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R채tsel von der Ankunft des Nachmittags


Inga Israel (*1984 in Löbau) arbeitet als freiberufliche Illustratorin und Kommunikationsdesignerin in Berlin. Gründung des Produktlabels »INKO«. Veröffentlichungen von Illustrationen in Magazinen und Zeitschriften, z.B. in der „TAZ“. Roman Israel (*1979 in Löbau) lebt als freier Autor in Dresden. Seine Texte kombiniert er mit Foto, Grafik, Film, Musik. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, z. B. in „Neubuch. Neue junge Lyrik“ (Hg. Ron Winkler). Autor der Dresdner Lesebühne Sax Royal. Als Gemeinschaftsprojekte sind bisher die Postkartenserie „Rotes Giräffchen“, „JANDEZ 2010“ (Jahreskalender) und das Buch „Felder hinter Wäldern hinter Städten“ erschienen.


TEXT Roman Israel ILLUSTRATION & LAYOUT Inga Israel


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Vom Austreten, statt eines Vorworts -----------------------------------ich kannte mal jemanden, der hasste Gedichte und ganz besonders meine, weil er meinte: Gedichte wären etwas ganz Subjektives, Filigranes etwas Tiefes, Hohes, Schönes, Verschnörkeltes etwas Inneres vom Autor, etwas ganz, ganz Zartes, ein bisschen Innenleben und so mit Blumen und Bergfrieden und murmelnden Bächen und Vögeln und Gräsern und Gänsen und Gutworten und Klugreden etwas, das man nicht entschlüsseln könne und nicht entschlüsseln wolle es sei denn, man wäre: ein Perverser


welch ein Irrtum, meine Fresse, so ein Schwachsinn, dachte ich und riss ihm seine Zunge raus, mit Wurzel warf sie in den Dreck, wo ich sie austrat und sie festtrat und zu Matsch trat so wie man das auch mit Zigaretten oft macht, nach angestrengtem Rauchen

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Zwischen H端geln


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Wald ----im Wald sah ich Wild, das äste, und Wildhühner und Wildgänse und weiße Tulpen wie glücklich war ich, das alles gesehen zu haben: ich sah den Wald und Wild, das äste, und Wildhühner und Wildgänse und weiße Tulpen in meine Finger spießte sich der Stacheldraht


Zwischen Hügeln ---------------zwischen Hügeln ein Baum und am Baum grüne Blätter und verwelkte Blätter und ein Spatz, der sitzt dort, der ist dürr, der ist schwach, der ist hässlich da kommen Holzfäller, die brechen den Stamm des Baums mit der Axt und zermatschen den Spatz und teilen ihn christlich und sagen: „Es werden neue Bäume wachsen mit grünen und verwelkten Blättern und es werden neue Spatzen schlüpfen, die dürr und schwach und hässlich sind! Was also glotzt ihr so entsetzt, ihr Tiere?“

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Blüte -----weiß blühten sie: die Kirschbäume vor dem Kegel des Berges: Fujiyama und davor auf den Märkten der Gegend: Händler, sich die Kehlköpfe aus den Hälsen schreiend Kirschen anpreisend, rot, süß, saftig, frisch aus Spanien, olé


Wetter ------mancher flüchtet, hetzt unters Dach, ein anderer beeilt sich nicht als Hagel fällt, erträgt er ruhig das Rattern der Körner auf Dächer, Blätter, den Kopf hält inne, tut nichts, schweigt

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Kenntnisnahme -------------hinter qualmenden SchlÜten steigt am Horizont die Sonne auf davor die Hochhäuser: trist, grau, ohne Licht, gardinenlos und ausgeblutet dort wohne ich, hurra!

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Wenn etwas klar wird


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Tochter beim Pokern verspielt -----------------------------in Karachi, der größten Stadt Pakistans und Hauptstadt der Provinz Sindh, war ein Mann, der hatte seine Tochter beim Pokern verspielt nun war aber die Tochter hochgradig hässlich als nun der Gewinner des Spiels den Schwindel bemerkte und die hässliche Tochter sah, ging er zur Polizei und verklagte dort den Vater der Tochter, die hässlich war, nicht nur auf Schadenersatz wegen ihrer Hässlichkeit sondern auch weil der Verlierer die Tochter menschen- und frauenverachtend beim Pokern verspielt hatte


Morgens -------das Wasser aus dem Hahn schmeckt abgestanden, fast wie Blumenwasser, ich spuck es aus draußen: das Müllauto holt die Tonnen ab, es scheppert, ich mache das Fenster zu im Radio redet ein Pfarrer über Triebe – Ausgeburten der Hölle, ich schalte ihn aus auf dem Tisch liegt die Zeitung, ein Bild zeigt eine nackte Frau schweigend lege ich einen Sack über meinen Kopf

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Als ich jung war ----------------als ich jung war, schlug mich mein Vater, schlug mir mit Fäusten mitten ins Gesicht, dass es blau war und rot war und heftig blutete und ich, ich hab mich bitterböse dafür an ihm gerächt ich tat ihm, als er hübsch sein wollte für Mutti am Muttertag, in sein Rasierwasser Säure rein, die blau war denn sein Wasser war auch blau und beides verdünnte sich gut und er bespritzte sich damit und hatte Pickel im Gesicht und alles brannte ihm und er wusste nicht warum


von da an, wenn mir etwas nicht passte, hatte er jetzt Üfter diese Pickel im Gesicht Achtung Leute! ich wusste immer, was ich will, und so hab ich schnell Karriere gemacht und meinem Vater, der tot ist, war es immer ein Rätsel geblieben, warum es so war, wie es war

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Rätsel von der Ankunft des Nachmittags --------------------------------------der Kaffee dampft, die Gabel steckt im Kuchen drin, Tellerklappern, bald wird es dunkel werden die Glotze läuft, wir hatten viel nachgedacht: reicht die Milch noch? ist noch Kaffee da? sieht jemand fern, vielleicht im Doppel, Kanal 5, genau wie wir? was hätten wir sonst tun können, frage ich dich, zusehen, wie die Wolken am Himmel vorüberziehen, wie wir sie in Gedanken zerfetzten was hätten wir dabei verpasst, fragst du mich nichts, sage ich, nichts, was von Bedeutung wäre, nur das Rätsel von der Ankunft des Nachmittags, vielleicht


Auslese --------wir sind gegen den Markt gewesen, doch unsere Fr端chte, die pflanzten wir trotzdem nicht selbst Pflanzen, die wir am Fenster zogen, gingen ein vor Hunger und Durst H端tten, die wir kauften, um nichts kaufen zu m端ssen, verfielen im Winter im Schnee wir sind gegen den Markt gewesen, doch unsere Fr端chte, die pflanzten wir trotzdem nicht selbst

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Vom Liebhaben


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52 kalkweiß rauschte das Wasser in die Kanne kalkweiß war auch mein Gesicht, dem man die Stumpfsinnigkeit ansah wie einer glupschäugigen Kuh


Eindringling ------------der Keller roch modrig seltsam quietschte die alte Eisent체r und hinten im Eck sah ich noch Wasser stehen, vom letzten Regenguss ein Fisch zog darin seine Bahnen, als sei der Keller selbstverst채ndlich sein Revier ich dachte gar nichts weiter, nur: er w체nschte sich doch sicherlich den Tod von mir schnell schlug ich zu, verminderte sein Leid mit einem Spaten

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Abholung --------mit Schlauchbooten hatten sie mich abgeholt, hatten mich mitgenommen, mich abgefĂźhrt wie einen Verbrecher das kam so: ich ging am Fluss spazieren und mancher hatte mich dabei gesehen die Polizei war da, sie kam schnell und tat schnell, was sie tat sie sagte, ich solle es lassen, das wäre nicht tragbar, ich sei noch nicht alt genug was aber aussah, wie‘s aussah, so aber war das nicht, das war nicht so denn was ich wollte, das war:


ich wollte die Enten sehen und den Himmel sehen, wollte die Weiden sehen, wollte mich weinen sehen, gespiegelt im Wasser das wollte ich sehen

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Kalk端l ------hatte eine Freundschaft, die mir langweilig geworden war, weggeworfen wie ein St端ck hartes Brot oder eine verschimmelte Semmel aber auch das brachte nichts alles blieb, wie es war, der Trott, das Kalk端l, die lange Weile


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Ankündigung eines Sommers -------------------------auf den Pflastersteinen liegt ein Mann: kalt, nackig, tot, schon seit gestern vielleicht na klar, denke ich, ein Perverser, der sich extra wegen mir von oben aus dem Fenster gestürzt hat lächelnd geh ich Brötchen holen, lächelnd geht es in den Sommer


Phantomschmerzen ----------------obwohl ich allein wohnte, zurückgezogen mit meinen Vögeln – Papagei und Wellensittich – schloss ich jeden Morgen die Badtür beim Toilettengang ab prüfte ich, wenn das Telefon klingelte, ob nicht andere Hände abnahmen als meine

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In memoriam


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Limitierte Auflage (100 Stück) / Berlin 2010 Alle Rechte vorbehalten. Illustration & Layout Inga Israel www.ingaisrael.de www.dawanda.com/shop/INKO Text Roman Israel www.romanisrael.de „Vom satt sein“ und „Sommertag“ erstmals erschienen in Randnummer – Literaturhefte. Ausgabe 1/2010, „Tochter beim Pokern verspielt“ erstmals in SAX ROYAL – Eine Lesebühne rechnet ab. Voland & Quist Verlag 2010, „Omas Höllenfahrt“, „Späne“, „Regen“, „Wirkung“, „Zwischen Hügeln“, „Morgens“, „Der Mensch – Ein Schwein“ erstmals in Neubuch. Neue junge Lyrik (Hg. Ron Winkler). Yedermann Verlag 2008, „Phantomschmerzen“ erstmals in Lauter Niemand (Die junge Literatur aus Berlin). Ausgabe 1/2008, „Das Rätsel von der Ankunft des Nachmittags“ erstmals in Signum (Blätter für Literatur und Kritik). Ausgabe 1/2008.

Rätsel von der Ankunft des Nachmittages  

Limitierte Auflage / Berlin 2010Alle Rechte vorbehalten. Illustration & Layout > Inga Israelwww.ingaisrael.dewww.dawanda.com/shop/INKO Text...

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