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Warum gibt es in Deutschland 1,5 Millionen Stotterer?

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Warum gibt es in Deutschland 1,5 Millionen Stotterer?

Oskar Hausdรถrfer


Das vorliegende Buch ist eine Bearbeitung des Buches Hausdörfer, Oskar: „Warum gibt es in Deutschland 1,5 Millionen Stotterer?“, 1938 Für diese Reproduktion wurde das Originalexemplar von Erwin Richter aus Lübbenau, benutzt. 2. Auflage, 50 © 1999 - 2012 Hausdörfer-Institut Für Natürliches Sprechen Tel.: 02871 2392254 info@hausdorfer.de www.hausdorfer.de


1,5 Millionen Stotterer nur allein in Deutschland! Warum? Weil kein Mensch weiß, weshalb er normal Spricht. Nach 50 jähriger Arbeit das Sprechgesetz restlos erforscht. Die Ursache des Stotterns ist die bisher grundfalsche Physiologie des Sprechens.

Oskar Hausdörfer (1864 – 1951) Breslau


Inhalt 1. HAUPTTEIL ................................................................................................................................. 12 1.Befreiung vom Stottern................................................................................................................... 12 Das Sprechgesetz...................................................................................................................... 12 Gef체hlsbek채mpfung und Ruhe..................................................................................................15 2. HAUPTTEIL ................................................................................................................................. 21 2.Schule und Stottern..........................................................................................................................21 3. HAUPTTEIL ................................................................................................................................. 27 3.Staatliche Anstalten......................................................................................................................... 27 4.Schlusswort......................................................................................................................................28 5.Nachwort......................................................................................................................................... 29


Nichts ist gut, das nicht natürlich ist. Schiller

Dem Andenken meines Sohnes Herbert Hausdörfer, Dr. med. Et phil. Facharzt für Nerven- und Gemütsleiden gewidmet.

1938 Nachdruck verboten! Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Urheberrechtsschutz in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Copyright 1938 by Oskar Hausdörfer, Breslau. Druck: NS-Druckerei, Breslau 2.


Vorwort Meine Lehre über Beseitigung und Verhütung des Stotterns, die ich, selbst früher ein schwerer Stotterer, in bald 50-jähriger Forschungsarbeit als Leiter einer Anstalt für Stotterer entwickelt und nunmehr bis ins letzte ausgear beitet habe, habe ich in meinem Buch "Durch Nacht zum Licht" ausführlich dargelegt. Dieses Buch ist aber seiner Anlage und seinem Zwecke nach für den Stotterer be stimmt, um ihm zur Beseitigung seines Übels zu verhelfen. Mir liegt nun daran, das Interesse weiterer Kreise zu erwecken und vor allem - zum Besten der Leidenden, die mich immer wieder dazu drängen - darauf hinzuwirken, dass Staatliche Anstalten zur Befreiung der Stotterer von ihrem Leiden und zur Ausbildung von Ärzten und Lehrern in meiner einzig natürlichen Behandlungsmethode geschaffen werden, und dass durch eine richtige Gestal tung des Schulunterrichtes das Entstehen des Leidens von vornherein verhütet wird, was nach meinen Anweisungen durchaus möglich ist. Dass es sich hierbei um eine Frage von größter kultureller und völkischer Bedeu tung handelt, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass in Deutschland etwa 1,5 Millionen Stotterer vorhanden sind, die ihre meist über dem Durchschnitt liegenden Fähigkeiten wegen ihres Übels nicht voll der Volksge meinschaft zur Verfügung stellen können. Ursprünglich hatte ich meine Hoffnung auf meinen einzigen Sohn gesetzt, der zuerst Landwirtschaft studierte und sein Studium mit dem Dr. phil. abschloss, jedoch dann mir und meinen Werke zuliebe noch Medizin studierte, um Facharzt für Psychiatrie und Neurologie zu werden, obgleich er sich im Kriege ein schweres Nierenleiden zugezo-gen hatte. Er ging von der Ansicht aus, als Spezia larzt für Nerven - und Gemütsleiden viel leichter mit meiner Lehre durch dringen zu können. Nachdem er über 6 Jahre als Assistent an der Univer sitäts-Nervenkli nik zu Breslau gearbeitet hatte und dann etwa 8 Wochen in eigener Praxis tätig gewesen war, starb er ganz plötzlich an seinen Nierenlei den. Durch diesen Schwe ren Schicksalsschlag hatte ich nicht nur meinen Sohn, sondern auch den einzigen Menschen verloren, der mein Werk fortsetzen sollte, indem er die allgemei ne Anwendung meiner Lehre durchsetzte und dadurch die Welt von der Geißel des Stotterns befreite. Infolgedessen bin ich nunmehr gezwungen, um dieses Ziel zu errei chen, den oben erwähnten anderen Weg einzuschlagen. So habe ich den wesentlichen Gehalt meiner Lehre in dieser Schrift allgemein verständlich und knapp zusammengefasst, dabei zugleich die seit dem Erscheinen des Buches "Durch Nacht zum Licht" erzielten neuen Ergebnisse meiner Forschungen eingearbeitet. Möge das Buch die Erreichung meines Lebenszieles fördern. Aus meiner Erkenntnis des Richtigen muss ich selbstverständlich auch in diesem Buche die anderen Methoden kritisieren und bekämpfen. Deshalb bemerke ich ein- für allemal: ich kämpfe nie gegen andere Sprechlehrer, sondern stets nur für den armen Stotterer, und wo ich die Sprechlehrer notge drungen angreife, greife ich nicht ihre Person, sondern stets ihre Lehren an, die ich - wohlgemerkt von meinem Standpunkte aus, nach meiner Erfahrung und Über zeugung - nicht für nützlich, sondern für schädlich halten muss. Das bitte ich, sich jederzeit gegenwärtig zu halten. Ich habe davon Abstand genommen, Dank- und Anerkennungsschreiben von Ärzten, Lehrern usw., die mir in größter Fülle zur Verfügung stehen und Interessenten jederzeit vorgelegt werden können, zum Abdruck zu bringen. Meine Ausführungen müssen selbst die Richtigkeit meiner neuen, natürlichen Lehre beweisen. Ebenso verzichte ich auf die Angabe der Literatur über Stot tern, die ich gelesen habe; diese ist auf der falschen Physiologie des Sprechens aufgebaut, so dass die Ergebnisse falsch sein müssen, wie meine Ausführungen klar und überzeugend beweisen werden. Breslau, im September 1938.

Oskar Hausdörfer


Einleitung Wie viele Menschen - Wissenschaftler und Stotterer - haben seit unendli chen Jahren das Problem dieses Leidens zu erforschen gesucht, und alle sind gestorben, ohne auch nur etwas Licht in das Dunkel gebracht zu haben. Prof. Kussmaul - Straßburg stellt in einem Werke "Die Störungen der Sprache" die Behauptung auf, dass sie alle in der Heil-Behandlung von Stotterern seit etwa 2000 Jahren keine Fortschritte gemacht haben. Was aber machte die Lösung so vieler Rätsel hier unmöglich? - Von jeher ging jeder Forschende, jeder Leidende von falschen Voraussetzungen, von den äußerlich sichtbaren Folgeerscheinungen aus. - Das Sprechgesetz, nach welchem sich die eigentli che Funktion des Sprechens vollzieht, war unerforscht. Das Sprechgesetz nicht wissen, bedeutet aber auch: nicht wissen, warum man normal spricht - was für ein Gesetz der Normalsprechende unbewusst befolgt. Es bedeutet, nicht zu wissen, gegen welche Regeln der sogenannte Stotterer zwangsmäßig verstößt. Nur die Erkenntnis und Kenntnis des Sprechgesetzes war erste und letzte Voraussetzung zur Erforschung dieses Leidens. Nachdem es mir gelungen war, das Sprechgesetz zu erforschen, ist die bisherige Physio logie des Sprechens total zertrümmert; auch nicht ein Atom ist davon übriggeblie ben. Ich musste feststellen, dass alles, was bisher über Sprache und Sprechen gelehrt wurde, grundfalsch war, Phantasiegebilde, welche sofort verschwanden, als ich die normale Physiologie des Sprechens erforschte. Als ich darüber absolute Klarheit erlangte, zerbrach auch die bis zum heutigen Tage herrschende Auffas sung über das sogenannte Stottern. Auch von dieser blieb nicht ein Atom übrig. Das Sprechübel, das in ewige Nacht gehüllt schien, ist infolge meiner Erfor schung nun ins schärfste Licht gerückt worden. Das bedeutet, dass das Sprechübel bei Beginn leicht zu verhüten und zu beseitigen ist, die sogenannten Stotterer aber von ihrem Leiden vollständig zu befreien sind. Was ich als ehemaliger schwerer Stotterer als meines Lebens Aufgabe erkannte und zugleich als dringende Kulturaufgabe empfunden habe, dieses Leiden zu erforschen, das sehe ich heute nach fast fünfzigjähriger fanatischer Arbeit - mit nahezu 75 Jahren - erfüllt. A.O. Paul, Leipzig, schrieb: "Laut statistischer Erhebungen gibt es im Deutschen Reich ungefähr 100000 Schulkinder, die an Stottern leiden, und etwa drei Prozent aller Bewohner Deutschlands stottern, das sind 1800000". - eine ungeheure Zahl; und wie viel mag es auf der ganzen Erde geben? - Weder in Deutschland noch in den anderen Ländern gibt es für diese Leidenden eine staatliche Anstalt. Das erklärt sich so: Stotterer sind verschämte Arme; sie sagen nichts, sie schreien nicht, sie schämen sich ihres Leidens und gehen dem Sprechen möglichst aus dem Wege. Man hört und sieht wenig von ihnen. Sie rufen nicht öffentlich nach Hilfe, aber nach einer staatlichen Anstalt sehnen sie sich alle. Und in der Tat würde erst durch solche Anstalten mein Lebenswerk zu seiner vollen Auswirkung kommen und die Möglichkeit geboten werden, dieses furchtbare Leiden völlig und endgültig auszurotten und für alle Zeiten zu verhüten. Die Mitmenschen jedoch lachen und sagen: "für Stotterer Anstalten? - Stotterer: unglückliche Menschen?" Man lacht, man lacht wirklich, und doch, wer weiß es, durch was für Tantalusqualen sie gehen müssen! Alle diese sogenannten Stotterer haben keinen Sprach- oder Sprechfehler, sie können alle vorzüglich sprechen, wenn sie für sich allein sind, und zu 90 Prozent, wenn sie viel Alkohol getrunken haben. Ebenso können sie tadellos singen, sogar in Gegenwart vieler Men schen. Sowie aber diese Unglücklichen in Gegenwart von Menschen sprechen wollen, ist die Durchführung der normalen Sprech weise gehemmt; dann können sie entweder gar nichts oder nur sehr stockend spre chen, meist nur unter Gesichter schneiden und oft genug mit Gliederverrenkun gen. Darüber sind sie unglücklich und verzweifelt und müssen es immer wieder erfahren, dass ihr Leiden nicht das Herz bewegt, sondern die Lachmuskeln reizt, sie also mit ihrem Übel nur zur Heiterkeit anderer beitragen. Kein Normalsprechender ist imstande, sich in die Qualen und in das furchtbare Gefühls- und Gedankenleben dieser Menschen zu versetzen, sogar die eigenen Angehöri gen nicht. Das Leiden bewegt sich in einer der menschli chen Erkenntnis unzugänglichen und daher sich ihr völlig entziehenden Sphäre. Das Seelenleben jedes einzelnen Stotte rers ist ein dem Auge der Welt entrücktes, düsteres Drama, welches eine Kette fortge setzter, unendlicher Leiden, Demü tigungen und ausgestandener Schmach bildet. Ein Leiden, das es unmöglich macht, normal zu sprechen, uns


als letzte Qual andere zum Lachen zwingt, somit immer den Stempel der Lächerlichkeit trägt, ist teuflischer Art. Das weiß niemand besser zu bezeugen als der Stotterer. Es ist keine seltene Erscheinung, dass Stotterer, die keine Möglichkeit sehen, aus den Krallen des sie beherrschen den Vampirs zu entrinnen, in ihrer Verzweiflung den Tod suchen. Manchen hat nur religiöses Fühlen oder der Gedanke an Angehörige vor solchem Schritt bewahrt. Kindheit und Jugend schon werden getrübt durch das beginnende, sich in umheimlicher Weise weiter entwickelnde Leiden. Manche Hoffnung natürlicher und geistiger Befähigung wird dadurch mit unerbittlicher Grausamkeit zerstört, und schöne Anlagen des Charakters werden frühzeitig vernichtet. Aber das ist nicht genug, immer ist der Stotterer Gegenstand übler Witzemacherei im Zirkus, im Theater, im Varieté, bei der Volksbelustigung. England hat seit langem eine Bestimmung, nach der diese Gefühlsrohheit bestraft wird. Ich erhoffe mir, dass auch wir hier nicht lange mehr zurückstehen. Schon in den Schuljahren spielt das Leiden eine verhängnisvolle Rolle. Es bringt den armen Kindern Spott und Hohn seitens ihrer dem Leiden verständnis los und herzlos gegenüberstehen den. Mitschüler und leider auch so mancher Lehrer, und wenige machen sich klar, was jetzt schon die jungen Seelen zu leiden haben, wie sie vergiftet werden. Es ist kein Wunder, wenn das Gemüt verdüstert und der Charakter immer verschlossener wird. Und nun denke man sich den heranwachsenden Sprechleidenden vor der Berufs wahl. Welche entsetzliche Hemmung bedeutet hier wiederum das Leiden! Immer nur die Unmöglichkeit vor Augen, je seines Lebens Ziele erreichen zu können. Das Leiden macht ihn in der Regel nicht nur untauglich für den Heeres dienst und die Beamtenlauf bahn, sondern auch für die meisten anderen Berufe. Wer vermag zu ermessen, was in der Seele eines sogenannten Stotterers, dem bei allem leidenschaftlichen Willen in dämonischer Weise die Hände geistig gebunden sind, vorgeht? Je mehr sich der Leidende aber gegen das ihm auf gebürdete Joch aufbäumt, desto mehr unterliegt er demselben: wie ein schlei chendes Gift legt es seine seelischen Kräfte lahm, bis er resigniert, und durch den ungleichen Kampf aufgerieben, sich in sein furchtbares Schicksal, in seine unheilvolle Bestimmung ergibt: auf den Platz verzichten zu müssen, an dem er nach seinen Fähigkeiten im Dienste der Allgemeinheit am meisten leisten könnte. Es ist zur Genüge bekannt, dass gerade der Stotterer meist einen höheren Grad von Fähigkeiten besitzt, dass seine Begabung über dem allgemeinen Durchschnitt liegt. Es ist daher an sich unverständlich, dass Staat und Allgemein heit bisher keinerlei Interesse an diesen armen Leiden den gezeigt haben. Gerade heute aber, wo durch das Werk des Führers die Arbeitslosen verschwunden sind, und die Erfüllung des Vierjahresplanes alle Kräfte beansprucht, können wir uns weniger denn je den Luxus erlauben, Men schenkraft zu vergeuden. Da es in Deutschland ungefähr 1,5 Millionen sogenannter Stotterer gibt, würde sich längeres Warten verhängnisvoll auswirken und dazu beitragen, dass uns bald für den Wiederauf bau unseres deutschen Wirtschaftslebens nicht mehr genügend Kräfte zur Verfügung stehen. Es ist daher dringende und ernsteste Forderung, die Hei lungsmöglichkeit vor allem unserer jugendlichen Stotterer nicht wie bisher von den Geldmitteln ihrer Eltern abhängig sein zu lassen. Diese unheilvolle Abhängig keit, der jede innere, vernunftgemäße Beziehung fehlt, kann nur dadurch beseitigt werden, dass nach meinen Weisungen eine Staatliche Anstalt errichtet und so der Weg freigemacht wird für die Heilung dieser wertvollen Kräfte im Dienste der Volksgemeinschaft. Und alle Leidenden werden imstande sein, der Volksgemeinschaft die Mittel und Kräfte, die für sie damit aufgewendet wurden, mit bedeutenden Überschüssen zurückzugeben. Nichts ist gut, das nicht natürlich ist - möchte ich antworten auf alle Einwendungen, dass wir doch Ärzte genug - auch Heilmethoden genug für die Stotterer haben. Darauf gehe ich im einzelnen später ein. All diesen Methoden, die teils Ablenkungsverfahren sind und oft gar in sinnloser Weise Worte, Buchsta ben, Mundstellungen, gerade das Aller schädlichste für den Leidenden, üben und üben lassen und ihn nur noch immer tiefer in sein Verhängnis und seine Ver zweiflung treiben (wie Tausende von Briefen beweisen), fehlte bisher die unerlässliche Basis - die Richtlinie erfolgreicher Arbeit, nämlich die Kenntnis des Sprechgesetzes, nach welchem sich die Sprechfunktion normal


vollzieht. Und dass das Einfachste und Natürlichste oft am schwersten zu erforschen ist, beweist sich auch hier. Auch ich habe ja nahezu fünfzig lange Lebensjahre daran gearbeitet. Wie kam ich zu meinen Forschungen auf dem Gebiete des Stotterns? Ich selbst war ein sehr schwerer Stotterer. In meiner Familie ist die Veranlagung zu diesem Übel seit Generationen erblich. Mein Großvater, Vater, mein älterer Bruder, ich und meine drei Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen waren Stotterer. Ich bin nicht nur vielfach ohne Erfolg unterrichtet und behandelt worden, sondern immer trat nachträglich noch eine Verschlimmerung ein. Der letzte Versuch zur Befreiung von diesem Übel war der achtwöchige Besuch einer Anstalt in Hannover. Schwerer stotternd denn je zuvor, in entsetzlicher seeli scher Verfassung, kam ich zurück (Ich hatte Schüler, welche bis 12 Anstalten erfolglos besucht hatten). Ich schloss mich nun ein Jahr von aller Welt ab, übte von früh bis spät, auch vor dem Spiegel, das Atmen, die Mundstellungen, um die Buchstaben und Worte sprechen zu lernen, die ich in Gegenwart von Menschen nicht herausbrachte, bei denen ich also stotterte. Wenn ich allein war, kamen aber nie Störungen beim Sprechen vor und beim Singen in Gegen wart vieler Menschen auch nicht. Es ist dies das Übliche bei jedem Stotterer. - Ist es nicht unbegreiflich, dass bisher niemand dieses große Rätsel lösen konnte? Die Erklärung dafür ist, dass das sogenannte Stottern irrtümlicherwei se von allen Seiten als Sprechfehler angesehen wurde, obwohl es in Wahrheit eine Abnor mität unter den Psycho-Neurosen darstellt. Dieses Leiden hat keine Parallele, wie ich beweisen werde. Meine weiteren Ausführungen darüber werden vollständige Klarheit bringen zum Wohle der Unglücklichen, zu deren Befreiung ich den Weg weise, und zum Wohle der ganzen Menschheit, die durch das Ergebnis meiner Forschung in die Lage gesetzt wird, das Übel zu verhüten, was bisher eine Unmöglichkeit war. Die Wissenschaftler geben oft zu, dass die Sprechfunktion noch nicht erforscht und das Stotterübel noch ungeklärt ist. Jeder, der sich mit dem Leiden beschäftigt, hat eine andere Ansicht. Jedes Jahr lese ich von einer neuen Feststellung und von einer neuen Methode, um das Stottern zu beseitigen. Es wird immer weiter probiert, das Alte verworfen, und man muss feststellen, dass auch das Neue nichts hilft. - Immer wieder sind es nur Ablenkungsmethoden, die für einige Zeit den Betreffenden beruhigen, so dass weniger Störungen auftreten. Das wird als Erfolg bezeichnet! Tritt jedoch ein Rückfall ein, so kann sich keiner die Ursache erklären. Wir alle haben doch die bittere Erfahrung machen müssen, dass die bisherigen Methoden keine dauernde Beseitigung erzielen. Wenn das Richtige und Normale allen Menschen zur Er kenntnis geworden ist, dann geht mein Ideal in Erfüllung.


1. HAUPTTEIL 1.Befreiung vom Stottern Das Sprechgesetz (Anmerkung: Ich behalte die Form des Vortrages, in dem ich meinen Schülern die Fragen klarzumachen suche, bei.) Zunächst wollen wir feststellen, was die Sprache ist, welche uns Gott gegeben hat, um unsere Gedanken hörbar zu machen, denn sprechen heißt: Gedanken hörbar machen. Demnach muss es etwas Lautes, hörbares sein - und was ist das? Das ist einzig und allein die Stimme oder der Ton. Sprache - Stimme-Ton ist allen Menschen gemeinsam. Auch die Tiere haben "Sprache gleich Stimme". Aber sprechen können sie nicht -, da ihnen das Sprechdenk vermögen fehlt. Wir Menschen haben aber Sprechdenkvermögen und damit die Möglichkeit, die Sprache zu benutzen, um unsere Gedanken laut zu machen. Dabei entstehen Mundstellungen gleich Sprechformen, die den Ton - die Sprache - formen; als Folge kommen geformte Töne zu Gehör, die uns verständlich sind. Sprechen ist demnach verständliches hörbar machen der Gedanken durch geformte Sprache gleich Stimme gleich Ton. Die Sprache gleich Ton erzeugen wir in der Kehle: Der Ton geht durch den Former (Mund), dessen Formen unwillkürlich entstehen. Ich wiederhole: Einzig und allein die Stimme gleich Ton ist die Sprache, und in dem Moment, in dem wir Gedanken weiterge ben wollen, tritt sofort unbewusst und unwillkürlich der Former der Sprache, der Stimme, des Tones, im Unterbewusstsein in Tätigkeit und formt nun die formlose Masse des Tones, macht sie verständlich. Der in der Kehle entwickelte oder gesprochene Ton strömt durch den Mund, den Formbildner, und dadurch entsteht die geformte Sprache, mit der wir unsere Gedanken laut und verständlich machen, also geformt zu Gehör bringen. Sprechen ist somit das Laut machen der Gedanken durch den Ton, den wir willkürlich erzeugen, dessen Formen aber unwillkürlich entstehen. Demnach sprechen wir in geformten Tönen, mit denen wir unsere Gedanken beim Sprechen und Singen hörbar machen. Ich sagte jetzt Sprechen und Singen. Sprechen und Singen sind aber zwei gleiche Funktionen: Wenn die Leidenden tatsächlich einen Sprach- oder Sprechfehler hätten, wenn ihre Sprechwerkzeuge nicht normal und gesund wären, müssten sie doch stets Schwierigkeiten haben. Hat ein Mensch ein zu kurzes Bein und hinkt infolgedessen, hat er also einen Lauffehler, so hinkt er doch immer. Jeder Leidende erzählt, dass er ungehemmt Singen kann, auch in Gegenwart vieler Menschen. Warum? Weil er hier das einzig Normale durchführt: Willkürlich Ton, unbewusst Mundstellungen. Hier konzen triert er sich immer nur auf den Ton - den Klang, hier weiß er immer dass er Gedanken hörbar zu machen hat. Sprechen ist monotones Singen, und Singen ist melodisches Sprechen, also geformtes Tönen. Ich nenne die geformten Töne, da ihnen beim Sprechen und Singen ein Sinn zugrunde liegt - Sinntöne. Wir sprechen ein- und mehrfach geformte Sinntöne. Stein ist zum Beispiel ein einfach geformter Sinnton, Erde und Mineral sind mehrfach geformte. Sie waren bisher alle der falschen Ansicht, dass wir Worte sprechen. Ein Wort besteht aber aus Buchsta ben, das sind Schriftzeichen, und Schriftzeichen können wir nicht sprechen. Sie sagten allerdings auch: Ein Wort besteht aus Lauten. Leider war aber für Sie Laut gleich Buchstabe und Buchstabe gleich Laut. Laut bedeutet aber Lautes, Hörbares, das heißt Ton. Sie nahmen also Worte nicht im Sinne des Hörbaren, sondern des Sichtbaren. Gerade, weil der Leidende den Ausdruck "Wort" mit dem Buchstaben, also mit dem Sichtbaren verbindet, verwende ich den Aus druck "Wort" nur für dieses Sichtbare und nenne das gesprochene, also hörbare Wort "Sinnton". Das Sprechen besteht nur aus solchen geformten Tönen, demnach ist das Sprechen ein fortwährendes Tönen. In welcher Bezie hung stehen nun Buchstabe und Wort zur Sprache? In der gleichen Beziehung wie die Noten zum Singen. Sie singen Töne nach Noten, demnach sind Noten Merkzei chen für Töne in verschiedenen Höhenlagen. Auch Buchstaben und Worte sind nichts anderes als Noten, Merkzeichen für geformte Töne. Buchsta ben und Worte sind Schriftzeichen bzw. Schriftbilder, dem Auge sichtbar. Ihre


falsche Auffassung von der Sprache hatte zur Folge, dass auch Sie Ihr Sprechen (gleich fortgesetztes Tönen) nicht hörend beobacht eten, sondern sehend, und zwar mit dem geistigen Auge. Da aber Sprechen gleich Tönen ist, und man dies nur hören kann, so ist Ihre Hauptaufgabe, zu verlernen, ein Sehender beim Sprechen zu sein, und zu lernen, ein Hörer zu werden. Sie fragen, wie die Mundstellungen entstehen. Sie sind doch der Ansicht, dass wir sie machen müssen, weil wir sie üben mussten, sie zu üben glaubten all diese Jahre, also willkürlich ausführen wollen. Das ist, wie alles andere, was Sie bisher an nahmen, ein großer Irrtum. Wie kann ein Mensch nur eine Mundstel lung üben, wie kann diese jemand lernen? Es ist ja auch gar nicht notwendig, denn die Mondstellungen sind immer da, wenn wir sprechen, weil wir betreffs Sprechen doch in geformten Tönen denken: Ein Druck auf die Stimmbänder in der Kehle, und der geformte Sinnton kommt zu Gehör. Das Sprechgesetz heißt also: Bewusst, willkürlich Ton - unbewusst, unwillkürlich Mundstellungen, also Form. Indem wir den Sinnton denken und wollen und willkürlich Ton erzeugen, erzeugen wir unwillkürlich dessen entsprechende Form; oder: indem wir den Sinnton denken und wollen, entsteht unwillkürlich die entsprechende Form des willkürlich gebildeten Tones. Und wie ist es beim Laufen? Haben Sie sich schon einmal um die Beinbe wegungen bekümmert? Auch diese führen Sie nicht bewusst aus. Das Laufge setz lautet: Willkürlich vorwärts streben; als Folge entstehen unwillkürlich die Beinbewegungen. Wohlgemerkt: Keine Form gleich Mundstellung kann entstehen, wenn Sie nicht vorher den geformten Sinnton, zum Beispiel Bank, Tisch, Stuhl, im geistigen Ohr - also gedacht - haben. Sie sagen mir, dass Sie die Worte deshalb schwer sprechen können, weil Ihnen der erste Buchstabe schwer fällt. Ich aber habe erklärt: Es gibt beim Sprechen keine Worte und Buchstaben, demnach kann es beim Sprechen auch keinen ersten Buchstaben eines Wortes geben. Sie sagen: Aber Sinntöne, die wir sprechen, bestehen doch aus mehreren Lauten, und da fällt mir eben der erste Laut schwer. - Auch das ist falsch; denn Sie verstanden bisher unter Laut einen Buchstaben und unter Buchstaben einen Laut. Ein Buchstabe ist ein Schriftzeichen, ein Merkzeichen für einen Laut, und ein Laut ist ein geformter Ton. Wenn aber für Sie ein Laut ein geformter Ton wäre, würden Sie niemals ein sogenannter Stotterer geworden sein. Denn Laute gleich Töne können Sie niemals fürchten beim Sprechen, weil Sie die Töne ja hören, und solange Sie hören, sind Sie beim Ton, und dabei gibt es nie Störun gen (Beweis: Singen). Stets hat der sogenannte Stotterer nur Buchstaben und Worte gefürchtet, die aus mehreren Buchstaben bestehen, und zwar die ersten Buchstaben eines Wortes. Da man Buchstaben nur sehen kann, hat er sehendes Beobachten seines Sprechens geübt, und sowie er beim Sprechen sehend beobachtete, ist er aus dem Hören-Tönen gekommen. Nun gibt es außer dem Ton nur noch Mundstellungen, folglich hat er Schriftzeichen gleich Buchstaben gleich Mundstellungen genommen und sich unbewusst bemüht, diese zu spre chen, das heißt hörbar zu machen. Weil dies unmöglich ist, blieb das Drücken und Quetschen der Mundstellungen, um die Schriftzeichen herauszubringen, übrig. Sie haben sich im Wirklichkeit also immer nur Mühe gegeben, die Mund stellungen zu sprechen, und haben damit, um es richtig zu benennen, regelrech ten Unsinn getrieben. Sie sind Mundstellungen-Sprechenwoller. Es ist dasselbe, als wollten Sie anstatt des Kuchenteiges die Kuchenform backen; Sie wären dann in aller Augen ein Spaßmacher. Sie meinen aber immer noch, ein Sinnton bestehe aus verschiedenen Lauten. Das Rätsel, weshalb dem nicht so ist, habe ich und später in Zusammenarbeit mit mir mein Sohn, Dr. med. Et phil. Herbert Hausdörfer, (siehe Seite 3) gelöst, und damit geht mein Wunsch, mein Ideal, das mir als Lebensziel vorschwebte, völlige Klarheit über die Sprechfunktion zu erlangen, in Erfüllung. Die Grundursache dafür, dass Sie alle zu unglücklichen Menschen wurden, und dass Ihnen bisher kein Mensch bewusst helfen konnte, ist, dass niemand imstande war, diese Wahrheit zu ergründen. Gerade diese Erforschung ist mir erst im vorigen Jahre mit Hilfe meines Sohnes nach 49jährigem Arbeiten geglückt. Die Lösung heißt: Ein Sinnton besteht nicht aus einzelnen Lauten; sondern der Sinnton, den wir sprechen, ist ein einziger Ton, dem eine einzige Form schon beim Denken wie beim Sprechen anhaftet, genau wie es bei den einzelnen Lauten der Fall ist. Auch der Sinnton ist ein „ganzes“, nicht eine Summe von einzelnen Stücken. Der Sinnton hat keinen Anlaut und keinen Endlaut, es ist ein einziger in einer Ganzheit geformter Ton, der durch Druck auf den Vokalton


hörbar gemacht wird. Zum Beispiel Bank: Ein Druck auf den Vokalton A, und der Sinnton Bank ist zu Gehör gebracht; man hört nicht etwa nur A, sondern den ganzen Sinnton Bank. Dem Sinnton haftet also die Form schon an, da wir ihn geistig gedacht - gleich gehört haben. Trotzdem wir nur auf A drücken, kommt auch nicht „ank“ zu gehör, sondern Bank, weil wir eben den Sinnton im geistigen Ohr voraus hörten. Wir Menschen sind leider gewöhnt, falsch zu beobachten; da wir die Schriftworte aus verschiedenen Buchstaben zusammensetzen, bilden wir uns ein, dass ein Sinnton aus mehreren Lauten besteht. Wir können wohl zum Beispiel vier Töne sagen: b, a, n, k; doch ergeben diese nicht den Sinnton Bank. Hier müssten wir den Mund vier mal öffnen, während wir bei dem Sinnton „Bank“ (ein Ton in einer Form) den Mund nur einmal zu öffnen brauchen. Mit dieser Erforschung fällt das Grundübel des Falschsprechers fort: Erster Buchstabe oder Anlaut, denn das gibt es nicht. Ich wiederhole: ein Stotterer fürchtet nie einen Laut gleich geformten Ton (wenn das der Fall wäre, so würde er ja hören), sondern er furchtet nur Buchstaben, auch wenn er sie Laute nennen würde; denn für ihn ist eben ein Laut ein Buchstabe, den er sehend beobachtet. Wer aber sehend mit Angst beobachtet, ist nie beim Ton, sondern bei der Sprechform gleich Mundstellung. Der wirkliche Fehler war aber immer nur, dass der Leidende nicht gewusst hat, dass wir Menschen normalerweise nach Buchstaben Laute gleich geformte Töne sprechen und nach Schriftworten gleich Schriftbildern ein- oder mehrfach geformte Sinntöne. Da wir nur Sinntöne sprechen, ist das Sprechen ein fortwährendes Tönen und hören, wie das Singen. Hier hat es doch auch der Falschsprechende stets richtig durchgeführt. Die Sinntöne werden durch druck auf den Selbstlaut gleich Vokalton zu Gehör gebracht, demnach ist das Sprechen ein fortwährendes Vokalisieren und hören. Als Folge bleibt man stets im Sprechapparat, in der Kehle, und kommt dadurch nie mehr zum Sprechformapparat, dem Munde. Es gibt allerdings noch sogenannte Vokalstotterer. Viele fürchten den Vokal, aber nicht als Ton, sondern als Schriftzeichen. Sie sehen, und wer mit Angst sieht, der ist nicht beim Ton und kann auch nicht zum Ton kommen: erst wenn er ruhig ist, kann er wieder hören und beim Ton sein. Die Sprechfunktion ist mit der Funktion einer Präzisionsmaschine (Uhr) zu vergleichen. Sobald ein Fremdkörper hineinkommt, bleibt sie stehen. Der Leidende hat in seiner Sprechmaschine auch einen Fremdkörper (und deshalb bleibt er so oft stehen), nämlich den Fremdkörper des falschen Denkens: Worte gleich Buchstaben, Anlaut gleich Buchstabe, und der Fremdkörper muss heraus. Denn solange dieser im Gefühls- und Gedankenleben bleibt, ist der Leidende beim Sprechen nicht normal. Beim Singen hat man sein Gehör auf Töne zu richten, man hat Vokaltöne zu hören, wenn man Sinntöne laut macht. Deshalb sind die Gedanken des Leidenden beim Singen normal. Aus diesen Gründen erklärt es sich auch, dass es bei den Chinesen fast keine Stotterer gibt. Sie haben zwar Merkzeichen für Sinntöne, aber eine Art Bild, jedoch kein Schriftbild, das aus mehreren Buchstaben zusammengesetzt ist. Demnach können sie auch nicht zur Auffassung gelangen, dass ein Sinnton aus mehreren Lauten besteht. Natürlich haben die Chinesen überhaupt keine Einzellaute und demnach auch keinen Anlaut und keinen ersten Buchstaben. Sie können infolge ihrer Schriftart kein sehendes Beobachten ihres Sprechens haben und daher auch nicht Falschsprecher werden. Töne sprechen sie natürlich auch, ebenso entstehen die Mundstellungen gleich Sprechformen unwillkürlich und haften jedem Ton an. Außerdem sind die Chinesen gezwungen, wie wir beim singen, sehr aufmerksam zu hören, weil durch eine andere Betonung eines geformten Tones ein anderer Sinn entsteht. Durch großen Schreck kann natürlich auch bei ihnen ein versagen des Tones eintreten und als Folge Drücken der Mundstellungen. Aber sie sind nur einprozentig der Gefahr ausgesetzt, Sprechleidende zu werden, wir dagegen 99-prozentig. Mundstellungen gibt es für uns nicht beim Sprechen, demnach dürfen wir uns um diese nicht bekümmern; das ist eine Arbeit des Unterbewusstseins, die sich bei normalen Denken auch normal vollzieht und nur vom Gehör geführt wird. Es gibt also für uns beim Sprechen nur Ton gleich Stimme, sonst nichts. Absolut nichts, wie beim Singen, weil wir nur auf Töne, auf Vokaltöne zu hören haben. Wenn mir nun gesagt wird, ich stelle alles bisher Gelehrte auf den Kopf, so entgegne ich, dass ich im Gegenteil alles auf die Füße stelle. Zu besserem Verständnis ein Gleichnis: Die Schallplatte. Was nimmt die Platte auf? Geformte Töne, weder Mundstellungen noch Schriftzeichen … und was


bringt sie wieder zu Gehör? Geformte Töne; die Schallplatte kann keine Sprechformen erzeugen. Genau so das geistige Ohr. Auch dies ist eine Art Schallplatte. Wie niedergeschmettert die leidenden durch diese Feststellungen sind, beweisen oft genug geradezu Verzweiflungsausbrüche über die vielen so nutzlos vertanen Jahre, durch all die sinnlosen und falschen Methoden und Übungen, in denen sie zwar das Stottern übten … aber niemals das Natürliche: Stimme - Ton - hören. Wenn in verschiedenen Broschüren über Stottern steht, dass das Sprechzentrum des Leidenden sehr oft schuld sei, dass er Störungen beim Sprechen hat, so ist das wieder ein großer Irrtum, den es müssten beim Singen und beim Sprechen für sich allein dann auch Störungen auftreten, was so gut wie niemals der Fall ist. Daraus können Sie ersehen, dass die Störungen mit dem Sprechzentrum durchaus nichts zu tun haben Das Sprechzentrum des Leidenden ist in einem vorzüglichen Zustand, ist vollständig normal. Ich will es Ihnen beweisen. Unter Sprechzentrum verstehen wir einen Teil des Gehirns, ebenso unter Sehzentrum. Was hat nun das Sprechzentrum für eine Funktion? Es gibt uns die Möglichkeit zu sprechen, und stottern wir, das heißt, haben wir Störungen beim Sprechen, dann glauben wir, das Sprechzentrum ist nicht normal. Nun habe ich jedoch behauptet und auch bewiesen (beim Singen!), dass unser Sprechzentrum normal ist. Das Sprechzentrum ist das geistige Ohr, demnach das Hörzentrum, welches die geformten Töne und alle anderen Laute wie eine Schallplatte aufnimmt und ebenso wieder von sich gibt, wenn wir die geformten Töne anderen Menschen mitteilen, also sprechen. So lange wir beim Sprechen im Sprechzentrum, nämlich beim hören bleiben, wie wir es beim Singen gelernt haben, und wie es uns dort selbstverständlich ist, kommen nie Störungen vor. Wenn uns das Sprechen richtig beigebracht worden wäre, nämlich, dass Sprechen auch nur Tönen ist, dass wir also unsere Gedanken durch geformte Töne laut machen, so würden wir auch beim Sprechen immer im Sprechzentrum, im geistige Ohr, im hören bleiben, genau wie beim Singen, und als Folge niemals Störungen haben. So aber gehen wir infolge der Buchstaben-Schriftangst sehr oft zwangsmäßig zum Sehzentrum, und das hat Mundstellungen und anormales Drücken und Pressen zur Folge, was wir bisher als Stottern oder schweres Herausbringen der Worte und Buchstaben empfunden haben und leider nicht als rein logisches Ergebnis der Tatsache, dass wir aus dem Hören-Tönen gekommen sind. Das Hören zwingt uns, den Ton festzuhalten, und das Sehen zwingt uns, uns um die Schriftzeichen zu bekümmern und die Mundstellungen sprechen zu wollen, denn aus Buchstaben zusammengesetzte Worte gibt es ja beim Sprechen nicht. Bei Lauten in der Bedeutung Töne gibt es nie Störungen, nur bei Lauten, die wir als Buchstaben im Geiste sehen. Aus allen Ausführungen, die immer wieder beweisen, dass die Sprechwerkzeuge des Stotterers vollkommen gesund sind, folgt, wie sinnwidrig es ist, Stotterer Apparate in den Mund zu legen zur Stärkung der Sprechmuskeln, sie Stundenlang mit dem Spiegel Mundstellungen oder immer wieder Konsonanten zwanzigmal hintereinander üben zu lassen, oder ihnen einen Pechklumpen in die Hand zu geben, oder gar wie in einer englischen Anstalt, die Leidenden während der Sprechübungen tanzen zu lassen, und vieles andere mehr.

Gefühlsbekämpfung und Ruhe. Sie haben jetzt das rechte Wissen, doch leider erst das Wissen. Sie meinen, es wird jetzt leicht sein, sich freizumachen, also stets zu vokalisieren und zu hören, wie Sie es beim Singen schon durchführten. Doch das ist eben nicht der Fall. Durch die Kenntnis des Sprechgesetzes ist es zwar leicht gemacht, vor dem Übel zu bewahren und das beginnende Leiden zu beseitigen. Sie dagegen sind schon versklavt, Ihnen ist das falsche Leiden zur zweiten Natur geworden, zur Gewohnheit, zum zweiten Willen. „Leicht schafft sich der Mensch eine zweite Natur, die Körper und Geist hält gefangen; doch glücklich preisen kann der sich nur, der die normale kann wiedererlangen.“ Diese ist errungen, wenn Sie nicht mehr gefühlsmäßig sehend beobachten, sondern gefühlsmäßig


hörender Beobachter Ihres Sprechens gleich Tönens geworden sind. Das Wissen haben Sie vorerst im Verstand, aber nicht im Gefühl. Ist in Ihnen das, was Sie verstandesmäßig erfasst haben, zur Erkenntnis und zum Glauben geworden, so haben Sie das normale Gefühl beim Sprechen in sich stark gemacht und als Folge das unnormale Zwangsgefühl beseitigt. So bietet die Kenntnis des Sprechgesetzes das Fundament für ein Ruhegefühl, das die charakteristische falsche Angst, verbunden mit Schriftzeichensehen, überwindet und ermöglicht, auch in Gegenwart von Menschen im Hören zu bleiben und den Ton festzuhalten. Mein Ruhesystem, an dem ich vierzig Jahre lang gearbeitet und das ich erforscht habe, ist lückenlos, es ist eine Kette, an der kein Glied fehlt. Ich beabsichtige, dies noch in einem anderen Buche darzulegen. Haben Sie diese Ruhe errungen, dann sind Sie für das ganze Leben frei; und ein Rückfall ist ausgeschlossen, weil Sie in den normalen Zustand gekommen sind, und zwar wissentlich. Das Wissen schützt Sie dann für alle Zeiten vor dem Zurückgleiten in den unnormalen Zustand, da ich doch bewiesen habe, dass Sie es nur der Unwissenheit zuzuschreiben haben, dass Sie ein Sklave dieses Leidens geworden sind. Wäre das Sprechgesetz „Bewusst, willkürlich Ton, unbewusst unwillkürlich Mundstellungen“ in aller Welt bekannt, so würden Sie nicht durch ein falsches Wissen, ein falsches Üben und ein falsches, überempfindliches Gefühl versklavt worden sein. Wodurch ist die Versklavung gekommen? Durch viele Starke, seelische Gefühlsverletzungen; genau wie Sie durch eine körperliche Verwundung versklavt werden können. Nehmen wir an, es schlägt Ihnen jemand bei der Arbeit aus Versehen mit dem Hammer auf einen Finger, so dass Sie eine Entzündung bekommen. Was ist die Folge? Das Sie nichts anfassen, nicht arbeiten können, obgleich nur Ihr Finger verwundet ist. Sie sind also versklavt, und solange der Finger krank ist, können Sie mit der Hand nicht arbeiten.Geschieht Ihnen dasselbe Unglück mit einer Zehe, dass ein schwerer Stein oder ein Stück Eisen darauf fällt, so können Sie lange Zeit nicht laufen, und zwar so lange die Zehe entzündet ist und schmerzt. Die Entzündungen an Finger und Zehe werden aber bald wieder verschwunden sein, weil sie offenkundig sind und die wirkliche Ursache beseitigt wird. Der Arzt behandelt nämlich den Finger und nicht die Nase, und bei dem Fußkranken verordnet er nicht etwa Umschläge oder Salbe für den Arm. Die Betreffenden werden richtig behandelt, und deshalb erleiden sie keinen dauernden Schaden. Entgegengesetzt, das heißt falsch, wird der psychisch Verletzte, der sogenannte Stotterer, behandelt. Sie alle sind feinfühlende und leicht erregbare Menschen. Durch irgendeine Ursache, Fall, Schreck, Diphtherie, Scharlach u.s.w. erlitten Sie eine Sprach- gleich Stimmerschwerung, die es Ihnen unmöglich machte, zu sprechen; denn wenn die Sprache gleich Ton gleich Stimme nicht fließt, so ist das normale Laut machen der Gedanken unmöglich. Würden Sie nun das Sprechgesetz gekannt haben, so wäre es selbstverständlich gewesen, dass Sie das schwere Sprechen als schweres oder ganz versagendes Tönen empfun den hätten. Auf keinen Fall würden Sie Schaden und erst recht keinen dauern den Schaden davongetragen haben. Sie hätten dann alle Tage recht oft probiert und geübt, die Stimme zu erzeugen, bis Sie nach wiedererlang ter Ruhe in der Lage gewesen wären, tadellos zu tönen. Die Freude würde groß gewesen sein, dass Sie die Sprache gleich Stimme wiederhaben und sprechen, das heißt, Ihre Gedanken durch geformte Töne laut machen können. Was aber war Ihr Unglück? Dass Sie die Störung als schweres Spre chenkönnen im Munde - im Sprechformapparat - empfunden haben, und zwar meist vor Besuch der Schule. Während der Schulzeit empfanden Sie es als Nichtspre chenkönnen der Worte, speziell der Anfangsbuchstaben verschiede ner Worte. - Bisher ging das Sprechen normal vonstatten. Das plötzliche Nichtkönnen war ein großer Schreck, eine starke seelische (aber falsch-empfun dene) Verwundung. Bedenken Sie einmal, wenn Ihnen zum Beispiel beim Laufen die Beine plötzlich steif würden und Sie nicht mehr laufen könnten, welche furchtbare Gefühlsver wundung Sie davontragen würden, aber in diesem Fall keine falsche, sondern eine normale, die Ihnen keinen dauernden seelischen Schaden bringen könnte, weil Sie ja die Störung richtig empfinden und richtig behandeln würden. Sie würden nämlich nicht mit dem Bauch weiterlaufen wollen, weil Sie auf den Bauch gefallen sind, als die Beine versagten. Der sogenannte Stotterer aber empfindet die Sprach- gleich Tonstörung als schweres Herausbringen der Buchstaben oder Worte im Munde; er nimmt Buchstabe gleich Mundstellung und wird jeden


Tag ängstlicher, ob er diese herausbekommt, und hat infolgedessen dann das sehende Beobachten; dadurch ist er immer öfter bei den Mundstellungen, drückt und quetscht sie, um eben die Buchstaben oder Worte sprechen zu können. Da er dies nicht fertigbringt, so tritt jedes mal eine neue seelische - falsche Verwundung ein. Die seelische Wunde wird immer größer; jedes Nichtkönnen wird seelisch immer schmerzhaf ter empfunden. Der Stotterer wird menschenscheu, denn jede Störung empfin det er als Blamage und bekommt als Folgeerscheinung Minderwertigkeits gefühle. Der Kernpunkt meiner Methode heißt zwar Klarlegung, und doch würden Sie mit dem Wissen allein - ohne meine Hilfe - nicht frei werden. Sie würden weiterhin unrichtig arbeiten, falsch kämpfen und deshalb ohne Erfolg. Sie würden sich immer wieder Mühe geben, keine Angst zu haben und nicht zu Stottern, und als Folge würden Sie die angst und das Bemühen um Schriftzeichen magnetisch heranziehen, nach dem psychologischen Gesetz: Was man mit Angst vermeiden will, zieht man an den Haaren herbei. Den Kernpunkt begreifen und befolgen aber bedeutet: Alles tun, um ruhig im Vokalisieren - Hören zu bleiben, während der Schüler den eisernen Zwang hat, nicht zu Stottern, nicht steckenzubleiben. Sie dürfen nicht negativ arbeiten, sondern positiv. Das heißt, sich solange mit Tönen - Hören beschäftigen, bis Ihnen die Ruhe und das Hören beim Sprechen auch in Gegenwart von Menschen wirklichter Besitz ist. "Ob du auch jammerst, weinst und flehst, niemand kommt, der dich erlöst, du selbst musst dein Erlöser sein, du selbst musst kämpfend dich befrei'n." Bisher haben Sie den Hebel an der falschen Stelle angesetzt, ebenso Ihre Lehrer. Sie wollten, Ihnen unbewusst, etwas Unnormales fertigbringen; von jetzt an ringen Sie aber um das Normale, und dies erreicht jeder. Mit wem haben Sie nun zu kämpfen? Mit ihrem zweiten Ich. Jeder Mensch hat ein Ober-Ich und ein Unter-Ich. Das Ober-Ich ist Wissen, Wille, Vernunft. Das Unter-Ich ist das Gefühl, und dieses beherrscht die meisten Menschen im guten oder im bösen Sinne; In Ihrem Falle beim Singen im guten, also normalen Sinne, beim Sprechen dagegen in schlechtem, das heißt falschem Sinne. Es zwingt Sie, sich Mühe zu geben, zu sehen und Schriftzeichen gleich Mundstel lungen zu sprechen; beim Singen zwingt es Sie aber, zu vokalisieren und zu hören. - Wie oft sagen die Menschen, ich wollte dieses und jenes, aber das Gefühl ließ es nicht zu, das Gefühl war dagegen, das Gefühl hat sie gezwun gen, Dummheiten zu machen. Daraus ist zu ersehen, dass die Menschen größtenteils Sklaven ihres Unter-Ichs sind; sie werden gezwungen, obwohl das OberIch dagegen ist. Frei ist nur derjenige, bei dem Unter- und Ober-Ich harmo nieren oder das Ober-Ich zur rechten Zeit Herr über das Unter-Ich ist. Der Trinker zum Beispiel nimmt sich tausendmal vor, keinen Alkohol mehr zu trinken, aber er unterliegt immer wieder dem Zwangsgefühl. Das Gefühl ist gegen das Wasser trin ken und nur für den Alkohol. Genau so geht es all den Millionen Menschen, die von irgendeiner Schwäche gleich Macht des Unter-Ichs beherrscht wer den. Diese Schwäche zwingt sie zum Falschen und ist besonders stark, wenn sie mit großer Angst verbunden ist, denn Angst ist das größte Konzentrationsmittel. Die Stärke der Angst hängt aber von dem Grade der Empfindlich-keit ab, das heißt davon, wie sehr ihnen die vorkommende Störung unangenehm und peinlich ist. Dem Sprechleidenden tut es furchtbar weh, wenn die Leute es merken, dass er Stotterer ist, dass er die Buchstaben und Worte nicht sprechen kann. Und doch handelt es sich nie darum, dass er die Buchstaben schwer herausbekommt, die überhaupt niemand sprechen kann, sondern nur darum, dass er den Ton loslässt und unbewusst Mundstellungen sprechen will. Er hat demnach eine falsche Angst und zwar Schrift-angst, aber niemals Sprechangst, da doch Sprechen gleich Tönen ist, genau wie Singen. Sie sind durch die bisherige falsche Auffassung betreffs Sprache und Sprechen in einen Irrgarten geraten, und nur derjenige, der auch darin gesch machtet und den einzigen Weg, der herausführt, gefunden hat, kann Sie wieder herausbringen. Wie ich Ihnen bewiesen habe, ist unser Leiden nur ein psychi sche, also ein unnormales Gefühls- und Gedankenleben beim Sprechen, das durch eine Überempfindlichkeit aufgepeitscht wird; deshalb können Sprechübun gen nie helfen, sondern nur psychische Übungen: ich meine damit Gefühls- und Gedankenübungen und suggestive Beeinflussung. Das aber kann Sie nur der Psycho loge lehren, das kann nur er Ihnen geben. Unser


Leiden ist nun aber nicht eine gewöhnliche Psychose wie Gespensterfurcht oder Platzangst. Diese Leidenden bleiben wenigstens auch in der größten Angst auf den Füßen, wir jedoch stehen in der Angst auf dem Kopf, das heißt statt beim Tönen-Hören sind wir beim Schriftzeichen gleich Sehen, bei den Mundstellungen. Dass Sie diese nicht sprechen, das heißt hörbar machen können, ist Ihnen nun klar. Daraus ersehen Sie, dass dieser Zwang zum Unmöglichen eine Abnormität unter den Psychoneu rosen ist. (Man denke an den Vergleich des Backens nur mit Formen an Stelle des Teiges.) Immer wieder bestätigen mir die Leidenden, die ja einzig und allein ihr eigenes Seelenleben kennen, dass meine sachliche und psychologische Erklärung des Leidens vollkommen ihrem inneren Erleben entspricht. Stottern ist kein Nervenleiden; aber gute Nerven beeinflussen unser Gefühls- und als Folge auch unser Gedankenleben günstig, schlechte Nerven dagegen ungünstig. Das Leiden hat auch nicht das geringste mit dem Sprech zentrum zu tun, wie behauptet wird; dieses ist vollständig normal. Durch falschen Spre chunterricht der Eltern und Lehrer bekommen die Kinder nicht die richtige Auffassung, dass man nur geformte Töne spricht, sondern die falsche, dass man Worte, die aus mehreren Buchstaben oder Lauten bestehen, spricht. Deshalb empfinden die Kinder, ebenso aber auch die Erwachsenen, eine Sprechstörung nicht als sprach- gleich tonerschwerend; denn wäre das der Fall, so würde es keine Falschsprecher mehr geben, wie es ja auch beim Singen mit nur sehr seltenen Ausnahmen keine gibt. Was ist schuld, dass diese seltenen Fälle auch beim Singen vorkommen? Durch vieles Üben der Buchstaben werden die Leidenden immer empfindlicher und als Folge ängstlicher und durch den Zwang, vor Menschen allein zu singen, bekommen sie Angst, dass sie auch hier stottern könnten. Dadurch kommen sie auch beim Singen in das sehende Beobachten der Buchstaben, lassen den Ton los, drücken die Mundstellungen und empfinden das Nichtkönnen als Stottern. Ich habe aber die Beobachtung gemacht, dass die Betreffenden nur beim Beginn des Singens sehend beobach ten, dann aber allmählich wieder in das Hören-Tönen kommen, wieder ruhig werden und beim Hören - Tönen bleiben. Beim Singen können die Leidenden niemals so empfind lich werden wie beim Sprechen. Warum? - Weil der Mensch nicht zu singen braucht, es also vermeiden kann. Anders ist es bei Sängern; diese würden die Gesangskunst an den Nagel hängen. Seit 50 Jahren habe ich nur das eine Ziel gehabt, die Menschen von diesem Übel zu befreien, mein ganzes Gefühls- und Gedankenleben war nur darauf eingestellt. Wo ich ging und stand, arbeitete ich; ich las auch keine anderen Bücher, denn diese hätten mich doch zeitweise abgelenkt. Ich bin nun seit etwa 40 Jahren Sprechlehrer für Stotterer. Während dieser Zeit habe ich unentwegt weitergearbeitet, bis ich aus das letzte Rätsel gelöst hatte. Es gab drei Hauptfra gen. Die erste Frage: Was ist die Ursache, dass wir nur Stotterer werden beim Sprechen, nicht beim Singen? Da erforschte ich das Sprechgesetz und zerschlug dabei die bisherige Auffassung über das Sprechen. Als ich dies erreicht hatte, musste ich sagen, wie Goethe im Faust: "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor." - Ich wusste, ich brauche nur willkürlich zu tönen, die Mundstellungen sind stets unwillkürlich vorhanden, ich habe mich nicht um sie zu bekümmern. Aber ich brachte es doch nicht fertig, in Gegenwart von Menschen beim Sprechen im Vokalisieren Hören zu bleiben, denn sofort trat das Angstgefühl auf, ich sah Buchstaben und blieb bei den Schriftzeichen gleich Mundstellungen. Die zweite Frage: Was habe ich mir in den Jahren der falschen Auffassung und des falschen Übens zugezogen? Ein anormales Gefühls- und Gedankenle ben beim Sprechen, das mich durch große Überempfindlichkeit in der Zange hielt und mich versklavte. Die dritte Frage: Auf welche Weise befreie ich mich von dem falschen Gefühls- und Gedankenleben, von der falschen Überempfindlichkeit, von den unnormalen Zwang? Zwang ist hier stets Gefühlsschwäche. Es bedarf großer Willens- und Gefühlskraft, und ohne meine Mithilfe würden Sie sehr lange Zeit brauchen. Nur wenn wir gemeinsam mit aller Kraft an einem Strange ziehen, kommen wir verhältnismäßig schnell aus dem Irrgarten der falschen Auffassung heraus, in den Sie durch die falsche Physiologie des Sprechens hineingeraten sind. Ohne meine Hilfe können Sie nicht


herauskom men, aber ich kann Sie auch nicht ohne Ihre Mithilfe befreien. - Sie sollen ja ein anderer Mensch werden. Was heißt denn Mensch sein? - Doch nicht körperlich leben (das tun die Tiere auch), sondern ein normales Gefühls- und Gedankenle ben besitzen und es bewusst führen. Da dieses bei Ihnen beim Sprechen aber unnormal ist, haben Sie die sehr harte Arbeit einer völligen Umstellung. Sie haben viel Energie aufzubringen, das heißt eine nicht nachlassende Willenskraft, die alles daransetzt, das Ziel zu erringen, eine Kraft des Willens, wie auch ich sie aufbringen musste, um das Wesen des sogenannten Stotterns und seine Besei tigung zu erforschen. Sprech- und Gesangskünstler üben und lehren viel das Zwerchfell atmen, um recht lange sprechen und singen zu können. Das ist wohl für den Künstler unerlässlich. Der Sprechleidende aber braucht niemals das Atmen zu üben um Sprechen gleich Tönen zu lernen, also um im Hören beim Ton zu bleiben. Obwohl obige Lehrmeister mit an sich normalsprechenden Schülern arbeiten, also ein ganz anderes Gebiet in Frage steht, wäre es auch hier zwingende Notwendigkeit, nur das Gehör auf die Reinheit und Schönheit des geformten Tones zu lenken. Denn niemals hat die bewusste Nachahmung von Mundstellun gen den erzeugten Klang gereinigt und veredelt, sondern letzten Endes gab immer nur das Gehör die entscheidende kritische Stimme ab. Die Sprechmeister lassen auch einzelne Mitlaute üben. Das sollte unterlassen werden, da es die falsche Lautzergliederung nur unterstützt. Einen Zweck könnte es höchstens verfolgen als Hörübung. Dann aber nur in Verbindung mit einen Selbstlaut, zum Beispiel - bre - dra - gru und nicht dr - br- gr- und stets nur mit dem Druck auf den Vokal, wie es die natürliche Sprechweise vorschreibt. Man könnte einwenden, die Taubstummen müssen doch Mundstellungen lernen, um sprechen zu können. Auch das ist eine irrtümliche Auffassung, die selbst die Taub-stummenlehrer teilen. Ich wiederhole: Kein Mensch kann Sprech formen lernen, wie ich Ihnen schon öfter erklärte; jeden geformten Ton, den wir im geistigen Ohr aufgenom-men haben, können wir auch jederzeit wieder hörbar machen. Die Aufnahme der geformten Töne im geistigen Ohr ist bei normalve ranlagten Menschen, die physisch hören, spielend leicht, bei tauben natürlich mit großen Schwierigkeiten verbunden. Daraus geht hervor dass der Taubstum me, wenn er überhaupt sprechen lernt, die Sinntöne in der Weise laut macht, wie er sie im geistigen Ohr aufgenommen hat. Bei Intelligenten geschieht das oft sehr gut, bei anderen weniger gut und bei vielen sehr schlecht; es geschieht eben so, wie es ihnen möglich ist, die Sinntöne aufzunehmen. Das geistige Ohr der Taubstummen ist unbedingt normal das heißt aufnahmefähig. Der Taub stum menlehrer spricht dem Schüler viele Jahre lang die Laute gleich Töne und die Sinntöne recht klar und deutlich vor; er bildet sich natürlich ein, wenn die Mundstellungen recht übertrieben zu Gesicht kommen, er hätte die Sprechfor men durchgeführt. Der Taubstumme macht es nun dem Lehrer nach: Er erzeugt auch Stimme und macht die Mundbewegungen, aber die richtigen Mundstellun gen entstehen noch lange nicht, und der Laut kommt natürlich noch schlecht geformt zu Gehör. Der Lehrer schüttelt den Kopf, das heißt falsch, und so bemüht er sich jahrelang, aber allmählich bringt der Schüler die Töne und Sinntöne immer besser zu Gehör. Der Lehrer nickt, das heißt besser oder gut so, und nun sitzt der Ton im geistigen Ohr des Schülers. Jetzt kann er ihn denken, also mit dem geistigen Ohr hören, und ihn jederzeit gut laut machen, da ihm nun die richtige Form anhaftet - Ich selbst hatte einmal einen Taubstummen in meiner Anstalt; dieser hatte eine vorzügliche Sprechweise und las mir alles vom Munde ab. Durch einen schweren Fall, der Stimmerschwerung zur Folge hatte, wurde er Stotterer oder Falschsprecher; er hat mir alles, was ich hier über den Taubstum men sage, bis ins letzte bestätigt. Wenn der Stotterer etwas ausrichten soll, hat er schon Angst vor gewissen Worten und Buchstaben und weiß, dass er sie nicht sprechen kann. Es gibt viele Leidende, die bei jedem Gedanken stottern, sogar in ihren Träumen. Ich selbst gehörte dazu; ja, wir haben auch Leidende welche nur in Gedanken stottern und scheu jeder Sprechmöglichkeit ausweichen. Sind nun erblich Veranlagte schwerer zu befreien? Alle sogenannten Stotterer sind erblich veranlagt, auch diejenigen, die sich das Übel durch Nachahmung zugezogen haben. Was haben alle geerbt? Eine große Empfindlich keit. Diese haben aber wohl 50 Prozent aller Menschen geerbt und sind trotzdem keine Falschsprecher geworden. Der oder jener hatte das Pech, dass er durch eine große innere Erregung für eine Zeit Stimm- gleich Sprecherschwerung hatte; sie empfanden diese


aber nicht als solche, sondern als schweres Spre chenkönnen der Worte oder Buchstaben. Wären sie nicht so empfindlich gewesen, so wäre die Erregung weniger stark in Erscheinung getreten, sie hätten sie bald verges sen und keinen dauernden Schaden erlitten. Stammler haben ein schlechtes musikalisches Sprechgehör. Sie nehmen beim Vorsprechen im geistigen Ohr nicht "Blume" auf, sondern "Bume", nicht "gehen", sondern "dehen" usw. Mit fortschreitender Stärkung des geistigen Sprechgehörs nehmen sie allmählich die geformten Töne normal auf und bringen sie als Folge normal zu Gehör. Viele werden durch falsche Methoden zu Spre chleidenden, weil man ihnen die Laute als Mundstellungen zeigt, sie also Buchstaben gleich Laute im Munde sprechen lehrt, zum Beispiel "b und p mit den Lippen" usw. Auf diese Weise lehrt man sie mit Erfolg das Stottern, und es haben sich dann wieder Menschenkinder in dem Irrgarten verfangen und kommen trotz aller Mühe nicht mehr heraus. Jeder Stotterer - auch der schwerste - kann tadellos sprechen, wenn er bei einer Sprechgelegenheit die Suggestion "ich kann" gleich Ruhe hat. Zum Beispiel als Schauspieler, Redner usw., wenn er seine Gedanken stark auf den Inhalt zu richten hat in intensiver Konzentration, gleitet er unbewusst ins Norma le; soll er sich aber unterhalten, so bekommt er gemäß seiner falschen Auffassung die Worte schlecht heraus. In diesem Fall tritt also das charakteristische Angstgefühl mit Schriftzeichenscheu auf, als Folge hat er den eisernen Zwang, Schriftzeichen gleich Mundstellungen sprechen zu wollen und stellt damit das Sprechgesetz auf den Kopf. Der Leidende hat durch falsches Wissen und falsches Üben ein falsches Empfinden seiner Störungen bekommen, das zur Überempfindlichkeit ausgeartet ist. Er ist mit seinem Angstgefühl und mit seinen Gedanken bei der Schrift. Genau wie der Trinker mit seinem Gefühl und mit seinen Gedanken bei dem Alkohol ist. Wenn ich nun den Trinker zwingen würde, wöchentlich zweimal zwei Stunden in eine Heilanstalt zu kommen, um dort zu üben, keinen Alkohol, sondern Wasser zu trinken, so wäre nicht die geringste Aussicht auf Heilung, da er doch, seinem Zwangsgefühl entsprechend, in der freien Zeit wieder Alkohol trinken würde. Der Säufer ist auch noch nicht geheilt, wenn er mit festem Willen immer Wasser trinkt, seine Gefühle und Gedanken aber noch beim Alkohol sind; er wird erst dann frei, wenn er, falls er Durst hat, seine krankhaf te Sucht nach Alkohol so lange in die gesunde Denkrichtung zwingt, (die ihn den Durst mit Wasser oder alkoholfreien Getränken stillen lässt), bis sie ihm ins Gefühl übergeht.


2. HAUPTTEIL 2.Schule und Stottern Carrie in Hamburg - ein Lehrer und sehr bekannter Sprechforscher - schreibt in "Neue Bahnen", die Erfolge in den Schulkursen nach der Gutzmannschen Methode seien gleich Null; das Übel sei noch ungeklärt. Gleichzeitig sagt er, wenn zum Beispiel bei der Einschulung der ABC-Schützen 10 000 Stotterer sind, so seien es bei der Ausschulung 20 000. Ein Schulrektor, ein ehemaliger Schüler von mir, schreibt mir im Juni 1937, dass jährlich von Mittelschullehrern Heilkurse abgehalten werden, von durchschlagenden Erfolgen habe er nie etwas vernommen. - Wer meine Ausführungen richtig verstanden und begriffen hat, muss das als selbstverständlich annehmen; es ist die Folge des unnormalen Sprechunterrichts. Wie wir alle wissen, haben die Schulbehörden Kurse für stotternde Kinder eingerichtet; demnach müssten doch jedes Jahr weniger Leidende werden und nicht mehr. So würde es sein, wenn man bemüht wäre, den Kindern die normale Sprechweise beizubringen, das heißt das richtige Wissen, das normale Gefühls- und Gedankenleben. Ja, dazu sind aber die Lehrer außerstande, da sie selbst nicht wissen, warum sie normal sprechen. Sie beobachten fälschlicherweise, dass die Kinder Worte und Laute gleich Buchstaben schwer sprechen können, besonders den ersten, also den Anlaut einer Silbe; denn der Stotterer hat nur vor dem ersten Buchstaben Angst. Der Lehrer will das beseitigen, was er äußerlich leider falsch beobachtet, Allmählich verlieren die Kinder die Angst vor ihm, sind nun ruhiger in seiner Gegenwart und bleiben infolgedessen immer besser im Vokalisieren und Hören. Das könnte man vielleicht scheinbare, unbewusste Besserung nennen. Doch von bewusster und endgültiger Heilung ist nicht die Rede. Von großem Erfolge wäre es, wenn Schulklassen nur für Stotterer einge richtet würden, in denen sie auch in allen Fächern ausgebildet werden, genau wie in den anderen Klassen. Natürlich müssten sie gezwungen werden, so zu üben, wie es meine Lehre vorschreibt; dann wäre eine Zunahme der Stotterer in den Schulen nicht nur ausge-schlossen, sondern es würden die 10 000 geheilt, die bei der Einschulung vorhanden waren. Voraussetzung ist, dass der Lehrer einigermaßen Psychologe ist und mit großer Lust und Liebe an die Arbeit geht. - Ich lebe nur für meine Schüler und fühle mich am wohlsten, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Jeder Sprechlehrer, der Erfolg haben will, muss geborener Arzt sein, das heißt, er muss einen starken Heilwillen haben. Er muss Pädagoge und Psychologe sein, da das Leiden doch ein psychisches ist, welches durch Unkenntnis des Sprechgesetzes und falsches Üben bei dem Leidenden stark geworden ist. - Solange die Schulbehörden keine Klassen nur für Stotterer einrichten, werden niemals dauernde Erfolge erzielt werden, auch nicht mit meiner Methode, da es hier einer lange anhaltenden intensiven Behandlung bedarf, nicht nur eines äußerlichen Lehrens. Hier heißt es, loslösen aus verwur zelten Auffassungen und Zwangsgefühlen, und den Leidenden im Normalen so erstarken zu lassen, bis es ihm zur zweiten Natur wird. Mein Lebensziel ist, das Übel zu verhüten, und das ist jetzt nach meiner Erforschung leicht möglich, wenn das Sprechen normal gelehrt wird. Der Lehrer, der den Kindern helfen will, muss diese mindestens ein Jahr in den Schulfächern und im Sprechen unterrichten können und muss - das ist die Hauptsache - von jetzt ab nur hören, ob seine Schüler beim Ton, also im Vokalhören bleiben. Solange der Schüler hierzu noch nicht die nötige Willens- und Gefühlskraft hat, ist er im Angstsehen der Schriftzeichen und gibt sich die größte Mühe, die Mundstellungen, also Sprechformen zu sprechen. Die vielen Ursachen und Folgeerscheinungen, die man in den Büchern betreffs Stottern lesen kann, sind Fabel und entstanden durch die bisherige falsche Auffassung. - Wenn nun ein Lehrer glauben sollte, dass er alles von mir Behauptete gleich verstehen und begreifen kann, so irrt er sehr; so leicht lernt man nicht um, weil das Gefühl, das zweite Ich, daran hindert. Daher muss man meine Ausführungen nicht nur lesen, sondern auch studieren, durchdenken und nicht gleich in Grund und


Boden kritisieren; hinter mir steht die Erfahrung und der Erfolg einer 50jährigen Arbeit. Mein Sprechgesetz bleibt für alle Zeiten bestehen, es ist unangreifbar, unwiderlegbar. Nur zu leicht sind die Menschen geneigt, etwas für falsch zu erklären, was sie nicht verstehen. Wie manche umwälzende Erfindung oder Idee ist im Anfang nur verspottet und verlacht worden - weil sie dem gewohnten Denken widersprach. Jeden Monat habe ich bei meinen Schülern Gelegenheit, festzustellen, dass meine Aufklärungen und Beweisführungen oft erst nach drei bis vier Wochen begriffen und richtig geglaubt werden. Das ist nicht nur bei ungeschulten Menschen der Fall, nein, auch bei Wissenschaftlern. Woran liegt das? Am Gefühl, am zweiten Ich! Glaube ist Gefühlssache. Das Gefühl sträubt sich. Wir beweisen einem Furchtsamen, der Angst vor Gespenstern hat und nachts an keinem Kirchhof vorbeigehen kann, dass es keine Gespenster gibt! Auf unsere Frage, ob er nun noch an Gespenster glaubt, versichert er: nein - und ist angeblich von der Gespensterfurcht geheilt. Er soll nun in der Nacht am Kirchhof vorbeigehen. Bei dieser Aufforderung erschrickt er und unterliegt wieder seinen alten Hemmungen. Er weiß zwar, dass seine Angst Unsinn ist, sein zweites Ich, sein Gefühl gibt es aber nicht zu. Es gibt also eine Angst vor Gespenstern, aber Gespenster gibt es nicht, und ebenso gibt es eine Angst vor Buchstaben beim Sprechen, aber Buchstaben gibt es nicht beim Sprechen, doch die Angst vor ihnen hält den Leidenden zurück. Jetzt soll es meine Aufgabe sein, allen Menschen, besonders den Lehrern, auf Grund des Sprechgesetzes, das ich erforschte, klarzumachen, wie das Sprechen den Schülern verständlich gemacht werden muss, um das Übel überhaupt zu verhüten oder bei Beginn von Sprach- gleich Stimmstörungen durch normalen Unterricht den Fehler zu beheben. Die widernatürliche Unterrichts- und Behandlungsweise, die stets von dem Buchstaben ausgeht, muss radikal ausgemerzt werden. Das Stottererübel brauchte überhaupt nicht zu existieren, wenn der Hebel gleich an der richtigen Stelle angesetzt würde - und nur bei diesem Leiden findet eine so widersinnige Unterrichtsweise statt. Der Arzt behandelt doch auch nicht den Arm, wenn der Patient das Bein gebrochen hat, oder die Ohren bei Halsschmerzen usw., wenngleich die große Sünde wider den Geist, Behandlung der Folgeerscheinung statt der Ursache, oft genug angetroffen wird. Vor allem müssen die fluchbeladenen Benennungen total ausgemerzt werden: 1. der Ausdruck: Wort, man schreibt Worte und spricht Worte; hier ist die Zweideutigkeit schon vorhanden. 2. Buchstaben: man schreibt und spricht Buchstaben. In meiner zirka fünfzigjährigen Forschertätigkeit habe ich feststellen müssen, dass fast alle Menschen - natürlich erst recht die Leidenden - diese Auffassung haben. 3. Laute gleich Buchstaben und umgekehrt; diese spricht man im Munde und bekommt sie nur richtig heraus, wenn man die richtigen Mundstellungen macht. 4. Mitlaute und Selbstlaute, die man im Munde spricht und dabei die richtigen Mundstellungen macht. - Diese Benennungen sind nicht nur zweideutig, sondern grundfalsch. Es gibt nur Schriftzeichen gleich Merkzei chen, die wir schreiben und nach denen wir allein geformte Töne sprechen können. Diese Erklärung ist eindeutig und kann nie Schaden anrichten: Jeder merkt bei Störungen, wenn der Ton nicht kommt, dass er eben den Ton nicht herausbrachte; jeder merkt sofort, dass Schriftzeichen nicht zu sprechen sind; diese sind und bleiben nur Merkzeichen für geformte Töne. Ist die Erregung vorüber, so fließt der Ton wieder, und er freut sich, dass er den Ton wieder hat, dass er ihn herausbekommt, ihn sprechen kann. Nun komme ich zur Hauptsache: Kinder, die noch keine Schriftworte und Buchstaben kennen, bleiben im Erregungszustand nicht beim Ton, sondern bemühen sich, mit dem Munde das im geistigen Ohr Gemerkte zu sprechen, weil sie eben im Munde die Schwierigkeit empfinden gelernt haben, dadurch emp findlich geworden sind und Angst davor haben. Nun werden viele sagen, ich gebe immer nur ausschließlich den Buchstaben die Schuld, und doch kennen die Kinder gar keine Buchstaben oder Laute. Es muss also noch etwas anderes sein, weshalb den Kindern nicht gleich zu helfen ist, oder weshalb es bisher über haupt nicht möglich war, sie von dem Übel zu befreien. Diesen Zweifel will ich Ihnen nehmen: Die Eltern, Lehrer oder Ärzte beobachteten oder empfanden, dass das Kind auf einmal durch Schreck, Fall oder Krankheit nicht mehr gut sprechen


konnte. Was denn nicht? Nun, die Worte oder Buchstaben oder Laute. Wo nicht? Im Munde oder mit dem Munde; denn das Kind reißt den Mund auf oder drückt und quetscht, als Folge scheinbare Atemnot und falsche Mundstellungen. Jetzt gibt sich jeder Mühe und zwingt das Kind, tüchtig Atem zu holen, die richtigen Mundstellungen zu machen (man zeigt sie) und in vielen Anstalten sogar, vor dem Spiegel zu üben, um die Buchstaben sprechen zu lernen. Nicht auch Laute? Niemals, wenigstens nicht Laut gleich geformter Ton, denn dann würde man dem Kind sagen: höre recht gut auf den Ton - und nicht fälschlich: Sieh mal die Mundbewegungen - und man würde die Hand vor den Mund halten, damit das Kind die richtige Auffassung bekommt: Höre und sprich nur Töne in der Kehle! Also nicht nur die Kinder fassen die Störungen falsch auf, sondern vor allen Dingen diejenigen, die sich um das Kind bemühen. - Damit habe ich bewiesen, dass die falsche Lehre: Laute gleich Buchstaben sind mit dem Munde zu sprechen, und die richtigen Mundstellungen sind zu lernen, also zu üben, immer nur schuld daran ist, dass bei dem Kind der Funken nicht gelöscht werden kann. Man gießt, ohne es zu wissen, Öl ins Feuer, und es entsteht ein verhee render Brand. Mann soll - und es ist von großer Wichtigkeit - niemals die ersten sichtba ren Folgeerscheinungen unbeachtet lassen. Auch der allerkleinste Stotterer geht wunderbar, geradezu im Spiel, auf die wichtigen Weisungen ein, ja, es macht ihm einen ungeheuren Spaß, seine kleine Stimme so voll tönen zu lassen. Wie viel sonniger Stunden erinnere ich mich, und welches Glücksgefühl gab es mir zu wissen, den kleinen Kerl vor dem Leidensweg eines Stotterers bewahrt zu haben. Wenn die Kinder in die Schule kommen, können sie fast immer tadellos sprechen. Was können sie sprechen? Die Sinntöne, die ihnen vorgesprochen wurden, und die sie in ihrer Schallplatte, dem geistigen Ohr, aufgenommen haben. Die Kinder sind meist noch wenig "verpfuscht", aber die falsche Auffas sung, dass man mit dem Munde spricht, und dabei die Mundbewegungen ausführt oder ausführen muss, haben sie bereits. In der Schule lernen sie nun schreiben und zwar die Buchstaben, Silben und Worte. Dann lernen sie lesen: die Buchstaben, Silben und Worte und müssen wiederum die Buchstaben, Silben und Worte vorlesen. Später erfahren sie, dass ein Buchstabe ein Merkzeichen für einen Laut ist, den man im Munde spricht, und dass man dabei eine bestimmte Mundstellung machen muss. Beim Schreiben lernen sie, dass ein Wort aus mehreren Buchstaben besteht, und beim Sprechen, dass ein Wort aus mehreren Lauten besteht, Weiter wird den Kindern das Alphabet beigebracht, nämlich die 25 Buchstaben, und es heißt nun, jetzt habt ihr die Buchstaben gelernt, nun sagt sie auch mal auf. Rechtschreibübungen für die Hand der Schüler von Wilhelm Missalek. Heft II, Mittel= und Oberstufe. 12. Auflage. Gesamtauflage 500 000. Lauttafel. Lippenlaute b, p, m; Zahnlaute d, t, n. Gaumenlaute g, k. Dann Seite 1, zweite Aufgabe: Lerne die 25 Buchstaben auswendig. Durch derartigen Unterricht bekommen alle Kinder eine zweideutige Auffassung, wie ich schon des öfteren erklärt habe. Die Hauptsache: Stimme gleich Sprache gleich Ton wird so gut wie gar nicht erklärt oder nur so ne bensächlich, jedenfalls nicht in der Weise, dass die Kinder die richtige Auffassung betr. Sprechen bekommen. Für sie ist eben ein Buchstabe ein Laut und Laut gleich Buchstabe, den man im Munde spricht; b und p mit den Lippen, d und t mit der Zungenspitze an den Zähnen usw. In einem der Bücher von Missalek steht: Jede Silbe muss einen Selbstlaut haben. A: Lauttreue Schreibung. I.: Der Anlaut. Sprich den Anlaut deutlich aus: b, p. Buch, Bein, Baum - (aber es steht nichts davon, wie es richtig und verständlich ist: Buch, Bein, Baum). Es gibt doch gar kein b oder p beim Sprechen, überhaupt keine Mitlaute, wie ich bereits bewiesen habe, und zweitens kann das Sprechen der geformten Töne nur durch die Art des Vok altönens schön rein oder hässlich zu Gehör gebracht werden, die Mitlaute haben dabei gar nichts zu tun. Selbst wenn der Sachse anstatt Peter Beter sagt, liegt es nur daran, dass er den Sinnton Peter - wie auch andere Sinntöne - durch die übliche lässige Sprechweise mangelhaft in sein geistiges Ohr aufnimmt und folglich genau so mangelhaft wieder zu Gehör bringt. Wenn man erst so weit ist, dass beim Schreiben nur Schriftzeichen und Merkzeichen für Töne gelehrt werden und man beim Sprechen nur Töne spricht, wie beim Singen, dann wird man aus dem Kunterbunt herauskommen, und diese Möglichkeit hat uns eindeutig die Erforschung des Sprechgesetzes gegeben. Alles, was wir spre chen, sind geformte Töne gleich geformte stimme. Ton willkürlich, Form unwillkürlich. Und alles, was wir schreiben,


sind Gedanken, die wir sichtbar machen durch Schriftbilder, die aus mehreren Schriftzeichen zusammengesetzt und Merkzeichen für Sinntöne sind. Diese Benennung ist eindeutig und kann keine sogenannten Stotterer schaffen, und dies zu verhindern, war - ich wieder hole es immer wieder - mein Lebensziel. Durch den Schulunterricht aber lernen die Kinder Worte und Buchstaben sehen, schreiben und vermeintlich sprechen. Solange keine Sprech- und Stimmstörung vor-kommt, schadet das nichts. Platzt aber die durch den zwei deutigen Sprechunterricht ins Gefühls- und Gedankenleben aufgenommene Bombe, so richtet sie großen Schaden an. Die Kinder empfinden alsdann das schwere Sprechen nicht als Schweres Tönen gleich schweres Vokalisieren, sondern als schweres Sprechenkönnen der Worte und Buchstaben. Es ist das Ergebnis der falschen, unnatürlichen Sprechweise. Auch die Eltern, Lehrer und Ärzte beobachten und empfinden die Störung falsch, da ihnen als Kind auch alles in Bezug auf das Sprechen unnatürlich beigebracht wurde. Kein Mensch ist sicher, von dem Übel verschont zu bleiben. Ich habe schon Schüler gehabt, die erst im vorgeschrittenen Alter Sprechleidende geworden sind, darunter auch mehrere Lehrer. Nun will ich einmal Lehrer sein und nach dem Sprechgesetz unterrichten. Ich möchte damit ausführen, wie das Sprechen, das Laut machen der Gedanken, und das Schreiben, das Sichtbarmachen der Gedanken, erklärt werden muss um den Kindern die richtige Auffassung in ihr Gedanken- und Gefühlsleben hineinzu bringen. Nehmen wir an, ich bin der Lehrer der neuen ABC-Schützen. Nachdem die Kinder stillsitzen und mich erwartungsvoll ansehen und neugierig sind, was nun kommt, erzähle ich ihnen den ersten Tag nur hübsche, kleine, ihnen verständliche Geschichten, um ihre Zuneigung und Aufmerksamkeit zu erringen. Am zweiten Tag erzähle ich ihnen zu Beginn wieder eine schöne Geschichte und frage sie, ob sie gut zugehört und alles gut verstanden haben. Natürlich, lautet die Antwort von allen Seiten: Ja, ja! - Ich frage: Habt ihr gesehen, was ich euch erzählt habe oder gehört? Alle sagen:"Gehört." - Richtig, Das Sprechen hört man, kann man nur hören. Nun, Kinder, ihr könnt doch alle gut sprechen. Wisst ihr auch was ihr sprecht? - Ja, Worte. Wo sprecht ihr die Worte? Antwort: Im Munde. - Nein, das ist falsch, ihr sprecht nicht Worte, sondern Töne, und diese spricht man nicht im Munde, sondern hier, und dabei zeige ich auf die Kehle. Ihr könnt doch alle ein Liedchen singen. Was singt ihr denn? - Töne! - Sehr richtig. Wo singt ihr die Töne? - Im Halse! - Richtig, im Halse also, hier in der Kehle. Was kann also nur aus der Kehle herauskommen? Ihr wisst es nicht? Doch nur Töne. Was können wir demnach nur singen und sprechen? Töne!. Ich habe euch doch gestern und heute Geschichten erzählt, die ihr alle gehört habt. Wodurch habt ihr sie gehört? Durch die Töne, die ich gesprochen habe. Nun merkt euch, Sprechen ist Tönen, und Singen ist Tönen. Singen ist schönes Tönen, und Sprechen ist einfaches Tönen, und diese Töne kommen alle aus der Kehle. In der Kehle entstehen sie und kommen durch den Mund heraus. Natürlich würde mich bei meinem Unterricht der Gedanke leiten, langsam und gründlich vorzugehen, damit alles verstanden wird. Hier kann ich selbstverständlich nur einen groben Umriss geben. Ich fahre weiter mit dem Unterricht fort: Sprechen, also tönen könnt ihr alle. Wisst ihr auch, wozu wir das Sprechen gleich Tönen verwenden? - Um etwas zu sagen. - Richtig, ihr nehmt das Tönen, also Sprechen, um dem anderen Menschen etwas zu sagen. Was könnt ihr aber nur sagen? Was wir wissen. - Ja, was ihr in euren Gedanken habt; denn was ihr nicht wisst, könnt ihr nicht sprechen. Wenn ich euch zum Beispiel frage, wann ich meinen Geburtstage habe, so könnt ihr mir das nicht sagen, aber wenn ich dich - Erwin - frage, wann du deinen Geburtstag hast, so weißt du es und kannst es auch sagen, und zwar durch Töne, die ich höre und verstehe. Du sagst die Töne stets so, wie du sie denkst, zum Beispiel ich habe am 10. Juni meinen Geburtstag. Siehst du, so hast du deine Gedanken durch Töne laut gemacht. Und das könnt ihr alle, und damit könnt ihr alle gut spre chen. Von Formen gleich Mundstellungen spreche ich erst später, da sie das nur allmählich begreifen können. Nun müsst ihr aber auch schreiben lernen, das heißt, eure Gedanken sichtbar machen. Was müsst ihr lernen? Schriftzeichen zu schreiben; und das müsst ihr so lange üben, bis ihr eure Gedanken durch


Schriftzeichen sichtbar machen könnt. Wenn eure Mutter verreist, so wollt ihr doch schreiben, was sie euch mitbringen soll, nicht wahr? - Ja, natürlich! - Deshalb müsst ihr Briefe schreiben lernen, denn sprechen könnt ihr mit ihr doch nur, wenn sie zu Hause ist und es hört. - Was ich euch nun alles erklärt habe, müsst ihr allmählich verstehen lernen, und das werdet ihr alle, da ich lange Zeit bei euch bin. Schreibstunde Heute werden wir anfangen, das Schreiben zu lernen. Wisst ihr auch, wie man das nennt, was man schreibt? - Buchstaben, Worte. - Wer hat euch das gesagt? - Die Geschwister, Vater und Mutter. Das haben sie euch falsch gesagt; der richtige Name dafür heißt: Schrift. In der Schrift haben wir einzelne Schriftzeichen (an der Wandtafel vorschreiben): zum Beispiel a, b, c, d, e usw. Diese können wir nur schreiben, aber nicht sprechen, denn aus der Kehle kommen doch keine Schriftzeichen, sondern nur Töne. Diese einzelnen Schrift zeichen sind jedoch Merkzeichen für einzelne Töne, die wir sprechen können und die ihr hört. Das werde ich euch nach und nach verständlich machen. - Außer den Schriftzeichen gibt es noch Schriftbilder, und zwar entstehen diese, wenn wir mehrere Schriftzeichen zusammenschreiben, zum Beispiel (ich schreibe an die Wandtafel) Bank. Dieses aus einzelnen Schriftzeichen zusam men gesetzte, Sichtbare ist also ein Schriftbild, und das Schriftbild ist wieder ein Merkzeichen für einen geformten Ton, den wir Sinnton nennen, und den wir sprechen und hören können. Jetzt hört recht gut, ich werde den Sinnton einmal vorsprechen: (Ich halte die Hand vor den Mund, damit die Kinder nicht sehen, sondern nur hören können, und drücke scharf und lange auf a (Bank). Die Kinder tönen nun nach. Also, wo - habt ihr gesprochen? - In der Kehle. - Wo ist das? - die Kinder legen den Finger an den Kehlkopf. Nach und nach bringe ich den Kindern die Auffassung bei, dass man in geformten Tönen denkt, das heißt also, in Tönen, die einen Sinn haben, und dass man solche Töne laut macht, also spricht. Weiter erkläre ich ihnen, dass ein Sinnton ein einziger Ton ist, dem eine einzige Form anhaftet, die Sinntöne nur durch Druck auf dem Klangton gleich Vokalton zu Gehör gebracht werden können, und dass wir nicht ausführen, ja sogar nicht ausführen können, da sie immer schon fertig vorhanden ist und nur unwillkürlich entsteht. Als Vergleich dient ein Napfkuchen: Dieser besteht aus einer Teigmasse, die durch eine Form geformt wird. Die Form gehört aber nicht zum Kuchen, diese formt ihn nur; ebenso gehört die Form nicht zum Ton, sondern sie formt ihn nur. In mehreren Büchern habe ich gelesen, dass die Autoren für den Ausdruck Sprechwort den Ausdruck: Klangbild gebrauchen. Daraus kann man wiederum ersehen, dass, solange man das Sprechgesetz nicht kennt, man aus der grund falschen Auffassung nicht herauskommt. Klangbild! Was sagt uns das? Klang: hören und Bild: sehen; also, wenn man spricht, so hört und sieht man. Nun, ich möchte den Menschen kennenlernen, der ein Bild hören kann; und wenn jemand ein Wort sieht, so ist es immer ein Schriftwort und nie ein Ton, und wenn er es mit Angst sieht, wie eben der Leidende, so ist jedes Hören unmöglich, weil er doch durch das Angstsehen an das Schriftwort, speziell an den ersten Buchsta ben, wie angenagelt ist und als Folge nicht zum Tönen - Hören kommt. Beim Singen sehen wir auch Noten, doch jeder hat gelernt, dass wir nach Noten Töne singen, aber man lernt nicht, dass wir nach Worten geformte Töne sprechen oder nach Buchstaben Töne hörbar machen, sondern höchstens, dass man nach Buchstaben Laute spricht und diese im Munde bildet. Derjenige aber muss noch geboren werden, der einen Laut im Munde sprechen kann. Alle Stotterer versuchen es schon seit vielen tausend Jahren, aber es hat noch keiner sein Ziel erreicht. Der Vokal ist ein Ton, den man in der Kehle klingen lässt; wenn der Falschsprecher ihn aber als Klang bild, als Buchstaben sieht, reißt er den Mund weit auf, jedoch ein Ton kommt nicht heraus. Er will aber auch nicht den Ton, sondern den Buchstaben spre chen. Ein Schriftzeichen jedoch kann niemals aus dem Munde herauskommen. Aus den bisherigen Ausführungen können Sie ersehen, was ich beabsichti ge. Es handelt sich nicht allein darum, dass man Kindern das Sprechen eindeutig lehrt, sondern dass sich auch alle Lehrer überhaupt alle Menschen - in Bezug auf das Sprechen umstellen. - Für Buchstabe darf nur der Ausdruck: Schriftzei chen gebraucht werden und für Wort: Schriftbild. Schriftzeichen sind Merkzei


chen für Klangtöne (bisher Selbstlaute) und für klanglose Töne oder Geräuschtöne (bisher Mitlaute). Schriftbilder sind aus mehreren Schriftzeichen zusammengesetzte Merkzeichen für einoder mehrfach geformte Sinntöne. Wenn ich spreche, so mache ich geformte Töne laut, die ich gedacht habe. Wenn ich schreibe, so verwandle ich die Sinntöne in Schriftbilder und mache damit meine Gedanken sichtbar. Lese ich einen Brief vor, so verwandle ich die Schriftbilder wieder in geformte, sinnvolle Töne. Ein Buch ist ein Gegenstand, in dem Schriftbilder verzeichnet sind, um Gedanken sichtbar zu machen.


3. HAUPTTEIL 3.Staatliche Anstalten Jeder normal sprechende Wissenschaftler, der sich für das Leiden interes siert, und jeder Stotterer sucht aus der bisherigen Literatur sein Wissen zu holen, um die Ursache zu ergründen und den Weg zur Beseitigung zu erforschen; denn es gibt auf der Welt keine Universität, auf der mit Erfolg dieses Leiden studiert werden könnte. Man versucht nun, an Hand der Bücher sich selbst und den Leidenden zu helfen, und tatsächlich werden diese öfter nach solcher Methode, die aber leider nur eine Ablenkung von dem falschen Wollen ist, eine Besserung merken und sind hocherfreut darüber. Aber nur bei dem Arzt oder Lehrer geht es besser, in dessen Gegenwart tritt die Angst zurück, doch unter Fremden ist das alte Leiden noch vorhanden, und es dauert nicht lange, und das Übel tritt auch im Beisein des Lehrers wieder in Erscheinung, das heißt der Leidende ist rückfällig geworden. Der Lehrer arbeitet nun weiter mit ihm, sucht nach neuen Mitteln und Wegen, um den Stotterer zu heilen, ihm das Sprechen der Worte und Buchstaben und Laute beizubringen, aber alles vergebens. Bei ganz wenigen Ausnahmen tritt daraufhin ein Erfolg ein, und zwar bei den weniger Empfindlichen oder bei denen, die die Buchstaben nicht geübt haben, die also nicht sehr erregt beim Sprechen waren und als Folge weniger Buchsta ben mit Angst geistig gesehen haben. Die Betreffenden bekommen allmählich die Suggestion "Ich kann" und bleiben beim Sprechen normal. Aber stets ist es nur eine Scheinheilung. Ich werde Ihnen durch ein Gleichnis die Scheinheilung erklären. Nehmen wir an, durch Unachtsamkeit eines Arbeiters ist ein großer Teerfleck an ein Haus gekommen. Um diesen Teerfleck zu beseitigen, wird er mit Kalkfarbe bestri chen, also scheinbar beseitigt. Nach längerer Zeit stellt sich ein starker Regen ein und spült die Kalkfarbe ab, und der Fleck kommt wieder zum Vorschein. Auf diese Weise wird der Fleck noch öfter beseitigt, aber immer wieder kommt er durch starken Regen hervor. Weshalb? Weil er noch gar nicht richtig entfernt war; es war eine Täuschung. Wie beseitige ich den Teerfleck? Mit Hammer und Stem meisen! Nun kann er nicht mehr zum Vorschein kommen. Weshalb? Weil er gründlich entfernt worden ist. Habe ich recht? Unwiderlegbar recht! Denn uns ist es doch allen so ergangen; wir sind der beste Beweis dafür. Ich selbst ließ mich viermal irreführen. Als ich aber dann meinen Teerfleck, nämlich meine falsche Empfindlichkeit - als Folge falsches Wollen - mit Hammer und Stemmei sen beseitigt hatte, konnte er auch trotz stärksten Regengusses (stärkster Erregung) nicht wiederkommen. Aus allem kann man immer wieder ersehen, dass bestimmte Sprechübun gen, Atmungs- und Mundstellungsübungen grundfalsch sind und nie von Erfolg sein können. Nur die tief eingewurzelten Zwangsgefühle sind zu beseitigen auf dem Fundament des Sprechgesetzes, das für den Leidenden dieselbe Bedeutung hat wie für den Ertrinkenden das rettende Tau. Es gibt ihm Ruhe. Wie ich schon in Vorwort und Einleitung erwähnte, ersehnen alle Stotterer Staatliche Anstalten zur Befreiung der Leidenden, aber auch zur Ausbildung von Lehrern und Ärzten in der Behandlung des Leidens, und in der Tat würde erst durch solche Anstalten mein Lebenswerk zu seiner vollen Auswirkung kommen und hierdurch die Möglichkeit geboten werden, dieses furchtbare Leiden völlig und endgültig auszurotten und für alle Zukunft zu verhüten. Bis zur Erforschung des Sprechgesetzes wäre es freilich ein großes Unglück gewesen, wenn Staatliche Anstalten errichtet worden wären. Es wären alles doch nur Stotterer-Ausbildungsstätten gewesen, solange die bisherige falsche Physiologie des Sprechens als Grundlage zur Beseitigung des Stotterns genommen worden wäre. Jetzt nach Erforschung des Sprechgesetzes würden sie das Geeignetste sein, weil es jetzt leicht möglich ist, andere nach meiner Lehre auszubilden. Natürlich müsste jeder Arzt (Psychologe) oder Lehrer erst mindestens 3-6 Monate in meiner Anstalt unterrichtet werden, um ihn fähig zu machen, die Leidenden beim Sprechen total umzustellen, ein neues Gefühls- und Gedankenleben in ihnen stark zu machen, das heißt die Stark werden zu lassen in der Ruhe und im normalen Wollen.


Dazu ist eine intensive Ausbildung erforderlich denn diese Arbeit ist unendlich schwer, so schwer, wie dem Furchtsamen die Angst vor Gespenstern zu nehmen und dem Trinker Durst auf Wasser beizubringen. Ich selbst hatte es natürlich besonders schwer, mich von der unnormalen Überempfindlichkeit zu befreien. Ich kann aber versichern, dass ich in den 50 Jahren, in denen ich mich einzig und allein mit der Beseitigung des unnormalen Gefühls- und Gedankenlebens beschäftigte, Mittel und Wege gefunden habe, das Übel in verhältnismäßig kurzer Zeit zu überwinden. Über mein Ruhesystem werde ich, wie gesagt, noch eine weitere Veröffentlichung folgen lassen. Es gibt nun viele Leidende, deren einziger Wunsch es ist, von dem Übel frei zu werden, die aber arm sind und die Kosten nicht aufbringen können. Eine große Anzahl wendet sich deshalb an die Krankenkassen um Unterstützung oder Beihilfe; sie werden aber stets abgewiesen, da in Statuten steht, dass Stottern nur ein Schönheitsfehler ist, und außerdem berufen sich die Krankenkassen auf ein Gesetz, demzufolge nur Institute unterstützt werden, deren Leiter ein Arzt ist. In Breslau gibt es nicht einen Arzt, der Leiter eines Sprechheilinstitutes ist. Wir haben in Breslau allerdings in der Staatlichen Medizinischen Klinik ein Ambulatorium für Sprechleidende, aber dessen Leiter sind Fachärzte für Nasen-, Ohren- und Halskrankheiten, wie ich schon an anderer Stelle erwähnt habe. Heute werden auch Stimmbildner und Vortragskünstler dort beschäftigt. Das ist gut gemeint, aber der Leidende hat doch keinen Sprachfehler. Ich konnte aber nachweisen, dass das Übel nur ein rein psychisches ist. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass auf diesem Seezielgebiet, welches ein Nichtarzt als erster völlig erforscht hat, eine Ausnahme bei den Krankenkassen gemacht werden müsste, und zwar im Interesse des Staates. Heiraten Sprechleidende, so ist mit Sicherheit anzunehmen, dass einige Kinder auch "Stotterer" werden. Ich halte es auch für richtig, dass die Sprechkranken Ärzte besuchen, aber wenn die Ärzte von diesem Leiden nichts verstehen und selbst nicht wissen, weshalb sie normal sprechen, so ist es doch ein Unding, die sogenannten Stotterer aufzufordern, in ärztliche Behandlung zu gehen (selbst wenn sie Unterstützung von den Kranken kassen bekommen), obwohl die Gewissheit vorhanden ist, dass die Kur ohne jeden Erfolg ist. Hier ist also noch eine große Lücke in den Statuten, und diese muss im Interesse des Staates, der bestrebt ist, ein gesundes Volk zu erziehen, ausgefüllt werden. Ich bekomme täglich Briefe aus ganz Deutschland, worin sich die Leidenden beklagen, dass sie zu einem Arzt gehen sollen. Dieser kann ihnen aber gar nicht helfen, denn auf diesem Gebiet ist er ja nicht ausgebildet. Bei der Art des Leidens handelt es sich auch nicht um eine eigentliche ärztliche Tätig keit. Was der Arzt hier benötigt, ist vielmehr: Klarheit über das Sprechgesetz, über dauernde Beeinflussung und Erziehung - möglichst suggestiven Charakters. Zur Zeit gibt es in Deutschland, sowie in anderen Ländern keine Gelegenheit bzw. Universität, in der er sich für dieses Fach ausbilden könnte. Es gibt zwar einzelne Ärzte, die nach der Gutzmannschen Methode den Leidenden zu helfen suchen, aber nur nebenbei, das heißt Hauptsache ist für sie ihre medizinische Praxis - und gerade für diese Übel muss man sein ganzes Ich einsetzen, nur dafür leben und arbeiten, ja ausschließlich dafür denken. Auch darf man nicht nur Arzt sein und nur behandeln, nein, man muss in der Hauptsache Pädagoge sein. Wenn der Leidende von seiner Unwissenheit betreffs seines Übels befreit werden soll, so kommt natürlich nur eine Aufklärungs- und Erziehungsmethode in Frage, die von eindringender Kenntnis der Seele des Stotterers ausgeht. Nur mit Hilfe solcher Methode wird der Leidende in die Lage versetzt, sich von seinem falschen Zwangsgefühl und seinen falschen Gedanken zu befreien und damit normal zu werden beim sprechen in Gegenwart von Menschen. - Natürlich kann nur derjenige dem Leidenden helfen, der diese falsche Psyche genau kennt, der imstande ist, ihm seine Psyche betreffs Sprechen zu analysieren.

4.Schlusswort Jeder medizinische Wissenschaftler hat immer nur ein Ziel: den Bazillus einer Krankheit zu erforschen und das Serum zu finden, das ihn vernichtet. Auch meine Lebensaufgabe bestand darin, und ich bin glücklich, dass ich sie lösen durfte.


Der Bazillus ist die bisherige Lehre der Physiologie des Sprechens, und das Serum ist das Sprechgesetz, wie ich bewiesen habe, deshalb gilt mein Kampf der falschen und unnatürlichen Lehre. All mein Streben geht auf Verbreitung der Kenntnis vom Sprechgesetz in aller Welt, um unendlichen Leiden vorzubeugen. Nur vom Natürlichen ausgehend - von der natürlichen Struktur der Sprech funktion überhaupt fand ich den Weg zur endgültigen Aufklärung über dieses Leiden, dessen Entstehung und Ausbreitung wieder nur möglich war durch dauernden Verstoß gegen ein Naturgesetz. So zurückkehrend zur Natur, nur ihrem Gebote folgend, empfing ich von ihr allein aus natürlicher Quelle das Serum zur Befreiung von diesem Leiden. Möge unsere Zeit, die wie keine andere nach den Urkräften des Lebens sucht, mithelfen an der Vollendung dieses segensreichen Werkes.

5.Nachwort Ich hatte das Glück, Herrn Hausdörfer persönlich kennenzulernen; ich durfte sein Schüler und später auch sein Mitarbeiter sein. Dank und Anerkennung sind es, die ich hier zum Ausdruck bringe. Oskar Hausdörfer, ein Mensch, der mit seltener Hingabe und mit grenzenlo ser Beharrlichkeit seine Lebenskraft der Lösung einer Frage opferte, die der Allgemeinheit vielleicht viel zu eigenartig und uninteressant dünkt, als dass man sich ein ganzes Leben lang damit beschäftigen könnte. Sein Werk, so glaube ich, werden nur diejenigen in rechter Weise verstehen und würdigen, die das Leiden des "Stotterns" an Leib und Seele verspürt haben oder verspüren. An mir selbst, der ich zehn Jahre lang "Stotterer" war, konnte ich erfahren, dass seine Lehre natürlich ist. Sie ermöglichte auch mir die ersehnte Heilung, weil sie einfach und richtig ist. Was nützen uns in der Welt schöne Theorien, wo wir das Wahre, das uns allein helfen kann, finden müssen? Was gibt uns eine Lehre, selbst wenn sie von "Berufenen" stammt, wenn sie falsch ist? Ich halte es mit dem "Laien", der Wege und Mittel kennt, die zum Heile führen. Was ist eine Psychologie des Sprechens, die dem Sprechkranken ratlos gegenüber steht? Die Richtigkeit einer Wissenschaft beweist sich selbst, wenn sie befähigt ist, den Menschen zur Harmonie, der Quelle des Glückes, zurückzuführen. Dass die Menschheit oft trotz falschen Wissens unbewusst beim Rechten bleibt, zeigt, wie stark die Lebensgesetze in uns wirken: Wir sprechen natürlich und haben doch ein widernatürliches Wissen bezüglich unseres Sprechens. Doch der Krug geht zu Wasser, bis er bricht. Falsches Wissen erzeugt falsche Dispositionen, die oft nur eines äußeren Anlasses bedürfen, um mit Gewalt durchzubrechen. Hat aber die Disharmonie einmal die Vorherrschaft erlangt, so ist es nicht leicht, sie wieder aufzulösen, dann gibt es nur eine Medizin, die als Grundlage des Heilungswerkes dienen kann: Bewusste Er kenntnis des missbrauchten Gesetzes und ernstliches Bemühen, es zu befolgen. Doch gerade das Erfüllen erfordert höchstes Maß an Geduld, Energie und Beharrlichkeit und nicht zuletzt das Wissen der rechten Mittel und Wege. Die Wissenschaft ist schon oft durch "Laien", die zwangsläufig ihr Leben einem Problem opferten und es lösten, berichtigt worden. Und was ist schon dabei, geht es doch nicht darum, wer die Wahrheit findet, sondern dass sie gefunden wird. Es scheint am sogenannten Stotterer offenbar zu werden, dass die Psycho logie des Sprechen viel zu sehr Wissenschaft für sich selbst ist! Ein gefährli ches Spiel, das sich furchtbar rächt, indem das scheinbar großartige Wissen einfach nicht imstande ist, sprechverwundeten Menschen zu helfen. Und das genügt als Beweis dafür, dass das ganze Gebäude der Sprechlehre keinen soliden Grund hat. Alle Funktionen, die den Menschen betreffen, geistig wie körperlich, sind einfach natürlich. Jedes diesbezügliche Wissen kann nur einen Wert haben, wenn es den Gesetzen, die dem Menschen zugrunde liegen, getreu bleibt. Und da die Naturgesetze denkbar einfach sind (deshalb finden wir


sie so schwer), muss auch die Wissenschaft einfach sein. Alles Drum und Dran, alles mehr als das Nötige ist Tand, der dem Verständnis des Ganzen nur schadet. Ich bin überzeugt, dass die Lehre des Forschers Oskar Hausdörfer unan greifbar wahr ist, da sie dem Sprech- oder Singgesetz unbedingt Folge leistet. Und wenn die bisherige gelehrte Psychologie des Sprechens durch das Werk dieses schlichten Mannes über den Haufen geworfen wird, dann ist dies nur ein erneuter Beweis, dass Wahrheit nicht immer von den "Geschulten" gefunden wird, sondern dass sie jedem Menschen zugänglich ist und vorzüglich dem einfachen, der mit seinem Ohr dem Pulsschlag der Natur zu lauschen vermag, der der Natur viel zu verbunden ist, als dass er sie durch Komplikationen und Machwerk entstellte. Oskar Hausdörfer ist ein Revolutionär auf dem Gebiet des Sprechens. Er steht unserer Zeit, die so reich an geistig-völkischen Revolutionen ist, so nahe, dass es nicht versäumt werden darf, mit dem 74jährigen, dessen Herz nur für Deutschland schlägt, in nähere Fühlung zu treten, und zwar jetzt, da er noch unter uns weilt. Es ist notwendig, dass von Staatlicher, maßgebender Stelle Hausdörfers Lehre geprüft wird und dass sie Anwendung findet, sind doch 3 Prozent des deutschen Volkes "Stotterer", an sich wertvolle Menschen, die jedoch gehindert sind, ihre Fähigkeiten dem Volke zu schenken. Eine Staatliche Anstalt unter Hausdörfers Leitung, zum mindesten nach seiner Methode, würde nicht nur Erfüllung eines langgehegten Wunsches des Forschers sein, sondern zugleich die Lösung eines volksgesundheitlichen Problems bedeuten. Max Erler Dittersbach-Neuhaufen, Erzgebirge, Juli 1938.


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Warum gibt es in Deutschland 1,5 Millionen Stotterer? by Hausdörfer-instituut Voor Natuurlijk Spreken - Issuu