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Pressesprecher 08 2014 Randgruppen pr

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Ausgabe 8/14 | Dezember 2014 | Helios Media Gmbh | ISSN 1612-7668 | www.pressesprecher.com

Magazin für Kommunikation

presse  sprecher

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INHALT

presse sprecher 8/ 14

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2014 06 Agenda 03 Editorial 06 Kommentar und Glosse 08 Perspektive Entgrenzte Arbeitszeiten 10 #PRBA14 Das sind die Gewinner des PR Bild Award 2014 14 ComGap-Studie Kommunikatoren ticken anders 18 Titel: Randgruppen-PR 18 Kurzinterviews Praktiker über ihren Weg aus der Nische 19 Essay Am Rande der Sichtbarkeit 23 Wild Germany Interview mit ­TV-­Moderator Manuel Möglich über Schamanen, Ultras und Skurrilitäten 28 Bestatter Wie kommuniziert man das Unaussprechliche? 34 Ungeliebte Nachbarn Über die ­Notwendigkeit von ­Anwohnerkommunikation 36 Bedrohte Völker Den Stillen eine ­Stimme geben 42 Praxis 42 Redaktionen Was sich P ­ ressesprecher und Journalisten voneinander ­wünschen 46

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Recht Tipps im Umgang mit ­Bildern und Grafiken

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Uneinig Die ComGap-Studie zeigt, wie weit die Sicht von PR-Profis beim Thema Führung und Kommunikation von der Bevölkerung entfernt ist.

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Ungesehen Zahlreiche Praktiker, die für Randgruppen kommunizieren, berichten von ihren Tricks, um das Unsichtbare sichtbar zu machen.


INHALT

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42

UNS AUF: FOLGEN SIE ook.com/­ www.faceb her pressesprec r.com/ www.twitte her pressesprec

Unsensibel

e.com/user/ www.youtub rTV he pressesprec oogle.com/ www.plus.g cher/posts +Pressespre

Alles andere als einfach: Das Verhältnis zwischen Kommunikatoren und Journalisten. Eindrücke einer komplexen Beziehung.

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Wissen Stakeholder-Kommunikation bei M+A

51 Bücher Lesetipps 52

Karriere

52 Accessoires Welcher Stil fördert die Karriere? 56 Gastbeitrag Was eine gute ­Positionierung als Arbeitgeber ausmacht

52

Uniformiert Eine Stilexpertin erklärt, ­welche Wirkung ­Accessoires auf den ersten Eindruck haben.

58 Kopf des Monats und Wechsel 60 Laufbahn 62 Sprecherkarte 63 Daten Impressum, Abo, Credits 64 Verband 64 Inhalt und Kooperation zwischen BdP und GPRA 65 VDI-Richtlinie und das 4.500ste ­Mitglied 66 Herzlich willkommen Neue Mitglieder stellen sich vor 68 Hautnah Der BdP-Fragebogen 69 Was kommt Künftige ­BdP-­Veranstaltungen 71 Was war Vergangene ­BdP-­Veranstaltungen 74 Kein Kommentar

MORGEN, KI NDER, WI RDS WAS GE B E N

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AGENDA

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Kommunikatoren ticken anders Führung und Kommunikation: Die Ergebnisse der europaweiten ComGap-Studie Text JOACHIM KLEWES, MARKUS WIESENBERG & ANSGAR ZERFASS

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ir wollen Marktführer werden – das ist in vielen Firmen ein ganz selbstverständlich heruntergebetetes Management-­ Mantra. Tatsächlich gibt die angestrebte Dominanz im Hinblick auf den Marktanteil nur einen Ausschnitt der meist diffusen Vorstellungen wieder, die Menschen mit einem „führenden Unternehmen“ verbinden: Qualitative Aspekte kommen hinzu, etwa „Thought Leadership“ (durch Visions- und Innovationskraft), Bekanntheit oder globale Präsenz. Immer aber handelt es sich um eine Einschätzung im Vergleich zu anderen Unternehmen, mit der handfeste Vorteile einhergehen können. Die Chance, höhere Preise zu erzielen, gehört genauso dazu wie Vorteile bei der Rekrutierung von Mitarbeitern oder der Zugang zu politischen Entscheidungsträgern. Für Unternehmen – und Non-Profit-Organisationen gleichermaßen – lohnt es sich also, ihre Führungsrolle auch in der Kommunikation auszudrücken. Wenn die eigene Organisation als „führend“ positioniert werden soll, stellen sich zwei entscheidende Fragen: Was sind die Inhalte und Attribute, mit denen dieses gelingen kann? Hier geht es folglich um die Frage der Inhalte und Botschaften in der jeweiligen Kommunikationsstrategie. Und: Mit welchen Instrumenten oder Kommunikationskanälen wird dabei am besten gearbeitet? Beide Fragen werden in der aktuellen internationalen ComGap-Studie adressiert. Bei den Antworten gibt es erhebliche Unterschiede in den Sichtweisen von PR-Profis und Bevölkerung.

Eigenschaften führender Unternehmen Vertrauenswürdigkeit (genannt von 49 Prozent der Deutschen), hochwertige Produkte und Dienstleistungen (44 Prozent) sowie ein gutes Arbeitsklima (ebenfalls 44 Prozent) – das sind aus Sicht der Bevölkerung die drei wichtigsten Eigenschaften führender Unternehmen beziehungsweise Organisationen. Die Deutschen liegen hier übrigens ganz nahe beim europäischen Durchschnitt der Antworten. Anders sieht das Bild aus, wenn die PR-Fachleute sich zu Wort melden: Zwar halten auch sie Vertrauenswürdigkeit für die wichtigste Eigenschaft führender Organisationen (sogar 60 Prozent der deutschen PR-Profis). Weiter rangieren hochwertige Produkte und Dienstleistungen (58 Prozent) ganz oben im Führungsbild. Aber dann zeigen sich gravierende Unterschiede: Die Kommunikatoren nennen abstrakte Aspekte wie Innovation (57 Prozent), Finanzkraft (43 Prozent) oder Qualität der Unternehmensführung (46 Prozent) – und liegen damit etwa 20 Prozentpunkte von den jeweiligen Nennungen in der Bevölkerung entfernt. Im Vergleich zur Bevölkerung überschätzen sie also Führungsmerkmale, die in der Management-Welt der Pressesprecher zweifellos hohe 14

Relevanz haben aber für die Frau und den Mann auf der Straße nicht recht nachvollziehbar sind. Dafür unterschätzen die deutschen PR-Profis im Vergleich die Bedeutung von Umweltverantwortung, Kundenservice und CSR in der Bevölkerung. Ihre österreichischen Kollegen liegen hier übrigens mit ihrer Einschätzung weitgehend richtig. Insgesamt zeigt die Analyse der Einflussfaktoren auf die Führungsrolle von Unternehmen und Organisationen eines: Die Kommunikations-Professionals „ticken“ ganz anders als ihre Zielgruppen. Ihre Präferenzmuster unterscheiden sich deutlich. Dieser Befund gilt, mit unterschiedlichen Ausprägungen, in allen zehn untersuchten Ländern. Da die Planung und Gestaltung des Führungs-Images für jedes Kommunikationskonzept von hoher Bedeutung ist, legt die Studie den Finger in eine Wunde der PR-Planung: Wenn die Professionals schon bei diesem zentralen Thema so wenig mit ihren Zielgruppen übereinstimmen, wie mag das erst über die gesamte Bandbreite von Unternehmensthemen aussehen?

Kommunikation für die Führungsrolle Im Selbstverständnis der Kommunikatoren ist die eigene Profession für die Vermittlung einer angemessenen Führungsrolle jedenfalls extrem wichtig. Fast jeder deutsche PR-Profi hält effektive Kommunikation in diesem Kontext für „äußerst wichtig“ (87,7 Prozent) oder „wichtig“ (11,4 Prozent). Bemerkenswert: Im Vergleich zur Bevölkerung gehen die Profis in allen europäischen Untersuchungsländern sehr viel häufiger von dieser hohen Relevanz der Kommunikation für die Führungsrolle von Organisationen aus, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Der Abstand ist in Frankreich und den Niederlanden am größten. Nun mag es an der professionellen Erfahrung liegen, die Wichtigkeit der Kommunikation für die Wahrnehmung der Führungsrolle eines Unternehmens oder einer Non-Profit-Organisation so hoch anzusetzen. Oder liegt es daran, dass wir Kommunikatoren dazu neigen, die Welt allzu sehr durch unsere eigene Brille zu sehen? Diese Vermutung liegt nahe, wenn wir weitere Ergebnisse betrachten. Die Studie fragte auch danach, welche Kommunikationsinstrumente aus Sicht der Befragten den größten Einfluss auf die Meinung von Stakeholdern haben, wenn die Führungsrolle einer Organisation verdeutlicht werden soll. Und wieder zeigt sich eine große Kluft in den Einschätzungen von Kommunikatoren und Bevölkerung. So stimmen in Deutschland PR-Verantwortliche und Verbraucher zwar überein, wenn sie persönliche Auftritte oder Reden an die erste Stelle ihrer Rangliste setzen, allerdings mit mehr als 20 Prozent Abstand: Wieder äußern sich die Profis im Vergleich zur Bevölkerung deutlich häufiger positiv. WE L C H E I N L E B E N


AGENDA

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Defizite: Deutsche PR-Experten ticken ganz anders als ihre Zielgruppen Gap * Chi-Quadrat-Test bestätigt signifikante Unterschiede (p ≤ 0,05).

39 %

Interviews in den Printmedien **

28 % 67 %

31 %

Website des Unternehmens/ der Organisation **

30 % 61 %

21 %

Fernsehwerbung

30 % 9 %

20 %

Offizielle Bekanntmachungen / Pressemitteilungen **

29 % 49 %

19 %

Blog der Führungskraft bzw. des Unternehmens / der Organisation **

19 % 27 %

19 %

Persönliche Reden / Auftritte **

59 % 78 %

13 %

Online-Werbung **

15 % 2 %

11 %

Radiowerbung **

12 % 1%

9%

Printwerbung **

14 % 5 %

Bevölkerung

8%

Social Community Site des Unternehmens / der Organisation **

14 % 22 %

PR-Praktiker

** Chi-Quadrat-Test bestätigt höchst signifikante Unterschiede (p ≤ 0,01).

F2 / nPR = 204 F2 / nBev. = 500

Frage 1 PR: Welche fünf Kommunikationsaktivitäten haben den größten Einfluss darauf, welche Meinung sich Stakeholder über die Führung eines Unternehmens / einer Organisation bilden? Frage 1 Bev.: Welche der folgenden fünf Kommunikationsaktivitäten haben den größten Einfluss darauf, welche Meinung man sich über die Führung bildet, die ein Unternehmen bzw. eine Organisation bietet?

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AGENDA

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Kommunikations-Kanäle: Distanz zwischen Bevölkerung und Experten in Deutschland besonders groß Social Community-Site des Unternehmens / der Organisation wie z.B. Facebook

40 %

Fernsehinterviews

0% Radiointerviews*

Social Networking- oder Microblogging-­ Dienst des Unternehmens / der Organisation wie z.B. Twitter

-30 %

Positive Werte geben im Vergleich zur Bevölkerung von PR-Praktiken überbewertete Aktivitäten an, negative Werte die unterschätzten Aktivitäten. * Chi-Quadrat-Test bestätigt signifikante Unterschiede für Deutschland (p ≤ 0,05). ** Chi-Quadrat-Test bestätigt höchst signifikante Unterschiede für Deutschland (p ≤ 0,01).

Website des Unternehmens / der Organisation **

F2/ xDt. Bev. = 500

Interviews in den Printmedien **

Formelle Bekanntmachungen / Pressemitteilungen **

Andere soziale Medien des Unternehmens / der Organisation **

F2/ xDt. PR = 204 F2/ xEu Bev. = 4.054

Deutschland

Europa

F2/ xEu PR = 1.346

Frage 2 PR: Bei der Meinungsbildung von Stakeholdern über die Führung eines Unternehmens / einer Organisation, welche fünf Kommunikationsaktivitäten haben den größten Einfluss darauf? Frage 2 Bev.: Welche der folgenden fünf Kommunikationsaktivitäten haben den größten Einfluss darauf, welche Meinung man sich über die Führung bildet, die ein Unternehmen bzw. eine Organisation bietet?

Instrumente und Medienmix Ganz deutlich zeigen sich die unterschiedlichen Präferenzen, wenn es um ein Instrument geht, das von 60 Prozent der deutschen Profis (Rang 3), aber nur 32 Prozent der Bevölkerung (Rang 6) als maßgeblich für den Führungseindruck beschrieben wird: Interviews in den gedruckten Medien. Auch in anderen Ländern Europas weist die Studie auf große Unterschiede in der Bedeutung des gedruckten Interviews hin, besonders ausgeprägt sind sie in Großbritannien. Für die Kommunikatoren vieler Unternehmen sind Print-Interviews Vorhaben, die viel Zeit und Abstimmungsaufwand fordern – aber auch einen engen Kontakt mit der Unternehmensspitze bringen. Trifft hier der Paul Watzlawick zugeschriebene Satz zu, „Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus ...“? Liegen hier die Gründe für die große Zustimmung? PR-Verantwortliche lernen ihr „Handwerk“ in der Praxis anhand von Erfahrungen mit bestimmten Kommunikationsinstrumenten. Sie fokussieren dabei traditionell auf „earned“ und „owned media“, in den vergangenen Jahren sind „shared media“ hinzugekommen. „Paid media“ gehören in der Regel nicht zu ihrem Verantwortungsbereich und wenn doch, sind die Budgets hierfür sehr klein. So mag es nicht überraschen, dass – übrigens europaweit – von den PR-Verantwortlichen Werbung im TV (Differenz -17 Prozent), in den Online-Medien (Differenz -13 Prozent) und in Printmedien (Differenz -12 Prozent) ganz deutlich unterschätzt wird. Dabei meint bis zu einem Viertel der Bürger, dass Werbung ihre eigene Meinungsbildung zur Führungsrolle von Unternehmen prägt.

planung und -umsetzung vorprogrammiert. Die Ergänzung der üblichen, meist rein quantitativ ausgerichteten Methoden für Kommunikationsanalyse und Evaluation durch qualitative Ansätze könnte dabei helfen, die Entfremdung der PR-Profis von ihren Stakeholdern deutlich zu verringern. Letztlich geht es aber darum: Je mehr die Kommunikationsprofession Teil des Management-Establishments mit seinen Riten, Begriffswelten und Abgrenzungen wird, desto wachsamer sollten die Profis darauf achten, mit der Lebens- und Einstellungswirklichkeit ihrer Zielgruppen in Verbindung zu bleiben. Die von der Kommunikationsberatung Ketchum initiierte „ComGap-Studie“ wurde 2014 von einem internationalen Forscherteam der Universitäten Leipzig, Leeds, Amsterdam, Ljubljana und Madrid durchgeführt. In zehn europäischen Ländern vergleicht sie die Perspektiven von Bevölkerung und Kommunikationsprofis zu zentralen Kommunikationsthemen – und findet dabei erhebliche Unterschiede (englisch: „Gap“). Knapp 1.350 Kommunikationsverantwortliche aus Deutschland, Österreich, Dänemark, Norwegen, Schweden, den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien steuerten ihre Antworten bei. Sie sind in aller Regel erfahrene PR-Praktiker der ersten oder zweiten Führungsebene. Ergänzt wurde ihre Sichtweise durch Online-Bevölkerungsbefragungen in denselben Ländern. Dabei bilden Alter und Geschlecht der über 4.000 Teilnehmer die Bevölkerung des jeweiligen Landes repräsentativ ab. Die Reports „Mind the Gap“ für Europa und Deutschland sind im Netz unter de.slideshare.net vollständig zu erhalten.  

Kluft zwischen Profis und Bevölkerung Die Ergebnisse der ComGap-Studie zeigen ganz klar: Im Hinblick auf die Führungseigenschaften von Unternehmen und die Art, wie die Führungsrolle kommuniziert werden sollte, sind in Deutschland und Europa zwischen PR-Profis und der Bevölkerung deutliche Unterschiede zu finden (von denen nur ein kleiner Teil in diesem Beitrag dargestellt werden kann). Nun sind unterschiedliche Einstellungsmuster zwischen „Experten“ und „Laien“ weder ungewöhnlich noch per se gefährlich. Wenn es um die Planung und Realisierung von Kommunikation geht, sollten den Profis die unterschiedlichen Präferenzen aber mindestens bewusst sein. Wenn sie zu sehr in ihrer eigenen Welt leben, wenn die Distanz zu ihren Stakeholdern zu groß ist, sind Fehleinschätzungen in der Kommunikations16

W IR D I N U N S R E M H A U S E SEIN !

Dr. Joachim Klewes ist Senior Partner der europaweiten Kommunikationsberatung Ketchum Pleon, Leiter der Change Centre Foundation und Honorarprofessor an der Universität Düsseldorf. Markus Wiesenberg und Prof. Dr. Ansgar Zerfaß arbeiten am Institut für ­Kommunikationsund Medienwissenschaft der Universität Leipzig.


Armstrong hatte Mission Control. Wen haben Sie? Neil Armstrong betrat am 21. Juli 1969 um 02:56:20 Uhr UTC als erster Mensch den Mond. Möglich war das nur durch die Mannschaft auf der Erde: Ein Team von Spezialisten überwachte dort die gesamte Raumfahrtmission Apollo 11 vom Start bis zur sicheren Landung. Wie Armstrong und das Team in Houston glauben auch wir, dass große Sprünge mit den richtigen Experten im Hintergrund leichter fallen. Eine anspruchsvolle Mission für Kommunikatoren ist die Steuerung der Unternehmenskommunikation. Wenn es darum geht, Kommunikation zu planen und zu bewerten, sind wir mit unserem Know-how für Sie da.

L A U T E NB A CH S A S S Unternehmensberater für

www.lautenbachsass.de

Kommunikation


PR IN TIEFSCHWARZ

TITEL

Seit 22 Jahren wird Leipzig immer an Pfingsten von rund 20.000 mehrheitlich schwarz gekleideten Menschen bevölkert. Die weltweite Szene trifft sich hier zum „Wave Gotik Treffen“ (WGT). Pressesprecher des Festivals ist seit acht Jahren Cornelius Brach. Herr Brach, Sie sind der einzige Pressebeauftragte des WGT und machen dies nebenberuflich. Wann beginnt für Sie jedes Jahr die Arbeit? Cornelius Brach: Anfang des Jahres geht es los, wenn es die ersten Programmpunkte zu vermelden gibt. Wir haben eine Webseite, wo die Bands und die kulturellen Veranstaltungen des Treffens, wie Theater, Mittelaltermärkte oder Kunstausstellungen angekündigt werden. Außerdem verschicke ich einen Newsletter mit den neuesten Programminfos. Vieles läuft auch über Facebook. Und dann schreibe ich natürlich Pressemitteilungen für die großen Szenemagazine wie „Zillo“, „Orkus“ oder das „Gothic-Magazin“. Die nehmen unsere Meldungen meist in Print und Online auf. Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe? Dafür zu sorgen, dass in den Szenemedien eine Vorberichterstattung erscheint – und zwar nicht nur in Deutschland. Wir haben ein sehr internationales Publikum, ein Viertel unserer 20.000 Gäste kommt aus dem Ausland. Wir erreichen sie hauptsächlich über Online-Magazine, denen ich die Informationen auf Englisch zukommen lasse. Viele der Medienvertreter kommen auch selbst zum Treffen und berichten im Anschluss darüber. Das hat sich inzwischen ganz gut eingespielt. Wo außerhalb Deutschlands ist die schwarze Szene besonders groß? Aus Italien kommen sehr viele, aber auch aus Frankreich und Osteuropa. Ihre Wurzeln hat die Szene in England, auch von dort reisen viele zu uns an. Wir haben zahlreiche Besucher aus den USA und ein paar Leute kommen sogar aus Mexiko, Japan oder Australien. Das WGT ist in seiner Art in dieser Größe weltweit einmalig. Also gibt es eine feste Community, die das Treffen regelmäßig besucht. Ja, für viele ist das ein fester Termin. Aber wir freuen uns natürlich auch immer über neue Gäste. Bekommen Sie auch Anfragen von Medien außerhalb der Szene? Definitiv. Wenn das Treffen läuft, sind wir sowohl für die lokale als auch die überregionale Presse interessant. Das WGT gibt ja auch fürs Auge viel her – die Fotoagentur Getty Images ist immer vor Ort und verbreitet die Bilder. Wir haben eine sehr positive Medienresonanz. Die großen Presseagenturen berichten über das WGT, viele nehmen das auf. Auch Privatsender machen gerne Reportagen über das Treffen und Fernsehstationen aus Italien oder Frankreich sind oft vor Ort. Glücklicherweise sind wir durch unsere Einzigartigkeit in der komfortablen Lage, keine ganz großen Anstrengungen in der PR unternehmen zu müssen ... Gibt es gegenüber der Subkultur nicht auch manchmal Vorbehalte? Die gab es vor vielen Jahren, als das Festival noch neu war. Vor allem die Menschen in der Region waren damals skeptisch. Doch inzwischen haben alle gemerkt, dass die Leute zwar teilweise ein wenig finster und gefährlich aussehen, aber niemandem etwas tun. Das ist auch eine Besonderheit des WGT: Obwohl so viele Menschen zusammen feiern, bleibt es immer friedlich, nennenswerte Ausschreitungen hat es nie gegeben. Mittlerweile wird das Treffen in Leipzig als Bereicherung des kulturellen Lebens angesehen, auch das Stadtmarketing bezieht es ein. In diesem Jahr haben wir von Leipzig Tourismus und Marketing sogar den Tourismuspreis verliehen bekommen. Das 18 ist eine tolle Bestätigung für uns. (ahü)

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Gruppen am Rande der Gesellschaft... Wie kommuniziert man komplexe Themen? Für eine winzige Zielgruppe? Oder im Kampf gegen Vorurteile? Begleiten Sie uns auf eine Reise ins Reich der Leidenschaften und Kuriositäten, ans Ende des Lebens und den Anfang vom Verstehen. Und summen Sie am Ende jeder Seite mit, wenn Sie im inneren Ohr einen echten Weihnachtsklasssiker hören.


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Conchita Wurst ist es. Samuel Koch auch. Ursula von der Leyen und Nina Hagen sind es ebenso: Teil einer „Randgruppe“. Was in einer pluralistischen Gesellschaft klingt wie ein Tabuwort, ist immer noch fest verankert in unseren Köpfen. Eine irrationale Angst ist geblieben. Warum eigentlich?

Blick vom Rand der Welt Text HILKKA ZEBOTHSEN

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esonders in Gesellschaften mit großen sozialen Unterschieden entstehen Randgruppen. Das Bild des einen Zentrums, an dessen Rändern die „Unterprivilegierten“ leben, verwässert jedoch gerade in Zeiten der Globalisierung. Je mehr soziale Probleme zu Massenphänomenen werden, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder Überalterung, desto verschwommener werden die Grenzen. Es wird immer schwieriger bestimmbar, was „normal“ ist. Wird Randständigkeit von uns also immer weniger wahrgenommen? Das Gegenteil ist der Fall: Je heterogener eine Gruppe, desto wichtiger wird Zugehörigkeit für den Einzelnen. Die Folge: Das Konstrukt der Randgruppe wird immer bedrohlicher. Das sind nicht automatisch Minderheiten. Weltweit gibt es Beispiele wie in Afrika, wo Minoritäten die zahlenmäßig überlegene gesellschaftliche Mehrheit beherrschen. Aber meist haben Randgruppen nach einer Untersuchung der Uni Hamburg nur wenige ChanE INM AL W E R D E N W I R N O C H WA CH ,

cen, ihre Interessen durchzusetzen, da sie kaum gesellschaftlichen Einfluss haben. Als soziale Randgruppen gelten diejenigen Bevölkerungsteile, die nicht integriert sind innerhalb der Gesellschaft. Dem liegt ein Verständnis zugrunde, das ein „Innen“ und ein „Außen“ beinhaltet und eine Mitte mit einheitlichen Vorstellungen, Werten, Ausprägungen, Normen und Gesetzen. Doch oft genug stellen sich Randgruppen auch ganz bewusst und freiwillig jenseits des „Normalen“. Die Essenz ihrer Gemeinschaft ist das „Anderssein“, das sie je nach Neigung im Verborgenen oder in fest definierten Nischen ausagieren, verbunden mit einer Botschaft kultivieren oder mit Hilfe einer ausgesprochenen „Dagegen“-Haltung als Provokation ausleben. Im Duden jedenfalls ist es nicht weit vom Rand zur Randale …

Wie kommen wir zurande? Um Menschen mit einem bestimmten Merkmal zur Randgruppe zu machen, sind Tabus immer gern genommen. Verbotenes, Verpöntes, Unantastbares unterliegen dem Bann der Gesellschaft, die mit Abscheu und/ oder Faszination auf alles blickt, was in der polynesischen Sprache kurioserweise „geheiligt“ bedeutet. Im Englischen heißt „Randgruppe“ fringe group. „Fringe“ steht für den Pony, den Waldrand – aber auch für Extremisten. Ob per Gesetz untersagt oder einfach als „das macht man nicht“ verinnerlicht – kaum jemand hinterfragt, wer „man“ eigentlich ist. Aber fast alle halten sich dran. Verwechslungsgefahr herrscht bei der falschen Gleichsetzung von „asozial“ und „an19


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tisozial“: Gilt ersteres noch relativ neutral große Unterschiede: So ist Deutschland beinaschlicht als „abweichendes Verhalten“, verhe Schlusslicht bei der Integration behinderter binden wir das zweite mit einem Menschen, Kinder im gemeinsamen Unterricht mit nichtder extrem individualistisch handelt und dabehinderten. Hier randständig, woanders intebei weder geltende gesellschaftliche Normen griert. Das sei die Folge einer bestimmten ponoch die Interessen anderer berücksichtigt. Solitischen Sicht und der ihnen folgenden admiwohl historisch als auch politisch ist der Benistrativen Maßnahmen, so die bpb. Die Essenz einer Gesellschaft erkennt man griff des „Asozialen“ heute einschlägig konnotiert, nämlich negativ. auch an ihrem Humor. Wir Deutschen tun Die Zugänge zu Wissen, Besitz und Eruns schwer, haarscharf am Geschmack vorwerbsarbeit sind wichtige Integrationsfaktoren bei Randgruppenwitze zu machen. Googelt und bestimmen die Gruppenzugehörigkeit. man das Wort, landet man auf witz-o-mat.de. Auch wenn der Einzelfaktor allein nicht entDort finden sich Scherze in verschiedenen Kascheidet: Ein Mann im Rollstuhl kann Teil eitegorien, fünf von elf sind über Homosexuelner Randgruppe sein. Ist er jedoch Uniprole. Doch sind die überhaupt eine Randgruppe? fessor, gehört er nicht Wenn ja – in wessen Augen? zur Unterschicht, so die Und warum sind ausgerechDIE WEGE RAUS AUS DER Bundeszentrale für polinet die „Jasager“ die GesellNISCHE: INFORMIEREN ODER tische Bildung (bpb). schaftsprägenden? Als der Auch Krankheiten verfrühere baden-württemberPROVOZIEREN. schaffen einem unfreiwilgische Ministerpräsident Erwin Teufel im August in lig die Mitgliedschaft in einer Randgruppe. Ist die „genetisch vererbt“, einem „Spiegel“-Interview Homosexuelle als hat man sie „bekommen“ oder „sie sich geRandgruppe bezeichnete, löste er immerhin holt“? Die Antwort macht die positiv oder neeinen Sturm der Entrüstung aus. gativ besetzte Konnotation aus. Um zu zeigen, dass HIV-Positive längst angekommen sind Danke, Rand! in der Mitte der Gesellschaft, setzt zum BeiWeil erst der Rand die Mitte definiert, wie spiel die aktuelle Kampagne zum Welt-Aidsdie Ecke den Raum. Ohne Grenze keine FläTag auf Anti-Überraschung. Auf Plakaten wird che, ohne Trennung kein Inhalt. Nicht zufälgefragt „Würdest Du mit einem HIV-positiven lig ist der mittel- oder althochdeutsche rant urKollegen in die Kantine gehen?“ Die gelassene sprünglich ein schützendes Gestell oder eine Einfassung und sprachlich verwandt mit dem Antwort: „Klar, wenn das Essen genießbar ist.“ Rahmen. Ohne sein Ende – und den NeubeUnd auf „Würdest Du jemanden mit HIV küssen?“ folgt „Klar, wenn sie mein Typ ist“. Wir ginn eines anderen – wäre schließlich ein jeschmunzeln beim Lesen – und fühlen uns sodes Ding unendlich. So wüsste die Gesellschaft gleich ertappt. Denn warum stolpern wir übergar nicht, was ihre „Mitte“ ist, gäbe es da nicht die Antipoden und Gegenmodelle. haupt über Dinge, die längst „kein Ding“ mehr sind? Der Mehrheit der Menschen tut es anscheinend gut, sich als Teil von Her mit der Haltung! etwas Größerem zu fühBIS ZU 10 MILLIONEN Im Umgang mit ihrer Rolle haben Randgruplen. Sie wünschen sich pen verschiedene Reaktionsmuster: Sie maKorridore, die mal mehr, DEUTSCHE SIND TEIL EINER chen sich unsichtbar und nehmen die Rolle mal weniger eng sind und RANDGRUPPE. SIE AUCH? Orientierung bieten. Nur: desjenigen ohne Stimme an: Wer unter dem Ohne Horizont und ohne Radar fliegt, ist auch sicher vor dem Gesehenwerden von Gegnern. Sie wenden ihr SchickAbgrenzung erkennen wir oft unser eigenes sal: Durch Information kommunizieren sich Wesen gar nicht. selbst aus der Ecke heraus, in die andere sie Folgt man einem weitgehenden Randstellen. Oder sie setzen auf Gegendruck: Mit gruppenbegriff, so können bis zu 10 MillioHilfe des Mittels der Provokation stellen sie nen Deutsche darunter gefasst werden, das sich selbst auf eine echte oder gedachte Bühsind immerhin 16 Prozent der Bevölkerung. ne und werden so unübersehbar. Am Ende sollten wir ihnen also dankbar sein, Und weil längst nicht alle Randgruppen den Randgruppen. Weil sie uns heraus forzahlenmäßig klein sind – wie die schnell verdern. Neugierig machen. Inspirieren. Zur Inassoziierten Behinderten, Alten, Migranten trospektion zwingen. Helfen, uns selbst zu veroder Arbeitslosen – , wandelt sich ihr Bild im orten. Mit allem zu Rande zu kommen. Oder Außen stetig. ebenden zu halten.  Auch im internationalen Vergleich gibt es 20

HE IS S A ,


DIE BESTE ERFRISCHUNG NACH EINER HITZIGEN DEBATTE.

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Coca-Cola und die Konturflasche sind eingetragene Schutzmarken der The Coca-Cola Company.

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NATÜRLICHE AROMEN. OHNE ZUGESETZTE KONSERVIERUNGSSTOFFE. SEIT 1886.

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Wie kommuniziert man den Tod? Drei PR-Profis über Förster als Vertriebler, provozierende Kampagnen, Haltung im Herbstwald und warum Angehörige keine Sterne sind.

Männer sterben nicht Text HILKKA ZEBOTHSEN

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ird Corinna Brod auf Partys gefragt, was sie beruflich macht, weicht sie gerne mal aus: „Meistens vermeide ich dieses Thema, sonst kenne ich am Ende der Party alle Todesfälle im Umfeld meines Gesprächspartners“, sagt die Leiterin der Unternehmenskommunikation des Friedhofsbetreibers FriedWald. Brod: „Wenn ich lange über den Tod sprechen muss, grenze ich mich im Privaten gerne mal ab.“ Und auch Christian Hillermann, Inhaber des Hamburger Trostwerks, kennt die Mischung aus Faszination und plötzlicher Zurückhaltung bei anderen, wenn es um seinen Job geht: „Dass ich Bestattungsunternehmer bin, hat automatisch Nachrichtenwert und macht neugierig, aber verstummt ist deswegen noch keiner. Mein Beruf ist bereichernd und stiftet Bewusstheit. Er erinnert die Anderen permanent an die eigene Sterblichkeit. Ich muss die Gespräche oft eher bremsen.“ Aber deswegen Teil einer Randgruppe zu sein, weist Oliver Wirthmann weit von sich: „Bestatter sind keine Randgruppe sondern stehen in der Mitte der Gesellschaft!“, sagt der Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur. Trotzdem: Es herrscht viel Unwissen. Die Medien fragen meistens nur bei Skandalen oder nach den neuesten Grab-Trends. Oliver Wirthmann sagt: „Sie hoffen auf Gags, aber die gibt es rund um Bestattungen in den Medien viel häufiger, als es ihnen real zukommt. Der Deutsche ist da zum Glück noch ziemlich traditionell.“ Medien und Angehörige haben offenbar ein falsches Bild Ihrer Branche. Was nervt denn Bestatter? Oliver Wirthmann: Halbwissen ist das Problem: Bestatter mögen es nicht, wenn Angehörige als erstes fragen „was kostet das?“ Sie gehen ja auch nicht zu VW und fragen, „was kostet ein Auto?“ Denn zwischen einem Polo und einem Phaeton gibt es natürlich Unterschiede. Bestatter müssen noch lernen, ihre beratende Dienstleistung selbstbewusst in Rechnung zu stellen. 28

DIE S T U B E G L Ä N Z E N

Welche Folge hat dieses „Halbwissen“? Die Menschen haben kein Preisgefühl: Wer regelmäßig im Supermarkt Butter kauft, weiß irgendwann in etwa, was sie kostet. Oder dass es bei Ebay keine echte Rolex für 30 Euro gibt. Aber bei einer Bestattung ist das anders. Ein weiteres Problem ist negative Zuweisung: Bestatter hören immer „Ihr habt ja ein todsicheres Geschäft“. Einen Bäcker beschimpft ja auch niemand, weil er sein Geld mit Nahrung verdient, die alle brauchen. Aber wenn wir kommen, freut sich niemand – dabei sind wir nicht die Verursacher des Geschäfts. Abendfüllend kann man mit den dreien über ihre Haltung zum Leben sprechen. Eher selten werden sie dagegen auf Metathemen wie Wordings, Bildsprache oder Marktchancen angesprochen. Und schon bei der Frage nach der Zielgruppe gehen die Meinungen auseinander: „Ich mag das Wort nicht!“, stellt Oliver Wirthmann klar. „Wir haben auch keine „Kunden“, das sind Angehörige. Bei uns geht es um Menschen, nicht um Ziele. Außer vielleicht bei der Bestattungsvorsorge.“ Auf „aufgeklärte Bildungsbürger zwischen 45 und 65“ setzt dagegen Christian Hillermann. Es ist die Kindergeneration der heute Alten. Sie sind bewusste Konsumenten, die zum Beispiel beim Umgang mit dem Tod ihrer Eltern nicht vor allem Pietät und Takt suchen, sondern ihre eigenen Belange selbstbestimmt regeln wollen. Hillermann: „Wir haben auch Kunden, die zwischen 40 und 60 Jahren an Krebs sterben. Darunter sind viele Alt-68er. Sie sind geprägt von großer Individualität und stellen Konventionen in Frage. Immer mehr kommen in ihrer letzten Lebensphase selbst und wollen sich rund um ihre Bestattung aktiv einbringen.“ Seine Hauptbotschaften: –– Tote sind keine „Sachen“ – Verstorbene sind Persönlichkeiten. Sie sind extrem schutzbedürftige Personen, die unserer Fürsorge bedürfen. –– Seid offen für moderne Lebensentwürfe. Alles ist möglich im Abschiednehmen: Es ist ein weites Feld der Freiheit. –– Kümmert euch um euch und nehmt euch Zeit. Lebt und drückt eure Trauer aus. Man darf Dampf ablassen und ihn kreativ umlenken. Je mehr am Anfang im Guten passiert, desto besser gelingt die langfristige Trauerarbeit. Die Botschaften von Corinna Brod richten sich vor allem an Menschen „50+“ mit mittlerem bis hohem Bildungsstand. Das Unternehmen betreibt bundesweit 52 Standorte, an denen Menschen am Fuße eines Baums im Wald bestattet werden können. Frauen sind die Entscheider. Brod erinnert sich an eine typische


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Szene am Stand auf einer Verbrauchermesse: „Da sieht man Paare heran schlendern und die Frau sagt ͵Oh, davon hab ich schon gehört, lass uns mal guckenʹ. Und der Mann zieht sie schnell weiter und sagt ͵Ach, das hat noch Zeitʹ. Männer sterben nicht.“ Brod und ihre Kollegen wollen den natürlichen Umgang mit dem Tod fördern als tröstliche Perspektive. Es geht ihnen darum, Akzeptanz für dieses Thema zu schaffen und den Vorsorgegedanken zu fördern. Sie wollen die Angst vor dem Tod lindern helfen, selbst wenn sie sie zum Teil selbst auch haben. Wie „verkauft“ man den Tod sprachlich? Oliver Wirthmann: Für den kommunikativen Umgang gibt es zwei Wege und beide sind problematisch: Wir können das Tabu schön umschreiben mit Formulierungen wie „Am Ende der Reise“ und Bildern von einem Herbstwald, Sonnenuntergang oder einem Steg am See. So werden nette Dinge evoziert, aber das kaschiert nur. Wir wollen so den Tod erträglich machen – aber er ist und bleibt schwer und schmerzhaft. Und die Alternative? Ist die Provokation: Kampagnen, bei denen jenseits der Gleise im Bahnhof der Slogan „Treten Sie näher“ stand, wurden von uns abgemahnt. Wir werden 2015 zwar selbst Karikaturen einsetzen, aber da ist durch die Überzeichnung die sanfte Provokation schnell erkennbar. Wir sollten mehr im Sinne von „Bestattung ist ein existenzielles Thema – hab Mut, wir helfen Dir“ kommunizieren. Provokation gezielt einzusetzen, ist dagegen einer der Wege von Christian Hillermann. Menschen denken, Bestatter haben es geschäftlich leicht: Gestorben wird schließlich immer. Trotzdem gibt es einen Markt, findet Hillermann. Die Zeit des aufgeteilten Markts mit einem Bestatter pro Stadtteil sei vorbei. Es gebe vielmehr eine Abkehr von Traditionsbestattern: „Einerseits suchen Weiterlebende mehr Individualität und das Besondere. Andererseits werden immer mehr Menschen billig und anonym bestattet“, konstatiert der Quereinsteiger. „Das setzt den traditionellen Stadtteilbetrieb gleich von zwei Seiten unter Druck.“ Der Kuchen sei weiterhin da – aber er werde heute anders aufgeteilt. Wer sich nicht bewegt, verliert. Ihr Claim ist „Andere Bestattungen“. Wie kommunizieren Sie den? Christian Hillermann: Wir müssen das „Anderssein“ kommunizieren. Uns war klar, dass wir damit provozieren. Vor allem die Branche echauffiert sich, denn bisher gab es die unausgesprochene Regel, dass Einzelbetriebe keine Werbung machen, weil die Menschen das Recht hätten, sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen zu müssen. Außer über die Schaufenster ihrer Büros waren Bestatter nicht sichtbar. Unsere Räume sind sehr transparent gestaltet und von außen gut einsehbar. Es gibt Führungen und Vorträge, um unsere Arbeit kennenlernen zu können.

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Und das provoziert? Offenbar. Und wir haben zum Beispiel Postkarten mit auf dem Kopf stehenden Cowboystiefeln und dem Slogan „Wie lebendig möchten Sie begraben werden?“ gedruckt. Ein anderer Text lautete „Wie persönlich nehmen Sie Ihren Tod?“ Dann haben wir auch noch mehrfach die lokale Presse bedient, da warf uns die Konkurrenz Inszenierung vor. Und ohne Provokation – wie gelingt die persönliche Ansprache der Zielgruppe? Die Trostwerk-Mitarbeiter tragen keine schwarzen Anzüge, sondern authentische Kleidung. Sie kondolierten zwar, aber sagen zur Begrüßung neuer Kunden nicht „herzliches Beileid“ – schließlich seien sie nicht Teil ihrer hochemotionalen Situation. Statt „Hinterbliebene“ sprächen Hillermann und Kollegen von „Weiterlebenden“. Hillermann, der schlechte Trauerredner daran erkennt, dass sie dauernd den vollen Namen des Toten wiederholen, sagt: „Auch den Begriff „Leiche“ nutzen wir nicht. Wir arbeiten nicht nach DIN-Norm, denn darin geht es um schnelle Versachlichung und Verdinglichung.“ Das Wording ist ein sensibles Thema. „Ich persönlich finde es schlimm, Kindern zu sagen „Opa ist jetzt ein Stern“ – denn das ist er nicht“, sagt Oliver Wirthmann. „Und dass jemand ͵eingeschlafenʹ sei, kann bei ihnen sogar zu schlimmen Problemen führen. Schließlich wacht der Tote nicht mehr auf und Kinder bekommen Angst vor dem Schlaf.“ So menschlich verständlich das Bedürfnis der Angehörigen nach einem nur schmalen Korridor aus den Dingen in Zeiten höchster emotionaler Not zu sein scheint, so nötig ist für die PR-Profis also der kommunikative Weg zurück zur Natürlichkeit – auch auf Seiten der Produkte. Der FriedWald ist keine Wortschöpfung sondern eine Marke. Wie wurde sie geschaffen? Corinna Brod: Obwohl wir den Namen als Markenzeichen eingetragen haben, ist er inzwischen schon zum Gattungsbegriff für Bestattungen in der Natur geworden. Umso schwerer ist er im Alltag rechtlich zu schützen. Im Rahmen des Brand Managements setzen wir auf externes Monitoring, weisen auch freundlich auf Verstöße hin, aber wir rufen nicht gleich den Anwalt. Welche PR-Tools nutzen Sie? Wir machen weniger klassische Werbung, es läuft bei uns viel über Direktmarketing. Am Anfang war das heikel und wir haben extra unsere Mitarbeiter der Telefonzentrale geschult. Inzwischen sind es im Schnitt 40 Direktmailings pro Jahr, in denen wir zum Beispiel zum Waldinformationstag einladen. Sie gehen an Menschen im Umkreis von 30 bis 50 Kilometer rund um einen FriedWald-Standort und entstehen in Kooperation mit den Förstern aus der Region. Sie setzen demnach auf „Live-Kommunikation“ bei Wind und Wetter? Die Waldführungen sind das wichtigste 29


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Instrument für unseren Markenvertrieb. In Gruppen von maximal 20 Personen können sich Interessierte die Standorte ansehen, mit Angehörigen austauschen und bei einem zweiten Termin „ihren Baum“ aussuchen. Manche schauen nur für sich allein, andere als Paar, Familie oder Freundeskreis. Im Wald startet die Trauerarbeit. Förster als Vertriebler – das ist ja ein spannendes Konstrukt. Alle Förster sind extra von uns geschult worden und waren auch zur Hospitanz im Krematorium. Der Beruf ist eine wunderbare Basis für die Begleitung von Hinterbliebenen, Förster haben da ein natürliches Talent. Selbstverständlich bieten wir ihnen auch Supervision an. Welche Kanäle nutzen Sie außerdem? Ansonsten setzen wir auf die Webseite mit einem Imagefilm, Broschüren und einen Newsletter. Bei Facebook posten wir etwa zwei bis dreimal pro Woche. Wir sehen das eher als Push für Dialoge, indem wir zum Beispiel fragen, welche Musik Hinterbliebenen hilft oder wie sie ihr erstes Weihnachten ohne den Verstorbenen verbringen. Das Profil ist wie ein sanft moderiertes Forum. Der Weggang eines Abonnenten oder „Freundes“ ist dann im echten Leben ein gutes Zeichen, weil es bedeutet, dass die Trauerarbeit vorangeht. Für sich selbst haben die drei schon vorgesorgt. Hillermann grinst bei der Frage nach dem Wunsch für seine eigene Bestattung: „Ja, ich habe einen Plan. Aber der ändert sich je nach Lebensphase und Musikgeschmack.“ Auch Oliver Wirthmann beschäftigt sich zwar jeden Tag mit dem Tod, „aber das ist im Alter von 42 Jahren und angesichts von zwei kleinen Kindern kein Zeichen von Todesverliebtheit“, sagt er und lacht. „Für meine eigene Beisetzung hätte ich gerne eine Erdbestattung im Sarg, im Grab meiner Schwiegereltern in der Pfalz.“ Den Standort für ihre eigene Bestattung hat sich auch Corinna Brod bereits gemeinsam mit Eltern und Freunden ausgesucht, den genauen Baum jedoch noch nicht. Sie sagt: „Der Gedanke zu wissen, wo man mal abbleibt, ist tröstlich.“  

Die vollständigen Interviews, die in Wahrheit alle lange dauerten, finden Sie auf unserer Homepage unter www.pressesprecher.com.

Corinna Brod (l.) ist Leiterin der Unternehmenskommunikation des Friedhofsbetreibers FriedWald mit Sitz in Griesheim bei Darmstadt. Sie hat ursprünglich bei einer lokalen Tageszeitung und anschließend in einer PR-Agentur gearbeitet. Christian Hillermann (Mitte) ist Inhaber des Hamburger Bestattungsunternehmens Trostwerk. Bevor sein heutiger Beruf den Quereinsteiger fand, probierte der Hobbysportler zahlreiche Jobs aus. Zuletzt war der gebürtige Seevetaler Pädagoge und in der Behindertenarbeit tätig. Oliver Wirthmann (r.) ist Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur mit Sitz in Düsseldorf. Der evangelische Theologe und ehrenamtliche Pfarrer hat selbst schon viele Menschen beerdigt. Wirthmann hat auch schon als Trauerbegleiter und Lehrer, Coach, Dozent und Sprecher religiöser Beiträge beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet.

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DEN ARMEN EINE STIMME GEBEN TITEL 1993 hörte der damalige Hamburger Diakoniechef Stephan Reimers vom Straßenmagazin „Big Issue“ aus London – und gründete mit „Hinz & Kunzt“ prompt ein eigenes. Ein Magazin von Journalisten. Die Verkäufer: Obdachlose. Das Projekt wuchs und wuchs. Pressesprecherin Isabel Schwartau über ihre Aufgaben bei dem Hamburger Straßenmagazin.

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Frau Schwartau, worin sehen Sie Ihre größte Aufgabe? Isabel Schwartau: Die größte Herausforderung ist, Obdachlosen eine Stimme zu geben. Ich möchte Brücken zwischen den Menschen bauen. Dafür haben wir viele Instrumente: das Magazin, politische Sprecher, Kinderbuchlesungen, Benefizveranstaltungen und Stadtführungen, bei denen man TagesaufenthaltsStätten von Obdachlosen kennenlernen kann. Damit erreichen wir 3.000 Leute im Jahr und können mit Betroffenen sprechen, da jeder Rundgang von Verkäufern durchgeführt wird, die Platte machen oder gemacht haben. Platte machen? Das bedeutet, obdachlos zu sein. So nennen es die Obdachlosen selbst. Sie leben sozusagen auf einer Platte, einem Stück Stein. Zuvor waren Sie im Bereich Musik und Reisen tätig. Ist es anders, für so ein ernstes Thema zu sprechen? Als ich hierher kam, hatte ich gleich einen Tag der offenen Tür und habe eine Pressemitteilung verschickt. Ich dachte, naja, wen wird das interessieren? Am Ende waren wir in allen Tageszeitungen! So kannte ich das nicht. Es ist natürlich etwas anderes, die Eröffnung eines Winternotprogramms als ein Konzert anzukündigen. Das hat eine ganz andere Brisanz. Man hat eine viel verantwortungsvollere Stimme. Hier in Berlin gibt es einige, die sich eine Straßenzeitung nehmen und dann damit betteln – sie jedoch nicht verkaufen wollen. Wie sieht das bei Ihnen in Hamburg aus? Das passiert hier auch, dass die Verkäufer die letzte Zeitung nicht weggeben wollen. Leider. Wir haben es aber bestimmt leichter, weil man uns gut kennt, und wir das einzige Hamburger Straßenmagazin sind. In Berlin gibt es drei, vier Magazine und die Stadt ist viel größer und unübersichtlicher. Unsere Alleinstellung macht es uns leichter, die Verkäufer näher an das Projekt zu binden. Wir bekommen mit, wenn sich jemand so verhält, da die Kunden Verstöße melden. Es gehört auch zur Öffentlichkeitsarbeit, Obdachlose für Regeln zu sensibilisieren. Und wo werden die Magazine in Hamburg verkauft? Jeder Verkaufsplatz ist mit unserem Vertrieb abgesprochen. Unsere 500 Verkäufer kaufen sich die Zeitungen für 90 Cent und verkaufen sie für 1,90 Euro. Sie haben ihren Stammplatz und Kundenkreis. Da entstehen unsere eigentlichen Erfolgserlebnisse. Es geht nicht darum, bekannter zu werden, sondern Vorurteile abzubauen und Lobbyarbeit zu leisten, also beispielsweise mit dem Sozialsenator oder Citymanager zu sprechen. Wie haben Sie Kai Diekmann dazu gebracht, im Imagefilm als Obdachloser aufzutreten? Wir gar nicht (lacht). Das war die Idee unserer Agentur. Die „Bild“-Zeitung ist ja eigentlich nicht besonders nah an uns dran. Dass Herr Diekmann sich solidarisiert, ist ein gutes Zeichen und ich fand seinen Auftritt auch ganz charmant. Schon mutig von der Agentur … 32 Das fanden wir auch! (jew)

SCHÖNER ALS BEI FROHEN TÄNZEN


IM KAMPF GEGEN MYTHEN

TITEL Im Oktober 2013 wurde der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen gegründet, er zählt heute rund 100 offizielle Mitglieder. Undine de Rivière ist Pressesprecherin der Interessenvertretung und arbeitet selbst als Prostituierte in Hamburg. Frau de Rivière, worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Pressesprecherin? Undine de Rivière: Als Sprecherin des Verbands geht es mir zunächst darum, unsere politischen Forderungen publik zu machen und ein Mitspracherecht bei rechtlichen Regulierungen, die Sexarbeit betreffen, einzufordern. Lobbyarbeit ist aber nur der eine Teil. Zum anderen möchten wir durch unsere Öffentlichkeitsarbeit über die Mythen, die sich um das Thema Sexarbeit ranken, aufklären. Die Vorurteile reichen von „Keine macht so etwas freiwillig“ bis „In einem Verband finden sich nur Dominas oder besser bezahlte Prostituierte zusammen“. Das stimmt natürlich nicht. Was machen Sie, um die Gerüchte auszuräumen? Wir geben Interviews, schreiben Texte für Magazine und stehen für Vorträge zur Verfügung. Ende September haben wir einen Sexarbeitskongress in Berlin organisiert. Es ist uns ein großes Anliegen, ganz persönlich für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Viele Klischees halten sich nur, weil die Menschen noch nie Kontakt zu einer Sexarbeiterin hatten, die ihnen einen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit gegeben hat. Liberalisiert sich unsere Gesellschaft in Bezug auf Sexarbeit oder haben Sie das Gefühl, für ein Tabuthema zu sprechen? Es gibt da gerade ziemlich gegenläufige Strömungen. Positiv ist, dass das Prostitutionsgesetz von 2002 die Sittenwidrigkeit unserer Branche abgeschafft hat. Heute kann eine Sexarbeiterin ihr Honorar einklagen, wenn der Kunde nicht zahlen will, das war ein wichtiger Schritt. Die Umsetzung wird von den konservativeren Kommunen aber immer noch verweigert, da schlägt uns viel Repression entgegen. Ich habe das Gefühl, es gibt im Moment gesellschaftlich und politisch eher einen weltweiten konservativen Backlash. Wer ist die größte Opposition des Verbands, „gegen“ die Sie kommunizieren? Da gibt es leider eine recht unheilige Allianz aus konservativen und radikalfeministischen prostitutionsfeindlichen Kräften, die sich in diesem Punkt zusammengeschlossen hat. Wobei ich betonen möchte: Nicht alle Feministinnen haben ein Weltbild wie Alice Schwarzer, es gibt auch viele Strömungen, die uns sehr unterstützen, und Kolleginnen, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen. Woran arbeiten Sie momentan? Wir haben gerade eine Unterschriftenkampagne gegen die von der regierenden Koalition geplante Zwangsregistrierung von Sexarbeitern abgeschlossen. Eine solche polizeiliche Erfassung hat es zuletzt in den 1940er Jahren gegeben. Das sogenannte „Prostituiertenschutzgesetz“ führt unserer Meinung nach zu Entmündigung, nicht zu Empowerment. Dabei geht es natürlich nicht um die Steuern – die zahlen wir selbstverständlich. (ahü) 22

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Von Satanismus bis Islamischer Rap: In 24 Folgen des Reportage-Formats „Wild Germany“ hat Journalist Manuel Möglich einige Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Gruppen und Phänomenen sammeln können. Ein Resümee.

Jenseits des Alltags Interview ANNE HÜNNINGHAUS

M

anuel Möglich steht auf einem Bauwagenplatz in Berlin und berührt mit beiden Händen einen Baumstamm. Dabei hält er die Augen geschlossen und kaut auf einem Stück Rinde herum, während der Kurierfahrer Jens Adolf Frese neben ihm psychedelische Gesänge in einer Fantasiesprache anstimmt. „Versuch mal, in den Baum reinzufühlen“, hatte Frese den Journalisten zuvor aufgefordert. Möglich blickt ihn fragend an, wirkt irritiert, aber auch bemüht. So beginnt die Folge zum Thema Schamanismus, Teil der Reportage-Reihe „Wild Germany“, die von 2011 bis 2013 auf ZDFneo ausgestrahlt wurde.

Im Vorspann zu jeder Folge erklärt der freie Journalist: „Ich gehe den unglaublichsten Gerüchten und Geschichten nach. Kommt mit mir auf einen Trip durch dieses aufregende Land, das wir Zuhause nennen und das ihr so noch nie gesehen habt.“ In den meisten Fällen ist das wohl nicht zu viel versprochen. Möglich nimmt in jeder der 24 halbstündigen Folgen ein Phänomen oder eine Subkultur irgendwo in Deutschland unter die Lupe, taucht ein in die Welt von Bodybuildern, Ultras, Pornodarstellern oder eben Schamanen. Mit uns hat er über die Kommunikation mit Randgruppen aus journalistischer Perspektive gesprochen.

Mehr als eine reine Beobachtung: Für Wild Germany wagte sich Möglich auch auf finsteres Terrain.

Mit Wild Germany haben Sie den Zuschauern einiges zugemutet. Wie sind Sie auf die Phänomene und Gruppen gekomHerr Möglich, sollten men, die sie für die Reihe sich Medienschaffenbeobachtet und porträ"DER PLAN WAR, ENTWEDER tiert haben? de in Deutschland mehr Überlegt haben wir uns die trauen? GRANDIOS ZU SCHEITERN Manuel Möglich: Ja, das Themen in einem Kernteam sollten sie auf jeden Fall! Ich von drei Personen. Jeder ODER ETWAS NEUES ZUTAGE wünsche mir viel mehr Mut saß mit einem weißen Blatt ZU BRINGEN." da und hat aus seinem perbei den Verantwortlichen, sönlichen Interesse heraus die über Formate und Inhalte in Print und TV entscheiden. Ich glauIdeen aufgeschrieben, schließlich gab es einige be, die Konsumenten würden das honorieren. Überschneidungen. Am Ende hat ein ZDF-ReMan darf ihnen da weitaus mehr zumuten, als dakteur seine Meinung dazu gegeben. es zurzeit der Fall ist.

Schamanismus und Bodybuilding haben auf den ersten Blick nicht besonders viel gemeinsam. Was ist das Bindeglied zwischen allen Folgen? Gemeinsam haben alle Themen, dass ich mich wirklich für sie interessiert habe. Anders wäre die Umsetzung gar nicht möglich gewesen. Der Plan war, immer einen besonderen Aspekt herauszustellen und entweder grandios damit zu scheitern oder etwas Neues zutage zu bringen. Es sind übrigens nicht alles abseitige Geschichten, auch wenn das die meisten Menschen mit dem Format verbinden. Sind auch mal Ideen geplatzt, die bereits anrecherchiert waren? DANN I S T

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Ist es Ihnen denn immer gelungen, den Menschen trotz ihrer befremdlichen Interessen oder Lebensgewohnheiten ohne Vorbehalte gegenüberzutreten? Das klappte mal besser und mal weniger gut. In der Schamanismusfolge ist mir das am Ende gelungen, nachdem ich mich mit der Szene schon ein wenig vertraut gemacht hatte. Es ist doch so: Wenn man ein ernsthaftes Interesse an einem Thema hat und Lust, sich damit auseinanderzusetzen, spürt das das Gegenüber. Das hatte ich, und daher war es gar kein großes Problem.

"Wir möchten weder objektive Berichterstattung vorgaukeln noch PR für die Gruppen machen."

Das hatten wir öfter. Es gab Fälle, in denen Personen einen Tag vor Drehbeginn abgesagt haben. Können Sie dazu ein Beispiel nennen? Für die erste Staffel hatten wir eine Folge zum Thema „Islamistischer Rap“ gemacht. Einer meiner Interviewpartner war der Rapper Denis Cuspert, früher besser als Deso Dogg bekannt. Mittlerweile sucht der Verfassungsschutz nach ihm. Für die Folge waren wir damals aber mit einem gefühlt noch extremeren jungen Mann in Frankfurt verabredet, der wenige Stunden vor dem Dreh nicht mehr zu erreichen war. Uns haben oft Kandidaten abgesagt. Es gab aber auch Ideen, die wir nach ers­ter Recherche selbst gecancelt haben. Über andere Themen, zum Beispiel Motorradgangs wie die Hells Angels, ließe sich unmöglich eine Folge machen. Schließlich muss es immer eine gewisse Bereitschaft der anderen Seite geben, sich zu öffnen und uns in die Szene eintauchen zu lassen. Wie haben die Menschen auf die Bitte, mit Ihnen zu drehen, reagiert? Viele waren doch sicher erst einmal erstaunt, eine Presseanfrage zu bekommen. Einige ja, manche hatten aber auch schon eher negative Erfahrungen mit der Presse gesammelt. Wir hatten viel Glück. Wir haben aber auch im Vorfeld die Menschen getroffen und intensiv mit ihnen gesprochen, wahrscheinlich 24

WE IHN A C H T S TA G !

mehr, als es bei anderen Produktionen der Fall ist. Es war wichtig, zu signalisieren, dass wir es ernst meinen und sie nicht vorführen wollen.

Welche Themen haben Sie besonders nachhaltig verstört – oder besser: beschäftigt? Verstört trifft es meistens schon ganz gut! (lacht) Das war unter anderem die Folge zu Crystal Meth – als wir die 2010 drehten, war die Droge in Deutschland noch nicht so bekannt. Aber auch die zum Thema Satanismus war sehr aufwühlend. (Anm. d. Red.: In dieser Folge trifft der Journalist unter anderem zwei Mädchen, die seit ihrer Kindheit Mitglieder und Opfer von Satanskulten sind.) Teilweise sind es aber auch die lustigen Folgen, die einem in Erinnerung bleiben, wie zum Beispiel die zum Thema Porno oder zu Dogging (Anm. d. Red.: Sex an öffentlichen Plätzen).

Wie haben Sie sich vorbereitet, Bei welchem Thema war besonders viel wenn ein Thema feststand? Überzeugungsarbeit gefragt? Zuerst einmal habe ich mich ganz normal in Die Ultras-Folge war die mühsamste von alMagazinen und im Netz in die Themen einlen. Ich bin im Vorfeld dreigelesen. Zu manchen gab es mal nach Düsseldorf gefahren, allerdings kaum Literatur. So "DIE LEUTE GEBEN UNS um zu reden und gemeinsam ging es mir bei der Folge zur mit der Gruppe zum FußballKörperintegritätsidentitätsstöEINEN SCHLÜSSEL ZU spiel zu gehen. Die Beteilirung BIID, in der es um Mengten waren sehr kritisch und schen geht, die den Drang verIHRER WELT, DAS wir wollten ihnen zeigen, dass spüren, sich gesunde GliedmaMÜSSEN UND WOLLEN wir nicht für eine halbe Stunßen amputieren zu lassen. Wir de vorbeikommen und sie sich sind dann in Kontakt mit ReWIR RESPEKTIEREN." vor der Kamera ganz verrückt dakteuren der „Süddeutschen“ geben sollen. Ich habe versucht getreten, die dazu schon einklarzumachen: Wenn es ein langweiliger Tag mal einen Film gemacht hatten. Diese hatten uns eigentlich jede Hoffnung genommen, eiwird, ist das auch in Ordnung, wir wollen überhaupt nicht, dass irgendwas extra für den Dreh nen Betroffenen zu finden, der im Fernsehen darüber spricht. Wenn man sich im Netz auf gestellt wird. Spurensuche begibt, hat man aber oft auch bei Sie haben in Ihren Reportagen auf Ironie heiklen Themen Erfolg. In einem Forum haben und pädagogische Argumentationen wir dann mehrere gefunden. Oft lag im Konverzichtet. Ist das der Grund, warum sich takt zu einer Person der Schlüssel zu weiteren. die Leute Ihnen geöffnet haben? Das kommt sicher hinzu. Die Leute geben uns Gab es kein Thema, für das Sie vergeblich nach Ansprechpartnern gesucht haben? einen Schlüssel zu ihrer Welt, das müssen und wollen wir respektieren. Allerdings natürlich Nein, das ist nicht vorgekommen. Die Themen ohne uns zu verbiegen: Wir möchten weder die wir nicht gemacht haben, sind geplatzt, weil objektive Berichterstattung vorgaukeln noch wir gemerkt haben, dass sie aus anderen GrünPR für die Gruppen machen. den nicht zu realisieren sind.


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Was glauben Sie, woher kommt unsere Faszination für abseitige Themen? Ich glaube, in jedem Menschen schlummert ein gewisser Voyeurismus. So funktionieren ja auch Unterhaltungsformate wie das Dschungelcamp. Der beobachtende Blick durchs Schlüsselloch fasziniert den Menschen. Hinzu kommt, dass wir in Welten gedrungen sind, von denen viele entweder noch nie etwas gehört haben oder in die sie selbst nie einen Einblick bekommen hätten. Das ist irgendwas zwischen Albtraum und Science-Fiction-Film, etwas Bizarres, das weit weg vom eigenen Leben ist.

Die Folge zu Ultras, also fanatischen Anhängern einer Fußballmannschaft, gehörte für Möglich zu den mühsamsten. Bevor gedreht wurde, besuchte der Journalist die Fans einige Male in Düsseldorf, lernte sie kennen und leistete Überzeugungsarbeit.

Was, glauben Sie, war für die Menschen gar nicht hätte stören dürfen. In solchen Situdas ausschlaggebende Argument, sich vor ationen musste ich mir bewusst machen, dass einer Kamera zu äußern? der Mensch niemandem schadet, mit dem, was Da kann ich nur mutmaer tut, sondern nur seine Eißen – es gibt bestimmt ganz genheit auslebt. Ich glaube, "ICH BIN DURCH DIE REPORverschiedene Motivationsich bin durch Wild Gergründe. Bei einigen war es many ein bisschen weitsiTAGEN EIN BISSCHEN sicher ein Stück weit Narchtiger geworden. Es gibt WEITSICHTIGER GEWORDEN." nicht nur richtig und falsch. zissmus. Anderen ging es vielleicht auch darum, MenUnd man muss lernen, daschen, die in einer ähnlichen Situation sind, zu mit umzugehen, dass es nicht auf alles eine behelfen, ihnen zu zeigen, wie sie damit umgefriedigende Antwort gibt. hen. Manche haben auch gesagt: „Ich habe keiWas haben Sie von den Zuschauern ne Lust mehr, die Berichterstattung zum Thefür Reaktionen bekommen? ma so einseitig zu sehen, und vertraue darauf, dass ihr andere Facetten zeigt.“ Das war zum Die meisten Rückmeldungen, die wir per Beispiel bei den Ultras so. Mail bekommen haben, waren positiv. Das hat mich fast ein bisschen erstaunt. Nach der Inwiefern haben Sie die Erlebnisse und ErCrystal-Meth-Folge haben mir zum Beispiel viele Lehrer für die Aufklärungsarbeit gedankt kenntnisse persönlich bereichert? Immer– obwohl wir niemals darauf abgezielt hatten, hin waren Recherche und Konfrontation ja nicht immer ganz angenehm … eine solche zu leisten. Besonders gefreut haAuch Verstörendes kann eine Bereicherung ben wir uns über Nachrichten von Menschen sein. Ich habe persönlich erkannt, dass meiaus den jeweiligen Szenen. Da haben sich viele ne Toleranz und Akzeptanz gar nicht so ausbedankt, dass wir uns dem Thema nicht so populistisch genähert haben. Oder dafür, dass geprägt waren, wie ich sie vorher eingeschätzt sie erfahren haben, mit Problemen nicht alhätte. Das hat mich überrascht. Dass ich ein Problem mit etwas hatte, das mich eigentlich leine zu sein. 26

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Ist das „Normale“ zu langweilig? Nee, überhaupt nicht. Ich habe mich nach den 24 Wild-Germany-Folgen bewusst für etwas Ultranormales entschieden und die Porträtreihe „Heimwärts mit ...“ gemacht. Für mein ers­ tes Buch, das im März erscheint, bin ich um den 20. April in eine Kleinstadt nach Namibia gefahren, wo angeblich noch Hitlers Geburtstag gefeiert werden soll. Die Mischung macht es eben. Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema: Was würden Sie Öffentlichkeitsarbeitern, die für ein ungewöhnliches oder sogar ein „Randgruppenthema“ PR machen, empfehlen, um Menschen dazu zu bringen, ihnen zuzuhören? Ich glaube, man macht andere nur dann neugierig, wenn man ihnen die Karten offen und bereitwillig auf den Tisch legt. Dazu gehört auch, nicht immer nur die positiven Dinge aufzuzählen, sondern ebenfalls mit Schattenseiten offen umzugehen. So wird die Geschichte gleich viel klarer. Wer wirklich hinter der Gruppe oder dem Projekt steht und es so vielschichtig wie möglich präsentiert, wird auch das Interesse der anderen wecken können. 

Manuel Möglich lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist und Autor. Mit der Reportagereihe Wild Germany, die von 2011 bis 2013 auf ZDFneo lief, wurde der studierte Medien- und Kulturwissenschaftler einem größeren Publikum bekannt. Bei ZDFneo folgten Möglichs Sendungen "Heimwärts mit..." und "Deutschland von außen".


ALS GROSSE PLÜSCHTIERE BEGEISTERUNGTITEL WECKEN

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Wie kommuniziert man für ein unbekanntes Thema? Wir hakten nach bei Franziska Irmer, Pressesprecherin des Vereins Sachsen Furs. Frau Irmer, was sind Furrys beziehungsweise wie erklären Sie, was Furrys sind? Franziska Irmer: Furrys sind Menschen, die sich für anthropomorphe, also menschenähnliche, Tierfiguren interessieren. Bekannte Beispiele für solche Tiere sind beispielsweise Disneys Robin Hood, Donald Duck oder Bugs Bunny. Furries begeistern sich für Kunst, Geschichten oder Kostüme (Fursuits) von diesen Tiercharakteren. Was fasziniert Sie persönlich an der Furry-Community? Mich persönlich fasziniert vor allem die künstlerische Vielfalt. Man findet Kunst in so vielen Stilrichtungen, aber auch Romane, Theaterstücke und Kostüme in allen Stilen und Arten – auch nach fast zehn Jahren als Furry sehe ich immer noch ständig Neues. Diese Kreativität bewundere ich. Außerdem treten wir gelegentlich bei Kinderveranstaltungen auf – die Begeisterung in den Augen von Kindern, die uns als große Plüschtiere sehen, springt schnell auf alle Beteiligten über und bringt ein Stück Freude in den manchmal so grauen Alltag. Begegnen Ihnen und Ihren Vereinsmitgliedern oft Vorurteile und wie gehen Sie damit um? Vorurteilen begegnen wir selten, da die meisten Leute einfach den Begriff Furry noch nie gehört haben. Die meisten Menschen sind sehr offen und interessiert, wenn sie die Bilder und Kostüme sehen. Vielleicht findet der eine oder andere es etwas verrückt, dass man für Fursuits oder Kunstgegenstände bis zu mehrere tausend Euro ausgeben kann – aber man kann wohl in jedes Hobby viel Geld investieren, wenn man das möchte.

In ihren Fursuits nicht wiederzuerkennen: Pressesprecherin Franziska Irmer als Möwe und der Vereinsvorsitzende Eyck Henke als Fuchs.

Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie für Ihren Verein nach außen tragen möchten? Ziel unseres Vereins ist die Förderung von Kunst und Kreativität, aber auch einfach das Zusammensein mit neuen und alten Freunden im Rahmen unserer Veranstaltungen. Wir möchten einfach unsere Begeisterung und Freude am Thema Furry mit anderen teilen. (jusch)

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In Deutschland werden dringend neue Unterkünfte für Asylbewerber gebraucht. Doch wo auch immer diese geplant werden, ist die Kritik der Anwohner laut. Über die Notwendigkeit von Transparenz und einer guten Kommunikation unter Nachbarn.

Nicht immer willkommen Text ANNE HÜNNINGHAUS

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uf den Diagrammen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge steigen die Kurven in ungeahnte Höhen. Das Jahr ist noch nicht zu Ende, doch bereits bis zum 31. Oktober hat das Bundesamt insgesamt 158.080 Asylanträge entgegengenommen. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Antragszahlen

Sommerfest in der Soorstraße: Auch die Nachbarschaft des Asylbewerberheims in Berlin-Charlottenburg war dazu eingeladen, die Bewohner kennenzulernen und sich am Buffet mit internationaler Küche zu bedienen.

damit dem Bundesamt zufolge um stolze 56,6 Prozent gestiegen. Der Großteil der Antragsteller flüchtet vor dem syrischen Bürgerkrieg. Bis Silvester werden circa 13.000 Flüchtlinge allein in Berlin einen Erstaufnahmeantrag gestellt haben. Alle diese Menschen brauchen eine Unterkunft, einen Rückzugsort. Doch diese sind knapp und wo immer neue Einrichtungen geplant werden, im näheren Umfeld herrscht meist große Skepsis vor. Eine planvolle Kommunikation ist für die Betreiber daher unverzichtbar. Manfred Nowak, Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin-Mitte, weiß um den hohen Stellenwert der Öffentlich34

keitsarbeit. „Wir müssen die Menschen vorbeTransparenz als Gegenmittel reiten, direkt und durch die Medien. Als BeVor anderthalb Jahren wurde im Berliner Betreiber haben wir die Aufgabe, den Asylbewerzirk Reinickendorf ein ehemaliges Pflegeheim bern eine bestmögliche Betreuung angedeihen in eine Flüchtlingseinrichtung umgewandelt, zu lassen.“ Dazu zähle auch, ihnen Kontakte das Marie-Schlei-Haus. Daraufhin bildete sich in die neue Nachbarschaft zu vermitteln, sie eine Bürgerinitiative, die vehement gegen den Neubezug protestierte. Nowak und seine Kolin der ungewohnten Umgebung willkommen zu heißen. „Wir wünschen uns, dass die legen luden deren Anhänger zu einer großen Nachbarn eine emotionale Beziehung zu den Informationsveranstaltung, richteten regelmäBewohnern unserer Häuser herstellen.“ Was ßige Sprechstunden ein und boten ihnen an, diese Zielsetzung erschwert, bestehende Einrichtungen der AWO zu besuchen, um sind unter anderem interkul"MIT INFORMATION UND turelle Hindernisse und die vor Ort zu sehen, wie ein solTRANSPARENZ KANN MAN hohe Fluktuation innerhalb cher Betrieb läuft. Mit Erfolg? der Erstaufnahmeeinrich„Die Angebote sind von vieIN DER NACHBARSCHAFT tungen. Zudem ist ein Großlen wahrgenommen worteil der Bewohner traumatiden, aber bei einigen waren VIEL ERREICHEN." siert, hat mit den Folgen von die Sorgen vor Kriminalität Krieg und Elend zu kämpfen. und sinkenden GrundstücksSechs Containerdörfer sollen innerhalb werten leider manifest.“ Grundsätzlich hat Nowak Verständnis dakurzer Zeit in Berlin errichtet werden, eines davon betreibt die AWO. Der Standort Berfür, dass in der Nachbarschaft anfangs auch lin-Buch bereitet Nowak besonderes KopfzerSorgen existieren. „Die Ängste der Anwohbrechen: „Da gibt es im Vorfeld bereits eine ner muss man als Betreiber ernst nehmen. sehr heftige Protestbewegung, die auf rechtsraDie Situation ist für sie neu und sie werden dikale politische Organisationen zurückführt. im Vorfeld leider nicht immer sachgerecht inAuch der Vorsitzende der NPD soll in unmitformiert." telbarer Nähe wohnen. Hier wird nun der VerEs habe eine Weile gedauert, aber inzwisuch unternommen, die Bürger, die verunsischen besuchten auch zahlreiche Nachbarn chert sind, zu instrumentalisieren.“ die Veranstaltungen im Marie-Schlei-Haus. Um die Willkommenskultur zu stärken, Zudem habe sich ein Netzwerk aus Organiwurde jüngst ein „Beirat für Zusammenhalt“ sationen und Einzelpersonen gebildet, das gegründet, eine Gruppe Berliner Polit-Persöndas Haus unterstützt – mit Vereinsmitgliedlichkeiten, die für Mitmenschlichkeit werben schaften für die Kinder oder ehrenamtlichem soll. Ihr gehören neben dem ehemaligen ReDeutschunterricht. „Bedenken haben sich bis auf wenige Ausnahmen zerstreut“, glaubt Nogierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) die Ex-Sozialsenatorinnen Ingrid wak. „Für uns ist das ein Positivbeispiel, der Stahmer (SPD) und Heidi Knake-Werner Beweis, dass man mit offenem Zugehen, Infor(Linke) sowie der ehemalige Justizsenator mation und Transparenz in der Nachbarschaft Wolfgang Wieland (Grüne) an. Ihre Aufgabe viel erreichen kann.“ Dennoch gebe es offensoll darin bestehen, Bürgersinn zu bündeln, die bar generell nach wie vor einen harten dogmaBerliner Hilfsgruppen zu unterstützen und bei tischen Kern. Dieser gelange besonders dann Konflikten zu vermitteln. Eine lange Agenda in den Mittelpunkt, wenn die Neueröffnung für vier Personen. eines Hauses an einem bestimmten Standort


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noch diskutiert werde und die geringe „Hoffnung“ bestehe, sie zu verhindern, sagt Nowak.

Der erste Kontakt Ende Mai zogen die ersten Flüchtlinge in ein Wohnheim des Betreibers Gierso mitten in Berlin Charlottenburg. Für ein Medienecho sorgten vor allem die abwehrenden Reaktionen vieler Anwohner. Inzwischen gilt das Wohnheim in der Soorstraße mit seinen 244 Bewohnern dank konstruktiver Gespräche mit den Nachbarn jedoch beinahe als Vorzeigeobjekt. Mitverantwortlich dafür ist Suada Dolovac. Ursprünglich hatte sie bei Gierso die Leitung der sozialen Dienste übernommen, ihre Zuständigkeit für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit stellte sich kurz darauf als unabdingbar heraus. Dolovac pflegt sowohl die Kontakte zu Politik und Ehrenamt als auch die zu den Anwohnern. Gierso hat in den vergangenen Jahren fünf Wohnheime in Berlin eröffnet, zwischen denen sie hin und her pendelt. „Meistens kommt die Eröffnung eines neuen Heims plötzlich. Die Geschäftsführung sucht eine Unterkunft und erst wenn die Verträge unterschrieben sind und alle Vorbereitungsmaßnahmen geklärt, heißt es dann für uns: In drei Wochen eröffnen wir“, so Dolovac. Ist dieser Satz ausgesprochen, startet sie mit ihrer Arbeit, informiert das Bezirksamt, die Schulen, das Gesundheitsamt. Wenn kleinere Umbauten gemacht und die Zimmer vorbereitet werden, gibt es meistens den ersten Kontakt mit den neuen Nachbarn. Viele sind neugierig und suchen das Gespräch, möchten wissen, was auf sie zukommt. „Wir haben Befürworter, aber natürlich auch Gegner. Diese lassen sich aber leider nicht blicken, suchen keinen Dialog.“

Bringen harte Fakten Einsicht? Direkte Nachbarn der neuen Unterkunft im Berliner Westend sind das Technische Hilfswerk und die Deutsche Rentenversicherung. Mit einem Schreiben vom Amt für Gesundheit und Soziales suchte Dolovac sie auf, warf auch Flugblätter in die Briefkästen der Privatpersonen in der Nachbarschaft. Kurz darauf tauchte in einem Café in unmittelbarer Nähe ein Aushang auf, in dem um Unterschriften gegen das Heim gebeten wurde. Dolovac kennt die Ängste, die in solchen Aktionen aus der Nachbarschaft anklingen: „Die klassischen ersten Aussagen sind: Unsere Immobilien verlieren an Wert, unsere Gegend wird beschmutzt, die Kriminalität wird ansteigen.“ Besonders ältere Leute seien oft skeptisch, aber auch Eltern kleiner Kinder, die darum fürchten, deren Entwicklung wer-

Der Spielplatz des Marie-Schlei-Hauses in Berlin-Reinickendorf: Heute spielen hier die Kinder aus dem Wohnheim zusammen mit denen aus der Nachbarschaft.

de durch die neuen Mitschüler gebremst. noch gelte: „Jeder der kommt, egal ob Freund Das einzige Mittel, solchen Reaktionen entoder Kritiker, bekommt Respekt und die Möggegenzuwirken ist Kommunikation. „Ich kann lichkeit, sich zu äußern.“ Das schönste Erfolgsschon verstehen, dass Menschen Ängste haerlebnis für die Leiterin der sozialen Dienste: Wenn sich dank des Austauschs ein Skeptiker ben. Ich würde mir nur wünschen, dass sie uns in einen ehrenamtlichen Helfer verwandelt. eine Chance geben, uns erst mal kennenzulerJa, es gibt sie, diese Geschichten, die traunen“, sagt Dolovac. Bevor sich die Unruhe ausbreitet, organirig beginnen und ein glückliches Ende finden. siert sie mit ihren Kollegen eine InfoveranAuch Manfred Nowak von der AWO kann eine staltung. In der Soorstraße besuchten diese solche erzählen. In unmittelbarer Nachbarrund 300 Menschen, die Befürworter waren schaft des Marie-Schlei-Hauses gebe es eine in der Überzahl. Mit dabei sind auch PoliWohnsiedlung mit einem Spielplatz. Die Kinzisten der Abteilung für Migration und Inteder aus dem Heim hätten kurz nach dessen gration. Sie präsentieren Statistiken: Was hat Gründung dort spielen wollen, doch die Ansich in der Umgebung geändert, seit die neuen wohner zogen den Zaun höher und sprachen Nachbarn da sind? Die Antwort ein Verbot aus. Das Marielautet meistens: Nichts – kein Schlei-Haus sammelte Spenden "LEIDER SUCHEN einziger Diebstahl oder Rauund finanzierte sich einen eigeUNSERE GEGNER NUR büberfall. Bringt die Gegner nen großen Spielplatz. Auch die der Heime diese Information Kinder der Nachbarschaft entSELTEN DEN DIALOG." zur Einsicht? „Jein“, antwortet deckten diesen für sich – heuDolovac. „Eine Zeit lang geben te toben sich dort alle gemeindie Kritiker Ruhe, aber dann bekommen wir sam aus. „Deren Eltern sehen das als positives Zeichen“, sagt Nowak. „Kinder wärmen eben doch wieder E-Mails und Briefe mit Beschwerdie Herzen.“ den und Anfragen.“ Auf jedes der Schreiben reagiere Gierso sofort. Auf eine ähnliche Entwicklung vermag NoOffene Türen wak im Falle des Containerdorfs in Buch noch Wichtiger als der schriftliche Kontakt ist aber nicht zu hoffen. „Da kommt einiges auf uns natürlich der persönliche, wenn Hürden einzu.“ Auch hier wird es ein organisiertes Kengerissen werden sollen. Einmal im Jahr gibt nenlernen mit den Nachbarn geben, sobald es für Bewohner, Nachbarn und Unterstützer die neuen Bewohner einziehen. Einen Tag ein großes Sommerfest in den Asylbewerberder offenen Tür, um die Einrichtung vorzuheimen. „Das Haus ist absolut transparent, unstellen. Doch in dem Heim in Berlins nördsere Türen stehen immer offen. Jeder kann eilichstem Ortsteil wird auf eine Großverannen Blick in die Küche oder die Gänge werfen, staltung verzichtet. Nowak seufzt. „Dort warins Gespräch mit den Bewohnern kommen“, nen davor auch unsere Befürworter, weil sie bekräftigt Suada Dolovac. Die meisten der Anbefürchten, dass rechte Gruppen diese stören könnten.“  wohner hielten sich nicht lang auf, werfen nur einen flüchtigen Blick in die Wohnheime. DenEI N GEPUTZTER KRONE NS AAL .

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Szenen einer Ehe Journalisten beobachten, bewerten und klären auf. Dazu brauchen sie Informationen aus den Unternehmen, über die sie berichten. Doch was wünschen sich Redakteure von Pressesprechern? Und wie groß ist das Vertrauen zwischen beiden Berufsgruppen? Eindrücke einer komplexen Beziehung. Text JEANNE WELLNITZ

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ie ist arg gebeutelt, die schreibende Zunft. Die Verlage bauen Stellen ab und die Kostensparprogramme fordern ihren Tribut. Die verbliebenen Redakteure sind gestresst, leiden unter Zeitnot und Abgabedruck, versinken in zusätzlichen Aufgaben, kämpfen mit ökonomischen und diplomatischen Zwängen. Und was ist mit den wichtigsten Eigenschaften von Journalisten Sorgfalt, Mut, Neugier, kritische Distanz? Oder Augenmaß, Misstrauen, Rückgrat und Verweigerung, wie Wolf Schneider es sich in seinem Essay „Wir Panikmacher“ wünschte. Diese sind bedeutend schwieriger zu leben unter immensem Zeit- und Leistungsdruck. Im Gegensatz zu den klammen Redaktionen rüstet die Unternehmenskommunikation offenbar auf. Der Zentralbereich Kommunikation von Evonik Industries, das neu gegründete Kommunikationszentrum Center of Expertise Communication des Energiekonzerns RWE oder der Newsroom des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sind nur einige Beispiele.

Der Sound der Unternehmen Auch die Aufgaben des Kommunikationsmanagers haben sich gewandelt, er ist längst nicht mehr nur einer, der mit der Presse spricht. Die neuen Medien haben die tradierte Position des Pressesprechers unterhöhlt. Der Brunswick-Report „Leaders in Communications 2014“ prognostiziert, dass der Kommunikator sich künftig zu einem Mindset-Manager entwickelt. Dieser schaffe sich seine Öffentlichkeit selbst und inspiriere andere, mit „vielfältigen Öffentlichkeiten zu kommunizieren“. Eine ganze Organisation könne so einen gemeinsamen „Sound produzieren“. Bleibt zu befürchten, dass dieser Sound durch die Newsrooms in Unternehmen sehr laut wird; ein Big-Band-Konzert im Gegensatz zu den verhältnismäßig zarten Tönen, die aus den ausgedünnten Redaktionen erklingen. Für die Unternehmenskommunikation ist das vorteilhaft. Sie kann so ihre Themen leichter lancieren und zügig mit eigener „Berichterstattung“ reagieren. Aber die Entwicklung ist auch für die Redaktionen nicht durchweg negativ: Die Professionalität, Schnelligkeit und das aufbereitete Hintergrundwissen können Journalisten auch Unterstützung im hektischen Alltag bieten. 42


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Nah und fern zugleich Die große Herausforderung an die Journalisten-Pressesprecher-Beziehung sei die „Dialektik der Nähe“, sagt Christoph Hardt. Er kennt beide Seiten, denn er war selbst lange Zeit beim „Handelsblatt“, zuletzt als Leiter des Ressorts Unternehmen + Märkte. Als Journalist geht es Hardt zufolge darum, einerseits eine vertrauensvolle Beziehung zu Gesprächspartnern in den etablierten Unternehmen zu schaffen, und andererseits diese Nähe nicht zu einer Interessenverbindung werden zu lassen. Viele Journalisten können diese Verbindung jedoch gar nicht in „Es wird immer klarer, dass eine auf die klassische Printredaktion ausgevollem Ausmaß herstellen. Ihnen fehlt schlicht die Zeit, den Unternehmen wirklich nahe zukommen, so dass sie sich oftmals mit oberflächrichtete Pressearbeit nicht mehr ausreicht“, sagt Christoph Hardt, Geschäftsführer Kommunikation des GDV. „Wenn ein Unternehmen am licher Recherche abfinden müssen. Ein umfassender Blick hinter die Abend um 17 Uhr ihr durch sieben Korrekturschleifen gelaufenes StateUnternehmenskulissen ist ohnehin kaum möglich. Pressekonferenzen oder Besuche der Vorstandbüros stellen naturgemäß kaum die gesamte ment abgibt, kommt es nicht in die Medien.“ Je mehr Schleifen Texte Wirtschaftswirklichkeit dar, liefern höchstens einen punktuellen Eindrehen, desto dominanter schimmert natürlich die Vorsicht durch sie hindurch. „Diese Vermeidungsstrategien sind gerade das, was Journablick. Doch was ist schon die Wirklichkeit, bringt doch jeder Journalist seine eigene Persönlichkeit und Wahrnehmung in seine Arbeit ein. Melisten nicht haben wollen“, sagt Hardt. „Insofern müssen Unternehmen generell umlernen, wenn sie die Kommunikationspolitik verändern dienwissenschaftler Bernhard Pörksen nannte „korrekte Realitätsabbil­wollen.“ Für den Verband heißt dies konkret: Die Kommunikationsabdung und Objektivität“ bereits 2012 in einem Interview mit „Brandeins“ teilung wird aufgestockt und „einigermaßen furchtein­ ein Newsroom sorgt dafür, flößende Großbegriffe“. Der dass Verbandsthemen reBeruf verlange dem Journalisten im Grunde Unmögdaktionell gesteuert und Anfragen schneller und multiliches ab: Er ist der Wahr„Pressesprecher werden nicht dafür medial beantwortet werden. heit verpflichtet, soll unabbezahlt, als frei schwebende Künstler über Der Newsroom ruft nahängig sein von einer Welt, den Dingen zu stehen. (…) So wenig es die türlich auch viele Kritiker deren Teil er ist, gleichzeitig auf den Plan. Journalisten für seinen Verlag Gewinn Reinheit im Journalismus gibt, so wenig einbringen und – nicht zu befürchten flutartige Beeingibt es die Reinheit in der Kommunikation“, flussung. Hardt wiegelt ab: unterschätzen – der Gelautet Anton Hungers Urteil. „Die Kritik kann ich nicht sellschaft unter Höchstnachvollziehen. Es gibt augeschwindigkeit Orientierung bieten. Das könne nur ßerdem bereits unzählige in „Selbstüberhöhung“ envirtuelle Newsrooms in Unden, sagt Pörksen. ternehmen. Uns ermöglicht ein solcher schnelle und transparente Kommunikation, da wir jourAndersherum können Pressesprecher dem Kolumnisten Anton Hunnalistische Prozesse in unsere tägliche Arbeit integriert haben. Früger zufolge gar nicht leisten, was sich Journalisten von ihnen wünschen. „Pressesprecher werden nicht dafür bezahlt, als frei schwebende Künsther war die Kommunikation eher reaktiv, heute wollen wir gute Beiler über den Dingen zu stehen. (…) So wenig es die Reinheit im Jourträge produzieren.“ nalismus gibt, so wenig gibt es die Reinheit in der Kommunikation“, Diese Form der Themenstreuung braucht Redakteure, die Zeit für Relautet sein Urteil. Außerdem gebe es leider auch genug Fälle, in denen cherche haben, Faktenchecks und Quellenverifikation durchführen und Verlage Schleichwerbung dulden oder redaktionelle Inhalte verkaufen die Herkunft der Information kennzeichnen. Wenn Unternehmen jour– und damit die Glaubwürdigkeit des Journalismus’ schwächen. Hunnalistische Informationen bereitstellen, muss klar sein, von wem die Botger räumt jedoch ein, das betreffe eine „Schmuddelszene“, die dann auch schaften kommen. Hardt versichert: „Es liegt uns völlig fern, unsere Botschaften zu verschleiern. Natürlich stehen wir dazu, dass wir unsere Innur „Dumpfbacken des PR-Gewerbes anlockt“. Außerhalb dieser Szene ist das Vertrauen der Wirtschaftsjournalisten teressen vertreten.“ Dennoch: Die Kompetenzbereiche vermischen sich. Wachsende Pressestellen bedeuteten noch lange nicht, dass sich die in die Pressesprecher in den vergangenen Jahren von 68 Prozent auf 85 Prozent gewachsen. Das ergaben zumindest die „Journalisten-Trends“ Machtverhältnisse zwischen Journalisten und Kommunikatoren ver(2010). Die vier Redaktionen, die das Magazin pressesprecher dazu anschieben, konstatiert Anton Hunger in seiner Kolumnensammlung fragte, hatten durchweg „leider keine Zeit“ für ein Gespräch. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ (2014). Dass sich die Kommunikationsabteilungen vergrößerten, schreibt Hunger, liege an den Aufgaben, die hinzukämen. Der ehemalige Journalist und Kommunikationschef von Porsche beleuchtet in seinen Kommentaren die „vertrackte Beziehung“ von Journalisten und PRlern äußerst pointiert, „manchmal philosophierend, zuweilen jonglierend“.

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PRAXIS

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Zeitnot – eine der größten Herausforderungen im Journalisten-Alltag. „Viele Redakteure können nicht in die Tiefe recherchieren, weil es schnell gehen muss“, sagt Jörg Howe, Head of Global Communications bei Daimler. „Sie nehmen sich wenig Zeit für ihre Nachfragen in Unternehmen und Auskünfte müssen sofort gegeben werden.“ Der ehemalige „Handelsblatt“-Journalist Christoph Hardt wundert sich, wie selten sich Medienvertreter beim GDV melden, wenn sie kritische Geschichten über die Versicherungsbranche schreiben. „Es kann auch sein, dass die Kollegen uns bewusst nicht befragen“, räumt er ein.

„Bitte um Antwort bis 15 Uhr“ Der Dialog zwischen Kommunikationsabteilung und Journalisten ist schwieriger geworden. Es wird weniger miteinander gesprochen, seltener zum Hörer gegriffen. Viel eher wird schriftlich angefragt, und auch schriftlich – also kalt – geantwortet. Zur Mail gebe es häufig zeitliche Ultimaten, erzählt Hardt. Diese zu setzen habe sich gerade in Investigativteams breit gemacht. Dabei sei das gar nicht notwendig, schließlich werde er dafür bezahlt, möglichst schnell, gut und multimedial zu antworten. Peinlich werde es außerdem, wenn die Ultimaten gar nicht so ultimativ sind. „Wenn es wirklich um Krieg und Frieden geht“, sagt Hardt, „kann derjenige gerne anrufen und mich um eine sofortige Antwort bitten.“ Für Daimler-Kommunikationschef Jörg Howe ist die Zusammenarbeit mit Nachrichtenagenturen und Online-Medien am schwierigsten. „Die Onliner setzen Trends und eine Geschichte, die online lief und Mist war, kriegt man nicht mehr eingefangen.“ Das Problem mit Agenturjournalisten sei, dass Meldungen „irre schnell auf den Draht gehen“. Wenn jedoch etwas schiefliefe sei keiner bereit, Korrekturmeldungen zu verschicken. „Erfahrene Redakteure bei Reuters oder Dow Jones formulieren so, dass das rechtlich nicht anstößig ist. Es gibt aber solche, die hauen irgendwelche Sätze heraus, die kapitalmarktrelevant für ein börsennotiertes Unternehmen oder rufschädigend sind“, sagt Howe. Seine Kommunikationsabteilung habe sich strukturell und mental auf ­diese Schnelligkeit eingestellt. Und wenn Redakteure der „Bild“-Zeitung anfragen, werde Howe sofort informiert. „Einige Journalisten betreue ich selbst“, sagt er. „Es ist ein relativ offener Umgang. Wir reden auch über Themen, die nicht sofort veröffentlicht werden. Mit Journalisten im Off zu sprechen, ist zunehmend schwieriger, weil Regeln, die früher selbstverständlich waren, heute nicht mehr eingehalten werden.“

Wie groß ist das Vertrauen? Wie in jeder Beziehung ist Vertrauen etwas, das sich entwickelt und von guten Erfahrungen lebt. In der Zusammenarbeit kann man immer nur im Einzelfall entscheiden, auf wen man sich ein- und verlassen kann. Man müsse die Journalisten lange kennen, sagt Howe. Natürlich frage man auch Kollegen nach guten oder schlechten Erfahrungen, damit man grob wisse, mit wem man es zutun habe. Wurde Vertrauen verspielt, ist die Zusammenarbeit geschwächt. „Der Grad der Auskunftsmöglichkeit von Leuten, mit denen ich schlechte Erfahrungen gemacht habe, beschränkt sich aufs Nötigste“, sagt Howe. Sein Team beantworte aber alle Anfragen, immer. Er habe schon herbe Enttäuschungen erlebt: Redakteure, die sich nicht an Ansprachen hielten, schwach recherchierten, Fragen nachschärften. Als der „Focus“ 2010 die Meldung brachte, dass Daimler-Vorstandsmitglied Wolfgang ­Bernhard den Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche ablösen würde, hätte Howe dem verantwortlichen Redakteur zuvor lang und breit erklärt, dass dies eine Falschmeldung sei. „Ich habe das Dementi angekündigt, ihm gesagt, er verbrenne sich die Finger“, erinnert er sich. Samstag um fünf Uhr früh erschien die 44

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Meldung online. Eine schwierige Zeit, um sofort Stellung zu beziehen. Howe ließ den Samstag Samstag sein, verschickte eine Pressemitteilung, rief Agenturen und seinen Medienanwalt an. Die Redaktion musste ihren Artikel korrigieren und willigte ein, jegliche Behauptungen in diesem Zusammenhang zu unterlassen. „Sie standen nicht zu ihrer Geschichte“, sagt Howe.

Gute PR, schlechte PR Das zeigt, gute PR braucht guten Journalismus und guter Journalismus braucht gute PR. Viele Journalisten sehen in Pressesprechern „schlicht Nebelkerzenwerfer, Wahrheitsverhinderer oder gar Lügner“, schreibt Anton Hunger im Vorwort zu seinen Kolumnen. Oder auch einfach Zeiträuber, die mit aller Macht versuchen, ihre Geschichten in die Medien zu bringen. Einige Agenturvertreter und Kommunikationsverantwortliche aus Unternehmen wollen den Redaktionen helfend zur Seite springen, wie sie es oft gern formulieren: etwa bei der Themenfindung, (Ich habe da ein spannendes Thema für Sie. Das würde wunderbar in die nächste Ausgabe passen. Mein Chef ist wirklich Profi auf diesem Gebiet) oder sie helfen dem Redakteur auf die


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Sprünge, wie verbunden sie mit dem Hause sind (Aber wir sind doch schon Anzeigenkunde bei Ihnen. Wir haben nun auch schon xy bei Ihnen gesponsert, was muss man denn tun, um ins Heft zu kommen?), nehmen Kontakt zum Chefredakteur oder Verleger auf, um ihn an die Dringlichkeit der Geschichte zu erinnern oder „erleichtern“ gestressten Journalisten gerne die Arbeit. (Falls Sie keine Zeit haben, kann ich das Interview auch gerne selbst schreiben, ­inklusive der Fragen. Also wir stellen uns Folgendes vor…).

Der Journalist, ein suspektes Wesen? Ist also Aufpassen angesagt? Wie immer im Leben: Die Balance, das Maß, ist entscheidend. Christoph Hardt sagt, der Umgang mit Journalisten müsse nicht so verkrampft sein. In den Kommunikationsabteilungen hätten die Sprecher oft eine herausgehobene Position gegenüber den anderen Kommunikatoren, nur weil sie „exklusiven Zugang zur geheimnisvollen Kaste der Journalisten“ hätten. Das sei eine unnötige „Pseudodistanz“, überhöhter Respekt völlig fehl am Platz. Die Angstkultur in einigen Kommunikationsabteilungen kommt Hardt zufolge hauptsächlich daher, dass in den großen Unternehmen keine Fehler gemacht werden dürfen, wenn man die Karriereleiter hinauf will. Sie werde am deutlichsten bei den Korrekturschleifen, die ein Zitat in einem Unternehmen nehmen kann. „Ich weiß doch, welche kleine Zuspitzung ein Journalist mitunter für seine Geschichte braucht“, erklärt Hardt. „Aussagen, die wir als erfahrene Journalisten in Antworten extra herausgekitzelt haben, werden oft intern abgelehnt. Daraus resultiert, dass das Statement von den Journalisten gar nicht erst genommen wird.“

Heutzutage gibt es wohl kein Interview mehr, das ohne Autorisierung gedruckt wird. Um Falschverstandenes richtigzustellen und Fakten zu überprüfen ist eine Autorisierung sicherlich sinnvoll, doch einige Kommunikatoren entdecken dabei häufig ihre Berufung als Lektor. Schnell werden Grenzen überschritten, oft auch lautstark am Telefon und unter mehrfacher Anzweiflung, ob der Journalist seinen Job beherrsche. Natürlich gibt es auch hier schwarze Schafe. Howe ist, was die Autorisierung von Zitaten betrifft, sehr auf der Hut. „Journalisten schreiben ständig etwas dazu. Für mich ist das immer eine ganz klare Ansage, dass ich die Zitate sehen will. Ich sage es immer vorher. Ich habe schon viel zu viel Mist erlebt: Bezüge, die herausgenommen wurden, Fragen, die derart nachgeschärft wurden, dass die Antworten nicht mehr passten oder wichtige Adjektive, die ­einfach gelöscht wurden.“ Das Auf und Ab der Journalisten-Pressesprecher-Beziehung lässt sich natürlich nur annähernd beschreiben, in subjektiven Aus­schnitten festhalten. Letztlich geht es um das grundsätzliche Miteinander unter Menschen und die sind per se wankelmütig, unterschiedlich, verletzlich, übermütig, schüchtern, souverän, laut oder leise. Anton Hunger findet in seinem Vorwort versöhnliche Worte für die die „lustvoll gepflegte Gegnerschaft“ zwischen Journalisten und ­Unternehmenssprechern. Sie fördere das Selbstverständnis der jeweiligen Profession. Und diejenigen, die auf Nummer sicher gehen wollen, können den Journalisten auch einfach gar nichts mehr sagen und nur noch ­GIF-Interviews geben. Darin sprechen lautlose Videosequenzen statt geschriebener Antworten für sich.  

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Ihr GK Team bedankt sich herzlich für die vielen interessanten Begegnungen und guten Gespräche in 2014. Wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches, erfolgreiches Neues Jahr.

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Kraftstoffverbrauch in l/100 km: kombiniert 7,4–6,9; CO2-Emissionen in g/km: kombiniert 171–159.


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