Andreas Jaun
Auf dem Bauernhof
Andreas Jaun
Auf dem Bauernhof Natur erleben – beobachten – verstehen
Andreas Jaun ist Biologe mit einem eigenen Büro in Spiez / Schweiz. Neben verschiedenen Projekten in den Bereichen Naturschutz, Artförderung und Landschaftsplanung ist er auch in der Umweltbildung tätig.
Dieser Band der Reihe «Natur erleben – beobachten – verstehen» wurde unterstützt durch das Bundesamt für Landwirtschaft ( BLW ), Bern.
1. Auflage 2014 Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http : / / dnb.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-258-07774-1 Copyright © 2014 Haupt Bern Jede Art der Vervielfältigung ohne Genehmigung des Verlages ist unzulässig. Gestaltung und Satz : Pool Design, Zürich Printed in Germany
www.naturerleben.net in Partnerschaft mit www.naturgucker.net www.haupt.ch
Inhaltsverzeichnis Vorwort
7
Vorbereitung auf den Bauernhofausflug
8
Der Bauernhof : Eine Einleitung
11
Naturlandschaft oder Kulturlandschaft ?
12
Eine kurze Geschichte der Landwirtschaft
14
Aus Wildarten werden Nutzarten
17
Lebensräume auf und um den Bauernhof
25
Ökologie und Landwirtschaft
37
Kulturfolger
39
Frühling
43
Einleitung Frühling
45
Brüten zwischen Blüten
46
Nachtaktiver Langschläfer
50
Kuhfladen und Mistkäfer
52
Es gibt keine Maikäfer mehr ...
55
Vögel der Kulturlandschaft
58
Gut verpacktes neues Leben
62
Das Haushuhn
67
Kleine Pflanzensauger
71
Kurzinformationen Frühling
77
Sommer
85
Einleitung Sommer
87
Der Regenwurm
88
Die Vielfalt der Zweiflügler
93
Bestäuber und Honigproduzenten
98
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
105
Kurzinformationen Sommer
109
Herbst
115
Einleitung Herbst
117
Erntezeit und Reife
118
Fr체chte oder Gem체se ?
120
Ein Allerweltsvogel
126
Stachliger Insektenfresser
131
Kurzinformationen Herbst
135
Winter
143
Einleitung Winter
145
Ein unbekanntes Reich
146
Lautloser J채ger
151
Der Steinmarder
154
Die Kuh, das unbekannte Wesen
158
Kurzinformationen Winter
165
Anhang
169
Fragen und Antworten
170
Bildnachweis
177
Dank
178
Sachregister
179
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Vorwort Auf Bauernhöfen mit ihren verschiedenen Nutztieren und Pflanzen gibt es immer etwas zu entdecken. Besonders Kinder sind begeistert von den vielen Möglichkeiten, die sich hier bieten. Aber auch erwachsene Naturliebhaber können auf Höfen, Feldern und Wiesen viel Interessantes beobachten. Es gibt zahlreiche wild lebende Tierarten, die sich in der Kulturlandschaft wohlfühlen und oftmals auch von der landwirtschaftlichen Nutzung profitieren. So gibt es beispielsweise die Wiesenbrüter, wie die Feldlerche, das Braunkehlchen oder die Wachtel, die gerne in extensiv genutzten Wiesen leben. Besonders ergiebig sind Naturbeobachtungen in kleinräumigen, strukturreichen Kulturlandschaften. Hecken, Streuobstwiesen, Feldbäume und extensiv genutztes Grünland bieten außer vielen Vogelarten auch Lebensraum für die Zauneidechse, den Igel und viele Schmetterlinge. Aber auch auf dem Bauernhof selber leben Wildtiere. Neben den Schwalben sind auch die heimlich lebenden Schleiereulen ausgeprägte Kulturfolger. Beide Arten sind auch von den Bauern als Nützlinge gerne gesehen, da sie viele lästige Insekten und Mäuse vertilgen. Und weil die Natur nichts Statisches ist, sondern das Resultat von Vernetzungen und gegenseitigen Abhängigkeiten, und weil das Erkunden ja auch Spaß machen soll, finden Sie überall Verweise auf andere, verwandte Themen im Buch sowie auf Geräusche, Filme und zusätzliche Bilder auf der Website www.naturerleben.net. > Wenn Sie eigene Beobachtungen mit anderen teilen möchten, können Sie dies dank Film unserer Partnerschaft mit www.naturgucker.net auch ganz einfach auf unserer Website tun. > Ab all dem Kreuz und Quer und Hin und Her zwischen Buchkapiteln und Website Tonspur soll auch etwas hängen bleiben – mit den Quizfragen können Sie locker prüfen, wie viele Geheimnisse Sie schon gelüftet haben. Seit November 2011 gibt es noch eine > weitere Dimension zu entdecken : Mit der Smartphone-App zur Buchreihe können Fotos zum Beispiel die häufigsten Tier- und Pflanzenarten auf und um den Bauernhof bestimmt und das Auge und die Ohren durch die Beantwortung der Quizfragen für die Natur geschärft werden. Viel Spaß beim Beobachten, Entdecken und Erleben der Natur wünschen der Autor und Ihr Haupt Verlag !
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Vorbereitung auf den Bauernhofausflug Tiere Behandeln Sie alle Tiere sehr sorgfältig und mit Respekt. Auch Haustiere und Nutztiere, die eigentlich an das Zusammenleben mit dem Menschen gewöhnt sind, brauchen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten. Bitte beachten Sie, dass Muttertiere zum Schutz der Jungtiere zuweilen ein aggressives Verhalten zeigen können. Dies sollte besonders beim Durchqueren von Weideflächen mit Muttertierhaltung beachtet werden. Wollen Sie Kleintiere zum genaueren Beobachten fangen, so ist besondere Vorsicht angebracht. Die Tiere sollten nur möglichst kurz in einem Glas oder einer Becherlupe gehalten werden. Handelt es sich um Wassertiere, müssen diese natürlich in einem Gefäß mit Wasser betrachtet werden. Dabei ist auf eine ausreichende Beschattung zu achten : im Sonnenlicht kann die Temperatur für die Tiere schnell zu hoch werden. Wichtig ist auch, dass alle kleinen Tiere wieder dort freigelassen werden, wo sie gefangen wurden. Viele Arten haben besondere Anforderungen an ihren Lebensraum und können deshalb nur überleben, wenn sie auch in diesem Lebensraum wieder freigelassen werden. Pflanzen Pflanzen lassen sich meistens gut betrachten, ohne dass dazu Pflanzenteile oder ganze Pflanzen ausgerissen werden müssen und ohne dass man dazu die Wege verlässt : Der Bauer wird Ihnen dankbar sein, wenn Sie seine Wiesen mit hoher Vegetation möglichst nicht betreten. Abfälle Das Liegenlassen von Abfällen ist bekanntermaßen ein verbreitetes Problem. Besonders entlang von vielbegangenen und -befahrenen Wegen und Straßen sind die Folgen vielerorts leicht erkennbar. Für die Bauern bedeutet das Einsammeln und Entsorgen mühsame Arbeit. Zudem ist Abfall ein nicht unerhebliches gesundheitliches Risiko für die Wild- und Weidetiere. Also : Abfälle unbedingt in öffentlichen Abfalleimern entsorgen oder mit nach Hause nehmen ! Hunde Obwohl Hunde faszinierende und liebenswürdige Begleiter von uns Menschen sind, verhindern sie zuweilen spannende Naturbeobachtung in der Kulturlandschaft : Die Geduld und das Verharren an einem Ort sind nämlich schlecht mit dem Bewegungs-
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und Spieldrang von Hunden vereinbar. Wenn Sie ihren Hund trotzdem auf Naturbeobachtungen im Kulturland mitnehmen, so sollten Sie darauf achten, dass er in der Nähe von Wild- und Nutztieren angeleint ist. Besondere Vorsicht ist im Bereich von Herdenschutzhunden angebracht : Nicht nur Hundehalter, sondern alle Spaziergänger sollten da Vorsicht walten lassen und die bewachten Herden möglichst großräumig umgehen. Hundekot sollte besonders in Weiden und Futterwiesen eingesammelt werden, es verschmutzt die Umgebung.
Ausrüstungsliste Natürlich sind Beobachtungen auch ohne Spezialausrüstung möglich, doch mit ein paar Hilfsmitteln sind Naturbeobachtungen oft deutlich ergiebiger und angenehmer :
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Notizbuch und Schreibzeug Lupe ( Becherlupe ) Insektennetz Durchsichtige Fangbehälter ( z. B. Marmeladenglas ) Fernglas Fotokamera ( idealerweise spritzwasser- oder sogar wasserdicht ) Bestimmungsbücher zu Pflanzen und Tieren Taschenmesser Apotheke mit Desinfektions- und Insektenschutzmittel Zwischenverpflegung Geeignete Kleidung ( z. B. Stiefel, Sonnenschutz )
Der Bauernhof Eine Einleitung
12
Natur erleben – beobachten – verstehen
Auf dem Bauernhof
Naturlandschaft oder Kulturlandschaft ? Es gibt vermutlich nur wenige Berufe, die so nahe und so abhängig von der Natur sind wie der des ( traditionellen ) Bauern. Kenntnisse über die Einflüsse von Klima, 146< Witterung, Bodenbeschaffenheit und die Ansprüche der Nutzpflanzen und -tiere «Ein unbekanntes erfordern ein gründliches Verständnis von ökologischen Zusammenhängen und Reich» Lebenszyklen. Im Gegensatz zu vielen modernen und stark spezialisierten Betrieben sind traditionell bewirtschaftete Bauernhöfe noch weitgehend autonom und können ihre Erzeugnisse weitgehend ohne zugekaufte Stoffe wie Dünger oder Futtermittel produzieren. Die Erfahrung sowie das angesammelte und tradierte Wissen führten über Jahrhunderte zu einer meist nachhaltigen und langfristig funktionierenden Landwirtschaft, in der auch Wildtiere ihren Platz fanden. Eine großflächige und intensive Bewirtschaftung, wie wir sie heute vielerorts kennen, war aber über lange Zeit auch gar nicht möglich, da das Bauern zu einem großen Teil anstrengende Hand37< arbeit war und daher nur begrenzte Intensität zuließ und auf relativ kleinen Flächen «Ökologie und Landwirtschaft»
Mähwiesen und natürliche Lebensräume, wie diese Moorlandschaft im Hintergrund, liegen manchmal nahe nebeneinander.
Der Bauernhof: Eine Einleitung
Naturlandschaft oder Kulturlandschaft?
13
betrieben wurde. Zudem war vermutlich auch die Bedeutung einiger Wildtiere bei der Schädlingsbekämpfung schon lange bekannt, sodass auch Strukturen und Lebensräume dieser Nützlinge erhalten wurden. Das Resultat dieser Wirtschaftsweise war die Schaffung kleinräumiger Strukturen von Feldern, Brachen, Hecken und Bäumen, die eine relativ große Artenvielfalt im Kulturland zur Folge hatten. Entsprechend können in solchem Kulturland auf relativ kleinem Raum Bewohner mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen beobachtet werden. So muss man manchmal nicht weit gehen, um nach einer Beobachtung von Wald- oder Waldrandarten, >58 wie dem Grünspecht, typische Offenlandarten wie die Feldlerche zu beobachten. in der Prächtige, vielfältige Hecken, schöne Blumenwiesen und Weideflächen und «Vögel KulturlandBaumreihen sind nur in den seltensten Fällen natürlich entstandene Lebensräume. schaft» Man ist sich oft nicht bewusst, dass diese Landschaftselemente erst durch die menschliche Nutzung geschaffen wurden. Auch viele Wälder, die doch eigentlich als > typische Naturlebensräume gelten, sind kaum natürliche Lebensräume im eigent> lichen Sinne : Durch die jahrhundertlange forstwirtschaftliche Nutzung sind auch sie Feldlerche stark vom Menschen geprägt und haben sich zu eigentlichen «Wirtschaftswäldern» entwickelt. Dennoch bilden sie für zahlreiche Arten Lebensräume, sie können dort oft beobachtet werden.
Regelmäßig überschwemmtes Kulturland weist oft auf ehemalige Feuchtgebiete hin.
Eine kurze Geschichte der Landwirtschaft Während unzähligen Jahrtausenden lebten die modernen Menschen und ihre Vorfahren als Jäger und Sammler. Dann, vor vermutlich etwas mehr als 12 000 Jahren, kam es zu einer epochalen Veränderung ihrer Lebensweise. In der sogenannten neolithischen Revolution, die während der Jungsteinzeit stattfand, entdeckte der Mensch die Landwirtschaft. Daraufhin entwickelte sich erstmals eine landwirt158< schaftliche Produktion mit Ackerbau und Viehzucht. Voraussetzung dafür war natür«Die Kuh, lich eine sesshafte Lebensweise und die Entstehung von festen, langjährig benutzten das unbekannte Wesen» Siedlungsplätzen. Wo und wann genau diese Entwicklung einsetzte ist noch nicht abschließend geklärt. Aktuelle Theorien gehen jedoch davon aus, dass der Ackerbau < Hausrind, Geiss, in drei verschiedenen Weltregionen unabhängig voneinander entwickelt wurde : im Schafe, Schwein Nahen Osten, im Fernen Osten ( Südchina ) und in Mittelamerika. Die Sesshaftigkeit und die landwirtschaftliche Produktion führten im Umfeld der Siedlungen auch zu einer bis anhin unbekannten Veränderung der Naturlandschaft. Zu dieser Zeit war die Weltbevölkerung aber noch sehr klein. Zudem hatten von den damals lebenden Menschen auch bei Weitem nicht alle bereits den neuen, sesshaf-
Auch in der seit vielen Jahrhunderten gestalteten Kulturlandschaft sind noch Hinweise auf den ursprünglichen Zustand der Landschaft zu finden. So zeigen beispielsweise unregelmäßig geschwungene, von Bäumen gesäumte Linien ursprüngliche Gewässerläufe an (z. B. links im Vordergrund).
Der Bauernhof: Eine Einleitung
Eine kurze Geschichte der Landwirtschaft
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ten Lebensstil übernommen, viele lebten und ernährten sich weiterhin als Jäger und Sammler. Die Umgestaltung der Naturlandschaft hielt sich daher noch lange Zeit in engen Grenzen. Es kann aber angenommen werden, dass schon damals gewisse Pflanzen- und Tierarten von den durch Menschen neu geschaffenen Lebensräumen profitierten. Eine Folge davon war, dass einige Tierarten ihr Verhalten an die neuen Gegebenheiten anzupassen begannen – so entwickelten sich die ersten Kulturfolger. > Die Handarbeit mit einfachen Werkzeugen und die kleinen Betriebe ermöglichten Fuchs noch während langer Zeit keine großflächigen Nutzungen und hatten daher eine kleinräumige und vielfältige Kulturlandschaft zur Folge. Dadurch entstand auf kleinstem Raum ein Mosaik aus Ackerflächen, Weiden, Wiesen und Hecken. Als >25 Folge davon konnten auch viele Pflanzen- und Tierarten mit ganz unterschiedlichen «Lebensräume auf dem BauernAnsprüchen auf vergleichsweise kleinen Flächen leben. hof» Für Lebensräume wie Wälder, Gebirgslandschaften, Feuchtgebiete und andere, für die Besiedlung anspruchsvollere Gelände blieb die neue Sesshaftigkeit des Menschen lange Zeit ohne größere Auswirkungen ; und daran änderte sich auch trotz des stetigen Bevölkerungswachstums während vieler Jahrtausende nur wenig. Erst mit den groß angelegten Entwässerungsmaßnahmen in Feuchtgebieten und der Mechanisierung der Landwirtschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand zumindest in den Industriestaaten eine Trendwende statt. Dramatische Auswirkungen hatten
Kleinräumige und strukturreiche Kulturlandschaften beherbergen oft eine große Artenvielfalt.
insbesondere der zunehmend flächendeckende Einsatz von mineralischen Düngern und chemischen Pflanzenhilfsstoffen, weil er – nebst einer immensen Produktivitätssteigerung – die mechanische Bewirtschaftung größerer Flächen begünstigte < und in der Folge die «störenden» und «ineffizienten» naturnahe Strukturen ( Hecken, Hecke im Einzelbäume etc. ) verdrängt wurden. Dies hatte zur Folge, dass die Kulturlandschaft Jahreslauf immer strukturärmer und monotoner wurde. Heutige Kunstwiesen sind im Vergleich zu traditionellen, blumenreichen Heuwiesen viel ertragreicher, weisen aber nur noch sehr wenige Tier- und Pflanzenarten auf. Da die Artenvielfalt in Europa auch durch die Siedlungsentwicklung, durch Verkehr, Industrie und Freizeitaktivitäten sehr stark unter Druck geraten ist, mussten in den letzten Jahrzehnten zunehmend Gegenmaßnahmen getroffen werden. Als wichtiges Standbein zur Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt wurden von der 37< Landwirtschaft ökologische Maßnahmen gefordert. Der Bezug von Subventionen «Ökologie und wurde an ökologische Auflagen geknüpft, und vielerorts werden nun wertvolle StrukLandwirtschaft» turen und artenreiche Flächen mit namhaften Beträgen der öffentlichen Hand gefördert.
Frage ›
170<
Wieso hatte schon die frühe, räumlich sehr beschränkte Landwirtschaft Auswirkungen auf die Artenvielfalt ?
Antwort
Im intensiv genutzten Landwirtschaftsgebiet fehlen naturnahe Strukturen. Sie bieten daher ihren ursprünglichen Bewohnern – Feldlerchen, Neuntötern oder Feldhasen – keinen Lebensraum mehr.
Der Bauernhof: Eine Einleitung
Aus Wildarten werden Nutzarten
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Aus Wildarten werden Nutzarten Auf die Frage, welche Arten auf und um den Bauernhof leben, werden meistens fast ausschließlich Nutztiere genannt: Welches Kind kennt sie nicht, die Rinder, Schweine, >158 Kuh, das Schafe, Ziegen, Hühner, Hunde und Katzen ? Diese Nutz- oder Haustierrassen sind «Die unbekannte auf vielen Höfen anzutreffen, wobei es auch Betriebe ohne Nutztierhaltung gibt. Wesen» Neben den Nutztieren prägen vor allem die Nutzpflanzen, auch Kulturpflanzen genannt, die Bauernhoflandschaft. Die verschiedenen Getreidesorten, Gemüse und Früchte, aber auch das Grünfutter für die Nutztiere sind wichtige landwirtschaftliche Produkte, die direkt oder indirekt zu Grundnahrungsmitteln verarbeitet werden. Bei allen diesen Pflanzen und Tieren handelt es sich aber nicht um ursprüngliche Arten (sogenannte Wildarten), sondern um Züchtungen, die aber auf Wildpflanzen- resp. Wildtierarten basieren. Diese wurden teilweise über Jahrtausende gezüchtet. So wurden beispielsweise aus dem Wilden Weizen (Triticum boeoticum) und dem Wilden Emmer (Triticum dicoccoides) die modernen Weizensorten gewonnen; und die Wildziege
Schottische Hochlandrinder sind außerordentlich robust und genügsam.
( Capra aegagrus ), von der noch heute im asiatischen Raum mehrere Unterarten leben,
< ist die «Ursprungsart» unserer Hausziege. Die «Ursprungsart» unserer Rinder kann Ziege
hingegen heute nicht mehr beobachtet werden : der Eurasische Auerochse ( Bos pri< migenius ), ist vermutlich im Laufe des 17. Jahrhunderts ausgestorben. Auerochse Die Domestizierung von Wildtieren begann vermutlich schon lange bevor die Menschen sesshaft wurden und damit anfingen, Landwirtschaft zu betreiben. So sind beispielsweise die frühesten Nachweise des Zusammenlebens von Mensch und Hund schon mehr als 20 000 Jahre alt – also rund 8000 Jahre älter als die Neolithische Revolution, mit der das sesshafte Leben der Menschen ja seinen Anfang nahm. Genetische Untersuchungen und archäologische Funde ergaben, dass sich der Hund wahrscheinlich schon vor deutlich mehr als 30 000 Jahren von seiner Wildform, dem Wolf ( Canis lupus ), getrennt hat. Die frühe Domestizierung des Wolfes dürfte aber 67< eine Ausnahme sein. Die anderen Haus- und Nutztierarten wurden höchstwahr«Das Haushuhn» scheinlich erst mit der Sesshaftigkeit des Menschen domestiziert und gezüchtet.
Pferde sind bereits seit langer Zeit Begleiter des Menschen. Die heutigen Rassen stammen vom Wildpferd ab. Das PrzewalskiPferd ( Equus ferus przewalski ) ist die einzige heute noch existierende Unterart des Wildpferdes (nicht im Bild).
Der Bauernhof: Eine Einleitung
Aus Wildarten werden Nutzarten
Zucht – was ist das ?
Alle Individuen einer Art sind sich in vielen Hinsichten sehr ähnlich und können fruchtbare Nachkommen miteinander zeugen. Trotz ihrer Ähnlichkeit gibt es aber stets auch viele Eigenschaften, in denen sie sich voneinander unterscheiden ; so zum Beispiel bezüglich äußerlicher Merkmale wie Größe, Farbe und Proportionen oder bezüglich «versteckter», innerer Merkmale wie Stoffwechselvorgänge oder genetische Besonderheiten. Die Letzteren können beispielsweise entstehen, wenn sich das Erbgut bei der Bildung von Eizellen oder Spermien verändert ( = mutiert ). Solche Mutationen müssen aber nicht unbedingt Auswirkungen auf das Leben der Nachkommen haben, da es unter den Mutationen auch sogenannte neutrale Mutationen gibt, die absolut wirkungslos sind. Andere Mutationen hingegen haben entweder positive oder aber negative Auswirkungen. Negative Auswirkungen äußern sich entweder tödlich oder durch einen geringeren oder sogar ausbleibenden Fortpflanzungserfolg und werden daher durch die Evolution rasch wieder wegselektioniert. Bei sich ändernden Umweltbedingungen können aber bis anhin neutrale Merkmale sich unter Umständen plötzlich als vorteilhaft erweisen und daher erfolgreich weitervererbt werden. Auch unter den Nutzpflanzen gibt es eine große Vielfalt an Züchtungen.
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Natur erleben – beobachten – verstehen
Auf dem Bauernhof
F1 Generation
Elterngeneration
Intermediärer Erbgang
F2 Generation
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Dominant rezessiver Erbgang
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Dass es bei Pflanzen und Tieren die eben beschriebenen individuellen Unterschiede gibt, ist den Menschen schon früh aufgefallen. Es dauerte nicht lange, bis man versuchte, nützliche Eigenschaften entsprechend zu fördern. Die dabei entstandene Zucht beruht auf der gezielten Auswahl von Tieren ( resp. Pflanzen ), deren erwünschte Eigenschaften man zu verstärken ( oder erhalten ) suchte, indem man eine Paarung nur zwischen jenen Tieren zuließ, die diese Eigenschaften aufwiesen. Diese Auslesezüchtung ist aber nicht die einzige bekannte Zuchtform. Daneben gibt es auch die Kombinationszüchtung, die dann zur Anwendung kommt, wenn bei einer Tier- oder Pflanzenart mehrere erwünschte Eigenschaften gefördert werden sollen, diese aber auf mehrere Individuen verteilt sind. Während langer Zeit beruhte die Züchtung nur auf Beobachtungen, Erfahrungen und Versuchen. Durch gezielte Experimente mit Kreuzungsversuchen an Erbsen begann der Priester und Naturforscher Johann Gregor Mendel im Jahr 1854 das Ganze auch wissenschaftlich zu untersuchen. Die nach ihm benannten «mendelschen Regeln» der Vererbung können als Beginn der Genetik ( Vererbungslehre ) bezeichnet werden.
Rechte Seite: Mutterkuhhaltung
Der Bauernhof: Eine Einleitung
Aus Wildarten werden Nutzarten
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Beobachtungstipp Versuchen Sie bei Ihrem nächsten Besuch auf einem Bauernhof zwischen Wild- und Kulturarten zu unterscheiden. Bei den Tieren ist dies nicht besonders schwer, aber können Sie auch bei den Pflanzen sicher unterscheiden ?
Frage ›
Wieso reicht in der Tierzucht die Auslesezüchtung in vielen Fällen nicht, um die gewünschten Resultate zu erzielen ?
>170 Antwort
Von der Selbstversorgung bis zur industriellen Produktion von Nahrungsmitteln Noch heute sind weltweit über 80 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe kleinbäuerlicher Art. Diese meist in Afrika und Asien gelegenen Betriebe bewirtschaften oft kaum mehr als ca. 2 Hektaren Land, sind aber für rund 60 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion verantwortlich. Viele von ihnen produzieren zudem in erster Linie für die Selbstversorgung. Dabei sind es oft die schlechteren Böden oder >146 unbekanntes Standorte mit Wasserknappheit, die von Kleinbauern bewirtschaftet werden. Große «Ein Reich»
Betriebe sind in der Regel vermögender und können daher die besseren und fruchtbareren Böden nutzen. Sie produzieren Nahrungsmittel für den Verkauf auf lokalen oder globalen Märkten. Während in den sogenannten Entwicklungsländern die durchschnittliche Betriebsgröße kaum wächst oder sogar abnimmt, ist in den Industriestaaten das Gegenteil zu beobachten : Zwar nimmt die Anzahl der Bauernbetriebe beständig ab, diejenigen, die übrig bleiben, werden jedoch immer größer. Dieses Phänomen ist unter anderem eine Folge des immer stärkeren Drucks zu effizienter und kostengünstiger Produktion. Um diesem Folge zu leisten, findet daher auch eine immer stärkere Spezialisierung auf einzelne Produkte statt. Während sich früher Bauernbetriebe durch ein breites Spektrum an produzierten Nahrungsmitteln auszeichneten, beschränken sich Großbetriebe in Industrie- und Schwellenländern heute oft nur noch auf bestimmte Pro118< dukte (z. B. Mais, Weizen oder Soja). Der Verkauf dieser Produkte findet meist nicht «Erntezeit mehr an Endkunden statt, sondern an die Nahrungsmittelindustrie oder Großverteiund Reife» ler, welche die Produkte weiterverarbeiten ( «veredeln» ) oder vertreiben. Zudem sind im Nahrungsmittelsektor immer mehr auch reine Spekulanten am Werk. Die Spezialisierung, der Einsatz von Düngemittel und Chemikalien, der Einsatz von Hochleistungssorten und teilweise mit genetisch veränderten Pflanzen haben wohl große Ertragssteigerungen ermöglicht, aber zu welchem Preis ? Landwirtschaft
In extremen Steillagen ist schon aufgrund der Erosion kaum an Ackerbau zu denken.
ist durch diese Entwicklung immer mehr zu einer industrieähnlichen Wirtschafts- >14 kurze form geworden ; und sie hat dadurch teilweise hochproblematische Züge erhalten. «Eine Geschichte der Ein Beispiel : Noch immer werden weltweit neue Agrarchemikalien ausprobiert, ohne Landwirtschaft» dass deren Auswirkungen zuvor ausreichend und vor allem auch langfristig abgeklärt werden. Es ist daher damit zu rechnen, dass solche Stoffe ungeahnte Folgen für Natur und Mensch haben können, ähnlich wie dies beim heute vielerorts verbotenen DDT der Fall war. Gerade in Industrieländern wird die industrienahe Form der Landwirtschaft aber auch zunehmend infrage gestellt : Viele Konsumenten wünschen einen direkten Kontakt zu den Produzenten, wünschen sich Nahrungsmittel, die aus ihrer Umgebung kommen und möchten – aufgeschreckt durch zahlreiche Lebensmittelskandale oder durch Berichte über problematische Masttierhaltungen – genau wissen, wie ihre > Früchte, Gemüse und Fleischwaren produziert worden sind. Diese Entwicklung bie- Schweine tet gerade auch in Mitteleuropa kleinen Bauernbetrieben eine interessante Zukunftsperspektive.
Industrielle Ernte von Getreide
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Natur erleben – beobachten – verstehen
Auf dem Bauernhof
Beobachtungstipp Wenn Sie auf dem Bauernhof möglichst viel entdecken und erleben wollen, empfiehlt es sich, einen geeigneten Betrieb auszusuchen. Eher kleine, möglichst traditionelle Betriebe, die wie biologisch geführte Höfe mit lokalen Stoffkreisläufen funktionieren, bieten meist eine deutlich größere Vielfalt und daher interessante Beobachtungsmöglichkeiten. Oftmals werden hier auch Strukturen wie Hecken als Lebensraum für Wildtiere erhalten oder gefördert.
Blumenreiche Magerwiesen können nur bei extensiver Nutzung erhalten werden.
Anhang
Bildnachweis
Bildnachweis Abteritestatos / Wikicommons: S. 133 Bala, R. / Blickwinkel: S. 128 Bartz, R. / Blickwinkel: S. 100 (oben) Derder, S. / Blickwinkel: S. 118 Fieber, J. / Blickwinkel: S. 90 Gerth, S. / Blickwinkel: S. 166 Hecker, F. / Blickwinkel: Umschlag vorne: oben Hempel, J. / Wikicommons: S. 131 Jaun, Andreas: Umschlag hinten: alle außer oben rechts; S. 9, 10–11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 22, 24, 25, 26, 28, 29 (beide), 31, 32 (beide), 34 (oben), 36 (beide), 38, 39, 42–43, 44, 46, 48, 52, 53 (beide), 55, 56 (beide), 59 (oben), 60, 63, 65, 66–67, 71, 73 (beide), 75, 77, 79 (beide), 81, 84–85, 86, 88, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 100 (unten), 102 (unten), 104, 107, 108, 109, 110 (beide), 113 (beide), 114–115, 116, 119, 121, 122, 123, 124, 126, 127, 129, 132, 135, 136, 137 (alle), 138, 140, 141, 142–143, 144, 147 (beide), 149, 152, 153, 158, 160, 162–163, 168–169 Joss, Willi: S. 51, 61, 62, 69 Hecker/ Sauer/ Blickwinkel: S. 102 (oben) Moning, Christoph: S. 59 unten McPhoto / Blickwinkel: S. 23, 34 (unten), 155, 156, 159 Pieper, H. / Blickwinkel: S. 82–83 Schild, Andreas: S. 41 Schütz, P. / Blickwinkel: Umschlag vorne: unten Sheldon, D. & M. / Blickwinkel: Umschlag hinten: oben rechts, S. 21 Vicente, Manuel M./Wikicommons: S. 64 Woike, M. / Blickwinkel: S. 151 Zoller, B. / Blickwinkel: S. 165
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Natur erleben – beobachten – verstehen
Auf dem Bauernhof
Dank Ich danke allen Beteiligten, die in irgendeiner Form bei der Erarbeitung dieses Buches mitgewirkt haben. Dabei geht ein besonderer Dank an Martin Lind für das Lektorat und die angenehme Zusammenarbeit bei der Entstehung der verschiedenen Bände aus der Reihe «Natur erleben». Ebenso möchte ich mich auch bei Louise Bamert, Willi Joss und Andreas Schild für die zur Verfügung gestellten Materialien und Bilder bedanken. Einen ganz herzlichen Dank geht auch an meine Frau und meine Kinder, die mit großer Unterstützung und Verständnis die Entstehung dieses Buches ermöglicht haben. Da dies voraussichtlich der letzte Band der «Natur erleben»-Reihe sein wird, möchte ich auch allen Leserinnen und Lesern einen Dank für Ihr Interesse an diesen Büchern aussprechen. Es lässt sich meistens kaum vermeiden, dass sich bei solchen Projekten auch gewisse Fehler einschleichen. Der Autor und der Verlag sind daher dankbar für entsprechende Hinweise, die bei einer allfälligen zweiten Auflage berücksichtigt werden können.
Anhang
Sachregister
Sachregister Acker 14, 27 Ackerbau 14 Ackerrandfläche 27 Admiral 138 Amphibien 27 Amsel 40 Artenvielfalt 3, 27 Auerochse 18, 158 Auslesezüchtung 20 Bankaviahuhn 68 Bauernhof 8, 16, 24 f, 25, 48, 93 Baummarder 156 Biene 33, 47, 93 f, 99 f Bienenfresser 33 Blattlaus 71 Blüte 98 f, 120 Boden 57, 88, 146 f Bodenaufbau 148 Bodenbeschaffenheit 12 Bodenbrüter 60 Bodenlebewesen 148 Brachen 28 Braunkehlchen 25 Dünger 16, 22 Dungfliege 53, 93 Ei 54, 62 f, 69, 72, 129 Elster 166 Ernte 118 f Feldhase 40 Feldlerche 13, 40
Feldmaikäfer 46, 55 Feldsperling 118, 127 f Feuchtgebiet 13 Fliege 52, 93 f Frucht 118, 120f Fuchs 15 Garten 35 Gebäudebrüter 60 Gemüse 120 f Gewässer 33 Großer Moorbläuling 110 Großer Wiesenknopf 110 Grünspecht 58 Habicht 70 Haushuhn 62, 67 f, 157 Haussperling 118, 126 f Haustiere 18 Hecke 30, 37, 154 Humus 149 Igel 131f Intensität (der landwirt. Nutzung) 12 Junikäfer 57 Katze 129 Kolkrabe 167 Kombinationszüchtung 20 Kreuzkröte 77 Kuh 26, 52, 77, 158 f – Merkmale der 149 f Kuhfladen 52, 60
Kuhtritt 27 Kulturarten 17 f Kulturfolger 15, 39, 105, 126 Kulturlandschaft 12 f Landwirtschaft 21, 37 f – extensive 16 – Geschichte der 14 f – industrielle 23 – intensive 16, 23 Lebensräume 24 f Mähwiese 12 Marienkäfer 74 Maßnahmen, ökologische 16 Masttierhaltung 23 Mauersegler 40 Maulwurf 47, 91 Mehlschwalbe 106f Misthaufen 52, 60 Mistkäfer 53, 93 Moorlandschaft 12 Mutterkorn 112 Naturlandschaft 12 f Neuntöter 31 Nutzarten 18, 68, 158 Nutztiere 26 Obstbaum 47, 56 Obstgarten 30 Ökologie 37f
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Natur erleben – beobachten – verstehen
Pferd 18, 26 Produktion, industrielle 21 Rauchschwalbe 105 f Rebbau 33 Regenwurm 70, 88 f, 133 Reh 81 Rind 26, 52, 77, 158 f - Merkmale des 149 f Ringelnatter 78 Rotmilan 165 Scheune 33 Schleiereule 40, 60, 151 f Schwebfliege 98 Schwein 26 Siebenschläfer 30, 47, 50 f Sperling 118, 126 f Stall 33 Star 58, 136 Steinmarder 35, 106, 130, 154 f Streuobstwiese 30, 48, 50, 132 Viehzucht 14 Vögel 27, 58 f, 74, 78, 97, 126 f, 135, 152 Vogelei 62 f, 69, 129 Wacholderdrossel 58 Wanderfalke 135 Wanze 70 Weiden, extensiv genutzte 26 Weizen 21, 80, 122 Wespe 138 Wiesen 24
Wiesenschaumzikade 109 Wildarten 17 f, 46, 68, 158 Wirtschaftswald 13 Wollschweber 94 Ziege 18, 26 Zucht 19
Auf dem Bauernhof