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»Zerrissne Saiten einer überlauten Harfe ... «: Deutschjüdische Dichter der Bukowina

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Petro Rychlo

„Zerrissne Saiten einer überlauten Harfe … “ Deutschjüdische Dichter der Bukowina


Ukrainian Voices Collected by Andreas Umland 53

Larissa Babij

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Julia Davis

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Sofia Atlanova, Oleksandr Klymenko

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Leonid Ushkalov

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Vakhtang Kipiani

A Kind of Refugee The Story of an American Who Refused to Leave Ukraine With a foreword by Vladislav Davidzon ISBN 978-3-8382-1898-4

In Their Own Words How Russian Propagandists Reveal Putin’s Intentions ISBN 978-3-8382-1909-7

Icons on Ammo Boxes Painting Life on the Remnants of Russia’s War in Donbas, 2014-21 Translated by Anastasya Knyazhytska ISBN 978-3-8382-1892-2

Catching an Elusive Bird The Life of Hryhorii Skovoroda ISBN 978-3-8382-1894-6

Ein Land weiblichen Geschlechts Ukrainische Frauenschicksale im 20. und 21. Jahrhundert ISBN 978-3-8382-1891-5

The book series “Ukrainian Voices” publishes English- and German-language monographs, edited volumes, document collections, and anthologies of articles authored and composed by Ukrainian politicians, intellectuals, activists, officials, researchers, and diplomats. The series’ aim is to introduce Western and other audiences to Ukrainian explorations, deliberations and interpretations of historic and current, domestic, and international affairs. The purpose of these books is to make non-Ukrainian readers familiar with how some prominent Ukrainians approach, view and assess their country’s development and position in the world. The series was founded, and the volumes are collected by Andreas Umland, Dr. phil. (FU Berlin), Ph. D. (Cambridge), Associate Professor of Politics at the Kyiv-Mohyla Academy and an Analyst in the Stockholm Centre for Eastern European Studies at the Swedish Institute of International Affairs.


Petro Rychlo

„Zerrissne Saiten einer überlauten Harfe … “ Deutschjüdische Dichter der Bukowina


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:​//​dnb​.d​-nb​.de abrufbar. Bibliographic information published by the Deutsche Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available in the Internet at http:​//​dnb​.d​-nb​.de. Bei der Gestaltung des Buchumschlags wurde das Bild von Helga von Loewenich "Der Brunnen II. Zum Gedicht von Rose Ausländer" (Aquarell mit Farbpigmenten auf handgeschöpftem französischen Torchon-Papier, 2013) mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin verwendet..

Dieses Buch wurde mit Unterstützung des Translate Ukraine Translation Program veröffentlicht. This book has been published with the support of the Translate Ukraine Translation Program.

ISBN-13: 978-3-8382-1893-9 © ibidem-Verlag, Stuttgart 2024 Die ukrainische Erstveröffentlichung unter dem Titel: “‘Урвані струни прегучної ліри ...’: Німецько-єврейські поети Буковини” erschien 2023 im Verlag Dukh i Litera, Kyjiw, Ukraine. Die Übersetzung ins Deutsche wurde vom Autor selbst vorgenommen. Alle Rechte vorbehalten Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und elektronische Speicherformen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, stored in or introduced into a retrieval system, or transmitted, in any form, or by any means (electronical, mechanical, photocopying, recording or otherwise) without the prior written permission of the publisher. Any person who does any unauthorized act in relation to this publication may be liable to criminal prosecution and civil claims for damages. Printed in the EU


Inhalt Poetisches Atlantis der Bukowina....................................................... 7 „Margul, der gute Riese“..................................................................... 17 „Die schwarze Sappho unserer östlichen Landschaft“................... 41 „Gestrichenem im Lebensbuch / versagt die Welt die Wiederkehr“......................................................................................... 65 „Vergeßner Gast am Niemandstisch“................................................ 95 „Im Niemandsland des Lieds verloren“.......................................... 125 „Robinson auf dem Eiland Manhattan“.......................................... 149 „Zähle mich zu den Mandeln …“..................................................... 167 „Ich möchte den Himmel mit Händen fassen …“......................... 193

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Poetisches Atlantis der Bukowina Der 4. Oktober 1875 war einer der glorreichsten und denkwürdigsten Tage in der Geschichte der Stadt Czernowitz und der ganzen Bukowina: An diesem Tage feierte man das Fest der hundertjährigen Vereinigung des Herzogtums Bukowina mit dem österreichischen Kaiserstaat, welches in der weihevollen Eröffnung der deutschen Franz-Joseph-Universität zu Czernowitz gipfelte. Dass an dieser neugegründeten Universität auch Lehrkanzeln für die ukrainische und rumänische Sprache und Literatur funktionieren sollten, bedeutete einen Triumph der liberalen Politik der Donaumonarchie. Die Feierlichkeiten in Czernowitz versammelten damals die vornehmsten Vertreter der politischen Elite und die prominentesten Intellektuellen aus ganz Europa. Die Universität Czernowitz sollte das östlichste deutschsprachige Kulturbollwerk sein, zu dem aus der Metropole Wien sowie aus anderen westeuropäischen Kulturzentren ein recht langer Weg führte. Diesen Weg beschreibt im September 1875, kurz vor der Czernowitzer Jubiläumsfeier, ein junger Wiener Journalist, Mitarbeiter der Zeitung „Neue Freie Presse“ und Absolvent des Czernowitzer Gymnasiums Karl Emil Franzos in der Skizze „Von Wien nach Czernowitz“, die später in seine Sammlung „Aus Halbasien: Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Rumänien“ (1876) aufgenommen wurde. Obwohl der Autor für die Bezeichnung dieser Region Südosteuropas zu einer kaum schmeichelhaften lexikalischen Neuprägung griff, hat die Bukowina in diesen „Reisebildern“ einen besonderen Status, der sie von anderen „halbasiatischen“ Landstrichen vorteilhaft unterscheidet. Dies geht deutlich aus der abschließenden Passage der Skizze „Von Wien nach Czernowitz“ hervor, in der der Autor, nach einer langen, erschöpfenden Fahrt durch die eintönige, freudlose galizische Ödnis, endlich die Grenze der Bukowina überquert: Die Heide bleibt hinter uns, den Vorbergen der Karpaten braust der Zug entgegen und über den schäumenden Pruth in das gesegnete Gelände der Bukowina. Der Boden ist besser angebaut und die Hütten sind freundlicher und reiner. Nach einer Stunde hält der Zug im Bahnhofe zu Czernowitz. Prächtig liegt die Stadt auf ragender Höhe. Wer da einfährt, dem ist seltsam

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„Zerrissne Saiten einer überlauten Harfe...“ zu Mute: er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung, Gesittung und weißes Tischzeug zu finden sind. Und will er wissen, wer dies Wunder vollbracht, so lausche er der Sprache der Bewohner: sie ist die deutsche. Und er sehe zu, zu welchem Feste sie rüsten; zu einem Feste des deutschen Geistes. Der deutsche Geist, dieser gütigste und mächtigste Zauberer unter der Sonne, er – und er allein – hat dies blühende Stücklein Europa hingestellt, mitten in die halbasiatische Kulturwüste! Ihm sei Preis und Dank.1

„Der deutsche Geist“, von dem Franzos so begeistert spricht, war Urheber und Inspirator des europäischen Wesens der Stadt Czernowitz sowie jener einzigartigen multinationalen Bukowiner Kultur, die uns heute als ein versunkenes Atlantis, als ein Czernowitzer Mythos vorschwebt, in dem sich das Reale mit dem Phantastischen, das Alltägliche mit dem Utopischen und das Ernste mit dem Anekdotischen vermischt hat. Dieser Mythos umhüllte das alte Czernowitz mit der Aura einer ungewöhnlichen Stadt von Schwärmern und Anhängern, Wundertätern und Heiligen, Propheten und Genies. Czernowitz, das waren Sonntage, die mit Schubert begannen und mit Pistolenduellen endeten. Czernowitz, auf halbem Weg zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa, war die heimliche Hauptstadt Europas, in der die Metzgertöchter Koloratur sangen und die Fiakerkutscher über Karl Kraus stritten. Wo die Bürgersteige mit Rosensträußen gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien. Czernowitz, das war ein immerwährender intellektueller Diskurs, der jeden Morgen eine neue ästhetische Theorie erfand, die am Abend schon wieder verworfen war. Wo die Hunde die Namen olympischer Götter trugen und die Hühner Hölderlin-Verse in den Boden kratzten. Czernowitz, das war ein Vergnügungsdampfer, der mit ukrainischer Mannschaft, deutschen Offizieren und jüdischen Passagieren unter österreichischer Flagge zwischen West und Ost kreuzte2 –

so subsummierte der zeitgenössische deutsche Publizist Georg Heinzen einige wesentliche Züge des Czernowitzer Mythos. Czernowitz, die Hauptstadt des ehemaligen habsburgischen Kronlandes Bukowina, „einer Gegend, wo Menschen und Bücher lebten“3, wie Paul Celan in seiner Bremer Rede diese Landschaft 1 2 3

Karl Emil Franzos. Von Wien nach Czernowitz. In: Europa erlesen: Czernowitz. Herausgegeben von Peter Rychlo. Klagenfurt: Wieser Verlag 2004, S. 32. Georg Heinzen. Wo die Hunde die Namen olympischer Götter trugen. In: Rheinischer Merkur, Nr. 5 vom 1. Februar 1991, S. 17 [Christ und Welt]. Paul Celan. Der Meridian und andere Prosa. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1990, S. 37.


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nennt, war der „fliegende Holländer“ der Geschichte. In den letzten 250 bis 300 Jahren wechselte diese Stadt ihre Herrscher, staatliche Regime und Nationalfahnen wie Handschuhe. Sie war fürstlich-moldauisch, sultanisch-osmanisch, k.-u.-k.-österreichisch-ungarisch, königlich-rumänisch, kommunistisch-sowjetisch. Heute ist sie ukrainisch. Dementsprechend wechselte auch ihr Name: Czernowitz – Cernăuţi – Černovicy – Černivci – bis zu dem von der Phantasie eines ihrer ironischsten Söhne Gregor von Rezzori geprägten, auf der geographischen Mappe kaum existierenden, auf der Literaturkarte durchaus realen Tschernopol („Ein Hermelin in Tschernopol“). Eine schier phantastische Stadt, deren Periphrasen eine geistreiche poetische Amplifikation bilden: „Babylon des südöstlichen Europas“, „das zweite Kanaan“, „Jerusalem am Pruth“, „Alexandrien Europas“, „Klein-Wien“ usw. Die Stadt, in der etwa ein Dutzend verschiedener Nationalitäten lebte und wo jeden Tag ein halbes Dutzend Sprachen erklang, wo eine einzigartige Symbiose germano-romano-slawisch-jüdischer Kultur mit ihrer polyethnischen Buntheit und ihrem kosmopolitischen Geist entstand. Der Spiegelkarpfen, in Pfeffer versulzt, schwieg in fünf Sprachen4 –

behauptet eine der eindringlichsten Dichterinnen dieses Landes Rose Ausländer („Czernowitz I“). Jede der nationalen Literaturen hat in diesem Landstrich ihre Leistungen hervorgebracht, die sie stolz der Welt präsentieren kann. In Czernowitz verbrachte der große rumänische Dichter, „der letzte Romantiker der Weltliteratur“, Mihai Eminescu seine Jugend. Hier lebten und wirkten die Klassiker des ukrainischen Schrifttums Jurij Fedkowicz und Olga Kobyljanska. In dieser Stadt entfaltete sich das Schaffen bedeutender jiddischer Autoren, solch virtuoser Sprachmeister des Jiddischen wie Elieser Steinbarg, Itzig Manger, Mosche Altmann und Joseph Burg.

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Rose Ausländer. Wir pflanzen Zedern. Gedichte. Herausgegeben von Helmut Braun. – Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1993, S. 10.


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Ein selbstverständlicher Teil dieser bunten Kultursymbiose war auch die deutsche Literatur der Bukowina. Heute ist sie wie ein abgebrochener Zweig eines blühenden Baumes, eine verlorene Harfe, deren Saiten noch vor kurzem, in den 20er und 30er Jahren, melodisch klangen. Mit ihren Wurzeln reicht diese Literatur bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals lebten und wirkten in der Bukowina die Schriftsteller, die als Vertreter der „ukrainischen Dichterschule“ in der österreichischen Literatur bekannt sind – Ernst Rudolf Neubauer (1822-1890), Moritz Amster (1831-1903), Ludwig Adolf Simiginowicz-Staufe (1832-1897), Viktor Umlauff Ritter von Frankwell (1836-1887), Johann Obrist (1843-1901), der bereits erwähnte Karl Emil Franzos (1848-1904). Sie dichteten alle in deutscher Sprache und besangen einfühlsam die Bukowina, ihre wunderbare Natur, ihre fleißigen Menschen, ihre Sitten und Gebräuche. Sie sammelten und popularisierten im deutschen Sprachraum Perlen ukrainischer und rumänischer Folklore und Literatur und schufen demokratische Grundlagen des deutschen Schrifttums in der Bukowina, zu deren Entwicklung auch die ukrainischen Autoren Jurij Fedkowicz, Isidor Worobkiewicz, Jewgenija Jaroschynska, Osyp Makowej und Olga Kobylanska beitrugen, die ihren Weg in der Literatur als deutschsprachige Autoren begannen. Solch eine reiche Saat brachte auch gute Ernte: Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich in der Bukowina eine deutschsprachige Literatur, die ein Teil des allgemeinen österreichischen Literaturprozesses war; es erschienen hier literarische Jahrbücher und Almanache („Buchenblätter“, „Bukowiner Hauskalender“), Zeitschriften und Kulturbeilagen zu deutschsprachigen Zeitungen („Im Buchwald“, „Familienblätter“, „Sonntagsblatt der Bukowina“), Gedicht- und Prosabände sowie Theaterstücke Bukowiner Autoren. Freilich hatten die meisten Werke ein nur durchschnittliches Niveau und einen unüberbrückbaren provinziellen Charakter, was auf das kulturelle Neuland, welches die Bukowiner Autoren zu bearbeiten hatten, auf die Entfernung von Kulturmetropolen und den Mangel tiefer und dauernder Traditionen zurückzuführen ist. Aber nach dem Ersten Weltkrieg, als die Bukowina 1918 an Rumänien fiel, und man begonnen hatte infolge intensiver Rumänisierung Deutsch aus allen


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Sphären des Lebens zu verdrängen, tauchte hier (und darin liegt ja eines der größten Paradoxe) ein Gestirn junger Talente auf, welche die deutschsprachige Literatur rasch modernisierten, indem sie sie in Berührung und Resonanz mit dominierenden Trends in anderen westeuropäischen Ländern, vor allem mit der Literatur Österreichs und Deutschlands, brachten. Die Träger des „deutschen Geistes“ waren hier nicht lokale deutsche Einsiedler-Kolonisten, sondern Vertreter assimilierter jüdischer Familien. Ihre Urgroßväter wanderten seinerzeit unter dem liberalen und judenfreundlichen Kaiser Joseph II. in die Bukowina ein und ließen sich hier nieder. Sie strebten aber die deutsche Kultur an und erzogen auch ihre Kinder im Sinne der deutsch-jüdischen Symbiose, wie es später der Vater von Karl Emil Franzos seinem Sohn beizubringen versuchte: „Du bist ein Deutscher – pflegte er ihm zu sagen –, freilich jüdischen Glaubens. Aber auch dessen hast du dich nicht zu schämen.“5 Unter dem Kaiser Franz-Joseph I. erreichte die jüdische Gemeinde in Czernowitz ihre Blütezeit. Zur Jahrhundertwende machte sie etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Stadt aus, die damals über 100.000 Einwohner zählte. Obwohl die jüdische Gemeinde von Czernowitz nie sehr einheitlich war und es von Zeit zu Zeit zu heftigen, freilich recht harmlosen, inneren Konflikten zwischen den Orthodoxen und Chassiden, Liberalen und Zionisten kam, dominierte hier immer die assimilierte Schicht der gebildeten Juden, die als Industrielle, Bankiers, Kaufleute, Rechtsanwälte, Ärzte, Gymnasial- und Universitätsprofessoren tonangebend sowohl im Alltag als auch im gesellschaftlichen Leben waren. Ihre Umgangssprache war weder Jiddisch noch Hebräisch, sondern Deutsch, und als solche waren sie glühende Anhänger der deutschen Bildung und Kultur. Aus diesem bürgerlichen Stand gingen hauptsächlich auch die deutsch-jüdischen Dichter der Bukowina hervor, die mit den großen Vorbildern der deutschen Klassik – von Goethe, Schiller, Hölderlin und Heine bis Rilke, Trakl, Stefan George und Gottfried Benn – aufwuchsen. Dabei wohnen ihren Werken fast immer – bewusst oder unbewusst 5

Karl Emil Franzos. Vorwort zu: Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. Hamburg: Rotbuch Verlag / EVA Europäische Verlagsanstalt 2005, S. 6.


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– auch wichtige Elemente der jüdischen Kultur inne – mythologische Vorstellungen, die mit ihren Wurzeln noch an biblische Zeiten reichen, historische Reminiszenzen, in denen das Echo tragischer Kollisionen und nationaler Katastrophen mitklingt, moralische Imperative, welche die Besonderheiten des Sittenkodex und Lebensrealien des Alltags der Juden im Laufe ihrer tausendjährigen Geschichte widerspiegeln. Hier verflochten sich dicht miteinander schmerzerfüllte Klagelieder Jeremias und militante Aufrufe des Bar Kochba, Salomos Gesänge und Davids Psalmen, chassidische Legenden und mystische Vorsehungen der Kabbala. Zugleich erhielt diese Dichtung recht spürbare Impulse seitens ukrainischer oder rumänischer Folklore und wurde auch von diesen Kulturen sehr positiv befruchtet. Der Zahl ausgeprägter Talente, der Einmaligkeit schöpferischer Schreibweisen und der Vielfalt ästhetischer Programme nach gehörte die deutschsprachige Lyrik der Bukowina in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu den markantesten Erscheinungen der europäischen Dichtung. Hier erfolgte damals eine mächtige Explosion poetischer Substanz, einem Gewitter gleich, die aus den tiefen Schichten des Bewusstseins und Kulturgedächtnisses der jungen Generation Czernowitzer Intellektuellen blendende Funken hervorschlug. Die Namen von Alfred Margul-Sperber, Georg Drozdowski, Rose Ausländer, Klara Blum, Moses Rosenkranz, Alfred Kittner und anderen Dichtern, deren Werke zum ersten Mal in den Czernowitzer Verlagen, Zeitschriften, Zeitungen und Almanachen der 20er und 30er Jahre erschienen, sind heute im deutschsprachigen Raum bekannt. Der zweiten Generation der Czernowitzer Dichter, die Ende der 30er – Anfang der 40er Jahre den literarischen Schauplatz betraten, und der Immanuel Weißglas, Alfred Gong, Paul Celan angehörten, war es nicht mehr beschieden, dichterischen Ruhm in ihrer Heimatstadt zu genießen – Ghetto, Deportationen und Arbeitslager, die mit dem Beginn des II. Weltkrieges in ihr Leben hereinbrachen, waren für sie Etappen ihrer literarischen Ausformung. In einem solcher Arbeitslager Transnistriens, im Dorf Mychajliwka in der Nähe von Hajsyn, sind die Eltern Paul Celans vernichtet worden. Der Dichter wird nie diesen unersetzlichen Verlust verwinden, er wird ihn ständig


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schmerzen, wie eine nie verheilende Wunde. Immer wieder wird er sich die ewige Frage stellen, auf die ihm niemand je eine Antwort geben wird – warum ausgerechnet er überlebt hat, während seine geliebte Mutter von einem SS-Offizier mit einem Nackenschuss brutal getötet wurde, und ob es nicht besser wäre, wenn er ihr tragisches Schicksal mit ihr geteilt hätte. Im Gedicht „Winter“, das nach dem Erhalt der Nachricht von dem Tod der Mutter in einem rumänischen „Arbeitsbataillon“ geschrieben wurde, wo er während des Zweiten Weltkrieges „schaufeln“ musste, wird diese Frage für ihn zu einer existenziellen Herausforderung, die er mit einer erschütternden Offenzeit formuliert: Es fällt nun, Mutter, Schnee in der Ukraine: Des Heilands Kranz aus tausend Körnchen Kummer. Von meinen Tränen hier erreicht dich keine. Von frühern Winken nur ein stolzer stummer … Wir sterben schon: was schläfst du nicht, Baracke? Auch dieser Wind geht um wie ein Verscheuchter … Sind sie es denn, die frieren in der Schlacke – die Herzen Fahnen und die Arme Leuchter? Ich blieb derselbe in den Finsternissen: erlöst das Linde und entblößt das Scharfe? Von meinen Sternen nur wehn noch zerrissen die Saiten einer überlauten Harfe … Dran hängt zuweilen eine Rosenstunde. Verlöschend. Eine. Immer eine … Was wär es, Mutter: Wachstum oder Wunde – versänk ich mit im Schneewehn der Ukraine?6

In demselben „Arbeitslager“ von Mychajliwka, in dem Paul Celans Eltern umgebracht wurden, starb an Flecktyphus und Erschöpfung auch Celans Kusine mütterlicherseits, die 18-jährige Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger, die Bukowiner Schwester von Anne Frank. Ihre letzten Gedichtzeilen, die eine einzige Strophe unter

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Paul Celan. Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Mit den zugehörigen Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018, S. 351.


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dem Titel „Tragik“ bilden, klingen wie eine gehobene Elegie der Selbstaufopferung: Das ist das Schwerste – sich verschenken, und wissen, daß man überflüssig ist. Sich ganz zu geben und zu denken, daß man wie Rauch ins Nichts verfließt …7

Sucht man Analogien zum Czernowitzer literarischen Phänomen, so taucht hier am häufigsten eine typologisch verwandte und fast gleichzeitige Erscheinung auf – die deutsche Literatur Prags. Natürlich sind hier künstlerische Maßstäbe, ästhetische Präferenzen und axiologische Dimensionen kaum vergleichbar, wie unvergleichbar auch die Gattungsdominanten sind (für die Prager deutsche Literatur war die Prosa charakteristisch, für die Literatur der Bukowina die Lyrik), doch sind sie vielleicht in einem wichtigen Punkt verwandt – es war eine deutsche Inselkultur, die in einem ethnisch fremden Milieu entstand und in einem engen geographischen Raum existierte. Daraus resultieren ihre Dichte, ihre sprachliche Intensität und nicht selten auch das gemeinsame Arsenal künstlerischer Mittel – von Themen, Motiven, Bildern – bis zur Verwendung gleicher Metaphern durch verschiedene Dichter, die unglaublich kompakte, genetisch verwandte, aber im Grunde unabhängliche Implikationen poetischer Tropen in ihren dichterischen Texten bilden. Es geht hier natürlich nicht um das Epigonentum, auch nicht um gegenseitige schöpferische Entlehnungen. Es geht darum, daß selbst die Atmosphäre des dichten Zusammenlebens, gemeinsame Erziehungs- und Ausbildungsbedingungen, der gleiche soziale und kulturelle Hintergrund der Czernowitzer Dichter sowie die gemeinsame Tragödie des Holocaust diese typologischen Kongruenzen hervorriefen. Manche von ihnen wurden später in der berühmten „Todesfuge“ Paul Celans sublimiert. So taucht das Celan’sche Motiv „Grab in den Lüften“ bereits in Gedichten von Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz und Immanuel Weißglas 7

Selma Meerbaum-Eisinger. Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens für seinen Freund. Herausgegeben. von Jürgen Serke. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 1980, S. 93.


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auf. Das Celan’sche Oxymoron „schwarze Milch“ verwendete vor ihm schon Rose Ausländer. In demselben Jahr 1944, als Celans „Todesfuge“ entstand (sie war damals noch „Todestango“ überschrieben), wurde auch ein Gedicht unter dem Titel „Die Blutfuge“ von Moses Rosenkranz verfasst. Das Motiv des Brunnens, der so natürlich für die Landschaft und die Lebensordnung der Bukowina war, taucht mehrfach in der Dichtung der Czernowitzer Autoren auf – in den Gedichten von Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer, David Goldfeld (der diesen Begriff sogar auf die Titelseite seiner einzigen Gedichtsammlung bringt), Alfred Kittner, Immanuel Weißglas und Paul Celan, der die Bukowina als ein „Brunnenland“ bezeichnet. Im verbrannten Hof steht noch der Brunnen voll Tränen Wer weinte sie Wer trinkt seinen Durst leer8 –

fragt Rose Ausländer in ihrer poetischen Miniatur aus dem Band „Andere Zeichen“ (1975). Der Brunnen, der laut den symbolischen Deutungen das weibliche Element, den Mutterleib, die Befreiung und Säuberung von der Sünde verkörpert, zugleich aber auch die mystische Vereinigung mit dem Jenseits, war ein tiefgehendes Bild, das eine breite Skala gegensätzlicher Gefühle in sich tragen konnte – den brennenden Schmerz der Opferbereitschaft, die unstillbare Heimatsehnsucht, den geistigen Durst und die physische Qual.

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Rose Ausländer. Wir wohnen in Babylon. Gedichte. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1992, S. 113.


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Expressionistische Gedichte Sperbers Anfang der 1920er Jahre kann man im Kontext der Ästhetik und Poetologie dieser avantgardistischen Richtung betrachten, insbesondere ihres aktivistischen Flügels, der durch Ludwig Rubiner und Franz Pfemfert repräsentiert ist, oder in solch emphatischen expressionistischen Werken wie „Der Panama-Kanal“ von Yvan Goll oder „Der Weltfreund“ von Franz Werfel zum Ausdruck kommt. Den jungen Dichter verschlangen das unruhige Element der Großstädte, der rasante Rhythmus ihres Lebens, der Wirbel ihrer Verlockungen und Laster, die Wunder der Technokratie und das wilde Blühen abstoßender Seiten des sozialen Bodens. Dabei zieht er eine Maske des Zynikers an, der durch nichts mehr berührt werden kann, obwohl er in seiner Seele feinfühlig und zart bleibt. Eine eindrucksvolle Selbstcharakteristik gibt er in seinem Gedicht „Letzte Folgerung“ aus dem Zyklus „Elf große Psalmen“: Ich heiße Alfred Sperber, bin 23 Jahre alt, verkrachter Jurist, in Storožynetz geboren, kleiner Stadt der Bukowina inmitten roter Buchenwälder und wilder Bauern, von denen Europa nichts weiß; schon in frühester Jugend war in mir eine Sehnsucht heiß, unendliches Heimweh nach der Stadt, die nirgends ist, und ich habe nachher alle Städte Europas wie bacchantisch rasende Mädchen geküßt, den Zauber der Industrien getrunken, die Meetings geliebt und um Bombenanschläge gewußt, alle tausend goldenen Glockentürme Moskaus läuten in meiner Brust, Eiffelturm, strotzender Phallus Europas, ich kenne deine stählerne Musik, ich ergab mich bis zum Wahnsinn den Martern der Hurenkünste und dem Kartenglück, ich habe mit russischen Dienstmädchen unsagbar süße Nächte verbracht, kenne die Prostitution Wiener Bürgerfamilien und die Jungfräulichkeit des Paris bei Nacht.9

1924 wurden bei Sperber die ersten Anzeichen der Tuberkulose diagnostiziert, und er war gezwungen, in seine Heimat zurückzukehren. Es begannen lange Monate der Heilung, während der er sich mit Henriette (Jetti, Jessika), Tochter des Storožynetzer Kaufmanns 9

Alfred Margul-Sperber. Das verzauberte Wort, S. 141.


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und des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde des Städtchens annäherte, die zu seiner zweiten Frau und treuen Gefährtin in allen Lebensperipetien wurde. Bald siedelte er nach Czernowitz um, wo es eine weit verzweigte vielsprachige Presse gab, und in den Jahren 1926 bis 1932 bekleidete er die Stelle des Kulturredakteurs in der liberalen Tageszeitung „Czernowitzer Morgenblatt“. In diese Periode fällt der höchste Schwung seiner journalistischen Karriere. Dank ihm erschienen in diesem Blatt unzählige polemische Artikel, spannende Reportagen, satirische Pamphlete, inhaltsreiche Übersichten des kulturellen Lebens sowie Rezensionen der Bücher ausländischer, rumänischer und bukowinischer Autoren. Unter ihnen sei vor allem eine Sequenz von Artikeln unter dem Titel „Der unsichtbare Chor. Entwurf eines Grundrisses des deutschen Schrifttums in der Bukowina“ (1928) hervorgehoben in dem der Dichter den Versuch unternahm, einen Querschnitt über die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur der Bukowina zu geben, indem er die Schwierigkeiten ihrer Existenz in der Situation der Abgerissenheit vom deutschsprachigen Literaturprozess, die Abwesenheit von Verlagen und Lesern betont, die Spezifik und Tragik ihres Bestehens als deutschjüdischen Schrifttums umreißt, das unter rumänischer Vorherrschaft zu einem Dahinvegetieren verurteilt war. Die Präferenzen seiner Redakteursstelle ausnutzend, entdeckte und förderte Sperber jüngere literarische Talente des Landes, z.B. solche Bukowiner Dichter wie Moses Rosenkranz, Rose Ausländer, Alfred Kittner, David Goldfeld, Robert Flinker u.a., und in der Literaturbeilage des Blattes, die den Titel „Junge Stimmen“ trug, veröffentlichte er Gedichte und Prosatexte der Bukowiner Literaten, organisierte poetische Wettbewerbe und schuf eine schöpferische, geistige Atmosphäre um sich (unter seinen Fittichen brüteten hier solch junge deutschjüdische Dichter wie Kubi Wohl und Jona Gruber). In der Mitte der 1920er Jahre entstand auch der poetische Zyklus Sperbers „Kikiritzer Sonette“, der im Stil der damals in der deutschen Literatur verbreiteten „neuen Sachlichkeit“ mit ihrem Interesse für Dokumentarsphäre, Fakten der sozialen Wirklichkeit und Ereignisse des Alltagslebens geschrieben ist. Der fiktive Ortsname „Kikeritz“, der bereits durch seinen Klang


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ironisch anstimmt, stellt in der Tat ein Substitut seines Geburtsortes Storožynetz dar. Hier kommt ganz unerwartet das satirische Talent Sperbers zutage, wenn er in vollkommener Sonettenform die selbstzufriedene Hochnäsigkeit, Kleinkrämerei und geistige Anspruchslosigkeit des provinziellen Milieus von Storožynetz brandmarkt. Die Beschreibung eines Kinobesuchs und bürgerlichen Balls, eines Leichenzugs und Frauenbads, Sonntagsspaziergänge und Liebesabenteuer, Porträts eines städtischen Casanovas und einer „uneigennützigen“ Kupplerin, farbige Darstellungen des provinziellen Alltags mit endlosem Klatsch, Taschendieben, dem Gerede über die Launen der Mode – dies ist der bei weitem unvollständige Katalog der Kikeritzer Realität, die in diesen Sonetten in einer grotesken Umrahmung ersteht: Oh, wer verdammt ist, unter euch zu leben, Verflucht die Stunde oft, die ihn geboren; Und hätt’ er nicht den Geist an euch verloren, Er wünschte stündlich wohl ihn aufzugeben.10

Manchmal konnten die unerschöpfliche Energie und der Enthusiasmus Sperbers böse Scherze mit ihm treiben. So inspirierte er Ende der 1920er Jahre die berüchtigte „Piehowicz-Affäre“ – eine Geschichte des geistig behinderten Patienten der Czernowitzer Irrenanstalt, eines seltsamen, kaum des Schreibens kundigen Schlossers Karl Piehowicz, der angeblich geniale Gedichte schrieb. Von den damals verbreiteten Thesen des italienischen Psychiaters Cesare Lombroso ausgehend, nach denen Wahnsinn und Genialität miteinander verwandt und sozusagen nur Seiten derselben Medaille sind, publizierte Sperber diese Gedichte zuerst in seiner Zeitung, später schickte er sie dem berühmten Wiener Satiriker Karl Kraus. Für Kraus wurden diese Gedichte ein richtiges Schicksalsgeschenk, da sie die in den europäischen intellektuellen Kreisen vertretene Theorie über die Untrennbarkeit dieser beiden Sphären des menschlichen Seele und seine eigene These von der totalen Erschöpfung des europäischen Geistes bestätigten. Daher publizierte er sie in seiner berühmten Zeitschrift „Die Fackel“, 10

Alfred Margul-Sperber. Aus der Vorgeschichte. Mythen, Mären, Moritaten. Bukarest: Literaturverlag 1964, S. 184.


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indem er sie mit einem umfangreichen Artikel unter dem für Kraus so typischen Titel „Aus Redaktion und Irrenanstalt“ begleitete und mit allem Ernst wortwörtlich behauptete: Der größte heute in deutscher Sprache denkende, vielleicht der einzige große Dichter, und einer der größten, die je gelebt haben, ist ein Schlosser, der in der Irrenanstalt von Czernowitz lebt.11

Zuerst hatte diese Publikation eine starke Resonanz gehabt, doch nach einigen Wochen brach ein riesiger Skandal aus – empörte deutsche und österreichische Dichter, die, wie sich herausgestellt hatte, die wahren Autoren dieser Gedichte waren, klagten Kraus des literarischen Diebstals an, so dass er sich rechtfertigen musste. Wie sich später erwies, hatte der irrsinnige Piehowicz vor Jahren als Soldat in einer Fremdenlegion in Nordafrika gedient, wo er vor Langeweile oder einfach zum Spaß Dutzende Gedichte auswendig gelernt hatte und sie jetzt als eigene Produkte freigab. Für eine kurze Zeit machte diese Literaturaffäre Czernowitz zum Zentrum des europäischen öffentlichen Interesses, darüber berichteten mehrere europäische Zeitungen, und der Bukowiner Journalist Erast Cara verfasste sogar nach den Motiven dieser Affäre einen Fortsetzungsroman, mit dem das „Czernowitzer Morgenblatt“ wochenlang seine Leser unterhielt.12 Tatendurstig und unermüdlich in seinen schöpferischen Bestrebungen, gründete Sperber 1931 in seinem Geburtsort Storožynetz die lokale Zeitung „Bukowiner Provinzboten“, die jedoch wegen finanzieller Probleme und der geringen Zahl der Abonnenten nur einige Monate lang herauskommen konnte. Der Dichter knüpfte aber rege Kontakte mit Presseorganen und Verlagen der deutschsprachigen Welt, schickte ihnen literarische Texte der Bukowiner Autoren zu, stand ihnen mit seinen Begleitartikeln bei und trug sich mit der Absicht, eine größere Anthologie deutschjüdischer Dichtung der Bukowina unter dem Titel „Die Buche“

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Karl Kraus. Aus Redaktion und Irrenhaus. In: Die Fackel (Wien). Herausgegeben von Karl Kraus, XXX. Jg., Nr. 778-780, Anfang Juni 1928, S. 84-104, hier S. 91. Legion Cayenne und Narrenhaus. Erlebnisse und Schicksale von Karl Piehowicz, wie er ins Irrenhaus kam und ein großer Dichter wurde. Zusammengestellt von Erast Cara. In: Czernowitzer Morgenblatt, 1928, Nr. 3045-3097.


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herauszugeben, die das Beste auf dem Gebiet der Lyrik aus der Bukowina zusammenbringen könnte. Diese vielfältige und fruchtbare Tätigkeit brachte dem Dichter jedoch weder materiellen Gewinn noch literarische Lorbeeren. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland begann sich auch in Rumänien das politische Klima zu ändern – hier aktivierten sich chauvinistische und profaschistische Elemente. Das „Czernowitzer Morgenblatt“ war eine konservativ-liberale deutschsprachige Zeitung, die von jüdischen Redakteuren geführt wurde, so dass die Folgen der neuen Ideologie nicht lange auf sich warten ließen – es verstärkte sich der Druck rumänischer Zensur, der nicht selten in eine offene Hetzjagd ihrer Mitarbeiter überging. Aus diesem Grund, aber auch wegen seines winzigen Gehalts, das er als freier Journalist erhielt, musste sich Sperber im Frühjahr 1933 von der Zeitung verabschieden. Bald verließ er Czernowitz und zog in das Städtchen Burdujeni, das an der Grenze der Bukowina und der rumänischen Moldau liegt, wo sich eine große Selchwarenfabrik befand. Da sie ihre Produktion weit über die Grenzen des damaligen Rumäniens lieferte und eine rege Korrespondenz mit ihren Handelspartnern in anderen Ländern führte, bekam Sperber, als guter Kenner mehrerer Fremdsprachen, dort eine Stelle als Fremdsprachenkorrespondent, der für internationale Verbindungen der Firma zuständig war. Das war eine gut bezahlte Arbeit, obwohl es schwerfällt, sich einen so feinen und zarten Lyriker unter hunderten von geschlachteten Tieren vorzustellen. Zugleich gab er seine publizistische Tätigkeit nicht auf und sammelte weiter literarische Kräfte des Landes zusammen. Seine unermüdliche Energie und geistige Vitalität brachten ihm Anerkennung solcher Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Hermann Hesse, Martin Buber, Knut Hamsun, George Duhamel, Egon Erwin Kisch, Stefan Zweig, Thomas Sterns Eliot, Alfred Polgar, Felix Braun und Josef Weinheber, mit denen er in lebhaftem Briefwechsel stand. Das bescheidene Postamt des Städtchens Burdujeni hatte noch nie so viele Briefe erhalten, die aus dem Ausland, von den weltberühmten Schriftstellern kamen. Ein


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lebendiges Bild dieser weltweiten Verbindungen Sperbers schilderte später aus seiner Erinnerung sein Dichterfreund Moses Rosenkranz: Durch den Gedichte schreibenden Sekretär der Schlachtfabrik wurde der rote röchelnde Todesplatz die Sammelstelle edler lebhafter Geister. Wann immer ein Fremder erschien, zogen sich die Schlächterei-Vögte verdrossen zurück, denn man war nicht eingekehrt, ihre Schlagringe und Schweine, sondern den Korrespondenten und seine Manuskripte zu bewundern.13

Nach kurzer Zeit wurde Sperber in den Augen seiner Landsleute zu einer lebendigen Legende und zum unbestreitbaren Maître der Bukowiner Literatur. Derselbe Karl Kraus charakterisierte ihn in seiner „Fackel“ als „jenen Alfred Sperber, der aus Storožynetz bei Czernowitz gewissenhafter die Interessen der deutschen Kultur betreut, als es im Raum zwischen Berlin und Wien geschieht.“14 In den 1930er Jahren veröffentlichte A. Margul-Sperber im Selbstverlag zwei Gedichtbände: „Gleichnisse der Landschaft“ (1934) und „Geheimnis und Verzicht“ (1939). Diese Gedichtsammlungen bezeugen wesentliche ästhetische Wandlungen, die an der Schwelle der 1920er bis 1930er Jahre im Bewusstsein des Dichters stattfanden und durch spürbare Veränderungen in der politischen Entwicklung Rumäniens und ganz Europas verursacht waren. Vor allem war es das Gefühl der Unstabilität und Bedrohung, die die jüdische Minderheit des Landes beim wachsenden Chauvinismus und Rassenhass gegen die Juden immer mehr erfasste. In etwa zehn bis fünfzehn Jahren der rumänischen Herrschaft waren hier der Einfluss der jüdischen Gemeinde im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes demontiert und ihre führende Vertreter in die Randgebiete weggedrängt worden. Zugleich hat auch Deutsch, das für das assimilierte Czernowitzer Judentum in der altösterreichischen Zeit als Muttersprache galt, seine Positionen im Land stark eingebüßt. Aus diesem Standpunkt aus ist jene Wehrreaktion der deutschjüdischen Dichter des Landes, die 13 14

Zit. nach Alfred Kittner. Alfred Sperber – der Mensch und das Werk (wie Anm. 6), S. 596. Karl Kraus. Aus Redaktion und Irrenhaus oder Eine Riesenblamage des Karl Kraus. In: Die Fackel (Wien). Herausgegeben von Karl Kraus. XXX. Jg., Nr. 800805. Anfang Februar 1929, S. 90.


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im Versuch der Rettung ihrer traditionellen Kulturwerte bestand, durchaus verständlich. Dieses Rezidiv des Konservatismus betraf auch Sperber. Seine frühen avantgardistischen, vor allem expressionistischen Experimente mit uferlosen bildlichen Amplifikationen, gigantischen Strophen in freien Rhythmen und komplizierten syntaktischen Strukturen waren jetzt nicht mehr adäquat. Man musste die eigene nationale und kulturelle Identität retten, die aufgrund klassischer Muster gepflegt wurde, und somit zu den überlieferten Themen, Motiven, Gattungen und Formen der Dichtung zurückkehren, die eigentlich auch ihr Fundament bildeten. Dies alles deklariert der Dichter im Vorwort zu seinem Gedichtband „Gleichnisse der Landschaft“, wenn er nicht ohne eine Prise poetologische Provokation schreibt: Mit seinem Werke bekennt sich […] der Verfasser ausschließlich zur Bukowina, deren Landschaft – von wenigen Ausnahmen abgesehen – den unablässig variierten Gegenstand seiner Dichtung bildet und für die im eigentlichen Sinne diese Gedichte geschrieben und bestimmt sind. Der Verfasser bekennt sich weiters freimütig zu allem Veralteten und Herkömmlichen in Form, Wahl und Behandlung seiner dichterischen Gegenstände und erklärt vorweg, dass er gerne darauf Verzicht leistet, den modernen Dichtern zugezählt zu werden. Er hat in bewußter Absicht seinen Stoffkreis abgegrenzt und zuweilen die Wahl des gleichen Themas bis zur ermüdenden Einförmigkeit getrieben, weil er aus der tragischen Erkenntnis der Unmöglichkeit, das Urbild zu erreichen, nicht genug den Versuch unternehmen zu müssen glaubte, diesem Urbilde wenigstens näherzukommen. Ein Gedicht kann niemals den großen Gegenstand ersetzen, der es hervorruft, und Maßstab der Künstlerschaft sind und bleiben einzig: die Echtheit und Stärke des Erlebnisses an diesem Gegenstande, und die Fähigkeit, in der Seele des empfänglichen Lesers eine Wiederholung dieses Erlebnisses zu bewirken. Aus diesem Grunde kann ein und derselbe Baum Anlaß zu hundert großen Gedichten werden […] Durch solche selbstgewählte Beschränkung in seiner Wirkung ohnehin geschmälert, nimmt dies Gedichtbuch seinen Weg in die Welt, die dem Gedichte entfremdeter ist als je, und in eine Zeit, die das Werden eines neuen Lebensstils verkündigend, durch Wirren und Leidenschaften den Sinn und die Empfänglichkeit für alles Schöne und Stille beirrt und verdunkelt. Aber allen Wahn und Haß, Kampf und Krampf der Zeit überdauert die ewige Landschaft, lächelnd und erhaben, feierlich und schweigend, und auch über völlig veränderten Formen der menschlichen Gemeinschaft wird sich das gleiche Rätsel des gestirnten Nachthimmels wölben, das sich seit uralten Zeiten im betränten Auge des Dichters spiegelt.15 15

Alfred Margul-Sperber. Gleichnisse der Landschaft. Storojineţi: Im Selbstverlag des Verfassers 1934, S. 5-6.


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Selbstverständlich entsprach diese poetische Konzeption nicht mehr den Vorstellungen über die literarische Avantgarde. Aber Sperber vollzieht ganz bewusst diesen Rückzug auf gut vorbereitete ästhetische Positionen, denn sie bieten mehrere Chancen, jene Schlacht zu gewinnen, in die die deutsche Kultur der Bukowina hineingezogen wurde. Sehr trefflich äußerte sich aus diesem Grund sein langjähriger Freund und poetischer Mitkämpfer Alfred Kittner, als er später retrospektiv feststellte: So ist er eigentlich – ein seltener, ja vielleicht einzigartiger Fall – den umgekehrten Weg gegangen als die meisten seiner dichtenden Altersgenossen: den Weg von der poetischen Fronde zum klassisch-geläuterten Ausdruck, von Neuerertum zur bewußten Hingabe an das Herkömmliche im Sinne von Rilkes: „Alles Vollendete fällt/ heim zum Uralten“.16

Wie der rumänische Dichter Alexandru Philippide betont, geht es hier über die Bestrebung zur absoluten Poesie, denn das „Urbild“, an das sich Sperber annähern versucht, ist nichts anderes als das poetisch Absolute.17 Gedichte dieser Periode thematisieren Natur-, Heimat-, Kindheits- und Liebesbilder, Symbole prähistorischer Archaik und Mythologie. Bereits der Titel des Gedichtbandes „Gleichnisse der Landschaft“ enthält ein gewisses poetologisches Programm. Es besteht in der symbolischen Recodierung der Realien der umgebenden Welt, besonders der ihm so lieben und von Kindheit an vertrauten Bukowiner Landschaften, ihrer Überführung in metaphorisch-parabolisches Register, wo jedes Bild und jede poetische Reflexion einen Schlüssel zu den anderen, ontologischen Dimensionen darstellen. Die Natur und der Mensch vereinigen sich hier zu einer untrennbaren Einheit. Hier dominiert ein zurückhaltender, gedämpfter Ton, in dem die Noten der Sehnsucht nach etwas unwiederbringlich Verlorenem klingen, wie z.B. im Gedichte „Elegie“:

16 17

Alfred Kittner. Alfred Sperber – der Mensch und das Werk, S. 600. Alexandru Philippide. Die Dichtung Alfred Margul-Sperbers. In: Alfred Margul-Sperber. Geheimnis und Verzicht. Das lyrische Werk in Auswahl. Bukarest: Kriterion Verlag 1975, S. 5.


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„Zerrissne Saiten einer überlauten Harfe...“ O die trauernde Herde der welkenden Wälder! Hirte Berg, laß dein silbernes Mondhorn ertönen! Und die Flöte des Bächleins durchströmte die Landschaft Mit sibyllinischem Schluchzen. Doch um Mitternacht gellte entsetzlich das Heulen Des Wolfes der Welt, des Grauens. Liebe, wie schön war die Erde Als wir sie neulich erschufen im Sonnengesange des Frühlings, und wie trüb ist sie jetzt!18

In solchen Gedichten bewertet Margul-Sperber aufs Neue jene Prinzipien seiner Poetik, die mit der neuromantischen und symbolistischen Ästhetik verwandt ist. Die Grundpostulate dieser Poetik bestehen darin, dass die Gegenstände und Erscheinungen der objektiven Welt prinzipiell unerkennbar sind, man kann sich ihnen nur etwas annähern durch die Aufdeckung ihres inneren Wesens (Rilkes Ding-Gedichte). Daher besteht die Aufgabe des Dichters im Eindringen in die verborgene, geheimnisvolle Natur der Wirklichkeit, in ihre tiefere, nicht selten mystische Sphäre. Der Dichter realisiert diese Aufgaben mit Hilfe eines Systems poetischer Chiffren, unter denen solche Symbole hervorzuheben sind wie Baum, Brunnen, Wolke, Mond, Spiegel, Zeit, Traum. Sie entfalten sich in seinen Gedichten in vergeistigten Allegorien, werden transformiert und bekommen fast übernatürliche Eigenschaften, die imstande sind, uns die unfassbaren existenziellen Rätsel aufzudecken, wie z.B. im mit klassischen Terzinen geschriebenen Gedicht „Die Brücke“ aus dem Gedichtband „Geheimnis und Verzicht“: Mit zweien Händen faßt der Baum das Sein: Die eine, groß geöffnet, greift das Licht, die andre gräbt sich tief ins Dunkel ein. Der Leib dazwischen hält das Gleichgewicht, ist: Ruhn im Raum und Wiegen durch die Zeit, und folgt des Wachstums strenger Lust und Pflicht. Und wie er willig sich den Winden leiht, so stemmt er in die Erde sich mit Macht, zum Bleiben und zur Wanderschaft bereit. 18

Alfred Margul-Sperber. Gleichnisse der Landschaft, S. 24.


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O Baum, du Brücke zwischen Licht und Nacht, so rauschend in den blauen Raum gehängt, geheimnisvoll zum Gleichnis mir erdacht: Was wär’ ich, wär’ ich nicht von Lust getränkt, und wie ertrüg’ ich Lust, verschlöss’ sich mir das tiefe Wunder, das die Trauer schenkt? Mir: armer Brücke zwischen Gott und Tier!19

Das Baumsymbol, das eines der wichtigsten Leitmotive in Sperbers Werk ist („Die Birne“, „Der Baum, der hier in meiner Herdstatt loht …“, „Die Linde“, „Der krumme Baum“, „Der letzte Baum“, „Mein Baum“, „An meinen Baum“ u.a.), hat in seiner Dichtung einen recht breiten Assoziationskreis. Ein Baum (oder ein Wald, ein Garten) ruft in seiner Dichtung philosophische Überlegungen über Probleme des Seins hervor, er ist ein magisches Medium der Kindheit, Verkörperung der Heimat, des organischen Lebens in enger Beziehung mit der Natur, Allegorie der Verborgenheit usw.20 Das ist zweifellos mit der Bukowiner Herkunft des Dichters verbunden, der unter den Buchenwäldern aufgewachsen war und in seinem Herzen für immer die Liebe zu diesem malerischen Land bewahrt hatte. Die Natur – betont in dieser Hinsicht der deutsche Literaturwissenschaftler Peter Motzan – ist in Sperbers Gedichten einerseits Rahmen einer suggestiven Erlebnispoesie, andererseits mit sinnbildlicher Bedeutung durchtränkt, sie ist ein magischer Raum glückhaft-erfüllter Liebesbegegnungen, doch wird auch zum Gleichnis existenzieller Notsituationen geformt. Sie tritt als poetisch-stimmiger Wirklichkeitsausschnitt oder als Einzelgegenstand – Rose, Linde, Brunnen, Quelle – ins Gedicht. Der Baum – Dingsymbol der Dauer, des Gleichgewichts, der geglückten Lebensbewältigung – „wächst“ sozusagen durch Sperbers lyrisches Gesamtwerk.21 19 20 21

Alfred Margul-Sperber. Geheimnis und Verzicht. Gedichte. Cernăuţi: Literaria 1939, S. 37. Siehe Elisabeth Axmann. Fünf Dichter aus der Bukowina. Aachen: Rimbaud Verlag 2007, S. 19-20. Peter Motzan. Alfred Margul-Sperber (1898-1967). Eine Portraitskizze. In: Stundenwechsel. Neue Perspektiven zu Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer, Paul Celan, Immanuel Weißglas. Herausgegeben von Andrei


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Trotz ungünstiger politischer Umstände publizierte Sperber aktiv auch in verschiedenen deutschen Medien außerhalb der Bukowina, nicht selten unter Pseudonymen und Kryptonymen, was manchmal zu kuriosen Fällen führte, wenn z.B. das nazistische Literaturblatt „Das deutsche Wort“ ihn in seiner Rezension des Gedichtbandes „Geheimnis und Verzicht“ als einen „urdeutschen Volksbruder aus Rumänien“ lobte, dessen lyrische Stücke „einem Menschen zum Schicksal, vielleicht sogar zum Verhängnis werden können“22. Sein Gedicht „Der Fackelläufer“, das die von den Nazis organisierte Brandstiftung des Reichstags zu seinem Thema hatte, oder „Ein Neger erringt den Olympiarekord für die USA“, das dem Triumph des schwarzen amerikanischen Sprinters Jessy Owens bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin gewidmet war, machten damals einen Rundgang durch fast alle Emigrantenzeitungen, indem sie die Eroberungspläne Hitlers und seine Rassengesetze gebrandmarkt hatten. Das letzte dieser Gedichte, das von einer Zeitungsmitteilung über das Erringen einer olympischen Goldmedaille im 100-Meter-Lauf durch Jessy Owens inspiriert wurde, ist ein bedeutendes antirassistisches Werk, das sowohl gegen die Rassensegregation amerikanischer Schwarzen als auch gegen den Rassenwahn der Hitlerclique gerichtet war. Sein Finale, das die furchtbare Vision eines Lynch-Gerichts über den schwarzen Vorfahren des lyrischen Helden darstellt, erinnert an die Finalszenen von Novellen amerikanischer Romantiker wie E. A. Poe, W. Irving oder A. Bierce: Der schwarze Panther stand im Riesenkreis Der Hunderttausend, deren Atem stockte; Er sah: ein Meer, und dieses Meer war weiß Und fern das Ziel, das wie der Urwald lockte. Und als der Startschuß fiel und er entsprang, Leicht wie ein Tänzer durch den Sturm der Fahnen, Da barst es als ein Rausch in ihm, da sang Sein Blut den fernen Todesschrei der Ahnen:

22

Corbea-Hoisie, George Guţu, A. Martin A. Hainz. Bucureşti: Editura Paideia; Jaşi: Editura Universităţi „Al. I. Cuza“; Konstanz: Hartung-Gorre Verlag 2002, S. 30. Zit. nach Alfred Kittner. Alfred Sperber – der Mensch und das Werk, S. 607.


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Der Bluthund heult, sie sind dir auf der Spur, Sie hetzen fluchend hinter dir in Haufen! Vorwärts! Dein Leben gilt’s! Jetzt hilft dir nur, Entlaufner schwarzer Mann, dein schnelles Laufen! Und da ins Ziel er einbrach aus dem Raum Und fühlte sich im Sturm emporgetragen Von tosendem Geschrei –: sah er den Baum, Dran einst sein Vater hing, gespenstisch ragen.23

Als die jüdische Abstammung des Autors bekannt wurde, veranstaltete die Presse des Dritten Reichs aus diesem Anlass einen richtigen Hexensabbat. Zwar schreibe dieser osteuropäische Jude namens Sperber wohl passable Gedichte – übereiferte sich das Mitglied der Reichsschrifttumskammer und langjähriger Herausgeber der Zeitschrift „Neue Literatur“ Will Vesper –, doch dürfe nicht übersehen werden, dass er dabei „versteckt im deutschen Wald die deutsche Nachtigall täuschend“ nachahme.24 Das Ende der 1930er bis Anfang der 1940er Jahre war für Sperber mit spürbaren persönlichen Verlusten verbunden. Im Sommer 1940 wurde die Nordbukowina ultimativ an die UdSSR angegliedert. Nach den am 8. August 1940 von der profaschistischen Regierung des Generals Antonescu verabschiedeten antisemitischen Gesetzen musste er auf seine Stelle des Fremdsprachenkorrespondenten in Burdujeni verzichten und mit seiner Frau nach Bukarest ziehen. Nach der deutschen Okkupation der Bukowina wurde sein Schwiegervater erschossen, und in einem der „Arbeitslager“ sein Schwager mit dessen Frau ermordet. Der Dichter selbst wurde mehrmals zu Zwangsarbeiten herangezogen, ihm drohte die Deportation nach Transnistrien. Nur dank dem Beistand der Bukarester Schriftstellerkollegen, vor allem Ion Pillat und Oskar Walter Cisek, gelang es ihm die schreckliche Zeit zu überleben, indem er sich mit Privatstunden der Fremdsprachen über Wasser hielt. 23 24

Alfred Margul-Sperber. Geheimnis und Verzicht, S. 86. Siehe Hans Bergel. Erinnerungen an Alfred Margul-Sperber. Aus den Bukarester Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Die Bukowina. Studien zu einer versunkenen Literaturlandschaft. Herausgegeben von Dietmar Goltschnigg und Anton Schwob unter Mitarbeit von Gerhard Fuchs. Tübingen: Franke Verlag 1990, S. 190.


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