

KÖNIGSPOST
IM WANDEL
IN DIESER AUSGABE
Vorwort
Unsere Fotografie
Braun, wie der Sand, wie die Sonne, wie die warmen braunen Augen meiner Vorfahren
Was passiert, wenn ein Land, das Gleichheit verspricht, dir gleichzeitig signalisiert, dass du nicht dazugehörst? Ein persönlicher Essay über Herkunft, Selbstbild und die Macht verletzender Rhetorik.
RIEMWIMMER
Provokante Aussagen
Warte mal - hat er das wirklich gesagt? Merz’ Aussagen zur Migration zeigen, wie schnell rechtsextreme Narrative in der Mitte ankommen.
STEFANNAWATHE
Die Rüstungsdebatte: „Zeitenwende" für Deutschland?
Zwischen „Frauen für Rüstung“ und „Leben, Freiheit“ offenbart sich eine Stadt, die um Antworten ringt. Die Debatte über Militarisierung trifft auf alte Ängste, neue Bedrohungen und eine Jugend, die sich fragt, was sie dem Staat schuldet - und was nicht.
CAOIMHE WILSON
Meta’s Zensur von queeren Inhalten
Von Berlin bis Bangkok werden queere Accounts gelöscht, ohne Erklärung und ohne Verantwortung. Was wie ein technischer Fehler wirkt, entpuppt sich als globales Muster digitaler Ausgrenzung.
FRIDAFOEHR
Phantomlehrer:innen im Baden-Wüttemberg
IT-Skandal in Baden-Württemberg: Wie die schlecht gemanagte Digitalisierung eine ganze Generation von Lehrer:innen beeinträchtigt hat.
GRACEHODSON
KÖ/AW25/1
Warum Berlin an ihre Grenzen stößt
Die Mieten steigen, die Wohnungen verschwinden - und mit ihnen das Berlin, das wir kennen. Dieser Artikel erklärt, warum die Stadt an ihre Grenzen stößt.
JACOBHESSION
Die Gentrifizierung Neuköllns
Neukölln erzählt die Geschichte einer Gemeinschaft, die den Bezirk geprägt hat - und einer Gentrifizierung, die ihn Stück für Stück neu schreibt.
LILYDAVIES
Marktplatz der Gefühle
Dating-Apps haben Partnersuche in ein System aus Auswahl, Vergleich und Austauschbarkeit verwandelt. Doch zwischen Kommerzialisierung und Freiheit verhandeln wir Nähe heute neu - persönlicher, riskanter und komplexer als zuvor.
LAETITIAGRÄBER
Wechselnde Jahrzeiten und psychische Gesundheit: Wie man den Londoner Winter übersteht
Wenn die Sonne um 16 Uhr untergeht und die Stimmung gleich mit: So schützt Ihr Eure mentale Gesundheit durch den Londoner Winter.
FLORABONZEMBA
Kulturkompass: Unsere Empfehlungen
Galerien, Natur, Kulturorte: Wir haben die besten Kulturmomente für Euch rausgefiltert. Alles, was man unbedingt gesehen, gehört oder erlebt haben sollte.
JACOBHESSION&STEFANNAWATHE
Königspost Kreuzworträtsel
IM WANDEL

VORWORT
Wir haben uns im ersten Studienjahr kennengelernt - beide im Fach Deutsch - und seitdem schon an verschiedenen Uni-Projekten zusammengearbeitet. In diesem Jahr wollten wir jedoch einmal aus dem vertrauten Seminarrahmen ausbrechen und uns einer neuen, gemeinsamen Herausforderung stellen. Die Idee, die Königspost herauszugeben, fühlte sich für uns beide sofort richtig an: eine Mischung aus unserer Begeisterung für Magazine und dem Wunsch, uns kreativ auszudrücken.
Als Oberthema haben wir „Im Wandel“ gewählt. Denn es lässt sich nicht leugnen: Unsere Welt verändert sich rasant. Ob gesellschaftliche Verschiebungen, technologische Entwicklungen, neue Formen von Beziehungen oder der Einfluss digitaler Medien - Wandel prägt unseren Alltag auf vielfältige Weise.
Umso mehr freuen wir uns über die Beiträge zu dieser Ausgabe: Studierende aus ganz unterschiedlichen Studienrichtungen, mit diversen Interessen und Perspektiven, haben unseren Themenschwerpunkt auf überraschende Weise bereichert. Es sind Texte entstanden, die sowohl neue Einblicke ermöglichen als auch bekannte Themen aus ungewohnten Blickwinkeln beleuchten.
Besonders wichtig war uns dabei die kreative Freiheit. Diese Offenheit spiegelt sich in der Vielfalt der Beiträge wider - in Form, Inhalt und Ton. Ebenso zentral war die visuelle Gestaltung des Magazins. Deshalb freuen wir uns sehr, dass unsere Designerin Lily diesem Projekt ein einzigartiges Erscheinungsbild verliehen hat.
Wir wünschen viel Freude beim Lesen - und hoffen, dass diese Ausgabe ebenso zum Nachdenken anregt, wie sie uns in der Entstehung inspiriert hat.

UNSERE FOTOGRAFIE
Maidie McCloud ist eine Berliner Fashion- und Porträtfotografin, die inzwischen in London studiert. Sie startete ihre kreative Karriere, indem sie das Berliner Nachtleben dokumentierte, bevor sie am Lette-Verein Fotografie studierte. Später verband sie an der UAL ihre Porträts mit Elementen der Art Direction und entwickelte so eine klare, zeitgemäße Bildsprache. Ihre Arbeiten ziehen sich unaufdringlich, aber prägend durch dieses Magazin und geben dem Heft einen visuellen Rhythmus, der Inhalt und Atmosphäre miteinander verbindet.
Digitale Aufnahmen von Lily Davies & Jacob Hession aus ihrem Auslandsjahr runden den Artikel ab.

BRAUN, WIE DER SAND, WIE DIE SONNE, WIE DIE WARMEN BRAUNEN AUGEN MEINER VORFAHREN
Im Oktober hörte ich es, es traf mich wie ein zufälliger unvorhergesehener Schlag in die Magengrube, doch mal ganz ehrlich, war es wirklich unvorhergesehen?
Ich stellte mich vor den Spiegel, ja braune Augen, braune Hautfarbe und braune Haare - ganz eindeutig Auch wenn das Land meiner Vorfahren viele Zuwanderer in den Jahrtausenden seitdem es existierte, hatte: Griechen, Römer, Osmanen, Franzosen und Briten, bei mir hatte es nicht angeschlagen, ich war einfach nur Braun! Von außen jedenfalls, bestimmt war in meiner DNA auch ein klein wenig noch andere Farbe vorhanden? Ja! Ganz bestimmt!
Moment mal, warum sollte ich das überhaupt wollen? Warum wollte ich jemandem versichern, dass ich nicht „nur “ braun bin Meine Augen
KÖ/AW25/5
sind braun, wie der Großteil der Bevölkerung, herzlich, warm und gastfreundlich. Meine Haare sind braun, wie die Farbe des Sandes, das etwa 96 % das Land meiner Vorfahren ausmacht. Meine Haut ist braun, um den Sonnenstrahlen, die in der Hauptstadt im Winter 9,7 Stunden scheint und im Sommer sogar bis zu 14,5 Stunden scheint, stand halten zu können. Da wäre es unlogisch eine hellere Hautfarbe haben zu wollen! Oder?
Auch wenn es als unstreitbares Schönheitsideal im Land meiner Vorfahren gilt: Je heller die Haare, die Augenfarbe und die Haut, desto schöner der Mensch - oder ist das nur ein fieser Streich, den die Kolonialisten noch in das Unterbewusstsein meiner Vorfahren einbrannten, bevor sie Ägypten nach längeren Aufenthalt verließen? Oder vielleicht war die Warnung von
Frantz Fanon aus seinem Buch Die verdammten der Erde unvermeidlich?
Nein, zurück zu meinem Monolog vor dem Spiegel, ich bin braun, es ergibt mehr Sinn, ändern kann ich es nicht. Davor hatte mich damals mein Vater gewarnt, in dem wohl einzigen Brief, den er jemals per Hand an mich schrieb, er wollte es mir für alle Ewigkeit Schwarz auf Weiß mitgeben: „Man wird dir deine Herkunft immer ansehen, auch wenn du deine Haare färbst oder Kontaktlinsen trägst, was machst du dann mit deiner Hautfarbe?“, schrieb er, als ich ihm kurz nach meinem ersten Studium in Ägypten, mitteilte, ich wolle im Ausland mein Leben fortführen.
Also, noch mal zurück zum Jetzt, da starrte mein braunes Gesicht mich an, es irritierte mich plötzlich. Was mein
Wesen und meine Seele anging, da war ich kein bisschen verwirrt, das war leicht zu beschreiben: Liebend, großzügig, verzeihend und wissbegierig.
Doch plötzlich kam im Oktober dieser Schlag, mein Aussehen störte das Stadtbild? Oder bedrohte das Stadtbild sogar? Sind es die Locken? Sind sie manchmal zu wild? Ich kann nichts dafür, naja aber dagegen, ich kann sie so lange beheizen, bis sie geglättet sind und ihren widerspenstigen Geist aufgeben, glatte Haare finde ich auch wunderschön. Doch ist es damit geschafft? Fühlen sich die Töchter des Landes dann sicherer, Herr Merz?
Wie schade eigentlich Herr Merz, dass ich, obwohl ich mir so viel Mühe gegeben hatte mich in Deutschland zu integrieren, die Sprache aufsog, bis ich sie teils sogar besser beherrsche als meine eigene Muttersprache, jede bürokratischenatürlich absolut sinnvolle - Hürde, auf rechtlichem Weg gemeistert habe, dass ich nicht zu den Töchtern des Landes gehöre. Ich wage zu behaupten, ich habe Deutschland mit aufgebaut und zu einem friedlicheren Ort mitgestaltet Stets fleißig, eine Zeit lang mit meinen Sprachkenntnissen in Kitas ausgeholfen, an der Universität zu Hamburg, und sogar im MaxPlanck-Institut für ein Jahr als Studentin mich und meine Qualifikationen bewiesen Als die Migrantenwelle in Deutschland ankam, half ich verzweifelten Menschen, die gegen ihren Willen alles zurücklassen mussten, sich in Deutschland zu integrieren, um Ärzte,
Riem studiert Geopolitik an der KCL. Davor hat sie sich einige Jahre in Deutschland mit dem Nahen Osten wissenschaftlich beschäftigt. Ursprünglich kommt sie aus Ägypten, wo sie den Arabischen Frühling miterlebt habe. Dadurch entstand ihr Interesse für die Politik und die Geschichte der Region. Sie hofft, mehrFriedenindieWeltbringenzukönnen.
Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Angestellte im öffentlichen Dienst zu werden… Oh nein, vielleicht war jetzt dieser letzte Absatz doch nicht so gut, ich meine das sind doch diejenigen, die ja trotzdem einfach in den störenden Topf mit reingeschmissen wurdenauch wenn Herr Merz versucht hat es im Nachhinein zu revidieren - genau wie ich.
Ganz ehrlich, dabei bewundere ich das Deutsche politische System doch - naja für Angela Merkel werde ich immer eine tiefe Bewunderung empfinden, und ich vermisse sie zurzeit sehr!
Als ich als Teenager in Ägypten aufwuchs erfuhr ich eine andere Staatsform, ich wurde nicht mit dem Privileg einer deutschen Staatsangehörigkeit geboren, ich musste mir diese „Auszeichnung“ hart erarbeiten und beweisen, dass ich ihrer würdig bin. Ich bewundere den deutschen sozialen Rechtsstaatjedenfalls so wie er Schwarz auf Weiß für die Bevölkerung versprochen wurde. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt. […] Alle Menschen sind vordem Gesetz gleich“. Bitte, wer könnte sich in so ein
ideales Versprechen nicht sofort verlieben und sich ein Leben lang damit binden wollen und einfach nur Ja sagen?
Da ich sowieso eine hoffnungslose Romantikerin bin, war das bei mir der absolute Fall. Viele Tugenden, wie Pünktlichkeit, Gesetze und Regelungen haben mich in Deutschland teils sogar mehr beeindruckt, als ich es erwartet hätte, als ich das erste Mal in Deutschland Fuß setzte.
Oder bin nur ich es, deren Herz aufgeht, wenn sie über das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen liest, welches im Allgemeinen ein Verbot gegen eine Monopolerschaffung gilt. Monopole können ärmere Schichten der Gesellschaft bis zum Existenz Minimum drängen, die Menschen Würde hat mehr verdient als um die Existenz täglich kämpfen zu müssen.
Was ich damit sagen wollte, die Worte von Herr Merz haben mich verletzt, ich bin stolz wie meine Vorfahren auszusehen, es hat mehrere Jahre gedauert, bis ich es sein konnte, als Frau ist das sowieso nicht einfach. Jahrelang habe ich an meinem Charakter geschliffen, nichts als selbstverständlich genommen und viel Kraft in meinen akademischen Lebensweg gesteckt. Lieber Herr Merz, der Satz, der heraus geschossen kam wurde „heiß“
KÖ/AW25/6
diskutiert, wie es in jeglichen Berichten zu lesen war, doch ganz so unvorhersehbar war er nicht, denn leider liegen Ihre Schwerpunkte der Politik nicht da, wo ihre Bevölkerung Sie wirklich braucht, fragen Sie DIE doch mal?
Außerdem wette ich mit Ihnen,
sollten wir mal in einem LächelnWettbewerb gegeneinander antretenich will Sie ja jetzt nicht verletzen, aber neben meinen hart erarbeiteten Berufs und Lebensqualifikationen habe ich mit meinem Lächeln schon eiskalte Herzen erwärmt, verlorene Herzen zur Sicherheit gebracht und verängstigte Herzen beruhigt - ich

wüsste nicht was an meinem Aussehen störend für das Stadtbild sein sollte… naja seit September bin ich eh nach England gezogen, um meinen akademischen Werdegang zu erweitern, man muss ja auch mal woanders das Stadtbild „stören“…
RiemWimmer KÖ/AW25/7
PROVOKANTE AUSSAGEN
mal Was hat er gesagt?
Für manche mögen die von Bundeskanzler Friedrich Merz geäußerten Aussagen über das deutsche Stadtbild eine unerwünschte Erinnerung daran gewesen sein, dass die aktuelle Bundesregierung mit Rechtsextremismus flirtet Für andere mögen sie durchaus akzeptabel gewesen sein Nachdem Merz das Problem „im Stadtbild“ mit Migration verbunden habe, widersprachen ihm viele Abgeordnete der Linken, Grünen und sogar der Regierungspartei SPD Als er später zum Thema Stadtbild zurückkehrte, um zu erklären, was er damit gemeint habe, bekräftigte er seine Aussage und betonte, er habe nichts zurückzunehmen Tatsächlich verschärfte er seine Position sogar, alsr den Schutz von Frauen vor männlicher Gewalt ins Spiel brachte,
um seinen Punkt zu untermauern.
Im Gegensatz zu Merz besteht das eigentliche Problem darin, dass diese Aussagen eine Normalisierung rechtsextremer Ideen demonstrieren, die schon offensichtlich im Gedankengut der Regierung eingebettet sind. Das Kernproblem ist es, dass diese Aussagen der Regierung vielleicht auch der Strategie der Rechtsextremen geholfen haben.
Aber was sind diese Ideen? Und was ist diese sogenannte Strategie?
Es ist zunehmend wahrscheinlich, dass man ein Video auf Instagram oder TikTok gesehen hat, in dem behauptet wird, dass Migranten dabei sind, das Land zu übernehmen.
Auf Sozialen Medien ist es möglich, Posts zu sehen, die solche Probleme
„Fragen Sie Ihre Kinder, fragen Sie Ihre Töchter, fragen Sie im Freundesund Verwandtenkreis. Alle bestätigen, dass das ein Problem ist.
mit Einbruch der Dunkelheit.“
Friedrich Merz
des Landes den Migranten zuschreiben. Es gibt sogar YouTube Videos, die ein großes Narrativ beschreiben, indem Migranten von außen nach Europa kommen, um Europäer zu ersetzen. Kurz gesagt beschreiben sie, was vermutlich schon bekannt ist, die Verschwörungstheorie Le Grand Remplacement.
Le Grand Remplacement heißt auf Deutsch „Der Große Austausch“, aber wurde vom französischen Schriftsteller Renaud Camus zuerst eingeführt. Es wirkt zusammen mit anderen Theorien wie dem „Weiße Genozid“ um ein Narrativ zu schaffen, indem hauptsächlich braune oder muslimische Migranten in europäische Länder kommen und durch höhere Geburtenrate, die weiß dargestellte einheimische Bevölkerung ersetzen.
Als Konsequenz fordern viele rechtsextreme Parteien und zivilgesellschaftliche Gruppen eine Politik der Remigration, d.h. am wenigsten extrem eine Rückführung neuer Migranten und Flüchtlinge und im Extremfall die Ausweisung jedes Migranten, jeder Person mit Migrationshintergrund oder ausländisch aussehenden Person.

Diese Ansichtsweise gibt es europaweit, aber die betreffende Lösung der Remigration ist besonders relevant für Deutschland, weil sie ein Hauptpunkt der rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD) ist und weil es in dem letzten Monat zu einem aktuellen Thema mit den von Merz gemachten Aussagen wurde.
Moment mal
Es wird nicht behauptet, dass Merz nun rechtsextrem ist Was wichtiger aufzuzeigen ist, ist wie er rechtsextreme Ideen normalisiert, obwohl er kein Verschwörungstheoretiker ist Sowohl Mitglieder anderer Parteien als auch ein großer Teil der deutschen Bevölkerung beschuldigen Merz und die CDU, die Meinungen und die Politik der AfD zu sehr anzunehmen Das Ziel
KÖ/AW25/9
für den Bundeskanzler und seine Regierung ist natürlich die Unterstützung derjenigen, die mit der AfD einig sind, zu gewinnen und zu pflegen. Leider, auf der anderen Seite gibt es auch die Gefahr, dass Merz genauso das macht, was die AfD will, damit sie nächstes Mal in die Regierung kommen können
Wenn Merz, als Bundeskanzler und eine der bekanntesten Figuren Deutschlands, diese oben genannten provokanten Aussagen macht, könnten zwei gefährliche psychologische Phänomene passieren. Erstens, weil er Bundeskanzler ist, hat er Autorität, und wenn er mit Autorität über Migration spricht, werden Leute zuhören. Diese Autoritäts- oder Halo-Verzerrung erklärt die Tendenz, dispositionelle oder persönliche Faktoren überzubewerten und situative
Faktoren zu vernachlässigen Da Merz als kompetent, wohlhabend und autoritativ wahrgenommen wird, neigen mehr Menschen dazu, seine Aussagen für wahr zu halten - auch dann, wenn diese politisch gefärbt sind oder inhaltliche Überschneidungen mit AfDPositionen haben
Zweitens, weil Merz seine Aussagen verstärkt und verschärft hat, ist was er am Anfang gesagt hat, jetzt nicht so überraschend oder wichtig, wie vorher, weil die zweite noch provokantere Aussage die erste desensibilisiert hat. Dieser Prozess verändert die kollektive Wahrnehmung der Akzeptabilität solcher Ideen, was bedeutet, dass die kollektive Politik der Bevölkerung auch verändert werden kann. Anders gesagt, ist das „Overton-Fenster“, oder das, was politisch akzeptabel zu sagen ist, nach rechts geschoben
Einfach ausgedrückt ist das hier die Strategie des Rechtsextremismus
Durch die Aneignung der metapolitischen Theorie des italienischen Marxisten Antonio Gramsci, wollen die extreme Rechte die Kultur beeinflussen, damit ein politisches Klima geschaffen werden kann, in dem es wahrscheinlicher ist, dass sie die Macht übernehmen können Um das zu erreichen, müssen provokante, aber „anschlussfähige” Aussagen gemacht werden, die die Grenzen der Sagbarkeit erweitern, während sie gerade noch akzeptabel bleiben, damit sie nicht als zu radikal verurteilt sind. Ich verwende hier die Vokabeln des österreichischen rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner, der in seinem Buch „Regime Change von Rechts“ diese Strategie für uns skizziert hat, weil es wichtig ist, die bewussten Maßnahmen der Rechten zu verstehen, um diese Taktiken im Alltag zu erkennen
Und jetzt ist es hoffentlich eindeutiger, warum die „Stadtbild“ Aussagen nicht nur problematisch waren, weil sie rechtsextrem klangen, sondern weil sie die rechtsextreme Strategie der Normalisierung fördert Es ist nicht nur gefährlich für die Regierung, Aussagen zu machen, die gegen einen großen Teil der Bevölkerung schädlich sind, sondern es ist auch einfach politisch ungeschickt, einer der radikalsten Parteien Europas in die Hände zu spielen
„Anschlussfähige Aussagen”
Das ist leider keine einmalige Sache, besonders für Merz, der schon seine Bereitschaft mit der AfD zu arbeiten zeigte, als er am Anfang des Jahres versuchte, ein Gesetz mit den
Stimmen der AfD zu verabschieden Und leider kann man sich vorstellen, dass es noch in der Zukunft passieren wird, weil die AfD nur Zuversicht aus den Aussagen von Merz schöpfen können Was man nicht machen sollte, ist die Hoffnung zu verlieren, oder zu denken, dass diese Situation bedeutet, dass die AfD schon gewonnen hat, weil sie das Ohr des Bundeskanzlers hat. Dieses politische Klima ist immer noch wechselhaft Die Hoffnung ist, dass durch eine Aufdeckung des alltäglichen Rechtsextremismus, die Normalisierung dieser Ideen bekämpft werden und ein sicheres Klima für alle geschaffen werden kann
StefanNawathe
Stefan ist Student im letzten Studienjahr, der Deutsch und Spanisch mit einem Auslandsjahr studiert. Während seines Auslandsaufenthalts in München belegte Stefan Module in Politikwissenschaft und politischer Literatur, die ihm die Perspektive für diesen Artikel eröffneten. Nach den „Stadtbild“-Äußerungen von Merz sah Stefan eine Gelegenheit, die Theorie zu diskutieren, die er in München recherchiert hatte und die er auch in seiner Dissertation weiter untersuchen möchte, in der er die normalisierenden Effekte des Intellektualismus der extremenRechteninDeutschlanduntersuchenwird.
KÖ/AW25/10
DIE RÜSTUNGSDEBATTE: „ZEITENWENDE" FÜR DEUTSCHLAND?
KÖ/AW25/11

Man kann in Berlin viel über die politische Stimmung erfahren, wenn man die Aufkleber an Bushaltestellen, die Notizen auf Parkbänken und die Graffiti in öffentlichen Toiletten liest. Die Damentoilette des Instituts für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität bildet hier keine Ausnahme. Eine neue Ergänzung des dortigen Schriftmosaiks war der Slogan „Frauen für Rüstung“ - ein deutiger Bezug auf die aktuelle Debatte um die (Re)militarisierung. Die Wiedervereinigung und das Ende des Kalten Krieges ermöglichten zunächst eine entspanntere Haltung gegenüber dem Militär, aber Russlands Krieg gegen die Ukraine hat die Situation grundlegend verändert. Infolgedessen wurde der Verteidigungshaushalt massiv erhöht: von 53 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf 86 Millionen Euro im Jahr 2025, mit einem geplanten Anstieg auf 108,2 Milliarden Euro im Jahr 2026. Das blieb nicht ohne Kontroversen: Der Slogan in der Toilette wurde mit dicken Linien durchgestrichen und durch „[Frauen] Leben, Freiheit“ ersetztdie Parole der iranischen Frauenrechtsbewegung. Was
„Man kann in Berlin viel über die politische Stimmung erfahren, wenn man die Aufkleber an Bushaltestellen, die Notizen auf Parkbänken und die Graffiti in öffentlichen Toiletten liest.“
Women, Life, Freedom mit der Debatte um die Militarisierung zu tun hat, ist auf den ersten Blick unklar, doch „Rüstung“ ist nicht das einzige politische Thema - und keineswegs das präsenteste. Diese Rolle nimmt der Krieg in Gaza ein. In jeder Kabine findet sich pro-palästinensisches Graffiti - wie nahezu überall in der Stadt. Unterstützung für Israel ist seltener, aber vorhanden: Unter „From the river to the sea“ steht etwa „Antisemiten runter vom Campus“. Der Konflikt im Nahen Osten dominiert derzeit den gesellschaftspolitischen Diskurs in Berlin. Zwar überschneidet er sich in

Teilen mit der Militarisierungsdebatte, doch ist er zu komplex, um hier behandelt zu werden. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass die Wände Berlins - ob in Toiletten, Bars oder Schulen - einen deutlichen Überblick über den aktuellen politischen Diskurs bieten.
Die Entscheidung der Bundesregierung, den Verteidigungsetat deutlich zu erhöhen, spiegelt sowohl eine wechselnde internationale Lage als auch veränderte Einstellungen im Inland wider. Nach der Invasion der
Caoimhe ist Studentin der European Studies und verbringt ihr Auslandsjahr derzeit in Berlin. Mittlerweile beschäftigt sie sich mit politischen und sozialen Unterschieden – etwa zwischen Berlin und dem übrigen Osten Deutschlands – sowie mit intergenerationellen politischen DifferenzenundTrends.
Ukraine erklärte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner „Zeitenwende“-Rede den russischen Angriff zum historischen Wendepunkt für Europa. In einem späteren Essay argumentierte er, Diplomatie gegenüber Russland sei gescheitert seine Bundeskanzler für Verschärfung dem versprach stärksten Jens drückte seine erklärte: ernst genommen”.
Befürworter der Aufrüstung betonen oft häufig die Verantwortung Deutschlands gegenüber seinen Verbündete. Im Juni betonte Merz die Bedeutung, ein verlässlicher Partner zu sein und argumentierte, der erhöhte Verteidigungsetat sei ein
Dringlichkeit, nicht zuletzt angesichts der Wiederwahl Donald Trump, der

Deutschlands geringe Verteidigungsausgaben mehrfach kritisiert hat. Merz betonte auf dem


stattdessen auf Aggression.
Meiner Meinung nach ist es besser, auf eine mögliche Eskalation vorbereitet zu sein, als das Beste zu hoffen und überrascht zu werden.
Vielleicht sollte Deutschland sich Länder wie Finnland und Estland ansehen, die sich intensiv auf den möglichen Kriegseintritt mit Russland vorbereiten. Zudem ist es wichtig zu verstehen, dass Kriege unter bestimmten Umständen auch kollektive Vorteile bringen können: hätte die Allianz im Zweiten Weltkrieg nicht gekämpft und schließlich gewonnen, wäre die Welt heute eine schlechtere. KÖ/AW25/15
Die uralte Frage bleibt schwer zu beantworten: Wie viel darf man vom Einzelnen erwarten, das er oder sie für den Staat und für die Mitmenschen aufgibt? Die Jugend? Die berufliche und akademische Zukunft? Das eigeneLeben?
Doch wiederum stellt sich die Gegenfrage: Welches Leben wäre überhaupt möglich, wenn wir nicht kämpfen, wenn wir Russland in einem hypothetischen zukünftigen Krieg gewinnen ließen? Welche Zukunft bliebe, wenn die westliche Demokratie endgültig unterlägen?

Dies sind die Fragen, mit denen sich die heutige Jugend auseinandersetzen muss; die Antwort könnte jedoch von Politiker:innen älterer Generationen kommen.
CaoimheWilson
META’S ZENSUR VON QUEEREN INHALTEN
Kollektive sind seit eh und je eine treibende Kraft von Inklusion und Kreativität inmitten unseres Nachtlebens. Sie bieten Partygänger:innen den nötigen Freiraum, abseits von Diskriminierung, für Identitätsbildung und Austausch. Und doch findet sich diese schillernde Facette des Nachtlebens nun in einer prekären Situation wieder:
Das Berliner Kollektiv Gegen hat neulich Kontakt mit dem Co-Chefredakteur der Königspost aufgenommen, um von ihrer Zwangslage zu berichten - ein Schicksal, das auch viele andere betrifft. Seit August dieses Jahres wurde das Instagram-Konto des Kollektivs zweimal gelöscht ohne weitere Erklärung. Der Grund? Angebliche „menschliche Ausbeutung“. Anschließend wurden drei weiteren Konten auf ähnlich undurchsichtige Art und Weise von der Plattform verbannt, aufgrund ihrer Verbindung zu Gegen.
Gegen’s Fall ist kein Isolationsfall. Rund um die Welt sind queere Kollektive aktuell von systematischen Instagram-Sperrungen betroffen. Sei es in Gegen’s Fall ist kein Isolationsfall. Rund um die Welt sind queere Kollektiven aktuell von systematischen Instagram-Sperrungen betroffen. Sei es in Paris, Bangkok, Helsinki, Amsterdam, Stockholm oder Santiago – queere Stimmen werden zum Schweigen gezwungen.

Aber warum sollte das einen überhaupt kümmern, was queeren Kollektiven momentan aufsozialenMedienwiderfährt?
Soziale Medien sind heutzutage das A und O, um queere Kollektive unter Menschen zu bringen. Es versteht sich von allein, dass auch im kulturellen Bereich die wirtschaftlichen Aspekte nicht ganz außen vor gelassen werden können: wie der Queerspiegel feststellt, sind soziale Medien oft „zentral für die Bewerbung von queeren Partys“, deren Besucher:innen ansonsten ausbleiben.
Tatsächlich ist es schwierig für queere Kollektive an Visibilität zu gewinnen, wegen der ephemeren Natur ihres Gewerbes. Kollektive haben nämlich keinen festen Standort, und organisieren eigenständige Parties. Im Gegensatz zu einem Nachtclub zum Beispiel haben sie also keine feste Klientele, die wöchentlich und mangels einer besseren Alternative, dasselbe Etablissement besuchen.
Dementsprechend ist mediales Interesse ausschlaggebend, um auf ihre eigenen Events aufmerksam zu machen und um diese Visibilität weiterhin einzubehalten. Yoann, Gründer und Veranstalter der Pariser Party Culottée, gibt außerdem zu bemerken, dass es sich bei seinem Kollektiv um kein Unternehmen handelt, sondern um einen Verein. Laut Yoann ist es oft schwierig, das nötige Geld zu mobilisieren, um rechtlich gegen solche Diskriminierungen vorzugehen, da der Cashflow seiner Organisation oft zwischen 2000 und 3000€ schwankt, ist es dementsprechend oft
„Queerer Stolz ist stärker als seine
Zensur.“
schwierig das nötige Geld zu mobilisieren, um rechtlich gegen gegen solche Diskriminierungen vorzugehen.
Wiekommtesdennüberhaupt zurMeta’svermeintlich queerfeindlichenFirmenpolitik?
Meta’s queerfeindliche Haltung lenkt schon seit einiger Zeit auf sich. Anfang 2025 kündigte Meta’s Vorstandsvorsitzender Zuckerberg in Unterstützung für Trump das Abschaffen von Faktenchecks und durch die Verminderung von Einschränkungen bei den Themen Migration und Geschlecht an - alles unter dem Deckmantel von erhöhter Meinungsfreiheit. Laut Meta’s Richtlinien sind seit Januar Unterstellungen von psychischer
Erkrankung oder Anomalien, wenn sie auf geschlechtlicher oder sexueller Orientierung basieren“ erlaubt. Der Forscher Thibault Grison, Professor and der Universität Lille, vermutet, dass es sich bei der Zensur von queeren Stimmen auf Instagram nicht unbedingt um ein absichtliches Bemühen handelt. Obwohl Meta laut ihm schon lange eine queerfeindliche und konservative Politik verfolgt, insbesondere in Bezug auf Sexualität, ist dies nicht unbedingt der Grund für die Sperrung einzelner Accounts.
Stattdessen sind algorithmische Verzerrungen laut des Forschers wahrscheinlicher: laut eines Transparenzberichts, veröffentlicht am 29. August 2025, sind Nacktheit und sexuelle Handlungen. Erwachsener die Hauptkategorie für

die Entfernung von Inhalten. Selbst wenn das Bild selbst keine Nacktheit zu erkennen gibt, können Schlüsselwörter (wie unter anderem Sex, queer, Kink, und schwul) dazu führen, dass der Beitrag gelöscht wird. Solche semantischen Felder werden nämlich benutzt, um Algorithmen zu „füttern“, die wiederum Beiträge auf der Plattform auf sensiblen Inhalt prüfen. Laut Grison sind diese Algorithmen allerdings auf homophoben Inhalt basiert. Infolgedessen kommt es zu einer Art Voreingenommenheit des Systems, da der Algorithmus nicht
zwischen einer Umdeutung unterscheidet. Meta sollte aber nicht unbedingt frei von Schuld sein, nur weil es sich bei der beständigen Zensur nicht um einen böswilligen und homophoben ContentModerator handelt, der sich, im digitalen Schatten. Dementsprechend ist Meta trotz allem verantwortlich für die Wirksamkeit der Algorithmen. Indem sich Meta nicht um die Eingrenzung von LGBT-Phobie auf seinen Plattformen kümmert, ist die Firma nämlich indirekt verantwortlich für das Aufkleinen
von queerfeindlicher Ideologie.
Wiegehtesweiter?
Nicht nur online, sondern auch im richtigen Leben, muss dieser Diskurs aufrechterhalten werden: Im Sommer 2022, auf Impuls des englischen Kollektivs Klub Verboten, versammelten sich rund 70 Personen in London, die von solchen Zensuren betroffen wurden - und das mit Erfolg: die Sperrung von fast 300 queeren und kinky Accounts wurde schlussendlich aufgelöst. In Paris wiederum hat sich der stellvertretende Bürgermeister Jean-Luc Romero persönlich mit Meta in Kontakt gesetzt, um Erklärungen für die willkürliche Unterdrückungen von LGBTQIA+ Accounts zu fordern.

Frida arbeitet momentan auf ein Zwei-Fach-Bachelor in "English Law and French Law" hin (King's College London und Panthéon-Assas Paris II). Obwohl sie derzeitig in Paris lebt, freut sie sich nächstes nach Berlin zu ziehen, um dort ein LL.M. im Rahmen der European Law School zu absolvieren. Seit Frida von Zuhause ausgezogen ist, ist sie ins Nachtleben eingetaucht - eine Szene die schon immer von queeren Gemeinschaften geprägt wurde. Dieser Schnittpunkt hat Frida dazu inspiriertüberdiesesaktuelleThemazuschreiben.
Es hilft mediale, plattformübergreifende Aufmerksamkeit bezüglich der wieder aufbrodelnden queerfeindlichen Tendenzen. LGBTQIA+ Stimmen sollten und dürfen nicht unterdrückt werden: wie Jean-Luc Romero nämlich zu bemerken gibt, ist queerer Stolz stärker als seine Zensur.
KÖ/AW25/18
FridaFoehr

PHANTOMLEHRER:INNENIM BADEN-WÜTTEMBERG
IT-Skandal in BadenWürttemberg - Wie die schlecht gemanagte Digitalisierung eine ganze Generation von Lehrer:innenbeeinträchtigthat.
In den letzten 20 Jahren hat die Digitalisierung fast alle Bereiche unserer Lebenswelt im Sturm erobert. In Ländern um die ganze Welt investieren Regierungen wegen Effizienz und Sicherheit, sowie zur Vereinfachung der Nutzung für den Einzelnen, massiv
KÖ/AW25/19
in die Online-Umstellung bürokratischer Systeme. Die Europäische Union ist eine der treibenden Kräften hinter diesem Wandel: Im Jahr 2019 hat die Europäische Kommission ihre neue digitale Strategie vorgestellt, die sich über mehrere Bereiche streckt, darunter Datenschutz, digitale Marktplätze, 5G und Glasfasertechnik.
Aber wo steht Deutschland in diesemZusammenhang?
Fragt ihr einen britischen Studenten, der einen Austausch in Deutschland absolviert hat, nach der deutschen Bürokratie, und er wird vor Entsetzen über die schmerzhaften Erinnerungen an den scheinbar endlosen bürokratischen Albtraum des Visumverfahrens schaudern. Es scheint, als ob diese Stereotypen nicht aus der Luft gegriffen sind. Laut DW News hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern beim Digitalisierungsprozess hinterher. Im EU Digital Economy

nahmen deutlich weniger Geld zu verdienen und keine Festanstellung an einer Schule zu haben – es ist wirklich ärgerlich.“ Hier sehen wir, wie sich dieses Versagen auf die Absolventen im wirklichen Leben ausgewirkt hat. Zu erfahren, dass man allein aufgrund eines veralteten Systems keine Stelle bekommen kann, führt natürlich zu Misstrauen unter den Lehramtsstudierenden. Ich habe sie gefragt, wie sich diese Nachricht auf ihre Einstellung gegenüber dem Schulungssystem ausgewirkt hat, und sie erklärte, dass sie sich von dem System, in das sie bereits so viel Arbeit investiert hat, enttäuscht fühlt und frustriert ist über den Mangel an Informationen, die den Studierenden gegeben werden:
„Es hat mein Vertrauen zutiefst erschüttert - man studiert in Deutschland fast ein Jahrzehnt, um Lehrer zu werden, um nur kurz vor dem Abschluss gesagt zu bekommen, dass man nach dem Referendariat ohne Arbeit da stehen wird, es ist extrem frustrierend und beängstigend“ zugleich.
Als Lehrerin an einem Gymnasium ist nicht direkt von dem IT-Ausfall betroffen. Die 1 044 Stellen sind für verschiedene Schulen vorgesehen. Das Regierungspräsidium hat aber nicht richtig geplant. Deshalb werden weniger Lehrer:innen für Gymnasien eingestellt. Außerdem wird erwartet, dass bis 2032/33 viele Lehrerstellen geschlossen werden.
Für Emma, die 2027 ihren Abschluss machen wird, ist das ein Albtraum. Die Regierung hat es schwer, Leute in Baden-Württemberg für den
Grace Hodson ist Studentin im vierten Jahr und studiert Französisch und Deutsch am KCL. Zu diesem Artikel inspirierten sie Gespräche mit ihrer deutschen Freundin Emma sowie ihre aktuellen Überlegungen zur Lage auf dem Arbeitsmarkt und zu den Herausforderungen, denen Absolvent:innen in Bezug auf Beschäftigung, Identität und psychische Gesundheit gegenüberstehen. Nach ihrem Studium am King’s College plant sie, in Deutschland einen MasterinEuropäischerGeschichtezuabsolvieren.
öffentlichen Dienst zu gewinnen. Emmas Meinung nach ist es ein „undankbarer Beruf“: keine sehr vielversprechende Aussicht für die Zukunft des deutschen Bildungswesens. Ich fragte sie, ob sie deshalb den Lehrerberuf aufgeben wolle, und sie antwortete widerwillig: „Ja. Und ich habe auch schon vor Abschluss meines Master of Education und Praxissemester bereits für mich entscheiden, dass ich diesen Beruf nicht weiterfolgenmöchte. Das Problem am Lehramt in Deutschland allgemein ist die Rigidität des Systems. Man könnte selbstverständlich in ein anderes Bundesland gehen – aber das bedeutet, besonders wenn es sich um eine verbeamtete Stelle handelt, das man kaum bis oder gar nicht mehr das Bundesland wechseln kann (das erzählt einem quasi niemand!)”.
Als das Land mit dem größten Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Europa ist es unerlässlich, dass Deutschland mit der sich ständig verändernden Welle der Digitalisierung Schritt hält. Wie wir gesehen haben, kann mangelnde
Aufmerksamkeit für dieses Thema katastrophale Folgen haben, angefangen bei den höchsten Machtpositionen in Deutschland bis hin zum Leben und zur Karriere seiner Studenten, die jahrelang für ein System arbeiten, auf das sie sich nicht mehr verlassen können. Um solche Misserfolge in der Zukunft zu vermeiden, muss Deutschland nicht nur seine technologische Infrastruktur modernisieren, sondern auch eine Kultur der digitalen Verantwortlichkeit und Transparenz auf allen Verwaltungsebenen fördern. In einer zunehmend vernetzten und datengesteuerten Welt hängt die Aufrechterhaltung des öffentlichen Vertrauens und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit von der Fähigkeit der Regierung ab, sich schnell anzupassen, Informationen verantwortungsbewusst zu verwalten und sicherzustellen, dass der digitale Fortschritt den Menschen wirkungsvoll und nachhaltig dient.
GraceHodson


BERLINMUSSREDEN:DIE WOHNUNGSNOTSPITZTSICHZU
steht seit Jahren unter Strom - und diesmal geht es nicht um Clubs, Kultur oder Chaos, sondern um etwas viel
Grundsätzlicheres: ein Dach über dem Kopf. Die Wohnungsnot, über die alle sprechen, ist längst kein abstrakter Zahlenkomplex mehr.
KÖ/AW25/23
Sie ist der Moment, in dem du eine Wohnungsanzeige öffnest, kurz hoffnungsvoll blinzelst und dann siehst, dass der 25-Quadratmeter-
Altbau am Stadtrand plötzlich 900 Euro warm kostet. Willkommen im Jahr 2025. Doch Wohnungsnot ist nicht nur ein ökonomisches
Problem. In einer Stadt wie Berlin berührt sie Identität, Zugehörigkeit, Nachbarschaft. Die Frage ist längst nicht mehr nur: Wie viel kostet eine Wohnung? Sondern: Wer darf hier eigentlich noch leben, und wer wird an den Rand gedrängt?
Waslosist:Zahlen,diewehtun
Fangen wir mit den harten Fakten an: Berlins Bevölkerung kratzt inzwischen an der 3,8-MillionenMarke und wächst weiter. 2023 wurden aber nur 15.900 Wohnungen fertiggestellt - deutlich weniger als die politisch geplanten 20.000, die politisch geplant waren. Gleichzeitig sind die Angebotsmieten innerhalb eines Jahres um über zwölf Prozent gestiegen. Der neue Durchschnitt liegt mittlerweile bei 15,74 Euro pro Quadratmeter. Für viele Berliner:innen fühlt sich das an wie ein schlechter Witz. Noch drastischer sieht es beim sozialen Wohnungsbau aus: 2024 wurden zwar rund 5.100 neue Sozialwohnungen bewilligt, aber der tatsächliche Fehlbestand liegt bei über 130.000. Selbst wenn alle politischen Ziele erfüllt würden, klafft die Lücke weiter. Kurz gesagt: Berlin baut, aber viel zu wenig, viel zu teuer, und viel zu langsam.
Warumdassoist:
Der Werkzeugkasten ist leer, die Probleme nicht die Ursachen sind ein ungemütlicher Mix. Erstmals explodiert die Nachfrage, weil Berlin immer noch magnetisch bleibt. Wirtschaft, Kultur, Startup-Szene, internationale Studierende - alle wollen hier sein. Dazu kommt, dass
„Wohnungsnot ist mehr als ein Preis –sie entscheidet, wer in dieser Stadt leben darf.“
immer mehr Menschen allein leben. Eine wachsende Stadt braucht mehr Wohnungen, nicht weniger.
Dabei spielen aber auch hohe Baukosten, Fachkräftemangel und endlose Genehmigungsverfahren eine bedeutende Rolle. Zu den Folgen gehört der wachsender Fehlbestand im unteren und mittleren Preissegment.
Darüber hinaus sind die Menschen, die zu diesem Segment gehören, oft am meisten betroffen.
Innenstadtlagen werden unbezahlbar, einkommensschwächere Haushalte weichen aus - zuerst nach Reinickendorf, dann nach Spandau, irgendwann vielleicht nach Brandenburg.
Die Debatten um das Tempelhofer Feld zeigen zusätzlich, wie verhärtet die Fronten zwischen Umweltschutz, Stadtentwicklung und Sozialpolitik geworden sind.
Was auf dem Spiel steht: Mehr als nurQuadratmeter
Die Folgen dieser Entwicklung sind sichtbar, hörbar, fühlbar:
Die soziale Mischung, einst Berlins Markenzeichen, löst sich langsam auf.
Wohlhabendere Haushalte bleiben im Zentrum, ärmere Gruppen werden in periphere Bezirke gedrängt. Pendelwege verlängern sich, CO₂-Belastungen steigen. Und mit jedem verschwundenen Kiez-Kiosk, Atelier oder Sozialprojekt bröckelt ein weiteres Stück Berliner Identität
Wohnungsnot ist damit nicht nur ein Problem des Geldbeutels.
Sie gefährdet das soziale Gefüge der Stadt - und damit das, was Berlin ausmacht: Vielfalt, Nähe, Überraschung, gelebte Nachbarschaft.
Was Politik und Verwaltung tunundwas(noch)nichtklappt
Jacob schließt dieses Jahr seinen Bachelor am King’s College London ab und konnte bereits erste Erfahrungen im Journalismus sammeln. Nach seiner Tätigkeit bei Holtzbrinck Berlin, wo er Panelgespräche und Konferenzen für Journalist:innen mitorganisierte, arbeitete er beim Berliner Groove-Magazin an FeatureArtikeln und Interviews. Zudem veröffentlichte er Texte im Strand Magazine und selbstverständlich in der Königspost. Besonders interessiert ihn, wie Clubkultur das Leben und die Identität der Menschen prägt, die in ihr Zuhause leben, und die Rolle, die diese Subkulturen in unserer Gesellschaft spielen. Langfristig möchte er einejournalistischeLaufbahneinschlagen.
Um der Wohnungsnot entgegenzuwirken, hat die Berliner Politik in den vergangenen Jahren ein breites Maßnahmenpaket geschnürt: Mietregulierungen, ausgeweitete Vorkaufsrechte, ambitionierte Neubauprogramme und erhebliche finanzielle Mittel750 Millionen Euro im Jahr 2023, ab 2024 sogar 1,5 Milliarden jährlich. Doch trotz dieser Anstrengungen bleibt die Wirkung begrenzt. Zwar können Mietregulierungen den Anstieg kurzfristig bremsen, gleichzeitig schrecken sie Investor:innen ab.
Die Neubauziele werden regelmäßig verfehlt, und wenn gebaut wird, dann häufig dort, wo es wenig zur Entspannung beiträgt: im oberen Preissegment.
Die Folge ist eine wachsende gesellschaftliche Unzufriedenheit,
sichtbar in Hausbesetzungen, Protesten und einer zunehmend polarisierten Debatte. Berlin sucht nach großen Lösungen, bekommt jedoch allzu oft nur kleine Pflaster.
Undjetzt?
Die Richtung ist klar, doch der Weg bleibt schwierig: Berlin muss kurzfristig entlasten und gleichzeitig seine Strukturen grundlegend
reformieren. Dazu gehören schnellere Genehmigungsverfahren, einmassiver Ausbau modularer und kommunaler Wohnungsbauformen sowie sozialpolitische Maßnahmen, die Verdrängung wirksam verhindern. Ebenso entscheidend ist eine echte, langfristige Durchmischung der Stadtquartiere - und das Bewusstsein, dass reine Marktmechanismen in Berlin seit Jahren versagen. Die Stadt kann diese Aufgabe nur bewältigen, wenn Staat, private Bauträger und Zivilgesellschaft gemeinsam handeln. Denn nur dann bleibt Berlin ein Ort, der für alle lebenswert ist.
Berlin war immer ein Ort, der Menschen aufgenommen hat, nicht ausgeschlossen. Eine Stadt, die Freiräume geschaffen hat. Eine Stadt, die Identität nicht gekauft, sondern erlebt wurde. Damit das so bleibt, braucht es Mut, Tempo und einen klaren Kompass in der Wohnungspolitik. Denn Wohnen ist mehr als ein Vertrag. Es entscheidet darüber, wer Teil dieser Stadt sein kann - und wer nicht.
JacobHession
KÖ/AW25/25

DIE GENTRIFIZIERUNG
Lily ist eine Studentin in ihrem letzten Studienjahr in Deutsch und Spanisch am KCL. Ihr Auslandjahr in Mexiko-Stadt und Berlin weckte ein tiefes Interesse an den Auswirkungen der Gentrifizierung und inspirierte sie dazu, darauf aufmerksam zu machen, wie dieses sich wandelndePhänomenGemeinschaftenaufderganzenWeltneugestaltet.
Neukölln
gilt als einer der vielfältigsten Bezirke Berlinsüber 40 % der Bewohner:innen haben einen Migrationshintergrund, darunter besonders viele Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln.
Diese demografische Zusammensetzung geht auf das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei im Jahr 1961 zurück, durch das viele Arbeitskräfte nach Deutschland kamen, um den Arbeitskräftemangel während des Wirtschaftswunders zu decken. Neukölln war damals ein günstiger Arbeiterbezirk mit hoher Wohndichte, in der Nähe großer Industriegebiete und des Flughafens Tempelhof in West-Berlin. Aufgrund dieser Lage war der Bezirk besonders zugänglich für viele der ankommenden Arbeitsmigranten, die vor allem in Fabriken, auf dem Bau oder im öffentlichen Dienst tätig waren.
Aber 1973 stellte die Bundesrepublik Deutschland die Anwerbung von Gastarbeiter infolge steigender Arbeitslosigkeit und einer wirtschaftlichen Abschwächung offiziell ein. Viele der bereits eingereisten Gastarbeiter:innen blieben jedoch im Land und holten später ihre Familien nach. Dieser Wandel von temporärer Arbeitsmigration zu dauerhafter Zuwanderung prägte Bezirke wie
Neukölln nachhaltig. Die türkischen Einflüsse sind bis heute im Alltag sichtbar. Türkische Bäckereien und Dönerläden prägen das Straßenbild. Die Şehitlik Moschee nahe dem Hasenheide Park ist ein bedeutendes kulturelles und religiöses Zentrum sowie der türkische Markt am Maybachufer ist ein lebendiger Ort, an dem viele Anwohner einkaufen. Zahlreiche türkische Supermärkte und weitere kulturelle Einrichtungen zeigen deutlich, wie stark die türkische Gemeinschaft zur Identität Neuköllns beigetragen hat.
Doch während Neukölln in den vergangenen Jahrzehnten stark von Migranten geprägt wurde, verändert sich der Bezirk zunehmend aufgrund von Gentrifizierung.
„Gentrifizierung ersetzt nicht immer das Alte, sondern schafft
parallele Welten, getrennt
durch Klasse, Sprache und Lebensstil.“
Mietpreise stiegen, was viele langjährige Anwohner, oft aus Arbeiterfamilien oder mit Migrationshintergrund, dazu zwang, ihre Wohnungen zu verlassen
Gleichzeitig zog Neukölln ein anderes Publikum an - junge Berufstätige, kreative und internationale Zugezogene Besonders in Vierteln wie Kreuzkölln und Schillerkiez eröffneten immer mehr Cafés, Bars, Co-working Spaces und kleine unabhängige Geschäfte. Besonders auffällig ist, dass in Neukölln unterschiedliche Welten direkt nebeneinander existieren können
Ein gutes Beispiel ist der Schillerkiez. Hier gibt es viele moderne Cafés, Bioläden usw aber nur ein paar Schritte weiter, auf der Hermannstraße, sieht es ganz anders aus. Dort findet man türkische Bäckereien, Handyläden und Supermärkte Diese Gegenden wie Hermannstraße sind kulturell sehr vielfältig und tief verwurzelt, aber sie bekommen nicht die gleiche Aufmerksamkeit und Investitionen wie beispielsweise wie der Schillerkiez
Neukölln ist einer der deutlichsten Beispiele für Gentrifizierung in Berlin. Die Entwicklung begann etwa 2008 nach der Schließung des Flughafens Tempelhof. Diese Zeit war ein Wendepunkt. Infolgedessen wurde der Bezirk attraktiver und die
Das zeigt: Gentrifizierung ersetzt nicht immer das Alte, sondern schafft parallele Welten, getrennt durch Klasse, Sprache und Lebensstil
LilyDavies
KÖ/AW25/27

MARKTPLATZ DER LIEBE
DieBeliebtheit von DatingPlattformen ist rasant gestiegen. Mit rund 300 Millionen Nutzer:innen weltweit sind Apps wie Bumble, Tinder oder Co. längst zentrale Werkzeuge der Partnersuche - egal, ob es um Romantik, Freundschaft, Nähe oder rein körperliche Begegnungen geht. Intimität war schon immer ein wichtiger Teil des sozialen Lebens, doch das digitale Zeitalter hat sowohl unsere Erwartungen als auch die Wege verändert, wie wir Nähe suchen. Noch vor gar nicht allzu langer
Zeit standen Beziehungen vor allem für Sicherheit und gesellschaftliche Pflicht. Ehe und Familie dienten wirtschaftlicher Stabilität, Liebe spielte oft nur eine Nebenrolle. Traditionelle Geschlechterrollen und patriarchale Normen bestimmten das Zusammenleben.
Heute sieht das etwas anders aus. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben die Globalisierung und Konsumkultur die Art und Weise, wie wir Intimität leben, grundlegend verändert. Dating-Apps erweitern die Auswahl an potenziellen
Partner:innen enorm und geben Menschen mehr Kontrolle über ihre Begegnungen. Gleichzeitig machen sie Beziehungen leichter austauschbar: Ein Swipe nach rechts oder links entscheidet. Beziehungen werden zunehmend flüchtiger, leicht eingegangen und leicht beendet und zudem jederzeit ersetzbar. Die Apps fördern eine Art Marktdynamik: Profile werden sorgfältig kuratiert, Nutzer:innen vergleichen, sortieren und bewerten potenzielle Partner in rasantem Tempo. Liebe wird zu etwas, das man konsumiert. Nähe wird zur Ware. Doch Menschen
Laetitia Gräber wurde in Berlin geboren und studierte in Rotterdam, Bangkok und London. Für ihre Bachelorarbeit führte sie Interviews mit jungen AfD-Wähler:innen und untersuchte dessen Aufstieg und die zunehmende Popularität der Partei. In ihrem Geopolitik-Master am KCL spezialisierte sie sich auf Konfliktforschung und Ressourcenmanagement, sowie postkoloniale und dekoloniale Ansätzen. Als Projektmanagerin bei einer renommierten NGO organisierte sie eine jährliche Veranstaltung, bei der Filmschaffende, Aktivist:innen und Entscheidungsträger:innen zusammenkommen, um auf aktuelle Konflikte und humanitäre Themen aufmerksam zu machen. Dort verantwortete sie unter anderem die Panels „Female Leadership: Less Conflict and More Prosperity“ sowie „How to Stop the Rise of the Far Right“
gewinnen mehr Freiheit, ihre Beziehungen selbst zu gestalten. Verhütung, neue Rollenbilder und eine offenere Haltung gegenüber Sexualität ermöglichen selbstbestimmte Partnerschaften. Dating-Apps lösen das Kennenlernen zudem aus dem engen sozialen Umfeld. Das ist besonders für Frauen wichtig, die nach wie vor Stigmatisierung bei romantischen Begegnungen erleben. Die Apps bieten dagegen Privatsphäre. Auch gerade für LGBTQ-Nutzer:innen sind Dating-Apps oft nicht nur ein Raum für Romantik, sondern auch für Gemeinschaft. DatingPlattformen geben vielen Nutzer:innen mehr Selbstbestimmung und Raum, sich selbst zu entdecken.
Jedoch bringen die Apps auch deutliche Risiken mit sich. Frauen berichten besonders häufig von abwertenden oder aggressiven Nachrichten. Die Anonymität des
Bildschirms senkt die Hemmschwelle. Gleichzeitig verlagern sich viele Begegnungen in private, schwer kontrollierbare digitale Räume, was das Risiko sexueller Übergriffe weiter erhöht. Auch soziale Ungleichheiten und rassistische Diskriminierung zeigen sich im digitalen Raum. Schwarze Frauen erleben oft Sexualisierung und erhalten häufiger Nachrichten, die auf abwertenden Stereotypen basieren. Dazu kommt das plötzliche Verschwinden von Partnern: Ein Klick kann eine emotionale Bindung abrupt beenden, mit Folgen für
Vertrauen und zukünftige Beziehungen.
Die Realität ist vielfältig. Für manche fördern Dating Apps oberflächliche Begegnungen, für andere eröffnen sie Wege zu echter Nähe, Freiheit oder einem Gefühl von Gemeinschaft. Für viele sind sie schlicht ein neues Werkzeug auf der Suche nach Liebe und Partnerschaft, mit größeren Auswahlmöglichkeiten und mehr Kontrolle über die eigene romantische Zukunft. Sie sind ein Spiegel unserer Gesellschaft, mit all ihren Chancen und Herausforderungen.
LaetitiaGräber
„Liebe wird zu etwas, das man konsumiert. Nähe wird zur Ware.“
WECHSELNDE JAHRESZEITEN UND PSYCHISCHE GESUNDHEIT: WIE MAN DEN LONDONER WINTER ÜBERSTEHT
Erwachsener freue ich mich längst nicht mehr auf den Winter. Angesichts der Sonnenuntergänge um 16 Uhr, der saisonalen Depressionen und des schlechten englischen Wetters fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass ich die langen Monate zwischen Herbst und Frühling genießen könnte. Das Vereinigte Königreich rangiert 2024 an vierter Stelle unter den Ländern mit dem höchsten Depressionsrisiko. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es trotz der offensichtlichen Auswirkungen der Kälte und der reduzierten Sonnenstunden auf unseren
Körper und Geist nicht unmöglich ist, den Winter psysisch zu überstehen. Da wir die Wintersonnenwende noch nicht erreicht haben und somit noch nicht mit den kürzesten Tagen des Jahres konfrontiert sind, halte ich es für ratsam, sich auf die möglichen Auswirkungen der langen, dunklen Tage und Nächte vorzubereiten.
Gesundheit bedeutet laut Duden körperliches und psychisches Wohlbefinden. Beides hängt zusammen - und gerade im Winter braucht es gepflegte Gewohnheiten. Viele der Tipps und Tricks, um psychisch stabil
durch den Winter zu kommen, beginnen bei der körperlichen Gesundheit. Es ist normal, dass der Körper langsamer wird und in einen „Winterschlafmodus“ fällt, aber nicht bis zur völligen Lethargie.

Das Wichtigste ist aber, aktiv zu bleiben. Auch wenn das Wetter Euch davon abhalten mag, Zeit im Freien zu verbringen, hilft ein täglicher Spaziergang ohne konkretes Ziel, den Kopf freizubekommen und in Bewegung zu kommen. Außerdem können Sie so an Tagen, an denen die Sonne scheint, Vitamin D aus einer natürlichen Lichtquelle tanken. Ein Mangel an Sonnenlicht ist einer der
Hauptgründe für einen Vitamin-DMangel, der wiederum die Symptome der Winterdepression verschlimmert. Vitamin-DPräparate oder ein kurzes Workout sind kleine Aktivitäten, die zu großen Veränderungen führen, ohne allzu großen Aufwand.
Ein zweiter Punkt ist das Sozialleben. Auch im tiefsten Winter hilft es, das Haus zu verlassen und Zeit mit Freund:innen und Familie zu verbringen - das stabilisiert die psychische Gesundheit spürbar. Aktivitäten zu planen und wirklich einzuhalten schafft Verbundenheit, selbst wenn Absagen verlockender wären.
Ob ein wöchentliches Kaffeetrinken, eine Lernsitzung, oder sogar ein kurzer Anruf während des Kochens: Diese kleinen Momente der Interaktion halten uns auf dem Boden. Denkt daran, wie wichtig ein starkes Unterstützungsnetzwerk ist. Sich auf andere zu stützen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstbewusstsein. Die Winter sind lang, aber sie müssen nicht einsam sein.
Ebenso wichtig für das Wohlbefinden ist es, den Körper zu stärken. Wenn die Tage schwerfallen, greift Ihr schnell zu Fertiggerichten oder lasst Mahlzeiten ganz aus - doch eine ausgewogene, wohltuende Ernährung mit
„Sich auf andere zu stützen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstbewusstsein.“
wärmenden Suppen und herzhaftem Gemüse hilft dabei, sowohl das Energieniveau als auch die Stimmung zu stabilisieren. Der Winter ist die Zeit der Gemütlichkeit, und gutes Essen muss dafür nicht kompliziert sein.
Auch ausreichender Schlaf ist zentral: Paradoxerweise können uns die dunkleren Monate müder machen und gleichzeitig zu Schlafstörungen führen. Feste Routinen, weniger Bildschirmzeit und regelmäßige Schlafzeiten bringen den Körper wieder ins Gleichgewicht. Schlaf erholt dabei nicht nur körperlich, sondern auch mental. Schlaf dient dabei nicht nur der körperlichen, sondern auch der mentalen Erholung.
Die Einbeziehung mentaler Praktiken wie Meditation, Achtsamkeit oder Stille kann ebenfalls vom großem Nutzen sein. Kleine Momente der Dankbarheit oder bewusste Pausen helfen, den Blick wieder auf Lichtpunkte im Alltag zu richten. Auch einfache
Formen von Stressbewältigung wie Journaling, kurze Auszeiten oder klare Zeitblöcke können Überforderung vorbeugen.
Letztendlich geht es nicht im Londoner Winter darum, die Dunkelheit zu ignorieren, sondern ihr mit Mitgefühl, Struktur und kleinen, nachhaltigen Routinen zu begegnen. Die Jahreszeiten verändern sich weiter, aber auch Ihr werden Euch mit ihnen. Entwickelt Ihr Gewohnheiten, die Geist und Körper unterstützen, wird jeder Winter ein Stück leichter als der letzte.
Stressbewältigung wird dann zum Bindeglied, das all diese Gewohnheiten zusammenhält. Die Wintermonate fallen oft mit akademischen Terminen, finanziellen Belastungen und Erwartungen an die Feiertage zusammen. Methoden zu finden, die für Euch funktionieren –wie Tagebuch schreiben, Pausen einplanen, Zeitblöcke nutzen oder Euch sogar ausdrücklich erlauben, Euch auszuruhen - hilft, Burnout zu verhindern, bevor er sich ausbreitet.
FloraBonzemba
Flora studiert Deutsche und Englische Literatur und begeistert sich für Kunst - ob in Texten oder Mode. Als sie nach London zog, machten ihr die langen, dunklen Winter zunächst stark zu schaffen. Mit der Zeit fand sie Wege, besser damit umzugehen - Erfahrungen, die sie nun weitergeben möchte, um anderen durch dieselbeHerausforderungzuhelfen.
KÖ/AW25/31


UNSERE KULTURTIPPS

GallerieamKörnerpark,Berlin
Wir alle kennen die berühmtesten Galerien auf der Museumsinsel, oder? Probiere doch nun etwas Neues aus! Eintritt frei, eindrucksvolle Kulisse: Die Galerie im Körnerpark liegt in einem parkähnlichen Ensemble, das an einen kleinen Schlossgarten erinnert. Besucher:innen erwartet beim Hineingehen ein regelmäßig wechselndes Programm zeitgenössischer Kunst, das sowohl lokale als auch internationale Künstler:innen verbindet. Im abgedunkelten Screening-Room lassen sich kurze Videoarbeiten entdecken. Und falls berlin-
typisch das Wetter nicht mitspielt, muss man nicht in den Park ausweichen. Gleich nebenan lädt die Orangerie zu Kaffee ein.
StoneTechnoFestival,Essen
Beim Stone Techno Festival wird die Zeche Zollverein in Essen, ein UNESCO-Industriegebiet, in einen vibrierenden Resonanzraum verwandelt. Zwischen den rostigen Fördergerüsten und der monumentalen Architektur entsteht ein Zusammenspiel aus Ort, Geschichte und Sound, das weltweit einzigartig ist. Mit künstlerischem Anspruch statt Hype kuratiert, bietet Stone Techno eine Erfahrung, die rohe Intensität, Emotion und kollektive Energie zu einem nachhaltig wirkenden Festivalmoment verdichtet.


Sameheads,Berlin
Sameheads in Neukölln ist Bar und Mini-Club zugleich - und genau das macht den Charme aus. Musikalisch reicht das Programm von Post-Punk und Italo-Disco bis zu Wave, Electro und experimentellen Sets. Statt großer Inszenierung gibt es hier eine intime, leicht chaotische Atmosphäre mit viel Charakter. Wer Lust auf abwechslungsreiche Musik, unprätentiöse Nächte und einen Ort abseits des Berliner Mainstreams hat, ist im Sameheads genau richtig.


JacobHession&StefanNawathe
DieAlpen,München
Vielleicht ist das ein weiteres Klischee, aber wenn Ihr nach München kommt, solltet Ihr die Nähe zu den Alpen nutzen. Sobald Ihr Euren Studentenausweis habt, ladet Ihr Euch die MVGO-App oder eine ähnliche App herunter, kauft das Studententicket für 38 Euro im Monat und genießt damit unbegrenzte Fahrten in der Region und rund um die Stadt.
Der größte Vorteil dabei ist, dass man ganz einfach aus der Stadt herauskommt, um wandern oder schwimmen zu gehen. Ladet Euch die Komoot-App herunter und sucht Euch eine Wanderung zu einem der vielen Seen in Bayern aus. Das Schwimmen, Essen und Trinken am Ende der Wanderung sind die Anstrengung und den Schweiß mehr als wert.


HofbräuhausamPlatzl,München

EnglischerGarten,München
Der Englische Garten, eine der Hauptattraktionen Münchens, war der Ort, an dem ich im Sommersemester die meisten Nachmittage verbrachte. Es wurde zu einer perfekten Routine: morgens Vorlesungen oder Bibliothek, nach dem Mittagessen dann Volleyball spielen oder im Park schwimmen gehen, vielleicht mit ein paar Bierchen oder einem Spezi in der Hand.

Ich weiß, ich weiß, es ist ein Touristenmagnet. Aber es gibt dort immer noch herzhafte bayerische Küche, eine gemütliche Atmosphäre und manchmal sogar eine Blaskapelle. Es ist ein guter Ort für ein deutsches Frühstück (wenn Sie so etwas mögen oder probieren möchten) oder ein warmes deutsches Essen, das Sie für die nächsten drei Mahlzeiten satt macht.
KÖ/AW25/34

CAOIMHE WILSON
FLORA BONZEMBA
FRIDA FOEHR
GRACE HODSON
JACOB HESSION
LILY DAVIES
LAETITIA GRÄBER
MAIDIE MCCLOUD
RIEM WIMMER
STEFAN NAWATHE KÖ/AW25/35

KÖNIGSPOST KREUZWORTRÄTSEL
(1) Berliner Begriff für Nachbarschaft
(3) Prozess zunehmender militärische Aufrüstung
(5) Wie man sich selbst im Spiegel der Gesellschaft sieht
(7) Was in Berlin unaufhörlich steigt
(9) Prozess der zunehmenden Verhärtung von Ideologien
(10) Im Winter Mangelware HORIZONTAL
(11) Wandel, der Verdrängung erzeugt
(2) Der Ursprung des PhantomlehrerProblems
(4) Metapher für die digitale Partnersuche
(6) Ein Weg, stabil zu bleiben
(8) Politische Haltung jenseits demokratischer Normen
KÖ/AW25/36
