KÖNIGSPOST #BlackLivesMatter Summer 2020 Vol. 22
Willkommen zu dieser einzigartigen Ausgabe des Königspost Von euerem Königspost Team Melissa Hocker Charlie Collard Eleanor Edwards Abby Ralston
INHALTSVERZEICHNIS Sprache und Rassismus: Wie unsere Sprache das Denken beeinflusst..............2 Menschenfarbenblind..................................................4 Buchrezension: The Slave Ship - A Human History (2007)...............8 Weiter mit der Wechselrede: Warum die Debatte über Rasse sich noch lohnt......12 Wie ist weiße Ignoranz rassistisch?..........................15
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A B E D C FGH IJKL
Sprache und Rassismus: Wie unsere Sprache das Denken beeinflusst
Sprache ist eine
mächtige Kraft, die einen großen Unterschied machen kann, egal ob positiv oder negativ.
Wenn es um die Frage der Rasse und der kulturellen Identität geht, muss man sich fragen, welche Rolle die Sprache im Umgang mit der schwarzen Gemeinschaft spielt? Unsere Sprache hat im Laufe der Jahrhunderte viele deutliche Veränderungen erfahren und mit dem Aufstieg des Begriffs ,,Political Correctness” in Bezug auf die Black Lives Matter Bewegung ist es jetzt an der Zeit eine Entwicklung zu machen? Über Jahre hinweg hat die Sprache die Art und Weise geprägt, wie wir Ausländer wahrnehmen, KÖNIGSPOST | 2
insbesondere, in diesem Fall, aus der schwarzen Gemeinschaft. Es gab immer das Verständnis, dass ihre Rasse und Hautfarbe bedeutet, dass sie ein ,,Anderer" in der Gesellschaft sind, was einen Diskurs von "wir" gegen "sie" geschaffen hat. Als Ergebnis, wenn man von “wir” und “sie” spricht, schafft man eine starke Linie, die impliziert, dass es eine richtige und eine falsche Seite gibt. Dieses “Othering” durch die Sprache ist natürlich nur ein Faktor, der zur Art und Weise beiträgt, wie die schwarze Gemeinschaft behandelt wurde. Trotzdem hat ein negatives Wortfeld und unsere Beschreibung dieser Gemeinschaft, zu einer schrecklichen und erniedrigenden Behandlung geführt, die stark mit dieser Geschichte verbunden ist.
Kann man noch Patriotisch sein? Es existiert heute die Idee, dass, um patriotisch zu sein, man einen Unterschied zwischen seiner kulturellen Identität und die eines anderes schaffen muss, was zu einer Art von Wettbewerb geführt hat. Eine Sprachänderung bedeutet kein Zensur oder Kontrolle, sondern nur eine Sensibilisierung und Selbstkenntnis. Viele Leute und Politiker argumentieren, dass wir eine Redefreiheit hätten und daher haben wir das Recht unsere Meinungen und Gedanken frei zum Ausdruck zu bringen, egal, ob es umstritten ist oder nicht. Deswegen kritisieren solche Leute den Begriff ,,Political Correctness”, weil Sie denken, dass es diese sogenannte Redefreiheit bedroht. Es gibt natürlich besondere Begriffe, die im Laufe der Jahrhunderte überliefert wurden,
aber dies ist keine Frage der Linguistik oder des Vokabulars, sondern eher eine Frage der Ethik und Moral, die in unserer so genannten “modernen” Gesellschaft eigentlich gar nicht in Frage gestellt werden sollte. Positive Zukunft und Rechenschaft ablegen
zu gelangen.
Emily Bird
Wie man in den sozialen Medien sehen kann, machen wir Fortschritt und wir ziehen Rechenschaft nach dem grausamen Tod George Floyds in den USA. Allerdings brauchen wir jetzt die richtige Aktion und wir müssen unsere Stimme benutzten, um eine echte Änderung zu kreieren. Jede Sprache beeinflusst verschiedene Denkweisen und Verhalten aber trotzdem müssen wir alle die Sprache der Gleichberechtigung sprechen, um zu einem positiven, fairen und sicheren Zukunft
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Menschenfarbenblind
Black lives
matter, I can’t breathe, no justice, no peace... Neben mir ein Mädchen mit den Worten: “One race human.” Meine
Freundin und ich sind auf dem #blm Protest am Römerplatz. Ich schaue sie verwundert an und frage, ob ich nachhaken sollte. Sie nickt. Ein guter ally muss Aufklärungsarbeit leisten, nicht? Zögerlich frage ich das Mädchen, dass das “One race” Plakat stolz in die Höhe hebt, was sie damit meint. “Ich sehe keine Farbe”, sagt sie, selbstüberzeugt das Kinn in die Höhe reckend. “Wir sind nur eins, und zwar Menschen.” Ich versuche, zu erläutern, KÖNIGSPOST | 4
dass das von People of Colour (POC) selbst als problematisch erachtet wird. Sie schaut mich wütend an: “Nennst du mich etwa rassistisch?” Gute Frage. In einer Welt, in der white people so viel profitieren, können wir überhaupt niemals rassistisch gewesen sein? In keinem Moment, ob nun aus Frust, Missverständnis oder Unwissenheit (wie wir alle wissen, schützt Unwissenheit vor Strafe nicht)? Hat sie nie etwas gesagt oder auch nur gedacht, von dem sie gar nicht wusste (vielleicht immer noch nicht weiß), dass es auf white supremacy basiert? Ich bezweifle es. Der erste Schritt eines ally ist es sich einzugestehen, dass man complicit gewesen sein muss, und wenn’s auch nur als Kind war, welches es nicht besser wusste. Man muss diese Schuld akzeptieren. Den eigenen Stolz runterschlucken.
Und handeln. Ich werde niemals in meinem Leben Rassismus spüren. Und ich muss das akzeptieren genauso wie die Tatsache, dass es Rassismus gibt und ich durch meine reine Existenz dazu beisteuere, vor allem wenn ich nicht aktiv gegen Rassismus vorgehe und das noch lange, nachdem #blm aus meinem Instagram feed verschwunden ist. Aber das zu verstehen, ist schwierig, wenn man ein Sonnenblumenmädchen ist, dass “einfach nur Frieden” will. Was ist denn falsch mit “einfach nur Frieden”? Der Grund, warum wir überhaupt protestieren: Zumindest wenn man nach der Behandlung in unserer Gesellschaft geht, gibt es nicht nur one race. Und wenn wir es behaupten, begehen wir gleich zwei Fehler:
1. Wir lenken davon ab, dass es in der Realität nicht so ist. Und somit leugnen wir, dass POC täglich die davon ausgelösten Probleme am eigenen Leib erfahren. Wenn es nur one race gäbe, dann wären wir gar nicht hier. 2. Wir vergessen die unglaubliche Geschichte, die POC zu bieten haben. One race radiert sowohl die grausamen Taten, die weltgeschichtlich passiert sind und immer noch passieren - von Sklaverei über Segregation, hin zu Polizeigewalt und Diskriminierung in Bildung, Gesundheitssystemen, Arbeit, racial profiling... - als auch die unglaublichen Meisterwerke, die POC geschafft haben, bevor white people überhaupt davon träumen konnten die Erfindung des Papiers, die Bildung
ganzer Imperien, das unglaubliche Reichtum an natürlichen Ressourcen, Schönheit des Landes, Vielfalt der Sprachen und Kulturen...- aus. Das Problem, das sich in diesen Plakaten reflektiert, ist tief in Deutschland verankert. Colourblind Racism. Ein Prinzip, das vor allem in Gebieten mit relativ homogener Bevölkerung unglaublich gefährlich sein kann. Ein colourblind racist behauptet, dass racial or white privilege gar nicht mehr existiert in unserer heutigen Welt, und vor allem nicht bei uns daheim! Das one-race Mädchen steht da, “weil das in Amerika ja mal gar nicht geht.” Und in Deutschland? “Ne, hier gibt’s das ja nicht.” Warum ist das so gefährlich? Diese Menschen tragen oft ungewollt dazu bei, dass rassistische
Veranlagungen weitergetragen werden, dass Aktionen gegen Rassismus oft unterfinanziert sind, dass das Problem daheim eben nicht anerkannt wird. Und dabei sind sie felsenfest davon überzeugt, dass sie gute Menschen sind. Kurz- Colourblind racists denken, dass sie Rassismus “gelöscht” haben durch die Tatsache, “dass sie keine Farbe sehen”. Denn man kann ja nicht rassistisch sein, wenn man menschenfarbenblind ist. Warum verwende ich gerade so viele Anglizismen? Ein weiteres Indiz für colourblind racism. Weil wir in der deutschen Sprache gar keine Äquivalente für viele Wörter haben. Race im Englischen hat im Grund keine negative Konnotation (solange man es KÖNIGSPOST | 5
nicht verabscheuend meint). Das Cambridge dictionary definiert es als “a group of people who share the same language, history, characteristics, etc”. Rasse im Deutschen dagegen ist ein unglaublich historisch geladener Begriff. Er erinnert uns an Rassentheorie, an falsche Fakten, an die Abscheulichkeiten und Menschenverachtung im Dritten Reiches. Rassen sind biologisch eingeteilte Unterarten. Es gibt keine menschlichen Unterarten. Also kann man Menschen nicht nach Rassen einteilen. Ergo, wir dürfen das Wort Rasse nicht verwenden. Ich bin dieses Problem durch Anglizismen umgangen - genauso wie es die LGBTQ+ community in Deutschland oft macht. Eine potenzielle Lösung. Fest steht, dass wir eine Lösung brauchen, die wir universell in die deutsche Sprache inkorporieren können. Denn was für ein Problem entsteht KÖNIGSPOST | 6
dadurch, dass es Rassen nicht gibt oder dass Begriffe wie white supremacy (Vorherrschaft der Weißen), white privilege (weißes Privilegium) oder white passing (POC, die aussehen wie white people) nicht etabliert sind in der deutschen Sprache? POC haben nicht einmal das Vokabular, ihre Probleme deutlich auszudrücken und verstanden zu werden. Und white people fühlen sich toll, dass es all diese Worte und damit all diese Probleme gar nicht mehr gibt. Ganz nach der Logik eines Kleinkindes, das inmitten des Raumes steht und einfach ihre Augen verschließt, um sich beim Versteckspiel zu verbergen. Wenn ich es nicht sehe, dann sieht es mich nicht. Wenn ich es nicht sehe, dann existiert es nicht. Aber: Wenn ich es nicht sehe, dann bleibt es da. Wenn es da bleibt, dann geht es nicht weg.
weggeht, dann leiden POC ewig an etwas, das die Gesellschaft als Phantomschmerz betrachtet, obwohl es ein qualvoll realer Schmerz ist. “Warum tut dir Rassismus weh, wenn es nicht mal Rassen gibt?!” Meine Freundin sagt später auf der Heimfahrt: “Erona, in Deutschland gibt es gar nicht so viele Black people, als dass Menschen oft rassistisch sein können. Natürlich ist unsere Schule eine Schule ohne Rassismus, wenn es genau 3/1000 Black people gibt. Wo soll jemand überhaupt rassistisch sein?” Ganz einfach. Auf dem Römerplatz in Frankfurt, auf einer #blm demo, ein Plakat in die Höhe hebend, das all die Mühen, Schmerzen und Hoffnungen einer ganzen race auslöscht. Erona Tasholli
äö üß
Und wenn es nicht KÖNIGSPOST | 7
Buchrezension:
The Slave Ship - A Human History (2007)
Black Lives
Matter Schwarze Leben zählen. An sich ein Satz der
selbstverständlich sein sollte. Doch dem ist nicht so. Auch heute existiert Rassismus und Gewalt gegen schwarze Menschen. Aber warum? Wer hat bestimmt, dass die eine Farbe besser oder schlechter ist als die andere? Wer hat entschieden, dass Hautfarbe für Leid und Schmerz sorgen muss? Um dies zu verstehen und versuchen es zu verändern, muss man weiter zurückblicken; sich nicht nur auf das Heute sondern auch auf das Gestern konzentrieren. Denn Rassismus ist so alt wie die Geschichte selbst. Er ist nicht plötzlich über Nacht entstanden, sondern hat KÖNIGSPOST | 8
sich über Jahrhunderte entwickelt. Daher ist es heute wichtiger als je zuvor sich zu informieren. Die Geschichte lesen, die Geschichte verstehen und aus der Vergangenheit lernen. Wir können etwas ändern. Wir können helfen. Aber dafür müssen wir wissen, wofür wir uns einsetzen. Es braucht Verständnis, aber dieses muss erst erlangt werden. In diesem Artikel werde ich euch daher ein Buch nahelegen, welches ich persönlich als sehr bewegend sehe. Es ist nur ein Buch von Tausenden, welches die Geschichte und den Kampf von schwarzen Menschen weltweit erzählt. Es ist nicht die Lösung, aber es ist ein Anfang. Das Buch heißt The slave ship - a human history, ein Buch geschrieben von Marcus Rediker und erstmals
veröffentlicht 2007. In diesem Buch betont der Autor den Schrecken des Sklavenhandels an Bord der Sklavenschiffe zwischen 1700-1808. In seiner Erzählung wechselt er kontinuierlich die Perspektive und betrachtet die Erfahrungen von Sklaven, Seeleuten und Kapitänen gleichermaßen. Er spiegelt sowohl den Kampf für Freiheit der Sklaven als auch die moralischen Probleme, denen sich die Crew stellen musste, wieder und beschreibt somit ausführlich die vielen Leiden an Bord des Sklavenschiffs. In seiner Einführung erzählt Rediker von einer Sklavin, die zum Sklavenschiff gebracht wird. Er beschreibt ihre emotionale Reaktion, ihren Fluchtversuch, ihre erneute Gefangennahme und letztendlich ihre
Ankunft auf dem Schiff. Die Erzählung liest sich als fiktiv, da die Emotionen einem schon fast aufgezwungen werden. Die ausführliche Beschreibung ihrer physischen und ihrer emotionalen Reise zieht die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich und lässt ihn nicht mehr los. In dem Moment denkt man sich, man selbst sei diese Frau. Ihr Horror ist der Horror des Lesers und man flieht mit ihr. Das Schiff selbst wird personifiziert und fungiert als Symbol der Gefangenschaft und dem daraus resultierenden Verlust der Freiheit. Der Autor führt seine Argumentation mit der Aussage von W.E.B. DuBois fort, dass der Sklavenhandel nicht mehr als „das großartigste Schauspiel“ (“most magnificent drama” ) sei. Dadurch kreiert er die Metapher einer Aufführung. Der
Sklavenhandel agiert hier nicht als geschichtliches Ereignis, sondern wird umkonstruiert, um ein Schauspiel zu inszenieren. Hierbei wird der Atlantik zum Theater, das Deck ist die Bühne und die Personen auf dem Schiff die Schauspieler. Das Drama ist der Kampf um Freiheit während der Reise. Durch diese Metapher wird alles entfremdet und schon beim Lesen fühlt der Leser sich unwohl. Damit hebt er hervor, wie absurd die Idee, Menschen wie Tiere zu jagen und sie wegzusperren, eigentlich ist. Der Autor baut dieses Konzept des Dramas in vier verschiedenen Debatten-Strängen weiter aus. Die vier Stränge lauten wie folgt: das Verhältnis zwischen Kapitän und Besatzung, Seeleuten und Sklaven, der Konflikt und die Zusammenarbeit zwischen den Versklavten
und schließlich das Bild des Sklavenschiffs selbst. Dadurch weist der Autor nicht nur seine Argumentation vor, sondern unterstreicht durch die Verwendung von Metaphern auch effektiv die Zentralität des Sklavenschiffs. Bei näherer Betrachtung der Hauptdebatte werden keine radikalen Erkenntnisse präsentiert, sondern hauptsächlich sekundäre und primäre Quellen zusammengefasst. Von diesen demonstriert er ein umfangreiches Wissen, indem er sich auf Fallstudien einzelner Reisen bezieht, wobei er sich auf Kapitänsprotokolle, Matrosenjournale oder mündliche Aussagen von Sklaven konzentriert. Darüber hinaus arbeitet er mit wichtigen Historikern wie Philip Curtins und Hugh Thomas zusammen und KÖNIGSPOST | 9
zieht statistische Beweise aus The Trans-Atlantic Slave Trade: A Database. Obwohl dies nützlich ist, um eine Grundlage für den Sklavenhandel zu schaffen, wird das Material oftmals nicht kritisch betrachtet. Justin Roberts unterstützt in seiner Rezension diesen Gedanken und erklärt, wie sich Redikers Erzählung zuweilen wiederholt. Dadurch vernachlässigt er, obwohl er häufig aus Quellen zitiert, diese zu hinterfragen, um seine Argumentation zu unterstützen. Der Autor könnte beispielsweise eine transnationale Methodik anwenden, um einige seiner Punkte zu veranschaulichen und weiter zu bewerten. Schließlich war der Sklavenhandel eine internationale Institution und dieser Ansatz würde dazu beitragen, dies deutlicher abzubilden, indem man geografische Grenzen ignoriert und sich stattdessen auf die individuellen Erfahrungen des Handels konzentriert. Stattdessen KÖNIGSPOST | 10
macht Rediker stärker auf die Sterblichkeitsrate des Sklavenhandels aufmerksam. Manisha Sinha bezeichnet dies als eine neo-abolitionistische Perspektive. Dieser Begriff wird verwendet um Historiker zu charakterisieren, welche von dem Konzept der Rassengleichheit motiviert sind. Der Ursprung lässt sich auf die Abolitionisten Bewegung zurückführen, welche Mitte des 19. Jahrhunderts für die Abschaffung der Sklaverei kämpften. Da der Autor sich jedoch größtenteils auf eine quantitative Methodik stützt, bräuchte es eine andere soziale Methodik um die Verwendung statistischer Studien aufzulockern. Während eine quantitative Methodik dazu dient, breite Trends hervorzuheben, braucht es einen Vergleich um diese Trends zu veranschaulichen und diese strukturell richtig anzuwenden. Ein Aspekt, der in
Redikers Buch einzigartig ist, ist die Verwendung mehrerer Perspektiven. Interessanterweise deutet dies darauf hin, dass die Versklavten nicht die einzigen Opfer an Bord des Sklavenschiffs waren, sondern es wird auch auf die Misshandlung von Seeleuten aufmerksam gemacht. Dies ist insofern von Bedeutung, dass es die Schrecken des Sklavenhandels in eine neue Perspektive rückt und zeigt, dass Gewalt erzwungen wurde, um nicht nur die Sklaven, sondern auch die Seeleute konform zu halten. Dies unterstreicht wohl, wie Justin Roberts behauptet, Redikers treibende These: die Verbindung zwischen dem Sklavenschiff und dem globalen Kapitalismus. Nachdem der gesamte Sklavenhandel von einer ausgewählten Gruppe und nicht vom Staat selbst kontrolliert wurde, fungierten die Seeleute auch nur als Bauern in der „teuflischen Maschine“ (“diabolical machine” ), die als Sklavenschiff bekannt
ist. Ein genauerer Blick auf den Fall der GoalWarriors von Rediker, die der Behauptung einer Beziehung zwischen Schiff und Kapitalismus zugrunde liegen, wird deutlich, dass das Einsteigen in das Schiff ein „schrecklicher [...] Übergang von der afrikanischen zur europäischen Kontrolle“ (“terrifying [...] transition, from African to European control” ) war. Seine Verwendung der Metapher in der Einleitung hilft letztendlich auch, diesen Punkt zu veranschaulichen, da sie dem Schiff eine große Bedeutung beimisst und wiederum den „Aufstieg und die fortgesetzte Funktionsweise des Kapitalismus“ (“rise and continuing operation of capitalism”) bestätigt. Insgesamt hebt dieses Buch den Terror des Sklavenhandels effektiv hervor und macht auf die extreme Gewalt an Bord aufmerksam. Indem er mehrere Perspektiven einzelner Reisen auflistet,
betont er nicht nur die Leiden der Sklaven, sondern auch die der Seeleute. Obwohl keine radikal neuen Ideen präsentiert werden, hilft dieses Buch den Horror des Sklavenhandels effektiv darzustellen. Marcus Rediker schafft es, durch die Verwendung von primären und sekundären Quellen das Leiden der schwarzen Menschen an Bord des Sklavenschiffs zu veranschaulichen und aus den Statistiken individuelle Personen zu machen. Er spiegelt die Emotionen so vertieft wieder, dass man sich selbst angesprochen fühlt. Hier geht es um Menschenleben und das macht er deutlich.
entschuldigen müssen, sondern, dass wir daraus lernen können und dadurch einer erneuten Wiederholung dieser Ereignisse aktiv entgegenwirken können. Am Ende des Tages sind wir alle Menschen und Das sollte niemals vergessen werden! Melissa Hocher
Ich habe dieses Buch für meine Rezension gewählt, um die grauenvollen Ereignisse des Sklavenhandels hervorzuheben. Es ist ein Ereignis, welches niemals vergessen werden darf. Die Aussage hier ist nicht, dass wir als einzelne Personen uns für die Geschehnisse der Vergangenheit KÖNIGSPOST | 11
Weiter mit der Wechselrede: Warum die Debatte über Rasse sich noch lohnt
Als mir die
Möglichkeit angeboten wurde, diesem Band eine Meinung beizutragen, quälte ich mich hin- und her. Denn,
da ich ein weißer Mann bin, muss ich mir die Frage stellen, ob mein persönlicher Hintergrund es mir erlaubt, in diesem Diskurs eigentlich eine Stellung zubeziehen. Was kann ich ihm hinzufügen? Was ich hier unten schreibe, spiegelt meine Überlegung zur Frage wider – wenn wir schweigen, lassen wir Präjudiz weitergehen. Wie von der englischen Autorin Reni EddoLodge wird es heute regelmäßig behauptet, dass es sich nicht mehr KÖNIGSPOST | 12
lohne, weder weißen Menschen über Rasse zu reden noch Rasse als allgemeines Thema weiter zu debattieren. Die Debatte selbst wird als Kompromiss gemalt und mit dem Teilnahmestatus ersetzt – wie aktiv oder passiv in Bezug auf meinen Widerstand gegen Rassismus bin ich? Mit #BlackLivesMatter werden viele solche Frage der Bevölkerung gestellt. Diese Ansicht ist verständlich, da sie aus einem greifbaren Frust stammt. Bis jetzt ist es für viele einfacher gewesen, Rassismus in unserer Gesellschaft zwar ruhig anzuerkennen aber auch darüber zu schweigen. Die Furcht entweder vor Entlassung oder allgemeinem Konflikt vermeidet, dass die Mehrheit gegen Präjudiz kämpft. Insbesondere, wenn die Quelle des Vorurteils beim eigenen
Arbeitsplatz oder in der Familie vorliegt. Dadurch finden wir, dass diese passive und – ehrlich gesagt – leere Uneinigkeit mit rassistischen Standpunkten im Großteil unseres Lebens existiert. Einen aktiven Widerstand sehen wir jedoch nicht oft. Darüber hinaus wird von dieser Ignorierung die Wahrheit entlarvt, dass die Mehrheit – die nichtschwarze Mehrheit – nicht regelmäßig gezwungen werden, über die Auswirkungen von rassenbezogenem Präjudiz nachzudenken. Rassismus stellt in den Geistern der Menge thematisch nur ein Problem für die Minderheit dar. „Schade eben“ wird gesagt. Danach läuft alles für die meisten wie gewohnt weiter. Jetzt hat aber jeder eine Gelegenheit, diesen Kreislauf zu unterbrechen.
Doch nicht jeder nutzt diese Chance. Als die Prominenten und Marken sich auf Twitter drängelten, um die stärksten Äußerungen ihrer Unterstützung zur Sprache zu bringen, fiel mir etwas Unaufrichtiges bei dieser Bewegung des plötzlichen Antirassismus auf. Vorher war es für so viele von denen ganz in Ordnung noch von rassenbezogener Benachteiligung unter der schwarzen Bevölkerung zu schweigen – nun wird die Bewegung für Marken und Prominente gleichermaßen eine Werbungsmöglichkeit.
ein Nachkömmling beliefert, welche in den Strukturen der mehrheitlich weißen Gesellschaft irgendwie hineinbugsiert werden müssen. Auch in diesem Moment werden die Demonstrationen von einer berechnenden Minderheit entweder als eine großartige Gelegenheit für neue Werbespots genutzt oder für die Selbstvermarktung von politischen Plattformen angesehen. Beide lenken vom Prinzip der #BLMBewegung ab und sind ihrer langfristigen sozialen Resonanz schädlich.
Das füttert nur die scheinheilige Handlungsweise zu schwarzen Themen und dem Zustand schwarzer Menschen in der Gesellschaft – sie werden durch diese Denkweise nur als
Wir können ja nicht behaupten, dass Rasse ‚apolitisch‘ ist – dies betrifft doch allen Menschen. Deswegen ist eine politische Vorgangsweise, die eine Trennung zwischen Gesellschaftsgruppen
sucht, vollkommen giftig und widersinnig. Natürlich brauchen wir einen aktiven, offenen Dialog um das Ausmaß und die Gestalt von Rassismus gegen schwarze Leute in unseren Gesellschaften. Des Weiteren können wir nie behaupten, dass die Bemühungen nicht mehr wichtig oder sogar unnötig sind. Sie wird sich immer lohnen. Es ist auch aus diesem Grund, dass es mir nicht möglich ist, Autoren wie EddoLodge übereinzustimmen. Es kann nicht sein, dass weiße Leute nicht mehr über den Schmerz der schwarzen Bevölkerung hören. Es kann nicht sein, dass sie nicht mit einer klaren Darstellung der Schwierigkeiten des schwarzen Alltags in Mikroaggressionen und nicht geäußerten Vorurteilen konfrontiert werden. Anders bleibt alles gleich: um die KÖNIGSPOST | 13
M N OP QRS TUV
Auswirkung von Rassismus in unserer Gesellschaft zu verstehen, muss zu diesem Zweck eine offene Diskussion zwischen schwarzen und weißen Menschen weitergehen und gestärkt werden.
Zu behaupten, dass aus der Ignoranz der weißen Bevölkerung dieses Gespräch keine Zweckmäßigkeit mehr habe, ist mir auch in der logisch ähnlichen Behauptung begegnet, dass Leute ‚von Natur aus‘ rassistisch seien und deswegen wären Vorurteilen vermeidlos. Aber was sollte dieser absurde Vorschlag bedeuten? Dass die toxische Sammlung negativer Einstellungen gegen ethnische Minderheiten, die zusammen in einen systemischen Rassismus beweist, so weiterbestehen sollte? Oder, dass wir nicht mehr darüber reden sollten? Wir wissen ja schon, wer den Vorteil davon nutzen wird, wenn wir einen solchen Standpunkt akzeptieren. KÖNIGSPOST | 14
Jeder weiß, dass Rassismus am giftigsten auf dem systemischen Niveau ist. Doch ist es noch wahr, dass auf diesem völlig abstrakten Niveau keiner den vollkommenen Schaden deutlich klar sehen kann. Wir brauchen die Bosheit davon um eine ständige, unerschrockene Debatte zwischen jedem Teil unserer Gesellschaft ans Licht zu bringen, die mit dem Einfluss von politischen Trittbrettfahrern und opportunistischen Großmarken nicht zu beflecken ist.
Charlie Collard
Wie ist weiße Ignoranz rassistisch? Dieser Artikel
Welt zu begreifen. Weiße Ignoranz besteht aus drei Teilen: weiße Normativität vertretet einen (1), falsche Überzeugungen der philosophischen beziehungsweise Mangel an wahren Standpunkt Überzeugungen (2) und weißes Privileg (3). Weiße und baut das Normativität bezieht Argument auf, sich darauf damit, wie die Erlebnisse weißer dass weiße Menschen als die Norm Ignoranz angesehen werden, während die Erfahrungen schwarzer rassistisch ist. Dieses Argument gehört Menschen ignoriert werden und als ungewöhnlich zu einer umfassenden philosophischen Debatte betrachtet werden. Falsche Überzeugungen über die Rolle von beziehungsweise der weißer Ignoranz in Mangel an richtigen der Verewigung von Rassismus und in diesem Überzeugungen schließen Artikel werde ich eine der Vorurteile gegen vielen Seiten der Debatte schwarze Menschen und Missverständnis der skizzieren. schwarzen Perspektive ein. Weißes Privileg bezieht Was ist denn weiße sich auf die Vorstellung, Ignoranz? dass weiße Menschen ein angeborenes Privileg Der Begriff aufgrund der Tatsache, konzeptualisiert die epistemische Unfähigkeit dass ihr Haut weiß ist, haben — weiße Menschen weißer Menschen, die Erlebnisse von schwarzen wissen trotzdem nicht, Menschen auf der ganzen dass sie dieses Privileg
haben. Dieser Artikel konzentriert sich auf weiße Normativität. Wie konstruiert man das Argument dafür, dass weiße Ignoranz rassistisch ist? Prämisse 1: Weiße Ignoranz (weiße Normativität) ist eine Art von Unterdrückung, nämlich kultureller Imperialismus. Laut Iris Young in Justice and the Politics of Difference ist kultureller Imperialismus die Normalisierung von Erfahrungen einer dominanten gesellschaftlichen Gruppe und deshalb die Errichtung dieser Erfahrungen als die Norm. Innerhalb einer Gesellschaft gebe es zwei Gruppen (die Dominanten und die Untergeordneten) und das Erlebnis der Ersten werde als das Erlebnis KÖNIGSPOST | 15
von allen Menschen (sowohl die Dominanten als auch die Untergeordneten) standardisiert. Daher ein Beispiel davon wird von Shannon Sullivan gegeben: Hypertonie, Bluthochdruck und schwache kardiovaskuläre Tätigkeit sind Gesundheitsprobleme, die insbesondere schwarze Menschen betreffen und laut Sullivan in „The Hearts and Guts of White People” werden sie von Rassismus verursacht. Weiße Menschen litten unter diesen kardiovaskulären Erkrankungen nicht so häufig als schwarze Menschen und infolgedessen würden kardiovaskuläre Probleme als ein Abweichen von der Norm angesehen. Weiße Normativität ist kulturell imperialistisch, da sie nur eine dominante Perspektive (den weißen Standpunkt) fördert. Die erste Prämisse legen somit dar, dass weiße Normativität eine Manifestation von kulturellem Imperialismus ist. Prämisse 2: Kultureller Imperialismus ermöglicht Rassismus. KÖNIGSPOST | 16
Bevor ich diese zweite Prämisse erläutere, werde ich eine Interpretation des Begriffes Rassismus geben. Lawrence Blum ist der Meinung, dass Rassismus der Ausdruck von Antipathie gegenüber, oder die Herabwürdigung von, einer Rassengruppe sei (I’m Not A Racist, But…).
Perspektiven schwarzer Menschen herabsetzt und unterdrückt. Bezüglich kardiovaskulärer Erkrankungen führt die Entscheidung, die wahren Gründe hinter schwächerer kardiovaskulärer Gesundheit unter schwarzen Menschen — Stress, der von Rassismus verursacht wird — zu ignorieren, In einer Gesellschaft, dazu, dass die Gesundheit die im kulturellen schwarzer Menschen als Imperialismus verankert eine Abweichung von ist, gibt es zwei der Norm angesehen Perspektiven der Welt: wird. Infolgedessen das Dominante (diejenige wird das schwarze weißer Menschen) und Erlebnis der Welt das Untergeordnete ignoriert und deshalb (diejenige schwarzer herabgesetzt. Dadurch, Menschen). Blum dass die Erfahrungen und erläutert eine Perspektiven schwarzer Hauptbedingung, die Menschen herabgesetzt erfüllt werden müsse, werden, wird es somit sodass etwas als ein gezeigt, dass kultureller Ausdruck von Rassismus Imperialismus Rassismus betrachtet werden ermöglicht. könne: jemand oder eine Gruppe müsse Prämisse 3 — eine herabgesetzt werden. vorläufige Fazit: Im Fall von kulturellem Imperialismus wird Nun ist es begründet somit diese Bedingung worden, dass weiße erfüllt. Kultureller Ignoranz (weiße Imperialismus ermöglicht Normativität) eine Art Rassismus, weil er von Unterdrückung die Erfahrungen und (nämlich kultureller
Imperialismus) ist und da eine solche Unterdrückung Rassismus ermöglicht, kann man den vorläufigen Schluss ziehen, dass weiße Ignoranz Rassismus fördert. Es ist trotzdem erwähnenswert, dass Rassismus zu ermöglichen, nicht direkt das Gleiche ist, wie etwas als rassistisch zu kategorisieren. Also wird dieser Artikel jetzt diesen Punkt erläutern. Prämisse 4: Wenn weiße Ignoranz (weiße Normativität) Rassismus ermöglicht, ist weiße Ignoranz rassistisch. Laut David Wellman in Portraits of White Racism sind rassistische Überzeugungen sozial sanktionierte Überzeugungen, die — ohne Rücksicht auf Absichten — das Privileg weißer Menschen schützten, weil rassische Minderheiten weißen Menschen untergeordnet werden. Der entscheidende Faktor sei, ob eine Tat oder ein Überzeugung weiße Beherrschung verfestige. Da weiße Ignoranz (weiße Normativität)
W X Y Z
Rassismus ermöglicht, wird das Machtungleichgewicht zwischen weißen Menschen und schwarzen Menschen aufrechterhalten, was bedeutet, dass weiße Menschen weiterhin die Dominanten sind. Angesichts der von Wellman skizzierten Interpretation des Begriffs rassistisch wird klar, dass dadurch, dass weiße Ignoranz (weiße Normativität) Rassismus ermöglicht, weiße Ignoranz in der Tat rassistisch ist. In diesem Fall verewigen sie weiße Überlegenheit und weißes Privileg. Schluss: Weiße Ignoranz (weiße Normativität) ist rassistisch.
Wie schon am Anfang dieses Artikels erklärt wurde, ist dieses Argument nur ein kleiner Teil einer umfangreichen Debatte. Beim Lesen dieses Arguments gewinnt man somit einen Einblick in die Philosophie von Rassismus.
Abby Ralston
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