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Kali Go Textsammlung

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INHALTSVERZEICHNIS

TEIL EINS

I. VON BILDERN INSPIRIEREN LASSEN Wenn ich... II. GEDICHTE Dieser Ort Lunirium III. ZWEI EBENEN Perspektive der Liebe IV. PERSONENZOOM Ein Sonntag an der Ostsee Aus dem Konzept V. PERSONENBESCHREIBUNG Lieblingszahlen VI. ÜBERRASCHENDER ERZÄHLER Zeit Der Kofferdieb von Prag VII. BEWUSSTSEINSSTROM GeneratioNow VIII. PARABEL Kenji Itai und Meister Daichi Pen VIIII. SONSTIGES Eine Utopie Theaterszene


TEIL ZWEI I. VON BILDERN INSPIRIEREN LASSEN „Auf wundersamer Reise…“ II. KALEIDOSKOP ROMAN Kurz vor Sieben Stausteher 10 Jahre später


TEIL EINS


I. VON BILDERN INSPIRIEREN LASSEN Wenn ich... Wenn ich wieder Kind wär', besäße ich die Freiheit mich unter der Verantwortung meiner Eltern zu sonnen. Ich spürte die schützende Wärme und ließe mich in den Schoss der losen Liebe fallen. Die Welt um mich herum sähe ich als riesengroß, stark und beschützendübermächtig. Hinauf schaue ich zu all den Dingen, die ich erleben kann. Meine Kleider mit Blumen und Herzen bestickt, bin ich ein Liebesbrief der Welt, zählen mein Alter die Jahre, verlöre ich diese Freiheit: Mein Bewusstsein nimmt mich ein, besitzt ein Spiegel, verzerrt und verbogen. Mein Inneres vernebelt, vergesse ich, woher ich kam. Ich höre auf die sichtbaren Stimmen, nicht mehr auf die, meines Herzens. Das Höherwachsen, mein eisiges Ziel, um größer zu sein als die Meisten. Was aber ist, wenn ich nicht will?! Wenn ich Kind bleib, innerlich Kind, denn ich bin jetzt erwachsen? Dann suchte ich nach Spielgefährten, die Hand in Hand mit mir durchs Leben reisen. Wir würden so lang tanzen, dann, bis aus mir das Kind heraustritt, zu sehen ist, um selbiges zu sagen.


II. GEDICHTE Dieser Ort Ich nehme Dich mit zu diesem Ort, ohne einen Namen! Wo Blumen ohne Dornen wachsen und Mondschein ist bei Tag. Dort ist's hell und warm und weich und herzlich, wahr und schön. Heißt es: Ist es wie es ist, es ist und ist und ist. Komm, ich bring Dich an den Fluss, der wundersame Kreise fließt. Die Wege haben Ziele und Sinn drückt bis zum Rand. Verlieren können wir nur den Kopf, wir stoßen an die Höhen. Denn Uhren zeigen Richtung' an, nach oben, nur nach oben. Verstehst Du, was ich sagen will? Du hast die Herzblattkarte! Nun bin ich also da und bleibe oder warte. Pack ein und mach Dich klar, wir brechen auf nach Hause. Wink noch ein letztes Mal.. einmal… einmal. Einmal.


Lunirium Mein Gott, wie schön Du bist! Dein Licht so vor mir… als strahlendes Gesicht. Oh je, wie lieb ich Dich. Bist du so rund… und leicht, im Gleichgewicht. Mich haut’ es jedes Mal davon, schlaf ich kaum und tanze rum. Okay, es ist ganz schön, so munterwärts herumzuspringen, Sammelbänder schreiben. Doch was ist nur um dich herum, was mich so magisch lieben lässt… so dumm! Flut und Ebbe horchen Dir, ohne jeglichen Faden. Herz und Frau vertrauen Dir, Dir folgen stets Nomaden. Lieber Mond, verzeihe mir, aber du quälst mich Tag und Jahre. Zu schön bist du für diese Welt, für meine, molekulare. Mein Kopf ist weg, mein Herz entflammt. Ich spreche in Versen und reime. Ich muss verrückt sein, wegen Dir! Hör doch, ich bin Dein Sklave.


III. ZWEI EBENEN Perspektive der Liebe Er dachte über sie nach, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, in dem Café und auch während er ein Buch las, in dem Park unlängst seines Wohnhauses. Er hatte seine Freiheitsliebe zu oft erwähnt, von ihr wusste er das Liebe keine Definitionen kennt; das es sie kaputt machte, lege man Rahmen darum. Liebe wäre etwas Gegenwärtiges und Zeit wäre ihre Einheit, die man entweder miteinander teilte oder eben nicht. Jeden Morgen wache sie auf, stellte er sich vor und entscheide neu, ob und wen sie liebe. Er sah es theoretisch auch so. Doch vermisste er sie oft schmerzlich. Treffen sie aufeinander, küssten sie sich, umarmten sich zuvor, doch sobald sie sich trennten, waren sie wieder Fremde mit eigenem Leben und eigenen Wegen. Die Mittagspause trafen sie sich beim Rauchen: Sein Herz erwärmt, durchbrach er die quälende Schweigsamkeit. Er fragte lächelnd nach ihrem Tag. "Frag lieber nicht!" antworte sie. Sein Lächeln verschwand und er lies sie rauchen. Sie schaute ihm dann plötzlich in die Augen, zum ersten Mal für langer, als wolle sie sagen, sie käme mit ihm nicht zu recht und ohne ihn ebenso wenig. Sie drückte ihre Zigarette aus und verschwand im Bürogebäude. Er blieb, wartend. Er dachte über sie nach, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, in dem Café und auch während er ein Buch las, in dem Park unlängst seines Wohnhauses. Er hatte seine Freiheitsliebe zu oft erwähnt, von ihr wusste er das Liebe keine Definitionen kennt; das es sie kaputt machte, lege man Rahmen darum. Liebe wäre etwas Gegenwärtiges und Zeit wäre ihre Einheit, die man entweder miteinander teilte oder eben nicht. Jeden Morgen wache sie auf, stellte er sich vor und entscheide neu, ob und wen sie liebe. Er sah es theoretisch auch so. Doch vermisste er sie oft schmerzlich.


IV. PERSONENZOOM Ein Sonntag an der Ostsee Die Ostsee erwacht. Die Möwen fliegen erste Runden. Am Horizont kleine Punkte, welche nach Dänemark schippern. Die Promenade noch leer, sah man nur ein paar Senioren auf dem Weg zu ihren Gärten oder Brötchen holen oder die Zeitung. Auch die Touristenparkplätze vor unserem Haus waren noch frei. Der Fahrradschuppen stand offen. Meine Mutter offensichtlich schon wach, stieg die Treppen hoch zu meinem Zimmer. "Morgen, Kali…!" vernahm ich leise, noch halb im Traum. Sie steuerte geradewegs durch mein Zimmer um dann mit einem lauten Scheppern die Gardinen mit voller Wucht aufzuziehen. "Oooooch!" stöhnte ich und zog mir die Decke über’s Gesicht. "Komm, wir frühstücken am Strand!" öffnete sie nun auch noch beide Fenster bis zum Anschlag. "Dein Ernst?" war ich skeptisch. Sie warf ihre Haare zurück und seufzte, als hätte sie gerade den Staub in meinem Zimmer bemerkt, der nun durch das Licht ganz andere Dimensionen annahm und so auch mir überzeugende Argumente der gesundheitlichen Schäden in Form des schlechten Gewissens einbrachte. "Es scheint richtig schön die Sonne!!!" Die Hände in die Hüften gestützt stand sie erwartungsvoll, mitten im Zimmer. Ich bemühte mich um keinerlei Regung, um das sich angeblich lohnende Projekt, jugendlich, durch visuellen Protest zu bezweifeln. Oft helfen nur nonverbale Mittel um das Erwachsenendasein von ihrem "Das Leben muss im Licht stattfinden" - Wahn zu befreien. Ich wartete unter meiner Decke, auf den nächsten Plot und blinzelte mich, weil einfach mal nichts folgte, langsam in die Gegenwart. Meine Mutter strahlte vor mir natürlich-braun-gebrannt, im dunkelblauen Trägershirt passend zu ihrer Augenfarbe; Jeansrock und Birkenstocksandalen, barfuß. Haare sortiert, aber belebt mit einem Stohhutcappy zum sympathischen Abenteuer einladend. Ja, das ist meine Mutter, wie sie leibt und lebt. Das Küchen-Handtuch über ihrer Schulter ließ vermuten, sie hat Frühstück gemacht. Rührei und Kaffee, Brötchen und Käse. Sie aß meistens immer nur ein Croissant und schaute mir zu, wie ich, wie ein Bauarbeiter essen konnte bis ich platze. Eigentlich schon überzeugt fragte ich launisch: "Kannst Du für mich schon mal Wasser aufsetzen?" "Kaffee? Ist schon längst fertig." drehte sie sich freudig zur Tür. Ich lächelte mit halben Gesicht und schraubte mich aus dem Bett. Sie sah mir zu, als ob sie auch sehen müsste, was sie nicht glauben konnte. Nie kam ich "so schnell" aus meinem Bett. "Guten Morgen Tochter!" sagte sie als ich aufrecht stand, und, so stehend, als wäre ich viel mehr ihre Tochter, "Moooorgen!" schaltete sich jetzt erst mein Gehirn dazu. "Es ist erst acht und es ist Sonntag." klärte ich sie auf. Wir standen jetzt genau voreinander und waren exakt gleich groß. Ich lächelte verlegen, weil ich in ihre Augen sah und mich erkannte. Ihre blonden Haare, ihre Ohren, die nie Ohrringe trugen, ihre Wangen mit ein bisschen Rouge, ihre Stirn mit Denkerfalten zwischen den


Brauen, alles war auf gleicher Höhe mit meinen. Auch könnte ich sie nur an ihrer Nasenspitze erkennen. Die schmalen Lippen, mit denen sie unendlich viel sagen konnte, vererbte sie mir nicht. Da kam ich eher nach meinem Vater. Der, wenn wir das eine Mal im Jahr telefonierten und ich erzählte, dass ich einen neuen Freund hatte, eher danach fragte, ob seine Postkarte aus Griechenland ankam. Ich spürte ihre Hand auf meiner Schulter, welche mich sanft aus dem Zimmer schob bis ich dann, noch ein bisschen desorientiert, an ihr vorbei ins Badezimmer wankte. Sie folgte mir ein paar Schritte und bog dann ab, zur Treppe, in die untere Etage unseres Hauses. Jetzt vernahm ich auch den Kaffeeduft und die Aufbackbrötchen… Es ist wirklich strahlend blauer Himmel, kaum Wind, dachte ich, während des Blicks aus dem Badezimmerfenster. Perfekt eigentlich für einen Tag am Strand.


Aus dem Konzept "Die selbige Sequenz…" überlegte ich laut. Mein Kopf lag wie eine Bleikugel auf meinen Schultern. Es war später Nachmittag geworden. Ich saß, als letzte in der Firma und schrieb an einem Konzept. Ich rieb mir die Stirn. "Heute noch als Email an mich!" hörte ich meinen Chef erneut sagen. "Die selbige Sequenz… Scheiße, was für ein bescheuertes Konzept!“ Ich ging in mich, suchte die Worte, die eben noch strömten. Nichts war da. Nur immer wieder ächzendes Stöhnen dazwischen. Stromschlag. Es war nicht mal eine Sekunde lang, aber ich hörte es klar und spürte wie sich in mir etwas zusammenzog. Stromschlag. Es war eine männliche Stimme, die nach Verzweiflung klang und nach Erschöpfung. "Was fiel da eigentlich zu Boden, eben gerade? …Na ein Koffer, ein Blumenkasten oder ein Möbelstück könnte es gewesen sein. Und das Knacken. Welches Knacken? Na das Knacken ohne Scherben? Oh, das Knacken! Schädel. Nein, nein. Nein, nein. Nein, nein. Nein, nein….“ Der Zeiger der Maus blinkte auf meinem Bildschirm einmal auf, doch meine Hände waren wie Beton. „Selbige Sequenz kann ab der 2ten Minute mit Schnittbildern ausgestattet werden. Die Offstimme kommentiert die Verfahren der …" Stromschlag. "Jemand ist aus dem Fenster gestürzt!" Meinen Körper durchfuhr ein innerer Schmerz. "Scheiße!" Mein Gehirn drückte an meinen Schädel. Es zog ganz plötzlich über meinem Ohr, als hätte ich mich verbrannt. "Ist nicht wahr. Da ist niemand. Bin allein." Die Lähmung in meinen Händen nahm zu. Nichts konnte ich mehr denken, verschwammen alle Buchstaben auf meinem Monitor. Auch machte das ganze Konzept gerade keinen Sinn mehr. "Knack. Aaaah!! Knack. 'Aaaah!!`, 'Aaaah!!` Knack. Augenwinkel es fällt was und dann…Knack. Knack. Da ist jemand aus dem Fenster gefallen. Sind Leute zu hören? ….Nichts!" Stille. "Schliess die Augen, atme durch. Atme durch. Du musst... DU MUSST DA JETZT HIN GEHEN. Nachsehen.“ Ich schnaufte. „Du wirst gleich etwas sehen, was Du nicht sehen willst." Ich stöhnte laut und schmiss meinen Kopf in den Nacken, zog die Nase hoch und rollte meinen Stuhl nach hinten. Ich spürte meine weichen Knie. Ich stand, hielt mich noch am Schreibtisch fest und nahm das Telefon aus der Station und öffnete meine Bürotür. Unser Büro war im Erdgeschoss. Der Empfangsbereich war unbesetzt. "Keiner! Die Glastür nach draußen. Ich sehe… da liegt jemand. Da liegt jemand auf dem Boden. Scheiße. Ist das möglich?" Von Weitem sah ich einen dunklen Haufen Klamotten auf dem Asphalt. Auch sah ich eine Hand. Sie lag mit der Handinnenfläche nach oben, völlig verdreht und reglos. Ich starrte darauf. Ich stand nun direkt daneben. "Beweg Dich, beweg Dich doch! Nein beweg Dich nicht, beweg dich nicht! Was ist wenn er lebt? Ist er tot? Telefon!!!!! Anrufen!" Ich schaute nach oben, an der Hauswand entlang. Im vierten Stock war das Fenster weit geöffnet. Die Schönhauser Allee hatte hier riesengroße Fenster. "Hallo, Schumann, ich glaube hier in der Schönhauser Allee 35 ist so eben jemand aus dem Fenster gestürzt, schwer verletzt oder …oder sogar verstorben."…"Puls fühlen?"…"Nein, nein, hab ich nicht. Hand bewegt sich nicht."…


"Männlich, schätz ich! "…"Unter dieser Nummer bin ich erreichbar, ja."…"Wiederhören." Ich stecke das Telefon in meine Hosentasche und schlich um den Haufen Mensch. Seine Beine lagen halb übereinander. Jeans, dunkelblaue Jacke, schwarze Schuhe. Voll angezogen. Sein Kopf lag auf der Gesichtsfläche, einfach gerade aus als würde er nach vorn schauen. Die Haare sehr dünn, anliegend. Uh, Blut. Eine Blutspur zog sich entlang der Schläfe Richtung Asphalt. Ich hockte mich zu dem Toten und starrte auf den Blutstropfen. "Ist echt." Es roch plötzlich alles nach muffigem nassen Holz. Ich entfernte mich schnell wieder. Noch nie hatte ich so große Angst einen Menschen anfassen zu müssen. Vielleicht hat er Tollwut. Das Telefon zeigte, 17:25, 26.Juni. Ich schaute zum Himmel. "Du bist befreit." flüsterte ich und begann leise zu weinen.


V. PERSONENBESCHREIBUNG Lieblingszahlen John war nach seinem 40sten Geburtstag nach Deutschland ausgewandert. Seine afrikanische Verwandtschaft lies er zurück um sein Glück, Geld und eine Frau zu finden. Er war früher Sekretär im Krankenhaus in einer Kleinstadt in der Nähe von Dakar. Hier in Deutschland arbeitete er als Bibliothekar. Das heißt, er reparierte Regale im Stadtamt, sortierte Bücher, staubte ab und was noch so anfiel. Er mochte den Job, bald würde er reich sein. Von seiner Tante, die in die Zukunft sehen konnte, wusste er es seit er 13 war. Heute war es wieder soweit. Es war Samstag. Er zog sich wie immer seinen weißen Anzug an. Er fiel damit auf. Ein Afrikaner im weißen Anzug fiel eben in Deutschland auf. Die italienischen Lederschuhe, der Schirm unter dem Arm und nicht zu vergessen, seine blau-rote Baumwollmütze sollten Glück bringen: „Wer reicher Mann sein will, muss kleiden wie reicher Mann.“ John war groß gewachsen, seine dunklen Augen sahen zwar müde aus, doch strahlten sie voller Charme. Eine Ruhe umgab ihn und immer dieses anhaltende Lächeln. Frau Thom kannte John schon lang aus ihrem Laden. Jeden Samstag kam er und kaufte einen Lottoschein. „Heute, Herr John werden sie reich!“ scherzte sie gern liebevoll. „Yes, Miss Tomm, I know!“ Er trug immer wieder dieselben Zahlen, sein Geburtsdatum 20,6,19,35. in die Kästchen. Es war sein Geburtsdatum. Die letzten beiden Zahlen drehte er um, ging die Lottotafel ja nur bis 49. Doch wie jedes Mal fehlten ihm zwei Zahlen. Dafür ging er dann, wenn er sich den Schein gekauft hatte, seine vier Zahlen eingetragen hatte, auf die Straße und fragte alle möglichen Passanten: „Hello Miss, sagen Sie mir Ihre Lieblingszahl?“ lief er durch die Gegend. „Nein Danke!“ winkten viele ab, gingen ignorant an ihm vorbei, schüttelten den Kopf oder lächelten einfach, als wäre er nicht ganz richtig im Kopf. Er machte sich nichts draus. Diese zwei letzten Zahlen waren immer schwierig. Doch er fand sie, jeden Samstag. „Heute werden Sie gewinnen, Herr John!“ sagte Frau Thom wieder. „Yeah, I know“. Beide lächelten. „Habe ich sie eigentlich schon ma’ nach Lieblingszahlen gefragt?“ „Nein,…“ schüttelte die Verkäuferin verlegen den Kopf, „Haben Sie noch nicht.“ Sie schien mit ihm zu flirten, war sie ungefähr in Johns Alter.


VI. ÜBERRASCHENDER ERZÄHLER Zeit Glaubt's mir, es ist 'was Merkwürdiges passiert. Wie erklär' ichs, es ist schon echt kompliziert. Eine Apparatur Baujahr 93. Nichts besonders, unauffällig. Man könnt' schon sagen, richtig billig. Aber gut darauf kommt's nicht an, ich bin ja ich hier momentan. So wie ich hinaus seh in ein Zimmer, stehe ich offensichtlich auf dem Nachtisch, worauf sich nichts weiter befindet. Das Zimmer kenn ich - gut sogar, obwohl in meiner Erinnerung hier einiges verschwindet. Spüren kann ich tickende Zeiger. Der, der Sekundenzeiger ist wie mein Herzschlag, nur zarter, klarer und feiger. Der Stundenzeiger, …der ist frei, den spürt man kaum, er ist wie atmen, so nebenbei. Wie ein alter Mann, der zurückgezogen sein Leben lebt, in Ruhe seiner Arbeit nachgeht. Der Minutenzeiger allerdings ist massiv. Wenn er sich bewegt schepperst irgendwie passiv. Er bricht mit einer Spontaneität herein, dass es einen aus der Schale fegt. Er könnte eine Art Sänger sein, der jedem, wenn er da ist ne Show hinlegt. Er ist beliebt bei jeder Zahl, das kann man schon mal so sagen. Aber man gewöhnt sich an alles, bei endlosen Tagen. Nun, ist das schon wirklich einzigartig und angekündigt eigenartig. Doch sage ich Euch noch was: Ich sehe mich schlafen. Ich sehe mich liegend im Bett schnarchen. Ich lächle sogar, fühle und höre meine Stimme denken, doch bin ich nicht in meinem Körper und kann diesen lenken. Tja, unerklärlich, märchenhaft. Aber es ist an sich nicht schlimm, bin ich ja ganz klar und reime, gut kann sein das ich einfach schleime und etwa für immer so bleibe. Spannend… ist, das ist was ich hiermit sage, das Uhren zwar alle Zeiten lenken, doch niemals Zeit bedenken. Könnt ich einrahmen die Aussage! Falls ich wieder erwach, aus dieser Ruhelage.


Der Kofferdieb von Prag Monsieur Eleterio stammte aus Aveiro, Portugal, einer kleinen Hafenstadt an der atlantischen Küste. Sein Vater hinterließ ihm genau drei Dinge: einen Hut, einen Anzug und einen Koffer, dass war portugiesische Art. Der Hut aus Biberhaar war schwarz, samtweich und mit elegant gefalteter dezent blau-schimmernder Ripsbandgarnitur nach Al Capone. Der Anzug war der Ausgehanzug der Marine seiner Zeit. Dunkelblau mit allerhand Abzeichen und goldenen Knöpfen entlang des Bauches. Die Ärmel zierten Flaggen. Der Koffer "Aus echtem Leder!". Welches, weiß man nicht, aber alle sagen es riecht nach Lamm. Eine Seltenheit sag ich Euch. Rund an den Ecken, rötlich braun, zwei Ledergurte, mit jeweils drei goldenen Nieten fixieren den Trageriemen und zwei Schnappschlösser aus schwerem Bronze veredeln das Aussehen ganz gewiss. Zwei, vier, sechs, acht, zehn Aufkleber sammeln sich darauf. Ich sage immer es sind ebenso Abzeichen, wie sie der Anzug hat. Hotel Ambassador Praha ist mein Lieblingsaufkleber. Das war die abenteuerlichste Reise bisher. Ich begleitete Eleterio nach Prag. Wir fuhren mit dem Zug. Auf dem Bahnhof bekamen wir den Aufkleber. Die Fahrt war holprig. Ich hatte kaum Platz unter dem Sitz. Der karamellfärbende Riesenpudel von der hochhackigen alten Dame kaute kurzzeitig an mir rum. Terio war nach Prag unterwegs, weil er dort die eine Briefmarke vermutete, die er einmal sehen wollte. Ihre Versteigerung machte die Runde in der Sammlerszene, was wirklich eine Merkwürdige ist. Alle tun geheimnisvoll, rennen mit lupendicken Brillengläsern durch die Säle und reden von der "Philatelie" wie Picasso über das Blau. Kurz nachdem der Zug hielt, kurz vor Prag, ergriffen mich ein paar Männer. Sie mussten eilig eingestiegen sein, noch bevor der Schaffner ausstieg und anzeigte, das wir hielten. Sie packten mich und ein paar Uhren und Ketten rissen sie von den Gliedern der Fahrgäste. Terio lief uns die Gänge hinterher, doch stieg er nicht aus, als es die Männer wie Piraten im Sprung taten. Ich fiel zu Boden. Die kleinen Steine auf dem Asphalt zogen tiefe Kratzer in mein Leder, wussten sie uns Pariser einfach nicht zu schätzen. Ich stamme eigentlich aus Paris. Die Dame Dupré war es, die mich bei Meister A'lambert in Auftrag gab. Dann kam ihr Sohn zu meinem Besitz und auch deren Sohn Henry. Als der nach Portugal reiste, verliebte er sich dort in die schöne Lydia. Sie war Terios Mutter. Als sie starb wachte ich über all ihre Hinterlassenschaften, die Terios Vater am Herzen lagen. Um sich selbst zu verabschieden gehörte ich nun Terio, der mich doch tatsächlich stehlen liess. Der „Kofferdieb von Prag“ hiess es später in den Gazetten. ...


VII. BEWUSSTSEINSSTROM GeneratioNow Liebe ist etwas Schreckliches. Sie ist einfach grausam. Warum nur hat die Welt so etwas Grausames eingerichtet. Es ist doch völlig überbewertet, dieses Ehepaar, mit strahlend grünem Rasen, weißem Lattenzaun und Umarmung vor der Arbeit. So etwas gibt es nicht. Ich kann es bezeugen. Ich wohnte in solch einer Gegend. Ich bin hingezogen wegen dieser Gegend. Ich suchte meinen Mann, mit strahlend weißen Zähne, der sich immer anschnallt beim Autofahren und Hemden trägt, die nicht zu kurz und nicht zu lang sitzen und zeigen das er Sport machte. Ich fühle mich jetzt wie ein menschlicher Rest, ein Haufen verdorrter Eingeweide, denn ich wohne nicht mehr in dieser Gegend. Nichts von der Nachbarschaft und nichts von den weißen Zähnen. Die Gesellschaft will mehr und ist völlig verblödet. Ich selbst schließe mich da gar nicht aus. Hänge ich rum, schaue fern, rege mich über die Werbung auf und kaufe die Produkte, weil in meinem Hirn Werbung eben funktioniert. Ich muss sagen, die Werbeleute kennen mich besser als meine Familie es tut. Die habe ich schon lang nicht mehr angerufen. Sie tun es, wenn sie was wollen. Es könnte nicht schlimmer sein, das Leben. Und nun auch noch verliebt. Nicht dass mein Verehrer mich nicht will weil er eine andere liebt. Nein, er ist lieber allein, als mit mir zusammen, waren seine Worte. Er lebt allein wie ich. Er guckt fern wie ich, er mag Dinge wie ich. Und doch ist er lieber allein.


5 Minuten Der Nachteil an meinem Job als Pathologe ist, Empathie. Der Vorteil, es gibt keinen. Vorteile, wenn es um den Tod geht, gibt es nicht. Mein eigener Tod ist mir egal, doch das der verborgenen Menschen auf dem Tisch nicht. Ich schaue mir ihre blasse Haut an, ihre Hämatome, ihre zerdrückten Hälse und Schnitte durch die Venen. Das ist was von uns übrig bleibt. Mehr nicht. Als ich am Freitag mit dem Fahrstuhl in die kalte Etage der Pathologie fuhr, schlich ich wie noch nie. Mein Knie tat weh und ich musste es nachziehen. Der Gummibelag unter meinen Schuhen zerkratzte deswegen, doch es störte mich nicht. Es würde wieder drüber gebohnert werden und alle Spuren wären vergangen. Ich drückte die Schleusentür auf und blieb stehen. Mein Fuß war mittlerweile abgeknickt, fast verlor ich den Schuh. Die Gehhilfsgeländer erfüllten, das erste Mal ihren Zweck, sah ich nie Tote an ihnen sich abstützen. Mein Büro war leer. Ein kalter Kaffeebecher gestriger später Stunden begrüßte mich nüchtern. Ich liess mich in meinen Schreibtischstuhl fallen und öffnete die Akten. Nr. 1595, Patientin, weiblich, 27.09. Ihr Mann hatte 6:20 Uhr den Krankenwagen gerufen. Dr. J. Hohlmeier stellte noch an der Fundstelle ihren Tod fest. Todeszeitpunkt bestimmen! Sie mochte ganz sicher Franz Schubert. Im Kopf hatte ich "Allegro Vivace - Duo in A".


Ein Brief Mein lieber Ehemann. Ich kann einfach nicht aufhören zu hoffen. So lang habe ich schon keinen Brief mehr erhalten. Doch ich kann einfach nicht aufhören daran zu glauben, dass er heute oder schon morgen bei mir ist. Mein Liebster... wenn ich Dich nicht hätte, wäre ich schon längst gegangen. Der Schnee ist mittlerweile so hoch, wie die Fensterläden. Jeden Tag muss der kleine Gustav von den Ziegen raus und hinein und jedes Mal zittert's mich, wenn der eisige Wind herein bläst. Wir haben das Holz gut aufgeteilt, es ist noch genug da. Verzieh mir, dass ich die Federn aus Deinem Kissen nahm, Gustav hat so gefroren, da hab ich's ihm in den Filz genäht. Ich sehn' mich nach dir. Es ist schon so lang her, Markus. Ich komm zu Dir. Irgendwann. Deine Dich immer liebende Frau


VIII. PARABEL

Kenji Itai und Meister Daichi Pen Der Jünger Kenji, der unterwegs war um zu Weisheit zu gelangen, traf den Gänsebauer und Meister Daichi Pen. „Herr, ich benötige einen Rastplatz. Ich bin stark und gut und will Ihnen helfen für Bett und Brot?!“ „Dich müssen die Götter geschickt haben! Meine Frau ist verstorben und ich kann nun zu ihr aufs Land fahren um ihr die letzte Ehre zu erweisen.“ Kenji traf die Angst. „Aber weiser Mann, was muss ich beachten, um in allen Ehren deine Aufgabe als Gänsebauer zu erfüllen?“ „Mein Sohn, entscheide als wäre all das Dein und wenn der Königssohn kommt, gib ihm was er verlangt.“ So ging der Alte fort. Der Jünger wollte hart arbeiten als wäre all das sein. Er aß und schlief gut. Eines Tages kam der Königssohn und fragte nach zwei fetten Gänsen. Der Jünger gab ihm was er verlangte. Die nächsten Tage arbeitete er hart als wäre all das sein, aß und schlief gut. Ein zweites Mal kam der Königssohn und fragte erneut nach zwei fetten Gänsen. Der Jünger gab ihm was er verlangte. Er arbeitete hart, aß und schlief fest. Am nächsten Morgen weckte ihn ein leises Piepsen. Eine Gans bekam Nachwuchs. Die kleinen Küken waren gelb wie die Sonne, weich wie Samt und erfreuten sein Herz. Einige Tage vergingen, da kam der Königssohn erneut und fragte nach zwei fetten Gänsen. Kenji brachte ihm seine zwei Fettesten. Da hörte der Königssohn das Piepsen der Küken und verlangte sie zu sehen. Der Jünger brachte sie. „Die werde ich der Königstochter bringen, gib sie mir!“ „Herr, das kann ich nicht. Sie sind zu jung um Sie ihrer Muttergans zu nehmen.“ Da war der edle Mann erbost und zürnte beim Davonreiten: „Wie wagst Du es mir etwas zu verweigern! Du gehörst in Verbannung für alle Tage!“ Der Jünger saß nun ohne zu arbeiten in der Hütte des Meisters und fühlte Schuld. Essen und schlafen konnte er nicht. Als Meister Daichi zurückkehrte sagte der Jünger: „Herr und Meister hier kann ich nicht bleiben, zu groß ist die Aufgabe für mich!“ „Was ist passiert?“ „Ich verweigerte dem Königssohn seinen Wunsch und gehöre in Verbannung.“ „Mein, Sohn Kenji Du lebst doch noch! Du bist gesund wie vorher und ich gebe Dir Brot und Bett. Warum tatst du nicht was ich dir sagte?“ „Das tat ich Meister Pen, doch jetzt drückt mein Herz aufs Knochenmark, ich finde keinen Schlaf, kann nichts essen, finde keine Kraft als wäre ich gestorben wie Deine Frau!“ „Mein Sohn setze Dich unter den Olivenbaum und finde Deine Kraft, Deinen Schlaf und Deinen Frieden.“ Der Jünger folgte dem Rat des Meisters und setzte sich unter den Olivenbaum und sah ins Land hinaus. Er fand auch hier keinen Schlaf, nichts konnte er essen. Der Schmerz wuchs und wurde schlimmer. Er weinte und es krampfte ihn. Wut und Zorn besuchten ihn. Er zürnte über das Leid, was der Königssohn ihm brachte. Da ging er zu dem Meister Gänsebauern und fragte nach Rat. „Herr Meister, was kann ich tun damit mein Leid vergeht. Ich bin in Verbannung meiner


Selbst.“ „Dann gehörst Du in Verbannung, mein Sohn. Was bereust Du?“ „Ich bereue nichts. Ich arbeitete hart und sah all das als mein, gab dem König was er verlangte. Doch ich gab ihm nicht mein Herz. Das steht mir zu.“ Und da sagte der Meister Pen mit ruhiger Stimme: „Junge, jeder hat ein Herz, auch der Königsssohn. So wie Du ihm nicht das geben wolltest was er verlangte, gabst Du ihm nicht die Freuden, die Du hättest teilen können.“


VIIII. SONSTIGES Eine Utopie Eines Tages als ich endlich genug Geld zusammengekratzt hatte um auf den Mond umzuziehen um bessere Chancen zu haben Fotos zu verkaufen, weil es auf der Erde einfach zu viele gute Fotografen gab, passierte Unglaubliches und doch, weil ich ja auf dem Mond war, klar Logisches. Seitdem bin ich nicht mehr dieselbe und suche nach Gleichgesinnten. Ich traf auf dem Mond, wie kann es anders sein, einen Mondmenschen, der dort schon immer wohnte und als TaxifahrerIn tätig war. Er sagte, er transportiere alles, am liebsten aber Licht, ja und Touristen. Er war immer über Besucher erfreut, sagte mir aber, dassb er sich daran gewöhnte, das Viele dann doch schnell wieder abreisten, mit der Erklärung mit ihrem Astronautenanzug und der Schwerelosigkeit überfordert zu sein. Ich zuckte mit den Schultern und bezog meine Gästestation, die von der NASA extra vorher noch mit einem Klavier ausgestattet war, weil ich, das war meine einzige Forderung, ohne Musik nirgends lang überlebte. Da ich für sie arbeitete, taten sie es und dort stand es nun. Ich stimmte sofort “How high the moon” an und sang dazu. Der Mondmensch, der nicht männlich und nicht weiblich war, aber trotzdem etwas Menschliches hatte, staunte nicht schlecht und sagte immer wieder “Eshabbo!”, was wohl sowas hieß wie “beschwipst!” und zum Ausdruck bringen sollte, dass es ihm gefiel. Er gab mir das Gefühl Willkommen zu sein, das fand ich schön, so weit weg. Ansonsten unterhielten wir uns auf allen Sprachen der Welt. Aber es ging letztendlich vor Allem mit Empathie und Telepathie. Die wörtliche Sprache war eine überbewertete Kommunikation, die mir allerdings Sicherheit gab. Seine Stimme klang immer ein bisschen heiser, bestimmt und ruhig. Immer mit humorvollem Unterton, wie ich fand. Bei jedem Wort wippte er leicht mit dem Kopf, als würden dadurch erst seine Worte herausgeschoben werden. Seine Haare wie Dreadlocks, schwangen beim Reden lustig hin und her. Eine sympathische, offene Ausstrahlung hatte er, wie ein Abenteurer, der endlich wieder ein neues Land besuchte. Seine Haut, nicht sonnengebräunt, sondern silbrig-blass und glänzend wie bei einem polierten Stein, reflektierte die Sonne eher, als dass er sie aufnahm. Er war ein bisschen größer als ich, sehr schlank, aber zu meiner Verwunderung mit wohlgeformtem Hintern. Seine Augen, die auch er hatte und unseren in der Form ähnelte, veränderten ständig die Farbe, ganz nach Stimmung, sagte er. Von schwarz zu weiß, alles konnte sein. Dann mal rötlich und gelb, orange, grün, violett, blau. So sei es leichter mit Anderen zu kommunizieren, meinte er während ich fasziniert einen Farbwechsel bestaunte. Er kommunizierte über Frequenzen, am liebsten mit dem Farbspektrum, gab er stolz zu. Deren Lichter waren verschiedene, wie unsere Sprachen, mit unterschiedlichen Temperamenten. Er mochte das Blau am liebsten, sie wären ruhige, sehr weise Energien, die immer wussten was zu tun war, obwohl sie nicht als die Aktivsten galten. Das ich immer blaue Augen hatte, freute ihn. Dann


klickte er, wie eine Eieruhr. Je schneller die Knackse waren, desto mehr Übereinstimmung und Freude hatte er an dem was geschah. Alles um Kommunikation zu erleichtern. Auch gäbe es wenig Missverständnisse auf dem Mond, bewarb er seinen Planet. Ich war beeindruckt. Tatsächlich riss auf meiner ersten Fotosession, mein Raumanzug, was mich deutlich nervös machte, weil so die große Rückenlasche meines Anzugs nicht mehr als Proviant- und Equipmentfach genutzt werden konnte. Der Mondmensch lachte darüber weil alle Neuankömmlinge so was als Abreisegrund angaben und es für mich ja nun nicht mehr lang dauerte seinen Planeten zu verlassen. Zusätzlich tippte er mir ständig gegen den Helm, da ihn meine Frustfalten zwischen den Augenbrauen amüsierten. Die entstanden, weil mir so nun alles ohne Rucksacktasche ständig aus dem Arm glitt und alle Dinge trotz Anbinden an meinen Anzug durch die Schwerelosigkeit kaum zu bändigen waren, wenn man sich auch noch selbst bewegen musste. Meine Überforderung war mir aufs Gesicht geschrieben und meine Verärgerung wuchs als er mein Gesicht durch die Verkniffenheit wie die Ladestation seiner Funktionshandschuhe beschrieb. Er amüsierte sich köstlich. Ich versprach ihm in meiner Raumkapsel gern mal meine Haut anfassen zu lassen, wenn er aufhörte mir an die Scheibe zu drücken. Er lachte erneut über die Wärme meiner Haut, was einer Ladestation zusätzlich ähnelte als er meine Haut dann berührte. Sie war natürlich warm. Seine hingegen viel kühler als meine. Doch man spürte trotzdem das sie durchströmt wird von so einer Art Blut, nur eben langsamer, vielleicht. Es ist Wasser, meinte er. Er hätte keinen Stoffwechsel, sondern einfach einen Wasserkreislauf. Das war hochinteressant, wie ich fand. Aber mich beschäftigten eher meine Ergebnisse der Fotosession, als das ich mit ihm weiter Körperstudien durchführen wollte. Und jetzt das Unglaubliche, weshalb die Geschichte überhaupt so brisant ist. Als ich so meine Fotos entwickelte, bemerkte ich ein Foto, was ich von dem Mondmenschen ganz beiläufig machte. Klar, musste ich auch den Gastgeber fotografieren, für mich, obwohl mein Auftrag eigentlich, Umgebung und Steine hieß. Das Foto zeigte ihn vor meiner Raumkapsel, mit einer Hand zwei “Peace”-Zeichen zeigend, weil er zwei Daumen an jeder Hand besaß. Diesmal war ich von ihm amüsiert. Es sah wirklich lustig aus, gern hätte ich es bei Facebook reingestellt, aber das war ja nun passé. Außerdem aber zeigte es ihn mit einer riesengroßen weißen Lichtkugel umzogen, die man so in Natura nicht sah. Ein weißer Schein einer Kugel, in ihr schienen Bilder zu schweben, wie durch ein Kaleidoskop hindurchgeschaut, in Symmetrie. Als ich die Muster genau anschaute, erkannte ich wie bei Fotos, Motive darin, Landschaften und Gesichter von Menschen. Nun war ich endlich auf etwas Großes gestoßen und fühlte mich wie eine richtige Wissenschaftlerin im Auftrag der NASA. Ich zog mich schnell wieder an und suchte den Mondmenschen auf um erneut Fotos von ihm zu machen. Meine Entdeckung hielt ich erst mal für mich. Als ich ihn fand, positionierte ich ihn irgendwo, mal stehend, mal von vorn und hinten und knipste einen


ganzen Film voll. Er lies alles geduldig mit sich machen, fragte auch nicht weiter. War mir ganz recht so. Später tauchte ich erwartungsvoll die Abzüge in die Entwicklerlösung. Das Warten bis die Säure ihre Arbeit getan hatte, war durchaus schwer. Dann endlich schien sich etwas zu tun und es bildete sich wieder auf allen Bildern dieser Lichtschein um die Mondgestalt ab. Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich meine Schwester, mein Geburtshaus und auch meine erste Gitarre, in den Motiven. Bilder meines Lebens. Da ich Fotos auch in Reihe schoss, war klar, dass die Motive darauf, Momentaufnahmen meiner Selbst in der Situation waren, in der ich dachte und war. Was ich dachte, was ich war, was ich fühle und dazu die Verknüpfungen meiner Erinnerungen. Diese Lichtkugel reflektierte mich und mein Leben ganz deutlich. Das ich nicht vorher daran dachte, das ein Mondmensch reflektieren konnte, ließ mich die Hand an die Stirn schlagen. Ich konnte die Nacht nicht schlafen, dachte die ganze Zeit darüber nach, was es jetzt für mich hieß. Was brachte mir dieses Bild von mir selbst? War ich nun im Stande mich selbst zu erkennen? Akzeptierte ich es oder fiel es mir schwer und warum. Ich war zwar grundsätzlich zufrieden mit mir und dem was ich von mir sah, aber irgendwie ließ es mir keine Ruhe, jetzt mit diesem Wissen. Mir wurde klar, dass auch die Abreisenden diese Entdeckung gemacht haben mussten und das es ihr eigentlicher Grund zur Erde zurückzukehren war. Schließlich zeigten die Bilder nicht nur schöne Erfahrungen, sondern vor allem die Ängste hinter den man sich gern versteckt, was man also alles nicht ist, eben weil man es wegen der leidvollen Erinnerungen nicht kann, sie endgültig zu bewältigen und Dinge eben meidet, die gut wären. Bewältigen kann man sie nur mit weiteren Erfahrungen auf der Erde und ich war lang noch nicht durch und durch von Ängsten befreit, das stand fest. Sollte ich also zurück? Denn wen sollte es stören, wie ich war? War ja niemand da, außer mir und der Mondmensch, niemand. Es hätte mir egal sein müssen, was ich sah, wie ich war, brauchte ich einfach nicht hinzuschauen. Doch man ahnt es nicht, gerade weil da niemand war, konnte ich nicht wegsehen, musste mich mit mir auseinandersetzen. Aber ginge das, hier auf dem Mond? Ich ließ mich zwei Tage nicht draußen blicken und lenkte mich mit anderen Studien ab. Irgendwann klopfte es und der Mondmensch lud mich auf eine Fahrt in seinem Taxi ein, er müsse Kontaktmittel liefern, sagte er. Ich wollte zwar nicht, aber schließlich war ich Reporterin und lernte in meinem Studium “Lieber ein Foto zu viel, als eins zu wenig.” Also fuhr ich mit. Schweigend und irritiert, was ich jetzt nun mit dieser Info über die Reflexion anfangen wollte, saß ich einfach neben ihm und versuchte an nichts zu denken. Wir unterhielten uns nicht viel, ich fotografierte einfach wie er da saß, ausstieg, lieferte, wieder einstieg und zurück fuhr. Er fragte nicht, was war. Er spürte scheinbar keine meiner Verwirrungen, keine Emotionen drangen zu ihm durch, auf die mich ein Mensch angesprochen hätte. Dies ließ mich schmerzlich all die Freunde vermissen, die mich kannten und mich getröstet hätten. Als wir an meiner Raumstation ankamen, verabschiedete ich mich schnell, um jetzt doch mit großem Interesse zu sehen, was die Fotos zeigten. Wieder sah ich


in seinem Lichtschein Motive meiner selbst. Sie zeigten mich diesmal viel deutlicher. Sie zeigten meine Freunde, die lustig beisammen saßen, meine erste große Liebe und meine Mutter bei meiner Geburt. Ich atmete tief ein. Irgendwie packte mich ein Gefühl, das die Aufgabe hier auf dem Mond zu leben eine zu große für mich war. Ich musste entweder hinsehen und mich annehmen wie ich war oder der Versuchung widerstehen, den Mondmenschen zu fotografieren. Ein paar Tage liess ich den Fotoapparat liegen. Doch es war meine Aufgabe zu fotografieren und so stürzte ich mich in andere Arbeit um mich abzulenken. Als ich gelangweilt davon war Dinge zu sortieren ohne nur ein Bild gemacht zu haben, überkam es mich und ich griff wieder zu meinem Fotoapparat. Kaum sah ich aber den Mondmenschen, zielte mein Objektiv auf ihn und ich knipste. Ich konnte nicht anders. Auch sah ich mir die Bilder nach der Entwicklung an und blickte in mich. Ich sah Schönes und Glückliches, was mich ganz euphorisch sein liess und gleichzeitig lies es mich das Menschsein auf der Erde vermissen. Ich war nun mal Mensch. Zusätzlich sah ich Dinge, die ich nicht erledigt hatte, nicht ertrug, sie so unerledigt zu sehen, weil ich damals nicht wusste wie sie zu erledigen waren. Doch jetzt war mir klar, ich musste es einfach tun, sie erledigen wollen. Tatsache stieg ich nach drei Monaten trotz Klavier und Sympathie für den Mondmenschen ins Shuttleschiff zurück zur Erde, obwohl ich wusste, dass ich dort schon einmal alles zurückgelassen hatte. Aber ich wollte mich befreien. Der Mondmensch sagte zwar nicht, dass ich bleiben solle, aber er sagte, dass ich immer willkommen wäre. Ich verstand ohne etwas zu sagen und schloss die Shuttletür. Und nun bin ich wieder hier und erzähle diese Geschichte, um zu sagen, das es eine Reise wert ist, dort auf den Mond, sie dich aber für immer verändert obwohl nichts anders ist, außer die Sehnsucht nach Heilung seiner Selbst. Meine Fotos des Mondmenschen sind nach Einreichen bei der NASA verschollen.


THEATERSZENE (*) ERSTER AUFTRITT Am Haus der Hexe; Jüngling und Hexe JÜNGLING. Seid gegrüßt gutes Weib. Weit war's bis hier gewesen und doch kam ich an. Eine Bitte war's, die mich hertrug und um deren Erfüllung, ich euch aufzusuchen, bin gekommen. So sagt, ist's mir gestattet, diese zu stellen? HEXE. (überrascht) Ein Sonderling, der meine Gegenwart erträgt? Dir muss es wahrlich schlecht ergehen, wenn Du auf meine Hilfe baust. JÜNGLING. Oh, weshalb sprecht Ihr gar so schlecht von Euch? Seid ihr doch wahrlich ein angenehm'rer Anblick, als es den Hexen nachgesagt. Doch meine Bitte, sagt, werdet Ihr sie mir zu erfüllen überdenken? HEXE. Aus Euch spricht schon jetzt der Liebesdurst, verloren Deine Seele. Ein leichtes Spiel wird das, Euch wegzujagen. Was gebt Ihr mir als Tausch dafür?! JÜNGLING. Itzt wisst Ihr's schon? Gut, nun dann wisst Ihr auch, dass ich nichts habe, was des Tausches wert; wär's, müsst ich mir nicht erstreiten meiner liebsten Liebe mit Magie. Dacht ich doch, ich könnt' Euch meine Taten zum Lohne bieten. HEXE. Ha, was soll eine Hexe mit Taten eines Jüngling, beherrscht sie doch, weshalb Du hier bist, die Magie! Nein, Dich brauch ich nicht. Aber!! Auch Du kannst mir eine Bitte, besser noch eine Frage gestatten, deren Antwort Du mir dann schuldig bist und ich gebe Dir was Du verlangst. JÜNGLING. Mir graust's, doch bin ich gewappnet. Stelle deine Frage nur, Weib, und ich will dir keiner Antwort schuldig bleiben. HEXE. Du bist voller Mut!. Also, wer oder was hört alles, ist sichtbar und hat dennoch nie gesprochen? JÜNGLING. Mir mutet an, es wär das Ohr. HEXE. Nun gut, Du bist weise genug um mit Zauber umzugehen, ja, das Ohr! Sei Dir der Antwort stets bewusst. Was nun ist Deine Bitte?" JÜNGLING. Habt meinen Dank. Es ist die Tochter des Gehöftbesitzers, für den ich zu arbeiten zu lieben gelernt. Leider versagt es mir mein Stand, ihr den Hof zu machen, doch mein Begehren ist zu groß, als dass ich dem entsagen könnt. Wisset Ihr einen Weg, der mir dies durchzusetzen ermöglicht? HEXE. (lacht) Nehmt diesen Spiegel hier. Denn wer auch immer darin blickt, sofort zu lieben angetan.


JÜNGLING. Ei, ein feines Geschenk ist's wohl, doch mach ich sie mich zu lieben, bringt ihr dies nur Kummer; wo ihr Vater doch nicht gut heißt unser begehren. Sagt, besitzt ihr auch etwas, das mir hilft, der Angebeteten Vaters Gunst zu gewinnen? HEXE. Nehmt dann dies Uhrenstück, es zeigt Euch täglich Reichtum an! JÜNGLING. Ihr schenkt mir Reichtum, ohne etwas zu erwarten? Mich dünkt eine List. Sofern dies eine Probe ist, so ist sie gar trickreich. Dies anzunehmen, bin ich nicht gewillt, ist's doch auch nicht der Reichtum, den ich ersehne, sondern Liebe. HEXE. Verstehen soll einer das? Willst Liebe eines Vaters mehr als die Deiner Geliebten. Du kannst kein Sklave der Liebe sein, lehnst ab Dein Selbst und auch den Reichtum Zeit! Siehst Du die Esel, die da stehen, zu so einem sollte ich Dich machen. So kannst Du dem Vater Freude bringen, denn er hat einen Träger für Lasten. JÜNGLING. Itzt zeigt Ihr euer wahres Gesicht, Hexe. Der Unhold wünscht es nicht, ertappt zu werden und würd er's doch, so zeigt er der Schlangen Zähne. Sagt an, bei welch falschem Spiel ich nicht bereit war mitzuwirken. Besser ist's wär die Erklärung eine gute, ist's doch meine Pflicht als rechter Christ, jede Teufelei zu berichten. Sprecht! Es setzt sich ein Rabe auf einen Stabe danieder. HEXE. Ei mein Rabe, Du kommst mir recht! Bringst Weisheit von den Bergen. Warst Du doch einst ein edler Mann, der zum Raben wurd' durch Sühne. Sag mir, wem muss der Jüngling folgen damit er seinen Frieden kriegt?! Gibt's je ein Zauber, der sein Gemüt erleichtern kann? Rabe krächzt. HEXE Wahr so wahr, kein Mensch mehr je zu sehen. Erinnere dich Jüngling, dass du aus Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst!" JÜNGLING. Sprichst' über mich als Mensch, wo du doch selbst nicht bist eine der solchen? Ich bin nicht gewillt weiterhin eure Gedanken zu entwirren. Sagt mir, wie ich die Gunst des Bauern und das Herz dessen Tochter zu gewinnen im Stande bin und's soll Freundschaft zwischen uns geben. HEXE. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut! Ihr nur sprecht von mir als Hexe. Die Wahrheit ist's allein, der ich nur diene und keiner Zauberkraft. Doch ist auch die so märchenhaft, das niemand ist sie zu erkennen und zu ertragen. Wenn Du das Herz der Liebe willst, musst du sie zähmen wie 'nen Bären. Den Vater, kannst Du stets gewinnen, in dem du ihm zum Sohne wirst. Denn seine Tochter schützt er nur vor dem Verlust der Vaterschaft, zur Liebe zu den Kindern. JÜNGLING. Recht habt Ihr wohl, ei. Die Liebe ist's, die uns verbindet und mehr... schafft sie's doch mir einen Vater zu schenken. Ein Mann der Ehr ist er wohl. Edle Hexe behaltet euren Spiegel, will ich ihn doch garnicht mehr. Eure Worte aber... Eure Worte werden mich zurück begleiten. Habe ich doch bereits einen Platz in meinem Herzen freigeräumt. Seid's tausend gedankt und verzeihet mir die schweren Worte, entbrannten sie doch meiner jungen


Liebe. Ihr seid wahrlich eine Hexe des Guten. Wohlan, gehabt Euch wohl, muss ich doch eilen zu tun, was Ihr mich gelehret. (Verlässt das Haus) •

Das Theaterstück stammt aus einer Gemeinschaftsarbeit mit mir und Lieven Schlechtweg. Der Inhalt der Texte des Jünglings ist seine Geistesarbeit.


TEIL ZWEI


I. VON BILDERN INSPIRIEREN LASSEN „Auf wundersamer Reise…“ Ich liege im Schlafsack, betrachte mein Zelt. Der Wind streicht herüber, der Regen trocknet leise. Meine Reise, die mich ändern sollte, begann in Reichenau, ein Zeltplatz, mitten im Wald einer Insel am See. Kerstin organisierte das Treffen, lud Freunde ein zum Campen. Wir lernten uns vor Jahren auf Paddeltour die Spree herauf kennen. An ihr hing etwas wundersames, undurchschaubar anziehendes. Sie war schön, aber durch ihre Augen, durch ihr Auf-den-Boden-schauen und Kräuter klauen. Ja, sie faszinierte mich, weil sie mit Bäumen sprach. Ich stand daneben fast so als wär ich unnormal, das ich nicht das Holz umarmte, mich auf die Straße legte und mit dem Planeten sprach. So schien es. Sie begrüßte die Sonne und den Mond… Wenn er voll war, so sagt sie kämen die Engel. Wenn ich andere wie Spinner sah, war sie so gesund dabei. So viel mehr als ich scheinbar. Aber es war auch egal. Denn sie nahm mich wie ich war und ich sie, wir alle, unwissend über ihre Quelle der Heiterkeit. Ich versteh, wenn man aus Alltäglichem ausbricht, wenn man träumt ein Waldwesen zu sein, eine Wassernixe oder wenn man behauptet mehr zu sein als dieser Mensch, der arbeitet und mit einem Partner lebt, der einem mehr „schlecht als Recht“ immer ähnlicher wird. Nur wann bricht man auf? Wir unterhielten uns heute abend am Lagerfeuer über die Apotheke der Natur. Kerstin kochte für uns, war dafür lang weg und kam wieder mit Brennessel und Löwenzahn mit Borretsch, Dill, Fenchel und Kresse, fand Tymian und Liebstöckel. Nie gehört. Ihre Begeisterung war erstaunlich. Es zog mich mit, Interesse zu haben, obwohl ich selten kochte. Ich habe auch keinen Garten nur ein paar Pflanzen in der Wohnung, die ich wenn’s sein muss gieße. Ein Kräutersalat und Tee wurde es, so aus dem Nichts, aus der Natur. Ich werde mal mitgehen, wohin sie geht, wo sie all ihre Schätze findet. Aber auch weiß ich, das ich schnell das verlier was sie zu viel hat, für Salben und Wurzeln und Öle. Das Feuer war riesig, viel, viel zu groß. Kaum beherrschbar von unserer Gruppe. Wir saßen da und taten alle so als würde es uns nichts ausmachen, das die Flammen hoch schlugen und Äste laut krachten wenn sie durchschmorten. Kerstin spielte Gitarre, das konnte sie auch. Sie konnte auch singen und tanzen und Geschichten erzählen. Sie sprach von Brunnen, die sich


innen mit Schätzen ausstatten und nur ein Brunnen in sich nach Wasser suchte. Es verband ihn dann mit dem Grundwasser und so mit dem großen Ozean. Mit einem Bisschen zu viel Traum war ich früh wach, stand auf, weil mein Handy klingelte. Ich schaute aufs Display. „Unbekannt“. In dem Moment wusste ich, dass es hier falsch war. Ich schaltete es aus und machte mich auf zum Brötchen holen. Ein großes Schild „Fundsachen, hier abgeben!“ zog mich zum Infopoint. Ich packte das Handy auf den Tresen: „Hatt wohl jemand verloren!“ „Das ist nett! Der Besitzer wird sich freuen.“ „Ja sicher sicher wird er das. Ist ja wichtig hier draussen.“ „Danke vielmals“ verabschiedete ich mich. Ich ging zum See und weiter, aß mein Brötchen auf einer Bank und sah ein Eichhörnchen. Es sammelte was. Kerstin fand mich. Sie grüßte kurz und badete nackt, ging wieder raus und verschwand. Ich wollte Zigaretten. Robert, bei dem ich fündig wurde erzählte von einem Haus in dem es spukte. Es sollte in der Nähe sein mit einem Geist im Dachgeschoss. Die Frösche um uns herum lachten laut, wie auch ich im Innern. Er kam mir vor wie ein Kind. Für mich war es irgendwie putzig, Geister sehen. Ich willigte ein, mutig und sorglos über jedes Geschehen. Er rannte los, telefonierte, kam wieder und sagte „Wer will kann mitkommen! Übernachten können wir dort.“ Verwundert sahen manche auf und andere kreischten und lachten. Sie hatten lustige Angst und weigerten sich plötzlich. Ich beobachtete Kerstin. Sie war still und sah dann auf: „Fährst du mit?“ „Ja, warum nicht. Ist doch mal lustig.“ Zuckte ich die Schultern. „Okay, ja ich auch.“ meldete sie sich, stand auf, wohl um zu packen. Ein komisches Gefühl flammte in mir auf. Sie kam mit, um was, mit echten Geistern zu reden? Ich hatte noch nie Verstorbene gesehen. Beerdigungen mied ich schon immer. Obwohl es wohl natürlich war, wie die Geburt es auch ist, muss man den Tod nicht schon im Leben überwinden und sich dem Sterben annehmen, dem Ende des Lebens. Das Geisterhaus schien von Romantikern bewohnt. Sie schmückten Balkon und Läden mit mediteranem Zeug. Krüge und Glöckchen, Ranken und Tonfiguren. Es erinnerte mich an frühere Reisen mit meinem Mann. Wie wir im Frühling herumspazierten und glücklich


waren. Wir waren die einzigen Fremden die Wege gingen die keiner mehr geht, weil alle wussten wohin sie führten. Wir nicht, wir gingen sie einfach um umzudrehen; gemeinsam, mit einander, um einfach länger beieinander zu sein. Damals. Wir tranken Wein, bekamen Zimmer im Dach. Dort war auch eine kleine Bibliothek, die sollte verschlossen sein und aufgehen bei Nacht. So saßen wir, Robert und ich, Kerstin und Sandra mit Malte und waren ganz ernsthaft. Doch dann holte Kerstin Karten heraus, zum Wahrsagen, fragte wer denn was wissen will und mischte und stapelte nach irgendwelchen Regeln. Malte wollte. Er fragte besessen nach Kim. Jeder kannte die Geschichte und stöhnte auf. Ich machte einen Witz, sie wäre nachgereist. Er und sie waren nicht zu trennen, sie stritten ihr Leben lang. Kerstin legte die Karten breit aus und summte dann etwas sehr Schönes. „Du wirst dich trennen müssen, sie loslassen. Sie wird eine Reise machen, wo Du nicht dabei sein wirst, sieht man an dem Pik hier.“ „Ja ich sag doch sie kommt!“ rief ich laut und lachte. Malte fragte ganz verbissen: „Wohin fährt sie denn?!“ „Das weiß ich nicht, das steht hier nicht. Ich kann nur sagen das sie’s tut.“ „Ich glaub, das macht wohl jeder, reisen…“ meinte ich. Und Robert dann „Nicht jeder…“ „Noch was zum Geld?“ fragte Kerstin plötzlich professionell. „Joa, joa, aber das sie geht ist blöd.“ „Du liebst sie?“ meinte Sandra „Süß!“ „Ja tu ich, und?!“ „Na nix ist doch schön.“ Ich holte noch eine Flasche Wein. Für ein Gespräch über Liebe war das jetzt meine Strategie. „Kerstin, hast du jemanden, leg doch mal für dich die Karten?“ Sie lächelte und mischte wieder und stapelte und nahm sie ab und legte welche behutsam bei Seite und welche vor sich als Kreuz. „Ja, ich hab da jemand. Den ich sehr liebe. Doch ist es uns verweigert es auch zu leben, zusammen.“ „Oh!“ „Was?? Was meinst Du? Warum?“ wollte Malte wissen.


„Wir sind durch Karma verbunden, verstrickt. Ich war mal Mann und er meine Frau, ich verletzte sie und lehnte ab. Nun werde ich von ihm abgelehnt und muss dadurch, warte, vielleicht mein Leben lang auf unser Glück.“ „Och nein, das kann nicht Liebe sein. Wieso denn diese Leiden?“ „Findest du dich damit ab?!“ „Ich leide nicht. Pass auf hier deine Karten.“ „Was meine??“ sagte ich laut. „Aha, Du bist viel Feuer. Bist Du Löwe?“ „Nein.“ „Ich seh hier Feuer! Leidenschaft. Du wirst jemanden kennen lernen, der wahre Liebe entfacht.“ „Wirklich? Oh nee. Ich mag gar nicht. Ist es mit Daniel noch nicht vorbei in meinem Kopf.“ „Na nicht im Kopf, im Herz dort wird das Feuer beginnen. Und in deinem Schoß. Schön, freut mich für dich.“ Was wusste sie schon. Ich wollte ins Bett. Ich wollte den Geist sehen und nicht meine Liebe. Die Fähigkeit dafür sagt nichts. Der Andere ist es, ist da oder nicht. Ich wollte den Geist sehen und nicht wieder an die Decke schauen und nachdenken was Kerstin sagt. Sie spricht mit Bäumen, legt Kreuze aus Steinen. Ich schlief ein. Als wir frühstückten im Garten vorm Haus sah das Gebäude ganz anders aus. Als wär es über Nacht verwandelt. Es funkelte, weil die Mosaike an den Wänden die Sonne zurückwarf. Ein Hund gab es. Der war lag auf dem Boden und schlief. Er schnarchte, träumte und paddelte dabei, „Er war einmal ein Vogel...“

Ich dachte an Daniel und auch an meinen Chef und

suchte m e i n Tier, was ich war wenn ich träume. Ich verschwand mit Roberts Zigarette am Strand und dann in der Zelle um mit Daniel zu telefonieren.


II. KALEIDOSKOP ROMAN “Kurz vor Sieben“ Greta war mit ihrem 5-Jährigem Sohn Max auf dem Weg zum Kindergarten. Die Uhr zeigt kurz vor Sieben. Die Sonne schien. Es begann ein schöner Frühlingstag zu werden. Die Straßen füllten sich langsam mit Autos, mit Berufstätigen auf Rädern, Müttern mit Kinderwagen, Älteren, auf dem Weg zum Garten. Max kleine Hand hing an Gretas. Er dachte nicht an Zeit, war müde und ließ sich einfach ziehen. Seine Füße tippelten die Gehwegsteine einzeln ab. Max war von seiner Mutter viel zu warm angezogen heute. Seine blaue Jacke voller Daunen war eng und unangenehm diesmal. Sein Kopf war kaum zu sehen. Der Donald-Rucksack hing hingegen viel zu locker. Die Riemenklemmen polterten bei jedem Schritt an seine Hose. Aber, auch ohne nützlichen Inhalt musste er immer mit. Zwei Matchboxautos und ein paar Stifte, eine Telespiel trug er mit sich. „Na Maxi? Keine Lust heute?“ Zog Greta ihren träumenden Sohn hinter sich her. Max schwieg. Sein Gesicht schaute auf den Boden, auf seine Schuhe, sein Schnürsenkel löste sich. Er blieb stehen, bückte sich und versuchte die Bänder zu greifen. Doch seine Hände hatten damit Mühe. Greta führte ihn zu einer kleinen Mauer. „Stell mal deinen Fuß darauf!“ Greta band behutsam seine Schuhe. „Soooo. Besser?“ sie tätschelte ihn. „Joa“ seufzte der Kleine. Sie gingen weiter. „Aber du gehst doch gern in den Kindergarten?“ „… mach ich ja auch gern.“ antwortete er leise. „Und warum ziehst Du sonne Schnute?“ blieb Greta stehen und schaute ihren Sohn an. „Wir werden bestimmt wieder malen.“ ärgerte er sich. Greta lacht verhalten und streckt ihre Hand aus. „Na komm, das wird schon schön.“ „Neeee. Nicht wenn Elli mitmacht.“ lehnt er ihre Hand ab und geht allein weiter. „Wer ist denn Elli?“ „Mädchen.“ „Bei dir in der Gruppe?“ „Ja die ist total doof.“ schießt er einen kleinen Stein über den Gehweg. „Was macht sie denn, ärgert sie dich?!“


„Die ist komsich!“ „Komisch?“ „Ja die hat nur einen Arm!“ „Die hat was?“ Greta stutzt „Nur einen Arm?“ „Ja weil eine fehlt. Deswegen malt sie auch immer so komisch.“ Greta sammelt sich: „Also, du magst Ellie nicht, weil sie nicht wie du malen kann?!“ „Jaaaaa!“ „Und ist sie sonst nett?“ „Schon.“ zuckt Max die Schultern. „Na Maxi Papa malt auch manchmal komisch.“ „Ja aber nicht so…“ Max hält seinen rechten Arm an die Stirn, verkrampft und deutet an über seinem Kopf ein Flugzeug zu malen. „Na so malt keiner!“ entgegnet ihm Greta stutzig. „Doch sie?! Sie hat nur eine Hand. Deswegen malt sie sooo….!!“ Wieder beugt sich Max verkrampft nach vorn, streckt seine Hand an die Stirn um diesmal ein Dreieck in die Luft zu malen. „Und warum stört dich das? Sie ist doch gesund sonst…scheinbar… geht mit dir in denselben Kindergarten! Oder ist sie…“ Greta überlegt. „Anders?“ Sie schauen sich an. „Es gibt eben Menschen mit einer Hand und welche mit zweien, Käfer mit vier Beinen und mit sechs. Sie können trotzdem alle laufen und es ist…“ „Ich hab schon mal einen Hund gesehen mit nur 3 Beinen!“ unterbricht Max fröhlich. „Wirklich?!“ „Bei Tore im Garten. Der brauchte gar nicht soo machen.“ Max stellt ein Bein aus und hüpft zwei, drei mal auf der Stelle.“ Plötzlich ein Knall. Einem Transporter, mit Anhänger platzt ein Reifen, zieht sichtlich beschädigt an beiden vorbei und kommt auf nächster Kreuzung zum Stehen. „Oh je!“ bleibt Greta schockiert stehen und zieht Max an sich. Ein Kleinwagen schießt aus einer Seitenstraße und kracht ohne zu Bremsen in den Anhänger. Stahlträger durchstoßen die Türen, Glas zerspringt, Metall verbiegt, Autoteile fallen auf die Straße „Man, pass doch auf!!!!“ schreit ein Mann aus dem PKW, deren Kinder weinen. Es hupen heran eilende Autos. „Oh Max wir gehen lieber wo anders lang.“ Wendet sich Greta von der Szenerie. „Das sieht nach einem schweren Unfall aus!“


„Was ist denn passiert?“ fragt Max schüchtern. „Ich weiß nicht, Autos sind ganz doll zusammengestoßen, hoffentlich ist niemand schwer verletzt.“ „Sind sie tot?“ „Nein die sind nicht…“ gehen sie weiter. „Aber die müssen auf jeden Fall zum Arzt, sich röntgten lassen – Man kann nämlich beim Arzt mit einem ziemlich großen Gerät die Knochen des Menschen sehen – hineinschauen ob noch alles da und heil ist.“ Max nimmt Gretas Hand und lächelt plötzlich. „Elli braucht das nicht. Ich kann ihr auch sagen, dass sie keinen Arm hat.“ „Na, du magst sie doch.“ „Vielleicht.“ Sie biegen in die nächste Straße ein.

II. KALEIDOSKOP ROMAN “Stausteher“ Denkt: “Ich komme mir schäbig vor. Ich bin Schutz vor Lärm und Gestank und bin es selbst, der es frisst. Draußen dampfen die kräftigen Reste der Motoren, qualmen die schnaufenden Alten und steht die dicke Luft. Alles staut sich Meter weit zum Horizont. Wir atmen den Smog und produzieren schwarze Wolken um unseren Leib. Ich, in der Metallkarosse, umzingelt von Fenster, die hineinschauen lassen, in das Chaos, was so privat erscheint. Verboten unbemerkt, unbewegt, der Blick nach hinten, ansonsten starr geradeaus. Ich sehe die polierten Schnauzen, sie starren mich an, nichtssagend. Nur wie viel die beheizten Ärsche mehr zahlen mussten, sagen sie mir; wettern und plagen sich mit weiteren Zahlungen. Zwar sind sie alle bunt und verschieden, doch in der Masse ergrauen sie sofort, umhüllt sie derselbe Nebel der „überhöhten“ Metropole. Die Sonne heizt uns auf und ich brülle dann, hupe, treibe: „Sofort!“, „Los!“. Wir drohen uns alle anzustecken, mit den Flammen der Wut, geschuldet der Sehnsucht nach Platz und Zeit, die wir nicht haben. Solche, drängen, drängeln und schieben sich dicht aneinander, mit gekonntem, fiesem Lachen; krachen auch ineinander, verziehen sich vom Ursprünglichen, hinterlassen Kratzer und Spuren und Beweise für teure Strafen und verknacken können wir uns. Oder, wenn wir Sicherheiten haben - verzeihen - in den seltensten Fällen. Gut, dass ich es nicht bin, der meine


Rechnung heute zahlt, keine Schuld liegt auf mir, zum Glück. Ich bin nicht der arme Aussteiger, der Partei ergreifen und kräftig argumentieren muss, warum ich nicht gelaufen bin, um nicht dort zu sein wo ich jetzt bin, zur falschen Zeit am falschen Ort. Im falschen Leben. Ich bin zu klein, zu klein um auszusteigen. Ich will schnell sein, schnell weg, schnell bleiben, auf den Strecken von „A nach B“ mit schöner Werbestimme im Gepäck! Sie hat mich noch nie belogen, die Stimme an der Front! Meine Eigene hingegen lügt. Sie lügt und lügt, hält mich für entsetzlich! Ich starte dann durch, fahre Überholspur, folge jeder Sirene und gebe mich als scheinenden Heiler aus. Mein Blick zieht es an die Höllenstelle. Sie ist klebrig rot, falsch, brennend, tiefe Wunden… Mich wird die Wahrheit quälen, in 10 Jahren. Doch werd ich sie jetzt ganz gewiss los; werd ich glänzend vor der Macht von neuen Opfern erzählen, als erster noch. Einmal erster.”

II. KALEIDOSKOP ROMAN „10 Jahre später“ „Warum hast Du eigentlich nur einen Arm?“ fragt Max leise und kippelt mit seinem Stuhl vor und zurück. Elli schaut von ihrem Englischbuch auf: „Unfall. Als ich noch ganz klein war.“ Max erinnert sich an den schweren Unfall, den er mit seiner Mutter beobachtete als er jung war. Auch da sah er Kinder, die verletzt schienen. „Musstest Du geröntgt werden?“ flüstert er. „Nee, ist doch ab!“ „Davor mein’ ich?!“ Elli schaut verlegen zum Lehrer, der die beiden ansieht. „Elli, fertig?“ „Gleich, gleich, letzten Satz noch.“ widmet sie sich wieder ihrem Buch. „Max, Du? Fertig?“ spricht der Lehrer auch Max an. „Ähm…“, räuspert er sich. „Drittens, weiß ich nicht! Hab Elli gefragt.“ Sie lächelt. Max wartet nach Schulschluss vor der Schule. Tore und Sven eilten lärmend auf ihn zu. „Und los!“ schleudert Tore den Fußball auf den Asphalt. „Kommst Du auch zu Majas Geburtstag?“ läuft er rücklings dem Ball nach und wirbelt ihn jetzt hoch in die Luft.


Max überlegt. „Mh, glaub ja. Ist aber langweilig, Bowlen!“ „Ich find’s gut.“ wirft Sven ein. „Kommt Elli auch? Wisst ihr das?“ wollte Max wissen. „Haaa, haaa. Wie soll sie denn…!!!“ wiehern die Jungs los. Max holt seine Trinkflasche aus dem Rucksack. „Wieso, sie kann doch trotzdem da sein!“ „Ist bestimmt da.“ stößt ihn Sven provokant in die Rippen und dribbelt „Mit links!“ davon. Max eilt hinterher. Tore nimmt ihm den Ball ab und schießt ihn im hohen Bogen zurück. Max fängt. „Haaaaaand!“ brüllen die beiden andern. „Lass ma ohne Hand machen!“ schlägt Sven vor.


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