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Die Wirtschaft_10/2019

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K Z ACer da iss

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EINBLICK IN FIRMA HERZOG SEITE 3

DAS BEDEUTET DIE CO2-STEUER SEITE 14

DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

AUSGABE 05/19

4

Glas

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EINZELPREIS 1,90 €

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In dieser Ausgabe:

STANDORTPORTRÄTS GEMEINDE BELM, STADT BAD BENTHEIM UND SAMTGEMEINDE UELSEN MACHER & MÄRKTE

Was ist nachhaltig?

So ist der Wirtschaftsstandort Lingen aufgestellt.

Metall

Seiten 4 und 5

GELD & GESCHÄFT

Plastik

Plastikverpackung ist verpönt, docch ist Pap pier, Glas oder die Dose wirkllich h besser??

eite 9. Mehr dazu lesen Sie auf Se

Der Osnabrücker Fritz Rudolf Künker ist der Herr der Münzen. Seite 17

SPEZIAL UMWELT & NACHHALTIGKEIT Wirtschaftstalk: Wie nachhaltig ist unsere Energie? Seiten 12 und 13

Foto:GertWestdörp

LEBEN & LEIDENSCHAFT

Papier

Wie Spielehändler vom Boom der Branche profitieren. Seiten 28 und 29

Illustrationen: imago images/Panthermedia · Layout: Matthias Michel

Neuer starker Mann der Krone Holding Erfolg basiert auf der Struktur des emsländischen Familienunternehmens VON HERMANN-JOSEF MAMMES SPELLE Es gibt einen neuen starken

Mann in der Krone Gruppe an der Seite von Firmenchef Bernard Krone: Es ist der gebürtige Westfale David Frink. Der 46-Jährige löst Alfons Veer (65) ab, der nach 16 Jahren zum Jahresende altersbedingt in den Aufsichtsrat wechselt. Der 46-jährige Frink kam im April 2018 zur Krone Gruppe ins Emsland, zuerst als Financial Officer (CFO ). Seit Anfang Oktober verantwortet er als Chief Executive Officer (CEO) die erfolgreiche Landmaschinensparte in der Holding. Frinkes Büro am Stammsitz in Spelle hat eine direkte Verbindungstür zum Büro von Bernard Krone, der

NeuerCEO:DavidFrink.

Foto:S.Schöning

das Unternehmen in der vierten Generation führt. Die Struktur des Familienunternehmens mit seinen rund 7000 Beschäftigten ist für Frink im nationalen und internationalen Wettbewerb entscheidend: „Das ist unsere DNA, das ist ein Riesen-Wettbewerbsvorteil.“ Die Familie stehe nicht nur zu 100 Prozent hinter der

Firma, sondern sei zugleich deren „Aushängeschild“. Auch wenn die Nutzfahrzeugsparte in Werlte gerade eine harte Zeit durchlebe, sieht er Krone insgesamt auf einem guten Weg. „So haben wir speziell bei den großen landwirtschaftlichen Geräten wie Heckslern noch viel Potenzial und Luft nach oben“, so der begeisterte Fußballfan und ehemalige Aufsichtsrat von Arminia Bielefeld. In diesem Jahr peilt die Holding einen neuen Rekordumsatz von „über 2,2 Milliarden Euro“ an. Frink selbst bereitet die „Aufgabe einen Riesenspaß“. Sein Arbeitstag startet morgens meistens um 7.30 Uhr. „Im Schnitt arbeite ich zehn Termine ab.“ Dabei umfasst sein Aufgabenfeld alle Geschäftsberei-

che. Sein Tag endet spät abends mit dem Lesen der E-Mails und der Vorbereitung auf den Folgetag in seiner Speller Wohnung. Das Wochenende verbringt er bei seiner Frau und seinen drei Töchtern (9, 14 und 18 Jahre alt) in Bielefeld. Frinkes berufliche Vita ist sehr abwechslungsreich. Nach dem Abitur in Stolberg (Rheinland) folgte die Ausbildung zum Bankkaufmann, im Anschluss Studium der Betriebswirtschaftslehre mit späterer Promotion. Nach Dozententätigkeiten unter anderem bei der Bankakademie Aachen kam er 2004 zur Schiesser AG nach Radolfzell. Von 2009 bis 2017 war er als „Vorstand Produktion, Logistik, IT, Finanzen und Personal bei Gerry Weber International in Halle tätig.

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

MACHER & MÄRKTE

2

SPEZIAL

MACHER & MÄRKTE

GELD & GESCHÄFT

UMWELT & NACHHALTIGKEIT

2 | Editorial

9 | Im Vergleich

17 | Münzen

25 | Gruseltrend

Chefredakteur Berthold Hamelmann über Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Debatten.

Welche Verpackungen sind nachhaltig und was heißt das für die Industrie?

Rund 20 000 Münzen versteigert Fritz Rudolf Künker pro Jahr.

Ob Kürbisse, Deko oder Kostüme: Halloween wird auch hierzulande zum Umsatzbringer.

3 | Herzog

10 | Kreuzfahrt

18 | Börsenporträt

26 | Soda Stream

Anlagen nehmen weltweit kleinste Rohstoffteile unterschiedlicher Industrien in den Fokus.

Die Papenburger Meyer Werft forscht für ein emissionsarmes Kraftwerk „Schiff “.

Warum die Dax-Dinos langsam aus dem Index verschwinden.

In Delmenhorst begann das Geschäft mit den Wassersprudlern in Deutschland.

4/5 | Lingen

11 | Nachhaltigkeit

19 | Smart

27 | Handicap

Was schätzen Unternehmen und Wissenschaft am Wirtschaftsstandort?

Was der Begriff für den Betriebsalltag von Duni und Janssen Holzbau bedeutet.

Die Digitalisierung ist beim Parkscheinlösen angekommen.

Nach langer Suche hat Marco Brontsch trotz Blindheit einen Ausbildungsplatz gefunden.

6 | Vogelsang

12/13 | Wirtschaftstalk

20/21 | LM IT AG

28/29 | Spiele

Essener Unternehmen in drei Dimensionen auf Wachstumskurs.

Eine Diskussion über die Energiebranche und ihre Potenziale.

Der Markt für IT-Unternehmen ist auch in der Region groß.

Insbesondere Exit-Spiele sorgen auch in der Region für Umsätze im Handel.

14 | CO2

22 | Leasing

30 | Engagement

So reagiert die regionale Wirtschaft auf die neue Abgabe.

Immer mehr Arbeitgeber unterstützen den Trend zum Dienstrad.

Constanze von Laer setzt sich als Coach unter anderem für Azubis ein.

7 | Kortmann Beton

15 | Rezyklate

23 | Geldanlage

31 | Bienen

Henning Kortmann hat den Familienbetrieb umgekrempelt.

Start-up will Potenzial im Kunststoffrecycling für die Industrie weiter heben.

Im Gespräch mit Hermann-Josef Tenhangen über Vermögensaufbau.

Klaus Stenvers ist Berufsimker und hält insgesamt 100 Bienenvölker.

Foto: Johannes Bichmann

E D I TO R I A L

LEBEN & LEIDENSCHAFT

NACHHALTIGKEIT

Gesamtsituation im Auge behalten VON BERTHOLD HAMELMANN

N

Unternehmens- und Personenindex UNTERNEHMEN Aida Cruises ............................................... 10 Airbus .......................................................... 18 Agrowea .................................................12/13 Allianz.......................................................... 18 Amazon ...........................................15, 28/29 Assmann ..................................................... 18 Attentium AG.............................................32 Baerlocher ................................................ 4/5 Baustoffhandel Bauen+Leben Zagers .... 7 Bayerische Hypothekenund Wechselbank...................................... 18 BE Bioenergie .......................................12/13 Bedford........................................................32 BlaBlaCar .................................................... 15 Bike Mobility Services .............................22 Bitcoin Group SE ...................................... 18 Bitkom Research................................. 20/21 Bolles+Wilson.......................................... 4/5 Bosch............................................................22 BP ............................................................... 4/5 Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasserund Rohstoffwirtschaft (BDE) ............... 15 Bundesverband Windenergie............12/13 Business Bike .............................................22 Bünting........................................................ 18 Cirplus ......................................................... 15 Co2online......................................................9 Coca Cola ....................................................26 Commerzbank............................................ 18 Deutsche Bahn...................................... 6, 22 Deutsche Bank........................................... 18 Deutsche Börse.......................................... 18 Deutsche Bundesstiftung Umwelt ...12/13 Deutsche Wohnen..................................... 18 DNV GL....................................................... 10 Dresdner Bank........................................... 18 Duni ..............................................................11 DWR eco ................................................12/13 Ebay ..............................................................17 Eon ............................................................... 18 Epcos............................................................ 18 EWE ........................................................12/13

Escape Hunt.........................................28/29 Escape Room Osnabrück ..................28/29 Escape Room Heros ...........................28/29 Exitcache...............................................28/29 Feldmühle................................................... 18 Feldhaus Kliniken.....................................22 Franziskus Hospital..................................22 Freudenberg Sealing Technologies ....... 10 Fun4Kids...............................................28/29 GaLaBau Emsland ....................................22 Gerry Weber ................................................. 1 GMH Gruppe ............................................. 14 GVO Personal............................................. 18 Hamburger Energieversorger HEW.......................12/13 Handelsverband Deutschland (HDE) ..25 Handwerkskammer OsnabrückEmsland-Grafschaft Bentheim ........14, 27 Harting Stiftung........................................ 18 Hellman Worldwide Logistics................ 18 Herzog Maschinenfabrik...........................3 Industrie- und Handelskammer Osnabrück-EmslandGrafschaft Bentheim ........................ 4/5, 14 Infineon....................................................... 18 Innogy.....................................................12/13 Janssen Holzbau ........................................11 Jobrad..........................................................22 Hoechst ....................................................... 18 Kosmos-Verlag .....................................28/29 Klöckner...................................................... 18 Konzeptwerk ..............................................30 Kortmann Beton ......................................... 7 Krone Gruppe ...................................... 1, 4/5 Krone Holding ............................................. 1 Künker..........................................................17 Künker Watches .........................................17 Lava............................................................ 4/5 Leiber GmbH .............................................30 Liepe & Mummert Gbr ...................... 20/21 LPKF Laser & Electronics AG ................ 18 Lufthansa.................................................... 18 LM IT AG.............................................. 20/21 Mainker und Hofschröer....................... 4/5 Mannesmann ............................................. 18

Mars Wrigley Deutschland .....................25 Meyer Werft ............................................... 10 Microsoft............................................... 20/21 MTU ............................................................. 18 Müller ....................................................28/29 Münchner Rück......................................... 18 Münsteraner Hafenarena..................28/29 Nabu...............................................................9 Neptune Energy ...................................... 4/5 Nielsen.........................................................25 Nosta Logistics .......................................... 14 Oldenburger Laser Tag Arena GmbH........................................28/29 OPG .............................................................. 19 PepsiCo........................................................26 Piepenbrock ...............................................32 Purplan........................................................ 27 Rad+spiel Grewing.............................28/29 Radel Bluschke ..........................................22 Rhone-Poulenc........................................... 18 Room Fox..............................................28/29 Rosen ......................................................... 4/5 RotaCut .........................................................6 Royal Caribbean........................................ 10 RWE ........................................................... 4/5 Saga Cruises ............................................... 10 Schäffer .................................................28/29 Schiesser AG................................................. 1 Siemens ....................................................... 18 Soda Stream ...............................................26 Spiel+Freizeit Nagel ...........................28/29 Spiel+Freizeit Wöbker .......................28/29 Spieltraum ............................................28/29 Stadtmarketing Bramsche ......................32 Stadtwerke Meppen.................................. 19 Stage Entertainment GmbH................... 18 Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister..................... 15, 20/21 Strategion ...................................................32 Sunhill Technologies GmbH................... 19 Tata............................................................... 18 Teamplan Josef Meyer GmbH................32 Team Escape.........................................28/29 Thalia.....................................................28/29 Thyssen ....................................................... 18

Twenhäfel..............................................28/29 Vattenfall AB .........................................12/13 Veba.............................................................. 18 Viag .............................................................. 18 Vodafone ..................................................... 18 Vogelsang......................................................6 Volkswagen Financial Services AG ....... 19 Vonovia........................................................ 18 VW......................................................... 23, 32 Werner & Mertz......................................... 15 Windmöller & Hölscher ............................9 Wirecard ..................................................... 18 Zagers Estrich GmbH ................................ 7

PERSONEN Alswede, Frank ..........................................25 Aßmann, Frank.......................................... 18 Barowski, Jörg ...........................................32 Bartels, Holger........................................... 18 Baumeister, Mark......................................22 Bendele, Götz ............................................. 18 Bernstorff, Volker......................................32 Bodensiek, Martin ....................................32 Bonde, Alexander.................................12/13 Böcking, Hans-Joachim...........................32 Börste, Katrin.............................................32 Brandt, Inka .........................................28/29 Brandt, Markus ...................................28/29 Brelie, Gabi von der..................................25 Brontsch, Marco........................................ 27 Dohler, Stefan .......................................12/13 Esser, Ingeborg ..........................................32 Feld, Thomas..............................................32 Frink, David.................................................. 1 Goethe, Johann Wolfgang von...............30 Graf, Marco............................................... 4/5 Grewing, Hedwig ................................28/29 Griesert, Wolfgang....................................32 Guidez, David...............................................6 Halver, Robert............................................ 18 Hamker, Astrid ..........................................32 Hammacher, Christian ............................ 14 Hankers, Monika.......................................22

Harting, Dietmar ...................................... 18 Hettinter, Vanessa.....................................32 Hertel, Stefan.............................................25 Herzog, Jan...................................................3 Hessel, Julian.............................................26 Holtkemper, Gustav.................................. 18 Hilbey, Guy Hugh......................................26 Hutter, Hermann.................................28/29 Hüneburg, Anke........................................32 Jaenicke, Hannes ......................................26 Janssen, Rolf ...............................................11 Janssen, Rudolf ..........................................11 Kespohl, Senta ...........................................32 Kienzle, Matthias ................................28/29 Kiesel, Malte.........................................28/29 Kirchner, Wolfgang...................................32 Koch, Frank ................................................ 14 Kohl, Angela...............................................32 Kohl, Britta.................................................32 Kortmann, Henning ................................... 7 Kramp-Karrenbauer, Annegret..............32 Kreie, Lars ..................................................32 Krone, Bernard.................................... 1, 4/5 Krone, Dieter ........................................... 4/5 Kröger, Georg.......................................28/29 Kröger, Julia ................................................17 Krümpel, Julian........................................... 7 Künker, Fritz Rudolf..................................17 Künker, Horst Rüdiger .............................17 Laer, Constanze von .................................30 Laer, Michael von......................................30 Liepe, Marc........................................... 20/21 Löw, Elke.....................................................25 Lühn, Annemarie.................................... 4/5 Meisner, Inna.......................................28/29 Meyer, Bernard....................................28/29 Meyer, Bodo..........................................28/29 Moeyens, Guy........................................... 4/5 Mummert, Manuel.............................. 20/21 Mutsaers, Bert ...........................................32 Niehaus, Andreas......................................22 Niemeyer-Pilgrim, Bernhard................ 4/5 Nussbaum, Ulrich .....................................32 Pahlmann, Heiner.....................................32 Peric, Mario ................................................ 18

Piepenbrock, Arnulf .................................32 Piepenbrock, Olaf......................................32 Pieper, Wilhelm....................................12/13 Pols, Axel............................................... 20/21 Querfurth, Ralph.................................28/29 Rachut, Gunda..................................... 20/21 Roje, Anette van ........................................22 Röcke, Fabian.............................................25 Roose, Stefan........................................28/29 Ruschhaupt, Sven ..................................... 27 Sandhaus, Klaus................................. 30, 32 Schiller, Christian ..................................... 15 Schmid, Volker...........................................25 Schmidt, Klaus ..........................................26 Schodrowski, Bernhard ........................... 15 Schönbohm, Arne ............................... 20/21 Schöne, Björn.......................................28/29 Schulz, Kai-Uwe ..................................28/29 Schwanhold, Ernst....................................32 Schweda , Anke ......................................... 14 Seehofer, Horst .................................... 20/21 Stenvers, Klaus .......................................... 31 Sterthaus, Udo ........................................... 27 Tarnowski, Jens ......................................... 18 Tenhagen, Hermann-Josef ......................23 Terfrüchte, Friedhelm ............................ 4/5 Thiethke, Eva ............................................. 27 Thomas, Oliver ..........................................32 Thunberg, Greta........................................26 Tiek, Ludger ............................................. 4/5 Tösch, Horst...............................................32 Untiedt, Gerhard....................................... 10 Veer, Alfons................................................... 1 Vogelsang, Harald.......................................6 Vogelsang, Helmut......................................6 Voß, Matthias..............................................11 Vutz, Jürgen..................................................9 Wagner, Björn ............................................32 Waldvogel, Vanessa.............................28/29 Wasmuth, Christian............................28/29 Wechselbaum, Christian.......................... 18 Weyer, Uwe..................................................11 Windfelder, Heiko...............................28/29 Wöbker, Hermann ..............................28/29 Wolke-Hanenkamp, Andreas ................. 14

achhaltigkeit ist einer dieser Begriffe, die seit geraumer Zeit auch in Deutschland Konjunktur haben. Je nach thematischer Ausrichtung größer oder kleiner, lauter oder leiser sind die Gruppen, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben. Der Begriff selbst soll übrigens bereits im Jahr 1713 erstmals in Zusammenhang mit der Forstwirtschaft aufgetaucht sein. Zu gerne nimmt mancher dieses Wort in den Mund, der Profitstreben meint und das Ganze nur anders verpackt. Dies macht sich gut in der heutigen Zeit, in der ein Faktencheck mit notwendigem Gesamtblick schon gerne mal unterbleibt. Populismus hat halt Konjunktur. Zweifelsohne gehören ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit zusammen, beeinflussen sich wechselseitig. Noch einmal zur begrifflichen Klarstellung: Unter Nachhaltigkeit wird ein Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung verstanden, bei dem eine „dauerhafte Bedürfnisbefriedigung durch die Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit der beteiligten Systeme – vor allem von Lebewesen und Ökosystemen – gewährleistet werden soll“, wie es in einem Online-Lexikon dazu heißt. In wohlhabenden, technisch hoch entwickelten Ländern wie Deutschland dürfen zu Recht Nachhaltigkeitsdebatten erwartet werden. Als ein Beispiel kann hier auf das große Thema Energie verwiesen werden. Im Wirtschaftstalk dieser Ausgabe geht es dabei auch um kontroverse Standpunkte, die wir uns politisch leisten können bzw. wollen. Deutschland ohne Atomstrom ja gerne – aber Akzeptanzprobleme bei neuen Stromtrassen, Windrädern und Bepreisungsmodellen wie im mutlosen Klimapaket der Bundesregierung. Nachhaltigkeitsdiskussionen sind beileibe keine Luxusprobleme, verraten aber viel über den Zustand der jeweiligen Gesellschaft. Gut zu wissen, dass wir uns das leisten können.

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

MACHER & MÄRKTE

Klein, aber erfolgreich Die Osnabrücker Herzog Maschinenfabrik ist mit Laborsystemen weltweit im Geschäft VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK Welche Wertstoffe sind wirklich drin im heißen Stahl, in der geförderten Erde oder den Spähnen eines geschredderten Handys – und in welcher Menge? Was mit dem bloßen Auge nicht zu sehen ist, machen die Anlagen der Herzog Maschinenfabrik aus Osnabrück sichtbar. Das Unternehmen fertigt Laborsysteme zur Vorbereitung von Qualitätskontrollen und ist eigenen Angaben zufolge einer der führenden Anbieter weltweit. „90 Prozent unserer Maschinen werden exportiert“, sagt Jan Herzog, der in zweiter Generation das Familienunternehmen leitet. „Es ist nur ein kleiner Markt, in dem wir unterwegs sind“, sagt der Geschäftsführer beim Rundgang durch die vier Werkshallen im Osnabrücker Stadtteil Lüstringen bescheiden. In den Hallen stehen ganz unterschiedlich große kastenformige Gehäuse, die später einmal bei der Vorbereitung von Proben für Qualitätsprüfungen in der Stahlproduktion, der Zementherstellung, in der Aluminium- und Kupferindustrie, im Bergbau oder im Recycling zum Einsatz kommen – mal sind sie bereits mehr, mal weniger von innen ausgestattet. Etwa 1500 Anlagen verlassen pro Jahr die Hasestadt. Während eine manuelle Standardmaschine, die bis auf die individuellen Konfigurationen auf Lager produziert wird, innerhalb von zwei Wochen ausgeliefert werden kann, kann bei den automatisierten Anlagen schon mal bis zu ein Jahr zwischen Bestellung und Inbetriebnahme vergehen. Der gruppenweite Umsatz liegt pro Jahr bei einem hohen zweistelligen Millionenbetrag, sagt Jan Herzog. Neben dem Stammsitz in Osnabrück gibt es ein enges Vertreternetz weltweit sowie drei Tochtergesellschaften: in den USA, Japan und China. Letzterer Markt ist laut Herzog auch, gemessen am Umsatz, der wichtigste Auslandsmarkt für das Unternehmen. Wobei in Asien nicht gefertigt wird, das geschieht ausschließlich in Osnabrück, betont Jan Herzog und zeigt an einem der Arbeitsplätze auf die Darstellung eines Laborsystems, das für einen chinesischen Kunden ergänzt werden soll. Es sind hochkomplexe Sondermaschinen, die der Osnabrücker Maschinenbauer in erster Linie für Kunden aus der Grundstoffindustrie herstellt. Etwa 180 der weltweit rund 250 Mitarbeiter arbeiten im Stammsitz. Allerdings kommt nicht jedes Teil einer Maschine aus der eigenen Fertigung, wie der Geschäftsführer weiter erklärt. „Wir haben eine Fertigungstiefe von

Automatisierungmacht dieLaboruntersuchungennoch schneller. EineAnlagewiediesewirdinder Stahlindustrieverwendet.

rund 30 Prozent. Etwa 90 Prozent der übrigen Teile kommen jedoch von Zulieferern aus einem 40-Kilometer-Radius um unseren Standort.“ Mitunter müssen die Anlagen eine Menge aushalten, wie in der Stahlindustrie. Von jeder Charge flüssigen, glühenden Stahls wird

„90 Prozent unserer Teile kommen von Zulieferern aus der Region.“ Geschäftsführer Jan Herzog

routinemäßig eine Probe genommen, um die Zusammensetzung zu überprüfen. Diese wird per Rohrpost aus der Produktion ins Labor geschickt – mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 30 Metern pro Sekunde. „Wir kühlen die Probe auf 300 bis 400 Grad runter“, erklärt der Geschäftsführer den weiteren Prozess. Das Material, das von Herzog-Maschinen für die Beprobung vorbereitet wird, hat die Größe eines 5-DM-Stücks. Daraus herausgestanzt wird für die Qualitätsuntersuchung nur etwa ein Gramm – zwei bis drei Millimeter. „Manchmal wird auch gefräst, und die Späne werden analysiert.“ In dieser langen Kette von Aktionen zähle jede Sekunde zähle, so Jan Herzog. Zeit sei Geld – nicht nur weil in der Stahlindustrie jede Charge für die Dauer der Aufbereitung und Analyse der Probe auf Temperatur gehalten werden muss. Da können kleine Weiterentwicklungen schon einen Unterschied machen. „Das spart unseren Kunden fünf Sekunden“, erklärt Jan Herzog zum Beispiel einen kleinen Kniff an einer Maschine. Für den Laien erst einmal

nicht viel. Fünf Sekunden: Das ist umgangssprachlich die Zeit, in der Nahrungsmittel, die auf den Boden gefallen sind, noch gegessen werden können. Der Deutsche Rekord im 100-Meter-Sprint liegt bei der doppelten Zeit. Und dennoch: „In einem Stahllabor werden rund 1000 Proben pro Tag analysiert. Das summiert sich.“

Wenn Jan Herzog im Detail die Prozesse erklärt, ahnt man nicht, dass er eigentlich ausgebildeter Mediziner, genauer gesagt Neurologe, ist. Vor zehn Jahren ist er ins Familienunternehmen eingestiegen – und hat sich weitergebildet. Den beruflichen Richtungswechsel hat Herzog nicht bereut. „Das Geschäft ist so vielfältig. Und es ist gut, auch

Die Anlagen der Herzog Maschinenfabrik werden ausschließlich in Osnabrück gefertigt. Rund 1500werdenproJahr fertiggestellt. Foto: Herzog Maschinenfabrik

mal über den eigenen Tellerrand zu schauen.“ Das Unternehmen hat sich in den 60 Jahren, die seit der Gründung vergangen sind, stark gewandelt und gewissermaßen ebenfalls über den Tellerrand geschaut. So arbeiten in der Produktion heute ebenso viele Ingenieure wie ITler. Das hat damit zu tun, dass das Unternehmen die analytische Software – neuerdings auch zur Vorhersage, wann ein Verschleißteil ausgewechselt werden muss – selbst entwickelt, wie der Geschäftsführer erklärt. Und auch in Zukunft soll sich das Unternehmen weiterentwickeln. Wie andere Maschinenbauer ist die Herzog Maschinenfabrik von den Konjunkturzyklen der Branchen abhängig, in denen die Maschinen zum Einsatz kommen. „Wir haben schon versucht zu diversifizieren“, sagt der Geschäftsführer und verweist auf die fünf Geschäftsfelder mit jeweils unterschiedlichen Zyklen, in denen Maschinen aus Osnabrück zu finden sind. Dennoch hat Herzog zum Ziel, unabhängiger zu werden. Eine Branche, die die Osnabrücker im Blick haben, ist die Lebensmittelindustrie.

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MACHER & MÄRKTE

MACHER & MÄRKTE

Hohe Zufriedenheitswerte der Unternehmen / Energiewende als Herausforderung und die Hochschule als Chance

2015 2016 2017 2018 Emden

LINGEN Eine Pyramide in Lingen? Das klingt eher nach einem orientalischen Märchen. Und doch ist sie gut sichtbar an der Waldstraße zu sehen, abends eindrucksvoll beleuchtet. Auf dem Dach des gerade erst vor wenigen Wochen offiziell eingeweihten Verwaltungs- und Dienstleistungszentrums der BP-Raffinerie thront der pyramidenförmige Aufsatz als besonderer architektonischer Blickfang. Die Architekten Bolles+Wilson aus Münster griffen in ihrer Planung die unzähligen Lichter der Raffinerie auf, und die Idee des Leuchtturms war geboren. Unter einem Dach befinden sich nun die Werkstätten, Werkfeuerwehr, das Labor, die Kantine sowie die Verwaltung der wenige 100 Meter entfernten Raffinerie, die der Manager Guy Moeyens aus der Führungsspitze des britischen Mineralölunternehmens innerhalb der BP-Familie als „die kleinste, aber die raffinierteste“ bezeichnet. Über 50 Millionen Euro hat das Unternehmen in den Gebäudekomplex investiert, gebaut übrigens von den Lingener Bauunternehmen Mainka und Hofschröer.

Foto:Pertz

18 bis 64 Jahre

51 4*

4

54

28 53

17 7

4

31 7

51 3,1

2,8

5,0 2,2

Meppen

62,9 61,2

2010

65 Jahre und älter 20,2 21,4

2013

2016

2019

Stand jeweils Juni, Quelle: Agentur für Arbeit

Angaben in Prozent, Stand 31. 12. 2018

Einzelhandelsrelevante Kaufkraft

Osnabrück

in Millionen Euro 2010

256,5

2013

277,4

2016

37 82

68

Anzahl der Gewerbebetriebe

295,0

2018

306,1

Quelle: GFK

Güterumschlag in den Binnenhäfen* Lingen in Millionen Tonnen

540 Euro

2010 2013 2016 2018

betrug 2018 der Schuldenstand pro Einwohner in Lingen (durchschnittliche Verschuldung in Niedersachsen: 1261 Euro).

Stand jeweils 31. 12., Quelle: Stadt Lingen

Quelle: Stadt Lingen

Der zweite kritische Punkt des IHKHauptgeschäftsführers bezieht sich auf Veränderungen von Bevölkerung und Beschäftigung zwischen 1990 und 2018. Im Vergleich zum IHKDurchschnitt gehört Lingen zu den Orten mit höherem Beschäftigungs-, aber geringerem Bevölkerungswachstum. „Die Region muss also noch mehr tun, um Leute anzuwerben“, beschreibt Graf die künftigen Aufgaben, auch für die Stadt Lingen. Aktives Standortmarketing sei dafür unerlässlich. „Wir müssen stärker als bislang unsere Erfolgsgeschichte erzählen. Es reicht nicht, wenn wir uns nur selber gut finden.“ Lingen habe hier insbesondere durch den Campus an der Kaiserstraße hervorragende Rahmenbedingungen. Gerade was den Hochschulstandort und seine wechselseitigen Verbindungen zu Unternehmen in der Region anbelangt, kann sich Graf eine stärkere Rolle der Stadt gut vorstellen. Als Beispiel führt er das „Seedhouse“ in Osnabrück an. „Start-up-Accelerator“ nennt das Land Niedersachsen das Konstrukt, das mit Fördermitteln des Wirtschaftsministeriums und Geld aus der regionalen Privatwirtschaft aufgebaut wird. Angehende Gründer sollen hier optimale Bedingungen vorfinden, um ihre Geschäftsideen zu testen und zu entwickeln. „So etwas stünde auch Lin-

gen gut zu Gesicht“, meint Graf. Der Campus an der Kaiserstraße könne „aus eigener Kraft ein Konzept entwickeln, um die Gründerszene im Emsland mehr sichtbar zu machen.“ Auch dadurch könnten weitere Fachkräfte angedockt werden. Überzeugungsarbeit in diesen Themenfeldern muss die IHK im Lingener Rathaus nicht leisten. Rat und Verwaltung wissen, dass es bei der Festigung und dem Ausbau des Wirtschaftsstandortes um mehr gehen muss als um das Einmaleins der Wirtschaftsförderung: Flächenverfügbar-

2,24

2010

2,33

2014

2,76

2018

* Hafen IndustriePark, Hafen Holthausen, Hafen Biene, Hafen Lingen-Süd/Darme, Quelle: WSA Meppen

keit und schnelle Genehmigungsverfahren. Beides wichtig, beides Basics, aber unter dem Strich zu wenig. Was muss dazukommen? „Wir wollen als Wirtschaftsförderer Dienstleister sein und nicht bloß ein Grundstück verkaufen“, erläutert Oberbürgermeister Dieter Krone. Dazu gehöre auch eine umfassende Beratung: Wie sieht es mit einem Glasfaseranschluss aus, welche weiteren Fördermöglichkeiten gibt es? Die Verwaltung hat ein neues Format „Treffpunkt Wirtschaft“ aufgelegt, wo sie regelmäßig zum Austausch mit Unternehmen einlädt.

„Das kommt gut an“, sagt Wirtschaftsförderer Ludger Tieke. Er verweist auf inzwischen 28 000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer in der Stadt Lingen. Am Ende gilt es aber nach Auffassung von Krone und Tieke einen deutlich größeren Rahmen abzustecken, um den Wirtschaftsstandort Lingen zukunftsfest zu machen: Wer Fachkräfte halten und anwerben will, muss ein attraktives Freizeit- und Kulturangebot vorhalten können, Bauplätze, Wohnungen, Betreuungsplätze in Kindertagesstätten und Krippen.

Nach der Fertigstellung soll sich der „Synergy Park Lühn“ in dieser Form an der B 70 in Lingen präsentieren. Links im Bild das Unternehmen Rosen imIndustriepark.

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letztendlich die Ems-Achse entstanden. Wenn man schaut, was sich seit dem Lückenschluss links und rechts der A 31 entwickelt hat, ist das beachtlich. Auch, was den drohenden Fachkräftemangel angeht. Wenn ich alleine bei Krone in Spelle schaue, wie viele Mitarbeiter inzwischen aus den Kreisen Borken, Coesfeld nach Spelle pendeln, weil die Fahrt über die A 31/A 30 schnell und stressfrei geht, dann sieht man, wie wichtig das war. Darüber hinaus sehe ich die Re-

„Professionell, fachlich, sachlich – unterm Strich sehr gut.“ Bernard Krone

Was sind für Sie die Basics, die eine Kommune vorhalten muss, um bei betrieblichen Erweiterungen oder Neuansiedlungen eine erfolgreiche Rolle zu spielen? Eine gut strukturierte Verwaltung, ausreichend Gewerbefläche zu einem fairen Preis sowie eine sehr gute Infrastruktur sind meines Erachtens die wichtigsten Kriterien in einer Kommune. Sie sind auch Vorstandsvorsitzender der Wachstumsregion EmsAchse. Wie sehen Sie die Region insgesamt aufgestellt, was die Attraktivität ihrer Standorte für die Unternehmen anbelangt? Das Emsland hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hervorragend entwickelt; nicht zuletzt dank des Lückenschlusses der A 31, der ja auch auf Initiative der Landkreise sowie zahlreicher Unternehmen schon deutlich früher umgesetzt werden konnte als ursprünglich geplant. Aus dieser Initiative ist ja

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kombiniert 4,4; innerorts 5,4; außerorts 3,8

12,9 kWh/100 km

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kombiniert 119 g/km

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Stromverbrauch kombiniert Effizienzklasse CO2-Emissionen

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In vollem Gange sind die Bauarbeiten zur Errichtung des Testzentrums von Krone im Lingener Industriepark. Grafik:NOZ/Wittwer

10.000 km

Kraftstoffverbrauch l/100km

Wie beurteilen Sie die weitere wirtschaftliche Entwicklung in der Region, die ja von konjunkturellen und politischen Einflüssen außerhalb der Region nicht unbeeinflusst ist? Ich bin durchaus optimistisch. Natürlich wird sich eine gesamtwirtschaftliche Konjunkturdelle immer auch in den Betrieben der Region wiederfinden, aber letztendlich profitieren wir doch von der Vielfalt der Unternehmen. Außerdem gibt es hier sehr viele mittelständische Handwerks- und Industrieunternehmen und deren Know-how und Manpower sind eigentlich immer gefragt. Wichtig ist, dass die Infrastruktur in der Region so gestaltet wird, dass sie den aktuellen Anforderungen gerecht wird; Stichwort Ausbaubedarf bei der E233. Ein anderer wichtiger Aspekt ist der strategische Ausbau im Rahmen der Digitalisierung. Ohne 5G geht zukünftig nichts, das sollte jedem klar sein, egal, ob Arbeitnehmer, Politiker oder Unternehmer. Hier müssen wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen, damit die Region auch in diesem Bereich vorne mit dabei ist.

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Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit den politischen Entscheidungsträgern und der Verwaltung der Stadt Lingen? Professionell, fachlich, sachlich – unterm Strich sehr gut.

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Sonst kommen die Fachkräfte und ihre Familien nicht – oder sie bleiben nicht. 600 Bauplätze will die Stadt in den nächsten Jahren zur Verfügung stellen. „Wir können für jedes Kind einen Krippen- oder Kita-Platz zur Verfügung stellen – das ist ebenfalls Wirtschaftsförderung für uns“, sagt Krone. Auch Spezialisten aus dem In- und Ausland, die eventuell nur einige Monate in Lingen an Projekten arbeiten und deshalb nur vorübergehend eine Unterkunft suchen, will die Stadt ein attraktives Angebot machen. Im Bereich des Alten Hafens direkt gegenüber der Emslandarena gibt es nach Angaben des Verwaltungschefs drei potenzielle Bewerber für ein „Vier Sterne Plus“-Hotel – für den kurzfristigen Aufenthalt, aber auch mit Möglichkeiten, sich dort für mehrere Monate einquartieren zu können. Am Jahresende sollen konkrete Pläne vorgestellt werden. „Wir brauchen hier dringend mehr Kapazitäten“, betont Krone mit Hinweis auf die internationalen Geschäftsbeziehungen von Unternehmen wie Neptune Energy, RWE, Baerlocher, Rosen und anderen am Standort Lingen. „Diese Internationalität hebt uns komplett von anderen Kommunen ab“, sagt er – und Stolz schwingt da auch mit in seiner Stimme.

Herr Krone, Ihre Unternehmensgruppe baut das „Future Lab“ im Industriepark in Lingen. Welche Gründe haben für die Standortentscheidung Lingen zur Errichtung des Testzentrums gespielt? Da wir im Future Lab alle Bereiche der Krone Gruppe vereinen – also Landmaschinen, Nutzfahrzeuge und Achsen – waren wir immer auf der Suche nach einem strategisch günstig gelegenen Standort. Wichtige Kriterien waren dabei: eine ausreichend große Fläche, eine sehr gute Verkehrsanbindung und nicht zuletzt sollte es auch ein Standort mit Hochschul-Anbindung sein. Letztlich erfüllt Lingen alle Kriterien, und selbstverständlich waren wir natürlich dankbar für die positiven Signale, die schnell auch von der Stadtverwaltung und dem Rat kamen.

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Der Speller Landmaschinenhersteller Krone, Global Player in seiner Branche, investiert im Lingener Industriepark. Welche Rolle bei der Standortentscheidung die politischen und administrativen Rahmenbedingungen der Stadt gespielt haben, erläuterte Unternehmer Bernard Krone im Interview mit der Redaktion.

Deutschland

6,9

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terKroneundGuy Moeyens,verantwortlichfürdieVer-

7,7

gion auch sehr gut positioniert, wenn es um bezahlbares Bauland geht. So kann ich Pendler überzeugen, ins Emsland zu ziehen. Natürlich müssen dann auch Faktoren wie Kindergärten, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten passen, aber in diesen Bereichen ist die Region ebenfalls gut aufgestellt. Und wer Kultur oder Profi-Sport sucht, der wird in Osnabrück, Lingen, Nordhorn oder auch Meppen fündig. Hier gibt es inzwischen ein gutes und breites Angebot, mit dem man bei Bewerbern punkten kann. Aus meiner Erfahrung kann ich berichten, dass Fach- und/oder Führungskräfte nicht unbedingt um das Gehalt feilschen, sondern vielmehr konkret nach solchen Dingen fragen.

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Dieter Krone, Oberbürgermeister in Lingen

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Lingen Deutschland

VON THOMAS PERTZ

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Engverbunden fühltsichdieStadt mitderBP.Vonlinks: Raffinerieleiter BernhardNiemeyer-Pilgrim, Wirtschaftsförderer

„Wir wollen Dienstleister sein und nicht bloß ein Grundstück verkaufen.“

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Arbeitslosenquote in Prozent Oldenburg

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VON THOMAS PERTZ

ortumfrage von 2018 wider. Lingen punktet in der Umfrage als attraktiver Wirtschaftsstandort. 75 Prozent der Unternehmen zeigen sich zufrieden, weitere 14 Prozent sind sehr zufrieden. Die Werte liegen jeweils über dem Durchschnitt im IHK-Bezirk (72,5 Prozent/9,4). Als Hochschulstandort sei „Lingen das wirtschaftliche Zentrum des Emslandes“, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Marco Graf im Gespräch mit der Redaktion. Der hohe Grad an Zufriedenheit bei den Unternehmen sei eine Gemeinschaftsleistung derer, die dort Verantwortung tragen. Kritisch merkt Graf allerdings zwei Punkte an. Der eine umfasst die Standortkosten in Lingen, laut IHK-Umfrage nach der Standortattraktivität die zweitwichtigste Kategorie für die befragten Unternehmen. Die Stadt Lingen hatte die Gewerbesteuer 2012 von damals 350 auf 395 Prozentpunkte erhöht, das ist der höchste Wert im Vergleich zu anderen Kommunen im Emsland und der Grafschaft Bentheim. Dies sei schon „ein Schluck aus der Pulle“ gewesen, so Graf. Er mahnt, auf absehbare Zeit an dieser Schraube nicht weiterzudrehen. Die Gewerbesteuer gehört zu den wichtigsten Einnahmen der Stadt Lingen, ist aber häufig Schwankungen unterworfen. Für das kommende Haushaltsjahr 2020 kalkuliert die Kommune – wie auch 2019 – mit 32 Millionen Euro.

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Aurich

Beherbergungsbetriebe mit mindestens 10 Betten, Quelle: LSN

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Die großen Industrieunternehmen stellen sich dem Wandel.

Die Stärke des Wirtschaftsstandortes liegt in seiner Wandlungsfähigkeit, Innovationskraft und der Bereitschaft der haupt- und ehrenamtlichen Vertreter von Politik und Verwaltung, in diesen Fragen an einem Strang und in dieselbe Richtung zu ziehen. Deshalb konnten sich Technologiekonzerne wie Rosen im Industriepark so gut entwickeln. Allein am Standort Lingen sind bei Rosen 1300 Menschen beschäftigt, hoch spezialisiert in ihren jeweiligen Fachgebieten, global sind es rund 3300. Die Krone-Gruppe, Global Player in der Landmaschinentechnik, baut in eben diesem Industriepark ein Testgelände, „Future Lab“ wird es heißen. „Professionell, fachlich, sachlich – unterm Strich sehr gut“, antwortet Unternehmer Bernard Krone auf die Frage nach der Bewertung der Zusammenarbeit mit den politischen Entscheidungsträgern und der Verwaltung der Stadt. Das hat auch Annemarie Lühn bestätigt, Chefin des gleichnamigen Bauunternehmens Lühn. Das Familienunternehmen, dessen Betriebsgelände sich derzeit an der Rheiner Straße in der Stadt befindet, plant im Bereich der Rheiner Straße/Rottumer Straße am Stadtrand den Neubau des eigenen Betriebssitzes auf einer Fläche von drei Hektar. Weitere sieben Hektar, die Lühn von der Stadt Lingen erworben hat, dienen der Ansiedlung von Unternehmen, auch Neugründungen, sogenannten Start-ups. Eine Kindertagesstätte wird es ebenfalls geben, außerdem ein gastronomisches Angebot und Möglichkeiten der sportlichen Betätigung. Das Architektenbüro Lava aus Berlin ist Sieger im Architektenwettbewerb zur Errichtung des neuen „Synergy Park Lühn“ an der B 70. Die Jury war bei der Vorstellung des Siegerentwurfes voll des Lobes. Es sei bemerkenswert, dass hier ein Unternehmen im Zusammenspiel mit der Stadt etwas Besonderes versuche: den Aufbau eines Campus als Ort, wo Arbeitswelten qualitativ hochwertig gestaltet würden und Flächen zur Kommunikation mit Angeboten entstünden, die eher an einen neuen Stadtteil erinnerten, hieß es. Die Stadt Lingen dokumentiert hier nach den Worten von Fachpreisrichter Friedhelm Terfrüchte aus Essen eine ganz neue Planungskultur, mit der die Kommune werben könne. Dass diese und die Unternehmen mehr miteinander als übereinander reden, spiegelt sich in der IHK-Stand-

51

6,8 26

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* Stand 31. 3., Quelle: Landesamt für Statistik

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Über 3700 kleine und mittelständische Betriebe bilden das Rückgrat.

BP ist eines von mehreren Beispielen für den Unternehmens- und Wirtschaftsstandort Lingen, dessen Stärken nicht nur auf den Großen der Branche, wie etwa aus dem Energieund Technologiesektor oder der Bauindustrie, beruhen. Auch nicht auf den inzwischen rund 3700 kleinen und mittelständischen Betrieben, die das Rückgrat der Lingener Wirtschaft darstellen. Wesensmerkmal des Unternehmensstandortes Lingen ist etwas anderes: Es ist die Bereitschaft, sich bei anstehenden Veränderungen nicht in die Reihe der Bremser einzureihen, sondern der Mitgestalter. Die Energiewende ist ein Beispiel dafür. „GET H2“ heißt das Stichwort. Die Stadt Lingen und der Landkreis Emsland treiben gemeinsam Planungen für den Aufbau einer regionalen Wasserstoffinfrastruktur voran. Dafür steht „H2“, die chemische Formel für diesen Energieträger der Zukunft, der entlang der gesamten Wertschöpfungskette die Sektoren Energie, Industrie, Verkehr und Wärme verbinden soll. Auch die Lingener Raffinerie will hier ein Wörtchen mitreden. Die Herstellung synthetischer Kraftstoffe ohne den Einsatz von Rohöl und die Nutzung von Wasserstoff sind die Stichwörter. Die BP in Lingen hatte 2018 weltweit als erste Raffinerie „grünen“, also aus erneuerbaren Energien hergestellten Wasserstoff zur Kraftstoffherstellung eingesetzt. Auch wenn das Kernkraftwerk Emsland am 31. Dezember 2022 vom Netz geht: Die Energiewende ist nicht das Energieende in Lingen. „Das Thema Klima wird eine immer stärkere Rolle spielen; Lingen kann ein starker Baustein der Energiewende in Deutschland sein“, betont Oberbürgermeister Dieter Krone.

Interview mit Unternehmer Bernard Krone

2000 2005 2010 2015 2019

Altersstruktur Lingen ist das wirtschaftliche Zentrum im Emsland.

Ein „Sehr gut“ aus Spelle für Rat und Verwaltung in Lingen

Einwohnerzahl (Stand 31.12.)

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

MACHER & MÄRKTE

Wachstum in der dritten Dimension Die Produkte von Vogelsang sagen oft nur Eingeweihten etwas, und trotzdem hat der Maschinenbauer Märkte in aller Welt erobert VON JÖRG SCHÜRMEYER Was hat der Landwirt aus dem Münsterland mit der Kläranlage in Nordamerika gemeinsam? Mit dem Weingut in Italien, der Biogasanlage in Frankreich, dem Geflügelverarbeiter in Großbritannien und mit der Deutschen Bahn? Sie alle nutzen Technik von Vogelsang. Wenige Mittelständler haben so vielfältige Abnehmer wie das Maschinenbauunternehmen aus Essen/Oldb. im Landkreis Cloppenburg. Dabei war solch ein illustrer Kundenkreis anfangs nicht abzusehen. Denn gegründet wurde das Unternehmen 1929, vor genau 90 Jahren, als Sägewerk. In Löningen-Bunnen bei Cloppenburg machte sich Hugo Vogelsang damals einen Namen mit Waschbehältern für Milchkannen, Futtersilos und Holzfässern. 1960 übernahm sein Sohn Helmut die Firmenleitung, fünf Jahre später verlegte er den Stammsitz ins wenige Kilometer entfernte Essen. Holzfässer, genauer gesagt, Jauchefässer, blieben auch dort zunächst das wichtigste Produkt. Dann aber änderten sich die Rahmenbedingungen im Markt. „Mit dem Aufkommen der Vakuumfässer fehlte eine Möglichkeit, das Holzfass voll zu machen“, beschreibt Harald Vogelsang, heute kaufmännischer Geschäftsführer, die Herausforderung, vor der sein Vater damals ESSEN (OLDENBURG)

stand. Doch der wusste sich zu helfen. 1970 konstruierte Helmut Vogelsang eine Verdrängerpumpe. „Die Entwicklung der Pumpe war im Grunde genommen eine Notlösung, um das Holzfass als Produkt zu retten“, sagt Harald Vogelsang. Zwar baute die Firma auch danach zunächst noch weiter Holzfässer, die Erfindung der elastomerbeschichteten Drehkolbenpumpe leitete allerdings einen Wandel von einem Holz verarbeitenden zu einem Metall verarbeitenden Betrieb ein. Angetrieben durch den Erfolg mit den Pumpen, widmete sich Vogelsang in den Folgejahren auch der Verteiltechnik für die Gülle und erfand 1980 die Schleppschlauchtechnik als effiziente und vor allem umweltschonendere Ausbringtechnik. Darauf aufbauend, entwickelte das Unternehmen „RotaCut“, einen Nasszerkleinerer, womit der Einstieg in die Zerkleinerungstechnik gelang. „Im Prinzip haben wir aus den alten Märkten heraus immer wieder Ideen und Produkte entwickelt und dadurch sowohl unsere Produktdimension erweitert als auch neue Märkte erschlossen“, sagt Harald Vogelsang. „Wir leben von Innovationen“, betont der 57-Jährige. „Und wir sind so etwas wie Problemlöser.“ Wenn der Geschäftsführer den Markt des Unternehmens darstellen will, greift er gern zu einem dreidimensionalen Modell. „Es gibt Pro-

„WirsindgroßeFansvoneigenenImmobilien“,sagtHaraldVogelsang.InEssen/Oldb.hatdasUnternehmenrundvierMillionenEuroineineneueCNC-Halleinvestiert.AuchdasVerwaltungsgebäude istnochneu.Insgesamtkommt derMaschinenbaueramHauptsitzaufeineFlächevon28000 Quadratmetern. Foto:JohannesBichmann

dukte, es gibt Marktsegmente, und es gibt Länder“, sagt er. „Und auf alle drei Dimensionen richten wir unseren Fokus“, erläutert Vogelsang. „Nur Fässer machen wir heute nicht

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mehr“, schiebt er schmunzelnd hinterher. Tätig ist das Unternehmen heute in fünf großen Segmenten: in der Agrartechnik, insbesondere der Gülletechnik, im Bereich Biogastechnik, im Bereich Abwasser, insbesondere Technik für Kläranlagen und Kanalisationen, im Bereich Verkehrstechnik/Transportation, dazu zählen Servicetechnik sowie Verund Entsorgungstechnik für Bahnen, Busse und Boote, sowie im Bereich Industrie. So beliefert Vogelsang etwa viele große Eisenbahnunternehmen im In- und Ausland und ist nach eigenen Angaben Marktführer im Bereich Ver- und Entsorgung Bahn in Deutschland. Zum Bereich Industrie gehören Industriepumpen und Zerkleinerer, die sowohl in der Öl- und Gasindustrie eingesetzt werden als auch in der Chemie, im Lebensmittelsektor oder beim Recycling. Obwohl Vogelsang-Technik in so vielen unterschiedlichen Branchen genutzt wird, taucht der Name nur in den seltensten Fällen auch sichtbar auf. „In den meisten Klärwerken sind wir irgendwo drin, aber wir stehen nicht außen drauf.“ Das Gleiche gelte für die Bahn. „Wenn Sie in der Bahn die Toiletten benutzen, dann kommen Sie am Ende auch mit Vogelsang-Technik in Berührung – nur merken werden Sie es nicht.“ Denn mit der Toilettenanlage im Zug selbst hat Vogelsang nichts zu tun. „Wir kommen mit unserer Technik erst ins Spiel, wenn es um das Entsorgen der Abwässer, die Tankentleerung sowie das Versorgen mit Frischwasser geht.“ Im Hinblick auf die dritte Dimension, die Länder, setzt Vogelsang auf Auslandsexpansion. „Heute haben wir 60 Prozent Auslandsanteil – Tendenz steigend“, sagt der Geschäftsführer. Mit Tochtergesellschaften ist das Unternehmen mittlerweile weltweit vertreten: unter anderem in fast allen Ländern Europas, in den USA, Brasilien, China, Indien, Südkorea, Dubai und Australien. Die breite Aufstellung ist für Geschäftsführer Vogelsang auch ein Risikoausgleich. Denn immer wieder gebe es Märkte, die schwächeln oder gar wegbrechen, so etwa vor einigen Jahren der Biogasmarkt in Deutschland. Und dann sei es gut, wenn es durch andere florierende Bereiche kompensiert werden könne. „Ich hätte furchtbar Angst davor, von irgendeinem Ding allein abhängig zu sein – sei es ein Produkt, ein Marktsegment oder ein Land“, so Vogelsang.

Das ist bei den „Problemlösern“ aus dem Oldenburger Münsterland in den vergangenen Jahren nicht der Fall gewesen. Das Unternehmen hat einen rasanten Wachstumskurs hingelegt. Der Umsatz hat sich innerhalb von 20 Jahren mehr als verzehnfacht. 2018 lag er bei 112 Millionen Euro – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Ähnlich rasant entwickelte sich auch die Zahl der Beschäftigten. Aktuell sind für Vogelsang weltweit 959 Mitarbeiter tätig, davon 695 in Deutschland – vor allem in Essen/Oldb. sowie in einem zweiten Standort in Rothenschirmbach, einem Ortsteil der Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt. Und auch im laufenden Jahr trotzt Vogelsang den Schwierigkeiten, mit denen viele Maschinen- und Anlagenbauer wegen der weltwirtschaftlichen Unsicherheiten zu kämpfen haben. „Wir sind auch in diesem Jahr auf Wachstumskurs und rechnen mit einem Umsatz von rund 120 Millionen Euro“, sagt Vogelsang. Der Diplom-Kaufmann sieht dafür vor allem drei Gründe: Zum einen sei Vogelsang mit der Umwelttechnik und Entsorgung in einem

„In den meisten Klärwerken sind wir irgendwo drin, aber wir stehen nicht außen drauf.“ Geschäftsführer Helmut Vogelsang

Bereich tätig, der weltweit weniger zurückgehe als andere klassische Sektoren des Maschinenbaus. Zum anderen bringe das Unternehmen immer wieder neue Produktentwicklungen auf den Markt. „Das ist ein Motor für Wachstum“, ist Vogelsang überzeugt. Und zum Dritten seien viele internationale Gesellschaften des Unternehmens noch vergleichsweise jung, sodass sie sich gerade erst entwickeln würden. Das Unternehmen passt sich diesem Wachstumskurs an: mit immer neuen Ideen, neuen Märkten, neuen Bauten und einer breiteren Führung. Seit Ende Februar ist die Geschäftsführung der Vogelsang GmbH & Co. KG auf drei Köpfe gewachsen. Zu Harald Vogelsang und seinem Bruder Hugo (58), die beide schon seit den 90er-Jahren das Familienunternehmen in dritter Generation führen, ist der gebürtige Franzose David Guidez (44) als dritter Geschäftsführer hinzugestoßen. „Diese Erweiterung ist unserer Größe geschuldet“, sagt Harald Vogelsang. Während sich der DiplomKaufmann vor allem um den Vertrieb kümmert, ist sein Bruder Hugo als Maschinenbauingenieur vorrangig für die technische Seite, für Forschung und Entwicklung, zuständig. Guidez wiederum, der seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt, widmet sich in erster Linie dem Bereich „Operations“, also der Produktion und den Geschäftsprozessen rings um den Vertrieb. Außer in Köpfe investiert Vogelsang aber auch in Bauten. Am Hauptsitz in Essen hat das Unternehmen gerade eine neue Produktionshalle mit mehr als 4300 Quadratmetern ausgebaut, die noch in diesem Jahr voll in Betrieb gehen soll. In der CNC-Halle, in die Vogelsang rund vier Millionen Euro investiert hat, sollen Präzisionsbauteile für Pumpen, Zerkleinerungstechnik und Feststoffdosierung gefertigt werden. Auch am zweiten deutschen Standort in Rothenschirmbach und an den anderen Standorten im Ausland sei zuletzt viel investiert worden, sagt Vogelsang. „Wir geben zurzeit eine ganze Menge Geld aus für Expansion, vor allem für Entwicklung und für Gebäude. Denn wir sind große Fans von eigenen Immobilien.“ Wachstum durch Zukäufe sei dagegen „eher nicht unser Stil“, sagt der Geschäftsführer. „Wir sind in der Vergangenheit organisch gewachsen, und das wollen wir auch künftig so handhaben.“


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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

MACHER & MÄRKTE

Vom verstaubten Unternehmen zum digitalen Vorreiter Generationswechsel geglückt: Henning Kortmann hat die Firma innerhalb von fünf Jahren umgekrempelt VON JONAS SCHÖNROCK SCHÜTTORF Wenn man bei Kortmann Beton nach einem Symbol für Aufbruch in eine neue Zeit sucht, gelangt man schnell zu einem gigantischen Haufen Bauschutt. Rund 40 000 Tonnen sind es, die unter der Führung von Karl Kortmann über Jahrzehnte auf dem rund 100 000 Quadratmeter großen Areal am Holmers Kamp in Schüttorf angehäuft worden sind. „Früher hat man halt ungern etwas weggeschmissen“, sagt Prokurist Julian Krümpel beim Rundgang über das Gelände. Nachdem Junior Henning Kortmann den Familienbetrieb 2014 im Alter von nur 26 Jahren übernommen hatte, weil der Vater gesundheitlich angeschlagen war, haben er und Krümpel, 34, das Unternehmen auf links gedreht, um es fit für die Zukunft zu machen. So wird der Schuttberg nach und nach abgebaut, als Recyclingmaterial mit frischem Betonbruch gemischt und für die Herstellung neuer Pflastersteine und Betonplatten verwendet. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, wie es Henning Kortmann und Julian Krümpel gelungen ist, innerhalb weniger Jahre ein Unternehmen aus der eher als konservativ und verstaubt geltenden Betonbranche in eine moderne, junge und hoch technisierte Firma des 21. Jahrhunderts zu verwandeln. „Die Firma stand damals personell und finanziell nicht gut da“, erinnert sich Henning Kortmann. Er kümmerte sich zunächst um Vertrieb und Marketing, ab 2014 dann um die Produktentwicklung. Mit Beton kannten sich die beiden zunächst überhaupt nicht aus. „Wir hatten keine Ahnung“, gibt Henning Kortmann zu. Er hat Groß- und Außenhandelskaufmann im Karosseriebereich gelernt. Nach seinem Eintritt bei Kortmann im Alter von 21 Jahren begann er das duale Studium Management betrieblicher Systeme. Julian Krümpel hat eine Banklehre gemacht und ist Betriebswirt. Er ist seit Januar 2015 bei Kortmann Beton tätig. Die beiden Führungskräfte haben sich in kurzer Zeit viel Fachwissen angeeignet. „Wir sind herumgereist und haben uns mehr als 100 Betonbetriebe in ganz Europa angeschaut“, sagt Henning Kortmann. Überall haben sie etwas mitgenommen und mit ihren eigenen Vorstellungen kombiniert. Sie haben sich zu Betontechnologen weiterbilden lassen, um das, was sie produzieren und verkaufen, auch zu verstehen. Nicht selbstverständlich, die Weiterbildung ist eigentlich für Leute aus der Praxis gedacht.

Geschäftsführer HenningKortmann führtdasFamilienunternehmenin dritter Generation. Foto:privat

Gegründet worden ist Kortmann Beton 1950 von Carl Kortmann, 1970 übernahm dessen Sohn Karl die Firmenleitung. Mit Henning Kortmann ist nun die dritte Generation am Ruder. Gehandelt wird mit Baustoffen für den Straßen-, Garten- und Landschafts- sowie Tiefbau. Produziert werden Fertigteile in Gießbeton sowie Pflastersteine in den verschiedensten Formaten. Kortmann-Produkte finden sich dabei nicht nur in unzähligen privaten Gärten oder Hauseinfahrten, sondern auch international. So werden europaweit Tankstellen mit einem Pflastersystem beliefert, das verhindert, dass Flüssigkeiten wie Benzin in den Boden versickern. Fertigteile aus Schüttorf kommen zudem beim Bau von Umspannwerken für die Nord-Süd-Stromtrasse zum Einsatz. Man sucht gezielt nach Nischen, die besetzt werden können. Zur Kortmann-Gruppe mit insgesamt 140 Mitarbeitern zählen neben dem Betonwerk der Baustoffhandel Bauen+Leben Zagers sowie die Zagers Estrich GmbH, beide in Schüttorf. Die Gruppe macht einen Umsatz von 20 Millionen Euro. Außerdem gibt es noch eine eigene Zeitarbeitsfirma mit rund 100 Mitarbeitern. Vieles ist neu bei Kortmann Beton unter der jungen Führungsmannschaft. „Es gibt neue Mitarbeiter, neue Kunden, neue Prozesse“, sagt Prokurist Krümpel. Zudem mussten Maschinen erneuert werden. Das Herzstück aller neuen Errungenschaften ist ein Roboter, der Mängelexemplare aus den 200 000 Pflaster-

„Zwei Jahre hat es gedauert, bis der Roboter richtig funktionierte.“ Prokurist Julian Krümpel

DerRobotersortiertausden200000 täglichproduziertenPflastersteinen undBetonplattendieMängelexemplareaus.

steinen und Betonplatten aussortiert, die täglich bei Kortmann produziert werden. Früher was das noch echte Handarbeit. Wird von der Kamera ein Stein als mangelhaft erkannt, zieht der Roboter-Arm ihn per Saugnapf heraus. „Es ist ein Standard-Industrieroboter, der entsprechend programmiert werden musste“, erklärt Julian Krümpel. Eine Firma aus Hamburg hat dazu die Software geschrieben. In der Betonbranche war das laut Krümpel eine absolute Neuheit, die für großes Interesse sorgt. Inzwischen kommen andere Betonfirmen zu Besuch nach Schüttorf, um sich den Roboter anzuschauen. Das Unternehmen, das vor wenigen Jahren noch wenig profitabel gearbeitet hat, gilt jetzt als Vorreiter. Alle Produktionsdaten werden digital erfasst und analysiert. Dank der Vernetzung können Optimierungsbedarfe viel schneller erkannt werden. Ganz ohne Probleme ging die Umstellung jedoch nicht über die Bühne. So musste eine neue Fördertechnik eingebaut werden, weil die Anlage nicht ruhig genug lief, damit der Roboter die Mängelexemplare erkennen konnte. „Zwei Jahre hat es gedauert, bis der Roboter richtig funktionierte“, blickt Julian Krümpel zurück. Zeitweise lag die Produktion ganz brach. „Das Risiko haben wir massiv unterschätzt“, gibt Henning Kortmann zu. „So ein komplexes Projekt hatten wie hier noch nie.“ Im Nachhinein wäre er die Sache auch anders angegangen. „Es wäre besser gewesen, erst die Produktionsanlage zu erneuern und dann den Roboter zu installieren.“ Doch es ist gut gegangen, und die insgesamt sieben Millionen Euro, die Kortmann in die Digitalisierung samt Roboter und Erneuerung der Produktionsanlagen gesteckt hat, haben sich ausgezahlt. „Die Anlage ist wie ein neues Betonwerk“, sagt Julian Krümpel. Inzwischen kann die Anlage mehr als 200 Formate produzieren – und das doppelt so schnell wie zuvor. Arbeitsplätze koste das nicht, wie Julian Krümpel betont. Die Mitarbeiter, die zuvor für die Qualitätsprüfung zuständig gewesen sind, werden jetzt anders eingesetzt, etwa als Maschinenführer. Dennoch führten die Umstrukturierungen auch dazu, dass man sich von einigen langjährigen Kollegen getrennt und sie ersetzt hat, um den eingeschlagenen Weg mit Leuten bestreiten zu können, die hundertprozentig dahinterstehen. „Alles steht und fällt mit dem Team“, erklärt Henning Kortmann. „Wir wollen

Champions League spielen und sie nach Möglichkeit gewinnen“, zieht er eine Analogie zum Fußball. „Dazu brauchen wir die Besten.“ Nur verwalten, das möchte Henning Kortmann nicht. „Ich habe große Lust, et-

was zu bewegen. Dazu brauche ich Top-Leute und ein Top-Team.“ Mit der Entwicklung, die Kortmann Beton in den vergangenen fünf Jahren genommen hat, soll längst nicht Schluss sein. Gerade im Bereich

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der Digitalisierung werde noch eine Menge passieren, kündigt Henning Kortmann an. Weitere Nischen sollen besetzt werden. Das Einzige, was kontinuierlich schrumpft, ist der Schuttberg auf dem großen Firmen-Areal.

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Die solvendi GmbH gewinnt gerade täglich neue Kunden und verspricht eine ganz neue Erfolgsgeschichte aus dem Hause Karsten Wulf zu werden. Was ist da los? „Ganz einfach“, lacht die Vertriebsdirektorin Marika Grosser. „Wir haben uns neu gefunden und aufgestellt. Überregional gewinnen wir tatsächlich jeden Pitch gegen die ganz Großen der Branche. Unsere Mandanten sind begeistert, sehen sie den Erfolg doch schnell auf ihrem Konto. In Osnabrück und Umland überzeugen wir darüber hinaus durch niedrige Gebühren komplett ohne Mitgliedsbeiträge, mit Schnelligkeit und Flexibilität. Neben dem kaufmännischen Mahnwesen und dem Debitorenmanagement bilden wir auch die ganze Kette des modernen Forderungsmanagements ab, ohne Kostenrisiko für den Gläubiger. Unsere Kunden begeistern wir durch Leistung und Transparenz und nicht durch Vertragsbindung und versteckte Kosten. Wir entlasten Unternehmen und können auch für große Unternehmen die komplette Auslagerung der Buchhaltung übernehmen.“

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Hervorgegangen aus der buw Unternehmensgruppe, Deutschlands größtem inhabergeführtem Kundenmanagement-Dienstleister vereint das Unternehmen das strategische Customer Care Know-how von buw mit gelebter Finance Exzellenz. solvendi ist Experte für kundenorientierte Finanzprozesse und bietet Unternehmen alle Vorteile des Business Process Outsourcing. „Modernes Forderungs-

management hat nichts mehr mit dem früher oft vorurteilsbehafteten Inkasso zu tun und ist heutzutage zu einer wesentlichen Managementfunktion in den Unternehmen gereift“, sagt Karsten Wulf, der als einer der beiden Gründer und Inhaber der buw-Unternehmensgruppe die solvendi GmbH übernommen hatte und seitdem erfolgreich in seiner zwei.7 Holding führt.

kompetenter Ansprechpartner und bietet eine Komplettlösung für die Zahlungsabwicklung der Onlineshops an. Eine schnell wachsende Zahl von Online Shops setzen den abgesicherten Rechnungskauf von solvendi inzwischen ein. Kein Wunder, durch den white-label-Ansatz behält der Shopbetreiber alle Kundendaten intern im Haus und solvendi übernimmt die Abwicklung und das komplette Ausfallrisiko.

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Für die kommenden Jahre gilt für solvendi die Strategie „wachsen“. Derzeit beschäftigt das Unternehmen gut 30 Mitarbeiter. Immer mehr Unternehmen nutzen das umfassende Angebot an Dienstleistungen rund um das Outsourcing und das Management kundenorientierter Finanzprozesse. „solvendi bildet für Unternehmen sowohl Einzelbauusteine wie Inkasso, Forderungskauf, Bonitätsauskünfte, Auslandsinkassoo, INSO2.4 und Payment ab. Alternaativ können wir auch als 360°-Fiinanzdienstleister alle erforderlicheen Prozesse kompetent und kostensparend k übernehmen“, errklärt Robert Weidmann.

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Im Forderungsmanagement geht solvendi bewusst neue und innovative Wege. Freiwillig reduzierte Inkassokosten und Gebühren, vielfältige digitale Zahlungsmöglichkeiten und eine persönliche Multi Channel Mahnansprache über verschiedene Kommunikationskanäle sichern den Kunden eine überdurchschnittlich hohe Realisierung der Forderungen und hinterlassen bei den Schuldnern ein gutes Gefühl. „Kundenrückgewinnung im Inkassoprozess“ nennt Geschäftsführer Robert Weidmann das. „Modernste Technik gepaart mit vor allem viel Psychologie. Es geht darum, mit dem Schuldner einen Weg zu finden, die Forderung zu begleichen und gleichzeitig die Kundenbeziehung zu erhalten. Wir sind Mediator zwischen Kunden und Unternehmen.“ In jedem Fall versucht solvendi aber, das Verfahren möglichst vorgerichtlich zu klären. „Das spart dem Schuldner höhere Gebühren und unseren Kunden weiteren Stress.“ Ziel ist das Schuldanerkenntnis mit Abtretungserklärung. So können die Forderungen im Zweifel auch mit kleinen Raten, aber auch mit geringen Gebühren realisiert werden.“

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Für die Begleichung der Schulden stellt solvendi eine Vielzahl moderner Zahlungsmethoden zur Verfügung. Neben einer klassischen Überweisung kann auch mit Barzahlen, Kreditkarte oder PayPal gezahlt werden. Komplettlösung und Beratung für Zahlungsabwicklung im Onlineshop Im Bereich Payment ist solvendi ein

sondere Expertise in der Kundenansprache hat“, konstatiert Wulf, der als ehemaliger buw-Frontmann mehr als 20 Jahre Unternehmererfahrung in der richtigen Kundenansprache aufweisen kann. „Wir sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen und haben neue Märkte für uns erobert“, sagt Niklas Seckler. „Da bleibt schon mal die eine oder andere Baustelle unbearbeitet liegen. Und insbesondere im Bereich Forderungsmanagement haben wir in den letzten Jahren keine für uns optimale Lösung gefunden“, so Seckler weiter. „Das Know-how und die Erfahrung der solvendi-Spezialisten hat uns stark geholfen auch in diesem Segment nun professionell aufgestellt zu sein“. sein

Verdoppelung der d Realisierungsquotee mit dem Fokus auf Kundenbindung Beispielhaft Marika Grosser, Vertriebsleitung Robert Weidmann, Geschäftsführung für viele neue Kunden steht z. B. die bekannte Sansibar aus Sylt. Das einst von Herbert Seckler aus einer einfachen Strandbude gegrünsolvendi GmbH dete Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren unter Niklas Seckler auch Am Schürholz 6 zu einer veritablen Food- und Life49078 Osnabrück style-Marke entwickelt, mit zahlreichen Tel.: 0 541 50036 0 Standorten auch außerhalb der Insel Sylt, Fax: 0 541 50036 199 einem florierenden Lizenzartikel-Vertrieb E-Mail: info@solvendi.de und dem erfolgreichen Weinhandel. www.solvendi.de „Unsere Zusammenarbeit ist geprägt von einem durchschlagenden Erfolg“, so Wulf. Und weiter: „Kosten halbiert, Eintreibungsquote fast verdoppelt. Vielleicht liegt es daran, dass die solvendi eine be-


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Sündenbock Plastik? Ökobilanz von Verpackungen / Einsatz von bio-basierten Kunststoffen in der Industrie wächst

Einweg,Mehrweg,Plastik, Glasoder Karton:DieMöglichkeiten,Getränke&Co. zu verpacken,sindvielseitig. Dochwasist nachhaltig?

Kauf von Glasflaschen nicht immer ökologisch nachhaltiger. Transportwege mitentscheidend für Ökobilanz. Forschung zu alternativen Rohstoffen nicht abgeschlossen. VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN/

Chipstüte, Keksschachtel, Ravioli-Dose oder das Glas Gewürzgurken, der Nachfüllbeutel Seife oder die Blutkonserve beziehungsweise die eingeschweißte Spritze in der Medizin – ein Alltag ohne jegliche Verpackung ist kaum vorstellbar. Sie hat nützliche Eigenschaften wie die Tatsache, dass die Chips nicht trocken und die Kekse nicht zerdrückt werden oder die Spritzen hygienisch verpackt sind. Die Schattenseite: Ein großer Müllberg, der die Umwelt belastet. Im Jahr 2016 – neuere Zahlen gibt es noch nicht – fielen in Deutschland 18,2 Millionen Tonnen Verpackungen an. Jene aus Papier, Pappe oder Karton hatte dabei laut Umweltamt mit rund 8,1 Tonnen den größten Anteil. Es folgen Verpackungen aus Kunststoffen (3,1 Millionen Tonnen), Glas (2,8 Millionen Tonnen) und Holz (3,2 Millionen Tonnen). In der gesellschaftlichen Debatte besonders im Fokus stehen die 3,1 Millionen Tonnen Kunststoffe. Plastikvermeidung, am besten unverpackte Produkte, ist da das Stichwort. Doch wie sieht es mit der Ökobilanz von Verpackungen wirklich aus? Ein Blick auf die Getränkeindustrie. Getränkekarton, Dose, PET-Flasche sowie Glasflaschen in Einweg oder Mehrweg, dem Kunden wird im Supermarkt je nach Produkt eine große Vielfalt geboten. „Bloß kein Plastik“, denkt sich der eine oder andere und greift beim Kauf NORDHORN

von Wasser, Saft oder Milch lieber zur Glasflasche. Doch ist das nachhaltiger? Die Antwort lautet: nicht unbedingt, jedes Gebinde hat seine Vor- und Nachteile. Dass die Einweg-PET-Flasche in der Ökobilanz schlecht abschneidet, dürfte nicht verwundern. Nach der einmaligen Nutzung werden die Flaschen zu fast 100 Prozent Recyclinganlagen zugeführt. Aufgrund des Qualitätsverlusts kann jedoch nur ein Bruchteil des Granulats wieder für neue Flaschen eingesetzt werden. Entsprechend hoch ist der Energieaufwand in der Herstellung. Eine Mehrweg-PET-Flasche hingegen wird bis zu 25-mal wieder befüllt. Das ist zwar nur halb so oft wie die Konkurrenz aus Glas, der Energieverbrauch beim Transport ist aufgrund des niedrigeren Gewichts der PET-Flasche jedoch deutlich geringer. Hinzu kommt, dass der Energieverbrauch bei der Herstellung von PET-Flaschen in den ver-

„Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema in jedem Gespräch mit unseren Kunden.“ Jürgen Vutz, Vorstand Windmöller & Hölscher

gangenen Jahren deutlich reduziert werden konnte. Das Problem: Rohstoffe wie Erdöl, die zur PET-Herstellung benötigt werden, sind nur begrenzt vorhanden – und im Vergleich zum Energieverbrauch zur Herstellung anderer Verpackungsmaterialien ist er noch immer hoch. Dennoch ist das ambitionierte Ziel des neuen Verpackungsgesetzes: eine Mehrwegquote von 80 Prozent bei allen Getränken. Insbesondere bei Bier erfreut sich die Mehrweg-Glasflasche großer Beliebtheit. Bei rund 80 Prozent liegt laut co2online, einer gemeinnützigen Beratungsstelle für den Klimaschutz, die Mehrwegquote – und durch das häufige Wiederbefüllen sowie die in der Regel kurzen Wege von der Brauerei zum Handel, schonen Mehrweg-Glasflaschen hier die Umwelt. Entsprechend verursache sie nur halb so viel CO2 wie Einwegverpackungen aus Plastik. Im Vergleich zu Mehrweg-Plastikflaschen sind sie jedoch deutlich schwerer und verursachen entsprechend höhere CO2-Emissionen beim Transport. Je größer die Transportentfernung, desto geringer wird somit der ökologische Vorteil. Laut Nabu schwankt die kritische Grenze zwischen 750 und 1500 Kilometer, je nach Flaschenpool und Logistik. Im Mehrweg-Guide der Umweltorganisation heißt es: „Die Kaufempfehlung heißt: Getränke in Mehrwegflaschen aus der Region.“ Und was ist mit der Einweg-Glasverpackungen? Zwar könne Glas beliebig oft eingeschmolzen und zu neuem Glas gemacht werden, durchschnittlich würden jedoch nur 60 Prozent eine Glasverpackung wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden. Und durch die einmalige Nutzung geht viel Energie verloren. Das führt den Verbraucher zu Papier und Kartonage. Die Recyclingquote liegt deutlich höher als bei Kunststoff, Papier besteht aus nachhaltigen Rohstoffen, ein großer Anteil der Verpackung besteht aus Altpapier – Kartonage häufig zu 100 Prozent. Und doch gibt es ein Manko: laut co2online werden pro

Fotos:imagoimages/Panthermedia

Tonne Papier und Kartonage etwa 676 Kilogramm CO2 ausgestoßen. Alles in allem lautet das Fazit von Nabu: Am besten sind Mehrwegsysteme aus Plastik (PET). Der Grund: Aufgrund der teils großen Distanzen zwischen Abfüllern und Kunden spielen die Transportemissionen in der Rechnung eine wichtige Rolle – und aufgrund des deutlich geringeren Gewichts bedeutet eine PET-Flasche weniger Emissionen. Mehrwegsysteme für Glas hingegen sind besser als Einwegsysteme für Plastik. Ausschlaggebend ist hier u.a. die hohe Lebensdauer. Und wie wirkt sich die gesellschaftliche Debatte auf die Industrie aus? Die Krones AG, Hersteller von Anlagen und Maschinen für die Herstellung, Abfüllung und Verpackung von Getränken und flüssigen Nahrungsmitteln in PET- und Glasflaschen sowie Getränkedosen, hat aktuell zu kämpfen. Windmöller & Hölscher (W&H) aus Lengerich, ein Unternehmen, das Maschinen für die Herstellung flexibler Verpackungen entwickelt und produziert, sieht keinerlei Auswirkungen. Dennoch: „Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema in jedem Gespräch mit unseren Kunden“, sagt Vorstand Jürgen Vutz. Die flexiblen Verpackungen, die Kunden auf der ganzen Welt mit W&H-Maschinen herstellten, könnten sowohl aus Papier als auch aus Kunststoff oder Gewebe bestehen. „Einfach gesagt, alle Verpackungen, die ,knautschbar‘ sind. Das sind Lebensmittelverpackungen und Zementsäcke, aber auch Infusionsbeutel für Medizin.“ Solche Verpackungen seien für das Zusammenleben von mehreren Milliarden Menschen realistischerweise unverzichtbar. Für Vutz wird die Frage, wie der steigende Bedarf an flexiblen Verpackungen weltweit in Einklang mit einer nachhaltigen Entwicklung gebracht werden

kann, zum Innovationstreiber für den gesamten Markt. „Das ist aus unserer Sicht eine gute Entwicklung. Zum einen, weil wir selbst als Familienväter und Menschen auch eine langfristig zukunftsfähige Lösung wollen. Zum anderen, weil W&H als Technologieführer im Maschinenbau genau hier seine Stärken ausspielen kann. Wir wollen mit unseren Maschinen die besseren Lösungen ermöglichen.“ Für den W&H-Vorstand haben Kunststoffverpackungen einen entscheidenden Vorteil: Sie sind besonders robust und leistungsfähig und gleichzeitig dünn und leicht. „Sie schützen mit wenigen Gramm Folie große Mengen Ware, die mit hohem Ressourceneinsatz produziert wurden. Ein Kilogramm Rindfleisch schlägt beispielsweise mit 13,2 Kilogramm CO2 zu Buche, die Kunststoffverpackung mit 0,2 Kilogramm“, rechnet Vutz vor. Auf die Verpackung zu verzichten und dafür verdorbene Lebensmittel in Kauf zu nehmen sei ein schlechter Tausch. „Der

CO2-Fußabdruck von Kunststoffverpackungen ist dabei meist besser als der anderer Verpackungen, zum Beispiel aus Glas oder Blech.“ Das Problem: Anders als manch anderes Material werden Kunststoffverpackungen am Ende ihres Lebens zu Müll – im schlimmsten Fall in der Umwelt – und werden keinem Kreislauf zugeführt. „Die Lösung ist aus unserer Sicht, die Kunststoffverpackung weiterzuentwickeln. Sie muss Teil einer Kreislaufwirtschaft werden. Das heißt, dass alte Verpackungen recycelt und wieder als Rohstoff verwendet werden.“ Dafür müssten flexible Verpackungen jedoch recyclingfähiger und eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut werden. Und was ist mit Bio-Kunststoffen? „Unsere Maschinen können sogenannte bio-basierte Kunststoffe, zum Beispiel aus Maisstärke, bereits verarbeiten. Ihr Einsatz wächst, ist allerdings heute noch auf geringem Niveau“, so Jürgen Vutz. Auch aufgrund von Umweltbedenken: Es heißt, dass zum Beispiel Maisstärke besser zur Ernährung der Weltbevölkerung eingesetzt werden sollte. „Trotzdem behalten wir alternative Rohstoffe natürlich im Blick – hier ist sicherlich noch nicht zu Ende geforscht.“ W&H selbst hat auf der jüngsten Leitmesse in Düsseldorf neue Alternativen gezeigt: wie einen sogenannten Standbodenbeutel aus Folie, der zu 100 Prozent recycelfähig ist, oder ein Produkt, bei dem sich die verschiedenen eingesetzten Materialien in Wasser trennen und damit wieder recycelbar werden. Allerdings: Aktuell, so der Unternehmer, sei Plastik als leistungsstarkes, leichtes Material mit niedrigem CO2-Footprint in vielen Einsatzgebieten alternativlos. „Sicher ist für mich aber auch: Plastik wird sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Und wer weiß, vielleicht wird in Zukunft ein ganz neues Material entdeckt, das besser ist.“


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NurnochzweiKreuzfahrtschiffebautdiePapenburgerMeyerWerftmitfossilenAntrieben.ZurStromversorgung anBordforscht dasUnternehmenan Brennstoffzellen.

Foto:ChristophAssies

Das Kraftwerk „Schiff“ soll sauber werden Papenburger Meyer Werft forscht für eine umweltbewusste Kreuzfahrt VON CHRISTOPH ASSIES PAPENBURG Die Papenburger Meyer

Werft hat im vergangenen Jahr das weltweit erste Kreuzfahrtschiff abgeliefert, das vollständig mit Flüssigerdgas (LNG) angetrieben wird. Das ist aber nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer umweltfreundlicheren

Osnabrück, Oslo, Osaka … Damit Hidden Champions auch auswärts punkten

Kreuzfahrt. Das Traditionsunternehmen aus dem Emsland forscht in viele Richtungen. Zum Beispiel in Richtung Brennstoffzelle, wie Meyer Werft und Kunde Aida Cruises jüngst angekündigt haben. Die beiden Unternehmen, die gemeinsam schon beim ersten LNG-Kreuzfahrtschiff Pionierarbeit leisteten, gehen

nun den nächsten Schritt zu einer emissionsärmeren Reise auf See. Auf der „AIDAnova“, die die Papenburger Schiffsbauer bereits 2018 ablieferten, sollen in zwei Jahren erstmals Brennstoffzellen zum Einsatz kommen. „LNG war hier in der Meyer Werft eigentlich schon 2012 spruchreif, da

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© 2019 PricewaterhouseCoopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Alle Rechte vorbehalten. „PwC“ bezieht sich auf die PricewaterhouseCoopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die eine Mitgliedsgesellschaft der PricewaterhouseCoopers International Limited (PwCIL) ist. Jede der Mitgliedsgesellschaften der PwCIL ist eine rechtlich selbstständige Gesellschaft.

hatten wir die erste Grundsatzgenehmigung, solche Schiffe zu bauen“, sagt Gerhard Untiedt. Er arbeitet seit einigen Jahren in der Forschung und Entwicklung der Meyer Werft für den Bereich Energie und Umwelt. „Bei Tankern haben wir die Technologie ja schon mal verwendet, aber bei großen Passagier- oder Containerschiffen hat es noch vier, fünf Jahre gedauert, bis die internationale Regelgebung so weit war, dass AIDA gesagt hat: ,Wir machen das mal‘“, erinnert sich Untiedt. Umfragen unter Kreuzfahrtpassagieren haben ergeben, dass sich die Reisenden immer mehr für die Umweltbilanz ihrer schwimmenden Hotels interessieren und nicht an erster Stelle die Größe des Wellnessbereiches oder die Anzahl der Bars entscheidend für die Buchung eines Schiffes ist. Nicht zuletzt sieht sich die Kreuzfahrt aber auch durchaus zweifelhaften Anfeindungen von Umweltverbänden ausgesetzt. Immerhin ist die Boom-Branche, die im vergangenen Jahr 2,7 Millionen Deutsche auf die Schiffe zog, gemessen an der weltweiten Schifffahrt nur ein kleiner Teil. Kreuzfahrtschiffe machen 0,52 Prozent der zivilen Schifffahrt weltweit aus. Und dennoch: „Der Druck für die Reedereien bei neuen Technologien ist riesig“, sagt Untiedt. „Bei LNG war es ja genauso. Es braucht immer Pioniere. Wir haben den Markt vorbereitet, und letztlich haben dann AIDA und Bernard Meyer gemeinsam entschieden, das zu bauen. So muss es mit den nächsten Technologien auch sein.“ LNG habe jedoch im Vergleich noch einen großen Nachteil: „Er muss zentral und an sehr sicheren Stellen im Schiff gelagert werden, und das bei minus 162 Grad, also brauche ich dafür eine Gas-Anlage. Ein riesiger Vorteil wäre aber auch ein anderer Brennstoff wie Methanol, der bei Umgebungstemperatur flüssig ist. Den könnte man an Bord also überall unterbringen“, erklärt Untiedt. Er geht davon aus, dass „wir in Zukunft wohl keinen Diesel oder dieselverwandten Brennstoff mehr haben“. Man werde künftig denjenigen Brennstoff in Masse herstellen, der in Bezug auf den Energieaufwand und die Kosten am günstigsten sei. „Da kristallisieren sich Methan, Methanol und andere Alkohole heraus. Aber eher keine Diesel-Brennstoffe, weil die viel zu energieaufwendig und kompliziert herzustellen sind, wenn sie nicht aus fossilen Quellen stammen.“ Auf der Meyer Werft werden bis 2023 nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe gebaut, die mit herkömmli-

chem Marinediesel fahren. Beide werden 2020 abgeliefert. Die „Odyssey of the Seas“ für die USReederei Royal Caribbean und die „Spirit of Adventure“ für den englischen Anbieter Saga Cruises. Alle Schiffe, die danach in den Auftragsbüchern stehen, bekommen LNGAntrieb. Eine der nächsten Technologien ist der Einsatz von Brennstoffzellen. Daran forscht Untiedt mit seinen Kollegen in Papenburg schon seit 2014. Damals wurde innerhalb des Projektes „Pa-X-ell“ ein Brennstoffzellen-Demonstrator an Land in Betrieb genommen und 2016 ein erster Test von Brennstoffzellen an

„Der Druck für die Reedereien bei neuen Technologien ist riesig.“ Ingenieur Gerhard Untiedt

Forscht und entwickelt für die Meyer Werft: GerhardUntiedt. Foto: MichaelWessels

Bord der Ostseefähre „Mariella“ durchgeführt. „Die Brennstoffzelle ist ein Energiewandler, so wie ein Motor. Sie hat riesiges Potenzial, gerade auf Schiffen, weil sie leise ist, keinen Schornstein braucht, und ich kann sie nahezu überall aufstellen“, erklärt der Ingenieur. Die Meyer Werft hat im Rahmen des vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur geförderten Gemeinschaftsprojekts „Pa-X-ell2“ mit der Firma Freudenberg Sealing Technologies, DNV GL und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt den Praxis-Einsatz auf der „AIDAnova“ ab 2021 vorbereitet. Brennstoffzellen bieten laut Untiedt die Möglichkeit einer noch emissionsärmeren Energieversorgung an Bord, als dies derzeit mit Flüssigerdgas (LNG) möglich ist. Sie arbeiten außerdem geräuschund vibrationsarm. Die Brennstoffzelle wird mit Wasserstoff betrieben, der aus Methanol gewonnen wird, welches nach Angaben der Meyer Werft das Potenzial habe, zukünftig auch aus regenerativen Energien produziert zu werden. Die Brennstoffzellen von Freudenberg Sealing Technologies, ein Unternehmen, das bei der Forschung mit den Schiffbauern zusammenarbeitet, sind auf eine deutlich höhere Haltbarkeit ausgelegt als beispielsweise Zellen für den Einsatz in einem Pkw. Erste Tests des Herstellers an Land haben gezeigt, dass eine Lebensdauer von mehr als 35 000 Betriebsstunden erreichbar ist. Eine weitere Alternative für die Energieerzeugung auf Kreuzfahrtschiffen der Zukunft ist die Akkutechnik. „Eine Batterie hat immer ihre Berechtigung, vor allem auf Schiffen, die nur kurze Routen fahren oder wo ich Lastspitzen abfangen muss. Auch auf Kreuzfahrern wird man Akkus einsetzen. Nur nicht als generellen Energiespeicher, sondern um Lastausgleich zu machen, um das ganze System smarter zu machen“, sagt Untiedt. Der Papenburger verfolgt für die Meyer Werft sein Ziel konsequent: „Die Schiffe müssen noch sauberer werden. Diskussionen um den Landstromanschluss sollte man vergessen. Letztlich habe ich an Bord eines Kreuzfahrtschiffs ein hoch effektives Kraftwerk. Da muss man nur zusehen, dass man das sauber macht. So wie ich ein Kraftwerk an Land auch sauber machen muss. Dann habe ich mein Ziel erreicht. Alles andere sind Umwege und Diskussionen, die in die falsche Richtung führen.“


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Gesamte Lieferkette von Veränderungsprozessen betroffen Nachhaltigkeit prägt zunehmend Betriebsalltag bei Janssen Holzbau in Werlte und beim Tischdeko-Spezialisten Duni in Bramsche VON MARCUS ALWES UND ALMUT HÜLSMEYER Wie kann man natürliche Rohstoffe optimal nutzen und möglichst wenig Abfall produzieren? Diese Frage beschäftigt Rolf Janssen, Inhaber des gleichnamigen Holzbau-Unternehmens im emsländischen Werlte, und seinen Vater Rudolf Janssen, der das Unternehmen zuvor leitete, schon seit vielen Jahren. „Holz ist ein wertvoller Rohstoff. Reste aus der Produktion wegzuwerfen und sinnlos zu vernichten, fanden mein Vater und ich zu schade. Deshalb haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir sie sinnvoll ein zweites Mal nutzen können,“ erzählt Rolf Janssen. Etwa 450 Kubikmeter Holz bleiben bei der Herstellung von Dachkonstruktionen und Bausätzen für Häuser als Verschnitt jährlich übrig. Das sind rund drei Prozent der Produktion. Diese Reste aus Tannen- und Fichtenholz werden geschreddert und anschließend in einer Holzhackschnitzelheizung verbrannt, die die Produktionshallen und Büros beheizt. Außerdem werden mit der Wärme zwei Trockenkammern betrieben, in denen das Bauholz getrocknet und auf die nächsten Produktionsschritte vorbereitet wird. Überschüssige Energie wird nicht vergeudet, sondern erhitzt bis zu 200 000 Liter Wasser eines Wärmespeichers. „Wir verzichten auf diese Weise seit 1998 auf nicht nachwachsende Brennstoffe. Zur Erzeugung der notwendigen Wärme wird kein weiterer fossiler Energieträger in Anspruch genommen. Wir arbeiten in unserem Verfahren CO2-neutral“, sagt Janssen. Auch bei seiner elektrischen Versorgung will das Familienunternehmen möglichst unabhängig werden. Vor zehn Jahren wurde auf dem Dach eine Fotovoltaikanalage installiert, die auf einer Fläche von 15 000 Quadratmetern aus Sonnenlicht Strom gewinnt. Mit dieser regenerativen Energie will Janssen künftig auch alle Stapler und damit die werksinterne Logistik betreiben. Dafür werden die Gas- und Dieselaggregate nach und nach durch Flurförderfahrzeuge mit Elektroantrieb ersetzt. BRAMSCHE/WERLTE

Nachhaltigkeitgewinntauch fürDuni-WerksleiterMatthiasVoß(l.) unddenDirectorLogistic,UweWeyer, im UnternehmensalltagimmermehranBedeutung.

Gegenwärtig speist das Unternehmen mehr regenerative Energie in das öffentliche Netz ein, als es zur Deckung seines eigenen Bedarfs benötigt. Der für die Produktion zugekaufte Strom stammt ebenfalls aus regenerativen Energien. „Unser Ziel ist die vollkommene Selbstversorgung mit am Standort erzeugter Energie“, sagt Janssen. Ob dies gelinge, hänge von der Anlagen- und Prozesstechnik in den kommenden Jahren ab. Eine Selbstversorgung von 80 Prozent wäre aber schon ein deutlicher Fortschritt, so Janssen. Umweltgerecht zu denken und nachhaltig zu handeln gewinnt im Unternehmens- und Produktionsalltag aber auch seit einiger Zeit beim größten privaten Arbeitgeber in der Stadt Bramsche – dem Tischdeko-Spezialisten Duni – immer mehr an Bedeutung. „Die Fabrik und die Logistik versuchen, mit dem Vertrieb immer wieder Lösungen zu finden“, sagt Werksleiter

Matthias Voß. Und sein Mitstreiter, der Logistik-Verantwortliche Uwe Weyer, nickt zustimmend. Ein optimierter Energieverbrauch, eine verstärkte Herstellung kompostierbarer oder recycelbarer Waren, die ge-

Nachhaltiges Handeln – „Da gibt es kein Ende.“ Duni-Werksleiter Matthias Voß

zielte Wiederverwendung von Ausschuss in den Produktionsprozessen in der „Papiermühle“ und der Einsatz umweltfreundlicherer Verpackungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie eine effektivere Auslastung von Kartons und Lastkraftwagen oder auch das möglichst enge Bestücken von Transportpaletten, so die beiden Duni-Manager. Müssen Servietten, Tischdecken oder Schälchen also stets in Folie verpackt werden? Es gehe generell um Alternativen beim Packaging, verdeutlicht Werksleiter Voß. „Mit Hochdruck“ werde daran gearbeitet. Und „am liebsten schon morgen“ würden die Deko-Experten die Neuerungen bei den Verpackungen präsentieren. Mancher Papierproduzent sehe hier sogar Potenziale, etwas von den Marktanteilen der Folienhersteller abzugreifen, so Voß weiter. Auch beim Transport von Materialien und Waren gehe es der Duni

Fotos:MarcusAlwes

um Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, streicht Uwe Weyer heraus „Das betrifft unsere gesamte Lieferkette“, sagt der Director Logistic, „die maximale Auslastung“ sei das erklärte Ziel.

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Weyer verweist zudem auf allgemeine Tests in Deutschland mit Hybrid-Lastkraftwagen. „Beispielsweise solche Entwicklungen verfolgen wir intensiv“, verrät der Logistikexperte. Voß und Weyer streben ferner an, die insgesamt mehr als 900 DuniBeschäftigten in Bramsche-Achmer in Sachen Nachhaltigkeit weiterhin mit auf den Weg zu nehmen. „Wir erklären in den Mitarbeiterversammlungen natürlich regelmäßig, wo wir stehen und was wir vorhaben“, sagt Matthias Voß. Auch die betriebsinterne Zeitung werde zu diesem Zweck genutzt. „Jeder bei Duni soll im Bilde sein“, so der Werksleiter. Es gebe zu nachhaltigem Handeln und zu einem stärkeren Umweltbewusstsein im Unternehmen aber auch die eine oder andere Idee aus dem Kollegenkreis, unterstreicht Uwe Weyer. In bestimmten Fällen würden diese sogar honoriert. Das sei Bestandteil des sogenannten Betrieblichen Vorschlagwesens beim Tischdeko-Hersteller. Man muss übrigens kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass manche Sinn stiftende Idee aus den Reihen der Duni-Beschäftigten, die auch zum Tragen kommt, in den nächsten Jahren noch folgen dürfte. Werksleiter Voß ist sich jedenfalls beim Blick auf die Nachhaltigkeit und die damit einhergehenden Veränderungsprozesse sicher: „Da gibt es kein Ende.“

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SPEZIAL UMWELT & NACHHALTIGKEIT

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Will sich der alte Champion noch länger im hinteren Mittelfeld tummeln? Wirtschaftstalk beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz, insbesondere im Bereich Energie

Verliert Deutschland international den Anschluss? Großes Potenzial für Wasserstoff – doch wie wird er gewonnen? VON NINA KALLMEIER UND BERTHOLD HAMELMANN Der Hambacher Forst ist zum Sinnbild des Kohleausstiegs geworden, „grüner“ Strom wird als Schlüssel für eine umweltfreundliche und nachhaltige Energiewende gesehen. Doch wie nachhaltig ist die Energie in der Region wirklich? Wo liegen die Herausforderungen, und was fordern Unternehmen und die Bundesstiftung Umwelt (DBU) von der Politik? Darüber haben EWE-Chef Stefan Dohler, Agrowea-Geschäftsführer Wilhelm Pieper und DBU-Generalsekretär Alexander Bonde im Wirtschaftstalk diskutiert. Ist Angela Merkel noch die „KlimaKanzlerin“, als die sie in der Vergangenheit gefeiert wurde? Die Antwort von Alexander Bonde ist da eindeutig: „Ich nehme nicht wahr, dass wir international noch als Vorreiter in Sachen Klimapolitik gesehen werden. Deutschland stößt das meiste Kohlendioxid in Europa aus. Wir haben zwar unheimlich viele Technologien und Angebote in Sachen Nachhaltigkeit, aber was die Gesamtbilanz Deutschlands angeht, sind wir schon seit Jahren kein Pionier mehr.“ Außer im Bereich Energie, in dem der Alleingang im Kohle- und Atomausstieg gesellschaftlich stark in der Kritik steht, hat Deutschland für Bonde ganz den Anschluss verloren. „Der gesamte Mobilitätsbereich zum Beispiel leistet in Summe gar keinen Beitrag zum Klimaschutz“, kritisiert der DBU-Chef. Es sei also die Frage, ob der alte Champion Deutschland sich noch länger im hinteren Mittelfeld tummeln wolle. „Was im Moment im Ausland mit großem Interesse verfolgt wird, ist die Frage, ob Deutschland als IndusOSABRÜCK/OLDENBURG/TWIST

„Mit einer mutigeren Reform des Energiepreises hätte man mehr erreicht.“ EWE-Vorstandsvorsitzender Stefan Dohler

Foto:imagoimages/OlafDöring

trienation den Weg zu mehr erneuerbaren Energien im System schafft“, ergänzt EWE-Chef Stefan Dohler. Durch das Erneuerbare-EnergienGesetz (EEG) sei auf Erzeugerseite viel geschaffen worden, das sieht auch Wilhelm Pieper, Geschäftsführer von Agrowea – ein Unternehmen, das unter anderem Windparks und Biomassekraftwerke betreut. Vom Gesamtenergieverbrauch in Deutschland sei der Stromverbrauch jedoch nur ein kleiner Anteil, macht Dohler deutlich, welch weiter Weg noch zu gehen ist. „Der Primärenergieverbrauch liegt bei rund 2700 Terrawattstunden, der Stromverbrauch bei knapp 600 Terrawattstunden. Und davon können wir aktuell rund 40 Prozent mit Erneuerbaren abdecken, insgesamt nur 14 Prozent des Primärenergieverbrauchs.“ Ziel müsse es sein, den Gesamtbedarf klimaneutral zu machen. In der Technologie, die Volatilität der Energielieferanten Wind und Sonne auszugleichen, liegt laut Dohler für die Wirtschaft in Deutschland großes Potenzial. „Es geht nicht nur darum, Anlagen aufzustellen, sondern ein System aufzubauen und stabil zu betreiben“, betont er. Das müsse jedoch nicht nur mit der Volatilität der Energiequellen, sondern auch mit jener im Stromverbrauch zurechtkommen, ergänzt Wilhelm Pieper. „Das wird oft vergessen.“ Vom jüngst verabschiedeten Klimapaket der Bundesregierung hält weder DBU-Chef Bonde noch die Unternehmer Dohler und Pieper viel. „Das Gesetz blockiert den Klimaschutz“, so Pieper. „Bei 1000 Metern Abstand ist ein Ausbau der Windenergie kaum noch möglich.“ Dabei sei ein Ausbau dringend notwendig, um den Energiebedarf heute wie in Zukunft zu decken. „Die von der Politik selbst gesteckten Klimaziele werden damit nicht erreicht“, sagt auch Stefan Dohler. Dabei könnte die Wirtschaft vom Klimaschutz sogar profitieren, ist sich Pieper sicher. „Ohne dass es uns was kostet“, wie der Unternehmer betont. Stattdessen würden durch falsche Maßnahmen ganze Industriezweige wie die Windindustrie gefährdet. „30 000 Arbeitsplätze sind schon weggefallen. Wenn wir noch länger warten, sind die übrigen auch noch weg, und die Technologie wird im Ausland weiterentwickelt.“ So wie es vor Jahren mit der Solarbranche passierte. „China ist da heute Technologie- und Marktführer“, so Pieper. Obwohl die Bundesrepublik einst Vorreiter war. Stefan Dohler richtet den Blick auch auf den zunächst mit zehn Euro pro Tonne festgesetzten CO2-Preis. „Der Lenkungseffekt wird frühestens 2026 greifen. Die ersten Jahre sind verschenkt“, kritisiert der EWE-Chef. Dabei wäre die Wirtschaft durchaus einen höheren Einstiegspreis mitgegangen, ist sich Dohler sicher. „Ein klarer Fahrplan in Sachen Klimaschutz statt eines Sammelsuriums an Maßnahmen hätte Planungssicherheit gebracht.“ Letztere ist für Unternehmen häufiger ein Problem, so Dohler. Regierungswechsel oder Ereignisse wie Fukushima können politische Entscheidungen von jetzt auf gleich infrage stellen. „Als Unternehmer darauf zu reagieren ist schwierig. Andererseits tut die Politik das, was die Mehrheit der Bevölkerung will. Sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.“ Doch zurück zum Klimapaket: Mit einer mutigen Energiepreisreform

STECKBRIEF

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender EWE

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eit fast zwei Jahren steht Stefan Dohler an der Spitze der EWE AG, einem der größten Stromanbieter Deutschlands mit mehr als 8700 Mitarbeitern. Zuvor war der gelernte Seemann und Di-plomingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik zwei Jahre Finanzvorstand der Vattenfall AB in Stockholm, seit 2012 war er als Mitglied des Executive Management Teams der Vattenfall-Gruppe tätig. Der Energiesektor war Dohler auch vor seiner Tätigkeit bei Vattenfall nicht unbekannt. Er be-

gann 1998 beim Hamburger Energieversorger HEW. Zwei Jahre später beschäftigte er sich mit der größten Firmenintegration der deutschen Energiegeschichte: Vattenfall kaufte HEW, den Stromversorger Bewag, den Stromkonzern Veag und die Braunkohleförderung der Laubag in Ostdeutschland und wurde zur Nummer drei im deutschen Markt. Seitdem hatte Dohler eine Vielzahl von Führungspositionen in den Bereichen Finance, Networks, Production und Markets inne.

Foto:GertWestdörp

STECKBRIEF

Alexander Bonde, Generalsekretär DBU

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eit Februar 2018 ist Alexander Bonde Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Osnabrück, der größten Umweltstiftung Europas. Der gebürtige Freiburger und ehemalige Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg (2011–2016) ist der Dritte auf diesem Posten. Vor seinem Eintritt in die Landespolitik war Bonde von 2002 bis 2011 Mitglied des Deutschen Bundestages und unter anderem Mitglied

im Haushaltsausschuss und haushaltspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Nach seinem Rückzug aus der Politik nach der Landtagswahl 2016 und einem Jahr Karenzzeit arbeitete er vor seinem Eintritt in die DBU als Senior Advisor bei DWR eco, einer Berliner Agentur für strategische Kommunikation, politische Positionierung und Entwicklung von neuen Geschäftsfeldern im Umweltschutz.

Foto:GertWestdörp

STECKBRIEF

Wilhelm Pieper, Geschäftsführer Agrowea

I

m Bereich erneuerbare Energie kennt sich der ehemalige Landwirt und Lehrer Wilhelm Pieper gut aus. Seit 1994 ist er in der Branche aktiv. Mit EXPONEL als dezentralem Vorhaben der Expo 2000 in Hannover übernahm er erstmals die Geschäftsführung im Bereich der erneuerbaren Energien. Seit 1996 ist Pieper Geschäftsführer der Agrowea, BE Bioenergie und der BEKW, des ersten Strohheizkraftwerks Deutschlands. Als Windpark- und Kraftwerks-

hätte die Politik mehr erreicht, ist sich der EWE-Chef sicher. Die Einschätzung teilt auch Alexander Bonde – auch wenn er froh ist, dass der Einstieg in eine CO2-Bepreisung für alle Sektoren vollzogen wird: „Offen gestanden habe ich nicht ganz verstanden, warum der Bundesregie-

Foto:GertWestdörp

Kritik am mutlosen Klimapaket der Bundesregierung.

rung hier der Mut gefehlt hat, mit einem deutlicheren Zeichen in die CO2-Bepreisung einzusteigen.“ Gleichzeitig hätte eine Entlastung durch die Energiesteuer stattfinden können. „Im Kern ist die komplette Wissenschaft enttäuscht, und auch auf die berechtigten Fragen von Fri-

projektierer ist er maßgeblich an Konzeptentwicklung, Planung, Bau und Betrieb von Vorhaben und Maßnahmen zur Erzeugung erneuerbarer Energien beteiligt. Zudem engagiert sich Wilhelm Pieper seit 1994 als Gründungsmitglied und Vorsitzender des BWE Regionalverbandes des Emslandes und der Grafschaft Bentheim. Seit 2008 ist er im Landesvorstand Niedersachsen/Bremen und war dort sechs Jahre lang im Landesvorstand tätig.

days for Future bietet das Klimapaket keine Antworten.“ Die Bewegung stieß bei Dohler, Pieper und Bonde grundsätzlich auf viel Zustimmung. „Wir unterstützen die Bewegung, wo es möglich ist. Der menschengemachte Klimawandel ist wissenschaftlicher Fakt und in seinen

Auswirkungen bereits spürbar, auch wenn große Konzerne es immer wieder geschafft haben, Zweifel zu säen. Insbesondere in den USA“, so Wilhelm Pieper. Die DBU unterstützt auch den Ableger Entrepreneurs for Future. So weit geht Stefan Dohler nicht. „Wir haben uns bewusst dagegen ent-

schieden, uns in einer einzigen Bewegung zu engagieren“, sagt er. „Grundsätzlich unterstützen wir einen Großteil der Ziele von Fridays for Future, es ist aber keine homogene Bewegung.“ Und man könne eben nicht alle Forderungen unterstützen. Das macht Dohler am Beispiel von FFFForderungen aus Bremen deutlich. Die lautet: Schluss mit Kohlekraft ab 2020. „Als EWE treffen wir Entscheidungen, die Kohle deutlich vor dem vorgesehenen Datum abzuschalten. Trotzdem kann ich nicht sagen, wir machen das 2020.“ Aus einem einfachen Grund: EWE versorgt in Bremen Menschen mit Fernwärme, Energielieferant ist ein Kohlekraftwerk. „Schalten wir das ohne Alternative ab, haben zigtausend Bremer kalte Füße.“ Nur moralisch hinter Forderungen zu stehen, ohne danach zu handeln, davon hält Dohler nichts. Und welchen Einfluss hat das Thema Nachhaltigkeit generell auf die Wirtschaft vor Ort? „Es ist offenkundig, dass wir die Transformation hinkriegen müssen“, sagt Alexander Bonde. In der Region sieht er dafür viel Kompetenz und Chancen. „Wenn wir es offensiv angehen“, betont der DBU-Chef. Dem stimmt auch Dohler zu: „Wir haben die Küste, sind Anlandepunkt für Offshore-Wind, haben eine Menge Onshore-Wind und große Untergrundspeicher, in denen wir Gas einspeichern können“, nennt der EWE-Chef nur einige Komponenten, von denen die Region beim Rohstoff Wind profitiert. „Wir sind der neue Ruhrpott – nur sauber.“ Es sind jedoch nicht nur die Komponenten für eine Energiewende, die Bonde vor Augen hat: „Viele Unternehmen, mit denen wir in Kontakt stehen – kleine wie große –, führen aktuell intern eine Debatte zum Stellenwert des eigenen Unternehmens in der Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur darum, für eine Zielgruppe zu produzieren, sondern ein Produkt mit gesellschaftlichem Mehrwert anzubieten. Teil der Lösung zu werden ist eine riesige Marktchance“, so Bonde. Hier sieht Wilhelm Pieper eine Chance in der Marktstruktur der Energiebranche. „Viele Innovationen sind dezentral von vielen kleinen Unternehmen ausgegangen.“ Auch für Stefan Dohler braucht es den Mix zwischen Start-ups und Konzernen. Erstere würden beim Thema Hochskalierung schnell an ihre Grenzen stoßen, so der Vorstandsvorsitzende. „Hier kommen Unternehmen wie wir ins Spiel, unsere Strukturen.“ „Jeder muss seine Rolle kennen“, sagt auch Wilhelm Pieper, dessen Unternehmen unter anderem Projekte gemeinsam mit Innogy umsetzt. Doch bis zur Umsetzung vergeht oft viel Zeit. Wilhelm Pieper hat dafür eine Erklärung: „Wir erleben zurzeit eine Maßlosigkeit im Naturschutz. Es kann nicht sein, dass es keine Interessenabwägung mehr gibt“, kritisiert der Unternehmer. Auch wenn Alexander Bonde durchaus eine Anzahl neuberufener Naturschützer beobachtet, deren Umweltinteresse „mitunter durchaus sehr lokal begrenzt ist“, sieht er doch die Notwendigkeit der Abwägung. „Neben der Klimakrise haben wir mit dem Verlust der Artenvielfalt eine zweite große Krise. Auch der Artenschutz ist ernst zu nehmen.“ Den Naturschutz sieht Bonde oft in der Rolle des „schwarzen Peters“, der für ein „Nichtwollen“ herhalten muss. Dohler kritisiert in diesem Zusammenhang große Unterschiede in der Genehmigungspraxis der Bundesländer, unter anderem bei Windrä-

„Die Frage ist, ob Wasserstoff nur aus dem ÜberschussStrom hergestellt werden kann. Auf Sicht brauchen wir eine nachhaltige Produktion.“ DBU-Generalsekretär Alexander Bonde

dern. Gerade weil die Prozesse so lange dauern, sei ab und an schon wieder eine neue Turbine auf dem Markt, die der Hersteller gerne verbauen würde. Während bei dem einen nur ein Änderungsantrag gestellt werden müsse, würden bei anderen die Prozesse von vorne beginnen. „Wie kann das sein?“ Ein Schlüssel zum Erfolg liegt für Wilhlem Pieper darin, die Bürger vor Ort in Form von Bürgerenergiegesellschaften zu beteiligen. „Das schafft Akzeptanz in der Bevölkerung“, so der Unternehmer. Für Stefan Dohler läuft am Ende alles auf eine Frage hinaus: „Welchen Preis ist jeder bereit, für eine klimaneutrale Energie zu zahlen? Dazu gehört auch die Akzeptanz von Infrastruktur im personlichen Umfeld. Das wird ausgeblendet“, so Dohler. Großes Potenzial sieht der EWEChef ebenso wie Alexander Bonde im Wasserstoff. Aus einem einfachen Grund: „Wennman den Klimawandel konsequent bekämpfen will, reicht der Blick auf den Stromsektor nicht aus. Für Verkehr und Industrie braucht es auch molekülbasierte Energieträger, also saubere Gase“, so Dohler. Das könne Wasserstoff sein, das könnten aber auch Biogase sein – alles, was klimaneutral hergestellt und in großen Mengen gespeichert werden kann. Der Vorteil, so Bonde: Gase können besser gespeichert und transportiert werden. „Das ist der Schlüssel. Zentrale industrielle Prozesse klimaneutral zu gestalten wird nur über Wasserstoff gehen.“ Spannend, so der DBU-Chef, sei damit vor allem eines: Wie passt die Produktion von Wasserstoff in ein Szenario, in dem die Erneuerbaren massiv ausgebaut werden müssen? „Die Frage ist, ob Wasserstoff nur aus dem Überschuss-Strom hergestellt werden kann. Auf Sicht brauchen wir eine nachhaltige Produktion“, so Dohler. Ob die dann in Deutschland, im Sonnengürtel oder in Norwegen passiere, bleibe abzuwarten. Grundsätzlich müsse die Energiewende in Deutschland ohnehin im internationalen Kontext diskutiert werden. „Wir sind heute großer Energieimporteur. Eine Energieautarkie werden wir auf absehbare Zeit nicht bekommen. Daher ist eine Einbettung in ein internationales Gesamtsystem wichtig“, so Dohler. Das gilt auch beim Thema Strompreis.

Foto:imagoimages/Olaf Döring


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SPEZIAL UMWELT & NACHHALTIGKEIT

Kein Effekt oder zu starke Belastung? CO2-Abgabe der Bundesregierung spaltet / Handwerk geht von Investitionen und Mehreinnahmen durch Klimapaket aus VON NINA KALLMEIER GEORGSMARIENHÜTTE/MEPPEN/

OSNABRÜCK/LINGEN Alles hat seinen Preis, künftig auch das CO2. Für eine Tonne werden ab 2021 zehn Euro fällig – etwa so viel, wie eine Kinokarte und Popcorn kosten. Dieser Festpreis soll bis auf 35 Euro pro Tonne CO2 im Jahr 2025 steigen, dann übernimmt der Markt die Preisfindung – bis zu einem Deckel von 60 Euro. Die Reaktionen auch aus der regionalen Wirtschaft auf die Pläne der Bundesregierung fallen verhalten aus: „Mit einer Einführung des Zertifikatehandels für Emissionen im Verkehr und bei Gebäuden hat die Bundesregierung eine wichtige Entscheidung pro marktwirtschaftlichen Klimaschutz getroffen. Das unterstützt die IHK“, so Anke Schweda, Geschäftsbereichsleiterin Standortentwicklung, Innovation und Umwelt der Industrie- und Handelskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Grundsätzlich positiv sieht den Schritt auch Peter Beckmann, Geschäftsführer der Abteilung Betriebsberatung und Strukturförderung bei der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. „Ungeachtet der einzelnen Maßnahmenpakete des Programms ist aus Sicht des regionalen Handwerks vor allem wichtig, dass für die nächsten Jahre der Programmumsetzung Planungssicherheit für die kleinen und mittleren Handwerksbetriebe besteht.“ Nur bei verlässlichen Rahmenbedingen ließen sich Investitionen in Energieeffizienz und Klimaneutralität wirtschaftlich nachhaltig realisieren und damit letztlich die Ziele des Klimaschutzprogramms erreichen, ist Beckmann überzeugt. Wäre auch von Beginn an ein höherer CO2-Preis möglich gewesen? Den Übergangszeitraum bis 2026 sieht Anke Schweda mit Blick auf die Auswirkungen für die Unternehmen gut angesetzt. „Produzierende Unternehmen vom Stahl bis

zum Automobil haben lange Investitionszyklen. Die Politik muss Klimapolitik mit Augenmaß machen und die Betroffenen mitnehmen. Dennoch hätten wir uns vorstellen können, dass der CO2-Preis auch von Beginn an höher angesetzt wird. Die Frage wäre jedoch gewesen, wo die Wirtschaft zeitgleich entlastet wird.“ Wie hoch die Wirtschaft belastet werde, hänge stark vom Sektor ab. „Für die Industrie können sich nach aktuellem Planungsstand mitunter Zusatzkosten im höheren sechsstelligen Bereich ergeben. Das lässt sich nicht einfach wegatmen.“ Für das Handwerk liegen noch keine verlässlichen Zahlen vor, so Beckmann. „Wir haben allerdings die Einschätzung, dass aufgrund des niedrigen Einstiegspreises und der moderaten Preiserhöhung in den Folgejahren bei den CO2-Zertifikaten die finanzielle Belastung unserer Handwerksbetriebe akzeptabel ausfällt.“ Frank Koch, Vorsitzender der Geschäftsführung der GMH Gruppe, geht davon aus, dass es für die Georgsmarienhütter Unternehmensgruppe um millionenschwere Belastungen geht. „In einer Zeit, wo die Stahlindustrie sowieso wirtschaftlich unter Druck geraten ist und eine Rezession am Horizont steht. Gerade ist auch noch die Erhöhung der EEG-Umlage dazugekommen. Das bekommen viele unserer Betriebe direkt zu spüren“, so Koch. Dennoch steht der Geschäftsführer der CO2-Abgabe grundsätzlich positiv gegenüber. „Es ist ja ein richtiger Ansatz, dass auch Wärme und Verkehr ihren Beitrag für den Klimaschutz leisten müssen. Was die Bundesregierung jetzt macht, führt allerdings in unserem konkreten Fall zu Doppelbelastungen.“ Man stehe vor einer paradoxen Situation: „Unternehmen der GMH Gruppe zahlen ja sowieso schon für Zertifikate im EU-Emissionsrechtehandel, obwohl Elektrostahlhersteller wie wir für lediglich drei Prozent der direkten Emissionen der

DasKlimapaketderBundesregierungistgeschnürt.AusderregionalenWirtschaftgibtes unterschiedlicheReaktionen. Foto: imagoimages/C.Ohde

Stahlindustrie in Deutschland verantwortlich sind. Jetzt kommen für Betriebe, die nicht vom EU-Emissionsrechtehandel erfasst sind, über das geplante Klimaschutzgesetz auch noch Belastungen unter anderem für Erdgas hinzu, das deutlich weniger negative Auswirkungen auf das Klima als etwa Kohle hat.“ Sicher werde die Gruppe später einmal Erdgas beispielsweise durch Wasserstoff ersetzen, sobald das technisch und wirtschaftlich gehe. „Aber wir werden jetzt bei Prozessen im Hochtemperaturbereich für etwas zur Kasse gebeten, für das es überhaupt keine nachhaltigeren Alternativen gibt. Ein Bärendienst für den Klimaschutz“, findet Koch. Keine Alternativen gibt es auch für Verkehrsunternehmen, so Anke Schweda. „Es gibt Branchen wie die Logistik, die vom CO2-Preis ab Tag 1 stark belastet werden. Beim Schwerlastverkehr gibt es keine Alternativen zum Diesel. Damit wird unsere Wirtschaft im internationalen Geschäft benachteiligt und möglicherweise aus dem Markt gedrängt.“ Für Christian Hammacher,

Leitung der Business Unit Road bei Nosta Logistics, wird auch die CO2Bepreisung allein nicht zur Klimaneutralität der Branche führen. „Es braucht begleitende Maßnahmen und konkrete Instrumente, mit denen Anreize für eine Vermeidung von CO2-Emissionen geschaffen und alternative Technologien geför-

„Die EU muss mit dem gleichen Paket nachziehen.“ Anke Schweda, IHK Osnabrück-EmslandGrafschaft Bentheim

dert werden“, fordert er. „Daher erwarten wir von der Politik zum einen ausreichend Vorlaufzeit, um einen Planungshorizont definieren und Änderungsprozesse anstoßen zu können. Zum anderen fordern wir eine erhöhte Investitionssicherheit bei der Umsetzung und Beteiligung an Programmen zur Förderung des Klimaschutzes.“ Insgesamt, so Hammacher, sei die Reduzierung der CO2-Emissionen grundsätzlich ein weltweit angestrebtes Ziel. „Vor diesem Hintergrund sollte seitens der Politik zumindest eine europäisch einheitliche Lösung im Transport- und Logistiksektor geschaffen werden, um Verzerrungen im innereuropäischen Wettbewerb zu vermeiden“, fordert er. Ähnlich sieht es auch Anke Schweda: „Ein deutscher Alleingang beim CO2-Preis wird uns strukturell benachteiligen. Die EU muss mit dem gleichen Paket nachziehen. Am Ende geht es beim CO2 um internationale Herausforderung“, so die IHK-Geschäftsleiterin. Die aktuellen Pläne der Bundesregierung haben für GMH-Ge-

schäftsführer Frank Koch folgende Konsequenzen: „Wir werden weiter an Energieeffizienz, Verringerung von Verbräuchen und CO2-Minderung arbeiten. Auch wenn uns das Klimaschutzgesetz dabei nicht wirklich hilft, da wir das schon seit Dekaden aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen machen.“ Über allen Einzelthemen steht für Koch die große Frage, wie „der enorm wachsende Bedarf an erneuerbarem Strom zur Verfügung gestellt werden kann. Da fehlen immer noch die Antworten der politischen Entscheider“, kritisiert er. Beim grünen Strom sieht Koch eine klare Bringschuld der Politik, „zu der es leider keine befriedigenden Antworten im geplanten Klimaschutzgesetz gibt. Und wir müssen die Chance haben, uns auf neue Erfordernisse einzustellen. Das ist eine Frage von Zeit und Geld.“ Für Christian Hammacher von Nosta Logistics wird die Einführung der CO2-Abgabe die Entwicklung der deutschen Transport- und Logistikwirtschaft maßgeblich beeinflussen. „Wir rechnen mit tendenziell steigenden Transportkosten, die in erster Instanz an die Auftraggeber und letztlich unvermeidlich an die Verbraucher weitergegeben werden. Wie hoch die Preissteigerungen ausfallen, bleibt noch abzuwarten.“ Was anderen Branchen Kopfschmerzen bereitet, sieht HWK-Abteilungsleiter Beckmann durchaus positiv: „Grundsätzlich fällt bei dem vorgelegten Programm der Bundesregierung auf, dass eine Klimawende ohne das Handwerk nicht realisierbar erscheint“, sagt er. Ob beim Sektor „Gebäude“ mit den Maßnahmen der energetischen Sanierung und der Erneuerung der Heizungsanlagen oder beim Sektor „Verkehr“ mit der Umsetzung der Elektromobilität und den geplanten Infrastrukturmaßnahmen der Bahn, überall wirke das Handwerk bei der Umsetzung vor Ort mit. Quasi ein Konjunkturprogramm für das Handwerk. „Wichtig wird es vor diesem Hintergrund sein, die Aus- und Weiterbildungsförderung des Handwerks auf Bundes- und Landesebene weiter fortzusetzen und auszubauen.“

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SPEZIAL UMWELT & NACHHALTIGKEIT

Mehr Rezyklateinsatz durch Vernetzung? Verpackungshersteller müssen mehr wiederverwertetes Plastik einsetzen / Hamburger Start-up setzt auf Plattform VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/HAMBURG Der dunkle Schraubverschluss sieht aus wie jeder andere, und doch ist er besonders: Er besteht aus Rezyklat – also Kunststoff, der aus einem Recycling-Prozess stammt. Auch Unternehmen wie unter anderem Werner & Mertz mit der Reinigungsmarke Frosch sind Vorreiter bei recycelten Plastikverpackungen. Insgesamt wird jedoch nur ein Bruchteil der Plastikabfälle in Deutschland tatsächlich wiederverwertet. Die Rechnung, die der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) aufmacht, ist ernüchternd: Nur 6 Prozent aller verwendeten Kunststoffe sind Rezyklate. In der industriellen Produktion liegt die Quote mit rund 14 Prozent etwas höher. „Würde diese Quote verdoppelt, könnten pro Jahr 60 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich eingespart werden“, sagt BDE-Sprecher Bernhard Schodrowski. „Das wäre ein großer Schritt und würde nicht nur zum Klimaschutz, sondern auch zum Ressourcenschutz beitragen.“ Die Herausforderung: Rezyklate in ausreichender Menge und Qualität zu bekommen. Hier sieht das Hamburger Start-up Cirplus Platz für eine neue Geschäftsidee: einen Marktplatz. „Wir sehen uns als Amazon für recyceltes Plastik und Plastikabfälle“, erkärt Gründer und

Geschäftsführer Christian Schiller. Cirplus sei dabei eine reine B2BPlattform für die Kunststoff verarbeitende Industrie auf der einen Seite und Unternehmen der Entsorgungs- und Recyclingindustrie auf der anderen Seite. „So bringen wir Transparenz, Standards und globale Vernetzung in zwei völlig fragmentierte Märkte, die bis dato kaum Interaktion hatten“, erläutert Schiller das Konzept. Schützenhilfe für die Geschäftsidee verspricht sich der Hamburger vom neuen Verpackungsgesetz. Hersteller sind seither dazu verpflichtet, deutlich höhere Recyclingquoten als bisher zu gewährleisten. Bis 2022 soll die Recyclingquote für Kunststoffe aus Verpackungsabfällen auf 63 Prozent steigen. Die Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) mit Sitz in Osnabrück hat jüngst einen Kriterienkatalog für besonders recyclingfähige Verpackungen vorgestellt – Unternehmen, die recyclingfähige Verpackungen oder Rezyklate einsetzen, sollen für die Entsorgung ein verringertes Lizenzentgelt zahlen. „Die Verpackungsbranche hat bislang so gut wie gar kein Rezyklat eingesetzt. Das hat zweierlei Gründe: Neukunststoffe sind im Einkauf deutlich günstiger, und die Qualitäten und Mengen, in denen Rezyklate zur Verfügung stehen, sind bislang sehr gering und oft sehr schlecht gewesen“, so Schiller.

DasVerpackungsgesetzverpflichtetUnternehmen,mehrRezyklatezuverwendenundVerpackungenrecyclingfähigerzumachen.VordiesemHintergrundsiehtdas HamburgerStart-upCirplusdie Chance, miteinemMarktplatzAkteureder Branchezusammenzubringen. Foto:GertWestdörp

Hier kommt für den Hamburger, der vier Jahre lang die deutsche Version der Online-Mitfahrzentrale BlaBlaCar mit aufbaute, der digitalisierte Handel ins Spiel. Recycling-Firmen können den wertvollen Rohstoff Altplastik anbieten, Kunststoffverarbeiter die Mengen und Qualität, die sie brauchen, suchen. Das Start-up Cirplus ist als Bereitsteller der Plattform derzeit ausschließlich Vermittler zwischen den beiden Par-

teien. „Wir wollen aber mit zusätzlichen Dienstleistungen rund um das Vermitteln wie zum Beispiel die Logistik oder Zahlungsabwicklung an den Markt gehen“, skizziert Schiller die weitere Entwicklung. Dass der Bedarf da ist, zeigt sich für ihn an den Zahlen: Im April ist er zusammen mit seinem Mitgründer, Softwareentwickler Volkan Bilici, gestartet. Seither seien mehr als 120 Unternehmen aus mehr als

16 Ländern auf der Plattform aktiv gewesen. „Es wurden Anfragen nach mehrere 10 000 Tonnen Material gestellt“, so Schiller. „Unsere Zielgruppe sind große wie kleine Unternehmen. Auch die Großen wie Procter & Gamble haben die Plattform schon zur Vermittlung von Mengen erfolgreich genutzt. Insgesamt ist die gesamte Wertschöpfungskette der Kunststoffaufbereitung und -verwendung, vom

Sortierer über den Recycler bis hin zum Verabeiter und Markenartikler, Teil der Zielgruppe. Kurzum jeder, der den Rohstoff Kunststoff beziehungsweise Kunststoffabfälle handelt.“ Im jüngst verabschiedeten Klimaschutzpaket sieht BDE-Sprecher Bernhard Schodrowski allerdings keinerlei Ansatz, eine Kreislaufwirtschaft, wie Unternehmen wie Cirplus sie anzukurbeln versuchen, zu unterstützen. „Dass die Kreislaufwirtschaft nicht als Chance für den Klimaschutz gesehen wird, enttäuscht uns ebenso wie die NGOs und die Wissenschaft. Der Schritt von der linearen Wirtschaft zur Kreislaufwirtschaft muss noch geschafft werden“, fordert er. Die Initiativen einiger Hersteller, Rezyklate in ihren Verpackungen einzusetzen, begrüße der BDE. Das reiche jedoch nicht. „Um die Nachfrage zu stabilisieren, braucht es eine gesetzliche Regelung. Die Politik muss Vertrauen haben in die Wirtschaft und einen Markt für Rezyklate schaffen.“ Schodrowski geht auch noch einen Schritt weiter. „Wir brauchen weltweit eine funktionierende Entsorgungswirtschaft, um die Kreislaufwirtschaft in Probleme zu lösen. Niemand will eine Welt ohne Plastik, aber eine Welt ohne Plastikmüll, der nicht verwerte wird. In vielen Bereichen ist Kunststoff unentbehrlich.“

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Gewerbeflächen entstehen t ng durch Nachverdichtu Die neue Nordumgehung verbessert r die verkehrliche An A bindung deutlich Insgesamt stehen in ganz Nordhorn zurzeit rrund 150 Hektar Gewerbefläche erschlossen zur Verfü f gung, in Planung befindliche neue Gebiete noch nicht eingerechnet. In den älteren Bestandsgebieten wie dem Gewerbe- und Industriepark im Südwesten gibt es Restflächen. In dem großen Gewerbegebiet an der Grenze zu den Niederlanden versucht die Wirtschaftsförderung der Stadt Nordhorn durch die Umwandlung von Grünflächen neue Gewerbegrundstücke zu schaffen, um den vorhandenen Betrieben Optionen zur Erweiterung zu bieten und die Nachverdichtung voranzutreiben. Ähnlich wie in vielen Gemeinden bundesweit geht es darum, ortsansässige Betriebe in der Stadt zu halten. Natürlich ist man in Nordhorn auch über jede Neuansiedlung froh. Der Branchenmix im GIP ist breit gefächert und bietet entsprechend Arbeitsplätze in Industrie, Handwerk, Handel und auch im Dienstleistungssektor an. Eine Konzentration bestimmter Branchen an einem Standort ist von Seiten der Wirtschaftsförderung nicht gewünscht. Aber selbstverständlich

wird darauf geachtet, dass die jeweiligen Betriebe nachbarschaftlich zusammenpassen. Vielmehr gibt es Aktionen wie das Unternehmerfrühstück, bei denen die Chancen zum branchenübergreifenden Austausch und zur Kontaktpflege, oder wie es neudeutsch heißt „netzwerken“, besteht. Diese Treffen stoßen auf eine immer breitere Resonanz. Mit der jetzt komplett fertig gestellten Nordumgehung hat sich die Verkehrslage auch für den Gewerbepark GIP noch einmal verbessert,

Beim Unternehmerfrühstück der Wirtschaftsförderung entstehen häufig neue Kontakte.

weil nun eine zügige Anbindung über die neue Straße an das Autobahnnetz, sprich die A31, vorhanden ist. Der GIP profitiert auch von seiner Nähe zu den Niederlanden, zum einem logistisch und zum anderen, weil es damit auch für Arbeitnehmer aus dem Nachbarland als Arbeitsort attraktiv wird. Natürlich wird in die Ansiedlungsüberlegungen einbezogen, ob die Betriebe nachbarschaftlich zusammenpassen. Von einigen rechtlichen Vorgaben abgesehen gibt es aber seitens der Wirtschaftsförderung keine Vorfestlegung, welche Betriebe, sich wo ansiedeln können. Eine Konzentration von Betrieben einer Branche gibt es nicht. Mit der Einstellung von Andrea Veddeler und Katharina Elskamp hat sich die Wirtschaftsförderung der Stadt Nordhorn nach dem Wechsel von Ingo Neuhaus nach Rheine personell neu aufgestellt. Die Wirtschaftsförderer verstehen sich selbst als Lotsen für die Betriebe, die bei allen Fragen kompetent beraten. Derzeit sieht die Nordhorner Wirtschaftsförderung eine hohe Investitionsneigung der lokalen Wirtschaft, was sich an den hohen Kauf- und Verkaufszahlen der Grundstücke widerspiegelt.

Ein Wegweiser durch das GIP: Seit der Gründung haben sich zahlreiche Betriebe unterschiedlicher Branchen im Südwesten Nordhorns angesiedelt. Fotos: Westdörp

Der Begriff „Park“ wird heute noch durch viele Bäume und einige Grünflächen im GIP mit Inhalt gefüllt.

DIE TEAMPLAN-GRUP


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GELD & GESCHÄFT

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Der Herr der Münzen Im Osnabrücker Münzauktionshaus Künker schlägt das Herz des deutschen Münzhandels In den 1970er-Jahren eine Marktlücke in Deutschland genutzt. 20 000 Objekte versteigert Fritz Rudolf Künker pro Jahr. Auf etwa 5000 Münzen kommt eine Fälschung. VON VINCENT BUSS Fritz Rudolf Künker starrt durch ein Mikroskop auf eine Münze. Der 70-Jährige sitzt im Anzug auf einem weißen Plastikhocker vor einem langen Schreibtisch. Eine der weißen Wände ist von einem großen Regal mit Aktenordnern bedeckt, vor dem Fenster steht ein Schreibtisch mit einem Computer. Daran arbeitet ein Mitarbeiter, den Künker einfach Fabian nennt. Der Raum gehört zum Münzauktionshaus Künker, dem Herz des deutschen Münzhandels, und wird Labor genannt – auch wenn es eher wie ein Bürozimmer aussieht. Dort wird die Ware auf ihre Echtheit geprüft. So wie an diesem Morgen. „Das ist eine gegossene Münze“, sagt Fritz Rudolf Künker, der das nach ihm benannte Auktionshaus vor fast 50 Jahren gegründet hat, nach wenigen Sekunden. „Es müsste aber eine geprägte sein“, erklärt er. Eine Fälschung also. Die findet der Osnabrücker immer mal wieder: Auf etwa 5000 Münzen kommt Künker zufolge eine. Mit Münzen beschäftigt sich der 70-Jährige schon seitdem er sechs Jahre alt ist – auch heute sammelt er noch privat. Aufgewachsen ist Künker in Hagen am Teutoburger Wald. Damals fand er ein FünfMark-Stück des Königreichs Sachsen aus dem Jahre 1903 bei seinem Großvater, der ihm daraufhin weitere Silberstücke aus der Kaiserzeit schenkte. Während der Schulzeit nahm sein Interesse jedoch wieder ab. Erst während des Studiums – Künker studierte Französisch und Geschichte auf Lehramt – keimte die alte Begeisterung wieder auf, als er auf einen Professor für Numismatik, also Münzkunde, traf. „Der konnte Menschen dafür begeistern“, erinnert sich Künker. Damals beschloss er, sein Hobby zum Beruf zu machen, und gründete 1971 die nach ihm benannte Münzhandlung als Ein-Mann-Betrieb in der Nähe von Münster, zog jedoch bald nach Osnabrück. Sein erster Mitarbeiter war sein Bruder Horst Rüdiger. Die Auktionen, die sein Unternehmen groß gemacht haben, wie Künker sagt, werden erst seit 1985 veranstaltet. OSNABRÜCK

AuchmitGoldmünzenwiedieser mitdem Konterfei vonJérômeNapoleon(1784–1860), KönigvonWestphalen,handelt FritzRudolf Künker.

IstdieMünzeecht?Auf5000Münzen kommtlautFritzRudolf Künker eineFälschung.ImsogenanntenLaborwirdbeimAuktionshausjedesStückgeprüft.

ZUR SACHE

Münzhandel in Deutschland Deutsche Münzhändler sind in verschiedenen Verbänden organisiert. Wie viele Händler es genau sind, weiß niemand. Der Berufsverband des Deutschen Münzenfachhandels listet jedenfalls 225 Mitglieder auf, die aus dem klassischen Laden- und

Versandhandel kommen, aber auch Prägestätten, Großhändler, Auktionshäuser und Zubehörhersteller gehören dazu. Informationen des Münzauktionshauses Künker zufolge handelt es sich bei 80 Prozent der Münzhändler um Familienbe-

Dennoch, zur Gründerzeit hatte der heute 70-Jährige eine Marktlücke entdeckt: „Deutschland hatte eine Reihe guter Händler, die aber international eher im Mittelfeld spielten“, erklärt der heute 70-Jährige. Die großen Händler waren ihm zufolge im Ausland, vor allem in der Schweiz. „Der Markt schrie nach ordentlichen Partnern.“ Damit meint Künker vor allem seriöse Händler. Und wenn Kunden einen Händler für seriös hielten, habe dieser einen Vorteil gegenüber seiner Konkurrenz. Zu diesem Geschäftsansatz zählt auch: Münzen, die der Osnabrücker versteigert oder verkauft, erhalten von ihm eine lebenslange Garantie.

triebe mit bis zu fünf Mitarbeitern. Künker selbst hat hingegen 60. Im Bereich Auktionen ist das Haus nach eigenen Angaben Marktführer. Im Versandhandel hingegen führt die Braunschweiger Firma Borek, die sogar 700 Beschäftigte hat.

Sollte sich eine also trotz intensiver Prüfung als Fälschung entpuppen, nimmt Künker sie zurück. Ebenfalls wichtig ist für ihn: „Die eigene Gier muss eingezäumt werden.“ Er will Kunden so beraten, wie er selbst beraten werden möchte. Oft geht es um Münzsammlungen aus Nachlässen. Nichtsdestotrotz braucht er als Händler eine Gewinnmarge. Sie wird im Vorfeld ausgehandelt und dann auf den Auktionspreis aufgeschlagen. Im Regelfall beträgt sie 23 Prozent des erzielten Preises. Je wertvoller also eine Münze ist, je mehr verdient auch das Auktionshaus. Davon werden allerdings auch die Kosten für Kataloge, Saalmiete, Versand und Mitarbeiter bezahlt. Im Durchschnitt beträgt der Preis, für den Münzen versteigert werden, 1000 Euro. Es haben jedoch auch schon Stücke bei 650 000 Euro den Zuschlag erhalten. Zuletzt für Aufsehen gesorgt hatte jüngst eine Münze, die Albrecht Dürer vor 499 Jahren für die Stadt Nürnberg geschaffen hat. Sie ging für 260 000 Euro an einen Liebhaber. Insgesamt versteigert Künker pro Jahr 20 000 Objekte, schätzt der Geschäftsmann. Vor allem die Kunden würden Auktionen schätzen, weil so der Markt den Preis bestimme. Ein weiteres Standbein des Münzauktionshauses sind Goldmünzen, die wie Barren als Anlage

gekauft werden. Lukrativ ist dieses Geschäft für den Osnabrücker aber nicht. „Da sind wir schon froh, wenn wir 20 Euro pro Stück verdienen.“ Denn die Margen seien bei Anlagegold international niedrig. Außerdem versteigert die Tochterfirma „Künker Watches“ einmal pro Jahr Uhren. Den aktuellen Jahresumsatz des Münzauktionshauses, zu dem neben dem Stammhaus in Osnabrück auch Standorte etwa in Hamburg, Zürich, Wien oder Straßburg gehören, schätzt Künker auf 100 Millionen Euro. Gerade wenn es um hochpreisige Münzen geht, hat Künker natürlich auch mit sehr gut betuchten Kunden zu tun. Einer fuhr beispielsweise immer im Maybach vor, erinnert sich der Osnabrücker. Generell würden Münzsammler – im Gegensatz zu Kunstsammlern – ihre Funde jedoch eher verstecken, sagt der 70-Jährige. Diskretion sei daher wichtig. Das wird deutlich, als ein Privatsammler sich bei Künker auf eine Auktion vorbereitet. Er betrachtet

„Deutschland hatte eine Reihe guter Händler, die aber international eher im Mittelfeld spielten.“ Fritz Rudolf Künker

Fotos:DavidEbener

Fritz Rudolf Künker und seine Tochter Julia Kröner haben uns durch das Auktionshaus geführt. Rund20000Objekte werden proJahrversteigert.

die Sammlung in einem großen, lichtdurchfluteten Raum im Münzauktionshaus, der spärlich eingerichtet ist und wie ein Konferenzsaal wirkt. Seinen Namen verraten? Ein Foto machen lassen? Das will er nicht. Stattdessen blättert er in einem Infokatalog, der vor ihm auf dem Tisch liegt. Dann zieht er eine flache Plastikbox mit Münzen aus einem kleinen Schubkasten, betrachtet die Exemplare mit einer kleinen Lupe und macht sich Notizen im Katalog. An einem Tisch gegenüber von seinem sitzen zwei Mitarbeiter Künkers. Sie reichen ihm auf Nachfrage weitere Schubkästen und Behälter mit Münzen, gleichzeitig passen sie auf, dass keine verschwindet. Das Internet bescherte dem Osnabrücker Münzhändler neue Möglichkeiten, etwa Auktionen auf der Website des Unternehmens oder auf Ebay. So sind laut Künker viele junge Kunden gewonnen worden. Mittlerweile betreue das Münzauktionshaus bis zu 20 000 Sammler weltweit. Wenn es darum geht, in welchen Ländern was gesammelt wird, merkt man Künker an, dass er mal Lehrer werden wollte. Er holt bei seiner Erklärung weit aus und streut immer wieder geschichtliches Hintergrundwissen ein. So er-

zählt er, dass in den USA vor allem nationale Münzen gesammelt würden. Andererseits interessierten sich gerade Menschen, die sich auf ihre europäischen Wurzeln berufen, für Münzen aus der Antike und aus den Heimatländern ihrer Vorfahren. Die geschichtlichen Hintergründe, die mit den Sammelobjekten verbunden sind, sind auch das, was Künker an ihnen reizt. Obwohl Fritz Rudolf Künker ebenso wie sein Bruder den Firmenvorsitz im Jahr 2014 abgegeben hat, ist er immer noch aktiv im Unternehmen. Der 70-Jährige streift über die Flure des Neubaus, der an eine moderne Universitätsbibliothek erinnert: helle Wände, dunkler Teppich, wenig Deko, aber immer wieder weiße Regale voller alter Bücher an der Wand. In jedem Raum entlang der Flure sitzen Mitarbeiter. Von allen wird Künker noch Chef genannt. „Ich habe immer noch eine 40Stunden-Woche“, berichtet der Osnabrücker lachend. Noch oft reist Künker zu Kunden, insbesondere nach Frankreich. Denn: „Viele Kunden werden Freunde.“ Oder er sitzt vorm Mikroskop. Die gefälschte Münze jubelte ihm der Labor-Mitarbeiter übrigens bewusst unter. Er wollte seinen ehemaligen Chef testen.


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GELD & GESCHÄFT

Das langsame Verschwinden der Börsen-Dinos Wie sich Dax & Co. entwickeln / Indizes spiegeln Wandel der Wirtschaft wider VON STEFAN WOLFF OSNABRÜCK Mit Thyssen ist ein Industrie-Gigant aus dem Deutschen Aktienindex abgestiegen. Nicht nur an der Börse ist das eine Zäsur. Die Wechsel in den Aktienindizes dokumentieren auch den Wandel in der deutschen Wirtschaft. Kennt jemand noch Feldmühle, die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank oder Veba? Als der Deutsche Aktienindex (Dax) im Juli 1988 aus der Taufe gehoben wurde, waren alle mit dabei. Und Thyssen auch. Ende September ist der Stahlkonzern aus dem Dax in den M-Dax abgestiegen und wurde durch den Triebwerkhersteller MTU ersetzt. Für beide Konzerne bedeutet der Stuhltausch eine Zäsur. Doch den tieferen Einschnitt muss wohl Thyssenkrupp erleiden. MTU dürfte sich nun wachsender Beliebtheit erfreuen. Fondsmanager, die mit ihren Produkten den Dax exakt nachbilden, sind zum Kauf gezwungen. Auch international wächst die Aufmerksamkeit. Mehr als die Hälfte aller Dax-Aktien befinden sich nicht in deutscher Hand. Im Umkehrschluss laufen Thyssen-Aktien weiter Gefahr, in Ungnade zu fallen. Ohnehin hat der hausgemachte Niedergang der einstigen Industrie-Ikone an der Börse jede Menge Substanz gekostet, und auf die kommt es im Endeffekt an.

Einmal im Jahr trifft sich der Arbeitskreis Indizes, um über die Dax-Mitglieder zu entscheiden. Handlungsspielraum gibt es dabei nicht. Über Auf- und Abstieg entscheiden ausschließlich harte Kriterien, also der Umsatz an der Börse und die Zahl der gehandelten Aktien (Marktkapitalisierung). Im Falle einer Fusion oder einer Konzernpleite kann auch ein schneller Ausschluss erfolgen. Und so galt der Deutsche Aktienindex mal als finanzlastig, weil er von Deutscher und Dresdner Bank, von der Commerzbank, der Bayerischen Hypotheken- und der Bayerischen Vereinsbank, von der Allianz und der Münchner Rück bevölkert wurde. Mal wurde dem Dax Technologielastigkeit vorgeworfen, weil sich neben Siemens der Chiphersteller Infineon und der Hersteller elektronischer Bauteile Epcos dort tummelten. Viele Fusionen wie zwischen Veba und Viag zu Eon, zwischen Hoechst und Rhone-Poulenc, zwischen Mannesmann und Vodafone, zwischen Thyssen und Krupp oder die diversen Fusionen im Finanzbereich hatten für jede Menge Bewegung im Dax gesorgt. Momentan gehören Immobilienunternehmen zu den Favoriten. Mit Vonovia ist erstmals ein Immobilienkonzern in den Dax aufgestiegen. Deutsche Wohnen ist ein heißer Anwärter auf die Premium-Mitgliedschaft. Letztlich hatte die Diskussion über die Mietpreisbremse quasi in

Bleiben Sie Kurz notiert immer informiert Runder Geburtstag: Fast fünf Über unseren Wirtschaftsnewsletter erhalten Sie auch zwischen den Ausgaben von „Die Wirtschaft“ dreimal die Woche einen Einblick in die regionale Wirtschaft sowie Wissenswertes zu allgemeinen Wirtschaftstrends direkt per Mail. Die Anmeldung ist kostenfrei über www.noz.de/newsletter. Die nächste „Die Wirtschaft“ erscheint am Donnerstag, 19. Dezember 2019. Anzeigenschluss für diese Ausgabe ist Freitag, 29. November 2019. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter der Adresse www.noz.de/wirtschaft.

GESCHÄFTSFÜHRER: Joachim Liebler und Axel Gleie CHEFREDAKTION: Ralf Geisenhanslüke (Chefredakteur), Dr. Berthold Hamelmann (Vertreter des Chefredakteurs), Burkhard Ewert (Stellvertretender Chefredakteur) KOORDINATION: Nina Kallmeier AUTOREN DIESER AUSGABE: Marcus Alwes, Christoph Assies, Susanna Austrup, Heiner Beinke, Vincent Buss, Malte Goltsche, Karsten Grosser, Berthold Hamelmann, Lothar Hausfeld, Almut Hülsmeyer, Nina Kallmeier, Volker Kühn, Christoph Lützenkirchen, Hermann-Josef Mammes, Thomas Pertz, Melanie Heike Schmidt, Jonas Schönrock, Jörg Schürmeyer, Stefan Wolff REDAKTION V.i.S.d.P.: Ralf Geisenhanslüke FOTOGRAFEN: Markus Alwes, Christoph Assies, Susanna Austrup, Heiner Beinke, Büro Lava, David Ebener, Finanztip, Michael Gründel, Herzog Maschinenfabrik, Krone, Christoph Lützenkirchen, Jörn Martens, Matthias Michel, Thomas Pertz, S. Schöning, Jonas Schönrock, Hermann-Josef Mammes, Michael Wessels, Gert Westdörp VERLAG: Neue Osnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG, Postfach 42 60, 49032 Osnabrück; Breiter Gang 10–16, Große Straße 17–19, 49074 Osnabrück, Telefon 0541 310-330, Telefax 0541 310-266; Internet: www.diewirtschaft.noz.de; E-Mail: diewirtschaft@ noz.de ANZEIGEN-/WERBEVERKAUF: MSO Medien-Service GmbH & Co. KG, Große Straße 17–19, 49074 Osnabrück, Postfach 29 80, 49019 Osnabrück, Telefon 0541 310-500, Geschäftsführer: Sven Balzer, Anzeigen-/ Werbeverkauf: Sven Balzer, Ansgar Hulsmeier, Dirk Riedesel, Marvin Waldrich ANZEIGENANNAHME: Geschäftskunden: Telefon 0541 310-510, Telefax 0541 310-790; E-Mail: auftragsservice@mso-medien.de ANZEIGEN-/WERBEVERKAUF für Ausgabe Grafschaft Bentheim: Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG, Coesfelder Hof 2, 48527 Nordhorn, Telefon 05921 707410, Verlagsleiter: Matthias Richter (V.i.S.d.P.) ANZEIGENANNAHME für Ausgabe Grafschaft Bentheim: Grafschafter Nachrichten GmbH & Co. KG, Telefon 05921 707-410; E-Mail: gn.media@gn-online.de, Leitung Mediaverkauf: Jens Hartert TECHNISCHE HERSTELLUNG: Druckzentrum Osnabrück, Weiße Breite 4, Osnabrück (Ausgabe Osnabrück/Emsland); Grafschafter Nachrichten, Coesfelder Hof 2, Nordhorn (Ausgabe Grafschaft Bentheim)

Jahrzehnte stand Dietmar Harting an der Spitze der heutigen Harting Stiftung & Co. KG. In dieser Zeit gelang dem Technologiekonzern aus Espelkamp der Sprung vom mittelständischen Unternehmen zum Global Player. Jetzt feierte Harting, der sich mittlerweile auf einem Bauernhof der nachhaltigen Landwirtschaft widmet, seinen 80. Geburtstag. Neuer Bereichsvorstand: Der 42-jährige Mario Peric ist Nachfolger von Gustav Holtkemper als Bereichsvorstand bei der Commerzbank im Marktbereich West. Peric verantwortet rund 260 Filialen mit knapp 2,5 Millionen Kunden in Nordrhein-Westfalen sowie den Landkreisen Osnabrück, das südliche Emsland und die Grafschaft Bentheim. Oberster Baugewerkschaftler: Der neue Regionalleiter der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Weser-Ems heißt Christian Wechselbaum. Der 38-Jährige übernimmt den Posten von Holger Bartels, der die Region übergangsweise geführt hatte. Die Gewerkschaft vertritt die Interessen von rund 58 000 Bauarbeitern und 32 000 Reinigungskräften zwischen Emsland und Cuxhaven, zwischen Norderney und Osnabrücker Land. Christian Wechselbaum, der vom Niederrhein stammt, ist seit zwölf Jahren gewerkschaftlich in der Region unterwegs. In Bremen und zuletzt in Oldenburg arbeitete der gelernte Industriekaufmann für die Gewerkschaft NGG. Schwarz und gut: Beim Qualitätstest der Stiftung Warentest schneidet Büntings Schwarztee „Earl Grey“ im Aufgussbeutel als Testsieger ab. Insgesamt waren die Inhaltsstoffe von 30 Schwarztees unterschiedlicher Anbieter analysiert worden, darunter die Sorten Schwarzteemischung, Ostfriesische Mischung sowie Earl Grey.

In derZusammensetzungdesDaxgibtesVerschiebungen.

letzter Minute MTU den Aufstieg ermöglicht. Eine weitere Zäsur stellte der Aufstieg des Zahlungsdienstleisters Wirecard dar, der die Commerzbank aus dem Dax verdrängte. Hier spiegelt sich der Wandel in der Finanzbranche. Das klassische Bankgeschäft wird zunehmend von konkurrierenden, kleineren Dienstleistern dominiert. Fintechs bieten Überweisungen, die Abwicklung von Aktiengeschäften, ja sogar die Beratung beim Immobilienkauf an und graben so zunehmend den Banken das Wasser ab, ohne selbst Bank zu sein.

Foto:imagoimages/LarsBerg

Auch in den hinteren Reihen, also bei M-Dax, S-Dax oder dem Technologieindex Tec-Dax, haben sich in der Vergangenheit deutliche Verschiebungen ergeben. So spiegelte der Tec-Dax als Nachfolger des Neue-Markt-Index Nemax 50 nicht nur Aufstieg und Fall der InternetWerte, sondern auch die Euphorie rund um die deutsche Solarindustrie, die es erst zur Technologieführerschaft brachte und dann von der hoch subventionierten Konkurrenz aus China erledigt wurde. Weitere solche Umbrüche dürften folgen. Bei den Dax-Dinos wackelt die Lufthansa am stärksten, zumindest

was den Börsenwert angeht. Thyssen hat als Ziel übrigens den „Wiederaufstieg“ ausgegeben. Das ist leichter gesagt als getan. Die von der EU verbotene Fusion der Stahlsparte mit dem indischen Tata-Konzern hat sämtliche Planungen über den Haufen geworfen. Schon machen Gerüchte über eine mögliche Fusion mit dem Stahlhändler Klöckner die Runde. Auch ein Börsengang der Aufzugsektion gilt als Option. Oder gar die Aufspaltung, denn momentan ist Thyssen als Ganzes weniger wert als die Summe seiner Teile. In einem solchen Fall dürfte die Mitgliedschaft im Dax endgültig Geschichte sein. An der grundsätzlichen Bedeutung der Börsenindizes dürfte das allerdings nur wenig ändern. Der Deutsche Aktienindex bildet die Kursentwicklung der 30 größten an der Börse geführten deutschen Konzerne ab. Dahinter folgt der M-Dax. Hier tummeln sich 50 Aktien-Unternehmen, die aber nicht zwingend ihren Sitz in Deutschland haben müssen. Deshalb findet man Airbus im M-Dax und nicht im Dax. Der SDax wird auch als Kleinwerteindex bezeichnet. Dabei sind die 30 Unternehmen, die in der Rangfolge hinter den M-Dax-Werten stehen, ebenfalls millionenschwer. Im Tec-Dax finden sich schließlich 30 Technologie-Firmen, die es nicht in den Dax oder M-Dax geschafft haben. Mit unzähligen Fonds oder Zertifikaten können Anleger von der

Wertentwicklung von Dax & Co. profitieren, ohne einzelne Aktien kaufen zu müssen. Die Deutsche Börse bietet zudem jede Menge spezielle „Daxe“ an, in denen einzelne Branchen vertreten sind oder Unternehmen, die eine besonders hohe Dividende zahlen (Div-Dax). Außerdem ermöglicht die Dax-Familie, Wetten auf einzelne Aktien oder Indizes abzuschließen. Diese Termingeschäfte finden an der Terminbörse Eurex statt. Dort werden mehr Umsätze gemacht als im klassischen Börsengeschäft. Insgesamt können Anleger 120 000 verschiedene Indexprodukte kaufen und verkaufen. Unterm Strich ist das ein Riesengeschäft für die Börse. Dass der Index den Wandel der Wirtschaft quasi dokumentiert, ist ein Nebeneffekt, allerdings mit großer Wirkung. „Der Dax ist ein Evergreen, er ist das Leitplankensystem der Börse“, sagt Robert Halver, der bei der Baader Bank das Aktiengeschäft verantwortet. „Und er bleibt auch ewig jung, weil er regelmäßig angepasst wird.“ So mancher „Dino“ wird das noch zu spüren bekommen, da sich die Anlegerthemen und damit auch die Themen der Wirtschaft weiter verschieben. Die Klimadebatte und die Entwicklung der Gesellschaft können Unternehmen nach vorne bringen, die sich noch gar nicht auf dem Radarschirm der Börse befinden.

LPKF trotzt dem Trend Jubiläum: Der Meller Büromöbelhersteller Assmann feierte seinen 80. Geburtstag mit rund 550 aktiven und ehemaligen Mitarbeiter sowie deren Partnern. „Wer gut arbeitet, kann auch gut feiern“, so Geschäftsführer Dirk Aßmann in Anlehnung an das Firmenmotto „Gute Arbeit“. Expansion: Hellmann Worldwide Logistics hat die erste eigene Luft- und Seefrachtniederlassung in Frankreich eröffnet. Mit dieser Investition schließt das Unternehmen eine Lücke im Europanetzwerk und baut das Leistungsspektrum weiter aus. Die erste französische Niederlassung befindet sich in Villepinte, nahe des Pariser Flughafens Charles de Gaulle. Von hier aus soll das Niederlassungs-Netzwerk in Frankreich ausgebaut und weitere Standorte eröffnet werden, um die Marktposition von Hellmann in Frankreich zu stärken. „Das Potenzial in Frankreich ist enorm, gerade unsere strategischen Großkunden können wir so optimal an das weltweite Hellmann-Netzwerk anbinden“, so Jens Tarnowski, CEO Region Europe Hellmann Worldwide Logistics. Große Bühne: Die Stage Entertainment GmbH aus Hamburg, eines der weltweit führenden LiveEntertainment-Unternehmen, hat die GVO Personal aus Osnabrück mit dem Vorderhausmanagement für sämtliche deutschen Musicaltheater der Gruppe beauftragt (Hamburg, Stuttgart, Berlin, Oberhausen, Essen und München). Beim Vorderhaus handelt es sich um jene Bereiche des Theaters, die nicht zum künstlerischen Angebot gehören. Dazu zählen das Einlassmanagement, die Garderoben, die gastronomische Versorgung, der Merchandise-Verkauf sowie der Saaldienst. Die Unternehmen haben zunächst einen Dreijahresvertrag geschlossen, das erwartete Umsatzvolumen liegt im zweistelligen Milllionenbereich.

Börse: Bitcoin Group SE erneut auf Talfahrt

VON LOTHAR HAUSFELD UND NINA KALLMEIER Während die Aktienpapiere der Gerry Weber AG aus dem westfälischen Halle weiter ungebremst dem Nullpunkt entgegentaumeln, trotzt die LPKF Laser & Electronics AG aus Garbsen bei Hannover der eher düsteren Stimmung im deutschen Maschinenbau. „Wir sehen keine dauerhafte Eintrübung der Auftragslage“, sagt der LPKF-Vorstandsvorsitzende Götz Bendele im Interview in „Euro am Sonntag“. Die prognostizierten Jahreszahlen seien bestätigt worden, als Technologiefirma sehe er sein Unternehmen von der generellen Abschwächung des Maschinenbaus kaum betroffen. Insbesondere der Bereich Electronics sorgte in den vergangenen Monaten für zufriedene Mienen in der Unternehmensführung, nachdem im Vorjahr hier noch rote Zahlen geschrieben wurden. Durch den Umbau und die Stärkung des Servicegeschäfts wurde dieses Segment stabilisiert und auf Profitabilität getrimmt. Der Aktienkurs reagiert entsprechend: In den vergangenen Wochen legten die Papiere um stolze 63 Prozent zu; Experten sprechen weiterhin ein „Buy“ aus und sehen die positive Kursentwicklung noch nicht am Ende. Anders ergeht es aktuell der Bitcoin Group SE, Betreiber der bekannten Handelsplattform bitcoin.de. Schon seit Mitte Juni befindet sich die Aktie – abgesehen von immer mal wieder kurzfristigen steilen Aufstiegen – im Abwärtstrend. Daran haben auch die Vorstellung des Halbjahresberichts und die Bestätigung der Prognosen für das laufende Geschäftsjahr nichts geändert. „Wir sind mit der Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr 2019 zufrieden; sie liegt voll-

LPKF Laser & Electronics AG

Angaben in Euro 12,0

GARBSEN/HERFORD

10,0 9,0 8,0 7,0 6,0

Juli

August

September

Bitcoin Group SE

Oktober Angaben in Euro

38,0 36,0 34,0 32,0

28,0 26,0 24,0

Juli

August

umfänglich in unserem Erwartungsbereich. Die nachhaltige Erholung an den Kryptowährungsmärkten beweist erneut, dass Bitcoin und Co. gekommen sind, um zu bleiben, und die Akzeptanz kontinuierlich wächst“, sagte der geschäftsführende Direktor der Bitcoin Group SE, Marco Bodewein. Der Umsatz der Gruppe ist – auch aufgrund eines nachlassenden Hypes um die Kryptowährung – in den ersten sechs Monaten des Jahres auf 2,5 Millionen Euro gesunken – im ersten Halbjahr 2018 waren es noch 8,3 Millionen. Auf die Gewinne hat dies jedoch wenig Auswir-

September

Oktober

kungen. Dank der seit Frühling wieder stark steigenden Bitcoin-Notierungen konnte die Bitcoin Group einen Halbjahresgewinn vor Steuern und Zinsen (EBIT) in Höhe von 4,3 Millionen Euro nach 4,9 Millionen Euro im Vorjahr erzielen. Ob die Diversifizierung des Geschäftsmodells, das die Bitcoin Group anstrebt, die Kurse langfristig wieder steigen lässt, bleibt abzuwarten. Eines der Kernprojekte ist dabei laut Unternehmen der Launch der Bitcoin-App. Ebenso dazu zählt das Ziel, bitcoin.de zu einer Kryptowährungsbörse mit multilateralem Ansatz auszubauen.


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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

GELD & GESCHÄFT

Zahlen mit dem Handy – lohnt sich das? Parktickets können in der Region häufig per App bezahlt werden / In Osnabrück verdoppelt sich die Nutzerzahl jeden Monat VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/MEPPEN Die Parkdauer am Straßenrand mit einem Daumenwischen einstellen und nicht mehr nach lästigem Kleingeld suchen? Oder die Parkzeit während des Einkaufens verlängern, weil es doch länger dauert als gedacht, wenn die Höchstparkdauer noch nicht überschritten ist? Nicht nur in Osnabrück, auch in Meppen und Lingen ist das seit Kurzem kein Problem. Eine App soll dafür sorgen, dass das Parken für all jene, die ihr Fahrzeug an einem der 130 Parkscheinautomaten der OPG in Osnabrück abstellen, noch einfacher wird. Die Parkgebühren entsprechen dabei der kommunalen Parkgebührenordnung. Für die Nutzung des Services fallen in Osnabrück allerdings Servicegebühren in Höhe von 10 Prozent der Parkgebühr an. Gleiches gilt für die Stadtwerke Meppen, die ebenfalls die Bezahlung von Parktickets mit SMS und jetzt auch per App anbieten. Doch springt der Kunde auf den neuen Service an? „Die OPG-Daten der letzten Wochen zeigen eine breite Akzeptanz des erst im Juli 2019 eingeführten Online-Bezahlsystems PayByPhone unseres Dienstleisters sunhill technologies GmbH. Die Resonanz ist durchweg positiv“, heißt es auf Anfrage in Osnabrück. Seit der Einführung seien

deutlich mehr als 1000 Parkvorgänge am Straßenrand digital abgewickelt worden. Indes seien die Zahlungen per Bargeld leicht rückläufig, und die Zahlungen per Girokarte würden auf niedrigem Niveau stagnieren. „Die Anzahl der Nutzer von PayByPhone dagegen verdoppelt sich aktuell jeden Monat.“ Die dynamische Entwicklung der Nutzerzahlen bestätige die Strategie, alle Vorgänge im Geschäft mit Parkstätten, also auch das Straßenrandparken, so einfach und so bequem wir möglich zu gestalten. „Die Erfahrungen in anderen Städten stimmen uns zuversichtlich, dass sich die Anzahl der Nutzer von PayByPhone auch weiterhin positiv entwickeln wird“, ist man bei der OPG überzeugt. Ganz anders war das laut Unternehmen beim ursprünglichen SMSSystem. „Das wurde Ende 2017 eingestellt, weil letztlich die Akzeptanz der Kunden fehlte“, so die OPG. Mit dem System PayByPhone sei es zwar technisch möglich, per SMS zu zahlen. Damit werde dem Kunden die größtmögliche Auswahl an Bezahl-Methoden angeboten. „Allerdings ist die Eingabe der richtigen Zahlen- und Buchstabenkette in der SMS umständlich und wenig komfortabel. Unser Ziel ist es daher, dass die Kunden die wesentlich bequemere und damit kundenfreundlichere App nutzen“, heißt es seitens der Osnabrücker Gesellschaft.

ZUR SACHE

PayByPhone PayByPhone ist eine kostenlos verfügbare App, die dem Nutzer mittels GPS die nächstgelegene Parkzone anzeigt. Die Parkgebühr wird einfach mit einem „Klick“ bezahlt – über die Mobilfunkrechnung, per Kreditkarte oder per Lastschrift. Auf die Einhaltung der Höchstparkdauer achtet das System. Die Verkehrsüberwachung überprüft mittels elektronischer Kennzeichenabfrage, ob für ein Fahrzeug ein Handyparkschein gelöst wurde. Hilfreich für ortsfremde Besucher: Mit der Zusatzfunktion „Zurück zum Auto“ dient die App als Wegweiser zum Fahrzeug. Kein Kleingeld zurHand? InOsnabrückkannauchperApp bezahltwerden.

Die Daten der vergangenen Wochen zeigten, dass sich die App mit deutlich mehr als 1000 Parkvorgängen durchgesetzt habe. Für das Unternehmen, das in zwölf Parkhäusern und auf elf Parkplätzen rund 5000 Stellplätze betreut, ist die App eine konsequente Weiterentwickung der Digitalisierungsstrategie. „Die OPG war schon immer ein Pionier bei der Einfüh-

rung neuer Technologien wie beispielsweise neuer Bezahl-Methoden“, heißt es seitens der Gesellschaft, die zu 94 Prozent der Stadtwerke Osnabrück AG und zu 6 Prozent der Stadt Osnabrück gehört. Nach einem strengen Auswahlprozess habe man sich für die sunhill technolgies GmbH als Dienstleister entschieden. „Die Zahlen belegen, dass die Entscheidung richtig war.“

Foto:Matthias Michel

Das Unternehmen, seit 2015 eine Tochter der Volkswagen Financial Services AG, bietet die App nicht nur in Osnabrück an. Auch die Stadtwerke Meppen arbeiten beim Thema digitalisiertes Parken mit dem Dienstleister zusammen. Deutschlandweit wird der digitale Service zum Bezahlen von Parkgebühren an öffentlichen Parkplätzen an mehr als 220 Standorten ange-

boten, darunter auch Lingen und Cloppenburg. Eine Ausweitung des Bezahlsystems auf andere Parkstätten der OPG ist bereits in Arbeit. Diese Möglichkeit war ein Grund, warum sich die Osnabrücker Gesellschaft für den Anbieter entschieden hat. Im Zuge der weiteren Innovationen der OPG im nächsten Jahr soll es so weit sein.


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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

GELD & GESCHÄFT

GELD & GESCHÄFT

„Standardlösungen sind nicht unsere DNA“

BSI registriert 114 Millionen neue Schadprogramme BSI: Jeder Vierte wird im Netz Opfer von Betrug

VON NINA KALLMEIER

Der Osnabrücker IT-Dienstleister LM IT behauptet sich erfolgreich auf nationaler und internationaler Bühne

Zahl der Mitarbeiter in IT-Unternehmen steigt in der Region. LM IT ist auch mit ambitionierten Projekten gewachsen. Bedarf an Spezialisten wird sich laut Bitkom weiter erhöhen. VON CHRISTOPH LÜTZENKIRCHEN OSNABRÜCK Ohne eine IT-Infrastruktur läuft heute in einem Unternehmen fast nichts – und ständig kommen neue Anforderungen hinzu. Das Resultat: Der IT-Markt boomt, und Spezialisten sind gefragt. Allein im Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim ist die Zahl der Beschäftigten in der Branche seit 2012 um 1000 Mitarbeiter gestiegen. Im Jahr 2017 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – beschäftigten die 917 IT-Unternehmen laut Statistischem Landesamt 4136 Personen. Tendenz steigend. Hinzu kommen Freiberufler, die als Selbstständige nicht in dieser Statistik erfasst sind. Zu den IT-Unternehmen in der Region gehört auch die LM IT AG. Mit den Veränderungen der Branche erfindet sich auch der Osnabrücker Dienstleister laufend neu. „Um erfolgreich zu bleiben, müssen wir unser Geschäftsmodell alle drei Jahre renovieren“, sagt Marc Liepe, CEO des Unternehmens. Kein Wunder, dass der Betriebswirtschaftler und sein Vorstandskollege Manuel Mummert hohe Ansprüche an ihre 190 Mitarbeiter stellen. Die Bereitschaft, jede neue Herausforderung zu meistern, mache das Team aus und sei der wichtigste Antrieb für den Erfolg, sagt Liepe. „Schon immer haben wir Aufträge angenommen, die eine Herausforderung für das Unternehmen darstellten. Wo noch nicht in jedem Detail klar war, wie wir das Projekt erfolgreich abschließen können“, so

DieZahl der Mitarbeiter bei derLM ITAG hatsich indenvergangenen20Jahrenauf 190 erhöht. Foto:Christoph Lützenkirchen

der Unternehmer weiter. LM IT suche Mitarbeiter, die solche Herausforderungen lieben, Verantwortung übernehmen und gestalten wollen. Er sei davon überzeugt, dass es richtig ist, ihnen früh Verantwortung zu übertragen, so der Vorstand: „Wenn man Menschen etwas zutraut, wachsen sie über sich hinaus. Wir wünschen uns, dass sie als Unternehmer im Unternehmen tätig sind.“ Einige der heutigen Tätigkeitsfelder seien aus Ideen von Mitarbeitern entstanden, sagt Liepe. Ein spektakulärer Auftrag aus der jüngeren Geschichte des Unternehmens illustriert exemplarisch, dass dies nicht bloße Behauptungen sind. Die Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) mit Sitz in Osnabrück beauftragte LM IT damit, in knapp sieben Monaten die Software für das Verpackungsregister LUCID zu entwickeln. Zu den

„Um erfolgreich zu bleiben, müssen wir unser Geschäftsmodell alle drei Jahre renovieren.“ Marc Liepe, CEO LM IT AG

Zielen der Stiftung gehört es, bundesweit einheitlich die Entsorgung und das Recycling von Verpackungen für den privaten Endverbraucher zu kontrollieren. Außerdem soll sie eine faire Verteilung der dabei entstehenden Kosten im Markt etablieren. Das Wagnis gelang. Pünktlich zum Inkrafttreten des neuen Verpackungsgesetzes am 1. Januar 2019 konnte eine Datenbank inklusive der gesamten Infrastruktur in Betrieb genommen werden. Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Im Laufe der Entwicklung mussten unzählige Details mit der Rechts- und Fachaufsicht, dem Umweltbundesamt, abgestimmt werden. Das Lastenheft der europaweiten Ausschreibung, die LM IT gewonnen hatte, umfasste über 400 Seiten. Mit dem Ergebnis war die Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister zufrieden. „Ich habe Marc Liepe, Manuel Mummert und ihre Mitarbeiter als hochinnovatives, leistungs- und belastungsfähiges Team kennengelernt“, sagt Gunda Rachut, Vorstand der ZSVR. „Bei LM IT haben wir flache Hierarchien vorgefunden, die Geschäftsführung traut den Mitarbeitern etwas zu, sie kann sie für Aufgaben begeistern.“ Daraus entstehe persönliches Engagement, das außergewöhnliche Leistungen möglich mache, so Rachut weiter. „Auch unter dem enormen Zeitdruck, der in unserem Fall bestand, hatten wir in LM IT einen fairen und ruhigen Partner, der selbst in schwierigen Situationen die anspruchsvollsten Aufgaben gelöst hat, ohne den Humor zu verlieren.“ Ambitionierte Projekte wie dieses hatten Liepe und Mummert sicher noch nicht vor Augen, als sie ihr Unternehmen vor 25 Jahren ins Leben riefen – da gingen viele ihrer heutigen Mitarbeiter noch in die Grundschule. Eigentlich fing alles damit an, dass zwei BWL-Studenten sich ihr Studium finanzieren wollten. „Es war eher Zufall, dass wir auf die Idee kamen, EDV-Trainings an Volkshochschulen und ähnlichen Bildungseinrichtungen anzubieten“, erzählt Marc Liepe. Mit Kursen wie „EDV für Landfrauen“ oder „Ein PC im Haus – was nun?“ ging es los.

Jeder Vierte in Deutschland war bereits Opfer von Kriminalität im Internet. Das ergab die Umfrage „Digitalbarometer 2019“ des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK). Dabei begegnet Betroffenen Kriminalität im Netz laut Befragung am häufigsten als Betrug beim Onlineshopping (36 Prozent), Phishing (28 Prozent) und Schadsoftware (26 Prozent). Doch nicht nur Privatpersonen sind Ziel von Kriminellen – auch die Wirtschaft bietet Angriffspunkte. „Allgemein lässt sich sagen, dass alle Branchen – vom großen Metallverarbeiter oder Mittelständler in der Chemiewirtschaft bis hin zur kleineren Dienstleistungsagentur – im hohen Maße betroffen sind“, sagte BSI-Präsident Arne Schönbom schon im Interview mit unserer Redaktion. Und auch in der Region ist das Thema angekommen, wie eine Unternehmensbefragung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim in der Vergangenheit gezeigt hat. Rund 40 Prozent berichteten damals von konkreten Angriffen in den vergangenen zwölf Monaten, häufig mit Viren oder Trojanern. Deutschlandweit waren in den vergangenen zwei Jahren rund 68 Prozent der Unternehmen betroffen, heißt es vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Rund zehn Prozent der angegriffenen regionalen Unternehmen mussten laut IHK-Umfrage Schäden von mehr als 20 000 Euro hinnehmen. Doch woran liegt es, dass trotz aller Informationen und Warnungen zur IT-Sicherheit so viele Firmen von Internetkriminalität betroffen sind? „Wir machen es den Angreifern oft noch zu leicht“, sagt BSI-Präsident Arne Schönbohm. Alle Branchen und Unternehmen jeder Größe könnten gehackt und erpresst werden. „Sicherlich konzentrieren sich Kriminelle gerne auf jene, die entweder hohe Umsätze generieren oder durch ihr spezifisches Know-how über wichtige Betriebsgeheimnisse verfügen. Das sind übrigens auch viele Mittelständler in Deutschland.“ Aber auch für die kleinen Betriebe könne es um die Existenz gehen, wenn die Kundendatenbank verloren gehe, Aufträge nicht mehr angenommen oder ausgeführt werden könnten oder Rechnungen nicht mehr geschrieben und zugeordnet werden könnten. „Was wirklich wichtig ist zu verinnerlichen: Jeder Euro der in IT-Sicherheit fließt, zahlt sich mindestens doppelt aus. Verbraucher und Kunden fragen immer stärker ab: Ist das Produkt sicher? Wer hier am falschen Ende spart, steht am Ende mit leeren Händen da.“ Laut Digitalbarometer kann das Informationsverhalten der Nutzer das Risiko erhöhen, Opfer von Betrug und anderen Straftaten im Internet zu werden. Demnach informiert sich nur ein Drittel regelmäßig über Internetsicherheit, die meisten hingegen nur im Problemfall. Die Auswertung zeigt, dass das oft auch eine Altersfrage ist – und ältere Menschen deutlich besser auf Sicherheit achten: Fast die Hälfte aller 60- bis 66-Jährigen setzt Empfehlungen sofort um (49 Prozent), während es bei den 16- bis 29-Jährigen etwa jeder Vierte (26 Prozent) ist. Das führt dazu, dass jüngere Befragte häufiger mehrfach Opfer von Kriminalität im Zusammenhang mit dem Internet wurden, so das BSI. Wenn auf Sicherheit im Netz geachtet wird, ist das in erster Linie beim Onlinebanking (62 Prozent) oder dem Onlineshopping (44 Prozent). Etwa ein Drittel macht sich Gedanken zum BERLIN/OSNABRÜCK

IT-Fachkräftesindgefragt. InderRegiongibtesinsgesamt mehrals900 Unternehmenim Bereich Internetund Kommunikation. Foto:imagoimages/SciencePhotoLibrary

1994 gründeten sie die Liepe & Mummert GbR. Die Nachfrage wuchs. Irgendwann konnten die beiden Jungunternehmer gar nicht mehr alle Kurse selbst durchführen, und das Team musste schnell größer werden. Zeitgleich kamen die ersten Firmenkunden hinzu. Die dann folgende Entwicklung ist eine Erfolgsgeschichte: Die Umsatzerlöse stiegen von umgerechnet einer Million Euro im Jahr 1999 auf mehr als 17,3 Millionen im Jahr 2009 und auf zuletzt 24,1 Millionen im zurückliegenden Geschäftsjahr 2018. Parallel stieg die Zahl der Mitarbeiter von 19 vor 20 Jahren auf aktuell 190. Der Altersdurchschnitt liegt bei 33 Jahren. Neben dem Firmensitz in Osna-

brück unterhält LM IT mittlerweile auch Standorte in Münster und in den USA. Liepe und Mummert erweiterten ihr Unternehmen im Laufe der Jahre mehrfach um zusätzliche Geschäftsbereiche. Heute beschäftigen sich die Mitarbeiter an den drei Standorten mit den Themen Training, Beratung, individuelle Softwareentwicklung, Event, Digital Learning und Experten. Zu den Kunden des Unternehmens gehören zahlreiche nationale wie internationale Firmen und IT-Systemhäuser aus dem Mittelstand. Auch international tätige Großkonzerne zählen zum Kundenkreis, bedeutendster Auftraggeber ist der US-Softwareriese Microsoft. Im laufenden Jahr 2019 wurden alle Aktivitäten zur Digitalisierung in Unternehmen in der neuen Dachmarke Aliferus gebündelt. Da es nicht leicht ist, in der Region qualifizierte Mitarbeiter zu finden, bildet das Unternehmen in fünf Berufen aus, darunter Fachinformatiker, Veranstaltungs- und Personaldienstleistungskaufleute. Für die weitere Entwicklung des Osnabrücker IT-Dienstleisters setzt Marc Liepe auf fortwährenden Wandel. „Standardlösungen sind nicht unsere DNA“, betont er: „Wir kombinieren unsere Kompetenzen aus den Bereichen Training, Beratung, Softwareentwicklung und Eventmanagement immer wieder neu und schaffen so individuell passende Lösungen in Zeiten der digitalen Transformation, die unsere Kunden erfolgreicher machen.“ Sorgen über fehlenden Bedarf an IT-Fachkräften muss Liepe sich ohnehin nicht machen. Laut einer Um-

frage des Digitalverbands Bitkom ist in den vergangenen sechs Monaten der Anteil der von IT-Projektdienstleistern geleisteten Arbeitsstunden am gesamten Projektvolumen um sechs Prozentpunkte auf 41

Prozent gestiegen. Dabei werden 27 Prozent der Arbeitsstunden von ITFreelancern und 14 Prozent von ITDienstleistungsunternehmen geleistet. Diese Anteile könnten in Zukunft weiter steigen. Denn: Sieben

von zehn Großunternehmen erwarten, dass sowohl IT-Freelancer als auch IT-Dienstleistungsunternehmen künftig an Bedeutung gewinnen werden. Entsprechend würden externe Spezialisten in Zukunft

noch stärker gefragt sein, meint Axel Pols, Geschäftsführer der Bitkom Research: „Insbesondere größere Unternehmen treiben die Nachfrage nach IT-Projektdienstleistern.“

ZUR SACHE

Rekordjahr im Markt für IT-Sicherheit Technologien und Lösungen zur Verbesserung der IT-Sicherheit sind gefragt wie nie: Im laufenden Jahr geben Unternehmen in Deutschland laut Digitalverband Bitkom voraussichtlich 4,6 Milliarden Euro für Hardware, Software und Services im Bereich IT-Sicherheit aus – ein Allzeithoch und 10 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2018. Ein Ende des Booms ist dennoch nicht in Sicht. Berechnungen der Marktforscher von IDC im Auftrag von Bitkom zeigen, dass für das Jahr 2020 ein weiteres Wachstum um 7,5 Prozent auf 4,9 Milliarden Euro prognostiziert wird. „Unternehmen und Behörden haben die enorme Bedeutung von IT-Sicherheit erkannt und investieren“, so Ursula Morgenstern, Mitglied im Bitkom-Hauptvorstand. „Das digitale Wettrüsten zwischen Cyberkriminellen, Nachrichtendiensten und Unternehmen geht in die nächste Runde.

IT-Sicherheit ist auch langfristig ein Wachstumsmarkt.“ Mit 53 Prozent machen Dienstleistungen laut Digitalverband den mit Abstand größten Anteil am Gesamtmarkt aus. Die Ausgaben

belaufen sich im Jahr 2019 auf voraussichtlich 2,4 Milliarden Euro, ein Plus von 10,2 Prozent. Für IT-Sicherheitssoftware geben Unternehmen in Deutschland 1,4 Milliarden Euro aus, 9,9 Prozent mehr als im Vor-

jahr. 780 Millionen Euro entfallen auf Geräte und Hardware, ein Plus von 9,6 Prozent. „Trotz der steigenden Ausgaben haben vor allem viele kleinere Unternehmen immer noch Nachholbe-

darf beim Thema IT-Sicherheit“, so Morgenstern. „Neben einem robusten ITSicherheitsmanagement gilt es vor allem, die eigenen Mitarbeiter entsprechend zu schulen und Prozesse für den Notfall aufzusetzen.“

Ausgaben für IT-Sicherheit in Deutschland Angaben in Milliarden Euro

0,8

0,6 Services

2018 1,3

Gesamt 4,1 Milliarden Euro

2019

(erwartet)

Software

2,2

Gesamt 4,6 Milliarden Euro

Hardware

2,4

1,4

Quelle: Bitkom · Grafik: Matthias Michel

allgemeinen Surfen (33 Prozent) und zur E-Mail-Kommunikation (30 Prozent). Weniger relevant ist die Sicherheit bei der Nutzung sozialer Netze (14 Prozent) und bei der Kommunikation per Messenger (11 Prozent). Dabei bleibt die Cyber-Bedrohungslage laut aktuellem BSI-Bericht zur Lage der IT-Sicherheit anhaltend hoch. Bundesinnenminister Horst Seehofer sagte bei der Vorstellung: „Wir müssen als Gesellschaft begreifen, dass unsere digitalisierte Zukunft untrennbar mit der konsequenten Umsetzung von ITSicherheit verbunden ist. Wenn wir die Chancen der Digitalisierung voll ausschöpfen wollen, müssen wir die mit ihr verbundenen Risiken beherrschbar machen.“ Der Bericht zur Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2019 gibt einen Überblick über die Entwicklung der Bedrohungslage im Cyber-Raum vom 1. Juni 2018 bis zum 31. Mai 2019 sowie über die Aktivitäten und Maßnahmen des BSI in diesem Zeitraum und wird jährlich im Herbst vorgestellt. Demnach hat das BSI in diesem Zeitraum rund 114 Millionen neue Schadprogramm-Varianten registriert, DDoSAngriffe mit bis zu 300 Gbit/s Angriffsbandbreite beobachtet und bis zu 110 000 Bot-Infektionen täglich in deutschen Systemen registriert – meist auf mobilen Endgeräten oder Geräten des Internets der Dinge (IoT). „Alle internetfähigen Geräte sind potenziell anfällig, dazu können auch der Kühlschrank oder die Heizung gehören“, sagte BSI-Präsident Schönbohm schon im Interview mit unsere Redaktion und wies auch darauf hin, dass „die Sicherheitsvorkehrungen dort oft rudimentär“ sind. „Von daher gehe ich davon aus, dass die Mehrzahl internetfähiger Geräte durch Viren, Trojaner oder sonstige Schadsoftware-

„Wir machen es den Angreifern oft noch zu leicht.“ BSI-Präsident Arne Schönbohm

varianten infiziert ist“, so Schönbohm damals weiter. Im jüngsten Berichtszeitraum ging ein wesentliches Risiko für Anwender in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat von der Schadsoftware Emotet aus, die in dieser Zeit für erhebliche Schäden verantwortlich war, so das BSI. Insgesamt haben Ransomware-Angriffe, auch unabhängig von Emotet, zugenommen und neben zahlreichen Produktionsausfällen in der Wirtschaft zu teils erheblichen Beeinträchtigungen in Einrichtungen des Gemeinwesens geführt, heißt es im BSIBericht weiter. So waren mehrere Krankenhäuser sowie kommunale Einrichtungen wie etwa Stadtverwaltungen in Deutschland von solchen Angriffen betroffen. Die Zahl der Schadprogramme ist Schönbohm zufolge auf mehr als 900 Millionen gestiegen, jeden Tag kommen etwa 300 000 hinzu, im vergangenen September seien es täglich gar 450 000 gewesen. Nicht betroffen sei hingegen die Informationstechnik der Bundesverwaltung gewesen, für deren Sicherheit das BSI zuständig ist. In den Regierungsnetzen werden laut BSI 61 Prozent der Cyber-Angriffe nur durch Eigenentwicklungen abgewehrt. Auch Betreiber kritischer Infrastrukturen, die die Sicherheitsanforderungen und Empfehlungen des BSI umgesetzt haben, blieben von den gravierenden Schadauswirkungen erfolgreicher CyberAngriffe weitgehend verschont. „Der Bericht stellt dar, dass die Qualität der Cyber-Angriffe weiter gestiegen und die Bedrohungslage anhaltend hoch ist. Er macht aber auch deutlich, dass diese Cyber-Angriffe erfolgreich abgewehrt werden können, wenn IT-Sicherheitsmaßnahmen konsequent umgesetzt werden“, so Schönbohm bei der Berichtsvorstellung. Früher habe es geheißen: Ohne Sicherheit keine Freiheit – in Bezug auf die Digitalisierung müsse es heute heißen: Ohne Cyber-Sicherheit ist keine Digitalisierung erfolgreich, so BSIChef. Hier sieht das Digitalbarometer jedoch Nachholbedarf, was den Umgang der Bevölkerung mit IT-Sicherheit angeht. Sie stehe meist nicht an erster Stelle: Maßnahmen wie die sofortige Installation verfügbarer Updates würden viel zu wenig umgesetzt – in diesem Fall nur von 36 Prozent der Befragten. Eine Verschlüsselung von E-Mail haben noch weniger im Fokus, nur 19 Prozent. „Die Umfrage zeigt, dass sich viele Bürger über die Gefahren im Netz bewusst sind. Doch führt das Wissen am Ende nicht zum Handeln“, so BSI-Präsident Arne Schönbohm. Zu wenige änderten ihr W-LanPasswort oder verschlüsselten ihre EMails. „Cyber-Sicherheit ist nicht schwer, sie muss nur angewendet werden.“

Digitalbarometer 2019:Zu wenig Internetnutzer ändern ihreW-Lan-Passwörter oder verschlüsseln ihreE-Mail.Aberauchbei Unternehmensieht dasBSINachholbedarfinpunctoIT-Sicherheit. Foto: imagoimages/photothek


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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

GELD & GESCHÄFT

Mit dem Dienstrad zur Arbeit? Der Staat und viele Arbeitgeber unterstützen den Trend zur gesunden Mobilität VON CHRISTOPH LÜTZENKIRCHEN BAD

LAER/GEORGSMARIENHÜTTE

Gretafieber – alle Welt redet vom Klimaschutz. Die Politik streitet ums große Ganze, der Bürger fragt sich ratlos, wo er denn anfangen soll mit dem CO2-Sparen. Vorschlag: auf dem Weg zur Arbeit. Die Bedingungen dafür haben sich seit Jahresbeginn nochmals verbessert, und gesund ist es auch: Ein geleastes Dienstrad wird staatlich gefördert. Monika Hankers nutzt eins. Sie arbeitet in der Lohn- und Finanzbuchhaltung von Feldhaus Klinker in Bad Laer. „Ich würde jedem dazu raten“, sagt sie. „Durch das Leasingmodell konnte ich mir mein Wunschrad aussuchen und musste nicht so auf den Preis achten.“ Hankers hat sich für ein E-Bike entschieden. Ihren acht Kilometer langen Arbeitsweg ist sie vorher manchmal auch mit dem normalen Tourenrad gefahren. Mit dem E-Bike sei sie aber mobiler und nehme eher mal das Rad, berichtet die Feldhaus-Mitarbeiterin. „Ich brauche keine Dusche, wenn ich in der Firma ankomme.“ Hankers und ihren Kollegen wurde das Dienstrad erstmals 2017 durch den Arbeitgeber angeboten. Feldhaus zieht die monatlichen Leasingraten vom Bruttoverdienst ab, die Versicherungen für das Rad zahlt das Unternehmen. Das Angebot ist sehr gut bei den Kollegen angekommen. Mittlerweile nutzen 30 der 130 Mitarbeitern ein Dienstrad, weitere interessieren sich dafür. Beim Leasing eines Dienstrades arbeiten mehrere Parteien zusammen: der Arbeitgeber, der Mitarbeiter, ein Leasingunternehmen und ein Fahrradhändler. Grundsätzlich muss die Initiative vom Arbeitgeber zumindest unterstützt werden, meist geht sie von ihm aus. Das Fi-

nanzamt macht die steuerliche Anerkennung eines Dienstrades davon abhängig, dass es im Arbeitsvertrag festgehalten wird. Anette van Roje ist in der Buchhaltung der Lingener Firma GaLaBau Emsland für die Vergabe von Diensträdern an Mitarbeiter des Unternehmens verantwortlich. „Einige Kollegen hatten sich das gewünscht“, sagt Roje. „Unser Betriebsgelände liegt etwas außerhalb der Stadt.“ GaLaBau Emsland hat sich für den Leasingpartner Jobrad entschieden. Das Handling sei einfach, berichtet die Buchhalterin. „Die Mitarbeiter bekommen per E-Mail eine Adresse im Internet, über die sie einen Antrag stellen. Das Angebot des Fahrradhändlers, für den sie sich entscheiden, wird einfach per EMail mitgeschickt. Jobrad holt die Zustimmung des Arbeitgebers ein. In der Regel haben die Mitarbeiter innerhalb einer Woche ihr Dienstrad.“ Auch GaLaBau Emsland zahlt die Versicherungen für die Räder. Die Entscheidung für den Leasingpartner trifft der Arbeitgeber. Unternehmen unterschiedlichster Größe sind am Markt vertreten. Am bekanntesten und ältesten ist Jobrad aus Freiburg. Für Arbeitgeber sei das Dienstrad-Leasing kostenneutral, sagt Annette Treu von Jobrad. „Auch der Verwaltungsaufwand ist gering, alles wird digital abgewickelt.“ Finanziert werde das Leasing über eine Vermittlungsprovision, die Jobrad von den Fachhandelspartnern erhält. Diese beträgt laut Treu maximal 200 Euro netto pro Rad. Jobrad wurde schon 2008 gegründet. Seit Diensträder 2012 den Dienstwagen steuerlich gleichgestellt wurden, verzeichnet das Unternehmen ein starkes Wachstum. Von 2015 bis 2018 habe sich die Zahl der Kunden auf Arbeitgeberseite verzehnfacht, sagt Annette Treu. „Aktuell arbeiten

Mit demgeleasten E-Bike fährt Monika Hankers öfter zurArbeitals mitdemRadzuvor. Seit 2017 bietet ihrArbeitgeber Diensträderan. Foto:DavidEbener

LeastzweiRädergleichzeitig:AndreasNiehaus,Oberarzt fürAnästhesieamFranziskus-Hospital,ist einPoweruserund nutztseit fünfJahrenein Dienstrad.

wir mit mehr als 15 000 Arbeitgebern zusammen.“ Zu den Großkunden des Unternehmens zählen die Deutsche Bahn mit mehr als 20 000 Rädern und der Autozulieferer Bosch (10000 Räder). Aus der Region Osnabrück-Emsland hat sich der Leasinganbieter Bike Mobility Services aus Cloppenburg am Markt etabliert. „Wir schließen Leasingverträge für Räder zum Preis von mindestens 499 Euro und maximal 14 999 Euro ab“, sagt Alexander Wieborg von Bike Mobility Services. „Zu etwa 85 bis 90 Prozent handelt es sich um E-Bikes. Seit wir 2015 mit unserem Angebot auf den Markt gegangen sind, verzeichnen wir jährlich 50 Prozent Wachstum.“ Das Franziskus-Hospital Harderberg hat sich für den Leasinganbieter Business Bike entschieden, einen weiteren großen Marktteilnehmer. Andreas Niehaus, Oberarzt für Anästhesie am Franziskus-Hospital, kann man wohl als „Poweruser“ des Leasingmodells bezeichnen. Er least zeitgleich zwei Räder, eins davon nutzt er selbst, das zweite seine Lebensgefährtin. „Bei dem Leasingmodell hat mich überzeugt, dass das eine gut kalkulierbare Investition ist. Man zahlt drei Jahre lang eine feste monatliche Rate“, so Niehaus. Außerdem gefällt ihm, dass man für den Arbeitsweg beim Finanzamt parallel zum Leasingrad auch gefahrene Kilometer mit dem Auto gel-

Foto:privat

ZUR SACHE

Dienstfahrräder: So sieht es rechtlich aus Seit 2012 gilt das sogenannte Dienstwagenprivileg auch für Fahrräder und E-Bikes. Bei der Finanzierung gibt es verschiedene Modelle. Häufig beteiligen sich Arbeitnehmer an den Anschaffungskosten

über eine sogenannte Gehaltsumwandlung. Die Laufzeit der Leasingverträge beträgt immer drei Jahre. Viele Nutzer entscheiden sich dann für ein neues Rad. Unabhängig davon haben sie in der Regel

tend machen kann. Niehaus: „Da ich meist mehrfach am Tag und bei jedem Wetter in die Klinik muss, kommt mir das sehr entgegen. Mindestens einmal am Tag bin ich in der Regel aber mit dem Rad unterwegs.“ Der Mediziner nutzt das Leasing seit fünf Jahren, mittlerweile mit dem vierten Fahrrad. Im September 2017 hat er sein erstes Rad aus dem Leasingvertrag übernommen. Niehaus hat sich seine Räder beim Osnabrücker Zweiradhändler Radel Bluschke nach eigenen Vorstellungen zusammengestellt. „Ich habe schon Pläne für das nächste neue Custombike, das nächstes Jahr kommen wird“, sagt er. Laut Mark Baumeister, einem der Geschäftsführer von Radel Bluschke, bietet der Fachhändler seit 2014 Leasingräder an. „Es werden über

die Möglichkeit, das Rad aus dem Vertrag herauszukaufen. Wie hoch der Restwert angesetzt wird, hängt vom Leasingpartner ab. Wenn ein Nutzer das Unternehmen während der Laufzeit des Leasingver-

„Es werden über diesen Weg viele hochwertige Räder gekauft.“ Mark Baumeister, Geschäftsführer Radel Bluschke

trages verlässt, muss er das Rad in der Regel abgeben. Der Arbeitgeber bleibt an den Vertrag mit dem Leasingspartner gebunden und muss es möglichst an einen anderen Mitarbeiter vermitteln.

diesen Weg viele hochwertige Räder gekauft“, sagt Baumeister. „Man weiß natürlich nicht, ob diese Kunden auch ohne das Leasingmodell ein Rad gekauft hätten. Ich glaube aber, dass unter dem Strich mehr Räder verkauft werden. Viele Kunden leasen nach Auslaufen ihres Vertrags gleich ein neues Rad.“ Für den Kunden lohne sich das Leasingmodell. Je teurer das Rad, desto höher falle seine Ersparnis aus. Weitere Faktoren, die darauf Einfluss hätten, seien das Bruttogehalt und die Steuerklasse. „Auf den Internetseiten der Leasinganbieter findet man Rechner, die die Ersparnis abbilden“, so Baumeister. Nach Angaben von Jobrad-Sprecherin Annette Treu machen manche Fachhändler inzwischen 20 Prozent ihrer Umsätze mit dem Dienstradleasing.

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

GELD & GESCHÄFT

„Geldanlage ist nicht kompliziert“ Hermann-Josef Tenhagen versteht sich als Anwalt der Verbraucher VON VOLKER KÜHN OSNABRÜCK Wie glückt der Vermögensaufbau? Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen gibt drei Tipps.

Herr Tenhagen, das Vertrauen in Finanzberater ist seit der LehmanPleite erschüttert. Warum kann ich den Ratschlägen von Finanztip vertrauen? Weil wir eine gemeinnützige GmbH sind. Unser Job ist, den Lesern auf Finanztip.de unabhängige, seriöse, sauber recherchierte Informationen in Gelddingen zur Verfügung zu stellen. Wir wollen den Lesern nichts andrehen. Ihr Onlineportal ist kostenlos. Wie finanzieren Sie sich? Über sogenannte Affiliate-Links. Wenn unsere Redaktion nach gründlicher Prüfung zum Beispiel günstige Giro- oder Tagesgeldkonten empfohlen hat, geht eine andere Abteilung zu den entsprechenden Banken und bietet ihnen an, dass wir auf ihre Produkte verlinken. Wenn die Leser dann über diese Links zu den Banken kommen, fließen pro Klick kleine Geldbeträge an Finanztip. Bei zwei Millionen Lesern im Monat summiert sich das. Aber sind Sie dann noch wirklich unabhängig? Ja. Weil es nämlich eine strikt festgeschriebene Trennung gibt: Erst gibt

die Redaktion Empfehlungen ab, anschließend verhandelt eine andere Abteilung über eine mögliche Verlinkung. Unabhängig davon, wie diese Verhandlungen ausgehen, wir bleiben bei unserer Empfehlung. Sollten sich allerdings die Konditionen für die Kunden ändern und zum Beispiel andere Konten günstiger werden, ziehen wir die Empfehlung zurück und löschen die Verlinkung. Wie erkenne ich einen seriösen Finanzberater? Sie müssen sich vor allem darüber im Klaren sein, dass er auf die eine oder andere Weise etwas an Ihnen verdienen will. Bei einem Honorarberater ist das noch recht transparent: Er stellt Ihnen für seine Ratschläge eine Rechnung und sollte deshalb im Regelfall keinen Anreiz haben, unseriöse Produkte zu empfehlen. Und bei meiner Hausbank? … können Sie auch kluge Ratschläge bekommen. Aber die Arbeit desjenigen, der Sie da berät, ist ja nicht kostenlos. Banken müssen ja auch Geld verdienen. Deshalb raten wir dazu, immer noch weitere Meinungen einzuholen. Und vor allem müssen Sie sich als Verbraucher selbst schlaumachen, um auf Augenhöhe mit den Beratern sprechen zu können. Dann bitte mal konkret: Was sind die wichtigsten Regeln für eine gute Rendite?

Schritt eins ist der Schuldenabbau. Tilgen Sie Kredite und sorgen Sie dafür, dass Sie nie wieder in den Dispo rutschen. Wenn Sie zehn Prozent Überziehungszinsen vermeiden, ist das definitiv eine gute Rendite. Dazu brauchen Sie ein Tagesgeldkonto, auf dem so viel Geld liegen sollte, wie Sie in zwei oder drei Monaten verdienen. Damit können Sie kurzfristige Ausgaben abdecken, wenn zum Beispiel die Waschmaschine kaputtgeht oder das Auto in die Werkstatt muss. Die Konditionen für Giro- und Tagesgeldkonten ändern sich ja ständig. Sollte ich meine Bank laufend wechseln, um der Zinskarawane zu folgen? Es ist leider in der Regel so, dass Neukunden bessere Konditionen als Bestandskunden erhalten. Ob Sie alle drei oder fünf Monate von einer Bank zur nächsten springen möchten, müssen Sie für sich entscheiden. Das gilt übrigens genauso für viele andere Verträge wie Handys, Strom oder Krankenkasse. Manchmal genügt es schon, mit der Kündigung zu drohen, um bessere Konditionen zu bekommen. Schritt eins ist also die Schuldentilgung. Und Schritt zwei? Ist ein Festgeldkonto. Suchen Sie sich eine solide Bank und legen Sie dort Geld an, das Sie in den nächsten drei, fünf oder zehn Jahren nicht benötigen. Das ist ein sicherer Teil

eines gemischten Anlageportfolios. Interessant können in dem Zusammenhang auch Anteile an Genossenschaftsbanken sein, die zwar in der Regel nach oben gedeckelt sind, aber Ausschüttungen von zwei bis vier Prozent jährlich bieten. Und in Schritt drei beschäftigen Sie sich mit Aktien. Jetzt wird es interessant! Haben Sie einen heißen Tipp? Nein. Wir reden hier ja nicht über Zockerei, sondern über Geldanlage. Bei Finanztip empfehlen wir grundsätzlich keine Einzelaktien, sondern ETFs, also Indexfonds. Das sind Fonds, die große Aktienindizes nachbilden und im Gegensatz zu gemanagten Fonds keine hohen Verwaltungsgebühren erheben. Der weltweit für Kleinanleger wichtigste Aktienindex MSCI World zum Beispiel fasst 1600 Börsenwerte aus 23 Ländern zusammen. Wenn ein einzelnes Unternehmen wie jetzt VW Mist baut und die Kurse bröckeln, können die übrigen das wieder ausgleichen. Umgekehrt ist die Rendite aber auch nicht hoch. Richtig. Das ist eine Grundsatzentscheidung, die jeder Anleger für sich treffen muss: Risiko gegen Rendite. Wie viel Unsicherheiten kann ich finanziell und emotional verkraften? Ist mir Sicherheit wichtiger oder die Chance auf höhere Erträge? Bei Fi-

FinanzexperteHermann-JosefTenhagengibtTippszumVermögensaufbau.

Foto:Finanztip

nanztip raten wir unseren Lesern zu einer langfristigen und soliden Anlage. Der MSCI World zum Beispiel hat in den letzten 30 Jahren niemals Verlust gemacht, wenn das Geld mindestens 15 Jahre investiert wurde. Wer sein Geld komplett in Einzelaktien steckt oder kurzfristig zockt, kann dagegen sein ganzes Vermögen verlieren.

mehr Rendite erwirtschaften, sondern auch ihre hohen zusätzlichen Kosten. Das heißt, in jedem Jahr 1,5 Prozent mehr als der Index – mindestens. Eine Garantie gibt es nicht. Aus Sicht eines Durchschnittsverbrauchers erscheint uns deshalb ein ETF wie der MSCI World besser. Wer spekulieren will, muss sich das auch leisten können.

Aber wäre es nicht trotzdem sinnvoller, mir einen gut gemanagten Fonds zu suchen, selbst wenn die Gebühren da höher sind? Natürlich gibt es Fonds, die den Index schlagen, manchmal auch über mehrere Jahre. Aber dazu müssen die Manager schon wirklich klasse sein. Denn sie müssen ja nicht nur

Sollten ökologische Gesichtspunkte bei meiner Anlage eine Rolle spielen? Das kann sich durchaus lohnen, zum Beispiel wenn man mit einem Solardach das Duschwasser heizt oder Strom erzeugt – gerade jetzt, wo Stromspeicher für Privatleute günstiger werden.

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Nachhaltigkeit aus einer Hand Mit energum ressourcenschonend bauen

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Millionen Tonnen Bauschutt fallen jährlich in Deutschland an, das meiste davon aus dem Hochbau. Die Ressourcenwende auch im Baubereich herbeizuführen, darf also als dringend bezeichnet werden. Mit dem Gutachten am Projekt Rathaus Korbach zum Thema „ressourcenschonendes Bauen“ hat die energum GmbH aus Ibbenbüren ein herausragendes Projekt zu diesem Themenkomplex umgesetzt. Der Begriff „Urban Mining“ ist seit geraumer Zeit in der Diskussion. Was ist darunter zu verstehen? Übersetzen lässt sich dieser Begriff am ehesten mit „die Stadt als Mine“. Anstatt dass beispielsweise ein Gebäude nach einer gewissen Nutzungsdauer abgebrochen und das Baumaterial entsorgt wird, kann beim Urban Mining das rückgebaute Material in hohem Maße wiederverwertet werden. So erklärt sich auch „Urban Mining“: Die Stadt fungiert mit den Bauwerken als Rohstofflieferant für die nächste Bau-Generation.

Herausragendes Projekt Der Um- und Neubau des Rathauses in Korbach, an der hessischen Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen gelegen, zwischen Diemel- und Edersee, nimmt in diesem Segment eine exponierte Stellung ein. Die Stadt Korbach hat den Rückbau des RathausAnbaus aus dem Jahr 1970, der zum einen mit seinem typischen 70er-Jahre-Charme nicht mehr in die heutige Zeit passt, zum anderen eine nicht mehr erhaltenswerte Bausubstanz besaß, vor kurzem selektiv zurück bauen lassen. An derselben Stelle soll nun ein zeitgemäßer Neubau entstehen. Im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat die energum GmbH ein Gutachten „Ressourcenschonendes Bauen am Beispiel Rathaus Korbach“ erstellt. Erstmals in Deutschland soll dabei das Material aus dem Abbruch des Rathaus-Anbaus ortsnah recycelt und an Ort und Stelle wieder eingesetzt werden. Dass mineralisches Abbruchmaterial verwertet wird, gehört heutzutage bereits zum Standard in Deutschland, doch wird das Material in aller Regel nicht im Hochbau wiederverwertet, sondern eher im Straßenbau eingesetzt.

Den Kreislauf zu Ende denken Bei energum geht aber der Blick schon weiter in die Zukunft. Der Abschluss dieses herausragenden Pilotprojekts kann nur der erste Schritt in eine ressourcenschonende Zukunft des Bauens sein. Damit ein wirklicher Kreislauf entstehen kann, müssen grundlegende Dinge beim Bauen künftig anders angegangen werden. Schon bei der Planung eines neuen Gebäudes sollte darauf geachtet werden, dass dieses nach der Nutzungsdauer selektiv rückgebaut und die Materialen wiederverwendet werden können. Neben recycelbaren Materialen betrifft dies vor allen Dingen den Verbundbereich. Wenn etwa Gipsputz auf eine Betonwand aufgebracht wird, bereitet dies beim Recyceln des Betons Probleme. Schon geringe Gipsanteile im Betonrezyklat haben einen negativen Einfluss auf die Tragfähigkeit des neuen Betons. Den Putz wiederum vor dem Recyceln des Betons abzuschlagen, treibt die Kosten in die Höhe. Auch der Einsatz von Kunststoffen, Dichtmassen oder Isolierungen ist ausgesprochen kritisch, wenn es um die Wiederverwertbarkeit der Baustoffe geht. Seit den 60er Jahren werden vor allem Klebstoffe zum Verbund unterschiedlicher Materialien eingesetzt. Klebstoff hat aber den entscheidenden Nachteil, dass es den sauberen Rückbau schwierig, manchmal sogar unmöglich macht. Bei energum setzt man daher auf das Motto „Schrauben und Klemmen statt Kleben“, um zukünftig schlauer bauen zu können – und das schon beim Pilotprojekt in Korbach: „Wir denken den Kreislauf zu Ende.“

Pilotprojekt mit Nachhaltigkeit In Korbach wird das Material des abgebrochenen Anbaus aber sortiert, getrennt gelagert, zerkleinert, gesiebt und – soweit wie möglich – als rezyklierte Gesteinskörnung im Beton für den Neubau eingesetzt. Für die daran beteiligten Firmen bedeutet dieses Prozedere absolutes Neuland, aber für die energum GmbH stand es außer Frage, mit lokalen Unternehmen zusammenzuarbeiten: Weite Transportwege hätten den treibenden Gedanken der Nachhaltigkeit torpediert. „Zum ersten Mal entsteht in Deutschland ein neues Gebäude aus einem alten Gebäude“, sagt Anja Rosen von energum, die gleichzeitig an der Bergischen Universität in Wuppertal promoviert, und die verantwortlich für das Urban-Mining-Projekt in Korbach ist. Rund 40 Prozent der Materialien des neuen Anbaus sollen aus dem abgebrochenen Altbau stammen. Nach dem Abschluss dieses Pilotprojektes für das Land Hessen soll daraus ein Leitfaden für ressourcenschonendes Bauen entstehen.

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Nicht erhaltenswerte Bausubstanz: Der 70er-Jahre-Anbau des Rathauses Korbach wird… …abgebrochen, die wiederverwertbaren Baustoffe ortsnah recycelt und in den neuen, ins Stadtbild passenden Anbau eingebracht.


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LEBEN & LEIDENSCHAFT

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Das Geschäft mit dem Grusel Kürbisse, Dekoration, Süßigkeiten, Kostüme: Halloween entwickelt sich auch in Deutschland zum Umsatzbringer Vor allem junge Leute sind Halloween-Fans und geben Geld dafür aus. Die Kürbisernte hat sich hierzulande mehr als verdoppelt. Land Niedersachsen unter den Top 5 beim Kürbisanbau. VON MELANIE HEIKE SCHMIDT Frank Alswede ist zufrieden: Leuchtend orange sind seine Kürbisse dieses Jahr. „Eine schöne Farbe, überhaupt schön ausgereifte Früchte“, freut sich der Landwirt aus Gehrde im Norden des Landkreises Osnabrück. Alswede baut das Trendgemüse auf rund zwölf Hektar an, jetzt, Ende Oktober, läuft die Ernte auf Hochtouren. Der heiße Sommer hat die Beeren gut gedeihen lassen, wenn auch ein bisschen mehr Regen noch besser gewesen wäre. Hokkaido, Butternuss und den dicken Klassiker, den Halloween-Kürbis, holt der Bauer mit seinem Team derzeit vom Feld. „Eine Knochenernte“ sei das, beschreibt Alswede. „Jeder Kürbis wird von Hand geschnitten, es gibt praktisch keine Erntemaschine für Speisekürbisse.“ Auf den Kürbis gekommen sei er vor etwa sechs Jahren, erzählt der Landwirt, seither steige die Nachfrage. „Es gibt einen KürbisHype, und das liegt natürlich auch an Halloween“, sagt Alswede. Mit seiner Einschätzung liegt der Landwirt richtig: In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erfasste die Halloween-Begeisterung auch die Menschen hierzulande. Die Iren brachten den alten keltischen Brauch mit in die USA, von dort schwappte die Welle zurück nach Europa und nach Deutschland. Seitdem wird das Fest hierzulande immer beliebter. Zumindest bei denjenigen, die es nicht stört, dass die schaurige Feier ausgerechnet am 31. Oktober, also am Reformationstag, begangen wird. Der ist in Niedersachsen seit 2018 gesetzlicher Feiertag – ein Grund, weshalb Gruselpartys wie Pilze aus dem Boden schießen. Auch Zoos, Freizeitparks und Kinos machen den Trend mit, und in den OSNABRÜCK

Schaufenstern ziehen unheimliche Dekorationen mit Grabsteinen, Sensenmännern und Riesenspinnen ein. Vor allem bei den Jüngeren kommt der Gruselspaß bestens an, kaum eine Kita oder Schule ohne Halloween-Aktionen. Auch junge Erwachsene schätzen Kürbisfratzen, Geister-Deko und Zombiepartys. Laut YouGov-Halloween-Report erklären sich mehr als die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen im Land zu Halloween-Fans. Den Spaß lassen sich die jungen Leute auch etwas kosten, im Schnitt gibt jeder von ihnen 23 Euro im Jahr dafür aus, Tendenz steigend. „Hochgerechnet auf Verbraucher ab 18 Jahren, ergibt sich ein Konsumpotenzial von etwa 480 Millionen Euro“, hat Elke Löw, Betreiberin des WebPortals „Jugend von heute“, das unter anderem das Kaufverhalten junger Zielgruppen untersucht, ausgerechnet. Ein Mega-Potenzial, das bis heute kaum zur Hälfte ausgeschöpft wird, geschätzt 200 Millionen Euro sollen die Deutschen aktuell insgesamt für Halloween-Produkte ausgeben. Eindeutige Zahlen sind jedoch Mangelware, weil Halloween-Produkte nicht systematisch erfasst werden und sich Definition und Abgrenzung schwierig gestalten. Gehören zum Beispiel normale Süßigkeiten, die speziell für Halloween gekauft werden, dazu oder eher nicht? Schwierig zu sagen. Doch dort, wo man Zahlen zur Verfügung hat, zeigt sich: Halloween bringt schaurig schöne Geschäfte. Das sehen auch die Analysten von Nielsen Holdings so. Sie untersuchen regelmäßig die Umsätze von Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs, genannt „Fast Moving Consumer Goods“, kurz FMCG. Dazu gehören unter anderem Lebensmittel und Getränke. Ihre Schlussfolgerung für 2018: „Halloween-Saisonprodukte sind die Überflieger in der Saisonkategorie mit einem bemerkenswerten Wachstum (+33,4%).“ Vom Halloween-Hype profitiert natürlich auch der Kürbisanbau, geschätzt 40 Prozent aller Halloween-Ausgaben sollen für das schmackhafte, vitaminreiche und dekorative Gemüse ausgegeben werden. Die hohe Nachfrage sorgt für einen Boom: Wurden im Jahr 2006 bundesweit gerade mal rund 40 000 Tonnen Speisekürbisse ge-

Schaurig-schön:LeuchtendeKürbisfratzensiehtmanimHerbstauchinDeutschland.KürbisbauernundderHandelprofitierenvomHalloween-Trend.

Fotos: imagoimages/A.Hettrich/imagebroker

erntet, hat sich die Menge bis heute in etwa verdoppelt. Die Hotspots des deutschen Kürbisanbaus befinden sich zwar traditionell im sonnigeren Süden und Westen, doch Niedersachsen hat im Länderranking der Anbaufläche hinter Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und BadenWürttemberg immerhin Platz fünf inne, dicht gefolgt von Brandenburg auf Platz sechs. Betrachtet man die Entwicklung auf Landesebene, zeigt die Kurve ebenfalls nach oben: Wurden im Jahr 2018 in Niedersachsen auf insgesamt 274 Hektar Speisekürbisse angebaut, waren es fünf Jahre zuvor nur 200 Hektar, das entspricht einer Steigerung von einem guten Drittel (37 Prozent). Gabi von der Brelie, Pressesprecherin des Landesbauernverbands, möchte dennoch nicht von einem Kürbishype sprechen und verweist auf die Gemüseanbauflä-

profitieren vor allem Händler aus den Bereichen Spielwaren, Lebensmittel und Dekorationswaren. Traditionell laufen insbesondere Kostüme oder Scherzartikel sehr gut“, sagt Hertel. In der Tat ist das Horror-Fest aus der Sicht von Kostümherstellern ein Segen, sorgt es doch zusätzlich zur Karnevalssaison für schrecklich schöne Umsätze. So melden die Kostümproduzenten der Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI), die rund 70 Prozent des deutschen Kostümmarktes repräsentieren, dass sich der alte keltische Brauch „zum einträglichen Geschäft und zweiten wirtschaftlichen Standbein neben der Karnevals- und Fastnachts-Periode“ entwickelt habe. „In den vergangenen Jahren lag der Umsatz bei ungefähr 28 Millionen Euro“, sagt Volker Schmid, Geschäftsführer der Fachgruppe. Die Erwartungen für die laufende Saison seien noch höher. „Wir stellen eine rege Nachfrage fest“, so Schmid . Voll im Trend sind neben Kostümen und Accessoires für Zombies und Vampire auch „Glitzer-Kostüme in allen Variationen, sogar mit LED-Beleuchtung“, meldet die Fachgruppe. Zugleich steigen die Ansprüche: „Die Kostüme, aber auch die Accessoires, sind viel hochwertiger geworden“, sagt Schmid. Das gilt auch für Kürbis-Rezepte. „Ich kannte früher nur Kürbis süßsauer im Glas, schrecklich“, erinnert sich Kürbisbauer Alswede. „Doch seit es den Hokkaido gibt, hat sich das geändert. Es gibt tolle Suppen und viele andere Kürbis-Rezepte. Kein Vergleich zu früher“, sagt er und macht sich wieder an die Arbeit. Die Kürbisernte läuft noch bis zum ersten Frost.

Mehr als nur Halloween-Deko: Kürbisboom in Deutschland

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Erntemenge von Speisekürbissen in Deutschland (Freilandanbau; Angaben in Tonnen)

2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Quelle: Statistisches Bundesamt · Grafik: Matthias Michel

che insgesamt, die „in Niedersachsen mit gut 20 000 Hektar deutlich größer“ sei. „Kürbis bleibt eine Nische“, erlärt sie. Ob nun Trend oder nicht, insgesamt werden in diesem Jahr fast 4700 Tonnen Speisekürbisse von niedersächsischen Feldern geerntet, verkauft werden sie auf regionalen Märkten, im Hofladen, an Firmen, die Gemüsekisten vertreiben, oder im Discounter. Dort leuchten sie mit den ebenfalls knallbunten Halloween-Süßwaren um die Wette. Gummi-Vampire und Lakriz-Fledermäuse, Bonbons, die wie Augen aussehen, Schokonüsse mit giftgrünem Überzug, zuckrige Spinnen und Totenköpfe – auch die Süßwarenindustrie wappnet sich für das Gruselfest im Oktober. Das macht Sinn, denn immer mehr Kindergruppen gehen auch hier düster verkleidet von Tür zu Tür und drohen Streiche an, sollten sie nichts Leckeres bekommen. „Süßes oder Saures“ verlangen sie dann, und immerhin ein Drittel aller Deutschen ist darauf vorbereitet: Laut einer Umfrage von Statista und YouGov wollen 29 Prozent der Befragten „auf jeden Fall“ Süßigkeiten für klingelnde Kinder bereithalten. „Saisonale Anlässe bergen für den Handel ein großes Umsatz-Potenzial“, sagt Fabian Röcke, Strategic Demand Direktor bei Mars Wrigley Deutschland. Das Unternehmen bringt zu Halloween unter anderem seine M&Ms, das sind süß umhüllte Erdnüsse, als Sonderedition mit „auffälligen Gruselfarben“, sprich kürbisorange oder giftgrün, in den Handel. „Sondereditionen der weltweit bekannten Ankermarke bringen dem Handel immer wieder Absatzsteigerungen von über 50 Prozent“, sagt Röcke.

Dass Halloween dem Einzelhandel gute Geschäfte beschert, bestätigt auch Stefan Hertel, Pressesprecher beim Handelsverband Deutschland (HDE): „Die Bedeutung von Halloween als Einkaufsanlass ist in den vergangenen Jahren insbesondere bei jungen Zielgruppen und Familien immer weiter gestiegen.“ Zwar sei „das Gruselfest im Vergleich mit Ostern oder gar Weihnachten ein eher kleiner Impuls für den Einzelhandel“, so Hertel weiter, doch „angesichts des steigenden Kundeninteresses“ kalkulierten mittlerweile viele Einzelhändler zu Halloween mit zusätzlichen Umsätzen. „Erfahrungsgemäß

„Es gibt einen Kürbis-Hype, und das liegt natürlich auch an Halloween.“ Landwirt Frank Alswede


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LEBEN & LEIDENSCHAFT

Wasser sprudeln im Zeitgeist SodaStreamistmitdemImageeinesKlimarettersnach100Jahrennocherfolgreich/InDelmenhorststartetedasDeutschlandgeschäft VON MALTE GOLTSCHE DELMENHORST/FRANKFURT Klima, Umwelt, Plastikmüll — das sind derzeit die großen gesellschaftlichen Themen. Deshalb ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass eine Firma mit ihren Produkten aktuell große Erfolge feiert, die genau diese Aspekte bedient: Soda Stream. Als der Delmenhorster Klaus Schmidt 1994 anfing, einen Wassersprudler in Deutschland zu vertreibe, war der Klimawandel noch ein politisches Randthema und Greta Thunberg noch nicht geboren. Der Sprudler funktioniert bis heute ganz einfach: Einfaches Leitungswasser – eines der am besten kontrollierten Lebensmittel – wird mit CO2 angereichert und ergibt so kohlensäurehaltiges Tafelwasser. Mit dem Vertrieb des sogenannten Soda-Club wird Schmidt zum Multimillionär – Glück gebracht hat ihm der Erfolg jedoch nicht. Während der Geschäftsmann dem Casino verfällt, spielsüchtig wird und alles verliert, geht es der Firma, mittlerweile eine Tochter des US-amerikanischen Konzerns PepsiCo, blendend. Soda Stream – wie die Firma heute heißt – ist weltweiter Marktführer auf ihrem Gebiet. Das erste Halbjahr 2019 war laut Unternehmen das „erfolgreichste seiner Geschichte“. Und die ist immerhin

schon mehr als 100 Jahre alt. Als der Delmenhorster Schmidt Anfang der 1990er das Gerät nach Deutschland brachte, war die Erfindung schon 90 Jahre alt. 1903 wurde das Unternehmen bereits vom Briten Guy Hugh Hilbey gegründet. Gesättigt ist der Markt scheinbar auch nach dieser langen Zeit noch nicht. Bis Ende Juni habe Soda Stream „in Deutschland so viele Sprudler, Sirups und Kohlensäurezylinder verkauft wie noch nie“, heißt es seitens des Unternehmens. In den letzten siebeneinhalb Jahren habe der Konzern zudem seinen Umsatz verfünffacht. Die Nachfrage sei vor allem während des trockenen Sommers teilweise so hoch gewesen, dass die Produkte ausverkauft gewesen seien. Und Soda Stream, dessen Siegeszug in Deutschland einst in Delmenhorst begann, hat große Ziele: Die Zahl der Haushalte, in denen ein Wassersprudler steht, soll deutlich steigen. Bis Ende 2020 soll die „20-Prozent-Schallmauer“ durchbrochen werden. „Langfristig möchten wir daher unsere Haushaltspenetration weiter deutlich steigern und immer mehr Verbraucher davon überzeugen, dass Sprudeln die praktischere, umweltfreundlichere, günstigere und auch deutlich coolere Alternative ist“, sagt Julian Hessel, Marketing Director von Soda Stream in Deutschland, auf Anfrage. „Die Wachstums-

Selbst sprudeln für einbesseres Klima? Soda Stream,dessen Erfolgin Deutschlandseinen Ursprunginder Regionhat,inszeniertsich gerne alsKlimaretter. Foto: dpa/ ArneDedert

strategie lautet deshalb ,Mehr Werbung, mehr Nachfrage, mehr Umsatz‘.“ Und Hessel verspricht „sensationelle Neuprodukte, auf die sich die Konsumenten schon jetzt freuen können“. Das alles klingt wie eine Drohung an das Mineralwasser aus Flaschen. Dieses Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Das Unternehmen vermarktet sich selbst aktiv als Klima- und Umweltretter – unterstützt von einer unabhängigen Studie des Expertengremiums Carbon Trust. Demnach ist der CO2-Fußab-

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druck bei aufgesprudeltem Leitungswasser rund 80 Prozent geringer, als wenn das Minderalwasser in PET-Flaschen gekauft wird. Nicht nur fällt der Plastikverbrauch weg, wenn zu Hause aufgesprudelt wird, auch die Kohlensäurezylinder befüllt Soda Stream, das heute seinen Hauptsitz in Israel hat, wieder. Mit diesem Ansatz eines nachhaltigen und plastiklosen Konsums trifft Soda Stream den Nerv der Zeit – und sucht dabei auch bewusst die Nähe zur Fridays-for-Future-Bewegung. Zum weltweiten Klimastreik

am 20. September stellte der Hauptsitz in Israel für einen Tag die Arbeit ein. „Wirklich jeder muss seinen Teil dazu beitragen, die Ressourcen unserer Erde zu schützen“, sagt Marketing Director Hessel dazu. „Wir widmen uns bereits seit Jahren dem Kampf gegen sinnloses Plastik und möchten mit unseren Aktionen für mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein sorgen.“ Dabei gibt es prominente Unterstützung. Soda Stream kooperiert mit Hannes Jaenicke, der sich als Schauspieler und Filmemacher ak-

tiv dem Umweltschutz und vor allem dem Kampf gegen Plastikmüll widmet. Die Partner haben die Petition „Goodbye Plastic Bottles“ ins Leben gerufen, die bislang fast 200 000 Menschen unterzeichnet haben. Darin fordern sie unter anderem ein Komplettverbot von PETEinwegflaschen ab dem Jahr 2025. Das ist natürlich eine nicht ganz uneigennützige Forderung, denn damit dürfte der Bedarf an Wassersprudlern steigen. Neben solchen Marketingkniffen geriet auch die aggressive Werbung des Unternehmens mehrfach in die Kritik. Werbespots, die Konzerne wie Coca Cola oder Pepsi direkt angriffen, wurden nicht gezeigt, eine weitere Kampagne erhielt Unterlassungsaufforderungen aus der Flaschenindustrie. Außerdem führte eine Produktionsstätte im israelisch besetzten Westjordanland zu Protesten, weil Soda Stream seine Produkte als „Made in Israel“ deklarierte, ohne dass das Gebiet als israelisches Staatsgebiet anerkannt ist. Die Produktionsstätte wurde 2015 daraufhin verlegt. Solche Kontroversen können dem Soda-Stream-Boom jedoch nichts anhaben. Die Inszenierung als Umwelt- und Klimaschützer funktioniert, der Kampf gegen den Plastikmüll ist rentabler denn je. Und vielleicht ärgert sich Klaus Schmidt, jemals die Tür eines Casinos geöffnet zu haben.

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

LEBEN & LEIDENSCHAFT

Mit Hartnäckigkeit zum Ausbildungsplatz Marco Brontsch macht trotz Sehbehinderung eine kaufmännische Lehre VON NINA KALLMEIER NEUENKIRCHEN-VÖRDEN Ein Headset auf den Ohren, den Laptop aufgeklappt auf dem Schreibtisch – wer Marco Brontsch an seinem Arbeitsplatz in der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim sitzen sieht, merkt auf den ersten Blick keinen Unterschied zu seinen Kollegen im Büro nebenan. Erst wenn er aufsteht und sein weiß-roter Stock mit mehreren Klicks zusammenschnappt, wird deutlich: Der 24Jährige ist sehbehindert. Seit mehr als zehn Jahren sieht er nur noch Kontraste und gilt daher als blind. Trotzdem hat Marco Brontsch gerade seine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement begonnen – auch wenn ihm früher eine gewerbliche Ausbildung lieber gewesen wäre. „Ich wäre gerne Tischler geworden“, erzählt der Azubi und fängt direkt an zu lächeln. Das Werkstück eines Cousins habe ihn als Kind, als er noch sehen konnte, beeindruckt. „Aber so etwas kann ich nicht mehr. Ich habe über die Jahre gelernt, dass der Computerarbeitsplatz für mich der richtige Weg ist.“ Ein Arbeitsplatz, bei dem er hauptsächlich mit der Tastatur und weniger mit der Maus arbeiten kann. Doch dort auch nach seinem erweiterten Realschulabschlusses und der Höheren Handelsschule eine Chance zu bekommen, war für den selbstbewussten 24-Jährigen, der ohne Berührungsängste über seine Stärken und Schwächen spricht, ein steiniger Weg mit vielen Enttäuschungen. „Ich habe mich zwei Jahre lang immer wieder beworben“, er-

zählt der junge Mann mit den kurzen blonden Haaren. Vorstellungsgespräche hatte Marco Brontsch viele. Es waren auch gute Gespräche, in denen er seine Stärken vermitteln konnte. Dazu zählt der Umgang mit dem Computer ebenso wie eine gutes Gehör und schnelle Auffassungsgabe, denn was seine Sprachausgabe am Rechner ihm vorspielt, hört sich für den ungeübten Zuhörer an, als wenn jemand eine alte Platte zu schnell weiterdreht, sodass die Worter ineinander verschwimmen. Nur genommen wurde Marco Brontsch am Ende nie. „Vielleicht hatten manche Angst, andere kein Interesse“, sagt er achselzuckend. Woran es letztlich immer wieder gescheitert ist, weiß er nicht. „Das Feedback hielt sich in Grenzen.“ Natürlich würden da Zweifel kommen, ob man noch auf dem richtigen Weg sei, gesteht der 24-Jährige. Aufgeben wollte er aber nicht. „Die Schu-

„Ich habe mich zwei Jahre lang immer wieder beworben.“ Azubi Marco Brontsch

le und auch die Höhere Handelsschule haben mir gezeigt, dass ich es schaffen kann. Es braucht nur die richtigen Leute.“ Nur einmal, da hätte es fast geklappt – bei Purplan in Wallenhorst. „Bei diesem Gespräch habe ich meine Schwester, die mich gefahren hat, nicht mit reingenommen. Ich wollte zeigen, dass ich selbstständig bin und mir zu helfen weiß. Ich glaube, sie waren überrascht, wie gut ich mich auch ohne Assistenz zurechtfinde“, blickt Marco Brontsch zurück. Für ihn eine Selbstverständlichkeit, schließlich hat er auch die Höhere Handelsschule in Hamburg drei Jahre lang allein gemeistert – inklusive der Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In letzter Minute ist es dann doch nichts geworden mit dem Ausbildungsplatz bei Purplan – nicht weil sich etwa das Unternehmen es anders überlegt hatte, sondern weil die Sprachausgabe, auf die der 24-Jährige angewiesen ist, mit dem System von Purplan nicht kompatibel war. So ging die Suche für Marco Brontsch von vorne los. Er versuchte es schließlich bei der Handwerkskammer – ausgeschrieben war eine Ausbildungsstelle für einen Kaufmann für Büromanagement. Fast hätte es die nächste Enttäuschung gegeben, denn gesucht wurde jemand mit Schwerpunkt Gebäudemanagement. „Das bedeutet unter anderem, Fenster und Böden zu kontrollieren – Dinge, die ich nicht kann“, erinnert sich der Azubi. Doch sein Selbstbewusstsein ebenso wie seine Qualifikation und seine Geschichte haben Ausbildungsleiter

Nach vielen Enttäuschungen hat Marco Brontsch nun einen Ausbildungsplatz gefunden. Wo er im Alltag an Grenzen stößt, unterstützt ihn EvaThiethke. Foto:MichaelGründel

Udo Sterthaus überzeugt, bei Hauptgeschäftsführer Sven Ruschhaupt vorstellig zu werden – ob es für den 24-Jährigen nicht eine andere Ausbildungsmöglichkeit gebe. „Als Handwerkskammer haben wir beim Thema Inklusion eine Vorbildfunktion. Das heißt: nicht nur darüber reden, sondern in der Praxis auch etwas zu tun“, so Ruschhaupt. Und so gibt es einen zweiten Ausbildungs-

ZUR SACHE

Beschäftigte schwerbehinderte Menschen* nach Wirtschaftszweigen

Menschen mit Behinderung in Lohn und Brot

Jahresdurchschnitt 2017

Die Gründe für einen Behinderungsgrad sind so unterschiedlich wie die Behinderungen selbst. Ein Blick auf die Arbeitnehmerlandschaft zeigt: Die Zahl der beschäftigten schwerbehinderten Menschen bei Arbeitgebern mit mindestens 20 Mitarbeitern ist in den vergangenen Jahren deutlich auf mehr als eine Million gestiegen. Mehr als zwei Drittel von ihnen arbeiteten bei einem privaten Arbeitgeber (744 000). 330 000 (31 Prozent) waren für einen öffentlichen Arbeitgeber tätig. Außer-

dem waren gut 7000 schwerbehinderte Auszubildende beschäftigt, ihre Zahl ist seit 2007 durchgehend gestiegen – und zwar um fast zwei Fünftel. Insgesamt 46,9 Prozent der schwerbehinderten Menschen im Alter von 15 bis unter 65 Jahren waren 2017 erwerbstätig. Bezogen auf die Region Osnabrück-EmslandGrafschaft Bentheim, zeigen die Zahlen: 2017 waren laut Statistik der Agentur für Arbeit 9375 schwerbehinderte Menschen beschäftigt. 2013 waren es noch 8650. nika

Verarbeitendes Gewerbe

264 000

Öffentlicher Dienst

215 000

Handel, Instandhaltung, Reparatur von Kfz

87000

Gesundheitswesen

76000

Pflege und Soziales

73000

Verkehr und Lagerei

63000

Qualifizierte Unternehmensdienstleistungen

58000

Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen

40 000

Finanzen und Versicherungen

38 000

Erziehung und Unterricht

37000

Sonstiges

27000

Bergbau, Energie, Wasser

27 000

Information und Kommunikation

24 000

Baugewerbe

20 000

Zeitarbeit

12000

Gastgewerbe

11000

Land- und Forstwirtschaft 2 000

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*bei Arbeitgebern mit mindestens 20 Arbeitsplätzen Quelle: Bundesagentur für Arbeit · Grafik: Matthias Michel

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platz zum Kaufmann – und für Marco Brontsch eine Möglichkeit, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Ich möchte genauso ein Leben führen wie meine Geschwister“, beschreibt der Neuenkirchen-Vördener seinen bescheidenen Wunsch. An den Tagen im Betrieb beginnt sein Arbeitstag um 7 Uhr – beziehungsweise 6.50 Uhr, Marco Brontsch fängt gerne früher an, um auch früh Feierabend zu machen und noch etwas vom Tag zu haben, wie er sagt. Derzeit bringt ihn ein Fahrdienst, künftig will er jedoch mit dem Bus fahren. Dafür absolviert der 24-Jährige derzeit ein Mobilitätstraining. „Das ist dann der 610er“, weiß Marco Brontsch aus dem Effeff. Allerdings würde er dann ein paar Minuten später kommen, denn der erste Bus aus Neuenkirchen sei um kurz nach 7 Uhr an der Haltestelle, rund 200 Meter von der Handwerkskammer entfernt. Für die Handwerkskammer ist das kein Problem, wie Ausbildungsleiter Udo Sterthaus unterstreicht. „Wir haben Gleitzeit.“ Etwas schwierig ist für Brontsch noch die Berufsschule zweimal die Woche – nicht nur logistisch, denn die Ampel vor der Schule selbst gibt bei Grün keine Signale. Auch das Lernen sei manchmal eine Herausforderung, gibt der 24-Jährige offen zu. Es sei eine kleine Klasse, doch auch wenn der Lehrer Rücksicht nehme – die Aufgaben würden schon recht zügig erledigt, so Brontsch. Manchmal erschweren auch techni-

sche Dinge das Lernen wie das Zuordnen von Vokabeln im Englischunterricht. „Ich kann das deutsche und englische Wort auf dem Arbeitszettel nicht mit einer Linie verbinden. Ich muss Variablen vergeben und die Aufgabe so auf meine Art lösen“, beschreibt der Azubi. Denn nicht alle Arbeitsblätter sind digitalisiert. Beim Arbeiten am PC hingegen gibt es keinen Unterschied. „Das ist für mich leichter, da sind wir auf einer Wellenlänge.“ Udo Sterthaus ist mit der Arbeit von Marco Brontsch nach drei Wochen Ausbildungszeit sehr zufrieden. „Einige technische Details müssen wir aber noch anpassen.“ Wie einige Programme, mit denen die Handwerkskammer arbeitet, sodass sie für die Sprachausgabe von Marco Brontsch kompatibel sind. Dennoch: Seinen Alltag in der Handwerkskammer meistert der 24-Jährige sonst ohne Probleme. Die Aufzüge sind mit Punktschrift ausgestattet, die Entfernungen auf den Fluren kennt er genau. Und immer an seiner Seite ist Assistentin Tiethke vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Sie wird ihn die gesamten drei Jahre der Ausbildung begleiten. „Wenn ich zum Beispiel beim Touchdrucker was ausdrucken muss, hilft sie mir“, beschreibt Marco Brontsch. Wie bei allen anderen Auszubildenden auch ist die Lehre des 24Jährigen auf drei Jahre angelegt. „Das ist auch zu schaffen“, ist sich der Neuenkirchen-Vördener sicher.

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

LEBEN & LEIDENSCHAFT

LEBEN & LEIDENSCHAFT

Analoge Spiele liegen im Trend Wie Händler in der Region vom Boom der Brettspiele profitieren / Umsätze steigen unterschiedlich stark Wird in Osnabrück mehr gespielt als im Emsland? Immer mehr Player buhlen um die Gunst der Kunden. Die Zahl der Neuheiten in der Branche nimmt zu. VON KARSTEN GROSSER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN Weltweit wird immer mehr gespielt. Analog! In Deutschland ist der Umsatz mit Gesellschaftsspielen in den vergangenen fünf Jahren um rund 40 Prozent gestiegen. Ein Wachstum, das auch die stationären Fachhändler im Raum Osnabrück und Emsland spüren. Vor allem dank einer ganz gewissen Art von Spielen. Mehr Aussteller, mehr Neuheiten und wohl auch mehr Besucher – die Publikumsmesse „Spiel ,19‘“ bricht erneut alle Rekorde. Die Zahlen belegen den Boom einer Branche, die nach vielen Jahren des Stillstands durchgestartet ist und in einem stagnierenden Spielwarenmarkt nun die positiven Impulse setzt. Lag der Umsatz mit analogen Spielen und Puzzles im Jahr 2013 noch bei 400 Millionen Euro, meldete der Branchenverband Spieleverlage für das vergangene Jahre eine Summe von 550 Millionen Euro. Mit Blick auf die Umsätze für die ersten Monate des Jahres 2019 bleibt Verbandschef Hermann Hutter weiter optimistisch gestimmt: „Wir sind auf einem guten Niveau.“ Trotz des allgemein zunehmenden Internethandels profitieren auch stationäre Fachhändler – die mehrheitlich zusätzlich einen Onlineshop betreiben – von der steigenden Nachfrage. „Nachdem vor einigen Jahren der Umsatz noch rückläufig war, sind Spiele wieder unheimlich angesagt“, merkt Vanessa Waldvogel an. Laut der Geschäfts-

führerin habe das Osnabrücker Kaufhaus Schäffer den Umsatz in manchen Spielsegmenten seit dem Jahr 2015 verdoppelt. Bodo Meyer, Chef von Spiel+Freizeit Nagel in Georgsmarienhütte, sieht ebenfalls positive Zahlen, die in etwa dem durchschnittlichen Wachstum der Spieleverlage entsprechen. „Wir verkaufen vor allem Spiele, die schnell erklärt werden können, sodass man am besten schon mit den Informationen auf der Schachtelrückseite loslegen kann.“ Hedwig Grewing vom Fachgeschäft rad+spiel Grewing in Bersenbrück argumentiert so: „Wer sich dem Internetboom mit einem guten Sortiment, exzellentem Service und Bestellmöglichkeiten entgegengestellt hat, kann jetzt die Früchte ernten.“ Das gilt auch für den auf Spiele und Puzzles spezialisierten Spieltraum in Osnabrück. Inhaber Malte

„Party- und Spaßspiele sind bei jungen Leuten wieder in.“ Händler Hermann Wöbker

Kiesel hat sogar registriert, dass bei steigenden Umsätzen der Anteil der Online-Käufer um einige Punkte auf 30 Prozent zurückgegangen ist. „Wir haben viele neue Kunden im Laden“, sagt er. Unter anderem durch die Eröffnung des angrenzenden Brettspielecafés Osnabrett vor zwei Jahren hätten sich neue Synergien ergeben. „Leute, die nebenan ein neues Spiel ausprobiert haben, kommen dann zu uns, um das Spiel zu kaufen.“ Nicht ganz so euphorisch, aber durchaus zufrieden klingen zwei Spielehändler aus dem Emsland. „Wenn wir 40 Prozent Steigerung hätten, dann würde ich in die Luft springen“, meint Hermann Wöbker von Spiel+Freizeit Wöbker in Meppen. Gleichwohl habe auch er eine Steigerung beim Absatz von Brettund Kartenspielen verzeichnet. Auch Georg Kröger von Fun4Kids in Papenburg merkt, dass mehr Spiele gekauft werden. „Aber nicht in der Höhe, wie es die Spieleverlage melden“, sagt er. Stefan Roose vom Fachgeschäft Twenhäfel in Bramsche stößt ins gleiche Horn. Er verdeutlicht zudem, dass der Spielwarenhandel einem starken Preiskampf ausgesetzt sei. Insbesondere bei Amazon werde jeder Preis unterboten. Bodo Meyer von Nagel ist der Ansicht, der Internetriese sei nicht nur Kaufhaus, sondern auch eine Preisvergleichsplattform. Amazon setze die Benchmarks. Wie groß der Anteil Amazons am Umsatz mit Gesellschaftsspielen in Deutschland ist, wollte das Unternehmen auf Anfrage nicht bekannt geben. Neben Amazon und dem Fachhandel gibt es mittlerweile aber auch noch weitere Mitspieler im Geschäft. Beispiel Müller. Die Drogeriekette habe nach eigenen Angaben zuletzt einen Anteil von etwas mehr als zehn Prozent am deutschen Gesamtmarkt mit Gesellschaftsspielen erzielt. „Käufer von Spielen sind treue Kunden und wissen eine große Auswahl zu schätzen“, sagte ein Sprecher von Müller. Beispiel Thalia. Die Buchhandelskette hat Spiele als sinnvolle Ergänzung zu ihren

Die Spieleregaleim Einzelhandelsindgutgefüllt.DieUmsätzesteigenauchim stationären GeschäftseiteinigenJahren wiederan.

Kernprodukten entdeckt, „Mittlerweile machen Gesellschafts- und Kartenspiele den Hauptteil des Spielwarensortiments aus“, teilte eine Sprecherin mit. Sowohl Müller

als auch Thalia betreiben neben den Filialen auch Onlineshops. Verbandschef Hermann Hutter ist aufgefallen, dass insbesondere Müller den Spielen viel Regalfläche in

den Läden gebe. Ansonsten seien Spiele im klassischen Spielwarenhandel generell eher unterrepräsentiert. „Mehr Fläche würde sich nicht lohnen“, meint Bodo Meyer. Der

Exit-Spiele lösen Monopoly als umsatzstärkste Spielemarke ab In den ersten acht Monaten dieses Jahres hat alleine der Stuttgarter Kosmos-Verlag mehr als 700000 Stück verkauft VON KARSTEN GROSSER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN

Escape-Room-Spiele für zu Hause finden immer mehr Fans. Vor allem die Titel der Reihe „Exit – Das Spiel“ kommen gut an. So gut, dass sie im ersten Halbjahr 2019 nach Umsatz die erfolgreichste Spielemarke unter den Familienspielen in Deutschland waren – und damit den scheinbar ewigen Ersten „Monopoly“ ablösten. Nur eine Momentaufnahme? „Wir gehen davon aus, dass das Thema anhält und sogar noch wächst“, kommentiert Heiko Windfelder, der beim Kosmos-Verlag die Leitung Spielware innehat, die Erhebung des Marktbeobachters npdgroup. Das würden allein die Verkaufszahlen beweisen. In den ersten acht Monaten dieses Jahres hätten die Stuttgarter mehr als 700 000 „Exit“-Spiele verkauft. Weltweit habe der Verlag mehr als vier Millionen Exemplare abgesetzt, seit die Reihe vor gut drei Jahren eingeführt worden sei.

Exit-SpieleliegenimTrend.

Der Erfolg fußt auf einem Rätselsystem, das sich das Gummersbacher Autorenehepaar Inka und Markus Brand ausgedacht hat. Ein kleines Heft mit Aufgaben, das die Räume

Foto:JörnMartens

eines echten Escape Rooms ersetzt, Rätselkarten sowie eine Decodierscheibe sind die essenziellen Bestandteile, mit denen jeder Fall ausgestattet ist. Bis zu vier Knobelfans

brauchen etwa 45 bis 90 Minuten, um die zehn Rätsel eines Titels gemeinsam zu lösen. Ein Gruppenerlebnis in den eigenen vier Wänden. Da Material beschrieben oder verbraucht wird, kann jedes „Exit“ nur genau einmal gespielt werden. Ein Umstand, der Kosmos mitunter mit dem Vorwurf mangelnder Nachhaltigkeit konfrontiert. Ein Exemplar kostet etwa 13 Euro. Bislang hat Kosmos etwa 20 verschiedene Exit-Szenarien veröffentlicht – vor allem als Spiel, aber auch als Buch. Die Kreativität, welche Inka und Markus Brand sowie der mittlerweile in die Rätselentwicklung eingestiegene Redakteur Ralph Querfurth an den Tag legen, ist beachtlich. Quasi jeder neue Fall überrascht mit einem Wow- und Aha-Effekt. „Die Ideen gehen ihnen nicht aus“, freut sich Windfelder. Bereits die drei ersten Titel, die im Herbst 2016 auf den Markt kamen, wurden mit dem Kritikerpreis „Kennerspiel des Jahres 2017“ ausgezeichnet.

Um die Marke zu etablieren, hat Kosmos von Anfang an auf neue Vertriebswege gesetzt. „Wir haben es sehr frühzeitig geschafft, unsere ExitSpiele direkt bei den Anbietern von Live-Escape-Räumen zu platzieren“, sagt Matthias Kienzle, der als Marke-

„Wir gehen davon aus, dass das Thema anhält und sogar noch wächst.“ Heiko Windfelder, Leitung Spielware beim Kosmos-Verlag

ting- und Vertriebsleiter Mitglied der Geschäftsführung bei Kosmos fungiert. „Das ist deshalb so wichtig, da wir dort die Zielgruppen direkt abholen.“ Auch bei Brettspielfachhändlern habe es der Verlag geschafft, die Spiele der „Exit“-Reihe früh auffällig zu positionieren. Bei Spielen und Büchern möchte es Kosmos indes nicht belassen. „Natürlich tüfteln wir intern auch an neuen Exit-Ideen“, verrät Windfelder. „Wichtig ist dabei, dass die neuen Produkte unseren Qualitätsansprüchen genügen.“ Als erfolgreich hat sich beispielsweise erwiesen, die Marken „Exit“ und „Die drei ???“ zu verknüpfen. Der Fall, in dem die aus der Jugendbuchreihe bekannten Jungdetektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews auf Hilfe angewiesen sind, sei laut Kosmos der beliebteste Titel für Einsteiger. Bei den Fällen für Fortgeschrittene liege „Die verlassene Hütte“ vorn. Besonders herausfordernd ist indes „Der Tote im Orient-Express“, der Experten vor ein Extra-Rätsel stellt.

Foto:JörnMartens

Preisdruck sei einfach zu hoch. Für Malte Kiesel sorgt eher die zunehmende Zahl an Neuheiten für Probleme. Obwohl er im Spieltraum nur Spiele und Puzzles anbietet, reicht der Platz nicht mehr aus, um alle Novitäten im Laden zu zeigen. „Vor zehn Jahren habe ich noch fast jede Neuheit bestellt, heute müssen wir eine Vorauswahl treffen.“ Das fresse viel Zeit für Recherchen. Zugleich nimmt die Rotation an Schwung auf. Spiele, die nicht sofort einschlagen, fallen schnell wieder aus dem Sortiment raus. „Bei der Flut an neuen Artikeln und Themen geht manches leider unter“, findet Vanessa Wald-

vogel von Schäffer. Selbst gute Spiele könnten in der Flut der guten und sehr guten Spiele untertauchen, meint Kiesel. Im Fokus hingegen stehen derzeit all die Spiele, die etwas mit Rätseln und Knobeln zu tun haben. Etwa Smart Games – hinter diesem Begriff verbergen sich Logikspiele für eine Person. Vor allem aber EscapeRoom-Spiele, bei denen die Spieler gemeinsam Aufgaben lösen müssen. „Die sind der absoluter Renner“, sagt Kiesel. Die Reihe „Exit – Das Spiel“ vom Stuttgarter Verlag Kosmos war in der ersten Jahreshälfte die umsatzstärkste Spielemarke in

Deutschland. Doch andere Verlage schwimmen vorne mit. Etwa die „Unlock“-Reihe (Space Cowboys) oder „Escape Room – Das Spiel“ von Noris. Krimi-, Kommunikationsund Partyspiele sind ebenfalls gefragt. Vanessa Waldvogel nennt hier zum Beispiel die „Black Stories“ (moses), „Werwölfe von Düsterwald“ (Asmodee) oder mit „Just One“ (Repos Production) das aktuelle Spiel des Jahres. Hermann Wöbker sagt: „Party- und Spaßspiele sind bei jungen Leuten wieder in.“ Bei Twenhäfel in Bramsche laufe „Tal der Wikinger“ (Haba), das Kinderspiel des Jahres, rauf und unter, so Inhaber Stefan Roose. Der Erfolg von „Exit“ erklärt sich auch damit, dass die Fälle dieser Reihen nur einmal gespielt werden können. Weil Material verbraucht wird, sind sie danach nicht mehr spielbar. „Hätte ich vor zehn Jahren ein Spiel für knapp 15 Euro verkauft und den Kunden gesagt, dass sie es nach dem ersten Spiel wegwerfen können, hätten mir diese einen Vogel gezeigt“, meint Georg Kröger aus Papenburg. Doch bei modernen Spielen wie „Exit“ oder dem innovativen „Pandemic Legacy“, bei dem jede Partie Auswirkungen auf die folgenden habe, kauften die Leute auch ein Spielerlebnis mit. Vanessa Waldvogel betont, dass es bei den zunehmend beliebten kooperativen Spielen kein Gegeneinander habe: „Es gibt keine Verlierer.“ Und wenn doch, dann verliert man als Team. Die Sehnsucht nach einem (generationenübergreifenden) Miteinander taugt auch als Begründung für den steigenden Umsatz mit Gesellschaftsspielen. „Neben dem Trend zur Digitalisierung gibt es einen Gegentrend zum Analogen“, erklärt Hedwig Grewing aus Bersenbrück. Spielmaterial anfassen, mit den Mitspielern von Angesicht zu Angesicht kommunizieren, gemeinsam etwas erleben. Und das durchaus auch zu Hause. Für Vanessa Waldvogel passt das gut zum dem, was als Cocooning bezeichnet wird. Doch obwohl die Brettspiele in jüngster Vergangenheit deutlich moderner geworden sind und qualitativ neue Level erreicht haben, wurden bei einer repräsentativen Umfrage von Spendid Research am häufigsten die Klassiker „Monopoly“, „Mensch ärgere Dich nicht“ und „Rommé“ als Lieblingsspiele genannt. Kein Wunder, dass Hermann Hutter der Zeitschrift „Spiel doch!“ sagte: „Wir verfügen noch über viel Wachstumspotenzial, wir haben bislang nur wenige Prozent der Interessierten wirklich erreicht.“

Spiel, Spaß und Spannung liegen im Trend Umsatz mit Gesellschaftsspielen in Deutschland in Millionen Euro

550 500

450

2010

420

2011

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450 400

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2014

2015

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Quelle: Statista/Spieleverlage · Grafik: Matthias Michel

EineÜbersättigungdesMarktessehendieBetreiberderEscape Roomsnochnicht.

Foto: GertWestdörp

Schon mehr als ein Dutzend Escape Rooms in der Region Viele der Nutzer sind Wiederholungstäter

VON KARSTEN GROSSER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN Escape

Rooms erfreuen sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Im Raum Osnabrück gibt es mittlerweile mehrere Anbieter, im Emsland öffnete der erste Raum zu Jahresbeginn. Wie läuft das Geschäft? Die Idee stammt aus Japan. Dort entstanden vor gut zehn Jahren die ersten erlebnisorientierten Live Escape Games. Im August 2013 machte in Deutschland der erste Escape Room auf, seitdem wächst die Zahl der Anbieter. Es dauerte indes bis zum April 2016, ehe mit Exitcache in Georgsmarienhütte der Trend die Region Osnabrück erreichte. In der Stadt startete mit Room Fox der erste Anbieter gar erst im November 2017. Room Fox war es auch, der Anfang dieses Jahres mit seinem Standort in Lingen den Freizeitspaß ins Emsland brachte. 18 Mitarbeiter beschäftige sein Unternehmen mittlerweile, sagt Björn Schöne, der Room Fox gemeinsam mit Inna Meisner gründete. Die meisten seien 450-Euro-Kräfte, aber es gebe auch fünf Vollzeitstellen – etwa für einen Elektriker und einen Ingenieur. Die Spezialisten unterstützen Schöne bei der Umsetzung von neuen Spielkonzepten, die technisches Know-how erfordern. Meisner sei verantwortlich für den laufenden Betrieb und die Gestaltung. Room Fox, das kürzlich auch die Räumlichkeiten von Escape Hunt in Bielefeld übernommen hat, sieht sich als führender Anbieter in Osnabrück. Konkurrenzgedanken gebe es aber nicht. „Wir gehen hier sehr fair miteinander um“, beurteilt er das zuletzt doch spürbar gewachsene Angebot in der Hasestadt. Wie auch in Lingen stehen den Room-Fox-Kunden zwei unterschiedliche Räume zur Auswahl. Mit den beiden Escape Rooms von Team Escape sowie den drei Räumen von Escape Room Osnabrück gibt es insgesamt sieben unterschiedliche Abenteuer in der Stadt. Hinzu kommen drei Räume bei Exitcache in Georgsmarienhütte sowie ab November zwei Räume beim neuen Anbieter Escape Room Heroes im Fürstenauer Fursten Forest. Zu viele? „Wir befruchten uns gegenseitig“, sagt Christian Wasmuth, der als Geschäftsführer der Münsteraner Hafenarena auch Team Escape in Osnabrück verantwortet. „Wir empfehlen die Mitanbieter, die Mitanbieter empfehlen uns.“ Das Miteinander funktioniert, weil ein Gast einen Escape Room nur einmal spielen kann. Danach kennt er ja die Lösungen für die Rätsel. Wasmuth stellt einen Vergleich mit Kinos an: „Wenn es einmal Spaß gemacht hat, dann kommen die Leute wieder.“ Und gucken einen anderen Film. Auf

80 bis 90 Prozent beziffert er die Quote der Wiederholungstäter. Bei Team Escape in Osnabrück, das seine Eröffnung an Pfingsten dieses Jahres hatte, arbeiteten ein Festangestellter und fünf 450-Euro-Kräfte, sagt Wasmuth. Auch Kai-Uwe Schulz sieht keinen richtigen Wettbewerb unter den Anbietern in Osnabrück. Allerdings vermutet der Geschäftsführer der Oldenburger Laser Tag Arena GmbH, unter dessen Dach Escape Room Osnabrück beheimatet ist, dass die Auslastung seiner Räume besser wäre, wenn das Angebot durch andere geringer wäre. Aus diesem Grund sieht er auch keinen Sinn darin, noch einen weiteren Escape Room einzurichten. Gleichwohl plane er ein neues Konzept. „Man muss sich immer wieder neu erfinden.“ Details wollte er indes noch nicht nennen. Derzeit beschäftige er in Osnabrück rund 15 Mitarbeiter, darunter zwei Vollzeitkräfte. Laut Schulz ist es gar nicht so einfach, geeignete Gamemaster zu finden. Personen, die den Besuchern helfen, sollte diese sich zu lange mit dem Lösen einzelner Rätsel aufhalten. Potenzielle Kandidaten müssten fähig sein, vor Publikum zu sprechen, und schauspielerisches Talent mitbringen. Umso atmosphärischer die Spieler in die Geschichte eingeführt würden, desto besser das Spielerlebnis. Letzteres hängt auch von der Qualität der

„Wir empfehlen die Mitanbieter, die Mitanbieter empfehlen uns.“ Christian Wasmuth, Geschäftsführer Team Escape

Rätsel und der Raumausstattung ab. „Die Räume werden immer technischer“, hat Wasmuth beobachtet. Ein Trend, den sowohl er als auch Schulz (noch) nicht mitmachen wollen. „Es gibt Einsteiger, die wollen überhaupt kein Hightech“, argumentiert Schulz. Wasmuth betont, dass es gerade haptische Eindrücke seien, die das Lösen der Rätsel so besonders machten. Wichtig sei vor allem das Gemeinschaftsgefühl, das beim Entkommen entstehe. Und die Räume stabil und sicher zu gestalten. „Bei uns haben Kunden auf der Suche nach Hinweisen schon einmal einen Eichenschreibtisch auf den Kopf gestellt“, sagt Wasmuth. Nicht nur deshalb sind nun alle Möbel festgeschraubt. Schöne hingegen ist ein Fan von Hightech. Das betrifft nicht nur die Ausstattung der Räume, sondern auch das Equipment für die Rätsel, die in der Stadt gelöst werden. Sowohl in Osnabrück als auch in Lingen bietet Room Fox ein Outdoor-Abenteuer an. „Mit dem technischsten Bollerwagen Deutschlands“, wie Schöne verspricht. Mit der Möglichkeit, das Erlebnis des Rätsels nach draußen zu bringen, hofft er auf neue Zielgruppen. Auch Team Escape lädt zu zwei unterschiedlichen Outdoor-Touren in Osnabrück ein. Außerdem ergänzt Wasmuth sein Angebot durch eine sogenannte Cube Challenge – ein mobiles Rätselabenteuer, das die Form eines Würfels mit mehreren zu öffnenden Fächern hat. Knobeleien sind einfach angesagt. Das untermauern auch die Verkaufserfolge von Exit-Spielen. Alles gut also im Geschäft mit Escape Rooms? Generell ja. Der Umsatz sei im Vergleich zum Vorjahr um ein Vielfaches gewachsen, sagt Björn Schöne, der seit einigen Monaten auch zum Vorstand des Fachverbands der Live Escape & Adventure Games gehört. Er appelliert indes an die Behörden, eine größere Rechtssicherheit für den Betrieb von Escape Rooms herzustellen. Es herrsche eine allgemeine Verunsicherung: Wo darf man einen Raum errichten? Und wo nicht? „In Osnabrück werden wir als Vergnügungsstätte eingruppiert“, moniert er. „Wie auch Spielotheken und Sexshops.“

Habenkürzlich auch nachBielefeld expandiert:Die GründervonRoom Fox,BjörnSchöne und InnaMeisner.


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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

LEBEN & LEIDENSCHAFT

Ein Coach für Schüler und Chefs Bramscher Unternehmerin Constanze von Laer mag Umwege / Einsatz unter anderem für die Ausbildung VON HEINER BEINKE „Umwege erhöhen die Ortskenntnis.“ Das ist der Wahlspruch von Constanze von Laer. Sie muss es wissen, denn die Bramscherin ist einige Umwege gegangen, bevor sie eine gefragte Referentin für Führungskräfte und Schüler gleichermaßen geworden ist. Eigentlich kommt die Mutter dreier Söhne aus dem Fachbereich Public Relations. Nach der Ausbildung zur Industriekauffrau studiert sie an der Bayerischen Akademie der Werbung „Kommunikation und PR“. Es folgen die verschiedensten Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen, unter anderem zum Personalcoach und zum Heilpraktiker für Psychotherapie. An der Universität Wuhan in China unterrichtet sie „Englisch als Fremdsprache“, als PR-Referentin ist sie in Hamburg tätig. Zum Zentrum ihrer vielseitigen Aktivitäten wird schließlich der Raum Osnabrück, weil ihr Mann Michael von Laer Geschäftsführer beim Bierhefe-Spezialisten Leiber GmbH in Engter wird. Mit ihrer Firma Konzeptwerk bietet sie an, was zum Thema Personal und Beruf dazugehört: Bewerbertraining, Coaching für Führungskräfte, Beratung bei Burn-out, Motivationstraining und Talentsuche sind nur einige Aspekte ihrer Tätigkeit. BRAMSCHE

Ihre persönlichen Umwege erhöhen die „Ortskenntnis“ im Umgang mit ihren Mitmenschen. Sie sucht und findet in den meisten Fällen den Zugang zu dem, was den Einzelnen antreibt, was seinem Wesen entspricht. Sie beschreibt ihren Ansatz mit einem Wort von Johann Wolfgang von Goethe: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“ In ganz besonderem Maße hat die Hauptschule Bramsche von

„Wenn dann die Augen leuchten, dann habe ich sie.“ Coach Constanze von Laer

ihren Fähigkeiten profitiert. Hier hat Constanze von Laer unter anderem das Projekt „Chill=Out“ inititiert: Zeitweise mehr als 140 Schülerinnen und Schüler waren in diesem Rahmen außerschulisch aktiv in Sportvereinen, bei der freiwilligen Feuerwehr oder in Kirchengruppen. Andere arbeiten in Seniorenheimen oder helfen in Kindergärten. Dank der Mithilfe vieler Bramscher Vereine, Unternehmen und Einrichtungen haben bislang alle Teilnehmer einen für sie attraktiven Platz gefunden. „Ziel ist es, dass die Schüler hierüber ihre Fähigkeiten erkennen und Kompetenzen erlernen, die ihnen später helfen, leichter eine Ausbildungsstelle zu finden“, erklärt von Laer. Sie verwendet viel Mühe darauf herauszufinden, was die Jugendlichen begeistert. „Wenn dann die Augen leuchten, dann habe ich sie.“ „TAB“ heißt das jüngste Kind der umtriebigen Netzwerkerin. Das Kürzel steht für „Tolle Ausbildung Bramsche“ und meint ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die eine Ausbildung in Bramsche attraktiver machen soll. „Bramsche steht da ja in Konkurrenz zu anderen Städten“, weiß sie. Zusammen mit dem Bramscher Wirtschaftsförderer Klaus Sandhaus hat sie eine Reihe von Zusatzangeboten für Azubis entwickelt. Ein Baustein ist eine Schulung für Azubis, die beim Bramscher Be-

Die Bramscher Unternehmerin ConstanzevonLaer coachtunter anderemSchüler,damit siedierichtige Ausbildungfinden. Foto:HeinerBeinke

rufsorientierungsparcours (BOP) Schülern als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. „Erzählt Geschichten, die ihr erlebt habt, die euch begeistert haben. Das interessiert die viel mehr als irgendwelche Zahlen über den Betrieb“, lautet ihr Rat. Sie hat festgestellt, dass es „das Beste“ in der Berufsorientierung für Schüler ist, Auszubildende als Multiplikatoren einzusetzen. Auch der Azubi-Cup beim Eisstockschießen in Bramsche gehört zu „TAB“. Betriebe können eigene

Mannschaften bilden, aber auch Jugendliche aus Betrieben, in denen sie vielleicht der einzige Azubi sind, können sich anmelden. Mannschaften werden dann zusammengestellt. „Der Kontakt untereinander ist für viele sehr wichtig“, weiß von Laer. Macht es nun mehr Spaß, Schüler zu coachen oder Chefs? Constanze von Laer möchte keinen Bereich missen. Nicht nur bei Führungskräften stellt sie allerdings einen zunehmenden Bedarf an Unterstützung fest. Das „ständige Perfor-

ming“, der Druck, jederzeit voll da zu sein, bereite immer mehr Menschen Probleme. Häufig helfe Kommunikation, vor allem wenn sie mit Bestätigung und Anerkennung einhergehe. Ihr Fazit: „Sinn ist unter dem Strich mehr wert als Geld.“ Schüler und Chefs stehen also bei Konzeptwerk gleichberechtigt nebeneinander. Ein Wunsch gibt allerdings einen Hinweis auf die Prioritäten: „Wenn ich im Lotto gewinnen würde, würde ich eine Schule gründen.“

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tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen, neben der Dokumentation des Tagesgeschehens, in Industrie- und Unternehmensreportagen, Storytelling, People- und Porträtfotografie.

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

LEBEN & LEIDENSCHAFT

Die Zukunft ist regional und bio Berufsimker Klaus Stenvers will mit seinem Hofladen einen Beitrag leisten

VON SUSANNA AUSTRUP SCHÜTTORF Als Kind hat Klaus Stenvers bei der Kartoffelernte geholfen, beobachtet, wie die Schweine, Hühner und Kaninchen seines Vaters aufwachsen, und hat das Schlachten der Tiere erlebt. All das hat ihn geprägt. Heute ist er selbst begeisterter Berufsimker. Wenn Klaus Stenvers von seinen Bienen erzählt, fangen die Augen der 60-Jährigen an zu leuchten. Viele Jahre hat er seine Brötchen als Programmierer verdient, bis ein glücklicher Zufall ihm die Welt der Bienen eröffnete. Bei dem Besuch einer Buchhandlung hatte Stenvers in Tierbüchern gestöbert und zwei Bände über Bienen gefunden, die er sofort kaufte. „Ich war von Anfang an fasziniert“, sagt der gebürtige Westfale. So ging es los. Heute steht er voller Stolz in seinem frisch eröffneten Hofladen. Hier verkauft er seinen Honig und viele andere Bienenprodukte, Eier von den eigenen Hühnern, außerdem Fleisch, Wurst und Backwaren, Molkereiprodukte sowie Obst und Gemüse – alles in der Region hergestellt und möglichst in Bioqualität.

Dabei hat er eigentlich eine Ausbildung zum Werkzeugmacher gemacht, besuchte nebenberuflich die Abendschule und ging anschließend auf die Meisterschule. Bei der REFA, dem Verband für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung, absolvierte er die Grundausbildung Arbeitsorganisation. „Ab da saß ich nur noch vorm Computer“, berichtet Stenvers. Seine Arbeitstage waren lang und aufreibend. Selbst die Wochenenden gehörten der Firma. Außerdem beschloss Klaus Stenvers, nebenbei zu imkern. Damals habe er schon 40 Völker besessen, erzählt er. Nach seinem Imkerlehrgang übernahm er bald den Vorsitz des Imkervereins, ließ sich zum Bienen- und Honigberater schulen und wurde schließlich selbst Ausbilder. „Nach zehn Jahren ging ich beruflich auf dem Zahnfleisch“, erzählt Stenvers. Seine Ehe zerbrach. Als er merkte, dass ihm die Luft ausging, warf er den Schalter um und wurde Berufsimker. Voller Hochachtung spricht der naturverbundene Mann von seinen Bienen, die er gerne beobachtet. „Wussten Sie, dass Bienen sehr effizient arbeiten?“, fragt er und nennt als Beispiel die Futtersuche, die von

Insgesamt 100Bienenvölker hältKlausStenvers heute. EinHofladen istseinzweites Standbein. Foto:Susanna Austrup

Kundschafterinnen und Sammelbienen übernommen wird. Die Kundschafterinnen bringen den Stockbienen eine Nektarprobe. Die Tiere wissen, welche Nahrungsbestandteile – Nektar, Pollen oder Wasser – knapp sind. Danach entscheiden sie, ob die Kostprobe von einer vorteilhaften Futterquelle stammt. Für den Schritt in die Selbstständigkeit beantragte Stenvers einen Gründungszuschuss und verkaufte seinen Honig auf dem Wochenmarkt. Seine Lebenspartnerin verfügte über ein Grundstück in Samern. Damit wuchs die Idee für ein zweites Standbein, einen eigenen Laden aufzubauen. Von Anfang an hatte Stenvers die Vision, Lebensmittel aus handwerklicher Produktion und von hoher Qualität zu

reellen Preisen für Erzeuger und Kunden anzubieten. Regionaler Herkunft sollten sie sein, um lange Transportwege zu vermeiden, ebenso wie Verpackungsmaterial. Der Aufbau des Ladens war mühsam. Die erste Hürde bestand darin, die Baugenehmigung für einen Hofladen auf den landwirtschaftlichen Flächen zu erhalten. Der Grund: Während die Berufsimkerei zur Landwirtschaft zählt, fällt ein Hofladen unter das Gewerbe. Nach einigem Hin und Her wurde die Baugenehmigung erteilt. Damit begann für Stenvers eine dreijährige Bauphase, denn vieles erstellte er in Eigenleistung. Rund 100 Bienenvölker hält der Imker heute. Die Ernte fällt stets unterschiedlich aus. Ein Hauptfaktor ist das Wetter. Bienen mögen es

warm, aber nicht zu heiß. Fällt das Thermometer unter zwölf Grad Celsius, stellen die Immen ihre Flugtätigkeit ein. Auch das Nahrungsangebot spielt eine große Rolle, denn um Honig zu produzieren, benötigen die Tiere ausreichend nektarhaltige Blüten. Manche Imker wandern, um das Nahrungsangebot zu erweitern und um unterschiedliche Trachten zu gewinnen. Für seinen Akazienhonig bringt Klaus Stenvers Bienenvölker bis in das Oderbruch. Deutscher Akazienhonig ist ein Blütenhonig aus der Robinie und gilt als Besonderheit. Auf die Frage, wie viel Honig er im Jahr erntet, antwortet der Imker: „Wenn Sie reisen, können Sie 50 Kilogramm pro Volk ernten.“ Das klingt erst mal viel, doch die Durchschnittsernten fallen regio-

nal oft viel niedriger aus. Im August hat der Deutsche Imkerbund Zahlen zur diesjährigen Honigernte im veröffentlicht. Die Frühjahr schlechtesten Ergebnisse erzielten die Imker in Baden-Württemberg. Nur etwas mehr als ein Drittel von ihnen habe dort überhaupt geschleudert und einen Ertrag von zehn Kilogramm pro Volk registriert, heißt es, und weiter: „Bezieht man die Betriebe mit ein, die überhaupt nichts ernten konnten, lag der mittlere Ertrag bei vier Kilogramm pro Volk.“ Im Gegensatz dazu konnten Betriebe in den östlichen und nördlichen Bundesländern mit Werten von mehr als 20 Kilogramm pro Volk wesentlich höhere Erträge verbuchen. Erst, wenn auch die Ergebnisse der Sommerernte ausgewertet sind, lässt sich überblicken, wie gut oder schlecht die Jahresernte ausgefallen ist. Neben dem Honig stammen auch die Eier in Stenvers’ Hofladen aus eigener Produktion. Hellrosa, pastellgrün bis gelblich schimmern sie auf dem Verkaufstresen. Die fleißigen Eierlegerinnen sind Abkömmlinge zweier alter Nutztierrassen. „Das Vorwerkhuhn gilt als gefährdet“, erklärt der Imker, der als zweite Rasse das White-Rock-Huhn hält. Beide Hühnerrassen sind sogenannte „Zweinutzungshühner“, die sich laut Stenvers durch eine gute Legeleistung auszeichnen und nach ihrer Schlachtung einen stattlichen Braten ergeben. Imkerei, Hühner, Hofladen und Marktverkauf: Das bedeutet jede Menge Arbeit. Zehn bis zwölf Stunden ist Klaus Stenvers täglich auf den Beinen. Reichtümer erwirbt er damit nicht. Warum macht er das? „Aus Überzeugung“, sagt er und: „Wir wollen nicht nur reden, sondern mit gutem Beispiel vorangehen.“

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DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

LEBEN & LEIDENSCHAFT

TERMINE

14.11.2019 | 16.00 Uhr

Volkswagen Osnabrück feiert beim Familientag das zehnjährige Jubiläum des Standorts Osnabrück sowie die offizielleVorstellungdesT-RocCabrio,daskünftighierproduziertwird.

Foto:VW

Emsachse Marketingreihe: „Storytelling“

DER WIRTSCHAFT

RÜCKER GMBH EGELSER STR. 111, AURICH

25.10.2019 | 9.30 Uhr Osnabrücker Gesundheitsforum

16.11.2019 | 10.00 Uhr Existenzgründertag der Existenzgründungsinitiative

HOCHSCHULE OSNABRÜCK ALBRECHTSTR. 30

LANDKREIS EMSLAND, KREISHAUS I ORDENIEDERUNG 1, MEPPEN

26.-27.10.2019 | 10.00 Uhr Immobilienmesse: bauen, kaufen, mieten, finanzieren...

20.11.2019 | 14.00 Uhr IHK Erfinder- und Patentberatung

AUTOHAUS WELLER, OSNABRÜCK PAGENSTECHERSTR. 77-83

28.10.2019 | 10.00 Uhr Kleines Unternehmerfrühstück, Freelancer Netzwerk FRÜHKAUF, OSNABRÜCK STAHLWERKSWEG 14

29.10.2019 | 15.30 Uhr

DIE GESICHTER DER WIRTSCHAFT

Beim Wirtschaftstag des Wirtschaftsrates in der OsnabrückHalle kamen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-KarrenbauerundAstridHamkerinsGespräch.Foto:MichaelGründel

IHK OS – EL – GB NEUER GRABEN 38, OSNABRÜCK

20.11.2019 | 19.00 Uhr Scientists for Future: Pariser Klimaschutzabkommen

MD HARDWARE & SERVICE GMBH EMDEN, STEDINGER STR. 24

UNI OSNABRÜCK KOLPINGSTR. 7, GEBÄUDE 1/HVZ

30.10.2019 | 19.00 Uhr

21.11.2019 | 17.00 Uhr

NOZ Servicezeit: Altersvorsorge – Gelassen in die Zukunft

Emsachse: 1. Start-up- und Unternehmensforum

NOZ MEDIENZENTRUM OSNABRÜCK BREITER GANG / BERLINER PLATZ

Scientists for Future: Die klimaneutrale Stadt

Wissenswertes zum Emsland gab es beim Integrationswochenende für dieTeilnehmer aus deutschsprachigen

Die Teamplan Josef Meyer GmbH aus Nordhorn wurde beim InnovationswettbewerbTOP 100 erneut für Innovationskraft und überdurchschnittliche Innovationserfolge ausgezeich-

Mennoniten-KolonieninParaguayimProjekt „PerspektiveEmsland“.

net.ImBild:GesellschafterHorstTösch.

Foto:Wirtschaftsverband Emsland

Foto:Teamplan

23.11.2019 | 18.30 Uhr

Fachkonferenz Verwaltung: Finanzmanagement

2. Charity Gala des Zoos OS: Flügel für die Zukunft

HOCHSCHULE OSNABRÜCK ALBRECHTSTR. 30

ICO INNOVATIONSCENTRUM OSNABR., ALBERT-EINSTEIN-STR. 1

Bedfordspendetin16JahreneineMillionEuroanterre des hommes. Firmeninhaber Bert Mutsaers besucht eine Einrichtung in Myanmar. Foto:Bedford

ALANDO BALLHAUS POTTGRABEN 60, OSNABRÜCK

26.110.2019 | 14.00 Uhr Annähernd1500GästederMarkenAutoWellerundB&KfeiertenaufderMSRheinEnergiediediesjährigeWeller Gala. Foto:Weller

28.11.2019 | 14.00 Uhr

HWK: Lebenswerk erhalten, Nachfolge gestalten, Teil II

HK-vor-Ort in Nordhorn: Integrationsberatungen

NINO-HOCHBAU NORDHORN, NINO-ALLEE 11

NINO HOCHBAU NINO-ALLEE 11, NORDHORN

06.-08.11.2019 | 15.00 Uhr

29.11.2019 | 19.30 Uhr

Starkes Ich – starke Leistung: Frauen-Buisness-Tage

13. Mindener Werteforum mit Sigmar Gabriel

IHK OS – EL – GB OSNABRÜCK, NEUER GRABEN 38

Jobmesse Bielefeld Kontaktbörse

Betriebsbesichtigung gigant Trenkamp & Gehle GmbH GIGANT - TRENKAMP & GEHLE GMBH MÄRSCHEND. STR. 42A, DINKLAGE

05.11.2019 | 18.30 Uhr

09.11.2019 | 10.00 Uhr

23.11.2019 | 16.00 Uhr

FREIHERR-VOM-STEIN-GYMNASIUM DIECKMANNSTR. 141, MÜNSTER

05.11.2019 | 9.00 Uhr

Fördermöglichkeiten des European Innovation Council

CORNEXION GMBH , MEPPEN AM ALTEN GÜTERBAHNHOF 7-11

Spezialmesse zum Thema Bildung im Ausland

UNI OSNABRÜCK KOLPINGSTR. 7, GEBÄUDE 1/HVZ

05.11.2019 | 16.00 Uhr

20.11.2019 | 18.00 Uhr Praxisbeispiel eines erfolgreichen Unternehmensverkaufs

HR-Forum „Begleitung von Mitarbeitern“, Ems Achse

30.10.2019 | 19.00 Uhr

IT.EMSLAND IT-ZENTRUM KAISERSTR. 10B, LINGEN

Neueröffnung des Piepenbrock Technologie- und Reinraumtrainingszentrums mit (v.l.).Olaf Piepenbrock,Osnabrücks OBWolfgangGriesert undArnulfPiepenbrock. Foto:Piepenbrock Gruppe

OsnabrückerStrategieberatungStrategiongewinntmitdemDFKIdenKI-Innovationswettbewerb des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (v.l.): Thomas Feld (Strategion), Anke Hüneburg (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie), Ulrich Nussbaum (Staatssekretär im Bundesministerium fürWirtschaft und Energie), Ingeborg Esser (Hauptgeschäftsführerin, Bundesverband deutscher Wohnungsund Immobilienunternehmen), Oliver Thomas (Deutsches Forschungszentrum für KünstlicheIntelligenzGmbH(DFKI). Foto: Strategion

STADTHALLE BIELEFELD WILLY-BRANDT-PLATZ 1

ALTENDORF GMBH WETTINERALLEE 43/45, MINDEN

05.12.2019 | 9.00 Uhr Zeugnis-Abc - Wie schreibt und liest man Arbeitszeugnisse? IHK OS – EL – GB NEUER GRABEN 38, OSNABRÜCK

09.11.2019 | 20.00 Uhr

05.12.2019 | 20.00 Uhr

Wirtschaftskabarett mit Chin Meyer

Vortrag mit Motivationstrainer Biyon Kattilathu

LAGERHALLE OSNABRÜCK ROLANDSMAUER 28

OSNABRÜCK-HALLE SCHLOSSWALL 1-9, OSNABRÜCK

13.11.2019 | 19.00 Uhr

11.12.2019 | 19.00 Uhr

Scientists for Future: Die trockenen Jahrhundertsommer UNI OSNABRÜCK KOLPINGSTR. 1, GEBÄUDE 1/HVZ

Neuer Aufsichtsrat für die Attentium AG (v.l.): Hans-Joachim Böcking, Volker Bernstorff und Ernst Schwanhold. Nordrhein-Westfalens ehemaliger Wirtschaftsminister Ernst SchwanholdführtkünftigdasGremium. Foto:SandraStege

Über 20 Unternehmen öffneten bei der Expo Bramsche ihreTüren (vl.).: Martin Bodensiek, Bürgermeister Heiner Pahlmann, Britta Kohl, Katrin Börste, Jörg Barowski, Senta Kespohl, Björn Wagner, Vanessa Hettinger, Lars Kreie,Wolfgang Kirchner (Geschäftsführer Stadtmarketing Bramsche),Angela Kohl,Wirtschaftsförderer Klaus Sandhaus. Foto: StadtBramsche

Physikalische Grenzen einer globalen Energiewende UNI OSNABRÜCK KOLPINGSTR. 1, GEBÄUDE 1/HVZ


DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2018

VERLAGS-SONDERVERÖFFENTLICHUNG

&

Fotos: iStock

ENERGIE UMWELT


DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

VERLAGS-SONDERVERÖFFENTLICHUNG

ENERGIE & UMWELT

„Die Rahmenbedingungen machen es uns schwer“ Christoph Hüls, Chef der Stadtwerke Osnabrück, im Interview VON SIEGFRID SACHSE Für Christoph Hüls, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Osnabrück, ist das Klimapaket der Bundesregierung „nicht der große Wurf “. Das sei aber auch nicht zu erwarten gewesen, denn das Gezerre von allen Seiten war enorm. Das Klimapaket ist nach Ansicht des Stadtwerke-Chefs „ein sehr sanfter Einstieg für mehr Klimafreundlichkeit, mehr aber auch leider nicht“. Um die Klimaziele zu erreichen, sei wohl mehr Mut erforderlich. Die Große Koalition sei insbesondere bei den Themen CO2-Bepreisung und Strompreisentlastung viel zu zögerlich gewesen. Zur Energieerzeugung der Stadtwerke Osnabrück betont Hüls, dass das Unternehmen beim beabsichtigten Ausbau der regenerativen Erzeugung seit einiger Zeit an Grenzen stoße. Die Rahmenbedingungen machten es den Stadtwerken schwer, es gebe kaum noch Flächen für Windenergieausbau, die bürokratischen Hemmnisse für Mieterstromprojekte seien unsäglich. Herr Hüls, die Kritik an den Beschlüssen zur Klimapolitik der Großen Koalition reißt nicht ab. So fordern unter anderem Umwelt- und Naturschutzverbände weitgehende Nachbesserungen bzw. die Rücknahme des beschlossenen Klimapakets. Wie beurteilen Sie das Klimapaket der Bundesregierung? OSNABRÜCK

„Das Klimapaket ist kein großer Wurf.“ Christoph Hüls

Zunächst einmal ist es zu begrüßen – es war ja nun auch allerhöchste Zeit –, dass die Politik überhaupt ein Klimapaket vorlegt. Viel zu lange ist so gut wie nichts passiert; es gab keinerlei verlässliche Aussagen oder klar vorgegebene Leitplanken, an denen sich Unternehmen orientieren konnten. Aber auch für mich ist dieses Klimapaket nicht der große Wurf – das war aber auch nicht zu erwarten, denn das Gezerre von allen Seiten war enorm. Mein Fazit: Das Klimapaket ist ein sehr sanfter Einstieg für mehr Klimafreundlichkeit. Mehr aber auch leider nicht.

„Wir investieren 70 Millionen Euro in den Nahverkehr.“ Christoph Hüls

Das Umweltbundesamt bezweifelt, dass die Berliner Beschlüsse ausreichen, die Klimaziele für 2030 zu erreichen. Teilen Sie diese Auffassung? Das kann ich nicht wirklich abschließend beurteilen. Aber es deutet vieles darauf hin, dass die Mehrheit der wissenschaftlichen Institute, die sich dazu äußern, zu Recht hier Sorge haben. Um die Klimaziele zu erreichen, ist wohl mehr Mut erforderlich. Und der ist aktuell offensichtlich nicht vorhanden. Umweltverbände fordern sogar eine komplette Neufassung des Klimapakets. Ist dies eine überzogene Reaktion? Was nun folgt, ist das übliche öffentliche Trommeln der politischen und Wirtschafts-Lobbyisten um die Meinungshoheit. Viel wichtiger als eine komplette Neufassung ist aber nun, dass die inhaltliche Debatte an dieser Stelle nicht endet. Das Klimapaket muss weiterentwickelt werden, damit es vielleicht doch noch ein großer Wurf werden kann. Und die Große Koalition zeigt ja offenkundig auch die Bereitschaft, an einigen Stellschrauben durchaus drehen zu wollen. Wo sollte es aus Ihrer Sicht Nachbesserungen beim Klimapaket geben? Die Große Koalition ist insbesondere bei den Themen CO2-Bepreisung und Strompreis-Entlastung viel zu zögerlich gewesen. Es ist damit überhaupt keine Lenkungswirkung erwartbar. Hier hat der Politik offensichtlich der Mut gefehlt

sel im Nahverkehr begonnen. Das heißt konkret: Die Umstellung von einem dieselbetriebenen auf einen batterieelektrischen ÖPNV. Die ersten 13 E-Gelenkbusse sind bereits auf Linie, weitere 49 sind bestellt und sollen ab Sommer 2020 sukzessive fahren. Im Februar geht unser neues Liniennetz an den Start – mit einem stark erweiterten Angebot, fünf MetroBus- und einer Ringlinie sowie einer besseren Taktung. Wir erproben einen autonom fahrenden Kleinbus und arbeiten gemeinsam mit der Stadt Osnabrück intensiv daran, den ÖPNV im Stadtgebiet zu beschleunigen. Wichtig ist uns dabei, Schritt für Schritt vorzugehen und so den Nahverkehr stetig und zielgerichtet zu attraktivieren.

ChristopHülsistVorstandsvorsitzenderderStadtwerkeOsnabrück.

und die Sorge vor „deutschen Gelbwesten“ dominierte die bisherige Entscheidung. Das ist bedauerlich, zumal ich persönlich diese Gefahr nicht sehe. Für uns als Energieerzeuger ist auch die Abstandsregelung für Windräder ein herber Schlag, weil dadurch der Bau neuer erforderlicher Windparks praktisch zum Erliegen kommen wird. Auf der ganzen Welt demonstrieren Menschen für besseren Klimaschutz. Vielfach wird den Politikern vorgeworfen, viel zu lange

Energie optimal nutzen. Unabhängig. Wirtschaftlich. Umweltfreundlich. Ob Kraft-Wärme-Kopplung, Photovoltaik, Brennstoffzelle, Batterie oder Wärmepumpe – kombiniert oder als Einzellösung für Privat oder Gewerbe: Wir sind Ihre Experten für effiziente Energietechnik.

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die Probleme vor sich hergeschoben zu haben. Sind Sie auch dieser Ansicht und wie berechtigt sind die Demonstrationen? Ich finde es bemerkenswert, was die „Fridays for Future“-Demonstrationen und der Greta-Effekt bewirken. Das Thema Klimaschutz ist nun dauerhaft und permanent in der öffentlichen Debatte und wird zu Recht nicht mehr verschwinden. Die Politik wurde und wird dazu getrieben, endlich verbindliche und verlässliche Leitplanken und Weichenstellungen zu setzen – die wir alle im Übrigen dringend brauchen. Die Demonstrationen sind daher nicht nur berechtigt, sondern auch sehr zu begrüßen und zu unterstützen. Nun zu Ihrem Unternehmen. Wenn es um Energieerzeugung geht, setzen die Stadtwerke Osnabrück auf einen breiten Mix an regenerativen Energieträgern. Können Sie diese Strategie etwas näher erläutern? Wir haben uns bereits in 2010 positioniert, erheblich in den Ausbau der regenerativen Eigenerzeugung zu investieren. Beispiele sind das Repowering der Piesberg-Windräder sowie der Bau der Windparks in Hollage, in Venne und in Rieste – zusammen knapp 40 Megawatt Leistung. Parallel haben wir den Zubau von Fotovoltaikanlagen im Stadtgebiet und auch außerhalb deutlich forciert. Allerdings: Wir stoßen beim beabsichtigten Ausbau der regenerativen Erzeugung seit einiger Zeit an Grenzen. Die Rahmenbedingungen machen es uns schwer, es gibt z. B. kaum noch Flächen für Windenergieausbau,

Foto: SWO

die bürokratischen Hemmnisse für Mieterstromprojekte sind unsäglich. Daher passen wir unsere Strategie derzeit an und sondieren für uns alle denkbaren Hebel, Geschäftsmodelle und Produkte, die auf unsere eigenen Klimaziele einzahlen können. Wo wird Ihr Unternehmen besondere Akzente setzen? Bei unseren Stärken! Wir sind ein kompetenter Energiehändler als Direktvermarkter von regenerativer Energie und wollen diese besonderen Fähigkeiten als Dienstleister unseren Kunden auch direkt anbieten. Unsere Kunden – ob privat oder gewerblich – haben unterschiedlichste und somit ganz individuelle Ansprüche, Bedürfnisse und Wünsche bei den Themen Energieerzeugung, Energienutzung, Elektromobilität, aber auch Telekommunikation und weiteren Infrastrukturdienstleistungen. Wir haben die Lösungen. Was kann der Verbraucher tun, um Ihre Konzeption zu unterstützen? Sich an uns wenden. Von uns bekommt er alles aus einer Hand. Wir haben den Anspruch, unsere Kunden kompetent durch die sicherlich herausfordernden kommenden Jahre zu führen. Die Stadtwerke Osnabrück haben sich in punkto Versorgung des Nahverkehrs durch Osnabrück ehrgeizige Ziele setzt. Wie sehen Ihre Pläne in dieser Hinsicht aus? Wir haben weit vor dem jetzigen Klimapaket mit dem Systemwech-

Die Realisierung dieses Vorhabens erfordert erhebliche Investitionen. Können Sie den finanziellen Aufwand etwas näher konkretisieren? Das Gesamtinvest allein für die Elektrifizierung des Nahverkehrs beträgt rund 70 Millionen Euro. Mehr als 50 Prozent dieser Summe können wir dank verschiedener Fördertöpfe abdecken – da haben wir ein kompetentes Team, das weiß, welche Fördermittel nicht nur beantragt, sondern auch kombiniert werden können. Die Attraktivierung des Nahverkehrs ist allerdings eine Gemeinschaftsaufgabe: Hier sind wir dankbar, dass wir unsere Kommunalpolitik und auch die Verwaltung eng an unserer Seite haben. Jetzt hoffen wir noch, dass auch die Bundespolitik die Weichen richtig stellt und das Klimapaket in die richtige Richtung weiterentwickelt. Wir machen auf jeden Fall unbeirrt weiter, was wir für richtig halten. Energie & Umwelt Anzeigen-Sonderveröffentlichung Herausgeber: Verlag NeueOsnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG, Breiter Gang 10–16, 49074 Osnabrück, Telefon 05 41/3100 Redaktion:Neue Osnabrücker Zeitung GmbH & Co. KG V.i.S.d.P.: Ralf Geisenhanslüke Konzeption und Umsetzung: NOW-Medien GmbH & Co. KG, Große Straße 17-19, 49074 Osnabrück, Lothar Hausfeld, Siegfrid Sachse Anzeigen-/Werbeverkauf: MSO Medien-Service GmbH & Co. KG, Große Straße 17–19, 49074 Osnabrück Geschäftsführer: Sven Balzer Verantwortlich für Anzeigen-/Werbeverkauf: Sven Balzer, Marvin Waldrich (E-Mail: anzeigen@mso-medien.de) Druck: NOZ Druckzentrum, Weiße Breite 4, 49084 Osnabrück


DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

VERLAGS-SONDERVERÖFFENTLICHUNG

ENERGIE & UMWELT

ObwohlWindenergie einetragende Rollebei derEnergiewendespielt,ist ihrAusbauin diesemJahr soniedrigwieseit fast 20Jahrennichtmehr.

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Das Zugpferd der Energiewende lahmt Der Ausbau der Windenergie ist auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000 VON SIEGFRID SACHSE OSNABRÜCK Erneuerbare Energieträger spielen auf dem Weg zu einer klimaneutralen Gesellschaft die zentrale Rolle. Das gilt insbesondere für den Strom aus Windkraftwerken, die heute schon den größten Anteil an den Erneuerbaren halten und auch wirtschaftlich die günstigsten sind. Im ersten Halbjahr 2019 waren cirka 44 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland von erneuerbaren Energien gedeckt worden, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum war dies ein plus von fünf rund fünf Prozent. Bis 2030 sollen nach den Vorstellungen der Bundesregierung 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Doch an der Realisierung dieses Ziel werden die Zweifel immer größer, denn das Zugpferd der Energiewende, die Windkraft, lahmt. Genehmigungsstau, mangelnde Flächenverfügbarkeit, ausufernde Klageverfahren, naturrechtliche Vorgaben und Regelungen der Flugsicherung haben den Ausbau der Windenergie an Land im ersten Halbjahr 2019 fast zum Erliegen gebracht. Lediglich 86 Anlagen wurden bundesweit von Januar bis Ende Juni

dieses Jahres errichtet. Das entspricht einem Brutto-Zubau von 287 Megawatt, so wenig wie noch nie seit Einführung des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000. Verglichen mit den ersten sechs Monaten des Vorjahres ist der Zubau um 82 Prozent gesunken. Zudem wurden 51 ältere und kleinere Windräder stillgelegt, so dass sich ein Netto-Zubau von 231 Megawatt ergab. In sechs Bundesländern (in Bayern, Hessen, dem Saarland sowie in Bremen, Hamburg und Berlin) wurden Branchenangaben zufolge überhaupt keine neuen Windanlagen errichtet. Die meisten Anlagen wurden seit Jahresbeginn in Rheinland-Pfalz gebaut, danach folgt Niedersachsen. Weil sich die Genehmigungsverfahren für neue Projekte verzögern, rechnet der Bundesverband Windenergie (BWR) für das Gesamtjahr 2019 höchstens mit einem Zubau von insgesamt 1500 Megawatt. Das sind sehr viel weniger als die angestrebten 4500 Megawatt, die jährlich von 2014 bis 2017 erreicht wurden.Zum Vergleich: Für die Versorgung einer Stadt wie Hamburg benötigt man eine Erzeugung von ungefähr 1600 bis 1700 Megawatt. Laut Bundesverband Windenergie stecken rund 11 000 Megawatt in

Genehmigungsverfahren fest, die mittlerweile auch an Land bis zu fünf Jahren dauern und mehrere 100 000 Euro kosten können. Weitere 4000 Megawatt sind den Angaben zufolge blockiert durch vorgeschriebene Abstände zu den Drehfunkfeuern der Flugsicherung und gegen 800 Megawatt bereits erteilter Genehmigungen laufen Klagen.

„Nationaler Konsens wie beim Atom- und Kohleausstieg“ Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier

Kläger gegen Windkrafträder sind oftmals Naturschützer, die sich für Artenschutz und bedrohte Vogel- sowie Fledermausarten einsetzen, oder betroffene Anwohner. Den Windrädern würden jedes Jahr Tausende von Vögeln zum Opfer fallen, darunter auch seltenere Arten wie Störche, Greifvögel oder Eulen, wird argumentiert. Zu einem Symbolvogel ist der bedrohte Rotmilan geworden, dessen Schutz von Klägern oft gegen den geplanten Bau eines Windparks als Argument ins Feld geführt wird. Nach dem Naturschutzgesetzt ist es verboten, seltene oder geschützte Tiere zu töten oder zu stören. Die Windkraft-Branche vertritt die These, dass Klimaschutz auch den Tierund Pflanzenarten zugute kommt und daher im Zweifel die Windkraftwerke Vorrang haben sollten. Anwohner klagen zudem wegen zu geringer Abstände zur Wohnbebauung über Lärmbelästigung oder Schattenwurf. Nach einer Erhebung im Auftrag der IG Metall Küste sind in der deutschen Windindustrie seit Beginn des vergangenen Jahres 8000 bis 10 000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Damit setze sich die Entwicklung des Jahres 2017 fort, als die Branche bereits 26 000 Arbeits-

plätze einbüßte, heißt es in der Analyse. Jedes vierte Unternehmen des Wirtschaftszweiges stehe vor Entlassungen. Ein vor wenigen Wochen zwischen Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Vertretern der Windkraftindustrie, von Ländern sowie Bürgerinitiativen stattgefundenes Krisentreffen brachte noch kein konkretes Ergebnis. Wie verlautete, wollen Bund und Länder in den kommenden Monaten ein Maßnahmepaket erarbeiten, um den schleppenden Ausbau der Windkraft an Land wieder zu beschleunigen. Ziel sei es, einen „nationalen Konsens“ zu erreichen wie beim Atom- und Kohleausstieg, sagte Altmaier nach dem Treffen in Berlin. Dabei soll es etwa darum gehen, mehr Flächen für Windkraftanlagen verfügbar zu machen und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Außerdem soll die Akzeptanz von Windparks erhöht werden. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies forderte unterdessen „klare Signale für den weiteren Ausbau der Windenergie. Ohne einen „Wachstumsimpuls“ seien fatale Folgen für den Klimaschutz abzusehen. Zudem drohe der gesamten Windbranche ein Kollaps mit „unabsehbaren Fol-

gen“ für die Arbeitsplätze in Niedersachsen, so der SPD-Politiker. Damit mehr Windräder gebaut werden können, plädiert Lies dafür, Hemmnisse beim Bau neuer Windparks zu beseitigen. Einen Ansatzpunkt sieht er bei den bisherigen Abstandsregelungen beim Bau von Windparks: Allein durch die Lockerung der Raumansprüche der Flugsicherung von einem 15 auf einen 10-Kilometerradius könnten mehrere hundert neue Windräder in Niedersachsen entstehen – ohne dass dadurch eine Gefahr entstünde. Auch der Naturschutz soll nach Vorstellung von Lies aufgeweicht werden. Es könne nicht sein, ldass das Vorkommen einzelner bedrohter Tiere zur Verhinderung eines Windparks genutzt werde, betont der Umweltminister. Das Ziel von 65 Prozent ÖkostromAnteil bis 2030 ist nach Angaben des Energieverbandes BDEW nur mit einem forcierten Ausbau von Photovoltaik-Anlagen, Windenergie auf See und an Land zu erreichen, heißt es in einem Papier von Energie- und Umweltverbänden. Stephan Kapferer, BDEW-Hauptgeschäftsführer, sagte, es gebe bei der Windkraft kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem. „Genau da müssen wir rangehen“.


DONNERSTAG, 24. OKTOBER 2019

VERLAGS-SONDERVERÖFFENTLICHUNG

ENERGIE & UMWELT

Energiehunger wächst weltweit weiter Prognose:VoralleminAsienwirddieNachfrageerheblichsteigen

Der weltweite Energiebedarf wird bis zum Jahr 2040 um ein Viertel zunehmen. Damit rechnen zumindest die Experten der Internationalen Energieagentur IEA. Als Ursache für die steigende Nachfrage werden die Zunahme der Weltbevölkerung um 1,7 Milliarden Menschen und steigende Einkommen genannt. Nach der Voraussage dürfte vor allem in Asien die Nachfrage erheblich steigen. Während im Jahr 2000 noch über 40 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs auf Europa und Nordamerika entfielen und Entwicklungsländer in Asien nur 20 Prozent des Weltverbrauchs ausmachten, kehre sich das Verhältnis bis 2040 komplett um, so die IEA .Laut Schätzungen wird China bis 2035 ein Fünftel des weltweiten Energieangebotes nutzen. Zweitgrößter Energieverbraucher würden die USA bleiben, die nach wie vor zu verschwenderisch mit Energie umgehen. Auf Platz drei werde mit weitem Abstand Indien folgen.

Das überdurchschnittliche Wachstum der Weltwirtschaft von 3,7 Prozent und die extremen Klimaereignisse waren ausschlaggebend dafür, dass der weltweite Energieverbrauch 2018 um 2,3 Prozent zunahm. Der Wert markiere den stärksten Anstieg in den vergangenen zehn Jahren und liege fast doppelt so hoch wie der Durchschnitt seit 2009, betont die Internationale Energieagentur IEA. Den Angaben zufolge geht demnach fast ein Fünftel des Mehrverbrauchs auf einen stärkeren Bedarf nach Heizung und Kühlung durch die Wetterkapriolen zurück. In einigen Regionen der Welt seien im vergangenen Jahr historische Kälte- und Wärmerekorde erreicht oder überschritten worden, so die IEA. Wie bereits im Jahr davor wurden 70 Prozent des Energie-Mehrbedarfs im Jahr 2018 durch fossile Energieträger gedeckt, mit Erdgas als dem wichtigsten Brennstoff. Dementsprechend stiegen auch die CO2-Emissionen an im vergangenen Jahr, allerdings mit 1,7 Prozent

nicht ganz so stark wie der Energieverbrauch. Insgesamt wurden 2018 laut IEA rund 33 Milliarden Tonnen CO2 im Zuge der Energieversorgung produziert. Mit einem Anteil von etw 30 Prozent seien Kohlekraftwerke die Erzeuger mit dem stärksten CO2-Ausstoß. Der wachsende Energieverbrauch weltweit geht zu fast drei Vierteln auf lediglich drei Staaten zurück: China, die USA und Indien. Allein der Anstieg des Gasverbrauchs in den USA 2018 entspreche dem gesamten Gasverbrauch Großbritanniens, betont die IEA. Dafür seien vor allem ein überdurchschnittlich kalter Winter und ein außergewöhnlich heißer Sommer in der Region verantwortlich gewesen. In Europa sei die Entwicklung anders verlaufen. Trotz eines Anstiegs der Wirtschaftsleistung um 1,8 Prozent ist der Energieverbrauch hier nur um 0,2 Prozent gestiegen. Ausdrücklich erwähnt in dem IEA-Bericht wird Deutschland, wo der Energieverbrauch durch Effizienzmaßnahmen um 2,2 Prozent zurückging. s.sa

DieWelt brauchtEnergie:EinerPrognosezufolgewirdder Energiebedarfweiterdeutlichsteigen.

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Solarenergie boomt:DieSonnenenergie legteinden vergangenenMonatendeutlichzu.

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Solarbranche wieder auf Erfolgskurs Verschiedene Förderungen für Photovoltaikanlagen

OSNABRÜCK. Keine andere Energie-

quelle wächst derzeit weltweit so schnell wie die Solarenergie. Für die Branche war 2019 auch in Deutschland bislang ein gutes Jahr. Photovoltaikanlagen speisten im ersten Halbjahr rund 25 Terawattstunden in das öffentliche Stromnetz ein, 5,6 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und fast so viel wie die Steinkohlekraftwerke in Deutschland. Im besonders sonnenreichen Juni war die Photovoltaik sogar erstmals die stärkste Energiequelle in einem Monat, noch vor der Braunkohle und der Windkraft, wie das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ermittelt hat. Auch bei Anschluss neuer Solaranlagen geht es wieder bergauf. Von Januar bis Mai sind rund 40 000 Solaranlagen mit zusammen etwa 1800 Megawatt Spitzenleistung neu installiert worden. Das ist zwar noch weit vom Spitzenjahr 2012 entfernt, als insgesamt fast 8000 Megawatt neu ans Netz gegangen waren. Aber den drastischen Einbruch der vergangenen Jahre hat

die Branche nach Einschätzung des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW) überwunden. In Deutschland kostet Sonnenenergie zwar noch zwischen vier und fünf Cent pro kWh. Forscher des Fraunhofer ISE prognostizieren jedoch weiter fallende Preise in den kommenden Jahren. Um 2040 erwarten Experten Solarstrom aus großen Parks schon für Gestehungskosten – also die Kosten, die bei der Umwandlung einer Energieform in elektrischen Strom anfallen – für deutlich unter einem Cent pro kWh. Noch liegt der Anteil von Solarkraft bei gerade einmal zwei Prozent. Aber das Wachstum soll auch in den kommenden Jahren rasant steigen. Immer kreativere Erfindungen für den Einsatz von Photovoltaik-Strom machen es möglich. Anders als Wind-, Wasser- oder Bioenergie ist die Solarkraft sehr flexibel. Mittlerweile lässt sich in jeder Lebenssituation Sonnenenergie ernten. Taschenrechner, MiniAkkus oder kleine Lampen sind schon längst Normalität.

Für die Installation von Photovoltaikanlagen auf Privathäusern stehen verschiedene Förderungen von Bund und Ländern zur Verfügung, die von der Einspeisevergütung über zinsgünstige Kredite bis zu Zuschüssen von Energieversorgern reichen. Bei der Suche nach einer geeigneten Förderung für Photovoltaik sind folgende Punkte zu beachten: Soll eine neue PV-Anlage installiert oder eine bestehende erweitert werden? Wirtddie Anlage auf einem Firmengebäude oder einem Privathaus installiert? Welcher Anlagentyp soll installiert werden/wurde bereits installiert? Je nach Anlagentyp, Neuinstallation oder Erweiterung und Haustyp unterscheiden sich die angebotenen Förderungen für Photovoltaik. Zu beachten ist: Die Förderung ist im allgemeinen an bestimmte Rahmenbedingungen gebunden und in der Regel muss der Antrag bereits vor dem Kauf der PV-Anlage gestellt werden. s.sa.

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