
Themenheft von Hochparterre, August 2026
![]()

Themenheft von Hochparterre, August 2026
Jedes Jahr zeichnet die Sophie und Karl Binding Stiftung wegweisende Biodiversitätsprojekte im Siedlungsraum mit dem Binding Preis aus. Eine Sammlung der prämierten Werke seit 2021.

Inhalt
4 Siedlungsnatur stärkt Synergien
Drei Binding-Preis-Jurymitglieder im Gespräch
8 Preisträger 2021 bis 2026
Die Gewinner des Hauptpreises
14 Innovations- und Anerkennungspreise
202 1 bis 2026
Alle weiteren prämierten Projekte auf einen Blick
Die Fotoserie Patrik Fuchs ist ein fotografischer Sammler. In seiner Fotoserie bildet er Nistkästen ohne ihren Kontext ab. Damit verlieren sie ihre ursprüngliche Funktion und werden zum Symbol einer fürsorglichen Architektur für die Natur. In ihrer Abstraktion regen sie zum Nachdenken an: Für wen planen wir unseren Siedlungsraum ? Wie viel Platz müssen wir abtreten, damit die Biodiversität nicht schwindet ? Wie sieht eine Stadtnatur aus, die funktioniert, inspiriert und zum Ausbrüten von neuen Ideen anregt ? Die Preisträger-Projekte in diesem Heft liefern Antworten darauf. www.patrikfuchs.com
Editorial
Stadt und Natur. Das klingt nach einem Widerspruch, sind es doch oft die versiegelten Flächen und der hohe Nutzungsdruck in Siedlungsgebieten, die Biodiversität verunmöglichen. Naturnah gestaltet und mit Rücksicht gepflegt, können städtische Grünflächen jedoch sehr artenreich sein. Das bringt zahlreiche positive Effekte mit sich: Artenreiche Grünräume sind nicht nur ein wichtiges Element der ökologischen Vernetzung, sie sorgen auch für ein besseres Stadtklima, saubere Luft und Schutz vor Überschwemmung bei Starkregen. Durch die zunehmende Urbanisierung stehen diese Aspekte unter Druck: Freiflächen schrumpfen, und im Zusammenspiel mit dem Klimawandel und der Versiegelung steigt die Gefahr von Hitzeinseln, Überschwemmungen und hohen Schadstoffkonzentrationen in der Luft.
Mit Stadtnatur liessen sich immense volkswirtschaftliche Kosten sparen – auch hinsichtlich Gesundheit. Sie hat nämlich nicht nur klimatische Effekte, sondern erhöht nachweislich unsere Lebensqualität. Der Kontakt zur Natur reduziert Stress, fördert soziale Interaktionen und die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In artenreichen Gärten lassen sich wertvolle Naturerfahrungen sammeln, die uns bewusst machen, dass wir alle von der Biodiversität leben und Teil davon sind. Studien zeigen, dass Kinder, die solche Erfahrungen machen, sich später mehr für die Umwelt engagieren. So gesehen ist Stadtnatur ein zentraler Schlüssel zur Biodiversitätsförderung: Nur wer Biodiversität schätzen lernt, wird sie auch schützen.
Siedlungen sind Lebensräume, die Mensch und Natur sich teilen müssen. Wenn wir Städte unter diesem Aspekt neu denken, können wir jede Menge Synergien schaffen. Die Sophie und Karl Binding Stiftung unterstützt dieses Umdenken, indem sie wegweisende Biodiversitätsprojekte in urbaner Umgebung mit dem Binding Preis für Biodiversität auszeichnet. Der Preis hilft dabei, Bilder und Ideen zu generieren, wie Stadtnatur aussehen und funktionieren kann. In diesem Heft finden Sie alle prämierten Projekte seit der ersten Preisvergabe 2021, dokumentiert von der Landschaftsarchitekturfotografin Stefanie Würsch. Lassen Sie sich inspirieren und kopieren Sie hemmungslos. Nachmachen erwünscht ! Stéphanie Hegelbach
Dieses Themenheft ist eine journalistische Publikation, entstanden in Zusammenarbeit mit Partnern. Die Hochparterre-Redaktion prüft die Relevanz des Themas, ist zuständig für Recherche, Konzeption, Text und Bild, Gestaltung, Lektorat und Übersetzung. Die Partnerinnen finanzieren die Publikation, genehmigen das Konzept und geben ihr Einverständnis zur Veröffentlichung. Impressum Verlag Hochparterre AG Adressen Ausstellungsstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41 44 444 28 88, www.hochparterre.ch, verlag@hochparterre.ch, redaktion@hochparterre.ch Geschäftsleitung Deborah Fehlmann, Roderick Hönig Redaktionsleitung Axel Simon Leitung Themenhefte Roderick Hönig Konzept und Redaktion Stéphanie Hegelbach, Maarit Ströbele Fotografie Patrik Fuchs, www.patrikfuchs.com ; Stefanie Würsch, www.landschaftsarchitekturfotografie.ch Art Direction Antje Reineck Layout Jenny Jey Heinicke Produktion Linda Malzacher Korrektorat Rieke Krüger Übersetzung Weiss Traductions Genossenschaft Lithografie Team media, Gurtnellen Druck Stämpfli AG, Bern Herausgeber Hochparterre in Zusammenarbeit mit der Sophie und Karl Binding Stiftung hochparterre.ch / binding-preis Themenheft in Deutsch oder Französisch bestellen ( Fr. 15.—, € 12.— ) und als E-Paper lesen
Gerechtigkeit, Lebensqualität, planetare Nachhaltigkeit und Gemeinschaft – Biodiversität prägt unseren Alltag und unsere Zukunft. Drei Binding-Preis-Jurymitglieder im Gespräch.
Als Markus Fischer das Sitzungszimmer von Hochparterre betritt, schmunzelt er verschmitzt. Er merkt sofort: Es mangelt an Grün ! Die einzige Pflanze – einige Zyp erngraszweige in einer etwas gar ambitionierten Hydrokultur –gibt neben dem wuchtigen Archivregal klein bei. Der Blick aus dem Fenster passt dazu: Erst hinter einem ganzen Häuserblock lugt ein Baum hervor – sogleich übertrumpft von einem höheren Kran.
Wir befinden uns direkt neben dem Carparkplatz beim Hauptbahnhof Zürich. Der Nutzungsdruck ist enorm. Bleibt hier noch Platz für Biodiversität ?
Manuela Di Giulio: An intensiv genutzten Orten gibt es Zielkonflikte, die sich nicht immer lösen lassen. Nehmen wir die Aufwertungsflächen am Letten ganz in der Nähe, die regelmässig von Badegästen bevölkert oder gar besprayt werden. Aus ökologischer Sicht wird diese Fläche ihren Wert irgendwann einbüssen. Es gibt jedoch viele gestalterische Massnahmen, die sanft und ohne Zaun signalisieren, wo die Natur walten darf, etwa durch Dornensträucher. Dieses Potenzial wird noch nicht voll ausgeschöpft.
Warum ist Biodiversität direkt vor der Haustür erstrebenswert ?
Markus Fischer: Die Umgebung, in der wir aufwachsen, beeinflusst unsere Wertvorstellungen. Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt heute in Städten. Je weniger Biodiversität man erlebt, desto weniger normal erscheint sie. Dadurch verschiebt sich die Benchmark, und Biodiversität wird bei allen zukünftigen Entscheidungen weniger prioritär. Deshalb zielt der Binding Preis auf die Biodiversität im Siedlungsraum ab. Mit der Förderung möchten wir das realistische und ungekünstelte Naturverhältnis wieder herstellen.
Manuela Di Giulio: Biodiversität erhöht unsere Lebensqualität – nicht nur durch saubere Luft und ein kühleres Klima, sondern auch immateriell durch Erholung und Freude. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen die Vielfalt der Vogelstimmen wahrnehmen und diese als Gewinn für ihr Leben betrachten.

Claudia Moll ( 54 )
Die Landschaftsarchitektin arbeitet als Sektionschefin Landschaftspolitik beim Bundesamt für Umwelt. In der Jury des Binding Preises vertritt sie den Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen ( BSLA ).
Gibt es Orte im Siedlungsraum, die sich besonders gut für Biodiversität eignen ?
Claudia Moll: Sich selbst überlassene Orte am Siedlungsrand sind wertvoll für die Biodiversität. Aber es lohnt sich überall, in die Biodiversität zu investieren – auch in einer Neubausiedlung oder auf einer Tiefgarage. Daraus werden vielleicht keine Biodiversitätshotspots, aber solche Orte dienen der Vernetzung. Und auch die Menschen profitieren davon.
Markus Fischer: Auch im Sinne der Gerechtigkeit ist es sinnvoll, überall etwas zu entwickeln. Alle sollen Zugang zu Biodiversität haben. Aktuell sind es vor allem Besserverdienende. Dort, wo die Mieten günstiger sind, gibt es auch weniger Grünräume.
Manuela Di Giulio: Für mich als Biologin haben Räume unterschiedliche Funktionen: Grosse unverbaute Flächen wie Friedhöfe oder Parks bieten Platz für anspruchsvolle Arten. Damit sich die Tiere bewegen können, braucht es allerdings auch Vernetzungsräume, etwa entlang von Fliessgewässern oder Bahnschienen. Bei kleineren Flächen sprechen wir von Trittsteinbiotopen. Sie werden vor allem von mobilen Arten wie gewissen Blütenbestäubern oder Vögeln genutzt, die schnell Ressourcen finden.
« Wir müssen die Siedlungsbiodiversität aus der Ökoecke holen. »
Claudia Moll
Im Siedlungsraum kommen viele weitere Ansprüche wie Nutzung oder Normen hinzu. Wie geht man am besten damit um ?
Claudia Moll: Es gibt viele Zielkonflikte, zum Beispiel zwischen Stadtklima und Lärmschutz: Riegelbauten blockieren teilweise Kaltluftströme, die vom Wald in die Stadt gelangen. Gleichzeitig schützen sie das Quartier vor Lärm. Wichtig ist, dass wir in unseren Spezialisierungen nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten und es auch wagen, Normen zu hinterfragen.
Markus Fischer: Wir müssen miteinander verhandeln, was an einem Ort gefördert wird. Wenn es eine Lösung mit der Natur gibt anstatt einer technischen, bin ich grundsätzlich dafür, die natürliche Variante zu wählen. Das bringt jede Menge Synergien.
Manuela Di Giulio: Das kann ich bestätigen. Ich habe schon an Sitzungen teilgenommen, an denen teure Hightech-Lösungen diskutiert wurden für etwas, das ein Baum viel besser kann.
Gibt es aus Ihrer Sicht Akteur*innen, die eine besondere Verantwortung zur Förderung der Biodiversität haben ?
Markus Fischer: Es braucht Top-down-Akteur*innen, die klare Vorschriften formulieren, und Bauherrschaften und Private, die diese umsetzen. Auch Mieter*innen und Nutzer*innen können bis zu einem gewissen Grad einen Beitrag leisten. Deshalb ist Bildung und Sensibilisierung so wichtig. Claudia Moll: Wir müssen die Siedlungsbiodiversität aus der Ökoecke holen. Die Baubranche und die Planer*innen sollten Biodiversität von Anfang an mitdenken. In den vergangenen 30 Jahren hat die Lands chaftsarchitektur es geschafft, dass Freiräume aktiv geplant werden und Grün nicht mehr nur als Deko gilt. Nun soll auch die Biodiversität selbstverständlich gefördert werden – denn s o weit sind wir noch nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass das Thema komplex und schwierig zu vermitteln ist. Es gibt keine Wenn-dann-Aussagen, die man in Gemeindeversammlungen wirkungsvoll einbringen kann.
Beobachten Sie ein Umdenken in Politik, Planung und Gesellschaft ?
Markus Fischer: Ich habe den Eindruck, dass es in öffentlichen Räumen nicht mehr ganz so ‹ gepützelt › ist wie früher. Man merkt, dass Gärtnereien naturnaher arbeiten. Insgesamt passiert allerdings zu wenig: Die Grünflächen sind zwar etwas wilder, werden aber immer kleiner.
Manuela Di Giulio: Vor ein paar Jahren nahm ich eine Aufbruchstimmung wahr. Mit den aktuellen Unsicherheiten in der Welt herrscht nun wieder mehr Zurückhaltung, wenn es darum geht, finanziell mehr in Natur und Biodiversität zu investieren.
Claudia Moll: Es scheint naheliegend, bei der Biodiversitätsförderung zu sparen. Gleichzeitig zeigt der ‹ Global Risks Report 2026 ›, dass extreme Wetterereignisse und Biodiversitätsverlust zu erheblichen monetären Verlusten führen. Ich hoffe, dass Politik und Planer*innen nun merken, dass wir so nicht weitermachen können.
Dass die Biodiversität rapide abnimmt, ist in unserem Alltag kaum spürbar. Woran liegt das ?
Claudia Moll: Das hat auch damit zu tun, dass beim Artenverlust die Zeiträume so gross sind. Der Klimawandel beispielsweise ist viel schneller spürbar.
Markus Fischer: Auch Legislaturperioden in der Politik oder Amortisierungszeiträume in der Wirtschaft sind viel kürzer und können die Biodiversitätsfolgen nicht angemessen berücksichtigen. Ich spreche nicht gern vom Naturkapital, weil man die Natur dadurch ökonomisiert. Aber gemäss Schätzungen haben wir mindestens 40 Prozent des Naturkapitals der Welt bereits verbraucht. Eigentlich sollten wir von dem leben, was die Natur jedes Jahr wieder neu herstellen kann – als o sozusagen von den Zinsen. Wir leben aber vielmehr wie ein Pensionär, der sein Altersguthaben in den ersten zwei Jahren verpulvert. Derzeit leben wir in Saus und Braus, aber wenn wir das Kapital aufgebraucht haben, ist es vorbei.
Welche Ursachen für die Biodiversitätskrise werden im öffentlichen Diskurs stark unterschätzt ?
Markus Fischer: Wir denken zu wenig über die gesellschaftlichen Ursachen nach: Top-down nehmen Politik und Wirtschaft diverse Umweltschäden als unvermeidbar hin und sehen diese Einstellung nicht als Ursache einer geringeren Lebensqualität. Bottom-up sind sich schlicht zu wenige Menschen bewusst, dass das Thema alle angeht. Egal, ob man sich dafür interessiert oder nicht: Biodiversität betrifft uns alle, denn es geht um unsere Lebensgrundlage !
« Die Umgebung, in der wir aufwachsen, beeinflusst unsere Wertvorstellungen. »
Markus Fischer
Welche Rolle spielt die Bevölkerung bei der Förderung von Siedlungsnatur ?
Manuela Di Giulio: ‹ Die Bevölkerung › gibt es nicht. Alle haben verschiedene Rollen und unterschiedliche Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Landeigentümer*innen sind die Schlüsselakteur*innen, weil sie über gewisse Dinge entscheiden können, etwa ob eine Umgebung naturnah gestaltet und gepflegt wird.
Markus Fischer: Ich finde es wichtig, dass man partizipativ arbeitet. Wenn Gartenbesitzer*innen und NaturgartenPionier*innen zusammenkommen und sich austauschen, ist das nachhaltig und sinnstiftend. So gesehen ist die Bevölkerung durchaus wichtig, aber auf der Planungs- und Regulierungsebene hat man viel grössere Hebel.
Claudia Moll: Oft frage ich mich, ob die Nutzer*innen überhaupt Alternativen kennen oder sich vorstellen können. Manche nehmen es einfach als gegeben hin, dass ihre Wohnumgebung asphaltiert ist, und fliegen weit weg, wenn sie den Wunsch nach Natur verspüren.
Manuela Di Giulio: Hier kommt der Binding Preis für Biodiversität ins Spiel: Er hilft, Vorbilder für naturnahe Flächen zu schaffen, die nicht nur funktional und wild, sondern auch schön gestaltet und dadurch eher akzeptiert sind.
Weshalb ist die Gestaltung von Biodiversitätsmassnahmen so wichtig ?
Claudia Moll: Jeder Mensch hat einen Wunsch nach Ästhetik und möchte, dass es schön ist. Da verpassen viele Biodiversitätsprojekte ihre Chance und repetieren unmotiviert Ast- und Steinhaufen oder Bienenhotels. Warum so generisch ? Mir fehlt manchmal, dass man sich zuerst mit dem Ort auseinandersetzt. Was ist daran speziell ? Wer kommt hierher ? Welche Elemente könnten die Biodiversität fördern und gleichzeitig einer Nutzung entsprechen ?
Der Binding Preis für Biodiversität wird im aktuellen Biodiversitätsbericht der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz als wichtiger Meilenstein in der Biodiversitätsförderung bezeichnet. Was signalisiert der Preis gegen aussen ?
Markus Fischer: Er regt hoffentlich zum Nachmachen an !
Zur Leuchtturmwirkung gehören auch die Werte, die der Preis transportiert: höhere Lebensqualität und Freude an der Natur dank Biodiversität in der Siedlung.

Markus Fischer ( 63 )
Als Professor für Pflanzenökologie an der Universität Bern und Direktor des Botanischen Gartens in Bern untersucht Markus Fischer die Ursachen und Folgen von Biodiversitätsveränderungen.
Was unterscheidet ein gutes von einem preiswürdigen Projekt ?
Markus Fischer: Kurz gesagt: Wenn Mensch und Natur sinnvoll zusammenkommen. Natürlich muss die Biodiversitätsförderung auf einer beträchtlichen Fläche und mit ökologischer und gestalterischer Qualität stattfinden. Das Projekt soll partizipativ, nachhaltig und skalierbar sein. Es geht um Pionierarbeit, die der Natur Platz gibt und neue Möglichkeiten für andere Menschen schafft.
Was macht ein erfolgreiches Projekt aus ?
Manuela Di Giulio: Die Kraft der Gemeinschaft beeindruckt mich immer wie der. Biodiversität kann man nicht allein im stillen Kämmerchen angehen. Damit etwas ins Rollen kommt, braucht es die Gemeinschaft – und es macht auch mehr Spass so.
Claudia Moll: Einer der wichtigsten Punkte ist das Verständnis ganz am Anfang der Entscheidungskette. Und danach die Begeisterung, die wieder Neues beeinflusst.
Gibt es Momente, in denen Sie als Jury sich uneinig sind ?
Claudia Moll: Bei der Frage nach dem Wert eines Projekts: Ist der Wert, dass Menschen Biodiversität erfahren, ist es die Anzahl Arten oder die Dauer des Projekts ? Das Areal Bach beispielsweise ist befristet siehe Seite 14. In solchen Fällen müssen wir diskutieren, ob wir etwas auszeichnen wollen, das später wieder verschwindet.
Markus Fischer: Mittlerweile schätzen wir ein sehr vielfältiges Bild und begrüssen alle Jurystimmen aus den unterschiedlichen Disziplinen.
Wo stösst der Binding Preis an seine Grenzen ?
Manuela Di Giulio: Bei der Skalierung. Gute Beispiele gibt es viele, aber als Jury können wir nicht beeinflussen, ob andere sie tatsächlich kopieren.
Claudia Moll: Biodiversität ist nach wie vor nicht Mainstream. Das Jahresthema 2025 – Biodiversität und Gesundheit – ist hochrelevant und gut erforscht. Trotzdem konnten wir keine Gesundheitseinrichtung auszeichnen, die dieses Potenzial nutzt.
Markus Fischer: Ich habe das nicht als Grenze empfunden –der Preis ist ja dazu da, Pionier*innen auszuzeichnen. Wir konnten aufzeigen, dass das Thema Biodiversität und Gesundheit wichtig ist.
Wann denken Sie: Genau dafür lohnt sich dieser Preis ?
Manuela Di Giulio: Im Anerkennungsmoment an den Preisverleihungen. Die Preisträger*innen haben sich oft jahrelang und häufig gegen Widerstände engagiert. Dann stehen sie überwältigt, voller Stolz und Freude auf der Bühne und können es kaum glauben. Das berührt mich.
Claudia Moll: So ging es mir bei der Begehung im Quartiergarten Hard siehe Seite 15. Er liegt mitten in einem sehr dichten Stadtteil, aber wenn du den Garten betrittst, bist du in einer anderen Welt. Zu sehen, wie glücklich die Menschen in dieser Oase sind, hat mich sehr beeindruckt.
Markus Fischer: Ich fand es sehr eindrücklich, als wir das Areal Bach besucht haben siehe Seite 14. Dank ihres Enthusiasmus haben die Involvierten es geschafft, einen zuvor düsteren Ort zu beleben.

Manuela Di Giulio ( 56 )
Die Zoologin und Umweltwissenschaftlerin plant mit ihrer Firma Natur Umwelt Wissen Biodiversitätsförderungsmassnahmen. Ihr Wissen gibt sie auch in Kursen, Büchern und digitalen Tools weiter.
« Damit etwas ins Rollen kommt, braucht es die Gemeinschaft. »
Manuela Di Giulio
Wenn Sie eine Regel für biodiversitätsfreundliches Bauen aufstellen könnten, wie würde sie lauten ?
Manuela Di Giulio: Ich wäre froh, wenn man mehr in Lebensräumen und lebendigen Systemen denken würde. Ich verstehe es nicht, wenn Planer*innen einen Baum als eine Art Möblierung ansehen – das ist do ch ein Organismus ! Klar mö chte man, dass es schön aussieht, aber Biologie ist Entwicklung und Dynamik, und eine Wiese ist nur für kurze Zeit so farbenprächtig wie auf den Fotos.
Claudia Moll: Wir müssen regeln, welcher Anteil eines Grundstücks für Biodiversität zur Verfügung stehen soll und wie viel Volumen unterbaut werden darf. Dabei ist es wichtig, die Menschen bei allen Massnahmen mitzudenken.
Markus Fischer: Es braucht partizipative Prozesse auf Quartier-, Stadt- oder Gemeindeebene, in denen man ausdiskutieren kann, wie diese Flächen gestaltet werden sollen. Je mehr Bevölkerungsschichten mitmachen, desto grösser wird das Bewusstsein und die Chance, dass Biodiversität auch wirklich gelebt wird. ●
Der Binding Preis für Biodiversität Städte, Gemeinden und Private werden sich des Stellenwerts der Siedlungsnatur zunehmend bewusst und investieren in ökologische Aufwertungen. Die derzeitigen Anstrengungen reichen jedoch nicht aus, um den Biodiversitätsverlust durch Innenentwicklung, Hitzestress und Nutzungsdruck auszugleichen. Die Sophie und Karl Binding Stiftung unterstützt die positive Entwicklung, indem sie Projekte auszeichnet, die den Zustand der Biodiversität im Siedlungsraum für Mensch und Natur verbessern. Der Binding Preis für Biodiversität prämiert Projekte mit Vorbildcharakter und wegweisende Leistungen, die durch Engagement, Kreativität und Ausdauer zur Förderung der Vielfalt von Lebensräumen, Arten und genetischen Ressourcen beitragen. Mit einer Preissumme von insgesamt 125 000 Franken ist der Binding Preis der höchstdotierte Naturschutzpreis der Schweiz. Er wird seit 2021 jährlich vergeben und seit 2023 jeweils zu einem Jahresthema ausgeschrieben. www.preis-biodiversitaet.ch
Die Sophie und Karl Binding Stiftung Die in Basel ansässige Förderstiftung engagiert sich schweizweit in den Bereichen Umwelt, Soziales und Kultur. Dafür setzt sie jährlich mehr als drei Millionen Franken ein. Von 1987 bis 2016 vergab die Stiftung den Binding Waldpreis für vorbildliche Waldpflege. www.binding-stiftung.ch

Preisträger 2021
« Gärtnern mit der Natur ist kräftesparend », sagt D omenica Continisio, während sie mit einem grossen Schritt dem schmalen Igel-Trampelpfad ausweicht. Seit 30 Jahren streifen Igel durch ihren Garten. Was den Igeln dort gefällt, gefällt nicht allen: Äste, Reisig und Laub türmen sich, verwilderte Abschnitte bieten Schutz. Nicht selten hörte Domenica Continisio von Nachbarn, ihr Garten sei « unaufgeräumt und wüst ». « Es wurde anstrengend », so die Primarlehrerin.
Als sich ihre Wohngemeinde Zurzach dem Projekt ‹ Natur findet Stadt › 2024 anschloss und anliegende Flächen naturnah aufwertete, wähnte sich Domenica Continisio auf dem richtigen Weg. Die kostenlose Naturgartenberatung gab ihr neues Selbstvertrauen und den Mut, finanziell in ihren Garten zu investieren. Mit einem lokalen Naturgartenbauer hat sie seither eine 50 Meter lange einheimis che Hecke und mehrere Ruderalflächen realisiert.
Um Privatpersonen wie Domenica Continisio dafür zu begeistern, in ihren Gärten vielfältige Lebensräume zu schaffen, hat ‹ Natur findet Stadt › sich von der Tupperware-Party inspirieren lassen, erzählt Initiantin Corinne Schmidlin. Das Prinzip ist denkbar einfach: Die teilnehmenden Gemeinden werten Flächen auf und laden zu einem Event ein, an dem Privatpersonen sich kostenlos von Naturgärtnereien beraten lassen können. Wer Naturelemente im eigenen Garten umsetzt, wird dazu ermutigt, seine Erfolge zu teilen – nicht im digitalen Raum, sondern gesellig bei Apéro und Gesprächen. Die Gemeinden unterstützen diese Anlässe mit einem Apérokorb, einer offiziellen Auszeichnung als wertvoller Garten und einer

Gartenführung durch eine Fachperson. « Das Projekt hat eine Welle der Begeisterung ausgelöst und weitere Gemeinden und Private mitgerissen », sagt der damalige Binding-Preis-Projektleiter Jan Schudel. Dank dem klug eingesetzten Schneeballsystem wurden seit 2015 mehr als 90 000 Quadratmeter in 32 Gemeinden ökologisch aufgewertet. So entstanden etwa ein öffentlicher Obstgarten auf einem ehemaligen Parkplatz in Baden, ein Naturgarten im Dorfzentrum von Rothrist, mehrere Genossenschaftsgärten und Aktionen wie Wildpflanzenmärkte. Mit der geschickten Mischung aus Top-down und Bottom-up gelingt es ‹ Natur findet Stadt ›, Biodiversität als gemeinsame Aufgabe zu vermitteln und ein Umdenken anzuregen. « Es geht auch darum, zu lernen, wie naturnahe Gestaltung aussieht. Das ist für viele etwas Ungewohntes », sagt Eva Christinat vom Naturama Aargau, die das Projekt zusammen mit Anja Trachsel vom Jurapark Aargau leitet. Dann kann die Begeisterung schnell überschwappen. So war es auch bei Domenica Continisio: Bald sichtete ihr Ehemann – bislang nicht b esonders an Gärten interessiert – den Grünspe cht noch vor ihr. Stéphanie Hegelbach

‹ Natur findet Stadt ›, Kanton Aargau, seit 2015 Projektleitung: Jacqueline von Arx, Eva Christinat ( Naturama Aargau ) ; Anja Trachsel ( Jurapark Aargau ) Projektidee: Corinne Schmidlin ( Kanton Aargau, Abteilung Landschaft und Gewässer ) ; Martin Diethelm ( Werbeagentur Kampagnenforum ) Projektentwicklung: Barbara Finkenbrink, Pascale Contesse ( Stadt Baden, Abteilung Stadtökologie ) Fläche: ca. 90 000 m2 Finanzierung: Kanton Aargau, Abteilung Landschaft und Gewässer Einsatz Preisgeld: Exkursionen, Baumpflanzungen, Entsiegelungen, Innovationsfonds für neue Projekte, Vernetzung Naturgärtner*innen www.naturfindetstadt.ch

1 Vielfalt statt Langeweile: Das Motto von ‹ Natur findet Stadt › belebt auch das Quartier Kappelerhof in Baden.
2 Im Naturgarten Miescherheimet in Rothrist kann man zwischen Blüten und Bienenhotel entspannen und die Natur beobachten.
3 Auch kleine Massnahmen sind wirkungsvoll: Eine Trockensteinmauer im Naturgarten Miescherheimet.

Preisträger 2022
Im Jahr 2021 waren die Stadtberner Balkone so grün wie noch nie. Das Amt für Umwelt hatte zur Aktion ‹ KlimaBalkon › aufgerufen. An den Geländern leuchteten violettgelbe Wimpel und motivierten, kleine Oasen anzupflanzen, um gemeinsam das Mikroklima der Stadt zu verbessern. Die Sensibilisierungskampagne war Teil des Themenjahrs ‹ Natur braucht Stadt ›. Unter der L eitung von Stadtgrün Bern rückte die Stadt das Thema ‹ Biodiversität im Siedlungsraum › von April bis Oktob er 2021 in den Vordergrund ihrer Arbeit.
Das Amt schritt als tatkräftiges Vorbild voran und gestaltete städtische Flächen naturnah um. Die Stadtgärtner*innen werteten Rasen zu Wiesen auf, pflanzten Wildhecken, schichteten Stein- und Asthaufen auf und bauten Amphibienteiche. Die Fussverkehrszone in Bümpliz durfte ihre Asphaltschicht ablegen und verzückt seither mit attraktiven Wildstauden. « Der Grossteil der urbanen Bevölkerung wünscht sich eine naturnahe Wohnumgebung und macht sich Sorgen um die schwindende Biodiversität », sagt Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie. Damit Interessierte lernen, wie sie Biodiversität auf dem Balkon, im Garten oder im Vorgarten fördern können, lancierte Stadtgrün Bern im Rahmen des Themenjahrs drei Angebote: Spaziergänge für Biodiversitätsnovizen, ein Handbuch für Umsetzungsfreudige und Auszeichnungen für Naturgartenprofis.
Auf den öffentlichen Stadtspaziergängen lernten Neulinge die Elemente der Siedlungsnatur auf niederschwellige Weise kennen. Krautsaum, Ruderalflur, Totholz – ein Blick durch den roten Rahmen genügte, um zu entscheiden, ob man sich eine wilde Ecke im eigenen Garten vorstellen kann. Als Grundlagenwerk in der Schweiz etabliert hat sich das für das Themenjahr entwickelte ‹ Berner Praxishandbuch Biodiversität ›: Wer selbst naturnahen Lebensraum erschaffen möchte, findet darin Inspiration und detaillierte Anleitungen für eigene Gartenprojekte. Geblieben ist auch die Möglichkeit für erfolgreiche Berner Naturgärtner*innen, ihr Juwel als Biodiversitätsgarten
4 Au fbruch zu einer neuen Aussenraumgestaltung: Auf dem Ansermetplatz in Bern scheinen Pflanzen den Asphalt zu sprengen.
5 Stadtgrün Bern hat die Fussverkehrszone in Bümpliz entsiegelt und mit Wildblumen begrünt.
6 Auf sieben Stadtspaziergängen weisen rote Rahmen auf wertvolle Strukturen hin. Foto: Stadtgrün Bern


Themenjahr ‹ Natur braucht Stadt ›, Bern, 2021
auszeichnen zu lassen. Mittlerweile zählt die Stadt Bern 150 solch wertvolle Gärten sowie vier Hektar Biodiversitätsnachbarschaften – naturnahe Gärten, die sich ohne Hindernisse zu einem grossen Lebensraum verbinden.
Den Fokus auf Sensibilisierung und Bildung hat die Binding Stiftung besonders geschätzt. « Stadtgrün Bern ist es gelungen, unterschiedlichste Organisationen und Menschen für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen », sagt Jurorin Manuela Di Giulio lobend. Was Bern erreicht hat, ist mehr als die Summe der einzelnen Projekte: Es ist die Gewissheit, dass jede*r etwas zur Biodiversität beitragen kann. Stéphanie Hegelbach
Projektleitung: Sabine Tschäppeler ( Stadtgrün Bern ) Partnerschaften: Amt für Umweltschutz der Stadt Bern ; Tiefbau Stadt Bern ; Geoinformation Stadt Bern ; Kunst im öffentlichen Raum ; Botanis cher Garten der Universität Bern ; Tierpark Bern ; Naturhistorisches Museum Bern ; weitere b eteiligte Organisationen Fläche: ca. 10 000 m2 Einsatz Preisgeld: Artenstrategien Wirbeltiere, Auszeichnung Biodiversitätsnachbarschaft, Kampagne ‹ Bahn frei für Igel und Co. ›, Bärner Bio diversitätsbörse, Konzept zur Vermehrung und Wiederansiedlung von Glühwürmchen
In der Siedlung ‹ Pr a Roman › dienen Sickergräben als wechselfeuchte Wildkorridore der ökologischen Vernetzung.
8 Die Bewohner*innen pflegen gemeinschaftliche und eigene Beete biodiversitätsfördernd, ganz ohne Pestizide und Dünger.
9 Di e Setzung der zwölf Häuser eröffnet grosse Gartenzonen zur teilweisen Selbstversorgung.


Preisträger 2023, Jahresthema ‹ Wegweisende Arealentwicklungen ›
Oberhalb von Lausanne, am Fuss des Jorat-Hochlands, liegt das Ökoquartier ‹ Pra Roman ›. Die 2020 entstandene Überbauung der partizipativ organisierten Wohnbaugenossenschaft Codha ist ein mustergültiges Beispiel für eine Landschaftsgestaltung, die Biodiversität fördert. Für die kreative Umsetzung einer lebendigen und vernetzten Landschaft erhielten die Bauherrin Codha und der Bewohner*innen-Verein Sur le Pra 2023 den Binding Preis für Biodiversität.
Die Landschaftsplanung spielte von Anfang an eine zentrale Rolle im genossenschaftlichen Überbauungsprojekt in der waldreichen Lausanner Peripherie. Die zwölf Mehrfamilienhäuser aus der Feder von Pont12 Architectes sind so angeordnet, dass ein nach Süden offener Aussenraum entsteht, der sich für einen umfassenden Landschaftsplan anbietet. Hier entstand die topografische Struktur für künftige ökologische Experimente: Mit dem Aushubmaterial wurden Böschungen, Hügel und Terrassen modelliert, die die Wegführung der Fussgänger*innen und die Nutzung strukturieren, aber auch die Privatsphäre der Vorgärten gewährleisten. Am Waldrand sorgt ein System aus bepflanzten Sickergräben und drei Rückhaltebecken für die Entwässerung und begünstigt gleichzeitig die Entstehung von semiaquatischen Lebensräumen. « Man beobachtet, lässt sich inspirieren, man spürt und begreift die Rolle des Bodens und der Mikroorganismen sowie die

Bedeutung qualitativ hochstehender Lebensräume für das Gleichgewicht und die Resilienz der Ökosysteme », lobte die Jury die Expertise der Bewohner*innen, die das ökologische Potenzial des Geländes mit zahlreichen kreativen Ideen und Projekten nutzen: Weidenholz-Komposter für die Gemüse- und Permakulturgärten, Blütenvielfalt im Gemeinschaftsgarten, Kopfbäume und Feldhecken, Obstbäume und Insektenhotels.
Das Preisgeld wurde zwischen der Genossenschaft Codha und dem Verein Sur le Pra aufgeteilt. Die Genossenschaft hat ihre anderen Ökoquartiere zur Einreichung von eigenen biodiversitätsfördernden Projekten aufgerufen, und diese sind der Einladung zahlreich gefolgt. Die Bewohner*innen von Pra Roman wollen ihren Anteil für die weitere Aufwertung der ökologischen Vernetzung nutzen: In Zusammenarbeit mit der Haute école du paysage, d’ingénierie et d’architecture ( HEPIA ) in G enf soll aus einem der Rückhaltebecken ein Teich werden, der den biologischen Korridor ergänzt. Der Boden rund um den zentralen Palaverbaum wird entsiegelt, um die Wärmeinsel auf dem Platz zu reduzieren und auch hier die Artenvielfalt zu fördern. Weitere Projekte sind etwa Nistkästen für Vögel und Fledermäuse oder der Umbau eines Obstgartens in einen Waldgarten. Die Ideen für konkrete Lösungen, die allen Lebewesen Platz bieten, gehen dem Verein noch lange nicht aus. Mathilde De Laage
Ökoquartier ‹ Pra Roman ›, Lausanne, 2021
Bauherrschaft: Wohnbaugenossenschaft Codha ( Coopérative de l’habitat associatif ), Genf Architektur: Pont 12, Chavannes-prèsRenens
Landschaftsarchitektur: Pascal Heyraud, Neuenburg
Mitarbeit: sachkundige Bewohner*innen
Fläche: 2, 2 ha Einsatz Preisgeld: Aufwertung des ökologischen Korridors
10 De r Parco del Laveggio führt durch Hinterhofsituationen entlang des Flusses.
11 Na tur und Infrastruktur ergänzen sich zu einer abwechslungsreichen Landschaft.
12 Der ausgeschilderte Spazierweg macht den Laveggio und die verbliebenen Naturflächen für die Bevölkerung zugänglich.
Preisträger 2024, Jahresthema ‹ Wasser und grünblaue Lebensräume ›
Als am Fluss Laveggio eine Ackerfläche und ein Naturschutzgebiet hätten zerstört werden sollen, um ein Hochwasserrückhaltebecken zu errichten, gründeten engagierte Bürger*innen den Verein ‹ Cittadini per il territorio ›. Gründungsmitglie d und Architekt Tita Carloni prägte die erste Vision für einen linearen Park am Wasser: den Parco del Laveggio. Das anschliessend mit Unterstützung des Bundesamts für Raumplanung ausgearbeitete Modellvorhaben diente als Grundlage für den Park, der ab 2020 konzipiert und 2023 umgesetzt wurde. Mit dem Modellvorhaben konnte der Verein die Grünflächen entlang des Flusses vor einer chaotischen Überbauung bewahren. Den Cittadini per il territorio ist es gelungen, eine Perlenkette von Restnaturstückchen aufzufädeln. Mitten im von Autobahn, Strassen, Bahnlinien und Gewerbebauten zerschnittenen Talgrund des Mendrisiotto ist ein Rückzugsort für die Biodiversität und zugleich ein Naherholungsgebiet für die Bevölkerung der Agglomeration entstanden.
Als Erstes hat der Verein entlang des Laveggio einen Spazierweg mit Infotafeln, neuen Bänken und Wegweisern gestaltet. Schulkinder und Freiwillige räumten Müll und invasive Pflanzen weg und pflanzten Bäume und Stauden. Der Weg von Stabio bis Riva San Vitale ist heute frei zugänglich. Er führt durch Industrie- und Einkaufszonen, aber auch durch Naturlandschaften und Naturschutzgebiete. Entlang des Flüsschens übertönt sein Plätschern fast die Autobahn. Der Weg macht deutlich, dass gerade auch in Hinterhofsituationen unentdeckte Flächen darauf

warten, zu wertvollen Naturoasen umgewandelt zu werden. Dafür braucht es engagierte Menschen, die sich vor Ort auskennen, und eine konstruktive Zusammenarbeit mit Behörden und Politik.
Der Parco del Laveggio wächst stetig weiter: Für den letzten Flussabschnitt ist ein bedeutendes Projekt zur Renaturierung und Sicherung des Freiraums vorgesehen: Die Cittadini per il territorio forderten mit einer Petition von 7000 Unters chriften, das Gebiet Valera künftig nicht als Industrie- und Gewerbezone, sondern landwirtschaftlich zu nutzen. Dieses Engagement führte bei der kantonalen Verwaltung und der Politik zu einem Sinneswandel: 2022 beschloss der Grosse Rat des Kantons Tessin die Änderung des Nutzungsplans Valera und sprach Gelder für die Umsetzung. Der neue Nutzungsplan legt die Entwicklung des rund 18 Hektar grossen Geländes fest. Gewässerräume, Fruchtfolgeflächen und Wald schränken die Möglichkeiten zwar ein, lassen aber zugleich Raum für die zukünftige Agglomerationsnatur. Maarit Ströbele

Parco del Laveggio, Mendrisio TI, 2024
Trägerschaft: Cittadini per il territorio, Mendrisio
Planungsteam: Atelier PeR, Mendrisio
Umweltberatung: Trifolium, Arogno Fläche: 54 ha Einsatz Preisgeld: Beschattung Gewässer, Optimierung Uferpflege www.parcolaveggio.ch


Preisträger 2025, Jahresthema ‹ Biodiversität und Gesundheit ›
Zwischen den Zehen von Victor Condrau trocknet die Tonerde, an seiner Ferse klebt ein fuchsbraunes Erlenblatt. « Unsere Exkursionen finden barfuss statt », sagt der Leiter der Naturwerkstatt Eriwis und zeigt auf den Boden.
Wer das 13,5 Hektar gro sse Gebiet in Schinznach-Dorf besucht, taucht ein in einen Mikrokosmos aus Rohböden, Waldabschnitten, Magerwiesen und Teichen – gelegentlich durchzogen von Überresten der industriellen Vergangenheit. Von 1932 bis 1998 wurde hier Opalinus-Ton für

13 Barfussweg und kühler Ton: Die Eriwis lässt sich am besten mit nackten Füssen erfahren.
14 Im S chaugarten gibt es rund 150 verschiedene Arzneipflanzenarten.
15 In den Teichen der ehemaligen Tongrube gibt es seltene Amphibien wie die Gelbbauchunke und die Geburtshelferkröte zu entdecken.
Backsteine und Dachziegel abgebaut. Nach der Schliessung lag die Grube Eriwis brach, bis der Landschaftsarchitekt Condrau und seine Büropartnerin Elisabeth Dürig das – wie er es nennt – « Naturjuwel im Dornröschenschlaf » 20 06 entdeckten und als Verein ‹ Naturwerkstatt Eriwis › pachteten. In einem langwierigen Prozess und unter Mithilfe von Forstpersonal und Zivildienstleistenden stärkte der Verein die Werte der mosaikartigen Landschaft, führte Bachrenaturierungen und Weihersanierungen durch – alles unter dem Schirm der Aufwertungs-, Gestaltungs- und Pflegekonzepte, die Condrau und Dürig als Landschaftsarchitekt*innen erstellt hatten. Gemeinsam mit Birdlife Aargau gelang es dem Verein 2016, die Grube zu kaufen und so die Natur- und Landschaftswerte von nationaler Bedeutung langfristig zu sichern.
Heute lädt ein vielfältiges Kursangebot Erwachsene, Schulklassen und Unternehmen dazu ein, die Fundgrube aus unterschiedlichsten Habitaten mit allen Sinnen zu entdecken. Wer Glück und Geduld hat, sichtet in einem Weiher eine Gelbbauchunke, auf der Magerwiese eine Orchidee oder auf den Rohböden eine von rund hundert Wildbienenarten, die in der Eriwis leben. Mit Herzblut vermittelt Victor Condrau – auch Aromatherapeut und ehemaliger Primarlehrer –, wie Biodiversität unsere Gesundheit fördert. Im Arzneigarten pflücken Workshopteilnehmer*innen Heilpflanzen und lernen, daraus ätherische Öle, Essenzen und Cremes herzustellen. Ein Kurs widmet sich ganz der pflegenden Wirkung der Tonerde Eriwis. Jede Barfussexkursion endet mit einem Fussbad aus Salz, Ton und ätherischen Ölen. « Da s wohltuende Gefühl in den Füssen überrascht und begeistert die Gäste », erzählt Condrau. Wer sich im eigenen Garten ebenso wohlfühlen möchte, erhält von Condrau wertvolle Umsetzungsideen. Dass die Gesundheitsförderung von Anfang an mitgedacht wurde, hat die Jury des Binding Preises überzeugt. « Die Naturwerkstatt Eriwis zeigt b eispielhaft, wie eine Ressource für die Wirtschaft in eine Ressource für Mensch und Natur umgewandelt werden kann », sagt Jurymitglied Daniel Lehmann Pollheimer. Mit dem Preisgeld baut die Naturwerkstatt den Arzneigarten aus und investiert in Heckenpflege, Amphibienförderung, eine extensive Weide sowie Umweltbildung. Stéphanie Hegelbach

Naturwerkstatt Eriwis, Schinznach-Dorf AG, 2016
Trägerschaft: Verein Naturwerkstatt
Eriwis
Partnerschaften:
Birdlife Aargau ; Kanton Aargau ( Abteilung
Landschaft und Gewässer ) ; Jurapark Aargau
Mitarbeit:
Zivildienstleistende
Fläche: 13 ,5 ha
Einsatz Preisgeld: Ausbau Arzneigarten, Naturschutzprojekte, Umweltbildung www.naturwerkstatt.org

Preisträger 2026, Jahresthema ‹ Biodiversität und Infrastrukturbauten ›
Statt einer Autobahnschneise prägt heute ein knapp ein Kilometer langes, bewachsenes Infrastrukturbauwerk den Zürcher Kreis 12. Die Einhausung der stark befahrenen Strasse ist ein Befreiungsschlag für die Schwamendinger Bevölkerung. Im Jahr 1999 begann sie mit einer Volksinitiative den Kampf für mehr Lebensqualität im Quartier. « Das Projekt zeigt vorbildlich, dass langwierige politische Prozesse zu Erfolgen führen können », schreibt die Jury des Binding Preises. Nicht nur die vielen Variantenstudien, Planungen und Kreditabstimmungen haben die Idee geformt, sondern auch der Zeitgeist: « Die Be dürfnisse und Anforderungen haben sich stark verändert: Aus dem klassischen Lärmschutzprojekt wurde am Ende ein naturnaher, verbindender Quartierpark », sagt Projektleiter Silvan Durscher von Grün Stadt Zürich. Treppen, Lifte und Rampen führen zum Ueberlandpark auf dem Dach der Einhausung. Dem Stadtleben entrückt, erlebt man eine grosse Vielfalt standortgerechter einheimischer sowie nicht-einheimischer Pflanzen. Das Landschaftsarchitekturbüro Krebs und Herde hat den Bau als exponierten Betonfelsen betrachtet und strategisch getestet, welche Pflanzen sich hier wohlfühlen. « Wir haben bewusst mit neuen Arten experimentiert, die mit Hitze, Trockenheit und wenig Erde auskommen », sagt Landschaftsarchitekt Matthias Krebs. Daraus möchte er Erkenntnisse für zukünftige, klimaresiliente Stadtnaturprojekte gewinnen und teilen. In einer spielerischen Farbfolge überwachsen Stauden, Gräser und Gehölze das geometrisch gegliederte Lebensraummosaik, das von Habitatstrukturen durchzogen wird. Hängepflanzen baumeln über die Seitenmauern der Einhausung, von der Stadtebene her strecken sich ihnen Rankengewächse entgegen. Trotz seines grünen Kleids bleibt der Ueberlandpark im Herzen ein technisch komplexer Infrastrukturbau, der ein enges Zusammenspiel der unterschiedlichen Disziplinen verlangte. Bänke und Schattendächer stehen genau
16 Wandeln auf der Autobahn: Im Ueberlandpark lassen sich immer wieder neue Aufenthaltsorte und Strukturen entdecken.
17 Bald komplett überwachsen, verbindet die Einhausung die zuvor getrennten Quartiere.
18 In der Blütezeit erstrahlt der Ueberlandpark in unterschiedlichen Farbwelten.


Ueberlandpark, Zürich, 2025
Bauherrschaft:
Bundesamt für Strassen ( Astra ) ; Kanton Zürich ; Stadt Zürich
Projektleitung: Silvan Durscher ( Grün Stadt Zürich )
Landschaftsarchitektur
Park: Krebs und Herde, Winterthur
Architektur und Städtebau: Agps, Zürich
Biodiversität: Bunterhund, Zürich
über den Betonträgern der Einhausung, und das Gewicht des Erdaufbaus ist minutiös berechnet. Die Gestalter*innen wissen jedoch damit zu spielen. Für Pflanzen, die tiefer wurzeln, entwickelten sie Hochbeete, deren Trockensteinmauern zum längsten Bienenhotel der Schweiz wurden. Gestaltung und Materialwahl zeigen den Nutzer*innen des Parks, dass auch ein Infrastrukturbauwerk Heimat, Schutz und Nahrung für eine Vielfalt von Lebewesen bieten kann. Stéphanie Hegelbach
Weitere Beteiligte: Inge K12plus ( Locher, Zürich ; Emch + Berger, Bern ; Bänziger Partner, Zürich) ; Basler & Hofmann , Zürich ; Integral Axel Steinberger, Zürich ; Kukuk
Schweiz, Arlesheim
Fläche: 33 000 m2
Einsatz Preisgeld: Weiterentwicklung des Parks und der angrenzenden Quartiere anhand von Ideen aus der Bevölkerung


2 Die Ökosiedlung ‹ In den Bäumen › liegt mitten in einem Permakulturgarten, den die Bewohner*innen pflegen. Foto: Jan Osterhage

3 Die Schwammstadtelemente in der Siedlung Parco Casarico sorgen für ein angenehmes Mikroklima und eine hohe Aufenthaltsqualität. Foto: Igor Ponti

4 Der Verein Areal Bach hat das brachliegende Bahnhofsareal St. Fiden entsiegelt, naturnah gestaltet und mit vielfältigen Angeboten belebt.
Innovationspreis 2021
1 Naschen in der Nachbarschaft
An der Bushaltestelle mal eben eine Himbeere vom Strauch naschen ? Mirabellen selbst pflücken, anstatt sie zu kaufen ? Vor dem Gang zur Apotheke im Arzneigartenbeet nach dem passenden Heilmittel suchen ? All das kann man in der Gemeinde Lichtensteig. Minigärten an viel besuchten Orten laden zum Pflücken von Obst, Beeren und Kräutern ein und schaffen zugleich Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Der Zugang über die Sinne ermöglicht ein direktes Erleben der Naturvielfalt und fördert das Verständnis für Biodiversität im Siedlungsraum.
Genuss für Mensch und Natur, Lichtensteig SG, 2021
Projektleitung: Sarah Brümmer ( Grünstadtbeauftragte der Gemeinde Lichtensteig )
Beteiligte: Arbeitsgruppe Blühendes Lichtensteig ; Weinbaugenossenschaft Lichtensteig ; Verein Natur Flooz
Fläche: 2800 m2
Einsatz Preisgeld: Naturschutzmassnahmen im Siedlungsraum ( Laichgewässer für die Geburtshelferkröte, Nisthilfen für Vögel, Pflanzung einheimischer Sträucher )
Innovationspreis 2021
2 Im Garten wohnen
Der Permakulturgarten der Wohnsiedlung ‹ In den Bäumen › in Egg klettert über die Fassaden, entlang der Laubengänge und bis auf die Dachter-
rassen. Der nischenreiche Grünraum verpflegt nicht nur die Bewohner*innen, sondern schafft vielfältige Lebensräume von Wildhecken über Ruderalflächen bis zu Magerwiesen. Um möglichst nachhaltig zu bauen, haben die Beteiligten Aushub, Steine und Holz des Areals wiederverwendet, die Toiletten werden mit Regenwasser gespült. Die monatlichen Gartentage stärken den sozialen Zusammenhalt und bieten die Möglichkeit, mit- und voneinander zu lernen.
Wohnsiedlung ‹ In den Bäumen ›, Egg ZH, 2020
Bauherrschaft: Simone Baumann Immobilien, Egg Architektur: Osterhage Riesen, Zürich
Landschaftsarchitektur: Ramon Grendene, Egg Fläche: 1 7 000 m2
Einsatz Preisgeld: Ausbau Wasserfläche, ökologische Aufwertungen www.wohnen-in-den-baeumen.ch
Innovationspreis 2022
3 Schwammstadt verbindet
Eine spielerische Wasserlandschaft stellt in der Siedlung Parco Casarico in Sorengo eine ökologische Verbindung zu den angrenzenden Naturschutz- und Waldgebieten her. Als Antwort auf den Klimawandel hat das Landschaftsarchitekturbüro De Molfetta Strode mehrere Schwammstadtelemente in den Südhang eingebaut. Offengelegte Quellen, Trockenbäche, die nur bei Niederschlag Wasser führen, und mehrere Re -
gengärten speisen das Hauptbecken an der öffentlichen Piazza dell’Acqua. Zusammen mit der klimaresistenten Bepflanzung sorgt das Wasserspiel für ein angenehmes Mikroklima. Das Quartierzentrum mit Obst- und Gemeinschaftsgarten belebt den öffentlichen Teil des Parks zusätzlich.
Parco Casarico, Sorengo TI, 2022
Bauherrschaft: Conca d’Oro, Sorengo
Architektur: Attilio Panzeri, Lugano
Landschaftsarchitektur: De Molfetta Strode, Lugano
Partner: Fondazione Weak Ends, Lugano
Fläche: 20 000 m2
Einsatz Preisgeld: Entwicklung und Aktualisierung des Pflegeplans
Anerkennungspreis 2023
4 Transformation eines Unorts
Mit beispielhaftem Engagement hat der Verein Areal Bach im Osten von St. G allen eine grüne Insel realisiert. Gemeinsam mit der Bevölkerung und Projektpartner*innen verwandelten die Vereinsmitglieder das öde, brachliegende Bahnhofsareal St. Fiden in einen Quartiertreffpunkt und schufen neuen Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Gemäss dem Konzept ‹ Natur auf Zeit › beleben hitzeverträgliche Stadtalle ebäume, Wildhecken, Pioniergewächse und Ruderalflächen die entsiegelten Bereiche. Durch Initiativen von Interessierten entstanden unter anderem ein Naschweg, eine Kinderbaustelle, ein Hochbeet- und


6 Hier wird Biodiversität von Anfang an mitgedacht: Der gemeinschaftlich gepflegte Quartiergarten Hard in Zürich ist eine grüne Oase inmitten von Hochhäusern.
ein Lerngarten sowie Gastronomieangebote. Das Areal Bach ist ein Begegnungsort für verschiedene Generationen und Kulturen, aber auch ein Lernort, wie wir gemeinsam mit der Natur eine lebenswerte Stadt erschaffen können.
Areal Bach, St. Gallen, 2021 Trägerschaft: Verein Areal Bach, St. Gallen
Partnerschaft: Stadt St. Gallen
Architektur: GSI, St. Gallen
Mitarbeit: Freiwillige
Fläche: 10 000 m2
Einsatz Preisgeld: Erweiterung des Areals mit Entsiegelungen, Neupflanzungen und Familienzentrum
Anerkennungspreis 2024 5 Natur zum Anfassen
Zwischen Autobahn und Birs, auf der Fläche der ehemaligen ARA in Reinach BL, entstand auf Vorschlag des lokalen Naturschutzvereins eine künstliche Weiherlandschaft. Der gezahnte Grundriss verlängert die ökologisch wertvolle Uferzone. Die unterschiedlichen Wassertiefen bieten vielseitige Lebens- und Erlebnisräume. Besonders gelungen ist das Mit- und Nebeneinander von Mensch und Natur: Ein Zaun teilt den Weiher in eine ungestörte Schutzzone und in eine Erlebniszone, in der Kinder und Erwachsene mit der Natur interagieren dürfen – eine Gelegenheit zum Lernen, Beobachten, Bewundern und Wertschätzen.

7 Auf den kaum betretenen Flächen des eingezäunten SBB-Unterwerks Bussigny kann sich die Natur ungestört entfalten.
Natur- und Erlebnisweiher, Reinach BL, 2020 Bauherrschaft: Gemeinde Reinach Landschaftsarchitektur: Berchtold Lenzin, Zürich Fläche: 7055 m2
Einsatz Preisgeld: Toolbox Naturpädagogik
Anerkennungspreis 2025 6 Gärtnern macht glücklich Wer den Quartiergarten Hard im dicht bebauten Gebiet zwischen dem Bahnhof Hardbrücke und dem Letzigrund-Stadion in Zürich betritt, wähnt sich unmittelbar in einem kleinen Paradies: In langen Gemüsebeeten gärtnern Generationen gemeinsam, Kinder lachen und baden im Brunnen. Ein Paar entspannt sich im Weidenhäuschen in der naturbelassenen Ruhezone mit Wildbienenbiotop. Mit Unterstützung von Grün Stadt Zürich gestaltete der Verein Quartiergarten Hard das ehemalige Kleingartenareal 2013 zu einem Gemeinschaftsgarten um, der Biodiversität von Anfang an mitdenkt. Die Gartenarbeit hält fit, versorgt die Mitglieder mit frischem Gemüse und unterstützt die mentale Gesundheit. Als Alternative zu privaten Schrebergärten kommt der Garten Hard dem ganzen Quartier zugute.
Quartiergarten Hard, Zürich, 2013
Trägerschaft: Verein Quartiergarten Hard, Zürich
Bauherrschaft: Stadt Zürich ( Grün Stadt Zürich )
Fläche: 6000 m2
Einsatz Preisgeld: Bau einer Holzpergola, ökologische Aufwertungen
Anerkennungspreis 2026
7 Unter Spannung
Umgeben von Zäunen, Hochspannungsleitungen und unbewachsenen Kies- und Asphaltflächen, erschien das SBB-Unterwerk in Bussigny unwirtlich. Seit sich der gelernte Landschaftsgärtner und heutige Lokführer Thomas Eberhard im Rahmen eines internen Stages mit der Biodiversität bei der SBB auseinandergesetzt hat, ist das Werk auch Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere, die den kaum betretenen Standort mögen. Magerwiesen, Kleinstrukturen, Sandlinsen und Fledermauskästen bieten Trittsteinbiotope, ohne den Werkbetrieb zu beeinträchtigen. Eberhard hat die naturnahe Aufwertung engagiert und im Sinne der Unternehmensstrategie vorangetrieben und die Werkarbeiter*innen für Biodiversität sensibilisiert. Bis 2040 möchte die SBB alle ihre 86 Unterwerke naturnah aufwerten. Das hat Vorbildcharakter: Ziehen andere Infrastrukturbetriebe nach, wäre das ein enormer Gewinn für die Natur.
SBB-Unterwerk, Bussigny VD, 2024
Bauherrschaft: SBB, Bern
Projektleitung: Thomas Eberhard ( Fachspezialist Unterhalt Umwelt bei der SBB )
Aufgewertete Fläche: 305 1 m2 ( Gesamtfläche: 7115 m2 )
Einsatz Preisgeld: Aufwertung von Hochspannungsgittermasten zu Trittsteinbiotopen www.sbb.ch / biodiversitaet

Eine hohe Biodiversität in Siedlungsgebieten erhöht unsere Lebensqualität, fördert die ökologische Vernetzung und sorgt für ein angenehmes Stadtklima. Seit 2021 zeichnet die Sophie und Karl Binding Stiftung jedes Jahr vorbildliche Projekte naturnaher Gestaltung mit dem Binding Preis für Biodiversität aus. Dieses Themenheft stellt alle bislang prämierten Werke vor – ein Ide enpool für zukünftige ökologische Aufwertungen. www.preis-biodiversitaet.ch
Sie lesen lieber auf Papier? Dieses Themenheft hier bestellen.
Lust auf mehr Architektur, Planung und Design? Hochparterre abonnieren!