Nicolas Roseng Objektdesign BA 2026
Ziel der gestalertischen Arbeit
Anknüpfend an die schriftliche Arbeit wird in der gestalterischen Arbeit die Frage des Konsums und seines Begleiterscheinens angesprochen. Aus einer kritischen Haltung gegenüber der Bildung von Bedürf nissen (ob sie eher zum Zweck des Profits entstehen) wird versucht, eine Profite‑entkoppelte Herstellung von Objekten zu verfolgen. Der Fokus bei der Arbeit liegt darauf, mit eigenen Produktionsmitteln und dem angefallenen Karton (aus Konsumverhalten) eine eigen gestal tete Aufenthalts /Treffpunktsmöglichkeit im öffentlichen Raum zu bie ten und die Begegnung von Passant*innen, dem Gestaltungskonzept und dem Material zu ermöglichen.
- Materialbeschaffung
- Testen der Möglichkeiten von temporären Strukturen
- Prototyp
- Feldtest
- Ergebnisse und Situationen
- Resume
Materialbeschaffung
Aus dem Karton auf der Strasse, welcher zum Grossteil aus Bestell und Konsumprozessen hervorgeht und in seiner Menge tendenziell steigen wird, bildet das Grundlagenmaterial. Die Standorte der Produktion und Materialbeschaffung richten sich nach dem Entsorgungskalender der Stadt Zürich. So wird das Konzept in verschiedenen Stadtkreisen und an ver schiedenen Tagen angewendet.
























































Nach Tagen
8006 Kreis 6 Montag
8008 Kreis 7/8 Montag
8032 Kreis 7/8 Montag
8037 Kreis 6/10 Montag
8057 Kreis 6/12 Montag
8050 Kreis 11/12 Dienstag
8051 Kreis 12 Dienstag
8052 Kreis 11 Dienstag
8053 Kreis 7/8 Dienstag
8005 Kreis 5 Mittwoch
8046 Kreis 11 Mittwoch
8048 Kreis 9 Mittwoch
8064 Kreis 9 Mittwoch
8049 Kreis 10 Mittwoch
8001 Kreis 1 Donnerstag
8002 Kreis 2 Donnerstag
8003 Kreis 3 Donnerstag
8004 Kreis 5 Donnerstag
8038 Kreis 2 Freitag
8041 Kreis 2 Freitag
8045 Kreis 3 Freitag
8047 Kreis 9 Freitag
8055 Kreis 3/9 Freitag
Testen der Möglichkeiten von temporären Strukturen.




Parameter der Objekte sollen folgende sein:
Einfache Konstruktionsweise
Schnell und flexibles Bearbeitung
Wenig Werkzeug und Material
Fehlerverzeihende Konstruktion
Ausgesuchter Prototyp
Aus den Konstruktionsversuchen ist eine Variante als passendes Design aus gesucht. Die Herstellung ist in kurzer Zeit möglich und benötigt nur folgende Materialien: Stift, Pizzaroller, Schnur oder Seil, gegebenenfalls Klebeband. Nach der Bearbeitung des Kartons entsteht durch Falten (Knicke) und Zugpunkte (Spannung mittels Schnur) eine Konstruktion mit einer Sitz fläche, die durch das Benutzen an eine stabile Position rückt.



Feldtest
Um das Konzept zu testen, wurde in der Stadt Zürich der Karton in Sitz gelegenheiten umgestaltet, um zu schauen, wie die Reaktion der Vorbei gehenden ist, und um zu beobachten oder ins Gespräch zu kommen. Was für Eindrücke und wie äussern sie sich bezüglich der und der Frage nach eigenen Produktionsmitteln und Produktion nach Bedürfnissen?

Ergebnisse und Situationen
Die Bearbeitung und der neue Nutzen des Materials führten bei den an getroffenen Passant*innen überwiegend zu Vergnügen und Interesse. Dabei entstanden zahlreiche Begegnungen und Gespräche. In diesen wur den Fragen zu Konsumpraktiken sowie zu oft unbeachteten Möglichkeiten diskutiert, diesen etwas entgegenzusetzen.
Um die Menge an Gedanken und Fragen und Bemerkungen wurde ein Ge dächnisprotokoll geführt.

Wie Material oder Objekte sonst noch gebraucht werden können. In einem Gespräch darüber, wie wir unser Material nutzen, wird bemerkt, dass wir häufig eine Einschränkung der Nutzung unserer Objekte vornehmen. So ist es selbstverständlich, dass die Gegenstände ihren Nutzen in geregelten Abläufen bewegen. Mit der Perspektive, den Nutzen auszuweiten, entstehen neue Fragen an die Objekte und werden sie in ihrem Gebrauch erweitert

Härtetest
Während eines Essens konnte die Kartonkonstruktion einem Härtetest unterzogen werden. Es zeigt sich, dass die Installation für solch eine Tätigkeit ausreicht. Die Restaurants in Sichtweite waren über diese Konstellation sehr amüsiert.

„So sollte das Leben sein“
Geschützt vor dem Regen sitzen wir zu dritt nach dem Feierabend auf der Strasse und trin ken Tee. Die Passant*innen begegnen uns nur mit ihren Blicken, bis sich einer laut meldet und meint: «So sollte das Leben sein.» Wir lachen und wünschen ihm einen schönen Abend. Eine weitere Kollegin kommt dazu und ein neuer Stuhl muss in Form gebracht werden. Von einem Ladenverkäufer bekommen wir eine dimensionspassende Schachtel mit der Be merkung, dass diese ja gratis sei.

Braucht Ihr noch was?
Während wir den Karton bearbeiteten, hielt ein Kleinbus neben uns. Die Scheibe ging herunter und ein Mann fragte uns lächelnd, ob wir noch Werkzeuge be nötigen. Halb Spass, halb ernst fragten wir nach einer Stichsäge. Der Bus kehrt ein und die Tür öffnet sich. Eine Stichsäge hatten sie nicht dabei, aber wir bekamen ein Messer ge schenkt, das sich auch gleich in unsere Arbeitsabläufe einfügte.


Eigene Weiterentwicklung und Verformung sind erwünscht. Durch das Bewegungsverhalten wird sich mit der Zeit jeder Stuhl weiter verformen. Zu beobachten sind neue Falten und Risse, welche die Konstruktion entweder zusammen fallen lassen oder eine neue Stabilität und einen neuen Sitzcharakter geben. So können neue Stuhltypen in dem Ergebnis aus den genutzten Objekten im Rückbau entnommen werden.

Wie steht es um unsere Bedürfnisausbildung und die Möglichkeit, sich auszuleben?
Zwei Frauen haben uns angesprochen und es startet ein Gespräch.
Wir besprachen, wie sich der Konsum entwickelt hat und welchen Einfluss dieser auf unse re subjektive Wahrnehmung haben könnte. Dabei streifen wir häufig die Frage, zu welchem Zweck der Konsum dient. Da der bereits vorhandene materielle Reichtum nach der Kon sumlogik niemals auszureichen scheint.

Verdienen Sie da Geld damit?
Drei Jungs kommen auf mich zu. Als ich sie fragte, ob sie auch mitmachen wollten, wurden sie neugierig. Zusammen haben wir weitere Stühle gemacht. In der Arbeit war die Frage der Motivation solch einer Arbeit. Es wurde angenommen (oder auch vorgeschlagen), dafür Geld zu verlangen. Das Vermitteln, dass durch dieses Konzept und diese Arbeitsorganisa tion kein Geld verlangt werden müsste, konnte nicht vermittelt werden.

Wie ein Zusammenkommen
Ein Kunstschaffender kommt vorbei, um zu fragen, was ich mache. Er beobachtete das Ge schehen schon eine Weile und war neugierig. Wir sprachen darüber, wie sich die Zusam menkünfte gestalten, sowie auch über den entstandenen Workshop. Und wie diese die Dy namik der Arbeit Sinn sowie Zweck beinhaltet.

Können wir auch ?
Eine Gruppe junger Leute hat sich bei mir versammelt. Ich erkenne zwei von ihnen vom vorgehenden Tag. Sie waren meiner Einladung gefolgt, um eine Einführung in das Projekt und die Konstruktionstechnik zu erhalten.

Darf ich auch mit machen?
Unsere Bastelveranstalltung war nun nicht mehr zu übersehen. Und weitere Jugendliche/ Kinder kamen dazu und wahren interessiert mitzumachen.

Anleitung
Schnell wurden die bereits eingeführten Jugendlichen aktiv und übernahmen meine Rol le und halfen den Neuankömmlingen. So kam es in diesem Moment zu einer Aktion, die selbstlaufend weitergereicht wurde. Ein Mann kam dazu und beobachtete uns kurz. Mit der Aktion im Hintergrund brauchte es nur zwei Sätze und der Mann wusste ganz genau, was hier vor sich ging. Er hob den Daumen und sprach zu uns: «Stark, weiter so.»

Was macht ihr hier?
Im weiteren Verlauf hielten weitere Passant*innen an und erkundigten sich über das Ge schehen. Im Allgemeinen wurde es nach der Erklärung als sinnstiftende Arbeit aufgefasst und als eindrückliche Weise von «einfach machen».

Und jetzt Austauschen
Nachdem jeder und jede einen Stuhl zur Benutzung bereit hatte, haben wir uns an den Tisch gesetzt und uns unterhalten. Wir sprachen über die Materialisierung unserer Umgebung und was damit anzufangen ist. Die Partizipation am Prozess (und dessen Weiterführung) und die selbstbestimmte Arbeit schienen den Jugendlichen gefallen zu haben.


Bis nächstes Mal Spät am Abend trennten sich die Wege wieder. Der Karton wurde entweder zurückgegeben oder in der Konstruktion mitgenommen. Zum Ende stellte sich die Frage, ob dieses Event wiederholt werden würde. Bestimmt wird es in irgendeiner Form wieder vorkommen. Dass ich wieder in der Gegend sein werde und auch eine Anleitung der Faltung und Spannungs punkte hinterlassen werde, lässt hoffen auf ein erneutes Aufeinandertreffen.

Wisst ihr wo durch?
Könnt ihr mal kurz schauen?
Auf dem Platz verweilend, kaffeetrinkend und spielend, werden wir in unserer Konstel lation als geeignete Ansprechstelle für Anliegen wahrgenommen. So konnten wir einem Passanten die Wegbeschreibung für sein Ziel am Tisch aufzeigen und für einen Kinderge burtstag auf einen Wegpunkt Ihrer Schnitzeljagd aufpassen.

Verbindung
Eine Studentin aus Hannover schreibt ihre Masterarbeit (Architektur) über Aneignung in öffentlichen Plätzen und fragte um ein Foto der Situation. Während einer kleinen Sitzprobe werden die gemeinsamen Interessen der Studiendiszipli nen angeschaut und die Motivation nachvollzogen.
Resume
Das Projekt hat in seiner Form zu spannenden Ergebnissen geführt. Erstaunlich war die Weise, wie die Leute durch das Material zusammengekom men sind und ein Austausch stattgefunden hat. Das eine führte zum anderen und die Geschichten der ersten Begegnungen führten sich bis zur letzten hinfort. Die Kritik oder die Bemängelung unserer Konsumpraktik war ein gemein samer Punkt in beinahe jedem Gespräch. Interessant wurde es oft bei der weiteren Ausführung, denn die verschiedenen Lebensrealitäten brachten genauso verschiedene Eindrücke und Inputs mit sich. Dass an der Tatsache, wie die Konsumform (und die Kommodifizierung der meisten Lebensab schnitte) sich weiterentwickelt, wurde meist genauso mit einem Ohnmachts gefühl beschrieben. Aber die Auseinandersetzung mit dem Karton, das Ansprechen/Besprechen der Situation waren gleichermassen bereichernd. Das Aufeinandertreffen und die Kartonkonstruktionen ha ben zumeist eine Begeisterung und Motivation ausgelöst. Da bei haben einige ihre Hilfe angeboten und auch der Wunsch, mit zumachen, wurde geäussert. Besonders bei Jugendlichen war die Wirksamkeit, die sie bei der Bearbeitung erlangten, nachvollziehbar. Dieses Projekt hat gezeigt, dass viele Menschen mit den gleichen Gedanken beschäftigt sind und dass ein Angebot (ohne kommerzielle Zwänge) sehr positiv aufgenommen wird und ermutigt dazu, dies auch weiterzuführen.
