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Stolze et al., Landwirtschaft in den Alpenländern

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Bristol-Schriftenreihe Band 58

Haupt NATUR


Herausgeber Ruth und Herbert Uhl-Forschungsstelle fĂźr Natur- und Umweltschutz, Bristol-Stiftung, ZĂźrich www.bristol-stiftung.ch


Matthias Stolze, Rainer Weisshaidinger, Andreas Bartel, Othmar Schwank, Adrian Müller, Roger Biedermann (Red.)

Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern Wege zu einer raufutterbasierten Milch- und Fleischproduktion in Österreich und der Schweiz

Haupt Verlag


Verantwortlich für die Herausgabe Bristol-Stiftung. Stiftungsrat: Dr. René Schwarzenbach, Herrliberg; Dr. Mario F. Broggi, Triesen; Prof. Dr. Klaus Ewald, Gerzensee; Martin Gehring, Zürich Managing Editor Dr. Manuela Di Giulio, Natur Umwelt Wissen GmbH, Zürich Adressen der Hauptautoren (Redaktion) Dr. Matthias Stolze, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick, E-Mail: matthias.stolze@fibl.org Dr. Rainer Weisshaidinger, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Doblhoffgasse 7/10, A-1010 Wien, E-Mail: rainer.weisshaidinger@fibl.org Andreas Bartel, Umweltbundesamt GmbH, Spittelauer Lände 5, A-1090 Wien, E-Mail: andreas.bartel@umweltbundesamt.at Dr. Othmar Schwank, Schwank Earthpartner AG, Hinterdorfstrasse 15, CH-8455 Rüdlingen, E-Mail: os@schwank-earthpartner.ch Dr. Adrian Müller, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick, E-Mail: adrian.mueller@fibl.org Dr. Roger Biedermann, Gast der Schwank Earthpartner AG, Hinterdorfstrasse 15, CH-8455 Rüdlingen, E-Mail: biedermannroger@bluewin.ch Koordination: Rebekka Frick, Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) Layout: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, D-Göttingen Nach einem Konzept von Jacqueline Annen, CH-Maschwanden Umschlag: Atelier Silvia Ruppen, FL-Vaduz Zitierung STOLZE, M.; WEISSHAIDINGER, R.; BARTEL, A.; SCHWANK , O.; MÜLLER, A.; BIEDERMANN, R. (Red), 2018: Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern. Wege zu einer raufutterbasierten Milch- und Fleischproduktion in Österreich und der Schweiz. Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Haupt. 173 S. Zitierung einzelner Kapitel Kapitelautoren, 2018: Kapiteltitel. In: STOLZE, M.; WEISSHAIDINGER, R.; BARTEL, A.; SCHWANK , O.; MÜLLER, A.; BIEDERMANN, R. (Red), Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern. Wege zu einer raufutterbasierten Milch- und Fleischproduktion in Österreich und der Schweiz. Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Haupt. S. x-y. Diese Publikation ist in der Deutschen Nationalbibliografie verzeichnet. Mehr Informationen dazu finden Sie unter http://dnb.dnb.de Der Haupt Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016 – 2020 unterstützt. ISBN 978-3-258-08099-4 Alle Rechte vorbehalten. Copyright©2019 Haupt Bern Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig. Printed in Germany www.haupt.ch

Signet FSC

Klimaneutral


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Abstract Opportunities for farming in alpine countries – pathways to truly grassland-based beef and milk production in Austria and Switzerland Farming in the alpine countries of Austria and Switzerland, fulfils important economic, socio-cultural and ecological functions for society. However, even though both the EU and Switzerland have increasingly focussed their agricultural policy more towards ecology, so far, the negative environmental impacts of agriculture are yet to be resolved. Our comprehensive analysis identifies nitrogen balance surpluses and deposition as central factors for the negative environmental impacts of agriculture in Austria and Switzerland. The starting points for a more ecologically sustainable agriculture are therefore, locally appropriate livestock numbers as part of an overall reduction in livestock densities, together with reduced reliance on concentrate feed, increased use of nitrogen-fixing legumes, a reduction in mineral nitrogen fertilization, site-specific plant production and an increase in nitrogen efficiency in both animal husbandry and crop production. To address these issues, we used the SOL mass-flow model to analyse to what extent site-appropriate, grassland based regenerative beef and dairy systems (that minimise competition between food and feed production), could contribute to ecologically sustainable land use without exceeding the regional ecosystem boundaries. Model results suggest that the implementation of regenerative beef and milk production systems would result in lower ammonia emissions, a reduction of nitrogen balance surpluses and lower total greenhouse gas emissions from agriculture. From our analysis we can conclude that: 1. The problem must be tackled at its cause through a reduction in nitrogen intensity. 2. Site-adapted production and closing material cycles are core elements of ecologically sustainable land use. 3. The improvements in environmental impacts achievable through regenerative beef and milk production exceed the effects of the previous agricultural policy since the 1990s. 4. Arable land released by growing less concentrate feed and maize silage allows other options to be explored: Food production, extensification of agriculture, or strengthening ecological compensation areas and nature conservation. 5. Site-adapted agricultural production in the alpine countries reduces pressure on the local environment, but reduces the degree of self-sufficiency. However, this could be offset by sustainable trade and a significant change in dietary habits. 6. The transformation from a production-led to an ecologically oriented land use cannot be implemented overnight. For these reasons, it is important to inform farmers, market players and consumers of the prospect of an ecologically sustainable agriculture today and to create the necessary framework and conditions for this. Keywords: environmental impacts, agriculture, agricultural policy, land use systems, nitrogen, sustainability strategies, grassland-based beef and milk production, Switzerland, Austria, alpine region


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Vorwort Ich kann nun bald fünf Jahrzehnte des Landschaftswandels im Alpenrheintal des Fürstentums Liechtenstein überblicken. Mir sind in dieser Zeitspanne bei der Erstellung von Naturmonografien über schützenswerte Landschaftsausschnitte massive Veränderungen der Lebensgemeinschaften aufgefallen. So verwandelten sich einst lockere Kopfbinsenrasen in Flachmooren mit Mehlprimeln und Sonnentau zu dichten Pfeifengraswiesen mit starker Verschilfung. Die bunten Blumenwiesen sind verschwunden. Auch dem Laien muss auffallen, wie sich die einst vielfältigen Farbtupfer in den Wiesen ausdünnen. Zugleich summt und brummt es kaum mehr, die einst vielen Insekten, insbesondere die Tagfalterwelt, ist leise verschwunden. Es stimmt nicht mehr, sowohl optisch wie akustisch und geruchlich. Es herrscht immer mehr eine beklemmende ökologische Monotonie. Sie ist gekennzeichnet durch eine Arten- und Strukturarmut, verursacht durch ein intensives Schnitt- und Düngerregime. Einst vielfältige strukturierte Landschaften werden zu gepuschten Produktionslandschaften. Man muss heute von «Grünen Wüsten» sprechen. Nach Vegetationskartierungen im Gelände musste ich zu Hause umgehend einen Kleiderwechsel vollziehen, ich stank massiv nach Ammoniak. Recht zeitlich verzögert werden nun die dramatischen Verluste der Biodiversität verlautbart, angefangen mit den Bienen (more than honey). Dabei hatte bereits vor 30 Jahren Pro Natura gemeldet, dass im Schweizer Mittelland und im Vergleich zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nur mehr wenige Prozente der Tagfalterpopulationen fliegen. Und kürzlich wird in einer deutschen Publikation festgehalten, dass die Biomasse der Insekten auch in Schutzgebieten in den letzten 30 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen ist. Dies ist eine Bankrotterklärung für die Vielfalt. Man spricht weiter von der Landschaftspflege durch die Landwirtschaft, fördert sie dafür und nimmt diese Biodiversitätsverluste wenig zur Kenntnis. Erschwerend kommt die langfristige Wirkung der massiven Überdüngung unserer Lebensräume dazu, wobei der Treiber die zu hohen Tierbestände sind. Dies wurde bereits im Rahmen des Bristol-Bands mit der Darlegung der Ergebnisse der experimentellen Ökosystemforschung auf der Schynigen Platte im Berner Oberland belegt. Dort eingebrachte Dünger liessen sich nach 80 Jahren noch immer im Stoffkreislauf markant nachweisen. Ebenso sind heute auf der Alp Stabelchod im Schweizer Nationalpark noch die Stickstoffanzeiger der Lägerflora festzustellen, wo im Jahre 1911 die Alpwirtschaft eingestellt worden ist. Auch wenn wir morgen die Landwirtschaft auf ressourcenschonende Wirtschaftsweisen umstellen, braucht der Bremsweg des Düngerabbaues noch viele Jahrzehnte, wenn nicht mehr. Ähnliches gilt für den Pestizidabbau im Boden. Die Wirkungen der luftgetragenen reaktiven Stickstoffverbindungen erweisen sich für mich als die Schlüsselrolle des Problems für die Erhaltung der biologischen Vielfalt. Die Landwirtschaft ist hier als der bedeutendste Emittent identifiziert. Was tun, nachdem ja bereits seit 25 Jahren Agrarumweltmassnahmen getätigt werden, deren Wirkungen aber recht ernüchternd sind? Die Biodiversitätsverluste konnten bisher ja nicht gestoppt wer-


Vorwort

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den. Jammern und Anklage nützen wenig, wirkungsvolle Lösungsansätze sind gefragt. Einige mögliche Bausteine für Lösungsansätze erlebte ich in meiner beruflichen Laufbahn, etwa bei der Leitung des Bundesinventars der Flachmoore in der Schweiz. In den Voralpen verwalden tausende von Hektaren als schutzwürdig erkannte Flachmoore. Wie können diese Flächen offen gehalten werden, nachdem das frühere Schnittregime nicht mehr ausgeübt wird? Robustrindern müsste es doch mit der Beweidung gelingen solche Habitate offen zu halten. Das sollte im Gelände geprüft werden, ob sich so die biologische Vielfalt erhalten lässt und es den Tieren gut geht. Mit agrarischen und biologisch ausgerichteten Instituten (Agridea, Agroscope, WSL) gelang in einer Versuchsanordnung mit dem Projekt PASTO im Unterwallis der Nachweis, dass sich eine Wiederkäuerführung im Falle des Eringerrindes primär auf Wiese und Weide abstützen lässt. Sie veredeln mit Hilfe ihrer komplexen Verdauung verwertbares Grasland zu Fleisch und Milch. Das ist eine Form von «Niedrig-Energielandwirtschaft», die für die Natur wie für die Landwirtschaft in extensiv genutzten Lagen von Interesse sein kann. Indessen hat sich die Milchwirtschaft in jüngster Zeit von der Grünlandwirtschaft teilweise abgekoppelt. Die Milchleistungen sind mit Hilfe von Mais und weiterem importiertem Kraftfutter seit rund 25 Jahren mit Hilfe von Hochleistungskühen um 40 Prozent gestiegen. Dabei fällt auf, dass sich die Wiederkäuer zusehends zum Nahrungskonkurrenten für den Menschen entwickeln. Wir exportieren zudem negative Umwelt- und Sozialwirkungen in Drittländer. Wir stehen an einem Scheideweg in der Landwirtschaft. Es muss uns gelingen Synergien in ökologischer, sozialer, ökonomischer, betrieblicher wie gesellschaftlicher Sicht für neue nachhaltige Wege zu finden. Es ist Zeit, sich von den bisherigen Dunstblasen der Worthülsen zu lösen. Ich erinnerte mich an Kontakte zum früheren Ostschweizer Kantonschemiker Roger Biedermann, der sich mit Stickstoffproblemen in der Landwirtschaft beschäftigt. Aus neuerlichen Gesprächen mit ihm haben sich Diskussionsrunden mit weiteren Experten ergeben. Es wurde dabei der Vergleich der Landwirtschaft in der raufutterbasierten Milchund Fleischproduktion in Österreich und der Schweiz angeregt. Es entstand in der Folge eine länderübergreifende Zusammenarbeit zwischen dem Österreichischen Umweltbundesamt in Wien und dem FiBL Schweiz in Frick, dem FiBL Österreich in Wien sowie Schwank Earthpartner in Rüdlingen (Schaffhausen). Ein sechsköpfiges Kernteam mit 18 weiteren Fachleuten nahm sich der Fragestellung nach Lösungsansätzen unter der Leitung des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau FiBL an. Sie legen uns nun einen «Gesundheits-Check» der Landwirtschaft in den beiden Alpenstaaten vor. Dafür nehmen sie eine umfassende Bestandsaufnahme hinsichtlich der agrarpolitischen Entwicklung und der Umweltauswirkungen vor. Sie diskutieren Perspektiven mit Ansätzen und Leitlinien, die zentral sind, um eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft mittelfristig zu erreichen. Eine wichtige Frage stellt die sichere Ernährung der Bevölkerung dar, dies ohne die Tragfähigkeit der Ökosysteme zu schädigen, wie es jetzt der Fall ist. Es werden Lösungen im Modellcheck unterbreitet und wertvolle Schlussfolgerungen gezogen. Das vorliegende Werk des Autorenkollektivs ist kohärent und transparent verfasst. Sie berücksichtigen die komplexen Rahmenbedingungen und weisen uns den möglichen


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Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern

Pfad. Es sind ja wieder einmal Weichenstellungen für eine künftige Agrarpolitik zu stellen. Dieses Werk bietet entsprechende Anregungen. Wir danken dem Autorenkollektiv für diese äusserst wertvolle Arbeit, ein Dankeschön auch an die drei unterstützenden Stiftungen (Bristol Stiftung, Paul Schiller Stiftung, Vontobel-Stiftung) ohne deren Unterstützung das Werk kaum zustande gekommen wäre. Es ist die vornehme Aufgabe der gemeinnützigen Stiftungen ohne Einflussnahme freies Denken und Formulieren zu ermöglichen. Mögen die vorliegenden zahlreichen Anregungen ihre Anwender finden. Mario F. Broggi Stiftungsrat der Bristol Stiftung und Geschäftsführer der Ruth und Herbert Uhl-Forschungsstelle für Natur- und Umweltschutz


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Inhalt Abstract Vorwort Dank

5 6 11

1

Einleitung

13

2

Landwirtschaft in den Alpenländern: Ein Gesundheits-Check 2.1 Die Landwirtschaft im Zeichen der Agrarpolitik Rainer Weisshaidinger, Rebekka Frick, Thomas Labuda, Judith Brüggemann, Klavdija Ramsak-Noemi, Matthias Stolze 2.2 Die Folgen der aktuellen landwirtschaftlichen Praxis auf die Umwelt: Anspruch und Wirklichkeit Roger Biedermann, Andreas Bartel, Othmar Schwank, Rebekka Frick, Matthias Meier, Klavdija Ramsak-Noemi, Gerhard Zethner, Rainer Weisshaidinger 2.3 Thesen: Agrarpolitik und ihre Wirkung Matthias Stolze, Rainer Weisshaidinger, Roger Biedermann, Othmar Schwank, Richard Petrasek, Andreas Bartel, Adrian Müller, Gerhard Zethner, Helmut Gaugitsch

17 17

3

4

Grundsätze für eine neue Agrarpolitik 3.1 Systembetrachtung Rainer Weisshaidinger, Othmar Schwank, Matthias Stolze 3.2 Nachhaltigkeitsstrategien: Effizienz, Konsistenz, Suffizienz Richard Petrasek, Adrian Müller, Matthias Stolze 3.3 Ausrichtung der Agrarpolitik an Nachhaltigkeitskriterien Richard Petrasek, Matthias Stolze, Rainer Weisshaidinger 3.4 Grundsätze der Wiederkäuerfütterung Gwendolyn Rudolph, Reinhard Gessl, Paul Ertl, Florian Leiber, Andreas Steinwidder, Walter Starz 3.5 Thesen: Ansätze für eine neue Agrarpolitik Matthias Stolze, Rainer Weisshaidinger, Roger Biedermann, Othmar Schwank, Richard Petrasek, Andreas Bartel, Adrian Müller, Gerhard Zethner, Helmut Gaugitsch Lösungswege für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft 4.1 Regenerative Milch- und Rindfleischproduktion: ein Lösungsansatz Matthias Stolze, Othmar Schwank 4.2 Praxisbeispiele Hans Braun, Kaspar und Annemarie Kohler

35

72

75 75 80 84 86

100

103 103 106


5

6

Die Lösungen im Modellcheck Adrian Müller, Simon Moakes, Rebekka Frick, Matthias Stolze, Rainer Weisshaidinger 5.1 Das Modell und die Modellannahmen 5.2 Szenarien 5.3 Resultate 5.4 Fazit 5.5 Kritische Diskussion 5.6 Datengrundlagen Schlussfolgerungen Matthias Stolze, Rainer Weisshaidinger, Roger Biedermann, Othmar Schwank, Richard Petrasek, Andreas Bartel, Adrian Müller, Helmut Gaugitsch

113

113 116 119 125 129 130 133

Literatur

144

Anhang

164

Autorinnen und Autoren

170


11

Dank Für die Arbeiten an diesem Buch war es sehr wichtig, immer wieder die Diskussion mit Experten aus Österreich und der Schweiz in Rahmen von Workshops und Diskussionsrunden zu suchen. Für die sehr spannenden Diskussionsbeiträge zu Lösungsmöglichkeiten und Thesen für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft im Alpenraum im Rahmen der Expertenworkshops im Dezember 2015 in Zürich und Wien möchten wir den Teilnehmern und Teilnehmerinnen unseren ausdrücklichen Dank aussprechen: Zürich: Beat Achermann, Robert Huber, Florian Leiber, Stefan Mann, Martin Ott, Walter Richner, Otto Schmid, Peter Thomet. Wien: Thomas Dax, Paul Ertl, Ignaz Knöbl, Regina Mayer, Thilo Nigmann, Valentin Opfermann, Günther Rohrer. Bei einem weiteren Workshop diskutierten wir die Eckpunkte für eine regenerative Milch- und Rindfleischproduktion mit Landwirten, Wissenschaftlern und Beratern. Dies war ein sehr wichtiger Schritt für die Arbeiten an diesem Buch. Für diesen Input danken wir ganz herzlich: Paul Ertl, Florian Leiber, Robert Obrist, Martin Ott. Für die konstruktive Diskussion unserer Ergebnisse beim Abschlussworkshop im Dezember 2016 bedanken wir uns herzlich bei: Kaspar und Annemarie Kohler, Martin Ott, Walter Richner, Otto Schmid, Franz Josef Steiner. Die Diskussionsergebnisse waren äusserst wertvoll und trugen wesentlich zur Fertigstellung des Buchmanuskripts bei. Ganz herzlich bedanken möchten wir uns bei Dr. Stefan Hörtenhuber (Universität für Bodenkultur Wien sowie FiBL Österreich) und Dr. Matthias Meier (FiBL Schweiz). Sie haben das Buchmanuskript mehrfach gelesen. Ihre kritischen Kommentare und Vorschläge haben das Manuskript wesentlich verbessert. Wir bedanken uns bei der Bristol Stiftung, der Paul Schiller Stiftung und der Vontobel Stiftung. Ohne ihre finanzielle Unterstützung wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Die Bristol Stiftung ermöglicht uns die Projektergebnisse in einem Buch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für diese grosszügige Unterstützung möchten wir uns ganz herzlich bedanken. Unser ganz besonderer Dank gilt Mario Broggi von der Bristol Stiftung, der uns während der ganzen Projektdauer begleitet und unterstützt hat. Seine hervorragenden Kommentare zum Entwurf des Manuskripts waren für das Gelingen von grosser Bedeutung. Matthias Stolze, Rainer Weisshaidinger, Andreas Bartel, Othmar Schwank, Adrian Müller, Roger Biedermann


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1

Einleitung

Die Landwirtschaft in den Alpenländern Österreich und Schweiz erfüllt für die Gesellschaft wichtige wirtschaftliche, soziokulturelle und ökologische Funktionen. Dies nicht nur aus Sicht der Nahrungsmittelproduktion, sondern insbesondere auch aufgrund ihrer wichtigen Funktion bei der Erbringung von vielfältigen öffentlichen Leistungen: Ernährungssicherung, Abpuffern von Naturgefahren, Klimaregulierung, Regulierung des Wasserhaushalts, Lebensraumfunktion, Biodiversität landwirtschaftlicher Flächen, Nährstoffbereitstellung, Erholungsfunktion, kulturelle Funktion (BALDOCK et al. 2011; TEEB 2010). Gleichwohl verursacht die Landwirtschaft in der Schweiz und Österreich – verstärkt seit den 1960er Jahren – ernste negative Auswirkungen auf den Zustand der Ökosysteme und der natürlichen Ressourcen. In den 1990er Jahren kam es daher in der Schweiz und in Österreich bzw. der Europäischen Union (EU) zu einem agrarpolitischen Wechsel, weg von einer reinen Marktstützung hin zu einer ökologieorientierten Agrarpolitik. Diese Ökologieorientierung wurde vor allem durch die Einführung von Agrarumweltmassnahmen umgesetzt. Die Massnahmen der Agrarpolitik und die Landwirtschaft stehen aber weiter in der Kritik, denn die negativen Umweltauswirkungen der Landwirtschaft konnten bisher nicht grundlegend behoben werden (SRU 2015; Schweizerischer Bundesrat 2016). Dafür sind insbesondere die Intensivierung der Landwirtschaft und die damit einhergehenden Verluste an Lebensräumen sowie die agrarpolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen verantwortlich (BOSSHARD et al. 2011; BRINER et al. 2012; HUBER et al. 2013; ROUNSEVELL et al. 2012; WRBKA et al. 2008; YOUNG et al. 2005). Die Stickstoff- und Phosphorkreisläufe sowie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sind Indikatoren, die die Intensität der Landwirtschaft anzeigen. Stickstoff ist dabei der zentrale Faktor, a) für die Intensität der Landwirtschaft und b) deren Umweltwirkungen (Abb. 1). Der Import von Stickstoff in das System Landwirtschaft über Futtermittel und Mineraldünger sowie die Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft sind wichtige treibende Stoffflüsse, die wiederum andere Stoffflüsse induzieren (Emissionen aus Böden, Auswaschung und Abschwemmung von Böden in die Grund- und Oberflächengewässer, Depositionen aus der Atmosphäre) und zum Artenverlust beitragen. Die Landwirtschaft ist daher einerseits Verursacherin dieser negativen Umwelteffekte, anderseits und als Nutzerin der natürlichen Ressourcen auch Betroffene. Die Schweiz und Österreich haben als Alpenländer einen hohen Anteil Dauergrünland an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche (LN) (Schweiz: rund 60 % der LN, Österreich: 40 % der LN). Als sogenannte «Grasländer» stellt sich daher die Frage, welche Lösungen für die Milch- und Rindfleischproduktion in den Alpenländern Schweiz und Österreich zu einer ökologisch nachhaltigen Landnutzung beitragen können, so dass die Produktion die lokalen Belastungs- und Ressourcengrenzen nicht überschreitet. Vor diesem Hintergrund unterziehen wir die Landwirtschaft in den Alpenländern Österreich und Schweiz zu Beginn einer umfassenden Bestandsaufnahme hinsichtlich ihrer agrarpolitischen Entwicklung und der Umweltwirkung. Dabei betrachten wir in diesem Buch


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Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern

Globaler Einfluss Alpenregion

Intensive Tierhaltung Intensive pflanzliche Prod.

Handelsdüngereinsatz (-import)

Biodiversitätsverlust

Intensivierung Landwirtschaft

Nutzungsdruck

Kraftfuttermitteleinsatz (-import)

Gewässer-/ Bodenbelastung

Gunstlagen Stickstoffüberschuss

Stickstoffdeposition

Treibhausgase & Luftqualität / Klimawandel

Lachgas (N 2O) Nitrat (NO 3 ) Ammoniak (NH 3 )

Habitate Arten Genetische Div.

Endogene Einflussfaktoren Verbuschung Verwaldung Exogene Einflussfaktoren

Ökosystemleistungen

Abb. 1. Systemdarstellung. Quelle: Eigene Darstellung.

die Länder Schweiz und Österreich in ihrer Gesamtheit und nicht nur das Berggebiet. Die Begriffe «Alpenraum» bzw. «Alpenregion» werden aus Sicht einer europäischen Alpenpolitik verwendet und schliessen die ausseralpinen Gebiete, wie die Alpenvorländer und die Mittelgebirge Jura und Böhmische Masse, mit ein (BÄTZING 2015; Alpine Space Programme 2018). Einem systemischen Ansatz folgend, diskutieren wir dann aus verschiedenen Perspektiven Ansätze und Leitlinien, die zentral sind, um eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft mittelfristig zu erreichen. Eine wichtige Leitfrage ist dabei, wie wir eine sichere Ernährung der Bevölkerung erreichen, ohne die Tragfähigkeit des Ökosystems zu gefährden. Fünf Gastbeiträge behandeln die Grundlagen der artgemässen Wiederkäuerfütterung, die Auswirkungen einer Kraftfutterreduktion auf Tiergesundheit, Fruchtbarkeit und Nährstoffeffizienz, die Bedeutung des Grünlands für die Lebensmittelproduktion sowie die Potentiale einer weidebasierten Low-Input-Milchviehhaltung für die Alpenländer. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen leiten wir sieben Thesen und Fragestellungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und Agrarpolitik im Alpenraum her. Thesen, die uns auf der Lösungssuche mit Expertinnen und Experten in beiden Ländern begleiteten. Mit der «Regenerativen Milch- und Rindfleischproduktion» stellen wir einen neuen und innovativen Lösungsweg für eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft im Alpenraum vor. Dies ist ein Lösungsweg, der sich von der momentanen Hochleistungsstrategie unter-


Einleitung

15

scheidet. Die zwei Praxisbeispiele von Hans Braun (Aargau, Schweiz) und Kaspar und Annemarie Kohler (Vorarlberg, Österreich) veranschaulichen, dass dieses Konzept der kraftfutterfreien und graslandbasierten Wiederkäuerhaltung bereits auf landwirtschaftlichen Betrieben erfolgreich umgesetzt wird. Doch zeigt dieser Lösungsweg auch positive Effekte auf die Umweltwirkung auf nationaler Ebene? Und wie weit verändert er die Produktion von Lebensmitteln? Diese Fragen beantworten wir mittels Modellberechnungen in unterschiedlichen Szenarien, die wir mit zwei Extremszenarien vergleichen. Das erste Extremszenario umfasst den kompletten Verzicht auf Futtermittel von Ackerland in der Nutztierhaltung. Das zweite beinhaltet die vollständige Umstellung auf biologische Produktion als Extensivierungsstrategie. Im letzten Buchkapitel ziehen wir unsere Schlussfolgerungen und leiten Handelsempfehlungen für die Politik ab.


17

2

Landwirtschaft in den Alpenländern: Ein Gesundheits-Check

2.1

Die Landwirtschaft im Zeichen der Agrarpolitik

Rainer Weisshaidinger, Rebekka Frick, Thomas Labuda, Judith Brüggemann, Klavdija Ramsak-Noemi, Matthias Stolze Agrarpolitische Regelungen gehen weit in die Geschichte der mitteleuropäischen Landwirtschaft zurück (BÄTZING 2015). In der Nachkriegszeit standen eine stabile Versorgung der Bevölkerung und ein sicheres Einkommen der von der Landwirtschaft abhängigen Landbevölkerung im Fokus der Agrarpolitik. Die dafür gewählten Mittel der Preisstützung und Produktivitätssteigerung führten zu einer massiven Überproduktion und gleichzeitig zu ernsten Umweltfolgen, ohne jedoch den Strukturwandel in der Landwirtschaft aufhalten zu können. Anfang der 1990er Jahre kommt es aufgrund gesellschaftlicher Umschwünge und Verwerfungen im Welthandel zu einem einschneidenden Wechsel hin zu einer ersten Ökologisierung der Landwirtschaft über den Hebel Agrarpolitik. Im Zentrum der Agrarpolitik steht heute die stabile Versorgung der Bevölkerung mit sicheren und nachhaltig produzierten Lebensmitteln und ein ausreichendes Einkommen für Landwirte und Landarbeiter (Europäische Kommission, o. J.-a; Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art. 104). Im Folgenden stellen wir die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion der letzten 20 Jahre dar. Die Landwirtschaft, so wie wir sie heute in den Alpenländern Schweiz und Österreich vorfinden, ist auch ein Produkt der Agrarpolitik. Vor diesem Hintergrund geben wir anschliessend einen kritischen Überblick über die Agrarpolitik Österreichs und der Schweiz. 2.1.1

Entwicklung der Landwirtschaft in Österreich und der Schweiz

Die Landwirtschaft in beiden Alpenländern ist seit den 1950er Jahren durch einen hohen Anstieg der Produktivität und der Kapitalintensität gekennzeichnet, ferner durch einen starken Strukturwandel und einen Rückgang beim Anteil an Erwerbstätigen sowie einem stark zunehmenden globalisierten Handel (HOVORKA 2014). Dies gilt auch für die Periode seit der Ökologisierung der Agrarpolitik in den 1990er Jahren. Die Tabellen 1 bis 3 stellen die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion und der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln der beiden Länder von 1995 bis 2015 dar. Im Folgenden sind wichtige Kennzahlen bzw. wichtige Veränderungen letzterer beschrieben. Die Betriebsstrukturen haben sich in diesem Zeitraum in beiden Ländern deutlich verändert (Tab. 1). So ist beispielsweise die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe seit 1995 um ungefähr ein Drittel zurückgegangen. 2015 gab es in der Schweiz 53 253 landwirt-


18

Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern

Tab. 1. Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebsstrukturen in der Schweiz und Österreich (19952015). Schweiz

Österreich

Einheit

1995

2005

2015

1995

2005

2015

in Tsd.

79,5 3

63,6

53,3

239,1

189,6

161,25

Betriebsstrukturen1 Anzahl Betriebe

1 2

3 4 5

Anteil Nebenerwerb

%

30 3

37

44

63

56

55 4

Durchschnittliche Betriebsgrösse

ha

13,6 3

16,7

19,7

15,3

18,8

19,75

Beschäftigte in der Landwirtschaft 2

%

63

4

3

6

5

5

Quellen: Schweiz: BFS 2017a, b; Österreich: Statistik Austria 2017b, BMLFUW 2007, 2016b. Beschäftigte in der Landwirtschaft (Schweiz) bzw. Beschäftigte in der Land- und Forstwirtschaft (Österreich) gemessen an Beschäftigten insgesamt in der Schweiz bzw. Österreich (alle Beschäftigungsgrade). Wert für das Jahr 1996. Wert für das Jahr 2013. Wert für das Jahr 2016.

schaftliche Betriebe und 2016 in Österreich 161 155. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Betriebsgrösse in beiden Ländern deutlich angestiegen. Sie liegt 2015 in beiden Ländern bei rund 20 Hektar pro Betrieb. Damit stieg die durchschnittliche Betriebsgrösse seit 1995 um 45 Prozent in der Schweiz und um 29 Prozent in Österreich. Der Anteil an Betrieben mit einem Nebenerwerb in der Schweiz ist von 30 auf 44 Prozent deutlich gestiegen. Ein gegenteiliger Trend auf höherem Niveau ist in Österreich zu beobachten: Hier ging der Anteil an Nebenerwerbsbetrieben von 63 auf 55 Prozent zurück. Das bedeutet, dass für rund die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe in der Schweiz und Österreich das landwirtschaftliche Einkommen alleine nicht mehr ausreicht. Insgesamt sind in der Schweiz lediglich 3 Prozent aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt, in Österreich sind es 5 Prozent. In beiden Ländern ist die landwirtschaftliche Fläche von 1995 bis 2015 um etwa 10 Prozent gesunken (Tab. 2). Österreich und die Schweiz sind Grasländer und der Anteil an Dauergrünland an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche (LN) beträgt in der Schweiz rund 60 Prozent und in Österreich 40 Prozent. Österreich hat relativ mehr Ackerflächen zur Verfügung als die Schweiz. Aufgrund der höheren Bevölkerungsdichte weist die Schweiz eine geringere Landwirtschaftsfläche pro Einwohner auf. Sie beträgt 0,13 ha LN/Einwohner in der Schweiz, während sie in Österreich mit 0,27 ha LN/Einwohner rund doppelt so hoch ist. An Ackerflächen stehen in der Schweiz lediglich 0,05 ha pro Einwohner und in Österreich 0,16 ha pro Einwohner zur Verfügung. Österreich hat somit eine dreifach höhere nutzbare Ackerfläche wie die Schweiz. Um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen ist damit der Druck zur Intensivierung bzw. die Notwendigkeit von Lebensmittelimporten in der Schweiz deutlich höher als in Österreich. Ein Vergleich mit den umliegenden Ländern zeigt: Italien und Deutschland liegen mit 0,11 bzw. 0,15 ha Ackerfläche/Einwohner zwischen der Schweiz und Österreich, während


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Landwirtschaft in den Alpenländern: Ein Gesundheits-Check Tab. 2. Entwicklung der Landnutzung und der Tierhaltung in der Schweiz und Österreich (1995-2015). Schweiz

Österreich

Einheit

1995

2005

2015

1995

2005

2015

Landwirtschaftsfläche2

kha

1082,9 6

1065,1

1049,7

2574,5

2536,1

2366,0 8

Landwirtschaftsfläche pro Einwohner

ha

0,15

0,14

0,13

0,32

0,31

0,27

Biologisch bewirtschaftete Fläche

%

56

11

13

13

14

18 8

Ackerfläche12

kha

420,3 6

405,4

398,4

1404,2

1405,2

1346,1

Dauergrünland

kha

629,0 6

625,1

613,0

1078,2

1058,0

934,5 8

Sömmerungsfläche 3

kha

523,9 9

513,910

509,011

858,7

731,4

362,6 8

Silomais

kha

43,4 6

42,9

45,9

90,7

77,0

92,0

Körnermais

kha

22,9 6

20,6

15,3

120,5

167,2

188.7

Getreide

kha

196,4 6

167,7

144,1

809,1

796,1

780,7

Soja

kha

1,8 6

1,5

1,7

13,7

21,4

56,9

Obst

kha

7,76

7,4

7,2

7,6

10,1

11,4

Gemüse

kha

8,8 6

9,7

11,6

9,4

12,8

15,7

Anzahl Rinder

in Mio.

1,76

1,6

1,6

2,3

2,0

2,0

Anzahl Schweine

in Mio.

1,4 6

1,6

1,5

3,7

3,2

2,8

Anzahl Hühner

in Mio.

6,26

8,1

10,8

13,2

12,4

15,1

Tierbestand gesamt in Anzahl GVE5

in Mio.

1,87

1,8

1,87

2,9

2,5

2,4 8

Tierbesatz

GVE/ha

1,7

1,7

1,7

1,1

1,0

1,18

Landwirtschaftsfläche1

Tierbestand4

Quellen: Schweiz: BFS 2016a, 2017b; Österreich: BMLF 1996, BMLFUW 2007, 2016b. Exkl. Sömmerungsflächen (Alp- bzw. Almflächen). 3 Alp- bzw. Almflächen. 4 Quellen: Schweiz: BFS 2014b, 2016b, 2017b, Eurostat 2017e; Österreich: BMLF 1996, BMLFUW 2007, 2016b, Eurostat 2017e. 5 GVE = Grossvieheinheit gemäss Eurostat-Methodik: «Als Referenzeinheit für die Berechnung der Grossvieheinheiten (=1 GVE) dient der Futterbedarf (Weideäquivalent) einer erwachsenen Milchkuh mit einer Jahresmilchleistung von 3000 kg ohne Zufütterung von Kraftfutter.» (Eurostat o. J.). 6 Wert für das Jahr 1996. 7 Werte Schweiz 1995 und 2015: Eigene Berechnung aufgrund nicht verfügbarer Eurostat-Daten für 1995 und 2005: Prozentuelle Veränderung 1995-2005-2015 gemäss Daten zu GVE von BFS (s. Quellen unter «4»), Übertrag auf Eurostat-Wert von 2005. 8 Wert für das Jahr 2013. Durch geänderte Erfassungsbedingungen in der Agrarstrukturerhebung bei den Almflächen (Trennung in Futterfläche, Forstfläche bzw. unproduktive Fläche) ist ein Vergleich mit Angaben von vor 2007 in Österreich nur bedingt möglich. 9 Wert für die Jahre 1992-1997 (Arealstatistik). 10 Wert für die Jahre 2004-2009 (Arealstatistik). 11 Eigene Schätzung. 12 Ackerfläche entspricht der gesamten Ackerfläche inklusive Kunstwiese/Feldfutter

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Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern

Frankreich mit 0,28 ha Ackerfläche/Einwohner und Ungarn mit 0,45 ha Ackerfläche/Einwohner über mehr nutzbare Ackerfläche als Österreich verfügen (Weltbank 2017). Getreide ist gemessen an der Fläche die wichtigste Ackerkultur in beiden Ländern. In Österreich wird stabil rund 60 Prozent der Ackerfläche mit Getreide bestellt. In der Schweiz hat der Anteil der Getreidefläche seit 1995 abgenommen und beträgt aktuell 36 Prozent der Ackerfläche. Der Sojaanbau hat in Österreich seit 1995 deutlich zugenommen (+320 %), während sich in der Schweiz der Sojaanbau aufgrund der ungünstigeren klimatischen Bedingungen auf konstant niedrigem Niveau befindet. Der Anteil der Sojaflächen an der gesamten Ackerfläche beträgt 2015 in der Schweiz 0,4 Prozent und in Österreich 4,2 Prozent. Die Silomaisfutterflächen nehmen in der Schweiz geringfügig zu. Rund 12 Prozent der Ackerfläche wird in der Schweiz für Silomais genutzt, in Österreich 6,8 Prozent. In der Schweiz wird mehr als die Hälfte der offenen Ackerfläche für den Anbau von Futtermitteln genutzt, überwiegend in Form von Kleegras-Kunstwiesen (BAUR 2013), in Österreich dagegen nur knapp ein Fünftel (BMLFUW 2016b). Schliesslich ist auch eine Flächenzunahme bei Gemüse (in beiden Ländern) und bei Obst (in Österreich) zu beobachten. In Österreich und der Schweiz ist der Anteil an biologisch bewirtschafteter Fläche überdurchschnittlich hoch. Zwischen 1995 und 2015 stieg der Anteil der Bio-Fläche in der Schweiz von 5 auf 13 Prozent, in Österreich von 13 auf 18,3 Prozent. Die Tierbestände gemessen in Grossvieheinheiten (GVE) sind in der Schweiz seit 1995 auf einem nahezu unveränderten Niveau, während sie in Österreich um 14 Prozent abgenommen haben. Der gleiche Trend ist beim Tierbesatz – dieser wird in Grossvieheinheiten pro Hektar (GVE/ha) gemessen – zu beobachten, wo sich die Schweiz und Österreich deutlich unterscheiden. So ist die Intensität der Tierproduktion in der Schweiz mit einem Tierbesatz von 1,7 GVE/ha um rund 65 Prozent höher als in Österreich (1,1 GVE/ha). Bei Betrachtung der Haupt-Nutztierkategorien ist ein Rückgang bei Kühen und Rindern um 9 Prozent in der Schweiz und um 17 Prozent in Österreich zu beobachten. Bei Schweinen hat die Zahl in der Schweiz leicht zugenommen und in Österreich deutlich abgenommen. Eine deutliche Zunahme ist in beiden Ländern bei Hühnern feststellbar (Schweiz: +72 %, Österreich: +15 %). Trotz der Abnahme beim Tierbestand von Kühen und Rindern sind die produzierten Milchmengen in beiden Ländern gestiegen (Tab. 3): in der Schweiz nur leicht (+4 %) und in Österreich deutlich (+20 %). Dasselbe gilt für die Fleischproduktion (Schweiz: +11 %, Österreich: +12 %). In beiden Ländern bedeutet dies für die jeweilige Bevölkerung, dass sie im Jahr 2015 nach wie vor zu einem hohen Niveau (annähernd 100 % oder gar mehr als 100 %) mit tierischen Produkten aus heimischer Tierhaltung versorgt war. Der Selbstversorgungsgrad hat in der Regel leicht zugenommen, in Österreich bei Konsummilch sogar sehr deutlich (+61 %). Eine Ausnahme dieses hohen Selbstversorgungsgrads gibt es bei Produkten aus der Hühnerhaltung: Die Versorgung mit inländischen Eiern und Geflügelfleisch liegt in der Schweiz um die 50 Prozent (leichte Zunahme), in Österreich bei 84 Prozent für die Versorgung mit Eiern und bei 67 Prozent mit Geflügelfleisch (leichte Abnahme). Die Versorgung mit heimischem Getreide ist in der Schweiz auf konstantem Niveau geblieben (rund


Landwirtschaft in den Alpenländern: Ein Gesundheits-Check

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60 %), in Österreich hat sie deutlich abgenommen (1995: 106 %, 2015: 88 %). Der Selbstversorgungsgrad mit Gemüse ist in beiden Ländern konstant geblieben und beträgt zwischen 50 und 57 Prozent. Bei Obst ist die Versorgung in beiden Ländern zurückgegangen, in der Schweiz sogar deutlich (-25 %). In der Schweiz haben sich die Exportmengen an Milchprodukten (gemessen am Gewicht) zwischen 1995 und 2014 ungefähr verdoppelt, wobei sie sich seit 2010 auf einem ähnlichen Niveau bewegen. In der Schweiz ist der Anstieg hauptsächlich auf die grosse Zunahme der Exporte von Molke, eingedickter Milch (inkl. Milchpulver) und anderen Erzeugnissen aus natürlichen Milchbestandteilen zurückzuführen. In Österreich haben die Exporte der Milchprodukte im Zeitraum von 1999 bis 2016 um das Vierfache zugenommen. Dies ist auf Zunahmen beinahe aller Milchprodukte-Kategorien (u. a. Milch, Rahm, Molke, Käse etc.) zurückzuführen. Bei den Fleischexporten ist in der Schweiz analog zu den Milchprodukten ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen, wobei dies vorrangig auf die starke Exportzunahme der Schlachtnebenprodukte zurückzuführen ist. In Österreich schwanken die Fleischexporte im Zeitraum von 1999 bis 2016 zwischen 36 000 t und 84 000 t, wobei sich kein spezifischer Trend abzeichnet. Im Gegensatz zu der Schweiz exportiert Österreich deutlich mehr Fleisch. Dasselbe gilt für Gemüse und Getreide, wobei auch hier kein klarer Trend ersichtlich ist. In den Jahren 1999, 2005 und 2006 wurden in Österreich im Vergleich zu den anderen Jahren hohe Mengen Getreide exportiert (1999 v. a. Roggen und Gerste; 2005, 2006 v. a. Weizen). In der Schweiz ist der Einsatz von mineralischem Stickstoffdünger für die Produktion von Lebensmitteln pro Hektar Landwirtschafsfläche seit 2005 um 11 Prozent zurückgegangen. In Österreich hingegen ist der Verbrauch um 28 Prozent angestiegen. Im Jahr 2015 wurden in der Schweiz durchschnittlich 44 kg Stickstoff-Mineraldünger/ha LN eingesetzt, in Österreich 53 kg Stickstoff-Mineraldünger/ha LN. Bei den Pestiziden zeigt sich ein anderes Bild: Hiervon hat die Schweiz 2015 gegenüber 1995 12 Prozent mehr eingesetzt, während der Wert in Österreich um 1 Prozent, also ganz leicht abgenommen hat. Insgesamt ist mit einem Pestizidverbrauch (aktive Substanzen) von 5,2 kg/ha Ackerfläche der Pestizideinsatz in der Schweiz rund doppelt so hoch als in Österreich (2,5 kg Pestizide/ ha Ackerfläche). Bei Kraftfutterimporten gibt es in der Schweiz eine deutliche Zunahme (+219 %). In Österreich haben die Importe um 38 Prozent zugenommen.


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Autorinnen und Autoren Matthias Stolze Nach einer Ausbildung als Landwirt studierte Matthias Stolze Agrarwissenschaften und promovierte 1998 an der Universität Hohenheim (Deutschland) im Bereich Agrarökonomie. Seit 2001 leitet er das Department Sozioökonomie am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick. Ferner ist er Dozent an der Universität Hohenheim und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich). Seine Forschungsschwerpunkte sind die Politikfolgenabschätzung, Politikevaluation und betriebswirtschaftliche Wirkungsanalysen. Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick matthias.stolze@fibl.org, www.fibl.org

Rainer Weisshaidinger Nach der Ausbildung zum Förster studierte Rainer Weisshaidinger Geographie und Regionalforschung an der Universität Wien und promovierte 2007 an der Universität Basel (Schweiz) im Bereich Landschaftsökologie. Seit 2011 ist er leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Wien. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind die Nachhaltigkeitsanalyse und die Entwicklungsforschung beziehungsweise Projekte der Internationalen Kooperation im Bereich Agrarökologie. Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Doblhoffgasse 7/10, A-1010 Wien rainer.weisshaidinger@fibl.org, www.fibl.org

Andreas Bartel Andreas Bartel ist Biologe und Landschaftsökologe und arbeitet am österreichischen Umweltbundesamt zu Fragen der Umweltwirkungen von Landwirtschaft. Räumliche Beziehungen stehen im Mittelpunkt der Auswertungen von Landnutzungsdaten in Bezug auf Biodiversitätswirkungen, integrierte Raumplanung und Nutzungskonflikte. Der Alpenraum mit seinen spezifischen Voraussetzungen und Möglichkeiten und den vielfältigen Nutzungsansprüchen ist ihm ein besonderes Anliegen. Umweltbundesamt GmbH, Spittelauer Lände 5, A-1090 Wien andreas.bartel@umweltbundesamt.at, www.umweltbundesamt.at


Autorinnen und Autoren

171 Othmar Schwank Othmar Schwank ist Biologe und promovierter Agrarwissenschafter (ETH Zürich) mit einer Nachdiplomausbildung zu Fragen der Entwicklungsländer. Er berät Bund, Kantone und internationale Organisationen und forscht zu Stoffflüssen und Politikinstrumenten an der Schnittstelle von Umwelt-, Entwicklungs-, Energie- und Wirtschaftsfragen. Als Gründungspartner von Schwank Earthpartner AG (2010) leistet er Beiträge zu urbaner Entwicklung, Landwirtschaft und Ernährung hin auf eine umweltverträgliche Kreislaufwirtschaft. Schwank Earthpartner AG, Hinterdorfstrasse 15, CH-8455 Rüdlingen os@schwank-earthpartner.ch, www.schwank-earthpartner.ch

Adrian Müller Adrian Müller ist promovierter Physiker (Universität Zürich) und arbeitete seit 2000 an der ETH Zürich, der Universität Zürich und der Universität Göteborg zu verschiedenen Themen nachhaltiger Energie- und Ernährungssysteme mit einem Fokus auf das Design und die Analyse von Politikinstrumenten. Seit 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department Sozioökonomie am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick und an der ETH Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Ernährungssystemmodellierungen, Klimawandel und Landwirtschaft und Design und Analyse von Politikinstrumenten. Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick adrian.mueller@fibl.org, www.fibl.org

Roger Biedermann Roger Biedermann ist dipl.ing.agr. ETH und eidg.dipl. Lebensmittelchemiker. Nach seiner Promotion an der ETH Zürich mit einer Dissertation über ein ernährungsphysiologisches Thema war er einige Jahre in der Produktionsleitung eines Unternehmens der Lebensmittelindustrie tätig. Von 1972 bis 2005 war Roger Biedermann Kantonschemiker und zudem langjähriger Präsident der Konferenz der Vorsteher der Umweltschutzamtsstellen der Schweiz (KVU). Er ist Haupt- oder Mitautor zahlreicher strategischer Studien unter anderem zum Stickstoffhaushalt, der Biozidproblematik, der Energie- und Klimapolitik und dem Verwaltungsmanagement. Nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst fokussierte er sein Engagement auf Fragen zur ökologischen Relevanz der Landwirtschaft und zur Regionalentwicklung. Schwank Earthpartner AG (Gast), Hinterdorfstrasse 15, CH-8455 Rüdlingen biedermannroger@bluewin.ch, www.schwank-earthpartner.ch


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Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern

Autorinnen und Autoren der Kurzbeiträge Hans Braun Lehenhof, Aareweg 46, CH-4852 Rothrist braun.h@bluewin.ch, http://lehenhof.ch Judith Brüggemann Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick judith.brueggemann@fibl.org, www.fibl.org Paul Ertl Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Nutztierwissenschaften, wohnhaft in Oberdorf 2, A-9800 Spittal an der Drau paul.ertl@gmx.at Rebekka Frick Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick rebekka.frick@fibl.org, www.fibl.org Helmut Gaugitsch Umweltbundesamt GmbH, Spittelauer Lände 5, A-1090 Wien helmut.gaugitsch@umweltbundesamt.at, www.umweltbundesamt.at Reinhard Gessl Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Doblhoffgasse 7/10, A-1010 Wien reinhard.gessl@fibl.org, www.fibl.org Annemarie Kohler Felsenhof, Wandfluh 79, A-6934 Sulzberg felsenhof.kohler@aon.at Kaspar Kohler Felsenhof, Wandfluh 79, A-6934 Sulzberg felsenhof.kohler@aon.at Thomas Labuda Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Doblhoffgasse 7/10, A-1010 Wien thomas.labuda@fibl.org, www.fibl.org Florian Leiber Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick florian.leiber@fibl.org, www.fibl.org


Autorinnen und Autoren

Matthias Meier Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick matthias.meier@fibl.org, www.fibl.org Simon Moakes Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick simon.moakes@fibl.org, www.fibl.org Richard Petrasek Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Doblhoffgasse 7/10, A-1010 Wien richard.petrasek@fibl.org, www.fibl.org Klavdija Ramsak-Noemi Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Ackerstrasse 113, CH-5070 Frick klavdijaramsaknoemi@gmail.com Gwendolyn Rudolph Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Doblhoffgasse 7/10, A-1010 Wien gwendolyn.rudolph@fibl.org, www.fibl.org Walter Starz Bio-Institut der HBLFA Raumberg-Gumpenstein, Raumberg 38, A-8952 Irdning walter.starz@raumberg-gumpenstein.at, www.raumberg-gumpenstein.at Andreas Steinwidder Bio-Institut der HBLFA Raumberg-Gumpenstein, Raumberg 38, A-8952 Irdning andreas.steinwidder@raumberg-gumpenstein.at, www.raumberg-gumpenstein.at Gerhard Zethner Umweltbundesamt GmbH, Spittelauer Lände 5, A-1090 Wien gerhard.zethner@umweltbundesamt.at, www.umweltbundesamt.at

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