga 54

fashion

figaro 17 la piscine 56 patrick mohr 64 vive la fragrance 66 girls from omsk 68 vertreter 70 street wise 76

art & co

colourize & sloganize 72 top notch gallery: v1 74 where da cash at 86

sport

interview marco schwab 90 freeriden im alpenland 92

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if i can’t dance to it, it’s not my revolution

Ein WG-Zimmer in Israel, vermittelt über eine Internet-Plattform. Wie es ist, in einem fremden Land mit unbekannten Mitbewohnern auf ein Musik-Festival zu gehen, erzählt Ornella Cacace in einer eindrucksvollen Fotoreportage.


30 34 42 68    76  rekordjagd in der wüste

we are not alone!

Wo vor einigen Jahrzehnten noch Zelte standen, ist heute in den Arabischen Emiraten der grosse Wettlauf um Superlative angebrochen – wie viele höchste und grösste Gebäude der Welt können dort noch gebaut werden?

Ob Leben auf dem Mars möglich ist oder nicht, bleibt keine ­spekulative Frage mehr. Die Mars Society bereitet sich mit grösster Ernsthaftigkeit auf eine Über­sied­ lung vor.

opium für afrika

Mit dem Jeep quer durch Afrika. Dass Hilfe aus der so genannten Ersten Welt fatale Folgen haben kann, erfahren ­Bernhard Kiesow und seine Frau am ­eigenen Leib.

46  vampire weekend

girls from omsk

Aus Russland über Belgien direkt in deinen Kleiderschrank. So muss rotzige Mädels Mode aussehen.

Neben der fabulösen Band MGMT gehören Vampire Weekend zur neuen Speerspitze der Indie-Szene im Big Apple. Sie selbst sehen das aber gar nicht so…

street wise

Eine Geschichte im Sommer. Ein paar Freunde treffen sich und ­machen die von der Sonne aufgeheizten Strassen unsicher. Eine ­Fotostory von Pina Júnior.

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gossip

jump, watch & rock

champions league der festivals Es gibt sie noch, die Plätze an denen sich Punk und Akademiker gute Nacht sagen. Orte, an denen man einfach man selbst sein darf, fernab jeglicher Zwänge und Regeln. Was für Kuhfell tragende Elektro-Zappler die Nature One und das Splash!

für den reimenden Fäkalverbalisten aus der Grossstadt, ist für feierfreudige Rockliebhaber mit Understatement das Frequency Festival in Österreich.

Das Lakeside Festival bietet vom 06.–09. August 2008 ein buntes Programm für Indie Kids und Altro­ cker direkt am Rössliplatz, in Hergiswil am Vierwaldstättersee. Neben Musik von namhaften Bands wie Johnossi aus Schweden, dem Luzerner Thrash Hero Baby Genius, Clueso und Band (D), Boppin’ B (D), The Frank Popp Ensemble (D), einigen Geheimtipps sowie diversen regionalen Bands und Filmproduktionen junger Künstler, wird am Samstag als zusätzliche Attraktion zum fünften Mal der Lakejump Contest stattfinden: die Teilnehmer passieren mit einem Fahrrad von einem acht Meter hohen Turm eine zwei Meter hohe Rampe und zeigen dabei einen möglichst spektakulären Sprung ins Wasser des 12

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Inmitten der Hautpstadt des gleichnamigen Bundeslandes Salzburg findet sich nicht nur der älteste Wasserstollen Europas, der äl­teste Strassentunnel Österreichs und die am besten erhaltene Burg Mittel­ europas, sondern auch der hübsche Salzburgring. Bereits in der achten Auflage findet auf der Rennstrecke im Grünen das wohligere Pendant zu Rock am Ring statt und wartet mit ganz besonderen Schmankerln seinen hungrigen Besuchern auf: Auf der grossen Race Stage werden sich R.E.M, The Killers, Travis und We Are Scientists das Mikro in die Hand drücken. An der Green Stage darf man sich zu Tricky, Justice und Digitalism die Müdigkeit aus den Hüften tanzen. Für alle, die es ein wenig überschaubarer mögen, bietet das Frequency mit der Week­ ender UK Stage und dem Elektrotent eine Alternative, die sich mit Namen wie Light Speed Champion, The Teenagers oder Adam Freeland keineswegs zu verstecken braucht. Mit seiner tollen Atmosphäre, den netten Besuchern und dem grandiosen Line-Up ist das Frequency in der Champions League internationaler Festivals angekommen. Und das Wetter spielt meistens auch noch mit.

Vierwaldstättersees, am Fusse des Pilatus! Am Lakeside Festival sind auch dieses Jahr nicht nur Musiker gefragt. Am Kurzfilm-Mittwoch am 6. August wird das Programm mit eingereichten Movies zum The- Frequency: vom 14.–16. August, Salzburgring, Hof bei Salzburg. ma ‹Abgedreht› bereichert. Egal Tickets unter www.frequency.at ob Krimi, Snowboardvideo, Stummfilm oder Musikclip, alles wird am Mittwoch auf Grossleinwand gezeigt und prämiert. Und kinki magazine verlost 5 × 2 Festivalpässe plus die aktuelle CD von Johnossi ‹All they ever wanted› und Baby Genius. Einfach eine Email mit Betreff ‹Lakeside Festival› und deiner Adresse an info@kinkimag.ch senden. Das ganze Programm findest du unter Begeisterte Massen beim www.lakesidefestival.ch

Frequency 2007.


07 agenda

25.07. Fr

massive attack (uk), iam (f), yelle (f),

Paleo Festival, Nyon 26.07. Fr

tokio meets basel

The Pingpong Project Vernissage & Party. Apéro, Fashion Show, Party w/ Live Act Akiko Kiyama (jp), E-Halle, Basel 27.07. So

viva la fête (bel), favez, u.v.a., Paleo Festival, Nyon 29.07.–03.08.

tokio meets basel

08 The Pingpong Project Showroom Exhibition, E-Halle, Basel

06.08.–09.08.

lakeside festival

mit Movie Session, Pete & The Roofrockers (CH), Boppin’B (D), Flowin’ Immo (D), Clueso (D), Baby Genius (CH), Schmutzpartikel (CH),The Passengers (CH), Alvin Zealot (CH), Frank Popp Ensemble (D), The Rambling Wheels (CH) Johnossi (SWE),Hergiswil am See 09.08. Sa

digitalism (d), gus gus (isl), shy child (usa), moving city Toni Areal, Zürich 16.08. Sa

moustache party

mit Steed Lord (isl) & Round Table Knights u.v.a. Dampfzentrale, Bern. 20.08. Mi

senor coconut (d) Musikfestwochen, Winterthur 21.08. Do

moustache presents hercules and love affair (usa), support: round table knights

macbook air sleeve Du hast sicher auch schon staunend mit angesehen, wie in der Apple Werbung das neue MacBook Air in einem gewöhn­ lichen Briefumschlag Platz fin­det. Natürlich hat die Entwicklungs­ abteilung von Freitag Taschen sofort erkannt, dass ein Papiercouvert unmöglich die richtige Transport­ lösung für einen so zart gebauten Computer sein kann. Darum hat sich die vorwochenendliche Taschen Company flugs eines der ersten kalifornischen Exemplare geholt, an Prototypen rumgetüftelt und präsen­ tiert nun die ‹F84 Mac Sleeve Air Tasche.

Ein nach wie vor elegant dünnes Couvert aus Dachplane und im Gegensatz zur Papiervariante auch noch robust gepolstert. Der fesche Fadenverschluss wurde aber beibehalten. Jetzt sitzt die schicke Hülle dem MacBook Air wie angegossen. Wer noch kein MacBook Air hat, kann sich ja eines zum Geburtstag wünschen. Oder selber kaufen, es ist mit ca. CHF 2’499.– nämlich gar nicht so teuer. Natürlich lässt sich die Tasche auch benutzen, um A4 Dokumente, Kugelschreiber und eine Agenda mitzuführen – in stilvoller Auflehnung gegen Dokumententaschen mit dem Charme des örtlichen Betreibungsinstituts. Weitere Info unter www.freitag.ch www.apple.com/swissdestore

bold visual t-shirts Danny Sangra ist so eine Art Shooting Star der europäischen Grafik Szene. Nach einem Abschluss an

Dampfzentrale, Bern 22.08. Fr

admiral james t

Musikfestwochen, Winterthur 04.09. Do

midnight juggernauts (aus) Hive, Zürich 08.09. Mo

boy omega (swe) Mariaberg, Rorschach 11.09. Do

portugal the man (usa), Abart Zürich 12.09. Fr

kinki präsentiert 1 jahr killer party, mit Bisou Gti (f), Moulinex (d), Zürich

Leicht, edel, dünn – so präsentiert sich das neue MacBook Air und die dazu gehörige F84 MacSleeve Air Tasche von Freitag.

Limitierte T-Shirt Kollektion von Danny Sangra.

der hoch dekorierten Central St. Martin University in London konnte der Brite schnell Kunden wie Sony, BBC, Virgin, Channel 4 und Orange von seinen Skills über­ zeugen. Obwohl Danny viel mit der Sprüh­ dose arbeitet, möchte er nicht mit der Graffiti-Kultur in Verbindung gebracht werden, sondern sieht sich eher durch die aktuelle Fashion Sze­ ne inspiriert. Als Mitglied der Grafik Gang ‹Scrawl Collective› hat er auch bei Levi’s Eindruck hinter­ lassen, was in einer Zusammenarbeit für eine limitierte T-Shirt Serie resultierte. kinki magazine verlost 3

Levi’s. Einfach E-Mail mit Betreff ‹Danny Sangra meets Levi’s› und deiner Adresse an info@kinkimag.ch senden. Im Handel ist das Shirt für CHF 79.90 (verpackt in einer Box inkl. Postkartenbooklet) erhältlich. www.levi.com www.dannysangra.com www.clmuk.com www.myspace.com/dannysangra

Danny Sangra T-Shirt Boxen von kinki

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a century of english denim Lee Cooper by Jitrois

1908 wurde einer der bekanntesten Jeans-Brands in England geboren. Die nun 100-jährige Erfolgsgeschichte von Lee Cooper gibt jetzt Anlass zu feiern. Dazu wurden renommierte

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Designer, berühmte Persönlichkeiten, Sportgrössen und Kultmarken wie Jean Charles de Castelbejac, Alain Mikli, Ora Ito aus Japan, Linford Christie, Jean Claude Jitrois,

skai is the limit

Mit der Skai Session bringen Skai und Samsung Soul am Samstag, 23. August, eiPaco Rabanne und das gefeierte WAD Magazin eingeladen, eine exnen Fusion klusive Produktreihe mit hohem Event in die künstlerischen Anspruch zu entwerMaag Event Hall fen. in Zürich, den es in dieser Form in Auf der Bread & Butter Modeder Schweiz noch nie gegeben hat: messe in Barcelona wurde die ‹SuWakeboardcontest, Konzerte, Faper Kollektion› das erste Mal vor shionshows und Party. überwältigtem Publikum vorgestellt. Der ganze Event wird von diverDie wertvollen Einzelstücke werden sen Live Acts begleitet. Die Virgin Pancakes aus Argentinien (Punkam 29. September bei den Paris Fashion Weeks im angesehenen rock) und die Kinds of Cases aus Pariser Auktionshaus Drouot Zug (Crossover) rocken die KonzertMontaigne für das Rote Kreuz ver­ bühne. Als weiterer Act spielt die steigert. Die Ausstellung dort Schweizer Combo Human Pressure beginnt bereits schon am 26. Sepdie Fashionshows mit BeatboxEinlagen und Didgeridoo Klängen. tember. Ausserdem wird zeitgleich ein weltweiter Event mit Ausstellun- Im Abschluss bringen DJs auf zwei Floors die Stimmung bis in die gen in Indien, Dubai, Indonesien frühen Morgenstunden zum Kochen. und Israel stattfinden. Für Dance-Einlagen sorgt die er­ Für Leute mit normalem Geldfahrene Choreografin Delia von Step­ beutel wird es allerdings auch eine maker zusammen mit den Break­ erschwingliche ‹100er Kollektion› dancern von Stylize. geben, mit Jeans zwischen 120.– Und kinki magazine verlost und 200.– CHF, die in allen Lee Cooper Shops erhältlich sein wird. zum Event 10 Tickets und ein nagel Und eines dieser Outfits, beste- neues Samsung U900 Soul mit 5 hend aus Jeans und Oberteil, könnt Mega Pixel Kamera, Face Detection, ihr gewinnen. Einfach eine E-Mail mit Music Library und vielem mehr. EinBetreff ‹100 Jahre Lee Cooper› und fach eine Email mit dem Stichwort deiner Adresse an info@kinkimag.ch ‹Skai & Samsung Soul› und deiner senden. Adresse an info@kinkimag.ch www.samsung.ch Mehr Info unter: www.leecooper.com

www.skaisession.ch


5. evangelium

holidays in belgium I

Name Evangelos GIGS Peaches DJ Set, The Kills, Unkle und N.E.R.D. Sneakers Nike Air Max 1 und Peter Jensen Dozent Kjell Nordström Buch Egon Friedell: ‹Vom Schaltwerk der Gedanken› und Harmony Corinne: ‹Mister Lonely› Whisky Johnnie Walker's Blue Label

n den Sommerferien würden wir gerne irgendwohin fahren. Aber nicht wo gerade jeder hinfährt. Kroatien ist schon fast wieder out. Ein gutes Land muss als Ziel relativ frisch sein, es muss sowohl eine fundierte Dienstleistungs- als auch Laissez-Faire-Gesinnung geben, angemessene Preise natürlich, schöne Natur und schöne Menschen. Das sind dann die Mainstream-Reiseziele wie Italien, Griechenland und Thailand oder zuletzt Kuba und Südafrika. Daneben gibt es die Special-Interest-Reiseziele, zum Beispiel Portugal für Linke und Costa Rica für den Kiffer oder Norwegen für Naturburschen. Ich denke mal, dass der Kiffer in den Emiraten keine gute Zeit hätte, und wenn er sich noch so anstrengte. Es müsste Reiseländer-Charts geben, die Wahl zum ‹Reiseland des Monats, Jahres, etc›. Oder Listen, wo Reiseexperten den Ländern hochgestreckte Daumen oder Sternchen geben, wie man es bei Musik, Filmen und Restaurants macht. So was fände ich als Konsument gut. Natürlich ist das bitter, wenn ich (angenommen) Hinterplummer bin und Hinterplumm kriegt von den angeblichen Experten nur einen Daumen oder eben Sternchen. Da fühle ich mich in meinem Hinterplummerstolz gekränkt. Verständlich. Andererseits weiss ich dann, dass es nicht nur an der schlechten Erreichbarkeit liegt, wenn in den Hinterplummer Hotels der Tourismus nicht eintrabt. Panini-Sammelbild-Alben mit beliebten Reisezielen fände ich auch gut. Oder lieber doch nicht, denn da wären nur die beliebten Ziele der siebziger und achtziger Jahre drin wie z.B. der

Irak oder Burma – bei den Fussballern schafft es Panini auch nicht mit den aktuellsten Daten und Kader. Oder man macht ein ‹Reise-Quartett› nach dem gleichen Rezept wie das ‹Auto Quartett›. Ein Dandy mit weissgrauen Schuhen, eine Bildungsreisende und ein Rucksackreisender streiten sich über ein Land. Als Überraschungsgast kommt zum Beispiel ein Ballermannproll. Wie gerne würde ich das anschauen. Jetzt aber Belgien. Über Belgien gibt es diesen Witz. Ein Paar sitzt im Auto und es sieht ein Verkehrsschild, auf dem ein Mann mit Schlapphut ein Kind an der Hand führt. Der Fahrer sagt: ‹Mist, wir haben uns verfahren, wir müssen in Belgien sein.› Die Belgier haben Imageprobleme wie kaum andere Länder. Seit diesen Vorfällen vor ein paar Jahren denken viele Menschen bei Belgien automatisch an ‹Kinderschänder›. Vielleicht bist du Belgier und sagst jetzt: ‹Unverschämtheit! Das ist frech und ich habe damit nichts zu tun!› Ganz richtig. Was soll ich denn sagen? Bei mir denken viele im Ausland automatisch ‹Nazigoldhüter› und glaubt mir, meine liebe Frau und mein lieber Herr Belgier, ich habe damit auch nichts zu tun. Belgien – eine super Juli-Destination. Vor allem Gent, da gibt es jährlich dieses ‹grösste Volksfest Europas›, das sich ‹Geentse Festen› nennt. Zehn Tage hat die Stadt frei. Zehn Tage, sich ins Koma zu trinken zu guter Musik mit schönen Menschen in belgischer Designermode. Vielleicht bleibe ich einfach hier oder fahr nach Belgien. Dann werde ich nach zehn Tagen in Gents Strassen auch nicht mehr wissen, wie ich angereist bin.

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back to the sneaker roots Es gab tatsächlich einmal eine Zeit, da trug man seine Sneaker nur zum Joggen. Doch dann bogen ab Ende der Siebziger solche legendären Treter wie der Air Max von Nike um die Ecke und veränderten die Schuhmode der Jugend für immer. Wer, jenseits der Zwanzig, kann sich nicht an das erhebende Gefühl erinnern, welches beim Überziehen des ersten eigenen Paars Air Force One quasi zwangsläufig entstehen musste und uns auf Pausenhöfen, Jams und Basketballplätzen das dringend benötigte letzte Quentchen Coolness mit auf den Weg gab. Zu Verdanken hatten wir all das dem 1979 gegründeten Label Nike Sportswear. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2008 und siehe da, unter selbigem Namen bringt Nike zum Herbst/ Winter wieder eine ganze Reihe der illustren Kult-Sneaker zum Vorschein. Und nicht nur die: püntklich zur Olympiade 2008 werden auch

wieder acht so genannte Icons aus den vergangenen Jahrzehnten ausgepackt. Dazu gehören neben den Sneakers (Air Force 1, Nike Dunk, Air Max 90) auch der berühmte Windrunner, der AW 77 Hoody, das Eugene Track Jacket, der Cortez und das NSW Tee. Aber bleiben wir bei den neu aufgelegten Schuhen.Wobei, neu auf­ gelegt ist nicht ganz richtig, es handelt sich quasi eher um die zeitgemässen Remixes der alten Sohlen-Hits. Die Liste der Neuerscheinungen liest sich wie das Who is Who feuchter Schuh-Fetischisten-Träume aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern: Aus dem Air Max 90 sind jetzt Air Max 90 Current und Flywire geworden, der Nike Dunk erlebt seine Auferstehung in der Premium-Fassung mit laser-geätztem Leder und der AF1 feiert sein Comeback unter dem Namenszusatz Supreme Max (besonders schick in

Yoga liebt man, oder hasst es

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Unter dem Label Nike Sportswear werden die belieb­ testen Artikel der Firmengeschichte neu aufgelegt.

der neuen Schwarz-Weiss-Version). Sämtliche Wiedergänger kommen 2008 in technologisch verbesserter Qualität auf den Markt, sind leichter als die unvergessenen Vorbilder und aus flexiblerem Material gefertigt. Natürlich werden jeweils wieder flache und hohe Modelle angeboten.

Der Einfluss der unübertroffenen Originale bleibt aber immer im Vordergrund der modernen Varianten. Ein Air Max bleibt eben weiterhin unverkennbar ein Air Max. Den

Wurzeln der Sneaker-Kultur kann also auch in Zukunft adäquat gehuldigt werden. www.nike.ch


figaro

die dauerwelle Herkunft die frühen 20er Jahre, als sich auch glatthaarige Frauen eine flot­ te Lockenpracht herbei sehnten Mindset jung gebliebene Retrofans, alt gewordene Ewig-Gestrige Geschlecht weiblich und (in ganz seltenen und meist peinlichen Ausnah­ men) auch männlich Passt gut zu Leggins, Miniröcken, 70er Leder­ jacken mit Wildlederfransen an den Armen, Overkneestiefeln

D

ie 50er Jahre hatten so manche gemeine Modesünde zu bieten, die damals natürlich noch nicht als solche erkannt wurde. Ganz im Gegenteil: Wer als informierte Dame etwas auf sich hielt, liess sich dank einer fiesen und extrem übel riechenden chemischen Reaktion die langweiligen glatten Haare in eine freche Lockenfrisur umwandeln. Wo seit den frühen 20ern die Haare noch mühselig mit Spiralwicklern aufgedreht wurden, gab es ab den Fünfzigern eine andere Lösung. Das chemische Wunder vereinfachte alles – obwohl es Haare und Kopfhaut verätzte. Man konnte nur hoffen, dass die Damen beim Coiffeur auf das Trockenföhnen der Haare bestanden. Denn das Lufttrocknen sorgt für einen Afrolook, der den Peinlichkeitsgrad rapide in die Höhe schraubt. Der Trend hielt an: selbst noch in den späten 80er Jahren trugen HollywoodIdole wie Jennifer Grey in ‹Dirty Dancing› oder Hitparadenheldinnen wie Kylie Minogue die Welle auf dem Kopf. Und natürlich Madonna, die jede haarige Modesünde mit Bravour über-

stand. Und als in den Achtzigern die Ölmillionäre zwischen Dallas und Denver noch jeden Dienstagabend um die Gunst der Zuschauer buhlten, waren nicht nur die weiblichen Hauptdarsteller dem Dauerwellenwahn verfallen, sondern auch die Fans vor den TV-Bildschirmen. Joan Collins war eine

gewellte Stil-Ikone! Und nicht nur für die daheim Gebliebenen. Vor jedem Discobesuch verbrachten junge Frauen Stunden mit den Lockenwicklern, welche die Dauerwellen noch einmal schön in Schuss brachten. Sie zwangen sich in enge Leggings und Overkneestiefel, bevor sie zu Tanzlokalen

pilgerten, die Namen wie ‹Lipstick›, ‹Roxy› oder ‹Calypso› trugen, um sich dann zu den Klängen von ‹Like a virgin› oder ‹Holiday› zum Tanz auffordern zu lassen. Wieso irgendwann die gewellten Haare an Beliebtheit verloren haben, weiss heute niemand mehr genau. Denn schon ab den Neunzi-

gern war die Dauerwelle wieder aus dem Standardprogramm der Frisörläden verdammt worden. Es schadet Haaren wie Kopfhaut und führt doch nur zu einer Frisur, die auch bei Joan Collins nur eine Staffel von ‹Denver Clan› überlebt hat. Text: Adriana Popescu Illustration: Lina Müller

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was läuft…

basel Name: Philipp Bibbo Brogli Alter: 28 Beruf/Berufung: Artgenosse Lieblingsbar: eoipso Lieblingsclub: NT Lounge – Open Air Grooves Hotspot des ­Monats: ‹Chill am Rhy› unter der Pfalz

abartige art basel

Eine Juniwoche lang tickt Basel als Weltstadt der ART tatsächlich ­anders. Kunsthype pur! An Hauptund Nebenmessen sieht man von gelangweilten Galeristen, wel­ che mit Mac Books an Camping­ tischen die Zeit totschlagen bis zur attraktiven Russin in Staatsuniform fast alles, was den Begriff ‹ART› ­definiert. www.artbasel.com

liste 08

‹The young art fair› erinnert beim ersten Blick eher an eine modische Freakshow. Auf dem alten Wart­eck-Areal trifft sich die Szene zu Wurst, Bier und Brot, bevor sie sich durch die verwinkelten, klei­ nen Räume und Gänge presst. Mensch und Look sind meist span­ nender als die gezeigte ART, welche zwischen harmlos, verständ­ nislos, schräg und ansprechend schwankt. Wie der angebissene Ap­ fel, welcher langsam unter einem Plexiglaskubus verfault. Froh ist, wer die stylisch weisse Dame mit weis­ sem Stoffpudel unterm Arm noch zu Gesicht bekommen hat.

luzern wo man nur barfuss rein durfte. ­Herausgestochen ist Japans Kunst­ star Takashi Murakami mit einer 5,5 m hohen Platin Manga-Charak­ ter Skulptur aus Aluminium und Stahl. Zudem Herren in Anzug, wel­ che mit Nordic Walking Stöcken durch die Halle wanderten! Eventu­ ell auch eine Kunstperformance?!

Name: KackmusikK Alter: 26 Beruf/Berufung: Reiseberater / DJ Lieblingsbar: New Manhattan Club Lieblingsclub: ‹Double Delight› ­Massage Club, Hongkong Hotspot des Monats: TribschenSteg/Richard-Wagner Museum

eidg. ­jodlerfest scope basel luzern www.art-tv.ch/art_unlimited.html

Eine weitere Parallelmesse, die sich durch gewagte, schräge und richtungsweisende Kunst immer mehr behaupten kann. Schon beim Eingang schaut ein verblüffend ­echter Talibankämpfer durch ein Loch in einer Wand, dass man mei­ nen könnte, Mr. Bin Laden wurde gefunden. Weiter erblickt man mit Maschinengewehren und Granat­ werfern ausgerüstete Kinderwagen im US Army Look und echte Haarbü­ schel und Strähnen auf Ästen, wel­ che Eulen simulieren. Auch die japa­ nische Manga-Philosophie ist präsenter denn je. Viele Werke mit gewölbten Überdruckaugen be­ weisen dies!

Die ganze Welt sollte es erfahren. In Luzern wird gejodelt als versuche man, die Reiter der Apokalypse auf­ zuhalten. Grund genug, dieses Fest genauer unter die Lupe zu neh­ men. Im Normalfall habe ich von ­meiner Wohnung aus ca. 5 Minuten zur Seebrücke, welche quasi das Epizentrum dieser Festivität dar­ stellt. Da aber Senilität und Alzhei­ mer die Strassen beherrschten, musste ich eine geschlagene Stun­ de hinter Greisen in Trachten und Jodlerinnen herdackeln, gegen die Methusalem wie ein Kinder­ gärtler aussah. Endlich angekommen, lief mir das kalte Grauen den ­Rücken hinab. Links von mir der Alp­ hornbläser, der die Symphonie der Unbarmherzigkeit posaunte und aussah, als hätte ihn der Fürst der Finsternis höchstpersönlich in die Grube gepflegt, daneben der ­Jodelclub ‹Hau-mich-tot›, der die Na­ tionalhymne des Irrsinns in die ­Prärie juchzte. Ausweg gab es keinen. Die Stadt quoll aus allen Nähten und war fest in der Hand dieser EthnoFundamentalisten.

­ ersönlich verboten hat! Also voll p mein Gusto!! Dieses mal war Yello die Devise, als Special Guest stand mein alter Saufkumpan Schnauz auf dem Programm. Ich kam gerade recht zum Intro, beinahe hätte es mich wieder aus dem Club geblasen! Schnauz kennt kein ­Pardon! Als Hallo hat er kurzerhand Parkway Drive mit Hellfish gekreuzt und hatte noch nicht mal den Basspegel gekitzelt. Als dann zur Peak-Time ‹Cotton Eye Joe› mit ‹Donna Summer› und ‹Mr. Vain› be­ kannt gemacht wurde, war ich kurz davor, mein nasses Hemd aus­ zuziehen und der tanzenden TeenLolita vor mir im Takt zu 200 bpm auf den Rücken zu schlagen! Den ­Namen ‹Schnauz› darf man sich ruhig merken, obwohl derselbige zwar ­keinen besitzt… www.myspace.com/discomitalles www.myspace.com/korsettmustache

richardwagner museum

Dieses Anwesen hat im Prinzip schon einige Jährchen auf dem Buckel. ­Allerdings ist es nun um eine Attrak­ tion reicher, da seit Mitte Juni das Sommercafé auf dem Vorplatz des Museums seinen Betrieb aufgenom­ men hat und bis Ende Oktober Im Vorfeld wurde wild spekuliert... ­t äglich frische Salate, Gerstensaft findet dieses Jahr wieder so eine und dergleichen zu fairen Preisen ­polierte, alles for-free ART-Party serviert. Der eigentliche Tipp ist statt? Schliesslich möchte man bei aber weder das Museum noch das www.jodlerfestluzern.ch einer der Top-Partys dabei sein Café, sondern der unterhalb gelege­ www.liste.ch und mit dem Glamour der Kunstwelt ne Badeplatz mit Bootssteg. anstossen. Drin in der E-Halle auf ­De­finitiv der Bade-Hotspot des Som­ dem NT Areal. 3000 m² Guanta­ mers, fernab von Rimini-Atmos­phäre namo-Dekor, unterteilt vom Architek­ bei der ‹Ufschötti› oder sonstigen ten Jens Müller mit Maschendraht­ Badegelegenheiten rund um die käfigen, Camouflage-Behängen und Leuchtenstadt. Das sagen übrigens weissem Licht. Dazu Dressurpferde, auch St. Galler, die ich neulich da Der künstliche Vergnüngungspark! ein peinlicher Boxkampf und die zu getroffen habe. Die haben sowieso Die Entdeckerlust und Erlebnisempfehlende Elektro-Liveband ‹Hot Neulich war die Zeit reif, meinen keinen richtigen See und wahr­ welt wird in der grössten Halle der Chip› aus London. Auch anwesend, ­Eurodance-Trieb zu befriedigen. Und scheinlich sind sie froh überhaupt Messe Basel animiert. Übergrosse Owen Wilson – Hollywood Filmstar, ich hatte Glück, da mal wieder mal ins Wasser zu können. Installationen wie ein echter indi­ welcher über die ganze ART Woche eine CMYK in der Gewerbehalle an­ www.richard-wagner-museum.ch stand. Dieses junge Partylabel, scher Eisenbahnwagen mit Video­ hinweg mit einem Militärvelo Basel ­welches sich des Namens des mo­ installation, dessen Brise von Urin erkundete. Kurios! dernen Vierfarbendrucks bedient, ist im Innern an die Zeiten auf Schienen erinnert oder die Pipilotti Rist Installation, Garant für alle Musik, die Gott

art unlimited

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www.scope-art.com

art: official afterparty

cmyk – disco mit alles


bern

st. gallen

Name: Arci Friede Alter: unknown Beruf/Berufung: Szenekenner Lieblingsbar: top secret Lieblingsclub: even more secret Hotspot des ­Monats: sicher nicht am Computer

die Herren Jacob Suske (Lunik/EMI, Bonaparte/Sophie Rec.), Fabian Kalker (Justine Electra/City Slang Recs., Petersen/Spoiler Recs.) und Lokalheld Simon Baumann (Simon B/Strictly Digital Recs. UK).

chop ­records

www.oneshotorchestra.com

Das Konzept ‹Tonträger› hat sich wie ein altes, vom Kampf mit dem di­ gitalen Rivalen schwer angeschla­ genes und mit dem Tod ringendes Tier in das angelaufene Jahrtausend geschleppt, um im Kreise seiner Liebhaber gepflegt zu werden. Ein solcher ist auch der Jürg Trindler, Oberjuhe von ‹Chop Records›. www.chop.ch

glatz

Das CD- und Plattengeschäft, ­welches am Waisenhausplatz über Jahre wie ein Fels in der Brandung der digitalen Revolution trotzte und zur Anlaufstelle für audiophil veranlagte 192kbit/s-MP3-Muffel wurde, musste letztes Jahr der ­expansionstüchtigen ConfisseurKette ‹Glatz› Platz machen, die statt­ dessen einen innenarchitektoni­ schen Schandfleck in Rottönen schaffen liess, wo mittags – in der Vitrine zur Strasse ausgestellt – gut gelaunte Bürotanten Diät-Salat und Samenbrot essen. www.mandelbaerli.ch

one:shot: records

Diese Pein ist seit diesem Juni ­etwas gelindert, weil der Jürg und seine engagierte Entourage in einem Kellerlokal in der Amthausgasse sich neu aufgestellt haben. Und der Neuanfang ist keine halbe Sache: ‹Chop› ist jetzt nicht mehr nur ein Plattengeschäft, sondern auch ein umtriebiges Label für junge ­Talente aus der Hauptstadt. So auch für das moitié-moitié in Bern und Berlin Kreuzberg tätige Live-Elektro­ nika-Trio One:Shot:Orchestra um

Name: Die Gallus Brothers Alter: 30 / 31 Beruf: Barkeeper/ Journalist Bar: Edelweiss ­Karaoke Night Club: Tiffany Night Club Hotspot: Die Strassen der Stadt in der Nacht

markt­ super ping leuten pong

Auf dem Keller neben dem ­McDonalds liegt ein Fluch. Seine Simon Baumann ist übrigens auch Opfer sind zahlreich, kaum einer ein fitter Tischtennisspieler. Zum mo­ kann sich noch an all ihre Namen er­ natlich jeden letzten Donnerstag innern. Immer wieder dringen im Wasserwerk Club statt findenden mutige Menschen in die Tiefen die­ ‹Super Ping Pong – Funky Rundses Lokals vor, um dort Clubs zu lauf zu fresher Musik› hat er’s über ­eröffnen. Doch die Leere gähnt den die beiden letzten Ausgaben meisten entgegen, auch wenn aber noch nicht geschafft. Wird grad mal offen ist. So erging es nun höchste Zeit – am nächsten letzten auch dem ‹Marktleuten›. Erst Donnerstag des Monats wieder. letzten Monat gaben wir dessen Er­ www.myspace.com/pingpongclan öffnung bekannt, nun ist es schon wieder vorbei. Dabei waren wir noch gar nie da. Etwas mehr Zeit hätten sie uns schon lassen können, um ih­ nen beim Umsatz etwas zu helfen.

es im Moment umgebaut und hat deswegen zu, bis im Oktober. ­Kleiner Tipp: Die Champagneraus­ wahl sollte bis dann etwas aus­ gebaut werden. Denn das Palace hat eventuell eine grosse Zukunft. Gleich nebenan soll es ja dieses grosse Bordell geben. So als ­Pausenlokal wäre das Palace ja nicht schlecht, der rote Samt jeden­ falls ist (noch) drin. Ebenfalls gleich in die Nähe des Palace zieht übrigens die Redaktion des Kultur­ magazins Saiten mitsamt dem ­Ausstellungsraum Exex. www.palace.sg www.visarteost.ch

tanz im park

Ansonsten drückt die Hitze auch die Gallusstadt nieder. Nichts läuft, ach doch: Im Juli und im August soll es noch zwei Ausgaben von ‹Tanz im Park› geben. Mitsutek und www.mcdonalds.com andere übliche Verdächtige pumpen am helllichten Tage Minimal in den grünen Stadtpark. Wie ein Pick­ nick, nur mit Musik. Abends? Es gibt ja nicht nur St.Gallen. In Feld­ Apropos nicht hingehen: Die kirch hat die Poolbar wieder eröffnet AFG Arena war bei ihrem Eröffnungs­ und da werden garantiert auch spiel (einst grosse Namen wie ­etliche St. Galler mal vorbeischauen. ­Zamorano und Zwyssig gegen die Sicher mal das DJ-Team der Toxic. Absteiger vom FC) nur zu zwei fm-Abendsendung Klangschau, die ­Dritteln voll. Wie es in der Challenge spielen dort. Die Toxic.fm Abend­ League weitergeht ist die grosse sendungen werden Anfang August Rätselfrage. Wollen wir wirklich auch wieder reaktiviert, nachdem Wohlen sehen, oder ist die Arena man nun monatelang abends nichts viel zu gross? Vielleicht nicht nur Neues zu hören bekam. Wir die. Im Herbst soll auch ein Club in freuen uns. www.poolbar.at der Arena aufgehen, für 1500 bis www.toxic.fm 2000, die dort so richtig Party ­machen. In Winkeln. Wir fragen uns, ob das nicht etwas überdimensio­ niert ist. Wo sollen die denn alle her­ kommen? Es hat ja nicht mal genug Leute in St.Gallen, die einen kleinen Keller neben dem McDonalds ab und zu füllen könnten…

afg arena

www.afg-arena.ch

exex

Einiges läuft im Moment auch in, am und ums Palace herum. So wird kinki

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If i can’t  dance

to it,

 It’s not my  Revolution Israel. Die Weisse Stadt wird sie genannt – Tel Aviv. Die hell getünchten Häuser, die meist weissen Autos und die von Ficusbäumen gesäumte Rothschild-Allee mit ihren trendigen Cafés. Es ist Frühling und an jeder Ecke lockt der Duft von Orangenblüten. Noch ist der Strand leer. Nur vereinzelt ziehen Jogger und Spaziergänger mit ihren Hunden vorüber. Wie hier europäisches und orientalisches Flair miteinander verschmelzen, hat Charme. Verflogen die Ängste vor dem Unwohlsein und davor, die Krieg- und Terrorbilder, die unsere bisherige Ansicht über Israel geprägt haben, nicht vergessen können. Fast nichts erinnert an diese Zeiten. Nur die auffällig positionierten Sicherheitsmänner vor jedem Geschäft. Gewöhnungsbedürftig sind auch die vielen Teenager in Militäruniform: Die Jungs mit Flip Flops an den Füssen und modisch tief sitzenden Uniformhosen, die Mädels mit Handtäschchen und Maschinengewehr ­bewaffnet.

tische Diskussion eingelassen – so sehr in Rage reden kann, dass er kaum zu bremsen ist. Der bei den Frauen beliebte Eyal, der von einer Revolution träumt. Und Noya, eine alte Freundin der Gruppe, die mittlerweile ihren eigenen Weg geht.

In der WG an der Yehuda Ha’Levi, auf die wir über eine Internetplattform gestossen sind, begegnen wir dann einem Mikrokosmos von dem, was man in ganz Tel Aviv beobachten kann: Die verschiedenen Arten, in dieser Stadt jung zu sein, dem Leben gegenüber zu treten. Yani, der sich politisch mehr involviert als ihm lieb ist und gegen die aktuelle israelische Linie ist. Die toughe, humorvolle Gal und der schüchtern wirkende Or, die versuchen die Politik nicht Teil ihres Lebens werden zu lassen. Genau wie Dror, dem die Militärzeit noch so nahe steht, dass er öfter darüber redet als er zugeben mag. Und Noam, der sich zu mehreren Jahren Armeedienst verpflichtet hat und damit in der Gemeinschaft auf Unverständnis stösst. Guy, der immer strahlende Rastafari, der am liebsten Party macht, sich aber – hat er sich einmal auf eine poli-

Fotografie: Ornella Cacace Text: Ornella Cacace und Rhea Plangg

Flip Flop, Handtasche und Maschinengewehr

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Politik und Party

Die Situation in der WG ist angespannt. Die Kindheitsfreunde wollen sich verstehen, sich so akzeptieren wie sie sind, zusammen wohnen und einen gemeinsamen Lebensweg beschreiten. Doch zunehmend stören die unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dem Heimatland den Hausfrieden. Anzusehen ist dies der meist harmonisch wirkenden Gruppe nicht. Man taucht ein in eine Welt, wie wir sie zu kennen glauben. Vielleicht ist sie etwas verträumter, romantischer, bemüht jung und unbeschwert. Erst mit der Zeit macht sich die Orientierungslosigkeit dieser Anfangs- bis Mittzwanziger bemerkbar, wenn die Gespräche tiefer und das Vertrauen grösser werden. Obgleich ihre Zeit im Militär sie sehr geprägt hat, versuchen sie ein ‹normales› Leben zu führen. Was ihnen auch gelingen würde – wäre da nicht der innere Konflikt, der das Leben in einem politisch so zerrissenen Land wie Israel mit sich bringt.

‹If you can’t dance to it it’s not my ­revolution› besteht aus Bild, Text und Ton. Interviews und Texte findet man auf www.ornellacacace.ch.


Yani auf dem R端ckweg von einer 足Party irgendwo in der W端ste von 足Israel. Die Fotostrecke von Ornella Cacae zeigt Momentaufnahmen in einer WG und auf einem Festival.

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Rekordjagd in der WUste Es muss in den Sechzigern gewesen sein, als in

den Vereinigten Arabischen Emiraten jemand den Zeitraffer eingeschaltet hat. Damals lebten die Einwohner von der Kamelzucht oder dem Fischfang. Dann sprudelten auf einmal Öl und Devisen. Heute liefern sich die Emirate Abu Dhabi und Dubai einen Wettlauf um die meisten Einträge im Guinness-Buch der Rekorde.

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as Wichtigste vorweg. Wer sich in der Schweiz ein Kamel als Haustier hält und mit ihm in die Vereinigten Arabischen Emirate reisen möchte, muss sich nicht sorgen. Dort wird an alles gedacht. An gutes Futter, freundliche Artgenossen, schattige Plätzchen und ausreichend Wasserstellen. Und wenn es dem Tier im Nackenwirbel zwickt, stehen Whirlpools – speziell für Kamele angefertigt – zur Verfügung. Nur Haltern eitler Kamele sei zur Vorsicht geraten. In Bern oder Zürich mag es unter den Haustieren noch friedlich zugehen. In der Wüste Abu Dhabis tobt dagegen regelmässig der Zickenkrieg. Bei den Schönheitswettbewerben geht es um Preisgelder in Höhe von umgerechnet zehn Millionen Franken. Da werden einige der 10 000 Kamele, die darum wetteifern, schon einmal etwas eigen.

Der teuerste Drink der Welt

Es hat seinen Reiz, gemächlich auf seinem gehöckerten Freund am feinen Sandstrand vor der Kulisse einer Skyline entlang zu traben. Die Brise, die vom Persischen Golf herweht, ist am Abend angenehm warm. Die Yachthäfen und Golfplätze sind nie allzu weit entfernt. Und wer in der Schweiz noch Schwierigkeiten hatte, mit seinem Kamel den Skiurlaub zu verbringen, der kann sich diesen Traum mühelos in Dubai oder Abu Dhabi erfüllen. Die Ski­hallen sind angenehm temperiert und auch die Cocktails hier schmecken vorzüglich. Zu empfehlen wäre der 27 321 im Burj al Arab. Eine Mischung aus 55 Jahre altem Edel-Whiskey, einem Frucht-Bitter, dazu Marakujazucker und das ganze auf Eis im vergoldeten Becher. Der Name stammt übrigens vom Preis. 27 321 Dirham kostet das Getränk – etwa 7000 Franken. Der teuerste Drink der Welt. Die Emirate sind im Rausch der Superlative. In Dubai entsteht der grösste Flughafen, das grösste Einkaufszentrum, der grösste Vergnügungspark, ein Hochhaus das sich um die eigene Achse dreht und ein Wolkenkratzer mit einem perfekt bewässerten 9-Loch-Golfplatz in den obersten Eta30

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gen. Die geplanten Nachbildungen des Eiffelturms und der Pyramiden werden allesamt höher sein als ihre Originale. In Abu Dhabi wurde Ende vergangenen Jahres die Scheich-Zayed-Bin-SultanAl-Nahyan-Moschee eröffnet. Nicht nur der Name ist hier eine Höchstleistung. 50 000 Gläubige finden darin Platz. 82 Kuppeln zieren das Dach, die Hauptkuppel misst 70 Meter, die vier Minarette sind über hundert Meter hoch. Und weil die bebaubare Landesfläche schon lange nicht mehr ausreicht, entstehen vor der Küste immer mehr riesige, künstlich angelegte Insellandschaften. In der Form von Palmen, eines Killerwals, der Erde oder sogar unseres kleinen Universums. Aus dem Wüstenboden wächst gerade Meter für Meter das höchste Hochhaus der Welt – das Burj Dubai. 818 Meter inklusive Antenne soll es hoch werden. Vielleicht auch ein bisschen mehr. In den unteren 37 Etagen wird es ein Hotel geben, in den 64 Etagen darüber private Luxusappartements und noch weiter oben 62 Büroetagen. Kein anderes Land soll diesen Rekord der Emirate so schnell brechen. Deshalb ist unweit vom Burj Dubai der nächste Mega-Turm geplant. Einen Kilometer hoch wird dieser wohl in naher Zukunft in den Himmel ragen.

Traurige Rea­ lität hinter der schillernden Scheinwelt

Der Traum der Ölscheichs wirkt wie ein überdimensionales Disneyland. Doch im Schatten dieser Glitzerwelt sind es die Gastarbeiter aus Asien, die ihn verwirklichen. Mehr als eine halbe Million Hilfskräfte sollen sich im Land aufhalten. Einheimische sind in der Minderheit. Die Billigarbeiter hausen zusammen in winzigen Unterkünften, schlafen in Zwei­stockbetten und verdienen monatlich rund 300 Franken. Manche haben nicht einmal eine eigene Bleibe, können sich die horrenden Mieten nicht leisten und übernachten im Auto. Um Arbeitsrechte ist es schlecht bestellt. Streiks sind verboten,


die Zahlungsmoral der Firmen ist schlecht und häufig wird den Männern sogar der Pass abgenommen, damit sie nicht die Stelle wechseln können. Den Scheichs sind derlei finanzielle Nöte natürlich fremd. Porsche und protzige Geländewagen domi­nieren das Strassenbild. Genau so wichtig wie die PS-Zahl ist den Autofans das richtige Nummernschild. In Abu Dhabi ersteigerte kürzlich ein 25-jähriger Scheich das Kennzeichen seiner Wahl mit der Ziffer 1. Für schlappe 15 Millionen Franken. Für diese Summe müsste ein gewöhnlicher Gastarbeiter rein rechnerisch mehr als 4000 Jahre arbeiten.

HollywoodStars, Religions­ wächter und Todesstrafen für Freier

Die schöne neue Welt der Vereinigten Arabischen Emirate ist multikulturell. Neben den Billigarbeitern aus Indien, Malaysia oder China werden Architekten, Wissenschaftler oder Kunstschaffende aus Europa oder den USA von den Milliarden der Scheichs ins Land gelockt. Geschäftsleute und Kongressteilnehmer aus aller Herren Länder treffen sich in den Nobelherbergen. Auch Hollywood­ stars oder Spitzensportler haben sich hier bereits ihre Luxusappartements gesichert. Der Gigantismus und weisse Strände locken westliche Reisende an. Für Besucher aus den Nachbarländern, wo Religionswächter sich allzu sehr um das Wohlergehen ihrer Landsleute sorgen, sind vor allem die lockeren Sitten anziehend. Die Hotels tolerieren Alkohol und Glücksspiel; die Polizei auch Prostitution. Die Damen aus Russland oder Südostasien sind eine Attraktion. In Saudi Arabien droht Freiern dagegen schlichtweg die Todesstrafe. Ihren Gästen wollen die Emirate schlicht alles bieten. Denn irgendwann, wenn die Ölquellen versiegen, soll das Wirtschaftswunder weitergehen. Bei 363 Sonnentagen im Jahr setzen die Scheichs auf Handel und Tourismus. Mit der Romantik aus 1001 Nacht können die Emirate aber wohl bald nicht mehr dienen. Die Beduinenzelte stehen in einigen Jahren wahrscheinlich nur noch als nostalgische Attraktion in den klimatisierten Sportarenen oder Einkaufszentren. Doch auch dann wird für die Kamele der Gäste gesorgt sein. Wahrscheinlich bekommen sie in ein paar Jahren eigene Vergnügungs­parks. Text: Jens Dierolf Illustration: Raffinerie

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Zehn Minuten mit Rocko Schamoni D

Rocko Schamoni, 42, Schriftsteller wider Willen.

ie Hauptperson Ihres aktuellen Buches hängt in der Warteschleife des Lebens fest. Kennen Sie dieses Gefühl?

Das kenn ich sehr genau. Ich hab meine ganze Jugend in einem grossen schwarzen Loch verbracht. Mit 25 bin ich da dann richtig tief reingefallen und hab ein paar Jahre da drin verbracht.

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ie überwindet man diese Phase?

Indem man wartet und die Zeit ausnutzt. Denn das ist ja in Wirklichkeit auch eine konstruktive Prüfung. Ich dachte, ich stell mich jetzt selbst in Frage und guck mal, was noch so kommt. Und dann hab ich gemerkt, dass ich doch weiter Musik machen muss. Später hat mir das Leben gezeigt, dass es doch nicht die Musik ist.

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as scheint Sie zu wurmen.

weiss.

Schrecklich, ja. Aber das Leben spült einen an Küsten, von denen man nichts ann man nicht wieder zurücksegeln?

Ach, Schriftsteller ist ja auch kein so schlechter Beruf. Schreiben macht Spass und bringt gutes Geld. Ich kann mich nicht beschweren. Es war einfach anders geplant.

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eute touren Sie mit ihren Büchern statt mit einer Band. Der Unterschied?

Lesetouren sind langweilig. Alleine saufen ist öde. Mit ’ner Band ist’s viel schöner. m Buch werden ein paar üble Tourszenen geschildert. Da kackt zum Beispiel das eine Bandmitglied dem anderen heimlich ins Necessaire.

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lle, die guten Humor pflegen, kennen auch dessen Kehrseite ganz genau. Dem Hamburger Künstler Rocko Schamoni – einem in vielen Sparten erprobten Meister der Unterhaltung – diagnostizierte eine deutsche Fernsehmoderatorin kürzlich eine stetige, kleine Traurigkeit. ‹Das ist keine kleine Traurigkeit, das ist ein ausgewachsenes Problem›, entgegnete der Patient. Wem jetzt schon vor Mitleid die Tränen runterkullern, kennt Schamoni und seine rabiate Art der Selbstbehandlung nicht. Hier mal zehn Alben voller poppig-fröhlicher Songs, die sich charmant dem Schmuse- und Schlagersongformat annähern und kleine Schwächen mit grossen Gesten und Kitsch kaschieren. Da mal spontan wirkende Theaterinszenierungen, ausgefallene Telefonstreiche mit dem Trio ‹Studio Braun› und – wir sind beim Thema angelangt – jüngst erblühtes Literatentum.

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Ja, diese ganzen Schweinereien sind wirklich passiert. Von daher führe ich heute ein sichereres Leben.

H

err Schamoni, Sie sind ja eigentlich Musiker. Derzeit verkaufen Sie Hunderttausende von Büchern. Woher können Sie plötzlich schreiben?

Ich hab immer viel gelesen. Simone de Beauvoir, Victor Hugo, Paul Zech, Montaigne. Und wenn man viel liest, dann weiss man auch ein bisschen was über Literatur. Den Rest muss man sich erarbeiten.

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aben Sie beim Lesen speziell auf irgendwas geachtet?

Nee, gar nicht. Ich gebe jedem Buch eine Chance bis zur Seite hundert und wenn’s dann immer noch scheisse ist, hör ich auf. Das hab ich beim ‹Zauberberg› zum Beispiel dreimal getan.

Von Rocko Schamoni sind bislang die Romane ‹Dorfpunks› (Dumont, 2004) und ‹Sternstunden der Bedeutungslosigkeit› (Dumont, 2007) erschienen. Interview und Text: Adrian Schräder Foto: Promo


Opium fUr Afrika

Wir sind durch Afrika unterwegs: Uns begegnen aufgeschlossene Menschen. Und aufdringliche. Die häufigsten Worte, die wir hören, sind: ‹Give me›. Aber was hilft es, wenn wir helfen? Wer das Betteln unterstützt, schafft Abhängigkeit – und mit der Entwicklungshilfe ist es ähnlich.

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s geht immer nur bergauf. Stundenlang. Oft nur im Schritttempo. Über hohe Felsstufen und loses Geröll. Die Kurven sind eng und das Fahrzeug schaukelt heftig. Der Bauer, den wir auf dieser Piste mit einer Höhenlage von fast 2000 Meter in sein entlegenes Bergdorf im Norden Äthiopiens mitnehmen, muss sich übergeben. Die Einheimischen schütteln nur den Kopf. Wer sich hier normalerweise fortbewegt, ist zu Fuss unterwegs. Zahlreiche Wildbäche bewässern die terrassenförmigen Felder und die Menschen wohnen in aufgeräumten, oft bunt bemalten Hütten. Reich ist hier niemand. Aber die Menschen haben ihr Auskommen. Sie haben Wasser und einen fruchtbaren Boden und ein stabiles Dach über dem Kopf – immer noch mehr als Millionen andere auf dem Kontinent. Aber sie wollen mehr. Und das wollen sie von uns. Wenn wir anhalten, drücken sie ihre Nasen an den Scheiben platt, trommeln auf die Karosserie, steigen auf die Stossstangen oder auf die Motorhaube, greifen durch die offenen Fenster in den Wagen, kreischen ihr ohrenbetäubendes ‹Give me, give me› und versuchen uns am Weiterfahren zu hindern. Wenn wir nicht anhalten, fliegen Steine. Wir erreichen Mekele, die Hauptstadt der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens. ‹Haile Myriam› heisst eines der besten Restaurants hier. Yoannos ist unser Kellner, er mag Anfang dreissig sein, 34

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trägt einen schwarzen Anzug und ein weisses Hemd. Jeden Abend ist der Laden voll. Neben gelegentlichen Touristen und einigen weissen Journalisten treffen sich hier vor allem Mitarbeiter der Hilfsorganisationen und die lokale Oberschicht. Zwischen drei und fünf Franken kostet ein Abendessen, ein Zehntel des durchschnittlichen Monatseinkommens. Das Essen ist vorzüglich und Yoannos macht seinen Job gut. Dennoch klagt er über die viele Arbeit und den geringen Lohn. Er stell aber auch fest: Die Europäer sind gute Menschen! Neulich erst habe ihm einer mehr als 50 Franken Trinkgeld gegeben. Er schaut uns erwartungsvoll an – eine Spur zu lange. Chuchu begegnet uns in einem kleinen Dorf in der Nähe von Konso im Süden Äthiopiens. Er hat Englisch gelernt, sich ein T-Shirt gekauft und hat deshalb Arbeit – wenn auch nicht jeden Tag. Sofern ein Tourist vorbeikommt, zeigt er ihm die Gegend, wofür er zwölf Franken bekommt – für hiesige Verhältnisse ein fürstliches Gehalt. Er kann viel interessantes erzählen von dieser anderen Welt. Das erste aber was er sagt, ist: ‹Ich habe gehört, dass es für einen Europäer kein Problem ist, fünf Franken zu spenden. Im Monat, für einen guten Zweck, für meine Weiterbildung.› Den 16-Jährigen Airish treffen wir in einer Bar in Turmi, im Südwesten des Landes. Er sitzt drinnen – und nicht draussen auf der Strasse bei den anderen – und trinkt Bier. Das kann er sich leisten, denn er hat einen Sponsor. Peter, ein Mann aus dem Land seiner Träume, aus Europa, unterstützt

ihn und seine zwei Brüder und so kann er auf das einheimische Gebräu, das von einer alten Konservendose gezapft wird und nur ein Zehntel kostet, sehr gut verzichten. Seine Zunge ist schon ziemlich schwer, als er uns auffordert, noch eine Runde auszugeben. Als wir ablehnen, blickt er uns aus glasigen Augen ungläubig an. Die Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen: Ein wohlgenährter Mann, der seine erbarmungswürdigste Leidensmiene aufsetzt und stammelt: ‹Ich bin hungrig, gebt mir Geld!›. Ein gepflegter, älterer Herrn im feinen Anzug, der uns den Weg zeigt und uns dann eine Prospekt irgendeines Jugendprojekt präsentiert und versichert, er nehme auch Dollar und Euro. Eine Mutter, die das an ihrer Brust saugende Baby bereits dazu abgerichtet hat, vor dem Fremden fordernd die Hand aufzuhalten.

Skelette ­machen Spenden locker

In Äthiopien ist die Bettelei eine Volkskrankheit, eine Seuche, und es vergeht kein Tag, an dem sich der Reisende nicht irgendeiner Forderung ausgesetzt sieht. Die Seuche hat Menschen jeden Alters und aller Schichten erfasst. Angesteckt hat sich das Volk aber beim Staat: Meles Zenawi, dem Premierminister Äthiopiens, wird vorgeworfen, das staatliche Fernsehen zu veranlassen, Bilder von früheren Hungersnöten als aktuelle Nachrichten


ganz oben & rechts: In Äthiopien ist man ständig von Menschenmassen umringt. Häufig werden aggressive Forderungen gestellt. oben: Reich im westlichen Sinne des Wortes ist hier niemand. Wer Wasser, fruchtbaren ­B oden und ein stabiles Dach über dem Kopf hat, besitzt mehr als Millionen andere auf dem Kontinent.

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ganz oben: Vielerorts in Afrika kann man noch die Folgen der Kriege sehen, die oft gegen die eigene Bevölkerung geführt werden – nicht selten mit finanzieller Beteiligung der westlichen Grossmächte (hier: Nordäthiopien). oben: Allgegenwärtig sind in ­Äthiopien die Säcke und Behälter mit der Aufschrift USAid.

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zu verkaufen. Im Jahr 2000 brauchte Äthiopien Geld, um einen kostspieligen Krieg gegen das Nachbarland Eritrea zu finanzieren. Zenawi war jedes Mittel recht, um an Devisen zu kommen: ‹Europa braucht wohl erst wieder Skelette auf dem Bildschirm, um ein bisschen was zu spenden›, soll er damals gesagt haben. Man muss keine Statistiken studieren, um vor Ort zu sehen, in welchem Masse das Land von externer Hilfe abhängig ist. Fast nichts wird in Eigenregie erledigt: Beim Strassenbau stammt allenfalls der Hilfsarbeiter aus Äthiopien. Die Brunnen werden von europäischen oder amerikanischen Entwicklungsorganisationen gebohrt und selbst der Fischer fährt nicht einfach in seinem Boot aufs Wasser, sondern ist Mitglied in einem von Hilfsorganisationen aufgebauten ‹Fishing Project›. ‹Eigeninitiative wird staatlich unterbunden›, beklagt sich Mamo aus dem südäthiopischen Jinka. In den Augen des intelligenten und sonst so ruhigen 21-Jährigen blitzt Hass auf, als er fortfährt: ‹Wir leben in einer Diktatur. Und wer das laut sagt, wird eingelocht.› Er weiss, wovon er spricht, war er doch wie hundert andere während der letzten Parlamentswahlen einfach eingesperrt worden, weil er sich für die Opposition engagiert hatte. ‹Und ihr finanziert das auch noch!›. Auch Araya Abraha aus Bahir Dar ist wütend auf seine Landsleute: ‹Den ganzen Tag sitzen sie vor ihren Hütten, legen die Hände in den Schoss und warten auf ein Wunder. Die Männer sind am schlimmsten: Sie spielen mit ihren Eiern und schicken Frauen und Kinder zum Wasser holen!› Der 32-Jährige ist hier im zentraläthiopischen Hochland aufgewachsen, lebt aber nun etwa die Hälfte des Jahres in Spanien. Araya, der seit einer Kinderlähmung selbst schwer körperlich behindert ist, will in seiner Geburtsstadt ein Heim für Behinderte gründen und kämpft deshalb mit den Behörden. ‹Da muss man eben durch›, meint er und wird nicht müde, den umstehenden Einheimischen den Ablauf eines europäischen Arbeitsalltags zu schil-

dern: ‹Da wird wirklich gearbeitet, von früh bis spät. Und abends, wenn man erschöpft von der Arbeit nach Hause kommt, muss man noch seinen Haushalt erledigen. Von nichts kommt nichts!› Es mag viele Ursachen für die Armut im Lande geben. Die Kolonialmächte jedenfalls sind nicht schuld. Äthiopien war als einziges Land Afrikas niemals kolonialisiert worden. Die europäischen Missionare sind ebenfalls nicht schuld: Als man in Mitteleuropa noch die Naturgötter anbetete, gab es in Äthiopien bereits eine christliche Hochkultur. Die Frage lautet eher, wer das Land aus der Armutsfalle retten soll!? Die Regierung? Diese verdient am Elend. Umgerechnet 50 bis 150 Millionen Schweizer Franken sollen es pro Jahr sein, die allein die parteieigene Spedition kassiert. Die Hilfsorganisationen sind per Gesetz dazu verpflich­ tet, Hilfsgüter von den Transportfirmen der Regierungspartei transportieren zu lassen und diese verlangt natürlich stark überhöhte Preise. Und so gilt: Je größer die Not, desto besser das Geschäft – und Milliarden von Hilfsgeldern verschwinden in den Taschen von Regierungsbeamten. Selbst unter den Helfern scheinen wenige daran interessiert zu sein, sich selbst arbeitslos zu machen. Oft weicht der anfängliche Idealismus der Sorge um das eigene Einkommen. Und auch westliche Medien werden beschuldigt, die Situation in den hilfsbedürftigen Ländern zu dramatisieren, um Einschaltquoten oder Auflagen zu erhöhen.

Hunger nach Bodenschätzen

Die westlichen Geldgeber treiben nicht nur barmherzige Motive zur Hilfe. Die Handelspartner der Industrienationen schielen auf die Bodenschätze des Kontinents. Die USA liefern subventionierten Mais und Weizen aus eigenen Überschüssen. Das verdirbt den einheimischen Bauern den Preis.

Gleichzeitig werden Märkte für genmanipulierte Nahrungsmittel erschlossen, die in Europa auf wenig Gegenliebe stossen. Weil der genmanipulierte Mais so gezüchtet ist, dass er sich nicht zur erneuten Aussaat eignet, müssen die Bauern so Jahr für Jahr neues Saatgut einkaufen. Ähnlich wie dem Landwirt ergeht es dem Schneider, der einem Überangebot an billigen Kleidern ausgesetzt ist, die aus Altkleidersammlungen der westlichen Welt stammen. Auch der Waffenhandel floriert in Äthiopien. Doch die Bevölkerung in den Hilfsgebieten glaubt an die Propaganda und an das Bild vom guten Onkel aus Amerika – allgegenwärtig, die Behälter mit der Aufschrift US Aid. Wer den einfachen Mann nach seiner Meinung zur Weltmacht befragt, hört regelmässig von ‹grosszügiger Hilfe›. Seit den fünfziger Jahren sind Hilfsgelder in Höhe von Milliarden von Franken in Entwicklungsländer geflossen. Im regelmässigen Turnus wurden die Konzepte und Modelle geändert, um endlich der Armut Herr zu werden. Die ‹unsichtbare Hand des Marktes› sollte es richten, es wurde auf Politikberatung vertraut, auf Sonderprogramme oder auf die Kooperationsprojekte mit Geberländern. Bei so genannten Public-Private-Partnership-Programmen, bei denen Wirtschaft und Staat zusammenarbeiten, konnten auch die Unternehmen der Industrieländer profitieren.

Weniger als einen Franken am Tag

Niemals durfte das Schlagwort ‹nachhaltig› in der Konzeptbeschreibung fehlen, doch allzu häufig blieben am Ende nur Projektruinen übrig. Profitiert haben von der Hilfe Diktatoren, Kleptokraten, Militärs – und vielfach die Helfer selbst. Den Menschen in Schwarzafrika hingegen geht es schlechter als vor Jahrzehnten. Der Hälfte der Gesamt­­ bevölkerung – mehr als 400 Millionen Menschen – steht weniger als einen Franken am Tag zur Verfügung. Die Teilnahme der Süd-Sahara-Staaten am Welthandel ist in den vergangenen dreissig Jahren auf weniger als ein Drittel zurückgegangen. Mehr als zwei Drittel aller afrikanischen Staaten rangieren an oberster Stelle der Skala der Länder mit der geringsten Lebenserwartung. ‹Viel hilft viel› lautet der Glaubensgrundsatz von Rockbarden wie Bob Geldof und Bono. Die Musiker rühren eifrig die Spendentrommel, Prominente entdecken ihre wohltätige Ader und meinen, mit ihren grosszügigen Gaben werde von nun an alles besser. Auch die westlichen Regierungen haben sich verpflichtet, ihre Entwicklungsbudgets kinki

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aufzustocken. Die Hilfsmaschinerie läuft wie geschmiert. Schon Anfang der 1980er Jahre stellte Lord Peter Bauer, damals Wirtschaftsprofessor in ­London, die These auf, die Entwicklungshilfe sei möglicherweise ‹teilweise eine Ursache des Nord-SüdKonflikts und nicht seine Lösung›. Er behauptete, es spreche ‹vieles dafür, dass man Entwicklungshilfe weitgehend einstellen sollte›. Und immer mehr, zunehmend auch afrikanische Experten, schliessen sich seiner Ansicht an, die Entwicklungshilfe belohne den Misserfolg und zementiere dadurch die Armut. So fordert der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati: ‹Wir müssen die Entwicklungshilfe sofort und komplett stoppen.› Die gewaltigen Finanzströme hätten Korruption und Machtmissbrauch verstärkt. Die afrikanischen Länder seien selbst schuld an der Misere, sagt Shikwati. Aber dem verheerenden europäischen Drang, Gutes zu tun, lasse sich bisweilen nicht mit Vernunft begegnen. ‹Derzeit ist Afrika ein Kind, das immer gleich nach seinem Babysitter schreit, wenn etwas schief geht. Afrikas sollte auf eigenen Füssen stehen›. Vier Jahrzehnte lang habe Afrika Hilfsgelder ‹wie ein Opiat› genommen und sich einlullen lassen. ‹Nun ist eine Psychotherapie dringend nötig!›. Der britische Soziologe Graham Hancock lässt kein gutes Haar an Entwicklungshilfe: ‹Sie ist durch und durch schlecht und nicht reformierbar!› Konzepte um arme Länder in den Welthandel miteinzuschliessen, fehlen weitgehend. Für die meisten Entwicklungsländer bleiben Märkte des Westens, wie die Agrar- oder Textilindustrie, weiterhin geschlossen. Gleichzeitig spielen westliche Spekulanten mit den Rohstoffressourcen und 38

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Grund­nahrungsmitteln der Welt Monopoly. Bei jeder Preissteigerung füllen sie ihre Taschen und niemand hindert sie daran. Doch statt fairer Marktchancen setzen die Industrienationen weiter auf barmherzige Hilfeleistungen. Bis 2015, so das Versprechen der Vereinten Nationen im Jahr 2000, soll die schlimmste Armut auf der Welt halbiert werden. Acht zentrale Ziele – von der Grundschulbildung für alle bis zur Senkung der Kindersterblichkeit – umfasst das Programm. Die bisherige Bilanz ist düster. Vielleicht gelingt es, die Zahl der Menschen zu halbieren, die von weniger als einem US-Dollar leben – so wird Armut statistisch definiert. Doch was wird es helfen? Der Wert des Dollars ist im Sinkflug. Die Preise für Grundnahrungsmittel haben sich in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt. Statt der avisierten 400 Millionen Hungernden – das wäre eine Halbierung im Vergleich zum Jahr 2000 – könnten es bald eine Milliarde sein, befürchteten Teilnehmer des Welternährungsgipfels im Juni in Rom. Die Industrienationen weisen jegliche Mitverantwortung empört zurück. Die Ursache der Not, so argumentieren sie auf einmal, liege am staatlichen Unvermögen der Entwicklungsländer. Text & Fotos: Bernhard Kiesow Im Oktober 2006 sind Bernhard und Tanja Kiesow mit ihrem Toyota Landcruiser zu ihrer Afrikareise aufgebrochen. Mehr als 40 000 Kilo­ meter haben sie seitdem zurückgelegt. Nach ihrer Tour durch Tunesien, Ägypten und den Sudan verbrachten sie mehrere Wochen in Äthiopien, wo diese Reportage entstanden ist. Über ihre Erlebnisse führen sie ­Tagebuch. Ihr Weblog im Internet: www.hinter-dem-horizont.net

Markttreiben in Konso, im Süden Äthiopiens. Möglichkeiten zur Teilnahme am Welthandel werden Äthiopien grösstenteils verwehrt.


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Schule FUR hoffnungs­lose FAlle

Ein Japaner macht den Freaks Hoffnung: Er verrät ­ihnen die hohe Kunst des Frauen-Aufreissens

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atoshi Fujita ist kein schöner Mann. Dennoch hat der Japaner regelmässig Sex. Sein Geheimnis sind psychoanalytische Tarotkarten, sprechende Frettchen und die Kunst der Komplimente. Flirt-Techniken, die man seiner Meinung nach ganz leicht erlernen kann – in der ‹Aufreisser-Schule für die, die keine abkriegen›. Seinen Kunden sind unattraktive Computerspezialisten und Ingenieure, deren einzige sexuelle Erfahrungen auf Porno-Seiten im Internet zurückzuführen sind: Früher habe er auch keinen Erfolg bei den Frauen gehabt, erzählt Flirt-Meister 40

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­­ Fujita. ‹Aufgrund meines Haarausfalls war ich in Gesprächen mit Frauen immer wie gelähmt. Erst als ich angefangen habe, meine Glatze unter Perücken zu verstecken, bin ich selbstbewusster geworden›. Nach Herrn Fujita ist es der ­erste Eindruck, der zählt und daher müssen seine Schüler am Anfang auch alles aus sich heraus­holen. Während der nächtlichen Trainingseinheiten auf den Strassen Tokios verrät der Trainer der hoffnungslosen Fälle seine Techniken: Niemals dürfe man das weibliche Objekt der Begierde von hinten ansprechen, da man es sonst verschrecke. Von vorne und ihr seitlich zugewandt. Dann erst die Kom-

plimente: ‹Was muss ich essen, um so schön zu werden wie Sie?›, ein Anmach-Spruch aus ­Fujitas Lehrbüchern, den er schon selbst ­erprobt hat. Dennoch können auch die originellsten Sprüche und char­ mantesten Witze nicht von einem schlechten Outfit ab­lenken und so gibt es ­ausser mitternächt­lichen Unterrichtsstunden in EroberungsKonversation, Zaubertricks mit Spiel­karten und flammenden Geld­ ­beuteln, auch Tipps von einer Modeberaterin. In die Trickkiste lässt er sich aber nur von seinen Schülern schauen. Nur so viel sei verrät er uns: Die psychoanalytischen Karten benutzt er, um die umworbene Frau besser einschätzen zu können. Fujitas Flirtschule ist kein Einzelfall. Nächtliche Fortbildungen sind in Japan fester Bestandteil der ­Kultur. Von Mitternachtsschulen zum Gedächtnis-Training, simple Mathematik-Stunden bis hin zu Workshops für erfolgreiches ‹Dating by Text-Messaging› gibt es alles, was das Herz begehrt. Neben Fujitas ‹Auf­reisser-Schule für die, die keine ­abkriegen› existieren allein in Tokio schätzungsweise ein ­Dutzend der bizarren ‹Nanpa›-Einrichtungen für Partnersuchende. Doch insbesondere Fujitas progressive Lehrmethoden scheinen auf Begeisterung zu stossen, zumindest wenn es nach dem 27-jährigen Hachioji geht: ‹Seit ich zu Herrn Fujita gehe, hatte ich fünf Beziehungen und sogar schon meinen ersten Sex. Ich bin ihm sehr dankbar›. Ein Erfolgserlebnis für gerade mal 30’000 Yen (ca. 300 SFr) – das schaffen noch nicht einmal einschlägige Dating-Websites: ‹Die funktionieren einfach nicht›, so der PerückenTräger. Text: Florian Hennefarth Ilustration: Raffinerie


We Are Not Alone! Die Mitglieder der Mars Society wünschen sich nichts sehnlicher als einen bemannten Marsflug. Doch wer sind diese Leute eigentlich, die in Raumanzügen durch die Wüste spazieren und Forschungsballone ins Weltall schiessen? Traum­tänzer oder doch eher grosse Visionäre?

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ie langweilig wäre doch diese Welt ohne die kleinen grünen Mars­ männchen, auf die wir schon so lange warten! Seit über hundertfünf­ zig Jahren liefert die Invasion der Marsianer Stoff für unzählige Roma­ ne, Hörspiele, Kinofilme und Fernsehserien. Na­ türlich springen die Invasoren in all diesen Ge­ schichten nicht gerade zimperlich mit uns Erdlin­ gen um, wenn es um die Eroberung unserer Hei­ mat geht. Warum auch? Wer von solch einem wüsten Planeten wie dem Mars stammt, verfügt wahrscheinlich nicht unbedingt über die besten Manieren. Ausserdem nimmt man wohl kaum ei­ nen zweihundertfünfzig Millionen Kilometer weiten Flug auf sich, nur um mal eben schnell Hallo zu sagen. Doch wie können wir uns gegen den Ein­ marsch der boshaften kleinen Eierköpfe mit den überdimensionalen Mandelaugen nur schützen? Ganz einfach: wir kommen ihnen zuvor und fliegen selbst zum Mars! Die Mars Society wurde 1998 von dem Ingeni­ eur Dr. Robert Zubrin in Boulder, Colorado ins Le­ ben gerufen. Man verschwor sich dem Ziel, die Re­ gierung von einem bemannten Marsflug zu überzeugen, unbemannte Sonden zu unserem roten Nachbarplaneten zu schicken und soweit wie 42

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Montagmorgen auf dem Mars: keine Staus und keine überfüllten Aufzüge. Leider aber auch niemand, den man nach dem Weg fragen könnte.


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Campingidylle im Raum­anzug. Das Forschungs­camp MDRS bei Sonnen­untergang.

möglich auch auf eigene Faust, technische Ent­ wicklungen und Simulationsprojekte so weit wie möglich voranzubringen. Der Wunsch, den Mars zu erforschen, bescherte der Vereinigung laufend neue Mitglieder. Professoren und Regisseure, ExAstronauten und Freaks zeigten schon bald über die Landesgrenzen der Vereinigten Staaten hin­ aus Interesse an diesem einmaligen Verband. Hier teilt der Forscher seine Freude über eine geglück­ te Marslandung mit dem kleinen Jungen aus der vierten Klasse, Wissenschaft wird zur Volksbewe­ gung. So verfügt die Mars Society heute – verteilt über ganz Europa und Nordamerika – über mehrere gut organisierte Chapters. Diese betreiben flei­ ssig Imagepflege für den sagenumwobenen Him­ melskörper, unterstützen aber auch vermehrt kost­ spielige und ernstzunehmende Forschungsarbeit. 44

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Der Himmel auf Erden

Ein Beispiel für ein solches Forschungsprojekt ist die von der Mars Society realisierte FMARS (Flash Mars Arctic Research Station), eine zylinderförmi­ ge Forschungsstation in der kanadischen Arktis, wo seit nunmehr acht Jahren verschiedene Wis­ senschafter den Alltag in einer zukünftigen Mars­ station simulieren. Die Plätze der jeweils sechs Besatzungsmitglieder der jährlich wechselnden Forschungsgruppe sind fast so begehrt wie der Job des Astronauten selbst! Geologen, Mediziner, Physiker, Ingenieure und Biologen aus aller Welt zwängen sich in diesem acht Meter breiten Kunst­ stoffhäuschen tagtäglich in ihre Raumanzüge, be­

vor sie mit vorsichtigen Schritten die Wüstensta­ tion verlassen, um Gesteinsproben zu sammeln, Er­kundungstouren zu unternehmen und Instru­ men­te zu reparieren. Auf den ersten Blick mögen die Bilder von Menschen in Schutzanzügen, die in der kanadi­ schen Arktis Steinchen sammeln, um sie danach behutsam in ihren überdimensionalen Heizkessel zu tragen, ziemlich befremdlich wirken. Doch, wer weiss, vielleicht sind es gerade diese Versuche, denen die Astronauten auf dem Mars später ein­ mal ihren sicheren Aufenthalt verdanken werden. Eine weitere solche Station (MDRS) steht in der Wüste von Nevada und bald schon wird auch in Island ein solches Habitat mit dem Namen Euro­ mars seinen Bestimmungsort erreichen.


Jungs bleiben Jungs, selbst auf dem Mars und in der Wüste! Wo sonst darf man heute noch guten Gewissens mit einem Quad durch die Gegend rasen?

schen sibirische Temperaturen von minus einhun­ dert Grad und tagsüber verbrennt man sich die Haut im Sonnenlicht. Atmen lässt sich auch nur aus der Sauerstoffflasche. Ausserdem erscheint der Planet im Vergleich zum Mond nur als winzig kleines Licht am Nachthimmel, man kann von dort aus also auch nicht den Menschen auf der Erde ins Teleskop winken, was den Anreiz noch kleiner macht, dorthin zu fliegen. Was also verspricht sich die Mars Society von einem bemannten Erkundungsflug zu diesem un­ gemütlichen Gesteinsbrocken? ‹Abgesehen vom technischen und rein wis­ senschaftlichen Aspekt, glauben wir, dass wir von diesem Planeten viel über unsere eigene Ge­ schichte lernen können. Die Klimaveränderung auf dem Mars könnte uns eventuell Aufschluss über die Zukunft unserer Erde geben. Falls wir wirklich auf Spuren von Leben stossen sollten, so hätte dies allerdings nicht nur für die Biologie, sondern in fast allen Sparten unseres alltäglichen Lebens kaum vorstellbare Konsequenzen›, meint Hannes Griebel, Ingenieur am Deutschen Institut für Raumfahrttechnik und amtierender Präsident der Mars Society Deutschland.

Raumfahrt als 100 000 000 000 Kulturleistung Euro gesucht Doch warum müssen wir eigentlich unbedingt zum Mars fliegen? Was bringt uns denn eine Kolonie auf diesem unwirtlichen Gestirn überhaupt? Zwar ähnelt der Planet in vielerlei Hinsicht unserer Hei­ mat, verfügt über Tageslängen, die praktisch iden­ tisch sind mit den unseren identisch sind, besitzt Jahreszeiten und ist, dank seiner verhältnismässig geringen Entfernung, der wohl erreichbarste Nach­ bar in unserem Sonnensystem, doch auswandern möchte wohl kaum jemand dorthin. Der rote Pla­ net verdankt seinen Übernamen nämlich seiner Färbung aus Eisen und Rost, welche sich auf der Oberfläche seiner Atmosphäre verteilt. Nachts herr­

Die Menschen werden sich weiterhin gegenseitig töten, vergewaltigen und bestehlen, egal, ob da jemand mit diesen hundert Milliarden in den Welt­ raum fliegt oder nicht. Wenn man sich bewusst wird, wie viel wir uns zum Beispiel das Waffenge­ schäft kosten lassen, so erscheint dieser Betrag gar nicht mehr so ungeheuerlich hoch. Eine so grosse Investition in die Wissenschaft könnte nebst nützlichen biologischen und geologischen Erkenntnissen auch einen kulturellen Wandel in der Gesellschaft mit sich bringen und die Türen für andere wissenschaftliche Projekte in dieser Grössenordnung öffnen.› Die Argumente für einen bemannten Marsflug scheinen also durchdacht und berechtigt, zumal ein Mensch auf diesem Planeten weit effizienter arbeiten könnte als die Roboter, welche gerade eben auf der Marsoberfläche gelandet sind. Inwie­ weit ein derartiges Projekt jemals realisiert wer­ den kann, wird wohl auf Dauer vielmehr ein politi­ sches als ein technisches Problem sein. Es bleibt zu hoffen, dass uns die kleinen grünen Männchen nicht zuvorkommen, denn wir alle wissen ja, was uns dann blüht! Weitere Infos, Bilder und Links zum Thema: www.marssociety.org, www.marssociety.de Text: Rainer Brenner Fotos: Österreichisches Weltraum Forum / A.Köhler

Aber haben wir denn nicht genug reichlich irdi­ sche Probleme auf unserem Planeten? Eine be­ mannte Mission zum Mars erfordert eine Vorberei­ tungszeit von etwa zehn bis zwanzig Jahren und entspräche einem finanziellen Aufwand in der Grössenordnung von ungefähr hundert Milliarden Euro. Vielleicht etwas zu viel Geld, um es einfach in die Luft zu schiessen. ‹Wenn sie mit dem Geld versuchen, innerhalb von zwanzig Jahren die Probleme auf der Erde zu lösen, so erreichen sie rein gar nichts›, kontert Griebel. ‹Geld ist auf unserem Planeten schliess­ lich genug vorhanden, es ist nur ungerecht verteilt. kinki 45


VAMPIRE WEEKEND: BLOODY NEW YORK! BLOODY GOOD! Man atmet erleichtert auf, New York bleibt sich doch treu. Die Stadt, die sich aufs Updaten versteht, ist mal wieder gross genug, um mehr als nur enervierenden Hype um Indie-Kapellen noch mehr zu kreieren. Der Wurm der Kalkulierbarkeit schien sich fest in den Big Apple verbissen zu haben, zu vorhersehbar waren die Bands der New Yorker Szene geworden. Angefangen mit Den Strokes über Interpol bis zu den Yeah Yeah Yeahs wurde die Indie-Szene der Stadt in den letzten Jahren von musikalischen Déjà-vus beherrscht. Doch den Beweis für einen neuen Sound, der mit einer Band wie The National im letzten Jahr schon mal leise die Amps aufdrehte, liefern nun Vampire Weekend ab. Die polyrhythmische Melange aus Afrobeat, New Wave und Indie-Pop ist dabei genau so talentiert wie tanzbar.˝ Unbeschwert treffen da Anleihen aus kongolesischer Soukous-Musik auf krachende Riffs oder südafrikanischer Kwela auf ungestüme Drums. Die Musiker schöpfen lustvoll mit beiden Händen aus dem Fundus der Weltmusik, am Ende klingt es dann fast wie ein afrikanisches Festtagsgewand und nie nach betontem Exotismus. Man bemerkt erfreut die musikalischen Elternschaften der späten Talking Heads oder – nur scheinbar uncooler in Sachen Referenz – das Album ‹Graceland› von Paul Simon. Und wer solche Eltern hat, braucht dann auch keine Pseudofreunde in der aktuellen Indie-Szene der Stadt. Denn die Musiker brechen auch im Style mit den Codes der derzeitigen New Yorker Indie-Rocker. Statt betont schluffig und zerknautscht, tragen die vier Musiker auch mal ein von der Farbauswahl her durchaus lebensbejahendes Polohemd oder Khaki-Shorts... Die stilistische Konferenzschaltung ihrer Musik lässt sie aktuell mit Künstlern wie Beirut, Shantel und A.J. Holmes vergleichen. Den Texten wiederum hört man das graduierte Literaturstudium von Sänger Ezra Koenig an, Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht werden Metapherschallmauern durchbrochen und kryptische Referenzen à la Thomas Pynchon gedroppt. Was aber nach anstrengendem Nerdism klingt, versprüht bei Vampire Weekend eine fortwährend leichte Atmosphäre. Und so wundert es nicht, dass die Jungs mit ihren New Yorker Kollegen MGMT gemeinsam eine Lanze für die neue IndieSzene im Big Apple brechen. Mathias Bartsch vom kinki magazine sprach mit Bassist Chris Baio über das Debütalbum ‹Vampire Weekend› und über das Selbstverständnis ihrer Visa-freien Musik. 46

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ie klingt eure neue Platte? Wir machen ganz klar Pop, verwenden viele Einflüsse und legen grossen Wert auf gute Hooks. Wir sehen uns auch nicht als Indie-Rockband und haben mit Rockmusik sowie so nicht viel zu tun. Wir fühlen uns eher dem Mainstream aus den Sechzigern und Siebzigern und aus dem Rest der Welt verbunden. Wir wollen aufgeschlossen bleiben, vor allem auch Dingen gegenüber, die als uncool gelten. Wie beispielsweise ABBA oder Justin Timberlake. Wir finden es albern, immerfort Grenzen zu ziehen wie: Dies ist Indie, das ist Mainstream.

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ie entstehet ein Song von Vampire Weekend?

Meistens kommt unser Keyboarder Rostam mit einem Keyboard-Part oder einer Melodie. Die spielt er uns dann und wir reden über die einzelnen Teile des Songs. Ich glaube dieser Punkt der gegenseitigen Verständigung ist das Wichtigste am ganzen kreativen Prozess. Zuletzt kommen die Lyrics und fertig ist der Vampire Weekend Song.

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hr habt euch bei der Musik zum Album viel mit afrikanischer Musik beschäftigt. Woher kommt die Faszination dafür? Musik aus West- und Südafrika mochten wir schon lange vor der Band und unabhängig voneinander. Aber wenn man sich die Lieder genau anhört, ist das nur ein Einfluss unter vielen. Möglicherweise gab es solche Klänge in den vergangenen zehn Jahren amerikanischer Musik nicht so oft. Wir experimentieren aber einfach gern mit diesen Sounds und unseren rockigen Instrumenten herum. Die Presse nennt unseren Stil oft ‹Upper West Side Soweto› und ich finde diese Bezeichnung ist wirklich mal passend und cool.

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elche afrikanischen Klänge habt ihr denn verwendet? Na ja in Reinform findet sich so kein Stil auf dem Album, denn wir haben ja nicht studiert, wie man beispielsweise afrikanischen Hi-Life oder Soweto spielt. Wir lassen uns lediglich von diesen Richtungen inspirieren. Ich hoffe, es gibt


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ls Band werdet ihr in der Presse gern als ‹preppy› bezeichnet. Was kann man darunter verstehen?

Das ist wirklich seltsam. Denn ‹preppy› ist keine Bezeichnung für einen Musikstil eher für einen Klamottenstil. Ich glaube, es kommt von ‹preparatory school› und bezeichnet den Dresscode an elitären Privatschulen. Man versteht darunter einen klassischen Look, den jeder tragen kann, der aber halt auch für eine konservative Ausbildung steht. Wir versuchen schon ‹preppy› zu sein, tragen auch gern mal Sachen von Lacoste oder Ralph Lauren, doch nicht im klassischen Sinne. Wir spielen damit, denn wir sind eben nicht Banker und gehen trotzdem im Stil als konservativ durch. Es ist auch ein Konter auf den allseits bekannten Dresscode im Indie.

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ls Band aus New York werdet ihr natürlich als Teil der heimischen Indie-Szene wahrgenommen; wie stark ist denn die Vernetzung zwischen den Bands und Musikern in der Stadt?

Nicht gerade die Definition einer Hipster-Band: Vampire Weekend scheren sich nicht um Trends. Und haben so was auch nicht nötig.

Also New York unterscheidet sich da stark von anderen Städten, allein schon von der Grösse der Stadt her. Sie ist zu gross, um eine zusammenhängende Szene herauszubilden. In meinen Augen gibt es keine wirkliche Zusammenarbeit zwischen den Bands und ich habe auch nicht das Gefühl ein Teil einer lokalen Gemeinschaft zu sein. Doch ich vermisse so etwas auch nicht.

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as steht als nächstes bei euch an? Wir touren noch den ganzen Sommer durch Europa und spielen auf etlichen Festivals. Eine einmalige Erfahrung, die verschiedenen Länder und Kulturen zu erleben! Danach nehmen wir wohl im Herbst eine kleine Auszeit, nach der die zweite Platte in Angriff genommen wird. Alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für das Gespräch! Text & Interview: Mathias Bartsch Fotos: Musikvertrieb

bei uns keine Melodie, die genau so schon auf einer afrikanischen Platte erschienen ist.

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er Name Vampire Weekend stammt ja vom gleichnamigen Filmprojekt eures Sägers Ezra. Worum geht es eigentlich in dem Streifen? Da musst du ihn besser selbst fragen... Der Film ist erstmal nie fertig gestellt worden und ich kenne auch nur Sequenzen daraus. Die Geschichte ging so, dass Ezra mit ein paar Freunden den Horrorstreifen ‹The Lost Boys› gesehen hatte und sich danach daran machte, eine Adaption an der Ostküste zu drehen. Doch, wie gesagt, es ist eher ein Projekt geblieben, aber der Filmtitel kam ihm wieder in den Sinn, als wir die Band gründeten. Du kannst es dir ja mal auf Youtube anschauen, dort findest du es unter ‹Vampire Weekend Trailer›. kinki

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cd check

nach diesem sound wirst du süchtig

Was kommt auf den MP3-Player, der bestens für die Badi, die After Hour bei Freunden im Garten und den Nachhauseweg im Bus befüllt werden will? Nicht verzagen, Henne fragen. Der gute Mann mit den grossen Ohren hat für euch vorgehört. Auf der Henne-Skala von 1 bis 10 – hier sind die Gewinner:

wie der soundtrack zu einem david lynch film

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Tricky: Knowle West Boy

Hier liege ich nun. Mit dem Laptop auf dem Schoss, in der schwitzig-sommerlichen Glut meines Bettes und versuche die wirren Bilder, die meinen Kopf durchpflügen, in Worte zu fassen: Düstere Emotionen strömen durch meinen Körper und spenden dennoch so viel Trost. Vor mir türmen sich fremde Klangbilder auf, die ich dennoch in einem Atemzug verschlinge und in mich aufnehme. Nein, ich habe mir keinen Trip geschmissen und am Klebstoff hab ich auch schon ein Weilchen nicht mehr geschnüffelt. Ich habe lediglich die neue Platte von Tricky auf den Ohrstöpseln. Und mein Kopf sagt mir zwar ‹abschalten›, denn ich kredenze ihm gerade alles andere als leicht verdauliche Kost, doch ich habe schon seit dem ersten Song ‹Puppy Toy› jegliche Kontrolle über meine Gliedmassen verloren. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Das erwarte ich auch von der besten TripHop Scheibe der letzten Jahre. Lange musste man auf ein neues Album des britischen Beatschmiedes warten, der sogar vom grossen ToolFrontmann Maynard Keenan gerne mal als Inspirationsquell angepriesen wird. Nach fast zehn Jahren liefert Tricky nun ein Album ab, das sich schwer in Worte fassen lässt. Es ist

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experimentell, es ist aber auch poppig. Es ist düster wie der Soundtrack zu einem David Lynch Film, aber auch heiter-mitreissend wie eine bessere Folge der Galaxy Rangers. Tricky hat den Bogen eben raus. Gekonnt vermischt der britische Rapper und Producer Funk-, Hip Hop-, Blues- und Ragga-Elemente und untermalt dieses gewagte Pot­pouri musikalischer Grenzenlosigkeit durch seine berüchtigt-wispernde Reibeisen-Stimme oder stellt gleich ein paar süsse Gast-Sängerinnen hinters Mic. Ob nun Past Mistake oder Boys, alle Songs auf dem bereits achten Studioalbum ‹Knowle West Boy› sind derart verschroben und uneinordenbar, dass einem eigentlich gar nichts anderes übrig bleibt, als das Album für sich ganz alleine zu entdecken und zu definieren. Freunden elektronischer Experimentalmusik mit einem ordentlichen Schlag Schizophrenie sei dieser Silberling wärmstens em­pfohlen. Klebstoff schnüffelnden Pop-Liebhabern sei an dieser Stelle herzlich abgeraten.

der chef hat gesagt, die sind richtig hot

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Five O’Clock Heroes: Speak Your Language

Mein Chef ist ein richtig Netter und seinen Job macht er auch ziemlich gut. Nur von Musik hat er nicht so richtig Ahnung. Hauptsache ‹fresh› sein Motto. Und wenn man dann eine Email bekommt, in der es heisst, die ‹Five

O’Clock Heroes› seien übrigens richtig ‹hot›, dann schlägt man normalerweise schon die Hände über dem Kopf zusammen und betet zu Gott, dass er seine Meinung hoffentlich bald wieder revidiert. Hat er aber nicht und darum folgende Antwort: ‹Sehr geehrter Herr Chefredaktor, in Stellungnahme zu Ihrer Mail, möchte ich Ihnen zu Ihrem aussergewöhnlich guten Geschmack gratulieren. Die von Ihnen empfohlene Musikgruppe mit dem Titel ‹Five O’Clock Heroes› ist tatsächlich einen Artikel wert. In dem geplan­ten Text würde ich gerne zum britischen New-Wave-Sound des New Yorker Vierers Stellung nehmen und die prägnante Poppigkeit dieser Band hervorheben. Ohne Ihr unverkennbares musikalisches Gespür fehlte unserem Blatt Herz und Seele. Weiter muss ich Ihnen zugestehen, dass es sich bei «Speak Your Language» tatsächlich um eine äusserst tanzbare Indie-Scheibe handelt, die völlig ohne Schnörkelei und schlicht durch catchy Hooks, treibende Gitarren und knackige Schlagzeug-Einlagen überzeugt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Sie als sehr gut aussehend empfinde? Ebenfalls einer Erwähnung wert ist das rollende R des Sängers Antony Ellis, der durch die schlichten Wahrheiten in seinen Texten gegen alle Pathetiker den Zeigefinger erhebt. Ich hoffe schon sehr bald Ihr journalistisches Fein­ gespür mein Eigen nennen zu dürfen. Ich möchte mich nochmals für meinen anfänglichen Zweifel entschul­ digen, als ich die ‹Five O’Clock Heroes› schon als weiteres Retortenprodukt der derzeitigen IndieWelle abtun wollte. Darf ich Sie heute Abend zum Essen einladen? Es gibt ihr Leibgericht!› Der Kerl hat tatsächlich Recht: ‹Speak Your Language› ist eine traditionelle IndieScheibe, wie sie einfach nicht mehr Spass machen könnte – durch­tanzte Nächte in einschlägigen Kellerclubs sind da schon vorpro­ grammiert. Ich spiele jetzt schonmal

die erste Single ‹Who› an. Mein Chef kommt gleich. Es gibt Tiefkühlpizza und Dosenbier.

es ist doch alles gold, was glänzt

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Sam Sparro : Black and Gold

Sam Sparro scheint die Sonne aus dem Arsch. Und seiner Crowd aus den Boxen. Das musikalische Allround­ talent hat aber auch so einiges zu bieten. Bereits im rotznässigen Alter war Sparro in kleineren Rollen in Werbespots und einer Serie tätig. Der kleine Sam wirkte aktiv im Kirchenchor mit und entwickelte eine regelrechte Leidenschaft für Gos­ pel. Im fortgeschrittenen Alter kamen dann noch Soul und House dazu: Ladies and Gentlemen, Sie haben soeben in das musikalische Paralleluniversum des Sam Sparro eingechekt. Wir bitten Sie, sich in eine tanzfähige Position zu begeben und die Boxen zu ihrer Seite voll aufzudrehen. Daft Punk trieben es abwechselnd mit der durchgeknallten Björk und das französische Duo Air würde ein homosexuelles Techtelmechtel mit MGMT eingehen, man hätte Sparros musikalische Leidenschaft noch immer nicht in Worte gefasst. ‹Black and Gold› strotzt einfach nur so vor songwriterischer Finesse und mo­ derner Arrangements. Gekonnt verbindet der Ausie mit Wahlheimat Los Angeles szenige Housegrooves mit warmen Hammondklängen,


funkige Gitarren mit poppigen Lyrics und schafft so etwas, das den meisten Künstlern derzeit missfällt: Trendige Musik mit Nachhaltigkeit. Wenn beispielsweise ‹Hot Mess› so über die Boxen funkt, könnte man meinen, das Teil wäre von einer zukünftigen Bee-Gees-Platte, die niemals erscheinen wird oder von einer VinylScheibe, die eben auch schon im Studio 54 ihre Runden gedreht haben könnte. Zu keinem Zeitpunkt überwiegen in Sparros Musik die modernen Elemente und der Charme vergangener Tage wird stets bewahrt. Ob die jazzigen Bässe in ‹21 Century Life› oder die knarzenden Synthielinien im Titelsong ‹Black and Gold› - Sam Sparro macht Musik, die auch schon andere vor ihm gemacht haben und die auch in Zukunft immer mehr Acts präsentieren werden. Doch wenn schon Elektrofunkjazz im Stile der Achtziger mit dem Spirit des nächsten Jahrzehnts, dann bitteschön Sam Sparro. Der ist nämlich nicht so aufgesetzt wie der bittere Durchschnitt und das hört man. Woran? Ehrlich gesagt an gar nichts, sondern man sieht es – spätestens wenn der hübsche Australier mit seinem Glitzerkostüm die Bühne betritt und mit seiner Spiellaune jeden Club

in eine schwitzende Partyhölle verwandelt. Denn am meisten Spass hat dann immer noch der Kerl hinter dem Mikro.

sächlich einen Interview-Termin mit dem grimmigen Brummbärchen von der Westcoast oder eben das neue Album von The Game wummert salvenhaft aus den Boxen: ‹L.A.X.› heisst dieses Prachtstück hormongetränkter Sprechsangeskunst und wie schon auf Rapper Nas’ Neujahrsparty angekündigt, ist der neue Silberling einmal mehr der vertonte bittere Ernst des tristen Rapper-Lebens. Aber was erwartet man schon von einem Typ, der sich ganz Raubüberfall getreu mit einem Bandana vermummt und sich so mit seinen Kiddies für ein Album-Cover ablichten lässt? Rein musikalisch hat sich bei ExKnastbruder Jayceon Terrell Taylor recht wenig getan: Noch immer zelebriert The Game die etwas schlagfertigere Gangart massentauglicher Rapkunst. Harte Rhymes, gefolgt The Game: von harten Beats, untermalt von meL.A.X. lodisch-melancholischen Synthies Wenn du morgens in und gesampleten Frauenstimmen. Das aller Frühe die Re­ kennt man alles und das machen daktions-Hallen be50 Cent, Young Buck und Lil’ Waytrittst, den Becher ne auch nicht anders. Aber bei Latte Macchiato in der Rechten, das The Game klingt alles eben noch ein latschige Croissant vom fiesen klein wenig authentischer. Wenn Bahnhofsbäcker in der anderen und The Game in Songs wie Recognize es dich trifft, wie eine Kugel aus A Boss oder auch der ersten Single dem Hinterhalt, hast du entweder tat­ Game's Pain von Knarren, Drogen,

wer hat angst vorm schwarzen mann?

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Beef mit Ex-Kollegen und der bösen, bösen Hood erzählt, kauft man ihm das harte Bürschlein eben ab. Wo man bei anderen Pseudo-Gangs­tern regelrecht zum Schmunzeln hingerissen wird, verzieht man bei The Game lieber keine Schnute. Wer hat schon gerne Zoff mit einem schwarzen, grossen Mann, der sich die Initialen seiner Gang ins Gesicht hat tätowieren lassen? Deshalb auch 8 Punkte für ‹L.A.X.›, denn welcher Redaktor rennt schon gerne in kugelsicherer Weste zur Arbeit? Und ausserdem ist diese Platte tatsächlich die einzige, zumindest ansatzweise ernstzunehmende Rapscheibe, welche die Reimer-Industrie derzeit zu bieten hat. Also, lieb sein Herr Taylor. Bewertungsskala 1–10 (1 = voll beschissen, 10 = megacool)

Florian Hennefarth

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cd des monats

bang gang: ghosts from the past 1. the world is grey

Islands Antwort auf Beck mit Hang zur Melancholie.

Der Song ist irgendwie fröhlich, die Lyrics sind jedoch melancholisch und traurig. Ich habe zwar noch versucht ein paar gut gelaunte Texte zu schreiben, bevor der Track in den Mix ging, aber es klang einfach furchtbar. Ich habe daraus gelernt, dass man heitere Lyrics nicht auf einen traurigen Song packen kann.

2. one more trip

Ich bin mir sicher, die Leute können das Gefühl von diesem Song nachempfinden. Ich habe fast drei Versionen der Hook ausprobiert, doch die einfachste funktionierte einfach am besten. Das ist übrigens meistens so – je simpler, desto besser!

3. loose wires

An diesem Punkt meiner Reise, die das Album skizziert, habe ich auch mit vielen Leuten zu tun gehabt, die unberechenbar und unschlüssig waren und noch keine Balance in ihrem Leben gefunden hatten. Ich entschied mich dazu, die Düsternis meines Lebens zu erforschen – und damit die dringenden Änderungen vor mir her zu schieben.

4. I know you sleep

Ich weiss ja nicht, ob die Leute es hören können, aber es spielen zwei Drummer in diesem Song. Eigentlich nahm ich die Drums mit zwei verschiedenen Drummern auf, um danach entscheiden zu können, welcher besser klingen würde. Am Ende klangen beide zusammen besser und so nahm ich gleich alle zwei auf einmal.

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b nun in Interviews oder auf der Bühne, es ist keine Frage: Bardi Johannsson hat einen an der Waffel! Vielleicht liegt es an der isolierten Lage Islands, vielleicht ist es aber auch der ständige Wechsel von zwanzig Stunden Tageslicht und zwanzig Stunden Dunkelheit auf dem kleinen Inselstaat. Möglicherweise liegt es aber auch am künstlerischen Gemüt des hochgewachsenen Insulaners, der sich zwischen seinem Dasein als Rockmusiker, Regisseur und Modedesigner hin- und hergerissen fühlt. Doch egal welcher Passion er gerade frönt, er gibt sich ihr stets vollends hin – seien es nun TV-Jingles für Armani, und Yves Rocher oder die Regiearbeit zu Islands erster TV-Erotik-Sendung. Es ist auch jene Leidenschaft, die sein Schaffen als Songwriter und Komponist so spannend macht. Als Bang Gang schlägt Bardi Johanns-

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son neue musikalische Brücken, kreiert neue Irrwege zwischen dem Mystischen und der Andersartigkeit, schafft tief gehende Songs zwischen mitreissender Fröhlichkeit und tief greifender Trauer. Aber warum lange über Dinge sinnieren, wenn Herr Johannsson das noch viel kryptischer vermag. Wie gesagt, Isländer sind schon ein eigenwilliges Völkchen. Bardi, du hast das Wort! Das Album ‹Ghosts from the past› von Bang Gang erscheint am 15.08. auf Discograph/ AL!VE. www.myspace.com/banggangband

5. black parade

Versammelt euch alle zur Black Parade. Vielleicht in der Zukunft, wenn alle anderen Farben verboten sind, können wir diese Parade veranstalten – ich würde mich übrigens bereit fühlen, diese auch anzuführen.

7. every time I look in your eyes

Ich habe die Instrumentals zu diesem Song in einem Studio im französischen Avignon geschrieben. Als ich im Studio übernachtete, hörte ich eine Art Krach in der Wand. Es war ein Kratzgeräusch. Wir stellten uns vor, es wäre ein Monster, das seinen Weg nach draussen schaben würde, um eines Nachts aus der Wand zu springen. Der Besitzer des Studios bohrte daraufhin ein Loch in die Wand, kippte ein bisschen Gift hinein und mein Monster hörte auf zu kratzen. Manchmal vermisse ich es nun und ich würde gerne wissen, wie es ausgesehen hat!? Ich mag Monster...

8. ghost from the past

Alles was du in der Vergangenheit getan hast, ist wie dein eigener Geist. Es existiert nicht mehr, aber es verharrt dennoch in deiner Erinnerung als verschwommenes Bild. Manchmal kehren diese Geister auch zurück, wenn du an einem Haus vorbeikommst oder einen Song hörst. Auch Fotos sind voller Geister.

9. forever now

Eigentlich eine klitzekleine Geschichte: Manchmal willst du, dass alles so bleibt, wie es ist und sich nichts verändert. Aber, vergiss es! Das ist alles.

10. don’t feel ashamed

Wenn etwas erledigt ist, ist es meist zu spät für regrets. Du kannst höchstens die Erfahrungen, die du dabei gemacht hast, nutzen, um daraus zu lernen. Ob nun im negativen oder positiven Sinne.

11. you won’t get out

Der Synthisizer spielt eine epische Hymne. Es war übrigens der erste Song, von dem ich mir sicher war, ihn auf dem Album zu behalten. Das Ende ist perfekt zum Headbangen in Zeitlupe.

6. lost in wonderland 12. stay home Das hier ist der Soundtrack zu dem Film, den ich immer noch nicht gedreht habe – eine kleine Geschichte ohne Worte. Es bleibt nur das Empfindungsvermögen... aber ihr werdet schon herausfinden, was ich meine...was glaubt ihr denn herauszufinden?

Wenn du zu Hause bleibst, bist du in Sicherheit. Wenn du umziehst, kannst du ganz leicht Monstern begegnen. Und genau davon erzählt dieser Song. Also Vorsicht: Die Monster sind gekommen, um auch euch zu holen! Text und Interview: Adrian Schräder Foto: Promo


XBUDI GFFM


Down on the Streets Der aus Indonesien stammende Soul-Sänger

Sandhy SonDoro hat mit ‹Why Don’t We› ein gefühlvolles und gleichzeitig energiegeladenes Debüt hingelegt. Im kinki magazine erzählt er wvon seinen Erfahrungen als Strassenmusiker und seinen Schwierigkeiten als Ausländer.

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ls ich Sandhy Anfang Juli anrufe, ist er gerade bester Laune und das nicht nur weil das Feedback zum Release seines Albums bislang äusserst positiv ausgefallen ist. Am Tag zuvor hat er endlich seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Deutschland erhalten. Das garantiert ihm neue Bewegungsfreiheit und er muss nicht mehr ständig in der Sorge leben, seine zweite Heimat in Berlin irgendwann zwangsweise wieder verlassen zu müssen. Er kann aus Deutschland ausreisen und ganz einfach wieder zurückkommen. Wichtig sei das für den Austausch mit Künstlern im Ausland, wie er meint. Nach fünfzehn Jahren in Deutschland ist ihm das Land genauso wichtig geworden wie Indonesien, wo seine Familie lebt. Von Jakarta aus ist Sandhy 1993 nach Europa aufgebrochen, um dort zu studieren und andere Kulturen kennenzulernen. Wie er anfangs mit der westlichen Kultur zu recht gekommen ist? ‹Weil Indonesien so lange holländische Kolonie gewesen ist, bekommen die Leute dort allgemein mehr mit von Europa. Der Start in der europäischen Kultur fiel mir deshalb eigentlich weniger schwer. Ich wusste schon viel darüber.› Die materialistische Mentalität in Indonesien dagegen sei ihm einfach auf die Nerven gegangen. ‹Damals war es dort ziemlich schwer als Musiker Geld zu verdienen, wenn du nicht schon ein echter Superstar warst. Inzwischen hat sich das aber etwas geändert. Wenn du heute in Indonesien als Musiker eine junge Frau kennen lernst und dich bei ihren Eltern vorstellst, ist das zumindest nicht mehr ganz so schlimm für ihre Familie.›

Strassenmusik statt Mathematik

im Westen angekommen, sorgte das Materielle anfangs aber auch hier für Probleme. Um studieren zu können brauchte Sandhy Geld und das verdiente er sich mit seiner Gitarre und seiner markanten Stimme an Strassenecken und in UBahnen. ‹Down on the Streets›, der sechste Track des Albums, handelt von diesen Erfahrungen. Das gewählte Studienfach Mathematik war aber leider ganz und gar nicht seine Welt und der Gedanke, 52

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professionell Musik zu machen, noch nicht geboren. ‹Es war einfach eine Geldeinnahmequelle. Du stellst dich hin, spielst und bist dein eigener Chef. Das hat dann finanziell für mich ganz gut gereicht. Ich kenne Leute, die haben sich in Tschechien von ihren Einnahmen als Strassenmusiker ein eigenes Haus bauen können.› Manchmal bekommt er Besuch aus Jakarta und dann spielen sie gemeinsam auf der Strasse. Hauptsächlich Blues- und FunkCover. ‹Ich wusste damals eigentlich noch gar nicht welche Art von Musik ich eigentlich machen wollte. Pläne für ein Album gab es schon vor Jahren, aber es war zu früh, ich hatte einfach noch kein richtiges Konzept. Aber man darf einfach nie aufgeben, das ist mein Tipp.›

Selbst gemachter Soul mit Botschaft

Auch wenn er sich für seine Veröffentlichungen nun für einen eher souligen Sound entschieden hat, gesteht er, persönlich gar nicht auf ein bestimmtes Genre festgelegt zu sein. ‹Ich höre selbst alle möglichen Arten von Musik. Soul, Funk, Heavy Metal, egal.› Blöde Sprüche musste er sich früher als asiatischer Musiker aber schon öfter anhören. ‹Man sieht wohl einfach nicht viele Asiaten hier auf der Strasse spielen. Du ignorierst einfach die dummen Sprüche, konzentrierst dich auf die Leute, denen es gefällt und spielst weiter. Auf die positiven Energien kommt es an.› Die öffentliche Einstellung gegenüber ausländischen Strassenmusikern meint er habe sich in den letzten Jahren aber generell gebessert, meint er. An einem Konzept mangelt es jetzt jedenfalls nicht mehr. Sandhy SonDoro komponiert und schreibt seine Tracks alle selber und so ist ‹Why Don’t We› eine runde Sache geworden. Eher sparsam instrumentiert, mal ruhig und nachdenklich, mal mit einigen rockigeren Einlagen. Es ist ein Album, das man problemlos an einem Stück durchhören kann. Ohne Ausfälle und ohne Ermüdungs erscheinungen. Die Texte handeln neben dem unvermeidlichen Soul-Thema ‹Liebe› von Toleranz und Frieden, gesungen mit einer eher tie-


Obwohl Sandhy am meisten von der Strasse geprägt wurde, macht er gerne mal einen Luftsprung in der freien Natur.

fen, leicht kratzigen Stimme. Er klingt mehr amerikanisch als typisch asiatisch, trotzdem bleiben Tracks wie ‹Superstar (How Could We Not Love)› immer weit vom oftmals beliebigen US-Weichspüler-Soul entfernt. Eine positive Botschaft in seiner Musik ist ihm wichtig, sagt er, und auch bei etwas abgedroscheneren Zeilen wie ‹you are the superstar of my life, everything you are baby I love› droht der verspielte Sound nie in untere Kitschregionen abzurutschen. Sandhy selbst kam schon als Kind früh in Kontakt mit Musik, die ihn nicht nur in Form von Tonträgern umgab. Die Eltern spielten aus Leidenschaft gerne, die ältere Cousine war eine Art ost-asiatischer Kinderstar der Achtziger. ‹Man kann sagen, meine Familie ist in Indonesien bekannt.› Inzwischen laufen seine eigenen Songs dort im Radio.

Noch trägt aber in erster Linie das Internet zu seinem steigenden Bekanntheitsgrad in Indonesien bei – vor dem Album sind schon einige DownloadSingles erschienen. Leider, sagt Sandhy, gebe es für ihn momentan noch keine geeigneten Kontakte zur Musikindustrie in Indonesien. So muss er sich um die Vermarktung seines Albums dort noch selber kümmern. ‹Ich ziehe immer meine Band zu Rate, wenn es etwas zu entscheiden gibt. Das sind einfach meine Homies. Selbst wenn letztendlich ich selbst die Entscheidung treffen muss.› Das nächste Ziel besteht für Sandhy und seine Freunde darin, soviel wie möglich live zu spielen. Irgendwann vielleicht auch endlich in Jakarta, aber dann wohl kaum noch auf der Strasse. ‹In der Schweiz habe ich bisher nur einmal gespielt, auf einer privaten Veranstaltung in Basel. Es wäre auf

jeden Fall cool, dort mal ein paar Konzerte auf die Beine zu stellen. Ob Sandhy schon Pläne für die Zukunft und Ideen für ein weiteres Album hat? ‹Ja klar! Ich habe Material für gleich zwei oder drei weitere Alben.› Text & Interview: Kai-Holger Eisele Foto: Revolver Promotion Sandhy SonDoro: ‹Why Don’t We› (Revolver) www.sandhysondoro.com

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regional liga (djs rolexx & ho-fi) Danny Mommens von dEUS hat ja mit seiner Model-Freundin auch ein Elektroprojekt: Vive la fête. R: Die Sängerin geht ja live ziemlich pornomässig ab! I like it! H: Behave! - Zurück zum Song: Einer meiner absoluten Lieblinge: baut sich unmerklich vom easy Indie-Song zum mächtigen Gitarrenmonster auf! Und erinnert mich damit irgendwie an ein Feedback in der Endlosschlaufe.

the jungle brothers: i’ll house you, 1988

H: War das eigentlich die Geburts­stunde von Hip House? R: Kann gut sein. Jedenfalls ne geile Kopro mit Todd Terry! H: Ich war ja nie der Hip Hop Head, aber die Jungle Brothers waren für die Entwicklung des intelligenten HipHops doch ziemlich wegweisend, oder? R: Beziehst du das intelligent nun auf die Lyrics oder auf den Sound? Wobei, mit beidem hast du recht! Neben De La Soul, A tribe called Quest und Digable Planets gehören sie zu den Erfindern der Fusion von Jazz und HipHop!

timgreen: dj koze: don’t revox feed the cat, (justin martin 2005 remix), 2008 R: Geile Bassline! Lässt fast den Subwoofer schmelzen! H: Justin Martin bringt's mal wieder voll auf den Punkt! R: Die Jungs von Dirtybird aus San Francisco – insbesondere auch Claude VonStroke – wissen halt genau, wie man das House rockt! H: Und ihre Tracks haben den Schalk im Nacken. Und das macht doch gute Dance-Music aus: verspielt, tanzbar und gudde Laune! R: Ist das nun eigentlich Fidget House? H: Keine Ahnung, wieder so ein HypeBegriff. Eigentlich auch egal, oder!?

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ie beiden Jungs von Regional Liga bilden nach eigener Aussage die höchste Spielklasse des alternativen Zürcher NzNz-Nachtlebens. Das DJ-Duo, bestehend aus DJ Rolexx und DJ Ho-Fi, sorgt mit elektroi­ der Feinkost für Furore und manch einer behauptet sogar, ihr Name sei zwinglianisches Understatement, spielen sie doch an den Turntables viel eher in der Champions League! Ihre Auffassung von starken Clubtracks und einer perfekten Tanznacht ist unweigerlich und unabwendbar mit dem Wort ‹Disco› verbunden. Deep-, Fidget- und Disco-House stehen bei ihnen deshalb derzeit ganz oben auf der Traktandenliste. Trotzdem sehen sie sich explizit als scheuklappenfreie Freestyle-DJs. So spielen sie bisweilen auch Party-Sets, die nur noch entfernt etwas mit House oder Elektro zu tun haben, sondern vielmehr mit verquerten Mash-ups und Partytracks aus ihrer Jugend rocken. Und manchmal lassen sie es aber auch ordentlich mit Elektro und Techno brettern! Hier diskutieren sie über ihre zehn all-timefavorite Tracks: www.myspace.com/regionalliga www.regionalliga.dj

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junior boys: like a child (carl craig remix), 2007

Ho-Fi [H:]: Bei diesem Track hat man immer das Gefühl, das groove eigentlich ganz schön und merkt kaum, dass eigentlich noch ne Bassline fehlt. Rolexx [R:]: Doch wenn sie dann endlich reindropt, so nach gefühlten zehn Minuten, dann geht’s direkt unter die Haut! H: Carl Craig hat sich letztes Jahr ja ziemlich eindrücklich zurückgemeldet! Seine diversen Remixes waren eine Klasse für sich!

trickski: move me (phonique remix), 2007

H: Und gleich noch einer unserer aktuellen Top-Favorites! Geiler DeepHouse track! Erst nur ne Synthie-Line, dann der Clap und die Stimme setzt ein: So move me, move me, yeah move me… – Mit diesen Lyrics gewinnst du zwar nicht den Pulitzer Preis, aber ganz viele Freunde auf dem Dancefloor! H: Allgemein kommt im Moment sehr viel geile House-Music raus! Labels wie Diynamic, Kindisch, Compost Black Label oder auch DrumPoet gehören momentan zu unseren Favorites.

kraftwerk: new order: tour de france, subculture, 1983 1985 R: Hierzu müssen wir nicht viel sagen. Kraftwerk sind einfach Pioniere und Legenden! Punkt. H: Genau! Und egal ob man seinen Background im Techno, Hip Hop, Wave oder sonst wo hat, an diesen Menschmaschinen kommt man bei den all-timefa­vorites nicht vorbei!

deus: instant street, 1999

H: Ein bisschen Indie Rock muss unbedingt auf die Liste! R: Ok, weil's du bist. Soulwax waren ja ursprünglich auch mal ne pure Rockband. Und wie dEUS aus Belgien. H: Die Belgier wissen halt wie’s geht.

R: Jetzt sind wir aber tief in deiner Grufti-Vergangenheit gelandet! H: Aber New Order ist einfach Kult! R: Doch wieso genau dieser Song und nicht etwa Blue Monday, True Faith, Confusion, State of the Nation etc.? Die Liste ihrer Hits liesse sich fast unendlich fortsetzen! H: Und wenn man dann erst noch die Vorläufer-Band Joy Division dazunimmt ...! Genau darum dachte ich, nehmen wir mal einen etwas unbekannteren Song. Subculture ist einfach ein wunderschöner, typischer New Wave Pop Track mit kitschigen Female BackgroundVocals. R: Und kann somit auch gleich stellvertretend für unseren Eighties-PopFetisch herhalten.

R: Das musste ja kommen! Dein Idol, der Koze! H: Und? Gebe gerne zu, dass DJ Koze mit seinem musikalischen Werdegang und vor allem seinen DJ-Sets mich nachhaltig geprägt hat. R: Dabei war ich ja früher der Hip Hopper von uns beiden und somit ist mein Weg eher mit dem von Koze vergleichbar! H: Man vergleicht sich nicht mit Göttern, das ist Blasphemie! R: Mein Lieblingsprojekt von Koze ist International Pony! Und natürlich Adolf Noise und seine We are the World Coverversion! H: Don’t feed the cat ist mein Lieblingstrack vom letzten Album Kosi comes around. Vertrackter Chicago-House mit dem typischen Koze-Groove!

scritti politti: the boom boom bap, 2006

R: Dieser Track ist zwar nicht alt, aber er tönt so als wäre er schon immer dagewesen und hätte Pop und Soul geprägt! H: The Boom Boom Bap, the Tap-a-TapTap, that's the Beat of my Life. Yeah! Was für ein einfacher, perfekter, schöner Pop-Song! R: So einfach könnte Musik sein!

josh wink: higher state of conciousness, 1995

H: DAS Acid Riff überhaupt! Ein absoluter Techno-Klassiker. H: Auch nice ist die Bootleg-Version davon mit dem vertrackten Break und den Vocals von The Rapture's House of Jealous Lovers! R: The Rapture hätte übrigens auch ne Erwähnung hier drin verdient. H: Stimmt, aber dann hätten wir auch LCD Soundsystem und die DFA Crew rein nehmen müssen. R: Und irgendwann ist halt einfach Schluss. H: Eben! Alle Songs gibt’s auf www.myspace. com/regionalliga in dieser Reihenfolge als ungemixtes Set zu hören.


Tiago Pires and The Murf, making new beats.

nixonnow.com/murf


la piscine Photography Nadine Ottawa www.nadineottawa.com Styling Filipa Fernandes & MK Bauer Hair & Make-up Nicola Fischer Model Annika Stenvall @ Fordmodels, Paris

Tuch (Turban) Ikou Tsch체ss Wickelkleid Vintage Unterw채sche H&M B채nder (G체rtel) Leib und Gut Schuhe Vans Beach Mountain

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Jackett Laura Clausen Panty H&M Schuhe Flip Flop Melone Brocki Krone & Plastikring Claire’s Ketten H&M Metallstuhl Bogen 33

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links: Monokini Insight Beach Mountain Netzbadeanzug Vintage Sonnenbrille H&M Brillenkette Fielmann

rechts: Seidenkleid Beatrice ­B ührer Panty Naturana Schuhe Flip Flop Katzenohren Claire’s

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Bade­anzug & ­ older­neckkleid H Vanessa Rimann Perlenkette Stylist’s own Goldkette H&M

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Patrick Mohr Mit schlaksigen 1,90 Meter ist Modedesigner Patrick Mohr ohnehin schon ein Blickfang. Hinzu kommen sein prächtiger Moustache, eine überdimensionale Brille und zutätowierte Unterarme. In erster Linie erregt ihn aber sein Talent Aufmerksamkeit. Irrer Blick, eingefallene Wangen: Patricks PsychoLook täuscht leicht über sein Talent hinweg.

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arum Patrick so geraten ist, wie er nun 27-jährig durch die Welt wandelt, bleibt ein Rätsel. Denn alles fing ganz harmlos im idyllischen Oberbayern an. Hier lebte er 18 Jahre lang fernab der fancy Mode-Metropolen. ‹Ich war immer ein Einzelgänger, mit Mode hatte ich eigentlich wenig zu tun. Aber ich entwickelte geradezu eine Obsession für den Sportscheck-Katalog. Ich kann nicht sagen warum, aber wenn der neue Katalog kam, war ich der glücklichste Bub auf der welt. Ich konnte mich stundenlang damit beschäftigen.› Nun ja, sportiv sind Patricks Entwürfe heute auch, allerdings nicht unbedingt Sportkaufhaus-kompatibel. Androgynität und Unisex sind die beiden zentralen Schlagwörter, um die sich Patricks Welt dreht. Krawall hingegen mag er nicht, in keinem Bereich seines Lebens. Er spricht sehr bedacht und langsam. Man spürt, dass er ein fokussierter Mensch ist, der sich lieber einen Gedanken zu viel als einen zu wenig macht. ‹Ich mag keine Attribute die übertrieben weiblich sind. Mich inspirieren toughe, maskuline Frauen, die ihr Ding machen. Ich mag Einheiten – von mir aus können in der Zukunft Männer und Frauen völlig gleich aussehen.› Seine Diplomarbeit an der Münchener Esmod han64

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delte dann auch gleich von Robotern und Futurismus, zeigte viele Oversized-Silhouetten und glänzende Materialien. Patrick erhielt dafür den ‹Prix Créateur› für die beste Kollektion und eine PR-Agentur bot ihm an, ihn unter ihre Fittiche zu nehmen. Was dann geschah, kann man getrost als Branchenphänomen bezeichnen: Ohne tatsächlich eine Kollektion auf dem Markt zu haben, war der frischgebackene Designer plötzlich omnipräsent. Zahlreiche Magazine berichteten über das exotische Pflänzchen aus Bayern, Patrick selbst zog es derweil nach Dänemark. In Kopenhagen arbeitete er acht Monate lang als Assistent für Fashion-Darling Henrik Vibskov — eine Zeit die ihn prägte. ‹Ich war eigentlich nonstop im Studio, hab manchmal sogar da geschlafen. Aber Henrik hat mir sehr viel Freiraum gelassen. Ich bin viel besser und selbstbewusster geworden, habe tolle Kontakte gemacht. Ich wollte nicht einer von vielen netten Assis sein, ich wollte, dass man sich an mich erinnert.› Das tut man zweifelsohne, denn tatsächlich war Patrick innerhalb kürzester Zeit bekannt wie ein bunter Hund — ‹there is this German guy with the moustache working for Vibsi›, raunte es durch die dänische Hauptstadt. Trotz des hohen Arbeitspensums fand Patrick schnell seinen Weg in die Hipster-Oberliga. Das Team von Norse, einer der wichtigsten Shops der dänischen Hauptstadt, wurde auf ihn aufmerksam und beauftragte ihn kurzentschlossen, eine Haus-Kollektion zu entwickeln. Die Norse-Styles aus Patricks Feder wurden im Juli präsentiert. Damit auch seine eigenen Entwürfe nicht zu kurz kommen, entschied sich Patrick im April zurück ins beschauliche München zu kehren.

Langfristiges Konzept im Baukastensystem

Gerade bereitet er sich hier für die Teilnahme am ‹Off-Schedule-Denim-Award› vor, der im Rahmen der Amsterdam Fashion Week verliehen wird. Als einziger Deutscher plant er, hochmotiviert, seine hochkarätigen Konkurrenten auf die Plätze zu verweisen und damit einen Produktionsvertrag und die Teilnahme an internationalen Messen zu

gewinnen. Ausserdem auf seiner Agenda: eine Präsentation während der Berliner Fashion Week, welche zeitgleich zum holländischen Pendant stattfindet. Wenn Patrick sich also nicht gerade klont und auf sämtlichen Mode-Parketts gleichzeitig tanzt, werkelt er im Münchner Studio an seinem Masterplan – den hat er nämlich und das Backen kleiner Brötchen ist darin nicht vorgesehen. ‹Noch vor meinem 30. Geburtstag möchte ich meine Sachen auf einer Show während der Pariser Fashion Week zeigen. Ich bin schon brutal ehrgeizig und sicherlich ein Workaholic, aber ich möchte nichts überstürzen, alles soll Schritt für Schritt geschehen.› Patricks Konzept ist langfristig angelegt und funktioniert als eine Art Baukastensystem. In diesem Sommer beginnt alles mit dem Dreieck. Es steht für T-Shirts und wird als Logo in den drei ausgeklügelten Unisex-Schnitten, die es in jeweils acht Farbstellungen geben wird, auftauchen. ‹Mein Name erscheint nicht, die geometrischen Formen und die hochwertigen Materialien sollen zu meinem Markenzeichen werden›, erklärt der Designer. Als nächstes Kleidungsstück werden Hosen folgen, symbolisiert durch das Viereck, später das Trapez, der Zylinder und ganz zum Schluss der Kreis. ‹Der Kreis wird das Gesamtbild umschliessen. Zu diesem Zeitpunkt werde ich fertig sein. Und dann geht es nach Paris.› Bis dahin sollen auch alle Zeichen auf Patricks Armen durch Tätowierungen verewigt worden sein, der Mann ist schliesslich ein Gesamtkunstwerk. Jeder, der dem Paradiesvogel einmal begegnet ist, wird dies unterschreiben. Text: Romy Uebel Fotos: Promo www.myspace.com/patrick_mohr


Die aktuelle Kollektion des Münchner Überfliegers wirkt formal und nüchtern.

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vive la fragrance

smells like teen spirit

Entgegen der allgemeinen Auffassung hatte Kurt Cobain – charismatischer Sänger der Grungeband Nirvana und Rock-Rebell – eine besondere Beziehung zum Thema Duft. Schon als kleines Kind bewies Irène Schäppi, unsere neue Kolumnistin und Duft-Fetschistin, einen guten Riecher. So zum Beispiel, als sie mit vier Jahren den elterlichen Schlafzimmerteppich mit dem damals angesagten Eau de Parfum (!) von Valentino tränkte. Mittlerweile weiss Irène zivilisierter mit den exklusiven Wässerchen umzugehen und benetzt ihre Haut nur noch mit auserlesenen Düften, wobei sie sich leidenschaftlich durch die olfaktorische Welt der Parfums schnuppert.

Denn der Welthit und wichtigste Song der 90er-Jahre ‹Smells Like Teen Spirit› verkörpert nicht nur den Aufschrei einer ganzen Generation, sondern ist ironischerweise auch nach einem Deodorant des Hygiene-Unternehmens Colgate-Palmolive benannt, das Cobains damalige Freundin trug. Ob der Halbgott der Selbstzerstörung viel Wert auf sein äusseres Erscheinungsbild legte oder wild dem Körperkult huldigte, sei nun dahingestellt. Denn Nirvana verkörperte nämlich kein BeautyTreatment, sondern eine Bewegung, die ein Bewusstsein für gesellschaftliche sowie politische Ordnung transportieren wollte. Dabei standen insbesondere die Individualität sowie das Gedankengut des Einzelnen im Vordergrund. Eine Ideologie die sich heute wortwörtlich in Luft aufgelöst zu haben scheint, wie ich immer wieder auf Schweizer Bahnhöfen feststelle. Nicht nur, dass Bahnhöfe zu dem Szenetreffpunkt für Teenager und kleine Komatrinker geworden sind, sondern auch zu einem Schmelztiegel für so manche optische und geruchliche Gräueltat. Anstelle von SchmuddelLook und Duschboykott sind nun optische Quälereien wie viel zu enge Hüfthosen, pseudoneckisch hervorblitzende Tangas, tätowierte Arschgeweihe, Labelfriedhöfe und geschändete männliche Brauen die Regel, wogegen nur noch exzessives Augenschliessen hilft. Ganz nach dem Cobain’schen Prinzip ‹With the Lights out it’s less dangerous...› Leider bleibt dieser Fluchtweg der Nase verwehrt, die sich immer wieder aufs Neue einem Kollektiv von so genannten Trenddüften 66

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stellen muss. So fand ich mich letzten Freitagabend an den Zürcher Gleisen inmitten eines grausam tobenden ‹Krieges der Parfums› wieder, wo die duftende Version von Britney Spears mit Vanille-getränktem Moschus gegen eine florientale Paris Hilton kämpfte und ‹Jenny From The Block› ein Handy schwingendes Supermodel in den ‹Glow› zu führen versuchte. Nicht minder erbittert war vergleichsweise die Fehde zwischen P. Diddy ‹Unforgivable› Sean John Combs und ‹Bend it like› – David Beckham, der nicht nur im EM-Qualifikationsspiel gegen Kroatien seinen ‹Instinct› verloren hat.

Here we are now entertain us

Womit wir beim Punkt angekommen sind. Wollte Kurt Cobain 1991 die erwachsene Gesellschaft mit der Liedzeile ‹Here we are now enterain us› noch dazu auffordern, sich mehr mit der Welt der Jugendlichen auseinanderzusetzen, werden die Teens von heute ironischerweise geradezu mit Informationen überflutet. So auch mit Parfums, die kaum mehr die Persönlichkeit des Individuums hervorheben, sondern diese innert Kürze assimilieren. Um dieser Orwell-ähnlichen Schreckensherrschart zu entgehen, ist es an der Zeit eine Revolution gegen das Kollektiv und für den Individualismus auszurufen. Denn ein Duft soll, alles andere als konform, den Charakter seines Trägers unterstreichen und so quasi zu einer gustatorischen Visitenkarte werden. So zum Beispiel möglich mit dem Lieblingsparfum der Individualistin par excellence und Mutter aller Trends, Madonna. Mrs. Richie trägt nämlich mit Vorliebe ‹Fracas› (Eau de Parfum, 100 ml um 215.00 CHF). Einen Duft, den der Pariser Couturier Robert Piguet 1948 von Frankreichs erster Parfumeurin, Germaine

Cellier, entwickeln liess und der wie kein anderer einen Hauch von sinnlicher Tuberose hinterlässt. Sollte dieser fantastische Wohlgeruch jungen Nasen etwas zu hypnotisch erscheinen, so bietet sich ein weiterer legendärer Klassiker an, der nicht minder unvergesslich daherkommt: ‹Fiori di Capri› des exklusiven Hauses Carthusia (Eau de Toilette, 100 ml um 117.00 CHF). Hier umwehen mediterrane Noten wie wilde Nelken und Maiglöckchen die Trägerin, wobei exotische Aromen wie Amber und Sandelholz Erinnerungen an die erste Ferienliebe herbeirufen. Wie eine Göttin kann man sich hingegen mit einem anderen Aroma von Carthusia fühlen: ‹IO Capri› (Eau de Toilette ‹IO Capri›, 100 ml um 117.00 CHF). Heute eher bekannt als ägyptische Göttin Isis, musste die ehemalige Geliebte des Göttervaters Zeus vor dem Zorn seiner Ehefrau Hera fliehen und wurde dabei sogar in eine weisse Kuh verwandelt. Das wäre garantiert nicht geschehen, hätte Io sich mit den reifen Duftnoten von wilden Feigen und Teeblättern umgeben, die ebenfalls auf der italienischen Insel Capri zu einer charaktervollen Komposition zusammengefügt werden. Es kann höchstens vorkommen, dass Sie, werte Leserin, nach dem Auftragen dieses Parfums vom Objekt Ihrer Begierde mit Argusaugen bewacht werden... Und das hat doch durchaus seinen Reiz, non?

Huldigung des verstaubten Cologne

Ebenfalls reizvoll ist übrigens der neuste Duft aus der Kollektion Nouvelles Editions von Miller Harris: ‹Le Petit Grain› (Eau de Parfum, 100 ml um 223.00 CHF). Mit dieser Kreation wird dem verstaubt geglaubten Cologne gehuldigt, wobei der Orangenbaum das zentrale Element spielt. Vermengt mit Petitgrain Absolue und Rosmarin ist ein Parfum entstanden, das von der ganzen Familie getragen werden

kann – auch wenn diese ab und an völlig daneben ist und zeitweise spinnt. Wem dieser Gedanke jedoch unerträglich scheint, kann sich mit dem Londoner Duft ‹N°88› von Czech & Speak (Eau de Cologne, 100 ml um 220.00 CHF) behelfen. Dieser basiert auf einer elisabethanischen Original-Rezeptur und läutet mit Vetivergras und Sandelholz markant das Goldene Zeitalter bei Männern – und solchen die es noch werden wollen – ein. Eine prachtvolle Perspektive, oder? In diesem Sinne gilt: ‹Hasta la victoria siempre!› Text: Irène Schäppi Illustration: Raffinerie


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Girls from Omsk: Join the GFO-Army! Wer schon immer mal wissen wollte, was

ein ­‹Kick-Ass-Look› ist, dem seien an dieser Stelle ‹Girls from Omsk› ans Herz gelegt.

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as wie ein Chica-Geschwader klingt, ist eigentlich eine One-FrauShow aus Brüssel. Als Moderatorin, Akteurin und Ideengeberin fungiert Valeria Siniouchkina, ihres Zeichens Stylistin und frischgebackene Labelbesitzerin. Die gebürtige Russin bereiste mit ihrem Vater, der ursprünglich aus dem sibirischen Örtchen Omsk stammt, jahrelang die Welt und lies sich schliesslich in Belgien nieder, um 2006 ‹Girls from Omsk› ins Leben zu rufen. Und was wollen die Girls? Klar: schrille Farben, laute Prints und sexy Schnitte. Jede Saison bereist Valerias imaginäre Gang illustrer Mittzwanziger eine Stadt, die dann zu Ihrer Inspirationsquelle wird. So zog es sie für die kommende Herbst-Winter-Kollektion nach Moskau. Im Web fand die Designerin ihre Freundinnen aus alten Teenager-Tagen in der russischen Hauptstadt wieder und erinnerte sich an ihr schräges, plakatives Anfang-90er-Styling. Das Ergebnis sind Leggins, Oversized-Shirts und Windjacken, die klar aus der Streetwear-Ecke kommen, aber einen feminineren Anstrich verpasst bekommen haben. Schräg, durchgeknallt, ein bisschen stur, aber eigentlich immer liebenswert wie die Mädels heute nun mal sind, schlägt Valerias Bande gerade eine Schneise in so ziemlich alle einschlägigen Strassenware-Boutiquen. Wer keinen Händler des Vertrauens in der Nähe hat, kann seit Mai entspannt im Onlineshop bestellen. Für die Zukunft plant Valeria nur eines: ihre GFO-Army zu einer grossen Streitmacht werden zu lassen. Dabei ist ihr so ziemlich jedes Mittel recht. Legendär sind mittlerweile ihre Modenschauen und die letzte in Brüssel entwickelte sich gar zu einem wahren Szene-Mythos. Valeria castete die Models über MySpace; eines der Mädchen war früher mal Stripperin und liess es sich auch auf dem Catwalk nicht verwehren, lasziv ihre Brüste zu präsentieren. Noch Monate später tratschte man herum, der Event wäre zu einer Orgie ausgeartet. Warum auch nicht: Girls just wanna have fun… Text: Romy Uebel Fotos: Girls from Omsk www.girlsfromomsk.be

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Kick-Ass-Fashion aus Russland 端ber Belgien in den Rest der Welt.

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vertreter

cowboystiefel Über die wichtigsten Schuhe von 1900 bis heute. Name Typ Geburtsjahr Hersteller

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Cowboystiefel Stiefel vermutlich um die Jahrhundertwende ursprünglich Charles Hayer aus Kansas, Liberty Boot und inzwischen auch Designer wie Valentino

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reckige Feldarbeit, meilenweite Ritte durch die Prärie, ständig jeder Wetterlage ausgesetzt. Das war der stilisierte Alltag der harten Burschen zur Jahrhundertwende in Amerika. Ein Schlag von Männern, die man heute bestenfalls noch in Zigarettenwerbungen anschmachten kann. Trotzdem hat das raue Bild der Burschen von damals teilweise den gleichen Effekt wie ein unrasierter George Clooney. Frauen fanden und finden Cowboys anziehend und irgendwie geraten sie immer ins Schwärmen, wenn sie Männer in Jeans und Stiefeln sehen. Erinnerungen an den jungen Clint Eastwood kommen hoch, wie er in verstaubter Kleidung und spitzen Cowboystiefeln den Saloon betritt und unglaublich sexy aussieht. Was früher, nämlich um die Jahrhundertwende herum, als Militärschuh eingesetzt und später von Charles Hayer zum Arbeitsschuh für Farmarbeiter umgestaltet wurde, entwickelte sich vor allem dank Hollywood zu einer Marke, die jede wahre Leinwandgrösse früher oder später über den Fuss streifen musste. ‹Echte Männer› oder – besser gesagt – ganz normale Machos tragen auch heute noch den spitz zulaufenden Lederstiefel, der nach Bedarf an den Seiten auch gerne mit Wildlederfransen verziert werden darf und der wenn überhaupt, dann nur zu Jeans gut aussieht. Egal ob in Westernfilmen wie ‹Brokeback Mountain› oder bei der Verleihung der Country Grammys – echte Kerle tragen Stiefel mit einer Lässigkeit, die sogar Squaredance attraktiv erscheinen lässt. Seit geraumer Zeit sind es allerdings vermehrt die weiblichen Füsse, die in den Stiefeln versinken. Ob Madonna, Britney oder die Olsen Zwillinge – alle tragen sie den ‹Retrolook› auf den roten Teppichen dieser Welt, egal in welcher Farbe. Viel mögen sie mit den Schuhen, die

der gute Mr. Hayer entworfen hat, nicht mehr gemein haben, aber die Schuhspitze stellt noch immer eine Gefahr für alle Weichteile des menschlichen Körpers dar und echtes Leder muss es auch heute noch sein. Madonna hat es im Video zu ‹Don´t tell me› vorgemacht, dann zog Jessica Simpson mit ihrer Version von ‹These boots are made for walking› nach. Sind Frauen in Cowboystiefeln etwa inzwischen viel angesagter als Männer, die in den Lederstampfern eher wie betrunkene Mechanikerproleten wirken? Was die Pumps für die Abendkleider sind, schaffen die Cowboystiefel variiert mit knappen Rücken und ohne Strümpfe. Aber nur wenn der Betrachter schon ein Fass Whiskey getrunken hat. Wie schon eine alte Cowgirlweisheit sagt: ‹Save a horse, ride a cowboy.› Text: Adriana Popescu Illustration: Raffinerie


COLOURIZE & SLOGANIZE Mit der 30-jährigen Mathangi ‹Maya› Arulpragasam,

besser bekannt als M.I.A., werden die Dancefloors seit 2005 nass aufgewischt. Mit dem innovativen und treibenden Mix aus Baile Funk, Dancehall-Reggae oder auch Grime hat sie dabei so einige DJ-Taschen genremässig durcheinander gewirbelt. Dass daneben auch in den Lyrics und in ihrem Artwork Klartext gesprochen wird, ergibt sich aus der bewegten Biographie von M.I.A. als Flüchtlingskind.

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hre Eltern stammen aus dem krisengeschüttelten Sri Lanka, wohin sie nach der Geburt von Maya in London wieder zurückzogen, als sie sechs Monate alt war. Der Konflikt um das Streben der überwiegend hinduistischen Minderheit der Tamilen in Sri Lanka nach Unabhängigkeit von der Mehrheit der buddhistischen Singhalesen eskalierte 1983 und kostete bislang über 60.000 72

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Opfer. Seit 2002 herrscht ein brüchiger Waffenstillstand. Ihr Vater war und ist als hochrangiges Mitglied der paramilitärischen Organisation ‹Liberation Tigers of Tamil Eelam› tief in die Wirren des tobenden Bürgerkriegs verwickelt. Mit zehn Jahren ging es wieder zurück nach London, wo die erste Station ein Flüchtlingsheim am Rande der Stadt war. Trotz aller leicht vorstellbaren Hindernisse bei dieser Art von Standpunkt hat es M.I.A. an die Spitze der Musikszene geschafft. Bis heute weitgehend unbekannt ist, dass M.I.A. auch schon länger auf dem Gebiet des Artworks unterwegs ist. Bevor der Ball in Sachen Musik ins Rollen kam, studierte sie sogar als Stipendiatin an dem elitären Londoner ‹Saint Martins College of Art› die Bereiche Kunst und Film. Während dieser Zeit lernte sie die ElasticaSängerin Justine Frischmann kennen und gestaltete unter anderem das Cover zum erfolgreichen Album ‹The Menace›. Der nächste Schritt war die Veröffentlichung eines Buches mit selbst entworfenen Stencils. Wie in der Musik besteht aber ihr Artwork fast durchgehend aus Collagen. Denn nur das passt, die Ebenen müssen sich überlagern und zum eigentlichen Aus­­ druck verbinden. Wie bei der Arbeit mit Samples, erklärt M.I.A. immer wieder auf die Fragen von Journalisten. In ihren zuletzt gestalteten Arbeiten werden in bester Propaganda-Manier die Symbole von Krieg und Konsum vervielfältigt und dekonstruiert. Die Gegenüberstellung von Dollarnoten und Flüchtlingsgesichtern wird beispielhaft als ästhetische Verdichtung genutzt, um den schizophrenen Zustand der Welt aufzuzeigen.

Klar reden die Bilder von M.I.A. Slang. Für manche Betrachter vielleicht zu platt, doch die Ansage ist direkt und kraftvoll. Ein Ansatz, der zu den Themen passt, denn wer will bei Hunger oder Armut schon den Diskurs suchen. Hier wird nicht fürs Feuilleton gearbeitet, stattdessen gibt es gotcha als Bildsprache. Ein hintergründiger Artikel informiert sicherlich auch besser über ein Thema wie den Palästinakonflikt, doch M.I.A. als Flüchtlingskind, kennt die ungefärbte Wirklichkeit der globalen Flüchtlinge von Bombay bis Kingston und sieht die Dinge deshalb klarer. Dadurch geht es in den Motiven schneller, ja nervöser zu. Mit imaginären Boots, die aber trotzdem ein buntes Blumenmuster tragen, wird rein getreten in die Zäune dieser Welt.

Brisante politische Statements

Das gibt natürlich auch mal Ärger. So geschehen als sich M.I.A. plötzlich auf der Watch List des amerikanischen Departements of Homeland Security wiederfand. Die Mischung aus Textzeilen wie ‹Like PLO I Don’t Surrender› und der Geschichte ihres Vaters führte zu der paranoiden Entscheidung der USA. Mittlerweile haben sich glücklicherweise die Wogen geglättet und M.I.A. kann zumindest die Visum-Probleme abhaken. Ge­fragt nach ihren politischen Aussagen, erklärt M.I.A. in Interviews gern, dass es erst mal nur ihre Absicht sei, Informationen auszutauschen, ein Kanal zu sein zwischen der blinden Militanz auf der einen Seite und der Apathie, die sie in ihrem Umfeld beobachtet, auf der anderen. Mit ihrer persönlichen Geschichte könne sie Fragen aufwerfen und Menschen zum Denken bringen. Von der Gestaltung sind die Collagen der Pop Art zu zurechnen, nur die schrille Farbgebung geht eben durch die Decke. Keine Beschränkung auf unbunte oder Primär­ farben, bei M.I.A. wird es schnell mal Neon. Also


wieder eher expressionistisch, doch darum geht es M.I.A. nicht. Mit den grellen Farben sollen die Leute angelockt werden. Kennt sie doch die Gesetze des Pops und der Medien, in denen man es schon gehörig hoch jazzen lassen muss, um die Wahrnehmung der Leute zu erhaschen. Sind sie erst mal nah genug herangekommen, kann M.I.A. zuschlagen. So auch bei einem ihrer T-Shirt-Entwürfe, wo sich das auf den ersten Blick hin kryptische schwarze Muster plötzlich als aus einzelnen Maschinengewehren zusammengesetzt erweist. Ein anderes raffiniertes Ausdrucksmittel ihrer Arbeit ist das Spiel mit den eigenen Posen. Für die Gestaltung ihres Covers zum zweiten Album ‹Kala›, aber auch in folgenden Collagen liess sie sich von der Körpersprache und Mimik afrikanischer Despoten, aber besonders vom libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi inspirieren. Mit einer tief ins Gesicht gezogenen Militärmütze und dunkler Sonnenbrille schaut sie provozierend und scheinbar herablassend auf den Betrachter. Die diabolische Faszination liegt in der Darstellung des krassen Gegensatzes zwischen der kontrollierten Selbstinszenierung und der gleichzeitig mörderischen Politik dieser Männer. Dass die Krea­ tivität in der Familie liegt, beweist auch die ältere Schwester Kali. Mit ihren vordergründig im BlingBling-Stil angelegten Modeschmuckkollektionen wird auch hier die grosse Schublade der globalen Probleme aufgemacht. Medienkritisch schaukelt mit den überdimensionalen Halsketten, Anhängern und Ohrringen immer eine klare Botschaft mit, die von den Trägerinnen ausgeht: Seht genau hin! In der aktuellen Kollektion ‹Tourism – Terrorism Affects Tourism› werden konfliktbeladene Länder wie der Iran oder Afghanistan dargestellt,

doch nicht in der üblichen negativen Eindimen­sionalität. Mit Motiven von den kulturellen Schätzen des Landes wird die Wahrnehmung für diese Länder geschärft und die Absurdität der kriegerischen Auseinandersetzungen verdeutlicht. Text: Mathias Bartsch Fotos: Janette Beckman Artwork: www.miauk.com

Die Grafik-Kunst von M.I.A. ist bunt, trashig und hat immer einen ethnopolitischen Anstrich.

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top notch gallery Europas wichtigste Galerien für junge Kunst

v1 gallery – kopenhagen

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eit rund sechs Jahren steht die Galerie V1 aus dem dänischen Kopenhagen für Kunst mit Aussage. Man sieht sich ganz zu Recht als Plattform für Artists, die ihre Arbeiten nicht einfach aufgrund ästhetischer Kriterien entwickeln und kurzlebigen Trends hinterher laufen. Stattdessen ist moderne Kunst, ganz gleich in welchem Genre, hier immer auch Medium für politisches und soziales Engagement und die Lust an der entlarvenden Verletzung von Normen jederzeit spürbar. Das schafft Anerkennung weit über die Grenzen Dänemarks hinaus, und neben einheimischen Namen geben sich seit der Gründung 2002 vor allem US-Artists hier Pinsel, Can, Marker oder was auch immer in die Hand. Geoff McFetridge, Adam Green, Daniel Johnston, oder die britische Graffiti-Legende Banksy: die 74

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Liste der bisherigen Ausstellungen ist jetzt schon beeindruckend lang. Neben etablierten Namen gibt man auch regelmässig ausgewählten aufstrebenden Talenten eine Chance. Eine Auszeichnung bei den Copenhagen Awards 2005 hat dieses Konzept den Machern Jesper Elg und Peter Funch bereits eingebracht. Wer es bis Dänemark grade nicht schafft, findet die V1 auch meist auf Messen wie der Volta in New York, Zoo Art Fair und der Preview in Berlin vertreten. V1 Gallery Flæsketorvet 69 – 71 1711 Copenhagen V Denmark www.v1gallery.com

Dänemarks Hauptstadt ist stolz auf eine der grössten und bedeutendsten Galerien für urbane Kunst in Europa.


Verein Lakeside und Kulturkommission Hergiswil präsentieren:

& BAND

VORVERKAUF uNd INFOS

WWW.LAKESIDEFESTIVAL.CH

FESTIVALPASS CHF 60.– exkl. im VVK


Jeans Levi’s Shirt 55DSL Gurt Ben Sherman Shirt Privat

STREET WISE Captured by Pina www.pinafoto.com Styled by Christina Noli www.christina-noli.ch Beauty by Daniella Koller www.danielakoller.com Models: Diego ALVES (www.visage.ch), Rebekka Lidi and Fabiana Imhof (www.time-model.com), Talita Lidi, PhillipP Oswald

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Shirt Privat

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Veston Ben Sherman Cardigan Diesel Shirt 55DSL Jeans Levi’s Schuhe Vans von Booster

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Kleid Diesel Kette Santa Polenta Stiefel und Overknees Privat

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Hut Booster

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Jacke Levi’s Hut und Shirt Booster Kette Santa Polenta

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Philipp: Jacke Ben Sherman Jeans Diesel Talita: Kleid Levi’s Gilet und Stiefel Privat Diego: Cardigan und Hemd Levi’s Jeans Diesel

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WHERE DA CASH AT R imini, 14. Juni, 16 Uhr. Ein führender Turnschuh-Brand lädt zu Apéro, Konzert, Modeschau und LivePerformance: Sechs Girls betreten den Spot und beginnen zu tanzen. Sie sind schrill gekleidet. Drei ganz in schwarz, in Lack und Latex, mit Stilettos, langen, dunklen Pferdeschwänzen und dicken, aufgeklebten Augenbrauen. Die anderen in kurzen Baggy-­Pants, Flanellhemden und Turnschuhen, die Schminke meterdick, mit Kopftüchern und kleinen Vögeln und Blumen in den Haaren. Latex ­Porno Chicks gegen Latina Ghetto Bitches. Sie batteln und posen, springen und wackeln mit dem Hintern. Selbstbewusst, cool und mit viel Attitüde reissen sie ihre Show – als wären sie Akteure eines MTV-Clips. Die Zuschauer staunen, klatschen. Superzero, zwei Wochen später. Dieselben Girls in luftigen Sommerkleidchen, ungeschminkt. Sie lachen und diskutieren, trinken Minzwasser mit Limes und wirken so ganz normal und unschuldig.

Hip-Hop-Party. Dort haben wir gemerkt, dass wir wirklich gut miteinander funktionieren. Wir hatten nicht vor, uns auf dieser Bühne einfach nur ein bisschen selber zu inszenieren, wir wollten den Leuten was bieten, sie zum Lachen bringen oder schockieren.

Yeshe: Entstanden ist das ganze bei der iPodBattle. Lala und ich wurden angefragt, weil sich noch zu wenig Gruppen angemeldet hatten. Es war unglaublich witzig und kam gut an, also haben wir ein zweites Mal mitgemacht, aber in einer anderen Besetzung.

Lala: Unsere Auftritte gefallen nie dem ganzen Pu-

Lisa: Wegen dem positiven Feedback und auf

Nachfrage anderer Leute haben wir das dann verfeinert und weiterentwickelt. Viele kamen auf uns zu und sagten: ‹Hey! Was macht ihr da? Das ist cool. Macht weiter so.› Oder: ‹Wir wollen euch ­buchen.›

Yeshe: Dabei haben wir die iPod-Battle nicht mal gewonnen. (Riesengelächter)

Hey! Was macht ihr da? Das ist cool!

blikum. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich: Die einen finden’s lustig, andere finden uns total daneben, wir sind auch schon ausgebuht worden. Es ist auch nicht unser Ziel, allen zu gefallen, da dies auch schlicht unmöglich ist.

Lala: Klar war das ganze nur zum Spass, aber ­Yeshe Yeshe: Aber als wir mit WDCA begannen, war unund ich waren sehr engagiert, wir wollten etwas ser Glück, dass New Rave so hype war. Die bunKonzeptionelles machen, etwas Ausgeflipptes. ten Klamotten, Perücken, Sonnenbrillen und Neonfarben – die Veranstalter kamen auf uns zu, weil Yeshe: Lisa hatten wir in New York kennen gelernt sie wussten, dass das gut ankommen und Leute auf einer Galerie-Party. Wir waren uns im My­ anziehen würde. Und natürlich, weil wir fünf verSpace schon begegnet und auf Partys in Zürich schiedene Frauentypen sind. und wir fanden, dass sie gut zu uns passt. Und weil wir etwas mit fünf Frauen machen wollten, Lala: Die Idee für den Namen hatten wir bei mir zu fragten wir noch Dionne und Germaine, die später Hause, als wir ‹Where Da Cash At› von Currency hörten. Der Rest kam von selbst. Die Namen und von Jessy ersetzt wurde. Figuren sollten optisch und inhaltlich einen Bezug Lala: Jede von uns hat andere Stärken. Wir alle zum Song haben. Sie sollten mit Geld zu tun hasind individuell und selbstbewusst. ben, mit Frauen und Luxus und so die Hip HopVideos ironisieren. Lovely Dollar Hoe, Half Price Yeshe: Nach der zweiten Battle hat uns ein be- Beauty, Pretty Cash Money – das könnten alles freundeter DJ fürs Kaufleuten gebucht, für eine Titelnamen von Hip Hop Songs sein. 86

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Z端rich, 22.00 Uhr. Das 足Styling sitzt. Die M辰dels von der Tanz-Tanke 足mischen die Szene ordentlich auf.

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Lisa: Es geht darum, Selbstvertrauen zu haben

und nicht nur Deko zu sein wie die Chicks in den Videoclips. Wenn wir uns ein Thema überlegen, den Style, die Musik, die Farben und Accessoires auswählen, berücksichtigen wir auch das Motto der Veranstaltung und die Location. Wir tragen nie zweimal das selbe und inszenieren keine Show ein zweites Mal.

Yeshe: Die letzten beiden Male haben wir Battles inszeniert. Eine davon zum Thema High-School: Die beliebten Schülerinnen gegen die Nerds. Oder das andere war Ghetto-Latina-Bitch versus Latex-Porno-Chick. Lala: Wir schaffen uns da Alter Egos. Du schaust dich im Spiegel an und entdeckst die Bitch in dir. (Lacht). Aber wir sind auch keine Animationsgruppe, die sich ein bisschen auf der Bar räkelt. Wir sind Performer, keine Tänzer und wir wissen, dass wir den Leuten was bieten können, was sie sonst nicht bekommen. Wir haben auch schon Anfragen von Veranstaltern abgelehnt, weil sie nicht zu unserem Konzept passten. Lisa: Die Fanzone zum Beispiel. Das hätte dort

sowieso keiner verstanden. Es geht uns nicht darum, möglichst viel nackte Haut zu zeigen, sondern auch mal eben nerdig oder hässlich zu sein. Ich achte zum Beispiel darauf, keine tiefen Ausschnitte zu tragen, keine kurzen Röcke. Es braucht wenig, dass die Leute denken: ‹Aha. Fünf Frauen. Billige Chicks. Wie sexistisch.› Davon distanzieren wir uns. Aber auf MySpace bekommen wir viele Anfragen von Girls, die wissen wollen, was sie machen müssen, um bei uns mitzumachen. Solche Komplimente freuen uns immer sehr!

Yeshe: Die Auftritte selber sind manchmal eher spontan, wir haben nur wenige kleine Choreos und zwischendurch tanzt dann jede wieder ihren Style. Das ist wie wenn du eine Rolle spielst. Das braucht Attitüde, Mimik, Körpersprache. Die Auftritte dauern auch nur fünf bis zehn Minuten und wenn die Show gut ankommt, auch ein bisschen länger. Wir wollen mit WHERE DA CA$H AT professionell sein, etwas erreichen. Lala: Was kommt eigentlich als nächstes? Sound produzieren, eine Kollektion designen... Keine Ahnung. Bis jetzt ging alles so schnell, wir hatten gar keine Zeit uns Gedanken über Expansionspläne zu machen. (Alle lachen). Wir lachen oft über uns und fragen uns, was wir da eigentlich genau machen. Aber es macht einfach Spass, mit guten Freundinnen etwas zu entwickeln. Interview und Text: Vania Kukleta Fotos: Tobias Siebrecht (Photo 2D-LUX) und Lisa Mettier

WDCA ist das ernst ­gemeinteste Spass-Projekt im Schweizer Nightlife. Und die Ladys haben ­gerade erst angefangen…

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Hello, my name is: PRETTY CA$H ­M ONEY (Lhaga) I represent: TIBET My Skillz are: ­LaserEye Loving Track: Bu$$ – Recipe of a hoe

Hello, my name is: LOVELY ­D OLLAR HOE (lisa) I represent: 1/4 CHINA, 3/4 SWISS My Skillz are: T­wistinLegs Loving Track: ­ Billie Holiday – Strange Fruit

Hello, my name is: HALF PRICE BEAUTY (Yeshe) I represent: 1/4 CHINA, 3/4 TIBET My Skillz are: LipSplitter Loving Track: Aretha Franklin – Respect

Hello, my name is: BROKE A$$ HU$TLER (Dionne) I represent: 1/2 JAMAICA, 1/2 SWISS My Skillz are: ­KillerWaist Loving Track: 20 Fingers – Short Dick Man

Hello, my name is: 50 DIRTY BUCK$ (Jessy) I represent: 1/2 IRAN, 1/2 BRASIL My Skillz are: ­FireAss Loving Track: Salt’n’Pepa – Push It

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Wie komm ich hier raus?! Marco Schwab ist als Draufgänger ver-

schrien. Aber eigentlich sei er schüchtern. Ich ­denke: in vino veritas! Der Paradiesvogel aus ­Leidenschaft ganz privat.

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arco Schwab? Ich hatte nur einen blassen Schimmer, wer der Mann ist, den ich heute interviewen sollte. Snowboard-Profi. Star-TV-Moderator. In seiner Sendung furzt er. Und der Legende nach soll der Kerl als erster mit dem Snowboard vom Werdturm gesprungen sein, oder so. Und auch wenn er dabei auf dem Kopf landet – er steht wieder auf. Snowboarder alter Schule. Und ein ‹Schnu­ri›, heisst es. Das sind die Eckdaten. Der Chef meinte: ‹Finde raus, ob der wirklich so prollig ist, wie er immer tut.› In meinem Gepäck sind zwei Flaschen Rotwein. Wahrscheinlich wäre Bier passender. Spe­ ziell an solch einem heissen Julitag. Aber es heisst nun mal: Im Weine liegt die Wahrheit. Und ich denk mir: Wenn der jetzt ein Bier holt, anstatt mit dem Pinot anzustossen, dann hat sich die Frage 90

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nach Prolet oder nicht irgendwie schon erledigt. Wir treffen ihn in einem Kaff im Zürcher Unterland. Dort wohnt er bei einem Thai-Boxer – ein Kollege. Aber eigentlich wohnt er in Falera. Berge, Natur, Freiheit, das ist sein Ding. Zürich mag er nicht, sagt Marco. Er ist nur zum Arbeiten dort. ‹Die Stadt ist schön, mit dem See. Aber zu viel Selbstüberschätzung, zu viel Arroganz.› Einmal angekommen, bestätigt sich gleich das erste Klischee: Die Wohnung ist der Albtraum jeder Schwiegermutter. Also los: Karten offen auf den Tisch. Ob er sich als Prolet sehe? Die Frage gefällt ihm nicht. ‹In dem Fall müsste man ja alle, die sich einen gewissen Stil zugelegt haben, als Proleten bezeichnen.› Punkt für ihn. Auch als ‹Jackass› mag er nicht bezeichnet werden. Das seien alles so blöde Vergleiche. Er sei mehr als das. ‹Ich lebe mein Leben. Nicht nach Drehbuch.› Auch gut. Wir wechseln zu spannenderen Themen: ­Frauen. Frau, negativ. Freundin, auch negativ. ‹Für eine Freundin bin ich zu viel unterwegs.› Das klingt eigentlich wie eine billige Ausrede. Scheint aber wirklich für viele Frauen ein Problem zu sein, wenn sie zweimal darüber nachdenken. ‹Viele haben schon ein Bild von mir im Kopf.› Das macht es schwierig mit der Liebe. Sex ist da schon einfacher. ‹Sex könnte ich immer haben.› Befriedigt auf Dauer aber nicht. Zu ein­ fach. ‹Eine Frau muss man doch erobern können!› Seine Frau, die, die, die... die dürfte keine Miss sein. Also keine die ‹nur schön ist und eigentlich nichts kann.› Marco muss es wissen. Er ist den Schönheitsköniginnen auch schon auf den Leim gegangen. Zweimal war er mit einer Miss-Kandidatin zusammen und hat im Ausgang einer schönen Nacht Melanie Winiger ‹abgeschleckt›. ‹Ähm, sie ist halt schön, wir waren betrunken, und an irgendeinem Punkt übernimmt der Höhlenmensch.› Ob er denn schon viele Frauen hatte? ‹Sicher mehr als vier› lacht Marco nichts sagend. Aber die meisten waren aus ‹seiner Welt›. Aus der Welt, wo die Baggypants regieren. Wo er sogar betrunken

zu Snowboard-Events gehen kann und dann vielleicht trotzdem noch gewinnt. Doch ist er mal raus aus seiner Welt, dann sei das anders: ‹Eigentlich bin ich schüchtern. Doch das sehen viele Leute nicht. Wie du, wenn du mich fragst, ob ich ein Prolet sei.› Also los: Themawechsel. Romantik. Das perfekte Date? ‹Ich würde sie mit Kuhfladen einmassieren. Dann gehen wir zum Metzger. Schlachten, essen, roh, blutig. Dann Whisky. Dann tanzen. Dann... – Ach ich weiss doch auch noch nicht!› Er wolle einfach viele Facetten einer Frau kennen lernen. Das sei schliesslich das Schöne an Menschen. Die vielen Facetten. Hier ein paar von Marcos Facetten und Macken in willkürlicher Reihenfolge: – Das mit dem Furzen ist kein Stunt für die Sendung. Das mag er. ‹Männer sind stolz auf ihre Fürze. Privat gehe ich eigentlich noch weiter als im TV.› – Auch Sport ist dem ‹Paradiesvogel aus Leidenschaft› (immer noch) wichtig. ‹Nicht verbissen, aber engagiert›. – Scheidungskind. Die Eltern waren streng. Sie sagten immer: ‹Der Sport, das ist nur ein Phase.› Sie sollten nicht Recht behalten. Kleines Beispiel: Unter dem Dachstock hängt ein BoxSack. Denn ersten Riss hat Marco reingehauen. Nicht der Thai-Boxer, bei dem er wohnt. – Wie die meisten Männer wäscht er seine Socken nicht immer. Er weiss, wann sie schmutzig sind. – Tanzen kann er besser, wenn er betrunken ist. ‹Zumindest denke ich das!› – Und wenn es einen Song gibt, den er hört, obwohl es ihm peinlich ist, dann ist das ‹Babe› von Take That. Ihr wisst schon: ‹Babe I’m here again, I tell you I’m here again. Where have you been?› Aber zurück zum Wein. Der ist leer (kein Bier). Die Frage, ob Marco Schwab jetzt der Prolet sei, als der er sich in seiner TV-Sendung verkauft, ist wegen ein paar Gläsern Pinot Noir nicht beantwortet. Muss jeder für sich selbst beantworten. Aber ich hätte der dicken Verkäuferin, die auf dem Weg ins Zürcher Unterland am Strassenrand stand, besser eine Schale ‹Chriesi› abgekauft. Denn mit Marco Schwab kann man nicht nur saufen – mit ihm ist auf jeden Fall auch ganz gut Kirschen essen. Interview und Text: Werni Sage Fotos: Daniel Tischler Marco moderiert auch dieses Jahr wie­ der das Freestyle.ch Festival vom 26.–28.09. auf der Landiwiese in ­Zürich. Mehr Infos unter www.freestyle.ch


Organizer: freestyle.ch AG, Zurich

Organization / Design: FAF AG, Zurich; Photo: Frank Blaser

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26.– 28. SEPTEMBER 2008 LANDIWIESE ZÜRICH SNOWBOARD � FREESKI � FMX � SKATEBOARD � CONCERTS � LABEL WORLD Keine Parkplätze. Anreise mit ÖV. Kombi-Tickets am Bahnhof erhältlich.

Vorverkauf


Freeriden im ­A lpenwald Mountainbiken vereint jenseits des Massensports

und der Olympischen Spiele eine Gruppe von ­Fahrern, die vor allem eins wollen: Mit Spass und Style über Stock und Stein fahren. Die Freude am Fahren zelebrieren Profis und Hobbyfahrer auch gemeinsam – wie etwa am Red Bull Trailfox, dem jährlichen Treffen der Freerider in den Bündner Alpen.

A

ls anfangs der 70er-Jahre in Kalifornien eine Handvoll Typen mit ihren Zweirädern die Schotterpisten am Mount Tamalpais hinunter ratterten, wurde die Idee des Mountainbikes geboren. Die Pioniere wollten damals vor allem eins: Mit einem Bike den Berg bezwingen und dabei eine gute Zeit haben. Über 35 Jahre später hat der Sport längst die Massen erfasst. Heute hat fast jeder ein Bike im Keller stehen, bei den Olympischen Spielen in Peking kämpfen die Ausdauerspezialisten um Ruhm und Ehre und die Marathonrennen in den Alpen melden Teilnehmerrekorde. Doch die Biker von damals fahren noch immer – und ihre Erben entwickeln die Idee des Mountainbikes weiter, abseits von hautengen Trikots und rasierten Beinen. Diese Biker tragen über den Knieschonern gerne weite Hosen und nehmen alles etwas lockerer. Über 300 von ihnen treffen sich seit sechs Jahren in den Bündner Alpen zum Red Bull Trailfox, einer Bike-Rallye, die aus drei Prüfungen auf Zeit besteht. Dazu gehört auch eine Party und ein separater Jump-Contest. Mit diesem Programm vereint der Anlass alle Fahrstile, bei denen Protektoren getragen werden. Vom Profi-Downhiller über den Dirtjumper bis zum Freerider reisen Fahrer aus ganz Europa an, um miteinander und gegeneinander zu fahren.

Lockere ­Abfahrten und Bier am Abend

Der Event schafft das Kunststück, Rennfahrer genauso anzulocken wie Biker, die sonst nicht an Wettkämpfen teilnehmen. Angezogen werden sie von der lockeren Stimmung. Für die einen ist der Kampf gegen die Uhr nicht ganz so ernst wie sonst üblich und die anderen schätzen die vielen lockeren Abfahrten dazwischen und das gemeinsame Bier am Abend. Beim Trailfox in diesem Jahr ist auch Claudio Caluori aus Zürich dabei. Der 30-Jährige führt nach zehn Jahren als Downhill-Profi erstmals ein 92

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eigenes Team. Mit seinen Piloten aus der Schweiz, England und Australien hat er auf dem Campingplatz zwischen den Hobbyfahrern die Zelte aufgeschlagen. Trotz dem Stress als Team-Manager und zwei kleinen Kindern zu Hause lässt er sich das Fahren nicht nehmen. Zusammen mit seinen Rennfahrern steht er zur ersten Prüfung am Freitagabend am Start. Auf Deutsch und Englisch fachsimpeln sie mit anderen Fahrern über die Bikes und den Weltcup. Wenige Sekunden vor dem Start wird es ernst. Caluori klickt in die Pedale ein, senkt den Kopf und fokussiert die Wurzeln vor ihm. Peep, peep, peeeep – mit voller Kraft tritt er in die Pedale, schiesst über den ersten Absatz und verschwindet blitzschnell zwischen den Bäumen. Bald darauf ist auch das Klackern der Kette nicht mehr zu hören.

Schweizer ­Triumph in 3 Metern Höhe

Führte das erste Rennen noch über Wurzeln und Steine, gilt es am zweiten Tag, Sprünge über hölzerne Ramps zu meistern. Eine lässt die Biker quer über eine Waldstrasse fliegen. Danach springen die Jungs an eine senkrechte Wand und weiter unten über einen Felsbrocken. Als Downhiller schüttelt Caluori den Kopf. Er habe nie verstanden, weshalb man die Strecken nicht so belassen kann, wie sie die Natur vorgibt. Der Trail mit den künstlichen Elementen zeigt eine der Entwicklungen des Bikens. Elemente des BMX-Street-Fahrens und des Snowboardens wurden adaptiert und in den Wald hinaus gebracht. Das mag für einige kein echtes Biken mehr sein, doch Spass macht es trotzdem. Und die Downhiller sprangen genauso an die Wand wie die Freerider. Ausser Konkurrenz massen sich die Dirtjumper an zwei eigens aufgebauten Sprunghügeln. Im Gegensatz zu den Bergabfahrern haben sie hinten keine Federung und nur einen Gang. Auch hier konnten neben Profis alle anderen ebenso teilnehmen. Am Ende siegten aber die Könner. Mit Backflip- und 360er-Kombinationen in drei Metern Höhe gewann der Schweizer Mischa Breitenstein

den Jump-Contest knapp vor dem Deutschen Andi Wittmann. Am Sonntag, nach drei Tagen und drei Rennen, hat Caluori das Podest knapp verpasst und landet auf Rang vier. Trotzdem hat er ein breites Grinsen auf dem Gesicht, denn er fuhr besser als seine Teamkollegen. Bei der Siegerehrung kommen andere Fahrer und schütteln ihm die Hand. Toll, hast du deinen Jungs gezeigt wo der Hammer hängt, sagt einer. Caluori bedankt sich, steigt in den Bus und fährt zur Weltmeisterschaft in ­Italien. Den Sieg holte sich der Franzose Jérome ­Clementz. Er kam auf Einladung von René Wildhaber, der in den letzten Jahren den Trailfox klar dominierte. Mit dem Konkurrenten aus Frankreich habe er wieder mehr Spannung ins Rennen bringen wollen, sagte Wildhaber. Nach seinen Siegen in Serie bedauert er seinen dritten Schlussrang nicht. Wichtiger ist ihm das nächste Projekt. Es ist ein Traum jedes Freeriders: Eine Tour mit Foto­ shooting in Indien. Text: Simon Eppenberger Fotos: mesumphoto.blogspot.com (2), lander-photo.com Ein Video des Events gibt’s auf frontlinemag.net zu sehen. Das grösste Bike-Forum der Schweiz: traildevils.ch


Biken entwickelt sich weiter und kombiniert natürliche Trails mit BMX- und SnowboardElementen. Statt ­Downhill fährt Claudio Caluori an der Wand (links), Ex-Racer Simon Schwander geht free­ riden (rechts) und Dirtjumper Mischa ­Breitenstein steht Kopf (unten).

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Gestaltung Raffinerie AG für Gestaltung, Zürich, www.raffinerie.com Redaktion Mathias Bartsch, Rainer Brenner, Kai-Holger Eisele, Meike Frank, Adriana Popescu Fotografie Ornella Cacace, Pina Junior, Bernhard Kiesow, Lisa Mettier, Nadine Ottawa, Photocase.com, Tobias Siebrecht, Daniel Tischler, Marvin Zilm Illustration Lina Müller, Raffinerie AG Mitarbeit Layout, Bildbearbeitung Cyrill Frick Lektor Peter Rösch Freie Mitarbeit Gallus Brüder, Ornella Cacace, Philipp Brogli, Jens Dierolf, Simon Eppenberger, Arci Friede, Bernhard Kiesow, Evangelos Kleiman-Kontopoulos, Vania Kukleta, Rhea Plangg, Werni Sage, Irène Schäppi, Adrian Schräder, Raphael Spiess, Romy Uebel, Marketing Service Melania Fernandez Abo Service www.kinkimag.com/abo Druck AVD Goldach Einzelverkauf CHF 6.– / EUR 4.– pro Exemplar

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add me, if you are sexy!

Carrie ist 23 Jahre alt und steht in der Blüte ihrer Jugend. Mehr oder weniger. Auf alle Fälle sagt ihr MySpace Profil vor allem eines aus: Sie scheint den männlichen Träumen entsprungen. Um das typische MySpace Klischee zu erfüllen, muss natürlich der Hintergrund stimmen und zum Glück enttäuscht Carrie da auch in keinster Weise. Alles ist in einem schlichten Schwarz gehalten und wird geziert von einem fetten PlayboySchriftzug. Jawoll, Jackpot, endlich den Sechser im Dating-Lotto, denken sich

und stellt sich selbst schlicht als ‹Sexy Princess› vor. Die Fotos von sich im Zungenklinsch mit der wohl besten Freundin sollen natürlich noch mehr Freunde auf ihre Liste zaubern. Dort tummeln sich, neben anderen halbnackten Frauen mit perfekten Körpern und kaum Bekleidung, auch noch Männer, die für das weibliche Auge genug Fleisch für sabbernde Lustattacken bieten. Und weil man dank MySpace inzwischen alles öffentlich tun kann, hat die gute Carrie auch gleich eine kleine Liste angelegt, die sich scheinbar täglich automatisch auffrischt und dem Besucher anzeigt was sie genau mit welchem ihrer Freunde schon so alles getrieben hat. Carrie licked Jim – ein Doch wie kriegt man auf die Schnelle möglichst viele lüsterne Comments ge- klassischer Fall von zu viel Informationen. schrieben, die den User glauben lasSex verkauft sich immer noch am meissen, man wäre das heisseste, was My- ten und Carrie versucht möglichst viel daSpace weit und breit zu bieten hat? von auf ihrer Seite an den Nutzer zu brinNatürlich durch entsprechende Fotos, gen. 173 sind es jetzt schon, aber da nur die von Carrie perfekt in Szene gesetzt Schönheiten ihren Platz auf Carries Liste wurden. Sie trägt auf den anzüglichen verdient zu haben scheinen, wird hier riPortraits natürlich nur das Nötigste, goros aussortiert – ohne Gnade und Rücksicht auf Gefühle. So also läuft das küsst Männlein wie Weiblein und das in Carries kleiner Playboy-Welt. Na dann, nicht immer zwingend auf den Mund. Sie zeigt versteckte Tattoos an Stellen, noch frohes Adden! Weitere Info unter: die das männliche Gehirn zu wahren Phantasie-Sprüngen hinreissen lassen www.myspace.com/cearbearlove84

pins, pins und nochmals pins!

auch teddys haben gefühle

nun die zumeist notgeilen, männlichen MySpace User und klicken feucht-fröhlich auf den verlockenden ‹add me›Button.

Heisse Tattoos und sab­bernde MySpaceUser

Ach wie schön waren die Zeiten, als lustige Smily-Pins an den Jeanswesten dieser Welt den einfachen Spaziergang zum Kiosk an der Ecke noch freundlicher gestaltet haben. Und jetzt? Nichts mehr. Man sieht gelegentlich noch den ein oder anderen verwaisten Pin oder Anstecker an den Meshcaps der coolen Skateboardkids. Aber damit muss Schluss sein! Es wird Zeit endlich wieder etwas freundlicher zu agieren. Und da bietet diese Seite aus dem sonnigen Italien genau das richtige Sortiment. Die Homepage an sich ist dank netter Flash-Elemente übrigens auch nett anzusehen. Kein Wunder, denn die Macher scheinen Pins über alles zu lieben. Eine grossartige Auswahl an Pins, Buttons und Ansteckern in verschiedenen Grössen, Farben und Motiven kann hier der Liebhaber der runden Accessoires finden und lieben lernen. www.lovepins.it

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Talent als Psychiater testen darf. Hobby-Freuds klicken einfach auf www.parapluesch.de und schauen was passiert – wenn man versucht ein psychisch extrem belastetes Kuscheltier zu heilen. Denn jeder Teddy leidet an einer anderen Psychose, ganz wie die großen Promis aus Funk und Fernsehen. Durch ein witziges Quiz und ein bisschen Scharfsinn kann man, je nachdem wie gut Hilfe für psychisch man sich anstellt, das arme Vieh retkranke Kuscheltiere ten oder in noch schlimmere DepresJetzt mal ehrlich: Warum sollten nur sionen stürzen. Es hängt also alles die Promis dieser Welt das Recht vom Können des Aushilfspsychos haben, in eine Entzugsklinik zu mar- ab. Ein kurzweiliger Spass, den man schieren und sich dort unter den Au- gerne mit Freunden teilen kann. Aber gen der Öffentlichkeit von einer neu- Vorsicht, die Teddyklinik ist besonen Sucht heilen zu lassen? Alkohol, ders für Frauen gefährlich – die Seite Drogen, Medikamente und Sex… bietet nämlich nach einer erfolgreich Hauptsache immer schön süchtig abgeschlossenen Behandlung den sein. Aber jetzt kann man auch als Kauf des geheilten Teddys an. Na Normalsterblicher endlich mal selber dann nichts wie ran, Professor Doktor spielen. In diesem Fall hanKindermann. delt es sich bei den Patienten nicht Weitere Info unter: um Britney, Robert und Co, sondern www.parapluesch.de um Kuscheltiere, an denen man sein


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christina nigg: die kunst des gebens Christina, du warst die erste Schweizer Boxweltmeisterin überhaupt, Profiboxen war damals für Frauen noch nicht einmal zugelassen. Wie schwierig war es, diese Regeln zu brechen?

Ich war 1996 die erste weibliche Amateurmeisterin der Schweiz, auf Profiebene gab es damals noch keine Boxkämpfe für Frauen. Nach einer kurzen und steilen Karriere als Amateur musste ich mir daher in Amerika eine Lizenz lösen, um ins Profilager zu wechseln. Das war natürlich eine etwas schizophrene Situation, als Schweizerin mit einer amerikanischen Lizenz anzutreten! Dieser Umbruch verschaffte uns damals aber eine starke Medienpräsenz für den Weltmeisterschaftskampf. Frauen arbeiteten als Banker, Manager und Ärzte, man konnte wohl einfach nicht glauben, dass es immer noch Felder gab, in denen den Frauen die Ausübung einer Tätigkeit auf professioneller Ebene untersagt war. Man ging davon aus, das weibliche Geschlecht sei den kör-perlichen Belastungen eines Boxkampfes nicht gewachsen, oder?

Mittlerweile führst du ein Fitnessstudio und managst junge Talente. Ausserdem trainierst du deinen Sohn, der ebenfalls boxt.

Genau und darin bin ich wohl auch die erste Frau (lacht)! Es gibt haufenweise Väter, die ihre Söhne trainieren, aber Mütter… Würdest du nicht manchmal gerne selbst in den Ring steigen, wenn einer dem eigenen Sohn zu kräftig auf die Nase haut?

Nein, das läuft alles ganz professionell. Ich habe meine Rolle als Mutter und die der Trainerin, das muss man ganz klar trennen. Als Coach versuche ich, ihm während des Fights Ruhe zu vermitteln, aber im Ring ist er natürlich auf sich selbst gestellt. Wenn man nicht daran glaubt, dass ein Boxer den Kampf übersteht, sollte man ihn nicht kämpfen lassen. Das Interesse am Frauenboxen ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Liegt das am Sport selbst oder vielleicht doch eher an den optischen Vorzügen gewisser Boxerinnen?

Ich denke, Frauen mussten in jedem Sport irgendwie auch optisch überzeugen, um Aufmerksamkeit zu Das ist lächerlich. Die Ärzte des Ver- erlangen. Aber das ist eigentlich bei bandes wehrten sich schon damals den Männern nicht viel anders. Wir gegen dieses Argument, Frauen sei- Frauen beurteilen Fussballer ja en physisch und psychisch nicht in schliesslich auch in erster Linie nach der Lage, zwölf Runden zu überste- ihrem Aussehen (lacht)! hen.

Boxerin, Mutter, Trainerin, Frau: Christina Nigg weiss sich zu behaupten

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or zwölf Jahren stieg Christina Nigg als erste Schweizer Boxerin in den Ring. Nur zwei Jahre später holte sie sich den Weltmeistertitel im Superfedergewicht. Seit ihrem Rücktritt aus dem Profisport im Jahr 2000 arbeitet Christina als Sportmanagerin, Boxtrainerin und leitet Boxtrainings in einem Fitnessstudio. Christina empfängt uns in ihrer Wohnung in Thun. Nach einem erwartet festen Händedruck führt sie uns in ihr Wohnzimmer, wo Kater Rocky uns gelegentlich um die Beine streicht.

Konntest du vom Geld leben, das du mit dem Boxen verdientest?

Nein, ich habe nebenbei immer gearbeitet und die Kinder gross gezogen. Wie reagierten denn deine Kinder damals, wenn Mama wieder mal mit Nasenbluten und blauem Auge von einem Kampf nach Hause kam?

Das kam eigentlich nie vor. Ich kam selten mit schweren Blessuren nach Hause. Boxen ist die Kunst des Gebens, nicht des Nehmens (lacht)! Die Wettkampftrainings waren meist härter als der eigentliche Kampf selbst, da ich dort immer gegen Männer boxte.

Christina Nigg, 47, ist gelernte Physiotherapeutin und arbeitet heute als Sportmanagerin und Co-Geschäftsstellenleiterin LMP der Novitas Treuhand AG in Bern. Sie lebt in Thun und arbeitet in Bern. Ihre Vorbilder sind Mohammad Ali, Oscar de la Hoya und Oleg Saitov. www.christina-nigg.ch Text und Interview: Rainer Brenner Foto: Daniel Tischler


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Kinki Magazine - #5