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Leidenschaft für mobile Schätze

Veldhausen: Gerd Hindriks chauffiert seinen Opel-Klassiker regelmäßig auf Grafschafter Straßen und zieht die Blicke auf sein toprestauriertes Vorkriegs-Cabriolet mit Gläser-Karosserie.
Werner Westdörp
Von Rainer Müller (Text) und Werner Westdörp (Fotos)

Der Frühling ist da – die Sonne schickt wieder wärmende Strahlen in die Grafschaft. In Veldhausen kann es jetzt passieren, dass man auf der Landstraße einem automobilen Klassiker begegnet. Dann genießt meist der 64-jährige Gerd Hindriks am Lenker eines schwarz-roten Opel-Cabriolets aus dem Jahr 1938 die frische Luft.

Der Veldhauser, der zehn Jahre lang im Vorstand der Grafschafter Kfz-Innung tätig war und als Obermeister über 17 Jahre an deren Spitze stand, hat seine Profession auch zum Hobby gemacht. Als selbstständiger Kraftfahrzeugmeister ist Hindriks frühzeitig auch nach Feierabend der Faszination und Leidenschaft automobiler Technik verfallen.

Der Opel-Händler – seit acht Jahren Kreishandwerksmeister – ist in den Jahrzehnten seiner Selbstständigkeit immer wieder auf echte „Schätzchen“ mit zwei und auch vier Rädern gestoßen und hat vielen Exemplaren deutscher Fahrzeuggeschichte wieder ein Gesicht gegeben und ihnen „Leben“ eingehaucht. In der umfangreichen Privatsammlung befinden sich nicht nur automobile Schönheiten aus der Rüsselsheimer Produktionsgeschichte, sondern auch einige historische Motorräder der Hersteller BMW und Opel, die nach ihrer Komplettrestaurierung durch Gerd Hindriks wie „fabrikneu“ anmuten. Als Seniorchef des Autohauses hat Hindriks bereits frühzeitig die Unternehmensnachfolge geklärt: Sohn Jörn führt mittlerweile das Unternehmen an der Georgsdorfer Straße. So bleibt Gerd Hindriks jetzt mehr Zeit für seine technische Leidenschaft – und für Ehefrau Gesine, mit der er bei schönem Wetter gerne mit dem schwarz-rot lackierten Opel Cabriolet Ausflüge unternimmt und über die Grafschafter Landstraßen tuckert.

Die Einstiegsleisten aus Edelstahl verraten die Herkunft: Das Opel-Chassis trägt ein Blechkleid des Dresdner Karosserieherstellers Gläser.

Zur Information: Wer sich vor dem Zweiten Weltkrieg einen Wagen mit der Karosserie eines renommierten Karosseriebauers leisten konnte, bestellte das Chassis (also Fahrwerk und Motor) direkt beim Hersteller und ließ dann die Karosserie entsprechend seinen Wünschen separat anfertigen, so wie es beispielsweise der Nordhorner Textilfabrikant Bernhard Hubertus Niehues 1936 tat und ein Chassis der Wanderer- Werke in Chemnitz mit einer Cabriolet-Karosserie der Reutlinger Firma Erhard Wendler versehen ließ.

Ein Traum in Rot: Das elegante Cabriolet besticht durch seine detailgetreue Restaurierung – auch sämtlicher Instrumente und Schalter.
Eschenholz trägt die Blechhaut

Bis der laufruhige Sechs-Zylinder- Motor die betagte Opel-Schönheit, dessen Karosserie 1937/1938 beim Dresdner Stellmacher- und Karosseriebetrieb Gläser entstand, wieder antreiben konnte, hat es ganze sieben Jahre gedauert. „Zusammen mit unserem früheren Werkstattleiter Friedrich Legtenborg haben wird das Fahrzeug komplett zerlegt und erst einmal eine Bestandsaufnahme gemacht“, verrät Gerd Hindriks im Gespräch. Ein befreundeter Tischler hat die aufwendige Holzkonstruktion des Opel „Super 6“ mit handgefertigten Eschenholz- Teilen wieder tragend gemacht. Die einzelnen Karosseriebleche wurden in mühevoller Handarbeit vom Rost vergangener Jahrzehnte befreit und lackierfähig aufgearbeitet. Der Sechszylinder- Motor des Cabriolets wurde komplett zerlegt: „Kolben, Zylinder und Nockenwelle wurden revidiert und ein nagelneuer Zylinderkopf montiert“, berichtet Hindriks. Auch bei der Restaurierung des Interieurs überließ der Veldhauser Oldtimer-Liebhaber nichts dem Zufall. Das rote Leder auf der durchgehenden vorderen Sitzbank, der dahinter befindlichen Ablage und den Türverkleidungen wurde komplett ersetzt und mit originalgetreuen Steppnähten versehen. „Die weißen Schalterknöpfe des Armaturenbretts haben wir zum Teil reproduzieren lassen. Türgriffe und andere Elemente der Innenausstattung wurden neu verchromt“, erzählt Gerd Hindriks der Mobile-Redaktion während einer luftigen Ausfahrt mit dem historischen Fahrzeug rund um Veldhausen. Gerd Hindriks geht dabei behutsam mit Schaltung und Kupplung des bereits mit synchronisiertem Getriebe ausgestattetem Oldtimers um: „Zwischengas braucht man nicht geben aber da kann man auch nicht einfach mal schnell den nächsten Gang reindrücken wie bei modernen Autos. Das muss bei solch einem alten Fahrzeug sanft gemacht werden, damit zum Beispiel die Zahnräder des Getriebes einfach die erforderliche Zeit bekommen, ineinanderzugreifen“, erklärt der Automobil- und Oldtimerexperte aus der Niedergrafschaft. Direkt ist die Lenkung des offenen Fahrzeugs nicht – und verfügt natürlich auch nicht über eine Servounterstützung, wie sie bei den meisten der heutigen Autos Standard ist. „Du musst schon immer wieder ein wenig ausgleichen“, sagt Gerd Hindriks kennerhaft und ergänzt: „Wenn du die Technik kapiert hast, kannst du damit auch umgehen!“

Auf die technischen Finessen seines Opel-Cabriolets von 1909 ist Gerd Hindriks besonders stolz. In dem Oldtimer sorgt ein sogenanntes Baggeröl-System (links) für eine gleichmäßige Schmierung.
Schmuckstück mit viel Messing: Highlight der Sammlung ist ein Opel Cabriolet aus dem Jahr 1909, das mit Holzfelgen und kunstvoll gesteppten Ledersitzen daherkommt.

Die Technik von damals kapieren

Echtes Highlight der Fahrzeugsammlung von Gerd Hindriks ist ein Opel Cabriolet aus dem Jahr 1909 mit den damals noch gebräuchlichen Holzfelgen und kunstvoll gesteppten Ledersitzen, die eher an eine royale Kutsche erinnern als an ein Automobil. Auch einem Opel Manta A gibt Gerd Hindriks das „Gnadenbrot“. Der flotte Flitzer, der von 1970 bis 1971 bei Opel vor allem für eine jüngere Zielkundschaft gebaut wurde, steht als lindgrünes Exemplar und nur knapp 50.000 Kilometern auf dem Tacho. Beim „Probesitzen“ fällt auf, wie filigran doch die Innenausstattungen der 1970er-Jahre-Autos gebaut wurden. Mechanische Spiegelverstellung, Türöffner, Schalter: Alles wirkt irgendwie zerbrechlich – ist es aber nicht. Gedanklich und technisch geht es in Veldhausen nun wieder in die 1930er-Jahre zurück: Ein ebenfalls restaurierter schwarzer Opel Olympia von 1936 zeugt von den Bestrebungen der Rüsselsheimer Ingenieure, dem Vorkriegs-Käfer als „Volkswagen“ Konkurrenz zu machen und vom Image der Olympischen Spiele von Berlin zu partizipieren.

Dieses Vorkriegs-Motorrad von BMW besitzt noch das Original-Kennzeichen. Das Kürzel IS wurde für die Provinz Hannover ausgegeben.

Glasvitrinen bergen liebevoll restaurierte Zubehörkomponenten der frühen Automobilgeschichte, wie zum Beispiel eine Metallkartusche, die mit speziellem Brennstoff versehen, vor vielen Jahrzehnten im Innern eines Fahrzeugs für Wärme sorgte. Das heutige System, die Abwärme des Motors über den Kühlkreislauf und ein Gebläse in den Innenraum zu leiten, gab es in den Anfängen der Autoproduktion noch nicht. Ein zu Demonstrationszwecken genutzter Schnittmotor, Werbeschilder verschiedener Auto- und Motorradhersteller sowie eine historische Kraftstoff-Zapfsäule runden die Sammlung von Hindriks ab. ■

Eine alte elektromechanische Zapfsäule ziert die automobilhistorisch attraktive Sammlung.