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Die verlorene Wissenschaft: Versuch einer Katharsis nach Corona

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Klaus Buchenau, Matthias Fechner (Hg.)

Die verlorene Wissenschaft Versuch einer Katharsis nach Corona


Klartext. Schriften zu Politik und Gesellschaft herausgegeben von Sandra Kostner Die Reihe Klartext dient der kritischen Analyse von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Sie legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Ursachen und Folgen ideologiegetriebener Entwicklungen, die auf eine Transformation der Gesellschaft hinauslaufen sollen. Die Reihe zielt darauf ab, durch fundierte Analysen die Gründe für gesellschaftliche Bruchlinien und Verwerfungen herauszuarbeiten. Sie will damit auch einen Beitrag zur Perspektivenvielfalt und zur Meinungsbildung der Leserinnen und Leser leisten. So sollen kritische Stimmen ermutigt werden, sich mit Ideologien auseinanderzusetzen. Dazu braucht es klare Analysen und von Fakten getragene Argumente, wie sie in der Reihe Klartext dargelegt werden. Die Reihe richtet sich an die interessierte Öffentlichkeit, insbesondere an Verantwortliche in Politik, Institutionen und Medien sowie an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

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Sandra Kostner, Tanya Lieske (Hg.) Pandemiepolitik. Freiheit unterm Rad? Eine interdisziplinäre Essaysammlung ISBN 978-3-8382-1754-3

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Klaus Buchenau, Matthias Fechner (Hg.) Die verlorene Wissenschaft Versuch einer Katharsis nach Corona ISBN 978-3-8382-1922-6


Klaus Buchenau, Matthias Fechner (Hg.)

DIE VERLORENE WISSENSCHAFT Versuch einer Katharsis nach Corona


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Bibliographic information published by the Deutsche Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available in the Internet at http://dnb.d-nb.de.

ISBN-13: 978-3-8382-1922-6 © ibidem-Verlag, Hannover  Stuttgart 2024 Alle Rechte vorbehalten Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und elektronische Speicherformen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, stored in or introduced into a retrieval system, or transmitted, in any form, or by any means (electronical, mechanical, photocopying, recording or otherwise) without the prior written permission of the publisher. Any person who does any unauthorized act in relation to this publication may be liable to criminal prosecution and civil claims for damages.

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Inhaltsverzeichnis Einleitende Reflexionen .......................................................................... 11 Zur Entstehung dieses Buchs ................................................................. 17 Die maskierte Wissenschaft. Erklärungsansätze für die Stille der Hochschulen in den Corona-Jahren ............................................... 23 Matthias Fechner I. Anpassung und Aufstieg ......................................................... 25 II. Das Ich in der Wissenschaftsfiktion ....................................... 26 III. Was ist wissenschaftlich? ......................................................... 27 IV. Die ideologische Unschärfevariante ....................................... 28 V. Corona-Forschung: Fakten und Finanzen ............................. 30 VI. Forschung und Wirtschaft ....................................................... 33 VII. Die Soziologie des Konsenses ................................................. 34 Des Mephistopheles‘ Geschenk. Wissenschaft im goldenen Käfig ......................................................................................... 52 Boris Kotchoubey I. Mark Gable lebt! ........................................................................ 52 II. Der Tod im Imperial College ................................................... 54 III. Das Grundparadox ................................................................... 58 IV. Den Bach runter ........................................................................ 61 V. Krisen.......................................................................................... 64 VI. Erfindungsgeist ist unbesiegbar ............................................. 67 VII. Radikale Schlankheitskur ........................................................ 71 Innere und äußere Korruption der Wissenschaft ............................... 82 Klaus Morawetz I. Einleitung ................................................................................... 82 II. Die Ursachen institutioneller Fehlentwicklungen ................ 84 III. Gründe für das strukturelle Versagen des Systems Wissenschaft ............................................................... 90 IV. Korruption der Sprache und des Denkens ............................ 97 V. Zusammenfassung und möglicher Ausweg ....................... 100

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Die Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft .................................... 108 Gerald Dyker I.

Wissen, Meinung, Glauben und das Wesen der Wissenschaft ............................................................................ 109 II. Missbrauch des Wissenschaftsbegriffes ............................... 111 III. Ethische Erwägungen ............................................................. 112 IV. Irrtümer der Wissenschaft ..................................................... 114 V. Politik auf Basis unzureichender Evidenz ........................... 116 VI. Technokratischer Kollektivismus versus ethische und rechtliche Grundsätze ............................................................ 123 „Objektivität in der Beteiligung“. Zu Formen und Vertiefung wissenschaftlicher Erkenntnismethoden ...................... 130 Harald Schwaetzer I. I. II. II.

Einleitung: Die Frage nach der Wissenschaft – Paul Feyerabend...................................................................... 130 Vom Marburger Logizismus zur Kulturanthropologie – Ernst Cassirer .................................. 132 „Das Selbstverständnis der Erkenntnis“ – Heinrich Barth ......................................................................... 134 Was bleibt? ............................................................................... 145

Die Ambiguität empirischer Forschung und ihre Gefahren .......... 152 Rainer Baule I. Empirische Erforschung empirischer Forschung ............... 152 II. Fahrlässiger und vorsätzlicher Missbrauch ........................ 154 III. Gründe für Ambiguität .......................................................... 155 IV. Operationalisierung der Fragestellung ................................ 156 V. Auswahl und Erhebung der Daten ...................................... 158 VI. Methodik der Datenauswertung .......................................... 159 VII. Konsequenzen für die Wissenschaft .................................... 160 VIII. Rezeption empirischer Forschung in der Gesellschaft .............................................................................. 162 IX. Fazit: Listen to the science – aber richtig! ............................ 164

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Krisen, Profit und Politik. Zur Politischen Ökonomie der Krise im Kapitalismus ........................................................................... 168 Robert Obermaier I. II. III. IV. V.

Einführung ............................................................................... 168 Krisen im Kapitalismus .......................................................... 170 Finanzialisierung der Realwirtschaft ................................... 171 Krisen und Krisentheorien des Kapitalismus ..................... 176 Krise der Krisenpolitik. Krisenpolitik zwischen Markt und Staat...................................................................... 183 VI. Theorie der Politischen Ökonomie ....................................... 186 VII. Wissenschaft in der Krise....................................................... 198 VIII. Medien in der Krise ................................................................ 202 IX. Souveränitätsprobleme in der Krise ..................................... 205 X. Whatever it takes-Mentalität in der Krise .............................. 209 XI. Krisen als performative Apokalypse .................................... 212 XII. Das Geschäft mit der Krise: Endogenisierung exogener Krisen....................................................................... 214 XIII. Fazit .......................................................................................... 216 Persönlichkeit, Auktorialität und Wissenschaftsfreiheit. Über die Neugründung eines Persönlichkeitsideals als Voraussetzung für eine Kultur der Wissenschaftsfreiheit ............. 230 Jan Dochhorn I. Ganz normale Restriktionen .................................................. 231 II. Persönlichkeitsverlust ............................................................ 238 III. Persönlichkeitsfindungen, speziell in theologischer Perspektive .............................................................................. 240 IV. Wiederentdeckung des starken Einzelnen für die Wissenschaft ............................................................................ 243 Wo blieb der Geist des Widerspruchs in den Geisteswissenschaften? Eine wissenssoziologische Spurensuche ............................................................................................ 250 Klaus Buchenau I. II.

Foucaults Diskursbegriff auf dem Weg in den Mainstream .. 252 Wenn Methoden in die „falschen“ Hände gelangen – Diskursanalyse als Waffe im Kulturkampf ......................... 257 III. Die Universität als Betrieb ..................................................... 260 IV. Resümee und Ausblick .......................................................... 265

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Sprachliche Monokultur und Diskursverarmung ........................... 272 Markus Riedenauer I.

Vorbemerkungen zum wissenschaftlichen Selbstverständnis .................................................................... 272 II. Entwicklung und Motive der Anglophonisierung ............. 273 III. Was ist der Preis? .................................................................... 276 IV. Instrumentelles Sprachverständnis als demokratiepolitische Gefahr ................................................. 279 Erklärung oder Boykottaufruf? Zur Rolle von Fachgesellschaften am Beispiel des Streits um die Neue Ordnung................................... 290 Axel Bernd Kunze I. Ein Fall deutscher Cancel Culture .......................................... 290 II. Wissenschafts- und bibliotheksethische Reflexionen......... 297 III. Fazit .......................................................................................... 305 Hofberichterstattung statt Recherche. Das Versagen der Leitmedien während der Corona-Jahre ............. 310 Roland Hofwiler I. II.

Die Verflechtung zwischen Politik und Journalismus ....... 311 Fehlende Recherche zu Widersprüchen der CoronaVerordnungen ......................................................................... 318 III. Keine Streitkultur beim Thema Corona ............................... 337 IV. Journalisten üben kaum Selbstkritik .................................... 343 V. Keine Einsicht in eigene Faktenfehler bei der Berichterstattung ..................................................................... 348 Fear Factories: Serbian Media and the ‘Invisible Enemy’............... 364 Vladan Jovanović I. II.

Political preconditions for orchestrated hysteria ................ 364 The advertizing power of Bollywood and Tik Tok aesthetics .................................................................................. 366 III. The intimidation toolbar: coffin, crematorium, mass graves, body bags ................................................................... 368 IV. “Religion and socializing are life-threatening”................... 371 V. Youth and pregnant women in the crosshairs of the intimidator ............................................................................... 372 VI. Infected in the line of duty: politicians and celebrities send “powerful messages” .................................................... 374

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VII. Mannequins in hazmat suits on the “battlefield”: humanization of fictional heroes .......................................... 376 VIII. How to frighten and convert curious skeptics .................... 378 IX. In search of a more convincing presentation: fear mongering in “opposition” media........................................ 380 X. Instigators of the “holy act”: Folk stars and academics united .................................................................... 382 XI. Neologisms from the age of “scourge” ................................ 384 XII. Conclusions ............................................................................. 386 Formation zum Gehorsam. Das Medizinstudium, das Arztsein und die Eliminierung des kritischen Geistes ................... 407 Paul Cullen I. II. III. IV.

Einleitung ................................................................................. 407 Die Eigenarten des Medizinstudiums .................................. 408 Eine kurze Geschichte der Medizin ...................................... 410 Die Bedeutung der medizinischen Entwicklungen für den Kranken und für die Gesellschaft ................................. 416 V. Auf dem Weg zu einer objektiven Beurteilung medizinischer Interventionen: Die prospektive randomisierte Studie ................................. 417 VI. Die evidenzbasierte Medizin stößt auf Widerstand ........... 418 VII. Die evidenzbasierte Medizin steckt in einer Krise ............. 420 VIII. Ärzte auf Irrwegen ................................................................. 422 IX. Die Zukunft der Medizin und des Arztberufs .................... 423 X. Epilog – Wege aus dem Dilemma......................................... 424 Der Stellenwert von Frage und Zweifel in der Wissenschaft und die Bedeutung der Patientenautonomie .................................... 431 Christine Wehrstedt I.

Mund-Nasen-Bedeckungszwang für Schwangere und Gebärende ........................................................................ 431 II. Ignorieren ist ungleich „nicht wissen“................................. 433 III. Evidenzfreie Auflagen kompromittieren das Recht auf private Geburtsbegleitung .............................................. 437 IV. Trennung von Müttern und Neugeborenen aufgrund eines „positiven Tests“ ......................................... 440 V. Druck und Täuschung: mRNA-Präparate für Schwangere, Stillende und Minderjährige .......................... 441

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VI. Gewalt unter der Geburt, Stress für Schwangere – wieder salonfähig? .................................................................. 448 VII. Patientenschädigendes Verhalten in weiteren medizinischen Bereichen ....................................................... 452 VIII. Paradigmenwechsel in der Wissenschaft: Tabuisierung von Fragen und Zweifeln .............................. 453 IX. Rückschritt im Patienten-Behandler-Vertrauen.................. 460 X Paradigmenwechsel in der Praxis: Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit ................................ 462 XI. Ausschaltung des Souveräns durch die Politik .................. 464 Autorinnen und Autoren ...................................................................... 471

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Einleitende Reflexionen Klaus Buchenau Heute, im November 2023, liegt die Pandemie hinter uns – und doch auch wieder nicht. Während die Älteren in den Medien aufgerufen werden, sich jährlich gegen Corona (und gegen Grippe gleich mit) impfen zu lassen, werkeln WHO, nationale Regierungen und Lobbyverbände an einem neuen Pandemievertrag.1 Dabei geben sie sich alle Mühe, keine öffentlichen Diskussionen aufkommen zu lassen – aus verständlichen Gründen. Denn was geplant ist, erinnert in vielem an die drastischen, für Viele traumatischen Maßnahmen der vergangenen drei Jahre, mit dem Unterschied allerdings, dass jetzt noch schneller und zentralisierter durchgegriffen werden soll. Der neue Pandemievertrag trägt also die Handschrift derjenigen, die seit 2020 den CoronaDiskurs, seine Begrifflichkeiten und die Praktiken der Pandemiebekämpfung geprägt haben. Kritik daran wurde kaum aufgenommen, insbesondere nicht an der schnellen Entwicklung und Zulassung der Impfstoffe, die in Zukunft noch schneller gehen soll. Der Tenor in Deutschlands Politik und Medien sagt uns, trotz mancher entschuldigenden Verbeugung etwa vor Kindern, die im monatelangen Homeschooling Schaden an Leib und Seele nahmen, dass eigentlich alles richtig gemacht wurde – man sei der Wissenschaft gefolgt und werde das auch weiter tun. Dabei ist offensichtlich, dass „die Wissenschaft“ wenn überhaupt, dann nur als ständig zu reflektierende Methode der Erkenntnisgewinnung existiert und dass die Reduktion auf bestimmte „Ansagen“ Wissenschaft zerstört, sie ihrer inneren Freiheit beraubt, sie politisiert und letztlich korrumpiert. Die breite Öffentlichkeit, traumatisiert durch die Einschränkungen, die Ängste und die porentiefe gesellschaftliche Polarisierung der vergangenen Jahre, möchte eine erneute Corona-Diskussion offensichtlich nicht führen – zu schmerzhaft könnte das werden. Die damals Verantwortlichen in Politik, Medien und „der“ Wissenschaft wollen es noch weniger, wohl um die eigene Reputation nicht zu riskieren. Für Deutschland, das sonst so stolz auf seine Leistungen bei der Aufarbeitung von Vergangenheit ist und diese auch gerne in andere Länder exportiert, ist das Schweigen

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bemerkenswert. Im Falle der Pandemie sind es nicht wir Deutschen, die vorbildlich vorangehen, es sind eher Nachbarstaaten wie das kleine Slowenien, die das Thema anpacken und zum Beispiel die Strafen für Corona-Vergehen zurückerstatten.2 Das Schweigen hat noch einen weiteren Grund. Im bislang tonangebenden linksliberalen Milieu hat sich eine generelle Schockstarre ausgebreitet, man sieht angesichts der überall aufkommenden „Rechtspopulismen“, des geopolitischen Aufstiegs nicht-westlicher Staaten, der Kriege um die Ukraine und den Gazastreifen das eigene Lebenswerk infrage gestellt und reagiert auf Zwischenrufe entsprechend gereizt. So werden dann Fragen nach (sozial-)medizinischer Angemessenheit und Redlichkeit der Coronamaßnahmen in ein FreundFeind-Schema gepresst, gar umgedeutet in einen Gegensatz zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten, zwischen aufgeklärten Menschen und Wissenschaftsleugnern. Zum Schweigen trägt auch bei, dass großes Geld auf dem Spiel steht – die mit den Impfstoffen verdienten Milliarden wollen reinvestiert sein, in immer neue „revolutionäre“ Präparate. Doch was ist, wenn sich diese schwer verkaufen lassen, weil die in der Coronazeit gesäte Saat des Misstrauens aufgeht und deswegen etwa die demnächst zu erwartenden „Impfungen“ gegen Krebs floppen? Weil Deutschland mit seiner starken Pharmaindustrie, mit BioNTech an „An der Goldgrube“ in Mainz so etwas wie ein Knotenpunkt für Global Health ist, haben sich hier neue Abhängigkeiten zwischen Politik und Industrie gebildet. Diese wirken umso stärker, je mehr ältere Standbeine der deutschen Wirtschaft schwächeln, wie etwa im Maschinenbau, in der Fahrzeugindustrie oder im Mittelstand ganz allgemein. Eine Aufarbeitung der Coronapolitik ist auch deswegen inopportun, weil die in der Pandemie etablierten Argumentations- und Handlungsmuster auch in anderen Politikfeldern ihre fragwürdigen Dienste leisten – das Paradebeispiel ist die Klimapolitik. Die Losung “Follow the science“ entstand ja nicht im Corona-Kontext, sondern wurde in vorpandemischen Zeiten von Greta Thunberg formuliert, der nunmehr ebenfalls umstrittenen Ikone der Klimaproteste. Die Mechanismen sind hier sehr ähnlich wie in der Coronapolitik – wissenschaftliche Arbeit wird intensiv in die Öffentlichkeit kommuniziert, dabei aber ihrer Widersprüchlichkeit beraubt und auf simple Aussagen reduziert, um dann schmerzhafte Eingriffe der Politik legitimieren. Dabei geht die Freiheit der Forschung verloren, drängen sich vermeintliche


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Koryphäen mit den jeweils radikalsten Botschaften in den Vordergrund, wogegen abweichende Stimmen als die schlechteren Wissenschaftler, wenn nicht sogar als Wissenschaftsleugner abqualifiziert werden. Weil die deutsche Politik in den Dekarbonisierungstechnologien unseren Exportschlager der Zukunft sieht, welcher die Vernachlässigung all jener Branchen auffangen soll, die zur Weltrettung angeblich nichts beitragen, spielen auch hier Lobbyismus und manifeste wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Coronapolitik und Klimarettung rufen daher dieselben Grundmuster ab – Beschneidung der Lebenschancen Vieler als „Preis“ für einen vermeintlichen Sieg gegen die Apokalypse; Berufung auf „die“ Wissenschaft, die den beschrittenen Weg als alternativlos postuliert; intensive Bevorzugung bestimmter Wirtschaftssektoren als „rettungsrelevant“; Verächtlichmachung von Kritikern als „demokratiefeindlich“ und „rechtsextrem“; und nicht zuletzt die Nutzung des Multilateralismus für eine Globalisierung der jeweiligen Agenda. Wie andere pyramidal von oben nach unten durchgesetzte Transformationsagenden, so hat auch diese ihre Legitimationsdefizite. In einer sich auf die Vernunft und die Menschenwürde berufenden Ordnung ist es schwierig, missliebige Stimmen dauerhaft auszuschalten und allgemeine Gleichförmigkeit zu erzwingen. Unzufriedene Menschen können auf die Straße gehen und von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machen; die Instrumentalisierung der Wissenschaft findet eine Grenze in der Freiheit von Lehre und Forschung. Im Wissenschaftssystem arbeiten etliche Menschen, die mit ganz anderen, mit neugierigen und nicht-konformistischen Impulsen in ihren Beruf eingestiegen sind und sich nicht für die schöne neue Welt einer „wissenschaftsgeleiteten“ Transformationspolitik instrumentalisieren lassen wollen. Die verbrieften Freiheiten eines Systems verkümmern allerdings, wenn sie nicht auch genutzt werden. Eine Motivation, die die Beiträger dieses Bandes teilen, ist Verantwortung: Wir wollen nicht zusehen, wie „Krisenpolitik“ die Freiheit und Redlichkeit des Wissenschaftssystems aushöhlt, wie die Grenzen von Aktivismus und Forschung verwischt werden und wie wirtschaftliche und politische Interessen die Forschung kapern. Ob unsere Kräfte ausreichen, sich diesen Tendenzen entgegenzustellen, ist fraglich; aber wir wollen es wenigstens versucht haben und auf diese Weise dazu beitragen, dass die Wahrheitssuche, der faire und rationale Diskurs,


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weiterhin Merkmale der Wissenschaft bleiben. Wir hoffen, auf diese Weise auch zerstörtes Vertrauen in Wissenschaft wiederherstellen zu können – in dem Wissen, dass eine Gesellschaft ohne Institutionenvertrauen in antagonistische Fraktionen zerfällt und dann nur noch mit autoritären Mitteln zusammengehalten werden kann. Um das zu verhindern, ist letztlich ein neuer Sozialvertrag vonnöten, eine neue gesellschaftliche Übereinkunft, die glaubhaft machen kann, dass die Regeln dieser Gesellschaft tatsächlich das Gemeinwohl im Blick haben, deshalb legitim sind und Geltung beanspruchen dürfen. In dieser Hinsicht ist in den vergangenen Jahren viel wertvolles Porzellan zerschlagen worden; wir möchten in unserem Bereich, der Wissenschaft, dazu beitragen, die Brüche zu heilen und neues Vertrauen entstehen zu lassen. Ein erster Schritt dazu ist eine kritische Analyse der Rolle der Wissenschaft für die Legitimation von Politik. Wir wissen natürlich, dass wir mit diesem Ansatz nicht die ersten sind; schon 1967 warnte der Philosoph Hans-Georg Gadamer vor dem Glauben an technizistische Lösungen und der Einbindung von Wissenschaft in die Manipulation von Öffentlichkeiten.3 Weil Selbsthinterfragung zu den Kernaufgaben von Wissenschaft gehört, sind viele der in diesem Band versammelten Argumente an sich nicht neu. Was das Buch aber besonders macht, ist sein aktueller Anlass – die durch Wissenschaft legitimierte Krisenpolitik – und unsere breite interdisziplinäre Aufstellung. Interdisziplinarität ist zwar inzwischen zu einer Worthülse wissenschaftlicher Selbstvermarktung verkommen, in diesem Fall aber war die Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Fachrichtungen tatsächlich ein Erlebnis, welches sich hoffentlich auch auf unsere Leserschaft überträgt. Während in der üblichen wissenschaftlichen Arbeit nicht selten Produktivität um jeden Preis zählt, so dass auch die Zusammenarbeit mit Anderen letztlich nur eine Strategie ist, um im Zeitalter einer outputfixierten Tonnenideologie zu überleben, standen hier wechselseitiges Vertrauen und Interesse im Mittelpunkt. Vertrauen deshalb, weil wir uns in der Pandemiezeit als „Dissidenten“ kennengelernt hatten, die sich stützten, teilweise auch vor öffentlichen oder inneruniversitären Anfeindungen. Das Interesse am Anderen erwuchs einerseits aus diesem Vertrauen, andererseits daraus, dass wir in der „Enträtselung“ der Pandemiepolitik tatsächlich auf Kompetenzen angewiesen waren, welche die Fachexpertise jedes Einzelnen bei weitem


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überstieg. Da es in den Jahren 2020-22 eine Art Expertisemonopol der medizinischen Subdisziplin Virologie gegeben hatte und selbst innerhalb dieses engen Teilbereichs nur bestimmte Auffassungen zum Tragen gekommen waren, stillten wir unseren Durst nach komplexer Durchdringung beim jeweils Anderen – zum Beispiel bei OnlineAbendvorträgen zu rechtlichen, mikrobiologischen, medizinisch-praktischen, geopolitischen und anderen Aspekten der Pandemiebekämpfung. Die Vorbereitung dieses Bandes, die in Gedanken schon 2021 begann, war eine Zeit neuer Bekanntschaften, des Kennenlernens anderer disziplinärer Denkweisen und Wissensbestände und alles in allem eine Zeit intensiven Zuhörens. Für jemanden, der schon länger „im Geschäft“ ist und daher auch an manchen Routinen litt, war das ein erfrischendes Erlebnis.

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Amrei Mueller, The WHO’s Pandemic Lawmaking: Negotiations of International Concern. (Salzburg: Global Health Responsibility, 2023), zum Download unter http://www.ghr.agency/?p=6760. https://www.fr.de/panorama/covid-verordnung-verfassungswidrig-er klaert-slowenien-corona-strafen-zurueck-gezahlt-92540635.html Hans Georg Gadamer: Das Erbe Europas. Frankfurt a.M. 1989 (urspr. 1967), S. 100f.


Zur Entstehung dieses Buchs Matthias Fechner Während ich diese Zeilen an einem stürmischen Novembernachmittag schreibe, streift das Corona-Virus wieder durchs Land. Fast überall hat sich der Krankenstand erhöht, Löcher klaffen in den ohnehin dünnen Personaldecken. Im Vergleich zum November 2022 hat sich die Lage nicht wesentlich verändert. Doch damals regelten strenge Verordnungen das öffentliche Leben. Es herrschte Maskenpflicht. An vielen Orten wurden noch Wattestäbchen in Nasenlöcher gedreht, um Erkenntnisse über einen positiven oder negativen Teststatus zu gewinnen. Auch die daraus resultierenden Inzidenzwerte wurden täglich autoritativ in den Nachrichten verkündet. Natürlich ist der neue Umgang mit dem Virus höchst widersprüchlich. Doch derartige Diskrepanzen zeigten sich in den CoronaJahren 2020 und 2021 noch wesentlich stärker. Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Altenheime isoliert, die Gesellschaft segregiert, ohne dass sachkundige Wissenschaftler – etwa Psychologen oder Erziehungswissenschaftler – vorher um ihren Rat gefragt worden wären. Abgesehen davon war die Debatte kontaminiert. Vor allem durch eine einseitige Berichterstattung, bei der weniger die sachliche Problemlösung, sondern in wesentlich stärkerem Maße die Produktion von Sensationen, Angst und Hetze im Vordergrund standen. Damals hatte ich damit gerechnet, dass Wissenschaftler couragiert ihre Stimme erheben würden, um zu mahnen und zu mäßigen, die Sachlichkeit zu stärken, in kritischen Diskussionen Kompromisse zu finden, die Gesellschaft in der Krise zu ermutigen und zu einen. Stattdessen übernahmen viele Wissenschaftler selbst einen Part in den Panikorchestern, die weltweit eine sachliche Auseinandersetzung übertönten. In Deutschland nicht selten mit dem Argument, dass die Bevölkerung – trotz berechtigter Einwände angesichts des extremen Kurses – der Wissenschaft zu folgen habe. Doch welche Wissenschaft war damit eigentlich gemeint? Virologen, die fachfremd und desaströs sogar in pädagogischen Feldern operierten? Oder ideologisierte Geistes- und Sozialwissenschaftler, die hinter jeder Form von Maßnahmenkritik bereits Verschwörungstheo-

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MATTHIAS FECHNER

rien witterten – und dabei selbst zu Verschwörungstheoretikern wurden? Hochschulpräsidenten, die Studierenden den Zutritt zum Campus, damit den Zugang zur Bildung verwehrten, weil sie nicht mit dem politisch passenden Serum geimpft waren? Und Wissenschaftler, die mit ihren Unternehmen enorme Profite machten, während Studierende ihre prekären Arbeitsplätze verloren? Natürlich muss man diese Sicht auf die Vorgänge nicht teilen. Aber vielleicht hätte etwas mehr kritische Distanz geholfen, einen vernünftigeren Umgang mit dem Virus zu finden. Nach einer langjährigen Tätigkeit als Lehrer fragte ich mich damals auch, ob der Beutelsbacher Konsens denn nicht mehr gültig wäre? Dort verständigte man sich bereits 1976 über Regeln der Kommunikation im Klassenzimmer. Vor allem in Fächern wie Politik und Wirtschaft, Gemeinschafts- und Sozialkunde galt – orientiert am Grundgesetz: „Überwältigungsverbot (keine Indoktrination); Beachtung kontroverser Positionen in Wissenschaft und Politik im Unterricht; Befähigung der Schüler, in politischen Situationen ihre eigenen Interessen zu analysieren.“1 Doch möglicherweise dominierte inzwischen eine neue Form der politischen Kommunikation das öffentliche Leben: Ein Berliner Konsens, nach dem ausschließlich von den Regierungen bestätigte Positionen affirmativ diskutiert werden durften? Allerdings waren es anfangs vermehrt medizinische und rechtliche Widersprüche, die im Januar 2021 zur Bildung der 7 Argumente führten; einer Gruppe von anfänglich 81 Wissenschaftlern verschiedenster Fächer, die sich sachlich und inhaltlich nachvollziehbar gegen eine Impfpflicht aussprachen. Dabei wurde bald danach (und wird teilweise noch immer) auf mehreren Feldern zusammengearbeitet: in der Medizin, der Biochemie, der Statistik, der Rechtswissenschaft, aber auch den Künsten und den Sozial- und Geisteswissenschaften. Aus der letztgenannten Gruppe heraus entstand – mit Beiträgen unterschiedlicher Fachwissenschaftler – 2022 ein erster Sammelband: Freiheit unterm Rad, herausgegeben von Tanya Lieske und Sandra Kostner. Die darin veröffentlichten Aufsätze gingen reaktiv auf Facetten des Umgangs mit der Pandemie ein. Was die Autoren und die beiden Herausgeberinnen einte, war die Tatsache, dass sie ihre Argumente nicht am Rande der Gesellschaft gebildet hatten, sondern beruflich im Mainstream arbeiteten. Bei dieser Verortung entstand unweigerlich die Frage, warum sich alle Staatsgewalten unkritisch, manchmal sogar


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energisch an der Durchsetzung auch unsinniger Maßnahmen beteiligt hatten: formale Gewalten wie Exekutive, Legislative und Judikative ebenso wie informelle, mithin die Leitmedien sowie – im besonderen Falle der Covid-Krise – auch die Wissenschaft. Und ein kleiner Teil des Wissenschaftsbetriebs beeinflusste in der Corona-Krise sogar die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin, später des Kanzlers in ganz entscheidender Weise. Darüber hinaus beherrschten vor allem Wissenschaftler die öffentlichen Debatten, während die meisten Vertreter von Kirchen, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden scheinbar kaum noch ein Interesse am Entwickeln eigenständiger, auch konträrer Positionen zeigten. Hier lag es nahe, mit einer Analyse des Wissenschaftsbetriebes anzuschließen, die natürlich am besten von den Hochschullehrern selbst geleistet werden konnte; kannten sie seine ungeschriebenen Gesetze, Regeln und leider auch Defizite doch aus eigener, zumeist jahrzehntelanger Erfahrung. Auf einer Tagung der 7 Argumente im Oktober 2022 in der Nähe von Berlin stieß bereits der erste Aufruf zur Beteiligung an einem Sammelband zur Rolle der Wissenschaft in der CoronaKrise auf positive Resonanz. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich rund zehn potentielle Autoren. Dazu kam ein Beitrag aus Serbien, ein Insider-Artikel zur Veränderung der Leitmedien und ein eigens angefragter Text, der das Medizinstudium aus historischer Perspektive kritisch analysiert. Deutlich wurde dabei, dass die einzelnen Artikel eine tiefer gehende Analyse vornehmen, während die Beiträge in ihrer Gesamtheit ein recht breites Feld abstecken. Nach weiteren Sitzungen in Präsenz und auf Zoom gingen die ersten fertigen Beiträge ein. Sie waren umfangreich, spiegelten das Engagement ihrer Verfasser, auch die akribische Recherche, teilweise durch weit über hundert Fußnoten abgesichert. Und alle Texte betraten auf ihre Weise Neuland, indem sie den erhellenden Blick nicht hinaus in die Welt, sondern hinein in die Türme der Wissenschaft und der Medien, in deren dunklere Winkel schickten. Den Auftakt des Bandes bilden daher drei Artikel, die den Wissenschaftsbetrieb in seiner Gesamtheit kritisch analysieren, von Boris Kotchoubey, Klaus Morawetz und Matthias Fechner. Auf unterschiedliche Art behandeln sie vorrangig den Einfluss der Ökonomisierung auf die Hochschulen, der sich auch in einem ausufernden Antragswesen zeigt: Für geplante Projekte müssen aufwändige Förderanträge gestellt werden, wobei die Höhe der bewilligten Gelder den Status und


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die Karrierechancen der beteiligten Wissenschaftler steigert – nicht immer orientiert an Sinn und Nutzen eines Themas. Interessanterweise stellt dieser Band bereits per se eine Antwort auf die Problematik dar: Er wurde in relativ kurzer Zeit ohne jegliche Fördergelder erstellt (für die selbstlose Hilfe von Monika Melters bedanken wir uns!), getragen lediglich vom kritischen Geist und vom Reformwillen der Beteiligten, die die Beiträge grundsätzlich nach ihren regulären Verpflichtungen verfassten. Als Nächstes nehmen die Texte von Gerald Dyker und Harald Schwaetzer Bezug auf Grundlegendes: Hier geht es um die Frage, was oder wer die Wissenschaft, der man zu folgen habe, überhaupt sei bzw. welche wissenschaftlichen Methoden noch gangbare Wege zur Erkenntnis weisen. Weiter analysiert Rainer Baule die Gefahren, aus empirischer Forschung (bewusst oder unbewusst) Schlüsse zu ziehen, die zwar eigene Ziele untermauern, aber nicht unbedingt der realen Situation und Problematik gerecht werden: Eine Konstellation, die sich auch und besonders in den Corona-Jahren störend auf die gesellschaftliche Kommunikation ausgewirkt hat. Robert Obermaier entwickelt dann aus historischer Perspektive sehr präzise, wie das Phänomen der Krise zur gesellschaftlichen Transformation instrumentalisiert wurde (und wird) – ein Überblick, der hilft, auch die ökonomischen Aspekte der Corona-Krise besser zu verstehen. Die folgenden vier Beiträge sind – wie der Band selbst – vor allem aus der Enttäuschung über das weitgehende Versagen der Geisteswissenschaften in den Corona-Jahren entstanden. Jan Dochhorn fordert die Renaissance der starken Persönlichkeit, des mutigen Ichs in der Wissenschaft, als Voraussetzung einer wahrhaft unabhängigen Forschung; Klaus Buchenau untersucht, warum gerade die ansonsten postmodern-kritisch argumentierenden Geisteswissenschaften mehrheitlich unfähig waren, sich von der offiziellen Corona-Politik zu emanzipieren und ein intellektuelles Korrektiv zu bilden. Der Nachweis, dass der vermehrte und weltweite Gebrauch eines simplen, standardisierten Fachenglischs auch zu einer Nivellierung der Kommunikation im Wissenschaftsbetrieb beiträgt, wird von Markus Riedenauer erbracht. Auf mediale Schnittmengen wagt sich Axel Bernd Kunzes Artikel, der akkurat rekonstruiert, wie mit der Neuen Ordnung eine wissenschaftliche Zeitschrift auf den Index der politischen Korrektheit gesetzt und desavouiert wurde. Dabei geht es hier nicht darum, die


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Inhalte der Zeitschrift, subjektiv „gut“ oder „schlecht“ zu finden, sondern um den Nachvollzug eines komplexen Prozesses, der zu einem Verlust an Meinungsfreiheit in der Wissenschaft geführt hat. Die nächsten zwei Beiträge führen mitten in die Welt der Medien, zu den „dunklen Stunden der Pressegeschichte“. Der taz-Mitgründer und ehemalige Spiegel-Redakteur Roland Hofwiler liefert in seinem Artikel Antworten auf die Frage, warum sich die Berichterstattung der meisten Leitmedien in Deutschland den Vorgaben der Regierung und „ihrer“ Wissenschaftler fast umstandslos angepasst hat. Daran anknüpfend zeigt Vladan Jovanović, dass die Medien auch im europäischen Ausland, sogar im durchaus impfkritischen Serbien, gewiss keinen aufklärenden und mäßigenden Part spielten. Den Band beschließen zwei Beiträge aus der Medizin, jenem Fach, das in der Corona-Krise einen besonders starken Einfluss auszuüben vermochte. Paul Cullen setzt die Ärzte-Ausbildung in einen historischen Kontext und erörtert, ob und wie gerade das Medizin-Studium dazu beiträgt, den kritischen Geist zu lähmen. Die Praxis einer Hebamme unter den Restriktionen der Corona-Jahre beschreibt abschließend Christine Wehrstedt, wobei das emotionale Engagement, das beim Lesen des Textes aufblitzt, einen passenden Schlusspunkt setzt. Die Autoren und die Autorin dieses Bandes gehen zwar nicht davon aus, dass es ihr Werk auf die Bestsellerlisten schafft. Aber sie haben ihre Texte auch nicht fürs Regal und zur Ergänzung der eigenen Publikationslisten geschrieben. Stattdessen hoffen sie, einen wahrnehmbaren Beitrag zur Aufarbeitung und zur Verhinderung neuer Krisen geleistet zu haben. 1

Vgl, Bernhard Sutor, „Politische Bildung im Streit um die ‚intellektuelle Gründung‘ der Bundesrepublik Deutschland“, in Aus Politik und Zeitgeschichte, B-45/2002, S. 17-27. https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/au ftrag/51310/beutelsbacher-konsens/


Die maskierte Wissenschaft. Erklärungsansätze für die Stille der Hochschulen in den Corona-Jahren Matthias Fechner Kurz nach Ende des Wintersemesters 2021 lief ich über den leeren Campus einer westdeutschen Universität. Eilte im kalten Wind über einen offenen Platz, der wohl einmal als Agora angelegt worden war, ein weiträumiger Treffpunkt im Freien. Anfang der Siebziger Jahre, als die Reformen der Regierung Brandt es begabten jungen Menschen aus allen Schichten ermöglichen sollten, ein Studium aufzunehmen. „Mehr Demokratie wagen“ – das war der Slogan damals. Jetzt bemerkte mich ein maskierter Wachmann schon von weitem und näherte sich. Durchaus nicht unhöflich wies er mich darauf hin, doch bitte ebenfalls eine Maske zu tragen. Ich erklärte ihm, dass nach aller Erfahrung, auch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen an diesem Ort keine Ansteckungsgefahr von mir ausgehen könne.1 In weitem Umkreis war niemand zu sehen, er selbst hielt wenigstens zwei Meter Abstand. Noch immer freundlich deutete der Wachmann auf ein Metallschild, das hinter mir an einen Laternenpfahl geschraubt war. Laut Corona-Verordnung, war dort zu lesen, bestehe auf dem gesamten Universitätsgelände die Pflicht zum Tragen eines Mund- und Nasenschutzes. Was sollte ich tun? Ihm darlegen, dass eine Universität den Auftrag habe, eigenständige Erkenntnis zu fördern? Waren solche Regeln überhaupt mit kritischem, ergo: wissenschaftlichem Denken vereinbar? Wollte ich mich deshalb beim Präsidenten der Universität über diese Regeln und ihre rigide Durchsetzung beschweren? Oder würde der Wachmann seine Kollegen verständigen, sie über mein uneinsichtiges, vielleicht sogar bedrohliches Verhalten informieren? Und dann die Polizei rufen? Wollte ich ihm, wollte ich mir wirklich derartige Scherereien zumuten? Dennoch: Ich wollte ihm auseinandersetzen, dass es unangebracht sei, an einer Universität zu arbeiten, zumal in den Geistes- und Sozialwissenschaften, ohne derartige Vorgänge kritisch zu hinterfragen. Aber ich spürte sofort, dass dieses Unterfangen unmöglich war.

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Denn es stimmte nicht mehr. Wahrscheinlich ist sogar das Gegenteil der Fall. Und ich wollte es einfach nicht begreifen. Der Wachmann handelte im Auftrag, im Einklang mit der Universität: Dem Gehäuse, in dem sich die Wissenschaft heute verkriecht. Also setzte ich die Maske auf, widerwillig und gar nicht vorschriftsmäßig. Der Wachmann nickte erleichtert und setzte seinen Kontrollgang fort, ohne sich umzudrehen. Dann zog ich die Maske wieder vom Gesicht. Natürlich genügt diese Begebenheit nicht, um den biegsamen Zustand des Wissenschaftsbetriebes während der Corona-Jahre zu erklären. Schließlich wird man auch sonst kontrolliert: Im Zug auf den Fahrschein, im Seminar auf die erbrachte Leistung als Studierender oder Dozierender, vom Finanzamt auf die Steuererklärung. (Häufig digital eingereicht, mit Daten, die dem Amt bereits bekannt sind.) An anderen Universitäten wurde sogar die Segregation aktiv durchgesetzt: In Potsdam etwa verhängte die Universitätsleitung auf dem Campus ein Zutrittsverbot gegen ungeimpfte Studierende.2 Gewiss waren solche Maßnahmen auch getrieben von Angst: Vor dem Virus, der Ansteckung, der Krankheit, vielleicht sogar dem Tod, wie viele damals glaubten. Das Befremdliche an dieser Anekdote ist vielmehr, dass sie zeigt, wie offensichtlich unsinnige Regelsetzungen von den Menschen im Wissenschaftsbetrieb nicht kritisch diskutiert, sondern akzeptiert wurden, manchmal äußerst willig. Dabei befinden wir uns nicht in einer Diktatur. Wie reagierten die Menschen, wenn das Verweigern der Maßnahmen mit Gefängnis und Lager bestraft würde? Könnte sie ihr Gewissen dann zur sichtbaren Rebellion treiben? Würden sie ihren guten Ruf, die eigene Freiheit, ihre körperliche Unversehrtheit doch opfern? Um ihre persönliche Integrität zu wahren, damit vielleicht sogar ihre Mitmenschen vor Übergriffen zu schützen? In diesem Artikel geht es mir nicht darum, spekulativ die Grenzen des Vorstellbaren zu erkunden. Eher versuche ich, Erklärungsansätze zu finden, warum sich gerade die in wissenschaftlichen Einrichtungen forschenden, lehrenden und studierenden Menschen angepasst, sogar zu Propagandisten unwissenschaftlicher Kontrollmaßnahmen gemacht haben.


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I.

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Anpassung und Aufstieg

Beginnen möchte ich mit dem kompetitiven Selbstverständnis, der Auslese, dem daraus entstehenden Korpsgeist in der Wissenschaft. Einerseits waren solche Auswüchse früher ausgeprägter: Man muss gewiss nicht die Perversionen des Wissenschaftsbetriebes im Nationalsozialismus zitieren, um zu verstehen, dass hierarchisch organisierte und meritokratisch denkende Forscher anfällig für autoritäre Manipulation sind. Andererseits wurde in der Bundesrepublik Deutschland um 1968 zwar das Personal ersetzt. Im technisch revidierten System – man erinnere nur die durch den Sputnik-Schock und Georg Pichts Bildungskatastrophe inspirierten Reformen der sozialliberalen Koalition – aber überlebten viele Regeln, Ansprüche und Gebräuche, wandelten sich nur graduell. Und die Bologna-Reformen standardisierten dieses System viel später. Sie machten es kompatibel für eine numerische, digitalisierte Erfassung geistiger Prozesse. Gleichzeitig verlief und verläuft der Aufstieg in der Wissenschaft weiterhin über Anpassung, Protektion, Netzwerke. Die Anpassung erfolgt bereits über die Orientierung der Studierenden an den Forschungsinteressen und Haltungen ihrer Professoren. Die Auslese geschieht dann gestuft. Nach den entsprechenden Abschlüssen und Qualifikationsphasen – Bachelor, Master, Doktor, Postdoktorandenphase und Habilitation – erhöhen sich (gegenseitige) Erwartungen, auch der Kontakt zu den Mentoren, damit die Feinheit der Anpassung. Erfahrungsgemäß geht man zwar nach der Promotion (Doktor) davon aus, dass irgendwann der „Königsmord“ vollzogen wird. Der Nachwuchswissenschaftler versucht also, den Doktorvater zu übertrumpfen. Doch handelt es sich häufig um den vorhersehbaren Versuch, ein eigenes Profil zu gewinnen, um an eine der begehrten Professuren zu kommen. Einerseits konkurrieren dann Kollegen kurz vor der Ziellinie des manchmal jahrzehntelangen Laufs durch das Wissenschaftssystem. Andererseits sind sie davor Verbündete, weil sie auf einem begrenzten Fachgebiet mit einschlägigen Beiträgen Konferenzen und Sammelbände bereichern, gegenseitig Gutachten ausstellen, gemeinsame Förderanträge verfassen. Ein Nachlassen des Einsatzes, geistiges Ausscheren, das Infragestellen der gemeinsamen Werte und Ziele sind hier wenig erwünscht. Und bei dieser Form fachlicher Spezialisierung erscheint auch das Engagement in gesellschaftspolitisch relevanten Schnittmengen eher hinderlich. Der Glaubwürdigkeit eines Wissenschaftlers schadet es, wenn sich auf


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dessen Publikationsliste zu viele fachfremde Titel finden, an denen möglicherweise noch Menschen beteiligt sind, die mit wenigen Klicks im Internet als unseriös identifiziert werden können. Zudem darf man von einer selbstkritischen Zurückhaltung vieler Wissenschaftler ausgehen, sich als Fachfremde in die Forschungsfelder hochspezialisierter Kollegen zu drängen. Die Unsicherheit, sich etwa als Geograph zur Qualität von Impfstoffen oder zu Grundrechtseinschränkungen zu äußern, mag auch aus dieser Konstellation rühren.

II.

Das Ich in der Wissenschaftsfiktion

Dabei werden die Leistungen nicht nur auf Publikationslisten verzeichnet, sondern auch statistisch dokumentiert. Jeder karrierebewusste Wissenschaftler verfügt mittlerweile über eine ORCID-Nummer, die es erlaubt, seinen wissenschaftlichen Output elektronisch zuzuordnen und zu messen.3 Und es gibt sogar Grau- und Schwarzmärkte, auf denen wissenschaftliche Arbeiten gegen Bezahlung zu allen relevanten Themen bestellt werden können, um den Forschungsoutput aufzupolieren – mit zunehmendem Einsatz von Künstlicher Intelligenz.4 Das Imitieren von Forschung ist auch deshalb möglich, weil die äußerst rigide wissenschaftliche Form wenig Raum für einen eigenen Stil lässt. Im Regelfall schreibt ein Autor oder eine Autorengruppe in der dritten Person, als wäre das kommunizierende Subjekt lediglich ein Werkzeug der Wissenschaft, das abstrakte Erkenntnisse aus höherer Warte kommuniziert. Diese Opferung des Ichs vor der Form erhebt den subjektiven Forscher jedoch umgekehrt zum scheinbar objektiven Sprecher der Wissenschaft, gesteht ihm implizit eine fast priesterliche Autorität zu. Und entbindet ihn damit von persönlicher Verantwortung. Denn der Forscher ist zwar Autor, beschreibt in der Regel klinische Abläufe, analysiert Resultate, interpretiert Texte, bekennt sich aber nicht zwingend als Ich zu den Aussagen in seinem Text. Diese Konstellation begünstigte es, dass sich die Darstellung und Nutzung von Forschungsresultaten vom Menschen, von persönlicher Verantwortung lösen konnte. In den Corona-Jahren fand man daher problemlos Wissenschaftler, die bereit waren, in ihrer Rolle die absurdesten Maßnahmen zu vertreten. In dieser Rolle gibt man selten Auskünfte über die weiteren Zusammenhänge seiner Forschung, welche Umstände beispielweise persönlich motiviert haben, an welchen Stellen des Erkenntnisprozesses Schwierigkeiten auftraten, wie


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also mit Zweifeln, Rückschlägen und Scheitern umgegangen wurde. Anders als im Theater, im Film, in der Literatur finden innerhalb des Wissenschaftsbetriebes nur in wenigen, zumeist geisteswissenschaftlichen Fächern Diskussionen über die gängigen Forschungs-Fiktionalisierungen statt. Obwohl diese Fiktionalisierungen jeweils eigene Genres beeinflusst haben: den wissenschaftlichen Vortrag, den wissenschaftlichen Artikel, aber auch das Geleitwort und die Einleitung zu einer wissenschaftlichen Publikation, selbst den Förderantrag könnte man einbeziehen, um nur einige der prägnantesten Textarten zu nennen. Und je stärker naturwissenschaftlich die Forschung orientiert ist, desto geringer ausgeprägt scheint die Fähigkeit zur wissenschaftstheoretischen Selbstreflexion über die eigene Sprecherposition, die Gestaltung der Texte überhaupt zu sein. Dies war auch in den Corona-Jahren der Fall. Das auf eigenständiger Erkenntnis gründende Ich schien aus dem Wissenschaftsbetrieb verschwunden, aus den Texten verdrängt von den Pronomen der dritten Person, aufgelöst in unpersönlicher Sprache. Gleichzeitig nutzten Wissenschaftler ihre Titel und Positionen, um ihre Meinungen über das Virus und die Welt zu verbreiten, ungeachtet des formalen Rahmens, in ihren Rollen möglicherweise getrieben von Eitelkeit, hinunter vom Katheder, hinaus aus dem Hörsaal, weg von der kleinen Bühne der Welterklärung. War es nicht wesentlich befriedigender, mit sorgenvoller Miene vor der großen Öffentlichkeit strenge Weisungen zu kommunizieren, politischen Maßnahmen den Segen der Wissenschaft zu erteilen?

III. Was ist wissenschaftlich? An dieser Stelle öffnet sich das nächste Problemfeld der Corona-Jahre. Was ist eine wissenschaftliche Aussage? Die einfachste formale Voraussetzung wäre diese: Eine These, eine Erkenntnis hat nur dann den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, wenn sie von Menschen mit (wissenschaftlichem) Studium geäußert wird, die wenigstens an einer wissenschaftlichen Einrichtung assoziiert sind oder in einem entsprechend ausgestatteten Unternehmen mit gegenseitig anerkannten Methoden Forschung betreiben. Die These sollte belegt, damit nachvollziehbar sein; darf aber ebenso andere Positionen, selbst gegensätzliche Methodiken und Resultate spiegeln, wenigstens indirekt. Dabei sind wissenschaftliche Aussagen selten pauschal, eher differenziert, abwägend, temporär angelegt, damit revisionsfähig, meistens ungeeignet für


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Superlative und Einseitigkeiten. Sie sind auch nur dann valide, wenn sie in einem wissenschaftlichen Kontext in der entsprechenden Form von einem oder mehreren Menschen vorgetragen werden, den aktuellen Forschungsstand berücksichtigend und ergänzend, beispielsweise als Monographie, als Vorlesung, als Beitrag auf einer wissenschaftlichen Konferenz oder in einem Sammelband.

IV. Die ideologische Unschärfevariante Diesem Definitionsversuch wohnt sicher eine Offenheit inne, weil die genannten Faktoren durchlässig für Subjektivität sind. Denn der forschende Mensch ist nicht selten von individuellen Erfahrungen geprägt, wird darüber hinaus von Eigen-, manchmal auch Fremdinteressen bewegt. Und ein Studium – als Grundlage wissenschaftlicher Arbeit – wird von politisch-normativen Aspekten beeinflusst: Die Inhalte von Lehre und Forschung sind abhängig vom jeweiligen politischen System, das seine Wissenschaftler bezahlt und fördert. In Deutschland sind Wissenschaftler häufig Beamte, für die eine verbindliche Loyalität gegenüber dem Staat gilt. Auch die Wissenschaftler selbst haben nicht alle den gleichen Kenntnisstand erreicht. Orientiert an der Hierarchie könnte man – rein theoretisch – erwarten, dass sich ein erfahrener W3Professor kompetenter äußert als ein frisch ernannter Juniorprofessor. Und ein Juniorprofessor sollte in seinem Fach besser bewandert sein als der studentische Faktenchecker eines öffentlich-rechtlichen Senders. Die in der Forschung gewonnenen Erkenntnisse werden zudem mit unterschiedlicher Qualität verarbeitet und vermittelt. Ebenso verhält es sich – äußerlich betrachtet – mit den wissenschaftlichen Einrichtungen, deren Infrastrukturen recht variable Rahmenbedingungen für die Forschung bieten, in der technischen und finanziellen Ausstattung, der Bezahlung des Personals oder der kollegialen Zusammenarbeit. Bedenken sollte man weiterhin, dass es unterschiedliche Denkschulen, Netzwerke, Seilschaften gibt, die sich wechselseitig beeinflussen. Kollegen aus der gleichen Denkschule könnten gegenseitig auch weniger überzeugende Arbeiten mit kollegialer Nachsicht bewerten, selbst in Doppelblindgutachten5, wo manche Gutachter durchaus geneigt sein dürften, ihnen normativ näherstehende Forschung positiver zu lesen. Zudem befinden sich Wissenschaftler, wie erwähnt, meistens in Abhängigkeiten: Der Wissenschaftsbetrieb wird heute durch Kooperationen bewegt, zu deren Nebenwirkungen wiederum Voreingenommen-


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heit, Begünstigungen, im schlimmsten Falle Vetternwirtschaft gehören. Wer würde die fachlich dürftige Publikation eines guten Kollegen und potentiell wichtigen Kooperationspartners mit objektiver Schonungslosigkeit rezensieren? Umgekehrt können Wissenschaftler konkurrierender Richtungen bei der (inhaltlichen) Konfrontation gegenseitig eher zu emotional negativen Reaktionen neigen, zu Distanzierungen, die nicht immer konstruktiv sind, was bisweilen bei den Corona-Diskursen zu beobachten war. Schließlich birgt auch die Forschung selbst genügend Möglichkeiten, verzerrte Ergebnisse zu liefern, wie es in diesem Band eingehender in den Beiträgen von Boris Kotchoubey, Klaus Morawetz und Rainer Baule erklärt wird. Dies beginnt bei der Methodik, setzt sich fort über die Auswertung und Darstellung der Daten, endet beim zusätzlichen Filter der medialen Vermittlung und Rezeption. Schließlich – darauf werde ich noch zurückkommen – bilden Drittmittel die wesentliche materielle Basis der Forschung. Stiftungen, Unternehmen und staatliche Einrichtungen wie die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) oder das BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) finanzieren eine große Zahl von Projekten. Bei der Beantragung der Fördermittel sind nicht nur die Netzwerke nützlich, sondern auch ein Gespür für aktuelle, politisch gewollte Themen, die damit verbundenen Schlüsselwörter, die passende Sprache. Finanziell geförderte Forschung muss im Anthropozän vor allem datengetrieben sein, digital, feministisch, nachhaltig, klimaneutral, antirassistisch und nicht zuletzt divers. Natürlich stellen diese Gesichtspunkte Einladungen zur Subjektivität dar. Dies setzt sich bei der Auswahl der Kooperationspartner fort. War es vor drei Jahren beispielsweise noch unproblematisch, sogar hilfreich, die Russische Akademie der Wissenschaften als Partner zu nennen, ist dies durch die aktuellen Sanktionen unmöglich geworden; selbst bei einem Projekt, das sich ausschließlich mit russischsprachiger Samisdat-Literatur beschäftigte. Ausgehend von der Heisenbergschen Unschärfevariante könnte man deshalb von einer ideologischen Unschärfevariante sprechen. Themenstellung, inhaltliche und formale Erwartungen einer Ausschreibung tragen damit schon vor Beginn der eigentlichen Forschung zu einer teilweise erheblichen Verzerrung der Resultate bei.


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Die verlorene Wissenschaft: Versuch einer Katharsis nach Corona by ibidem Press - Issuu