Skip to main content

Sammel-Leseprobe A5 Frühjahr 2014

Page 1

Elisabeth B端chle

Hoffnung eines neuen tages Die Meindorff-Saga, Band 3


Prolog 1918

Dichte Wolkenberge zogen wie graue Fabelwesen über die Gebäude und ließen die kühle Nacht noch unwirt­licher und bedroh­licher ­wirken. Schattengestalten, darum bemüht, nicht gesehen zu werden, huschten in dunkle Hauseingänge und unter Hinterhof­ torbögen. Das Rascheln ihrer Kleidung und ihre verhaltenen, wie ein Flüstern anmutenden Schritte blieben der einsamen Gestalt nicht verborgen. Die Stadt war im Aufruhr, die Menschen schwankten zwischen Freude und Demütigung, Hoffnung und Hass. Doch die Triebfeder der einen Person, die über das nasse Pflaster hastete, war eine völlig andere: Angst. Ein kühler Luftzug erfasste sie und verdeutlichte, dass sie sich ­wiederum einem Gewässer näherte. Dann sah sie ihn! Er betrat die Brücke über den Fluss, noch immer wie ein Jäger an die Fährte seines hilflosen, womöglich sogar ahnungslosen Opfers geheftet. Auch die einsame Gestalt war zum Verfolger geworden; sie erkor den Jäger zu ihrer Beute. Etwa in der Mitte der Brücke hatte sie ihn eingeholt, rief ihn an und forderte eine Erklärung. Der Mann drehte sich um. Ein Messer blitzte bläulich im Mondlicht auf, das sich einmal mehr einen Weg durch Wolken gekämpft hatte. Sie spürte den Schmerz. Einmal. Zweimal. Dreimal. Doch ihr Wille blieb ungebrochen. Nun, da er zu ihrem Gegner geworden war, versetzte sie ihm einen kräftigen Stoß und entrang ihm das Messer. Rasend vor Zorn, da sie seine Pläne durchkreuzte, stürzte er sich versehentlich in dieses. Seine weit aufgerissenen Augen starrten sie an. Verwundert, wie es ihr schien. Sie nutzte die letzte ihr verbliebene Kraft und stieß den Mann über die niedrige Steinbrüstung. Vom Mond goldfarben beleuchtet schlugen die Fluten über seinem Körper zusammen. Das Klatschen der Wellen hatte etwas beruhigend Endgültiges an 11


sich. Also hob sie trotz ihrer Schmerzen und des aus ihr fließenden Lebens den Kopf und sah, wie die dritte Gestalt im Schutz der Häuserzeilen aus ihrem Blick entschwand, ohne dem Geschehen in ihrem Rücken irgendeine Bedeutung beizumessen. Der Jäger war tot, das Opfer entkommen. Erleichtert seufzte die zurückbleibende Person auf.

12


Teil 1


Kapitel 1 Berlin, Deutsches Reich, März 1917

Sie war jung, süß und unschuldig – und eine Gefahr für ihn, denn sie war eine van Campen. Karl Roth lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte Rika ungeniert. Die junge Frau bewegte sich auf der Tanzfläche elegant, fast schon beschwingt, allerdings bei Weitem nicht so erotisch wie ihre Landsmännin Mata Hari. Karl schluckte hörbar. Er war nie an die schöne Mata Hari herangekommen, obgleich er ihr mehrmals begegnet war. Nun besagten die Gerüchte, dass sie in Frankreich verhaftet worden sei. Offenbar war man inzwischen endgültig von ihrer Spionagetätigkeit überzeugt. Ob die Franzosen es wagen würden, eine so schöne und zudem bekannte Frau wie Mata Hari hinzurichten? Er zuckte mit den Schultern. Es war ihm gleichgültig, denn sie bedeutete ihm nichts. Vielleicht wäre es anders, hätte sie seinen Avancen nachgegeben, doch die ehemalige erotische Tänzerin war zu verwöhnt gewesen, was ihre Liebhaber anbelangte. Oder verschenkte sie ihre Gunst ausschließlich an ranghohe Militärs und Regierungsangehörige, bei denen sie neben Geld, Schmuck und Kleidern auch Informationen für die Gegenseite erwarten konnte? Er jedoch war nur ein unbedeutendes Rad im französischen Geheimdienst gewesen. Unwichtig und unterdessen aussortiert. Wütend ballte er seine Hände zu Fäusten. Wieder einmal war er wegen einer Nachlässigkeit vor die Tür gesetzt worden. Und wie schon so oft hatte Philippe Meindorff, der Ziehsohn des Berliner Industriellen Joseph Meindorff, dabei eine bedeutende Rolle gespielt. Wie auch damals in Deutsch-Südwestafrika2, als Leutnant Philippe Meindorff dafür gesorgt hatte, dass man Karl unehrenhaft aus der Armee entließ. Karls Unterkiefer knackte, während er eine eigentüm­liche Mundbewegung ausführte, die die Sperre in seinem Kiefergelenk lösen sollte. Dieses Problem hatte er sich als Jugend­licher zugezogen, damals in der Provence, kurz vor dem Tod seiner Pflegemutter, als er sich wieder einmal mit einigen Jungs geprügelt hatte. 15


Am Nebentisch lachte eine blonde Schönheit fröhlich auf. Karls Blick wanderte von Rika zu dieser zweiten, absolut aufregenden Frau. Sie hieß Julia, so viel hatte er bereits herausgefunden. Vermutlich wartete sie hier auf einen Mann, der sich jedoch verspätete oder sie versetzt hatte. Ein unverzeih­licher Fehler, wie Karl, aber auch andere Männer fanden, die der schönen Frau vergeblich ein Getränk spendieren oder ihr ihre Gesellschaft anbieten wollten. Die Musik aus dem Grammophon wurde flotter. Karl, der froh war, keine Marschmusik hören zu müssen, suchte Rika und lächelte anzüglich, als er sah, dass ihr geschlitzter Rock durch ihre schwungvollen Bewegungen großzügige Einblicke auf ihre Beine gewährte. Mit sieben Paaren, die alle piekfein gekleidet waren – die Damen mit kecken Hüten auf dem modisch gekürzten Lockenhaar –, war die Tanzfläche zwischen den schwarzen Stühlen und mit Spitzentischdecken verzierten, runden Tischen überfüllt. Demzufolge pressten sich Rika und ihr uniformierter Tanzpartner unanständig eng aneinander. Schmucklose Lampen verbreiteten über den Tänzern ein helles Licht, wohingegen die Nischen weiter hinten im Raum umso schummriger und lauschiger ausfielen. Rika lachte ihren Tanzpartner an, doch das ausgelassene Strahlen auf dem mädchenhaften Gesicht verflog so plötzlich, als habe jemand einen Lichtschalter ausgedreht. Ihre blauen Augen weiteten sich entsetzt. Sie befreite sich aus dem Arm ihres verdutzten Verehrers, einem schneidigen Fliegerleutnant. Karl folgte ihrem Blick und zog sich sofort die Mütze tiefer in die Stirn. Unter der zu grellen Deckenbeleuchtung stand unverkennbar Demy van Campen, Rikas ältere Schwester. Seit ihrem Zusammentreffen im Sommer 1914 in Paris war Demy deutlich schmaler geworden. Offenbar gingen die Hungerjahre auch an ihr nicht spurlos vorüber. Damals hatte er ihr eine Nachricht an seinen deutschen Spitzelkollegen zugesteckt. Dank einer rührseligen Geschichte von seiner angeb­lichen Verlobten, von der er sich nicht mehr habe verabschieden können, hatte er sie in sein gefähr­liches Spionagespiel hineingezogen. Demy van Campen war naiv genug gewesen, ihm die Geschichte zu glauben, sodass er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hatte: Zum einen hatte er eine der Töch16


ter seines verhassten ehemaligen Kompagnons Erik van Campen in Schwierigkeiten, wenn nicht sogar in Lebensgefahr gebracht, denn die Geheimdienste ließen nicht mit sich spaßen, und gleichzeitig war er seinen Verfolgern entkommen. Damit war gewährleistet gewesen, dass er noch über mehrere Monate hinweg seine Doppelspionagetätigkeit aufrechterhalten konnte. Aber selbst an diesem Tag hatte Meindorff ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und Demy vor den Häschern des französischen Geheimdienstes gerettet. Philippe Meindorff! Seit vielen Jahren funkte er ihm immer wieder empfindlich dazwischen und Karls Groll auf ihn wuchs beständig. Demy erreichte die Tanzfläche und packte ihre jüngere Schwester am Handgelenk, gleichzeitig bedachte sie deren Tanzpartner mit einem wütenden Blick. Diese Frau hat Mumm, stellte Karl fest, der nur zu gut wusste, dass die meisten Offiziere aus dem Adel, einige andere aus dem reichen Großbürgertum stammten. »Was soll ich davon halten?«, fuhr Demy Rika an. Rika zog einen Schmollmund und erwiderte den Blick der deutlich größeren Demy wütend. »Heute ist mein zwanzigster Geburtstag, da darf ich wohl mal feiern!«, protestierte Rika aufgebracht. »Es ist schrecklich hier! Dieser Krieg, der Verzicht auf alles was Freude bereitet. Du weißt doch genauso gut wie ich, wie sich das anfühlt!« Karl sah, wie auf Demys gerader Nase kleine Falten entstanden, aber ihr Blick wurde milder. »Es ist meine Schuld, Demy!«, mischte sich zu Karls Verwunderung nun der Uniformierte ein. »Ich habe Rika hierher eingeladen.« »Albert, du weißt, dass diese Clubs zwar nicht verboten sind, aber misstrauisch beäugt werden. Wie willst du der hungernden Bevölkerung da draußen klarmachen, dass hier …« »Fräulein van Campen?« Zu Karls Überraschung wusste auch diese Julia, wen sie da vor sich hatte. »Ich hätte Sie nicht erkannt, wäre da nicht Ihr ungewöhn­licher Vorname.« Die beiden Frauen maßen sich mit abschätzenden Blicken; Rika und ihr Begleiter sahen sich fragend an. »Fräulein Romeike?« Die Falten auf Demys Nase vertieften sich, was der aufmerksame Beobachter als Missbilligung interpretierte. 17


»Mir gehört dieser Club anteilig und ich verspreche Ihnen, dass wir hier nichts ausschenken, das nicht auch in anderen Wirtshäusern zu finden ist.« »Von denen aber die meisten geschlossen haben, da nicht genug Lebensmittel vorhanden sind.« Julia zog in einer anmutigen Bewegung die rechte Schulter nach oben und wandte sich Rika und ihrem Begleiter zu. »Mein Name ist Julia Romeike. Fräulein van Campen und ich haben uns auf der Hochzeit von Tilla und Joseph Meindorff kennengelernt. Ich höre viel Gutes über Fräulein van Campen, und da Sie beide noch sehr jung zu sein scheinen, möchte ich Sie bitten, ihrem Wunsch nachzukommen, dass Sie dieses Etablissement verlassen.« Karl grinste. Diese Julia wollte einen Aufruhr verhindern, da die geschwister­liche Zwistigkeit bereits unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zog. »Leider konnten wir einander bei Josephs Vermählung nicht vorgestellt werden, da ich in Groß-Lichterfelde3 zur Offiziersausbildung war. Mein Name ist Albert Meindorff.« Der Fliegerleutnant verneigte sich wie ein geübter Galan. Karl presste die Zähne zusammen, bis sie knirschten und sein Kiefer erneut dieses gräss­liche Knacksen von sich gab. Ein Meindorff! Ein Mitglied der Familie, die Philippe aufgenommen, verhätschelt und großgezogen hatte. Der Hass auf diesen Mann und seine Sippe quoll in ihm hoch wie überkochende Milch auf dem Herd. Nur mühsam zwang er sich, still sitzen zu bleiben, denn Demy durfte ihn nicht sehen. Die Gefahr, von ihr als ein gewisser Clément Rouge aus Paris wiedererkannt zu werden, war zu groß. »Wir gehen«, befahl Demy mit hartem Tonfall, doch Julia wandte sich mit ihrem einnehmenden Lächeln bereits Meindorff zu. »Sie sind ein Bruder von Joseph?« »Der Jüngste seiner drei Brüder, ja.« »Richtig. Da gibt es noch Hans, der eine Arbeiterfrau heiratete.« Ihr Blick huschte für einen Augenblick zu Demy, der ehemaligen Verlobten von Hannes. »Wurde er nicht enterbt? Und natürlich Sie, Albert.« Wieder schenkte sie dem Mann ihr strahlendes Lächeln und dieser starrte die Frau hingerissen an. 18


Demy griff mittlerweile nach Rikas Hand, als wolle sie ihre Schwester gewaltsam hinter sich her aus dem Lokal zerren. »Philippe, so heißt der Vierte im Bunde, nicht wahr?« Albert tat seine Zustimmung durch ein Nicken kund. »Ein Zögling des Familienpatriarchen, gebürtig von einer Frau aus der französischen Linie der Familie. Sind Sie nicht seit geraumer Zeit mit Philippe verlobt, Fräulein van Campen?« »Albert, würdest du bitte das Geburtstagskind hinausbegleiten?«, bat Demy in einem Tonfall, der eher einem Befehl gleichkam, obwohl Albert älter war als sie. In jedem Fall aber gehörte er der Familie an, bei der Demy angestellt war. Karl registrierte alle diese Details aufmerksam. Nicht umsonst war er während seiner Geheimdiensttätigkeit dahingehend geschult worden. Der jüngste Spross der Meindorffs, noch immer mit einem hin­ gerissenen Lächeln auf dem Gesicht, verabschiedete sich von Julia, bot Rika den Arm und zwängte sich mit ihr an den Tanzenden vorbei in Richtung Ausgang. Kaum, dass das Paar außer Hörweite war, baute Demy sich vor Julia auf, die unverbindlich lächelte. »Entschuldigen Sie bitte, Fräulein van Campen. Ich wusste nicht, wer die bezaubernde Dame und ihr Begleiter waren, als sie in Gesellschaft einiger anderer Gäste hier eintrafen.« »Was wäre geschehen, wenn Sie es gewusst hätten?« »Vermutlich hätte ich Sie telefonisch informiert oder die beiden angesichts des jugend­lichen Alters Ihrer Schwester gebeten, den Club zu verlassen.« »So?« »Fräulein van Campen, ich schätze Sie wirklich sehr.« »Das kann ich mir schwer vorstellen. Joseph wird nicht gerade gut über mich sprechen.« »Joseph?« Julia lachte. »Nein, das tat er nie. Aber falls es Sie tröstet: Er hatte für niemanden ein freund­liches Wort übrig. Wir haben ohnehin kaum miteinander gesprochen, wenn Sie verstehen …« »Ich verstehe sehr gut.« »Dann sind Sie tatsächlich erwachsen geworden.« Wieder lachte 19


Julia, und Karl fragte sich, ob sie sich über ihre Gesprächspartnerin lustig machte. Demy schätzte die Situation wohl ähnlich ein, denn die Falten auf ihrer Nase vertieften sich nochmals, und sie stemmte die Hände in die schlanke Taille. »Liesl sprach immer sehr gut über Sie«, fuhr Julia fort, ohne auf Demys Geste einzugehen. »Sie erinnern sich sicher an Ihre Freundin aus dem Scheunenviertel? Wenn ich richtig informiert bin, hat sie ihre Zwillingsbrüder bei Ihnen abgegeben, weil sie sich nach dem Tod der Mutter nicht um sie kümmern konnte – oder wollte.« Von Demy kam lediglich ein nichtssagendes Nicken, was Karl bedauerte, da ihn alle Informationen zum Hause Meindorff brennend interessierten. Immerhin war er auf Rache aus. »Ich hoffe, Joseph geht es gut?« Julias Frage schien Demy zu überraschen. Auch Karl fragte sich, in welcher Beziehung der MeindorffErbe zu dieser Schönheit stand. »Joseph?«, stammelte Demy, ehe sie sich wieder fasste. »Ich bin davon ausgegangen, dass Sie ihn gelegentlich treffen. Außer auf der Beerdigung meiner Schwester – seiner Ehefrau –, und eines kurzen Besuchs im letzten Winter haben wir ihn nicht zu Gesicht bekommen, seit er an der Front ist.« »Ich habe Joseph nicht mehr gesehen, seit er ausgerückt ist.« »Aber …« Demy zögerte und betrachtete ihre Hände, die sie schließlich unsicher hinter ihrem Rücken verschränkte. »Bisher hatte ich angenommen, er kümmere sich um die Geschäfte rund um seine Bierbrauerei, wenn er Sie besucht.« Julia schüttelte den Kopf und beugte sich zu Demy hinüber. Auch Karl rutschte auf seinem Stuhl nach vorn und missachtete dabei die Gefahr, in die er sich brachte. Mit Mühe erlauschte er, wie Julia Demy zuflüsterte: »Es geht das Gerücht, dass Joseph die Brauerei verloren hat. Und um MeindorffElektrik steht es ebenfalls schlecht.« Karls Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Diese Informationen sagten ihm zu. Er konnte Philippe Meindorff nicht nur körperlich schaden, sondern er würde ihn zuvor auch noch auf andere Arten quälen. Immerhin war er verlobt! Und bald würde Philippe, 20


ganz ohne sein Zutun, sogar der Grundlage beraubt sein, die ihn so hochmütig machte: die Finanzkraft und Macht der Meindorffs. Als Demy den Club verließ und Julia durch eine Hintertür verschwand, rieb Karl sich zufrieden die Hände. Eines Tages würde er es Philippe Meindorff heimzahlen, dass er ihm Udako, dieses be­­ zaubernde Nama-Mädchen weggenommen hatte. Sie war dann versehentlich im Kugelhagel der Männer umgekommen, die Karl angeheuert hatte – statt dass, wie geplant, Philippe ein Opfer der Schützen geworden war! Bald schon würde Philippe für all die Schmähungen und Benachteiligungen bezahlen, die Karl hatte erleiden müssen: in Afrika, später in Frankreich und überhaupt sein ganzes Leben lang. Dieses ungewöhn­liche Zusammentreffen zwischen Demy van Campen und Julia Romeike, dessen Zeuge er geworden war, erwies sich für ihn als sehr wertvoll. Es hatte ihm Informationen über die geschäft­lichen Belange der Meindorffs geliefert, samt der Tatsache, dass sein ehemaliger Vorgesetzter in der Schutztruppe Deutsch-Südwestafrikas offenbar erneut sein Herz an eine Frau verschenkt hatte: an Demy van Campen. *** Albert, der nach seinem Heimaturlaub zurück nach Metz musste, um dort seine letzte Jagdpilotenprüfung abzulegen, trennte sich noch in der Innenstadt von den beiden Frauen, was Demy erleichterte. Es war nicht alltäglich für sie, dass sie einem Meindorff Befehle erteilte. Vermutlich war es nur seiner guten Erziehung und dem Wunsch, in dem Etablissement nicht negativ aufzufallen, zu verdanken, dass er widerspruchslos darauf eingegangen war. Nachdem Albert sie verlassen hatte, stapfte Rika auf ihrem langen Weg durch den Tiergarten schmollend neben Demy her. Diese störte sich nicht daran. Sie war damals, als sie mit 13 Jahren und gegen ihren Willen von ihrer älteren Schwester Tilla nach Berlin gebracht worden war, ebenso unglücklich gewesen wie Rika heute. Doch während Rika zunehmend amouröse Abenteuer suchte und gegen alles und jeden aufbegehrte, war Demy aus dem Hause Meindorff mit seinen starren Regeln ausgebrochen, wann immer es ihr möglich war. Sie hatte eine 21


Freundschaft mit Lieselotte und ihren Geschwistern aus dem heruntergekommenen Scheunenviertel begonnen, drei Arbeiterkindern Unterricht erteilt und eine Geburt mitten auf der Straße miterlebt. Ein sanftes Lächeln umspielte Demys Lippen. Die van CampenGeschwister waren nun einmal alle grundverschieden. Ihre älteste Halbschwester Tilla, die ein Jahr zuvor nach einer Abtreibung verstorben war, war immer auf Ansehen und Erfolg aus gewesen und hatte das leichte Leben im Wohlstand genossen. Anki, ebenfalls eine Halbschwester von Demy, Rika und Feddo, lebte nun schon seit über 10 Jahren in Russland. Sie zeichnete sich durch Verantwortungs­ bewusstsein und ein fast ängst­liches Sicherheitsbestreben aus. Deshalb hatte Demy Ankis Entscheidung, praktisch von einem Tag auf den anderen mit einer russischen Adelsfamilie nach St. Petersburg zu ziehen, lange nicht nachvollziehen können. Bis zu dem Tag, als Tilla ihr auf dem Sterbebett von den Übergriffen ihres Vaters auf seine Töchter erzählt hatte … Im Augenblick bereitete allerdings Rika Demy Kummer. Tillas Verdacht, dass sie zu spät nach Koudekerke in den Niederlanden zurückgekehrt war, um die jüngste Schwester vor den sexuellen Begierden ihres eigenen Vaters zu schützen, hatte Rika nie bestätigt. Ob aber ihr Hang, Männer zu bezirzen, nicht dafür sprach? Tilla jedenfalls hatte auf die Übergriffe des Vaters genau gegenteilig reagiert. Männer waren für sie beinahe zu einem Feindbild geworden. Und Feddo? Der Junge war mittlerweile 16 Jahre alt und wusste offensichtlich nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Aber wen verwunderte dies? Er war nach dem plötz­lichen Tod seines Vaters seinem Zuhause entrissen worden und in einem Haushalt gestrandet, in dem er, wie auch seine Schwestern, als lästiger Anhang von Tilla angesehen wurde. Zwar ging er noch zur Schule, doch seit Kriegsbeginn fand der Unterricht nur unregelmäßig statt, und von Demy ließ er sich inzwischen nicht mehr unterrichten. Er drohte ihr zu ent­ gleiten, ebenso wie Rika. »Rika?« Sie ignorierte Demy und zog an dem weit herunterhängenden Ast einer Trauerweide, deren Blätter nach diesem kältesten Winter des noch jungen Jahrhunderts nicht einmal als zarte Knospen zu erahnen 22


waren. Der Ast schnalzte zurück und fuhr über die zaghaft hervor­ brechenden, gelben Blüten einer Forsythie. »Es tut mir leid, Rika, dass ich dir den Spaß verdorben habe. Aber du gehörst nicht in so ein Lokal. Ich weiß nicht, was Albert eingefallen ist, dich dorthin zu schleppen.« »Ich wollte feiern und tanzen.« »Wir können heute Abend zu Hause …« »Zu Hause? Unser Zuhause ist in Koudekerke! Schon vergessen? Wenn ich es hier aushalten soll, möchte ich zumindest die Vorteile genießen, die diese Stadt mir bietet.« »Du redest wie Tilla«, brummte Demy, der an diesem Tag jeg­liche Kraft für ein anstrengendes Gespräch fehlte. Dennoch sah sie sich ge­­ zwungen, es zu führen. »Und du wie der alte Meindorff: Du darfst das nicht, dies ist verboten und jenes schickt sich nicht!« »Dieses Thema haben wir bereits genügend ausgeschöpft, dachte ich.« Demy seufzte. Die Verantwortung für ihre Geschwister, die Angestellten im Haus, den kranken Hausherrn und die Personen, die es im Laufe der Kriegsjahre zu ihnen gespült hatte, wog schwer auf ihren Schultern. »Liebst du Albert?« Rika sah sie mit aufgerissenen Augen an, ehe sie schallend lachte. »Ob ich Albert liebe?« »Was gibt es sonst für einen Grund, dich in der Weise an ihn zu pressen, wie du es beim Tanzen getan hast?« »Meine Güte, in welchem Jahrhundert lebst du?«, spottete Rika. »Was spielt das Jahrhundert für eine Rolle, wenn es darum geht, dass Frau und Mann einander mit Bedacht und Respekt begegnen? Ich halte es für ungesund, wenn eine Frau einem Mann mehr anbietet, als sie ihm nachher geben kann und will.« »Woher willst du wissen, was ich ihm später noch gegeben hätte?«, forderte Rika sie mit einem frechen Grinsen heraus. »Hoffentlich nichts, das nicht in den geschützten Rahmen einer Ehe gehört.« Wieder lachte Rika, legte dabei den Kopf in den Nacken und blickte zum wolkenverhangenen Himmel hinauf. »Und das sagt ausgerechnet die Verlobte von Philippe Meindorff! Wie lange ist es jetzt 23


her, seit er Berlin den Rücken gekehrt hat? Mehr als zehn Jahre? Und noch immer tuschelt man hier in Berlin über ihn und seine Frauengeschichten.« Mit geballten Fäusten starrte Demy in Richtung Schloss Charlottenburg. Es thronte, eingebettet in einen wunderschönen Park, am vorderen Ende der Straße, in der das Haus der Meindorffs stand. »Philippes und meine Verbindung spielt sich in einem Rahmen ab, der …« »Du könntest ihn an mich abtreten, diesen Philippe! Er ist so männlich und aufregend! Du bist es ja gewohnt, die verprellte Braut eines Meindorff-Sohnes zu sein.« Ein Schmerz, fast so stechend wie die sie seit Tagen plagenden Halsschmerzen, ergriff von Demys Herzen Besitz und ließ sie in Schweigen verfallen. Da war es wieder: ihr Stigma. Seit sie Hannes und Edith mit einer Scheinverlobung zu Hilfe gekommen war, galt sie in der Gesellschaft Berlins als versetzte Braut. Aus verschiedenen Gründen, unter anderem um nicht aus ihrem letzten Zufluchtsort – dem Haus Meindorff – geworfen zu werden, hatte sie vor drei Jahren einer Verlobung mit einem weiteren Meindorff zugestimmt. Auch diese Verbindung war eine Farce, weshalb sie Philippe getrost an Rika hätte abtreten können, hätte sie nicht gewusst, dass ihre flatterhafte Schwester ihre Schwärmerei für den Ingenieur und Piloten ohnehin bald vergessen haben würde. »Es entsteht so viel Unglück, wenn die Ehe als unwichtig erachtet wird, liebe Schwester«, murmelte Demy. Wieder lachte Rika und Demy verstummte erneut. Rika hatte nie erfahren, dass Tilla nicht nur an den Übergriffen ihres Vaters zerbrochen war, sondern auch an der Ungeduld ihres Mannes und seinem Beharren auf dem Verhältnis mit Julia Romeike. Zuletzt hatte Tilla sich auf einen anderen Mann eingelassen, einen früheren Geschäftspartner ihres Schwiegervaters, und war von ihm schwanger geworden. Bei dem Versuch, dieses Kind zu beseitigen, hatte Tilla den Tod gefunden. Die Schwestern durchquerten den Schlosspark mit seinen Wasserläufen, dem Teich und der sprudelnden Spree und bogen in die Schlossstraße ein. Rika umgab sich noch immer mit einer Mauer aus Trotz und Demy spürte, dass sie mit jedem weiteren Wort alles nur 24


verschlimmern würde. Sie wünschte sich, Anki wäre nicht unerreichbar weit von ihr entfernt in einem Land, das mit dem Deutschen Kaiserreich im Krieg lag, sondern würde ihr bei der Erziehung der jüngeren Geschwister helfend zur Seite stehen. Sie traten durch das Tor vor dem Anwesen und schon stürmte ihnen Ediths und Hannes’ älteste Tochter Luisa entgegen. Die Achtjährige wedelte aufgeregt mit den Händen und rief mit sich überschlagender Stimme: »Tante Demy, Tante Demy, komm schnell! Feddo und Peter prügeln sich!« »Wo?«, stieß Demy mit heiserer Stimme hervor. »Im Garten!« »Rika, nimm bitte Luisa mit hinein.« Ohne darauf zu warten, ob Rika zumindest dieser Anweisung nachkam, raffte Demy ihren grauen Faltenrock und stürmte am Haus vorbei in den rückwärtig gelegenen Garten. Inmitten der frisch umgegrabenen Beete, auf denen sie seit einigen Jahren versuchten, Lebensmittel anzubauen, rangen die zwei Gleichaltrigen miteinander, wobei Feddo tüchtig einstecken musste. Peter, der Unzugäng­lichere der Scheffler-Zwillinge, hatte durch seine Vergangenheit auf dem Land und in den gefähr­lichen Gassen des Scheunenviertels weitaus mehr Kraft und wohl auch Erfahrung, was handgreif­liche Auseinandersetzungen anbelangte. Hilfe suchend sah Demy sich um, doch nicht einmal Peters Zwilling Willi hielt sich in der Nähe auf. Also stapfte sie durch die feuchte, schwer an ihren Schuhen klebende Erde zu den Burschen. »Aufhören! Hört sofort auf damit«, versuchte sie vergeblich, sich Gehör zu verschaffen. Peter holte aus und ließ seine kräftige Faust mitten in Feddos Ge­­ sicht krachen. Blut schoss aus dessen Nase. Dennoch kämpfte er mit zusammengebissenen Zähnen und grimmigem Gesicht weiter und bemühte sich darum, wieder die Oberhand zu gewinnen, was ihm auch gelang. Er wand seinen rechten Arm aus Peters Umklammerung und holte zum Schlag aus. Demy sprang hinzu und griff in seine Armbeuge. Der Faustschlag ging zwar ins Leere, doch die Wucht, mit der er ausgeführt wurde, riss Demy mit. Sie landete auf den Knien, und lag gleich darauf unter den Streithähnen, die sich über sie hinwegrollten. Sie bekam einige 25


heftige Stöße von Ellenbogen und Knien ab und schrie vor Schmerz und Zorn zugleich auf. Aber die Kämpfenden ignorierten sie, bis sie plötzlich von zwei starken Händen, die keine Gegenwehr zuließen, von ihr fortgerissen wurden. Beide Burschen fanden sich links und rechts von Demy auf der nassen Erde wieder. Verwirrt richtete Demy sich auf. Sie war über und über mit nasser Erde beschmutzt. Selbst ihre langen schwarzen Locken hingen ihr strähnig und mit Erdklumpen verklebt in das nicht minder verdreckte Gesicht. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Feddo erneut auf seinen Gegner zustürmen wollte. Ein harscher Befehl ließ ihn jedoch innehalten. Mit geballten Fäusten verharrte er nur einen Schritt von ihr entfernt. Demy hörte seinen keuchenden Atem. Peter kauerte noch auf der Erde und wirkte so teilnahmslos wie meist. Nun erst wandte Demy sich ihrem Helfer zu – und schrak zusammen. Vor ihr stand nicht wie erwartet Bruno, der Kutscher, sondern Philippe. In dem alten Pullover, den er unter seiner Fliegerjacke trug und unter der schräg aufgesetzten Soldatenkappe, den bei Piloten beliebten Schal um den Hals geschlungen, grinste er sie breit an, ehe er sich mit ernstem Gesicht an die beiden Raufbolde wandte: »Seid froh, dass ich vorbeigekommen bin. Fräulein Demy hätte euch in den Boden gestampft!« Demy öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Von Feddos Seite kam ein prustendes Auflachen, während Peter ihr einen Blick zuwarf, der sie wohl um Verzeihung bitten sollte. »Sie und ihr Spott haben mir gerade noch gefehlt«, knurrte Demy und setzte sich auf. Eilig zerrte sie ihren Rock zurecht, der unschicklich weit über ihre Knie gerutscht war und dort von der nassen Erde festgeklebt wurde. »Ihre Dankbarkeit ist einmal mehr überwältigend«, konterte Philippe, streckte ihr allerdings die Hand entgegen. Einen Moment war Demy versucht, das Hilfsangebot rundweg auszuschlagen, aber die nasse Erde hing zentnerschwer an ihr. Also ergriff sie seine Rechte und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. Er tat dies mit so viel Schwung, dass sie förmlich gegen ihn taumelte. Bestürzt über seine Nähe wich sie zurück, jedoch ließ er ihre Hand nicht los. 26


»Sie sind nur noch ein Fliegengewicht! Essen Sie überhaupt etwas? Ihre kleine Anpflanzung hat doch eine ordent­liche Ernte eingebracht?« Besorgt glitt sein Blick über ihr schmales Gesicht, und sie nutzte die Gelegenheit, um ihm endlich ihre Hand zu entwinden und sich nach den beiden Übeltätern umzusehen. Peter und Feddo standen gut drei Meter voneinander entfernt da. Während ihr Bruder keineswegs schuldbewusst aussah, musterte Peter mit gewohnt finsterer Miene seinen Gegner. »Herr Oberleutnant, ich esse durchaus«, sagte Demy, mehr an die Jungs als an Philippe gerichtet. »Aber Tage wie der heutige rauben mir eine Menge Energie«. »Es kommt schon mal vor, dass Jungen sich prügeln«, meinte Philippe. Demy wirbelte zu ihm herum. »Vielen Dank für Ihre wertvolle erzieherische Unterstützung!« »Gern!«, erwiderte Philippe gelassen und wollte ihr doch tatsächlich einige Erdklumpen aus den Haaren ziehen. Sie schlug seine Finger energisch beiseite, woraufhin er seine Hände hinter dem Rücken verschränkte und sie amüsiert angrinste. »Was war los?«, wandte sie sich an die Jungen. Peter senkte den Kopf und begann, mit seinem ohnehin schon halb kaputten Schuh in der Erde zu bohren; Feddo zuckte lediglich mit den Schultern. »Ich bestehe auf einer Antwort. Und zwar von beiden.« Noch immer beschäftigte sich der eine Junge mit dem Erdboden, dem anderen verging zumindest das Grinsen. Demy verschränkte die Arme vor der Brust und blickte über ihre gerümpfte Nase hinweg von Feddo zu Peter. »Na wunderbar!«, stieß sie schließlich hervor. »Ich finde ja, schon allein dafür, wie ihr mich zugerichtet habt, verdiene ich eine Erklärung. Nun gut. Ihr zwei werdet euch jetzt Gartengeräte holen und dieses Beet in seinen vorherigen Zustand zurückversetzen. Anschließend putzt ihr eure Schuhe und wascht eure Kleidung, danach euch selbst. Ihr könnt euch in der Küche eine Scheibe Brot holen und dann verschwindet ihr für den Rest des Tages auf eure Zimmer.« »Ja, Demy!«, murmelte Peter. 27


»Dürfte ich einen anderen Vorschlag unterbreiten?«, mischte Phi­ lippe sich ein. Wieder wirbelte Demy zu ihm herum, wobei ein Schwindelgefühl, das sie völlig unvorbereitet überfiel, sie beinahe niederwarf. Nur mühsam gelang es ihr, aus dem Strudel zu entkommen, der sie in die Tiefe ziehen wollte. Sie bedachte Philippe mit einem aufgebrachten Blick. Was fiel diesem Luftikus ein, sich in ihre verzweifelten Bemühungen einzumischen, den Jungen die Flausen auszutreiben? »Sie gehen wohl lieber ins Haus und …«, begann Demy, wurde von Philippe aber unterbrochen. »Nicht, ehe Sie sich nicht bei mir bedankt haben. So viel gute Kinderstube müsste aus Fräulein Cronbergs Unterricht sogar bei Ihnen hängen geblieben sein.« Wieder hörte sie Feddo leise lachen und selbst Peter gab einen belustigten Laut von sich. »Was halten Sie davon, wenn die beiden mir von ihren Differenzen berichten und wir uns gemeinsam eine Bestrafung ausdenken?«, schlug Philippe vor. Zuerst wollte Demy widersprechen, als sie jedoch den hoffnungsvollen Blick von Peter sah, überlegte sie es sich anders. Peters und Willis Vater hatte seine Kinder häufig mit dem Gürtel gezüchtigt. Womöglich war das einer der Gründe, weshalb der Junge so un­­zugänglich und verschlossen war, aber ihren Anweisungen aufs Wort folgte. Vielleicht würde es ihm guttun, einmal mitzuerleben, wie Erwachsene respektvoll mit Kindern umgingen? »Kann ich Sie mit den Streithähnen allein lassen oder muss ich befürchten, dass Sie ihnen erlauben, ihre Auseinandersetzung erneut mit den Fäusten auszutragen?« »Wir haben in dieser Welt genug Krieg, liebe Demy. Gehen Sie sich in aller Ruhe den Schmutz vom Gesicht kratzen, ich kläre das hier.« Sie ermahnte die Jungen mit einem vorwurfsvollen Blick, den Mann mit einem nicht minder aufgebrachten, und stapfte zur Hintertür. Dort hatten sich inzwischen Willi und Demys Pflegesohn Nathanael eingefunden, und sie wusste nicht zu sagen, wem von beiden das breitere Grinsen im Gesicht stand. Sie wichen jedoch respektvoll zurück, um sie einzulassen. Ausgelaugt lehnte Demy sich an die geschlossene Tür, 28


stützte den Hinterkopf an das Holz und schloss müde die schmerzenden Augen. Sie fühlte sich schwach, ja fiebrig, und die Halsschmerzen, die sie seit Tagen plagten, wurden allmählich unerträglich. In ihrem desolaten Zustand kam sie nicht umhin, Dankbarkeit für Philippes überraschendes Auftauchen und sein Eingreifen zu empfinden. Eben noch hatte sie sich unendlich allein und überfordert gefühlt, und nun hatte er ihr eine unliebsame Aufgabe abgenommen. »Und dabei mag ich ihn gar nicht«, flüsterte sie halblaut vor sich hin. In diesem Augenblick gaben ihre Beine nach, und sie rutschte an der Tür entlang zu Boden, wo sie kraftlos liegen blieb. Jede Bewegung, ja jeder Atemzug schien ihr unsäglich schwerzufallen. Wenig später näherten sich ihr Schritte, und Maria stieß erschrocken hervor: »Demy? Was ist mit Ihnen? Sie sehen fürchterlich aus.« Die Frau ging neben ihr in die Hocke und umfing ihr Gesicht mit ihren Händen, zog sie aber ruckartig wieder zurück. »Sie glühen ja! Sie haben hohes Fieber!«

Kapitel 2 Petrograd, Russland, März 1917

Schwarze Wolkenberge türmten sich über der Stadt, als wollten sie die Paläste, Brücken und Kanäle unter sich begraben und zerquetschen. Vom Finnischen Meerbusen her fegte ein beißend kalter Wind durch die Straßen und Gassen und blähte die roten Flaggen an den Fenstern der Peter und Paul-Festung auf wie wütende, Feuer speiende Drachen. Robert Busch wechselte seine Arzttasche in die linke Hand und blickte sich besorgt um, ehe er die Nikolaj-Brücke4 betrat. Seine Schritte wurden zunehmend schneller, beunruhigte ihn doch das durch die Straßen des Admiralitäts-Rajon5 dröhnende, dumpfe Knallen abgefeuerter Waffen. Er hatte lange genug in einem Frontlazarett gearbeitet, um die Geräusche richtig zu deuten – bevor er von den Russen gefangen genommen, nach Sibirien verschleppt und erst mit29


hilfe von Dr. Botkin, dem Leibarzt der russischen Zarenfamilie, wieder befreit worden war. Für einen Moment verweilten seine Gedanken bei der Zariza, ihren vier Töchtern und dem kranken Zarewitsch. Ob sie in Zsarskoje Selo6 vor den Übergriffen der aufständischen Bürger in Sicherheit waren? Oder waren sie im Alexanderpalais Gefangene im eigenen Haus? Würde man sie töten, wenn man ihrer habhaft wurde? Der Deutsche erreichte das Ufer. Die goldene Nadel auf der Ad­­ miralität bohrte sich drohend in die tief hängenden Wolken, ohne die grauen und schwarzen Gebilde beeindrucken zu können oder sie davon abzuhalten, auch noch einen Schneesturm über der Stadt abzuladen, die aufgrund der Revolution ohnehin schon brodelte wie ein Hexenkessel. Robert eilte weiter in den Newskij Prospekt, denn sein Ziel war das Palais der Chabenskis an der Mojka. Dort hoffte er seine Ehefrau Anki und ihre vier Schützlinge anzutreffen, die Töchter der verstorbenen Fürstenfamilie. Ein paar Männer hinter einer Barrikade aus zusammengeschobenen Möbeln und einer Kutsche hielten ihn auf. »Halt!«, brüllte ihm ein bärtiger Kerl entgegen. In seiner Rechten hielt er eine Pistole, in der Linken einen Besenstiel, an dem ein roter Stofffetzen im Wind knatterte. Wie seine Kameraden trug auch er das rote Band der Revolution um den Oberarm. Roberts Hand, mit der er seine Tasche umklammerte, wurde schweißnass. Er hatte in russischer Gefangenschaft erlebt, wie gnadenlos Menschen reagieren konnten, wenn man einem Befehl nicht unverzüglich nachkam. Acht Männer, vier von ihnen bewaffnet, musterten ihn mit grimmigen Mienen. Robert widerstand der Versuchung, die Kerle darauf hinzuweisen, dass die Waffen, die sie gegen ihre eigenen Landsleute richteten, den Soldaten an der Front bitter fehlten. »Wer bist du?«, wurde er von dem Bärtigen angeschnauzt. Offenbar galt er als Wortführer dieser kleinen Revolutionskeimzelle. Robert zögerte. Als Deutscher wollte er sich ungern zu erkennen geben, ebenso wenig seine guten Beziehungen zu Dr. Botkin offen­ legen. Also erwiderte er ausweichend, während ihm trotz der Kälte der Schweiß über den Rücken lief: »Ein Arzt.« »Wo willst du hin?« 30


DANN STADLER

ER GING

FÜR UNS

DURCHS

FEUER :LH HLQ (QJHO XQVHU /HEHQ YHUÇQGHUWH

Aus dem Englischen von Elke Wiemer


Inhalt 1. Aus dem Himmel in die Feuerhölle 2. Die längste aller Nächte 3. Ein Blick in die Zukunft 4. „Hat sie ihn gesehen?“ 5. Der Kampf, Runde 1 6. Toms neue Aufgabe 7. Der Kampf, Runde 2 8. Der Kampf, Runde 3 9. Von Engeln berührt 10. Winzige Schritte 11. Ein Zuhause, aber nicht zu Hause 12. Zeitreise 13. Ein neues Leben 14. Ein Fels, eine Gnadenfrist und Rebekah 15. Qualen und Engel in Nebraska 16. Das Brennen in mir 17. Gottes Sonderlieferung 18. Der Ruf der Taube 19. Wenn Engel flüstern und schreien 20. Über Feuer, Schicksal und Glaube Bildteil Danksagung

9 23 35 47 53 73 79 87 95 101 113 121 125 133 147 159 165 181 191 199 210 217


1 Aus dem Himmel in die Feuerhölle Es ist der 7. September 1989, acht Uhr abends, als Mark Payne* seine Arbeit im Autohaus seines Vaters in Riviera Beach in Florida beendet. Er hat Hunger und will etwas essen. Aber viel stärker verlangt es ihn danach, etwas zu trinken. Nicht um seinen Durst zu löschen, sondern um seinen Verstand und Körper mit Alkohol zu betäuben. Er hält mit seinem Wagen an einem nahe gelegenen Restaurant und bestellt etwas zu trinken. Als er kurz vor Mitternacht sein letztes Glas Whiskey leert, hat er es geschafft: Sein Denken ist betäubt und seine Sinne sind benebelt. Schwankenden Schrittes geht er zu seinem Wagen. Erst nach mehreren Versuchen findet sein Schlüssel das Schloss der Autotür. Er kriecht auf den Fahrersitz, lässt den Motor an und fährt nach Hause, in nördliche Richtung. Als er die Auffahrt zum Highway, der Interstate 95, erreicht, denkt er womöglich noch kurz an seine letzte Verhaftung wegen Trunkenheit am Steuer, vor etwa sieben Monaten. Es sind nur fünfzehn Kilometer bis nach Hause, und er hofft, dass ihm unterwegs keine Polizeistreife begegnet. Payne ignoriert das Risiko, legt eine Kassette der Band Grateful Dead ein und dreht die Lautstärke voll auf. * Der Name ist geändert. Es ist nicht notwendig, den richtigen Namen des betrunkenen Fahrers, der den Unfall verursacht hat, an dieser Stelle zu nennen. Wen es interessiert, der kann es recherchieren. Für mich ist es überflüssig, seinen Namen zu nennen. Ich will jedenfalls nicht den Eindruck erwecken, als wollte ich mich rächen.

9


Fast 45 Kilometer fährt Payne, betrunken wie er ist, an der Ausfahrt, wo er wohnt, vorbei. Als ihm sein Fehler bewusst wird, erkennt er, dass er in Richtung Süden zurückfahren muss. Womöglich denkt er in diesem Moment, er sei auf der zweispurigen Landstraße unterwegs, die er sonst üblicherweise nach Hause nimmt. Jedenfalls fährt Payne auf den Seitenstreifen, lässt die anderen Autos an sich vorbeifahren und … wendet. Wahrscheinlich denkt er in diesem Moment an seine Frau, die sich sicherlich Sorgen machen wird, weil es schon so spät ist. Also gibt er Gas und rast zurück. So oder so ähnlich muss Mark Payne den Abend bis zu diesem Zeitpunkt erlebt haben. Payne ist sich nicht bewusst, dass er jetzt als Geisterfahrer auf der linken der drei Fahrspuren der Interstate 95, die nach Norden führen, in Richtung Süden fährt. Durch das Wendemanöver ist er in seinem roten BMW zu einem unkontrollierbaren Geschoss geworden. Die Songs der Grateful Dead dröhnen weiter in seinen Ohren. Sie sind das Letzte, was er je hören wird. Dann und Tracey Stadler fahren in dieser Nacht die gleiche Strecke. Nach einem wundervollen Abendessen anlässlich ihres vierten Hochzeitstags sind die beiden auf dem Rückweg zum Haus von Traceys Eltern in Port St. Lucie, Florida. Sie machen dort gerade Urlaub. Ebenfalls unterwegs auf der Interstate 95 ist die Polizeibeamtin Sydney Wright. Sie fährt in dieser Nacht Streife. Um kurz nach Mitternacht ist sie etwa fünfzehn Kilometer nördlich von Port St. Lucie in Richtung Süden unterwegs, als die erste Meldung über Funk hereinkommt: „Ein Geisterfahrer in einem roten Wagen wurde kurz hinter Midway Road auf der Fahrbahn Richtung Norden gesehen.“ Diese Stelle befindet sich noch etwa dreißig Kilometer südlich von Wrights derzeitigem Standort. Vielleicht nur ein Irrtum, denkt Wright. Man kann sich im Dunkeln täuschen und denken, die Scheinwerfer der Autos auf der anderen Fahrbahn kämen einem auf der eigenen Seite entgegen. 10


Dennoch ist sie ein wenig angespannt. Sie hat schon mehr als genug Unfälle gesehen, die ein Geisterfahrer verursacht hat. Ihr Funkgerät knackt und es ertönt die raue Stimme eines Lastwagenfahrers. Auch er meldet einen roten Pkw, der in falscher Richtung unterwegs ist. Und kurz darauf bestätigt die Zentrale den Geisterfahrer erneut. Die Streifenpolizistin drückt aufs Gas. Mit Blaulicht und Sirene rast sie durch die Dunkelheit. Um 0:35 Uhr kommt wieder eine Meldung über Funk herein. Sie ist endgültig: „Unfall mit Verletzten auf der Interstate 95 Richtung Norden bei Kilometer 163,5, drei Kilometer südlich der Abfahrt zur L 714. Brennendes Fahrzeug.“ Wright schießt das Adrenalin ins Blut. Zugleich rutscht ihr das Herz in die Hose: Oh nein! Er hat jemanden erwischt. * Als die beiden Fahrzeuge miteinander zusammenprallen, leuchtet eine helle Stichflamme blitzartig auf. Sie ist im Umkreis eines knappen Kilometers zu sehen. Im Nu erlischt sie wieder. Zurück bleibt ein flackernder Haufen zerbeulten Metalls auf der Fahrbahn. Beide Fahrzeuge sind nur noch etwa halb so groß, wie sie einmal waren, und stehen nur Zentimeter voneinander entfernt. Fast ein Dutzend Autos bremsen scharf und halten an. Einige ihrer Insassen rennen sofort zu dem rauchenden Metallknäuel. Angst liegt in der Luft. So einen schrecklichen Unfall kann unmöglich jemand überlebt haben. Troy Lynne erreicht als Erster die Autos. Er erkennt sofort, dass der Fahrer des roten BMWs tot ist. Anschließend schaut er in den anderen Wagen. Er brennt. Aber es ist unglaublich: Beide Insassen bewegen sich noch – sie leben! Er versucht, die Türen zu öffnen, doch sie bewegen sich nicht. Durch die Wucht des Aufpralls ist die Frontpartie des Autos um fast anderthalb Meter eingedrückt worden, sodass sich die 11


Türen stark verkeilt haben. Lynne sieht, wie die Flammen beginnen, um die Beine des Fahrers zu schlagen. Er winkt Leuten, die angerannt kommen, wild zu und ruft nach einem Feuerlöscher. Ich hatte Tracey gesagt, sie solle angeschnallt bleiben. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere. Auch Tracey kann sich nicht mehr an den Zusammenstoß erinnern, da sie wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt geschlafen hat. Aber ihre Erinnerung an alles, was danach geschah, ist schrecklich – bis auf ein kurzes göttliches Eingreifen. Nach unserem heftigen Aufprall sah Tracey mich nur verwirrt an und wisperte flehend: „Was ist passiert?“ Ich konnte sie nur anstarren. Dann versuchte ich, unsere Sicherheitsgurte zu lösen. Für Tracey war das alles zu viel. Sie verstand nicht, was passiert war. Träume ich? Schreie von draußen holten sie in die Realität zurück. Später erzählte sie mir, dass ihr Gehirn all das nicht erfassen konnte – wie es zu dem Unfall gekommen war, wo wir waren, wie schwer wir verletzt waren, das Ausmaß des Schadens – nicht einmal, wie wir hießen, wusste sie. Sie war ganz durcheinander und benommen vor Schmerz. Und dann musste sie mitansehen, wie Flammen um meine Beine schlugen und sie hörte mich schreien. Andere Fahrzeuge erreichten die Unfallstelle. Gerade war in einer nahe gelegenen Fabrik die Spätschicht zu Ende gegangen und drei der Arbeiter stiegen aus ihrem Auto aus und eilten zu Hilfe. Es waren Mike Debevec, Ben Williams und Kyle Longwell. Ihr Kollege, Mike Walters, stieß zu ihnen und gemeinsam rannten sie zu dem brennenden Fahrzeug. Sie hatten Feuerlöscher dabei, doch diese schafften es nicht, die Flammen einzudämmen. Benzin floss schwallartig aus unserem Ford, und sobald es auf den Asphalt traf und sich dort als neues Feuer entfachte, hörte man sein lautes, dumpfes Zünden. 12


Lynne und einige andere versuchten, Tracey durch eine schmale Öffnung, die sich zwischen Schiebedach und Fenster ergeben hatte, zu befreien. Es war, als wollten sie das ganze Auto mit ihr hochheben, denn der Motorraum hatte sich auf Traceys Schoß geschoben. Sie schrie, während die Retter versuchten, sie Stück um Stück aus der immer größer werdenden Hitze herauszuholen. Während Lynne mit den anderen zugange war, Tracey zu befreien, bemerkte Mike Debevec, dass mich das Feuer erreicht hatte. Mit Mike Walters und Kyle Longwell rannte er zu mir auf die Fahrerseite. Sie versuchten, meine Tür zu öffnen. Vergeblich. Sie öffnete sich nicht. Als Nächstes schlugen sie mit ihren Fäusten und Steinen gegen die Scheibe, aber sie schien allen Schlägen standzuhalten. Mike Debevec nahm alle seine Kraft zusammen und schob seine Finger oberhalb des Fensters zwischen Fahrertür und Rahmen. Er zog nun mit ganzer Kraft an der Tür, indem er seine Füße gegen das Auto stemmte. Immer mehr Flammen schlugen an meinen Beinen hoch. Doch plötzlich gab der Fensterrahmen nach. Das Glas zerbrach, als Mike Debevec ihn umbog. Den drei Männern stieß brennend heiße Luft aus dem Wageninneren entgegen, sodass sie einen Moment zurückweichen mussten. Ich streckte meine Arme empor, hielt mich am Dach des Autos fest und zog mich mühsam durch die Fensteröffnung. Die drei Männer ergriffen meine Unterarme und zogen mich aus dem Wrack. Mit ihren bloßen Händen schlugen sie sofort die Flammen an meinen Beinen aus. „Holt meine Frau raus!“, schrie ich. Ich nannte Tracey nicht bei ihrem Namen – wahrscheinlich hätte ich nicht einmal meinen eigenen Namen gewusst. Die anderen versuchten immer noch verzweifelt, Tracey aus dem Auto zu befreien. Ein anderer herbeigeeilter Helfer, James Vellum, griff nach ihr 13


durch das Schiebedach, spürte aber immer noch Widerstand, als er zog. Ich konnte Tracey schreien hören, und je länger das Bemühen um Tracey dauerte, desto mehr brach Panik aus. James Vellum versuchte, die Tür mit einer Dachlatte, die ihm jemand in die Hand gedrückt hatte, aufzustemmen, aber sie zerbrach. Das Feuer dehnte sich immer weiter aus. Ein anderer Mann griff nach einem der leeren Feuerlöscher, um damit die Scheibe einzuschlagen, aber auch dieser Versuch schlug fehl. Widerspenstig hielt die Scheibe jedem seiner Schläge stand und federte den Mann zurück. Im Auto griffen die Flammen immer weiter um sich und Tracey drückte sich gegen die Scheibe. Die Helfer schienen machtlos zu sein, und die Menschen wichen zurück, aus Angst vor einer Explosion. Mitten in diesem schrecklichen Durcheinander kniete sich eine Frau auf die Straße und fing an zu beten. Sie flehte Gott an, er möge den Rettern helfen. Und noch während sie betete, sah Pedro Gimenez eine einzelne und sich ruhig verhaltende Gestalt aus dem nahe gelegenen Wald kommen. Der Schein des Feuers spiegelte sich immer heller auf ihrem Gesicht wider. Als die Gestalt näher und näher zu dem brennenden Auto kam, fiel Gimenez auf, dass das Leuchten auf ihrem Gesicht nicht der Reflektion des Feuers entsprach. Es war die Gestalt selbst, die leuchtete. Sie war kein dahergelaufener Schaulustiger. Was er hier sah, wurde Gimenez bewusst, war … ein Engel. Zum etwa gleichen Zeitpunkt tat Ben Williams, der mit Mike Debevec und Kyle Longwell zum Unfall gekommen war, das Einzige, was ihm noch einfiel: Er betete um Hoffnung und Heilung. Später erzählte er: „Als ich so mitten auf der Straße stand, mit all der Hektik und dem Chaos um mich herum, betete ich einfach immer weiter. Irgendwann bemerkte ich, wie 14


eine starke Welle über mich kam. Ich spürte die heilende Kraft von Jesus. So stark, intensiv und überwältigend, dass ich nicht anders konnte, als in die Knie zu gehen und nicht wieder aufzustehen. Mit einem Mal wusste ich, dass Gott die Menschen in dem Auto bewahren und heilen würde. Es war ein wunderbares, unglaubliches Erlebnis. Staunend und in Ehrfurcht kniete ich dort auf dem Highway.“ Durch die sengende Hitze im Auto bekam Tracey kaum noch Luft. Ihre Lungen fühlten sich an, als würden sie in ihr zerplatzen. Tracey sah in die Gesichter der Menschen rund ums Auto. In ihnen standen Entsetzen und Verzweiflung. Einer weinenden Frau sah sie direkt in die Augen. Dann spürte und roch Tracey, wie die Haut ihres Gesichts verbrannte. Bitte, Gott, betete sie, nimm mich jetzt zu dir, ehe ich bei lebendigem Leib verbrenne. Im nächsten Augenblick schaute Tracey nach oben und sah etwas Unglaubliches: Jesus streckte ihr die Hand entgegen. Es schien ihr, als würde sie in den Himmel hinaufschweben, während es Kyle Longwell gelang, ihren leblosen Körper aus dem Wagen zu ziehen. So hat Tracey das Ganze erlebt: Dann und ich waren an jenem Abend anlässlich unseres vierten Hochzeitstages essen. Ich erinnere mich noch, dass wir meinem Bruder Tommy zugewinkt haben, ehe wir auf die Interstate 95 fuhren. Während der Rückfahrt sagte ich zu Dann, dass ich ein kleines Nickerchen machen wollte. Er bat mich daraufhin, angeschnallt zu bleiben, was ich auch tat. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnern kann. Das Nächste, woran ich mich erinnere, sind entsetzliche Schmerzen. Und ich sah Menschen neben unserem Auto stehen. Sie schrien und kreischten. Zuerst dachte ich, das 15


Ganze wäre bloß ein schrecklicher Traum, aber dann wurde mir bewusst, dass ich nicht träumte. Ich drehte meinen Kopf und schaute zu Dann. Sein Gesicht von damals sehe ich noch heute vor mir. Hilflos starrten wir uns an. Er versuchte, unsere Sicherheitsgurte zu lösen, dann fing er an zu schreien. Ich sah hinunter zu seinen Beinen. Er brannte. Ich wollte ihm helfen und versuchte, zu ihm hinüberzukommen, doch ich konnte mich nicht bewegen. Auf meine Beine drückte der ganze Motorraum. Unterhalb meiner Hüfte war alles zertrümmert. Auch ich fing an zu schreien, und da bemerkte ich, dass mein Kiefer gebrochen war. Sobald ich den Mund öffnete, spürte ich meinen Kieferknochen an den Ohrläppchen. Mir wurde nun klar, wie schwer verletzt ich war. Die Flammen umgaben Dann. Ich kann gar nicht beschreiben, wie grausam es war, den eigenen Mann brennen zu sehen. Völlig eingezwängt und gegen den Sitz und die Tür gedrückt kam ich nicht zu ihm hinüber. Doch als es schon so aussah, als würden ihn die Flammen ganz verschlingen, bog jemand das Autofenster auf. Andere zogen ihn aus dem Auto. Ich war froh, dass er draußen war, aber ich dachte, er sei tot. Jemand versuchte, meine Tür aufzubrechen, aber es ging nicht. Dann versuchte er, mich durch das Schiebedach herauszuziehen. Aber mein Körper ließ sich einfach nicht bewegen. Ich saß in der Falle. Dann wichen auf einmal alle zurück, weil die Hitze zu groß war. Einige riefen, man sollte jetzt zurückbleiben, weil das Auto jeden Augenblick explodieren könnte. Ich wurde hysterisch. Mein Gott, sie lassen mich hier bei lebendigem Leib verbrennen! Ich spürte, wie die Flammen immer näher kamen und mein Gesicht und meine Arme anfingen zu brennen. Es war so heiß. Meine Lungen und mein Brustkorb fühlten 16


sich an, als würden sie brennen. Ich bekam keine Luft mehr. Mit letzter Kraft fing ich an zu beten. Ich erinnere mich noch genau an meine Worte: „Gott, bitte vergib mir meine Sünden. Du hast gesagt, in deinem Haus sind viele Wohnungen. – Ich bete, dass es einen Platz für mich im Himmel gibt. Bitte, nimm mich jetzt sofort zu dir, damit ich nicht bei lebendigem Leib verbrennen muss. Bitte, lass mich nicht verbrennen.“ Im nächsten Augenblick sah ich nach oben und erblickte ihn – Jesus, meinen Herrn und Retter. Beinahe glich er einem Engel, aber ich wusste, dass er es war. Ich spürte, dass er gekommen war, um mich zu trösten und zu heilen. Während dieses ganzen Erlebnisses war er die ganze Zeit bei mir gewesen. Und ich hatte das Gefühl, ihn schon mein ganzes Leben lang zu kennen, obwohl wir uns nie wirklich „begegnet“ waren. Ich fragte mich, wie oft er wohl schon bei mir gewesen war, wenn ich Hilfe gebraucht hatte. Meine Gedanken überschlugen sich. Wie hatte ich ihn in der Vergangenheit erfahren? Mir war klar, dass sich unsere Wege gekreuzt hatten und dass wir miteinander verbunden waren. Ich wollte mit ihm sprechen, merkte aber, dass wir keine Worte brauchten. Wir verständigten uns in Gedanken. Als er mir seine Hand entgegenstreckte, waren meine ersten „Worte“: „Mann, das war aber knapp!“ Er lächelte und hob mich hoch, wie ein Vater sein Kind. Wir bewegten uns „nach oben“ – zumindest hatte ich das Gefühl. Er trug mich weg von dem Autowrack. Und plötzlich wurde mir bewusst, was gerade passierte. „Ich bin tot, nicht wahr?“, fragte ich ihn. Wieder lächelte er nur. Ich war ganz begeistert und meinte: „Ich habe immer Angst gehabt, zu sterben – Angst vor dem Unbekannten, dem Schmerz –, aber es ist so wunderbar. Du solltest das 17


den Menschen sagen. Das müssen sie wissen!“ Er lächelte mich wieder nur in seiner reinen Schönheit und Wahrheit an. Er sagte, ich könnte ruhig nach unten sehen, aber das wollte ich nicht. Je weiter wir uns von der Unfallstelle entfernten, desto mehr Frieden verspürte ich. Es war wunderbar. Ich kann es bis heute nicht in Worte fassen. Nicht nur, dass die Schmerzen des Unfalls aufhörten, auch jedweden anderen Schmerz, ob körperlich oder seelisch, ließ ich hinter mir. Alles Schwere meines irdischen Daseins entwich. In seiner Gegenwart verwandelte sich all das in eine Leichtigkeit aus Freude und Freiheit. Vage nahm ich plötzlich Szenen aus meinem Leben wahr. Sie blitzten um mich herum auf, aber ich beachtete sie nicht weiter, denn ich wollte mich weiter auf Jesus konzentrieren. Seine Liebe und sein vollkommener, absoluter Frieden überwältigten mich. Es war einfach wundervoll und erhaben schön. Mir gingen Worte einer Bibelstelle durch den Kopf: „Frieden, der alle Vernunft übersteigt“ – genau diesen unglaublichen, unbeschreiblichen, allumfassenden Frieden spürte ich. Nicht als ein Gefühl, sondern als einen Teil von mir. Ich wurde zu Friede, Liebe und Freude. All diese intensiven Empfindungen rührten von Jesus her und ich kann sie nicht angemessen beschreiben. Es war einfach überwältigend. Es war wunderbar. Und es war unbeschreiblich, wie intensiv diese Gefühle und diese Realität waren. Die Liebe eines Vaters oder einer Mutter zum eigenen Kind ist eines der stärksten menschlichen Gefühle, die es gibt, aber selbst dieses verblasst angesichts seiner Liebe. Es fühlte sich an, als hätte er seine Arme um mich geschlungen, hielte mich fest und gäbe mir das Gefühl, vollkommen geliebt zu sein. Anders kann ich es nicht beschreiben. 18


Je mehr wir uns vom Unfallort entfernten, desto stärker hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Von ganzem Herzen und aus tiefster Seele wusste ich, dass Gott, unser Vater, auf mich wartete. Das muss man sich zweimal sagen: Er wartete – auf mich! Weder empfand ich Schmerz noch Traurigkeit oder Bedauern. Reine Vorfreude herrschte, auf das Vollkommene, wonach ich mich stets ausgestreckt hatte und worum es in meinem ganzen Leben immer wieder gegangen war. Es war, als würde ich von Neuem geboren, in eine vollkommene und reine Welt hinein. Und mir wurde bewusst, dass der Tod nicht das Gegenteil des Lebens ist, sondern das Gegenteil der Geburt. Und hier war ich nun, vollkommen lebendig und vollkommen geliebt, bereit, Gott zu begegnen. Ich freute mich so. Und ich wusste, dass es einen Grund gab, und zwar nur einen einzigen, weshalb ich in den Himmel kam: Weil ich während meines Lebens auf der Erde Jesus kennengelernt und als meinen Retter angenommen hatte. Das war das Einzige, worauf es in diesem Moment ankam. Ich kann das gar nicht deutlich genug betonen: Mein ganzes Leben, jede Entscheidung, jede Handlung, alles, was ich war, reduzierte sich nun auf diese eine Entscheidung. Nichts anderes zählte mehr. Gar nichts. Nur Christus. Er ganz alleine. Erneut blickte ich nach oben, vielleicht auch deswegen, weil ich nun wusste, wo ich war, und sah plötzlich meine Großmutter, Nannie, die gestorben war, als ich gerade sechs Monate alt war. Nicht in menschlicher Gestalt, aber ich erkannte sie trotzdem sofort. Sie war ein Wesen voller Wärme und endloser Liebe. Zu Lebzeiten hatte ich sie nie kennengelernt, aber ich hatte stets das Gefühl, sie irgendwie bei mir zu haben. So, als hätte es eine lebenslange Bindung zwischen uns gegeben. Jetzt erst konnte 19


ich nachvollziehen, warum ich so empfunden hatte. Sie wartete am Eingang des Himmels auf mich, um mich mit hineinzunehmen, und war offensichtlich hocherfreut, mich zu sehen. Pure Freude ging von ihr aus. Ich sah sie an und rief: „Nannie!“ Ich konnte es kaum erwarten, bei ihr zu sein. Ihre Gegenwart war so voller Liebe und Annahme, dass ich das Gefühl hatte, förmlich mit ihr zu verschmelzen. Als ich Nannie erreichte, schossen mir plötzlich Gedanken an meine neun Monate alte Tochter Meghan durch den Kopf. Ich rief ihren Namen. Und Panik packte mich. War Dann nicht tot? Meghan brauchte doch eine Mutter. Sie brauchte mich! Unbehagliche Gefühle machten sich in mir breit. Ich wollte nicht, dass sie als Waisenkind aufwuchs. So erzählte ich Jesus und Nannie davon, dass ich Meghan nicht verlassen wollte. Ich wünschte mir so sehr, in den Himmel zu kommen und mein neues Leben zu leben – Gott in seiner ganzen Größe zu verehren und in all seiner Liebe und seinem Frieden zu leben –, aber ich konnte mein Baby nicht zurücklassen. Nannie und Jesus wurden sehr, sehr ernst. Ich wusste, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Mir blieb nicht viel Zeit, nachzudenken. Sofort musste eine her. Leicht fiel sie mir nicht. Denn obwohl ich mich mit jeder Faser meiner Seele nach Gott sehnte, war da etwas in mir, das zu Meghan zurückwollte. Ich musste einfach für sie da sein. Und ich hatte das Gefühl, der einzige Grund, der eine Rückkehr möglich machen könnte, war Liebe. Dass und wie ich Meghan liebte, muss Jesus irgendwie erkannt haben. Mehr noch: Er erkannte meine Liebe zu ihr sogar an und ließ mir die Wahl, zu Meghan zurückzukehren. Sekundenbruchteile später verließ ich Nannie und Jesus brachte mich zurück zur Unfallstelle. Alles, was ich 20


erlebt hatte, von der Unfallstelle bis zu der Gegenwart im Himmel, wurde zurückgespult. Zumindest fühlte es sich für mich so an, denn je näher wir der Erde kamen, desto schwerer fühlte ich mich. Die Schmerzen waren wieder da und alles wurde schlimmer und schlimmer. Nannies Wärme verschwand und mir war kalt. Als ich wieder konfrontiert wurde mit meinen unerträglichen körperlichen Schmerzen durch den Unfall, wusste ich, dass ich zurück war. Ich war wieder „lebendig“ und auf der Erde. Als ich am Straßenrand wieder zu Bewusstsein kam und meine Augen aufschlug, sah ich geradewegs in die Augen eines Engels. Ich wusste sofort, dass es ein Engel war – und er kannte mich. Irgendwie wusste ich, dass dieser Engel mich aus dem brennenden Auto gerettet hatte. Zwar hatte mich jemand anderes hinausgezogen, aber ohne den Engel wäre es ihm niemals gelungen. Der Engel hatte meine Rettung erst möglich gemacht. Ich kann es nicht erklären, aber ich wusste es einfach. Und dort am Straßenrand beugte er sich über mich, legte seine Hand auf mein Gesicht und heilte mich. Genauer gesagt spürte ich, wie er durch die Kraft Jesu die Verbrennungen in meinem Gesicht und am Hals heilte. Angesichts all meiner anderen Verletzungen, weiß ich heute, dass ich Verbrennungen im Gesicht nicht überlebt hätte. Ich vermute, Gott wusste, dass ich mit Verbrennungen nicht überleben konnte. Dass das mehr war, als ich ertragen konnte. Beides war real: Ich erlitt im Auto schwere Verbrennungen und durch einen Engel heilte mich die Kraft Jesu. Seine heilende Kraft strömte durch mich hindurch – dort am Straßenrand. Und letztlich sagte der Engel zu mir: „Tracey, es wird alles wieder gut.“

21


Als Tracey dort im Auto „starb“, versuchte Kyle Longwell immer noch, sie aus dem brennenden Wrack zu ziehen. Er langte durch die zerklüftete Öffnung des Schiebedaches und befreite sie aus den Flammen. Es gelang ihm mühelos, als hätten die Wrackteile des Motorraums, die Traceys Beine eingeklemmt hatten, plötzlich nachgegeben. Kyle Longwell erzählte uns später: „Mit einem Mal kam eine Kraft über mich, und ich hatte eine Stärke, die nicht aus mir herauskam.“ Tracey war frei. Sie legten sie neben das Auto. Ihre schweren Verletzungen waren deutlich zu erkennen. Als Traceys irdisches Leben wieder in ihren Körper strömte, und der Engel ihr gesagt hatte, dass „alles wieder gut“ werden würde, sah er die Menschen um sich herum an und sagte langsam und sehr betont: „Kümmert – euch – um – Tracey.“ Gimenez sah, wie der Engel wieder im Wald verschwand, er schien mit den Schatten zu verschmelzen. Weder Tracey noch ich, geschweige denn irgendjemand der Anwesenden, hatte ihm unsere Namen gesagt – trotzdem nannte der Engel Tracey bei ihrem Namen. Offensichtlich kannte er ihn.

22


2 Die längste aller Nächte Im Martin-Memorial-Krankenhaus in Stuart, Florida, wird Dr. Belle von den Sanitätern in die Notaufnahme gerufen. Es ist 0:50 Uhr. „Autounfall, zwei Insassen, mehrfache schwere Verletzungen und Verbrennungen – sieht übel aus. Geschätzte Ankunftszeit in 15 Minuten.“ Sowohl den Sanitätern als auch der Ärztin ist bewusst, dass schwer verletzte Personen bessere Überlebenschancen haben, wenn innerhalb der ersten Stunde nach dem Unfall lebensrettende Maßnahmen ergriffen werden können. Dr. Belle handelt angesichts der Herausforderung, in wenigen Minuten zwei Unfallopfer mit schweren Verbrennungen versorgen zu müssen, schnell. Es war gerade Schichtwechsel, aber viele der Ärzte, Schwestern und Pfleger sind noch in der Klinik. Dr. Belle weist daher die diensthabende Schwester an: „Rufen Sie sofort die Spätschicht zurück. Wir brauchen jeden, den wir kriegen können. Und treiben Sie jeden Arzt auf, der Bereitschaft hat. Beantworten Sie keine Fragen! Sie sollen einfach nur so schnell wie möglich herkommen.“ Ich kam vor Tracey an und das Ärzteteam in der Notaufnahme ergriff sofort stabilisierende Maßnahmen. Da ich von Kopf bis Fuß verletzt war, mussten die Ärzte meine Verletzungen nach Wichtigkeit einstufen und untersuchten mich. Bei jeder Bewegung schrie ich vor Schmerzen auf. Und jede Berührung war eine Qual. Als Tracey eintraf, wusste sie immer noch nicht, ob ich noch lebte oder nicht. Sie hatte mitansehen müssen, wie ich 23


brennend aus dem Auto gezogen wurde. Danach hatte sie mich nicht mehr gesehen. Sie dachte, ich sei tot. Zwar beteuerten die Sanitäter ihr das Gegenteil, doch sie schenkte ihnen keinen Glauben. Das änderte sich, als die Tür zur Notaufnahme aufging. In diesem Moment hörte sie, wie jemand schrie. Das war ich. Später meinte sie, diese Schreie waren „das Schönste, was ich je gehört hatte“, weil sie nun wusste, dass ich am Leben war. Noch während die Sanitäter Tracey hereinschoben, trat eine Krankenschwester zu ihr: „Wie heißen Sie, meine Liebe?“ Noch immer war Tracey nicht in der Lage, sich an ihren eigenen Namen zu erinnern. Stattdessen fiel ihr aber urplötzlich die Telefonnummer ihrer Eltern ein und sie antwortete schwerfällig: „Ich weiß nicht, aber Sie müssen meine Eltern anrufen …“. Das Wissen, ihre Eltern würden kommen, beruhigte und erleichterte Tracey etwas. Den Blick in ihre vertrauten Gesichter brauchte sie genauso wie ihren Zuspruch. Und sie wollte ihnen von Jesus und ihrem Engel erzählen. Doch Tracey verlor immer wieder das Bewusstsein. * Um halb eins in dieser Nacht schreckt Mary aus dem Schlaf hoch. Sie atmet schwer und ihr Herz rast. Es ist, als sei sie aus einem Albtraum aufgewacht. Zwar kann sie sich nicht mehr an ihn erinnern, aber ihr Körper reagiert noch darauf. Sie sieht nach ihrer jüngsten Enkelin, Meghan. Gibt es einen friedvolleren Anblick als den eines schlafenden Säuglings? Doch er kann Marys nagende Sorge nicht beruhigen. Dann und Tracey sind immer noch nicht zurück. Wo bleiben sie?, fragt sie sich. Sie sollten eigentlich schon zurück sein. * 24


Vor ein paar Tagen waren wir als Familie nach Florida gekommen, um Traceys Eltern, Tom und Mary, zu besuchen. Sie waren ein paar Monate vor Meghans Geburt dorthin gezogen. Mary war erleichtert, Tracey wiederzusehen, denn die Geburt von Meghan war nicht einfach gewesen. In die neue Mutterrolle hatte sich Tracey zwischenzeitlich gut eingefunden, nur setzte irgendwie erst die Reise wieder ihren gesamten Lebensgeist frei – zumal Tracey ihrer Familie sehr nahestand und sie sehr vermisste. Ihre zwei Brüder und beide Schwestern lebten schon seit einigen Jahren in Florida. Als dann auch noch ihre Eltern dorthin zogen, fühlte sich Tracey so, als habe sie keinen Rückhalt mehr und sei völlig auf sich gestellt. Die Wochenbettdepression und ein dunkler Winter in Wisconsin taten ihr Übriges. Tracey fühlte sich noch elender. Im spätsommerlichen Florida, genauer gesagt am 7. September 1989, war alles anders. Gemeinsam mit Traceys Zwillingsbruder Tommy und seiner Freundin feierten wir unseren vierten Hochzeitstag. Und es war wirklich eine Feier, denn es ging uns richtig gut: Tracey und ich waren beide erst 27 und konnten beide einen College-Abschluss vorweisen. Ich besaß einen wunderbaren Job im Vertrieb eines Pharmazie-Unternehmens und Tracey arbeitete bei einer Augenoptik-Firma. Nach unserer Rückkehr sollte sie zur Ausbilderin für ihren Bezirk befördert werden. Unsere Karrieren verliefen steil nach oben. Wir hatten ein neues Haus und eine wunderbare neun Monate alte Tochter. Meghan war unser perfektes Baby: ein bisschen pummelig, mit zartrosa Haut, großen blauen Augen und immer einem süßen Lächeln auf dem Gesicht. Das Leben hatte uns einfach reich beschenkt, und wir hatten das Gefühl, es könnte gar nicht mehr besser kommen. Alles lief rund. Und nachdem Tracey sich von ihrer Wochenbettdepression erholt hatte, wurde sie ihre Schwangerschaftspfunde wieder los und war so munter und aktiv wie 25


früher. Auch ich selbst befand mich in Höchstform; ich betrieb Jogging, stemmte Gewichte und strebte in Taekwondo den schwarzen Gürtel an. Wir waren beide kerngesund und glücklich. * Wo bleiben sie nur?, fragt sich Mary wieder, diesmal besorgter. Unruhig geht sie auf und ab, macht den Fernseher an und schaut noch einmal nach Meghan. Immer noch nichts. Mary muss daran denken, was Tracey ihr am frühen Abend erzählt hatte: „Mama, ich habe ein ganz ungutes Gefühl dabei, heute auszugehen. Ich glaube, wir sollten hierbleiben.“ Tracey war so besorgt, dass sie sogar weinte. Mary schob es auf eine nervöse Verstimmung, eine Nachwirkung ihrer Wochenbettdepression, weil sie so weit von zu Hause weg war und ihre Tochter für den Abend alleine lassen musste. Sie hatte ihr gesagt, sie solle ruhig ausgehen und sich amüsieren. „Es ist schon alles in Ordnung.“ Gegen ein Uhr morgens ruft Mary ihren Sohn Tommy an und fragt, wann Dann und Tracey nach Hause gefahren sind. Tommy erklärt ihr, dass er sie nach dem Essen noch durch die Stadt, Richtung Port St. Lucie begleitet hat. Das war etwa gegen halb zwölf. Sie sollten eigentlich längst zu Hause sein. Tommy, der als Polizist in West Palm Beach arbeitet, ist nicht so schnell aus der Fassung zu bringen. Seiner Mutter versichert er, dass sie wahrscheinlich jeden Moment nach Hause kommen werden. „Mama, vielleicht mussten sie noch tanken oder hatten einen Platten. Es geht ihnen bestimmt gut. Falls sie aber in zwanzig Minuten oder einer halben Stunde noch nicht da sein sollten, ruf mich wieder an. Dann fahre ich die Strecke ab.“ * 26


Thomas Penzel (Hrsg.)

Wer nicht an

Wunder glaubt, ist kein

Realist Wahre Heilungsgeschichten


Anmerkung zum Buch Gebet für Heilung ersetzt keinen Arzt, Heilpraktiker oder Therapeuten. Die in diesem Buch veröffentlichten Berichte und Erlebnisse stellen keine Heilungsversprechen dar. Aus ihnen kann keine Linderung oder Besserung eines Krankheitszustandes abgeleitet werden. Verlag, Herausgeber und Autoren übernehmen keine Haftung für eventuell entstehende Schäden.


Inhaltsverzeichnis Vorwort

13

Einleitung des Herausgebers

15

Wenn Gott durch Aufkleber spricht

21

Ein neues Herz

27

Es ist ein Junge!

33

Das Wunder am Straßenrand

39

Waschen, schneiden, heilen ...

43

Chefchirurg J. C.

49

Vor Amputation gerettet

53

„Papa, wieso heilt Jesus nicht?“

59

Schmeckt und seht, wie freundlich Gott ist

65

Das Gebet am Telefon

69


„Welche Therapie wurde denn angewandt?“

73

Frohe Ostern!

77

Himmlische Blutwäsche

83

Denn du hast meine Nieren bereitet ...

87

Fünf – fünf – fünf

93

Wundersames Gipfelerlebnis

97

Endlich wieder Obstsalat

101

„Wer seid ihr Typen?“

105

Heilung meiner Hände

111

„Es fühlt sich an wie ein Hörsturz, nur andersrum!“

117

Was bei Menschen unmöglich ist …

121

1 : 0 für Jesus

127

Sein Leib, für dich gebrochen

131

Entzückender Straßenlärm

137

Ihr Mund wird voll Lachen sein

141

Geistlich oder körperlich?

145

Geburtstagsgeschenk

147


Und plรถtzlich war ich frei

151

Only Grace

157

ร ber alles Verstehen

161

Schlusswort

169


Vorwort „Ich will erzählen von allen seinen Wundern …“

Das beeindruckt mich an diesem Buch: Hier erzählen Menschen von den Wundern Gottes. Sie berichten das, was sie erlebt haben. Einfach und schnörkellos, direkt und doch voller Staunen. Sie erzählen von dem, was Gott in ihrem Leben getan hat. Und zwar mitten im Alltag. „Es war ein ganz normaler Werktag im Frühjahr 2012 …“ So beginnt eine der fast unglaublichen Geschichten, die Sie hier lesen können. Und dann berichtet die Autorin vom Wirken Gottes, mitten im Alltag, mitten in einem Friseursalon … Tut Gott heute noch Wunder? Die Antwort ist: ja. Tut er seine Wunder immer so, wie wir es wollen? Bewirkt er sie sozusagen auf „Knopfdruck“? Die Antwort ist ebenso klar: Nein. Anders gefragt: Erhört Gott unsere Gebete? Ja. Erhört er sie immer sofort und auf die Art und Weise, wie wir uns das vorstellen? Nein. Diese Spannung ist nicht leicht auszuhalten. Das weiß ich als Seelsorger sehr wohl. Die Spannung zwischen den offensichtlich erhörten und den offenbar nicht erhörten Gebeten ist nicht einfach aufzulösen. Auf viele Warum-Fragen haben wir keine Antwort. Aber: Darum geht es hier auch gar nicht. Auch in diesem Buch werden nicht alle Fragen beantwortet. Das Anliegen von 13


Thomas Penzel und denen, die hier zu Wort kommen, ist etwas anderes: Mut zu machen zum Gebet. Zum Gebet um Heilwerden – für andere und für sich selbst. Und das kann ich unterstützen. Denn Beten heißt ja, mit seiner Not, mit seinen leeren Händen und seinem fragenden Herzen zu Gott zu kommen. Eins wird dann immer geschehen: eine Begegnung mit ihm, dem lebendigen Herrn. Denn das ist das übergeordnete Ziel: Es geht im Tiefsten nicht um körperliche Heilung, sondern um eine Begegnung mit Gott. Um neues Vertrauen auf ihn und um neue Erfahrungen seiner Liebe. Und die kann und wird in vielen Fällen Heilung mit einbeziehen, Heilung an Seele und Leib. So bleibt am Ende das Lob Gottes über das, was er tut: Ich will den Herrn preisen mit meinem ganzen Herzen, will erzählen alle seine Wundertaten. Psalm 9,1

Dr. Dr. Roland Werner

14


Einleitung des Herausgebers „Jetzt mal ehrlich, du kannst mich wirklich hören?“, fragte ich den jungen Mann, mit dem ich gerade im Baumarkt zwischen Farbeimern und Dämmwolle stand. Fassungslos hielt er sein Hörgerät in den Händen – fast so, als wolle er es mir überreichen. Er konnte mich plötzlich ohne dieses Hilfsmittel verstehen, und das über etliche Meter Entfernung – so versicherte er es mir! Jubelnd rannte ich aus dem Baumarkt; ich war so irritiert, dass ich ganz vergaß, nach seinem Namen zu fragen. Ich erlebte diese Szene fast wie in einem Traum. Doch für einen solchen „Traum“ hatte ich schon lange gebetet, gehofft, gerungen – aber fangen wir von vorne an … Vor rund zehn Jahren begann ich mit einigen Freunden ein kleines „Experiment“: Wir wollten Gott für Heilungen durch Gebet mehr Glauben schenken. Wir suchten und fanden Räume dafür und begannen, Menschen zu dienen – Woche für Woche, Monat für Monat … Nachdem wir über fünf Jahre für Kranke gebetet hatten, erlebten wir einen Tiefpunkt, der so massiv war, dass wir uns ernsthaft überlegten aufzugeben – zu hart waren die Enttäuschungen, zu emotional die Rückschläge. Doch was wäre das Resultat für unseren eigenen Glauben gewesen? Einzugestehen, dass es eben nicht funktioniert? Wir entschieden uns, weiterzumachen! 15


Eines Tages, es war vor etwa drei Jahren, geschah etwas, was für meinen Verstand bis heute unerklärlich ist: Das Blatt wendete sich – schlagartig und eindrücklich! Waren es vorher Ausnahmen, dass wir nach dem Gebet für Kranke positive Rückmeldungen erhielten, wurden es plötzlich mehr und mehr; die Resultate wurden deutlicher und stärker. Fast wöchentlich erhielten wir nun Rückmeldungen, die wir selbst kaum fassen konnten. „Wir waren wie die Träumenden …“, so hätte man unseren Zustand beschreiben können. Etwas Großartiges hatte begonnen. Doch was war der Auslöser? Entmythologisierter Glaube Ein kluger Mann sagte einmal sinngemäß: „Das Christentum begann als übernatürliche Bewegung in Galiläa, wurde zur Religion in Rom, zur Kultur in Europa und zum ‚big business‘ in Amerika.“1 In dieser Aussage mag eine Menge Wahrheit stecken, persönlich denke ich jedoch, dass in Westeuropa ein weiterer Aspekt hinzukam: das Zeitalter der Aufklärung. Einhergehend mit den gewaltigen Umbrüchen, Befreiungs- und Religionskämpfen im 18. Jahrhundert wurde nun zunehmend alles in Frage gestellt, was nicht erklärbar war, und der neuen „Göttin Vernunft“ unterworfen. Die aufkommende liberale Theologie „entmythologisierte“ alles, was der Verstand nicht fassen konnte. Einer der namhaftesten Vertreter dieser theologischen Denkweise erklärte einmal bezeichnend: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“2 Auch wenn sich die „bekennenden Christen“ weitgehend von diesen stark liberalen und kritischen Lehren abgrenzten, wurde 1 2

16

Quelle unbekannt Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. 1941, S. 18


das Weltbild in Europa doch stärker davon beeinflusst, als wir meinen. So leben wir heute in einer rationalen, fast ausschließlich verstandesgeprägten Kultur. Licht, Fernsehen, Radio, Internet und Wissenschaft sind uns vertraut, eine spirituelle Welt mit all ihren Wechselwirkungen auf das Leben „verbannen“ wir jedoch schnell ins Reich der Mythen und Märchen. Doch wenn wir das Neue Testament mit einem offenen, „objektiven“ Blick lesen, dann werden wir entdecken, dass dieses Buch nahezu vom ersten bis zum letzten Kapitel voller übernatürlicher Erlebnisse ist: Es wird von Heilungen und Befreiungen berichtet, von Zeichen und Wundern, Träumen und Prophetien, Engelserscheinungen, übernatürlichen Gaben, Wirkungsweisen des Heiligen Geistes und vielem mehr. In Jesus Christus begegneten sich Himmel und Erde – das Reich Gottes berührte die natürliche Welt und beeinflusste diese massiv. Doch mehr noch: Das alles geschah nicht nur im Leben Jesu selbst oder im Leben seiner ersten Gesandten, den Aposteln. Nein, der Auftrag Jesu, in seinem Namen übernatürliche Dinge zu tun, richtet sich an all seine Nachfolger. Der Beginn einer neuen Bewegung war gekommen: Gewöhnliche Menschen wirkten durch den in ihnen wohnenden Heiligen Geist und brachten ein Stück Himmel auf die Erde. Das Neue Testament – Vorbild und Maßstab Es wundert mich manchmal, wenn mich Christen fragen, ob wir das Thema „Gebet für Heilung“ nicht überbetonen. Persönlich glaube ich, dass es genau anders herum der Fall ist: Aus bereits erwähnten Gründen wurde das Thema in den vergangenen Jahrhunderten stark unterbetont – ja, es geriet fast vollständig in Vergessenheit! Dabei heilte Jesus, so steht es in der Bibel, unzählige Menschen, machte ganze Orte und Gegenden gesund. Ein befreundeter Theologe sagte einmal treffend: „Man könnte sagen, 17


Jesus war immer bei einer Heilung, kam von einer Heilung oder war gerade auf dem Weg zu einer Heilung …“ Und Menschen zu heilen, betrachtete er nicht als sein Privileg, als etwas, das nur er tun möchte. Er gebot seinen Jüngern geradezu, seinem Beispiel zu folgen und trug ihnen auf, seinen Rettungs- und Heilungsauftrag an die nächsten Generationen weiterzugeben: Geht aber hin, verkündigt und sprecht: Das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen! Heilt Kranke, reinigt Aussätzige, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus. Matthäus 10,7–8; SL

So lautete eine der herausfordernden „Dienstanweisungen“ Jesu. Und die ersten Jünger taten dies – nicht nur die Apostel, sondern auch die Evangelisten, Diakone und „gewöhnlichen“ Zeugen Jesu! Das Erkennungszeichen des Evangeliums war nach biblischem Vorbild mehr als der Ruf zur Umkehr – es wurde immer mit übernatürlichen Zeichen und Wunden untermauert, die deutlich machten, dass das Reich Gottes nahe war. Was ist also normal, über- oder unterbetont? Jesus Christus, sein Wirken und die Offenbarung des Neuen Testamentes sollten unser Vorbild und Maßstab sein, nicht das, was wir glauben oder für möglich halten. Der Ritt auf dem Wildpferd Das vorliegende Buch erzählt 30 faszinierende Geschichten, die ich selbst und mir nahestehende Personen erlebt haben.3 Es sind allesamt übernatürliche Erlebnisse, die angesichts unserer aufgeklärten Welt fantastisch oder gar irrational klingen mögen. Aber sie sind passiert! 3

18

Zum Schutz der Personen wurden die Namen verkürzt dargestellt, einige wenige wurden komplett geändert.


Einige der Geschichten wurden von mir mit einem kurzen Gedanken abgerundet. Er kann dabei helfen, etwas Licht ins Dunkel der Fragen zu bringen, die beim Lesen vielleicht aufkommen, und helfen, die eine oder andere hilfreiche Erkenntnis aus den Berichten zu ziehen.4 Wer eine vollständige „Theologie der Heilung“ sucht, wird vielleicht enttäuscht sein, denn das Thema Heilungsgebet ist auch für mich bis heute wie ein Wildpferd – teils unerklärlich, teils bockig und an manchen Tagen regelrecht unnahbar! Manchmal ist es nicht einfach, sich im Sattel dieses mysteriösen Wesens zu halten, vor allem nach harten Rückschlägen und bösen Abstürzen – die es ohne Frage gibt! Gerade deshalb will dieses Buch in erster Linie ermutigen: Ermutigen, an einen großen Gott zu glauben, sein mächtiges Wirken auch in unserer aufgeklärten Kultur und durch die Gebete ganz gewöhnlicher Menschen zu erwarten. Und: Es will anspornen, selbst neu in den Sattel dieses wilden und doch so unendlich faszinierenden „Wesens“ zu steigen … Viel Freude und Inspiration beim Lesen, Thomas Penzel

4 Wer sich eingehender mit dem Thema Heilung und den theologischen, kirchengeschichtlichen und praktischen Fragen beschäftigen will, dem sei das Buch „Heilung. Was wir glauben und erwarten dürfen“ von Carsten Schmelzer empfohlen.

19


Wenn Gott durch Aufkleber spricht Als selbstständiger Unternehmer leitete ich 17 Jahre ein erfolgreiches Familienunternehmen, das sich hauptsächlich auf den Import und Verkauf von Freizeitartikeln spezialisiert hatte. Das Unternehmen lief sehr gut und wir belieferten teilweise sogar große Discounter. Ich ging in der Firma und der damit verbundenen Tätigkeit voll auf. Auch finanziell waren wir gutgestellt. Wir bauten ein schönes Haus, genossen das Leben und planten, im Alter von 65 Jahren gut versorgt in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen – doch es kam anders! Im Jahr 2003 kam meine Firma durch eine Verquickung unglücklicher Umstände in große Schwierigkeiten. Produkte, die wir lediglich weitervertrieben, wurden als Plagiate verdächtigt und riesige Lieferungen storniert. Auch die Bank, die von den Anschuldigungen hörte, war stark verunsichert und sperrte unsere Konten, bis sich alles geklärt haben würde. Doch so einfach und schnell war diese Situation nicht aus der Welt zu schaffen, und so begann binnen kürzester Zeit ein Horrorszenario, das man sich in seinen übelsten Albträumen nicht ausmalen möchte: Der Strudel aus Verdächtigungen, Auftragsstornierungen und Finanzproblemen führte schließlich zu weiteren Problemen – alles in allem ging die Spirale schnell abwärts, sodass letztlich eine Insolvenz unumgänglich war. 21


Fast gleichzeitig bekam ich immer häufiger sehr starke Kopf- und Rückenschmerzen, die ich natürlich zunächst auf die extreme psychische Belastung zurückführte. Angesichts der schwierigen Lage und der emotionalen Belastung wären Verspannungen und psychosomatische Probleme sicher fast zu erwarten gewesen. Doch im Juli 2005 erlitt ich plötzlich bei einer ganz normalen Tätigkeit einen Lendenwirbelbruch – ein Wirbelkörper brach einfach zusammen! Ich hatte entsetzliche Schmerzen, baute zudem körperlich stark ab und wurde immer schwächer. Es entwickelte sich sogar eine Halbseitenlähmung, die schließlich dazu führte, dass ich zum Pflegefall wurde. Doch die Hiobsbotschaften sollten noch kein Ende haben. Nach einer Knochenmarkpunktion erhielt ich schließlich eine weitere unfassbare Diagnose: Krebs. Ein „multiples Myelom“ im 3. Stadium, eine bösartige Erkrankung des Knochenmarks, die stark fortgeschritten war. Eile war geboten und bereits am nächsten Tag sollte die erste Chemotherapie stattfinden. Aber mein Zustand war durch die gesamten Vorfälle bereits so instabil, dass man nicht wusste, ob ich die Nacht überleben würde. War ich wenige Wochen zuvor noch ein gesunder, erfolgreicher Unternehmer, so lag ich nun auf dem Krankenbett – so gezeichnet, dass sogar meine Familie gerufen wurde, um vorsorglich Abschied von mir zu nehmen … Ich kann kaum ausdrücken, was man in solch einer Situation durchlebt. Plötzlich ändert sich alles! Als erfolgreicher Geschäftsmann hatte ich mit viel Energie alles selbst aufgebaut. Ich war immer der Geber. Jetzt musste ich lernen, von anderen zu nehmen. Vieles habe ich nicht verstanden und musste mich in Geduld und im Ausharren üben. Es war eine sehr schwere Lektion für jemanden, der gewohnt war, die Sachen selbst in die Hand zu nehmen. Doch muss ich heute sagen, dass wir als Familie in dieser Zeit stark spürten, wie Gott in all dem nicht fern war. Ich glaubte an die Hilfe Gottes, denn er hatte bisher meine Wege immer gesegnet. 22


Meine Prioritäten verschoben sich. Ich machte neue Erfahrungen und lernte, mehr und mehr Gottes Wort als meine Hoffnung zu ergreifen. Aussagen in der Bibel wie: „Ich bin der Herr, dein Arzt“ wurden für mich zur Grundlage für mein Vertrauen und mein Gebet. Ich las die Bibel mit neuen Augen, verstand mehr und mehr, dass Jesus nicht nur für mich gestorben ist, weil er mein ewiger Retter sein wollte, sondern auch mein Heiler und mein Versorger – das wollte und musste ich ihm glauben! Für meine Frau wurde das Wort aus Psalm 118,17 zu einer Verheißung und zur inneren Gewissheit, dass Gott mit mir noch einen besonderen Weg vorhat: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten des Herrn verkünden.“ Viele Menschen beteten in dieser schweren Zeit für mich. Fast wie durch ein Wunder überstand ich diese kritische Phase. Und obwohl wir natürlich alle medizinischen Hilfen annahmen, die uns angeboten wurden, wussten wir, dass in einer solchen schwierigen Situation ohne Gottes Hilfe der Kampf wohl kaum zu gewinnen wäre. Im Klinikum Heidelberg erhielt ich im Abstand von drei Monaten zwei Stammzellen-Transplantationen. Und als wäre es eine direkte Antwort auf unsere Gebete, erhielt meine Frau in dieser Zeit zwei außergewöhnliche Zusprüche, die wie durch ein Wunder jedes Mal durch Autoaufkleber weitergegeben wurden. Einmal stand vor ihr ein Auto mit dem Spruch: He heals cancer – Jesus Christ. Und als wäre dies nicht schon ungewöhnlich genug gewesen, stand sie kurze Zeit später erneut hinter einem Auto, auf dem stand: Jesus is the answer! 23


Wir spürten, dass Gott durch vielerlei Weisen zu uns sprach, und uns ermutigte, trotz der aussichtslosen Lage nicht aufzugeben. Er gab uns Zuversicht, ihm weiter und noch mehr zu vertrauen, dass er groß genug ist, um auch in einer so schwierigen Situation einzugreifen und Wunder zu tun. Und so beteten wir immer wieder. Wir hielten uns an Bibelversen fest, in denen Gott Heilung verspricht, und sprachen diese Zusagen immer wieder in meine Lebenssituation hinein. Besonders eindrücklich erinnere ich mich an einige Gebete mit guten Freunden. Bei manchen dieser Gebete spürte ich, wie mein Körper regelrecht heiß wurde und ich stark zu schwitzen begann – fast, als würde Gottes Liebe und heilende Kraft alles Negative aus meinem Körper hinausschmelzen wollen … Die Ärzte untersuchten mich mehrmals und stellten nach einiger Zeit fest, dass sich mein Zustand stark verbesserte. Eine angesetzte Serie von Bestrahlungen wurde zuerst zurückgestellt, später sogar ganz abgesagt. Alle medizinische Hilfe schlug sehr gut an, teilweise besser, als man es erwartete. So vergingen einige weitere Monate medizinischer Behandlungen, in denen wir, begleitet von vertrauensvollem Gebet, an meiner Gesundung „arbeiteten“, bis ich im November 2007 schließlich das Ergebnis einer kompletten Remission erhielt, die bis heute anhält. Ich nehme derzeit keine Medikamente mehr gegen diese Erkrankung und meine Laborwerte sind außergewöhnlich gut – ein echtes Wunder für alle, die mich bereits als Todeskandidaten gesehen haben. Für unsere drei erwachsenen Kinder und ihre Ehepartner war der Weg meiner Heilung ein sichtbares Eingreifen Gottes, sodass sie sich auch mit dem Glauben beschäftigten und er heute ihre Lebensgrundlage geworden ist. Ende September 2012 hatte ich meinen 70. Geburtstag. Ich bin noch immer fit, kann meinen Alltag als Ehemann, Vater und Mitarbeiter in ehrenamtlichen christlichen Initiativen voller Freude und Kraft führen. So darf ich heute wöchentlich in einer 24


Gebetsinitiative für andere Menschen beten und von einem Gott berichten, der selbst in ausweglosen Situationen Wunder tun kann! Aber das Beste ist: Ich liebe Gott, meinen Retter und Heiler, heute mehr denn je, denn sein Wort aus Psalm 118 hat sich in meinem Leben erfüllt: Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten des Herrn verkünden. Psalm 118,17; SL

Wolfgang Z.

Impuls „Wo ist euer Glaube?“, fragte Jesus, als er die verängstigten Jünger sah, wie sie verzweifelt gegen den Seesturm kämpften (siehe Matthäus 8,24ff ). Diese Frage fordert heraus angesichts der Todesgefahr, in der sich die Jünger befanden. Ich frage mich: „Wie hätte ich mich verhalten?“ Und: „Weshalb reagiert Jesus in dieser Situation so ungewöhnlich, ja, fast ärgerlich? Wäre da nicht etwas mehr seelsorgerliches Feingefühl vonnöten gewesen?“ Doch Jesus will viel mehr als uns lediglich trösten. Er wünscht sich von uns, dass wir in den Stürmen unseres Lebens mit den „Augen des Glaubens“ sehen: auf Jesus, unseren Heiler, Retter und Befreier. Er, der Schöpfer des Universums, ist nicht fern, sondern zum Greifen nahe. Er sitzt mit uns im Boot – auch und gerade inmitten der Stürme, Krisen und Katastrophen unseres Lebens!

25


K Y LE IDLEMAN

DA S HERZ EINE S

NACHFOLGERS

WER IST

D E I N G OTT ? A US U S D EM E M E NG N G L I SCH SC S C H EN EN VO V ON W WO O LLF FG GA AN NG G G ÜN Ü NTE N TE TER


FÜR MEINE FRAU DESIRAE Ein solches Geschenk lässt mich den Schenkenden noch mehr lieben.

FÜR ROB SUGGS Deine Fähigkeiten werden nur noch von deiner Demut und deiner Barmherzigkeit übertroffen. Ich danke dir für deine wertvollen Beiträge und deine Unterstützung beim Schreiben dieses Buches. SDG


INHALT EINFÜHRUNG TEIL 1: KRIEG DER GÖTTER Kapitel 1: Eigentlich geht’s um Götzendienst Kapitel 2: Das Schlachtfeld der Götzen Kapitel 3: Ein eifersüchtiger Gott Kapitel 4: Alle Götzen bitte vortreten!

8

14 30 45 59

TEIL 2: DER TEMPEL DER VERGNÜGUNGSSUCHT Kapitel 5: Der Gott des Essens Kapitel 6: Der Gott der Sexualität Kapitel 7: Der Gott der Unterhaltung

89 108 129

TEIL 3: DER TEMPEL DER MACHT Kapitel 8: Der Gott des Erfolgs Kapitel 9: Der Gott des Geldes Kapitel 10: Der Gott der Leistung

148 172 194

TEIL 4: DER TEMPEL DER LIEBE Kapitel 11: Der Gott der romantischen Liebe Kapitel 12: Der Gott der Familie Kapitel 13: Der Gott des Egos

220 241 266

ANMERKUNGEN

281


EINFÜHRUNG Es war nur ein schlichtes Gespräch mit meiner achtjährigen Tochter Morgan am Abend. Doch es veränderte mein Leben und meine Gemeinde. Ich saß auf ihrer Bettkante, um das Nachtgebet mit ihr zu sprechen. Aber vorher hatte sie für mich noch eine Überraschung auf Lager. Sie hatte etwas auswendig gelernt und wollte es mir unbedingt zeigen. „Papa“, meinte sie, „soll ich dir die Zehn Gebote aufsagen?“ „Du kannst sie alle auswendig?“ Sie lächelte stolz. „Sehr gut“, erwiderte ich, gleichfalls lächelnd. „Dann mal los!“ Ich legte mich neben sie und hörte zu, während sie sich durch die großartigste Zehn-Besten-Liste aller Zeiten arbeitete, die ursprünglich auf Steintafeln niedergeschrieben worden war und in 2. Mose 20 festgehalten ist. In singendem Tonfall sagte sie sie auf: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben … du sollst dir kein Bildnis machen.“ Und so weiter. Als sie fertig war, meldete sich mein „innerer Lehrer“. Ich meinte: „Morgan, das war toll! Aber sag mal: Hast du schon einmal eins der Gebote gebrochen?“ Wieder lächelte sie, dieses Mal jedoch nicht schüchtern, sondern eher schuldbewusst. Ungefähr so, wie ich lächele, wenn mich meine Frau fragt, was denn mit den sauren Fruchtgummis passiert ist, die eigentlich für die Frühstücksdosen unserer Kinder vorgesehen waren. Ich konnte Morgan ansehen, dass sie versuchte, eine ehrliche Antwort zu geben, ohne sich selbst zu belasten, und beschloss, ihr zu helfen. „Na, dann sehen wir mal“, meinte ich und rieb mir das Kinn. „Hast du schon einmal gelogen?“ 8


Sie nickte zögernd. „Hast du dir schon einmal etwas gewünscht, das jemand anderem gehörte, und zwar so sehr, dass es dir am liebsten gewesen wäre, der andere würde es gar nicht besitzen?“ Wieder nickte sie, und ihr dämmerte, dass sie sich des Begehrens schuldig gemacht hatte. Ich machte weiter. „Ich weiß, dass du niemanden umgebracht hast, Morgan. Aber warst du schon mal richtig wütend auf jemanden? Vielleicht so sehr, dass du ihn – wenn auch nur für einen Augenblick – gehasst hast? Und, Morgan, hast du vielleicht … äh, zum Beispiel … deine Eltern schon einmal nicht geehrt?“ Die Antwort darauf kannten wir beide. Das Gespräch verlief anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Aber so läuft das nun einmal, wenn der eigene Vater Pastor ist. Sie seufzte tief, und ich erkannte sofort, was das bedeutete. Es war dasselbe Seufzen, das ich manchmal am Sonntag zu hören bekomme, wenn jemand das Interesse an der Predigt verliert. Also war es an der Zeit, mit dem Predigen aufzuhören und eine Einladung auszusprechen. Doch noch bevor ich dazu kam, leuchteten ihre Augen auf, und sie meinte: „Papa, ein Gebot fällt mir ein, das ich noch nie gebrochen habe. Ich habe mir noch nie ein Götzenbild gemacht!“ Also, darauf wollte ich unbedingt etwas erwidern. Ich wollte meiner Tochter nämlich erklären, dass das genau das Gebot ist, das jeder von uns am häufigsten bricht. Ich wollte ihr erklären, was Martin Luther einmal gesagt hatte – dass man die anderen neun Gebote nicht brechen kann, ohne zunächst dieses eine zu brechen. Doch als ich neben meiner Tochter lag, beschloss ich, die Theologiestunde lieber auf den nächsten Tag zu verschieben. Wir beteten zusammen und dankten Gott dafür, dass er Jesus geschickt hatte, um Sünde und Schuld von uns zu nehmen. Als ich ging, 9


schenkte ich ihr ein Lächeln, küsste sie auf die Stirn und sagte ihr, wie stolz ich auf sie sei, dass sie die Zehn Gebote auswendig gelernt hatte. Doch als ich die Treppen hinunterging, fragte ich mich, wie viele Menschen die Sache mit den Götzen genauso sehen wie Morgan. Vielleicht betrachten sie die Zehn Gebote als eine weitere Sammlung von Verhaltensregeln, etwa wie die, die im Schwimmbad aufgehängt wird – am Becken nicht rennen, nicht ins flache Wasser springen oder ins Becken pinkeln. Eine lange Liste mit Regeln. Und die Regel mit den Götzenbildern haken wir schnell ab, weil wir meinen, dass wir uns ohnehin daran halten. Immerhin hat diese ganze Sache mit dem Götzendienst mit unserer Welt nichts mehr zu tun. Das Gebot war für die damalige Zeit bestimmt, nicht für heute. Oder? Die eintausend Stellen oder so, die sich in der Bibel auf den Götzendienst beziehen, gehen uns doch wohl nichts mehr an. Wir kennen niemanden, der sich vor einer goldenen Statue oder einem geschnitzten Götzenbild niederkniet. Ist der Götzendienst nicht den Weg der groß karierten Anzüge, Schulterpolster und Plastiksandalen gegangen? Sind wir darüber nicht längst hinweg? Götzendienst erscheint uns etwas so Primitives zu sein. Hat irgendwie nichts mehr mit unserem Alltag zu tun. Braucht man überhaupt ein Buch über Götzendienst? Warum nicht gleich ein Buch über Regentänze und Medizinmänner schreiben? Trotzdem ist Götzendienst das Thema Nummer 1 in der Bibel, und das sollte uns eigentlich zu denken geben. In jedem biblischen Buch wird der Götzendienst angesprochen. Mehr als fünfzig Gesetze in den fünf Büchern Mose beschäftigen sich mit diesem Thema. Im Judentum gehörte er sogar zu den vier Vergehen, für die die Todesstrafe verhängt wurde. Als ich meinen Glauben und mein Leben durch die Brille 10


des Gebotes zum Thema „Götzendienst“ betrachtete, hat das meine Beziehung zu Gott von Grund auf verändert. Viele Mitglieder meiner Gemeinde haben dasselbe gesagt, nachdem wir uns intensiv mit diesem Thema beschäftigt hatten. Wir haben begriffen, wie wichtig dieses Thema ist, und das gab uns eine völlig neue Richtung vor. Wenn wir das Leben durch diese Brille betrachten, wird deutlich, dass hier ein Krieg ausgebrochen ist. Die Götzen sind in den Krieg gezogen und man darf sie nicht unterschätzen. Die Götzen kämpfen darum, wer in meinem Herzen auf dem Thron sitzen darf. Viel steht auf dem Spiel. Alles, was mit mir zu tun hat, alles, was ich tue, alle meine Beziehungen, alles, was ich mir erhoffe, erträume oder wünsche, hängt davon ab, welcher Götze diesen Krieg gewinnt. Von dem gefährlichsten und zerstörerischsten Krieg bekommen wir meistens überhaupt nichts mit. Ich kann verstehen, dass meine achtjährige Tochter dieses Gebot noch nicht in seiner ganzen Bedeutung erfasst hatte, doch das eigentliche Problem besteht darin, dass es uns Erwachsenen in der Regel auch nicht anders geht. Ich frage mich, wie viele von uns genauso denken wie Morgan, weil sie glauben, dass sie das Thema „Götzendienst“ ein für alle Mal abhaken können. Was ist denn, wenn es dabei nicht um Statuen geht? Wenn die Götzen im Hier und Jetzt keine kosmischen Wesenheiten mit seltsamen Namen sind? Wenn sie in einem so alltäglichen Gewand daherkommen, dass wir sie überhaupt nicht als Götzen erkennen? Wenn wir in unserer Fantasie, mit unseren Internet-Suchmaschinen, unserem Portemonnaie oder unserem Kalender vor ihnen „niederknien“? Was wäre, wenn ich Ihnen zeigen würde, dass jede einzelne Sünde, mit der Sie zu kämpfen haben, jede Enttäuschung, mit der Sie fertigwerden müssen, und sogar das Gefühl, Ihr Leben hätte keinen Sinn, mit Götzendienst zu tun hat? 11


KAPITEL 4

ALLE GÖTZEN BITTE VORTRETEN! Kylie Bisutti wusste genau, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte: Sie wollte Model werden und damit hatte sie auch überragenden Erfolg. 2009 setzte sie sich beim Wettbewerb von Victoria’s Secret gegen zehntausend Mitbewerberinnen durch. Victoria’s Secret ist, wie Sie vielleicht wissen, ein amerikanischer Hersteller von Damenunterwäsche und ein mehr als fünf Milliarden Dollar schweres Unternehmen. Berühmt sind die Modenschauen, die Kataloge und natürlich die sogenannten „Engel“, also die unter Vertrag genommenen Models, die mit schöner Regelmäßigkeit zu Modeikonen werden.* „Victoria’s Secret – das war mein absolut größtes Lebensziel“, erzählte sie. „Dort wollte ich Karriere machen und nirgendwo anders. Und es gefiel mir auch ausnehmend gut, solange ich da war.“ Kurz bevor ihre Träume Wirklichkeit wurden, hatte Bisutti jedoch geheiratet. Sie und ihr Mann waren Christen, und sie begann, darüber nachzudenken, was sie da eigentlich machte und welches Vorbild sie abgab. Sie begriff, dass es einen großen Unterschied ausmachte, ob man Model für Oberbekleidung war oder für Reizwäsche. Zu guter Letzt kam sie zu dem Schluss, dass der Anblick ihres Körpers ihrem Ehemann allein vorbehalten war, nicht den Millionen von Voyeuren im Internet. Darüber hinaus begriff sie, dass ihr das Schicksal vieler junger Mädchen am Herzen lag, die zu ihr aufblickten, denn sie machte sich Sorgen, dass ihr eigenes Rollenvorbild diese Mädchen ermutigen würde, provokative Bekleidung anzuziehen. *

Hat man mir jedenfalls gesagt.

59


Dann war da noch etwas anderes. „Endlich war mein größter Traum Wirklichkeit geworden“, sagte sie, „der Traum, der mich mein Leben lang begleitet hatte. Aber als er schließlich Realität geworden war, war es überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Einen Moment! Lesen Sie diese Sätze noch einmal. Sie wollen nicht? Dann schreibe ich es noch einmal für Sie auf: „Endlich war mein größter Traum Wirklichkeit geworden“, sagte sie, „der Traum, der mich mein Leben lang begleitet hatte. Aber als er schließlich Realität geworden war, war es überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Wie oft haben wir das schon gehört? Jemand hat einen Traum. Er sehnt sich danach, er strengt sich an, er gibt alles, um sein Ziel zu erreichen, und dann entspricht das Ergebnis nicht den Erwartungen. Bisuttis größtes Ziel entpuppte sich als Götze, der sein Versprechen nicht halten konnte. Ihre Träume waren Wirklichkeit geworden, doch sie begriff, dass es die falschen Träume gewesen waren, auch wenn sie von Millionen von Frauen geteilt wurden. Eines wusste sie: Jesus nachzufolgen und Gott, dem Herrn, die Ehre zu geben bedeutete, sich von den Götzen abzuwenden, vor denen so viele Menschen ein ganzes Leben lang niederknien. Letzten Endes musste sie die Entscheidung treffen, wen sie anbeten wollte. Also gab sie ihre Karriere als Model auf.5 Haben Sie auch schon einmal einen solchen Moment erlebt, als Sie plötzlich erkannten, dass Sie eine Entscheidung treffen mussten und dass von dieser Entscheidung Ihr ganzes weiteres Leben abhing? Dass es gewaltige Auswirkungen auf Ihre Zukunft hätte, wenn Sie sich für einen bestimmten Beruf entschieden, eine bestimmte moralische Entscheidung träfen, einen bestimmten Partner wählten? Manchmal stehen wir vor einer solchen Weggabelung und wissen genau, was mit der betreffenden Entscheidung auf 60


dem Spiel steht. Doch wie so oft zuvor wählen wir einfach irgendeinen Weg, ohne lange darüber nachgedacht zu haben. Wir treffen viele Entscheidungen, ohne uns dessen überhaupt bewusst zu sein. Wir erledigen manche Dinge auf bestimmte Weise, weil man das in unserer Familie schon immer so gemacht hat. Oder weil andere Leute das so machen, Leute, die wir bewundern. Oder weil es fast alle so machen. Ob wir uns nun dessen bewusst sind oder nicht: Wie Kylie Bisutti so treffen auch wir regelmäßig Entscheidungen, die darauf hinweisen, welche Götzen den Kampf um unser Leben gewinnen.

Tor 1, 2 und 3 Mose führte das heimatlose Volk Israel aus Ägypten, wo es einige Generationen lang in der Sklaverei verbracht hatte. Durch die zehn Plagen demonstrierte Gott seine Macht. Er teilte das Schilfmeer, gab ihnen Speise vom Himmel und Wasser aus dem Felsen. Sogar mit einem übernatürlichen GPS-System versorgt er sie, indem er ihnen tagsüber mit einer Wolken- und nachts mit einer Feuersäule den Weg zeigte. Doch das Volk erwies sich als nicht besonders glaubensstark. Immer wieder jammerten die Menschen herum und beklagten sich. Eigentlich hätte die Wanderung ins Gelobte Land nur einen Monat dauern sollen, doch Gott führte sie vierzig Jahre in der Wüste herum. Im Grunde war es ein Campingurlaub, der vier Jahrzehnte dauerte. Mose und die Vertreter seiner Generation starben, ohne einen Fuß in das Land zu setzen, das Gott Abraham viele Jahrhunderte zuvor versprochen hatte. Nun übernahm Josua die Führung und führte das Volk Gottes ins Gelobte Land. Im 24. Kapitel des Buches Josua wird davon berichtet, dass Josua selbst schon ein alter Mann ist und auf die 110 zugeht. 61


Sein Leben lang hat er einen festen Glauben gehabt. Zum Beispiel wurden einmal zwölf Spione ausgesandt, um das zukünftige Land zu erkunden. Zehn kamen zurück und meinten: „Keine Chance, dass wir das durchziehen. Da wohnen lauter Riesen.“ Josua war einer der beiden gewesen, die es gegen die Feinde aufnehmen wollten, solange Gott dabei war. Kaleb und er vertrauten fest auf Gott und fürchteten nichts, solange dieser auf ihrer Seite war. An diesem Punkt der Geschichte hat Josua also schon in vielen Kriegen als General gedient. Er hat gegen feindliche Stämme gekämpft, die Israel vernichten wollen. Er hat miterlebt, wie die Mauern von Jericho auf wunderbare Weise krachend in sich zusammenstürzen. Er hat viele Schlachten mitgemacht und nicht nur Narben davongetragen, sondern ist durch die Kämpfe und Probleme auch an Weisheit und Glauben gewachsen. Josua ist sich offenbar bewusst, dass ihm auf dieser Welt nicht mehr viel Zeit bleibt. Er versammelt die Israeliten um sich, und jeder weiß, dass er nun seine Abschiedsrede halten wird. Nun steht er da und räuspert sich, während die Menge erwartungsvoll zu ihm aufblickt. Er wirkt nicht mehr so kraftvoll wie einst, doch seine Stimme ist immer noch fest: „Deshalb habt Ehrfurcht vor dem Herrn! Dient ihm aufrichtig und mit ganzer Hingabe! Trennt euch von den Göttern, die eure Vorfahren jenseits des Euphrat und in Ägypten verehrt haben. Dient allein dem Herrn! Wenn es euch aber nicht gefällt, dem Herrn zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr gehören wollt: den Göttern, die eure Vorfahren jenseits des Euphrat verehrt haben, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr lebt. Ich aber und meine Familie, wir wollen dem Herrn dienen“ (Josua 24,14–15). Josua schleicht nicht wie eine Katze um den heißen Brei. Er kommt sofort auf den springenden Punkt zu sprechen und fordert das Volk auf, sich zu entscheiden. Die Israeliten 62


können Gott, dem Herrn, folgen, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, oder sie können sich für einen Götzen entscheiden. Nun ist es an der Zeit, sich einen Gott zu suchen und ihm nachzufolgen, eine bestimmte Weltsicht zu akzeptieren und das eigene Leben davon prägen zu lassen. „Es liegt an euch“, meint Josua. „Aber das eine kann ich euch sagen: Was mich und meine Familie betrifft, so steht unsere Entscheidung fest. Wir wissen, wem wir dienen wollen, aber ihr müsst eure eigene Entscheidung treffen.“ Als Prediger finde ich es interessant, dass Josua neben dem einen wahren Gott drei weitere Möglichkeiten erwähnt. Wenn ich Menschen einlade, sich von Gott retten zu lassen, mache ich das gewöhnlich nicht im Multiple-Choice-Verfahren. Doch obwohl Josua ein General ist, gewohnt, Befehle zu erteilen, weiß er, dass jeder seine eigene Entscheidung treffen muss. Man kann niemanden per Befehl ins Reich Gottes schicken. Niemanden kann man dorthin treiben oder buchstäblich über die Schwelle tragen. Jeder muss für sich entscheiden, ob er diesen Weg geht und dafür auf alle anderen Wege verzichtet. Also erklärt Josua, was auf dem Spiel steht, und zeigt dem Volk, was sich hinter den drei anderen Toren verbirgt. Er gliedert seine Rede folgendermaßen: ∙ „Ihr könnt den alten Götzen von jenseits des Flusses folgen, von dort, wo ihr hergekommen seid.“ ∙ „Ihr könnt den Götzen folgen, denen ihr danach begegnet seid, in Ägypten, wo ihr versklavt wart.“ ∙ „Ihr könnt den Lokalgottheiten folgen, die zu den Völkern gehören, die der eine wahre Gott vor kurzer Zeit besiegt hat.“ Wenn wir das lesen, denken wir zunächst: Kein Problem. Ich bete weder ägyptische noch irgendwelche Lokalgottheiten an und auch keine Götzen von jenseits des Flusses. Aber vergessen wir 63


einmal für einen Augenblick die Einzelheiten und wenden uns der Tatsache zu, dass jede Kategorie einen Bezug zu einem bestimmten Ort und einer bestimmten Lebensphase hat. Denn das ist höchst bedeutsam. Die Götzen, die um unsere Aufmerksamkeit wetteifern, hängen mit unserer jeweiligen Lebenssituation zusammen. Im Lauf der Jahre kommen sie vielleicht in einem anderen Gewand daher, doch die grundsätzlichen Kategorien sind dieselben geblieben.

Wir müssen uns entscheiden Bevor wir darüber nachdenken, was sich hinter den einzelnen Toren verbirgt, die Josua erwähnt, müssen wir uns eine allem zugrunde liegende Annahme vergegenwärtigen, weil uns dieser Punkt schnell entgeht. Auch ich setze in meinem Buch diese Annahme bereits voraus: Man trifft auf jeden Fall eine Entscheidung. Es ist eben nicht so, dass Josua seine Liste abarbeitet und anmerkt: „Ihr könntet euch übrigens auch dafür entscheiden, überhaupt nichts anzubeten.“ Jeder von uns betet irgendetwas an. Das ist in unserem Wesen so verankert. Das gilt für jede Kultur und jede Zivilisation. Jeder Mensch betet irgendetwas an. Als ich noch aufs College ging, verbrachte ich mit einem Team von Ärzten und Missionaren einmal einen Monat in Afrika. Wir kamen auch in Gebiete abseits der Hauptstraßen und besuchten Stämme, die noch nie Kontakt mit der Außenwelt gehabt hatten. Dort stellte sich niemals die Frage: Beten diese Menschen überhaupt jemanden an? Vielmehr musste man fragen: Wen oder was beten sie an? Die Gemeinde, in der ich als Pastor arbeite, gründet Tochtergemeinden im Nordosten der USA. Einige Male pro Jahr bin ich in der Region um New York unterwegs, um die neuen 64


Gemeinden zu besuchen, und niemals stellt sich die Frage: Beten diese Menschen überhaupt jemanden an? Vielmehr muss man fragen: Wen oder was beten sie an? Wohin man auch blickt, man sieht, dass jeder Mensch eine Entscheidung getroffen hat. Das gilt auch für Sie. Es ist einfach in unserem genetischen Code verankert. Man sieht es an Orten, wo es noch traditionelle Götzen, Rituale und Opfer gibt. Man sieht es jedoch auch in den technologisch fortschrittlichsten Städten, wo die Menschen glauben, sie seien über diesen „religiösen Hokuspokus“ weit hinaus – obwohl sie das wahrscheinlich intelligenter formulieren würden. Doch wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass diese Menschen ihre Opfer auf dem Alter der Macht, des Vergnügens oder des Geldes bringen. Im Grunde läuft es auf dasselbe hinaus. Menschen suchen sich ihre Götzen aus und bringen ihnen Opfer dar. Und letzten Endes opfern sie sich damit selbst. Der Philosoph Peter Kreeft formuliert das so: „Das Gegenteil des Theismus ist nicht Atheismus, sondern Götzendienst.“ Mit anderen Worten: Jeder betet irgendeinen Gott an. Wir wurden geschaffen, um anzubeten, so wie Vögel zum Fliegen geschaffen wurden und Flüsse zum Fließen. Es liegt uns im Blut. Die entscheidende Frage ist, wen wir anbeten. Achten Sie doch einmal auf die Fernsehwerbung. Alle Produkte werden so vermarktet, dass sie unser Bedürfnis nach Anbetung ansprechen. Wenn man den Marketingleuten Glauben schenkt, dann klingt es ganz so, als würden uns die angepriesenen Waren erretten. Fast in jeder Reklame schwingt die gar nicht so subtile Botschaft mit: „Wenn du unglücklich, gelangweilt oder depressiv bist, kauf unser Produkt. Es wird dich aus deinem Unglück, deiner Langeweile und deiner Depression retten. Dieses Produkt kann dich erlösen. Sprich mit deinem Doktor über dieses Medikament. Geht in jenem Restaurant essen. Fahr dieses Auto. Fahr dorthin in Urlaub.“ 65


Sie sprechen sogar eine Einladung aus: „Wähle diese Nummer. Besuch jenen Händler. Bestell es noch heute im Internet. Warte nicht, ruf sofort an.“ Fast erwartet man, dass sie gleich ihre eigene Fassung von „Komm, so wie du bist“ anstimmen. Sie sind sich bewusst, dass wir zur Anbetung geschaffen sind, und nutzen das schamlos aus. Das Leben bietet uns unendlich viele Wahlmöglichkeiten. Nur eine Möglichkeit steht nicht zur Wahl: sich für nichts zu entscheiden. Man kann kein Kästchen ankreuzen, neben dem steht: „Keine der angegebenen Möglichkeiten.“ Das sagt Josua sinngemäß. Für eine Möglichkeit muss man sich entscheiden. Wenn wir diese Geschichte in den heutigen Kontext übertragen, würden wir erwarten, dass jemand nachfragt. Irgendjemand würde sich zu Wort melden und sagen: „Das ist ja alles schön und gut, Josua, aber diese ganze Sache mit der Anbetung interessiert uns eigentlich gar nicht. Verstehst du, wir machen uns überhaupt nichts aus Religion.“ Die anderen würden nicken und zustimmen. „Für dich und deine Familie mag Religion ja toll sein, aber mir persönlich sagt das gar nichts.“ An diesem Punkt setzt die Verwirrung ein, weil wir in unserem modernen Denken Anbetung gedanklich mit Religion verknüpfen. Unserer Meinung nach hat Anbetung etwas mit feierlichen Gewändern, Ritualen und richtig alter Musik zu tun. Und wenn jemand keine Schublade hat, die mit „Organisierter Religion“ beschriftet ist, nimmt er an, dass die Frage, welchen Gott er anbetet, für ihn überhaupt keine Bedeutung hat. Man hat Schubladen, auf denen „Arbeit“, „Familie“, „Finanzen“ oder „Hobbys“ steht, doch „Anbetung“ fehlt. Das Problem ist natürlich auf das Missverständnis darüber zurückzuführen, was Anbetung eigentlich ist. Wenn jemand auf die Frage nach Anbetung antwortet: „Ich bin eigentlich kein religiöser Typ“, entgeht ihm der springende Punkt. Wenn 66


der Betreffende ein menschliches Wesen ist, mit Geist, Körper und Gefühlen ausgestattet, folgt daraus, dass er auch das Bedürfnis verspürt, jemanden oder etwas anzubeten. Mit dieser Einstellung sind wir sozusagen ab Werk ausgestattet; sie ist kein Extra, das der Käufer dazubekommen kann. Wenn man einmal auf die religiöse Sprache verzichtet, dann ist Anbetung der menschliche Reflex, die eigene Hoffnung auf irgendjemanden oder irgendetwas zu setzen und sich darauf auszurichten. Wir haben ein bestimmtes Ziel vor Augen und jagen ihm nach. Wenn man auf dieser Welt lebt, wird man sich früher oder später bestimmte Annahmen darüber zu eigen machen, worum sich das eigene Leben dreht und welches Ziel man eigentlich verfolgen will. Und wenn man sein Leben auf dieses Ziel ausrichtet, beginnt man irgendjemanden oder irgendetwas anzubeten, ob man sich nun dessen bewusst ist oder nicht. Das tut jeder Mensch genauso automatisch wie atmen, essen und denken. Wir finden heraus, was wir wollen – sei es nun gut oder schlecht –, und dann bringen wir Opfer, um es zu bekommen. Seit wir zum ersten Mal gestillt wurden, jagen wir dem hinterher, von dem wir glauben, dass es unseren Hunger stillt. Das hat letzten Endes natürlich zur Folge, dass uns die Dinge, die uns am meisten am Herzen liegen, auch prägen. Jeder von uns trifft die Entscheidung, etwas anzubeten, und an irgendeinem Punkt entdecken wir dann, dass diese Entscheidung uns prägt und formt. Das, was wir anbeten, entscheidet über unsere Zukunft und unser Leben. Alle anderen Entscheidungen werden durch diese grundsätzliche Entscheidung motiviert. Josua spricht also für uns alle, wenn er sagt: „… entscheidet euch heute, wem ihr gehören wollt …“ oder um es mit Luther zu sagen: „… so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt …“ Er macht deutlich, dass wir uns diese große Entscheidung, 67


was Sinn und Ziel unseres Lebens sein soll, gut überlegen müssen. Andernfalls werden wir mit dem Strom schwimmen, passiv bleiben und irgendwann entdecken, dass wir nach und nach eine Entscheidung getroffen haben und in irgendeinem Tempel vor einem Gott niederknien, für den wir uns niemals bewusst entschieden haben.

Vier Himmelsrichtungen auf dem Kompass Josua ruft das Volk auf, sich zu entscheiden, und stellt ihnen vier Möglichkeiten vor Augen. Stellen Sie sich das Ganze einmal so vor wie die vier Himmelrichtungen auf einem Kompass – denn jede Entscheidung, die Sie treffen, wird Sie in eine völlig andere Richtung führen. Dabei steht eine Menge auf dem Spiel, weil die Entscheidung, die Sie fällen, letzten Endes darüber bestimmen wird, wo Sie schließlich landen. Möglichkeit 1: Der Gott unserer Väter und Mütter „Trennt euch von den Göttern, die eure Vorfahren jenseits des Euphrat … verehrt haben. Dient allein dem Herrn!“ Josua 24,14 Lange bevor Gott zu Abraham sprach und ihm erzählte, wie die Zukunft für sein Volk aussehen würde – ein Volk, das bei Gott eine ganz besondere Stellung hatte –, beteten Abrahams Vorfahren die Götzen jener Gegend an. In Mesopotamien gab es für nahezu jeden vorstellbaren Bereich eine eigene Gottheit. Man hatte drei „kosmische“ Gottheiten, drei für die Sterne und eine ganze Reihe von Götzen, die für einen bestimmten Lebensbereich zuständig waren, und dazu noch entsprechende Dämonen. Verstorbene kehrten als Geister zurück, um im Kreis ihrer Kinder zu spuken. Hügel, Felsen und 68


Berge, so glaubte man, waren lebendig und besaßen eine bestimmte Macht.6 Abraham stammte aus einer Gesellschaft, in der man an solche Götzen glaubte. In der Bibel wird ausdrücklich erwähnt, dass Abrahams Vater Götzen anbetete. Sogar noch als die Israeliten zu einem Volk geworden waren, zur Zeit der Sklaverei in Ägypten bis hinein in Josuas Zeit, glaubte man an diese Götzen. Nun will Josua von seinen Landsleuten wissen: „Wollt ihr zu den Götzen eurer Vorfahren zurückkehren?“ Und diese Frage betrifft uns immer noch, oder? Wir erziehen unsere Kinder in unserem Glauben – oder vielleicht auch in unserem Unglauben. Möglicherweise ist uns das nicht bewusst, aber ständig errichten wir zu Hause Götzenbilder und vermitteln unseren Kindern, was unsere Anbetung verdient. Denken Sie einmal darüber nach, inwiefern das im Hinblick auf die Familie zutrifft, in der Sie selbst groß geworden sind. Könnte es sein, dass die Götzen, die heute in Ihrem Leben um die Vorherrschaft kämpfen, dieselben Götzen sind, die Ihre Eltern und Großeltern in ihrer Kindheit anbeteten? Neulich fiel mir eine Zeitschrift in die Hände, auf der in großen Lettern zu lesen war: „Meine DNS ist schuld“. In dem Artikel ging es im Wesentlichen darum, dass man alle seine Probleme im Grunde seinen Eltern verdankt. Ihre Mutter und Ihr Vater haben Ihnen etwa 23 000 Chromosomen vererbt. Manches davon sieht man sofort. Sie haben zum Beispiel die Nase Ihres Vaters oder die Oberschenkel Ihrer Mutter. Doch das ist nicht alles. Oft beten wir dieselben Götzen an, die sie schon angebetet haben. Die Psychologie bestätigt diese Art der Vererbung. Es gibt dort eine grundlegende Regel, welche besagt, dass unser Leben von unseren Gedanken bestimmt wird und unsere Gedanken wiederum von allem, dem wir ausgesetzt sind. Das bedeutet, dass unser Verstand die Dinge aufnimmt, denen wir am häufigsten ausgesetzt werden, und dass sich das letzten 69


Endes auch in unserem Leben widerspiegelt. Deshalb sollte es uns nicht überraschen, wenn wir dazu neigen, die Götzen unserer Väter und Mütter anzubeten. Ihrem Vater war vielleicht nichts wichtiger als seine steile Karriere. Sein ganzes Leben drehte sich um seinen Beruf. Er war bereit, freie Tage und den Familienurlaub zu opfern, um die Karriereleiter zu erklimmen. Wie er gelaunt war, hing davon ab, wie der Tag auf der Arbeit gelaufen war. Sein Büro war sein Tempel und sechzig Stunden in der Woche betete er dort seinen Gott an. Wäre es denkbar, dass auch Sie den Götzen des Erfolgs und der Leistung anbeten? Definieren Sie Ihre Identität und Ihren Wert über Ihre Karriere und nicht über das, was Christus für Sie getan hat? Vielleicht war Ihrer Mutter das äußere Erscheinungsbild ungemein wichtig oder sie war sogar völlig besessen davon. Sie können sich noch lebhaft daran erinnern, wie es war, in einem Haus aufzuwachsen, wo alles perfekt aussehen musste, bevor jemand zu Besuch kam. Dauernd räumte Ihre Mutter auf und renovierte und dekorierte. Niemand durfte das Haus verlassen, bevor nicht jedes einzelne Haar auf dem Kopf richtig saß. Wenn der Nachbar zwei Häuser weiter einen neuen Wagen hatte, wünschte sich Ihre Mutter bald dasselbe Modell, und zwar mit allen Extras. Sie verwendete viel Zeit und Geld darauf, die richtige Kleidung aus den richtigen Geschäften zu tragen. Könnte es sein, dass Sie heute den Gott des äußeren Scheins und der Perfektion anbeten? Definieren Sie Ihre Identität und Ihren Wert über die Kleidung, die Sie tragen, das Haus, das Sie bewohnen, und das, was andere Leute über Sie denken – und nicht über Christus? Betete Ihr Vater den Sport an? Sex? Geld? Bier? Betete Ihre Mutter das Einkaufen an? Die Karriere? Kinder? Vergnügungen? Gehen Sie nicht zu schnell über diese Beispiele hinweg. Denken Sie doch einmal darüber nach, welche Verhaltensmuster 70


Ihnen in Ihrer Kindheit vorgelebt wurden. Für uns ist es die natürlichste Sache der Welt, die Götzen unserer Eltern zu übernehmen. Möglichkeit 2: Die Götzen der Vergangenheit „Trennt euch von den Göttern, die eure Vorfahren … in Ägypten verehrt haben. Dient allein dem Herrn!“ Josua 24,14 Josua erwähnt hier ausdrücklich die ägyptischen Götter. Das waren die Götzen der vorangegangenen Generation, die Götzen aus einer Vergangenheit, die sie immer wieder einholte. Wie die Mesopotamier hatten auch die Ägypter einen vielfältigen und hoch entwickelten Pantheon von Gottheiten. Aus irgendeinem Grund gefiel es ihnen, Menschen- und Tierkörper miteinander zu kombinieren. Horus, unter anderem Himmelsgott, besaß einen menschlichen Körper mit einem Falkenkopf * 7, während Hathor, seine Gefährtin, in einigen Darstellungen den Körper einer Kuh und den Kopf einer Frau hatte.** Unsere Kinder würden sie vermutlich als die Transformers der antiken Welt bezeichnen. Zwar waren bei den Ägyptern manche Götter besonders populär, doch im Grunde beteten sie fast alles an, darunter auch Sonne, Mond und Sterne. Ein riesiges Selbstbedienungsbüfett von Götzen – das war ihr Ding. Die Israeliten lebten in Ägypten länger in der Sklaverei, als die USA bereits als Staat existieren. Es war also schlicht unmöglich, diese Zeit zu überstehen, ohne etwas von der sie umgebenden Kultur aufzunehmen. Sogar als Mose das Volk * Das ist zugegebenermaßen ziemlich Ehrfurcht gebietend. ** Was im Übrigen auch der Grund dafür ist, dass Sie keine einzige Frau namens Hathor kennen.

71


aus Ägypten herausführte, gaben die Götzen sie nicht kampflos auf. Alte Gewohnheiten, auch im Hinblick auf die Anbetung, lassen sich nur schwer abstreifen. Gott weist darauf hin, wenn er sagt: „Ich forderte sie auf: ‚Werft eure abscheulichen Götterfiguren fort, die ihr bisher angebetet habt! Macht euch nicht schuldig, verehrt nicht die Götter Ägyptens! Denn ich, der Herr, bin euer Gott‘“ (Hesekiel 20,7). Merken Sie ebenfalls, dass die Vergangenheit Sie immer wieder einholt, obwohl Sie glaubten, Sie hätten sie schon lange abgestreift und hinter sich gelassen? Als ich noch auf die Highschool ging, holte ich einmal ein Mädchen ab, mit dem ich mich verabredet hatte. Ich musste durch den Vorgarten gehen, um zur Haustür zu gelangen, und das war ein wahres Minenfeld von Hundehaufen. Und weil ich wegen der Verabredung nervös war, achtete ich natürlich nicht darauf, wohin ich mit meinen großen Füßen trat. Ihre Mutter öffnete mir die Tür, lächelte höflich und bat mich herein. Als ich mich neben das Mädchen auf das Sofa setzte, stieg mir ein unangenehmer Geruch in die Nase. Ich hatte keine Ahnung, wo er herkam. Ich schnupperte an dem Mädchen herum, was rückblickend gesehen kein besonders schlauer Schachzug war, wenn man am Anfang einer Beziehung steht. Dann beugte ich mich zu ihren Eltern hinüber – sie waren auch sauber. Der Duft ging von mir aus – das Katastrophengebiet war ich selbst! Ich blickte auf meine Doc Martens hinunter und begriff, dass ich wirklich in Schwierigkeiten steckte. Schreckerfüllt drehte ich mich um und bemerkte, dass ich eine Spur von tierischen Exkrementen hinterlassen hatte, die sich durch den Eingang über den Teppich bis ins Wohnzimmer zog. Mit einem Mal bekam ich kaum noch Luft. Und das ist der springende Punkt: Viele Menschen werden Christen. Sie laden Jesus Christus in ihr Leben ein, damit er auf dem Thron ihres Herzens Platz nimmt. Alles läuft 72


hervorragend, aber dann steigt ihnen ein eigenartiger Geruch in die Nase, und sie begreifen, dass sie in irgendetwas hineingetreten sind und es nun mit sich herumschleppen. Es riecht intensiv, und zwar definitiv nicht gut. Eigentlich hätte dieses Zeug vor langer Zeit vernichtet werden müssen, doch irgendwie haben sie es die ganze Zeit mit sich herumgetragen. Doch wie kann das sein? Sie wissen doch, dass ihnen ihre Sünden vergeben wurden. Wenn sie vom Scheitel bis zur Sohle gewaschen worden sind, warum klebt dann dieser Dreck immer noch an ihnen? Weil sie sich in vieler Hinsicht seit ihrer Lebenswende nicht geändert haben: Ihre alten Sehnsüchte und Gewohnheiten sind sie noch nicht los. Den einen Herrn haben sie in ihr Leben eingeladen, doch immer noch schenken sie den alten Götzen Aufmerksamkeit. Das ist für viele von uns eine echte Herausforderung: Unser Problem besteht gar nicht darin, dass wir uns für Jesus entscheiden müssten, sondern dass wir versuchen, ihm nachzufolgen, ohne etwas anderes dafür zurückzulassen. In der Geschichte, um die es in diesem Kapitel geht, weiß Josua, dass an den Sandalen der Israeliten immer noch ägyptische Erde haftet. Alte Götzen sind zäh. Sie geben nicht auf, sie schleichen sich herein, still klammern sie sich an dich. Wenn wir Christus begegnen, verhalten sie sich vielleicht eine Zeitlang still. Doch dann organisieren sie sich neu. Sie warten, bis ihre Zeit gekommen ist, und ihre Ziele sind so hoch gesteckt wie eh und je: Sie wollen wieder die Herrschaft über unser Herz erringen. Wenn Sie sich also in der Vergangenheit für Gott, den Herrn, entschieden haben, fordert Josua Sie heraus, heute zu entscheiden, wem Sie dienen wollen.

73


Mit dem Daumenkino in der rechten unteren Buch-Ecke kannst du den kleinen Drachen Quentin zum Tanzen bringen.


DIESES TAGEBUCH IST VOLL GEHEIM! Nicht lesen! STOOOOOPPPPPPPPP! AUFHÖREN! Wenn du dieses Buch gefunden hast, dann leg es lieber ganz schnell zur Seite und schnapp dir ein anderes aus dem Regal. Vielleicht Rotkäppchen. Oder das Telefonbuch. Oder was weiß ich, was du sonst so liest. Denn das, was jetzt kommt, das ist einfach völlig bekloppt. Und geheim! Noch da? Na klasse, ich hab dich gewarnt!

5


Sommerferien in Bayern sind total krass. Man kann da mit superbeknackter Laune hinfahren und kommt mit so einem Kitzeln im Bauch wieder zurück! Echt jetzt! Ich hab’s ausprobiert! Also: alles bis auf das Zurückfahren. Ich bin nämlich noch immer dort! Eigentlich wollte ich gar kein Tagebuch mehr schreiben. Aus mehreren Gründen: 1. Ferien und Schreiben … das ist so ein bisschen wie am Wochenende Englischvokabeln pauken. Geht eigentlich gar nicht. Und wenn, dann nur in absoluten Notfällen. 2. Das Wetter war so hammerheiß, da rutscht einem quasi der Stift zwischen den schwitzigen Fingern durch. 3. Mein Tagebuch war voll. Bis auf zwei Seiten am Schluss alles vollgekritzelt. Ist eben viel passiert … und das in nur einer Woche! Also muss ich ein ganz neues Buch beginnen, was ein bisschen schade ist, wegen der Brandflecken im ersten Buch. Das sieht nämlich 6


ziemlich gut aus. Und riecht noch ein bisschen nach Drachenfeuer. Aber wer weiß, was mit diesem neuen Tagebuch noch so passiert …

Eigentlich ist eigentlich das passende Wort für meine Ferien. Eigentlich hatte ich schlechte Laune. Und zwar so richtig! Etwa eine Woche lang. Ich musste nämlich einen Teil meiner Sommerferien bei meinem Opa verbringen. Wegen dieser Kur von meiner Mutter. Jedenfalls hatte ich da aber mal so gar keinen Bock drauf! GAR KEINEN! Eigentlich.

7


Aber da half alles nix, ich musste entweder mit zur Kur oder in das Kuhkaff zu Opa Ignatz. Nach Bayern. Tja, und da bin ich dann hin. (Und da bin ich immer noch.) Und ich habe Quentin, den stinkenden Drachen getroffen. Der ist etwa so groß wie meine Faust. Und er kann sprechen. Echt wahr! Klar, kann schon sein, dass mir das keiner abkauft. Wenn mir einer vor ein paar Wochen erzählt hätte, dass er einen rotzfrechen Drachen aus ’nem bayerischen Tümpel rausgezogen hat und dafür ’nen Wunsch freihatte … also ich glaube, dem hätte ich geraten, mal ein paar Schräubchen da oben wieder festzurren zu lassen! Dummerweise hab ich das mit dem Drachen selbst erlebt. Ist also mein eigenes Schräubchen … Eigentlich (da ist mein Sommerferienwort wieder!), also, eigentlich wollte ich nach den ziemlich krassen Erlebnissen der letzten Wochen einfach mein Tagebuch wegstecken und die Ferien genießen. Und das hab ich auch 8


getan. Für genau zwei Wochen. Denn dann war es aus mit meinen Genießerferien. Heute dann kam das große Kuddelmuddel, drum habe ich mir ein zweites Buch besorgt. Meine Gedanken springen schon den ganzen Abend durch alle Zellen, über die mein Hirn so verfügt. Jetzt versuche ich das Ganze auf dem Papier zu ordnen. Eigentlich finde ich Aufräumen blöde. Aber wenn ich meine Hirnzellen nicht sortiere, dann schwappt noch was aus meiner Nase oder den Ohren. Und dann garantiere ich für nix!

9


Gerade als ich dachte, das würden die besten Sommerferien meines Lebens werden, geht alles schief! Opa Ignatz ist die meiste Zeit im Krankenhaus bei Oma Trude. (Die erholt sich ganz prima und wird wohl sehr bald wieder nach Hause können. Aber dann muss sie noch in die Reha. Das ist so was wie ein Trainingscamp für Kranke. Da muss die arme Oma Trude dann an ihrer Fitness arbeiten.) Witzig, dass ich die ganze Zeit von „Oma“ Trude schreibe. Denn die ist ja gar nicht meine Oma, sondern die von Pauline. Aber irgendwie wird sie doch gerade zu meiner Oma. Zum einen, weil sie und mein Opa ja ein Paar sind. Also so ein richtiges Liebesturtelpärchen. Mit Blümchen, Händchenhalten und Küssen und so! (Börks!) Laut Paulines Mama wollen die 11


bestimmt bald heiraten. Und was ich davon halte, das weiĂ&#x; ich noch nicht so genau. Zum anderen ist Oma Trude einfach ganz furchtbar nett. Und da meine eigene Oma schon eine Ewigkeit tot ist und ich mich an sie kaum mehr erinnern kann, da ist es eigentlich ganz nett, so zu tun, als wäre sie nicht nur Paulines, sondern auch meine Oma. Na, egal. Opa Ignatz ist also dauernd im Krankenhaus und pflegt Oma Trude. Ich bin hier ja aber nicht allein. Ich hab ja Max und Moritz. Das sind Nachbarskinder. Sowohl von mir als auch voneinander. Und dann ist da natĂźrlich Pauline. Wann immer die drei in den letzten Wochen ihre Hausaufgaben fertig hatten, sind sie bei mir vorbeigekommen und wir haben was zusammen gemacht.

12


Seit gestern haben die Bayern auch Ferien, und da tut es mir ja schon irgendwie besonders leid, dass pünktlich zum Ferienstart das Wetter von „Bullenhitze“ in „Froschschenkelzitterkälte mit Dauerregen“ umschlägt. (Insofern entfällt momentan Punkt 2 von meiner Liste der Gründe, weshalb ich eigentlich kein Tagebuch mehr schreiben will.) Pauline, Max und Moritz tragen es mit Fassung. Die Sommerferien sind ja noch lang. Zumindest für sie. Meine dagegen sind schon zur Hälfte um. In drei Wochen muss ich nach Hause, und ich habe mir vorgenommen, die drei Wochen bis zur letzten Sekunde auszukosten. Auch wenn es schifft, donnert 13


oder hagelt. Meine Sommerferien lasse ich mir nicht mehr vermiesen! Nicht mal vom Wetter! Hab ich zumindest gedacht. EIGENTLICH!

Paulines Mama arbeitet in einem kleinen Hotel, das ein paar Dörfer weiter irgendwo an einem schicken See liegt. „Ganz edler Schuppen!“, hatte Pauline mir erzählt. „Da dürfen Kinder nur rein, wenn sie Lackschuhe und einen Smoking tragen.“ (Das ist so ’ne Art edler Anzug.) „Und natürlich müssen sie dort die Klappe halten und dürfen höchsten ab und zu ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ sagen. Aber nur an ganz besonderen Feiertagen!“ Ganz prima. Klingt alles so, als wär das ein Ort, den man während der Sommerferien meiden sollte wie die Pest. Paulines Mama arbeitet da am Empfang. Gehe also mal schwer davon aus, dass sie da die Leute empfängt oder so. 14


Jedenfalls muss sie sich jeden Morgen ordentlich hübsch machen und sich ein kleines goldenes Schildchen an die Bluse heften, auf dem ihr Name steht. Damit die Gäste gleich wissen, wer sie da empfängt. Ich kenne mich mit Hotels nicht so aus. Meine Eltern meiden Restaurants und Hotels. Nehme an, es liegt an uns, also das heißt, an mir und meinen Schwestern. Sina und Silja können aber auch nervig und nörgelig sein … Ich dagegen bin nicht ganz so gut im Aufdas-Essen-Warten. Wenn ich Hunger hab, muss es schnell gehen. Sonst garantiere ich für nix. Ich finde, für einen fast 12-Jährigen ist das völlig normal. Meine Eltern dagegen finden, ein Restaurant besucht man am besten, wenn die Kinder im Bett sind. Vielleicht haben sie recht. Der letzte Restaurantbesuch, an den ich mich erinnern kann, war an Tante Millies 50. Geburtstag. Es war eigentlich alles okay – bis zu dem Augenblick, als Sina und Silja anfingen, die Erbsen über den Tisch zu schnicken. Gut, ich gebe 15


zu, ursprünglich war es meine Idee. Aber die beiden hätten sich halt auch nicht erwischen lassen dürfen. Die Erbse im Ausschnitt von Tante Millies sehr tief geschnittenem Kleid wäre vielleicht noch durchgegangen, aber als Silja dann die Erbse zurückholen wollte … Oha! Na ja, Schwamm drüber! Fakt ist, wir sind seitdem nicht mehr auswärts essen gewesen. Von einem Hotelbesuch war ohnehin nie die Rede. Als Pauline also vorschlug, wir könnten ja morgen mit ihrer Mama zum Hotel fahren, dachte ich: Bei der ist wohl ’ne Schraube locker! „Bist du nicht ganz dicht?“, blaffte ich sie an. „Was sollen wir denn da? Lackschuhe putzen?“ 16


Pauline grinste. „Wenn du unbedingt willst, kannste das bestimmt machen. Wir anderen würden derweil ins Kino gehen.“ Es stellte sich heraus, dass das Hotel nicht nur einen Souvenirladen und einen Spa-Bereich hatte (das ist vornehmes Deutsch für „winziger Blubber-Pool mit Duftkerze auf’m Fensterbrett“), sondern auch ein kleines Kino im Keller.

17


„Das einzig g’scheite an dem Laden!“, bemerkte Moritz zustimmend. Zweimal die Woche wurden dort abends Filme gezeigt. In den Sommerferien gab es aber auch Nachmittagsvorstellungen für Familien, die im Hotel und in der näheren Umgebung Urlaub machten. Eintritt: 1,50 Euro pro Person! Da kann man fast nicht Nein sagen. „Meine Mama sagt, dass sie durch das Kino einen Riesenumsatz machen. Sobald der Film zu Ende ist, strömen alle ins Restaurant und spendieren ihren Kindern dicke Eisbecher, weil das Kino ja so günstig war! Und dann trinken sie noch ’nen Eiskaffee und ’nen Cappuccino und ZACK! – haben sie mal eben dreißig Euro im Hotel gelassen“, meinte Pauline fröhlich. „Sehr clevere Geschäftsidee“, bestätigte Max und Moritz nickte eifrig. „Wir dagegen“, fuhr Pauline fort, „werden nach dem Kino einfach unseren Picknickkorb öffnen und uns selbst versorgen! Und somit haben wir – ZACK! – dreißig Euro gespart!“ 18


„Auch sehr clever!“ Max grinste, Moritz nickte weiter. „Ja, unglaublich!“, bestätigte ich. „Man nehme mal an, wir machen das mehrmals die Woche. Überlegt mal, wie viel Geld wir nach nur drei Kinobesuchen hätten!“

19


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Sammel-Leseprobe A5 Frühjahr 2014 by SCM Verlagsgruppe - Issuu