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Angela Honegger: Global unterwegs, in der Schweiz zuhause

HSG­-Alumna und Alumni­-Ambassadorin Angela Honegger ist Teil der «Global Shapers» des Weltwirtschaftsforums WEF. Sie leitete mehrere Jahre lang die studentische Unternehmensberatung «Student Impact», heute ist sie Vice President Innovation bei UE Life Sciences und, seit Februar dieses Jahres, Ph. D. HSG in Management.

Interview Roger Tinner Bild Florian Brunner

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Wieso hast du für die Ausbildung die HSG ausgewählt?

Die HSG hat für mich zwei entscheidende Vorteile: Das breit aufgestellte Studium, das Betriebs- und Volkswirtschaft mit Recht und Internationalen Beziehungen kombiniert und somit das vernetzte Denken und Arbeiten fördert. Dies war für mich der Grund, das Studium in St.Gallen zu beginnen. Der zweite Vorteil ist das enorme studentische Engagement an der Universität. Ich habe in meiner Vereinsaktivität wahnsinnig viel – wenn nicht mehr als im Vorlesungssaal – gelernt, was für mich der Grund war, für das Masterstudium an die HSG zurückzukehren.

Was ist dir von der HSG besonders gut in Erinnerung geblieben? Was weniger?

Besonders gut hat mir an der HSG gefallen, wie sich kurrikuläre und extrakurrikuläre Angebote ergänzen. Es geht nicht nur um die Kurse, die man belegt. Die meisten Studierenden sind daneben in der Studentenschaft, in Vereinen, oder in Projekten tätig; lokal, aber auch international vernetzt. Die Studiumszeit wird damit für viele zum «Sandkasten», in dem man sich ausprobieren kann. Diesen Gestaltungsfreiraum fand ich extrem wertvoll.

Was hat dir weniger gefallen?

Was mir weniger gefällt, und das habe ich erst mit etwas Abstand realisiert, ist die enge Definition von Erfolg, die teilweise von der Lehre vermittelt und von einigen Studierenden eingebracht wird. Angebot-Nachfrage-Konzepte greifen definitiv zu kurz, wenn es um Themen wie gesellschaftliche Verantwortung und soziale Entwicklung geht –und diese Themen werden immer dringlicher. Wir müssen begreifen, dass Wirtschaften nicht in einem Vakuum passiert, sondern stets in einen sozialen und ökonomischen Kontext eingebettet ist. Erfolg und Leadership bedeuten in meinem Verständnis immer auch Fortschritt in diesen Bereichen.

Wie bist du zu deiner heutigen Aufgabe gekommen?

Über einige Stationen und ein paar Zufälle. Ich wusste, dass ich im Bereich Innovation für Entwicklung in LMICs (low- and middle-income countries) arbeiten möchte – wenn möglich mit einem Fokus auf FemTech, also neue Technologien, die sich auf die (oft untererforschte und unterfinanzierte) Gesundheit von Frauen fokussiert. Ich wollte das Thema von verschiedenen Perspektiven angehen: Zuerst war ich bei einem NGO, das Social Entrepreneurs auf der ganzen Welt fördert. Dann war ich mit einem Stipendium bei der International Finance Corporation IFC, dem Privatmarkt-Arm der Weltbank, in Washington D.C. Doch dann hat es mich wieder auf die unternehmerische Seite gezogen.

Heute arbeitest du als Vice President Innovation bei UE Life Sciences. Was genau macht ihr?

Wir sind ein Medtech-Unternehmen, das sich für bezahlbare und zugängliche Brustkrebsuntersuchungen in LMICs einsetzt. Unser Ziel ist es, dass jede Frau auf der Welt Zugang zu einer jährlichen Untersuchung hat – in den meisten Regionen sind aber Mammographien oder Ultraschalluntersuchungen nicht verfüg- oder bezahlbar. Neben den knappen finanziellen Ressourcen sind in solchen Regionen oftmals die Infrastruktur und Expert:innen nicht vorhanden, die jene Maschinen brauchen, die für die westliche Welt entwickelt wurden. Darum haben wir einen erschwinglichen und mobilen Scanner entwickelt, der ohne Internet, Strahlungen oder laufenden Strom funktioniert und von sogenannten Community Nurses nach ein paar Tagen Training eingesetzt werden kann. So können wir Frauen dort untersuchen, wo sie sind – ohne, dass sie den oft weiten und teuren Weg in das nächste Krankenhaus auf sich nehmen müssen.

Und was machst du selbst konkret im Unternehmen?

Ich arbeite abwechselnd an unserem Standort in Mumbai und remote aus der Schweiz heraus. Meine Aufgabe ist es dabei, neue Systeme und Prozesse über die ganze Bandbreite des Unternehmens hinweg einzuführen, damit wir für die anstehende Skalierung in über 15 Länder gerüstet sind. Ausserdem leite ich die Entwicklung unseres neuen Produkts: Eine kleinere Version des Scanners, die Frauen selbst zuhause anwenden können. Damit wollen wir den Zugang zu wichtigen Vorsorgeuntersuchungen wortwörtlich in die Hände der Frauen legen.

Was ist das Spannendste an deiner Funktion?

Ich komme mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammen: Andere Länder, andere Kulturen, andere Weltansichten – stets verbunden mit einer ansteckenden Herzlichkeit und der gemeinsamen Mission, etwas Gutes zu bewirken. Dabei stelle ich immer wieder fest, wie «klein» die Welt doch ist und wie ähnlich man sich über Grenzen hinweg sein kann. Inhaltlich reizt mich an meiner Funktion vor allem, dass wir mit Innovation immer wieder Wege finden müssen, um mit beschränkten finanziellen, strukturellen, und Human-Ressourcen auszukommen. Zudem funktioniert die Office-Kultur an unserem Mumbai-Standort ganz anders, als ich das von früheren Jobs her kenne. Da wird man regelmässig mit selbstgekochtem Essen von Kolleg:innen verwöhnt und gemeinsames Tanzen und Singen im Büro gehört ganz selbstverständlich mit dazu.

Angela Honegger: Alumni-Ambassadorin und Vice President Innovation bei UE Life Sciences

Angela Honegger: Alumni-Ambassadorin und Vice President Innovation bei UE Life Sciences

Bild: Florian Brunner

Vor ein paar Wochen warst du am WEF in Davos und hast darüber auch für HSG Alumni berichtet. Wieso warst du dort?

Ich war als Teil der «Global Shapers»-Delegation mit dabei, ein globales Netzwerk an jungen Menschen, die sich für einen positiven Wandel in der Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Forschung oder anderen Bereichen einsetzen. Das Netzwerk zählt über 10 000 junge Menschen in 150 Ländern, und jedes Jahr werden 50 «Shaper» ausgewählt, um die junge Generation am Jahrestreffen des WEF zu vertreten. An der eigentlichen Konferenz war ich zum ersten Mal mit dabei.

Und wie sieht deine persönliche WEF-Bilanz aus? Kann das WEF etwas bewirken?

Ich war positiv überrascht von der Bandbreite an Teilnehmenden. Neben CEOs, Präsident:innen und Minister:innen waren auch viele Sozialunternehmer:innen, Forscher:innen, Aktivist:innen, Künstler:innen, sowie religiöse und indigene Führungspersonen anwesend. In dieser Hinsicht hat sich das WEF über die letzten Jahre stark geöffnet. Mit diesen hochrangigen und interessanten Personen als Speaker und Panel-Teilnehmende, ging es in den angebotenen Sessions stets um wichtige gesellschaftliche Themen wie den Umgang mit dem Klimawandel, den steigenden Einfluss von Technologien auf unsere Gesellschaft, oder die zunehmende Ungleichheit. Viele dieser Sessions werden auch öffentlich übertragen, um ein grösseres Publikum am Event teilnehmen zu lassen.

Aber natürlich finden auch viele Gespräche hinter verschlossenen Türen statt, was oft zielführender sein kann als öffentliche Statements. Nun kann man sich fragen, ob diese Gespräche den Status Quo zementieren und sich die eh schon Mächtigen noch mehr Vorteile verschaffen oder ob dies tatsächlich zu Wandel führen kann. Aber ich denke, zumindest bietet das Forum einen Austausch über Landes- und Sektorengrenzen hinweg, was ich in diesem Ausmass von keiner anderen Veranstaltung her kenne. Schliesslich liegt es an den Teilnehmenden, ihre Verantwortung wahrzunehmen, aber die Gespräche in Davos können sicherlich als Anstoss dienen.

War in den Sessions oder in persönlichen Gesprächen die Deglobalisierung auch ein Thema, dem Bedeutung zugemessen wurde?

Das übergeordnete Motto des Treffens war «Cooperation in a Fragmented World», es ging also nach wie vor – und das ist ja schliesslich die Kernidee des Weltwirtschaftsforums – um multilaterale Zusammenarbeit. Jedoch wurde auch ein grosser Fokus auf ebendiese Fragmentierung gelegt: geopolitische Ereignisse wie der russische Angriffskrieg, die Spätfolgen der Pandemie auf globale Lieferketten, die zunehmenden Folgen des Klimawandels oder die anhaltende Inflation in grossen Teilen der Welt. In diesem Zusammenhang wurde viel von «Poly-Krisen» gesprochen, also mehrere sich gegenseitig verstärkende Krisen, die den globalen Handel und damit den Wohlstand gefährden. Insgesamt nahm ich die Stimmung am Event als eher besorgt bis pessimistisch wahr, wenn es um die kurzfristige ökonomische, politische und ökologische Entwicklung ging. Deglobalisierung wurde meiner Einschätzung nach eher als Abschottung und somit als geoökonomische Bedrohung gesehen.

Globalisierung ist also nach wie vor das, was das WEF fördern und verankern will?

Ja, der allgemeine Tenor am WEF war nach wie vor, dass multilaterale Zusammenarbeit ein wichtiger Schlüssel für Entwicklung und Wohlstand ist. Jedoch gab es auch einen deutlichen Konsens, dass es eine «neue Version der Globalisierung» braucht, gerade wenn es um Themen wie die Dekarbonisierung, die Reduktion von Ungleichheiten oder den Einbezug von indigenen Bevölkerungen geht.

Wo bewegst du dich selbst in diesem Spannungsfeld von Globalisierung und Deglobalisierung?

In meiner Arbeit geht es darum, eine Innovation zur Vorbeugung der mit Abstand häufigsten Krebsart möglichst vielen Frauen zur Verfügung zu stellen. Klar haben wir einen globalen Anspruch und wollen in so vielen LMICs wie möglich vertreten sein. Ich glaube, wichtig ist, dass man dies «lokalisiert» tut, also jeweils abgestimmt auf das Land, die Bevölkerung und die Kultur. Wir arbeiten immer mit lokalen Partnern zusammen und die Untersuchungen werden immer von Frauen aus der Region durchgeführt, die die Sprache der Patientinnen sprechen. So versuchen wir einen Mittelweg zu finden und die jeweiligen Vorteile von global und lokal zusammenzubringen.

In welcher Welt lebst du persönlich lieber: in einer global vernetzten oder in einer der kurzen Wege und kleinen Distanzen?

Momentan auf jeden Fall in einer global vernetzten. Meine Arbeit findet mit der Schweiz und Indien in zwei diametral unterschiedlichen Ländern statt – ich liebe diese Kontraste. Durch das Netzwerk der Global Shaper und meine Arbeit mit Projekten in Asien und Afrika wurden «fremde» Länder auch viel nahbarer. Aber natürlich bin ich auch immer wieder froh, zwischendurch ein paar Monate zuhause in der Schweiz zu sein.

Interviews und Berichte von Angela Honegger am WEF 2023: hsgalumni.ch/news